Kitabı oku: «Von Bagdad nach Stambul», sayfa 16
Fuenftes Kapitel: Die Todeskarawane
Nachmittags, als die größte Tageshitze vorüber war, brachen wir auf, um Bagdad zu verlassen. Voran ritt der Führer, welchen Hassan Ardschir nebst einigen Maultiertreibern gemietet hatte, deren Tiere sein Eigentum trugen. Letzteres war eine Unvorsichtigkeit, welche ich nicht begreifen konnte. Hinter diesen folgte Hassan mit Mirza Selim Agha bei dem Kamele, welches die beiden Frauen zu tragen hatte. Ich hielt mich zu Halef, und den Schluß bildete der Engländer, welcher mit stolzer, unternehmender Miene die Männer beaufsichtigte, mit deren Hilfe er die Trümmer Babylons zwingen wollte, ihm ihre verborgenen Schätze auszuliefern. Alwah saß auf einem Maultiere, und der arabische Diener war zurückgeblieben.
Ich hatte mir den jetzigen Ritt ganz anders gedacht. Das ganze Arrangement war ein verkehrtes. Vielleicht war ich selbst mit schuld daran, aber es war mir jetzt schwer geworden, eine Ansicht gehörig durchzusprechen. Meine Verwundung, die ich erst doch ganz gut überwunden zu haben schien, war nicht ohne Nachteil für mich geblieben, und zudem hatte ich mehr Sorge, Aufregung und Anstrengung gehabt, als einer meiner Begleiter. Ich fühlte mich körperlich sehr müde und geistig niedergeschlagen, ohne daß ich für dieses Akkablement eine Ursache hätte angeben können. Ich war ärgerlich über Hassan Ardschir und den Engländer, ohne zu bedenken, daß ich ihnen mit meiner eigenen Verdrießlichkeit vielleicht Ursache gegeben hatte, mich mit ihren Angelegenheiten weniger zu beschäftigen, als sie es vorher getan hatten. Dieser Zustand hatte, wie ich später erkennen mußte, seinen Grund in einer Inkubation, deren Ausbruch mir beinahe tödlich geworden wäre.
Wir zogen am Flusse hinauf, um über die obere Schiffbrücke zu reiten. Dort hielt ich an, um einen Blick auf die einstige Residenz Harun al Raschids zu werfen. Sie lag vor mir im Sonnenglanze, in all ihrer Pracht und Herrlichkeit, und doch auch wieder mit all den nicht zu verwischenden Spuren des Verfalles. Links vorn der Volksgarten, hinter welchem die Pferdebahn nach Norden geht, und weiter zurück die Quarantäneanstalt. Dann das hoch emporragende Kastell und das Gouvernementgebäude, welches seinen Fuß in die Fluten des Tigris taucht. Rechts die meist von Agil-Arabern bewohnte Vorstadt mit der Medresse Mostansir, dem einzigen Bauwerke, welches dieser älteste, vom Kalifen Manssur gegründete Stadtteil in die Gegenwart mit herübergenommen hat. Und hinter diesen Gebäuden dehnte sich eine unabsehbare Häusermasse, überragt von stilvollen Minarehs und den glasierten Kuppeln von wohl hundert Moscheen. Ueber diesem Häusermeere wallte hier und da die schön gezeichnete Krone einer Palme, deren Grün wohltuend den Staub- und Dunstschleier durchbricht, welcher stets über der Stadt der Kalifen lagert.
Hier an diesem Orte begrüßte Manssur jene Gesandtschaft des Frankenkönigs Pipin des Kleinen, welche kam, um mit ihm zu verhandeln gegen die in Spanien so gefürchteten Ommejaden. Hier lebte der berühmte Harun al Raschid an der Seite der schönen Zobeïde, welche mit ihm die gleiche Frömmigkeit und die gleiche verschwenderische Prachtliebe teilte. Sie pilgerten wiederholt nach Mekka und ließen den ganzen daselbst grad in dem Augenblick an, als Mutawakkil von seiner türkischen Leibwache ermordet wurde.
