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Kitabı oku: «Scepter und Hammer», sayfa 28
Fünfzehntes Kapitel: Am Vorabend.
Es war am Sieben-Bruder-Tag. Der Abend hatte sein Dunkel bereits über die Residenz gebreitet, und vor der Thür der Hofschmiede saßen die drei Gesellen nach vollbrachter Arbeit ihrer Gewohnheit gemäß bei der Unterhaltung.
»Also, nun endlich einmal heraus damit, Thomas! Wo warst Du?« frug Heinrich Feldmann, der ehemalige Artillerist.
»Fort,« antwortete Schubert.
»Das brauchst Du uns nicht erst zu sagen. Den Ort wollen wir wissen!«
»Gut, mein Junge: Ich pin üper alle Perge gewesen.«
»Mache keine dummen Witze. War denn diese Reise gar so geheimnißvoll, daß Du nichts sagen darfst?«
»Das nicht; aper Einer von der Artillerie praucht nicht Alles zu erfahren. Hat meine Parpara Seidenmüller nach mir gefragt?«
»Nach Dir? Ist ihr gar nicht eingefallen, nicht wahr, Baldrian?«
Der einstmalige Grenadier that einen langen Zug aus seiner Pfeife, blies den Rauch langsam von sich und meinte mit einem verweisenden Kopfschütteln:
»Das ist nicht am Den!«
»Siehst Du, altes Lügenmaul!« zürnte Thomas. »Der Paldrian ist doch ein ehrlicher Kerl, der immer pei der Wahrheit pleipt. Du aper pist ein Mensch, der – dem – von dessen – na mit einem Worte, der pei der Artillerie gestanden hat. Schäme Dich!«
»Still, alter Kavalleriereiter! Was hast Du denn bei der Kavallerie gelernt? Ein Bischen Häcksel schneiden und einen bockbeinigen Wallach striegeln, weiter nichts! Wir von der Artillerie dagegen sind Leute, die ihre Nasen in alle Wissenschaften gesteckt haben. Wir haben es mit der schwierigsten Waffe zu thun; wir brauchen zehnmal mehr Übungen und Kenntnisse als Ihr; wir entscheiden die Schlachten und – — —«
»Und machen Lügen und schneiden auf wie gedruckt,« fiel ihm Thomas in die Rede. »Ist es nicht so, Paldrian?«
Der Gefragte nickte bedächtig:
»Das ist am Den.«
»Nein, das ist nicht an Dem,« antwortete Heinrich. »Ihr glaubt nur, ich schneide auf, weil Ihr zu dumm seid zu begreifen, was ein Artillerist Alles zu leisten vermag. Da war Dein Bruder, den Du von der Reise mitbrachtest, ein ganz anderer Kerl; der hat mit seinen Schiffskanonen manchen guten Schuß gethan, und wir haben uns stundenlang über die richtige Behandlung der Geschütze unterhalten. Schade nur, daß er so rasch fort mußte! Hat er noch nicht geschrieben?«
»Mein Pruder, der Palduin?«
»Ja, der Steuermann.«
»Steuermann? Höre, wenn Du ihn noch einmal in dieser Weise peleidigst, so schlage ich Dir Deine ganze Artillerie mit allen Pompen und Haupitzen um den Kopf herum! Weißt Du nicht, daß er Kapitän zur See geworden ist, der Palduin?«
»Seit wenn denn?«
»Seit kürzlich. Er hat es mir heute geschrieben und mir gesagt, daß ich Euch alle grüßen soll. Nicht wahr, Paldrian?«
»Das ist am Den,« stimmte der Grenadier bei.
»Danke,« meinte Heinrich. »Der hat doch Verstand. Du aber warst so lange verreist, und hast uns nicht ein einziges Mal grüßen lassen! Aber wer kommt dort? Ist das nicht ein königlicher Lakai?«
»Ja; ich kenne ihn sehr genau, opgleich er heut in Civil geht. Es ist der Leipdiener der Majestät. Ich glaupe, der will zum Meister.«
Es war so. Der Diener frug nach Brandauer, und als er hörte, daß dieser zu Hause sei, trat er in die Wohnstube der Schmiede, in welcher Max mit den Eltern saß und diesen Boten erwartet zu haben schien. Derselbe grüßte höflich, und richtete dann seinen Auftrag aus:
»Ich soll melden, daß die Majestät heut inkognito die Oper besuchen werden.«
»Gut,« antwortete Max. »Wann werden königliche Hoheit gehen?«
»Sie haben das Schloß bereits verlassen.«
»Wann werden sie zurückkehren?«
»Spät, da sie noch eine Kahnfahrt zu machen beabsichtigen.«
»Danke. Gute Nacht!«
»Gute Nacht!«
Der Diener entfernte sich und Max wandte sich zum Vater:
»Diese Vorsicht ist ganz am rechten Orte. Nicht einmal der Leibdiener braucht zu wissen, daß der König einen ganz anderen Weg vorhat. Du also gehst in den Garten des Herzoges und gehe.«
Die Meisterin trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Max, sei nicht zu kühn! Du weißt, daß Dir Gefahr droht.«
»Ich weiß es, Mutter. Aber gerade weil ich diese Gefahr kenne, ist sie für mich nicht vorhanden. Übrigens gehe ich nicht ohne Waffen und ohne Begleitung.«
Er steckte ein Messer und einen Revolver zu sich und trat vor das Haus, wo die Gesellen saßen. Die Lehrjungen waren nicht zugegen.
