Kitabı oku: «Scepter und Hammer», sayfa 17
»Noch keine Ampalema?« war die erste Frage des Schmiedes.
»Noch nicht.«
»Schaffe Dir Ampalema an, Kerl, sonst pringe ich Dich um die Konzession und um das Lepen. Giep her, was Du hast!«
Sie hatten noch nicht lange gesessen, so vernahmen sie draußen das nahende Rollen eines Wagens. Der Steuermann blickte durch das Fenster.
»Heiliger Mars, sitzt in dieser Kabine ein wunderliches Brautpaar. Seht Euch doch einmal den hübschen Kerl an, neben der Hexe! Wenn Der sich in sie verliebt, so verschlinge ich den ersten Haifisch, dem ich hier im Gebirge begegne!«
Auch Karavey blickte hinaus.
»Allerdings ein verteufelt schmucker Patron; aber von wegen der Hexe darfst Du Dich nur immer ein wenig in Acht nehmen; Du siehst doch, daß es eine Zigeunerin ist, und was bin ich denn, he?«
Da fuhr der Schmiedegeselle zwischen sie.
»Hört, Ihr Kerls, haltet doch einmal alle Peide den Schnapel! Die da hier gefahren kommen, kennt Keiner so gut wie der Thomas Schupert. Das ist nämlich mein junger Herr, der Doktor Max Prandauer, na, welch eine Freude! – und das Weipsen ist die Zigeunerin Zarpa, auf die wir Alle warten.«
»Ists wahr?« frug Karavey.
»Natürlich! Oder denkst Du, daß ich Euch pelügen möchte?«
Der Wagen hielt. Max sprang herab und half dann Zarba zur Erde. Sie traten mit einander in die Stube. Der Geselle fuhr auf Brandauer zu, als ob er ihn zerreißen wolle.
»Willkommen, junger Herr! Weiß Gott, tausend Thaler sind mir nicht so liep wie dieses Wiedersehen! Lept der Herr Meister noch und auch die Frau Meisterin? Wie geht es dem Paldrian? Ists noch »am Den« und lügt der Heinrich immer noch wie gedruckt?«
Max mußte über diese Ansprache lächeln, die so sanguinisch war, als sei der brave Thomas zehn Jahre lang von der Schmiede entfernt gewesen. Indessen hatte Zarba dem Wirthe einige Worte im Zigeuneridiom hingeworfen, welche dieser bejahte, indem er nach der Gegend deutete, in welcher die Tannenschlucht lag. Sie nickte kurz und frug dann Thomas:
»Wer sind diese Beiden?«
»Dieser da ist Palduin der Steuermann, mein durchgeprannter und lieper Bruder, den ich hier ganz unverhofft wiedergefunden hape, und Der dort, das ist —«
»Halt!« wehrte Karavey ab, indem er zu Zarba trat. »Siehe mich an, ob Du meinen Namen selper findest!«
Sie forschte in seinen Zügen und schüttelte langsam den Kopf.
»Ich kenne Dich nicht.«
»Und dennoch kennst Du mich! Du weißt meinen Namen und hast tausendmal an mich gedacht. Hast Du ihn nicht zu Deiner letzten Losung genommen?«
Sie horchte auf, trat ihm näher, blickte ihn schärfer an; dann entsank der Stock ihren Händen, und sie glitt langsam und schwach in den Sessel, welcher neben ihr stand. Die Stille des Todes herrschte in der Stube; nur ein leises, mit aller Macht nicht zu unterdrückendes Schluchzen war zu vernehmen – Zarba weinte.
Dann nahm sie die Hände von den Augen und streckte sie zitternd dem Bruder entgegen.
»Karavey!«
»Zarba!«
Sie lagen einander in den Armen, die sich seit länger als fast einem Menschenalter verloren und nicht wiedergesehen hatten. Das Leid hatte in ihren Herzen gewühlt wie der Pflug in der Erde, und wer trug die Schuld? Zarba, die einstige Rose der Brinjaaren, die jetzt verwelkt und entblättert dasaß, eine verfallene Ruine einstiger Herrlichkeit.
»Karavey, vergieb!«
»Dir ist schon längst vergeben!«
Dem guten Thomas stand das Wasser in den Augen; er konnte sich nicht halten und trat näher.
»Zarpa, ich pitte auch um Vergepung! Ich hape Dich für eine ganz schlimme Hexe gehalten und sehe jetzt, daß Du ein recht praves Frauenzimmer pist. Du sollst in meinem Herzen gleich nach der Parpara Seidenmüller kommen!«
Diese lyrisch-komische Auslassung war mehr als alles Andere im Stande, das erschütterte innere Gleichgewicht wieder herzustellen; nur die beiden Hauptpersonen der soeben stattgehabten Erkennungsscene blieben ernst.