Mit ihm war der Glanz der Kalifen erblichen, und der Ruhm der »Stadt des Heiles« erlosch immer mehr. Bagdad soll damals 100 000 Moscheen, 80 000 Bazarhallen, 60 000 Bäder, 12 000 Mühlen, ebensoviele Karawanserais und zwei Millionen Einwohner besessen haben. Welch ein Unterschied gegen das heutige Bagdad! Schmutz, Staub, Trümmer und Lumpen überall. Sogar die Brücke, auf welcher ich hielt, war defekt, und ihr elendes Flechtwerkgeländer hing in Fetzen herab. Statt »Dar ul Kalifet« oder »Dar us Sallam« wäre die Stadt jetzt viel treffender »Dar et Taun«79 zu nennen. Trotz des heute noch prächtigen Anblickes, den sie bietet, besteht der dritte Teil des innerhalb der Stadtumwallung liegenden Terrains aus Friedhöfen, Pestfeldern, Sumpflachen und modrigem Häuserschutt, wo der Aasgeier mit anderem Gelichter sein Wesen treibt. Die Pest stellt sich alle fünf oder sechs Jahre ein und fordert ihre Opfer stets nach Tausenden. Der Moslem zeigt auch solchen Fällen gegenüber seine unheilbringende Indolenz. »Allah sendet es; wir dürfen nichts dagegen tun,« sagt er. Bei der so entsetzlichen Epidemie des Jahres 1831 gab sich der Vertreter Englands alle Mühe, zur Steuerung der Seuche umfassende Vorkehrungen zu treffen; da aber erhoben sich die Mullahs gegen ihn, und er wurde durch das Argument, daß sein Beginnen gegen den Koran sei, in die Flucht geschlagen. Die Folge davon war, daß jeder einzelne Tag bis an dreitausend Pestleichen forderte. Dazu kam der Verfall der Kanäle, infolgedessen in einer einzigen Nacht mehrere Tausend Häuser über ihren Bewohnern zusammenbrachen.
Bei diesen Gedanken war es mir, als ob auch mich das Kontagium ergriffen habe. Trotz der Hitze überlief es mich kalt. Ich schüttelte mich und ritt den Andern schnell nach, um aus der Stadt und meinen Gedanken fortzukommen.
Zwischen der Straße nach Basra links und derjenigen nach Deïr rechts kamen wir an Ziegeleien und an dem Grabmale der Zobeïde vorüber, passierten den Oschach-Kanal und befanden uns nun im freien Felde. Um Hilla zu erreichen, hatten wir den schmalen Isthmus zu durchschneiden, welcher den Euphrat von dem Tigris trennt. Hier stand noch zu Ende des Mittelalters Garten an Garten; da wehten die Palmen, da dufteten die Blumen, da glänzten die herrlichsten der Früchte am blätterreichen Geäst. Jetzt gilt hier Uhlands Wort: »Kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand.« Die lebenspendenden Kanäle sind vertrocknet und scheinen nur vorhanden zu sein, um räuberischen Beduinen zum Schlupfwinkel zu dienen.
Die Sonne brannte noch immer heiß hernieder, und die Luft schien die Spuren der Todeskarawane zu tragen, welche gestern hier vorübergeschlichen war. Ich hatte die Empfindung, als befände ich mich in einem ungelüfteten Krankensaale, welcher von Pockenbehafteten angefüllt ist. Und das war nicht etwa Einbildung, sondern auch Halef machte diese Bemerkung, und der Engländer schnüffelte mit seiner Beulennase höchst übelwollend in der stagnierenden Atmosphäre umher.
Hier oder da überholten wir einen alten Pilger, welcher sich in Kerbela begraben lassen wollte und ermüdet zurückgeblieben war, oder eine Gruppe von Aliisten, welche einem armen Maultiere mehrere Tote aufgebürdet hatten; das Tier keuchte schwitzend vorwärts, die Männer schritten mit zugehaltenen Nasen zur Seite, und hinter ihnen strömte der Todeshauch der Verwesung auf uns ein.
Am Wege saß ein Bettler; er war vollständig nackt – bis auf einen schmalen Schurz, welcher um seine Lenden gegürtet war. Er hatte seinem Leide um den ermordeten Hosseïn in höchst widerlicher Weise Ausdruck gegeben: die Schenkel und Oberarme waren mit spitzigen Messern durchstochen, und in die Unterarme, Waden, in den Hals, durch Nase, Kinn und Lippen hatte er von Zoll zu Zoll lange Nägel getrieben; an den Hüften und im Unterleibe bis herauf zu den Hüften hingen, in das Fleisch eingebohrt, eiserne Haken, an denen schwere Gewichte befestigt waren; alle andern Teile seines Körpers waren mit Nadeln bespickt, und in die nackt rasierte Kopfhaut hatte er lange Streifen geschnitten; durch jede Zehe und jedes Fingerglied war ein Holzpflock getrieben, und es gab an seinem ganzen Körper keine pfenniggroße Stelle, welche nicht eine dieser schmerzhaften Verwundungen aufzuweisen hatte. Bei unserm Nahen erhob er sich und mit ihm ein ganzer Schwarm von Fliegen und Mücken, welche den über und über blutrünstigen Menschen bedeckten. Der Kerl war entsetzlich anzusehen.