»Habt Ihr Zeit?« frug er.
Sofort erhoben sich alle Drei.
»Das versteht sich ganz von selper,« antwortete Thomas.
»Natürlich!« stimmte Heinrich bei.
»Das ist am Den,« nickte auch Baldrian.
»Ihr sollt mich begleiten; aber kein Mensch darf erfahren, wohin wir gegangen sind, und was wir vielleicht zu sehen und zu hören bekommen.«
Thomas machte sein bestes militärisches Honneur.
»Zu Pefehl, Herr Doktor!«
»Aber unser Spaziergang ist nicht ganz ungefährlich. Es ist möglich, daß wir in eine Schlägerei kommen.«
»Damit pin ich ganz und gar zufrieden. Ich hape so seit langer Zeit nicht mehr gewußt, op ich noch einen guten Hiep zu führen vermag.«
»Nehmt Eure Hämmer mit und einige Stricke.«
»Zu Pefehl, Herr Doktor!«
In weniger als einer Minute standen sie bereit.
»Unser Weg geht durch die Stadt, hinaus nach der Klosterruine. Wir dürfen uns jetzt nicht zusammen sehen lassen. Darum theilen wir uns. Jeder schlägt einen andern Weg ein und hinter dem ersten Busch vor der Stadt treffen wir uns.«
Er ging und die Andern folgten ihm in verschiedenen Intervallen.
Er hatte sich möglichst verhüllt, so daß er nicht erkannt werden konnte, falls er je einem Bekannten begegnete. Dabei vermied er die Hauptstraßen und gelangte nur durch entlegene Seitengassen in das Freie, wo zur Seite der Straße ein kleines Gesträuch die Ufer eines Wassers einfaßte. Darauf schritt er zu. Es war dunkel und er dämpfte seine Schritte bis zur Unhörbarkeit; dennoch aber hatte man sein Kommen bemerkt, denn kaum hatte er den Rand des Busches erreicht, so tönte ihm die leise Frage entgegen:
»Wer da?«
»Brandauer,« antwortete er ebenso leise.
»Allein?«
»Es kommen noch die Gesellen.«
»Bald?«
»Sie werden jedenfalls in wenigen Augenblicken hier sein.«
»Das ist gut; denn wir müssen die Ruine doch eher erreichen als die Andern. Bist Du gehörig bewaffnet, Max?«
»Ja, Majestät. Du auch, Major?«
»Ja,« antwortete der Major von Wallroth, welcher den König begleitet hatte.
In diesem Augenblicke vernahm man nahende Schritte. Max frug, den Schritt erkennend:
»Baldrian?«
»Das ist am Den.«
»Tritt her.«
Gleich darauf kamen auch Thomas und Heinrich, und dann setzten sich die sechs Männer der Ruine zu in Bewegung. Am Fuße des Berges angekommen, schlugen sie nicht den nach der Spitze desselben führenden Fahrweg ein, sondern Max glimmte, den Andern voran, den schmalen Steig empor, den er bereits bei früherer Gelegenheit eingeschlagen hatte. Dies war für den König eine Anstrengung, welche zur Folge hatte, daß sie die Ruine nur höchst langsam erreichten. Dennoch aber befand sich noch Niemand oben, wie sich Max durch eine sehr sorgfältige Rekognition überzeugte.
»Kommt Ihr mit mir!« gebot er, als er von derselben zurückgekehrt war, den Gesellen.
Er führte sie außerhalb der Ruinen hinter eine Mauer, deren eingefallene Theile eine Art von Höhle bildeten, welche sich sehr gut zu einem Verstecke eignete.
»Hier verbergt Ihr Euch und wartet. Passirt nichts, so hole ich Euch ab; brauchen wir aber Eure Hilfe, so ahme ich den Ruf einer Teichunke nach. Wenn Ihr diesen hört, so kommt Ihr schleunigst dahin, von wo Ihr ihn hörtet. Das Übrige wird sich dann finden.«
Loch.
