Kitabı oku: «Verschwörung in Wien»

Yazı tipi:

KARL MAY’S GESAMMELTE WERKE BAND 90

VERSCHWÖRUNG
IN WIEN

UND ANDERE ERZÄHLUNGEN

VON

KARL MAY

Herausgegeben von

Bernhard Schmid und Christoph F. Lorenz

© 2014 Karl-May-Verlag

ISBN 978-3-7802-1590-1

KARL-MAY-VERLAG

BAMBERG • RADEBEUL

Inhalt

GELEITWORT

VORWORT

VERSCHWÖRUNG IN WIEN

MIT MÜNCHMEYER IN WIEN

AUS DEM KELCH DES SCHICKSALS

DER DOPPELGÄNGER

SCHULD, UNSCHULD, SÜHNE, VERGEBUNG UND STRAFE

DIE LAUBTALER

IM WASSERSTÄNDER

DAS DUKATENNEST

DREIMAL MAYS FRÜHER HUMOR

ZERRISSEN (FRAGMENT)

MAYS „ZERRISSEN“

DER VERLORENE SOHN (FRAGMENT)

MAY AUF DEN SPUREN DES EVANGELIUMS

IN DEN EIERN (FRAGMENT)

IN DEN EIERN – ABER WIE?

DER HERRGOTTSENGEL (FRAGMENT)

ENGEL – SKIZZIERT

AM ENDE: EIN BLICK NACH OBEN VON UNTEN

Geleitwort

„Sieg, großer Sieg“ – „Hamdulillah“ – „Howgh, ich habe gesprochen“: All das hätte Karl May sagen können bzw. vielleicht seinen Helden in den Mund gelegt, wenn er das Erscheinen von Band 90 seiner Gesammelten Werke erlebt hätte, dem lang erwarteten ‚Lückenschluss‘ zwischen seinen Erzählwerken und den Briefbänden.

Wir wissen nicht, ob unser großer Autor mit allen Entscheidungen der Herausgeber seiner posthum erschienenen Bücher zufrieden gewesen wäre. Manches ginge ihm sicherlich zu weit, an anderer Stelle wäre er wohl noch viel einschneidender vorgegangen. Glücklich wäre er sicher mit dem Riesenerfolg seiner Werkreihe, die ihn zum meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache machte.

Der vorliegende Band enthält naturgemäß nicht die stärksten Texte des ‚Maysters‘, wäre es doch zu seltsam gewesen, so etwas dem May-Publikum so lange vorzuenthalten. Bis ein Neuleser, von denen es zum Glück auch heute noch, allen Unkenrufen zum Trotz, eine nennenswerte Zahl gibt, die hohen Bandnummern erreicht, hat er genügend spannende Karl-May-Geschichten verschlungen und freut sich letztendlich auch über die Ergänzungen, die der Karl-May-Verlag spätestens seit Band 75 regelmäßig veröffentlicht. Immer wieder taucht die Frage auf, ob denn Karl May noch bei uns im Keller sitze und schreibe; doch sind die meisten Texte ja längst zu Mays Lebzeiten anderswo – meist in Zeitschriften – veröffentlicht worden und waren nur eben noch nicht in die Gesammelten Werke aufgenommen. Die Reaktionen auf die neuen Bände sind auch fast durchweg positiv ausgefallen.

Ein schöner Text ist aber tatsächlich nun völlig neu und schlummerte weit über 100 Jahre im Archiv: das Fragment „Der verlorene Sohn“ – zu schade, dass es nicht vollendet wurde, gehört es doch zu den spannungsverheißendsten Textanfängen Mays.

Die Betreuung und Kommentierung des Bandes liegt wieder in den bewährten Händen meines Mitherausgebers und unseres Freundes Prof. Dr. Christoph F. Lorenz. Und wer glaubt, nun sei mit Mays Werk ein Ende erreicht, irrt sich: Der Band hätte auf weitere mehrere hundert Seiten ausgeweitet werden können. Wie wir dieses angenehme Problem lösen und die noch vorhandenen Texte Karl Mays, meist Aphorismen und Gedichte, in die Reihe aufnehmen, wissen wir heute noch nicht. Lassen Sie sich überraschen!

Bamberg, im Juni 2014

Bernhard Schmid

VORWORT
1

Heutzutage ist viel von ‚Patchwork‘ die Rede in einem Zeitalter, da deutsche Begriffe auszusterben drohen. Eigentlich versteht man darunter eine Näharbeit, die aus vielen Flicken ein einheitliches Ganzes schafft. Bekannt sind die ‚Patchwork-Familien‘, wo sich Paare mit Kindern aus verschiedenen früheren Lebenspartnerschaften zu einem (hoffentlich) harmonischen neuen Ganzen zusammenfinden.

Ein ähnliches ‚Patchwork‘ – man könnte auch sagen: Mosaik – bildet in gewisser Weise der vorliegende Band 90 der Gesammelten Werke.

Aus frühen Fragmenten und Plänen Karl Mays, begonnenen Dorfgeschichten und vollendeten Humoresken, in denen May noch als literarischer Lehrling erscheint, und einem gewichtigen Gesellenstück, dem Wien-Kapitel aus Der Weg zum Glück, vermehrt durch zwei Franz-Kandolf-Bearbeitungen von Episoden aus dem Verlorenen Sohn, die in Zeitschriften der 1930er-Jahre erstveröffentlicht wurden und hier nach 80 Jahren erstmals in Buchform erscheinen – soll ein möglichst erfreuliches, harmonisches Ganzes entstehen.

Eröffnet wird der Band allerdings nicht chronologisch mit den frühesten Tastversuchen des literarischen Anfängers, sondern mit der Verschwörung in Wien als bei Weitem umfangreichstem Einzeltext, der auch dem ganzen Buch den Namen gab. Es folgen die beiden Kandolf’schen Bearbeitungen, dann drei Humoresken, die überleiten zu den frühesten Fragmenten May’scher Erzählkunst.

Ist die Reihenfolge der Geschichten im Buch also sozusagen chronologisch ‚umgedreht‘, soll im Folgenden Mays Werdegang als literarischer Lehrling und Geselle von A bis Z erörtert werden.

Als Karl May 1892 damit begann, seine Serie der Gesammelten Reiseromane bei Friedrich Ernst Fehsenfeld herauszugeben, mag er wohl nicht daran gedacht haben, wirklich alle seine Schriften in diese Reihe aufzunehmen. Über die umfangreichen, zwischen 1882 und 1887 bei H. G. Münchmeyer in Dresden publizierten Kolportageromane schrieb er zwar am 19. Februar 1906 an Fehsenfeld, „daß sie für meine ‚Gesammelten Werke‘ bestimmt sind“, nahm diese Sache aber – abgesehen von der Verwendung einer einzelnen Episode für den Old Surehand – nie in Angriff. Vielmehr hatte er diese Brotarbeiten, eine teilweise endlose Zeilenschinderei, um die kolportagetypischen Längen zu erreichen, zeitweilig verdrängt, bevor Kritiker wie Hermann Cardauns ihm nach 1902 anlässlich der Neuen illustrierten Ausgabe durch den Münchmeyer-Nachfolger Adalbert Fischer mit Blick auf gerade diese Großromane vorwarfen, neben „katholisierenden“ Reiseerzählungen skrupellos-gewalttätige Hintertreppenromane, ja, „abgrundtief Unsittliches“ geschrieben zu haben.

Umfassten die Reiseromane (später Reiseerzählungen) bei Fehsenfeld bis 1910 33 Bände, so wurde vom Karl-May-Verlag in Radebeul ab 1913 eine komplette Neuausgabe der Werke angestrebt, die auch die Autobiografie Mein Leben und Streben (in den Gesammelten Werken als Band 34, „ICH“, zusammen mit anderem [auto]biografischen Material), die Jugenderzählungen für Spemann (Bände 35-41 der GW), die Dessauer-Anekdoten (Band 42), Dorfgeschichten (Bände 43 und 44), den frühen Zeitungsromanen Scepter und Hammer/Die Juweleninsel (Bände 45/46), allerlei Humoresken (Band 47), Reste der Spätwerkerzählungen samt anderem Material (Band 48), das Drama Babel und Bibel sowie die Gedichte Himmelsgedanken (Band 49) beinhaltet.

Band 50 als Jubiläumsband der Reihe wurde 1922 durch ein eigens von Franz Kandolf geschriebenes Werk, eine Fortsetzung von Band 25 im Stil der ‚realistischen‘ Reiseerzählungen, gefeiert: In Mekka. Von Band 51 an (1924ff.) erschienen dann die Münchmeyer-Romane in teilweise recht starker Überarbeitung durch Dr. Euchar Albrecht Schmid und seine Helfer Franz Kandolf, Otto Eicke u. a.

Band 65, Der Fremde aus Indien, eine sehr freie Neugestaltung der Haupthandlung des Verlorenen Sohns von 1884ff. konnte 1939 noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fertiggestellt werden, nachdem eine erste Bearbeitung bereits 1930/1931 in der Zeitschrift Das Vaterhaus erschienen war. Die Neufassung des Ludwig II.-Romans Der Weg zum Glück war ebenfalls seit 1930/1931 in Planung, erschien aber erst unter der Ägide Roland Schmids in Bamberg (1958/59 die Bände 66 und 67), wobei Verlagslektor und -mitarbeiter Hans Wollschläger den Band 68 aus zwei ursprünglich in den Haupttext des Weg zum Glück eingeflochtenen, aber weitgehend unabhängigen Episoden zusammenfügte (1960). In Band 73, Der Habicht (1967), bearbeitete dann Dr. Rudolf Beissel, einer der alten Mitarbeiter E. A. Schmids und Klara Mays, die Alberg-Episode aus dem Weg zum Glück neu.

Band 69, Ritter und Rebellen, erhielt 1960 eine von Roland Schmid revidierte und teilweise ‚entflochtene‘ Fassung des frühen Romans Der beiden Quitzows letzte Fahrten. Mit Band 71, Old Firehand, wurden erstmals Reiseerzählungen Mays in ihrer ursprünglichen, noch ungeschliffenen Fassung aus Zeitschriftendrucken der Jahre 1875ff. vorgelegt; Band 72 brachte vor allem Beiträge Karl Mays zu der von ihm redigierten Zeitschrift Schacht und Hütte und bekam auch diesen Titel.

Nach über 15-jähriger mühevoller Vorarbeit konnten 1985 mit Band 74, Der verlorene Sohn, weitere Teile des Lieferungsromans für Münchmeyer in neuer Überarbeitung vorgelegt werden. Eine – diesmal unbearbeitete – Verlorene Sohn-Episode, Sklaven der Schande, bildete 1993 auch den Inhalt von Band 75. Band 76 präsentierte dann die Eremiten-Geschichte aus dem Verlorenen Sohn und eine zweite, kleinere Erzählung aus diesem Roman in neuem Gewand (1994). Mit Die Kinder des Herzogs wurde 1995 ein in den Bänden 51-55 ausgelassener Teil von Waldröschen wieder aufgelegt (Band 77). Band 78, Das Rätsel von Miramare, griff 1996 dann noch einmal eine Episode aus dem Weg zum Glück in überarbeiteter Version auf sowie den ursprünglichen Schlussteil des Romans Deutsche Herzen, deutsche Helden, der in den Radebeuler Bänden 61-63 nicht berücksichtigt worden war. Mit den GW-Bänden 79-89 ergänzten frühe Fassungen bzw. Manuskripte Mays zusammen mit Autobiographica, Briefen der May-Leser (Band 86), dem Sammelwerk Buch der Liebe (Band 87) und Vorfassungen spannender Reise- und Abenteuerromane (Bände 88 und 89) die Reihe.

Der vorliegende Band 90, Produkt vieler Überlegungen und Vorarbeiten, schließt nun die einige Jahre bestehende Lücke zu den Briefbänden, die der viel zu früh verstorbene Dr. Dieter Sudhoff und Hans-Dieter Steinmetz 2007 mit dem Briefwechsel zwischen May und seinem Verleger F. E. Fehsenfeld (Bände 91 und 92) eröffneten; inzwischen folgten bereits 93 (Korrespondenz mit dem Maler Sascha Schneider) und 94 (2013), der Briefe von und an May aus dem Umfeld der Verleger und Herausgeber Joseph Kürschner und Wilhelm Spemann dokumentiert.

Wenn also die Gesammelten Werke ab Nummer 91 sich naturgemäß mehr den späten Jahren Mays widmen, aus denen die meisten erhalten gebliebenen Briefe datieren, so finden die Leser in Verschwörung in Wien Fragmente, Entwürfe, aber auch komplette Texte aus der ‚Jugend‘ Karl Mays, bis etwa 1879. Eröffnet wird der Band wie schon gesagt mit dem Wien-Teil aus dem Kolportageroman Der Weg zum Glück. May war damals mit 45 Jahren kein junger Mann mehr, beendete aber mit dem Roman über den unglücklichen König Ludwig II. von Bayern und dessen fiktiven „Wurzelsepp“-Freund sein Lieferungsroman-Schaffen, das ihm später noch bittere Auseinandersetzungen bringen sollte.

Zeigt sich May hier als ‚Lehrling und Geselle‘ (mit Plänen und Humoresken) sowie auf dem Weg zur gestalterischen Reife, so stellen die beiden Erzählungen aus den Zeitschriften Das Vaterhaus bzw. Illustrierte Roman-Woche von 1934 ein interessantes Dokument aus 100 Jahren Verlagsgeschichte dar. Franz Kandolf hatte sich hier an zwei Episoden aus dem dritten Münchmeyer-Roman versucht, die nicht in den Bänden 64 und 65 berücksichtigt wurden: Aus dem Kelch des Schicksals und Der Doppelgänger, beides Titel von Kandolf. Diese Textfassungen sind gesuchte Einzelstücke auf dem antiquarischen Buchmarkt und dürften in der vorgelegten Form nur wenigen Kennern geläufig sein.

2

Selbst manchem erfahrenen May-Leser werden die vier Fragmente aus des Schriftstellers frühester Schaffenszeit weitestgehend unbekannt sein. Drei davon wurden zwar schon in den Bänden II bis IV der Karl-May-Welten vorgestellt, aber nicht jeder Leser der Gesammelten Werke kennt und liest schließlich auch alle Nebenreihen, sodass hier bestimmt für viele noch eine Neuentdeckung zu machen ist.

Zu den rätselhaftesten Zeugnissen aus Mays früher Autorenzeit gehört der kleine Text Zerrissen, auf einem beidseitig beschriebenen Blatt befindlich, das noch weitere May-Entwürfe enthält und möglicherweise noch vor 1864 entstand. Später wurde es – wahrscheinlich nur zufällig – in das Konvolut der Skizzen zur Posse Die Pantoffelmühle einsortiert. Der Hauptteil der dort enthaltenen erzählerischen, lyrischen und musikalischen Versuche wurde bereits 1999 von mir transkribiert und in den gemeinsam mit Hartmut Kühne verfassten Sammelband Karl May und die Musik aufgenommen. Bei dem musikalischen Entwurf auf der Rückseite des Blattes handelt es sich um jene Fassung von Aennchens Lied (Hast du gesehn auf grüner Au), die in Karl May und die Musik auf S. 239 unter b) aufgeführt ist: in G-Dur, allerdings über die Skizze nicht hinausgehend. May hat sich wohl später endgültig dafür entschieden, das Lied einen Ton tiefer, in F-Dur, zu belassen. Was die weiteren Inhalte der Doppelseite angeht, so sind sie erstmals von Wilhelm Vinzenz und Jürgen Wehnert beschrieben worden.1 Für das spätere Schaffen Mays interessant, aber letztlich kaum auswertbar, ist das ebenfalls auf dem Bogen befindliche Erzählfragment Zerrissen, unter dessen Überschrift das Blatt auch insgesamt angesprochen wird. Hier handelt es sich noch nicht einmal um eine „Exposition“2, sondern höchstens um den Beginn einer solchen ohne großen Erkenntniswert. Das kleine Gedicht Über die Liebe wurde 1999 nicht in Karl May und die Musik gebracht, da kein Zusammenhang mit der Pantoffelmühle zu erkennen war. Übrigens ist das beidseitig beschriebene Blatt von unbekannter Hand beschnitten worden, sodass Textverluste nicht auszuschließen sind. Aber sicherlich freuen sich viele Leser dennoch über diesen kleinen Einblick in Mays frühe Werkstatt.

Eine weitere Rarität aus Mays Werkstatt stellt der Anfang einer Dorfgeschichte mit dem Titel Der verlorene Sohn dar, die hier ihre allererste Veröffentlichung überhaupt erfährt. Es handelt sich um eine Variation über das May’sche Lieblingsthema in Anlehung an das Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium und ist, wie Walther Ilmer, der das Manuskript seinerzeit in Bamberg einsehen konnte, 1995 feststellte, „nach unserem Erkenntnisstand Karl Mays allererster Versuch, das Thema in einer ihm gemäßen Form zu behandeln“.3

Ilmer hat in seinem damaligen Vortrag die Charakteristika des Textes so treffend auf den Punkt gebracht, dass wir hier noch einige Sätze daraus zitieren wollen:

„Anlage und Tenor, Schauplatz und Personal gleichen völlig denen in Karl Mays Erzgebirgischen Dorfgeschichten, die von Verbrechen, Schuld und Sühne handeln […] Die Unterschiede z. B. zu Wanda oder auch zur kurzen Dorfgeschichte Der Samiel, die 1878 einmal veröffentlicht wurde, springen ebenso ins Auge wie die Ähnlichkeiten mit den erzählerischen Qualitäten in z. B. Der Herrgottsengel, Der Teufelsbauer, Der Waldkönig. Als Indiz für eine Niederschrift in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bietet sich vor allem der auffallende Umstand an, dass der – im Fragment leider namenlos bleibende – Titelheld […] gleich beim ersten Anblick der ausdrücklich als Schönheit bezeichneten weiblichen Hauptgestalt dieser verfallen ist – und dass dies schöne Mädchen Emma heißt. […] Hier war ein Könner am Werk. Der Text bricht […] mitten im Satz ab – gerade als der Bösewicht einen Hund auf den Helden hetzt –, und es wird für immer rätselhaft bleiben, welche Ereignisse dem Leser im weiteren Fortgang der Erzählung begegnen sollten und warum und wann Karl May den Faden abriss.“

Der genaue Beginn von Mays schriftstellerischer Tätigkeit ist schwer festzustellen. Gedanken und Pläne sind bereits im Repertorium C. May zu finden, das möglicherweise um 1868 im Arbeitshaus Schloss Osterstein bei Zwickau entstanden war.4 Freilich handelt es sich hier nur um Titelideen, kaum ausgearbeitete Literaturvorschläge, abgesehen von dem etwas ausführlicheren Plan eines Romans „Mensch und Teufel“. Dieter Sudhoff verweist in anderem Zusammenhang auf den Titel „Im alten Neste. Aus dem Leben kleiner Städte“5; ob der 25- bis 26-jährige May mit dem Romantitel Alte Nester des großen und beliebten Romanciers Wilhelm Raabe vertraut war, bleibe dahingestellt. Jedenfalls hat May die Ausführung einer der Humoresken, die ihm unter der Gesamtüberschrift „Im alten Neste“ vorschwebten, zumindest begonnen. Das 2006 in Band II der Karl-May-Welten erstmals veröffentlichte Textfragment In den Eiern (ein beidseitig beschriebenes Manuskriptblatt) erhält nunmehr auch seinen Platz in den Gesammelten Werken, auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht sonderlich ergiebig erscheinen mag.

Die Erzählsituation, die die Geschichte offenbar rahmen soll, war May sicher von früh an vertraut: Wirtshaus- und Stammtischrunden, auch Gespräche unter guten Freunden, waren in Ernstthal wie überall in Dörfern und kleinen Städten an der Tagesordnung, und May hat diesen Rahmen auch sonst schon im Frühwerk ausgiebig verwendet, etwa in Ausgeräuchert oder der Humoreske Im Wollteufel. Die Runde bei Mutter Thick im ursprünglichen Old Surehand II dagegen dürfte doch stärker durch Wilhelm Hauffs Wirtshaus im Spessart inspiriert gewesen sein: Erzählketten, eingebettet in einen mehr oder weniger mit den Einzelgeschichten verknüpften Rahmen. Beim Surehand-Band von 1895 wurde Not zur Tugend, weil der Erzähler Karl May jetzt einen ganzen Fehsenfeld-Band mit altem Material aus seiner Schublade füllen konnte, ohne allzu sehr an der Fortsetzung der festgefahrenen Surehand-Grundhandlung arbeiten zu müssen.6

Zu schade, dass In den Eiern so plötzlich abbricht, sodass der Leser niemals erfährt, wie Karoline, die Frau des Erzählers August, von ihrem „Katzenfieber“ geheilt wurde und welche Rolle die ominösen Eier und der nur einmal erwähnte Tierarzt Goldschmidt dabei spielten. Immerhin hat May später in seinem Zeitschriftenroman Scepter und Hammer ein Paar Karl Goldschmidt (Schriftsteller und Revolutionär zugleich) und Emma Vollmer (flatterhaft und ungetreu, aber schön anzusehen) genannt. Damals gab es aber die Emma May geb. Pollmer schon in seinem Leben; bei der Heirat am 17. August 1880 in Ernstthal war der betreffende Band des Romanerstdrucks in All-Deutschland bereits fast abgeschlossen.

Die erzgebirgische Dorfgeschichte Der Herrgottsengel erschien 1878 in der Dresdener Zeitschrift Deutsche Boten unter dem Pseudonym Emma Pollmer, eine Hommage Karl Mays an seine damalige Verlobte. Die Handlung ist geprägt von einer Kriminalgeschichte, die nicht nur Jürgen Wehnert recht unmotiviert erscheinen musste7, denn das Verbrechen spielt sich in einem dunklen Zechenhaus ab. Trotzdem kann der wahre Verbrecher erkannt und erpresst werden! Das Motiv der Unschuld, die sich selbst versehentlich für schuldig hält, wie auch die Doppelrolle des „Klapperbein“ – einerseits Trauernder am Grab der ermordeten Geliebten, andererseits übermächtiger, geradezu gottgleicher „Herrgottsengel“, der „für Recht und Ordnung“8 eintritt und dies gelegentlich mit einem Jagdhieb, über den sich Dr. Sternau und Old Shatterhand gefreut hätten – deuten auf eher tiefenpsychologische Hintergründe hin: die Auseinandersetzung Mays mit seiner kriminellen Vergangenheit, wobei er sich im tiefsten Inneren für unschuldig hielt, sowie sein kindlicher (aber ebenso tief empfundener) Glaube an höhere Mächte und an gütige, in das menschliche Leben eingreifende Schutzengel – diese Motive finden sich bis zum Old Surehand III reichlich in seinen Texten.

Das Nebeneinander von realistischer Dorfgeschichte und religiöser, fast märchenhafter Thematik mag ein Manko des Herrgottsengel-Textes darstellen. May hat in späteren Dorfgeschichten eine Überfrachtung mit übersinnlich-fantastischer Motivik vermieden. Interessant ist freilich ein längerer Entwurf auf zwei eng beschriebenen Quartblättern, der – auf Grund von Hinweisen von Dr. Wilhelm Vinzenz – 2009 erstmals publiziert, von Wilhelm Vinzenz und Roderich Haug sorgsam rekonstruiert und von Dr. Jürgen Wehnert erläutert wurde.9 In diesem Manuskript sind große Teile vom 1. Kapitel des 1878 veröffentlichten Herrgottsengel bereits vorformuliert. May hat in der späteren Zeitschriftenfassung allerdings nicht nur einige Hauptfiguren umbenannt, sondern vor allem den Erzählfluss verbreitert und zahlreiche Details hinzugefügt. Der Entwurf ist schwer zu datieren; es lässt sich aber vermuten, dass er erst nach 1874 entstand, also nicht schon in Osterstein. Die Wandlung Mays vom suchenden Anfänger zum stilsicheren ‚Lehrling‘ lässt sich an den Unterschieden zwischen Entwurfsfassung und dem 1. Kapitel des Zeitschriftentextes ablesen. Dabei hat er nicht nur Dialoge eingebaut und den Erzählfluss dadurch länger und ausführlicher gemacht, sondern deskriptive Passagen und kurze Zwischensätze zeugen auch von einem gesteigerten und gestärkten erzählerischen Bewusstsein.

Während die sechs Erzählungen dieses Bandes der heute gültigen Rechtschreibung angepasst wurden (ansonsten aber inhaltlich und stilistisch unbearbeitet blieben), werden die vier Fragmente in Orthografie und Interpunktion zeichengetreu so wiedergegeben, wie May sie geschrieben hat, inklusive aller Fehler und Seltsamkeiten. Streichungen in den Handschriften sind kenntlich gemacht, Wort- oder Zeichenergänzungen der Herausgeber an Stellen, wo der Autor offensichtlich etwas vergaß oder wo durch Beschädigungen am Papier Textverluste entstanden, stehen in eckigen Klammern.

3

Zu den Produktionen, die man Karl Mays ‚Gesellenzeit‘ zurechnen würde, gehören Veröffentlichungen in Zeitungen wie Feierstunden am häuslichen Heerde oder Deutsches Familienblatt, die May selbst für Münchmeyer redigierte, Arbeiten wie der Roman Auf der See gefangen für die Frohen Stunden des Dresdner Verlags Bruno Radelli, daneben Dorfgeschichten aus der erzgebirgischen Heimat und erste ‚exotische‘ Gehversuche wie Old Firehand oder Leilet, zeitgeschichtliche Anekdoten um die historische Figur Leopold I. von Anhalt-Dessau („Alter Dessauer“ genannt) und Humoresken, teils mit historischem Personal (wie Die Kriegskasse oder Husarenstreiche), teils schwankhaft, mitunter auch dialektal geprägt (Ausgeräuchert, Im Wasserständer, Im Seegerkasten), teils beherrscht von einer Situationskomik, die man aus Lustspielen, Schwänken und dem ‚Vaudeville‘ kennt, mit wiedererkennbaren Typen – der hagere Alte, die dicke ‚Mamsell‘, die jungen Liebenden.

Immer wieder variiert May in solch frühen humoristischen Gehversuchen der ‚Gesellenzeit‘ die Ausgangssituation des Paars, das (vorerst) nicht zusammenkommt, weil er arm und nicht sesshaft ist, sie hingegen eine präsumtive reiche Erbin oder das Mündel eines hochangesehenen Honoratioren oder zumindest bei einem solchen in Dienst. Gern hat er sich als Motiv auch des ‚geplatzten Stelldicheins‘ bedient, so etwa in der Dialekt-Humoreske Ausgeräuchert und ihrer späteren Variante Die Laubthaler. Hier spielt jeweils auch das Thema des reichen Geldfunds (Taler aus der Franzosenzeit) eine Rolle. Schätze und Schatzgräber sind ein ‚running gag‘ im May’schen Werk geworden, oft mit ernsten Untertönen. Je älter May wurde, umso deutlicher distanzierte er sich von der Jagd nach Materiellem, dem „Deadly dust“, wie das in einer frühen Winnetou-Geschichte heißt.

Im Frühwerk sind diese Schätze, nach denen meist schon lang und vergeblich gefahndet worden war, noch harmloser Natur; die Auffindung des pekuniären Schatzes führt zum Gewinn des geliebten weiblichen Schatzes, mit oder ohne Komplikationen.

May selbst wird sich der Harmlosigkeit dieser Plots bewusst gewesen sein, so suchte er nach Kombinationen; Variationen und Erweiterungen seiner simplen Grundmotive; ein schönes Beispiel dafür ist die kleine Novelle vom Ducatennest, wo das Talerversteck in der Großvateruhr (bekannt auch aus dem Seegerkasten10) kombiniert wird mit der Situationskomik des heimkehrenden Ratsherrn, der dummerweise in den Wasserständer gerät, den die jungen Leute statt des bequemen Stuhls aufgestellt hatten, bevor ihr Stelldichein durch das verfrühte Eintreffen des Epperlein gestört wurde. Mechanische Komik, repetierter Humor und ein (echter) Sinn für komische Situationen und deren erzählerische Aufbereitung zeigen im Ducatennest, dass May viel gelernt hatte als Erzähler, auch wenn die frühen, simplen Fassungen seiner komischen Geschichten manchmal überzeugender wirken eben durch den Verzicht auf Kombinationen und erzählerische Raffinesse.

4

Nicht immer gehen die Einschätzungen der Karl-MayForscher über den Wert gewisser Werke des ‚Maysters‘ d’accord. Im Reprint Unter den Werbern von 1986 hatte ich die gleichnamige Dessauer-Geschichte als Talentprobe eines noch unerfahrenen Fabulierers bezeichnet und handwerkliche Mängel festgestellt.11 Der akribische, aber nicht unumstrittene May-Exeget Klaus Eggers meinte, meine Kritik würde den May’schen Intentionen nicht gerecht12, weil er in Mays Frühwerken eine Vorwegnahme späterer Motive und Themen des Oeuvres erblicken wollte. Tatsächlich sind beide Standpunkte durchaus miteinander vereinbar. Wenn man erkennt, dass May in seinen frühen Zeitschriftenveröffentlichungen logische und sprachliche Fehler unterliefen oder manche Figuren und Handlungsverläufe arg unglaubwürdig wirken, so kann man trotzdem Motive, Figuren und Techniken erkennen, die auf Späteres – und handwerklich Besseres – vorausweisen.

Eine Weile wurde unter den May-Kennern gern darüber debattiert, welche Teile etwa in den MünchmeyerRomanen vielleicht gar nicht von Karl May stammen. Auf seltsame Inkongruenzen in der Handlung der MünchmeyerErstausgabe vom Waldröschen wies schon Edmund-Kara Jendrewski hin; ob ein ganzes Kapitel im Erstdruck von 1882ff. fortgefallen sein könnte, darüber lässt sich nur spekulieren.13 Zweifel äußerte auch Walther Ilmer an der Authentizität des letzten Kapitels von Deutsche Herzen, deutsche Helden, das die Handlung leider keineswegs zu einem guten (oder wenigstens befriedigenden) Schluss bringt und das Hauptgeheimnis im Dunkeln lässt. Diskutiert wurde schließlich die Triest-Episode aus Der Weg zum Glück mit der Mädchenhändlergeschichte (heute in leicht ‚begradigter‘ Neufassung in GW Band 78, Das Rätsel von Miramare). Andererseits scheint hier jemand deutlich zeitgenössische Quellen, Reiseführer und ähnliches zu Miramare benutzt, gesichtet und ausgewertet zu haben – wäre das jemand anderem bei Münchmeyer zuzutrauen, wenn nicht Karl May selbst?

Für alle diese Überlegungen und Hypothesen gibt es Indizien, aber keine Beweise. Es mag auch sein, dass das Schreiben solcher Riesenromane den Autor May dermaßen überforderte (zumal er auch anderes parallel schrieb), dass seltsame Schlusskapitel oder Prä-Schlussepisoden ein Zeichen der Erschöpfung des Autors waren und kein Indiz für Einschübe von fremder Hand.

Das 10. Kapitel des Romans Der Weg zum Glück spielt in Wien, in einer ganz anderen Atmosphäre als die dörflichen Episoden um den Kerybauern oder den weiblichen Samiel (= die Kronenbäuerin Martha). Ein Grundthema, das den Roman durchzieht, ist die Frage nach der ‚wahren‘ Kunst. Viele Künstler stellt das Buch vor: die wahnsinnige (oder hellsichtige) Dichterin Franza von Stauffen, den genialen Geiger Fex (alias Curty von Gulijan), den Dichter und Lehrer Max Walther, den begabten Zeichner und Maler Johannes Weise. Besonders aber sind es zwei Gestalten, die den Leser fesseln: die Sennerin Murenleni und ihr Freund, der Krikelanton, Gamsjäger und Wilderer. Hier hat May eine Liebesgeschichte entworfen, die einmal nicht zu einem Happy End führt. Zwar beherrschen beide, Leni und Anton, in besonderer Weise die Kunst, mit ihren geschulten Stimmen zu begeistern, ja die Welt zu erobern. Während Leni (alias Ubertinka) sich aber der „Reinheit“ ihrer Kunst verschrieben hat und auch in ihrer persönlichen Lebensführung moralischen Grundsätzen streng verpflichtet bleibt, verfällt Anton (alias Tenor Criquolini) den Verführungen einer ausschweifenden Lebensweise (Wein, Weib und Gesang sozusagen) und den Einflüsterungen der üppigen Kokotte Valeska, die ihrerseits die Geliebte des Einbrechers Salek ist (was Anton natürlich nicht weiß).

Karl May hat ausführlich und einigermaßen detailverliebt das Leben Antons und seiner Ausschweifungen beschrieben; dabei gerät auch immer wieder Wiener Lokalkolorit ins Visier, trotz mancher kolportagetypischer Zeilenschinderei. Während der moralische Verfall Antons einerseits dazu führt, dass sich Leni von ihm abwendet und ihre Zuneigung einem moralisch höherstehenden Aristokraten, dem Grafen von Senftenberg schenkt, wird „Criquolini“ am Ende recht drastisch vorgeführt, wie tief er gesunken ist und dass er bloß das dumme Opfer eines dreisten Gaunerpärchens war. Mit dieser Hauptmotivik ist in der Wien-Episode eine zweite verbunden: Ein Verwandter Curty von Gulijans (des ehemaligen Fex) lässt Salek die Papiere Curtys stehlen, um ihn um seine Familienbesitztümer zu bringen. Auch diese Intrige wird von der Polizei unter tätiger Mithilfe des alten Wurzelsepps aufgedeckt und verhindert.