»Bleibt hier!« bat Zarba. »Komm mit, Karavey!«
Sie traten mit einander hinaus in den Flur und wandten sich nach dem Gärtchen. Die Zingaritta hatte noch nicht bemerkt, daß dasselbe bereits besetzt war. Als sie die drei Personen erblickte, blieb sie überrascht stehen. Waren sie ihr bekannt? Es schien so. Fast hätte man aus dem Spiele ihrer Mienen vermuthen sollen, daß sie sie hier in den Bergen erwartet habe, nur die Art und Weise schien sie zu befremden. In diesem einen Augenblicke war die innere Erschütterung zurückgedrängt; sie war wieder Zarba, die Vajdzina ihres Stammes.
Sie schritt auf die drei Personen zu und blieb vor Almah stehen.
»Bhowannie läßt blühen die Blumen und duften die Rosen. Darf ich sehen dieses kleine Händchen?«
Lächelnd reichte das Mädchen ihr die Rechte dar. Zarba forschte in den Linien derselben, und es ging hell über ihre faltigen Züge.
»Fürchte Dich nicht vor dem Wasser; es bringt Dir Glück und Seligkeit. Im fernen Süd hat er Dich im Wasser gefunden, im Norden wirst Du ihn wiederfinden, schwimmend auf den Wegen im Donner des Kampfes; dann wirst Du sehen, wie nahe er Dir gewesen ist.«
Almah erglühte; auch Arthur war im höchsten Grade verwundert. Woher wußte die Zigeunerin von jener Begegnung im Nile? Sie wandte sich jetzt zu ihm:
»Auch Eure Hand, mein blanker Herr!«
Er gab sie ihr hin. Nach einer kurzen Betrachtung meinte sie:
»Der Geist der Weissagung blickt durch die Kleidung und das Gewand. Du wirst den Freund mit einer Krone schmücken und hohe Ehren erlangen. Fürsten und Könige sind in den Bergen, und in der kleinen Hütte ruhen die Beherrscher der Völker.«
Nun trat sie auch zu Nurwan Pascha. Er hatte seine türkische Kleidung abgelegt und trug sich ganz nach der hiesigen Sitte. Auch er streckte ihr seine Hand hin. Sie nahm dieselbe und betrachtete sie. Da plötzlich wurde ihr Gesicht leichenfahl, sie stieß einen gellenden Schrei aus und sank besinnungslos zur Erde. Der Name, die Gestalt, das Gesicht, Alles war ihr fremd geworden, aber diese Hand, die hatte sie wieder erkannt, die Hand, die sie einst so zärtlich liebkost und die sie dann so undankbar und leichtsinnig von sich gestoßen hatte.
»Was war das? Wer ist sie?« frugen die beiden Männer, und Almah bog sich liebreich zu ihr nieder, um ihr mit Hilfe eines Riechfläschchens beizustehen. Karavey kniete an der Erde und hielt die Hände der Schwester gefaßt.
»Zarba, wache auf! Was ist mit Dir?«
»Zarba!« rief Arthur, und »Zarba!« rief auch der Pascha.
Der Letztere bog sich zu ihr herab:
»Zarba, erwache; Katombo ist da!«
»Wer?« rief Karavey aufspringend. »Katombo? Wo ist Katombo?«
»Hier; ich bin es selbst!«
»Ihr – Du bist es? O – o – welch ein Tag! Kennst Du mich?«
»Nein.«
»Karavey!«
»Karavey? Mann, Bruder, ists möglich!«
Jetzt lagen sich die beiden Männer in den Armen. Darüber erwachte die Zigeunerin. Sie richtete sich halb empor. mich!«
»Tödten? Nein, segnen werde ich Dich, Du Geliebte meiner Jugend und Du Abgott meines Schaffens!«
Er hob sie empor und setzte sie auf den Platz, den er erst inne gehabt hatte.
»Also Du, Zarba, bist die Königin unserer großen Verbindung? Du bist das allmächtige und allwissende Wesen, dem Groß und Klein gehorcht, ohne zu klagen und zu fragen! Du wiesest meine Liebe von Dir, aber ich war stark im Herzen und wurde dennoch glücklich. Siehe mein Kind, mein einziges, herrliches Kind; es mag Dir sagen, daß ich Liebe um Liebe wiedergefunden habe!«
Durch die laute Unterhaltung hier im Garten wurden die in der Stube Befindlichen aufmerksam. Max trat heraus; ihm folgten die Andern. Kaum hatte er die Hinterthür erreicht, so entfuhr ihm ein Laut der Verwunderung. Zwei Augen hatten auch ihn erblickt, Arthur kam herbei:
»Max, ich bitte Dich, in bin ein Matrose und heiße Bill Willmers! Nur Zarba scheint meinen wahren Namen zu kennen.«
»Warum dieses Inkognito?«
»Werde es Dir später erklären. Ah! Was ist das für ein Gespenst?«
Tirban, der Waldhüter kam am Waldessaume herbeigeschlichen. Kaum hatte Zarba ihn erblickt, so rief sie ihn herbei. Er kam und begrüßte sie mit einer Unterwürfigkeit, als ob er eine Königin vor sich habe.
