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Kitabı oku: «Waldröschen V. Ein Gardeleutnant», sayfa 10
15. Kapitel
An derselben Ecke, an der er sie erwartet hatte, nahmen Kurt und Röschen Abschied von Platen.
»Was werden Sie tun?« fragte dieser. »Sich freiwillig melden?« – »Ich weiß es noch nicht«, antwortete Kurt. »Die freiwillige Meldung wird wohl das beste sein. Zunächst bin ich müde und werde mich ausruhen, dann wird es sich ja finden, was zu beschließen ist.« – »Bei mir ist von Schlaf keine Rede, denn der Dienst hält mich wach. Nun fehlen der Oberst und Ravenow. Ich ahne, daß ich heute einen sehr unruhigen Tag haben werde. Adieu, lieber Helmers. Adieu, gnädiges Fräulein!«
Platen fuhr mit seinem Wagen davon, während das schöne junge Paar die kurze Strecke bis zum Palais zu Fuß zurücklegte.
Dort war noch niemand wach, und sie konnten eintreten, ohne bemerkt zu werden. Röschen begleitete Kurt zunächst nach seinem Zimmer, der Weg nach dem ihrigen führte dort vorüber. Er öffnete und trat ein, und sie folgte, um sich da von ihm zu verabschieden.
»Weißt du wirklich nicht, was du tun wirst?« fragte sie ihn. – »Nein. Eigentlich hätte ich meinem Obersten Mitteilung von der Sache zu machen, da dieser aber selbst beteiligt war, so verbietet sich das von selbst. Wir wollen ausruhen, Röschen, dann werden wir uns überlegen, was zu tun ist. Für jetzt danke ich Gott, daß ich dem Tode entgangen bin, dem ich geweiht war. Weißt du, unter welchem Schutz ich in dieser Gefahr gestanden habe?« – »Nun?« – »Unter dem deinigen.« – »O nein«, lächelte sie. »Du hättest ja sogar meinen dummen Angstruf fast mit dem Leben bezahlen müssen!« – »Aber ich hatte den Talisman bei mir, den du mir gegeben hast.« – »Ah, meine Schleife! Ja, du warst ein tapferer Ritter und hast die Ehre deines Burgfräuleins gar wacker verteidigt.« – »Was aber soll mit dem Talisman werden? Forderst du ihn zurück?«
Sie errötete, sagte aber:
»Das wird sich auch finden, wenn wir ausgeruht haben. Solche wichtigen Dinge müssen genau überlegt sein.« – »Jetzt bist du einmal eine recht böse Rosita!« schmollte er. – »Warum?« – »Weil du nicht Wort hältst. Du versprachst mir ja die Entscheidung für jetzt. Sie sollte von dem Kampf abhängen.« – »Hm, ja, es ist möglich, daß ich dies gesagt habe. Aber ist es mit dieser Entscheidung denn gar so sehr eilig?« – »Das versteht sich!« lachte er fröhlich. »Ich muß wirklich wissen, ob der Talisman eingelöst werden soll oder nicht« – »Mit einem Kuß?« – »Ja, mit einem Kuß.«
Sie stand vor ihm so hold und lieblich. Die Morgensonne blickte zum Fenster herein und umarmte das schöne Mädchen mit warmen Strahlen. Waren diese Strahlen schuld oder etwas anderes, daß ihre Augen auf einmal so tief erglänzten und ihre Wangen sich so zauberisch färbten?
Da legte sie ihm die Hand auf den Arm und sagte:
»Lieber Kurt, weißt du, daß ich mit dir recht sehr zufrieden bin? Du warst ein wirklicher, echter Held, du konntest beide töten und hast es doch nicht getan. Du hast, um mich zu rächen, dein Leben gewagt, darum will ich den Talisman einlösen, wenn es dir recht ist.« – »Mit einem Kuß?« fragte er, jetzt beinahe selbst errötend. – »Ja, denn so war es doch ausgemacht.« – »Und jetzt gleich?« – »Natürlich! Du hattest es ja sogar sehr eilig!«
Da griff er in die Brust zog die Schleife hervor und reichte sie ihr hin.
»Hier ist sie, Rosita.« – »Und hier ist der Kuß.«
Sie legte ihm schnell die kleinen Händchen auf die Schultern, näherte ihr gespitztes Mündchen seinen Lippen und gab ihm einen Kuß, so fein, so vorsichtig, wie ein spielendes Kind seine Puppe küßt.
»Ah, das ist ein Kuß?« fragte er, doch ein wenig enttäuscht.
Er hatte nicht einmal den Arm um sie legen können, so schnell war sie zurückgewichen.