Die beiden Andern folgten ihm. Er kehrte zu dem König zurück.
»Wohin wirst Du uns postiren?« frug dieser.
»Zunächst hierher an den Aufgang, wo auch ich bleiben werde. Den Herrn Major aber werde ich so plaziren, daß er beobachten kann, ob sie Alle in den Brunnen steigen.«
Dies geschah. Der Major legte sich hinter denselben Mauervorsprung, welcher Max einmal als Versteck gedient hatte, und dieser letztere nahm mit dem Könige zwischen den Sträuchern Platz, neben denen der Fahrweg auf das Plateau des Berges mündete. Sie sprachen kein Wort mit einander, denn der geringste Laut hätte ihre Anwesenheit verrathen können. Aber gerade diese Lautlosigkeit war ganz geeignet, allerlei Gedanken und Gefühlen Audienz zu geben, welche die Herzen der beiden Männer in noch nähere Verbindung brachten, als sie bereits bis zu dieser Stunde stattgefunden hatte.
Da erklangen Schritte. Das war nicht eine, sondern das waren zwei Personen. Sie blieben hart neben den Lauschern stehen.
»Noch Niemand hier,« meinte der Kleinere von den Beiden.
»Das ist Penentrier!« flüsterte Max dem Könige zu.
»Weißt Du dies genau, Bruder?«
»Ja; sonst müßte der Posten bereits hier stehen. Er ist der Erste, der einzutreffen hat.«
»So sollte er bereits hier sein!«
»Wir kommen zu früh.«
»Kann sich nicht zufälliger Weise ein Fremder hier befinden?«
»Glaube das nicht. Wer hat um diese Stunde hier oben etwas zu suchen? Und überdies ist dieser Ort in der ganzen Umgebung verrufen. Bei Tage besucht man ihn seiner Romantik wegen; des Nachts aber wagt es kein Mensch ihn zu betreten, denn es geht die Sage, daß die Seelen der Mönche hier umgehen und Jedem, der ihnen zu nahe kommt, Tod und Verderben bringen.«
»Diesen Aberglauben habt Ihr natürlich bedeutend unterstützt?«
»Versteht sich!« lachte der kleine Rentier. Er kommt uns ja ganz außerordentlich zu statten. Übrigens sind wir heut vielleicht zum letzten Male hier.«
»Ah! Wie so?«
»Es sind Umstände eingetreten, welche uns zwingen, unser Werk außerordentlich zu beschleunigen.«
»Welche Umstände könnten dies sein?«
»Du wirst nachher von ihnen hören. Ich habe sie natürlich der ganzen Versammlung vorzutragen.«
»Der Herzog kommt auch?«
»Es war so bestimmt. Aber die erwähnten Umstände machen es ihm unmöglich. Ich werde ihn von unsern Beschlüssen benachrichtigen.«
»Noch heute?«
»Sofort wenn wir beschlossen haben.«
»In seiner Wohnung?«
»Ja. Es wird nur einer seiner vertrautesten Diener munter sein, so daß mein Kommen völlig unbeachtet bleibt. Doch horch; da kommt wer!«
»Allerdings kam jetzt Jemand langsam und leise den Weg daher.
»Woher?« frug Penentrier mit halblauter Stimme.
»Aus dem Kampfe,« ertönte die ebenso gegebene Antwort.
»Wohin?«
»Zum Siege.«
»Wodurch?«
»Durch die Lehre Loyola‘s.«
»Der Bruder mag seinen Posten antreten. Wir gehen weiter.«
Die beiden Ersten entfernten sich nach dem Brunnen zu, der zuletzt Gekommene aber blieb stehen, um die Wache zu übernehmen. Von Zeit zu Zeit kam ein Neuer dazu, der sich durch die Parole legitimirte und passiren durfte. Max und der König zählten über zwanzig Gestalten, während es damals, als der erstere sie allein beobachtete, nur vierzehn gewesen waren.
Jetzt schien die Reihe geschlossen zu sein; denn der Posten entfernte sich auf einige Schritte und legte sich in das Gras.
»Was werden wir thun?« frug der König flüsternd.