Wenn wir erstmals im Rahmen der Gesammelten Werke das Wien-Kapitel aus dem Weg zum Glück wieder im ursprünglichen Text vorlegen, so geschieht das in vollem Bewusstsein der kolportage- und genretypischen Schwächen und Fehler des Münchmeyer-Textes. Gleichzeitig wirft diese Episode auch ein bezeichnendes Licht auf die von Mays Zeitgenossen, etwa Hermann Cardauns, behauptete „abgrundtiefe Unsittlichkeit“ der May’schen Kolportage. Ja, May verlegte Teile seiner Handlung in den Bereich des sittlich Anstößigen, wobei außer den drastischen Beschreibungen des Rauschs, den sich Anton und sein (falscher) Freund Baron Stubbenau antrinken, kaum etwas wirklich die Gefühle der Leser peinlich berührt haben dürfte. Die Reize Valeskas werden z. B. für Münchmeyers ‚Wogende-BusenStil‘ geradezu dezent angedeutet. Alle diese ‚pikanten‘ Momente dienen aber bei May einer höheren Moral: Dekadenz ist Zeichen moralischer Schwäche, wahre Kunst aber untadelig. So ist das scheinbar Anstößige als Hilfsmittel im Dienst einer (allerdings auch ein wenig kitschigen) Kunstmoral zu verstehen.

Band 90 wird abgerundet durch zwei Bearbeitungen aus der Feder Franz Kandolfs, die seit den 1930er-Jahren nicht wieder neu aufgelegt wurden und daher gerade für diejenigen, welche an Editions- und Verlagsgeschichte interessiert sind, von besonderem Reiz sein mögen. Die damals in der Zeitschrift Das Vaterhaus erschienene Fassung der dem Verlorenen Sohn entstammenden Buchbinder-HeilmannGeschichte mit dem Titel Aus dem Kelch des Schicksals diente 1985 als Vorlage für einen Teil von Band 74. Dabei wurden allerdings die religiösen Anspielungen und einige typische Merkmale von Kandolfs Stil getilgt. Vom seinerzeit in der weniger bekannten Zeitschrift Illustrierte Roman-Woche abgedruckten Der Doppelgänger war den Bearbeitern von Band 74 nur der Titel bekannt, und dass es sich um eine ‚entflochtene‘ Episode aus dem Verlorenen Sohn um die beiden Köhlersleute und ihren Verwandten aus Amerika handelt, dessen Rolle zeitweilig von einem betrügerischen Verbrecher auf der Flucht übernommen wird.

Die Version in Band 74 unterscheidet sich deutlich von der hier abgedruckten Kandolf-Fassung des Jahres 1934, sodass der neue Band 90 auch hiermit den Kennern und Liebhabern der May’schen Werke Neues und Abwechslungsreiches bringt.

Christoph F. Lorenz

VERSCHWÖRUNG IN WIEN

Die in Wien so wohlbekannte Equipage des Grafen Senftenberg rollte, von zwei prachtvollen Goldfüchsen gezogen, über den Kolowrat-Ring am Stadtpark vorüber, durch den Stubenring über die Aspernbrücke, bog dann links in die untere Donaustraße und lenkte rechts in die große Mohrengasse ein, wo sie vor einem sehr ansehnlichen Haus hielt, dem anzusehen war, dass es nur von feinen, wohlsituierten Leuten bewohnt wurde.

In dem Wagen saßen drei junge Herren, die sich während der Fahrt in einer mehr als lebhaften Unterhaltung befunden hatten. Obgleich es noch nicht die Zeit des Diners war, schienen sie sich doch bereits in eine sehr animierte Stimmung getrunken zu haben. Sie lachten überlaut und machten sich ganz und gar nichts aus dem Lächeln, mit welchem die Passanten ihnen nachblickten.

Nur einer von ihnen, der Graf selbst, verriet die glückliche Gabe, trotz des kleinen Rausches, den er besaß, die Würde seines Standes leidlich zu bewahren. Die beiden anderen aber waren so ausgelassen, dass er sie öfters durch ein wohlgemeintes „Na, na, pst, pst“ in engere Schranken verweisen musste.

Sie kamen aus einem jener Frühstückslokale, in denen die gutsituierte Jugend ihre Guldennoten anlegt, um dafür im Alter ein mehr oder weniger ausgiebiges Podagra einzuheimsen. Dort hatten sie einige Dutzend Austern verzehrt, mehrere Flaschen Sekt dazu ausgestochen, dann ein kleines Spielchen gemacht, zu welchem natürlich nur ein schwerer aber ‚süffiger‘ Burgunder getrunken werden konnte, und dann hatte es sich herausgestellt, dass Champagner und Burgunder eigentlich nicht gut harmonieren. Die beiden so verschiedenen Gaben des Bacchus waren in den Köpfen der Zecher miteinander in Konflikt geraten, und darüber war den Letzteren der sowohl jungen als auch alten Leuten so wohlanstehende Ernst verloren gegangen.

Jetzt hielt die Equipage vor einem Haus in der Mohrengasse. Der Diener sprang vom hinteren Tritt herab und öffnete den Wagenschlag. Er ließ dabei jenes ergeben-pfiffige Gesicht sehen, welches vertraute Domestiken zu zeigen pflegen, wenn sie die Ehre haben, Zeugen einer kleinen, liebenswürdigen Schwachheit ihrer Herren zu sein.

„Hier scheiden wir also, meine Herren“, sagte der Graf. „Steigen Sie mit aus, Baron, oder fahre ich Sie auch nach Ihrer Wohnung?“

Derjenige der beiden anderen, an welchen die Frage gerichtet war, trug einen sehr eleganten, ja ‚feschen‘ Wiener Anzug nach dem allerneuesten Schnitt und Muster. Die Linke war behandschuht, die Rechte nicht. An den Fingern dieser Letzteren glänzten mehrere Ringe, deren Steine nur ein ganz besonderer Kenner für wertlose Nachbildungen hätte erklären können. Er war, das sah man auf den ersten Blick, ein ausgesprochener Dandy und hatte die nachlässige, gelangweilte Haltung jener Flaneure, welche sich in ihren müßigen Stunden – und jede Stunde ist bei ihnen müßig – auf den eleganteren Straßen herumtreiben und dem Leben keinen besonderen Reiz mehr abgewinnen können, weil sie die liebenswürdigen Seiten desselben bereits im Übermaß kennengelernt und genossen haben.

Sein Gesicht war glattrasiert und stark gepudert, vielleicht um gewisse Spuren, welche eine ausverkaufte Jugend zurückzulassen pflegt, weniger bemerkbar zu machen. Seine Brauen und Wimpern waren schwarz gefärbt, um dem Blick des matten Auges mehr Intensität zu erteilen. Die perlenweißen Zähne waren viel zu schön, als dass man sie für echt hätte halten können, und der Mund schien durch Anwendung einer Lippenpomade künstlich aufgefrischt worden zu sein. Dies alles gab dem Gesicht etwas Unechtes, Wachsfigurenähnliches und verdeckte trotzdem nicht den Ausdruck scheuer Unsicherheit, welcher darüber ausgebreitet lag und sich in dem ganzen Wesen und Gebaren des jungen Mannes aussprach. Wenn man überhaupt die Erlaubnis hat, einen Menschen mit irgendeinem Tier zu vergleichen, so glich der Baron einer schön gezeichneten und wohlgenährten Katze, welche jeden Augenblick bereit ist, irgendeinem ihr feindseligen Wesen zu entwischen.

„Danke, Graf“, antwortete er. „Ich werde mir die Ehre geben, unseren Künstler zunächst in sein Heim zu geleiten, denn…“

Ein bezeichnender Blick sagte das, was auszusprechen er unterlassen hatte. Der dritte der jungen Herren, von kräftiger Gestalt, dessen kühn geschnittenes Gesicht etwas verlebt aussah, hatte sich jedenfalls den bedeutendsten Rausch angetrunken. Seine Lider waren müd auf die Augen gesenkt, dennoch bemerkte er den Blick des Barons und sagte lachend:

„Lieber Freund, denke nicht, dass du das nötig hast. Ich erreiche meine Bude auch ohne fremde Hilfe.“

„Darüber gibt es ja gar keinen Zweifel, mein Bester. Du wohnst ja im Parterre, aber ohne ein kleines Straucheln wird es nicht abgehen. Darum ist es besser, ich begleite dich. Komm!“

Der Künstler stieg mit Hilfe des Dieners aus dem Wagen. Seine Bewegungen waren schwer und unsicher. Der Baron nickte dem Diener vertraulich zu, ergriff den Künstler beim Arm und wendete sich zum Grafen:

„Sehen wir uns heut Abend wieder?“

„Schwerlich. Ich bin engagiert.“

„Ah! In interessanter Weise?“

„Nicht so, wie Sie denken, mein lieber Baron. Ich bin zum Kommerzienrat Hamberger geladen.“

„Puh! Und da gehen Sie?“

„Warum nicht?“

„Zu einem Juden und Parvenü!“

„Pah! Man sieht dort feine Leute; ihretwegen gehe ich hin, nicht seinetwegen.“

„Dann viel Vergnügen! Und morgen natürlich wieder zum Frühstück?“

„Werde eintreffen! Vorwärts, Jean!“

Der Diener war wieder hinten aufgestiegen und die Equipage rollte auf dem hartgefrorenen Boden weiter.

Der Baron geleitete den Künstler die Stufen zum Parterre empor. Ein Livréediener, der beide hatte kommen sehen, öffnete eine Tür, an welcher schwarz auf weißem Porzellan zu lesen war: „Guiseppe Criquolini“. Die beiden traten ein und begaben sich durch das Vorzimmer nach einem kleinen, sehr hübsch ausgestatteten Herrensalon.

Dort fiel der Besitzer des Logis auf die Ottomane, streckte sich lang auf dieselbe aus, die Stiefel ungeniert auf das seidene Sofakissen legend, und sagte:

„Habe doch des Guten zu viel getan! Der Burgunder war vom Teufel gekeltert.“

„Und der Sekt vom Erzengel Michael. Darum wirbelt einem nun Höllisches und Himmlisches im Kopf herum und es ist kein Wunder, wenn der schwache Mensch in diesem Kampf unterliegen muss. Auch mir geht es so ziemlich wie dir. Soll ich vielleicht nach einem Selters klingeln?“

„Tu es! Aber ich mag jetzt vom Wasser nichts wissen. Ersäufe dich also allein darin. Ich werde, wenn du fort bist, ein Schläfchen machen.“

„Vielleicht tu ich das zu Hause auch.“

Er drückte an der silbernen Glocke, welche auf dem Tisch stand. Der Livréediener erschien und erhielt den Befehl, eine Flasche Selters zu bringen. Er trat, die Tür gleich offen lassend, ins Vorzimmer zurück und brachte das Verlangte herein. Dabei lächelte er auf eine Weise, als ob er sagen wollte: „Habe sie bereitgehalten, denn ich ahnte, was den Herren dienlich sein werde.“

Als er hinaus war, lachte der Baron:

„Hast einen vortrefflichen dienstbaren Geist. Er scheint ein guter Gedankenleser zu sein.“

„Ist kein Wunder! Die drei Wochen, seit denen er bei mir ist, bin ich täglich frühstücken gegangen und ebenso täglich so heiter nach Hause gekommen. Da hat er gelernt, das Selters- oder Sodawasser bereitzuhalten. Ich muss offen gestehen, dass man hier in Wien zu leben versteht.“

„Besonders wenn man sich an Kavaliere, wie Graf Senftenberg einer ist, anschließen darf.“

„Ja. Ein vortrefflicher Kerl! Nicht?“

„Ausgezeichnet! Ich kenne keinen Zweiten.“

„Er muss ungeheuer reich sein!“

„Das hört man allgemein. Er soll bedeutende Besitzungen in Ungarn und Siebenbürgen haben und außerdem auch noch in Preußen und Bayern begütert sein. Er fährt mit den besten Pferden, führt ein brillantes Haus, obgleich er unverheiratet ist, hat die besten Weine und verzieht keine Miene, wenn er einen Tausendguldenschein im Spiel verliert.“

„Wie heut wieder! Mensch, du bist ein Glückskind! Gestern gewonnen, heute gewonnen, alle Tage gewonnen! Du hast mir seit einer Woche sicher dreitausend Gulden abgenommen.“

„Das Spiel ist wetterwendisch. Du wirst wohl bald Revanche nehmen.“

„Pah! Ich gehe nicht darauf aus. Ich will mich amüsieren. Wird dieser Wunsch mir erfüllt, so zähle ich den Mammon nicht.“

„Hast’s auch nicht nötig. Deine Kehle bringt dir genug ein. Heutzutage fragt ein Sänger deiner Distinktion nicht nach einer Handvoll Goldstücken.“

„Ja, die Zeiten haben sich geändert. Während Mozart für seine ganze Don Juan-Oper lumpige dreißig Dukaten bekam, verlange ich, um in dieser Oper einmal aufzutreten, das Dreifache. Meine Reise durch die Vereinigten Staaten hat mir ein schönes Sümmchen eingebracht.“

„Das glaube ich! Wenn du so fortfährst, wirst du bald Millionen zählen.“

„So schnell geht das freilich nicht. Mit unserem Grafen Senftenberg werde ich mich in dieser Beziehung niemals messen können. Übrigens, unter uns gesagt, gibt es bei all seiner Liebenswürdigkeit doch einiges, was mir nicht an ihm gefällt.“

„Ist er dir unsympathisch?“

„Das nicht, o nein. Aber er ist und bleibt doch stets Aristokrat.“

„Ja, er ist Vollblut!“

„Ich hätte gar nichts dagegen, wenn er das besser zu maskieren verstünde.“

„Ich habe noch nicht die Erfahrung gemacht, dass er es uns merken lässt. Oder du vielleicht?“

„Hm. Er ist freundlich, zuvorkommend und liebenswürdig, wie man es gar nicht besser verlangen kann; aber doch gibt es zuweilen ein Wort, eine Bewegung, kurz, ein undefinierbares Etwas, durch welches er absichtlich oder unabsichtlich auf die Schranke deutet, über welche wir nicht zu ihm kommen können.“

„Wir?“

Der Baron betonte dieses Wort in eigenartiger Weise und warf dabei dem Sänger einen schnellen, lauernden Blick zu.

„Pardon!“, antwortete dieser. „Du bist Baron, also auch vom Adel, also mag das dir nicht so gelten wie mir. Aber hast du denn noch nicht bemerkt, dass er trotzdem gegen dich zurückhaltender ist als gegen mich?“

„Nein, niemals.“

„So sei einmal aufmerksamer! Es gibt Momente, in denen er dich, ohne dass du es siehst, scharf betrachtet. Erst vorhin, als fünfhundert Gulden auf einer einzigen Karte standen, sah er dir so scharf auf die Finger, als ob er den kolossalen Gedanken hegte, dass du ein Falschspieler seist.“

„Donnerwetter!“, brauste der Baron auf. „Das will ich mir verbitten!“

„Ich nehme an, dass du mir diese freundschaftliche Bemerkung nicht übel nimmst. Oder doch?“

„Nein, obgleich ich sie auch verstehen würde, wenn es dir beliebte, sie in weniger beleidigende Ausdrücke zu kleiden.“

„Unsinn! Ich bin aufrichtig und nenne das Ding beim richtigen Namen. Gestern Abend kam im Casino die Rede auf dich. Du warst nicht da. Dein Name Stubbenau sollte, nach der Meinung einiger Herren, nicht im Adelskalender zu finden sein…“

„O bitte!“, fiel der Baron eifrig ein. „Die Herren von der Stubbenau bilden ein sehr altes Geschlecht. Unsere Ahnen stammen aus Livland. Später gingen sie nach Russland, und zwar bereits vor Peter dem Großen. Darum wird unser Name nicht im Gothaer Adelskalender zu finden sein, wohl aber in den Kavalierregistern Russlands. In diese mögen die Herren blicken, welche es wagen, an der Echtheit meines Adelsbriefes zu zweifeln. Übrigens bin ich in jedem Augenblick bereit, ihnen meinen Stammbaum mit dem Degen ins Gesicht zu zeichnen. Wer waren denn die Betreffenden?“

Der Sänger hatte die Auslassung des Barons ruhig angehört, indem er dabei mechanisch einen seiner Ringe am Finger auf und ab drehte. Er antwortete gleichmütig:

„Das habe ich mir freilich nicht gemerkt. Weißt du, das Gespräch war ein sehr lebhaftes. Da kann man nicht im Gedächtnis behalten, wer der Autor gewisser, bestimmter Worte ist.“

„Aber du sprachst ja vom Grafen!“

„Den habe ich nicht gemeint.“

„Er verhielt sich still?“

„Ja. Nur als die Rede auf deine Güter kam, da machte er eine kleine Bemerkung.“

„Welche?“

„Kann mich auch nicht genau besinnen.“

„Das tut mir leid. Es wäre mir wirklich sehr lieb, wenn du dich genau erinnern könntest.“

„So! Hm! Wie war es doch nur? Ich glaube, dass er meinte, dass – ah, mein Ring!“

Der Ring, mit welchem er gespielt hatte, war seiner Hand entfallen und herunter auf den Boden gerollt. Der Baron stand dienstfertig von seinem Stuhl auf. Er sah den Ring liegen, tat aber so, als ob er ihn vergeblich suche.

Der Sänger blieb ruhig auf der Ottomane liegen. Der Wein hatte ihn schwerfällig gemacht.

„Lass ihn!“, sagte er. „Er muss sich ja finden.“

„Ist er kostbar?“

„Ja. Ein Diamant von fünfzehn Karat.“

„So darf man nicht so sorglos sein.“

„Pah! Er liegt in meiner Stube. Er kann also nicht verschwinden.“

„Dennoch wollen wir nachsehen, ob er vielleicht unter den Diwan gerollt ist.“

Er bückte sich, um unter das erwähnte Möbel zu blicken, und legte dabei seine Hand genau auf die Stelle, an welcher der Ring lag. Er ergriff ihn, ohne dass der Sänger es bemerkte, hielt ihn zwischen den Fingern fest, erhob sich nach kurzer Zeit wieder und sagte:

„Ich sehe ihn wirklich nicht.“

„So lass doch nur! Mein Diener muss ihn ja finden. Du bist doch nicht etwa da, um ihm Handlangerdienste zu leisten.“

Der Baron begab sich auf seinen Stuhl zurück und ließ dann gelegentlich den Ring heimlich in seiner Tasche verschwinden.

„Nun also, besinnst du dich?“, fragte er, das unterbrochene Gespräch wieder aufnehmend.

„Will sehen. Wenn ich es mir recht überlege, so war die Rede davon, dass du behauptet hast, bedeutende Güter in der Ukraine zu besitzen.“

„Hat man etwa daran gezweifelt?“

„Hm! Man schien allerdings Zweifel zu hegen.“

„Donnerwetter! Man mag das mich ja nicht etwa hören lassen!“

Er tat sehr zornig, doch hätte der Sänger, wenn er aufmerksamer gewesen wäre, bemerken müssen, dass dieser Zorn mit einem guten Teil von Verlegenheit gemischt war.

„Nun, mir ist es ja ganz gleich, wo deine Güter liegen. Aber Graf Senftenberg bemerkte, dass in der Ukraine der Name Stubbenau vollständig unbekannt sei.“

„Wie kann er das wissen?“

„Weil er auch dort ebenso wie in der Krim begütert ist.“

„Davon weiß ich nichts.“

„Aber ich weiß es genau.“

„Kann er nicht ebenso gut flunkern, wie ich geflunkert haben soll?“

„O nein. Ich war bei ihm, als er eben mit einem der dortigen Inspektoren verhandelte, und habe alles mit angehört. Er muss wirklich steinreich sein.“

„So mag er sich um seine Liegenschaften bekümmern, aber ja nicht um die meinigen!“

„Wenn seine Bemerkung dich beleidigt, so will ich ihm sagen, dass du wünschst, er solle sie zurücknehmen.“

„Wie meinst du das?“

„Nun, du hast ja vorhin von deinem Degen gesprochen, wenn ich mich recht erinnere.“

„Du sprichst, wie es scheint, von einem Duell?“

„Natürlich!“

„Fällt mir nicht ein!“

„So! Dann hast du kälteres Blut als ich. Wenn ich gesagt hätte, dass ich Besitzungen in der Ukraine hätte, und irgendeiner behauptete, dass mein Name dort nicht bekannt sei, den wollte ich koramieren14!“

„Ich bin ein Edelmann, aber kein Raufbold. Übrigens bin ich kein Anhänger der Lehre von der absoluten Notwendigkeit des Zweikampfs. Ich kann beleidigt worden sein und dann sogar auch noch im Duell den Kürzeren ziehen. Ich bin also doppelt bestraft, muss mich auch noch zu längerer Festungshaft verurteilen lassen und – was habe ich davon?“

„Du denkst sehr praktisch!“

„Ja. Übrigens will ich annehmen, dass der Graf seine Worte nicht so scharf gemeint hat, wie es den Anschein hat haben können. Er ist ein famoser Gesellschafter und ich will mich nicht mit ihm verfeinden.“

Dass er sich nicht mit ihm verfeinden wollte, zwecks der Gelegenheit, ihm im Spiel auch fernerhin durch falsche Karten das Geld abzunehmen, das verschwieg er natürlich.

„Ganz wie du willst“, nickte der Sänger.

„Übrigens habe ich auch auf dich Rücksicht zu nehmen, lieber Criquolini!“

„Auf mich? Nicht dass ich wüsste.“

„Ist es dir so gleichgültig, ob der Graf es erfährt oder nicht, dass du mir seine Äußerung mitgeteilt hast?“

„Das ist mir wirklich sehr egal.“

„So liegt dir an seiner Freundschaft nichts?“

„O doch! Aber ich denke, dass er vertreten soll, was er sagt; darum halte ich es keineswegs für eine Indiskretion, dass ich dir gesagt habe, was er geäußert hat. Übrigens ist er wohl nicht der Mann, welcher aus Feigheit einem Duell aus dem Weg gehen würde.“

„Lassen wir das! Ich weiß nun, woran ich bin, und im Übrigen ist mir die ganze Geschichte lächerlich! Wie weit bist du mit deiner Tänzerin?“

„Mit Valeska?“

„Ja. Oder interessierst du dich für mehrere Tänzerinnen? Es wäre dir zuzutrauen.“

„Da irrst du. Ich kenne nur diese eine.“

„Allerdings auch die interessanteste!“

„Das ist sie. Sie ist ein Engel.“

„Das sagt ein jeder von seiner Angebeteten.“

„Sapperment! Bist du anderer Meinung?“

Der Sänger setzte sich aufrecht. Er hatte seine Frage in einem beinahe drohenden Ton ausgesprochen und blickte dem andern herausfordernd entgegen.

„Bring mich nicht gleich um!“, lachte dieser. „Ich glaube, du könntest für dieses Mädchen irgendeine große Dummheit begehen!“

„Welche meinst du?“

„Dich mit mir verfeinden.“

„Das könnte ich allerdings. Ich könnte mich ihretwegen sogar sofort mit aller Welt verfeinden. Ich liebe sie! Hörst du es, ich liebe sie!“

Der Baron ließ ein kurzes Lachen hören und antwortete, leicht mit dem Kopf nickend:

„Gut! Ich glaube es dir! Man liebt. Das heißt, man liebt die Eine, nachdem man die Vorige geliebt hat, und wird, wenn man ihrer überdrüssig ist, die Nächste lieben.“

„Da täuschst du dich in mir. Ich liebe sie wirklich. Ich werde sie heiraten!“

„Criquolini!“

„Was? Hast du etwas dagegen?“

„Mensch, blitze mich nicht mit solchen Augen an! Ich habe es ja gar nicht bös gemeint. Ich bin aber nur der Überzeugung, dass man recht herzhaft lieben kann, ohne grad an das Heiraten zu denken. Es ist nicht notwendig, dass aus jedem Liebhaber schleunigst ein Ehemann und Familienvater wird.“

„Das habe ich auch gar nicht behaupten wollen. Auch ich habe das Leben genossen und wohl manche kennengelernt, welche mir gefiel. Wenn aber dann die richtige Liebe eintritt, dann, dann – nun dann heiratet man eben.“

„Eine Tänzerin?“

„Warum nicht? Ist eine Tänzerin ein verächtliches Geschöpf? Muss sie etwa weniger wert sein als jede andere?“

„Das behaupte ich nicht. Aber sie gehört einem Stand, sagen wir, einem Handwerk an, dessen Genossen nicht in dem frömmsten Ruf stehen.“

„Das mag sein. Aber es gibt Ausnahmen und meine Valeska ist eine solche!“

„Ich wünsche, dass du dich nicht irrst.“

„Ich weiß es gewiss und bin bereit, eine jede Wette mit einzugehen.“

„Nun, bei mir findest du keine Gelegenheit, diese Wette anzubringen. Ich will es dir gern gönnen, wenn du glücklich mit ihr wirst.“

„Das hoffe ich. Übrigens gehöre ich nicht zu den Dummköpfen, welche sich in ein hübsches Gesicht vergaffen und sich dann mit aller Gewalt ins Elend stürzen. Ich prüfe.“

„Und sie hat die Prüfung bestanden?“

„Bisher, ja!“

„Aber weiter?“

„Die Hauptprüfung soll noch erfolgen.“

Da legte der Baron die Beine bequem übereinander, nahm jene Haltung an, in welcher man eine interessante Mitteilung gern entgegenzunehmen pflegt, und sagte:

„Da bin ich doch begierig, zu erfahren, worin diese Hauptprüfung bestehen soll.“

„Dir gegenüber brauche ich wohl kein Geheimnis daraus zu machen.“

„Gewiss nicht. Meiner Diskretion kannst du auf alle Fälle versichert sein.“

„Das setz ich voraus. Du kennst zwar meine Angebetete nicht, aber…“

Der Baron machte bei diesen Worten des Sängers ein Gesicht, welches dem Letzteren so auffiel, dass er, sich unterbrechend, fragte:

„Oder solltest du sie doch kennen?“

„Natürlich!“, antwortete der Gefragte, sein Gesicht schnell in bessere Beherrschung nehmend.

„Genau?“

„Ich habe sie im Theater tanzen sehen.“

„Ach so! Also eine nähere Bekanntschaft ist es nicht?“

„Nein!“

„Ich glaubte, aus deiner Miene entnehmen zu sollen, dass – – na, gut! Also die Damen vom Ballett sind Titeln und Geschenken zugänglich. Valeska soll einen Grafen kennenlernen, welcher sie mit Geschenken reich bedenkt. Zieht sie mich trotzdem ihm vor, nun, so hat sie die Probe bestanden.“

„Gar nicht übel, falls sich nämlich so ein Graf bereitfinden lässt, die Probe vorzunehmen.“

„Habe schon einen.“

„Ach! Doch nicht Senftenberg?“

„Was fällt dir ein! Diesem würde es nie einfallen, sich zu so einer Komödie herzugeben. Schon der bloße Antrag, den ich ihm da machte, würde ihn so beleidigen, dass er blutige Genugtuung forderte.“

„Also einen andern!“

„Ja.“

„Der sich nicht beleidigt fühlt von deinem Wunsch, dass er dir hier dienen möge.“

„Freundchen“, lachte der Sänger, „verstehe mich wohl! Ein wirklicher Graf würde sich nicht dazu hergeben.“

„Ach! Also ein falscher?“

„Ja, ein Talmigraf. Ich kenne einen Schauspieler, einen sehr hübschen und gewandten Kerl, der mit ihr anknüpfen soll.“

„Und ihr große Geschenke machen?“

„Was hast du?“

„Ein Schauspieler, der sich zu so einer Maskerade hergibt, hat sicherlich nicht die Mittel, solche Geschenke zu machen.“

„Ist gar nicht nötig, denn ich habe sie ja.“

„Ach, jetzt verstehe ich dich!“

„Ich bezahle ihn.“

„So wird der Handel für dich nicht sehr vorteilhaft sein!“

„Wieso?“

„Aus einem sehr einfachen Grund. Gibt er sich wirklich Mühe, sie dir abspenstig zu machen, und es gelingt ihm, so hat er von dir kein großes Honorar zu erwarten. Darum wird er sich nicht allzu sehr anstrengen und sie wird dir treu bleiben können. Eine solche Probe hat keinen Wert!“

„Du kennst mich schlecht, ich habe mit ihm ausgemacht, dass er gar nichts bekommt, wenn sie mir treu bleibt. Gelingt es ihm aber, sie binnen einer Woche zu erobern, so erhält er fünfzehnhundert Gulden. Für mich ist diese Summe eine Kleinigkeit, für ihn aber ein Kapital.“

„Wann wird er beginnen?“

„Vielleicht bereits heut.“

„Darf ich erfahren, wie dieser unternehmende Mann heißt?“

„Ich habe ihm versprechen müssen, das zu verschweigen.“

„Auch welchen Grafennamen er tragen wird?“

„Auch das. Übrigens geht mich das gar nichts an. Er mag einen Namen wählen, welchen er will. Ich bin aber überzeugt, dass ich nicht gezwungen sein werde, ihm die fünfzehnhundert auszuzahlen.“

„So sicher bist du also der Balletteuse! Ihr habt euch also, sozusagen, bereits heimlich verlobt?“

„O nein. Es ist bis jetzt noch nicht einmal zu einem perfekten Liebesgeständnis gekommen; doch wir stehen in einem stillen, aber so festen Einverständnis, dass ich gar keine Sorge zu haben brauche.“

„Männchen, du scheinst dich für einen sehr guten Menschenkenner zu halten!“

„Was die Frauen anbelangt, ja. Ich habe zwar erst seit zwei Jahren mir da eine Abwechslung gegönnt; diese ist aber eine so reichhaltige gewesen, dass ich mir wohl schmeicheln darf, ein Kenner zu sein.“

„Jedenfalls hast du auf deiner amerikanischen Tournee interessante Bekanntschaften gemacht?“

„Natürlich! Vorher wäre ich beinahe in das Netz einer Sirene geraten, welche alle neunundneunzig Teufel im Leib hatte. Ich befand mich so fest an ihrer Angel, dass sie mich hinziehen konnte, wohin es ihr beliebte. Es hat Mühe gekostet, wieder frei zu werden. Sie war eine wirkliche Liebeskünstlerin!“

„Also wohl eine Schauspielerin?“

„Nein, sondern ganz im Gegenteil eine Dame der Aristokratie. Hast du nicht einmal den Namen Asta, Baronesse von Zella gehört?“

„Ach! Meinst du die junge, außerordentlich interessante Dame, welche damals so viel im Haus des Barons von Alberg verkehrte?“

„Ganz dieselbe.“

„Die habe ich sogar genau gekannt, vielleicht genauer, als du ahnen wirst!“

„Ach! Ist’s möglich? War sie eine Liaison von dir?“

„Beinahe wäre ich in ihre Netze gegangen.“

„Wirklich nur beinahe?“

„Ja, in Wahrheit. Ich interessierte mich allerdings außerordentlich für sie, denn sie war wirklich begehrenswert, wenn man sie nicht näher kannte. Als ich aber die Bemerkung machte, dass sie sich nicht schwer erobern ließ, erkundigte ich mich nach ihr und erfuhr, dass sie sich der Herrenwelt gegenüber sehr entgegenkommend zeige. Da ließ ich sie natürlich fallen.“

„Ganz so wie ich. Auch ich machte die Erfahrung, dass ich nicht der Einzige war, der sie liebte.“

„Man hat nichts mehr von ihr gehört. Sie soll mit dem Baron von Alberg nach Amerika gegangen sein.“

„Wirklich? Ich entsinne mich nicht genau. Sagte man nicht, dass er aus gewissen Gründen zu dieser Reise gezwungen worden sei?“

„Ja. Seine eigene Tochter, die Schlossherrin auf Steinegg, soll ihn gezwungen haben. Drüben ist er bald gestorben. Sein Totenschein wurde herübergeschickt. Baronesse Asta ist seitdem verschollen.“

Da trat der Diener herein und brachte auf einem Teller einen Brief, welcher soeben vom Briefträger abgegeben worden war. „Gib ihn dem Herrn Baron“, befahl der Sänger. „Er mag ihn öffnen!“ Der Diener tat dies und entfernte sich dann wieder.

Der Baron hatte den Brief genommen, drehte ihn in den Händen hin und her und fragte verwundert:

„Wie kommt es, dass du mir das Amt deines Privatsekretärs übergibst?“

„Aus dem sehr einfachen Grund, dass ich jetzt nicht lesen kann. Dieser verteufelte Burgunder treibt mir das Blut so nach dem Kopf, dass es mir vor den Augen in allen Farben schillert. Die Buchstaben würden vor meinem Blick tanzen. Ich kann nicht lesen. Bitte, unterziehe dich der kleinen Mühe!“

„Es könnte aber etwas Diskretes sein.“

„Vor dir habe ich kein Geheimnis.“

„Vielleicht eine Rechnung?“

„Die dürftest du erst recht lesen. Aber ich bin ja erst drei Wochen hier, in Wien habe ich nichts dergleichen zu erwarten. Wie ist die Adresse?“

„Herrn Guiseppe Criquolini, Sänger. Auch die Straße und Hausnummer ist ganz richtig angegeben.“

„So! Und die Handschrift?“

„Eine sehr geübte Männerhand.“

„Dann bin ich wirklich neugierig – ah, welcher Poststempel?“

„Salzburg.“

„Wüsste wirklich nicht, wer mir von dort her zu schreiben hätte! Brich auf und sei so gut, ihn mir vorzulesen!“

Der Baron folgte dieser Aufforderung. Er nahm den Bogen aus dem Kuvert und las, ohne die Zeilen vorher zu überfliegen:

„Elsbethen, den 20. März 18…

Lieber Sohn!…“

„Halt!“, rief da der Sänger. „Ich glaube gar, der Brief ist – ist – ist…“

Er sprach den Satz nicht aus, und erst als der Baron ihn fragend anblickte, fuhr er fort:

„Von meinen Eltern.“

„Du hast deine Eltern noch?“

„Ja.“

„Aber davon hast du mir ja noch gar nichts gesagt!“

Der Sänger wurde verlegen. Er antwortete:

„Weil wir zufälligerweise noch nicht von meinen Familienverhältnissen gesprochen haben.“

„So! Nun, wenn der Brief von deinen Eltern ist, was sich allerdings aus der Anrede als ganz gewiss ergibt, so musst du ihn selbst lesen. Hier ist er.“

Er reichte ihm den Brief hin. Der Sänger streckte bereits die Hand nach dem Schreiben aus, zog sie aber wieder zurück und sagte:

„Lies immerhin! Was die alten Leute mir zu schreiben haben, das sind ganz gewiss keine Staatsgeheimnisse.“

„Ganz wie du willst!“

Er begann abermals:

„Lieber Sohn!

