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Kitabı oku: «Waldröschen V. Ein Gardeleutnant», sayfa 12
19. Kapitel
Es war ein sehr dunkler Abend, Kurt und der Schlosser kamen unbeobachtet an die Mauer, und es gelang ihnen sehr leicht, diese zu übersteigen. Jenseits derselben trafen sie auf Platen.
»Kommt!« sagte dieser leise. – »Sind wir sicher?« fragte Kurt. – »Vollständig. Es kommt niemand mehr in den Garten, und von mir denkt man, daß ich ausgegangen bin.«
Platen führte Kurt und den Schlosser durch gewundene Gänge bis zu einigen hohen Bäumen, die ihre Wipfel auf das Dach des Gartenhauses neigten, das sie suchten.
»Hier ist das Häuschen«, sagte Platen.
Kurt betrachtete es, so weit dies bei der Dunkelheit möglich war. Es war sehr massiv gebaut und mit starken Fensterläden versehen. Auch die Tür bestand aus starker Eiche, und die Eisenstange davor war wohl über einen Zoll dick.
»Also hier soll ich öffnen?« fragte der Schlosser. – »Ja«, lautete die leise Antwort.
Es befühlte das Schloß sorgfältig, drehte es hin und her und meinte:
»Das wird rasch gehen, ich merke bereits, daß ich einen passenden Schlüssel habe.«
Er hatte eine Ledertasche umhängen, in der sich die Dietriche befanden. Er griff hinein. Man hörte ein leises Klingen, dann ein ebenso leises Knirschen und Drehen, und darauf sagte der Mann:
»Das Schloß ist los. Nun zur Haustür!«
Er brauchte kaum zwei Minuten, um diese zu öffnen. Sie traten ein und schlossen hinter sich zu. Platen zog ein Licht hervor und brannte es an. Man befand sich in einem kleinen Raum, der mit Gartenmöbeln ausgestattet war. Eine zweite Tür, die auch leicht geöffnet wurde, führte in ein Zimmer, das eingerichtet war, um hier, in der Luft des Gartens, ein Frühstück oder anderes Mahl einzunehmen. Jetzt wurde die dritte Tür aufgeschlossen, die in das letzte Gemach führte. Es enthielt die Ausstattung eines einfachen Arbeitszimmers, Schreibtisch, Tisch, ein Sofa, einige Stühle, sogar einen Ofen, Waschtisch, eine Uhr, nämlich die erwähnte Schwarzwälder, und einen Spiegel. Der ganze Raum ließ vermuten, daß er sehr oft in Gebrauch genommen wurde.
»Dort ist die Uhr«, sagte Platen, auf die Schwarzwälder deutend. – »Nehmen wir sie herab«, bat Kurt.
Sie wurde von der Wand genommen; man erblickte ein kleines, schwarzeisernes Türchen, an dessen beiden freien Ecken man ein Schlüsselloch bemerkte.
»Ah, zwei Schlösser!« meinte der Schlosser. »Wollen sehen, ob wir sie öffnen können!«
Es gelang. Und nun sah man eine tiefe Öffnung, in der ein Kästchen stand. Kurt nahm es heraus und bemerkte, daß hinter demselben noch mehrere Papiere lagen.
Das Kästchen war verschlossen und hatte ein Gewicht, das auf einen metallenen Inhalt schließen ließ. Der Schlosser versuchte mehrere Schlüssel, ehe er den passenden fand; als dann aber der Deckel zurückgeschlagen wurde, trat der einfache Handwerksmann zurück und rief:
»Herrgott, so eine Pracht und Herrlichkeit habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!«
Er hatte recht, denn im Schein des Lichtes, das Platen hielt, erfunkelten hunderte von Diamanten und edlen Steinen in tausenden von Facetten. Das Kästchen schien von sprühenden Funken erfüllt zu sein, die in allen möglichen Farben schillerten und brillierten.
Kurt griff hinein und zog die einzelnen Gegenstände heraus, um sie auf den Tisch zu legen. Fast ergriff ihn jenes Fieber, von dem Büffelstirn geredet hatte, ehe er mit Donnerpfeil die Höhle des Königsschatzes betrat.