»Dirigha Allah, waj Mohammed! Dirigha Hassan, Hosseïn!« kreischte er mit widerlicher Stimme und streckte bettelnd uns beide Hände entgegen.
Ich hatte in Indien Büßer gesehen, welche sich auf die fabelhaftesten Weisen Schmerzen verursachten, und mit ihnen immer Mitleid gefühlt; diesem fanatisch dummen Menschen aber hätte ich wahrhaftig lieber eine Ohrfeige als ein Almosen gegeben, denn neben dem Grauen, welches sein ekelhafter Anblick erweckte, konnte ich auch den Unverstand nicht ertragen, welcher so scheußliche Martern ersinnt, um den Todestag eines doch nur sündhaften Menschen zu begehen. Und dabei hält sich ein solcher Mensch für einen Heiligen, dem nach dem Tode der oberste Rang des Paradieses sicher ist, und der auch bereits hier auf der Erde neben reichlichen Almosen die demütigste Verehrung zu beanspruchen hat.
Hassan Ardschir-Mirza warf ihm einen goldenen Doman zu.
»Hasgadag Allah – Gott segne dich!« rief der Kerl, die Arme wie ein Priester erhebend.
Lindsay griff in die Tasche und gab ihm einen Gersch zu zehn Piaster.
»Subhalan Allah – gnädiger Gott!« sagte der Unhold schon weniger höflich, denn er stellte Allah und nicht Lindsay als Geber hin.
Ich zog einen Piaster hervor und warf ihm denselben vor die Füße. Der schiitische »Heilige« machte zuerst ein erstauntes Gesicht, dann aber ein sehr zorniges.
»Azdar – Geizhals!« rief er, und dann fügte er mit der Gebärde des Abscheues und mit außerordentlicher Schnelligkeit hinzu: »Azdari, pendsch Azdarani, deh Azdarani, hezar Azdarani, lek Azdarani – du bist ein Geizhals, du bist fünf Geizhälse, du bist zehn Geizhälse, du bist hundert Geizhälse, du bist tausend Geizhälse, du bist hunderttausend Geizhälse!«
Er trat meinen Piaster mit Füßen, spie darauf und zeigte eine Wut, vor welcher man sich unter andern Umständen hätte fürchten müssen.
»Sihdi, was heißt Azdar?« fragte mich Halef.
»Geizhals.«
»Allah ‚l Allah! Und wie heißt ein recht dummer, alberner Mensch?«
»Bisaman.«
»Und ein recht grober Flegel?«
»Dschaf.«
Da drehte sich der kleine Hadschi zu dem Perser hin, hielt ihm die flache Hand emporgerichtet entgegen, wischte sie am Beine ab, eine Gebärde, welche für die größte Beleidigung gilt, und rief:
»Bisaman, Dschaf, Dschaf!«
Auf diese Worte öffneten sich die rhetorischen Schleusen des Schiiten auf eine Art und Weise, daß wir alle Reißaus nahmen. Der »heilige Märtyrer« befand sich im Besitze von Schimpfwörtern und Drastika, welche man unmöglich wiedergeben kann. Wir beugten uns vor seiner Ueberlegenheit und ritten weiter.
Die Luft, in welcher wir uns bewegten, wurde nicht besser. Wir konnten ganz genau die Spuren der Todeskarawane erkennen, und weithin zur Seite zeigten zahlreiche Fuß- und Hufeindrücke, daß die militärische Eskorte, welche ihr von Bagdad aus zur Schutzwehr gegen Räuber mitgegeben wird, sich der Ausdünstung der Särge wegen in vorsichtiger Entfernung gehalten hatte.
Ich schlug Hassan Ardschir vor, den Karawanenweg zu verlassen und in genügender Entfernung parallel mit ihm zu reiten; aber er ging nicht darauf ein, da es ein großes Verdienst der Pilger sei, in dem »Odem der Abgeschiedenen« zu reisen. Zum Glück erreichte ich wenigstens so viel, daß wir, als wir abends an einen Khan gelangten, in welchem der Pilgerzug gerastet hatte, dort nicht übernachteten, sondern entfernt davon in einem breiten Kanale unser Lager aufschlugen.
Wir befanden uns in einer gefährlichen Gegend und durften uns vom Lager nicht entfernen. Bevor wir alle uns schlafen legten, wurde beschlossen, morgen in einem Eilritte die Karawane zu überholen, Hilla zu erreichen und am »Turm zu Babel« das Nachtlager aufzuschlagen. Dann wollte Hassan Ardschir die Leichenkarawane vorüberlassen, um sie später wieder zu erreichen, während wir Andern seine Rückkehr erwarten sollten.
