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Kitabı oku: «Waldröschen IV. Matavese, der Fürst des Felsens. Teil 2», sayfa 16

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»Auch sie hat ein Geheimnis«, meinte Helmers enttäuscht. – »Wahrscheinlich«, antwortete Mariano. »Suchen wir!«

Sie wandten nun allen ihren Scharfsinn auf, sie suchten und probierten stundenlang, aber vergebens. Und auch als sie ihre Kräfte anstrengten, um die Tür aus ihren Angeln zu drücken, gelang ihnen dies ebenfalls nicht.

»Unsere Mühe ist umsonst«, sagte endlich Mariano. »Wir müssen einen zweiten Überfall versuchen.« – »Auf wen?« fragte Emma. – »Auf Verdoja.« – »Ja, er hat recht«, meinte Helmers. »Wenn der Wächter Pardero nicht bringt, so wird Verdoja annehmen, daß beiden ein Unglück widerfahren sei. Er wird dann nach der Pyramide kommen, und wir lauern ihm auf dieselbe Weise auf wie seinem Diener.« – »Aber wenn Sie auch ihn totdrücken!« versetzte Emma. – »Fällt mir gar nicht ein. Ich werde ihn gar nicht bei der Gurgel fassen. Wir zwei sind stark genug, ihn festzuhalten, dann rufen wir die Damen herbei, die ihn binden, während wir dafür sorgen, daß er sich nicht wehren kann. Um sein Leben zu retten, wird er uns die Freiheit geben müssen.« – »Das ist der einzige Weg zu unserer Rettung«, stimmte Mariano bei. »Kehren wir nach unserem Gang zurück.« – »Zunächst haben wir noch Zeit«, sagte Karja. »Jetzt wird der Wächter noch nicht erwartet und bis Verdoja besorgt wird, können immerhin noch einige Stunden vergehen.« – »So mögen die Damen zu schlafen versuchen, während wir wachen.«

Das wurde angenommen. Aber da die Mädchen sich vor den beiden Leichen scheuten, so schlugen sie ihr gemeinschaftliches Lager in der Zelle auf, in der Mariano angefesselt gewesen war, und erhielten die brennende Laterne hinein. Mariano und Helmers aber nahmen ihre Posten an der Tür ein, an der sie bereits den Wärter ergriffen hatten. Dort konnten sie Verdoja am sichersten erwarten.

28. Kapitel

Verdoja hatte unterdessen keine Ahnung von dem Schicksal, das ihm bei seiner Rückkehr nach der alten Opferstätte bevorstand. Er war mit den Mexikanern, wie der Wärter erzählt hatte, nach der Hazienda geritten. Diese war sein väterliches Erbe und gehörte zu den ungefähr sechzig Landgütern, die der mexikanische Staat Chihuahua mit der Hauptstadt gleichen Namens aufzuweisen hat. Die Hacienda Verdoja lag zwei Tagereisen von der Hauptstadt entfernt; nach Mexiko aber hatte man über eine Woche lang zu reiten. Darum waren die Vorfahren Verdojas echte Hazienderos gewesen, die sich nur der Viehzucht gewidmet hatten, der Politik aber fremd geblieben waren. Er war der erste, der dieses Prinzip aufgegeben hatte. Er war ehrgeizig und wollte eine Rolle spielen, das ist in Mexiko, dem Land der Parteigänger, leicht, aber auch schwer. Er hatte eine Ahnung gehabt, daß Juarez zur einstigen Größe berufen sei, und sich ihm angeschlossen; er hatte es unter diesem kühnen Parteigänger, dessen Zeit damals noch nicht gekommen war, bis zum Rittmeister – Kapitän – gebracht, nun aber hatte dieses Debüt ein schmähliches Ende gefunden, denn daß Juarez von ihm nichts mehr wissen möge, das konnte er sich denken.

Es war sehr spät, als er die Hazienda erreichte, und niemand hatte ihn erwartet. Er hatte zwar einen Boten gesandt, um dem Wächter Befehle bezüglich der zu erwartenden Gefangenen zu geben, aber dieser Wächter hatte zugleich die Weisung erhalten, gegen jedermann zu schweigen. Darum befand sich bei seiner Ankunft alles im tiefsten Schlaf, und er mußte einige Vaqueros wecken, die den Befehl erhielten, vor allen Dingen seine bisherigen Begleiter mit frischen, kräftigen Pferden zu versehen. Als dies geschehen war, sprengten die Mexikaner in die Nacht hinaus, derselben Richtung zu, aus der sie gekommen waren. Sie waren vollkommen überzeugt, Sternau zu fangen oder zu töten und also den versprochenen Lohn zu erhalten.

Erst jetzt konnte Verdoja an seine eigene Pflege denken. Er war noch unverheiratet, hatte aber eine entfernte Verwandte auf der Hazienda, die als Dame des Hauses figurierte. Sie empfing ihn mit Überraschung. Sie wußte nichts anderes, als daß er sich bei Juarez im Süden Mexikos befinde, und war daher erstaunt, ihn bei Nacht und Nebel ankommen zu sehen. Ihr Staunen aber verwandelte sich in Schreck, als sie bemerkte, daß ihm die rechte Hand fehlte. Sie wollte eine große Beileidsrede beginnen, er aber schnitt dieselbe barsch ab und befahl, ein Abendbrot zu bringen.

Während des Essens teilte er ihr mit, daß noch ein Gast komme, ein Señor Pardero, den der Wächter bringen werde. Auch für diesen sei ein Zimmer und ein Nachtmahl bereitzuhalten. Dann begab er sich, ermüdet wie er war, zur Ruhe.

Als er erwachte, war der Morgen bereits vorgeschritten, und die alte Señora stand mit der Schokolade bereit. Während er dieselbe wortlos verzehrte, sagte sie ihm, wie gut es sei, daß er auf der Hazienda eingetroffen war. Die Revolution hatte auch die Bevölkerung des sonst so ruhigen Staates Chihuahua ergriffen, und der Gouverneur hatte daher um militärische Unterstützung nach Mexiko geschrieben. Infolge dieses Berichts waren mehrere Schwadronen Reiter nach Chihuahua detachiert worden, die nun die Gegend durchzogen und alle Feinde der gegenwärtigen Regierung ihre Oberhand fühlen ließen.

Nun war es zur Genüge bekannt, daß Verdoja zu diesen Feinden gehöre, er diente ja unter Juarez, und darum hatte man auf der Hazienda bereits längst einen Besuch der Truppen erwartet und gefürchtet.

Verdoja hörte schweigsam zu und äußerte kein Wort darüber, ob diese Nachricht ihm Sorge bereite oder nicht. Endlich aber fragte er, die leere Tasse fortschiebend:

»Ist Señor Pardero bereits munter?« – »Señor Pardero?« – »Nun ja, der Señor, den ich gestern noch erwartete.« – »Ah, dieser? Der ist noch gar nicht da.« – »Noch nicht?« rief Verdoja erstaunt. »Und der Wächter, der ihn bringen sollte?« – »Den habe ich auch nicht gesehen.« – »Du hast es verschlafen, und man wird sich geholfen haben, wie man konnte.«

Sie machte ein sehr erzürntes Gesicht und erwiderte:

»Man kann sich hier gar nicht helfen, wie man will. Wenn Gäste kommen, so bin ich es, die zu befehlen hat, und ist es nachts, so werde ich sicherlich geweckt. Ich habe aber bis zum Anbruch des Morgens gewacht und vergebens gewartet.«

Er sagte weiter nichts, erhob sich, schritt nach dem Hof und befahl, ihm ein Pferd zu satteln. Noch während man damit beschäftigt war, kam einer der Vaqueros herbeigesprengt und meldete, daß eine sehr bedeutende Schar Dragoner im Anzug sei. Er hatte diese Meldung kaum gemacht, so sah man auch bereits die Reiter dahergesprengt kommen. Jetzt war also keine Zeit, nach der Opferstätte zu reiten.

Verdoja wartete die Ankunft der Dragoner ruhig ab, die vor dem Wohnhaus haltmachten. Dann stiegen die Offiziere ab, und der Befehlshaber, ein Rittmeister, trat mit leichtem, militärischem Gruß herzu und fragte:

»Dies ist die Hacienda Verdoja, Señor?« – »Ja«, antwortete der Besitzer. – »Sie gehört einem Señor gleichen Namens?« – »Ja.« – »Der als Rittmeister unter Juarez dient?« – »Nein.«

Der Offizier blickte Verdoja überrascht an und sagte pikiert:

»Señor, wir sind sehr gut unterrichtet!« – »Ich bezweifle dies«, antwortete Verdoja kühl. – »Señor«, meinte der Rittmeister fast drohend, »ich weiß sehr genau; daß Verdoja sich gegenwärtig in Potosi bei Juarez befindet!« – »Ha! Wenn Sie wirklich so gut unterrichtet sind, so bin ich es desto schlechter.« – »Ohne allen Zweifel. Sie sehen also ein, daß die Regierung alle Veranlassung hat, diese Hazienda zu berücksichtigen. Ich habe den Befehl erhalten, mein Quartier hier aufzuschlagen.« – »Mit der ganzen Schwadron?« – »Gewiß.« – »Auf Kosten der Hazienda?« – »Ja.« – »Gegen diese Maßregel muß ich protestieren.« – »Mit welchem Recht?« – »Mit dem Recht, das dem Besitzer zusteht. Mein Name ist Verdoja, Señor.« – »Ah, Sie sind ein Verwandter des Besitzers?« – »Nein, ich bin der Besitzer selbst. Ich befinde mich hier, aber nicht in Potosi. Sie sehen also, wer von uns beiden am besten unterrichtet ist.« – »So beruht die Sache auf einem Irrtum?« – »Wahrscheinlich. Ich stehe im Begriff, meine Vaqueros zu inspizieren; dies ist ein Ritt, der sich nicht aufschieben läßt. Quartieren Sie sich nach Belieben ein, aber denken Sie daran, daß ich nicht verantwortlich bin für das, was Sie tun. Adieu!«

Verdoja schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, ohne einen der Dragoner eines Blickes zu würdigen. Niemand folgte ihm, und er erreichte die Pyramide unbemerkt und unbeobachtet. Rasch stieg er ab, führte sein Pferd in das Gebüsch und band es an.

An dieses Gebüsch stieß ein zersprungener Felsen, in dessen Rissen sich eine kleine Moosart angesiedelt hatte. Da, wo der Felsen auf dem Boden ruhte, schienen einige Risse tief einzuschneiden. Verdoja kniete nieder und legte die eine Schulter an den Felsen, drückte dagegen, und ein Stück dieses Felsens, das von vier Rissen eingefaßt war, wich nach innen. Jetzt wurde ein großes Loch sichtbar und auf dem Boden desselben einige harte Steinrollen, auf denen sich das Felsenstück bewegt hatte. Das Loch hatte einen Umfang, um einem Mann in gebückter Stellung Eingang zu gestatten.

Verdoja trat ein, wandte sich einer seitlichen Vertiefung zu und schob den Felsen wieder in sein früheres Lager zurück.

In dieser Vertiefung standen einige Blendlaternen von derselben Art, wie der Wächter eine getragen hatte. Verdoja brannte eine an und schritt nach einem Gang, der abwärts in den Felsen lief. Nach einer Weile ging es einige Stufen aufwärts, dann wieder abwärts, bald geradeaus, bald in einem Bogen. Er gelangte durch Felsenkammern, er kam an Zellen vorüber. Er öffnete Türen und schloß sie wieder nur durch einen leichten Druck mit der Hand, wobei ein scharfes, metallisches Klingen sich hören ließ. Und überall waren die Wände feucht, der Fußboden noch feuchter.

Endlich ging es eine Treppe aufwärts. Nachdem er auf dieselbe geheimnisvolle Weise wie vorhin noch einige Türen geöffnet hatte, kam er durch mehrere Gänge und endlich auch an die Tür, vor der die vier Gefangenen sich vergeblich angestrengt hatten. Sie wich seinem leisen Druck, obgleich sie auf der anderen Seite mit zwei Riegeln befestigt war. Er hatte noch die Tür zu passieren, die der Wächter offengelassen hatte, und trat nun in den Gang, wo die beiden Zellen lagen, in denen Mariano und Helmers angefesselt gewesen waren.

Er hatte alle diese Türen hinter sich verschlossen. Er ahnte ja nicht, daß man in diesem Gang auf ihn warte. Er glaubte, daß Pardero sich immer noch bei der Indianerin befinde und dem Wächter nicht gefolgt sei, und war der Meinung, daß dieser durch irgendeinen zufälligen Umstand verhindert worden sei, nach der Hazienda zurückzukommen.

So schritt er langsam vorwärts und bog endlich in den Gang ein, in dem die beiden Gefängnisse der Mädchen lagen. Da fiel das Licht der Laterne auf Mariano. Doch kaum hatte er ihn erkannt, so wurde er von hinten gefaßt, und Helmers rief:

»Halt! Ich habe ihn!« – »Noch nicht!« brüllte Verdoja, riß sich los und versetzte Mariano, der ihn gleichfalls packen wollte, einen Fußtritt in den Unterleib, daß der Getroffene zu Boden stürzte. Dann sprang er in langen Sätzen, die Laterne in der Hand, vorwärts.

Er ahnte im Augenblick, wie die Sache stand. Pardero und der Wärter waren getötet worden, sonst konnten die Gefangenen ja nicht frei sein. Es galt, ihnen zu entkommen und dafür zu sorgen, daß sie den Ausweg nicht fanden. Darum setzte er den Kampf nicht fort, sondern zog die Flucht vor.

»Ihm nach!« rief Helmers.

Mariano hatte sich augenblicklich wieder erhoben.

»Ohne die Damen?« fragte er. – »Ja«, antwortete Helmers. – »Aber wenn wir sie verlieren! Ich hole sie!« – »So laufe ich voran.«

Helmers sprang dem Fliehenden nach, während Mariano die Mädchen holen wollte. Es war nicht nötig; sie standen bereits hinter ihm, mit der brennenden Laterne in der Hand. Karja war sogar so vorsichtig gewesen, die Ölflasche zu ergreifen.

»Kommen Sie, schnell, schnell!« rief Mariano und eilte Helmers nach, dem es unterdessen fast gelungen war, Verdoja einzuholen. Dieser hatte die Tür erreicht. Sie sprang vor ihm auf, ohne daß er den Riegel berührte. Hinter ihr wurde ein dunkler Raum sichtbar, in dessen Mitte ein schwarzes Loch im Boden gähnte. Ein Brett führte darüber.

Verdoja betrat dasselbe in dem Augenblick, als Helmers unter der Tür erschien, sprang in eiligem Lauf über das Brett, daß es zitterte und knirschte, und hatte nur noch zwei Schritte zu tun, um den jenseitigen Rand des Schlundes zu erreichen, da – prasselte und knackte es auseinander, und er stürzte mit dem gellend ausgestoßenen Schrei: »0 Dios!«, die Hände emporschlagend, in die gähnende Tiefe hinab. Man hörte seinen Körper unten aufschlagen.

»Herr Gott!« rief Helmers, unter der Tür stehenbleibend. »Er ist zerschmettert!« – »Wo, wo?« fragte Mariano, der hinter ihm angekommen war. – »Hier unten!«

Auch die beiden Mädchen kamen herbei, und Emma wollte, an den Schlund tretend, die Tür hinter sich zufallen lassen, aber Mariano erfaßte dieselbe noch zur rechten Zeit.

»Um Gottes willen, Señorita, wir dürfen die Tür nicht zufallen lassen, denn wir können sie nicht wieder öffnen und ständen dann vor diesem Abgrund, könnten nicht hinüber und hätten hier kaum so viel Platz, um bequem stehen zu können.«

Und es war so. Der Raum, vor dessen geöffneter Tür sie standen, war viereckig, aber im Boden klaffte ein wohl fünf Meter breiter Spalt in die Tiefe, der von der rechten bis zur linken Wand ging und nur mittels eines Bretts überschritten werden konnte. Diesseits des Lochs hatte der Fußboden eine Breite von nur zwei Fuß, so daß kaum Platz zum Stehen war.

Beim Schein der Laterne sahen sie, daß in der Decke ein großes Loch war, das in die Höhe ging.

»Es ist ein Brunnen gewesen«, sagte Helmers. – »Jedenfalls«, antwortete Mariano. »Horcht!«

Aus der Tiefe klangen dumpfe Laute. Helmers kniete nieder und rief hinab:

»Verdoja!«

Ein gräßliches Wimmern antwortete.

»Sind Sie bei Besinnung?« fragte der Deutsche.

Man hörte dasselbe Wimmern, aber man vernahm, daß es eine Antwort sein sollte. Einen artikulierten Laut konnte man nicht unterscheiden.

»Können wir helfen?« fragte Helmers abermals.

Aus dem auch jetzt erfolgenden Wimmern ließ sich nichts entnehmen.

»Er ist verloren; es ist wenigstens dreißig Meter tief, meinte Mariano. – »Er hat seine Strafe«, setzte Karja finster hinzu. »Aber was wird mit uns?« – »Die Tür ist offen«, antwortete Emma. »Vielleicht entdecken wir jetzt die geheimnisvolle Einrichtung.«

Sie beleuchteten den Eingang und sahen nun zu ihrem Erstaunen, daß die Seitenteile des Türgewandes sich mit der Tür geöffnet hatten. Im oberen Teil aber und in der Schwelle waren tiefe Riegellöcher zu bemerken, die in ganz gleiche Vertiefungen führten und sich in der oberen und unteren Kante der Tür befanden. Wie aber die darinnen steckenden Riegel geöffnet und geschlossen werden konnten, das war nicht zu ersehen.

Die vier Personen gaben sich die erdenklichste Mühe, dieses Geheimnis zu ergründen, aber es gelang ihnen nicht. Über den Abgrund hinüber war nicht zu entkommen; das Wimmern des Verunglückten wurde immer gräßlicher und schneidender, und so kehrten sie wieder nach dem Gang zurück, in dem sie sich vorher befunden hatten. Die Tür zu dem Brunnengemach aber ließen sie offen, indem sie das Verschließen durch dazwischen gestecktes Stroh, das sie aus der Zelle holten, verhinderten.

29. Kapitel

Jetzt standen sie da und blickten einander ratlos an. »Ob Verdoja vielleicht, bevor er zu uns kam, eine Tür offengelassen hat?« meinte Mariano. »Wir wollen nachsehen!«

Sie verfolgten den Gang bis zu derselben Tür, die ihnen schon einmal Halt geboten hatte, fanden sie aber fest verschlossen, und so viel Scharfsinn und Körperkraft sie auch daran wandten, sie zu öffnen, es gelang ihnen nicht.

»Wir sind eingeschlossen«, sagte Emma. »Wir sind zum Tod des Verschmachtens verdammt; wir müssen sterben.« – »Noch nicht«, tröstete Mariano. »Gott wird uns nicht umkommen lassen.« – »Wir wollen fleißig nachdenken und alles zu unserer Rettung versuchen«, meinte Helmers. »Vielleicht gelingt es uns doch noch, das Geheimnis der Türen zu entdecken.« – »Wir entdecken es nicht«, versetzte Karja. »Hilfe kann nur von Señor Sternau kommen.« – »Aber wenn dieser selbst nicht kommt?« klagte Emma. »Wenn sie ihn fangen und töten?« – »Oh, er ist klug; er entkommt vielleicht doch«, tröstete Helmers. »Übrigens brauchen wir uns den Kopf nicht darüber zu zerbrechen, wie die Türen geöffnet werden. Wir haben ja ein ganz gutes Werkzeug dazu.« – »Welches?« fragte Mariano. – »Unsere Messer.« – »Ah, wirklich!« rief Emma. »Wir schneiden die Türen durch.«

Helmers konnte sich trotz ihrer schlimmen Lage eines Lachens nicht erwehren.

»So ist es nicht gemeint, Señorita«, sagte er. »Dieses Holz ist so hart wie Eisen, es würde eine Riesenarbeit von einigen Jahren sein, alle Türen zu durchschneiden, und selbst dann wäre es noch fraglich, ob wir zu dem richtigen Ausgang gelangen. Und das Holz nur einer Tür zu durchschneiden, würde uns nichts anderes bringen, als was wir bereits gesehen haben. Wir haben ja hier eine offene Tür, ohne das Geheimnis ergründen zu können. Ich meine vielmehr, wir müssen den Teil der Mauer entfernen, der sich um das Türgewände legt; in diesem Teil ist das Geheimnis verborgen.« – »Das ist richtig!« stimmte Mariano bei. »Gehen wir an das Werk!« – »Es gibt noch ein kürzeres Mittel, wenn es gelingt«, bemerkte Karja. – »Welches?« fragten schnell die anderen. – »Wir drehen uns ein Seil, und einer läßt sich zu Verdoja hinab. Lebt er noch, so muß er sagen, wie die Türen geöffnet werden.« – »Wovon soll das Seil gefertigt werden?« – »Von den Lassoriemen, mit denen wir gefesselt waren, sie liegen noch in den Zellen; ferner von den Kleidern der beiden Toten, auch von den unsrigen, soweit sie entbehrlich sind. Vielleicht können wir die Ketten ausdrehen, an denen die beiden Señores gefesselt waren. Man nahm für Señorita Emma und mich einige Decken mit. Sie liegen noch in meiner Zelle und der ihrigen. Wenn wir sie zerschneiden und zusammendrehen, wird ein Seil fertig.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen. Man vereinigte also die zerschnittenen Lassostücke, zerschnitt die Kleider Parderos und des Wächters, die man ihnen auszog, ebenso die Decken, und als das Seil fertig war, hatte es eine Länge von über dreißig Fuß. Um seine Festigkeit zu prüfen, zogen Mariano und Helmers mit aller Macht an demselben, es gab nicht nach; und so erklärte Mariano, sich demselben anvertrauen zu wollen, da er der leichtere sei.

Man hatte zwei Laternen. Die eine befestigte Mariano sich um die Taille, und nun begaben sie sich nach dem Brunnengemach, wo sie das Wimmern noch so stark wie vorher hörten. Mariano band sich jetzt das eine Ende des Seils unter den Armen fest, um sich hinabzulassen, erklärte aber, aufwärts werde er daran emporklettern. Hierzu gab es zwei Gründe, erstens wurde ihm dieses Klettern leichter, als Helmers das Ziehen, selbst wenn die Damen mithelfen würden, und zweitens war das Emporziehen für ihn gefährlich, da das Seil am Rand des Schlundes scheuerte und dadurch leicht reißen konnte.

Da vier Krüge mit Wasser vorhanden waren, so opferte man einen davon, um das Seil zu befeuchten, es erhielt dadurch eine größere Elastizität und Widerstandsfähigkeit. Dann ging man an das Werk.

Mariano kniete am Rand nieder, faßte darauf das Seil oberhalb der Befestigung mit beiden Händen und stieß mit den Worten: »In Gottes Namen, jetzt hinab!« die Knie vom Rand ab.

Helmers war stark; niederwärts konnte er ihn allein erhalten, und so verschwand der kühne, junge Mann bald in dem schwarzen Schlund. Helmers ließ das Seil sehr langsam und vorsichtig ablaufen, und die beiden Frauen, die sich am Rand niedergekniet hatten, sahen den Lichtschein seiner Laterne sich immer weiter entfernen.

»Um Gottes willen, wenn er erstickt!« sagte da Emma. »Dieser Brunnen ist sehr tief und sehr alt; er kann gefährliche Gase enthalten!«

Daran hatte man vorher gar nicht gedacht; aber Helmers schüttelte lächelnd den Kopf und fragte:

»Señorita, hören Sie Verdoja noch wimmern?« – »Ja«, antwortete sie, »es klingt schrecklich!« – »Nun, dieses Wimmern ist ein Zeichen, daß er noch lebt, und er würde nicht mehr leben, sondern erstickt sein, wenn es da unten tödliche Gase gäbe.«

Nach einiger Zeit, als das Seil auf fast nur noch zwei Meter abgelaufen war, hörte die Spannung auf. Mariano hatte den Boden erreicht, und die drei oben befindlichen Personen lauschten mit großer Spannung hinab.

Der Brunnen war, wie bereits gesagt, nicht rund, sondern viereckig, und die Wände waren glatt; das schloß jede Gefahr für das Seil aus. Vor Jahrhunderten hatte er wohl Wasser gegeben, jetzt aber war er ausgetrocknet. Mariano stand an einem porösen Felsen, der ringsum von einer sandigen Erdschicht umgeben war. Durch diese war vor Jahren das Wasser hereingesickert.

Jetzt sah sich der junge Mann nach Verdoja um. Dieser lag zusammengekrümmt wie ein Hund vor seinen Füßen und ließ aus dem offenen Mund jenes Wimmern hören, das hier unten noch viel schrecklicher klang als oben. Die Lippen zeigten einen blutigen Schaum, die Augen standen offen, waren aber nicht stier, sondern hatten einen Ausdruck, der erkennen ließ, daß Verdoja bei vollständiger Besinnung sei.

»Schreien Sie nicht, sondern antworten Sie«, sagte Mariano. »Ich komme, Ihnen zu helfen.«

Der Verunglückte hörte einen Augenblick lang auf mit Wimmern und sah den Retter mit einem Blick an, in dem ein wahrhaft teuflischer Haß zu erkennen war.

»Wo ist Pardero?« fragte er.

Aber man sah ihm an, daß ein jedes Wort ihm die fürchterlichsten Schmerzen bereitete.

»Tot«, antwortete Mariano. – »Der Wächter?« – »Auch tot.« – »Die Mädchen?« – »Sie sind oben bei uns.« – »Mörder!«

Verdoja wollte die Fäuste ballen, aber es ging nicht; er hatte beide Arme gebrochen.

»Schmähen Sie nicht«, gebot Mariano ernst. »Sie sind an allem selbst schuld! Und dennoch werden wir Sie retten.« – »Ihr? Wie?« fragte Verdoja.

Aber er litt dabei solche Schmerzen, daß er fast zwischen jeder Silbe ein schneidendes Jammern ausstieß und daß seine Worte schwer zu verstehen waren.

»Wir ziehen Sie mit dem Seil hinauf und schaffen Sie nach der Hazienda.«

Über das schmerzverzerrte Gesicht Verdojas glitt für einen Augenblick ein lichter Zug; dann aber verfinsterte es sich wieder, und er fragte:

»Wie kommt ihr hinaus?« – »Sie werden sagen, wie die Türen zu öffnen sind und welchen Weg wir einzuschlagen haben.« – »Ah! Ihr wißt es nicht?«

Ein Zug wahrhaft höllischer Schadenfreude verzerrte sein Gesicht noch mehr, als es bereits vom Schmerz geschah, und er fügte hinzu:

»Ihr müßt verhungern – verdursten – verschmachten!«

Dabei rief er jedes der drei Worte in einem höheren Ton, bis die letzte Silbe überschnappte. Offenbar empfand er eine Genugtuung, die sogar die fürchterlichen Schmerzen, die er litt, betäubte.

»Wir werden nicht verschmachten«, sagte Mariano, »denn Sie werden wieder frei und gesund sein wollen, und das können Sie nur durch uns.« – »Frei! Gesund! Ah!« stöhnte Verdoja. »Nie! Arme gebrochen! Rückgrat gebrochen! Ich muß sterben!« – »Sie werden nicht sterben; Sie werden leben, und zwar durch uns. Wollen Sie sich uns anvertrauen?« – »Nie! Nie! Auch ihr sollt sterben!«

Der Schaum um Verdojas Mund verdoppelte sich, und seine Augen drohten aus ihren Höhlen zu treten, er glich einer Schlange, die sich noch im Tod windet, um Gift zu spritzen. Mit Marianos Geduld ging es fast zu Ende.

»Aber Mensch, Sie richten sich ja selbst zugrunde!« rief er. – »Ich will es!« antwortete Verdoja. »Und auch ihr sollt zugrunde gehen, verfaulen, in die Hölle fahren!« – »Ist dies Ihr letztes Wort?«

Da fletschte der Mensch die Zähne und grinste:

»Mein letztes, letztes, letztes.« – »Nun gut, so hört die Liebe auf, und die Strenge beginnt«, sagte der junge Mann. »Wenn Bitten nicht helfen und die eigene Lust zum Leben, so gibt es andere Mittel, einen solchen Teufel zum Reden zu bringen. Wir haben keine Lust, wegen deiner höllischen Bosheit hier zu verschmachten.«

Mariano kniete darauf neben Verdoja nieder, faßte die beiden Arme desselben an der Stelle, wo sie gebrochen waren, und drückte sie mit aller Gewalt. Diese Art der Folter preßte dem Bösewicht einen Schrei aus, von dem Mariano meinte, er müsse da oben sogar außerhalb der Pyramide gehört werden.

»Wie werden die Türen geöffnet?« fragte er. – »Ich sage es nicht!« brüllte Verdoja. – »Du mußt es sagen; ich lasse nicht nach!« rief Mariano und drückte den Arm nochmals an den gebrochenen Stellen mit aller Macht. Das Geschrei, das Verdoja jetzt bei den entsetzlichsten Schmerzen ausstieß, glich dem Gebrüll von Tigern, aber er gab die gewünschte Antwort trotzdem noch nicht. Da faßte ihn Mariano bei den Beinen. Das half jedoch nichts, sie waren gänzlich gefühllos, denn der Mensch hatte den unteren Teil des Rückgrats gebrochen und lachte höhnisch auf, als er die Erfolglosigkeit von Marianos Bemühungen sah. Dieser wurde dadurch noch zorniger.

»Lache nur, du Satan«, sagte er. »Es gibt noch andere Schmerzen.«

Damit faßte er, bis zur Gefühllosigkeit zornig, die Hände des Verwundeten und gab beiden Armen einen so gewaltigen Ruck, daß er glaubte, sie aus den Schultern zu ziehen. Verdoja stieß einen entsetzlichen Schrei aus, beantwortete aber die Frage nicht.

»Mensch, du bist selbst für den Teufel zu schlecht!« rief Mariano. »So stirb denn so, wie du es willst. Gott wird uns helfen!«

Er rüttelte darauf an dem Strick, zum Zeichen, daß er empor wolle, und faßte denselben mit beiden Händen. Als Verdoja dieses bemerkte, erhob er den Kopf, spie nach dem jungen Mann und rief mit überschnappender Stimme:

»Seid verflucht! Verflucht! Verflucht!«

Diese Abschiedsworte brachten Mariano auf einen Gedanken, den er bisher wunderbarerweise gar nicht gehabt hatte. Er kniete noch einmal neben Verdoja nieder, untersuchte dessen Kleider und nahm ihm, nachdem er darin eine Uhr, Geld, Ringe, einen Revolver, ein Messer und andere Kleinigkeiten gefunden hatte, alles ab und steckte es zu sich.

»Räuber!« rief Verdoja. – »Pah, wir können es gebrauchen, du aber nicht, Halunke!«

Mariano probierte nochmals am Seil, ob es oben festhalten werde und turnte sich an demselben empor, bis er den Rand erreichte. Während von unten das herzzerreißende Wimmern heraufscholl, wurde er von den anderen nach dem Erfolg seiner Sendung gefragt. Als er denselben mitteilte und auch erzählte, welche Folter er angewandt habe, um den Menschen zum Sprechen zu bringen, zogen sich die Mädchen voll Grauen zurück. Helmers aber sagte:

»Warum haben Sie diesen Satan nicht erstochen oder erschlagen?« – »Fällt mir nicht ein. Er will nicht gerettet sein, weil auch wir frei würden, und so mag er verschmachten und sterben, wie er es uns bestimmt hat.« – »So bleibt uns nichts anderes übrig, als zu den Messern zu greifen und die Backsteine um die Tür auszugraben. Wenn wir die Konstruktion nur einer einzigen Tür kennen, so können wir alle anderen öffnen.«

Sie kehrten in die Gänge zurück, und zwar zu der von Verdoja zuletzt verschlossenen Tür, und machten sich da an die Arbeit.

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Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
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