»Bestimmen Ew. Majestät.«
»Den Posten überwältigen, so daß er keinen Laut zu geben vermag, und dann die Andern im Brunnen gefangen halten, bis wir Sukkurs haben sie abzuführen.«
»Darf ich mir eine andere Meinung gestatten?«
»Sprich, Max!«
»Wäre der Herzog bei ihnen, und hätten wir die Überzeugung, daß sie alle ihre Skripturen mitgebracht haben, so wäre Ew. gar.«
»Du hast Recht; doch, was schlägst Du vor?«
»Wir haben gehört, daß dieser Penentrier den Herzog sofort nach Schluß der geheimen Session besuchen wird. Sie dann zu belauschen ist kein Ding der Unmöglichkeit, und dann – — —«
»Dann,« fiel der König eifrig ein, »nehme ich sie sofort Beide gefangen!«
»Entschuldigung, Majestät, das wäre gefährlich.«
»Wie so?«
»Durch den geheimen Gang können sich höchstens zwei Personen, also nur wir Beide, in die Bibliothek des Herzogs wagen. So stehen also zwei gegen zwei, und wenn wir ihnen auch überlegen wären, so würde doch ein Ruf des Herzogs genügen, uns in seine Hände zu bringen. Er ist nur von treuen Kreaturen umgeben, und wenn wir spurlos verschwinden, wer will ihm beweisen, daß dies gerade bei ihm geschehen ist?«
»Dein Vater, welcher ja in seinem Garten Wache steht und auf unsere Rückkehr warten wird.«
»Wenn Ew. Majestät verschwunden sind, fehlt ihm dem Herzog gegenüber alle hierzu nöthige Macht. Und wer weiß, wie weit der Einfluß dieser Menschen schon Platz gegriffen hat, so daß die Bemühungen aller Redlichen nicht allein vergeblich, sondern auch mit großer Gefahr für sie verbunden wären.«
»Du siehst sehr schwarz. Sollten die Bemühungen eines Regenten, der nur an das Wohl seines Volkes denkt, so sehr verkannt werden und einen solchen Undank finden?«
»Majestät, ich möchte hier ein schweres Wort sprechen, aber ich darf es nicht.«
»Du darfst!«
»Dem Manne, aber nicht der Majestät gegenüber.«
»Die Majestät befiehlt Dir, es zu sprechen!«
»Majestät sprechen von einem Regenten. Wer ist und wer war dieser Regent? Ich weiß, diese Frage kann mir und den Meinen das Wohlwollen unseres geliebten Königs entziehen, kann mich verderben, aber ich wage sie dennoch. Warum ist die Schaar der Unzufriedenen in dieser Weise gewachsen? Gälte in Norland der Wille des Königs, so würde das ganze Land seinen Herrscher segnen. Majestät haben in letzter Zeit einen kleinen Blick in die Art und Weise thun dürfen, in welcher der Herzog das ihm geschenkte königliche Vertrauen mißbraucht. Ich bin der Sohn eines Schmiedes, ich liebe die Redlichkeit, die Offenheit, ich bin die ehrliche Kraft gewohnt. Den Hammer in die Hand, weg mit der Schlange, und drauf auf alles Gewürm, welches den besten Willen zu vergiften weiß!«
Er schwieg. Auch der König schwieg. Es war richtig, die Worte des jungen Mannes waren ein ungewöhnliches Wagniß, aber er hatte auf das Herz seines königlichen Freundes gebaut und – sich nicht verrechnet. Nach einigen Minuten fühlte er seine Hand von der des Königs ergriffen.
»Habe Dank!«
Das war Alles, was der Herrscher sagte. Wieder verging eine Weile, dann frug der letztere:
»So wollen wir sie Alle entkommen lassen?«
»Alle, bis auf Einen.«
»Penentrier?«
»Nein; der würde uns nichts gestehen; vielmehr würden uns vielleicht alle Fäden verloren gehen, deren wir zur Enthüllung seiner Umtriebe bedürfen.«
»Wen dann? Den Posten, welcher jedenfalls bis zuletzt hier am Orte bleiben wird und also ohne Aufsehen aufzuheben ist?«
»Auch nicht. Er darf nicht mit in den Brunnen hinab, und dieser Umstand beweist, daß er noch nicht zu den vollständig Eingeweihten gehört. Nein; ich meine, wir greifen den ersten Besten heraus.«
»Der auch nichts gestehen wird. Du selbst hattest ja vorhin die Meinung, daß von Keinem etwas zu erfahren sein würde, falls wir sie Alle gefangen nehmen.«
»Falls wir sie Alle gefangen nehmen, aber eben auch nur in diesem einen Falle. Es ist ein Unterschied zwischen einer regelrechten Untersuchung und der plötzlichen geheimnißvollen Aufhebung einer Person, die sich über mehr als Alles im Unklaren befindet und mit den Gedanken flattert wie ein gefangener Vogel, einstößt.«
»Diese Meinung hat allerdings etwas für sich, und ich gebe Dir die Erlaubniß, nach ihr Deine Vorkehrungen zu treffen.«
»Vorkehrungen sind nicht nöthig. Thomas kennt ebenso wie ich jeden Schrittbreit des Bergpfades. Wenn die Versammlung auseinander geht, bleiben Majestät mit den Übrigen zurück, während ich mit ihm schnell hinunter eile und den auf dem Fahrweg Gehenden zuvorkomme. Das Übrige muß dann der Augenblick ergeben.«
Das Gespräch war beendet und es verging eine lange Zeit, ehe sich wieder ein Laut oder eine Bewegung beobachten ließ. Da endlich erhob sich der Posten aus dem Gras und nahm an der Wegmündung Platz. Er hatte jedenfalls das Geräusch der im Brunnen Emporsteigenden gehört. Sie Alle kamen herauf und drängten sich oben noch einmal um den Rentier. Dieser erhob seine Arme wie zum Segen und meinte in salbungsvoller aber halblauter Stimme:
»So gehet denn nach Hause, ein Jeder an den Ort, wo er zu arbeiten hat am Weinberge des Herrn. Die Ernte ist groß; sie bringt uns reichen Segen. Darum nehmt die Sichel zur Hand, sobald der Ruf des Herrn erschallt. Bis dahin behüte er Euern Ausgang und Euern Eingang!«
»Jetzt und in Ewigkeit. Amen!« erklang es rundum als Antwort.