»Ich denke«, lachte sie schelmisch. »Oder war es etwas anderes?« – »Es war ein Kuß, aber so einer, wie man zum Beispiel eine alte Tante küßt, die eine recht häßliche, lange Nase hat und einige Warzen darauf.« – »Hast du schon viele Tanten geküßt, weil du das so genau weißt?« – »O nein, denn alte Tanten küßt man nicht sehr gern.« – »Wen sonst?« – »Junge, hübsche Röschen!« antwortete er. – »Geh, das sollst du mir nicht sagen! Dafür muß ich dich bestrafen. Ich mag nun deinen Talisman gar nicht. Hier, nimm ihn wieder.«
Er griff hastig nach der Schleife, legte sie hinter sich auf den Tisch und meinte mit einer sehr wichtigen Miene.
»Aber das geht nicht so schnell!« – »Was denn, lieber Kurt?« – »Die Rücklieferung eines Talismans. In so wichtigen Dingen muß man sehr gerecht und uneigennützig handeln.« – »Das bist du stets. Aber wie ist das hier gemeint?« – »Du hattest den Talisman bezahlt. Wenn du mir ihn wiedergibst, so bin ich verpflichtet, dir den Preis zurückzuerstatten.«
Er sah sie mit Augen an, wie sie es bei ihm noch nicht bemerkt hatte. Ihr Herzchen klopfte, es wurde ihr so warm auf der Stirn und an den Schläfen, so heißt auf den Wangen, es war ihr, als ob ihre Knie ein wenig zitterten. Und plötzlich wurde es ihr so rot vor den Augen, dann dunkler und immer dunkler. Sah sie nicht mehr, oder hatte sie die Augen zugemacht? Sie wußte es selbst nicht. Sie fühlte nur, daß sich ein Arm ihr um die Schulter legte, dann schlang sich ein anderer um ihre Taille. Sie stand gar nicht mehr im Zimmer, sondern sie flog durch den Äther, ja wirklich, sie hatte Flügel, und rund um sie glänzten tausend Sonnen, Millionen Engel sangen wundersüße Psalmen, und der liebe Gott blickte so gnädig in all den Jubel drein. Das sah und das hörte, das fühlte sie. Und doch war es nur ein Traum, der höchstens einige Augenblicke gedauert hatte, denn sie war ja wieder auf der Erde, hier im Zimmer. Sie fühlte sich von den beiden Armen leise gezogen, bis ihr Köpfchen an einem Herzen lag, welches sie laut und heftig pochen hörte. Und dann legten sich zwei Finger warm unter ihr Kinn, um dasselbe sanft und leise emporzuheben, und eine Stimme, die sie gar wohl kannte, aber noch nie so mild, so tief erzitternd gehört hatte, sagte in flehendem Ton:
»Rosita, bitte, mache deine lieben Augen auf!«
Sie konnte nicht antworten, denn ihr Herz war zum Zerspringen voll, aber es war kein einziges Wort darin. Und wieder bat diese klare, innige Stimme:
»Röschen, liebes Röschen, blicke mich doch einmal an.« – »Nein!« hauchte sie, so daß er es kaum hören konnte. – »Warum nicht?« – »Ich kann nicht.« – »Weshalb nicht?« – »Weil – weil ich mich so sehr fürchte.« – »Vor mir etwa? Bist du mir vielleicht bös, meine Rosita?« – »O nein, lieber Kurt!« – »Gar nicht?« – »Gar nicht!« flüsterte sie. – »Oh, dann will ich dir die Augen heilen, die du nicht öffnen kannst«
Und jetzt fühlte sie zwei warme Lippen erst auf dem rechten und dann auf dem linken Auge. Nun drückten sie sich gar auf die beiden neckischen Grübchen in den Wangen. Das war doch sonderbar, so daß man die Augen wirklich öffnen mußte, wenn auch nur ein ganz klein wenig. Aber sie schlossen sich sofort wieder, denn sie wurden förmlich geblendet von einem Blick, der von oben herab in sie hineinleuchtete wie ein heller, wonniger Sonnenstrahl in das kristallene Blau eines tiefen, jungfräulichen Bergsees. Und dann erschrak sie so sehr, daß sie am ganzen Körper zusammenzuckte, denn die beiden warmen Lippen berührten nun sogar ihren Mund, erst leise, wie sich die Augenwimpern auf die Lider legen, dann fester und fester – war denn das ein Kuß? Nein, das war ein großer, ein gewaltiger Raub, ihre Seele wurde ihr genommen, sie fühlte, wie dieselbe durch die Lippen entwich, hinüber zu dem, in dessen Armen sie lag, in den Armen, die sich jetzt um sie schlangen, so warm und fest und innig. Und seine Lippen lösten und senkten sich immer wieder auf ihren Mund. Sollte sie sich wehren? O nein, sie war ja gefangen, sie konnte ja nicht. Und bös war sie ja auch nicht auf ihn, denn da jetzt seine leise Frage erklang: »Zürnst du mir, meine Rosita?«, da trieb es sie aus der tiefsten Tiefe ihres Inneren, ihm zu antworten:
»Nein, mein lieber Kurt.«
Und nun küßte er sie wieder, sie konnte gar nicht zählen, wie viele Male, bis draußen auf dem Korridor der schlürfende Schritt des Hausmeisters erklang, der sein Tagewerk beginnen wollte.
Jetzt öffnete sie die Augen, denn Kurt hatte seine Arme von ihr genommen, so rasch, als ob der alte Hausmeister hätte eintreten wollen. Er stand vor ihr, so wie sie ihn noch niemals gesehen hatte. Das waren seine Augen nicht mehr und auch sein Gesicht nicht, und dennoch war er es. Kam es vielleicht daher, daß ihre Seele zu ihm hinübergegangen war? Und jetzt nahm er sie bei den Händen, schaute ihr tief in die Augen und sagte mit einem Lächeln, wie sie es vorhin bei den Engeln im Himmel gesehen hatte:
»Siehst du, meine liebe Rosita, das war ein Kuß.«
Bei diesem Ton seiner Stimme kehrte ihr voriges Wesen zurück, so daß sie neckisch fragen konnte:
»Nicht wie bei einer Tante?« – »Bei einer alten!« – »Mit einer langen Nase?« – »Und vielen Warzen darauf!«
Und nun lachten die beiden so herzlich über die Tante und die Nase und die Warzen, daß sie es gar nicht merkte, daß er ihr wieder einen Kuß gab und noch einen und noch mehrere und viele, bis die Nase doch nicht ganz so lang war wie die lange Reihe von Küssen und sie endlich voreinanderstanden und sich nur noch bei den Händen hielten, um Abschied voneinander zu nehmen.
Sie hatten beide das Duell vergessen, er hatte ferner ganz und gar vergessen, daß sein Vater ein Schiffer sei, und sie ebenso, daß sie die Enkelin eines Herzogs war. Und daran war nur der lange, süße Kuß schuld gewesen.
»Nun gehe ich«, sagte sie, als müsse sie sich entschuldigen. »Oh, wie ist das so schade«, antwortete er, als habe er ein entsetzlich großes Recht auf ihre Gegenwart.
Dafür mußte er gestraft werden. Daher entzog sie ihm ihre beiden kleinen Händchen und wandte sich nach der Tür, um zu gehen. Aber der Mensch ist leider so inkonsequent, sie drehte sich gleich wieder herum, gab ihm ihre Hände zurück und meinte:
»Ich muß aber dennoch gehen, lieber Kurt. Nicht wahr, das siehst du auch ein?«
Er machte nun zwar ein Gesicht, als ob er das ganz und gar nicht einsehe, aber ein tapferer Ritter gibt seinem Burgfräulein immer recht, er ist ihr dies schuldig, und darum stimmte er so ziemlich bei, indem er antwortete:
»Ja, liebes Röschen, es scheint mir wirklich so, als ob ich es beinahe einsehe.« – »Siehst du! So schlafe dich aus. Gute Nacht!« – »Gute Nacht, Rosita!«
Und nun ging sie wirklich, denn sie öffnete wahrhaftig die Tür, ehe sie dieselbe wieder heranzog, wobei sie eine Miene machte, als ob sie sich auf etwas Hochwichtiges besonnen habe. Dann hob sie warnend den rosigen Finger empor, zog die dunklen Brauen geheimnisvoll in die Höhe und flüsterte im Ton einer intimen Bekanntmachung:
»Wir hätten eigentlich nicht gute Nacht sagen sollen, sondern guten Morgen.«
Er sah sich nach dem Fenster um, um zu sehen, ob sie recht habe, doch wunderbar, er kam ihr dabei immer näher, obgleich zwischen ihr und dem Fenster, durch das er sah, das ganze Zimmer lag. Und als er sich ein genügendes Urteil über die da draußen herrschende Morgenhelle gebildet hatte und sich umdrehte, da fühlte er, daß auf eine ganz unbegreifliche Weise ihre Hand in die seinige gekommen war. Ihr Gesichtchen befand sich merkwürdig nahe an dem seinigen, und er fühlte sich darüber so erschrocken, daß er auf ihre wiederholte Erkundigung: »Nicht wahr, lieber Kurt?« zuerst mit einem Kuß antwortete und dann erst in regelrechter Weise sein Gutachten abgab:
»Ja, mir scheint es auch so.«
Er bewies die Wahrheit dieser Ansicht mit einem zweiten Kuß, der eine so feste Überzeugung in ihrem Herzen bewirkte, daß sie nun außer allem Zweifel war und infolgedessen unter seinem letzten Händedruck ihn bat:
»So wollen wir sagen: Guten Morgen, lieber Kurt!« – »Guten Morgen, meine liebe Rosita! Ich werde ganz gewiß von dir träumen!« – »Schönes?« – »Sehr Liebes und Schönes!« – »Du wirst es mir erzählen?« – »Sehr gern!« – »Und nichts weglassen?« – »Gar nichts!«
Aber weil ihm doch vom vielen und langen Küssen träumen würde und er bei der Erzählung vielleicht einen vergessen konnte, war er so klug, sich gerade diesen einen noch vorweg zu nehmen, wobei beide bereits draußen auf dem Korridor standen. Doch dauerte dieser Kuß nicht allzu lange, denn die Hausglocke erschallte, und ein sehr unmelodisches, blechernes Klirren ließ vermuten, daß die Milchfrau unten stehe. Die beiden fuhren auseinander, er in sein Zimmer hinein und sie mit leisen Schritten den Korridor entlang in das ihrige. Und als sie beide nun allein waren, stand er hinter seiner Tür und flüsterte, die Hände auf dem Herzen:
»Oh, wie liebe, wie liebe ich sie!«
Und sie stand hinter der ihrigen, holte tief Atem, hielt die Hände über dem Busen gefaltet, der seine Hülle beinahe zersprengen wollte, und flüsterte:
»Was war das? Was habe ich getan! O mein Gott, das darf ich Mama gar nicht sagen, nein, niemals, niemals!«
Sie ging in ihrem Zimmer auf und ab, sie wußte nicht, was sie fühlte und dachte. So wanderte sie langsam, aber ruhelos, bis endlich geklopft wurde und sie das Mädchen einlassen mußte, das sie zu bedienen hatte. Dieses wunderte sich, die Herrin bereits wach zu finden, aber sein Erstaunen wuchs, als es in das Nebenkabinett trat und das unberührte Bett bemerkte.
»Mein Gott, Sie haben gar nicht geschlafen?« fragte es. – »Nein«, lautete die kurze Antwort. »Bringe die Schokolade, und dann kleide ich mich an.« – »Welche Robe?« – »Die penseeseidene. Ich fahre aus.« – »So früh?!« – »Es ist notwendig. Sage dem Kutscher, daß er anspannen möge.«
Es war acht Uhr und noch gar keine Visitenzeit, als der Diener den Schlag öffnete, um Rosita in die Equipage steigen zu lassen.
»Zum Kriegsminister«, befahl sie dem Kutscher.
Der Wagen rollte fort, ohne daß Kurt ihn sah oder hörte, denn er lag jetzt eben in den schönen Träumen, die er seiner Rosita erzählen wollte.
Seine Exzellenz waren noch nicht zu sprechen, und so mußte man warten, der Kutscher unten auf der Straße auf seinem Bock und Röschen oben im Salon, denn der Diener hatte es nicht gewagt, ihr zuzumuten, im Vorzimmer zu bleiben.
Als der Minister sich erhob, hörte er, daß ein Fräulein Sternau ihn um eine Unterredung ersuche, die so dringlich sei, daß sie es gewagt habe, ihn in so früher Stunde zu belästigen. Er kannte diesen Namen nur zu gut und beeilte sich in seiner Toilette so, daß er bereits nach zehn Minuten vor ihr stand.
Der im Vorzimmer postierte Diener hörte die Dame viel und zusammenhängend sprechen, sie schien etwas zu erzählen. Dann folgte ein lebhaftes Zwiegespräch, und als Fräulein Sternau den Salon verließ, glänzte auf ihrem Gesicht die Freude eines errungenen Erfolges. Seine Exzellenz begleitete sie höchstselbst bis zum Wagen und gab, in das Zimmer zurückkehrend, den Befehl, sofort den Leutnant Platen von den Gardehusaren zur Audienz zu beordern.
Als Röschen nach Hause zurückkehrte, fand sie die Ihrigen versammelt. Man hatte sich gewundert, daß sie ausgefahren war, und als sie fallenließ, daß sie vom Kriegsminister komme, richtete man eine solche Menge von Fragen an sie, daß sie es endlich am geratensten hielt, alles zu erzählen.
16. Kapitel
Unterdessen erschrak Platen nicht wenig, als er erfuhr, daß er zum Kriegsminister solle. Er befand sich auf dem Kasernenhof und eilte schleunigst nach seiner Wohnung, um die große Uniform anzulegen. Er war überzeugt, daß es sich nur allein um das Duell handle, aber woher hatte der Minister Kenntnis davon erhalten?
Als er in das Vorzimmer trat, schien er von dem Diener bereits erwartet worden zu sein, denn dieser fragte:
»Herr Leutnant von Platen?« – »Ja.« – »Exzellenz sind noch beschäftigt. Treten Sie einstweilen hier ein.«
Er führte ihn an mehreren Türen vorüber nach einem Eingang, den er öffnete. Platen fuhr beinahe erschrocken zurück, denn er sah vor sich einen kleinen, höchst reich ausgestatteten Damensalon, in dem die – Frau Minister saß, mit einem Buch in der Hand. Bei seinem Anblick erhob sie sich leicht, nickte ihm wohlwollend zu und sagte:
»Treten Sie nur näher, Herr von Platen! Mein Mann hat noch eine Kleinigkeit zu ordnen, und so habe ich Sie zu mir führen lassen, um mich bei Ihnen unterdessen nach einem höchst interessanten Ereignis zu erkundigen, dessen Zeuge Sie gewesen sind, wie man mir berichtet hat.«
Er nahm nach einem ehrfurchtsvollen Gruß auf dem Fauteuil Platz, welchen sie ihm bezeichnete, und wartete gespannt des Weiteren. Eine Tür, die in ein Nebenzimmer führte, war um eine kleine Spalte geöffnet, und durch diese Spalte fiel ein Schatten herein, der nur von einem Menschen herrühren konnte. Diese Beobachtung ließ den Leutnant die ganze Situation begreifen. Der Minister hatte über das Duell Nachricht erhalten, er hatte Gründe, die Angelegenheit zunächst nicht auf dienstlichem Weg kennenzulernen, und so sollte Platen der Frau erzählen, während der Minister im Nebenzimmer Wort für Wort hörte und seine Entschließungen treffen konnte. Daß man gerade ihn, den Sekundanten Kurts, herbeigerufen habe, ließ ihn vermuten, daß man besonders um des letzteren willen solche Rücksicht walten lasse.
»Man sagt, Sie kennen den Leutnant Helmers von den Gardehusaren?« begann die hohe Frau. – »Ich habe die Ehre, sein Freund zu sein«, antwortete Platen. – »So bin ich also gut unterrichtet worden. Lassen Sie mich ohne Umschweife auf den Gegenstand eingehen. Dieser Leutnant hat sich heute früh geschlagen?« – »Allerdings. Ich habe keinen Auftrag, diese Tatsache in Abrede zu stellen.« – »Mit wem?« – »Mit seinem Obersten und dem Leutnant Ravenow von seiner Schwadron.« – »Und der Ausgang dieser außerordentlichen Affäre?« – »Helmers hat Ravenow die rechte Hand abgehauen und dem Obersten die rechte Hand vollständig zerschmettert. Beide sind dadurch unfähig geworden, länger zu dienen.« – »Mein Gott, welch ein Unglück! Aber beiden die rechte Hand! Gewiß ein Zufall!« – »Verzeihung, Exzellenz, es war nicht Zufall, sondern Absicht.« – »Absicht? Schrecklich! Erzählen Sie! Aber ausführlich und objektiv!«
Platen berichtete der Frau des Kriegsministers von der förmlichen Verschwörung, die sich gegen Helmers Eintritt in das Regiment entsponnen hatte, von dem Empfang, der ihm bei allen Vorgesetzten geworden war, von der geradezu empörenden Art und Weise, in der man ihn behandelt hatte, und von dem männlichen, besonnenen Benehmen des Angegriffenen. Er schilderte die Wahrheit, und zwar als Freund, so daß auf Helmers nicht der leiseste Schatten eines Vorwurfes fiel. Und so kam es, daß, als er geendet hatte, die Dame im Ton des allerhöchsten Interesses ausrief:
»Ich danke Ihnen, Herr Leutnant. Ihr Freund ist ja ein ganz außerordentlicher Mensch. Nach dem, was ich von Ihnen höre, hat er das Zeug, sich eine glänzende Zukunft zu schaffen. Was aber beabsichtigt er zu tun, um den Folgen dieses unglücklichen Duells zu entgehen?« – »Zu entgehen?« fragte Platen. »Exzellenz, Helmers ist nicht der Mann, den Konsequenzen eines Ereignisses, zumal wenn er dasselbe nicht verschuldet hat, zu entgehen. Ich bin überzeugt, daß er sich der kompetenten Behörde stellen wird.« – »Sie scheinen ihm Ihr ganzes Vertrauen zu widmen.« – »Exzellenz, es gibt Menschen, die sich das Vertrauen im Sturm erobern und gar nicht imstande sind, es jemals zu täuschen. Helmers gehört zu ihnen.« – »Dennoch bleibt diese Angelegenheit höchst fatal. Man spricht nicht gern von ihr, und auch ich ersuche Sie dringend, nicht zu erwähnen, daß sie Gegenstand unseres Gespräches gewesen ist.«
Er bemerkte jetzt, daß der vorhin erwähnte Schatten verschwunden war, mit demselben jedenfalls auch der Minister. Die Dame machte ihm unter einem protegierenden Lächeln die Abschiedsverbeugung, und er empfahl sich ihr durch eine tiefe Verneigung. Kaum hatte er draußen die Tür zugedrückt, so bat ihn der Diener, in das Kabinett seiner Exzellenz einzutreten, die jetzt zu sprechen sei.
Er trat in das Arbeitskabinett des Ministers und fand diesen anscheinend in ein Aktenheft vertieft, das vor ihm lag. Beim Erscheinen des Leutnants jedoch schlug er dieses Heft zusammen, erhob sich und nickte ihm mit mildem Lächeln zu. Nachdem er die elegante Erscheinung des jungen Mannes mit prüfendem Blick überflogen hatte, begann er in freundlichem Ton:
»Ich habe Sie rufen lassen, um Ihnen einen etwas ungewöhnlichen Auftrag zu geben, Herr von Platen.« Und nachdem er einige Augenblicke wie nach Worten gesucht hatte, fuhr er fort: »Ich höre, Sie sind heute morgen bei einem kleinen Jagdunternehmen beteiligt gewesen, Leutnant?«
Platen wußte sofort, woran er war. Der Minister wollte das Renkontre als Jagdpartie gelten lassen, bei der zufälligerweise zwei Offiziere verwundet worden seien. Darum antwortete er mit einer leichten, zustimmenden Verneigung:
»Zu Befehl, Exzellenz!« – »Leider vernehme ich«, fuhr der Minister fort, »daß dieses Unternehmen nicht ganz glücklich abgelaufen ist. Zwei der betreffenden Herren scheinen nicht beachtet zu haben, daß man mit gefährlichen Waffen stets vorsichtig umzugehen hat. Sie sind verletzt worden?« – »Leider, Exzellenz.« – »Schwer?« – »Lebensgefährlich zwar nicht, unglücklicherweise aber doch so, daß nach dem Ausspruch des Arztes eine dauernde Dienstuntauglichkeit die Folge sein wird.« – »Das ist schwer zu beklagen. Ich habe mir sagen lassen, daß die Schuld diese beiden Herren ganz allein trifft. Ist die Angelegenheit bereits in weitere Kreise gedrungen?« – »Ich bin vom Gegenteil überzeugt, Exzellenz.« – »So wünsche ich, daß man bis auf weiteres das tiefste Schweigen beobachte. Sie begeben sich sofort zu den beteiligten Herren, um ihnen dies streng anzudeuten. Die beiden Verwundeten werden wohl kaum die Absicht haben, ihr Zimmer zu verlassen, es soll aber auch niemand ihren Zustand sehen, und darum befehle ich ihnen durch Sie, keinen Besuch anzunehmen. Die Herren haben sich ganz so zu verhalten, als ob sie mit Zimmerarrest belegt seien. Ich habe Konferenz mit Majestät und werde diese Angelegenheit dabei zum Vortrag bringen. Punkt elf Uhr melden Sie sich dann bei mir, um das Weitere zu vernehmen.«
Eine leichte Handbewegung deutete dem Leutnant an, daß er entlassen sei. Er ging, und zwar zunächst zum Obersten, indem er sich vornahm, weder mit diesem noch mit Ravenow in zu großer Milde zu verhandeln.
Er fand den Obersten im Bett liegen, umgeben von den Gliedern seiner Familie. Die Hausfrau trat ihm mit vor Zorn gerötetem Angesicht entgegen und rief:
»Ah, Leutnant Platen, ich habe Ihnen zu sagen …« – »Bitte«, unterbrach er sie schnell, »so kurzweg Leutnant Platen werde ich nur von Kameraden genannt, und zwar auch nur von denen unter ihnen, denen die Freundschaft die Erlaubnis erteilt, sich in dieser sonst nicht gebräuchlichen Kürze auszudrücken.«
Sie stockte, fuhr aber dann mit noch mehr erhöhter Stimme fort:
»Nun wohl, mein verehrtester Herr Leutnant von Platen, ich habe Ihnen zu sagen, daß es geradezu eine Schändlichkeit ist, meinen Mann in dieser Weise zuzurichten!«
Platen erwartete natürlich, daß der Oberst diesen gewaltsamen Ausfall mit einer Zurechtweisung bedenken werde, da dies aber nicht geschah, so antwortete er:
»Wenn hier von einer Schändlichkeit die Rede sein kann, so ist sie wenigstens nicht dem Herrn Obersten widerfahren. Ich will über diesen starken Ausdruck hinwegsehen, weil Sie eine Dame sind und als Gattin die Angelegenheit nicht unparteiisch beurteilen.« – »Oh, ich beurteile diese Angelegenheit sehr gerecht. Ich werde mich noch an diesem Vormittag zum General begeben und verlangen, daß man diesen Menschen, der seinen Vorgesetzten verstümmelt, zur Rechenschaft ziehe.« – »Ich bin in der Lage, Ihnen diesen Schritt zu ersparen, denn ich komme als Ordonnanz Seiner Exzellenz des Kriegsministers.« – »Ah!« sagte sie erschrocken.
Der Verwundete erhob überrascht den Kopf, und auch die anwesenden Kinder desselben gaben Zeichen ihres großen Erstaunens.
»Von der Exzellenz?« fragte der Oberst. »Was werde ich hören?« – »Ich habe Ihnen den Befehl zu überbringen, daß kein Mensch über unsere Angelegenheit bis auf weiteres sprechen soll. Sie dürfen Ihr Zimmer nicht verlassen und auch keinen Besuch empfangen.« – »Ah, so bin ich Gefangener?« – »Das eben meinte Exzellenz. Übrigens bewahrheitete sich das, was ich Ihnen sagte, bevor ich das Rendezvous verließ: Mit Rücksicht auf meinen Freund Helmers hat der Minister die außerordentliche Gewogenheit, anzunehmen, daß Sie auf einer Jagdpartie zufälligerweise verwundet worden sind. Es steht also zu erwarten, daß der Einfluß Ihres verachteten Gegners Sie vor der Festungsstrafe bewahren wird. Adieu, Herr Oberst!«
Nach einer sehr zeremoniellen Verbeugung schritt er hinaus, ohne sich um den Eindruck zu bekümmern, den seine Worte hinterließen.
Ravenow, zu dem er nun ging, nahm seine Worte mit grimmigem Schweigen entgegen. Nachdem auch die beiden Sekundanten, der Ehrenrichter und der Arzt benachrichtigt waren, begab sich Platen zu Helmers. Da dieser noch schlief, wurde er einstweilen von dem Herzog von Olsunna empfangen, der den Schlafenden wecken ließ. Dieser war ganz erstaunt zu hören, daß der Minister bereits Kenntnis von der Sache habe, und als Platen äußerte, daß er sich diesen Umstand allerdings auch nicht erklären könne, erzählte der Herzog, was er von Röschen erfahren. Er bat Platen, ihn vorstellen zu dürfen, doch mußte dieser sich entschuldigen, da er vom Dienst gerufen werde. Doch versprach er, wiederzukommen, sobald er vom Minister entlassen sei. Er empfahl sich, und die beiden anderen begaben sich in den Gesellschaftssalon, wo sich die Bewohner des Hauses befanden.
Hier ergriff Kurt die Hand Röschens und sagte unter einem Lächeln des Dankes:
»Du also bist bereits für mich tätig gewesen! Aber weiß du, Röschen, daß du sehr viel gewagt hast?«
Sie lächelte so lieblich, so schelmisch, daß er sie am liebsten hätte umarmen mögen, trotz der Zeugen, die zugegen waren, und antwortete ihm:
»Ich mußte ja handeln, da du es vorzogst, zu schlafen. Ob ich sehr viel gewagt habe, das ist nicht so sicher und gewiß. Die Entscheidung des Ministers scheint vielmehr das Gegenteil zu beweisen.«
Auch ihre Mutter war zugegen, ebenso Lord Lindsay mit Amy, seiner Tochter. Das Gespräch, das sich auf das Duell bezog, war natürlich ein sehr angeregtes. Kurt hatte eine Menge freundlicher Vorwürfe anzuhören, die sich auch gegen Röschen richteten, die seine Vertraute und Begleiterin gewesen war, ohne ihn zu verraten. Rosa, ihre Mutter, zitterte bei dem Gedanken, daß ihr zartes, schönes Töchterchen es gewagt hatte, einem Kampf beizuwohnen, bei dem es die beiden Gegner auf das Leben Kurts abgesehen gehabt hatten.
»Sie ist ein echtes Kind ihres Vaters«, bemerkte der Herzog mit heimlichem Stolz darauf, daß er der Vater dieses Vaters sei. – »Und Sie haben wirklich noch keine Nachricht von ihm, von Herrn Sternau?« fragte da der Engländer. – »Leider nicht die geringste«, antwortete der Herzog. »Was Sie uns gestern erzählten, ist das letzte, was wir von ihm hörten.«
Der Lord hatte nämlich berichtet, was er von dem alten Haziendero erfahren.
»Aber die Sendung des Haziendero haben Sie erhalten?« fragte Amy. – »Welche Sendung?« – »Nun, sie war allerdings nicht an Sie, sondern an Herrn Leutnant Helmers gerichtet.«
Kurt horchte auf.
»An mich?« fragte er. »Ich habe nichts erhalten!«
Jetzt kam die Reihe, zu staunen, an Amy und ihren Vater.
»Sie sind doch der Sohn des Steuermanns Helmers?« fragte letzterer. – »Gewiß«, lautete die Antwort. – »Nun, ich habe, allerdings in Ihrer Abwesenheit, gestern das Erlebnis Ihres Oheims in der Höhle des Königsschatzes erzählt. Ihr Oheim hat von Büffelstirn einen Teil dieser Schätze erhalten, einen kleinen Teil, der aber doch ein großes Vermögen repräsentiert. Es ist bestimmt worden, daß die Hälfte davon nach der Heimat gesandt werde, um Ihnen die Mittel zu Ihrer Ausbildung zu bieten. Man wußte in Mexiko nicht, daß Sie hier so freundliche Gönner und Beschützer gefunden haben. Nach dem Verschwinden Sternaus kam der Haziendero Pedro Arbellez nach Mexiko und übergab die Wertsachen dem damaligen Oberrichter Benito Juarez, der sie nach Europa sandte.« – »Ich habe nicht das mindeste erhalten«, wiederholte Kurt. »Die Sendung ist entweder verlorengegangen oder an eine falsche Adresse gerichtet worden.« – »Der Haziendero kannte Ihre Adresse gar nicht, er wußte nur, daß Sie auf einem Schloß in der Nähe von Mainz zu finden seien, daß Ihr Vater der Seemann Helmers sei und daß dies Schloß von einem Hauptmann von Rodenstein bewohnt werde. Darum wurde die Sendung an ein Mainzer Bankhaus adressiert, dessen Chef Sie ausfindig machen sollte.« – »Er müßte mich gefunden haben. Die Sendung ist jedenfalls unterwegs verunglückt.« – »Der Oberrichter hat sie versichert.« – »So bliebe der Wert mir doch erhalten. Es gälte nur, zu erfahren, welches Bankhaus es gewesen ist.« – »Ich habe den Namen aus dem Mund des Haziendero gehört, ihn aber im Laufe der später folgenden Ereignisse aus dem Gedächtnis verloren. Doch wird eine Nachforschung zum Resultat führen. Ich wurde mit meiner Tochter vom Panther des Südens des Nachts gefangengenommen und nach dem südlichsten Teil von Mexiko transportiert. Dort waren wir gefangen, bis der Einfluß von Juarez sich so ausdehnte, daß er auch unsere Berge erreichte. Ich erhielt erst vor acht Monaten meine Freiheit wieder. Sie werden mir gewiß verzeihen, daß ich einen Namen vergessen habe, der mich weniger interessieren konnte.« – »Oh, Mylord, es kann Sie gar nicht der geringste Vorwurf treffen. Ich bin Ihnen im Gegenteil herzlich dankbar, daß ich durch Sie von dieser Sache erfahre. Sie sprechen von Wertsachen. Geld also war es wohl nicht?« – »Nein. Obgleich ich die Gegenstände nicht gesehen habe, weiß ich doch, daß sie in Geschmeide und Kostbarkeiten bestanden, Ketten, Armbändern, Ringen, aus den Zeiten des alten Mexiko stammend und mit kostbaren Steinen besetzt.« – »Ah!« machte Kurt nachdenklich.
Er hatte an der Hand seines Freundes Platen einen Ring gesehen, dessen Form ihm aufgefallen war. Der Reif trug eine eigentümlich gebildete goldene Sonne, deren Mittelpunkt aus einem erhabenen Mosaik von Smaragden und Rubinen bestand. Die Arbeit war eine echte, altmexikanische gewesen.
»Sie haben einen Gedanken?« fragte Amy. – »Ich glaube, irgendwo bei einem meiner Bekannten einen Ring gesehen zu haben, dessen Fassung mexikanisch zu sein schien«, antwortete er ausweichend. »Doch steht dies jedenfalls in keinem Zusammenhang mit unserer Angelegenheit Ich würde also ein Vermögen besitzen, wenn ich mein Eigentum erhalten hätte. Dieser Gedanke hat etwas Eigentümliches. Ich bin keineswegs geldgierig, aber ich werde dennoch in Mainz Nachforschungen anstellen. Ich bin dazu verpflichtet, schon um des Vaters und des Oheims willen, als deren Vermächtnis ich die Gegenstände betrachten muß.«