»Kam die Depesche nach Waldenberg?« frug sie ihn.
»Ja.«
»Habt Ihr sie?«
»Wir haben sie.«
»In der Tannenschlucht?«
»Du hast es so befohlen.«
»Wer bewacht sie?«
»Horgy und Tschemba.«
Sie wandte sich an den Schmiedegesellen und seinen Bruder:
»Thomas, wir werden uns für eine halbe Stunde entfernen und übergeben Euch diese Dame!«
»Schön!« antwortete der Angeredete. »Ich werde sie pewachen und pewahren, als ob sie meine peste Ampalema wäre!«
»Bleibe hier!« bat Nurwan Pascha seine Tochter.
Sie nickte zustimmend.
»Darf Bill nicht auch bleiben, Papa?«
Die Zigeunerin hatte die Frage vernommen.
»Er darf bleiben!« entschied sie.
Das Erlebte hatte so mächtig auf die Anwesenden eingewirkt, daß sich Alle wie halb im Traume befanden. Sie folgte Tirban, welcher voranschritt.
Der Weg ging zunächst nach seiner Hütte, dann an dieser vorüber in den dichten Wald hinein, bis sich vor ihnen eine tiefe, finstere Schlucht öffnete, deren Seiten mit riesigen Tannen besetzt waren. Das war die Tannenschlucht. Sie war beinahe eine Viertelstunde lang und schien seit Jahren von keinem menschlichen Fuße betreten worden zu sein. Ihr Hintergrund wurde von wirr über einander gethürmten Felsen gebildet. Tirban schob einen derselben mit Leichtigkeit bei Seite; das Kreischen verrosteter Angeln ertönte und es wurde eine Öffnung sichtbar, welche groß genug war, zwei Männer neben einander hindurch zu lassen.
Drin war es dunkel, aber eine angebrannte Fackel verbreitete bald das gehörige Licht. Auf einer Streu hatten zwei Männer gelegen, welche bei dem Eintritte der Kommenden sich erhoben. Es waren die beiden Wächter Horgy und Tschemba, welche ihre Vajdzina mit größter Ehrerbietung grüßten.
»Alles in Ordnung?« frug diese.
»Alles!«
»So bringt die Gefangenen!«
Im hinteren Theile des Raumes wurde eine Thür geöffnet, hinter welcher der Direktor mit dem Oberarzte hervortrat. Beim Erblicken der Anwesenden erbleichten Beide; dem dicken Direktor schlotterten die Kniee; er wäre zusammengebrochen, wenn er sich nicht an die Wand gelehnt hätte.
Zarba trat auf ihn zu.
»Hund, welcher den zerreißt, auf welchen er gehetzt wird, Du hast nur noch eine Minute zu leben, wenn Du nicht offen beichtest. Tirban, nimm die Pistolen!«
Der Alte griff in eine Vertiefung und brachte die Waffen hervor.
Zarba fuhr fort:
»Hier der Herr Doktor Brandauer wird Euch fragen; bei der geringsten Unwahrheit drückst Du los, Tirban!«
Der Direktor stöhnte vor Entsetzen. Max, welcher sicher annahm, begann:
»Ich wiederhole, daß ich bei der geringsten Lüge winken werde; mehr bedarf es nicht zu einer Kugel. Herr Direktor, Sie kennen einen Herrn Aloys Penentrier?«
»Ja.«
»Er besuchte Ihre Anstalt sehr oft?«
»Ja.«
»Im Auftrage des Herzogs von Raumburg?«
»So ist es.«
»Er hatte Ihnen die Befehle desselben zu bringen?«
»Denen ich natürlich gehorchen mußte,« versuchte er sich zu entschuldigen.
»Ich theile diese Ansicht natürlich nicht. Sie konstatiren hiermit gewisse Fälle, in denen geistig vollkommen Gesunde als wahnsinnig eingeliefert und behandelt wurden?«
»Ja,« klang es nach einigem Zögern.
»Ebenso gestehen Sie Fälle ein, in denen Sie angehalten waren, gefürchtete Internirte durch Tödtung zu entfernen?«
»Ja.«
»Ihr Oberarzt war ausnahmslos Ihr Mithelfer?«
»Ja.«
»Gestehen Sie das ein?« wandte sich Max an diesen.