Dann schritten sie einzeln davon, leise und langsam, wie sie gekommen waren. Der Posten schloß den Zug.
Kaum war dieser verschwunden, so erhob sich Max.
Warten Majestät noch eine Viertelstunde, dann kommen Sie mit den Übrigen hier auf dem bequemen Wege nach. Ich werde mit Thomas unten sein.«
Er eilte zu den Gesellen.
»Heraus.«
Sie kamen aus ihrem Verstecke hervor.
»Thomas, getraust Du Dich, hier schnell mit hinunter zu klettern?«
»Zu Pefehl, wie eine Katze!«
»Dann schnell vorwärts, daß wir ihnen nicht begegnen! Ihr beiden Andern geht in die Ruine, wo man Euch erwartet.«
So schnell es die Dunkelheit gestattete glitt er mit Thomas den steilen Pfad hinab, welcher den zweimal rund um den Berg führenden Fahrweg zweimal kreuzte. Sie kamen trotz der Beschwerlichkeit der Passage glücklich und unbemerkt unten an, Thomas keuchte doch ein wenig, als er festen Fuß gefaßt hatte.
»Alle Wetter, ist so ein Perg bei Nacht ein wunderpares Ding. Das geht ja schneller als auf der Eisenbahn. So einen Rutsch hätte meine Parpara Seidenmüller mitmachen sollen. Die wäre dapei ganz außer Rand und Pand gerathen!«
»Das ist möglich,« lächelte Max. »Jetzt aber haben wir an andere Dinge als an die Barbara zu denken. Wir müssen Einen gefangen nehmen.«
»Zu Pefehl!«
»Es werden mehrere Männer hier am Berge herab vorüberkommen. Ich bleibe hier hüben, und Du legst Dich drüben auf die Lauer. Sie kommen nicht zusammen, sondern in Zwischenräumen. Ich werde mir einen aussuchen und ihn von hinten an der Gurgel packen. Siehst Du dies, so springst Du sofort zu und hältst ihm die Arme und Beine so, daß er sich nicht bewegen kann, während die Übrigen vorbeikommen.«
»Alle Wetter, Herr Doktor, das gipt doch endlich einmal ein Apenteuer. Ich werde den Purschen so fest bei der Parabel nehmen, daß er sich nicht im mindesten pewegen kann.«
Sie verbargen sich hinter die Büsche, der Eine rechts und der Andere links von dem Wege. Bald kam allen voran der kleine Rentier, dreißig bis vierzig Schritte wieder ein anderer, dann ein Dritter. So passirten elf. Maxens Augen hatten sich nun so an die Dunkelheit gewöhnt, daß er Alles deutlich unterscheiden konnte. Der Zwölfte nahte; der Elfte war eben auf der Straße verschwunden, und der Dreizehnte wurde noch von einer Krümmung des Weges verborgen. Max erhob sich leise und ließ den Mann vorüber. Dann aber stand er mit einem raschen Schritte hinter ihm und legte ihm die Hände so um die Gurgel, daß der Überraschte keinen Laut von sich zu geben vermochte.
»Thomas!« flüsterte er.
»Pin schon da. Hape ihn pereits pei den Peinen!«
»Rasch hinein in die Büsche.«
»Pin schon drin!«
Sie hatten den Mann, der sich unter den eisernen Griffen des Schmiedegesellen nicht zu rühren vermochte, hinter den Sträuchern, waren.
»Hast Du die Stricke?« frug jetzt Max.