Weil wir nicht schreiben können, haben wir den Herrn Pfarrer gebeten, diesen Brief an dich zu verfassen. Wir haben gehört, dass du in Amerika gewesen bist und da viel Geld verdient hast. Indessen ist es uns traurig ergangen. Du warst fort, und wir waren zum Arbeiten zu alt. Da hat uns die Gemeinde ernähren müssen.

Dann kam einmal die Murenleni zu uns, die eine Sängerin geworden ist. Sie sah unsere Not und hat viel mit uns geweint. Von dieser Zeit an haben wir alle Wochen fünfzehn Mark von ihr erhalten, wovon wir leben und uns sogar noch etwas sparen können. Gestern erfuhren wir, dass du wieder aus Amerika zurück bist und in Wien auf der Mohrengasse wohnst. Da haben wir es für unsere Pflicht gehalten, dir zu schreiben.

Der Vater ist immer krank gewesen, und der Mutter geht es nicht gut mit ihren Augen. Sie kann beinahe gar nichts mehr sehen. Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, so wird sie dich wohl nicht mehr erblicken. Denn wenn es die Kunst einmal erlauben wird, an uns alte Leute zu denken und zu uns zu kommen, dann wird sie entweder blind sein oder auch bereits lange nicht mehr leben.

Der liebe Herrgott mag dir Glück und Segen geben. Wir sind zufrieden, wenn er uns bald ein ruhiges und seliges Ende beschert.

Deine

alten, alten Eltern.“

Als der Baron den Brief vorgelesen hatte, legte er ihn aus der Hand und blickte Criquolini fragend und erwartungsvoll an.

„Verdammte Geschichte!“, brummte dieser. „Hm! Es ist eben so gekommen.“

„Was?“

„Dass ich mich nicht habe um meine Eltern kümmern können. Ich habe sie ganz vergessen!“

„Wie ist das möglich?“

„Nimm es mir nicht übel! Aber diese Frage ist fast überflüssig. Wenn du meine früheren Verhältnisse – – pah! Schweigen wir lieber! Es kommt nichts heraus dabei.“

„Ganz wie du willst. Aber hast du Ihnen denn nicht einmal etwas geschickt?“

„Nein. Ich sagte dir ja bereits, dass ich auf sie ganz vergessen hatte!“

„Nach dem, was ich gelesen habe, müssen sie sehr arm sein?“

„Freilich sind sie das. Aber zu hungern haben sie doch nicht gebraucht. Du hast es ja gelesen, dass die Gemeinde sich ihrer angenommen hat. Und nun werden sie von der Murenleni unterstützt. Sie leiden also keine Not.“

„Wer ist dieses Frauenzimmer, welches eine Sängerin geworden ist und deinen Eltern wöchentlich fünfzehn Mark gibt?“

„Das ist – das ist – meine erste Geliebte.“

„Deine erste Geliebte? Mann, welch ein Glück hast du!“

„Wieso?“

„Eine Geliebte, die du also verlassen hast und die trotzdem deine Eltern ernährt! Sapperment! Das ist aller Ehren wert! So wohl wird es nicht gleich einem andern!“

„Grad ein Glück ist’s nicht für mich. Wenn ich daran gedacht hätte, hätte ich meinen Alten selbst was schicken können. Sie hat sich eigentlich gar nicht in unsere Angelegenheit zu mengen. Sie mag für sich selbst sorgen. Sie will mich damit nur ärgern. Was gehen sie meine Eltern an? Nichts, gar nichts. Ich bekümmere mich doch auch nicht um ihre Angelegenheiten!“

„Aber, lieber Freund, wenn deine Eltern sich in Verhältnissen befunden haben, welche die Unterstützung seitens der Armenbehörde notwendig machten, so müssen sie doch sehr arm gewesen sein.“

„Nun freilich, Millionen hatten sie nicht besessen.“

„Was ist denn dein Vater?“

Der Sänger blickte eine Weile still vor sich hin. Seine Brauen zogen sich zusammen. Seine Mienen drückten den Widerwillen, sich über dieses Thema zu äußern, deutlich aus, er antwortete:

„Du kannst dir denken, dass ich über diese Verhältnisse nicht gern spreche.“

„Warum nicht? Nach deinem Auftreten muss man denken, dass du aus einem guten Haus stammst. Du hast dir in Amerika ein Vermögen ersungen, du bist also ein Kavalier und es kränkt dich nicht, ansehnliche Summen im Spiel zu verlieren. Deine Tänzerin kostet dich viel Geld. Du hast als Künstler Zutritt in ausgewählte Kreise erlangt, und doch sind deine Eltern auf die Unterstützung ihrer Gemeinde angewiesen. Ich begreife das nicht!“

Es war keineswegs die sittliche Entrüstung, welche dem Baron diese Worte diktierte. Er sprach so, weil er sich rächen wollte. Er hatte anhören müssen, dass man an seinem Adel, an seinen Besitztümern zweifelte, dass man ihn sogar für einen Falschspieler halte. Das alles hatte der Sänger ihm mit der größten Gemütlichkeit ins Gesicht gesagt. Nun fand er Gelegenheit, ihm den Hieb zurückzugeben. Es fiel ihm gar nicht ein, das zu versäumen. Es war ihm natürlich ganz und gar egal, ob die Eltern seines Freundes ein gutes Auskommen hatten oder ob sie hungern und darben mussten, aber er fühlte sich davon befriedigt, eine Art gelinder moralischer Entrüstung zeigen zu können. Er hatte seine Worte in freundlich-ernstem, eindringlichem Ton gesprochen, so wie ein verständiger, älterer zu seinem leichtsinnigen, jüngeren Bruder sprechen würde.

„Ist es dir vielleicht unlieb, zu erfahren, dass ich weder dem Geburts- noch dem Geldadel entstamme?“, fragte der Sänger.

„Nein. So etwas kommt mir nicht bei. Du bist Künstler; das berechtigt dich, dich als uns ebenbürtig zu betrachten. Die Verhältnisse deiner Eltern kommen dabei natürlich nicht in Betracht. Es ist sogar, streng genommen, eine Ehre für dich, dich aus dürftigen Verhältnissen so emporgearbeitet zu haben.“

„Das denke ich auch. Es ist mir nicht etwa leicht geworden, den Schmutz der Vergangenheit abzuschütteln, und du wirst es sehr begreiflich finden, dass ich mich so viel wie möglich dem Gedanken an die Heimat zu entziehen suche. Der Brief, welchen du mir da vorgelesen hast, ist nichts weiter als ein Bettelbrief. Ich werde den alten Leuten einige Gulden schicken. Dann haben sie ihren Zweck erreicht und sollen mich nicht weiter belästigen. Ich werde dies ihnen sehr scharf empfehlen.“

„Hm! Wenn ich mir die Fassung des Briefes vergegenwärtige, so kann er mich rühren.“

„Mich nicht!“

„Sie machen dir nicht den geringsten Vorwurf, dass du nicht an sie denkst und ein üppiges Leben führst, während sie nicht das Notwendigste haben. Sie wünschen dir Glück und Segen und hoffen auf ein baldiges seliges Ende. Das ist wirklich rührend.“

„Redensarten! Meine Eltern haben keine Bedürfnisse. Sie sind bei trockenem Brot glücklich gewesen und können mit wenigem zufrieden sein. Sie haben gar keine Veranlassung, jetzt auf einmal höhere Ansprüche zu erheben.“

„Aber das tun sie ja auch nicht!“

„Nun, so mögen sie mich überhaupt in Ruhe lassen! Ich habe anderes zu tun, als mich mit den dortigen Verhältnissen zu beschäftigen. Mein Sinn steht nach Glanz, Ruhm und Ehre. Ich mag keinerlei Berührung mit dem Schmutz meiner Heimat haben. Die Eltern haben alle Zeit ihre Steuern und Abgaben entrichten müssen; sie haben jederzeit gegen den Staat und die Gemeinde ihre Schuldigkeit getan, und darum haben Staat und Gemeinde nun auch die Verpflichtung, für sie zu sorgen.“

„Das ist sehr kalt gesprochen; aber mich geht es gar nichts an. Ich bin dein Beichtvater nicht und habe nicht die Pflicht, dir eine erbauliche Rede zu halten. Es war mir nur interessant, zu erfahren, dass die Wurzel deines Glücksbaums in so armem Boden ruht. Nun begreife ich freilich, welche Anstrengungen es dich gekostet haben muss, dich emporzuarbeiten. Dein Vater ist jedenfalls ein armer Handwerker gewesen?“

Der Ton, welchen der Baron jetzt anschlug, machte den Sänger williger zur Antwort.

„Noch weniger! Er war Handarbeiter. Ein Stück Brot und ein Schluck Ziegenmilch dazu, das ist fast der ganze Inhalt unserer Speisekarte gewesen. Natürlich wurde ich zu ganz demselben Beruf erzogen.“

Er lachte dabei höhnisch auf.

„So bist du also ‚entdeckt‘ worden?“

„Ja. Ein hiesiger Professor der Musik hörte zufällig meine Stimme und nahm mich mit sich. Er bildete mich aus, soweit seine Kräfte reichten. Dann ging ich für einige Monate nach Paris, wo ich wieder ‚entdeckt‘ wurde, nämlich von dem amerikanischen Unternehmer, mit welchem ich dann unter Begleitung anderer Künstler durch die Vereinigten Staaten zog, von woher ich vor drei Wochen hier angekommen bin. Diese amerikanische Reise hat meinen Ruf begründet. Ich singe jetzt nur noch für goldenes Honorar und denke dabei natürlich nicht gern an die Zeiten zurück, in denen ich als Tabulettkrämer den Staub der Landstraßen aufwirbelte.“

„Tabulettkrämer? Donnerwetter, das ist famos; das ist romantisch!“

„Oh, es gibt noch viel romantischere Punkte in meiner Vergangenheit. Was würdest du zum Beispiel dazu sagen, dass ich einer der gefürchtetsten Wildschützen gewesen bin?“

„Du? Zuzutrauen wäre es dir!“

„Ich war es in Wirklichkeit. Keine Gämse verstieg sich zu hoch für mich und kein Abgrund war mir zu gefährlich. In der Dunkelheit der Nacht und auf Wegen, bei denen mir jeder Fehltritt den Tod bringen musste, stieg ich auf, und manches Mal bin ich, die schwere Beute auf dem Rücken, an Wänden abgestiegen, an denen kaum eine Fliege Halt finden konnte. Wenn ich daran denke, so möcht ich gleich nach dem Stutzen greifen und hinauf in die Berge, denn:

Aan Gamsl an der Wand

Und aan Punkt in der Scheiben,

Und aan Schatzerl an der Hand

Das ist mein Tun und mein Treiben.

Halloi droi droi dri!“

Er war vom Diwan aufgesprungen, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sang den Jodler mit einer Stimme und einer Verve, welche ihm das Lob des anspruchsvollsten Gesangskenners eingebracht hätte.

Aber der Burgunder wirkte noch immer, sodass der Sänger wankte und sich wieder niedersetzen musste.

„Verdammt!“, zürnte er. „Der Wein hat mich bei den Nerven gepackt. Das hätte mir früher nicht geschehen können. Damals hatte ich Eisendrähte anstatt der Nerven im Leib. Dem Krikelanton tat es keiner gleich, kein Einziger in allen Alpen.“

„Krikelanton? So hießt du?“

„So wurde ich gerufen. Wer ein Gamskrikel haben wollte, konnte es von mir bekommen, wenn kein anderer den Schneid hatte, es ihm zu beschaffen. Darum wurde ich nur der Krikelanton genannt und darum habe ich diesen Rufnamen in den Künstlernamen Criquolini umgewandelt. Eigentlich heiße ich Anton Warschauer.“

„Es ist mir, als ob ich früher öfters etwas von dem Krikelanton hätte erzählen hören. Es hieß, die Polizei verfolge ihn auf Schritt und Tritt, sie könne aber seiner nicht habhaft werden.“

„Das ist wahr. Sie war mir stets auf den Fersen, hat mich aber nicht bekommen, selbst damals nicht, als ich bei der Leni erwischt wurde. Ah, dieser Fluchtweg des Nachts über den Felsengrat! Das war ein kolossales Wagnis und ich glaube nicht, dass ich es heut wieder unternehmen würde. Man hielt mich für tot und hat lange, lange Zeit im Abgrund nach mir gesucht.“

„Du machst mich wirklich begierig, dieses Abenteuer zu erfahren.“

„Wenn es dir Spaß macht, will ich es dir erzählen. Ich befinde mich in der richtigen Stimmung dazu.“

„So tu es bitte!“

„Nimm dir erst eine Zigarre dort und bring mir auch eine! Meine Beine sind obstinat15 geworden; sie haben mir den Gehorsam gekündigt und ich muss nachher wirklich ein Schläfchen machen, um mich wieder in Ordnung zu bringen.“

Die Zigarren wurden angesteckt und dann begann der Krikelanton zu erzählen.

Aber er erzählte nicht nur von jener Nacht, in welcher er rettende Zuflucht in der Wohnung der dicken Dichterin gefunden hatte16, sondern er berichtete auch das weitere, sein Verhältnis zur Murenleni und seinen Bruch mit ihr, als sie gegen seinen Willen Sängerin geworden war.

Der Baron unterhielt sich sehr gut dabei, denn er erhielt dadurch den Stoff zur Ausführung gewisser Absichten, von denen er freilich nicht reden konnte. Was er hörte, diente leider nicht dazu, seine Achtung für den Sänger zu erhöhen.

Der Krikelanton war ein anderer geworden und doch war der eigentlichste Kern seines Wesens, seiner Individualität ganz derselbe geblieben. Kühnheit, Ausdauer, Rücksichtslosigkeit, Selbstsucht, das waren seine Grundeigenschaften gewesen. Die Leni hätte aus ihm einen braven Mann machen können und sie war auf dem besten Weg dazu gewesen, als er sich gewaltsam wieder von ihr losgerissen hatte. Das Glück war ihm freundlich entgegengetreten und hatte ihm äußerliche Erfolge gebracht, innerlich aber hatte er Schaden genommen. Sein Herz hatte sich verhärtet und sein Gefühl für das Bessere sich abgestumpft. Nur sich und sein eigenes Wohl im Auge behaltend, hatte er nicht nur die Geliebte, sondern sogar seine Eltern vergessen. Die gewaltigen Eindrücke seiner amerikanischen Reise, die dort errungenen Erfolge hatten ihm den Sinn für die schlichten Verhältnisse des Lebens getötet. Er hatte kein Verständnis mehr für die Heiligkeit natürlicher und moralischer Verpflichtungen und war nur noch Einflüssen zugänglich, welche mit ungewöhnlicher Stärke auf ihn wirkten.

Darum war die Liebe zu der braven Leni längst in seinem Herzen erstorben und an deren Stelle loderte nun eine wilde Leidenschaft für die Tänzerin, deren gleißende Erscheinung die glühendsten Wünsche in ihm erweckt hatte. Das ‚Glück‘ hatte seine besseren Eigenschaften erstickt und die schlechteren zur vollen Entwicklung gebracht. Dabei aber ist unter Glück nur der äußere Erfolg gemeint, denn das wahre Glück ist etwas ganz anderes, tief Innerliches.

„So!“, sagte er zuletzt. „Jetzt kennst du die interessanteste Episode meines Lebens und damit mag diese Vergangenheit für mich abgeschlossen sein. Der Teufel soll mich holen, wenn ich wieder an diese Dummheiten denke. Die Zukunft gehört mir. Ich will leben und genießen; ich habe den Willen, die Kraft und auch – – das Geld dazu.“

Er legte sich auf den Diwan zurück, als ob er von der ganzen Angelegenheit nichts mehr wissen wolle.

„Du könntest wirklich der Hauptheld eines Romans sein“, sagte der Baron. „Schade nur, dass du mit der Heldin desselben zerfallen bist. War diese Leni denn wirklich hübsch?“

„Nach meiner damaligen Ansicht, ja. Sie hatte eine prächtige Taille, einen vollen Busen, starke Waden, blitzende Zähne, kleine Hände, also mehr, als ein Wilddieb von seinem Mädchen vernünftigerweise verlangen konnte; jetzt aber besitze ich freilich einen ganz anderen, einen geläuterten Geschmack. Ein Weibsbild, welches nach Heu, Käse und Kühen duftet, würde mir jetzt Krampfanfälle zuziehen. Unter ‚schön‘ verstehe ich jetzt etwas ganz anderes als damals.“

„Sie interessiert mich dennoch. Wo mag sie sich befinden?“

„Ich weiß es nicht. Sie wird verschollen sein.“

„Schwerlich!“

„O doch. Sie nannte sich als Sängerin Mureni. Weißt du jetzt etwas von einer Sängerin dieses Namens?“

„Freilich nicht.“

„Also! Meine Vorhersagung wird eingetroffen sein. Sie ist an ihrem Trotzkopf zu Grunde gegangen. Ich möchte darauf schwören, dass ihre vollen Formen ihr Unglück geworden sind. Ihre Stimme war nicht übel; aber ihre geistigen Anlagen reichten zwar aus für eine Sennerin, keineswegs jedoch für die schwierige Ausbildung zur Künstlerin.“

„Die deinigen haben aber ausgereicht, obgleich du nicht mehr Bildung besaßt als diese Leni?“

Diese Frage wurde in freundschaftlichem Ton gesprochen, hatte aber trotzdem den Zweck, dem Krikelanton einen Stich zu versetzen. Er fühlte denselben auch, denn er fragte schnell:

„Willst du mich beleidigen?“

„Fällt mir nicht ein! Ich weiß ja, dass es ein Mann unter den ganz gleichen Vorbedingungen bedeutend weiter bringt als ein Weib. Es mag also sein, dass sie auf der untersten Stufe der Gesangskunst sitzen geblieben ist.“

„Und moralisch ist sie jedenfalls tiefer und tiefer gesunken. Als ich sie in jenem Konzert zum ersten Mal mit offenem Busen und nackten Armen sah, wusste ich sofort, dass sie damit den ersten Schritt zur Schande getan hatte. Von jenem Abend an war sie unrettbar verloren.“

„Hm?“, fragte der Baron lächelnd. „Du konntest also eine solche Entblößung nicht ansehen?“

„Nein. Auch heut noch nicht. Ein Weib, welches seine intimsten Reize in dieser Weise freigibt und veröffentlicht, flößt mir gradezu Ekel ein.“

„Und – Valeska, deine Tänzerin?“

Der Sänger errötete. Er suchte nach einer Antwort, fand aber keine passende.

„Ich möchte annehmen, dass die Leni sich dem Publikum bei Weitem nicht so gezeigt hat, wie die Tänzerin es tut!“

„Das ist etwas ganz anderes“, antwortete Criquolini. „Der Tanz hat den Zweck, durch charakteristische, harmonische Bewegungen irgendeinen Gedanken aus dem Reich des Schönen zur Anschauung zu bringen. Da ist es ganz selbstverständlich, dass die Formen der Tänzerin mit herbeigezogen werden müssen. Die Entblößung der betreffenden Körperteile hat also ihre völlige Berechtigung. Nicht so liegt es aber bei einer Sängerin. Die drallen Waden und fetten Arme eines Weibes haben mit der Kunst und dem Zweck des Gesangs gar nichts zu tun. Oder sage mir, ob zum Beispiel das Lied mit dem bekannten Schlussrefrain ‚Ihm hat ein goldner Stern gestrahlt‘ an Schönheit gewinnt, wenn die vortragende Sängerin dabei eine Taille trägt, welche bis zur Frechheit tief ausgeschnitten ist!“

„Das Lied bleibt freilich ganz dasselbe; aber wenn du offen sein willst, so wirst du es mir gestehen, dass du lieber eine Sängerin hörst, welche zeigt, dass sie nebenbei auch reizend ist, als eine, welche sich wie eine frierende Nonne verhüllt.“

„Ganz richtig! Aber bei meiner Geliebten muss ich mir das verbitten. Wenn dagegen die Tänzerin Trikots anlegt, so kann ich als Künstler nichts dagegen haben, folglich als Mann auch nicht. Mögen andre sehen, wie schön sie ist, wenn nur diese Schönheit mein alleiniges Eigentum bleibt.“

„Du magst ja Recht haben, obgleich ich der Ansicht bin, dass du gegen die Tänzerin weit nachsichtiger bist als gegen diese Leni. Nach allem, was du mir von der Letzteren erzählt hast, interessiere ich mich für dieselbe so sehr, dass ich wissen möchte, was aus ihr geworden ist und wo sie sich befindet.“

„Willst du sie aufsuchen?“, fragte der Krikelanton lachend. „Dann gut Glück dazu!“

„Vom Aufsuchen ist keine Rede. Ich habe anderes zu tun, als mich um eine untergeordnete Sängerin zu bekümmern; aber wenn ich sie zufällig träfe und sie meine Teilnahme merken ließe, so fragt es sich, ob ich nicht doch deine Eifersucht erregen würde.“

„Eifersucht? Papperlapapp!“

„Oho! Alte Liebe rostet nicht!“

„Diese ist aber gerostet. Und wenn die Leni mir als eine der bedeutendsten Künstlerinnen begegnete, so würde ich ihr doch nur zeigen, wie sehr ich sie verachte. Von einem Aufflammen der alten Liebe oder gar von Eifersucht könnte gar keine Rede sein.“

„Weißt du denn wirklich, dass sie verschollen ist?“

„Ja, ganz genau. Im vorjährigen Album ist ihr Name noch zu finden. ‚Signora Mureni, München‘ ist da zu lesen. Im gegenwärtigen Jahrgang steht sie nicht mehr. Ich habe mich gleich nach meiner Ankunft in Wien an ihre Münchener Adresse gewendet, um…“

„Also doch!“, lachte der Baron.

„Pah! Nicht aus Herzensinteressen, sondern nur, um überhaupt zu wissen, woran ich bin. Ich habe die Antwort erhalten, dass sie von dort spurlos verschwunden sei und niemand wisse, wohin; kein Mensch habe seitdem wieder etwas von ihr gehört.“

„Aber dennoch muss sie existieren, und zwar unter nicht ganz schlechten Verhältnissen.“

„Woraus vermutest du das?“

„Haben dir nicht deine Eltern soeben geschrieben, dass sie wöchentlich fünfzehn Mark von ihr erhalten?“

„Ah, daran dachte ich nicht. Sie lebt also noch, aber unter welchen Verhältnissen? Als Sängerin existiert sie ganz gewiss nicht mehr; wahrscheinlich verdient sie sich das Geld durch ihre Schönheit, welche nun wohl einem abgegriffenen Prachtband gleichen wird. Da ist es eigentlich eine großartige Beleidigung für mich, dass sie das auf diese Weise verdiente Geld meinen Eltern schickt. Das tut sie aus Rache. Ich werde mich also doch wohl nach dem Ort erkundigen, von welchem aus diese Unterstützung den Meinen zufließt. Sie dürfen es nicht annehmen!“

„Willst du sie ihnen nehmen? Dann müsstest du sie natürlich entschädigen, lieber Freund.“

„Das ginge dann aus meinem Beutel? Hm! Ich werde mir die Sache denn doch überlegen müssen.“

Der Sohn, welcher hier in Wien wie ein Graf lebte, wollte es sich überlegen, ob er seinen armen, alten, halb blinden Eltern eine für ihre mehr als einfachen Bedürfnisse hinreichende Unterstützung senden solle! So weit war es mit dem Herzen dieses Mannes gekommen! Sogar der Baron, welcher keineswegs ein großer moralischer Held, sondern vielmehr ein sittlicher Lump war, schüttelte den Kopf und sagte:

„Eigentlich ist das deine Pflicht. Nicht?“

„Möglich. Aber der Mensch besitzt eben glücklicherweise die Freiheit, zu wählen, ob er seine Pflicht erfüllen will oder nicht. Es gibt Pflichten, die einem höchst lästig werden können. Übrigens bin ich jetzt gar nicht disponiert, über so unangenehme Sachen nachzudenken. Mir brummt der Kopf und ich muss schlafen, um später wieder bei guter Laune zu sein.“

„Das ist natürlich für mich ein Fingerzeig, dich gütigst allein zu lassen. Nicht wahr?“

„Nimm es so.“

„Nun gut! Natürlich sehen wir uns heut wieder?“

„Ich hoffe es. – Was gibt es denn wieder?“

Diese Frage war an den Diener gerichtet, welcher abermals einen Brief hereinbrachte:

„Entschuldigung!“, sagte derselbe. „Ist soeben von einem Lakaien für Sie abgegeben worden.“

„Nimm du ihn!“, bat der Sänger den Baron, sich ärgerlich auf den Diwan ausstreckend.

Dieser Letztere nahm dem Diener, welcher sich dann entfernte, den Brief ab und betrachtete das Kuvert.

„Ein adeliges Wappen!“, sagte er.

„Ah! Welches?“

„Das sollte ich kennen. Wenn ich mich nicht irre, so ist es dasjenige des Kommerzienrats von Hamberger.“

„Kenne ihn nicht. Wüsste nicht, was er mir zu schreiben hätte. Es ist doch derjenige, zu welchem Graf Senftenberg heut Abend geladen ist?“

„Ja.“

„Bitte, öffne ihn und lies ihn mir vor!“

Der Baron öffnete und las:

„Sehr geehrter Herr!

Würden Sie sich, falls dieser Brief Sie persönlich antrifft, sich sofort nach dem Empfang desselben zu mir bemühen? Ich habe eine Frage an Sie zu stellen.

ErgebenstHesekiel von Hamberger.“

„Sonderbar!“, brummte der Sänger unwillig. „Er hat zu mir ebenso weit wie ich zu ihm.“

„Willst du etwa seiner Einladung nicht Folge leisten?“

„Ich habe wirklich keine Lust dazu. Was kann der Mann von mir wollen?“

„Wer weiß es? Es ist jedenfalls anzunehmen, dass er dich nicht eines Nichts wegen zu sich entbietet.“

„Zu sich entbietet! Das ist der richtige Ausdruck. Er befiehlt mich ja förmlich zu sich, wie ein Vorgesetzter seinen Untergebenen.“

„Das musst du ihm zugutehalten. Diese Herren haben sich an den kurzen Ton des Kontors gewöhnt.“

„Aber ich bin nicht sein Kontorist. Er fragt mich, ob ich mich sofort, hörst du, sofort nach Empfang dieser Zeilen zu ihm begeben will. Kann er diese Frage nicht in die Form einer höflichen Einladung, ich will nicht sagen einer Bitte kleiden? Muss er mich denn persönlich inkommodieren? Kann er mir das, was er mich fragen will, nicht gleich mitschreiben und es sodann mir überlassen, ob ich ihm die Antwort persönlich oder schriftlich geben will? Wer und was ist dieser Mann denn eigentlich?“

„Ein Millionär.“

„Trotzdem kann er ein großer Dummkopf sein.“

„Sehr verdient um die Industrie des Landes.“

„Ist mir gleich. Ich bin weder Eisenarbeiter noch Zigarrenmacher. Mich geht das nichts an.“

„Er sieht feine Gesellschaften bei sich.“

„Das ist eher etwas.“

„Verwendet viel Geld an die Kunst.“

„Das söhnt mich beinahe mit seinem Brief aus.“

„Sodann musst du beherzigen, dass Graf Senftenberg bei ihm verkehrt. Vielleicht hat dieser dich ihm empfohlen und du würdest ihn blamieren, wenn du nicht gingst.“

„Hm! Aber ich bin jetzt keineswegs in der Verfassung, mich so einem Herrn vorzustellen.“

„Trinke ein Selters!“

„Höre, du wirst mir langweilig. Du hast für jeden meiner Einwände eine Entgegnung.“

„Das sollte dich überzeugen, dass es nur gut ist, der an dich ergangenen Einladung zu folgen.“

„Wenn du in dieser Weise den Fürsprecher machst, so werde ich am Ende doch gehen.“

„Tu es! Ich begleite dich eine Strecke.“

„Gut. Das macht mich williger.“

Er stand auf und begann seine auf dem Diwan etwas in Unordnung geratene Toilette zu restaurieren. Der Lakai musste wirklich ein Selters bringen. Bei dieser Gelegenheit befahl er diesem, nach dem heruntergefallenen Ring zu suchen.

Der Diener gab sich alle Mühe, fand ihn aber natürlich nicht.

„So lass es jetzt“, sagte sein Herr. „Such, wenn wir fort sind, weiter!“

Der Lakai zog sich in das Vorzimmer zurück und bald war der Sänger zum Gehen bereit. Das Selters schien ihm wohlgetan zu haben. Er wankte nicht mehr und sein Körper erhielt nach und nach die verlorene Spannkraft zurück.

Er betrachtete sich noch einmal wohlgefällig im Spiegel und erklärte sich dann zum Gehen bereit. Schon wendete sich der Baron nach der Tür; da aber drehte er sich noch einmal zu dem Sänger, welcher ihm folgen wollte, zurück und sagte:

„Da fällt mir ein: Könntest du mir nicht einen kleinen Dienst erweisen?“

„Gern, wenn es mir möglich ist.“

„Es ist eine Geldangelegenheit.“

Der Baron beobachtete dabei die Miene seines Freundes mit gespanntem Blick. Dieser verbarg seine Überraschung nicht, sondern sprach:

„Aber, mein Bester, du hast doch in letzter Zeit ganz bedeutende Summen von uns gewonnen!“

„Das ist sehr richtig.“

„Du musst also doch bei Kasse sein. Du lebst zu splendid. Du musst dich mehr einschränken. Meine Gelder kann ich nicht angreifen. Vielleicht hilft dir der Graf aus der Verlegenheit.“

Über das lauernde Gesicht des Barons ging ein höhnisches und doch auch befriedigtes Lächeln, welches er aber schnell wieder unterdrückte.

„Wer sagt dir denn, dass ich mich in einer Verlegenheit befinde?“

„Nun, du!“

„Ich? Ich weiß kein Wort davon.“

„Du sprachst doch von einer Geldangelegenheit!“

„Das ist richtig; aber meinst du vielleicht, dass Angelegenheit mit Verlegenheit gleichbedeutend sei?“

„Ah! So hast du es anders gemeint? Das ist mir sehr lieb. Ich dachte, du wolltest borgen.“

„Und du hättest mir nichts geliehen?“

„Gern, wenn ich könnte; aber ich sagte dir bereits, dass ich über meine Gelder verfügt habe.“

„Nun, so beruhige dich. Ich stehe mich nicht so, dass ich meine Freunde in Anspruch nehmen müsste. Meine Güter bringen mir so viel ein, dass ich glänzend leben kann.“

„Trotzdem kann man einmal in augenblickliche Verlegenheit geraten.“

„Das wäre für mich sehr schlimm, da ich soeben die Erfahrung mache, dass sogar mein bester Freund mir in diesem Fall seine Hilfe versagt.“

„Pardon! Es gibt Zeiten, in denen man nicht kann, wie man will. Aber was hast du denn eigentlich mit dieser Geldangelegenheit gemeint?“

„Ich will tausend Gulden fortschicken, nicht per Postmandat, sondern per Kuvert. Ich brauche dazu Papiergeld und habe augenblicklich nur Gold. Darum wollte ich dich fragen, ob ich nicht bei dir das Gold in Papier umwechseln könnte.“

„Wenn es weiter nichts ist! Das können wir schon tun.“

Der Baron nahm seine Börse heraus und zählte die Goldstücke auf den Tisch. Dabei aber beobachtete er die Bewegungen des Sängers genau. Dieser zog ein kleines Schubfach, welches im Sockel der Stutzuhr angebracht war, auf und nahm einen darin befindlichen kleinen Schlüssel heraus. Mit diesem öffnete er ein Fach des Schreibtischs, welches ganz mit Geld angefüllt zu sein schien, und zwar mit Staatsanweisungen. Er nahm eine Note zu tausend Gulden heraus, legte sie dem Baron hin, nahm das Gold dafür, schloss dieses zu dem Papiergeld ein und hob dann den Schlüssel wieder in dem Uhrenkästchen auf. Das alles hatte der Baron gesehen und sein Gesicht leuchtete vor Befriedigung. Seine Absicht, zu erfahren, wie zum Geld des Sängers zu gelangen sei, war befriedigt worden.

Nun gingen sie.

Als sie in den Hausflur traten, kam ein junges, schönes Mädchen die Treppe herab. Sie war ihrem Anzug nach ein besseres Dienst-, vielleicht ein Stuben- oder Zimmermädchen. Der Sänger sah sie und blieb stehen. Wenn sie das Haus verlassen wollte, musste sie an ihm vorüber. Sie zauderte weiterzugehen, war dann aber entschlossen, ihren Weg fortzusetzen.

„Martha“, sagte er, indem er sich ihr in den Weg stellte. „Haben Sie sich das, was ich Ihnen sagte, überlegt?“

Ihr Auge flammte zornig auf. Sie wollte sich an ihm vorüberdrängen und antwortete dabei:

„Lassen Sie mich! Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen!“

Er aber ergriff sie beim Arm, hielt sie fest und rief lachend:

„Liebes Kind, ein Dienstmädchen darf nicht so zurückweisend sein. Es gibt ja Leute, welche einen Händedruck mit einem Gulden bezahlen.“

„Behalten Sie Ihre Gulden und lassen Sie mich los, sonst rufe ich Hilfe herbei.“

„Das wirst du nicht tun. Komm, ich muss dich küssen!“

Er wollte sie an sich ziehen und umarmen, da aber schlug sie ihm mit der geballten Hand ins Gesicht, dass er zurückprallte.