Er warf dem Direktor einen fürchterlichen Blick zu, schielte nach der bereitgehaltenen Pistole und antwortete:
»Bei solchen Gewaltmitteln kann ich nicht anders als ja sagen.«
»Gut, so sind wir fertig. Wo sind die Effekten dieser Männer?«
»Hier,« antwortete Tirban, indem er zwei Koffer herbeischob.
»Untersuchen!«
Sie wurden geöffnet, enthielten aber nichts als Wäsche und Toilettengegenstände. Daher ließ Max die Kleidung der Gefangenen untersuchen. Jetzt kam das Reisegeld und außer demselben ein Portefeuille zum Vorschein, welches einige versiegelte Briefe ohne Adresse enthielt. Max erbrach sie, und kaum hatte er einen Blick auf den ersten geworfen, so griff er in die Tasche und zog sein Notizbuch hervor. Er hatte ganz dieselbe Geheimschrift erkannt, zu welcher er aus der Bibliothek des Herzogs von Raumburg sich den Schlüssel mitgenommen hatte. Er trat an das Tageslicht und begann zu dechiffriren.
Es dauerte lange, ehe er fertig war. Die Andern ahnten, daß er etwas sehr Wichtiges gefunden haben müsse, und vermieden, alle Störung. Als er geendet hatte, steckte er die Briefe zu sich und überlegte einige Zeit.
»Ich werde über diesen Fund später berichten. Können die Gefangenen für diese Nacht noch hier bleiben?«
»Ja,« entschied Zarba.
»So schließt sie wieder ein! Jetzt vorerst wieder zurück zum Kruge, wo wir versuchen wollen, die Räthsel zu lösen, vor welche wir uns heute gestellt sehen.«
»Halt!« gebot Zarba. »Ehe wir diesen Ort verlassen, verlange ich von Euch Allen den Schwur, ihn niemals zu verrathen.«
»Ich schwöre es gern,« antwortete Max.
»Ich auch,« stimmten die Andern bei.
Der Rückweg wurde angetreten. Tirban blieb in seiner Hütte; die Übrigen begaben sich nach dem Kruge. Als sie dort angekommen waren, näherte sich Thomas Schubert seinem jungen Herrn.
»Herr Doktor, darf ich einmal ein Pischen neugierig sein?«
»Nun?«
»Warum ist der Herr Hauptmann von Wallroth zurückgeplieben und nicht lieper auch mitgekommen?«
»Der König erlaubte es nicht. Er hat ihn zum Major avancirt und gewünscht, ihn für jetzt im Schlosse zu behalten.«
»Donnerwetter, da pleipe ich ein anderes Mal auch zu Hause!«
Er trat befriedigt zu seinem Bruder. Dieser verwandte kein Auge von Nurwan Pascha, welcher sich wieder zu seiner Tochter gesetzt hatte, und drehte sich endlich ärgerlich um.
»Thomas, ich wette doch mit Dir, daß dieser Mann der schwarze Kapitän ist. Je länger ich ihn mir betrachte, desto gewisser werde ich!«
»Ein Seeräuper? Dann hat er dieses Mädchen wohl auch aus der See geraupt und giept sie nun für seine Tochter aus. Darüper zerpreche ich mir aper den Kopf nicht; lieper will ich einmal nachdenken, wie ich es anfange, daß mein junger Herr auf den glücklichen Gedanken kommt, mir eine von seinen Cupa oder Hapanna anzupieten?« – — —
Zwölftes Kapitel: Ein Rückblick
Es war zu Siut in Egypten. Die glühende Mittagssonne verbreitete eine drückende Schwüle über die Stadt, in deren engen Straßen selten der eilende Schritt eines Menschen, der kurze Trab eines Esels oder das Schnauben eines Kameels zu hören war. Sprühende Gluth vibrirte über den Wassern des Nils, und kein einsamer Kahn, keine Barke war auf den Wogen zu sehen. Einige Sandals lagen im Hafen, aber von der Besatzung war kein Kopf, kein Glied zu sehen, da sich die Leute vor der Hitze an das Ufer zurückgezogen hatten, um sich in dem kühlen Raume eines Kawuah (Kaffeewirthes) zu erholen.