»Ja; zu Pefehl!«
»So binde ihm die Hände auf den Rücken.«
»Aper da muß ich ihn fahren lassen; er kann sich pewegen und wird am Ende gar versuchen, uns davon zu laufen.«
»Das wird er bleiben lassen, denn bei der geringsten Bewegung, welche auf einen solchen Versuch schließen läßt, steche ich ihn nieder.«
»Na, dann heraus mit der Pandage!«
Max hielt den Mann mit der Linken fest und zog mit der Rechten das Messer. Der Gefangene hatte natürlich jedes Wort vernommen und ergab sich wohlweislich und ohne allen Widerstand in sein Schicksal. Jetzt nun, nachdem er gebunden war, konnte Max ihm in das Gesicht sehen, dessen Züge er trotz der Dunkelheit erkannte.
»Ah, ists möglich! Hochwürden! Wie kommt das Lamm unter die Wölfe, der protestantische Oberhofprediger unter die Jesuiten?«
Der Entlarvte gab keine Antwort, aber der tiefe Zug seines Athems verrieth die Erregung, welche er mit aller Gewalt zu unterdrücken versuchte.
»Schweigen Sie immerhin! Sie werden schon wieder sprechen lernen!«
Nach zehn Minuten kam der König mit dem Major und den beiden Gesellen. Er erkannte Max, welcher hervortrat.
»Hast Du Einen?«
»Ja.«
»Kennst Du ihn?«
»Allerdings. Hier ist er. Sehen Majestät ihn selbst an.«
Als der Gefangene aus diesen Worten hörte, wen er vor sich hatte, machte er einen plötzlichen Versuch, von Thomas loszukommen, dieser aber hatte ihn so fest, daß es ihm nicht gelang.
»Halt, Pursche! Das Davonlaufen will ich mir verpitten.«
Der König trat näher und erkannte ihn.
»Hochwürden! Das ist ja – eine ganz unbeschreibliche Überraschung! Mein Beichtvater unter den Hochverräthern!«
Jetzt brach der Hofprediger sein Schweigen.
»Majestät, ich bin unschuldig. Die Verhältnisse sind scheinbar gegen mich, aber ich vermag mich zu rechtfertigen.«
»So thun Sie es sofort!«
»Ich gehöre nicht zu den Hochverräthern.«
»Beweisen Sie es!«
»Es wurden mir von ihrer Seite verschiedene Anträge gemacht, welche mit außerordentlich lockenden Versprechungen verbunden waren, und ich ging nur zum Scheine darauf ein, um ihre Absichten kennen zu lernen und Ihnen dann Alles mitzutheilen.«
»Das klingt sehr vortheilhaft. Seid wann sind Sie Mitglied dieser sauberen Verbindung?«
»Seit vielleicht einem Monate.«
»Und haben Sie ihre Absichten bereits kennen gelernt?«
»Noch nicht. Es gibt verschiedene Grade, und ich gehöre leider noch nicht zu den Wissenden.«
»Ah, ich errathe! Sie wollen mir entkommen, ohne Auskunft geben zu müssen, dies aber wird Ihnen nicht gelingen. Auch einmal abgesehen davon, daß Ihre Betheiligung an den Intriguen dieser Menschen nicht mit der Würde Ihres Amtes zu vereinbaren ist, selbst wenn sie in der wohlgemeinten Absicht geschah von welcher Sie reden, habe ich die feste Überzeugung, daß Sie länger als einen Monat Mitglied sind und zu den Wissenden gehören. Nur einem solchen wird Zutritt zu Verhandlungen gewährt, wie sie heut da oben im Brunnen geführt worden sind. Bedenken Sie: noch weiß kein Mensch etwas von Ihrer jetzigen Lage, und nur ein offenes Geständniß kann Sie retten.«
»Ich vermag es mit tausend Eiden zu beschwören, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Ich kann nichts verrathen oder mittheilen, weil ich noch nichts weiß.«
»Lüge!« meinte Max. »Sie genießen das vollständige Vertrauen dieses Pater Valerius. Ich kenne seine eiserne Disziplin, welche selbst vor Mordthaten nicht zurückschreckt. Er hat jedes Mitglied unter der strengsten geheimen Kontrole, und wären Sie seiner Sache nicht aufrichtig ergeben, so lägen Sie wohl längst da oben in der Schlucht, welche seine Richtstätte bildet. Majestät, wir haben nicht länger Zeit hier nutzlos zu verhandeln. Was befehlen Sie über den Gefangenen?«
Der König wandte sich an Wallroth:
»Übernehmen Sie ihn, Her Major. Diese drei wackern Männer werden Sie unterstützen und dafür sorgen, daß er nicht entkommt. Sie führen ihn nach seiner Wohnung, aber in einer bleiben.«
»Zu Befehl, Majestät! Vorwärts, mein Herr! Sie haben Alles vernommen. Widerstreben Sie diesen Verfügungen nur im Geringsten, so werde ich Sie tödten!«
Er schob seine Hand unter den Arm des Gefesselten und schritt mit ihm in einer Haltung davon, welche Beide als Spaziergänger erscheinen ließ. Die drei Gesellen folgten.