„Donnerwetter!“, fluchte er, ihren Arm noch immer festhaltend. „Du bist giftig. Nun aber wirst du erst recht geküsst.“

Er riss sie jetzt mit aller Kraft an sich, um seine Drohung wahrzumachen. Sie war nicht schwach gebaut, aber ein Mann ist stets stärker als eine weibliche Person. Ihre Kraft reichte nicht aus, sich von ihm zu befreien.

„Hilfe, Hilfe!“, rief sie laut.

Er ließ sie trotzdem nicht los und sie rangen miteinander. Der Baron stand dabei, ohne ein Wort zu sagen oder eine Hand zum Schutz des Mädchens zu rühren. Die Letztere wiederholte ihren Hilferuf.

Der Diener des Sängers trat eiligst heraus, fuhr aber schnell wieder zurück, als er sah, dass sein Herr es war, gegen welchen um Hilfe gerufen wurde.

Aus der Wohnung, die auf der anderen Seite des Parterres lag, kam niemand. Es schien niemand zu Hause zu sein. Aber oben auf dem Vorplatz zur ersten Etage ging eine Tür auf. Zwei weibliche Gestalten zeigten sich oberhalb der Treppe, eine ältere und eine jüngere. Diese Letztere zog, als sie die unter ihr liegende Szene überschaute, das Taschentuch hervor und hielt es so vor das Gesicht, dass es nicht zu erkennen war. Die Ältere eilte die Treppe herab, fasste den Sänger von hinten und rief zornig:

„Was ist das für eine Unverschämtheit! Wollen Sie gleich mein Mädchen gehen lassen! Sofort, sofort, sonst rufe ich die Polizei herbei.“

Jetzt ließ er los. Das Mädchen entfloh, er aber wendete sich an die Dame:

„Was haben Sie hier dareinzureden! Sie haben hier unten gar nichts zu sagen!“

Die Dame, deren behäbiges Aussehen auf gute Verhältnisse und einen liebenswürdigen Charakter schließen ließ, antwortete zornig:

„Das sagen Sie mir? Der Wirtin dieses Hauses und der Herrin des Mädchens? Ich will Ihnen darauf nur die Antwort geben, dass ich in meinem Hause Flegelhaftigkeiten nicht dulde. Sie ziehen aus! Sehen Sie sich schleunigst nach einer anderen Wohnung um!“

„Oho! Flegelhaftigkeiten?“

„Ja, das ist es. Ihr Betragen ist rüd und zuchtlos. Seit Sie bei mir wohnen, haben Sie uns nur bemerken lassen, wie ein junger, anständiger Herr nicht leben soll. Ich kann Sie nicht länger bei mir dulden. Ich wiederhole also meine Aufforderung, sich heut noch nach einem anderen Logis umzusehen!“

„Das ist brillant!“, lachte er. „So eine alte Schachtel, welche froh sein sollte, einen gut zahlenden Mieter zu haben, will mich fortjagen! Meinen Sie, dass dies so schnell geht? Sie haben mir zu kündigen. Verstanden!“

Die Dame wollte noch zorniger auffahren; sie beherrschte sich aber und entgegnete in ruhigerem, reserviertem Ton:

„Ich bedarf keiner Belehrung. Ob ich die Kündigung einhalte, kommt ganz auf die Verhältnisse an. Ich will nicht von den Orgien sprechen, welche Sie bis tief in die Nacht hinein in Ihrer Wohnung feiern, auch nicht von den zweifelhaften Frauenzimmern, die sich daran beteiligen; aber Sie haben nun bereits mit jedem hier im Haus engagierten Dienstmädchen angebunden, und heut vergreifen Sie sich sogar tätlich an dem meinigen. Das beweist, dass Sie ein gemeingefährlicher Mensch sind, welchen ich keinen Augenblick länger zu dulden brauche. Auf mein wohlberechtigtes Einschreiten hin beleidigen Sie mich mit schamlosen Schimpfworten. Ich könnte sofort zur Polizei senden, aber ich will jetzt noch darauf verzichten und Ihnen eine Frist stellen. Wenn Sie bis morgen Abend sechs Uhr meine Wohnung noch nicht verlassen haben, lasse ich Sie polizeilich entfernen und auch noch wegen des beschimpfenden Ausdrucks bestrafen, dessen Sie sich bedient haben. Richten Sie sich danach!“

Sie wendete sich um und stieg wieder die Treppe empor. Er sah die andere Dame oben stehen und fühlte sich riesig blamiert. Das brachte ihn aber keineswegs zur besseren Einsicht, sondern es erregte nur seinen Zorn:

„Ein Glück für Sie, dass Sie sich fortmachen“, rief er der Dame nach. „Wenn Sie sich nicht augenblicklich getrollt hätten, wären Sie mit den wohlverdienten Ohrfeigen bedacht worden!“

„Ah, Ohrfeigen?“, antwortete sie, stehenbleibend. „Das ist mir noch nie gesagt worden! Dieser Mensch ist noch viel gemeiner, als ich gedacht habe.“

Er sprang auf die Treppe zu und drohte:

„Nun aber schnell verschwinden, sonst…! – Morgen ziehe ich aus. Mit so einer alten Xanthippe mag ich nicht zusammen wohnen!“

Der Baron mochte befürchten, dass diese Szene sich noch mehr verschärfen könne. Darum trat er herbei, fasste ihn am Arm und bat:

„Komm! Erniedrige dich nicht! So ein Weib darf für unsereinen gar nicht existieren.“

„Hast Recht! Aber sagen muss ich es ihr.“

Sie gingen. Ihr Weg führte sie, da des Kommerzienrats Palais auf der Asperngasse stand, am Eingang der Praterstraße vorüber nach der Ferdinandstraße, in welche die erstere mündet.

Der Sänger war voller Ärger, nicht so sehr über den Zank mit der Wirtin als vielmehr deshalb, dass ihm sein Angriff auf das schöne Mädchen nicht so gelungen war, wie er es beabsichtigt hatte.

„Verdammte alte Hexe!“, brummte er. „Wenn sie nicht dazugekommen wäre, hätte ich mir ein paar Küsse geholt.“

„Was hättest du davon gehabt?“

„Das fragst du mich!“

„Natürlich. Für solche Küsse danke ich! Wenn ich sie nicht freiwillig und aus Liebe erhalte, so verzichte ich lieber darauf.“

„Aber hast du dir denn das Mädchen gar nicht angesehen?“

„Sogar sehr genau.“

„Nun? Was sagst du zu ihr?“

„Sie ist allerdings verdammt hübsch.“

„Nicht nur hübsch, sondern sie ist eine Schönheit, keine Mondschönheit, weißt du, sondern eine mit strotzenden Formen. Man möchte gleich hineinbeißen in diese süße, schwellende Frucht. Aber sie ist ein fester Charakter. Ich habe ihr alle möglichen Vorschläge gemacht, doch vergebens.“

„Ich kann dich nicht begreifen!“

„So! Bist etwa du ein Heiliger?“

„Gar nicht. Aber vorsichtig bin ich.“

„Pah, Vorsicht! Genuss, Genuss, das ist die Hauptsache!“

„Hast du nicht deine Tänzerin?“

„Ja, aber ein richtiger Jäger nimmt, wenn er Hochwild erlegt hat, auch noch einen Hasen mit, wenn er ihm in den Weg kommt.“

„Und die Blamage rechnest du nicht?“

„Nein. So ein Weib kann mich gar nicht blamieren. Sie soll sich einen andern Mieter suchen.“

„Wie? Du willst wirklich ausziehen?“

Das Gesicht des Barons nahm bei dieser Erkundigung den Ausdruck der Enttäuschung an.

„Ja, ich ziehe aus.“

„Das ist dumm!“, entfuhr es ihm.

„Warum?“

„Weil – – weil das Logis nicht übel ist.“

„Es gibt tausend ähnliche und noch bessere. Ich wohne möbliert, kann also jeden Augenblick fort. Ich bin übrigens überzeugt, dass der alte, grimmige Drache wirklich seine Drohung erfüllt, wenn ich nicht bis morgen ausgezogen bin.“

„Ich an deiner Stelle würde das abwarten.“

„Fällt mir nicht ein! Wer Ehrgefühl besitzt, mag mit solchen Personen nichts zu tun haben. Sprechen wir von etwas anderem! Du verkehrst also nicht bei dem Kommerzienrat?“

Als der Sänger von seinem Ehrgefühl sprach, glitt ein mitleidiges Lächeln über das Gesicht des Barons, welcher jetzt antwortete:

„Nein. Ich bin ihm noch nicht vorgestellt.“

„Willst du seine Bekanntschaft machen, so werde ich dich bei ihm einführen.“

„Die Bekanntschaft eines solchen Mannes ist immerhin erwünscht. Aber wie willst du mich bei ihm einführen? Du verkehrst ja selbst noch nicht bei ihm.“

„Werde aber Hausfreund werden; an meinen jetzigen Besuch wird sich natürlich ein intimerer Verkehr knüpfen. Es wäre mir sehr lieb, wenn du mir einen Wink in Beziehung auf den Charakter dieses Krösus geben könntest.“

In diesem Augenblicke kam eine Equipage herangerollt. Eine einzelne Dame saß darin.

„Schau!“, meinte der Baron. „Da hast du gleich die Kommerzienrätin, seine Frau.“

Der Sänger sah sich die Dame an und sagte dann, als sie vorüber war, im Weitergehen:

„Nicht übel! Zwar etwas aufgedonnert, hat aber das Aussehen eines liebenswürdigen Charakters.“

„Den hat sie auch. Man erzählt sich sehr viel von ihren Wohltaten. Sie ist Jüdin.“

„Das sieht man ihrem orientalischen Gesichtsschnitt an. Er ist natürlich auch Israelit, wie sein Name Hesekiel beweist?“

„Ja. Man sagt sich, dass er früher mit alten Kleidern gehandelt habe. Eine Geistesgröße ist er nicht, sondern ein Geldprotz.“

„So harmoniere ich nicht mit ihm.“

„Er wird sich nicht darüber grämen.“

„Ich glaube, dass ich mich nicht viel bei ihm einstellen werde. Bei solchen Menschen ist es ja nicht möglich, sich zu amüsieren.“

„Oh, was das betrifft, so sind grad die Salons dieses Kommerzienrats sehr beliebt. Er zieht wirklich nur feine Leute herbei und ist auch in eigener Person ein Gegenstand der Unterhaltung; nur darf man sich das nicht merken lassen, wenn man ihm willkommen sein will.“

„Wieso?“

„Nun, er hat weder Bildung noch Kenntnisse, hält sich aber für ungeheuer klug und belesen. Bei einem Gespräch über Kunst und Wissenschaft fühlt er sich in seinem Element und schießt dabei solche Böcke, dass man platzen möchte, da man ihm natürlich nicht in das Gesicht hineinlachen darf, sondern nicht nur ernsthaft bleiben, sondern ihm sogar Recht geben muss. Das vergrößert natürlich sein Selbstbewusstsein und so kommt es, dass er sich für einen Mann hält, dessen Urteil gewichtig in die Waagschale fällt. Du wirst es gleich jetzt erfahren, wenn du zum ersten Mal bei ihm bist. Lass dich durch seine Reden nicht verblüffen und lache ihn um aller Welt willen nicht aus, sonst lässt er dich hinauswerfen.“

„Kommt man denn bei ihm in gar so große Gefahr, in ein Gelächter auszubrechen?“

„Zuweilen, ja. Da ist die Asperngasse. Wir trennen uns. Wollen wir uns heut wiedersehen, so weißt du mich zu finden.“

„Vielleicht komme ich. Leb wohl!“

Sie reichten einander die Hand. Der Sänger ging in die erwähnte Gasse; der Baron aber schlenderte zurück, nach der Ferdinandsbrücke zu.

Er machte keineswegs ein vergnügtes Gesicht.

„Verdammt!“, brummte er für sich hin. „Ich hatte es so schlau angefangen, zu erfahren, wie man zu seinem Geld kommen kann. Es ist so leicht, es sich zu holen, und nun muss der Einfaltspinsel die Dummheit mit dem Mädchen begehen, sodass er nun gezwungen ist, sich ein anderes Logis zu suchen. Wer weiß, ob es in demselben ebenso klappt wie hier!“

Er warf den Stummel seiner Zigarre ärgerlich fort, blickte sich vorsichtig um, ob er beobachtet werde, und fuhr fort:

„Heut ist der letzte Tag, welchen er bleiben kann. Eigentlich sollte ich diesen zum Einbruch benützen; aber es passt nicht; ich muss also warten. Einstweilen habe ich den Ring. Er ist echt. Ich werde ihn gut verkaufen. Man sieht mir bereits auf die Finger. Man glaubt nicht, dass ich adelig bin und große Besitzungen habe. Ich werde also bald verschwinden, vorher aber noch einen tüchtigen Treffer machen. Valeska, die Tänzerin, muss mir dabei helfen.“

Der Gedanke an sie schien seinen Missmut zu verscheuchen, denn er lachte lustig auf.

„Das ist eigentlich brillant! Sie ist meine Konkubine und er ahnt es nicht. Er will sie sogar heiraten! Meinetwegen! Er mag es tun. Ich wünsche beiden Glück dazu, denn ich werde meine Rechnung dabei machen.“

Er zog den Ring aus der Tasche, steckte ihn an und ließ im Weitergehen den Stein in der Sonne funkeln.


Als der Graf vorhin die beiden Herren aus seiner Equipage entlassen hatte, war er durch einige der Nebenstraßen einen Bogen gefahren, um über die Aspernbrücke zurückzukehren. Seine Wohnung lag am Kärntnerring. Dabei kam er auch durch die Asperngasse und am Palais des Kommerzienrats vorüber. Er blickte nach den Fenstern empor, um zu grüßen, falls er dort jemand sehen sollte. Er sah die Dame des Hauses, welche auf dem Balkon stand, und zog den Hut. Sie erkannte ihn und winkte. Er ließ halten und stieg aus, um sich zu ihr zu begeben. Sie kam ihm bis zum Vorsaal entgegen.

„Wie gut, dass Sie vorüberfahren, mein Verehrtester“, sagte sie. „Ich freute mich, als ich Sie sah, denn ich möchte Ihre Hilfe in Anspruch nehmen.“

Er küsste ihr galant die Hand und versicherte:

„Es gewährt mir ein großes Vergnügen, Ihnen meine Dienste widmen zu können.“

„Kommen Sie herein. Mein Mann sitzt beim zweiten Frühstück. Wir sprechen über einen Gegenstand, in Beziehung dessen ich Sie um Ihren Rat ersuchen möchte.“

Als sie in das Balkonzimmer kamen, saß der Kommerzienrat an einem Seitentisch. Er hatte eine Serviette unter die Kehle gebunden, eine zweite auf dem Schoß liegen; eine dritte lag ihm zur Hand auf dem Tisch. Er schien ein Freund der Sauberkeit zu sein. Der Tisch war mit all denjenigen Feinheiten bedeckt, welche ein Gourmand auf seiner Tafel zu lieben pflegt. Eben schob der Kommerzienrat ein großes Stück geräucherten Lachs in den mit großen, gelben Zähnen bewaffneten Mund, als seine Frau den Grafen brachte. Ohne sich zu erheben, sagte er kauend:

„Ah! Sie, bester Graf! Willkommen! Setzen Sie sich her und nehmen Sie teil!“

„Danke! Habe bereits gefrühstückt.“

„Tut nichts. Wein getrunken?“

„Ja. Burgunder und Champagner.“

„Das macht Kopfweh. Setzen Sie sich nur und essen Sie wenigstens einen Rollmops. Der stellt das Gleichgewicht wieder her.“

Er nahm die Serviette von der Kehle, wischte seine vom Lachs gefetteten Finger daran und hielt sie dann dem Grafen hin.

„Danke wirklich!“, lächelte dieser. „Die Gnädige hatte die Güte, mich zu rufen. Es handelt sich, wie ich höre, um eine Angelegenheit, in welcher ich mir Verdienste erwerben kann.“

Der Bankier schob ein Stück Chesterkäse in den Mund und nickte: „Ja, schön! Vortrefflich, dass Sie kommen. Setzen Sie sich! Sie haben doch unsere Einladung erhalten?“

„Ja, bereits gestern.“

„Und werden kommen?“

„Natürlich!“

„Schön! Es soll nicht etwa ein brillanter Gesellschaftsabend sein, nein gar nicht, sondern nur ein Vergnügen unter uns, das heißt unter den Nobelsten unserer Bekanntschaft. Da sind Sie natürlich der Erste, an den die Einladung ergangen ist…“

Der Graf, welcher sich gesetzt hatte, verbeugte sich unter einem verbindlichen Lächeln. Der Bankier fuhr fort:

„Sie wissen, ich bin Kunst-, besonders Musikfreund, sogar einer der bedeutendsten Kenner dieses Fachs. Ich spiele zwar nicht Klavier, weil meine Finger zu dick dazu sind. Ich habe das Unglück, dass jeder derselben gleich drei Tasten zugleich niederdrückt. Ich würde also nicht einmal einen guten Triller fertig bringen; aber wenn ich auch nicht selbst spiele oder blase, so höre ich es doch sehr gern, und so darf auch heut die Musik nicht fehlen. Ich habe auch bereits eine kleine Kapelle engagiert; da erfahre ich, dass seit einiger Zeit ein Sänger hier wohnt, welcher keine üble Stimme haben soll. Die Wiener Sänger haben alle bereits bei mir gesungen, nun möchte ich meinen Gästen auch diesen Fremden vorführen. Was meinen Sie dazu?“

„Brillante Idee!“

„Nicht wahr! Wollen Sie nicht wenigstens eine Kaviarsemmel nehmen?“

Er spießte die Semmel mit der Gabel an und hielt sie dem Grafen hin.

„Danke! Ich hatte heut schon Kaviar.“

„Schade! Ich habe mir sagen lassen, dass der Kaviar ein sehr gutes Präservativ gegen den Schnupfen und die Reizung sämtlicher Schleimhäute sein soll. Leiden Sie oft an Schnupfen?“

„Selten!“, antwortete der Graf sehr ernsthaft.

„Sie Glücklicher! Ich brauche alle Wochen zwei Dutzend Taschentücher. Also Sie meinen, dass ich den Sänger engagieren soll?“

„Ja.“

„Leider weiß ich nicht, wo er wohnt; aber ich erfuhr, dass Sie ihn kennen.“

„Wie heißt er?“

„Criquolini.“

„Ja, den kenne ich. Soeben erst habe ich ihn an seiner Wohnung abgesetzt.“

„Leistet er etwas?“

„Hoffentlich.“

„Wie? Haben Sie ihn noch nicht gehört?“

„Ich war dabei, als er irgendein Liedchen trällerte. Andere Leistungen vernahm ich noch nicht von ihm. Aber er soll in Amerika gute Erfolge gehabt haben.“

„So! Na, ich werde ihn benachrichtigen.“

„Tun Sie das bald, da Sie ihn bereits für heut Abend wünschen; er könnte sich sonst anderweit versagen17.“

„Schön, schön! Dort liegt Papier und alles Nötige. Ich bin noch nicht fertig mit dem Frühstück und habe fettige Hände. Wollen Sie dem Mann nicht einige Zeilen in meinem Namen schreiben?“

„Gern!“

Der Graf setzte sich an den Schreibtisch und verfasste jene wenigen Zeilen, welche der Sänger dann erhielt. Er lächelte still vor sich hin. Er kannte den Kommerzienrat und er kannte Criquolini. Er gedachte ihnen einen kleinen Streich zu spielen. Beide hatten harte Köpfe und besaßen sehr viel Eigenliebe. Einer wie der andere war für Beleidigungen sehr empfindlich. Indem der Graf dem Bankier verheimlichte, dass Criquolini ein Sänger von Ruf sei, und indem er die Zeilen, welche er schrieb, so abfasste, dass ihre Kürze den Sänger fast beleidigen musste, sorgte er dafür, dass es zu einer kleinen Szene zwischen den beiden kommen musste.

Ein Sänger vom Ruf des einstigen Wildschützen durfte natürlich nicht engagiert und wie ein gewöhnlicher Musiker bezahlt werden. Man musste ihn laden und mit den andern Gästen gleichstellen.

Der Graf war Criquolini keineswegs sehr zugetan. Er war überzeugt, dass dieser ein innerlich verwahrloster Mensch, ein fast gemeiner Charakter sei. Da aber der Sänger im Club eingeführt worden war, verkehrte der Graf um der anderen Mitglieder willen gelegentlich mit ihm. Er hatte ihn heute nach Hause gebracht, nicht etwa aus besonderer Zuneigung, sondern aus Rücksicht darauf, dass er selbst mit ihm gefrühstückt hatte. Musste der zu drei Vierteln betrunkene Tonkünstler seine Wohnung zu Fuß aufsuchen, so konnte er bei seinem Charakter unterwegs sehr leicht mit der Polizei in Konflikt geraten. Das hatte der Graf vermeiden wollen.

Auch den Baron hatte er längst durchschaut und als einen Schwindler erkannt. Er verachtete ihn und zeigte ihm nur äußerlich diejenige Freundlichkeit, welche ein Gebot der guten Sitte ist.

Als er die Zeilen vollendet und die Adresse geschrieben hatte, gab er beides dem Bankier zu lesen.

„Vortrefflich!“, nickte dieser. „Ein Diener mag das Billet sofort besorgen.“

Der gefällige Graf klingelte und gab den Brief ab. Er glaubte die Angelegenheit nun erledigt, aber der Kommerzienrat sagte, immer kauend:

„Nun noch eins, lieber Freund; die Hauptsache: Ist Ihnen der Name Ubertinka bekannt?“

„Allerdings. So heißt ja jene Sängerin, welche in Mailand, Venedig, Rom und Neapel ein so großes Aufsehen erregte.“

„Die meine ich. Halten Sie diese für gut?“

„Wozu?“

„Bei mir zu singen.“

„Ah! Etwa heut Abend?“

„Gewiss.“

„So müsste sie ja hier sein.“

„Bitte, bemühen Sie sich nochmals an den Schreibtisch. Dort liegt die Liste der bei der Polizei neu angemeldeten Fremden. Suchen Sie da nach dem ‚Hotel de l’Europe‘, Asperngasse Nummer zwei, also gar nicht weit von mir.“

Der Graf fand die bezeichnete Stelle. „Signora Ubertinka, Sängerin“ war da zu lesen.

Der Graf war ein großer Freund des Theaters, besonders der Oper, des Gesangs. Er interessierte sich sehr für alles Neue auf diesem Gebiet. Eine neue Erscheinung am Himmel der Kunst konnte ihn in Ekstase versetzen.

Aber er war nicht einer jener Theaterhabitués18, welche die Kunst lieben nur der Künstlerinnen wegen. Er besaß einen wahrhaft edlen Charakter und eine Geistes- und Herzensbildung, deren Höhe der Höhe seines Standes und seiner gesellschaftlichen Stellung gleichkam. Als er den berühmten Namen las, röteten sich seine Wangen.

„Was?“, fragte er. „Die Ubertinka ist hier, ist in Wien? Gestern angekommen? Das ist freilich geradezu ein Ereignis.“

„Wirklich?“, fragte der Bankier.

„Mein Gott, da fragen Sie auch noch! Diese Sängerin ist ja eine phänomenale Erscheinung!“

„Also schön?“

„Bitte, das meine ich nicht. Ich spreche von ihren künstlerischen Leistungen, von denen Sie doch wohl gehört haben?“

„Ja; aber ich gestehe offen, ich entsinne mich, von ihr gelesen zu haben, habe aber das Nähere längst wieder vergessen. Sie wissen ja, unsereiner, der eine Autorität ist, wird so allgemein in Anspruch genommen, dass man sich das Besondere, das Einzelne gar nicht merken kann. Darum eben ist es mir lieb, dass meine Frau Sie zitiert hat. Ich pflege täglich die Fremdenliste durchzugehen, der Geschäftsleute wegen, welche ankommen. Da fand ich vorhin den Namen Ubertinka. Ich sann und sann, bis mir einfiel, dass vor einiger Zeit in sehr vielen Journalen von ihr geschrieben wurde. Sie ist also wirklich berühmt?“

„Hm! Der Ausdruck berühmt ist hier wohl nicht anzuwenden.“

„So! Also taugt sie doch nicht viel?“

„Bitte, bitte! So ist’s nicht gemeint…“

„Nach meiner Meinung kann eine Sängerin, welche nicht berühmt ist, nicht viel taugen.“

„O doch! Ist zum Beispiel die Venus berühmt?“

„Die Venus? Ja. Sie ist die Göttin der Liebe. Sie war die Gemahlin des buckeligen Vulkan und ist diesem untreu geworden, weil ihr der Kriegsgott Mars viel besser gefiel, von dem sie drei Kinder bekommen hat. So habe ich gelesen.“

Die Kommerzienrätin machte eine Handbewegung der Abwehr.

„Aber, Hesekiel!“

„Was?“, fragte er verwundert. „Ah, ich soll nicht von solchen Ehebruchsgeschichten reden? Warum denn nicht, liebes Kind? Das ist täglich vorgekommen und kommt noch heut täglich vor, früher unter Göttern und jetzt unter Menschen. Diese Letzteren scheinen es von den Ersteren gelernt zu haben. Du brauchst dich gar nicht darüber zu entsetzen, denn ich bin kein Mars und bleibe dir treu.“

Der Graf ließ ein kurzes, lustiges Lachen hören und bemerkte:

„Lieber Baron, als ich von der Venus sprach, meinte ich nicht die Göttin der Liebe, welche allerdings ein leichtes Leben geführt zu haben scheint, sondern den Planeten, welcher diesen Namen führt.“

„Ach so! Kenne ich, kenne ich auch! Venus, Erde, Mars, Jupiter, Uranus, Saturn, kenne sie alle, alle! Treibe des Nachts zuweilen Astronomie. Was ist also mit diesem Planeten Venus?“

„Ich fragte Sie, ob er berühmt sei.“

„Berühmt? Nein. Nicht dass ich wüsste! Was ist’s denn weiter, ein Planet zu sein? Gar nichts, gar nichts! Man läuft einfach rund um die Sonne herum und leuchtet ein bisschen während der Nacht.“

„Sehr richtig! Aber setzen wir den Fall, es trete plötzlich ein Komet auf, ein Komet, den kein Astronom vorherberechnet hat. Er kommt ungeahnt, ist da und überflutet den ganzen Himmel mit Glorienschein. Wie steht es da mit der Berühmtheit?“

„Die ist da, sicherlich da! Ein Komet macht viel eher Karriere als ein Planet. Von ihm erzählt man sich noch nach Jahrhunderten.“

„Da haben Sie nun den Vergleich, welchen ich bringen wollte. Die glänzenden Sterne unserer Opernwelt sind Planeten, welche ihren ruhigen, vorgeschriebenen Lauf gehen und weder rechts noch links abweichen. Tritt aber an diesem Himmel ein Komet auf, so hat ihn vorher kein Mensch gekannt; er ist also nicht berühmt, überstrahlt aber dennoch die Planeten alle.“

„Sapperment, lieber Graf, meinen Sie etwa, dass diese Ubertinka ein solcher Komet sei?“

„Ja, das ist sie. Sie leistet Unglaubliches, ohne berühmt zu sein, wird es aber in Kurzem werden.“

„Wissen Sie Näheres von ihr?“

„Nur das, was man hier und da zu lesen bekam.“

„Hier in Wien hat sie noch nicht gesungen?“

„Nein.“

Da warf der Bankier auch noch die andere Serviette fort, sprang auf, rieb sich vergnügt die Hände, lief im Zimmer auf und ab und rief:

„Herrlich! Prächtig! Köstlich! Ah! Oh! Auf so einen Gedanken kann eben nur ich kommen, ich, der Herr Baron Hesekiel von Hamberger!“

Seine Frau war solche Auslassungen gewöhnt. Ihr fielen sie nicht mehr auf. Der Graf war rücksichtsvoll genug, ein Lächeln zu unterdrücken.

Der Bankier blieb endlich vor ihm stehen und fragte:

„Was meinen Sie, bester Graf, würde es nicht Aufsehen erregen, wenn ich, ich, ich…“, er deutete dabei mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf seine fette, breite Brust, „wenn ich diesen Kometen in die Wiener aristokratische Welt einführte?“

„Ungeheures Aufsehen!“

„Würde ich mir nicht große Verdienste um die Kunst erwerben, bedeutende Verdienste?“

„Unbedingt!“

„Und welch eine Genugtuung für mich, wenn ich allen anderen zuvorkomme, allen Fürstlichkeiten und hohen Herrschaften!“

„Ja, das wäre ein Erfolg, um den Sie jedermann beneiden würde.“

„Sie wohl auch?“

„O nein. Ich lebe einsam nur meinen Studien und der komplizierten Verwaltung meiner Besitzungen und sehe keine Gesellschaften bei mir. Wie also sollte ich Sie beneiden? Im Gegenteil würde es mich, als den Gast Ihres Hauses, freuen, wenn Sie das Glück hätten, diese Künstlerin für heute Abend zu gewinnen.“

„Das Glück? Warum sollte ich es nicht haben?“

Der Graf wiegte, ohne eine Antwort zu geben, den Kopf bedenklich hin und her.

„Nun, so antworten Sie doch! Sprechen Sie! Warum sollte sie nicht kommen wollen, zu mir, dem reichen Bankier und Baron Hesekiel.“

„Weil sie nicht so ist wie andere.“

„So! Wie ist sie denn?“

„Sie scheint nur ihrer Kunst zu leben. Vom öffentlichen Leben aber zieht sie sich zurück.“

„Das wissen Sie?“

„Es wurde darüber geschrieben. In den vorhin genannten Städten haben die reichsten und angesehensten Familien sich Mühe gegeben, sie anzuziehen – vergeblich. Sie hat stets abgelehnt. Sie hat als Grund angegeben, dass sie lernen müsse und keine Zeit für anderes übrig habe.“

„Dann ist sie allerdings eine große Ausnahme. Aber dennoch werde ich mein Glück bei ihr versuchen. Ich werde alles tun, was ich kann. Ich werde zu ihr fahren in meinem besten Wagen und ihr bieten hundert Gulden, fünfhundert Gulden und auch noch mehr, wenn sie kommen will, um ein Lied zu singen.“

„Um Gottes willen, das nicht!“

„Kein Lied?“

„Nein, kein Geld, meine ich. So eine Dame fühlt sich natürlich hoch beleidigt, wenn man ihr eine Bezahlung anbietet.“

„Aber ich kann und will doch nicht verlangen, dass sie es umsonst macht. Ich will nobel sein!“

„Das können Sie auch ohne Bezahlung.“

„Aber wie denn?“

„Indem Sie ihr zum Beispiel am nächsten Morgen ein feines Bukett senden, welches von einer goldenen Kette oder einem Braçelet19 zusammengehalten wird.“

„Schön! Dieser Gedanke ist prachtvoll. Die Kette und das Braçelet werden das Bukett zusammenhalten. Ich werde ihr gleich einige Zeilen in das Hotel senden.“

„Da kommt sie nicht.“

„Nicht? Warum?“

„Sie ist eben keine Lohnsängerin. Man muss sie persönlich einladen.“

„So fahre ich gleich zu ihr!“

„Auch davon möchte ich abraten. Es handelt sich hier nicht um einen Sänger, sondern eine Sängerin, darum würde ich raten, dass Frau von Hamberger sich zu ihr bemühe. Einer Dame wird es durch liebenswürdiges Benehmen am besten gelingen, die Sängerin zur Zusage zu bewegen.“

Der Bankier wendete sich schnell an seine Frau:

„Judith, lauf, eile, fahre sogleich! Sei liebenswürdig, höchst liebenswürdig! Mache dich angenehm! Lächle freundlich und streichle ihr die Wangen. Das haben die jungen Damen gern; das weiß ich ganz genau, denn ich habe…“

Er hielt erschrocken inne und verbesserte sich:

„Das weiß ich ganz genau, denn ich habe es oft gehört, obgleich ich niemals solche Wangen streichle. Judith, es ist die Zeit, in welcher du auszufahren pflegst. Fahre nach dem Hotel, gleich, gleich. Ich bitte dich!“

Am liebsten hätte er die Sängerin gleich jetzt schon hier gehabt, um ihrer sicher zu sein. Der Gedanke, in Wien der Erste zu sein, bei dem sie sich hören ließ, machte ihn fast betrunken.

Der Graf erhob sich von seinem Sitz und fragte:

„Haben Sie sonst noch eine Frage, mit deren Beantwortung ich Ihnen dienen kann?“

„Für jetzt nicht mehr“, antwortete die Frau des Hauses. „Wir dürfen Sie ja nicht noch mehr belästigen, als es bereits geschehen ist.“

„Oh, ich stehe Ihnen stets und gern mit allen meinen Kräften zur Verfügung. Wenn Sie es genehmigen, so möchte ich Ihnen gern noch einen Rat erteilen.“

„Seien Sie überzeugt, dass er uns sehr willkommen sein wird.“

„Sprechen Sie, wenn Sie zu der Sängerin kommen, nicht davon, dass sie singen soll. Das würde doch wie ein Engagement klingen. Laden Sie sie einfach ein; sie wird Sie verstehen und Ihnen für diese Zartheit dankbar sein. Singt sie dann heute nicht, nun, so wird sie ein anderes Mal singen. Sie haben dann wenigstens die Genugtuung, die erste Dame zu sein, bei welcher die Künstlerin eingeführt worden ist.“

Das leuchtete dem Bankier ein. Er war gar so gern nobel und zart; aber er hatte kein Geschick dazu. Kam es dann einmal vor, so wie jetzt, dass er durch andere in die Möglichkeit gesetzt wurde, zart zu sein, so trieb er die Zartheit dann allerdings auch bis auf die äußerste Grenze.