Am Ufer des Flusses stand ein großes Gebäude, von welchem allerdings nicht viel zu erkennen war, da das ganze zu ihm gehörige Areal von einer sehr hohen Backsteinmauer umgeben wurde. Diese Letztere umschloß zunächst einen Garten, der mit großer Kunst und Sorgfalt angelegt war; dann starrten Einem die vier fensterlosen Mauern des ein Rechteck bildenden Gebäudes entgegen. Das durch die Mauer gebrochene Thor lag dem Flusse zu, und ihm gegenüber öffnete sich der Eingang des Gebäudes, welches mit seinen vier Seiten einen mit Säulengängen eingefaßten Hof umschloß. Stieg man von diesem Hofe aus eine breite aus dem Syenit des Dschebel Mokkhadam gebaute Treppe empor, so gelangte man in ein weites Gemach, in welchem eine sehr angenehme und erquickende Kühle herrschte. Dieselbe wurde hervorgebracht durch die Ausdünstung des Wassers in den vielen porösen Thongefäßen, welche in zahlreich angebrachten Maueröffnungen standen. Der Boden war mit einem einzigen großen persischen Teppich von wundervoller Arbeit und Färbung belegt, und auf einer erhöhten Estrade stand ein mit rothem nubischem Sammet überzogener Divan, auf welchem ein Mann in jener Stellung (mit untergeschlagenen Beinen) Platz genommen hatte, welche der Türke Rahat otturmak. d.i. Ruhe der Glieder nennt.
Er mochte achtundvierzig oder neunundvierzig Jahre zählen, aber der Ausdruck von Betrübniß, welcher auf seinen edlen, männlich-schönen Zügen lag, ließ ihn um Einiges älter erscheinen. Der sicherste Werthmesser für den Reichthum eines Mannes pflegt in Egypten die Pfeife zu sein. Diesen Maßstab angelegt, mußte der Reichthum dieses Mannes ein sehr bedeutender genannt werden, denn der Kopf der Pfeife, welche er rauchte, war sicher aus einem Stücke Meerschaum von seltener Größe geschnitten, das Rosenholzrohr zeigte eine massive Golddrahtumwindung, zwischen welchen zahlreiche ächte Perlen hindurchblickten; die Spitze bestand aus einem großen Stücke jenes halbdurchsichtigen Bernsteines, welcher im Oriente theurer bezahlt wird als der wasserhelle, und der kristallene Kondensirknauf schimmerte von Brillanten, Smaragden und Rubinen, welche an sich schon ein Vermögen repräsentirten.
Zu seinen Füßen hockten zwei schwarze Sklaven; der Eine war beschäftigt, die Pfeife in stetem Gang zu erhalten, und der Andere kredenzte in kleinen, kaum mehr als fingerhutgroßen Tassen den schwarzen Trank des Mocca, der vollständig rein, ganz ohne Zucker und Sahne genossen wurde.
Da öffnete sich eine Seitenthür und eine verhüllte Frauengestalt trat ein. Sie näherte sich dem Manne, hob den Schleier ein wenig und küßte ihn auf die Stirn; dann strich sie ihm mit der kleinen, weißen Kinderhand über dieselbe und meinte mit halblauter und doch goldig reiner Stimme:
»Wieder lagern Wolken um Dein Haupt, und Schatten ziehen durch Dein Herz. Die Geschicke der Sterblichen stehen geschrieben und verzeichnet im Buche des Schicksals, und keine Hand kann wider Allahs Willen.«
»Du sagst recht, Ayescha; aber doch thut der Wille Allahs wehe, wenn er das Herz zerreißt. Allah lenkt die Geschicke wie Wasserbäche, doch gibt er dem Manne Spielraum, seine Kraft zu erproben und zu entfalten. Mein Leben war ein schwerer Kampf; das Kismet (Vorherbestimmung) ist mir gütig gewesen; jetzt aber hat es mich getroffen mit dem Schlage einer Keule, die mein Leben zerschmettern kann. Ich kämpfe und ringe dagegen, doch all mein Reichthum, all meine Macht bringt mir keine Hilfe. Ich werfe mit Gold um mich, als besäße ich die Schätze der tausend und einen Nacht; ich schicke meine Freunde, meine Diener und meine Sklaven aus, aber Keiner will kommen, um mir die Kunde zu bringen, nach welcher ich mich sehne, wie die Nacht nach dem Lichte des Tages, wie die Wüste nach Thau und Regen und wie der Nil nach der gnadenreichen Leilet en Nuktha (»Nacht des Tropfens,« jene Nacht, in welcher nach dem Glauben der Nilanwohner ein Thränentropfen vom Himmel fällt, um alljährlich die segensreichen Überschwemmungen hervorzubringen).« da.«
»Wer?«
»Katombo.«
Der Mann erhob forschend seinen Blick.