»Das ist ein Wert von vielen Millionen!« sagte er mit hörbar bebender Stimme. »Wenn das alles wirklich mir gehörte!« – »So einen Reichtum hatte ich allerdings nicht erwartet!« gestand Platen, die vor ihm liegende Pracht mit den Augen verschlingend. »Man kann es begreifen, daß ein sonst ehrlicher Mann hier zum Verbrecher werden mag. Ist dies mexikanische Arbeit?« – »Ganz sicher und gewiß!« antwortete Kurt. »Da, blicke her!«
Sie betrachteten die Gegenstände näher und kamen allerdings zu der Überzeugung, daß Kurt recht hatte. Platen holte schwer und tief Atem und sagte:
»Lieber Helmers, jetzt bin ich überzeugt, daß dein Verdacht der richtige war. Mein Oheim konnte einen Ring, ein einzelnes Armband erwerben, aber diesen Schatz hier konnte er unmöglich bezahlen. Er ist ein – ein – Dieb!« – »Noch dürfen wir ihn nicht verurteilen«, entgegnete Kurt, »denn wir können noch nicht sagen, wie er zu den Kostbarkeiten kam. Ah, was ist das?«
Während er beschäftigt war, das Kästchen bis auf den Boden zu leeren, erblickte er tief unten etwas Weißes. Es waren zwei Briefe, die er hervorbrachte. Er öffnete den einen und blickte nach der Unterschrift.
»Benito Juarez!« rief er. »Es ist der Brief des Oberrichters!« – »So ist keine Täuschung mehr möglich«, sagte Platen. »Bitte, lies den Brief vor.« – »Verstehst du Spanisch?« – »Nein.« – »So werde ich dir die Zeilen übersetzen; sie sind spanisch geschrieben.«
Damit trat Kurt nahe an das Licht heran und las folgenden Inhalt vor:
»Herrn Bankier Wallner, Firma Voigt und Wallner in Mainz. Ich übersende Ihnen das beifolgende Kästchen, enthaltend Juwelen und sonstige Schmuckgegenstände nebst einem genauen Verzeichnis seines Inhaltes. Dieser Inhalt gehört einem Knaben, dessen Vater Seemann ist und Helmers heißt. Der Knabe wohnt in der Nähe von Mainz auf einem Schloß, das einem Hauptmann von Rodenstein gehört. Vater und Oheim dieses Knaben sind leider hier in Mexiko verschollen; darum ist er Erbe der Kostbarkeiten. Sie wollen die Güte haben, ihm dieselben nebst dem noch beifolgenden Brief zu übergeben, wenn Sie ihn ausfindig gemacht haben. Sollte Ihnen dies nicht gelingen, so ersuche ich Sie, mich davon sofort zu benachrichtigen und Kästchen samt Inhalt bei Ihrer Regierungsbehörde zu deponieren.
Der inliegende Brief ist an eine Frau Sternau, geborene Gräfin de Rodriganda adressiert, die auf demselben Schloß wohnt. Ihre Auslagen werden Sie vom Empfänger vergütet erhalten, und bemerke ich zum Schluß noch, daß ich eine Abschrift des Inhaltsverzeichnisses besitze und den Wert der Gegenstände in Versicherung gegeben habe.
Benito Juarez, Oberrichter, Mexiko.«
»Es ist kein Zweifel mehr, der Oheim ist ein Dieb!« sagte Platen, dessen Gesicht die Blässe einer Leiche zeigte. »Nach diesen Angaben mußte er dich finden. Er hat das Kästchen der Behörde nicht abgegeben. Er ist ein Dieb. Lies den zweiten Brief.«
Kurt öffnete denselben und durchflog ihn.