„Hörst du es, Judith!“, rief er. „Sei zart! Du kannst es ja, denn das ist uns beiden angeboren. Wir sind von zartester Konstitution und sind auch so unendlich zart verheiratet worden. Sage ihr nicht, dass sie singen soll. Verbiete es ihr! Sage ihr, dass ich es nicht dulde, auf keinen Fall dulde. Sie soll nur essen und trinken. Sie braucht kein Wort zu singen oder zu sprechen. Also, sei zart, Judithchen! Fasse sie leise und lieblich an mit den Fingerspitzen, so wie man eine Spinne ergreift, wenn man sie zum Fenster hinauswerfen will.“

Der Graf gab sich Mühe, bei diesem ‚zarten‘ Vergleich ernst zu bleiben. Er verabschiedete sich in verbindlichster Weise und ganz kurze Zeit später fuhr die Baronin nach dem Hotel.

Dort erfuhr sie zu ihrem anfänglichen Leidwesen, dass die Sängerin das Hotel bereits verlassen und sich eine Privatwohnung gemietet habe. Dann, als sie erfuhr, wo diese Wohnung sich befand, freute sie sich doppelt darüber, denn die Frau Salzmann, zu welcher die Sängerin gezogen war, war ja eine liebe Freundin von ihr. Sie war die sehr wohlhabende Witwe eines Regierungsbeamten und besaß in der Asperngasse ein Haus, dessen möblierte Wohnungen sie an anständige Personen vermietete. Dabei hatte sie die Gewohnheit, sich als Mutter ihrer Mieter zu betrachten und ihnen in jeder Beziehung mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zu ihr fuhr die Baronin, welche ihres Erfolgs nun ganz sicher zu sein glaubte, da Frau Salzmann voraussichtlich ihre Bitte unterstützen würde. Die Letztere war ja auch bereits für heute Abend geladen.

Unterwegs begegneten der Baron und Criquolini ihrem Wagen, ohne dass sie den beiden Männern die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Sie hatte den Sänger einmal flüchtig im Flur des Salzmannschen Hauses gesehen und dann von der Wirtin gehört, dass er ein wüster Patron sei, den in ihr Haus genommen zu haben, sie lebhaft bedaure. Den Namen hatte sie sich nicht gemerkt und so ahnte sie nicht, dass der Sänger, an welchen ihr Mann durch die Hand des Grafen geschrieben hatte, dieser ‚wüste Patron‘ sei.


Frau Salzmann saß am Morgen in der Küche und war mit ihren beiden Dienstmädchen mit der Vorbereitung des zum Mittagsmahl notwendigen Gemüses beschäftigt. Sie war auch diesen Mädchen wie eine Mutter. Sie griff selbst mit zu, nahm teil an allem, was sie betraf, und behandelte sie mehr als Kinder denn als Gesindepersonen.

Da klingelte es. Die hübscher Gekleidete von den beiden Mädchen ging, um nachzusehen. Sie ließ dabei die Küchentür halb offen und so hörte Frau Salzmann eine wohlklingende, sonore Frauenstimme fragen:

„Entschuldigen Sie, würde Frau Salzmann für einen Augenblick zu sprechen sein?“

„Wen darf ich melden?“

„Hier meine Karte.“

Das Zimmermädchen führte die Fremde in den Salon und brachte dann die Karte in die Küche. Frau Salzmann las auf derselben den Namen Lena Ubertinka.

„Sonderbarer Name!“, sagte sie. „Vielleicht ist sie eine Ausländerin. Wie sah sie aus, liebe Martha?“

„Einfach, aber sehr anständig.“

„Was mag sie wollen? Na, ich will sehen.“

Sie strich die glänzend weiße Küchenschürze glatt und begab sich hinüber nach dem Salon.

Die Fremde stand, sie erwartend, da. Sie war in ein einfaches Reisegrau gekleidet und trug nicht den mindesten Schmuck an sich. Der Hut war ein einfacher Strohhut mit grauseidenem Band. Die Gestalt war hoch und voll, das Gesicht bleich, aber nicht kränklich blass. Die großen, schwarzen, ernst blickenden Augen konnten es einem antun. Sie war eine Schönheit, aber eine jener ernsten Schönheiten, denen man nur in lauterer Absicht zu nahen wagen darf.

Frau Salzmann war eine Menschenkennerin. Sie sagte sich sogleich im Stillen: Das ist eine Brave, der kann man vertrauen; die könntest du recht lieb haben.

Laut aber bat sie:

„Warum haben Sie sich nicht gesetzt? Bitte, nehmen Sie Platz!“

„Dann vielleicht, wenn Sie meine Frage vernommen haben. Ich brauche eine Wohnung. Da ich hier gänzlich unbekannt bin und den Annoncen kein Vertrauen entgegenbringen kann, wendete ich mich an die Wirtin des ‚Hotel de l’Europe‘, wo ich logierte. Sie hat mir Ihren Namen genannt und mir versichert, dass Sie eine Wohnung frei hätten und dass ich mich getrost unter Ihren Schutz begeben könnte.“

Die Wirtin fühlte sich von der Stimme und den Worten der Fremden angenehm berührt. Sie antwortete:

„Aus ganz dem Grunde, welchen Sie nennen, annonciere ich nie. Dass die Wirtin Sie an mich gewiesen hat, ist eine Empfehlung für Sie an mich. Ja, ich habe eine Wohnung frei; aber ich fürchte, dass sie Ihnen zu groß sein wird. Bis vor Kurzem gehörte sie einer Witwe, welche mit zwei Töchtern den Tod ihres Mannes betrauerte. Es ist die halbe erste Etage, vier Zimmer, also für eine einzelne Person zu viel.“

„Für mich nicht. Gerade diese Räume habe ich mir gewünscht.“

Die Wirtin ließ einen freundlich-prüfenden Blick über die Gestalt der Fremden gleiten.

„Bedenken Sie auch, wie teuer eine solche fein möblierte Wohnung hier in Wien ist?“

Eine leise Röte verschönte das Gesicht der Fremden. Sie antwortete lächelnd:

„Ich besitze die Mittel dazu und bin keine säumige Zahlerin.“

„Dann werde ich Sie ersuchen, die Räume sich einmal anzusehen.“

Sie wollte sich zum Gehen wenden, aber die Fremde legte ihr, sie zurückhaltend, das kleine Händchen leise auf den Arm.

„Bitte, ehe ich Sie bemühe, möchte ich erst gewiss sein, ob Sie mir das Logis auch überlassen würden, wenn es mir gefällt.“

„Was sollte mich daran hindern?“

„Mein – Stand.“

„So! Nun, welchem Stand gehören Sie an?“

„Ich bin Sängerin.“

Die Wirtin fuhr unwillkürlich um einen Schritt zurück und rief ganz absichtslos ein halblautes:

„O weh!“

„Sehen Sie!“, sagte die Fremde. „Sie erschrecken.“

Das gute Herz machte der Wirtin Vorwürfe. Sie antwortete schnell:

„Verzeihung! Das ist mir nur so entwischt. Ihr Stand besitzt allerdings Angehörige, denen man am liebsten fernbleibt.“

„Leider weiß ich das!“

„Aber das sollte keineswegs Ihnen gelten. Sie sehen mir nicht wie eine Wiener Sängerin aus, die keine Note kennt und Gott weiß wovon lebt.“

„Nein, das bin ich nicht. Ich habe die Überzeugung, dass Sie sich niemals über mich beklagen würden.“

„Das traue ich Ihnen gern zu. Sie heißen Lena Ubertinka. Sind Sie eine Ausländerin?“

„Nein. Ich habe meinem deutschen Namen einen fremdländischen Klang gegeben.“

„Kindchen, das liebe ich nicht.“

„Auch ich bin eigentlich gegen solche Pseudonyme; aber ich habe eine persönliche Veranlassung, mich so zu nennen. Ich bin eine Bayerin, heiße eigentlich Magdalena Berghuber und wurde, weil ich in der Nähe einer sogenannten Mure erzogen wurde, nur stets die Murenleni genannt. Ich war eine Sennerin, ein dummes, stilles Ding. Da kam der gute König von Bayern, hörte mich jodeln und nahm mich von der Alp weg. Ich musste Sängerin werden; er hat alles bezahlt und bezahlt auch jetzt noch alles.“

„Der König von Bayern? Ah, das ist ja etwas ganz anderes! Aber warum sind Sie nach Wien gekommen?“

„Es gibt hier einen gar berühmten Gesangslehrer, bei dem ich noch für einen oder zwei Monate Unterricht nehmen möchte.“

„Das lässt sich hören. Haben Sie vielleicht Familie?“

„Nein, ich bin ein Waisendirndl.“

„Aber anderen Anhang? Einen – Schatz?“

„Auch nicht. Ich wünsche weiter nichts, als bei Ihnen wohnen und auch essen zu dürfen. Ich gehe täglich auf eine Stunde zum Professor in den Unterricht und die übrige Zeit möcht ich so gern, dass Sie sich meiner mit annehmen, da ich so gar niemanden hier in der großen Stadt hab.“

Das klang so rührend, dass Frau Salzmann das Herz überlief.

„Kind“, sagte sie fast zärtlich, „wenn Ihnen mein Logis gefällt, sollen Sie es haben und ich will für Sie sorgen, als ob ich Ihre Mutter wäre. Sie dürfen mir meine Bedenken, welche ich vorhin äußerte, nicht übel nehmen. Ich habe die Unvorsichtigkeit begangen, das halbe Parterre an einen Sänger zu vermieten, an dem ich leider sehr schlimme Erfahrungen mache.“

„Ist er ein hiesiger?“

„Nein. Er stammt aus Bayern.“

„Und wie heißt er?“

„Criquolini. Er nennt sich so, obgleich er jedenfalls einen guten bayerischen Namen hat. Der ist ein richtiger Lüdrian. Lassen Sie sich ja nicht, falls er Sie kennenlernt, von ihm vertraulich als Kollegin behandeln! Das wäre keine Ehre, sondern eine Schande für Sie.“

Leni fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen. Sie fühlte einen tiefen, schmerzlichen Stich in demselben. Also so weit war es mit dem Krikelanton gekommen. Die Kunst wurde ihm ebenso verhängnisvoll wie früher der Jagdstutzen. Um ihre Betrübnis nicht merken zu lassen, bat sie:

„Bitte, dürfte ich vielleicht nun die Zimmer ansehen?“

„Ja, kommen Sie!“

Die Halbetage war wirklich höchst wohnlich eingerichtet. Indem sie aus einem Raum in den anderen gingen, hörten sie, dass ein Wagen unten hielt. Die Wirtin trat an das Fenster und blickte hinab.

„Da, kommen Sie her, liebes Kind“, sagte sie. „Sehen Sie diese Equipage. Sie gehört dem Grafen von Senftenberg, einem sehr reichen und feinen Kavalier. Der eine, welcher bei ihm sitzt, nennt sich Baron Egon von Stubbenau und behauptet, große Güter zu besitzen. Der andere ist der Sänger, von dem ich sprach, der Criquolini. Sehen Sie sich ihn einmal an. Ist er nicht bereits am Vormittag betrunken?“

Leni schaute hinab. Es wurde ihr, als sie den einstigen Geliebten erblickte, unendlich weh zu Mute. Sie liebte ihn ja noch immer, obgleich sie es sich selbst nicht eingestand. Um nur etwas zu sagen, fragte sie:

„Ist denn der Baron ein braver Mann?“

„Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Wenigstens glaubt ihm keiner, was er sagt.“

„Aber warum verkehrt da der Graf, da Sie ihn einen so feinen Kavalier nennen, mit diesen beiden?“

Dabei war ihr Auge forschend auf die männlich schönen, vornehmen Züge des Grafen gerichtet.

„Das fragen Sie, weil Sie die Sitten und Gewohnheiten der höheren Kreise nicht kennen. Dort gibt es oft Rücksicht zu nehmen, wenn man lieber dreinschlagen möchte. Der Sänger wird, weil man ihn zu den Künstlern zählt, mit zugelassen. Ihm sieht man vieles nach, denn Künstler sind leichtlebige Leute, welche man entschuldigt, während man andere verdammen würde. Der Baron ist eben so lange Baron, bis man ihm beweisen kann, dass er es nicht ist. Er ist dem Grafen vorgestellt worden, und der muss freundlich mit ihm sein, um nicht den zu beleidigen, welcher ihm den Baron vorgestellt hat. Sie sehen ja auch seiner Miene an, dass er nur von oben auf die anderen schaut, obgleich er freundlich mit ihnen ist. Er hat den Sänger in den Wagen genommen, weil derselbe vor Betrunkenheit nicht laufen kann. Im Herzen verachtet er ihn. Bitte, gehen wir weiter.“

Als sie alle Räume betrachtet hatten, erklärte Leni, dieselben mieten zu wollen, und bezahlte den Preis pränumerando. Die beiden Damen unterhielten sich noch eine Weile in herzlichster Weise und dann sagte Leni, dass sie nun nach dem Hotel gehen wolle, um ihre Effekten herbeischaffen zu lassen.

„Nein, Kind“, antwortete die Wirtin. „Sie brauchen sich gar nicht zu bemühen. Haben Sie dort zu zahlen?“

„Ja. Die Rechnung ist noch unberichtigt.“

„Trotzdem ist Ihre Gegenwart nicht nötig. Ich werde meine Martha senden. Die Wirtin kennt mich und nimmt es Ihnen nicht übel, wenn Sie nicht selbst kommen. Sie sind doch ganz allein hier?“

„Ich habe niemand bei mir.“

„Sie wollen mir verzeihen. Ich dachte daran, dass alleinstehende Künstlerinnen gewöhnlich eine sogenannte Duenna, eine Ehrendame, bei sich haben.“

„Auch ich habe eine, eine sehr liebe Frau. Sie ist bei mir gewesen, seit der König mich ihr anvertraut hat. Aber sie ist so stark geworden, dass sie nicht mehr laufen kann. Dennoch wollte sie bei mir bleiben. Sie sagte, sie gräme sich zu Tode, wenn ich eine andere engagiere. Da bin ich, um sie nicht zu betrüben, allein nach Wien gegangen und habe sie, trotzdem die Saison noch nicht da ist, nach Karlsbad in die Kur geschickt.“

Das war die dicke Gesangslehrerin Madame Gualèche, welche damals den Bewohnern der Talmühle so viel zu schaffen gemacht hatte.20

Nachdem sie sich noch eine geraume Weile unterhalten hatten, erhielt das Stubenmädchen den Auftrag, nach dem Hotel zu gehen. Sie war kaum zur Vorsaaltür hinaus, so hörte man sie um Hilfe rufen. Die Wirtin eilte hinaus. Leni mit ihr.

Beide sahen die Gruppe unten im Hausflur. Martha rang mit dem Sänger. Die Wirtin eilte ihr zu Hilfe. Leni aber versteckte ihr Gesicht hinter dem Taschentuch, damit er, wenn er heraufblickte, sie nicht erkennen solle. Ihr Herz bebte, ihr Busen arbeitete heftig.

„O Gott!“, stöhnte sie leise. „So einer ist er geworden. Nun ist alles, alles aus.“

Sie ging still hinein in ihre Wohnung und setzte sich auf das Sofa. Es war ihr so unendlich traurig im Herzen, dass sie hätte laut aufschreien mögen. Aber sie bezwang sich. Sie durfte der Wirtin nicht gleich im ersten Augenblick Tränen zeigen.

Nach einiger Zeit klopfte es draußen an. Frau Salzmann trat ein und brachte die Baronin von Hamberger mit.

„Fräulein, verzeihen Sie“, sagte sie. „Hier ist meine Freundin, die Frau Baronin von Hamberger. Sie hat mich heut zu sich geladen, und da ich ihr von Ihnen erzählte und ihr sagte, dass Sie so ganz allein sind, bat sie mich, Sie für den Abend mitzubringen. Jetzt möchte sie Ihnen selbst diese Bitte wiederholen.“

Leni hatte sich erhoben. Das Auge der Baronin ruhte forschend auf ihr. Die Dame hatte sich diese Sängerin ganz anders gedacht. Diese zwar schöne, ja herrliche Figur, nur in ein so unscheinbares Gewand gekleidet, sollte ein Komet sein.

„Sie, Sie sind die Sängerin Ubertinka?“, fragte sie.

Leni verneigte sich bejahend. Keine Fürstin hätte eine elegantere Verbeugung zeigen können.

„Bitte, nehmen gnädige Frau Platz!“

Sie schob beiden Fauteuils hin, blieb aber selbst stehen. Jetzt hatte sie ganz die Haltung einer vornehmen Dame, welche zwei Bittende vor sich sieht. Die Baronin begann in verbindlichem Ton:

„Meine liebe Frau Salzmann hat Ihnen gesagt, welche Bitte mich zu Ihnen führt. Darf ich auf die Erfüllung derselben zählen?“

Leni richtete einen durchdringenden Blick auf das Gesicht der Sprecherin und fragte:

„Wussten Sie, bevor Sie mit Frau Salzmann sprachen, dass ich hier zu finden sei?“

„Ja.“

„Von wem?“

„Die Besitzerin des ‚Hotel de l’Europe‘ sagte es mir.“

„So haben Sie mich dort gesucht?“

„Ja.“

„Woher wussten Sie, dass ich dort logiere?“

„Ihr Name stand in der Fremdenliste.“

Lenis Blick übte eine solche Macht auf die Baronin aus, dass sie offen sagte, was sie hatte verschweigen wollen.

„Ich verstehe“, lächelte die Sängerin. „Ihre heutige Soiree ist eine musikalische?“

„Es werden einige Künstler sich hören lassen.“

„Und ich soll auch singen?“

„Nein, wirklich nicht, Fräulein. Das muten wir Ihnen nicht zu. Graf Senftenberg hat Sie einen glänzenden Kometen genannt. Wir halten es für eine große Ehre, wenn Sie nur kommen. Singen sollen Sie nicht.“

Es glitt ein feines Lächeln über Lenis Gesicht.

„So sagt man uns allemal, im Stillen aber erwartet man natürlich, dass wir singen. Ich habe nie danach gestrebt, Gesellschaften zu sehen, und ich habe auch jetzt keine Veranlassung, meine Grundsätze zu ändern. Ich muss Sie also bitten, es mir zu verzeihen, wenn ich, besonders da ich noch von der Reise ermüdet bin, auf die Ehre, heut bei Ihnen sein zu dürfen, verzichte.“

Die Baronin erschrak. Sie bat:

„Nehmen Sie dieses Wort zurück, Fräulein. Sie finden bei mir eine Gesellschaft, welche allen Ansprüchen genügen wird. Ich darf wirklich ohne Ihre Zusage nicht nach Hause kommen. Bitte, liebe Freundin, stehen Sie mir doch bei!“

Diese Bitte war an Frau Salzmann gerichtet, welche sich nun so eifrig für ihre Freundin verwendete, dass Leni endlich sagte:

„Nun, um nicht gleich in der ersten Stunde meines Hierseins unhöflich zu sein, werde ich kommen und Ihnen auch ein Liedchen singen. Haben Sie eine gute Kraft zur Begleitung?“

„Nach dieser Ehre wird der Graf von Senftenberg eifrig trachten.“

„Sie haben diesen Namen nun zum zweiten Male genannt…“

„Er gehört zu den geehrtesten und willkommensten unserer Hausfreunde. Also ich darf meinen Mann mit Ihrer gewissen Zusage beglücken, Fräulein?“

„Ja. Ich werde zwei Nummern singen und die Noten für die Begleitung dazu mitbringen, aber das tue ich außerhalb des Programms. Ich komme nicht als Sängerin zu Ihnen.“

„Nein, sondern als eine junge Freundin, welche mir von jetzt an zu jeder Zeit und Stunde willkommen sein wird.“

Sie reichte ihr die Hand und entfernte sich mit der Wirtin. Bevor sie sich von der Letzteren verabschiedete, fragte diese:

„Nun, was sagen Sie zu meiner neuen Mieterin, liebe Frau Baronin?“

„Ein Prachtkind!“

„Meinen Sie das wirklich?“

„Ja. Beim ersten Anblick machte sie auf mich gar keinen Eindruck. Dann aber hat sie mir geradezu imponiert. Diese Augen, deren Blick man unmöglich zu widerstehen vermag. Diese Sicherheit des Ausdrucks und der Haltung. Diese Eleganz der Bewegungen. Sie hat mich ja gradezu ins Examen genommen!“

„Ja, ich glaube, dass wir uns ihrer nicht zu schämen brauchen.“

„Welche Erscheinung, wenn sie erst Salontoilette angelegt hat. Die Herren werden sofort für sie schwärmen.“

„Sie aber hat mir gar nicht das Wesen, als ob sie sich gern anbeten lasse. Ich habe sie bereits jetzt herzlich lieb und wünsche sehr, dass wir alle gegenseitig voneinander befriedigt werden.“


Unterdessen hatte sich der einstige Gamswilderer bei dem Bankier melden lassen. Dieser saß, als der Sänger bei ihm eintrat, eine Zigarre rauchend am Fenster und las in der Zeitung. Anton grüßte und verbeugte sich. Der Bankier las weiter, ohne ihn zu beachten. Erst als Anton sich ärgerlich räusperte, legte er die Zeitung beiseite, stand auf, schob den Klemmer fest auf die Nase, betrachtete Anton vom Kopf bis zu den Füßen herab und fragte:

„Signor Criquolini?“

„Wie Sie auf meiner Karte ersehen!“

„Sänger? Bin Kenner, Autorität, Kunstgröße. Was singen Sie?“ Er nahm die Haltung, die Miene und den Ton eines Mannes an, der im nächsten Augenblick über Leben und Tod zu entscheiden hat.

„Alles!“, antwortete Anton, welcher auf so eine dumme Frage allerdings keine gescheitere Antwort geben konnte.

„Schön! Ist mir lieb. Habe heut Soiree. Wollen Sie da singen?“

„Wer ist geladen?“

„Grafen, Barone, Freiherren und so weiter.“

„Welche Künstler sind geladen?“

„Die bedeutendsten. Hoffe sogar, dass die Ubertinka kommen wird.“

„Die Ubertinka! Ist die denn in Wien?“

„Ja. Meine Frau ist soeben zu ihr, um sie einzuladen.“

„Dann sage ich unbedingt zu. Die Ubertinka muss ich hören.“

„Kennen Sie sie?“

„Par renommée. Sie ist ein Phänomen, natürlich eine Polin, wie der Name erraten lässt. Man sagt von ihr, sie soll die Vorzüge der Henriette Sonntag, Schröder-Devrient, Nielson und Patti in sich vereinigen. Was soll ich singen?“

„Was Ihnen beliebt. Für einen tüchtigen Begleiter werde ich sorgen. Am liebsten hört man natürlich Liebeslieder.“

„Diesem Geschmack werde ich Rechnung tragen.“

„Gut, und Ihre Rechnung zahle ich dann sofort.“

Der Sänger blickte den Bankier erstaunt an. Dieser sah das und fragte:

„Was gucken Sie? Richten Sie sich so ein, dass Sie Punkt acht Uhr hier sind – Frack, Weste, Schlips und Handschuhe weiß – Lackstiefeletten. Bis dahin adieu, empfehle mich!“

Er drehte sich um und verließ das Zimmer. Anton blickte ganz erstaunt nach der Tür, hinter welcher der Mann verschwunden war. Was sollte er von ihm denken? Sollte er lachen oder sich ärgern? Sollte er auf heut Abend verzichten oder doch kommen?

„Pah!“, meinte er zu sich. „Ich komme doch. Der Kerl ist ein Parvenü und weiß sich nicht zu benehmen. Jedenfalls aber ist die Tafel fein – exquisite Weine und vor allen Dingen die Ubertinka. Sie ist ein Rätsel für alle; ich werde es lösen. Ob sie wohl schön ist? Jedenfalls nicht so schön wie die Tänzerin. Pah, werden sehen!“

Er ging, um sofort den Baron aufzusuchen und ihm mitzuteilen, dass die berühmte Sängerin in Wien sei und heut Abend mit ihm singen werde.

Die beiden speisten nach ungarischer Karte bei Tökes in der Habsburgergasse und beschlossen sodann, zur besseren Verdauung einen Spaziergang zu machen. Sie wendeten sich nach Norden, dem Augarten zu, ahnungslos, wer und was ihnen dort begegnen werde.


Martha, das Stubenmädchen, hatte ihren Auftrag besorgt und stellte sich, als die Gepäckträger die Effekten Lenis gebracht hatten, dieser beim Auspacken zur Verfügung.

Was tut ein weibliches Wesen wohl lieber, als aus- und einpacken? Diese Arbeit regt sowohl die Fantasie als auch die Sprachwerkzeuge trefflich an. Darum war es kein Wunder, dass Leni und Martha sich während dieser Beschäftigung so viel zu sagen, zu fragen und mitzuteilen hatten, dass sie bald ein lebhaftes Interesse füreinander empfanden. Jede hatte sich im Stillen gesagt, dass die andere ein heimliches Herzeleid, vielleicht eine unglückliche Liebe haben müsse. Das erweckt die Teilnahme eines jeden Frauengemüts.

Als eine Pause eingetreten war, benutzte Leni dieselbe zu der Bemerkung:

„Martha, ich höre, dass Sie nicht den Wiener, sondern den bayerischen Dialekt sprechen. Ich bin eine Bayerin. Sollten wir vielleicht Landsmänninnen sein?“

„Aa Bayrische sind S’? Wirklich? Oh, wie mich das freut. Gar aane aus dem lieben, schönen Bayernland, die nun allhier bei uns wohnen wird. Da bitt ich halt gar schön, dass wir mitnander so reden wie daheim, wann es Ihnen recht ist. Nicht wahr?“

„Oh, mir ist’s halt nicht nur recht, sondern sogar lieb. Ich hab meine Heimatsprach so lang nicht vernommen, denn in Italien hab ich immer Italienisch reden g’musst, und wenn man mal einen Deutschen treffen tat, nachhero musst man mit ihm stets nur Hochdeutsch plauschen. Das ist freilich auch gar schön, aberst so, wie man im Bayern spricht, das ist noch viel schöner. Geben S’ mir halt Ihre Hand. Wir wollen als Landsmänninnen recht gut zusammenhalten.“

Martha zögerte, dieser freundlichen Aufforderung nachzukommen.

„Nun, warum schlagen S’ nicht eini?“, fragte Leni.

„Das darf ich halt doch nicht wagen.“

„So? Warum denn nicht?“

„Weil ich eine arme, geringe Dienstbotin bin, während Sie eine so berühmte Künstlerin sind.“

„Ach was, Künstlerin. Da können S’ mich fast bös machen. In der Fremd freut man sich allemalen, wann man jemand aus der Heimat trifft. Und eine so große Künstlerin bin ich gar nicht, und berühmt auch nicht. Geben S’ also nur Ihre kleine Patschen her!“

„Na, wann S’ das so extra verlangen, so muss ich es halt schon tun. Grad daraus kann ich ersehen, dass Sie eine echte Bayerin sind, weil S’ keinen Stolz und Hochmut besitzen.“

Sie legten die Hände ineinander.

„Ich möcht wissen“, sagte Leni dabei, „woher bei mir der Stolz kommen sollt und auf was ich hochmütig sein könnt. Ich weiß nix davon!“

„Schaun S’ nur andera Künstlerinnen an!“

„Gehen S’ mit denen! Das wären mir die Richtigen. Wanns einen Triller machen können und zwei Arien singen, nachhero denkens, dass sie Künstlerinnen sind. Oh, zu einer solchen gehört gar sehr viel. Ich weiß das. Was hab ich mir für Mühe geben müssen über zwei Jahren lang, und noch immer bin ich lange nicht fertig. Ich bin ja eben hier, um beim Professoren noch in die Schul zu gehen. Also auf meine Kunst kann ich nicht stolz sein, und auf was anderes auch nicht.“

„O freilich doch!“

„So? Worauf denn?“

„Darauf dass – dass – dass Sie eine gar so Hübsche sind.“

Dabei glitt ihr Auge mit einem bewundernden, neidlosen Blick an Lenis Gestalt herab.

„Meinen S’ das wirklich?“, lächelte diese.

„Ja, Sie sind wohl gar eine große Schönheit.“

„Nun, was das betrifft, so kann ich mir darauf gar nix einbilden. Das Gesichterl und die Gestalt hat mir der Herrgott geben. Ich selbst hab gar nix dazu tan; wie sollt ich also stolz sein? Und wissen S’, dass die Schönheit gar manches Mal ein Unglück ist? Das hab ich auch bereits erfahren. Eine Sängerin, wann sie hübsch ist, muss sich doppelt in Acht nehmen, überhaupt jedes Dirndl, wanns schön ist. Und da brauchen S’ mich halt nicht zu beneiden, denn Sie sind wenigstens ebenso hübsch wie ich.“

„Das sagen S’ nur aus Freundlichkeit!“

„O nein, dass auch Sie sich auf diese Gottesgab nix einbilden, das seh ich wohl. Sie haben so eine stille Wehmut im Gesicht, als ob S’ schon viel Trübes erlebt hätten.“

„Da haben S’ gar richtig geraten. Und auch Sie schauen gar nicht so aus, als obs das Leben sehr gut mit Ihnen gemeint hätt.“

„Mach ich so ein Gesicht? Nun, es hat halt ein jeder und eine jede die Last zu tragen, die der Herrgott sendet, damit keiner übermütig werden soll. Ich hab gar viel derlebt, Gutes und auch Böses, und das Letztere ist halt schuld, dass nicht immer heller Sonnenschein auf meinem Gesicht zu sehen ist. Wissen S’, was ich früher gewest bin? Raten S’ mal!“

„Ich denk mir halt, dass Ihre Eltern gar vornehme Leutln gewest sein müssen.“

„Warum?“

„Weil Sie so was an sich haben, so was Apartes, wegen dem man sich nicht leicht an Sie wagen mag.“

„Das ist nicht eine Folge der Geburt, sondern eine Folge der bösen Erfahrungen. Ich hab halt keine Eltern mehr. Ich war eine ganz arme Sennerin, bevor man entdeckte, dass ich eine gute Stimme habe.“

„Was? Eine Sennerin, also eine gewöhnliche Dienstbotin, wären S’ gewest?“

„Ja, weiter nix.“

„Wo denn?“

„Gar nicht weit von dera Grenz, über welche man in das Salzburgische kommt. Ach, Herrgott, damals war ich ein gar glückliches Dingerl. Wann ich mein Käs und Brot hatt’, so wars gut. Weiter hab ich nix braucht und alle Tagen waren Sonnenschein. Ich denk oft, dass es viel besser wär, wann ich auf meiner Alm hätt’ bleiben konnt. Aberst da schwatz ich nur allein von mir und denk gar nicht an Sie. Wo sind denn Sie daheim?“

„In einem kleinen Dörferl droben in den Bergen, nicht allzuweit von Böhmen herein.“

„Wie heißt es denn mit Namen?“

„Hohenwald.“

„Was Hohenwald! Ist’s möglich!“

„Kennen S’ den Ort?“

„Dort gewest bin ich freilich nicht, aber g’hört hab ich gar viel davon. Also von dorther sind S’? Da haben S’ wohl auch den Silberbauern kannt?“

„Ja“, antwortete Martha, indem ihr Gesicht noch bleicher wurde.

„Und das, was mit ihm geschehen ist, das wissen S’ wohl auch?“

„Alles weiß ich, alles!“

„So sind S’ wohl damals noch dort gewest?“

„Grad mitten in denjenigen Ereignissen bin ich fort von Hohenwald. Ich habs dort nicht länger mehr anschauen konnt.“

„Ja, es soll schrecklich hergangen sein. Der Silberbauer ist grad ganz und gar ein Bösewicht gewest und sein Sohn ebenso. Jetzund habens ihren Lohn. Der Alte ist doch noch an seinen Wunden und an dem Fieber g’storben, nachdem er vorher alles eing’standen hat. Und der Junge sitzt noch heut im Spinnhaus. Beiden ist gar recht geschehen! Nachher die Tochter, die ist eine gar Stolze und Barsche gewest. Sie hat einen Hochmut im Kopf gehabt, so groß wie ein Kirchturm. Die ist, als alles zusammenbrechen tat, vom Dorf fort. Man hat sie lange suchen müssen, bevor man sie fand, denn sie hat doch auch verhört werden musst vom Gericht. Da hat sichs aber herausgestellt, dass sie ganz unschuldig ist, und darum hat sie wieder gehen konnt. Sie soll ganz anderst ausg’schaut haben, die Stolze. Man hat sie nur die Silbermartha g’nannt, weil ihr Name Martha gewest ist und…“

Sie hatte das alles in ihrem Eifer schnell erzählt, ohne auf die so unerwartet gefundene Landsmännin zu achten. Diese war in kleinen, langsamen Schritten von ihr zurückgewichen, sank dann auf einen Stuhl nieder, schlug die Hände vor das Gesicht und brach in ein herzerschüttertes Weinen aus. Leni erschrak natürlich. Sie hielt inne, trat näher und fragte:

„Sie weinen? Warum denn? Sind S’ vielleicht bei dera Geschichten auch mit beteiligt gewest?“

„Leider ja“, nickte Martha.

„Wie denn? Mein Herrgott! Welch eine Unvorsichtigkeit, dass ich davon g’sprochen hab. Sagen S’ schnell, warum Sie weinen?“

Unter strömenden Tränen antwortete das Stubenmädchen: „Wissen S’ denn meinen Namen nicht? Haben S’ nicht g’hört, wie Frau Salzmann mich ruft?“

„O ja. Martha werden S’ von ihr genannt.“

„Und soeben haben S’ doch von dera Silbermartha g’sprochen!“

Da schlug die Leni die Hände zusammen, sank nun ihrerseits in einen Stuhl und rief:

„Mein grundgütiger Himmel, was bin ich doch für ein talketes21 Dirndl gewest! Was hab ich da gesprochen und geredet, ohne zu wissen, zu wem ich es sag. So eine unselige Dummheit hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht begangen. Das können S’ mir ja nimmermehr verzeihen.“

„Warum nicht? Sie haben ja die volle, richtige Wahrheit g’sagt. Ich kann Ihnen darüber gar nicht bös sein.“

„O doch, o doch! Ich könnt mir selberst gleich die Ohrfeigen geben, die ich verdient hab. Ich bin halt gar nicht diejenige, die ohne Gedanken in den hellen Tag hinein schwatzen tut. Ich bin im Gegenteil mehr als vorsichtig in allem, was ich tu und was ich sprech. Und grad heut, grad jetzt, wo ich vor Freud darüber, dass ich eine Landsmännin g’funden hab, dem Zungerl mal freies Spiel lassen tu, da muss so ein Unglück geschehen. Also die Silbermartha sind S’, die Silbermartha selber?“

„Ja, ich bin es“, antwortete die Gefragte schluchzend.

