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Kitabı oku: «Waldröschen III. Matavese, der Fürst des Felsens. Teil 1», sayfa 12

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16. Kapitel

Der Knabe hatte sein Gewehr vorhin gegen die Mauer gelehnt, er nahm es jetzt und trat zu Sternau.

»Die Krähe auf dem Dachfirst!« sagte dieser.

Hoch oben auf dem steilen First des Daches saß eine einsame Krähe. Kurt legte an und drückte ab. Sie fiel herunter, und als man sie beobachtete, ergab es sich, daß sie mitten durch den Leib geschossen war.

»Vortrefflich!« rief der Großherzog. – »Verzeihung, Hoheit, das ist ein schlechter Schuß«, sagte Sternau. – »Warum?« – »Eine Krähe ist ein so großes Objekt, daß man sie billigerweise nur durch den Kopf schießen wird.« – »Ah, bringen Sie das fertig?« – »Ich?« fragte Sternau lächelnd. – »Ja.« – »Dieser Knabe tut es bereits!« – »Aber in welcher Nähe!«

Sternau wandte sich gegen die Burschen:

»Ludwig, gehen Sie hinaus nach der Tanne und bringen Sie die Krähe, die Kurt jetzt herabschießen wird.« Der Bursche ging.

Draußen vor dem Schloß stand eine hohe Tanne, deren Äste über die Mauer emporragten. Auf ihren Zweigen saß eine ganze Schar von Krähen. Sie hatten sich durch den einen Schuß nicht erschrecken lassen, denn sie waren in der Nähe des Försters das Schießen gewöhnt.

»Welche?« fragte Kurt. – »Auf dem dritten Ast die äußerste.« – »Ungezählt?« – »Nein, das wäre zu leicht.« – »Gut, ich bin fertig.« – »Eins – zwei – drei!«

Sternau sprach diese Zahlen nicht etwa langsam, sondern schnell hintereinander aus. Bei eins erhob Kurt das Gewehr, und bei drei krachte sein Schuß. Die Krähe fiel herab, und die anderen erhoben sich kreischend in die Luft.

»Aufpassen!« rief Sternau.

Dann riß er das kleinere seiner beiden Gewehre vom Rücken und zielte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Schüsse krachten, fast schneller als man zählen kann, und ebenso viele der entfliehenden Vögel fielen aus der Luft herab.

»Ah, was ist das für ein Gewehr?« fragte der Großherzog. – »Ein Henrystutzen.« – »Ein Repetiergewehr?« – »Ja.« – »Mit wie vielen Schüssen?« – »Mit fünfundzwanzig.« – »Zeigen Sie!«

Sternau gab das Gewehr zur Besichtigung ab. Unterdessen kam Ludwig wieder herein.

»Nicht eine, sondern sieben sind es dahier«, schmunzelte er.

Er legte die Vögel vor, und die Herren staunten, denn eine jede der Krähen war durch den Kopf geschossen.

»Wunderbar!« rief der Großherzog. – »Wunderbar!« echoten die anderen nach. – »Das ist keine Kunst«, meinte Sternau lächelnd. »Kurt, gehe hinauf in mein Zimmer und hole das Lineal von meinem Schreibtisch.« – »Darf ich nicht vorher den Sperling schießen?« fragte der Knabe. – »Welchen?« – »Oben auf dem Glockentürmchen.« – »Ja.«

Auf einem hohen Seitengebäude des Schlosses befand sich ein kleines, offenes Türmchen, in dem eine Glocke hing, die dazu diente, die in Wald und Feld zerstreuten Leute heimzurufen. Dieses Türmchen hatte eine Wetterfahne, und auf derselben saß ein Sperling.

»Den trifft er nicht«, meinte einer der Herren. – »Wollen wir wetten?« fragte der Knabe. – »Ja«, lachte der Herr. – »Wie hoch?« – »Fünf Taler«, lautete die Antwort, wohl um den Knaben abzuschrecken. – »Gut, es gilt!« rief Kurt, und schon hatte er sein abgeschossenes Gewehr wieder geladen. »Onkel Sternau, zählen Sie«, bat er dann, »aber rasch, ehe er fortfliegt.« – »Eins – zwei – drei!« rief Sternau.

Kurt hatte bei diesem schnellen Zählen kaum Zeit zum Zielen gehabt, aber er drückte ab, und der Sperling fiel von der Wetterfahne auf das Dach und rollte von demselben in den Hof herab. Es zeigte sich, daß ihm die Kugel mitten durch den Leib gegangen war.

»Erstaunlich!« rief der Großherzog. »Major, Sie zahlen die Wette.« – »Dieses Mal sehr gern«, entgegnete dieser.