Ich war sehr müde und fühlte einen dumpfen, bohrenden Schmerz im Kopfe, obgleich ich Kopfschmerzen sonst niemals ausgesetzt gewesen bin. Es war, als ob ein Fieber im Anzuge sei, und daher nahm ich eine Dose Chinoidin, welches ich mir nebst einigen andern auf der Reise notwendigen Medikamenten in Bagdad gekauft hatte. Ich konnte trotz der Müdigkeit lange keine Ruhe finden, und als ich endlich einschlief, wurde ich von häßlichen Traumbildern beunruhigt, welche mich immer wieder weckten. Einmal war es mir, als hörte ich den gedämpften Schritt eines Pferdes, aber ich lag noch halb im Schlummer und glaubte, es sei noch im Traume.
Endlich trieb mich die Unruhe vom Lager empor, und ich trat vor das Zelt. Der Tag begann zu grauen; im Osten lichtete sich bereits der Horizont, und in jenen Gegenden dauert es nur kurze Zeit bis zur vollen Helle. Ich musterte den Gesichtskreis und bemerkte nach Morgen hin einen Punkt, welcher sich schnell vergrößerte. Schon in zwei Minuten konnte ich einen Reiter erkennen, der sich uns schnell näherte. Es war – Mirza Selim Agha. Sein Pferd dampfte, als er absprang; er selbst aber schien sehr verlegen, als er mich bemerkte. Er grüßte kurz, hing sein Pferd an und wollte dann an mir vorüber.
»Wo warst du?« fragte ich ihn kurz, aber nicht unfreundlich.
»Was geht es dich an!« antwortete er.
»Sehr viel. Männer, welche in einer so schlimmen Gegend miteinander reisen, sind sich Auskunft schuldig.«
»Ich habe mein Pferd geholt.«
»Wo war es?«
»Es hatte sich losgerissen und war entflohen.«
Ich trat hinzu und untersuchte den Strick.
»Diese Fessel hat keinen Riß erlitten!«
»Der Knoten hatte sich gelöst.«
»Danke Allah, wenn der Knoten, den man einmal um deinen Hals legen wird, auch nicht besser hält!«
Ich wollte mich von ihm wenden, aber er trat hart an mich heran und fragte:
»Was sagst du? Wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht.«
»So denke darüber nach!«
»Halt, du darfst so nicht fortgehen; du mußt mir sagen, was du mit deinen Worten gewollt hast!«
»Ich wollte dich an den Kirchhof der Engländer in Bagdad erinnern.«
Er verfärbte sich ein wenig, hatte sich aber so in der Gewalt, daß er in ruhigem Tone sagen konnte:
»Der Kirchhof der Engländer? Was geht er mich an? Ich bin kein Inglis. Du aber sprachst von einem Strick um meinen Hals. Ich habe mit dir nichts zu schaffen und werde es Hassan Ardschir-Mirza sagen. Dieser mag dich unterweisen, wie du mich zu behandeln hast.«
»Sage es ihm oder sage es ihm nicht, das ist mir gleichgültig, denn ich werde dich auf alle Fälle so behandeln, wie du es verdienst.«
Unsere laute Unterredung hatte die Schläfer geweckt. Die Vorbereitungen zum Aufbruche waren getroffen, und dann setzten wir im Kurierschritte unsere Reise fort. Ich sah während des Rittes Selim Agha sehr eifrig auf Hassan Ardschir einsprechen, und bald darauf blieb dieser bei mir zurück.
»Emir, erlaubst du mir, mit dir über Selim zu reden?« fragte er.