„O Jegerl, wie müssen S’ sich da über mich kränken! Das kann ich mir halt nicht verzeihen. Wie sollen da Sie es mir vergeben können! Daran ist ja gar nicht zu denken!“

„Ich habe Ihnen nichts zu vergeben. Machen Sie sich ja keine Vorwürfe. Hier, nehmen Sie meine Hand als Beweis, dass ich Ihnen wirklich nicht zürne. Aber wann Sie wüssten, was ich seit jener Zeit mich gehärmt und gegrämt hab, so würden S’ mir glauben, dass ich nicht mehr das hochmütige Ding bin, das ich früher war.“

„Das sehe ich, das sehe ich ja. Ich will Ihre Hand nehmen. Verzeihen Sie mir. Wir wollen nicht nur Landsmänninnen, sondern Freundinnen sein. Machen S’ mit? Ich bitt gar schön und herzlich darum!“

Sie trat zu Martha, legte ihr den Arm um den Nacken und sah ihr bittend in das Gesicht. Die Weinende trocknete sich die Tränen ab und antwortete:

„Mit dera Silbermartha wollen S’ Freundin sein? Das ist wirklich Ihr Ernst?“

„Freilich ist’s mein Ernst. Ich hab vorhin nicht ausreden konnt. Wann S’ nicht geweint, sondern mir Zeit gelassen hätten, weiterzusprechen, so hätten S’ hören konnt, dass ich viel besser von Ihnen denk, als es den Anschein hat.“

„Wie ist das möglich? Ein jeder, der mich kannt hat, muss mich verurteilen.“

„Das dürfen S’ nicht sagen!“

„O doch. Wann ich anders gewest wär, so hätt vielleicht manches nicht geschehen können.“

„Nein. Da haben S’ Unrecht; da klagen S’ sich selbst falsch an. Ihr Vater war ein Mann, der nicht auf Ihre Warnung g’hört hätt, und Ihr Bruder auch. Beide waren gewalttätige, rücksichtslose Leute, welche kein Mensch hätt’ ändern und bessern konnt. Darauf können S’ sich verlassen. Sie dürfen S’ mir nicht übelnehmen, dass ich in dieser Weis von den Ihrigen sprechen tu. Ich muss es aber, um den Vorwurf, den Sie sich selberst machen, von Ihnen zu nehmen. Und freisprechen muss ich Sie noch viel weiter. Sie haben gar nicht anderst sein können, als wie Sie gewest sind. Sie haben ja keine Mutter gehabt und sind stets nur dem Einfluss dieses Vaters ausgesetzt gewest. Da wars natürlich ganz richtig, dass Sie keine heilige Veronica sein konnten.“

„Auch ich habe mir zuweilen ganz dasselbe gesagt; aber es gibt trotzdem noch Punkte, über welche ich mir selbst nicht hinweghelfen kann.“

„So nennen S’ mir diese Punkte. Ich werd Ihnen gleich hinüberhelfen.“

„Das können Sie nicht.“

„Oh, ich kann es, ich kann es!“

„Sie müssten meine früheren Verhältnisse sehr genau kennen.“

„Das ist ja auch der Fall.“

„Und doch stammen Sie aus einer Gegend, welche so entfernt von meiner Heimat ist.“

„Das tut nix. Ich hab einen guten Bekannten, der mir alles verzählt hat. Es sollte mich wundern, wann Sie ihn nicht auch kennen täten.“

„Wer ist es?“

„Der Wurzelsepp. Kennen Sie ihn?“

„Ob ich ihn kenne, den Wurzelsepp! Oh, nur zu gut! Ich hab ihn kannt, als ich noch ein kleins Dirndl war. Er ist oft bei uns ein’kehrt, und zuletzt, da ist ers ja gewest, der meinen Vater vor das Gericht bracht hat, er und – und ein anderer noch!“

Das Letztere sagte sie leise und stockend. Sie senkte den Kopf und blickte trostlos vor sich nieder. Leni schlang die Arme um sie, zog sie von dem Stuhl fort auf das Sofa, setzte sich neben sie und sagte: „Jetzt kommen S’ mal her zu mir! Ich sehe, was für ein großes Unglück und Herzeleid Sie zu tragen haben. Da muss ich schon den Doktor machen und Ihnen Hilfe bringen.“

„Hilfe? Dafür gibts keine Hilfe!“, antwortete Martha, den Kopf schüttelnd.

„Es wird schon eine geben, wann sie auch nicht sogleich vom Himmel herabfällt. Der Wurzelsepp hat mir alles, alles verzählt, sodass ich die Sach grad so genau weiß, als ob ich damals mit in Hohenwald gewohnt hätt. Der alte Sepp hat immer nur gut von Ihnen g’sprochen, und dass d’ siehst, dass ich auch gut von dir denk, so will ich dich bitten, du zu mir zu sagen. Willst, Martha?“

Sie zog sie freundlich an sich. Martha sah mit einem unbeschreiblichen Blick zu ihr auf. Schmerz, Hoffnung, Dankbarkeit sprachen sich zugleich in demselben aus.

„Wolltest das wirklich wagen?“, fragte sie. „Ich bin doch die Tochter eines Mörders und die Schwester eines Zuchthäuslers!“

„Was geht mich das an?“

„So sagen andre nicht!“

„Was andre denken und sagen, das nehm ich mir nicht zur Richtschnur. Du bist brav und du bist an allem unschuldig gewest. Als du g’ahnt hast, dass der deinige Vater ein schlechter Kerl sei, da bist auf und davon ’gangen und hast nix mit ihm zu tun haben wollen. Das ist deine Rechtfertigung. Mehr kann man nicht von dir verlangen. Und wie hast leiden und dulden müssen in dera Fremd! Hast keine Menschenseel’, der du dich anvertrauen kannst, keine einzige wohl, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete Martha, indem sie wieder in Tränen ausbrach. „Ich kann ja mit niemand darüber reden. Ich darf nicht mal sagen, dass ich so eine reiche Bauerstochter gewest bin, sonst würd ich sogleich gefragt, wie es kommen ist, dass ich nun die Dienstbotin machen muss. Und weil ich nicht von alledem reden darf, so kann ich auch nix aus dera Heimat derfahren. Und doch möcht ich so gern wissen, was später noch geschehen ist und wie sich die Bekannten befinden.“

„Ich denk, dass ich dir da die richtige Auskunft erteilen kann.“

„Du? Du bist ja jetzt in Italien gewest!“

„Dennoch hab ich alles derfahren. Ja, ich hab sogar mit Personen g’sprochen, welche aus Hohenwald nach Italien kommen sind.“

„Da könnte ich mir keinen denken. Was hat ein Dortiger in Italien zu suchen?“

„Das wirsts schon noch glauben, wann ichs dir sag. Also frag mich nur nach allem, was d’ gern wissen willst. Ich werd dir antworten.“

„So sag mir zunächst, wer auf dem Silberhof wohnen tut.“

„Der Feuerbalzer. Dein Vater hat ihm sein Gut weg’brannt und so hat der Balzer entschädigt werden müssen. Seine Frau ist wieder gesund und seine Mutter kann wieder eine seidene Schürzen vorbinden, wanns in die Kirchen geht!“

„Das gönn ich ihnen. Sie habens verdient, dass es ihnen jetzund wohlgeht. Was ist denn mit dem Finkenheiner worden?“

„Der wohnt bei Scheibenbad in der Talmühlen. Weißt, der Talmüller war doch der Verbündete von deinem Vater. Er sitzt fürs Leben lang im Zuchthaus und der Finkenheiner ist Müller worden. Seine Tochter aber hat den Müllerhelm g’heiratet.“

„Und wo ist sein Sohn, dens nur den Elefantenhans genannt haben, weil er gern die fremden Tiere zeichnen tat?“

„Du, der wird ein gar großer Künstler. Den hab ich in Rom g’sehen.“

„Was d’ sagst! Der Elefantenhans in Rom! Wie ist das möglich?“

„Das weiß d’ nicht?“

„Gar nix weiß ich davon.“

„Der König hat ihm das Geld geben, dass er nach dem Süden gehen kann, um gesund zu werden. Er ist nach Ägypten, nach der Hauptstadt Kairo, wo eine so gute Luft sein soll, dass jedermann, der auf der Brust leidet, schnell gesund werden kann. Unterwegs blieb er einige Tag in Rom. Da hab ich mit ihm g’sprochen und auch mit dem, den der König ihm zum Schutz mitgeben hat.“

„Wer ist das?“

„Max Walter, der frühere Schulmeister von Hohenwald.“

Eine tiefe Röte glitt über Marthas bleiche Wangen. Sie fragte schnell:

„Auch der ist mit nach Ägypten? Was soll er denn dort?“

„Er soll für sich Studien machen und dabei den Elefantenhans beaufsichtigen und unterrichten. Der Herr Walter wird mal ein berühmter Dichter werden.“

„Das hab ich g’ahnt.“

Die Leni beobachtete verstohlen die Freundin. Sie wollte derselben Trost geben.

„G’ahnt hasts?“, fragte sie. „Hast denn g’wusst, dass er dichten tut?“

„Ja.“

„Von wem denn? Er hat es doch immer so geheim gehalten.“

„Ich hab es ganz zufällig derfahren.“

„So! Ich hab beinahe denkt, dass er dirs selbst g’sagt hat. Aberst du bist ja gar nicht mit ihm bekannt gewest.“

„Wir haben einige Male mit’nander g’sprochen. Das ist alles.“

Sie sagte das mit gepresster Stimme. Sie wollte es sich nicht merken lassen, wie sehr sie sich grad für diesen Gesprächsgegenstand interessierte.

„So weißt wohl auch nix von dem, was weiter mit ihm g’schehen ist?“

„Nein.“

„Dass er der Sohn eines Barons ist?“

„Davon hab ich keine Ahnung g’habt.“

„Ja, ein Baron ist sein Vater. Aber er mag den Namen desselben nicht annehmen. Er will Walter heißen, so wie er bisher geheißen hat. Nun war er in Ägypten und hat dort zwei Bücher g’schrieben, welche druckt worden sind. Man sagt, dass er ein berühmter Mann sein wird.“

„Das ist ihm zu gönnen. Er war ein gar braver junger Mann.“

„Wie? So sagst du? Hältst ihn wirklich für einen Braven?“

„Freilich!“

„Und grad er ist’s doch gewest, der alles von deinem Vater ans Licht bracht hat!“

„Das kann ich ihm nicht verdenken. Ein jeder andre hätt das ebenso tan. Und mein Vater und mein Bruder hatten ihn beleidigt. Er musst sich gegen sie wehren. Wann ich ihn verurteilen wollt, so müsst ich die Verbrechen des Vaters gutheißen, und das kann ich doch nicht.“

„Wann er das wüsst! Er hat denkt, dass d’ ihm grausam bös sein wirst.“

„Zu wem hat er das sagt?“

„Zu mir. Ich hab in Rom natürlich auch mit ihm g’sprochen.“

„So hat er von mir g’redet?“

„Ja.“

„Aber schlecht!“

„O nein. Was Schlechtes soll er von dir sagen?“

„Gar viel. Du weißts nur nicht.“

Da ergriff Leni ihre Hand und sagte:

„Martha, ich weiß es; ich weiß alles!“

„Nein, nein! Nix kannst wissen!“, antwortete Martha beinahe erschrocken.

„O doch! Alles, alles! Der Wurzelsepp hat es mir erzählt.“

„Was denn? Was kann er erzählt haben?“

„Dass d’ Herrn Walter in Regensburg kenneng’lernt hast und dass er um deinetwillen die dortige gute Stell gegen die schlechte in Hohenwald umitauscht hat. Ist das wahr oder nicht?“

Martha legte sich in das Sofakissen zurück, verhüllte ihr Gesicht mit den Händen und antwortete:

„Ja, es ist wahr.“

„Und nachhero hast ihn zurückstoßen?“

„Auch das ist richtig.“

„Kind, warum hast das tan? Er hat dich gar so sehr lieb g’habt.“

„Ich bin hart und stolz gewest, und er hat seinen Wohlgefallen an meiner Gestalt g’funden; aberst eine wahre und innige Liebe hat er gegen mich nicht fühlen gekonnt.“

„Du irrst. Er hat dich wirklich geliebt.“

„Nein. Ich hab ihn auf die Probe g’stellt und er hat sie nicht bestanden.“

Ihr Busen wogte heftig auf und nieder. Der so lange Zeit niedergehaltene Schmerz bäumte sich in ihr auf.

„Und ich sage dir abermals, du irrst, Martha“, sprach Leni in mildem Ton. „Du hast ihn falsch behandelt.“

„Ja, das ist wahr; aber dennoch weiß ich ganz genau, dass er mich nicht wirklich lieb gehabt hat. Er wär sonst nicht so von mir gegangen und hätt mich in meinem Gram und Schmerz allein gelassen.“

„Hast du ihm denn zeigt, dass du Gram und Kummer fühltest?“

„Nein. Dazu war ich zu stolz.“

„Also hat er gar nicht g’wusst, dass d’ dich so kränkst. Er hat zu keinem Menschen was g’sagt; aber aus allem, was ich g’hört hab, hat er dich für herz- und gefühllos halten müssen. Du hast ihn nach Hohenwald gelockt, und als er deshalb seine gute Anstellung aufgab, hast ihm g’sagt, dass d’ niemals einen Schulmeister nehmen würdest. Was hat er da denken müssen? Dazu ist die Feindschaft deines Vaters und Bruders kommen. Du hast nix tan, um seine Achtung zu erwerben, hast dich auf dein Geld und deine Schönheit verlassen. Da willst dich nun wundern, dass er sich zornig von dir abgewendet hat? Er hat ganz richtig g’handelt. Wann er das nicht tan hätt, so wär er ja gezwungen gewesen, sich selbst zu verachten. Nimm es mir nicht übel, Martha, wann ich so zu dir sprech. Meine Worte klingen hart, aber sie sind es nicht. Das Weib soll stets sanft und mild sein, lieb und versöhnlich, freundlich und nachgebend. Der Mann aber muss stolz und fest sein, selbst wann er ein wenig hart ist, so vergibt man ihm das, wann man ihn nur achten kann. Aber du hast g’wollt, dass es grad umikehrt sein soll. Du hast ihn beherrschen wollen und da hat er freilich nicht mitgemacht.“

„Ja, ich weiß, dass ich darinnen gefehlt habe. Aber ihm ist das Scheiden so leicht worden, dass er mich unmöglich recht geliebt haben kann.“

„Weißts gewiss, dass es ihm so leicht worden ist?“

„Ja. Ich hab es ja gesehen.“

„So! Bist wohl wirklich eine von denen, welche den Menschen ins Herz schauen können?“

Martha schwieg.

„Schau, was d’ dir einbildet hast, das hast für allein richtig g’halten. Du hast gar nicht denkt, dass d’ dich da irren kannst. Wer weiß, wie finster es ihm im Herzen worden ist, als er hat von dir gehen müssen. Und wer weiß, ob es in seinem Herzen jemals wiederum licht werden kann.“

„Oh, darum hab ich mich nicht zu sorgen.“

„Warum?“

„Selbst wann ich mich damals im Irrtum befunden hätt, wann seine Liebe wahr gewesen wär, so wär doch nun alles aus. Er ist nicht mehr der arme Lehrer, sondern er wird, wie du selber sagst, ein berühmter Mann. Was aber bin ich? Ich hab ja niemals diejenige Bildung und Kenntnisse besessen, welche so ein Mann von seiner Frau verlangen kann. Nun bin ich auch nicht mehr reich, sondern nur ein armes Dienstmädchen, welches froh sein muss, wann die Herrin mit ihm zufrieden ist. Eine Zukunft hab ich nimmermehr. Die Schand ruht auf mir und meinem Namen – – ich hab nix mehr zu hoffen.“

„So! Da hab ich mich freilich in dir sehr geirrt. Ich hab glaubt, du seist ein Mädchen, welches es mit der ganzen Welt aufnimmt. Und nun sinkst zusammen wie ein Luftballon, bei welchem das Gas auskommen ist. Das tut mir leid um dich.“

„Kann ich anders?“

„Ja. Kein Mensch darf auf die Hoffnung einer bessern Zukunft verzichten.“

„Meine Zukunft ist trüb und traurig!“

„Da könnt ich mich beinahe mit dir zanken. Wanns d’ den Lehrer wirklich lieb gehabt hättest, würdest nicht so reden.“

„Ich hab ihn so lieb gehabt, so sehr lieb. Ich hab es selber nicht g’wusst, wie sehr meine Seele an ihm hängt. Erst später hab ich es an mir g’merkt, dass es ohne ihn kein Glück für mich gibt. Da aber war es zu spät. Er ist fort, in ein fernes, weites Land. Dort scheint die Sonn heller als bei uns. Er wird den kleinen Gram, den ich ihm bereitet hab, schnell vergessen haben, und sein Herz gehört nun längst einer anderen.“

„Das glaub ich nicht. Er hat gar nicht so ausg’schaut wie einer, der so schnell vergessen kann.“

„Hast dir ihn daraufhin angesehen?“

„Ja. Er war so ernst, so…“

„Das war er stets.“

„Aber auch so trüb. Man hat, sobald man nur fünf Minuten mit ihm g’sprochen hat, sogleich merken müssen, dass er ein stilles Leiden mit sich trägt. Und ich hab ja auch die Rede auf die Lieb und auf das Heiraten bracht. Da hat er den Kopf g’schüttelt und dabei g’sagt, dass er wohl einsam seinen Weg durchs Leben gehen werde.“

„Das war wohl nur Redensart.“

„Nein, denn er hat, als mal die Gelegenheit dazu war, es als seine Überzeugung ausgesprochen, dass man nur ein einziges Mal lieben könne. Und was der sagt, das hat ein Gewicht. Er ist keiner, der viel überflüssige Worte macht.“

Martha wollte antworten, aber draußen hatte es geklingelt. Man hörte die Wirtin sprechen und eine männliche Stimme antwortete. Dann klopfte die Erstere an, gab eine Karte ab und fragte, ob der Herr eintreten dürfe.

Leni las den Namen „Hugo Goldmann“. Eine Bezeichnung stand nicht dabei. Eigentlich befand sie sich nicht in der Stimmung, den Besuch eines Fremden anzunehmen, zumal sie noch mit dem Auspacken ihrer Effekten beschäftigt war. Aber grad, dass ein ihr völlig Unbekannter sie so kurz nach ihrer Ankunft in Wien zu finden wusste, das interessierte sie. Darum bestimmte sie, dass er eintreten solle. Martha zog sich natürlich mit der Wirtin zurück.

Der Eintretende war ein wohlbeleibter älterer Herr, nach der neuesten Mode gekleidet, einen goldenen Klemmer auf der Nase und die Uhrketten voller Berlocken22 hängend. Er machte den Eindruck eines Lebemanns, der aber auch ein Geschäft richtig zu poussieren23 weiß.

Als er die Leni erblickte, zog er die Augenwinkel ein wenig zusammen, als ob er sich enttäuscht fühle. Er blickte im Zimmer umher, als erwarte er, noch eine zweite Person zu finden, welche der Vorstellung, die er sich von der Sängerin gemacht hatte, entsprechender sei. Dann sagte er, indem er sich nicht zu tief verbeugte:

„Ich hoffte, Signora Ubertinka zu sehen.“

„Dieser Wunsch ist Ihnen erfüllt“, antwortete Leni lächelnd.

Er schob den Klemmer fester auf die Nase und fragte verwundert:

„Wirklich! Sie selbst sind die Signora?“

„Ja.“

„Ah so! Dann Verzeihung, dass ich mich mit meiner Hochachtung etwas verspäte!“

Er trat auf sie zu, um ihre Hand zu ergreifen und einen Kuss auf dieselbe zu drücken. Leni aber wich zurück, sodass er die erwähnte Hochachtung nur durch eine tiefe Verneigung bezeugen konnte.

„Nehmen Sie Platz!“

Diese Worte waren in einem fast befehlenden Ton ausgesprochen. Er schien das nicht gewohnt zu sein und nicht erwartet zu haben, denn er warf ihr einen fragenden Blick zu, bevor er ihrer Aufforderung nachkam. Als er dann saß, sagte er, auf einen zweiten Sessel deutend:

„Bitte, meine Gnädige, wollen Sie nicht auch Platz nehmen?“

„Danke. Ich spreche am liebsten im Stehen und habe auch keine Veranlassung, zu glauben, dass unsere Unterredung eine ermüdend lange sein werde.“

„Je nachdem; sie kann kurz oder lang werden, ganz wie Sie wollen. Ich komme mit einem Wunsch und werde nicht eher gehen, als bis Sie mir denselben erfüllt haben. Je schneller Sie ihn erfüllen, desto eher werde ich gehen.“

Er sagte das in einem Ton, als ob es ganz selbstverständlich sei, dass sie, wenn auch gleich oder später, auf diesen Wunsch eingehen werde.

Leni lehnte sich ihm gegenüber leicht an ein Möbel. Sie antwortete nicht und sah ihm nur lächelnd in das Gesicht. Das schien ihn gar nicht irre zu machen.

„Kennen Sie meinen Namen?“, fragte er.

„Nein. Das heißt, den Namen Goldmann habe ich oft gehört; Herrn Goldmann aber, welcher sich gegenwärtig bei mir befindet, kenne ich nicht.“

„Ich bin Theateragent.“

„Ah! Hm!“, nickte sie. „Da sind Sie mir allerdings per Renommee bekannt.“

„Freut mich. Und welcher Art ist dieses Renommee, wenn ich fragen darf?“

„Ein sehr gutes.“

„Freut mich, freut mich! Ich darf da hoffen, dass Sie mir nicht viel Mühe machen werden.“

„Auch ich glaube, dass wir uns unsere Ansichten in möglichster Kürze mitteilen können.“

Sie lächelte ihm immer noch in einer Weise entgegen, welche er erst jetzt zu beachten begann. Er wusste nicht, welche Deutung er diesem Lächeln geben solle. Es war so höflich, so freundlich, aber auch so selbstbewusst und dabei wohl auch ein klein wenig niederträchtig. Leni gab sein sicheres Auftreten Spaß. Er gab sich als einen Mann, dessen Absicht unbedingt in Erfüllung gehen müsse. Das bestimmte sie, ihm nun erst recht nicht zu Diensten zu sein.

„Haben Sie Engagement?“, fragte er.

„Nein.“

„Also sind Sie kontraktfrei?“

„Ja.“

„Nun wohl! Ich werde Sie engagieren.“

Er war allerdings einer der bedeutendsten Agenten. Hunderte von Künstlern wären ganz glücklich gewesen, von ihm die Worte „Ich werde Sie engagieren“ zu hören. Das wusste er. Darum war es ein lächelnder, siegessicherer Blick, den er auf sie warf. Sie aber zuckte nur die Achsel, ohne direkt zu antworten.

„Nun, was sagen Sie dazu?“, fragte er.

„Ist das die Absicht Ihres Besuchs, mich zu engagieren?“

„Ja.“

„So werden Sie dieselbe nicht erreichen.“

„Ah! Unmöglich!“

„Ganz gewiss.“

„Aber, Signora, warum denn nicht?“

„Aus verschiedenen Gründen, welche Ihnen mitzuteilen, ich mich nicht berufen fühle.“

„Ich ersuche Sie aber grad recht dringend, mir diese Gründe zu wissen zu tun!“

„Das könnte an meinem Entschluss doch nichts ändern.“

„Ich wüsste dann aber, woran ich bin.“

„Gut! So sollen Sie meine Gründe hören. Einige sind sachlicher, der allererste aber ist persönlicher Natur. Sie kamen in der festen Überzeugung zu mir, dass ich auf ein Engagement mit Ihnen eingehen würde?“

„Allerdings.“

„Weil es, sozusagen, eine Ehre ist, von Ihnen mit einer Offerte bedacht zu werden.“

„Hm! Ich will nicht unbescheiden sein.“

„Und ich will offen sein. Ihre Sicherheit vermag nicht, mir zu imponieren; sie beleidigt mich vielmehr doppelt, nämlich sowohl als Dame wie auch als Künstlerin. Ein Agent, welcher glaubt, mir einen großen Dienst oder gar eine Gnade zu erweisen, indem er mir seinen Besuch macht, wird niemals einen Gulden an mir verdienen.“

„Ah!“

Er fuhr halb von seinem Stuhl empor.

„Ja, mein Herr. Die Quintessenz Ihrer Absicht ist doch, sich Prozente zu verdienen. Also ist’s der Egoismus, welcher Sie zu mir führt, nicht die Rücksicht auf mein eigenes Wohl.“

„Das könnte ich bestreiten, unterlasse es aber lieber. Doch bitte ich, gütigst zu bedenken, dass es einer Künstlerin geraten ist, sich das Wohlwollen wenigstens der bedeutenderen unter den Agenten zu erwerben. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, brauchen Sie uns unbedingt.“

„Nein.“

„O doch!“

„Ich habe nicht die Absicht, ein Engagement einzugehen. Und selbst wenn dies meine Absicht wäre, würde ich mich ohne die Hilfe eines Agenten zu platzieren wissen.“

„Entschuldigung, gnädiges Fräulein! Ich bin nie gern unhöflich. Darum will ich nicht Ihnen eine Unkenntnis der Verhältnisse vorwerfen; aber die Bemerkung muss ich machen, dass Sie in Zukunft doch wohl noch Erfahrungen zu machen haben.“

„Das bestreite ich nicht.“

„Rein geschäftliche, trockene Erfahrungen, deren Kenntnis eine Dame eben am besten ihrem Agenten überlässt.“

„Um ihn bezahlen zu dürfen! Ich werde irgendwelche Engagements nur direkt eingehen. Meinetwegen braucht kein Agent zu existieren. Darum berührt es mich nicht angenehm, dass Sie eine so große Siegesgewissheit zeigen. Das war, wie bereits erwähnt, der eine Grund. Die anderen Gründe sind mehr sachlicher Natur.“

„Darf ich sie kennenlernen?“

„Gern. Ich habe noch keine Lust, mich an irgendeine Bühne zu binden.“

„Keine Lust? Sie müssen doch leben!“

„Ich lebe auch ohnedies. Ferner sind meine Studien noch nicht beendet.“

„Soll ich das glauben?“

„Ich bitte darum!“

„Dann hätte Ihr Ruf zu viel gesagt!“

„Jedenfalls. Ich habe sogar noch rein technische Schwierigkeiten zu überwinden. Ich kann unmöglich ein Engagement eingehen.“

„Aber, Signora, Sie können sich doch ausbilden, trotzdem Sie feste Stellung haben!“

„Ich sehe davon ab. Wer mich engagiert, soll keine Mängel an mir finden.“

„Sapperment! Da stehen Sie allerdings mit solchen ehrenwerten Ansichten einzig unter den Künstlerinnen da!“

„Ich kenne meine Pflicht und werde sie jederzeit erfüllen. Sie sehen also, dass Ihr heutiger Besuch kein erfolgreicher ist.“

„Oh, ich verzweifle dennoch nicht.“

Er hatte sich erhoben und sagte das lächelnd, indem er, ihre Gestalt mit wohlgefälligem Blick musternd, hinzufügte:

„Man ist es ja gewohnt, nicht sofort Beifall zu finden; aber die Damen sind gewöhnlich so liebenswürdig, ihren Widerstand bald aufzugeben.“

„Von Widerstand ist bei mir keine Rede. Ihre Offerte ist doch keine Attacke, welche ich abzuschlagen hätte.“

„Vielleicht doch!“

„Nun, so würde ich die Abwehr wohl anderen Personen überlassen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich würde das Zimmer verlassen und Ihnen das Dienstmädchen schicken.“

„Signora!“, fuhr er auf.

„Herr Goldmann!“

„So etwas ist mir noch nicht gesagt worden!“

„Und in solcher Weise hat mir noch kein Mensch ein Engagement angetragen!“

Er war wirklich erzürnt. Doch konnte es ihm als erfahrenem Agenten nicht entgehen, welch eine Akquisition dieses wunderschöne Mädchen für ihn sei. Wenn ihr Ruf, in Beziehung ihrer Gesangsleistungen, nicht allzu sehr übertrieben hatte, so war diese Ubertinka allerdings eine Person, an und mit welcher ganz bedeutende Summen verdient werden konnten. Diese Betrachtungen söhnten ihn mit ihrem schroffen Auftreten aus. Er zuckte lächelnd die Achsel und meinte:

„Regen wir uns nicht auf! Jeder Mensch hat seine Eigenheiten. Verzeihen Sie mir die meinigen. Wenn Sie mich auch mit meiner Offerte abweisen, so lassen Sie mich doch einmal Ihre Stimme hören. Bitte, kommen Sie!“

Er trat zum Pianino, öffnete es und setzte sich an dasselbe.

„Bitte, singen Sie mir einmal das Stabat mater! Ich möchte es grad von Ihnen einmal hören.“

Er war es gewöhnt, dass Sänger und Sängerinnen sofort auf solche Wünsche eingingen. Er war auch jetzt überzeugt, dass Leni seiner Aufforderung nachkommen werde. Darum machte er es sich auf dem Musikstuhl bequem, griff in die Tasten und begann das Vorspiel. Als dann nach zwei Takten die Singstimme einzufallen hatte, drehte er sich zu Leni um und sagte:

„Nun bitte, jetzt…!“

Er sprach nicht weiter und hörte auch mit Spielen auf. Leni war, mit dem Rücken nach ihm gewendet, vor ihrem offenen Koffer niedergekniet und kramte in dem Inhalt desselben herum. Sie tat gar nicht, als ob er vorhanden sei.

Er schritt auf sie zu.

„Aber, Signora, was tun Sie da?“

„Sie sehen es ja! Ich packe aus.“

„Ich denke, Sie wollen singen!“

„Wer hat das gesagt? Etwa ich?“

Sie blieb knien und blickte zu ihm auf.

„Hm! Sie allerdings nicht. Aber da ich Sie bat, so verstand es sich doch ganz von selbst, dass Sie…“

Da aber fuhr sie, ihn unterbrechend, aus ihrer knieenden Stellung empor und fiel blitzenden Auges ein:

„Was verstand sich ganz von selbst? Dass ich singen musste? Weshalb? Weil Sie es wünschten? Wer sind Sie? Ein Fremder, den ich nicht gerufen habe. Dass Sie nebenbei Agent sind, ist mir gleichgültig. Ich bedarf keines Agenten. Wollte ich jedem Fremden, der zu mir kommt, das Stabat mater, die Gnadenarie oder sonst was vorsingen, so könnte ich mich am liebsten gleich im Wurstelprater hören lassen. Sie haben nicht das mindeste Recht, zu erwarten, dass ich Ihnen eher als anderen etwas vortrage. Das merken Sie sich!“

So etwas war ihm noch nicht gesagt worden, und in diesem Ton erst recht nicht. Er war vor ihr zurückgewichen, Schritt um Schritt, und sie ihm aber ebenso Schritt um Schritt nachgefolgt. Jetzt antwortete er erschrocken:

„Signorina! Bitte, bitte! Sie machen mich ja fürchten!“

„Gut! So fürchten Sie sich!“

„So war es ja nicht gemeint!“

„Meinen Sie es, wie Sie wollen; ich aber nehme es, wie ich es will!“

„Wenn Sie wüssten, wegen welchen Engagements ich zu Ihnen komme, würden Sie freundlicher sein.“

„Ich brauche keins!“

„Sie sollen ja gar nicht an ein Theater!“

„Wohin denn? Etwa an eine Windmühle oder an ein Karussell?“

„Mein Gott, besänftigen Sie Ihren Zorn! Es handelt sich um eine Musteraufführung…“

„Zu welcher ein Musteragent die Engagements trifft! Ich danke!“

„Jetzt beleidigen Sie mich persönlich. Es ist eine neue Oper, welche aufgeführt werden soll.“

„So führen Sie dieselbe doch in Gottes Namen auf! Meinetwegen ganz allein!“

„Das geht nicht. Das Werk ist betitelt ‚Götterliebe‘. Ein herrlicher Titel!“

„Meinetwegen Affenliebe!“

„Gnädiges Fräulein! Hören Sie doch! Der Text stammt aus Ägypten!“

„Ich hätte auch nicht das Mindeste dagegen, wenn er aus China stammte!“

„Der Komponist ist ein Baron!“

„Das schadet ihm nichts.“

„Kaum zwanzig Jahre alt!“

„Später wird er älter sein.“

„Sie sollen die Rolle der Juno singen.“

„So! Wer die anderen?“

„Die Venus wird eine junge, unbekannte Kollegin übernehmen. Sie heißt Mureni.“

„Ah! Wo befindet sie sich?“

„Das weiß ich nicht. Der Komponist hat es übernommen, sie zu engagieren.“

Leni machte jetzt plötzlich ein ganz anderes Gesicht. Die Mureni war ja sie selbst. Das war der Künstlername, den sie früher getragen und dann abgelegt hatte, um nicht von den Nachforschungen des Krikelantons belästigt zu werden. Der Komponist wollte sie suchen? Er musste also wissen, wo sie sich befand!

„Wie heißt er denn?“, fragte sie.

„Curty von Gulijan.“

„Ein fremder Name, den ich noch niemals gehört habe.“

„Er ist ein sehr interessanter junger Herr.“

„So wünsche ich ihm, dass seine junge Oper ebenso interessant sein möge!“

„Er ist steinreich und hat bedeutende Besitzungen an der unteren Donau.“

„Ich gönne sie ihm, habe aber mit ihm und seiner Oper nichts zu schaffen.“

Sie wusste freilich nicht, dass dieser Curty von Gulijan ihr Freund, der einstige Fex, war, sonst hätte sie sich jedenfalls ganz anders verhalten.