»Ein wunderschönes Apenteuer, nicht wahr, Paldrian?« flüsterte Thomas.
»Das ist am Den!« antwortete dieser leise zurück.
»Der Oberhofprediger!« meinte Heinrich. »Und gefangen! Was muß nur da oben vorgegangen sein? Es ist eigentlich niederträchtig, daß wir in dem Loche stecken mußten und gar nichts gesehen haben.« ist.«
Unterdessen schritt der König mit Max nach dem Flusse zu. Beide sprachen kein Wort. Der Umstand, den Hofprediger unter den Verschwörern zu finden, gab ihnen mehr zu empfinden als zu sprechen. Am Ufer lagen mehrere Boote frei. Sie lösten eines derselben und stiegen ein. Max ruderte, und der König führte das Steuer, indem er auf das gegenüberliegende Ufer zu hielt. Dort angekommen, stiegen sie aus und schritten nach dem Garten des Herzogs. Sie kamen am hintern Theil desselben leicht über die Mauer und schlichen sich vorwärts nach der Stelle, an welcher Max den Vater vermuthete.
Als sie sich der Treppe näherten raschelte es leise hinter den Orangeriebäumen, welche zu beiden Seiten auf den Stufen standen.
»Vater!«
»Max!«
Der Schmied trat hervor. Er erkannte den König und grüßte ihn ehrerbietig.
»Ist Jemand passirt, Vater?«
»Nein.«
»Auch Niemand im Garten gewesen?«
»Nein; aber vor einiger Zeit ging ein Mann vorüber, der aus einem Boot stieg und in den Palast getreten zu sein scheint.«
»Welche Gestalt hatte er?«
»Er war klein.«
»Es ist Penentrier. Majestät, wir müssen uns sputen!«
»Also vorwärts! Brandauer, Du bleibst hier. Sind wir in einer Stunde noch nicht zurück, oder haben wir bis dahin nichts von uns hören lassen, so eilst Du nach der Wache und bringst dem Offizier meinen Befehl, ohne Verzug und womöglich ohne Aufsehen den herzoglichen Palast zu nehmen. Hier ist mein Ring zu Deiner sollte.«
Max hatte bereits das Fenster ausgehoben und stieg ein; der König folgte ihm. Nachdem das Fenster wieder eingesetzt worden war, nahm der erstere den letzteren bei der Hand und führte ihn behutsam vorwärts. Sie erreichten die verborgene Thür. Max lauschte eine Weile, und als er sich überzeugt hatte, daß hinter derselben nicht gesprochen wurde, öffnete er sie vorsichtig.
Das Bibliothekzimmer war dunkel, doch drang durch die Fenster ein Schein, welcher genügend war, die größeren Gegenstände zu erkennen. Aus dem Arbeitszimmer klangen zwei Stimmen herüber.
»Er ist noch da,« flüsterte Max. »Sollte einer von ihnen hier eintreten, so ist unser Versteck dort unter der Tafel, deren Decke uns verbirgt.«
Sie schlichen bis an die PortiŠre und zogen sie ganz behutsam ein wenig auseinander. Der Herzog saß auf dem Sopha und Penentrier ihm gegenüber auf einem Stuhle. Die beiden Lauscher vermochten jedes ihrer Worte zu hören.
»Abbé, Sie sind wahrhaftig allwissend!« meinte eben der Herzog.
Das Gesicht des Rentier legte sich in eine höchst selbstgefällige Miene.
»Nicht ganz, denn allwissend ist nur Gott, Excellenz; aber was mir nothwendig ist zu erfahren, das pflegt mir niemals unbekannt zu bleiben. Doch ich bin mit meinen Mittheilungen noch nicht zu Ende. Sie haben Briefe von Ihren beiden süderländischen Agenten bekommen?«
»Sie meinen den früheren Direktor und Oberarzt unserer Irrenanstalt?«
»Ja.«
»Sie haben mir bereits öfters geschrieben.«
»Vortheilhaft?«
»Sehr.«
»Sie wissen, wo sich die Beiden befinden?«
»Natürlich, in der Hauptstadt.«
»Oder nicht, Durchlaucht. Die Briefe, welche Sie erhielten, sind unächt, und alle Ihre Zuschriften sind in falsche Hände gekommen.«
»Nicht möglich!« rief der Herzog aufspringend. »Wie so?« bemächtigt.«
»Bei allen Teufeln, das wäre ja verdammt!«
»Es ist so. Man hat die Klugheit gehabt, auf unsere Taktik einzugehen, und zwei Beamte nach Süderland geschickt, welche dort für die beiden Ärzte gelten und mit Ihnen in der Weise in Verbindung stehen, daß sie von allen hin oder hergehenden Schriftstücken eine Abschrift nehmen und sie dem Könige einschicken.«
»Können Sie dies beweisen?«
»Ja. Hier ist der darauf bezügliche Brief meines Agenten. Er muß aus irgend einem Umstande Verdacht gezogen und die Beiden dann genau beobachtet haben. Er ist ein guter Zeichner und legt ihre Bilder bei.«
Der Herzog nahm den Brief und las ihn. Sein Gesicht wurde blaß.