»Ja.«
»Du liebst ihn nicht?«
»Nein.«
»Aber du möchtest ihn doch nicht beleidigen!«
»Er hat die Beleidigung hingenommen, ohne sich zu verteidigen; ich habe ihm also kein Unrecht getan.«
»Ist es ein Grund, aufgehangen zu werden, wenn einem sein Pferd fortläuft?«
»Nein. Aber ein Grund zum Gehängtwerden ist es, wenn einer fortreitet, um mit Leuten zu verkehren, welche seine Gefährten überfallen sollen.«
»Emir, ich habe schon bemerkt, daß deine Seele krank und dein Leib müde ist; darum sieht dein Auge alles schwarz, und deine Rede ist bitter wie die Medizin der Aloë. Du wirst wieder gesund werden und deinen Irrtum erkennen, denn dein Urteil ist gerecht gewesen, so lange ich dich kenne. Selim ist mir treu gewesen seit vielen Jahren; er wird es bleiben, bis Allah ihn von der Erde beordert.«
»Und sein Schleichen nach dem Kirchhofe der Engländer?«
»War ein Zufall; er hat es mir vorhin erzählt. Der Abend war so schön, und er ging spazieren; er kam zum Friedhofe, ohne zu wissen, daß sich Leute dort befanden. Es waren friedliche Wanderer, welche von Räubern erzählten und dabei allerdings auch von Beute sprachen. Ich habe dir bereits gesagt, daß mich dies nicht irre machen kann.«
»Glaubst du wirklich, daß ihm heut sein Pferd entflohen ist?«
»Ich zweifle nicht daran.«
»Und glaubst du, daß Selim Agha der Mann ist, ein entflohenes Pferd im Dunkeln zu finden?«
»Warum nicht?«
»Auch wenn es sehr weit entwichen ist? Das Tier war ganz mit Schaum und Schweiß bedeckt.«
»Er hat es zur Strafe sehr scharf angestrengt. Ich bitte dich, ihn besser zu beurteilen, als bisher!«
»Das soll gern geschehen, wenn er sich bestrebt, weniger heimlich zu tun, als bisher.«
»Ich werde es ihm befehlen. Du aber bedenke, daß der Mensch sich irrt; nur Allah allein ist allwissend!«
Mit dieser Ermahnung schloß er unsere Unterhaltung.
Was sollte ich tun, oder vielmehr, was konnte ich tun? Ich war vollständig überzeugt, daß dieser Selim irgend eine Spitzbüberei im Schilde führte; ich war überzeugt, daß er heut nacht mit den Männern zusammengekommen war, mit denen er im Friedhof der Engländer gesprochen hatte. Wie aber wollte ich das beweisen? Ich war matt; ich hatte das Gefühl, als ob meine Knochen marklos und hohl geworden seien, und als ob mein Kopf eine große Trommel sei, auf welcher dumpf gewirbelt würde; ich merkte, daß meine Willenskraft langsam schwand und ich gleichgültig gegen Dinge ward, die sonst meine ganze Tatkraft herausgefordert hätten. Daher nahm ich auch die Bitte Hassan Ardschirs, welche einer Zurechtweisung ähnlicher war als einer Anerkennung, gleichmütig hin und nahm mir nur vor, im Stillen so viel wie möglich auf der Hut zu sein.
Unsere Tiere trugen uns schnell über den ebenen Boden dahin. Die Pilger, an denen wir vorüber kamen, mehrten sich; die Odeurs sans parfum wurden immer unerträglicher, und noch am Vormittage sahen wir die lange Linie der Karawane am westlichen Horizonte auftauchen.
»Umreiten wir sie?« fragte ich.
»Ja,« antwortete Hassan, und auf einen Wink von ihm bog der Führer zur Seite, um uns aus der Spur des Zuges zu bringen.
Bald befanden wir uns allein im freien Felde, und die Luft war reiner geworden, und wir atmeten sie mit Wonne ein. Der schnelle Ritt hätte mir gefallen können, wenn uns nicht so sehr viele Gräben und Kanäle den Weg versperrt hätten. Bei meinem Kopfschmerze verursachte mir das Passieren dieser Hindernisse nicht geringe Pein, und ich war froh, als wir gegen Mittag absaßen, um die größte Tageshitze vorübergehen zu lassen.
»Sihdi,« sagte Halef, der mich immer beobachtet hatte, »dein Angesicht ist grau, und deine Augen haben einen Ring; ist dir sehr unwohl?«
»Nur Kopfschmerz. Gib mir Wasser aus dem Schlauche und die Essigflasche!«
»Ich wollte, ich könnte diesen Schmerz in meinen Kopf nehmen!«
Der gute Halef! Er ahnte nicht, was ihm selbst auch bevorstand. Wäre mein Rih nicht ein so ausgezeichnetes Pferd gewesen, so hätte ich den Ritt nicht aushalten können und mich vor der alten »Aloe« schämen müssen, die wie ein ungarischer Tzikos ritt, was ich dieser persischen Huldgöttin gar nie zugetraut hätte.