Dann zog er die Börse und hielt dem Knaben einen Doppellouisdor entgegen:

»Hier, mein kleiner Tell!«

Kurt griff zu und entgegnete: »Danke, Herr Major. Einen so wertvollen Sperling habe ich noch nie geschossen.«

Alle lachten, und der Knabe ging, um das Lineal zu holen.

»Ich glaube, meine Herren, das macht ihm von uns so leicht keiner nach!« meinte der Großherzog. – »Hm!« sagte der Major. – »Oder glauben Sie etwa, Major?« fragte der Fürst. – »Ja, wo gleich einen Sperling hernehmen?« antwortete dieser. – »Da fliegt einer«, sagte Sternau, in die Luft deutend. – »Donner, wer soll den treffen? Kein Mensch!«

Sternau lächelte leise, da sagte der Herzog:

»So schießen Sie nach der Wetterfahne, wie Hans Winkelsee im Eschenheimer Turm, wie uns Simrock erzählt. Sie ist zwar auch größer als ein Sperling, aber es bleibt bei dieser Höhe immerhin ein Meisterschuß.«

Der Major nahm den Hinterlader auf, den Kurt einstweilen weggelegt hatte, und betrachtete ihn.

»Ein prachtvolles Gewehr, sehr gut und sorgfältig gearbeitet; ein kleines Meisterstück!« sagte er. »Ich werde es versuchen.«

Er zielte und drückte ab – es war ein Fehlschuß.

»Donner!« rief er. – »Hier sind zwei Patronen, Herr Major«, rief Kurt, der mittlerweile zurückgekehrt war. – »Gut. Ich werde es noch einmal versuchen«, entgegnete der Offizier, lud und gab noch zwei Schüsse ab, jedoch wiederum ohne zu treffen. – »Teufel!« sagte er. »Das ist wahrhaftig eine Blamage.«

Der Major war als ein guter Schütze bekannt, darum sagte der Großherzog:

»Es ist keine Blamage, Major. Sie kennen das Gewehr nicht und das Ziel ist wirklich ein wenig zu entfernt. Lassen Sie ab davon. Was soll das Lineal, Herr Doktor?« – »Es soll ein Ziel sein«, antwortete Sternau. »Kurt, vertraust du mir?« – »Ja«, antwortete dieser. – »Willst du es halten?« – »Ja.« – »Auch über den Kopf?« – »Das ist bei Ihnen egal.« – »So tritt hier an das Tor, fasse das Lineal mit beiden Händen an den Enden und halte es über den Kopf empor.« – »Halt, Herr Doktor!« rief da der Großherzog, »das ist lebensgefährlich, das ist ja der reine Tellschuß!« – »Das soll er auch sein, Hoheit!« – »Aber das können wir nicht dulden. Wir glauben, daß Sie treffen, aber wir wissen auch, daß der kleinste Umstand hier den Tod zur Folge haben kann.« – »Den Tod?« lachte der Knabe zuversichtlich. »Oh, Onkel Sternau schießt noch ganz anders als so, wie er es jetzt zeigen will. Ich gehe.« – »Nein, du bleibst!«

Da trat der Hauptmann vor und sagte:

»Hoheit, lassen Sie die zwei. Die wissen, was sie wollen und können.« – »Aber ich trage keine Verantwortung.« – »Es gibt hier faktisch keine.«

Kurt eilte nun nach dem Tor und hielt dort mit beiden Händen das Lineal quer über den Kopf empor.

»Wie viele Schüsse?« fragte er. – »Zehn«, antwortete Sternau.

Dieser war inzwischen an das entgegengesetzte Ende des Hofes gegangen und nahm dort den Henrystutzen empor. Die Damen, die von oben die Unterhaltung der Herren nicht bis in das einzelnste verstehen konnten, merkten erst jetzt, um was es sich handelte.

»Mein Gott, was geht da vor!« rief die Großherzogin herab. – »Ein Tellschuß!« antwortete ihr Gemahl empor. – »Nein, zehn Tellschüsse!« fügte der Oberförster hinzu.

Da wollte die hohe Frau Einspruch erheben und sagte:

»Das soll nicht sein, das darf …«

Doch sie wurde unterbrochen, denn Sternaus sonore Stimme erklang soeben:

»Fertig, Kurt?« – »Ja.« – »Halt fest und still!«

Dann fielen ein, zwei, drei, fünf – sieben – neun, zehn Schüsse so schnell hintereinander, daß man sie kaum zu zählen vermochte; darauf kam Sternau rasch herbeigeschritten und hielt, ohne sich um Kurt und das Lineal zu bekümmern, dem Großherzog den Stutzen hin.