»Kennst Du ihn so genau, daß Du dies behaupten kannst?«
Sie schwieg einige Sekunden in halber Verlegenheit; dann antwortete sie:
»Hast Du mir nicht so viel von ihm erzählt?«
»Ja, das habe ich und Du hast das Richtige getroffen. Wäre er nicht so fern, sondern hier gewesen, so hätte er mir längst des Herzens Muth und Freude zurückgegeben, denn keiner von Denen, welche ich aussandte, Sobeïde zu suchen, wird sie finden und mir wiederbringen.«
»Allah ist groß; er kann helfen, wenn er will, und oft erscheint seine Hilfe zu einer Zeit, in welcher wir sie am wenigsten erwarten. Ich stand soeben auf dem Dache, um die feuchte Luft des Stromes zu athmen, und sah ein Boot auf dem Wasser schwimmen. Es hatte unsere Farben und wurde von einem Manne gerudert, der nach dem Hafen zuhielt. Ich kam sofort, um es Dir zu verkünden. Sollte es einer Deiner Boten sein?«
»Kam er stromab oder stromauf?«
»Stromab.«
»So muß er das Ufer bereits erreicht haben und augenblicklich hier sein. Hörst Du?«
Man konnte deutliche Schritte vernehmen, deren Schall vom Hofe heraufdrang. Sie kamen die Stufen empor, und dann wurde der Eingang geöffnet. Ein Diener trat ein und verbeugte sich bis zur Erde. sprechen.«
»Laß ihn herein!«
Der Diener verbeugte sich nochmals, trat ab und ließ den Mann ein, den er angemeldet hatte. Dieser trug die gewöhnliche Tracht der Nilbarkenleute und schwitzte aus allen Poren.
»Was willst Du?«
»Bist Du Manu-Remusat, der große und berühmte Abu-el-Reïsahn (Vater der Schiffsführer)?«
»Ich bin es.«
»Mich sendet Katombo, Dein Kapitän.«
»Katombo?!«
Er machte eine Bewegung zum Aufspringen, überwand sich aber; eine solche Erregung paßte nicht zu der charakteristischen Ruhe, welcher der Orientale als Zeichen der Würde sich zu befleißigen strebt.
»Katombo,« antwortete der Gefragte, sich als Zeichen der Zustimmung tief verneigend; »er sendet mich, um Dir seine Ankunft zu melden.«
»Wo ist er?«
»So nahe, daß er in wenigen Minuten eintreffen wird. Ich mußte sehr schnell rudern, um Dich eher anzutreffen.«
»So nahe ist er? Daraus sehe ich, daß ihm entweder ein Unglück widerfahren ist, oder er eine sehr gute und glückliche Fahrt gemacht hat. Welches von beiden ist das Richtige?«
»Ich weiß es nicht. Sihdi Katombo hat mich erst in Dongola gemiethet, als er sich auf der Rückfahrt befand.«
»Habt Ihr gut geladen?«
»So viel, daß kaum Platz für die Mannen übrig ist.«
»Habt Ihr die Schellal (Stromschnellen) glücklich überwunden?«
»So glücklich, daß weder ein Mann noch ein fingergroß von der Ladung verloren gegangen ist.«
»So war die Fahrt eine gute, eine bessere, als ich jemals selbst gemacht habe. Gehe hinunter zu den Dienern und laß Dir Speise und Trank geben!«
Der Schiffer entfernte sich und Manu-Remusat erhob sich. Er hatte nicht bemerkt, daß seine Tochter bei der Nachricht von der Ankunft Katombos unwillkürlich und freudig zusammengezuckt war. empfangen.«
Das Mädchen schwebte aus dem Gemache wie ein aus einer höheren Welt stammendes Wesen, dessen Schritte man nicht hört und dessen Schönheit den Erdensohn in seligen Rausch versetzt. Remusat wand um den Fes, welcher seinen Kopf bedeckte, einen langen, weichen Kaschmirshawl, dessen beide Enden von dem so gebildeten Turban über sein Gesicht herabfielen und dasselbe vor den sengenden Strahlen der Sonnen beschützten. Er verließ das Haus, schritt durch den Garten zum Thore hinaus und wandte sich dem Flusse zu. Wer ihn kannte, der sprach sicher von der großen Ehre und Bevorzugung, welche Demjenigen widerfuhr, wegen dessen der berühmteste und reichste Nilfahrer sich in eigener Person an den Fluß bemühte. Katombo mußte sehr hoch in seiner Gunst stehen, daß er ihm entgegenging, statt ihn in seinem kühlen Divan zu erwarten.
Als er das Ufer erreichte, bemerkte er eine ungewöhnlich große Dahabié, welche in einem Bogen auf das Ufer zusteuerte. Das Segel war gerefft, und nur der Stromgang trieb das Fahrzeug an das Gestade, wo es am Buge beim Anker genommen wurde, während der Stern sich nach abwärts legte. Ein junger Mann, ganz derselbe, welcher einst als Zigeuner der Verlobte Zarba‘s gewesen war, nur um mehrere Jahre älter, stand auf dem Hinterdecke, setzte den Fuß auf den Bord und sprang mit einem kühnen Satze wohl zwölf Fuß über das Zwischenwasser auf das Ufer hinüber. Dort kreuzte er die Arme über die Brust und beugte sich tief zum Boden hernieder.