Endlich, am späten Nachmittag, sahen wir zu unserer rechten Hand die Ruine El Himaar vor uns auftauchen; sie liegt nur wenig über eine Meile von Hilla entfernt. Bald erschien der vor El Mudschellibeh stehende Höhenzug und südlicher die Amran-Ibn-Ali-Stätte; wir gelangten durch die am linken Euphratufer liegenden Gärten von Hilla und ritten über eine höchst unzuverlässige Schiffbrücke in das Städtchen. Dasselbe ist berüchtigt durch sein Ungeziefer, seine selbst für den Orient grenzenlose Unreinlichkeit und seine bis zur Tollheit fanatische Bevölkerung. Wir hielten uns nur so lange auf, als nötig war, um anderthalb Schock am Wege sitzende Bettler summarisch zu befriedigen, und eilten dann weiter, dem Birs Nimrud80, dem babylonischen Turm zu, der dritthalb Wegstunden im Südwesten von Hilla liegt. Da diese Stadt ungefähr die Mitte des noch vorhandenen Ruinenfeldes einnimmt, so kann man sich eine Vorstellung von der ungeheuren Ausdehnung des alten Babel machen.
Die Sonne neigte sich dem Horizonte zu, als wir neben der Ruine Ibrahim Chalil den Birs Nimrud aufsteigen sahen, umgeben von Sumpf- und Wüstenland. Die Ruine des Turmes mag heut eine Höhe von höchstens fünfzig Meter haben, und auf ihr sieht man einen vereinzelten Pfeilerschaft, der etwas über zehn Meter hoch die Umgebung beherrscht. Er ist der einzige noch aufrechtstehende Rest der »Mutter der Städte«, wie Babel genannt wurde, doch auch bereits durch einen tiefen Riß in der Mitte gespalten, und wieder mußte ich an Uhland denken:
»Nur eine hohe SäuleZeugt von verschwundner Pracht;Auch diese, schon geborsten,Kann stürzen über Nacht.«
Wir machten am Fuße der Ruine halt, und während die Andern ihre Vorbereitung zum Abendimbiß trafen, stieg ich empor zur Plattform, um einen Blick auf die Umgebung zu werfen. Einsam stand ich hier oben; die Sonne hatte den Horizont erreicht, und ihre Strahlen nahmen Abschied von den Trümmern einer versunkenen Riesenstadt.
Was war dieses Babel gewesen?
Am Euphrat gelegen und von demselben in zwei Teile geschieden, hatte die Stadt nach Herodot einen Umfang von 480 Stadien, also von sechzehn Meilen. Sie wurde eingefaßt von einer 50 Ellen dicken und 200 Ellen hohen Mauer, die zur Verteidigung in gewissen Zwischenräumen mit Türmen versehen war und außerdem noch von einem breiten tiefen Wassergraben beschützt wurde. Hundert Tore von Erz führten durch diese Mauer in die Stadt, und von jedem dieser Tore ging eine gerade Straße nach dem gegenüberliegenden, so daß Babel also in ganz regelmäßige Vierecke eingeteilt war. Die drei bis vier Stock hohen Häuser waren von Backsteinen erbaut, die untereinander mit Erdharz verkittet wurden. Die Gebäude hatten prachtvolle Fassaden und wurden durch freie Räume voneinander getrennt. Das Häusermeer wurde von freien Plätzen und prachtvollen Gärten angenehm unterbrochen, in denen sich die zwei Millionen Einwohner lustwandelnd ergehen konnten.
Auch die beiden Seiten des Stromes waren von hohen, starken Mauern eingefaßt, durch deren eherne Wassertore, welche des Nachts geschlossen wurden, man gehen mußte, wenn man per Schiff von dem einen Ufer zu dem andern kommen wollte. Ueber den Fluß führte außerdem eine herrliche Brücke, welche eine Breite von 30 Fuß besaß und nach Strabo eine Stadie, nach Diodor aber eine Viertelstunde lang war. Ihr Dach konnte abgenommen werden. Um bei der Erbauung derselben den Strom abzuleiten, war im Westen der Stadt ein See von 12 Meilen Umfang und von 75 Fuß Tiefe ausgegraben worden, in welchen man den Euphrat leitete. Dieser See wurde auch später beibehalten; er hatte die Wasser der Ueberschwemmungen aufzunehmen und bildete ein ungeheures Reservoir, aus welchem man bei großer Dürre mittels Schleusen die Felder bewässerte.