»Er ist von Miß Amy Lindsay an Frau Sternau«, sagte er. »Sein Inhalt ist privater Natur! Er kann dich nicht interessieren.« – »Es ist gut; ich weiß genug! Die Sachen gehören dir. Was wirst du tun?« – »Ich werde sie wieder an ihren Ort stellen und bis morgen überlegen, was ich beginnen werde«, sagte Kurt ruhig. »Dein Oheim soll geschont werden, und möglicherweise will ich die Sache in der Weise arrangieren, daß er nicht ahnt, daß ich durch dich aufmerksam geworden bin. Aber noch fehlt das Inhaltsverzeichnis. Da liegen noch Papiere. Erlaubst du mir, sie durchzusehen?« – »Tue, was du willst Ich bin ermattet; ich bin zerschmettert. Ich mag nichts lesen und nichts sehen.«
Platen gab das Licht dem Schlosser, um zu leuchten, und warf sich auf das Sofa nieder. Kurt griff in das Loch und zog die Papiere hervor. Sie waren in ein Paket zusammengebunden; er löste die Schnur und öffnete das erste Schreiben. Kaum hatte er einen Blick auf den Inhalt desselben geworfen, so wandte er sich ab, damit der Ausdruck seines Gesichtes nicht von Platen bemerkt werden könne. Es waren zwölf einzelne Dokumente; er las sie alle durch, legte dann die Schnur wieder um sie und sagte:
»Das ist Gleichgültiges. Das Verzeichnis fehlt.«
Da warf er noch einen Blick in das Loch und bemerkte ein Papier, das durch das Kästchen ganz nach hinten geschoben worden war. Als er es öffnete, sah er, daß es das gesuchte war. Jetzt verglich er die Gegenstände mit dem Verzeichnis und bemerkte, daß nichts fehlte als nur der Ring, den Platen trug.
»Ich mag ihn nicht haben«, sagte dieser, »ich mag gestohlenes Gut nicht tragen, es brennt mir am Finger. Hier hast du ihn!« – »Behalte ihn!« bat Kurt. »Ich schenke ihn dir.« – »Nachdem ich ihn unrechtmäßigerweise getragen habe? Nein, ich danke dir! Hier ist er.«
Kurt jedoch wies den Ring zurück und erklärte:
»Wenn du ihn nicht annehmen willst, so behalte ihn wenigstens für einstweilen noch. Dein Onkel darf nicht wissen, daß du von der Sache auch nur eine Ahnung hast.« – »Nun gut, ich will dir den Willen tun«, meinte der Offizier, indem er den Ring wieder ansteckte; »aber ich ersuche dich dringend, ihn mir möglichst bald wieder abzunehmen. Willst du dein Eigentum wirklich hier zurücklassen?« – »Einstweilen, ja. Morgen wird sich das Weitere finden.«
Es wurde noch alles genau in seine vorherige Ordnung und Lage gebracht; dann verschloß der Schlosser das Türchen und hing die Uhr wieder davor. Die beiden Offiziere aber verließen das Gartenhaus, dessen Türen sorgfältig verschlossen wurden. Draußen sagte Platen:
»Verzeihe mir, Kurt; ich kann ja nichts dafür!« – »Bah, gräme dich nicht!« lautete die Antwort. »Ich hoffe, daß sich alles glücklich lösen lassen wird.« – »Tue, was du für das Richtige hältst; jetzt aber verabschiede mich. Ich muß allein sein. Ihr findet den Weg aus dem Garten auch ohne mich.«
Platen reichte dem Freund die Hand und entfernte sich leise. Kurt schlich sich mit dem Schlosser nach der Mauer zu. Dort angekommen, horchten beide, ob jenseits alles sicher sei. Da vernahmen sie Schritte, die sich näherten. Man konnte ganz deutlich hören, daß zwei Personen sich Mühe gaben, so unhörbar wie möglich das Pförtchen zu erreichen.
»Halt, man kommt!« flüsterte Kurt. »Warten wir!«
Es wurde ein Schlüssel in die Pforte gesteckt, sie öffnete sich, und zwei Männer traten ein. Während der eine den Eingang wieder verschloß, fragte der andere mit halblauter Stimme, die Kurt bekannt vorzukommen schien:
»Es wird doch niemand im Garten sein?« – »Kein Mensch«, antwortete der zweite. – »Man wird uns nicht belauschen?« – »Ganz sicher nicht. Man glaubt doch, daß ich bis Mitternacht in Köln bin. In meinem Gartenhaus sucht man mich nicht. Kommen Sie!«
Derjenige, der jetzt sprach, war auf jeden Fall der Bankier. Wer aber war der andere? Beide Männer schritten miteinander dem Gartenhäuschen zu, in dessen Inneren sie verschwanden, nachdem man das leise Klirren der Eisenstange und der Schlösser vernommen hatte.