»Habakek (willkommen), Katombo! War Allah mit Dir und Deiner Dahabié?«
»Allah schützte uns, und die guten Geister des Himmels hielten die Wogen und die Winde, daß sie uns nicht schaden konnten.«
»Hast Du gute Fracht?«
»Ich war Dir ungehorsam, o Scheik el Reïsahn. Ich sollte bringen Sennesblätter aus Gondar und bringe welche aus Amhara.«
»Bis Amhara kamst Du?« frug Manu-Remusat erstaunt. »So bist Du ein Liebling des Propheten, der Dir günstige Lüfte gab, und hast ein Herz voll Muth und Unerschrockenheit. Dein Ungehorsam bringt mir Gewinn, denn weißt Du, daß die Sennesblätter kauft?«
»Ich weiß es, Sihdi, darum fuhr ich so weit hinauf.«
»Welchen Preis gabst Du?«
»Denselben, welchen Du mir erlaubtest für die Gondarer Waare.«
»Ist es möglich? So hast Du mir einen reichen Gewinn bereitet, Katombo! Hast Du eine vollständige Ladung?«
»Es ist jeder Raum benutzt, Sihdi. Aber ich habe Dir dennoch ein Geständniß zu machen, denn die Sennesblätter sind nicht die einzige Fracht, welche ich eingenommen habe.«
»Was hast Du noch?« frug Remusat, indem seine Stirn sich jetzt wirklich ein wenig verfinsterte. »Ich hoffe nicht, daß Du etwas gekauft hast, was ich nur unter Schaden wieder weggeben kann!«
»Elfenbein, Sihdi!« antwortete Katombo mit so anspruchslosem Tone, als handle es sich um Sand oder Backsteine aus der Nähe von Siut.
»Elfenbein!« rief Remusat beinahe laut. »Wie viel?«
»Achtzig Zentner.«
»Achtzig Zentner! Du bist wahrhaftig ein großer Liebling Allahs. Aber dazu hat ja das Geld nicht gereicht, welches ich Dir mitgab.«
»Es hat gereicht; ich bringe Dir noch welches mit zurück.«
»Ich erstaune. Woher ist das Elfenbein?«
»Vom Bahr el Azrek, wohin es mit einer Karawane aus dem Lande Solat kam.«
»Hast Du es gekauft oder getauscht?«
»Keines von beiden, Sihdi; ich habe es erbeutet.«
»Sagst Du die Wahrheit, Katombo? Erbeutet? Wer etwas erbeuten will, muß kämpfen. So hast Du also einen Kampf gehabt!«
»So ist es, Sihdi. Hast Du nicht gehört von den Raubsandals, welche im Bahr el Abiad und Bahr el Azrek friedliche Handelsschiffe anzufallen pflegen?«
»Ich kenne sie und möchte Keinem rathen, mit ihnen anzubinden. Flucht ist das Einzige, was retten kann, denn die Besatzung eines jeden Fahrzeuges, welches in ihre Hände geräth, wird ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergemacht. Und doch sind diese Sandals viel schneller als unsere Dahabiés, fast so schnell wie die Dampfer, welche man im Abendlande baut.«
Verzeihe, Sihdi, so ist also Flucht nicht das Einzige, was retten kann, sondern ein muthiges Herz und eine starke Faust. Dies dachte ich mir, und darum bin ich nicht geflohen, als mich zwei von diesen Sandals verfolgten, sondern ich habe ihnen Stand gehalten, sie erobert und die Räuber alle getödtet. Ihre Fracht, welche sie sich wohl auch geraubt hatten, habe ich für Dich genommen, Sihdi; auch das Elfenbein war dabei; ich behielt es, während ich alles Andere verkaufte, auch die beiden Sandals dazu.«
»Katombo, Du bist ein großer Beluhwan, ein Held, wie der Nil keinen zweiten kennt; aber Du hast Unrecht gethan, die Sandals zu verkaufen und das Elfenbein mir zu bringen; es gehört ja Denen, welchen es geraubt wurde!«
»Sie Alle leben nicht mehr. Die Fahrzeuge gehörten den Räubern, welche ich getödtet habe, und die, denen sie die Fracht raubten, wurden von ihnen niedergemacht. Du sagst ja selbst, daß sie niemals Pardon geben.«
»So hast Du Recht und sollst belohnt werden, wie es sich geziemt. Das Geld, welches Du übrig hast, ist Dein.«
»Sihdi, Deine Hand öffnet sich mit Wohlthun und Barmherzigkeit, doch kann ich ein so reiches Geschenk nicht annehmen, denn die Summe, welche ich wiederbringe, ist doppelt so groß als die, welche Du mir mitgabst. Die Sandals wurden mir in Chartum gut bezahlt.«
»Und dennoch bleibt es bei Dem, was ich sagte, denn das Wort des Propheten lautet: »Halte, was Du versprichst, denn der Athem Deines Mundes, der die Rede trägt, geht wohl heraus, kehrt aber nicht wieder in denselben zurück!« Wie viel bringst Du wieder?«
»Erlaube, Sihdi, daß ich Dir in Deiner Wohnung Rechnung ablege! Deine Gnade führte Dich herbei zum Wasser, aber die Sonne brennt so heiß, daß Dein treuer Diener fürchtet, sie könne Deine Gesundheit trüben.«
»So komm! Aber mußt Du nicht auf dem Schiffe sein?«
»Der Steuermann ist ein tüchtiger Schiffer; er wird meine Stelle vertreten, bis wir mit einander gesprochen haben.«
Sie wandten sich dem Hause zu, in welchem alle Diener herbeieilten, um Katombo ihre Freude über seine Rückkehr zu erkennen zu geben. Er genoß also nicht nur die Gunst seines Herrn und Prinzipals, sondern auch die Liebe aller Derer, die mit ihm zu hervorzubringen.