An jedem Ende der Brücke stand ein großer Palast; beide waren durch einen unterirdischen Gang verbunden, der unter dem Euphrat hinlief, wie z¨B¨ der Tunnel unter der Themse. Die hervorragendsten Gebäude der Stadt waren: das alte Königsschloß, über eine Meile im Umfange, der neue Palast, mit dreifachen Mauern umgeben und zahllosen Bildhauerarbeiten geschmückt, und die hängenden Gärten der Semiramis. Diese bildeten ein Quadrat von 160 000 Quadratfuß Flächenraum und wurden von einer 22 Fuß dicken Mauer umgeben. Auf großen, gewölbten Bogen erhoben sich amphitheatralisch angelegte Terrassen, zu denen man auf 10 Fuß breiten Stufen gelangte. Die Plattformen dieser Terrassen waren mit 16 Fuß langen und 4 Fuß breiten Steinen belegt, um kein Wasser hindurch zu lassen; auf den Steinen war eine dicke Lage verkittetes Rohr, dann zwei Reihen gebrannter Ziegel, welche mit Harz gut verbunden waren, und dann hatte man das Ganze noch mit Blei bedeckt, auf dem man die beste Pflanzenerde so hoch aufgeschüttet hatte, daß die stärksten Bäume bequem Wurzel schlagen konnten. Auf der obersten Terrasse befand sich ein Brunnen, der das nötige Wasser in Fülle aus dem Euphrat sog und über die Gärten ergoß. In den Hallen einer jeden Terrasse hatte man prächtige, zur Nachtzeit illuminierte Gartensäle angebracht, in denen man den Duft der köstlichen Blumen und die herrlichste Aussicht auf die Stadt und deren Umgebung genießen konnte.
Das hervorragendste Gebäude Babels aber war der Baalsturm, von welchem uns die Bibel 1¨ Mos¨ 11 berichtet. Die heilige Schrift gibt keine genaue Höhe an; sie sagt nur: »dessen Spitze bis an den Himmel reicht«. Die Talmudisten behaupten, der Turm sei 70 Meilen hoch gewesen; nach orientalischen Traditionen war er 10 000 Klafter, nach anderen Ueberlieferungen 25 000 Fuß hoch, und es soll eine Million Menschen zwölf Jahre lang daran gearbeitet haben. Das ist natürlich übertrieben. Die Wahrheit ist, daß sich allerdings mitten aus dem großen Tempel des Baal ein Turm erhoben hat, dessen Basis ungefähr tausend Schritte im Umfange hatte, während seine Höhe 6-800 Fuß betrug. Er bestand aus acht übereinander stehenden Abteilungen, von denen immer die höhere eine kleinere Grundfläche hatte, als diejenige, von welcher sie getragen wurde. Durch einen achtmal um den Turm führenden Stiegengang gelangte man auf die Höhe des Bauwerkes. Jede einzelne Abteilung enthielt große, gewölbte Hallen, Säle und Gemächer, deren Bildsäulen, Tische, Sessel, Gefäße und andere Gerätschaften von massivem Golde waren. Im untersten Stockwerke stand die Bildsäule des Baal, die tausend babylonische Talente wog, also einen Wert von mehreren Millionen Taler besaß. Das oberste Stockwerk trug ein Observatorium, auf dem die Astronomen und Sterndeuter ihre Beobachtungen machten. Xerxes beraubte den Turm aller Schätze, welche nach Diodorus 6300 Talente in Gold betragen haben sollen.
Hierzu sagt die morgenländische Mythe noch, daß sich in dem Bauwerke ein Brunnen befunden habe, der grad so tief gewesen sei, wie der Turm hoch war. In diesem Brunnen sind die gefallenen Engel Warud und Marud mit Ketten an den Füßen aufgehangen, und in seiner Tiefe liegt die Lösung aller Zauberei verborgen.
Das war Babel. Und jetzt – — —!