»Hoheit, sehen Sie, welch eine Arbeit dieses Gewehr ist. Zehn Schüsse so schnell hintereinander abgegeben, und doch ist der Lauf noch nicht erhitzt.« – »Das wäre allerdings fast ein Wunder.«

Das Gewehr ging von Hand zu Hand, und alle überzeugten sich von der vortrefflichen Konstruktion desselben. Endlich fragte der Großherzog:

»Und das Lineal?« – »Hier, Hoheit!« rief Kurt, der bereits herbeigekommen war und hinter ihm gewartet hatte.

Der Fürst nahm ihm das Lineal aus der Hand und sah zu seinem Erstaunen in demselben zehn Schußlöcher, eins neben dem anderen, in einer so geraden Linie, als sei sie mit dem Lineal gezogen, und so gleichweit voneinander entfernt, als ob die Distanzen mit einem Zirkel abgemessen worden seien.

Natürlich gab es Ausrufe der Verwunderung und verschiedene Lobeserhebungen, aus denen sich aber Sternau nicht viel zu machen schien. Er wandte sich ruhig an den Major:

»Mein Herr, Sie sagten vorhin, daß ein Sperling im Flug nicht zu treffen sei?« – »Ich behaupte es«, antwortete dieser. – »Oh, man schießt sogar die Schwalbe.« – »Zufall!« – »Ich will Ihnen keine Wette anbieten, und Schwalben gibt es hier nicht; aber warten wir, den ersten Sperling, der wieder über den Hof kommt, den hole ich herab.« – »Da bin ich doch neugierig!« entgegnete der Major zweifelnd.

Von jetzt an hingen aller Augen in der Höhe. Sternau hielt das Gewehr in beiden Händen, aber nicht angelegt. Eine, zwei, drei Minuten vergingen.

»Da – da – da – da!« rief es endlich aus aller Munde.

Ein Sperling kam schnell wie der Blitz über das eine Dach herüber und schwippte nach dem anderen. Aber ehe er es erreichte, blitzte der Schuß, und er stürzte zur Erde herab.

»Erstaunlich, ganz erstaunlich!« rief der Großherzog. – »Oh«, antwortete Sternau, »ein leidlicher Schuß garantiert für jeden Sperling. Es ist das ja nichts Schweres.« – »Sie sind ein ausgezeichneter Schütze, auf Ehre!« ließ sich da eine Stimme vernehmen, die man noch nicht gehört hatte.

Sie gehörte einem Herrn an, dessen Verhalten bisher ein sehr reserviertes gewesen war. Er hatte noch kein Wort gesprochen, aber als er jetzt aller Blicke auf sich gerichtet sah, fuhr er fort:

»Habe kürzlich viel von Prärie erzählen hören. In Berlin, bei amerikanischem Gesandten. Sprachen von Savanne, von Trapper und Squatter, von Rothaut und Bleichgesicht. War interessant, sehr interessant auf Ehre.« – »Das ist etwas für Sie gewesen, mein lieber Graf«, versetzte der Großherzog. »Sie sind ja unser Sportsmann comme il faut« Und sich an Sternau wendend, sagte er vorstellend: »Graf Walesrode, bester Doktor.«

Die beiden Herren verbeugten sich, dann fuhr der Graf fort:

»Habe viele Romane gelesen, Reisebeschreibungen. Cooper, Marryat, Möllhausen, Gerstäcker. Habe gedacht, alles Schwindel. Aber doch anders. Hörte in Berlin beim Gesandten, daß alles wahr. Gesandter früher selbst in Prärie gewesen. Berühmte Häuptlinge und Jäger gesehen. Allerberühmteste Häuptlinge in Neumexiko. Sollen heißen Bärenherz und Büffelstirn. Gesandte viele Abenteuer von ihnen erzählt.« – »Bärenherz und Büffelstirn?« rief da Sternau hoch erfreut. »Ah, das sind Shoshinliett und Mokaschimotak, die Häuptlinge der Jicarilla-Apachen und der Mixtekas.« – »Ah, kennen Sie?« – »Ich habe sie nicht gesehen, aber viel von ihnen gehört. Sie schweifen viel nach dem alten Mexiko hinüber.« – »Richtig. Also doch wahr. Auch noch gehört von zwei sehr berühmten Jägern.« – »Wie heißen sie, Graf? Wenn sie wirklich berühmt sind, so muß ich sie kennen.« – »Habe ihre Indianernamen vergessen, hießen aber Donnerpfeil und Fürst des Felsens. Fürst des Felsens soll famoser Kerl sein. Nie Fehlschuß, nie verlaufen in Prärie, Urwald oder Felsenbergen. Famoser Yankee, auf Ehre.« – »Sie irren, Graf; dieser ›Herr des Felsens‹ ist kein Yankee.« – »Was sonst?« – »Ein Deutscher.« – »Ah! Wunderbar. Kennen ihn?« – »Ja. Ich kenne auch den Namen des anderen. Donnerpfeil wird von den Wilden Itintika genannt. Ich habe ihn nicht gesehen. Aber den Herrn des Felsens kenne ich sehr genau; die Rothäute nennen ihn Matavase.« – »Ah, wahrhaftig! War dieser Name, auf Ehre. Soll ein Riese sein.« – »Ja, er ist kein Zwerg«, lächelte Sternau. – »Wahrer Goliath. Schlägt ein Pferd mit Faust nieder.« – »Oho!« ertönte es rundum.

Der Graf blickte sich im Kreis um und fragte:

»Wer glaubt nicht? Schlägt ein Pferd nieder, auf Ehre! Wer zweifelt noch?«

Auf diese drohende Frage erfolgte keine Antwort, der Großherzog meinte:

»Ich möchte doch einmal so einen berühmten Westmann sehen!«

Und der Graf fügte nickend hinzu:

»Ich auch. Würde ihn einladen. Freund sein. Famos reiten und schießen, auf Ehre!« – »Oh, der Wunsch der Herren ist ja bereits erfüllt!« sagte Sternau. – »Wann? Wo?« fragte der Graf. – »Jetzt, hier«, antwortete Sternau. – »Ah, Sie?« – »Ja, ich.« – »Hm, ja. Sind sehr famoser Kerl, aber doch nur Tourist gewesen. Habe mich erst zurückgezogen; dachte an Humbug; habe aber gesehen, daß Sie exquisiter Mann. Aber noch kein echter Westläufer, kein Kerl wie Donnerpfeil oder gar Fürst des Felsens.« – »Sie irren abermals«, sagte Sternau, »denn dieser Matavase, dieser Fürst des Felsens bin ich selbst.« – »Ah!«

Der Graf riß die Augen weit auf und den Mund noch weiter. Vor Überraschung drückte er das Monokel vor das Auge und blickte den Arzt starr an. Auch die anderen glaubten eher an einen Scherz als an Ernst.

»Ist es wahr, Doktor?« fragte der Großherzog. – »Gewiß. Oder dürfte ich es wagen, mir mit Eurer Hoheit einen Scherz zu erlauben?« – »Halt!« sagte der Graf. »Wollen sehen! Prüfen!« – »Prüfen Sie!« sagte Sternau ruhig. – »Fürst des Felsens soll mal fürchterlichen Stich in Hals erhalten haben.« – »Hier ist die Narbe. Blicken Sie her!«

Sternau zog den Kragen zurück, und alle überzeugten sich von dem Dasein der Narbe.

»Gut, sehr gut!« sagte der Graf. »Fürst des Felsens hat berühmte Kugelbüchse, Bärentöter, schießt Kugel Nummer Null. Ungeheuer schwer.« – »Hier ist die Büchse.«

Sternau nahm die große Büchse und hielt sie dem Grafen hin. Man sah ihm nicht an, daß dieses Gewehr schwer sei, aber als der Graf zugriff, ließ er sofort den Arm sinken.

»Teufel!« rief er. »Schweres Tier! Fünfundzwanzig Pfund, wie?«

Auch der Großherzog griff nach der Bärenbüchse, und nun begann ein großes Wundern.

»Aber, Doktor«, sagte der Fürst, »Sie hantieren mit dieser Büchse ja wie mit einem leichten Stock. Vorhin, als Sie den Lasso mit ihr parierten, sah es aus, als ob sie kaum ein Pfund schwer sei.« – »Riesige Kraft! Ist wirklich Fürst des Felsens, auf Ehre!« meinte der Graf. – »Ich werde den Herren noch einen weiteren Beweis geben. Es wurde vorhin nicht geglaubt, daß dieser Matavase mit der bloßen Faust ein Pferd niederschlägt. Ludwig!« – »Ja, Herr Doktor«, antwortete der Bursche. – »Führe einen der schweren Ackergäule vor!« – »Ah!« rief der Graf jetzt ganz begeistert. »Prachtvolles Experiment! Ackergaul niederschlagen. Famos! Nicht dagewesen! Prächtiges Amüsement!«

Der Bursche brachte das Pferd; es war ein etwa neunjähriger Fuchs, der lange nicht an die Luft gekommen war. Infolgedessen zeigte er sich sehr lebhaft, es gelang ihm, sich loszureißen, und nun trabte er wiehernd im Hof umher. Ludwig wollte ihn wieder fangen.

»Laß ihn!« sagte Sternau. »Er wird gehorchen.«

Um es sich noch schwerer zu machen, warf er sich die Gewehre über den Rücken und schritt auf das Pferd zu. Dieses wandte sich wiehernd von ihm ab und entsprang. So entstand ein Haschen, das dem Fuchs Spaß zu machen schien. Da aber holte Sternau aus, noch einen Anlauf – ein Sprung, und er saß auf dem Pferd.

»Ah, glanzvoll! Auf Ehre!« rief der Graf.

Sternau trieb durch den einfachen Schenkeldruck den Fuchs einige Male im Hof auf und ab, dann stieg er wieder ab.

»Aufpassen, meine Herren!« rief er. »Nicht niederschlagen, sondern niederwerfen.«

Er steckte darauf dem Pferd zwei Finger der rechten Hand in die Nüstern, so daß es vom emporsteigen wollte – ein kurzer Schritt zur Seite, eine Wendung nach hinten, ein gewaltiger Ruck, und der Fuchs lag an der Erde.

Die Herren klatschten, und auch die Damen fielen ein.

»Wahrer Goliath! Simson! Auf Ehre!« meinte der Graf. »Ist Fürst des Felsens! Glaube es gern!«

Der Fuchs hatte sich aufgerafft und stand zitternd vor dem riesenstarken Mann.

»Jetzt niederschlagen!« rief dieser.

Damit holte er aus und traf mit einem fürchterlichen Hieb seiner Faust die Stirn des Pferdes, gerade über dem einen Auge. Eine einzige Sekunde lang ging ein sichtbares Zittern durch den Körper des Tieres, dann aber brach es mit einem einzigen Ruck zusammen und blieb regungslos am Boden liegen.

»Ach! Oh! Verteufelter Kerl!« jubelte der Graf, ganz enthusiasmiert. »Wer macht das nach? Keiner. Auf Ehre!«

17. Kapitel

Die Zuschauer waren ganz starr vor Erstaunen über eine solche physische Stärke. Droben standen die Damen noch erstaunter als die Herren.

»Mein Gott, solch ein Herkules ist mir noch nicht vorgekommen!« sagte die Großherzogin. »Haben Sie das gewußt, teuerste Gräfin?«

Rosas Gesicht glänzte vor Genugtuung.

»Ja«, sagte sie. »Er hat sich bei uns in Rodriganda gleich als Held eingeführt.« – »Ach!« – »Wir wurden von einer ganzen Schar Räuber überfallen; es waren wohl fünf, vier tötete er, und der fünfte floh.« – »Außerordentlich!« – »Einen unserer größten Feinde hielt er frei über den Abgrund hinaus.« – »Gott! Vor solch einem Mann sollte man sich eigentlich fürchten!« – »Ja, wenn er nicht auch an Herz und Gemüt ein ebensolcher Riese wäre!« – »Er sollte Offizier sein. Denken Sie sich diesen Mann, diese Gestalt in Uniform.«

Rosa errötete.

»Ja, man muß ihn auch so lieben«, fügte die Großherzogin hinzu. »Sie erlauben doch, daß wir ihn Ihnen öfters zu uns entführen?« – »Er wird Euer Hoheit Befehlen stets gehorsam sein.«

Auch unten sprachen sich die Herren in gleicher Weise über Sternau aus. Der Oberförster aber war zu ihm und dem Pferd getreten, er hatte doch eine kleine Sorge.

»Doktor, Sie sind weiß Gott ein ganz verteufelter Kerl!« sagte er. – »Danke«, lachte Sternau. »Ich wollte mich ein wenig in Respekt setzen.« – »Aber das hat mich ein Pferd gekostet« – »Wieso?« – »Es ist ja tot« – »Fällt ihm gar nicht ein!« – »Also nur betäubt?« – »Ja. Oder glauben Sie wirklich, daß ein Mensch, selbst wenn er wirklich ein Riese wäre, mit einem Faustschlag ein Pferd zu töten vermag? Nur zu betäuben vermag er es.« – »Aber es war ein Schlag, gerade wie mit dem Schmiedehammer. Was tut Ihre Hand?« – »Nichts.« – »Oh, ich denke, die muß ganz zerschmettert sein!« – »Das fällt ihr gar nicht ein.« – »Zeigen Sie her!« – »Hier!«

Der Oberförster untersuchte die Hand, wobei auch die anderen Herren sich neugierig näherten, und schüttelte den Kopf.

»Meine Herren«, sagte er, »sehen Sie diese Hand, so weich wie eine Frauenhand. Nur der kleine Finger ist etwas gerötet« – »Unbegreiflicher Mensch! Famoser Kerl!« meinte Graf Walesrode. »Müssen zu mir kommen, Doktor! Auf Schloß Grillstein schöne Waffen, vortreffliche Pferde, guten Wein, auf Ehre! Müssen Freunde werden! Wie?« – »Ich akzeptiere!« entgegnete Sternau. – »Hier Hand, topp!« – »Topp!« – »Aber nun noch zeigen Bärentöter! Nur ein Schuß, ein einziger! Bitte, Doktor!« – »Wenn die Herren es wünschen …« – »Ja, wir bitten um einen Schuß«, sagte der Großherzog. – »Geben Sie mir ein Ziel!«

Die Herren sahen sich vergebens nach einem solchen um. Da sagte Sternau:

»Sehen die Herren drüben über der Mauer und weit jenseits der Tanne die Eiche?« – »Gewiß!« entgegnete der Graf. »Ist groß genug! Famoses Geäst! Echt deutsche Eiche, auf Ehre!« – »Nehmen Sie den langen Ast, der rechts am weitesten hervorsteht« – »Gut.« – »Ein Zweig geht von ihm abwärts?« – »Sehe ihn!« – »An seiner Spitze sind drei Blätter, und auf dem mittelsten sitzt ein Eichapfel.« – »Unmöglich! Wer kann Eichapfel sehen so weit! Mein Auge ist kein Riesenteleskop, auf Ehre!«

Auch die anderen Herren sahen nichts. Den Zweig konnten sie wohl erkennen, aber die drei Blätter und gar der Apfel waren für sie nicht zu unterscheiden.

»Sie sehen wirklich den Apfel, Doktor?« fragte der Graf. – »Ja, ganz genau.« – »Mirakulös, ganz vehement mirakulös!« – »Ich habe Prärieaugen.« – »Hm, ja! Und diesen Apfel wollen Sie schießen?« – »Ja.« – »Unmöglich! Ganz und gar unmöglich. Diese Distanz und dieses Objekt! Bringen es nicht fertig, Doktor!«

Sternau nahm aber doch den Bärentöter vor und wandte sich an den Großherzog:

»Wollen Hoheit die Güte haben, sich in die Nähe des Baumes zu begeben, bis der Eichapfel zu sehen ist? Auf ein Zeichen werde ich ihn herabholen.« – »Halt«, sagte da der Oberförster, »ich habe ja ein Fernrohr und auch einen Operngucker.«

Diese Instrumente wurden herbeigeholt, und dann verließen auch die Herren den Hof, um sich nach der Eiche zu begeben. Da trat Ludwig heran und fragte:

»Sehen Sie wirklich den Apfel, Herr Doktor?« – »Ja, aber nur als kleinen, dunklen Punkt.« – »Und Sie werden ihn treffen?« – »Den Apfel nicht direkt, denn sonst fehlte mir der Beweis. Ich werde das Blatt herabschießen, an welchem er sich befindet.« – »Wenn Ihnen das gelingt, so haben Sie den Teufel, gerade wie der Kurt dahier!«

Nach einiger Zeit erscholl ein lauter Zuruf. Sternau nahm die Büchse empor, frei in die Hand und ohne anzulegen, zielte sehr sorgfältig, setzte auch ein und zwei Male ab, denn es galt, einen Meisterschuß zu tun, aber endlich krachte der Schuß.

Dann setzte er die Büchse ab, warf einen scharfen Blick nach der Eiche und lächelte befriedigt.

»Getroffen?« fragte Ludwig. – »Ja.« – »Und ich habe nicht einmal das Blatt, geschweige denn den Apfel gesehen dahier!«

Eine Minute lang blieb alles ruhig, dann aber ließ sich von draußen ein Jubelruf vernehmen, und die Herren kehrten zurück. Ihnen voran eilte Graf Walesrode. Er hatte das Blatt und hielt es in die Höhe.

»Getroffen!« rief er von weitem. »Famoser Kerl! Noch nie gesehen. Das Blatt Ihr Eigentum natürlich!«

Sternau zuckte die Schultern.

»Wollen Sie das Blatt verkaufen? Kostbares Blatt! Viel Effekt damit machen! Zahle jeden Preis, auf Ehre!« – »Pah, ich verkaufe kein Blatt, Graf.« – »So wollen behalten?« – »Nein. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so bewahren Sie es auf, es mag ein kleines Andenken sein an den Mann, dem Sie nicht glaubten, daß er der Fürst des Felsens sei.« – »Oh, Pardon, mein Lieber! Müssen verzeihen, auf Ehre, müssen verzeihen! Sind ja Freunde!«

Da trat der Großherzog an Sternau heran und streckte ihm die Hand entgegen.

»Doktor«, sagte er, »Sie sind ein ganz außerordentlicher Mann. In allem, was Sie einmal begonnen haben, sind Sie Meister. Ich muß Sie näher kennenlernen. Wollen Sie mich morgen auf Schloß Kranichstein besuchen?« – »Ich stehe zu Befehl, Hoheit« – »Nein, nicht zu Befehl. Sie sollen mir einen Gefallen tun, das nur ist es. Nicht als Fürst will ich Sie empfangen. Aber nun haben wir die Damen genug vernachlässigt. Lassen wir uns diese Sünde gutmachen. Vorher aber, Doktor, zeigen Sie mir Ihr Zimmer. Ich muß wissen, wie ein solcher Mann wohnt und arbeitet.«

Sternau verbeugte sich zustimmend und führte den Großherzog nach seiner Wohnung. Die anderen Herren aber kehrten in den Saal zurück.

Nach einiger Zeit erschien daselbst Sternau, um die Großherzogin und Rosa de Rodriganda mit sich zu nehmen. Später wurden der Staatsanwalt und Frau Sternau geholt. Es mußte eine wichtige Unterhaltung geben, denn es währte wohl über eine Stunde, ehe die Herrschaften wieder erschienen. Als sie zurückkehrten, bemerkte man, daß Rosa geweint hatte, und auch die Lider der Großherzogin Mathilde waren gerötet.

Nun ließ der Großherzog nach Kurts Eltern schicken, die ihren Sohn mitbringen sollten. Die braven, einfachen Leute wurden von dem Fürsten mit außerordentlicher Huld empfangen.

»Sie sind Seemann?« fragte er Helmers. – Ja, Hoheit.« – »Und haben es bis zum Steuermann gebracht?« – »Ja.« – »Haben Sie Ihre Eltern noch?« – »Nein.«

Diese Fragen wurden mehr aus Gewohnheit gesprochen, aber es sollte sich bald zeigen, welche Folgen sie hatten.

»Auch keine Geschwister?« – »Einen Bruder, Hoheit.« – »Ist auch er ein Untertan von mir?« – »Er ist in Hessen geboren, befindet sich aber in Amerika.« – »Als was?« – »Als – als – ich kann das wirklich nicht sagen, das Richtige ist wohl, wenn ich sage, daß er Jäger ist.« – »Ah, Jäger! Das ist interessant! Wissen Sie nichts Genaues über ihn?« – »Seit einem halben Jahr haben wir keine Nachricht von ihm. Er hat sich als Squatter versucht, dann als Fallensteller, nachher ist er in die Goldminen gegangen …« – »Und ein Millionär geworden«, lächelte der Fürst – »Das Gegenteil. Er verließ Kalifornien und wurde Cibolero. Er schrieb mir dieses Wort, aber ich weiß nicht, was es bedeutet« – »Der Herr Doktor wird es uns erklären«, sagte der Großherzog. – »Ciboleros werden die mexikanischen Büffeljäger genannt«, antwortete dieser. – »Auch da brachte er es zu nichts, da wurde er Gambusino.« – »Goldsucher«, erklärte Sternau. »Dabei wurde er von den Komantschen gefangen. Er floh und nahm zur Strafe einen ihrer Häuptlinge mit …« – »Ah!« rief da Sternau schnell. »Einen Häuptling?« – »Ja.« – »Wissen Sie das gewiß?« – »Ganz gewiß. Er hat es mir ja geschrieben.« – »Haben Sie den Brief noch?« – »Ja. Es steht auch der Name des Häuptlings darin.« – »Ah, hieß er vielleicht Yo-ovuts-tokvi?« – »Ein solch kauderwelsches Wort ist‘s, was da steht, aber dahinter steht in deutsch der Name ›Der Schwarze Wolf‹.« – »Ja, ja. Yo-ovuts-tokvi heißt in der Utahsprache, die viele Stämme der Komantschen sprechen, Der Schwarze Wolf. Ist das möglich? Wie wunderbar!« – »Was ist wunderbar?« fragte Graf Walesrode. – »Meine Herren, wir haben vorhin von einem berühmten weißen Jäger gesprochen, es wurden zwei Namen genannt, der meinige und der seinige, nun, unser Helmers ist der Bruder dieses berühmten Mannes.«

Das gab nun wieder eine Überraschung. Sogar der Großherzog sagte:

»Heute ist ein ganz außergewöhnlicher Tag. Aber, irren Sie sich nicht, Doktor?« – »Nein, Hoheit. Wenn der Bruder des Steuermanns wirklich den Häuptling der Komantschen entführt hat, so ist er derjenige, den wir meinten. Ich werde gleich den Beweis führen.« Und sich an Helmers wendend, fragte Sternau: »Wenn Ihr Bruder den Namen des Komantschen genannt hat, so hat er Ihnen jedenfalls auch geschrieben, wie er selbst da drüben genannt wird?« – »Ja.« – »Nun?« – »Er hat auch so einen indianischen Namen, und weil es der Bruder ist, so habe ich ihn mir gemerkt, daneben steht auch die deutsche Übersetzung.« – »Nun, wie heißt er?« – »Itintika, das heißt Donnerpfeil.« – »Nun, meine Herren, habe ich recht oder nicht?« fragte Sternau. – »Außerordentlich! Wunderbar! Famose Geschichte!« rief Graf Walesrode. »Donnerpfeil habe ich gehört bei amerikanischem Gesandten.« – »Und ich habe gesagt, daß Donnerpfeil auf indianisch Itintika heißt«, meinte Sternau. – »Das würde, wenn es eine Folge dieser interessanten Entdeckung gäbe, eine Fügung Gottes genannt werden müssen«, sagte die Großherzogin. – »Oh, Hoheit, ich bin überzeugt, daß die Folge nicht ausbleiben wird«, entgegnete Sternau. »Ich glaube an Gott und habe tausendmal erkannt, wie seine Hand selbst das Entfernteste verbindet. Es war das damals eine ganz außerordentliche Geschichte, als Donnerpfeil als Gefangener entwich und sogar den Schwarzen Wolf mit sich entführte. Das war eine Heldentat, die geradezu in aller Munde lebte. Wenn Hoheit gestatten, so werde ich dieses hochinteressante Abenteuer morgen in Kranichstein erzählen.« – »Ja, gewiß«, sagte der Großherzog. »Wir rechnen darauf, daß Sie kommen. Sie bringen natürlich hier unseren Rodenstein mit. Ich würde Sie heute um diese Geschichte bitten, aber unsere Zeit ist bereits längst abgelaufen. Ich wollte nur nicht scheiden, ohne die Eltern unseres kleinen Kurts gesehen zu haben. Komme her, mein Sohn!«

Kurt trat näher heran.

»Weißt du, welche Prämie auf den Wolf und auf den Luchs gesetzt waren?« – »Ja.« – »Nun?« – »Zwanzig Taler und hundert Taler.« – »Sie gehören dir. Komm, halte deine Hände auf.«

Der Knabe streckte, übers ganze Gesicht lachend, seine beiden Hände hin. Da zog der Großherzog seine gefüllte Börse und zählte sie ihm voll Goldstücke.

»Hier hast du fünfzig Dukaten.« – »Fünfzig Dukaten?« fragte Kurt. »Das stimmt nicht!« – »Wie? Nicht?« fragte der Großherzog. – »Nein, es ist zu viel, Hoheit.« – »Nun, das übrige ist auch dein. Nimm es als Dank für die Künste, die wir heute von dir gesehen haben.«

Da blickte der Knabe dem Fürsten freudig bewegt in die Augen und fragte:

»Ist das wahr, Hoheit?« – »Ja.« – »Und ich darf damit machen, was ich will?« – »Ja«, sagte der Großherzog gespannt. – »Nun, so bekommen meine hundertzwanzig Taler die Eltern, und das übrige erhält der Klaus.« – »Warum?« – »Der hat mir das Viehzeug nach Hause gefahren, der hat kein Holz, und vor einer Woche sagte mir seine kleine Anna, daß ihr der Bauch so weh tut, weil sie nichts zu essen haben.«

Das war nicht gewählt gesprochen, aber die Großherzogin zog den Jungen an sich und drückte ihm einen Kuß auf den Mund.

Nun wurde aufgebrochen. Da der Großherzog über Mainz fuhr, so erhielt der Staatsanwalt die Erlaubnis, sich ihm anzuschließen. Der Abschied der Herrschaften war ein herzlicher, und die Einladung auf morgen wurde abermals wiederholt.

Als die Wagen und Reiter verschwunden waren, stand der Hauptmann von Rodenstein vor dem großen Pfeilerspiegel, um zu sehen, wie ihm das Kreuz des Ludwigsordens stand, da trat der Forstgehilfe Ludwig herein.

»Nun, Herr Hauptmann, habe ich meine Sache gestern wirklich so schlecht gemacht, wie Sie sagten?« fragte er. – »Kerl, du bist ein Prachtjunge!« lautete die Antwort. »Statt der Nase diesen Orden. Himmeldonnerwetter, ist das ein Unterschied! Ich muß gleich zum Doktor gehen, um zu erfahren, was in seinem Zimmer gesprochen worden ist!«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
440 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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