„So wollen Sie mir wirklich eine Absage erteilen?“

„Ja.“

„Ich gestehe aufrichtig, dass ich mit großen Hoffnungen zu Ihnen gekommen bin!“

„Es ist eine Eigenschaft der Hoffnungen, dass sie unerfüllt bleiben können.“

„Erlauben Sie mir wenigstens, nochmals bei Ihnen vorzusprechen?“

„Zu welchem Zweck?“

„Um anzufragen, ob Sie Ihren Entschluss denn doch nicht vielleicht geändert haben.“

„Das wäre nutzlos. Ich pflege meine Entschlüsse nicht zu ändern.“

„So darf ich also nicht kommen?“

„Nein.“

„Dann will ich Ihnen wenigstens meine Karte dalassen, damit Sie wissen, wo ich wohne, wenn Sie vielleicht einmal Veranlassung finden sollten, mich aufzusuchen.“

„Diese Veranlassung wird wohl vergeblich auf sich warten lassen. Doch habe ich nichts dagegen, Ihre Karte zu behalten.“

Er gab sie ab und ging, von ihr nicht einmal bis zur Tür begleitet. Er wollte sich darüber ärgern, brachte dies aber nicht fertig. Die Sängerin hatte auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht. Das war keine jener eingebildeten, hochnäsigen Damen, welche trotz ihres Hochmuts in jedem Augenblick bereit sind, einen geschäftlichen Vorteil durch Verleihung persönlicher Liebenswürdigkeiten und Begünstigungen zu erkaufen.

Das Küchenmädchen öffnete ihm die Vorsaaltür und schritt, da sie einen Weg zu gehen hatte, hinter ihm die Treppe hinab. Er bemerkte dies und benutzte diesen Umstand, vielleicht noch etwas über die hochinteressante Sängerin zu erfahren. Er zog ein größeres Silberstück aus der Tasche, schenkte es ihr und fragte:

„Nicht wahr, Signora Ubertinka wohnt erst seit Kurzem hier?“

„Seit einer Stunde, gnädiger Herr.“

„Ich erfuhr es im Hotel. Auf wie lange Zeit hat sie eingemietet?“

„Auf unbestimmt.“

„Hat sie bereits Besuche gemacht oder empfangen?“

„Einen empfangen.“

„Ah, schon! Wer war das?“

„Frau Kommerzienrat von Hamberger, bei welcher die Signora heut zur Soiree sein wird.“

„Wird sie singen?“

„Das weiß ich nicht.“

„Hm! Vielleicht sehen wir uns wieder, mein hübsches Kind. Ich interessiere mich für die Sängerin. Darum würde ich Ihnen jede Auskunft, die Sie mir über dieselbe geben könnten, gut belohnen. Aber lassen Sie ihr nichts wissen.“

Er ging, aber nicht in der Richtung, in welcher seine Wohnung lag, sondern er wendete sich nach der Asperngasse, wo der Kommerzienrat wohnte. Er war mit diesem so leidlich bekannt, wollte ihm einen Besuch machen und dabei womöglich eine Einladung für den heutigen Abend zu erhalten suchen.


Jetzt fand sich Martha wieder bei Leni ein, um ihr beim Auspacken zu helfen. Dann kam die Zeit des Mittagessens, und später äußerte die Sängerin den Wunsch, einen Spaziergang zu machen. Frau Salzmann erklärte, dass sie sie recht gern begleiten würde, aber durch einen zu erwartenden Besuch abgehalten werde; da sie aber sehe, dass sie mit Martha Landsmannschaft geschlossen habe, so könne diese mit ihr ausgehen. Das war der Leni sehr willkommen und der Martha nicht minder. Die Erstere zog, um von der Letzteren nicht abzustoßen, ihr einfachstes Kleid an. Dann spazierten beide nach dem Augarten hinaus, welcher von ihrer Wohnung aus in kurzer Zeit zu erreichen war.

Natürlich gab es zwischen den beiden außerordentlich viel zu erzählen. Die Zeit verging ihnen wie im Fluge.

Da, eben als sie an einer Kreuzung des Weges angekommen waren, traten ihnen um die Ecke eines Gebüschs zwei Herren entgegen. Leni erblickte sie zuerst und zog schnell ihren schwarzen Doppelschleier herab, sodass ihre Gesichtszüge nicht deutlich zu erkennen waren.

Die beiden waren nämlich der Krikelanton und der sogenannte Baron von Stubbenau.

Jetzt sah auch Martha, wen sie vor sich hatte.

„Um Gott!“, sagte sie erschrocken. „Da sind die beiden schon wieder! Lass uns fliehen.“

Sie waren Arm in Arm gegangen. Martha wollte den ihrigen aus demjenigen der Sängerin ziehen. Die Letztere aber hielt sie fest und antwortete:

„Keine Flucht! Wir würden uns nur blamieren, ohne dass sie uns etwas helfe. Wollen diese beiden die Szene von heut Vormittag fortsetzen, so würden sie uns doch nacheilen. Sie haben uns bereits gesehen und dich erkannt, wie es scheint.“

„Aber wir sind wehrlos!“

„Nicht ganz.“

„Kein Mensch ist in der Nähe. Nur ganz da draußen sind zwei Reiter zu erblicken. Ehe diese herankommen…“

Sie konnte ihre Rede nicht vollenden, denn die beiden Herren waren jetzt herangekommen und blieben stehen. Sie zogen ihre Hüte und der Sänger rief, die volle Gestalt Marthas mit lüsternem Blick überfliegend:

„Ah, welch ein Glück! Fräulein Martha! Sind Sie gekommen, mir hier den Kuss zu geben, den Sie mir heut verweigerten? Das ist ja außerordentlich liebenswürdig von Ihnen und wird dankbar anerkannt werden. Bitte, geben Sie mir ihren Arm!“

Er ergriff ihren Arm.

„Unverschämter!“, rief sie, ihn zurückstoßend. „Gehen Sie!“

„Nein, Liebchen, ich gehe nicht. Ich habe es auf dich abgesehen, und da ich dich so scheu gefunden habe, bin ich nicht so dumm, diese prächtige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Also, Ihren Arm!“

„Lassen Sie mich! Ich rufe um Hilfe.“

„Wen denn? Es ist kein Mensch da. Baron, nimm du die andere!“

Er hielt wirklich Marthas Arm so fest, dass sie sich ihm nicht zu entwinden vermochte. Der Baron hatte die Sängerin gemustert. Ihre Züge konnte er nicht deutlich erkennen, aber ihre Gestalt war voll und verführerisch.

„Hast Recht“, sagte er auf Antons Aufforderung. „Also bitte, Fräulein, Ihren Arm!“

Er griff nach Leni.

„Was wollen Sie?“, fragte diese sehr ruhig. „Den Arm oder die Hand?“

„Beides, beides natürlich!“

„Schön! Sehen Sie, wie das tut!“

Sie stieß, ehe er sich dessen versah, ihm die geballte Faust mit aller Kraft so unter die Nase, dass sein Kopf nach hinten kippte und der Hut herabfiel und eine Strecke im Staub fortrollte.

„Donnerwetter!“, schrie er, sich mit beiden Händen nach der Nase greifend. „Verfluchte Hexe! Du haust ja!“

„Ja, die scheint Gift zu haben“, lachte Anton, noch immer mit Martha ringend, welche ihm ihren Arm entziehen wollte.

„Das Gift werde ich ihr bald nehmen!“, antwortete der Baron.

Er holte seinen Hut, setzte ihn, um keine Zeit zu versäumen, schmutzig auf und griff wieder nach Lenis Arm.

„Lassen Sie die Hand von mir!“, rief diese, ihre Stimme so verstellend, dass sie nicht von Anton erkannt werden konnte.

„Nein, das tue ich nicht. So ein wildes Geschöpf muss man zahm machen.“

Er schlang die Arme um ihren Leib und Leni hütete sich wohl, sich dagegen zu wehren. Sie war klug genug, den geeigneten Augenblick abzupassen. Sah sie doch, dass sich zwei Reiter schnell näherten.

„Einen Kuss!“, rief der Baron, durch ihr passives Verhalten irre gemacht.

Er bog den Kopf zu ihr nieder. Da aber ballte sie die beiden Fäuste und stieß sie ihm mit aller Macht blitzschnell unter das Kinn. Er ließ sie fahren, stieß einen unartikulierten Schrei aus und stürzte auf den staubigen, obgleich hartgefrorenen Boden nieder.

„Kerl!“, lachte der Krikelanton. „Was fällt dir ein! Dich von einem Weibsbild werfen zu lassen! Da, schau her, wie ich die meinige küsse.“

Er wollte diesen Worten die Tat folgen lassen; aber Martha war durch Lenis tapferes Verhalten ermutigt worden. Sie wehrte sich nach Kräften und rief laut um Hilfe.

Der Baron war wieder aufgesprungen und gab sich nun alle Mühe, Leni wieder an sich zu ziehen; diese aber wehrte sich mit dem Mut und der Kraft eines Mannes.

Die beiden Reiter mussten jetzt erkennen, dass es sich hier um einen Angriff auf die Damen handelte. Sie spornten ihre Pferde und kamen schnell herbeigeflogen, der Herr voran, der Bediente in Livree hinter ihm.

Es war der Graf von Senftenberg mit seinem Reitknecht.

„Holla, was ist hier los?“, rief er, indem er sein Pferd zügelte.

„Alle Wetter, der Graf!“, lachte Anton. „Den haben wir freilich nicht zu fürchten. Ein Abenteuerchen, ein interessantes Abenteuerchen, weiter nichts!“

Er rang weiter mit Martha.

Leni rief, indem sie durch kräftige Stöße den Baron von sich abzuhalten suchte:

„Herr Graf, wir sind überfallen worden, wir sind nur arme Dienstboten, aber Sie sind ein Ehrenmann und werden uns in Ihren Schutz nehmen.“

„Natürlich, natürlich!“, antwortete er. „Bitte, Baron, bitte, Signor Criquolini, geben Sie die Damen frei!“

„Unsinn!“, rief der Sänger.

„Ich verlange es!“

„Pah!“

„Gut, so befehle ich es!“

Das rief er mit erhobener Stimme.

„Befehlen?“, entgegnete Anton, Martha noch immer festhaltend.

„Ja, ich befehle es!“

„Das fehlt noch! Wer hat uns zu befehlen, wer?“, fragte der Baron höhnisch.

„Diese hier, nämlich die Peitsche!“

Bei diesen Worten spornte der Graf, dass sein Pferd einen Satz tat bis hart an den Baron heran, holte aus und gab diesem einen Peitschenhieb quer über das Gesicht herüber.

Der Getroffene brüllte auf vor Schmerz und schlug beide Hände vor das Gesicht.

„Nun, Criquolini, wollen auch Sie geschlagen sein?“

Indem der Graf diese Frage aussprach, wendete er sein Pferd gegen den Sänger.

„Wagen Sie es!“, drohte dieser.

Mit der Linken Martha festhaltend, hielt er dem Grafen die geballte Rechte entgegen.

„Kerl, drohst du meinem Herrn!“, rief der Reitknecht. „Da ist der Lohn!“

Er schlug mit dem Stiel der Reitpeitsche so kräftig auf den erhobenen Arm, dass der Sänger denselben sofort sinken ließ. Der Getroffene brüllte weniger vor Schmerz als vielmehr vor Wut laut auf. Seine Älplernatur erwachte. Er tat einen Sprung auf den Reitknecht zu. Dieser aber, ein altgedienter, gewandter Kavallerist, nahm sein Pferd vorn hoch, dass es mit den Hufen ausschlug und Anton schnell zurückweichen musste.

„Graf Senftenberg“, knirschte er. „Das werde ich Ihnen gedenken!“

„Immerhin!“, antwortete dieser ruhig. „Nur weiß ich nicht, wie Sie das anfangen wollen.“

„Sie werden mir Genugtuung geben!“

„Ja, Genugtuung!“, brüllte der Baron, mit der einen Hand die Schwiele bedeckend, welche sich quer über sein Gesicht zu ziehen begann. „Wir werden Sie fordern und Ihnen unsere Zeugen schicken!“

„Mich fordern? Was fällt Ihnen ein! Ein Graf Senftenberg schlägt sich mit Falschspielern und Menschen, welche brave Mädchen auf der Straße überfallen, nicht. Solche Strolche sind nicht satisfaktionsfähig. Man haut sie nur mit der Peitsche durch!“

Der Baron war feige. Er hatte für diese verächtlichen Worte keine Entgegnung. Der Krikelanton aber ballte beide Fäuste, zog die Ellbogen an sich, duckte sich wie zum Sprung nieder und rief:

„Nehmen Sie diese Worte augenblicklich zurück oder…“

„Nein!“

„So sollen Sie sogleich erfahren, dass…“

Er holte bereits zum Sprung aus. Er war der Mann, dem man es zutrauen konnte, dass er sich zu dem Grafen auf das Pferd schwingen werde. Da aber trat Leni schnell vor ihn hin.

„Halt, Landstreicher!“, rief sie ihm zu. „Willst dich an einem Ehrenmann vergreifen! Dazu bist der Kerl noch lange nicht. Schäm dich in deine Seele hinein, dass d’ so ein Lodrian worden bist. Deine Eltern werden sich vor Herzeleid ins Grab legen wollen, wanns hören, wie weit es bereits mit dir kommen ist. Troll dich von dannen und lass brave Leut in Ruh!“

Er starrte sie an, ohne sich zu rühren.

„Was…!“, fragte er. „Wie – wo – wer bist, dass d’s wagen kannst, mir solche Worte ins Gesicht zu schleudern?“

„Wer ich bin? Da schau her! Ich kann dir mein Gesicht zeigen, ohne mich schämen zu müssen.“

Sie nahm den Schleier weg. Er trat um einen Schritt zurück und rief erstaunt:

„Die Leni, die Murenleni! Ah, du bist’s. Du machst mir die Predigt! Und dabei gehst mit Dienstboten auf den Raub aus, um Männer zu fangen! Schau, was aus dir geworden ist! Da ist wohl auch dein Wurzelsepp bei dir und macht den Kassierer? Komm, Baron, da sind wir schön angeflogen! Wann ich g’wusst hätt, dass es zwei solche Vögel sind, so hätt ich mir doch lieber die Hand abg’haut, als dass es mir einig’fallen wär, sie anzugreifen. Komm! Wir wollen sie dem Grafen lassen. Der hats verdient, dass wir sie ihm schenken.“

Er ergriff den Baron beim Arm und verschwand mit ihm hinter der Buschecke, hinter welcher sie vorher hervorgetreten waren.

Bei seinen frechen Worten war Leni glühend rot geworden. Wie in instinktiver Abwehr wendete sie sich an den Grafen:

„Glaubens das dem Menschen nicht, gnädiger Herr! Wir sind beide arme Dirndln, aberst was Böses nachsagen, das kann uns kein Mensch als nur dieser Lodrian.“

„Ich glaube Ihnen das sehr gern“, antwortete der Graf freundlich, indem er vom Pferd stieg. „Gesichtszüge, wie Sie haben, können nicht lügen. Dass Sie brav sind, das brauchen Sie gar nicht erst zu versichern. Bitte, wo wohnen Sie?“

„Auf der Mohrengasse.“

„Werden Sie mir gestatten, Sie wenigstens so weit zu begleiten, bis Sie in eine belebtere Gegend kommen?“

„Ja, bittschön, kommen S’ mit! Denn wir müssen halt gewärtig sein, dass sonst die beiden Strauchritter uns abermals belästigen.“

Der Graf warf seinem Reitknecht den Zügel zu und schloss sich den beiden Mädchen an.

Er in der Mitte, gingen die drei den Weg zurück, den die Ersteren gekommen waren, zunächst ohne zu sprechen. Der Graf betrachtete sich dabei verstohlen Lenis Gesichtszüge. Das waren nicht die Züge eines Dienstmädchens; ihnen hatte die geistige Arbeit ihren Stempel, ihr Gepräge aufgedrückt. Dieses Gesicht war von einer eigenartigen, ausgesprochenen Schönheit, mild und doch kräftig, zart und doch frisch trotz der Blässe der Wangen. Diese dunklen Augen besaßen die Gewalt des Blitzes, und doch schauten sie jetzt so mild in den kalten Nachwinterstag hinein. Welch einen seltenen Wohllaut hatte ihre Stimme! Er konnte fast den Blick nicht von diesem Mädchen wenden.

Und nun ihr Verhalten gegen ihn selbst! Er konnte darüber gar nicht klar werden. Tausend andere hätten, als er seine Begleitung anbot, dieselbe mit fulminanten Danksagungen zurückgewiesen; sie aber hatte sie als ganz selbstverständlich angenommen. War das der Mangel an Bildung, der bei einem Dienstmädchen freilich nicht auffallen konnte? Oder war es etwas anderes – Rätselhaftes, zu dessen Lösung ihm leider die Zeit fehlte?

Er stand vor ihr wie vor einem Geheimnis, von welchem man weiß, dass sich, wenn der Vorhang hinweggezogen wird, etwas wahrhaft Schönes zeigen muss – – aber eben ist dieser Vorhang leider unberührbar.

Ganz wider alles Erwarten war Martha die Erste, welche das Wort ergriff. Sie wendete sich an den Grafen:

„Nun werden S’ gar viel Ärger und wohl auch noch Schlimmeres haben dafür, dass Sie sich unser so gut angenommen haben. Es tut mir so leid, dass wir Ihnen halt nur danken können.“

Sie bediente sich des bayerischen Dialekts, weil Leni vorher dasselbe getan hatte.

„Bitte, haben Sie keine Sorge um mich“, antwortete der Graf. „Diese Herren sind nicht im Stande, mir den geringsten Schaden zuzufügen.“

„Aber sie haben doch gar vom Duell g’sprochen!“

„Gesprochen, ja. Aber kein anständiger Mann wird sich mit solchen Leuten schlagen. Sie scheinen alte Bekannte zu sein?“

Diese letztere Frage war an Leni gerichtet. Sie blickte ihm voll und offen in das männlich schöne Gesicht und antwortete:

„Ja, wir haben uns kannt. Er ist mein Bräutigam gewest. Seit er aber ein so berühmter Sänger worden ist, hat er mich vergessen.“

Es war ein Blick unendlichen Erstaunens, welchen der Graf auf die Sprecherin warf.

„Ihr Bräutigam! Wunderbar! Wer von beiden hat denn das Verhältnis gelöst?“

„Er. Ich bin ihm treu blieben bis heut, ohne ihn jahrelang zu derblicken. Nun ich aberst g’sehen hab, auf was für eine Stufen er herunterg’stiegen ist, so ist’s schad um jeden guten Gedanken, den ich noch für ihn haben könnt.“

„Hatten Sie sich mit Absicht hier getroffen?“

„Das hätt mir nicht einfallen konnt. Wir haben keine Ahnung g’habt, dass er uns begegnen wird. Schön aber ist’s, dass er eine so gute Lehr erhalten hat. Und der Baron noch besser. Erst hab ich ihm die Nasen überg’stülpt hier mit meinen Fäusten, und nachhero haben S’ ihm, gnädiger Herr, mit dera Peitschen einen Gedankenstrich übers Gesicht g’macht, an dem er gar lange Zeiten zu kurieren haben wird. Grad so und nicht anders muss es solchen Leutla ergehen!“

Sie lachte befriedigt auf, so glockenhell und rein. Dabei betrachtete sie ihre beiden ‚Fäuste‘, mit denen sie sich so kräftig gewehrt hatte.

Der Graf schüttelte leise den Kopf. Was sollte er denken? Was war das Richtige? So wie sie jetzt konnte nur eine gewöhnliche Älplerin sprechen. Und doch lag grad in ihrer Ausdrucksweise, ihrem Ton, ihrem Blick, ihrem Mienenspiel etwas, was es ihm ganz unmöglich machte, sie für ein gewöhnliches Mädchen zu halten.

„Ja“, sagte er. „Gewehrt haben Sie sich auf das Tapferste. Ich glaube sogar, Sie wären mit den beiden auch ohne meine Hilfe fertig geworden.“

Er hatte vielleicht erwartet, dass sie verneinend antworten und seine Tat mit großem Lob hervorheben werde; sie aber sagte ganz im Gegenteil:

„Natürlich! Ich hätt dem Criquolini nur mein Gesicht zu zeigen braucht, so wär er fortgelaufen. Das wollt ich aber doch nicht gern. Darum hab ich halt g’wartet, dass Sie herankommen möchten.“

„Und ich bildete mir ein, dass Sie sich in großer Bedrängnis befänden!“, lachte er ein wenig pikiert.

„Damit war es nix. Aber gut ist’s doch gewest, dass Sie grad zugegen waren, und darum danken wir Ihnen auch gar schön. Und dass Sie nachher gar vom Pferd g’stiegen sind, um bis hierher mit uns zu gehen, das ist so brav und ritterlich von Ihnen, dass ich Ihnen gar gleich eine Hand dafür geb. Hier ist sie!“

Er, der Aristokrat, welcher mit den höchsten Herrschaften zu verkehren verstand und niemals in eine Verlegenheit zu bringen gewesen war, er fühlte sich von ihren Worten und ihrem Verhalten beinahe verblüfft. Sie, das Dienstmädchen, wagte es, ihm die Hand zu bieten! Sie nannte sein Benehmen brav und ritterlich! Sie sagte: „um bis hierher mit uns zu gehen“, und deutete ihm damit an, dass er wieder umkehren möge! Was sollte er da denken? Er fand nicht sofort eine Antwort und darum war es gut, dass Martha beistimmte:

„Ja, der gnädige Herr ist schon allzu weit mit uns ’gangen. Wir dürfen seine Güt nicht länger missbrauchen.“

„Wie Sie wollen“, antwortete er. „Aber darf ich, bevor wir scheiden, erfahren, bei wem Sie in der Mohrengasse dienen?“

Diese Frage war ihm halb unabsichtlich entfahren. Es war eigentlich gar nicht ‚gentlemanlike‘ von ihm als Grafen, sich nach der Hausnummer von zwei Dienstmädchen zu erkundigen; aber es trieb ihn, zu wissen, wo Leni wohne.

„In demselbigen Haus, wo der Criquolini im Parterre wohnt“, antwortete Martha. „Er muss bis morgen ausziehen. Wir wohnen in der ersten Etagen.“

Die drei waren miteinander stehen geblieben. Der Graf erhob spaßhaft drohend den Finger und sagte zu Leni:

„Also in demselben Haus! Ei, ei! Und da haben Sie nicht gewusst, dass er nach dem Augarten spazieren gegangen ist!“

„Nein“, antwortete sie ohne alle Verlegenheit. „Ich bin erst gestern in Wien ankommen und hab mit keinem Wort geahnt, dass er grad in demselbigen Haus wohnt. Aber, was tuts auch, obs glaubt wird oder nicht. Wir sagen schönen Dank, Herr Graf, und nun Adieu!“

Sie reichte ihm abermals die Hand hin. Er ergriff dieselbe und fragte:

„Werden wir uns vielleicht im Leben noch einmal begegnen?“

Diese Frage eines Grafen an ein Dienstmädchen! Wie kam es nur, dass sie ihm entfahren war?

„Ganz gewiss“, antwortete Leni.

„So! Sie tun, als wüssten Sie das so ganz genau?“

„Das ist gar kein Wunder.“

„Wieso?“

„Wien ist doch nicht so groß, dass zwei Menschenkinder, wie wir beid’ sind, so ganz und gar für’nander verschwinden müssten. Ich denk, dass wir anander sogar recht bald begegnen werden.“

„Wenn Sie so gut wahrzusagen verstehen, so wissen Sie vielleicht auch wann und wo?“

„Ja, das weiß ich freilich genau.“

„Nun, wann?“

„Wohl gar schon heute noch.“

„Ah! Und wo?“

„Beim Abendregen.“

„Wo ist das?“

„Das ist ein Ort und eine Zeit, die ich jetzund noch nicht sagen kann. Wissens, eine jede Weissagung hat auch ihre Dunkelheiten, wohinter man sich verstecken kann. Aberst das sag ich, dass alles ganz genau zutrifft, wann ich einmal die Zukunft vorherg’sagt hab. Und nun nochmals großen Dank, gnädiger Herr! Großen Dank und – auf Wiedersehen!“

Sie machte einen Knicks, so wie eine Älplerin ihn vor einem vornehmen Herrn zu machen pflegt, und zog die Martha mit sich fort.

Er blieb stehen und blickte ihnen nach, fast wieder so verblüfft wie vorher. „Großen Dank und – auf Wiedersehen“, hatte sie ihm gesagt. Wusste sie denn wirklich, dass er sie wiedersehen werde? Was hatte das Wort „Abendregen“ zu bedeuten?

Er rieb sich vergeblich die Stirn. Er sah ihren elastischkräftigen Gang. Die kleinen Füße wurden zuweilen unter dem Saum des Kleides sichtbar. Er hatte ihre Hand in der seinigen gehabt; sie war so klein, so weich, so rundlich gewesen – eine schöne Damenhand!

Und doch sprach sie diesen Bauerndialekt! Doch bewegte sie sich in der ganz vulgären Ausdrucksweise! Und dennoch, dennoch hatte es zuweilen ein Wort gegeben, welches erraten ließ, dass sie scharf zu denken und fein zu fühlen verstehe!

Ja, dieses Dienstmädchen war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung, ein gradezu faszinierendes Wesen. Nach den Reden des Sängers hätte man sie zu den verlorenen Dirnen zu zählen gehabt. Sollte das möglich sein? Es sprach manches dafür – ihre Anwesenheit in der Wohnung des einstigen Geliebten, ihr einsamer Spaziergang hier und anderes. Aber der Graf wies diesen Gedanken mit ebenso stiller wie energischer Entrüstung zurück.

Er wäre wohl noch eine ganze Weile, tief in Gedanken versunken, hier stehen geblieben, wenn ihn nicht der Hufschlag seiner Pferde darauf aufmerksam gemacht hätte, dass sein Reitknecht, welcher den dreien langsam nachgeritten war, bei ihm angekommen sei.

Er stieg wieder in den Sattel und ritt, ganz vom Eindruck dieses kleinen Abenteuers erfüllt, nach Hause. Und dort angekommen, gab er sich nicht seinen gewöhnlichen Beschäftigungen hin. Er konnte das lieblich-ernste Gesicht der schönen Älplerin nicht loswerden und ging, in den Gedanken an sie versunken, ruhelos in seinem Zimmer auf und ab.

Endlich strich er sich mit der Hand über die Stirn, lachte leise und verwundert auf und sagte zu sich selbst:

„Graf Horst von Senftenberg, was ist mit dir! Denke doch an deinen Stammbaum, an die lange Reihe deiner Ahnen, an deine hohen Verbindungen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, nicht aber an dieses Bauernmädchen, welches ja gar nicht für dich existieren darf!“

Er setzte sich an den Schreibtisch und begann zu rechnen. Er hatte von den Verwaltern verschiedener seiner Güter Rechenschaftsberichte vorliegen, welche zu prüfen waren; aber er kam nicht vorwärts. Zwischen den trockenen Zahlenreihen blickte ihm immer und immer wieder das Gesichtchen mit den tiefen, unergründlich tiefen Augen entgegen. Er machte Fehler auf Fehler und warf endlich missmutig die Feder weg.

„Es geht nicht!“, gestand er. „Dieses Mädchen hat es mir angetan, mir, dem noch keine einzige Dame ein tieferes Interesse einzuflößen vermochte. Das ist so schnell gegangen. Ich habe sie nur dieses eine Mal gesehen und kenne ihre Züge und den Tonfall ihrer Stimme bereits so gut, als ob ich sie jahrelang studiert hätte. Ich halte es hier nicht länger aus; ich gehe! Aber wohin?“

Er blickte nach der Uhr.

„Es ist noch nicht Zeit, beim Kommerzienrat vorzufahren. Ich werde nach dem Café gehen und ein Glas Wein trinken. Dort gibt es Zeitungen und zahlreiche Gesichter, bei deren Betrachtung andere Gedanken kommen werden.“

Er kleidete sich, da er nicht zurückzukommen beabsichtigte, zur Soiree an und begab sich dann nach einer der berühmten Wein- und Kaffeestuben, welche in der Nähe lag.

Dort angekommen, bemerkte er zu seinem Leidwesen, dass das Lokal gefüllt war. An denjenigen Tischen, an welchen noch ein Platz zu finden war, saßen Personen, die ihm nicht behagten. Er suchte ein kleines, ihm bekanntes Kabinett auf, in welchem nur ein einziges Tischchen mit vier Stühlen stand. Dieser Raum pflegte stets für exklusive Stammgäste reserviert zu sein. Dort war er gewiss, nur anständige Leute zu finden. Selbst wenn die vier Stühle besetzt waren, konnte er sich einen fünften herbeibringen lassen.

Dieses Kabinett war durch eine Portiere vom Hauptraum getrennt. Wenn man dieselbe auseinanderzog, konnte man alle draußen Befindlichen beobachten, ohne von ihnen gesehen zu werden.

Dort hatte der Graf oft gesessen und sich im Stillen dadurch unterhalten, dass er an den so verschiedenartigen Gesichtern der Gäste psychologische Studien machte.

Als er jetzt hinter die Portiere trat, war nur ein einziger Stuhl besetzt, und derjenige, welcher ihn innehatte, war ein ihm vollständig Fremder.

Dieser Mann war schon hoch bei Jahren und hatte sehr scharf und kühn gezeichnete, aber angenehme und Vertrauen erweckende Züge. Sein Gesicht war außerordentlich sonnenbraun. Von dieser tiefen Färbung stachen die dichten grauen Haare und der gewaltige schneeweiße Schnurrbart effektvoll ab. Sein Anzug war elegant, aus feinstem graubraunen Winterstoff nach dem neuesten Schnitt gefertigt. Am Nagel hing ein Gehpelz, mit teurem Biberrücken gefüttert. An den Händen trug er einen einzigen Ring, dessen schmaler, einfacher Reif aber einen so wertvollen Diamanten trug, dass man den Besitzer für einen sehr wohlhabenden Mann halten musste. Dieser Letztere hielt eine der bedeutenderen Zeitungen, in welcher er gelesen hatte, in der Rechten.

Das alles hatte der Graf mit einem Blick übersehen. Er war überzeugt, bei diesem Herrn Platz nehmen zu können, ohne die Würde seines Standes zu beleidigen. Darum verbeugte er sich, höflich grüßend.

„Würden Sie mir einen Platz erlauben, mein Herr?“

Der Fremde erhob sich, erwiderte die Verbeugung in militärischer Haltung und antwortete:

„Gern. Nehmen Sie ungeniert Platz!“

Ein herbeigekommener Kellner nahm dem Grafen Hut und Überrock ab und erhielt die erwarteten Befehle. Dann zog der Letztere seine Karte hervor und überreichte sie, indem er sich niederließ, dem Gast.

„Horst Arnim Graf von Senftenberg“ stand unter der Grafenkrone.

Der andre stellte sich dann durch die seinige vor, auf welcher zu lesen war „Josef von Brendel, Königl. Bayr. Hauptmann a. D.“

So etwas hatte der Graf erwartet. Der Unbekannte war nach seinem ganzen Habitus ein alter Offizier.

Die Unterhaltung, welche nun zwischen beiden geführt wurde, befriedigte den Grafen außerordentlich. Das Auftreten des Hauptmanns war beinahe originell. Er bewegte sich in kräftigen, scharf bezeichnenden Ausdrücken, ohne aber im Geringsten gegen die Umgangsformen der feineren Gesellschaft zu verstoßen. Er zeigte gesunde Lebensansichten, entwickelte reiche Erfahrungen und schien in allen Schichten der Bevölkerung eingehende Studien gemacht zu haben.

Der Graf hatte die angenehme Empfindung, dass er diesen Mann recht bald lieb gewinnen könne. Derselbe war jedenfalls ein Charakter, an welchem kein Falsch zu finden war.

Zwar zeigte er sich zurückhaltend, wenn der Graf eine inhaltsvolle künstlerische oder wissenschaftliche Bemerkung machte, zu deren weiterer Ausführung tiefe Fachkenntnisse gehörten, aber von so einem alten, wackeren Haudegen war doch unmöglich zu verlangen, dass er sich auch mit eingehenden philosophischen und ästhetischen Studien befasst habe.

So folgte eine Minute nach der andern wie im Fluge und der Graf fand keine Zeit, an die schöne Älplerin zu denken. Da wurde die Portiere abermals geöffnet und in derselben erschien – der Kommerzienrat.

„Ah, Graf Senftenberg!“, rief er erfreut. „Das ist eine angenehme Überraschung.“

„Sie, Herr Baron?“, erwiderte der Graf. „Sie konnte ich am allerwenigsten hier erwarten. Ich musste natürlich glauben, dass Sie mit den Vorbereitungen zu Ihrer Soiree beschäftigt seien. Bitte, Platz zu nehmen!“

„Was gibt es da vorzubereiten? Nichts. Ich hatte einem Geschäftsfreund eine eilige Angelegenheit vorzutragen und meine Kehle war während des vielen Sprechens so trocken geworden, dass ich den Schritt hierher lenkte, um der Stimme ihre frühere Elastizität wiederzugeben. Ich sehe, dass Sie sich bereits im Gesellschaftshabitus befinden, also können wir nachher gleich zusammen zu mir gehen.“

„Sehr gern! Gestatten die Herren, sie einander vorzustellen! Herr Kommerzienrat Baron von Hamberger – Herr Hauptmann von Brendel, Bayern.“

Die beiden Genannten verbeugten sich gegeneinander. Dabei war dem Kommerzienrat anzusehen, dass der Name des Fremden ihn frappierte.