»Ich muß es glauben!« knirschte er dann. »Wissen Sie, wo man die beiden Ärzte untergebracht hat?«
»Nein. Ich habe keine Nachforschungen anstellen können, weil ich diesen Brief erst heut erhielt.«
»Hier vermag der Fuhrmann Auskunft zu ertheilen.«
»Beyer? Bei ihm bin ich allerdings bereits gewesen. Er behauptet, sie richtig über die Grenze gebracht zu haben.«
»Werde ihn strenger in das Verhör nehmen! Es ist allerdings ein Glück, daß ich nur Nebensächliches durch die Hände der falschen Agenten gehen ließ, und daß alles mit unserer Chifferschrift geschrieben war, zu welcher der Schlüssel unmöglich zu finden ist.«
»So haben unsere schlauen Gegner also höchstens in Erfahrung gebracht, daß Sie in geheimen Verhandlungen mit dem süderländischen Hofe stehen. Wie weit sind Sie mit der Prinzessin Asta?«
Das Gesicht des Herzogs verfinsterte sich mehr.
»Nicht weiter als zuvor. Der Prinz ist abgereist, und die Prinzessin noch zurückzuhalten hat mich sehr viele Mühe gekostet. Sie scheint mehr zum Könige als zu mir zu inkliniren.«
»Und Ihr Sohn?«
»Gibt sich alle Mühe, aber ohne Erfolg.«
»Weiß sie von den geheimen Stipulationen?«
»Nein.«
»Ist ihr freie Entscheidung gelassen?«
»Sie wird auf alle Fälle die Frau meines Sohnes, obgleich sie bisher nur ahnt, weshalb sie nach Norland dirigirt wurde. Übrigens hat sie nur noch auf drei Tage zugesagt.«
»Mir lieb.«
»Inwiefern?«
»Aus zwei Gründen. Erstens sind meine Vorbereitungen alle vollständig getroffen, und zweitens schließe ich aus mehreren Anzeichen, daß wir nicht mehr sicher sind. Irgend ein unbekanntes aber scharfes Auge bemüht sich, uns in die Karte zu sehen. Ich bin schon heut bereit, meine Minen spielen zu lassen. In der Bibliothek des Hofpredigers, wo man so etwas am wenigsten sucht, liegen die nöthigen Proklamationen und Flugblätter in vielen tausend Exemplaren; die ganze zivile Bevölkerung ist gewonnen, und ich hoffe, daß Sie sich auf die Armee ebenso verlassen können.«
»Das kann ich. Die Garnisonen stehen scheinbar auf dem Friedensfuße; es bedarf aber nur meines telegraphischen Befehles, sie unter die Waffen und an meine Seite zu bringen. Diejenigen höheren Chargen, deren ich nicht sicher bin, werden im Nu arretirt und die unteren rücken vor. Dieses Avancement ist das beste Mittel, mir das Offizierskorps dienstbar zu machen. Meine Räthe arbeiten bereits seit Wochen angestrengt an der Organisation der Erhebung, und ich kann sagen, daß jedes Rädchen seine Pflicht thun wird, wenn ich den Schlüssel an die Uhr setze.«
»Und die Marine?«
»Die Admiralität ist mir ergeben. Übrigens habe ich dafür Sorge getragen, daß die norländische Flotte im geeigneten Augenblick abwesend ist, das heißt, zerstreut in alle Meere. Die süderländischen Schiffe werden unsere Häfen nehmen, ohne den geringsten Widerstand zu finden.«
»Unter dem Kommando von Nurwan-Pascha?«
»Ja. Die Süderländer konzentriren sich bereits heimlich hinter dem Gebirge. Wenn ich das Zeichen gebe, sind binnen drei Tagen achtzigtausend Feinde im Lande, denen ich mich mit unseren Truppen anschließe. Meine beiden gefährlichsten Feinde, der alte Sternburg zu Lande und der junge Sternburg zu Wasser, werden unschädlich gemacht. Der alte Fürst ist bei seinem Sohne in Tremona eingetroffen. Sie werden Beide auf einige Zeit verschwinden.«