Sie betraten das kühle Zimmer, im welchem Remusat vorhin gesessen hatte. Die beiden Sklaven hatten sich mittlerweile entfernt. Der Egypter nahm wie früher auf dem Divan Platz.
»Setze Dich zu mir, denn ich bin sehr mit Dir zufrieden!«
Katombo gehorchte, im Stillen erfreut über diese ehrenvolle Aufforderung, die gewiß noch an keinen Andern ergangen war. Er legte den krummen Säbel und die Pistolen ab, welche sein Gürtel bisher getragen hatte, und zog verschiedene Papiere aus der Tasche.
»Hier ist meine Abrechnung, Sihdi. Sie wird Dir zeigen, daß ich kein untreuer Diener war.«
Manu-Remusat nahm sie und klatschte in die Hände. Sogleich erschienen die beiden Schwarzen.
»Tabak!«
Auf diesen Zuruf hin brachten sie zwei Pfeifen, welche sie Remusat und Katombo darreichten. Nachdem das duftenden Kraut von Dschebeli in Brand gesteckt worden war, knieten sie zur weiteren Bedienung vor den beiden Männern nieder.
Manu-Remusat durchlas und verglich die Papiere; dann, als er fertig war, steckte er sie zu sich.
»Ich sehe, daß Du ein treuer, muthiger und gewandter Diener bist. Das Geld, welches Du mitbringst, gehört Dir, und ich stehe im Begriffe, Dir einen Beweis meines Vertrauens zu geben, wie Du größer ihn niemals erlangen kannst.«
»Sprich, Sihdi! Ich werde hören und gehorchen.«
»Ich werde Dir eine Aufgabe ertheilen, welche Du vielleicht nur dann erfüllen kannst, wenn Du Dein Leben wagst. Soll ich weiter sprechen?«
»Ich lausche Deiner Rede, Sihdi. Mein Herz und meine Liebe gehören Dir, folglich auch mein Leben.«
»Du weißt, daß kein wahrer Moslemin zu einem andern Manne von seinen Frauen spricht. Wenn ich diesen guten und löblichen Gebrauch übertrete, so wirst Du erkennen, daß auch ich Dich lieb habe und Dir mein ganzes Vertrauen schenke. Ich habe keinen Harem wie andere Gläubige. Der Tod hat das Weib meiner Seele von mir gerissen; mein Herz ist ihr treu geblieben bis auf den heutigen Tag, und weder eine Frau noch eine Sklavin hat es vermocht, die Trauer um sie von mir wegzunehmen. Als sie von mir schied, hinterließ sie mir die zwei größten Kleinode meines Lebens, meine beiden Töchter. Du hast sie noch niemals gesehen, obgleich Du bereits drei Jahre in meinem Hause weilst. Sie sind schön wie die Huris des Paradieses, lieblich wie die Fittiche der Schwalbe und gut und folgsam wie Roath (Ruth), von der die Schriften der Kalifen und die Bücher der Juden und Christen erzählen. Sie waren meine Freude des Morgens, meine Wonne des Abends, und all meine Sorge bei Tag und bei Nacht hatte nur ihr Glück im Auge. Jetzt ist die Freude in Leid verwandelt, und die Wonne hat sich in Schmerz und Gram verkehrt, denn Sobeïde, die ältere von ihnen, ist verschwunden, und weder ich noch einer meiner Diener hat vermocht, eine Spur von ihr aufzufinden.«