Hier am Birs Nimrud dachte ich mich in die Heimat, in die stille Stube zurück, mit der aufgeschlagenen Bibel vor mir. Wie oft hatte ich die Weissagung Jeremias gelesen, welche wie Posaunenschall über das von Gott gerichtete Sinear erklang! An den Wassern Babylons, am Ufer des Euphrat und an den Rändern der Seen und Kanäle saßen die heimatlosen Söhne Abrahams; ihre Psalter und Saitenspiele hingen stumm an den Weiden, und ihre Tränen flossen zum Zeichen der Buße ob ihrer Sünden. Und wenn eine der Harfen erklang, so ertönte sie vor Sehnsucht nach der Stadt, die das Heiligtum Jehovahs barg, und der Schluß des Klageliedes war: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt.« Und der Herr erhörte das Gebet. Es erklang die gewaltige Stimme Jeromijahus aus Anathot, den wir Jeremias nennen, und das weinende Volk lauschte seinen Worten:
»Dies ist das Wort des Herrn wider Babel und das Land der Chaldäer: Es ziehet von Mitternacht ein Volk herauf, das ihr Land zur Wüste machen wird; es hat Bogen und Schild und ist grausam und unbarmherzig; sein Geschrei ist wie das Brausen des Meeres. Fliehet aus Babel, damit ein jeder seine Seele errette, denn es ist ein Kriegsgeschrei im Lande und großer Jammer. Es spricht der Herr Zebaoth: Siehe, ich will den König zu Babel heimsuchen; rüstet euch wider Babel; jauchzet über sie um und um; ihre Grundfesten sind gefallen, und ihre Mauern abgebrochen. Kommt her gegen sie; öffnet ihre Kornhäuser, erwürget alle ihre Rinder, belagert sie, und lasset keinen entfliehen. Sie hat wider den Herrn gehandelt, darum sollen ihre Männer fallen und ihre Krieger untergehen zu derselben Zeit. Schwert soll kommen über Babel und seine Fürsten, über die Weissager und Starken, über Rosse und Wagen und über den Pöbel, der darinnen ist. Gleich wie Gott Sodom und Gomorrha umgekehrt hat, so soll auch Babel zum Steinhaufen werden, und ihre Stätte zur Wüste!«
Und nun ich hier oben auf der Ruine stand, konnte ich sehen, in wie schrecklicher Weise sich das Wort des Herrn erfüllt hatte. Mit 600 000 Streitern zu Fuß, 120 000 Reitern und mit 1000 Sichelwagen, ungezählt noch Tausende von Kamelreitern, kam Cyrus und eroberte die Stadt trotz ihrer festen Lage und trotzdem sie auf 20 Jahre mit Lebensmitteln versehen war. Später ließ Darius Hystaspes die Mauern niederreißen, und Xerxes entblößte sie von allen ihren Schätzen. Als der große Alexander nach Babylon kam, wollte er den Turm wieder herstellen; er stellte allein zur Wegräumung der Trümmer und des Schuttes 10 000 Arbeiter an, doch mußte seines plötzlichen Todes wegen der Plan aufgegeben werden. Seit dieser Zeit verfiel die Riesenstadt immer mehr und mehr, so daß heut von ihr nichts mehr zu sehen ist, als ein verwittertes Backsteinchaos, in dem sich selbst das scharfe Auge des Forschers nicht zurechtfinden kann.
Rechts vom Turme sah ich die Straße, welche nach Kerbela, und links von ihm die, die nach Meschhed Ali führt. Grad im Norden lag Tahmasia und hinter den westlichen Wallruinen der Dschebel Menawieh. Ich wäre gern noch länger hier oben geblieben, aber die Sonne war jetzt verschwunden, und die Kürze der Dämmerung trieb mich hinab zu den Gefährten.
Das Frauenzelt war aufgeschlagen worden, und außer Lindsay und Halef hatten sich alle zur Ruhe gelegt. Der letztere hatte mich noch bedienen wollen, und der erstere hegte die Absicht, sich über die Disposition für die nächsten Tage mit mir zu verständigen. Ich vertröstete ihn auf den folgenden Morgen, wickelte mich in meine Decke und versuchte, einzuschlafen. Es ging nicht, denn eine fieberhafte Aufgeregtheit ließ mich höchstens zu einem durch öftere Pausen unterbrochenen Halbschlummer kommen, der mich nicht stärkte, sondern nur noch mehr ermüdete.
Gegen Morgen schüttelte mich ein starker Frost, der mit fliegender Hitze wechselte; ein eigentümlicher Schmerz zuckte mir durch die Glieder, und trotz der Dunkelheit war es mir, als wenn meine Umgebung sich wie ein Karussell rings um mich drehe. Noch dachte ich nur an ein Fieber, welches sich bald legen werde, und nahm eine weitere Dosis Chinoidin, worauf ich in einen dumpfen Zustand verfiel, der eher Betäubung als Schlaf zu nennen war.
Als ich aus demselben erwachte, herrschte bereits reges Leben um mich her. Es war zu meinem Erstaunen neun Uhr vormittags, und eben sah man die Leichenkarawane von Hilla her geteilt an uns vorüber ziehen, ein Teil davon nach Kerbela und der andere nach Meschhed Ali. Halef bot mir Wasser und Datteln an. Ich konnte einige Schlücke trinken, aber keinen Bissen essen. Ich befand mich in einem Zustande, welcher einem recht starken Katzenjammer glich, was ich sehr wohl zu beurteilen verstand, da ich während meiner Schülerzeit leider auch einige Male mich in jener hochelegischen Morgenstimmung befunden hatte, welche Viktor Scheffel, der Dichter des Gaudeamus, mit den Worten beschreibt: