Kitabı oku: «Waldröschen III. Matavese, der Fürst des Felsens. Teil 1», sayfa 3
3. Kapitel
Gerard eilte durch die Rue de la Poterie und wandte sich dann rechts in die kurzen Gassen Lenoir, Bourdonnais und Bertin Poiree, bis er zum Quai de la Mégisserie kam. Da dies aber der Weg war, den auch der Beraubte einzuschlagen hatte, um zum Hotel d‘Aigle zu kommen, so drehte sich der Schmied abermals nach rechts, ging den Quai de l‘Ecole und den Quai du Louvre hinab, an Port St. Nicolas vorüber bis an die große Galerie du Musee, schritt links über die Nationalbrücke hinüber und befand sich nun bei den Bateaux à vapeur – Dampfbooten.
An dieser Stelle legten die Dampfschiffe von St. Cloud an. Es gab auch leere Kähne genug hier. Gerard suchte sich einen derselben aus, der hell von einer der Quailaternen beschienen wurde, stieg hinein und setzte sich. Es sah aus, als ob er der Eigentümer sei. Nun hatte er auch Muße und Beleuchtung genug, um seinen Raub zu betrachten. Die Uhr war kostbar, und was die Kette betraf, so hatte Terbillon deren Wert heute sicherlich nicht unterschätzt Die Ringe, deren er fünf hatte, waren sämtlich mit Brillanten besetzt; die Börse enthielt mehrere hundert Franken in Gold und wenig Silber, und in dem Portefeuille staken achtzehnhundert Franken in Staatsscheinen.
»Donnerwetter«, brummte der Schmied, »ist das ein Fang! Wie heißt der Kerl?«
Damit schlug er das Notizbuch auf, das in das Portefeuille eingebunden war, und las auf der ersten Seite desselben:
»Alfonzo Graf de Rodriganda y Sevilla.«
Er blätterte weiter und schüttelte den Kopf. Die Notizen waren alle in spanischer Sprache abgefaßt.
»Das verstehe ich nicht; das ist eine fremde Sprache. Soll ich das Portefeuille fortwerfen?«
Er sann einen Augenblick nach.
»Nein. Wer weiß, wozu es nützen kann! Ich werde sehen, ob es Italienisch oder Spanisch ist; dann kaufe ich mir ein Wörterbuch und schlage so lange nach, bis ich mir den Inhalt übersetzt habe. Ich brauche mir ja nur eine Zeile abzuschreiben und einen Buchhändler zu fragen, welche Sprache es ist.«
Er steckte alles zu sich.
»Was nun?« fragte er sich dabei. »Gebe ich das alles wirklich an Papa Terbillon ab? Ah, daß ich ein Tor wäre! Ich habe über zweitausend Franken bar; davon kann ich längere Zeit leben, ohne daß ich diesen alten Terbillon brauche. Und die Uhr und die Ringe? Pah, die behalte ich keine Viertelstunde bei mir. Etienne Lecouvert kauft sie mir sofort ab. Also fort, zu ihm!«
Er verließ den Kahn, schritt die Quais Voltaire, Malaquais, Conti, des Augustins und St. Michel hinauf und wandte sich dann durch die hier liegenden kleinen Gassen rechts bis zur Rue de Carmes hinüber.
In dieser Straße wohnte zu jener Zeit einer der berüchtigsten Hehler von Paris. Er nannte sich Etienne Lecouvert und war der Besitzer einer viel besuchten Bier- und Branntweinkneipe. Sein Lokal zerfiel in zwei Teile; der eine war öffentlich und der andere geheim. Zu dem letzteren hatten nur seine vertrauten Kunden Zutritt, zu denen auch der Schmied gehörte.
Dieser trat in den Flur des Hauses, schritt an der eigentlichen Gaststubentür vorüber und blieb im Hintergrund des dunklen Hausgangs vor einem alten Schrank stehen, an den er auf eigentümliche Weise klopfte. Es wurde wieder geklopft, und als er eine ähnliche Antwort gab, bewegte sich der Schrank auf unsichtbaren Rollen von seiner Stelle, und es kam nun eine offenstehende Tür zum Vorschein.
Der Schmied trat ein, und sofort rückte der Schrank an seine vorherige Stelle zurück.
Der Gast befand sich in einem nicht sehr großen Zimmer, in dem mehrere Tische mit Stühlen standen. Es gab da kein einziges Fenster, sondern nur ein Loch in der Decke, durch das die ungesunde Luft abziehen sollte.
Ein Gast war noch nicht anwesend; nur der Wirt saß vor dem Schenktisch, und am Eingang stand ein gnomenartiges Geschöpf, welches das Öffnen und Schließen des Eingangs zu besorgen hatte.
»Guten Abend, Etienne Lecouvert!« grüßte Gerard. – »Ah, Gerard l‘Allemand!« erwiderte der Wirt. »Willkommen!«
Er erhob sich von seinem Sitz und reichte dem Eingetretenen die Hand.
»Noch niemand hier?« fragte dieser. – »Kein Mensch.« – »Ist mir lieb, da ich ein Geschäft habe.«
Der Wirt hatte das Aussehen eines Biedermanns, niemand hätte in ihm so leicht einen berüchtigten Hehler vermutet Aber bei den letzten Worten des Schmieds warf er einen Blick auf denselben, der gar nicht habgieriger sein konnte.
»Bringst du etwas, das lohnt?« fragte er. – »Ich denke. Sind wir aber wirklich sicher?« – »Wie im Himmel!« – »Da, Etienne, sieh dir einmal diese Uhr an!«
Gerard zog die Uhr heraus und reichte sie dem Hehler hin.
»Verdammt!« fluchte dieser, als er einen Blick darauf geworfen hatte. »Diese Uhr hat keinem Lumpen gehört! Seit wann hast du sie?« – »Seit zehn Minuten.« – »Alle Teufel, du gehst sehr schnell zu Werke. Was willst du haben?« – »Was bietest du?«
Der Wirt drehte Uhr und Kette nach verschiedenen Richtungen, untersuchte beide genau und sagte:
»Zweihundert Franken sollst du haben. Mehr nicht.« – »Dann verkaufe ich die Uhr an einen anderen«, entgegnete der Schmied kaltblütig. – »Es wird sie dir kein anderer abkaufen«, meinte der Wirt ebenso ruhig, »weil Papa Terbillon allen Kollegen heute verboten hat, von dir zu kaufen. Er schickte seine Alte, die sagte, daß du bei ihm in Arbeit stehst.« – »Der Teufel soll ihn holen. Ich werde ihm seinen Tagelohn wiedergeben und mein eigener Herr bleiben. Her mit der Uhr!«
Der Hehler besah sich dieselbe abermals und sagte:
»Du weißt daß ich mir aus dem alten Terbillon nichts mache; die anderen aber fürchten ihn. Ich bin wirklich der einzige, der sie kauft.« – »Um dieses Lumpengeld bekommt sie keiner.« – »Gut so will ich dir fünfzig Franken zulegen.« – »Die Uhr samt Kette kostet dreihundert Franken. Gibst du sie, so habe ich noch weitere und weit bessere Sachen für dich; gibst du sie nicht so gehe ich sofort wieder!« – »Gemach, gemach!« sagte da der Hehler besänftigend. »Du hast noch anderes?« – »Ja, ich habe noch Juwelen.« – »So hast du heute eine glückliche Hand gehabt. Zeig her!« – »Nicht eher, als bis die Uhr bezahlt ist.« – »Höre, Gerard, das ist nicht freundschaftlich gehandelt! Zweihundertfünfzig Franken gebe ich dir!« – »Gute Nacht!«
Gerard nahm dem Wirt schnell die Uhr aus der Hand, steckte sie ein und wandte sich zum Gehen. »Halt!« sagte jetzt der Wirt, indem er ihn zurückhielt. »Du sollst die dreihundert haben!«
Der Schmied drehte sich kaltblütig wieder um.
»Geld her!« sagte er. – »Aber du hast auch wirklich Juwelen?« – »Habe ich dich einmal belogen?« – »Nein, ich glaube dir. Hier hast du das Geld.«
Der Wirt zog einen Kasten des Schenktischs auf und nahm die Summe heraus, die der Schmied einsteckte.
»Hier, sieh dir diesen Ring an«, nahm dieser dann wieder das Wort und zog den unscheinbarsten der Ringe hervor, um ihn dem Wirt zu geben. Dieser ließ den Stein gegen das Licht spielen. – »Echt!« sagte er nickend. »Ich gebe fünfzig Franken.« – »Gut. Und für diesen?«
Gerard gab einen zweiten hin.
»Donnerwetter, ein Rubin, und so groß. Ich gebe zweihundert Franken.« – »Und für diesen?«
Der Wirt hielt den Ring gegen das Licht.
»Ah, das ist ein sibirischer Smaragd, für den ich auch zweihundert Franken biete.« – »Und dieser?« – »Ein Saphir«, rief der Wirt, indem er den Stein betrachtete. »Du bist ja zu einer förmlichen Sammlung gekommen. Nun, für diesen bekommst du hundert Franken.« – »Und für diesen letzten?«
Gerard gab dem Wirt den fünften und kostbarsten Ring hin. Das Auge des Hehlers blitzte auf, als er ihn erblickte, denn er erkannte einen echten, wasserhellen Diamanten.
»Ein Brillant! Alle Teufel, hast du Glück gehabt! Für den sollst du den höchsten Preis von fünfhundert Franken haben.« – »So erbitte ich mir die Ringe zurück.« – »Zurück? Warum?« fragte Lecouvert mit gut gespieltem Erstaunen. – »Weil ich sie für diese Preise nicht verkaufe.« – »Es bietet dir keiner mehr.« – »Das wollen wir nicht untersuchen, ich verkaufe sie anderswo sicher.« – »Hm. Wir sind Freunde, Gerard, du darfst mich nicht drücken. Sage, was du haben willst.« – »Du kennst mich, Etienne, und weißt, daß ich nicht weiche, wenn ich einmal eine Zahl gesagt habe. Du gibst für diese Steine fünfzehnhundert Franken. Willst du?« – »Kerl, du prellst mich!« rief der Wirt mit scheinbarem Entsetzen. – »Her damit!«
Er wollte die Steine wieder an sich nehmen, aber Etienne wehrte sich dagegen. Er wußte, daß der Brillant allein den zehnfachen Preis des Geforderten selbst unter Hehlern bringen werde.
»Zwölfhundert gebe ich«, sagte er. – »Fünfzehnhundert.« – »Zwölf … ah, du bist schlecht!«
Gerard hatte nämlich mit einem kräftigen Griff seine Hand erfaßt, ihm die Ringe aus derselben gewunden und wollte sich mit einem »Gute Nacht« entfernen.
»Vierzehnhundert will ich wagen«, erklärte der Wirt. – »Fünfzehnhundert. Keinen Sous weniger.« – »Ah! Na, gut. Weil du es bist, sollst du sie haben. Gib die Ringe her!« – »Erst das Geld; aber noch eins. Papa Terbillon darf nichts erfahren.« – »Das versteht sich ganz von selbst.« – »So sind wir einig. Hier sind die Ringe.« – »Und hier ist das Geld.«
Der Hehler zählte Gerard aus dem Kasten fünfzehnhundert Franken auf den Tisch, so daß der Schmied sich jetzt auf einmal im Besitz von gegen viertausend Franken befand.
»Und nun sage auch, wo du den Fang gemacht hast!« bat der Wirt. – »Auf der Rue de la Poterie.« – »An, wo deine Mignon wohnt! Der Besitzer war gewiß ein Fremder. Du garottiertest ihn?« – »Ja. Es war gerade vor der Wohnung der Mignon; ich kannte den Fremden nicht.« – »So wünsche ich dir und mir alle Tage einen so guten Fang. Denn ich hoffe, daß er nicht bloß die Uhr und die Ringe, sondern auch eine Börse, wohl gar ein Portefeuille bei sich hatte.« – »Es war eine Wenigkeit und …«
Gerard hielt inne, denn es war am Eingang gepocht worden.
»Öffne!« befahl der Wirt dem Türhüter. »Es war das richtige Zeichen.«
Der Mensch schob den Schrank zurück, und es erschienen zwei Personen, voran ein Mädchen und hinter ihr ein Herr.
»Donnerwetter, die Mignon!« rief der Wirt beim Anblick des Mädchens erfreut aus.
Auch der Schmied ließ einen Ruf der Freude hören, wurde aber im nächsten Augenblick leichenblaß, denn der Herr, der mit eintrat, war – Alfonzo, der von ihm Garottierte.
4. Kapitel
Das Haus, vor dem der Schmied den Grafen gewürgt hatte, gehörte zu den dunkelsten Häusern von Paris. Es enthielt im Parterre eine Weinkneipe, deren Besitzerin zugleich die Gebieterin von ungefähr zwölf Mädchen war. Die Hübscheste unter ihnen führte den Spitznamen Mignon, den keines dieser Mädchen wurde bei seinem ursprünglichen Namen genannt.
Die zwölf Magdalenen saßen heute abend schön herausgeputzt in der Trinkstube zusammen, die sie Salon nannten. Es befand sich kein einziger Gast bei ihnen, und darum herrschte eine ungewöhnliche Stille im Gemach.
Doch diese Stille wurde plötzlich unterbrochen. Die Tür wurde geöffnet, und es trat ein junger Mensch ein, der zu den gewöhnlichen Gästen des Lokals gehörte. Die Mädchen sprangen alle auf ihn zu und umringten ihn.
»Ah, der Robert Barlemy!« riefen sie. »Willkommen, willkommen!«
Sie faßten ihn darauf von allen Seiten und wollten ihn zu einem Sitz drängen, er aber wehrte ihnen entschieden ab und sagte:
»Laßt mich, Mädels! Wir haben Notwendigeres zu tun.« – »Notwendigeres? Was?« fragten zwölf Stimmen. – »Kommt und helft mir. Draußen vor der Tür liegt ein Toter!« – »Ein Toter! Oh! Ah! Mein Gott!«
So erklangen zwölf Schreckensrufe durcheinander.
»Ist‘s wahr?« fragte die Wirtin erschrocken. – »Ja«, antwortete der Gast. »Ich fiel beinahe über ihn hinweg.« – »So muß man zur Polizei laufen. Der Tote muß fort!« – »Nein«, sagte der Mann. »Zunächst muß er hier hereingeschafft werden.«
Die Wirtin stieß einen Ruf des Entsetzens aus.
»Sind Sie verrückt!« rief sie. »Ein Toter zu uns? Was wollen wir mit ihm?« – »Es kann ja noch Leben in ihm sein; es schien zwar, daß er tot sei, aber man muß sich doch überzeugen, ob es wirklich so ist. Eine Blutung sah ich nicht; im übrigen war er sehr fein gekleidet. Er scheint den höheren Ständen anzugehören.« – »So mag man ihn bringen, aber nicht herein in den Salon, vielmehr nach dem hinteren Zimmer.« – »Nein«, sagte Mignon, die ein mitleidiges Herz besaß, »man trage ihn nach meiner Stube.«
Der Gast trat mit dem Hausknecht hinaus auf die Gasse und hob mit Hilfe desselben den Grafen auf. Sie trugen ihn herein und nach dem kleinen Zimmer, das Mignon bewohnte. Dahin folgte die Wirtin mit den Mädchen.
»Er ist wirklich nicht verwundet«, sagte sie. – »Wie hübsch er ist«, meinte eins der Mädchen. – »Und noch so jung«, ein zweites. – »Und so elegant«, ein drittes. – »Man muß nach einem Arzt schicken«, sagte die Wirtin. – »Halt!« rief der Gast. »Er lebt.« – »Er lebt?« schrien alle zugleich. – »Ja. Er ist warm, und sein Puls geht.« – »Mein Gott, er schlägt die Augen auf, rief Mignon. Alfonzo kam allerdings jetzt zu sich und öffnete die Augen.
»Ja, er lebt! Er ist gerettet! Er sieht uns!« ertönte es rundum im Kreis der Mädchen.
Alfonzo mußte sich erst besinnen, was geschehen war, dann fragte er
»Wo bin ich?«
Seine Stimme klang ganz rauh von dem Würgen.
»Sie sind in sehr guten Händen, Monsieur«, antwortete die Wirtin. »Wünschen Sie etwas?« – »Um einen Schluck Wein bitte ich.« – »Den sollen Sie sofort haben. Aber darf ich fragen, wer Sie sind?« – »Ich bin der Marchese Acrozza.« – »Ein Marchese? O mein Gott, holt schnell ein Glas Wein, ein Glas vom besten oder vielmehr eine ganze Flasche! Schnell, schnell!« gebot die Wirtin. »Aber, Monsieur le Marchese, wie kommen Sie in eine solche Lage?« – »Man hat mich gewürgt und niedergerissen.« – »Und niedergerissen! Vielleicht gar garottiert?« – »Was ist das?« fragte er. – »Man würgt die Passanten, um sie zu berauben.« – »Berauben, ah!« sagte er.
Erst jetzt bemerkte er, daß ihm die Handschuhe abgezogen seien. Er griff in die Taschen und erschrak.
»Sie erschrecken«, sagte die Wirtin. »Fehlt Ihnen etwas, Monsieur?« – »O ja, leider«, stöhnte er. »Es fehlt mir alles. Meine Brillantringe, Uhr und Kette sowie meine Börse mit einigen hundert Franken; dann auch mein Portefeuille, das achtzehnhundert Franken enthielt.« – »Das ist ja ein ganzes Vermögen«, jammerten die Anwesenden. – »Ich möchte dies gern verschmerzen«, sagte er, »aber es enthielt auch ein Notizbuch mit sehr kostbaren Bemerkungen, die mir ganz unersetzlich sind.« – »Welch ein Unglück! Aber da kommt der Wein. Trinken Sie, Monsieur.«
Alfonzo nahm das Glas, und nun erst während des Trinkens ließ er sein Auge forschend über die Umgebung schweifen. Er bemerkte sofort, in welch einem Haus er sich befand, und fragte:
»Wie komme ich zu Ihnen, Madame?« – »Sie lagen vor unserer Tür.« – »Und Sie haben sich meiner angenommen?« – »Ja. Dieser Herr fand Sie.« – »Ich danke Ihnen. Wem gehört dieses Zimmer?« – »Mir«, antwortete Mignon. – »So bleiben Sie hier, während ich mich ein wenig erhole. Die anderen aber bitte ich, sich nicht länger zu bemühen.«
Die Mädchen verschwanden sofort mit der Wirtin und dem ersten Gast, und Alfonzo befand sich nun mit Mignon allein, die ihm gegenübersaß. Er verfiel in ein finsteres Nachdenken. Die Bemerkungen seines Notizbuchs waren zwar nicht so unersetzlich, wie er gesagt hatte, aber sie enthielten gewisse Enthüllungen, die er unter Umständen fürchten mußte.
»Grämen Sie sich nicht, mein Herr«, bat das Mädchen nach einer Weile. »Vielleicht ist es möglich, den Täter zu entdecken.« – »Wer sollte ihn entdecken?« – »Die Polizei. Oh, wir haben in Paris eine sehr schlaue Polizei.« – »Wohin müßte man sich da wenden?« – »An die Mairie des Arrondissements; sie liegt gleich hier an der Straße St. Honoré« zwischen der Straße de l‘Arbre sec und der Rue du Roule.« – »So werde ich dort Anzeige machen. Aber ich glaube nicht, daß es etwas hilft. Dieser Garotteur wird sich nicht fangen lassen.« – »So lassen Sie sich einen Vorschlag machen, Monsieur. Sie sagen, daß es Ihnen meist um das Notizbuch zu tun ist. Machen Sie in einigen Blättern bekannt, daß Sie den Diebstahl nicht verfolgen werden, wenn der Dieb wenigstens das für ihn nutzlose Taschenbuch an Ihre Adresse sendet.« – »Ah«, rief Alfonzo, »der Gedanke ist gut!« – »Ich glaube, daß Sie auf diese Weise Erfolg haben werden, denn diese Garotteurs sind zwar sehr gewalttätig, aber oft sonst gute Menschen.« – »Meinen Sie?« – »Ja«, sagte sie. »Ein Garotteur ist ehrenhafter als ein Taschendieb oder Einbrecher.«
Das war nun allerdings eine eigentümliche Ansicht, und darum sagte Alfonzo mit einem leichten Lächeln:
»Das dürfte schwer zu beweisen sein.« – »Nein, das ist leicht, wenn ich nur wollte.« – »Ah! Erklären Sie sich, Mademoiselle.« – »Nun«, entgegnete sie, leicht errötend, »Sie wissen vielleicht nicht, in welch einem Haus Sie sich gegenwärtig befinden.« – »Ich ahne es«, antwortete er. – »So werden Sie auch glauben, daß hier Männer aller Stände verkehren, sogar Verbrecher, auch Garotteurs.«
Mignon dachte dabei an Gerard, ihren Geliebten, von dem sie ganz genau wußte, daß er sich durch die Garotte seinen Unterhalt erwarb.
»Und das sind gute Menschen?« lächelte er. – »Wenigstens einer von ihnen. Er ist gut und treu, tapfer und verschwiegen. Er ist ein braver Kamerad, der zwar weiß, wie man einen festen Griff oder einen Hieb anzubringen hat, aber der Freund kann sich auf ihn verlassen!«
Alfonzo horchte auf. Bei den Worten des Mädchens kam ihm ein Gedanke. Dieser Mensch war vielleicht mit anderen Garotteurs bekannt und konnte ihm zu seinem Notizbuch verhelfen. Ja, noch weiter. Dieser Mensch war vielleicht auch später zu gebrauchen.
»Kennen sich die Verbrecher untereinander?« fragte er. – »Meist, und die Garotteurs sicher. Eine jede Abteilung kennt ihre Angehörigen genau.« – »Vielleicht könnte der, den Sie meinen, mir behilflich sein, mein Notizbuch zu erlangen?« – »Ah, Monsieur, das ist sehr leicht möglich.« – »Wenn ich ihn nur einmal sprechen könnte. Kommt er öfter zu Ihnen?« – »Ja, aber heute nicht, denn er war erst gestern da.«
Alfonzo blickte das Mädchen schweigend an, dann sagte er:
»Aber, Mademoiselle, Sie sind unvorsichtig.« – »Inwiefern, Monsieur?« – »Weil Sie mir solche Geheimnisse anvertrauen. Wie leicht könnten Sie sich selbst, Ihrem Haus und auch dem betreffenden Menschen schaden.«
Sie lächelte unbesorgt und entgegnete:
»Sie irren sich, mein Herr. Auch die Polizei kennt diese Leute, aber sie weiß, daß ein Garotteur nur bestraft werden kann, wenn er ertappt oder überführt wird.« – »Wann wird dieser Mann wieder zu Ihnen kommen?« – »Das ist unbestimmt.« – »Ah, wenn ich wüßte, wo er zu treffen ist« – »Hm. Werden Sie ihn für seine Mühe belohnen?« – »Ja. Ich gebe ihm hundert Franken für das Portefeuille, und Ihnen gebe ich fünfzig, wenn Sie mich zu ihm bringen.« – »Monsieur, soll ich Sie führen?« – »Ja, jedoch sogleich?« – »Das ginge wohl, aber es ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn Madame läßt so spät kein Mädchen fort.« – »Auch nicht gegen eine Belohnung?« – »Dann vielleicht.« – »So rufen Sie die Frau.«
Das Mädchen ging und brachte die Wirtin mit.
»Was wünschen Sie, Monsieur?« fragte diese. – »Würden Sie mir diese junge Dame für eine kurze Zeit anvertrauen? Sie soll mich zu einer Person bringen, die ich kennenzulernen wünsche.« – »Zu wem?« – »Zu Gerard l‘Allemand«, antwortete Mignon. – »Ah«, sagte die Wirtin. »Du weißt ja, wo er zu finden ist. Ich werde es erlauben, Monsieur, wenn Sie dreißig Franken zahlen.« – »Ich zahle sie.« – »Aber Sie sind ja ausgeraubt worden!« – »Ich habe meine Hauptkasse im Hotel. Ich werde mit dieser Demoiselle zunächst nach meinem Hotel fahren, um mich mit Geld zu versehen.« – »Welches Hotel ist es?« – »Hotel d‘Aigle in der Rue de la Barillerie.« – »Gut, ich vertraue und gebe meine Erlaubnis.«
Als die Frau gegangen war, fragte Mignon:
»Aber wie steht es mit der Anzeige auf der Mairie?« – »Diese werde ich unterlassen in der Hoffnung, daß Ihr Freund mir nützlich sein wird. Wie nannten Sie ihn?« – »Gerard l‘Allemand.« – »L‘Allemand? Ist er denn ein Deutscher?« – »Nein, sondern er spricht deutsch. Seine Mutter war eine Deutsche.«
Alfonzo horchte auf. Ein Garotteur war ein sehr brauchbarer Mann für ihn, und da dieser Garotteur des Deutschen mächtig war, so hielt er es für einen glücklichen Zufall, mit ihm bekannt zu werden. Von der Anzeige auf der Polizei sah er ab, denn die Wertsachen konnte er verschmerzen, und es wäre ihm sehr peinlich gewesen, seine Notizen in den Händen der Behörde zu sehen. Dort hätten sie ihm leicht gefährlich werden können.
»Sind Sie bereit, mit mir zu gehen?« fragte er. – »Ja. Ich brauche nur einen Mantel überzuwerfen.« – »So bitte ich Sie, eine Droschke holen zu lassen.«
Mignon tat es, und bald rollten sie der Rue de la Barillerie zu, wo die Droschke vor dem Hotel d‘Aigle halten mußte. Dort stieg Alfonzo aus und begab sich nach seinem Zimmer. Hier öffnete er seinen Koffer, um ihm neuen Geldvorrat zu entnehmen, und steckte zugleich auch einen Revolver für den Fall ein, daß er abermals in Gefahr geraten sollte.
Hierauf setzte er mit Mignon seine Fahrt nach der Rue de Carmes fort.
»Wo werden wir Ihren Freund finden?« erkundigte er sich. – »In einer Schenke.« – »Da wird man aber gar nicht ungestört mit ihm sprechen können.« – »Keine Sorge, Monsieur. Es ist dafür gesorgt, daß Sie nicht beobachtet werden.«
Mignon ließ den Wagen an der Rue des Noyers halten und führte Alfonzo dann zu Fuß nach der Branntweinschenke. Sie war hier bekannt, denn ihr Geliebter hatte sie oft mit dorthin genommen. Darum klopfte sie an den Schrank und trat, als derselbe sich bewegte, ohne Scheu in die verborgene Stube.
»Donnerwetter, die Mignon!« rief der Wirt, als er sie erblickte. – »Weiß Gott, die Mignon!« stimmte auch Gerard bei.
Doch im nächsten Augenblick erbleichte er, denn er erkannte Alfonzo, den von ihm Garottierten, und sein erster Gedanke war natürlich, daß dieser auf irgendwelche Weise erfahren habe, wer der Täter sei und wo man denselben finden werde.
»Alle Teufel, woher noch so spät?« fragte der Wirt. – »Direkt von Haus.« – »Und mit – mit einem Fremden?«
In dem Ton und Blick des Wirts lag ein Vorwurf. Mignon aber sagte rasch:
»Keine Sorge, Etienne Lecouvert! Dieser Monsieur sucht meinen Gerard l‘Allemand.« – »Was will er von mir?« fragte Gerard, indem sein Auge halb besorgt, halb drohend glänzte. – »Das sollst du sofort erfahren. Setze dich zu uns. Dieser Monsieur, der ein Marchese d‘Acrozza ist, wird dafür sorgen, daß wir nicht dürsten.« – »Ja«, meinte Alfonzo mit einem verbindlichen Lächeln. »Sie erlauben, daß ich dies tue.«
Gerard nickte stumm. Er konnte noch nicht klug werden. Dieser Marchese tat allerdings nicht so, als ob er wisse, wer ihn beraubt habe.
»Haben Sie Wein?« fragte Alfonzo den Wirt. – »Nein«, sagte dieser. »Bei mir trinkt man Absinth oder ein Glas Bier aus dem Elsaß. Aber wenn dem Herrn Marchese der Wein lieber ist, so werde ich welchen besorgen!«
Der Wirt hatte allerdings Wein im Keller, verleugnete es aber, um ihn teurer anzubringen.
»Wird dies nicht zu schwierig sein?« fragte Alfonzo. – »Nein. Wir haben eine Weinstube in der Nähe, die wohl noch offen ist Welche Sorte wünschen Sie, mein Herr?« – »Was gibt es?« – »Am liebsten trinkt man dort einen roten Rousillon.« – »Nun gut so lassen Sie ein Dutzend holen. Was wir nicht trinken, wird trotzdem nicht verderben. Hier sind fünfzig Franken.«
Alfonzo zog die Börse und entnahm ihr die angegebene Summe.
Gerard Mason erstaunte. Woher hatte dieser Mann das Geld? Hatte er zwei Börsen einstecken gehabt? Der Wirt gab das Geld seinem Türsteher, der dabei einen heimlichen Wink bekam, was er zu tun habe. Der Mensch begab sich nun in den eigenen Keller und setzte in einen Korb zwölf Flaschen eines Rotweins, den Etienne Lecouvert gewöhnlich für achtzig Centimes verkaufte.
Unterdessen hatten sich die Gäste an einen der Tische gesetzt, und auch der Wirt nahm bei ihnen Platz.
»Also du suchtest mich?« fragte Gerard die Geliebte, den es drängte, so bald wie möglich Klarheit zu erhalten. – »Ja«, erwiderte sie. »Dieser Grundbesitzer möchte mit dir über ein Geschäft sprechen. Willst du dir hundert Franken verdienen, Schatz?«
Gerard zeigte lachend seine weißen Zähne.
»Oh, tausend, wenn es sein kann«, sagte er. – »Einstweilen nur hundert. Dieser Herr wird sie dir zahlen. Übrigens gibt er mir bereits fünfzig Franken dafür, daß ich ihn zu dir gebracht habe.«
Mignon blickte Alfonzo dabei schalkhaft, aber erwartungsvoll an, so daß dieser schnell in die Tasche griff.
»Ah, Mademoiselle, ich hatte das fast vergessen«, sagte er. »Hier, nehmen Sie.«
Er legte ihr die Summe auf den Tisch.
»Ich danke Ihnen«, entgegnete sie. »Ein prompter Zahler wird auch gut bedient. Sie werden sich auf Gerard l‘Allemand verlassen können.« – »Das sage ich selbst auch«, meinte der Schmied. »Aber darf ich erfahren, um was es sich handelt? Es naht bald die Stunde, in der die Stammgäste kommen, und dann sind wir nicht mehr ungestört.« – »Die Sache ist nämlich die, daß dieser Herr garottiert worden ist«, sagte Mignon. »Vor vielleicht einer Stunde geschah es in der Rue de la Poterie.« – »Das ist ja dort, wo du wohnst, Mignon!« – »Allerdings. Es ist sogar gerade vor unserer Tür geschehen.« – »Nicht möglich!«
Gerard spielte den Erstaunten sehr gut. Der Wirt zog die Brauen zusammen und warf ihm einen unbemerkten Blick zu, der gar nicht sprechender sein konnte.
»Nicht möglich, sondern sogar wirklich«, fuhr Mignon fort. »Er lag ohne Leben vor der Tür, und wir haben ihn nach meinem Zimmer geschafft.« – »Welche Barmherzigkeit!« meinte der Wirt ironisch. – »Und man hat ihn unbarmherzig bestohlen.« – »Das muß man anzeigen!«
Da wandte sich Gerard an Alfonzo:
»Aber, mein Herr, wie kam es, daß man Sie überfiel?« – »Es war kein Mensch auf der Straße«, antwortete der Gefragte, »und ich bin hier fremd. Ich hatte keine Ahnung, daß mir Gefahr drohen könne.« – »Des Nachts muß jeder vorsichtig sein, das müssen Sie sich merken. Sie wurden plötzlich überfallen?« – »Nein. Es kam ein Passant hinter mir her, ich hörte ihn kommen, also eigentlich plötzlich ist es nicht geschehen.« – »So waren Sie sehr unvorsichtig. Des Nachts blickt man sich um, wenn man von jemandem verfolgt wird. Was geschah weiter?« – »Ich ging zur Seite, um ihn vorüber zu lassen, aber er faßte mich bei der Gurgel und drückte sie so zusammen, daß ich den Atem und die Besinnung verlor.« – »Alle Teufel!« sagte der Wirt. »Das ist ein kräftiger, resoluter Kerl gewesen.« – »Ja, Kraft hatte er«, nickte Alfonzo und schloß dann seinen Bericht. »Als ich erwachte, befand ich mich in dem Zimmer dieser Demoiselle und bemerkte, daß ich beraubt worden sei.« – »Was hat man Ihnen genommen?« fragte der Wirt lauernd. – »Meine fünf Ringe, dann die Uhr mit Kette, die Börse, die über zweihundert Franken enthielt, und endlich das Portefeuille, das achtzehnhundert Franken in Staatsscheinen barg.«
Der Wirt sperrte vor Erstaunen den Mund auf.
»Dieser Halunke!« rief er. »Zweitausend Franken in Geld! Und wer weiß, wie er den armen Kerl, an den er die Pretiosen verkauft, drückt und schindet. Der Teufel soll ihn holen!«
Er warf einen ärgerlichen Blick auf den Schmied, den aber zum Glück weder Alfonzo noch das Mädchen bemerkten.
»Aber, was hat dies mit mir zu tun?« fragte Gerard gespannt. – »Ich wollte erst Anzeige machen …«, meinte Alfonzo. – »Ganz recht. Wird nur nicht viel nützen.« – »Das dachte ich auch. Übrigens kann ich das Geld verschmerzen, aber um das Portefeuille ist es mir zu tun. Es enthält sehr wertvolle Notizen. Darum werde ich in einigen Blättern den Garotteur auffordern, mir wenigstens das Portefeuille zuzustellen. Er kann dies ja ganz ohne Gefahr für sich tun, und das übrige mag er behalten.« – »Hm!« brummte der Wirt. »Ohne Gefahr es tun zu können, daran glaube ich nicht Wie sollte dies möglich sein?« – »Er braucht es ja nur zur Post zu geben!« – »Ja. Und die Postbeamten haben Ihre Annonce auch gelesen und werden, sobald sie die Adresse sehen, den Überbringer festhalten. Denn in Briefform könnte die Tasche doch nicht in den Kasten geworfen werden.« – »Das ist richtig«, meinte Alfonzo nachdenklich. »Aber er könnte sie mir doch direkt senden.« – »Durch einen Boten, den Sie vielleicht festhalten.« – »Das werde ich nicht tun.« – »Das wird er nicht glauben. Solche Leute pflegen sehr mißtrauisch und vorsichtig zu sein.« – »Er kann ja einen Boten wählen, der ihn gar nicht kennt!« – »Der ihn aber möglicherweise wiedererkennen wird! Nein, ich glaube nicht daß er so unvorsichtig sein wird.« – »Ich glaube es auch nicht«, stimmte der Schmied bei. »Er wird sich den Teufel daraus machen, ob Sie das Portefeuille brauchen oder nicht.« – »Nun, so bleibt mir noch ein letzter Weg. Mademoiselle hat mir gesagt daß Sie vielleicht imstande seien, gewisse Erkundigungen einzuziehen …« – »Ah!« machte der Schmied mit einem finsteren Blick auf das Mädchen. – »Ja, daß Sie vielleicht besser als ein Polizist imstande seien, den Täter zu erfahren.« – »Und Ihnen anzuzeigen?« fragte Gerard rasch. – »Nein, das verlange ich nicht Vielleicht aber könnten Sie mir mein Portefeuille verschaffen.« – »Hm! Wieviel ist es Ihnen wert?« – »Hundert Franken.« – »Das ist zu wenig. Wenn ich den Mann ja finden sollte, so wird er erfahren, daß das Buch Wert für den Besitzer hat. Er wird mehr als hundert Franken von mir fordern. Was bleibt mir dann für meine Mühe?« – »Gut, so wollen wir zweihundert sagen!« – »Das mag eher sein, obgleich ich meine gewissen Gründe habe, anzunehmen, daß ich den Mann nicht entdecken werde.« – »Darf man diese Gründe erfahren?« – »Ja. Der Hauptgrund ist, daß ich nicht nachforschen kann.« – »Warum nicht?« – »Ich muß arbeiten, um zu leben; zum Nachforschen aber gehört Zeit und Geld, und ich habe keins von beiden.« – »So werde ich Ihnen hundert Franken auf Abschlag zahlen.« – »Das läßt sich hören«, lachte Gerard. – »Hier sind sie!«
Der Schmied steckte das Geld gleichmütig ein und sagte:
»So werde ich bereits morgen früh sehen, was sich tun läßt. Wohin habe ich meine Nachrichten zu bringen?« – »Nach dem Hotel d‘Aigle, Rue de la Barillerie.« – »Schön. Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber Mühe werde ich mir geben.«
Damit war die Angelegenheit genügend besprochen, und man begann nun, dem Wein sein Recht zu geben. Es war auch Zeit gewesen, da sie nicht länger allein blieben.