„Hauptmann von Brendel?“, fragte er. „Ihr Vorname ist Josef, Herr Hauptmann?“

„Ja.“

„Sie kommen aus München?“

„Allerdings, Herr Kommerzienrat.“

„Hatten Sie nicht die Absicht, hier in Wien unter anderen auch mich mit Ihrem Besuch zu beehren?“

„Gewiss. Ich hatte mir vorgenommen, mich am morgigen Vormittag bei Ihnen vorzustellen.“

„So freue ich mich, Sie bereits heut zu sehen. Ihre Ankunft ist mir von dem befreundeten Münchener Bankhaus gemeldet worden.“

„Dann verstößt es wohl nicht gegen die geschäftliche Höflichkeit, Ihnen bereits heut Einsicht in diese wenigen Zeilen zu geben. Der Herr Graf werden das wohl freundlichst entschuldigen.“

Er zog einen fünffach versiegelten Brief aus einem eleganten Portefeuille und reichte ihn dem Kommerzienrat hin.

Dieser prüfte nach geschäftsmännischer Gewohnheit genau die Aufschrift, welche seine eigene Adresse enthielt, und die Siegel, welche zweifellos diejenigen des betreffenden Bankhauses waren. Dann öffnete er und las:

„Herrn Kommerzienrat

Baron Hesekiel von Hamberger

Wien.

Sie wollen dem Vorzeiger dieses, dem Königlich Bayerischen Hauptmann a. D. Herrn Josef von Brendel auf unsere Rechnung und Gefahr einen so hohen Kredit, als wir selbst bei Ihnen genießen, unbeschränkt eröffnen und uns die von ihm bei Ihnen erhobenen Summen zu monatlicher Sicht auf Wechsel stellen.“

Unterzeichnet war diese seltene Anweisung von einer der bedeutendsten Bankfirmen der Hauptstadt Bayerns.

Beim Lesen derselben stiegen die Brauen des Kommerzienrats höher und immer höher. Seine Augen prüften dann mit doppelt scharfem Blick die Unterschrift auf ihre Echtheit, und als er erkennen musste, dass an derselben gar nicht zu zweifeln sei, nahm sein Gesicht den Ausdruck einer unendlichen Hochachtung an. Seine Schultern zogen sich demütig nach vorn und seine Unterlippe senkte sich herab. Er erhob sich, machte eine tiefe, respektvolle, zeremonielle Verbeugung und sagte:

„Herr Hauptmann, ich bin Ihr alleruntertänigster Diener und stelle mich mit meinem ganzen Vermögen und Kredit Ihnen zur geneigten Verfügung.“

Der Alte erwiderte die Verbeugung mit einem einfachen Nicken und antwortete lächelnd:

„Danke! Was ich brauche, ist gar nicht der Rede wert, vielleicht einige hundert Gulden, wahrscheinlich aber gar nichts.“

Da machte der Baron ein hocherstauntes Gesicht.

„Aber, mein Herr, wissen Sie denn nicht, wie viel Sie bei mir entnehmen können?“

„O doch! So viel, wie ich brauche.“

„Aber das kann eine Million sein, noch mehr, mehrere Millionen. Ich gebe sie Ihnen!“

„Danke! Ich bin ein sparsamer Mann, habe bereits einiges Geld zu mir gesteckt, so viel ich nämlich voraussichtlich brauchen werde, und versah mich nur deshalb mit dieser Anweisung an Sie, weil man doch einmal sein Portemonnaie vergessen oder verlieren kann. Ich bin auch bereits einmal in die Verlegenheit gekommen, eine Zeche von sechzehn Groschen nicht bezahlen zu können. Habe dem Kellner meine Uhr als Pfand zurücklassen müssen.“

„Sie! Sie? Für sechzehn Groschen! Ein Mann, dem ich Millionen geben würde!“

„Der Mann kannte mich ja nicht. Hier in Wien bin ich noch weniger bekannt. Wenn sich so ein Fall hier ergeben würde, so kann ich den Kellner an Sie weisen.“

Der Kommerzienrat fand vor Erstaunen gar keine Worte. Endlich fragte er:

„Bei der Eröffnung eines solchen Kredits muss ich selbstverständlich annehmen, dass Sie voraussichtlich hier ganz bedeutende Ausgaben zu machen beabsichtigen.“

„Gar nicht. Ich will Wien kennenlernen und mich einige Tage amüsieren. Dann reise ich weiter.“

„Bitte, wohin?“

„Nach Triest vielleicht.“

„Besitzen Sie bereits Kreditbriefe an dortige Bankhäuser? Wo nicht, so stelle ich mich gern zur Verfügung.“

„Danke! Bin auch für dort versehen.“

Der Bankier begann fast zu schwitzen. Es wurde ihm beinahe unheimlich vor lauter Hochachtung. Für Wien so ein ungeheurer Kredit, und für Triest, für weitere Orte wohl auch noch! Der alte Hauptmann musste doch ein ungeheuer reicher Kerl sein. Natürlich hatte der Bankier gerade so wie jeder Besitzer einer Bank die Gepflogenheit, jedem Interessenten, welcher mit einer oder vielmehr über eine gewisse Summe bei ihm akkreditiert wurde, sein Haus zu öffnen und ihn zu sich einzuladen. Darauf besann er sich. Mit diesem bayerischen Hauptmann konnte ja geradezu Staat gemacht werden. Jeder andere wurde nur zur Tafel geladen, in diesem ganz außerordentlichen Fall aber konnte nur von Vorteil sein, eine noch bedeutendere Gastfreundschaft zu entwickeln. Darum erkundigte sich der Bankier:

„Darf ich fragen, Herr Hauptmann, wo Sie abgestiegen sind?“

„Im ‚Kronprinzen von Österreich‘, Asperngasse.“

„Aber dort werden Sie doch nicht wohnen bleiben?“

„Warum nicht?“

„Bei den Ansprüchen, welche Sie machen können!“

„Ich könnte, ja, aber ich mache keine. Je einfacher man lebt, desto freier ist man.“

„Das ist zwar sehr richtig, aber man verzichtet doch selbst in der Fremde nicht gern auf Gewohntes, Bequemes. Ich offeriere Ihnen eine Wohnung in meinem Haus und würde mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie die Güte hätten, mir die Erfüllung dieses Wunsches zu gewähren.“

„Danke, Herr Baron! Sie sagen selbst, dass man auf Gewohntes nicht verzichten solle, und meine Gewohnheit ist es eben, auf Reisen niemanden zu inkommodieren und zugleich meine Selbstständigkeit dadurch zu wahren, dass ich nur in Hotels wohne. Darum hoffe ich, Sie werden verzeihen, wenn ich auch hier nach dieser Regel handle.“

„Nur ungern! Aber Ihr Wunsch ist mir natürlich Befehl. Doch hoffe ich, dass Sie mir dann eine andere, ebenso dringende Bitte gewähren.“

„Welche?“

„Haben Sie die Güte, mich in den Stand zu setzen, Sie noch heute Abend meiner Gemahlin und unseren Gästen vorzustellen. Der Herr Graf von Senftenberg erwähnten bereits die heutige Soiree. Ich weiß nicht, ob Sie ein Musikfreund sind, aber ich denke…“

„Oh, ein großer Musikfreund sogar!“

„Nun, dann schmeichle ich mir, dass Sie sich bei mir gut unterhalten würden. Sie hören ganz hervorragende künstlerische Kräfte. Die Vortragenden sind sowohl in Beziehung der Instrumental- als auch der Vokalmusik Namen ersten Ranges. Der Herr Graf werden vielleicht die Güte haben, meine an Sie gerichtete Bitte zu unterstützen.“

Der Genannte hatte an dem Gespräch der beiden nicht mit teilgenommen. Auch er war einigermaßen erstaunt über die Gleichgültigkeit, mit welcher der Hauptmann die außerordentliche Kreditangelegenheit behandelte. Jetzt ging er auf die Aufforderung des Bankiers ein, indem er sich an den alten Offizier wendete:

„Ich kann Ihnen allerdings den Salon des Herrn Barons warm empfehlen. Sie werden sich da nur in guter Gesellschaft befinden.“

„Davon bin ich fest überzeugt, da auch Sie dort anwesend sein werden“, antwortete der Hauptmann höflich.

„Sie werden zum Beispiel einen sehr namhaften Sänger hören“, fiel der Baron ein. „Vielleicht haben Sie bereits von ihm gehört. Er heißt Criquolini.“

„Ach! Criquolini singt bei Ihnen? Den möchte ich freilich einmal hören. Ich kenne ihn sehr genau, genauer, als Sie denken.“

„Wohl gar persönlich?“

„Ja.“

„Das ist mir höchst interessant.“

„Leider muss ich sagen, dass seine Anwesenheit eigentlich für mich keine Veranlassung sein kann, Ihrer Einladung Folge zu leisten. Criquolini mag ein guter Sänger sein, ein guter Mensch aber ist er nicht.“

„Das ist bedauerlich. Aber wir werden es ja nicht mit dem Menschen, sondern mit dem Sänger zu tun haben.“

„Ganz richtig; aber wenn ich mich ja noch entschließen sollte, teilzunehmen, so bitte ich, ihn mir ja nicht vorzustellen.“

„Ganz gewiss nicht. Es wird ja dazu gar keine Gelegenheit geben. Er wird sich nicht unter den Gästen, sondern bei den Musici befinden, denen ein apartes Nebenzimmer angewiesen ist.“

„Das ist mir lieb. Ich habe nicht Lust, mit ihm persönlich in Berührung zu kommen. Er ist ein schlechter Charakter. Ich kenne zufällig seine ganze Vergangenheit und also auch seine Familienverhältnisse. Seine Eltern sind blutarme, brave Leute, welche kaum das trockene Brot zu essen haben, und er gibt ihnen keinen Pfennig, obgleich ich genau weiß, dass er von seiner amerikanischen Tournee ein Vermögen mitgebracht hat. Er ist ein rüder Mensch geworden, den man nicht achten kann. Betrachten wir ihn also als für uns abgetan! Wen werden wir noch hören?“

„Eine der berühmtesten Sängerinnen, die Ubertinka nämlich.“

„Also sie hat zugesagt? Sie hat sich doch erbitten lassen?“, fragte der Graf erfreut.

„Ja, allerdings nur auf ganz besonderes Zureden ihrer Wirtin.“

„Sie meinen die Hotelwirtin?“

„Nein. Die Sängerin war im Hotel bereits nicht mehr zu finden. Sie hatte sich bei Frau Salzmann einlogiert, gar nicht weit von hier, in der Mohrengasse.“

„Ah! Ist das nicht ganz dieselbe Dame, bei welcher auch Criquolini wohnt?“

„Ja.“

„Sonderbar.“

Er machte ein sehr nachdenkliches Gesicht, kam aber natürlich nicht auf die Vermutung, dass die berühmte Sängerin und seine schöne Älplerin eine und dieselbe Person seien.

Als der Name derselben genannt worden war, hatte es sich wie heller Sonnenschein auf das Gesicht des alten Hauptmanns gelegt. Er fragte jetzt erstaunt:

„Die Ubertinka ist hier in Wien? Davon weiß ich ja gar nichts. Das muss ganz plötzlich gekommen sein, sonst hätte sie mich benachrichtigt. Vielleicht hat mich ihr Brief noch nicht treffen können, weil sie nicht vermocht hat, eine genaue Adresse anzugeben.“

Jetzt war die Reihe, zu erstaunen, an den beiden andern. Der Graf fragte schnell:

„Wie, Herr Hauptmann? Sie kennen diese berühmte und geheimnisvolle Sängerin? Sie haben sogar das Glück, Briefe von ihr zu erhalten?“

„Ja“, antwortete der Gefragte. „Ich habe von dem Prachtmädchen sogar noch andere Dinge erhalten als nur allein Briefe. Sie hat mir zum Beispiel so manchen kräftigen Kuss gegeben.“

Dabei strich er sich, behaglich schmunzelnd, seinen martialischen Schnurrwichs.

„Sie scherzen!“, rief der Graf.

„O nein. Warum soll sie mich nicht küssen? Ich bin ja ihr Pate und Pflegevater.“

„Wirklich? Wirklich? Das ist ja im höchsten Grade interessant! Das ist eine freudige Überraschung für uns und jedenfalls auch für die Sängerin. Sie weiß, wie es scheint, gar nicht, dass auch Sie sich hier in Wien befinden?“

„Sie hat gar keine Ahnung. Ich freu mich königlich auf das Gesicht, welches Sie machen wird, wenn sie mich erblickt. Herr Baron, jetzt können Sie ganz sicher sein, dass ich mit Ihnen gehe. Das wird ein Abend werden…“

Er wurde unterbrochen. Die Portiere öffnete sich abermals und unter derselben erschien der Baron von Stubbenau. Auch dieser kannte dieses behagliche, kleine Kabinett. Als er den Grafen erblickte, mit dem er das unliebsame Renkontre gehabt hatte, vergaß er zu grüßen, starrte ihn einige Sekunden lang verlegen an und drehte sich dann um, die Portiere wieder zufallen lassend.

Sein Erscheinen hatte auf die drei Anwesenden einen dreifach verschiedenen Eindruck gemacht. Der Graf hatte sich verächtlich zur Seite gewendet. Der Bankier machte ein ganz verwundertes Gesicht, denn der Baron hatte einen langen Streifen hautfarbiges Heftpflaster quer über das Gesicht kleben. Der Hauptmann aber hatte sich langsam von seinem Sitz erhoben und das Gesicht des Barons mit einem überrascht forschenden Blicke gemustert. Dann war er an die Portiere getreten und hatte die beiden Teile derselben ein wenig auseinandergezogen, um sehen zu können, wohin der neue Gast sich draußen setzen werde.

„Was ist mit dem geschehen?“, fragte der Bankier. „Ob er sich mit jemand geschlagen hat?“

„Nein. Er ist geschlagen worden“, antwortete der Graf, indem er das letzte Wort stark betonte.

„Geschlagen worden? Von wem?“

„Von mir, und zwar mit der Reitpeitsche. Ich traf ihn am Nachmittag im Augarten, wo er mit Criquolini zwei Mädchen anfiel, um sich Zärtlichkeiten zu erzwingen. Meine Reitpeitsche ist dabei mit seinem Gesicht in nahe Berührung gekommen, während diejenige meines Reitknechts sich für den Sänger interessierte. Beide wollten mich fordern, doch sind sie ja nicht Personen, denen man Genugtuung zu geben hat.“

Als der Hauptmann das hörte, wendete er sich rasch von der Portiere zurück und fragte:

„Sie kennen diesen Herrn? Wer ist er?“

„Er nennt sich Baron Egon von Stubbenau und behauptet, irgendwo große Güter zu besitzen.“

„Wie lebt er hier?“

„Auf gutem Fuße; doch sind die Quellen seiner Mittel jedenfalls nicht lauter. Ich halte ihn für einen Schwindler, der sich durch falsches Spiel und andere Gaunereien ernährt.“

„Und mit diesem Mann verkehrt Criquolini! Hm, hm!“

Der Alte machte ein so ganz eigentümliches Gesicht, dass der Graf sich erkundigte:

„Kennen Sie diesen sogenannten Baron?“

„Nein, aber ich interessiere mich für sein Gesicht. Ich muss es bereits irgendwo gesehen haben.“

Er entfernte sich auf eine kurze Zeit. Draußen im Hof zog er seine Brieftasche hervor und entnahm derselben eine Fotografie, welche er genau betrachtete. Sie war genau das Bild des Barons von Stubbenau, nur dass die Fotografie Haar und Bart blond erscheinen ließ, während beides bei ihm tiefdunkel war.

„Er ist’s, ja, er ist’s“, murmelte der Hauptmann. „Hab mirs gar nicht denken konnt, dass ich den Halunken so schnell finden tu. Wart, Bursch! Ich hab ein Wörterl mit dir zu reden, welches dir wohl gar nicht sehr gefallen wird. Aberst fein sauber muss ich diese Sach angreifen. Auf der Tat muss ich ihn ertappen. Die Gelegenheit dazu muss sich finden, wann auch nicht hier, so doch nachhero in Triest.“

Er hatte das in bayerischer Mundart gesagt. Als er durch das Gastzimmer nach dem Kabinett zurückkehrte, warf er einen scharfen Blick auf den Baron. Er überzeugte sich, dass der Letztere wirklich das Original der Fotografie sei.

Nun wurde aufgebrochen, denn die Zeit, in welcher der Salon des Kommerzienrats zu öffnen pflegte, war da. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, um seine Gemahlin aus der Verlegenheit, die geladenen Gäste allein empfangen zu müssen, zu befreien, und stellte ihr den Hauptmann in einer Weise vor, aus welcher sie erkannte, dass der alte Herr eine geschäftlich bedeutende Persönlichkeit sein müsse. Darum hieß sie ihn in auszeichnender Weise willkommen.

Nach und nach stellten sich die erwarteten Herren und Damen ein, und der Hauptmann erkannte da allerdings, dass diese Gesellschaft eine wirklich vornehme sei.

Man war allgemein auf das Erscheinen der Sängerin gespannt. Jeder hatte etwas von ihr gehört, ohne aber etwas Bestimmtes über sie erfahren zu haben. Der Bankier teilte den einzelnen Personen heimlich mit, dass der Hauptmann von Brendel der Pate und Pflegevater der Ubertinka sei und dass derselbe ein horrendes Vermögen besitzen müsse, da er Veranlassung erhalten habe, ihm einen unbeschränkten Kredit zu eröffnen, ein Fall, der ihm in seiner langen Geschäftspraxis noch nie vorgekommen sei.

Durch diese vertrauliche Mitteilung wurde der Alte mit einem Mal der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit; er bemerkte das sehr wohl, tat aber, als ob er es gar nicht beachte.

Es war zu Ende der Wintersaison, in welcher Gesellschaften, Bälle und Maskeraden an der Regel sind. Bei solchen Gelegenheiten entfaltet die Wiener Welt eine außerordentliche Toilettenpracht. Auch die anwesenden Damen zeichneten sich sämtlich durch einen ungemeinen Reichtum der äußeren Erscheinung aus. Samt und Seide, Diamanten und Perlen rauschten und flimmerten um die Wette, und die Freiheit des Kleiderschnitts, welche die Wienerin so sehr liebt, ließ die Schönheit der Formen und die sonst so sorgsam behüteten Reize zur vollen, offenen Geltung kommen.

Auch der Agent Goldmann war da. Er hatte zu seiner Genugtuung seinen Zweck, eine Einladung zu erhalten, erreicht. Kaum vernahm er, in welch intimen Verhältnissen der Hauptmann zu der Sängerin stehe, so ließ er sich ihm vorstellen. Er gab sich alle Mühe, einen vorteilhaften Eindruck auf ihn zu machen und etwas Näheres über die hochinteressante Dame zu erfahren, war jedoch nicht glücklich dabei, denn der alte Herr ließ sich nicht ausfragen.

Der einstige Krikelanton kam noch eher als seine vormalige Geliebte. Er war ganz in der Meinung, zu den Geladenen zu gehören. Er gab in der Garderobe seinen Hut und Überrock ab, betrachtete sich noch einmal im Spiegel, ob seine Frisur in Ordnung sei, und schritt dann dem weit offenen Eingang des Saals zu. Dort stand ein Diener, um jeden Eintretenden zu melden. Er kannte den Sänger nicht.

„Bitte, Ihren Namen!“, sagte er darum.

„Criquolini, Signor Criquolini.“

„Ach so! Bitte, treten Sie hier herein!“

Er schritt ihm längs des Korridors voran und öffnete dort eine Tür. Der Sänger schaute hinein. Da saßen drei Violinisten, ein Vierter mit einem Cello und noch zwei weitere Personen mit Flöte und Klarinette. Abseits von diesen standen zwei Herren, deren ganzer Habitus verriet, dass sie Künstler seien. Der eine war Pianist und der andere Violinvirtuos. Sein Instrument lag in einem eleganten Kasten in seiner Nähe.

„Was ist das? Hier herein soll ich?“, fragte der Sänger.

„Ja, bitte!“, antwortete der Lakai. „Meine Herren, hier ist Signor Criquolini, welchen Sie erwartet haben.“

Die Anwesenden verbeugten sich, er aber erwiderte diesen Gruß nicht sofort, sondern sagte in zornigem Ton zum Lakaien:

„Das ist doch wohl nicht der Salon?“

„O nein, Signor.“

„Nun, ich gehöre doch wohl in den Salon?“

„Verzeihung! Der Herr Baron haben mir befohlen, Sie hierher zu führen. Hier pflegen die Herren Musici sich aufzuhalten.“

„Donnerwetter! Bin ich ein Musikus?“

„Ich glaube, dass der Gesang auch Musik ist.“

„Aber ein Sänger ist kein Bierfiedler!“

„Oh, diese Herren sind auch keine Bierfiedler.“

„Mensch, werden Sie nicht impertinent! Ich habe gehört, dass Signora Ubertinka auch geladen ist?“

„Ja, sie ist geladen.“

„Bringen Sie diese Dame auch hierher?“

„Nein, denn sie ist, wie eben erwähnt, geladen; Sie aber sind engagiert. Hier auf dieser Tafel ist Ihr Souper aufgetragen. Wein ist da. Wenn Sie einen Wunsch haben, so brauchen Sie nur die Glocke zu ziehen. Und dort die Tür führt nach dem Musiksalon. Wenn man Sie dort braucht, wird man es Ihnen sagen.“

Er ging.

Criquolini stand noch an der Tür, unentschlossen, ob er bleiben oder lieber gleich wieder gehen solle. Sein Künstlerstolz war auf das Gröbste beleidigt worden. Er sah das Lächeln, mit welchem die Anwesenden auf ihn blickten. Das erhöhte seinen Zorn.

„Meine Herren“, sagte er, „lassen Sie sich denn so etwas gefallen?“

Der Violinvirtuos zuckte die Achseln und antwortete:

„Was sollen wir anders tun? Man bezahlt uns ja; darum rechnet man uns nicht zu den Gästen.“

„Ach! Man bezahlt uns! Ich habe geglaubt, mich gratis hören lassen zu sollen. Nun erst verstehe ich diesen baronisierten Juden. Man bezahlt uns also! Gut, so soll man auch sehr brav zahlen. Sind Sie gegen ein bestimmtes Honorar engagiert?“

„Ja. Wir sind während der Saison sehr oft hier und wissen, was wir für den Abend erhalten.“

„So hat der famose Herr Kommerzienrat die Dummheit begangen, mich nicht nach der Höhe des Honorars zu fragen. Da er uns zu den ‚Musikanten‘ zählt, werde ich ein echt amerikanisches Honorar verlangen.“

„Wie viel?“

„Das ist noch unbestimmt. Ich kam in der Absicht, eine ganze Reihe von Liedern vorzutragen; nun aber werde ich nur zwei singen. Wer hat mich zu begleiten?“

„Ich“, antwortete der Pianist.

„So werde ich Ihnen die Noten holen, welche in meinem Überrock stecken. Es ist ein Trinklied, gedichtet von Emil Ritterhaus, und was ich dann noch für eins wählen werde, weiß ich noch nicht.“

Er kehrte zur Herrengarderobe zurück. Wäre er nur einige Augenblicke früher gekommen, so hätte er die Ubertinka an der Seite der Frau Salzmann in den Salon treten sehen.

Hatten die Anwesenden erwartet, die Sängerin in großer Gesellschaftstoilette zu sehen, so waren sie im Irrtum gewesen. Sie trug ein einfaches, schwarzseidenes Kleid, und eine rote Rose in dem prachtvollen, dunklen Haar war ihr einziger Schmuck. Während alle anwesenden Damen tief ausgeschnitten gingen und auch die Arme ganz entblößt trugen, schloss ihr Kleid sich eng um den Hals und die Ärmel desselben reichten bis über den Ellbogen. Der Vorderarm steckte in Handschuhen. So stach sie außerordentlich gegen die strahlende Umgebung ab. Aber jeder und jede sagte sich sofort beim ersten Blick, dass dieses Mädchen eine seltene, ausgezeichnete Schönheit sei.

Die Kommerzienrätin eilte ihr entgegen und stellte sie den Anwesenden vor. Binnen weniger Augenblicke hatte sich ein Kreis um die reizende Künstlerin gebildet. Vieler Augen suchten nach dem Hauptmann, um sich an seiner Überraschung, sie hier unerwartet zu sehen, zu weiden. Er war nicht im Salon, sondern er befand sich mit dem Grafen von Senftenberg im Rauchzimmer.

Der Kommerzienrat suchte sie auf, um sie zu benachrichtigen. Beide kamen herbei, voran der Hauptmann, der Graf hinter ihm.

„Signora“, sagte die Kommerzienrätin zu Leni, „ich habe Ihnen noch zwei Herren vorzustellen, die bisher nicht anwesend waren. Bitte!“

Der Kreis öffnete sich. Lenis Auge fiel auf den Hauptmann. Eine außerordentliche Überraschung malte sich in ihren Zügen. Sie war für einige Augenblicke bewegungslos.

„Ist’s möglich! Ist’s wahr?“, rief sie, ganz vergessend, dass sie nicht allein war. „Ist’s der Sepp oder ist ers nicht.“

„Ja freilich bin ichs“, antwortete er. „Oder willst mich nicht mehr kennen, Dirndl?“

„Ja, ja, das ist er! Sepp, mein alter, lieber, guter Sepp! Was ist das für eine Freuden, dich hier zu sehen! Komm her, ich muss dir gleich ein Busserl geben!“

Sie flog auf ihn zu, schlang die Arme um ihn und küsste ihn herzhaft auf den Mund. Er drückte sie in tiefer Rührung an sich und flüsterte ihr dabei zu:

„Dirndl, mach kein dumm Geschwätz! Ich bin hier der Hauptmann Josef von Brendel aus Bayern. Verstanden?“

„Warum?“, fragte sie verwundert.

„Darum! Mehr brauchst nicht zu wissen. Jetzt schau dir auch meinen jungen Freund an, den ich kenneng’lernt hab, den Grafen Senftenberg. Da ist er.“

Der Graf war, als er Leni erblickte, vor Erstaunen unter der Tür stehen geblieben. Das war ja die schöne Älplerin! Sie und die berühmte Sängerin eine Person! Welch eine Überraschung! Da war ja mit einem Mal das Rätsel gelöst!

Jetzt brachte der Hauptmann sie ihm zugeführt. Sie lächelte ihm neckisch entgegen, reichte ihm die Hand und sagte:

„Ersparen wir uns die Verbeugungen, gnädiger Herr! Meinem Beschützer muss ich die Hand geben. Sie haben es verdient.“

Er zog die Hand an seine Lippen und antwortete, indem seine Augen glücklich strahlten:

„Darum also! Darum sprachen Sie davon, dass wir uns bereits heute sehen würden. Wussten Sie, dass ich geladen war?“

„Die Frau Kommerzienrätin hatte es mir mitgeteilt.“

„Und dann das andere? Was war mit dem Abendregen gemeint?“

„Das hier. Ich hörte, dass Sie das Piano lieben. Würden Sie mich zu zwei Liedern begleiten, gnädiger Herr?“

Sie zog zwei kleine, zusammengefaltete Notenblätter aus der Tasche.

„Mit Stolz und Vergnügen“, antwortete er, ganz beseligt durch diese Bevorzugung.

Er schlug die Blätter auseinander und fuhr fort, Noten und Text betrachtend:

„Zwei Gedichte von Gerok, ‚Behüt dich Gott‘ und ‚Abendregen‘. Jetzt begreife ich auch das andere. Also dies ist der Abendregen, bei welchem wir uns wiedersehen. Ich sollte Ihnen eigentlich über Ihr Inkognito zürnen. Denken Sie sich, lieber Hauptmann, die Signora gab sich für ein Dienstmädchen aus!“

„So? Das sieht ihr ähnlich. Aber ich bin ganz erstaunt, zu erfahren, dass Sie sich kennen.“

„Wir sahen uns heut. Die Signora war eine der beiden Damen, denen ich im Augarten den erwähnten kleinen Dienst leisten durfte.“

„Was? Leni, du warst es, die der Criquolini angefallen hat? Hat er dich erkannt?“

„Nein, denn ich war verschleiert; dann aber habe ich ihm freilich gezeigt, wer ich bin.“

„Da ist er erschrocken? Nicht?“

„Nein, gar nicht. Er hat vielmehr – aber schweigen wir lieber davon!“

„Ganz recht“, stimmte der Graf bei. „Fort mit dieser unangenehmen Erinnerung. Ich sehe, dass mir die Herrschaften zürnen, dass ich Sie ihnen entziehe. Wir dürfen uns nicht isolieren. Kommen Sie!“

Er nahm ihren Arm und führte sie in den Kreis zurück, welcher sich sofort um sie schloss.

Ihr Verhalten zu dem alten Hauptmann hatte allgemein sympathisch berührt. Zwar war es aufgefallen, dass sie ihn Sepp genannt hatte, doch war dies durch die derbe, kernbayerische Art leicht zu erklären. Sie bildete bereits in Kurzem den Mittelpunkt der Gesellschaft. Selbst die jüngeren, sonst auf ihre Vorzüge so eifersüchtigen Damen erkannten ihre Schönheit neidlos an. Ihr einfaches, bescheidenes und doch so sicheres Wesen ließ keine Missgunst aufkommen.

Der Graf stand allein am Fenster und beobachtete sie. Er konnte den Blick fast nicht von ihr wenden. Jetzt, hier, sah er erst, wie schön sie war. Und sie war keine Sängerin, sondern Jungfrau – so rein, keusch und züchtig. Dem Zahn der Sünde war es nicht gelungen, dieses Mädchen zu verwunden. Das sah man ihr an. Zuweilen schien es, als ob ihr Auge ihn suche. Das erfüllte ihn mit einem Gefühl süßer Befriedigung, wie er es noch niemals empfunden hatte. Dann öffnete sich die Tür zum Musiksalon und die kleine Kapelle trug eine Introduktion vor. Alle wendeten sich dieser Richtung zu. Das benutzte der Graf. Er eilte zu Leni, nahm ihren Arm in den seinen und bat:

„Lassen Sie mich Ihr Führer sein, Fräulein. Ich sah, dass Sie eine Tanzkarte erhielten. Haben Sie bereits über alle Tänze verfügt?“

„Noch über keinen“, antwortete sie lächelnd.

„Ah! Wie kommt das? Da ist es mir ganz unmöglich, die Herren zu begreifen, welche sich die Gelegenheit entgehen lassen, der Königin dieses Abends ihre Huldigung darzubringen.“

„O bitte, ich kann mich nicht über Mangel an Aufmerksamkeit in dieser Beziehung beklagen. Es ständen auf meiner Karte wohl die Namen aller Herren bereits verzeichnet, wenn ich nicht erklärt hätte, dass ich nicht tanze.“

„Wie? Ist’s möglich! Sie tanzen nicht?“

„Nein. Grundsätzlich nicht.“

„Warum?“

„Meine Ansichten über dieses Vergnügen sind vielleicht zu streng, aber ich möchte sie doch nicht ändern.“

Sein Blick leuchtete auf.

„Eine Sängerin, die zugleich den Tanz verwirft. Wahrlich, das ist eine Seltenheit, ja, das ist vielleicht noch gar nicht vorgekommen. Hegten Sie auch früher diese strengen Ansichten?“

„Hätte ich sie gehegt, sie wären doch nicht zur Geltung und Anwendung gekommen. Ich habe nur ein einziges Mal getanzt. Ich war eine arme Sennerin, befand mich die größte Zeit des Jahres auf einsamer Alm und habe auch während der übrigen Zeit das Leben nur von der ernsten Seite betrachtet.“

Er drückte unwillkürlich ihren Arm fester an sich.

„So wird also auch mein Verlangen nach einem Tanz ein unerfülltes sein.“

„Leider. Ich bitte um Verzeihung!“

„Da ist nichts zu verzeihen. Vielmehr habe ich Ihre Nachsicht in Anspruch zu nehmen, wenn ich Sie dringend ersuche, Sie nachher zur Tafel führen zu dürfen.“

„Sollte nicht bereits unsere Wirtin andere Verfügungen getroffen haben?“

„Möglich, denn von den anwesenden Herren wird wohl ein jeder wünschen, an Ihrer Seite zu sitzen; aber wenn Sie es mir gestatten, so werde ich der Frau Kommerzienrätin einen Wink erteilen.“

Sie antwortete nicht sogleich. Das Verhalten des Grafen berührte sie in einer Weise, über welche sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochte. Es war nicht sein Stand, wegen dessen es sie mit großer Genugtuung erfüllte, dass er sich ihr in so auffälliger Weise widmete. Seine Persönlichkeit war es, seine Persönlichkeit ganz allein. Er trat so einfach, so bescheiden auf. Sein Wesen zeigte eine Offenheit, eine Wahrheit, welche man an dergleichen Kavalieren nicht zu beobachten pflegt. Leni fühlte, dass er kein gewöhnlicher Salonmensch sei und ihr nicht Höflichkeiten sagte, weil er es gewöhnt war, Damen zu schmeicheln. Was er sagte, kam ihm wirklich aus dem Herzen.

Sie waren in den Musiksalon getreten. Der Graf wollte sie nach einem Stuhl führen, sie aber bedankte sich und ging zu dem alten Hauptmann, welcher abseits von der Gesellschaft stand, um sich ein Gemälde zu betrachten.

„Sepp, jetzund musst mir mal Red und Antwort stehen“, sagte sie. „Willst es tun?“

„Wann ich kann, ja!“

„Was willst eigentlich hier in Wien?“

„Marinerierte Heringe fangen in der Donau. So, jetzt weißts.“

„Geh! Bist doch stets ein Grundböser. Kannst denn niemalens aufrichtig sein?“

„Bin ich jemals verschlossen gegen dich gewest?“

„Oft!“

„Dann hab ichs halt nötig gehabt. Und so ist’s auch grad jetzt. Was ich hier such, das darf ich dir halt nicht sagen.“

„Warum aber spielst den vornehmen Herrn?“

„Weils für das, was ich will, wichtig ist.“

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
571 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783780215901
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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