»Kehren Sie einstweilen nach dem Gasthof zurück; ich komme nach!« flüsterte Kurt dem Schlosser zu.
Dieser stieg behutsam über die Mauer; Kurt aber schlich sich unhörbar nach dem Häuschen hin, um womöglich das Gespräch der Männer zu belauschen. Es handelte sich hier auf jeden Fall um eine Heimlichkeit, um ein Unternehmen, welches das Licht zu scheuen hatte, und es konnte von großem Vorteil sein, etwas davon zu vernehmen.
Die Läden der Fenster schlossen so gut, daß auch nicht der feinste Lichtstrahl hindurchdringen konnte, und obgleich Kurt sein Ohr hart daran hielt, vernahm er doch nichts als ein leises Geflüster, das fast gegen eine Stunde währte, von dem er aber doch nicht ein einziges Wort verstehen konnte. Die beiden Männer befanden sich in dem hinteren Zimmer, in dem die Schwarzwälder Uhr hing. Endlich hörte der Lauscher das Rücken von Stühlen, und da er aus demselben schloß, daß die geheimnisvollen Personen jetzt aufbrechen würden, so eilte er an die Mauer zurück, um vielleicht doch noch etwas zu vernehmen, denn es ist nicht selten, daß man beim Abschied den Inhalt eines Gespräches ganz unwillkürlich noch einmal kurz rekapituliert.
Hart an dem Pförtchen stand ein Holunderbusch. Kurt kroch unter die Zweige desselben und legte sich zur Erde nieder. Kaum war dies geschehen, so kamen die beiden langsam herbei. An der Pforte blieben sie stehen, so daß Kurt sie hätte mit der Hand erreichen können und er jedes ihrer Worte zu verstehen vermochte.
»Also die Papiere liegen wirklich sicher bei Ihnen?« fragte der Fremde. – »Ja, keine Sorge!« antwortete der Bankier. »Es gibt in meinem Gartenhäuschen ein Versteck, das kein Mensch finden wird; dort sind sie schon aufgehoben, bis der Bote kommt und sie abholt.« – »Also sagen Sie ihm, daß er nach Berlin eilen solle. Ich weiß bestimmt, daß dort heute ein Emissär Rußlands eingetroffen ist, der ihn unter dem falschen Namen Helbitoff erwarten wird. Mir war es unmöglich, länger in Berlin zu bleiben. Ich mußte fliehen und habe seit gestern bemerkt, daß man mich scharf verfolgt. In welchem Gasthaus Helbitoff logieren wird, weiß ich nicht; die Fremdenliste wird es sagen; er hat einen Paß als Pelzhändler und trägt die Papiere im Futter seines Hutes bei sich. Was Sie mir zu sagen haben, schreiben Sie mir unter der Adresse des Grafen Rodriganda nach Spanien; ich werde längere Zeit bei ihm sein.« – »Ich werde es tun, denn ich halte es mit unserer alten Regierung und mag von Preußen nichts wissen. Aber wird man Wort halten?« – »Wird Preußen gestürzt, so erhebt sich ein neues Königreich Westfalen, dessen Finanzminister Sie werden. Man dürstet in Frankreich nach Rache für Sadowa. Napoleon suchte Österreich an sich zu ketten, indem er einen der Erzherzöge zum Kaiser von Mexiko machte. Und selbst, wenn dies mißglückte, würde sich ein Grund finden lassen, mit dem übermütigen Preußen anzubinden. Vielleicht geben die spanischen Wirren einen Vorwand. Rußland wird so lange bearbeitet, bis es in ein Bündnis mit Frankreich gegen Preußen willigt. Vielleicht enthalten die geheimen Depeschen, die dieser Helbitoff bei sich führt, bereits die Zustimmung. Ich hatte den Auftrag, die Stimmung der Mittelstaaten zu sondieren; da jedoch die Polizei auf meinen Fersen ist, muß ich mich schleunigst über die Grenze retten. Jetzt wissen Sie alles. Gute Nacht!« – »Gute Nacht!«
Mit diesen Worten schloß der Bankier das Pförtchen auf und ließ den anderen hinaus. Dieser war kein anderer als der Seeräuber Landola, der falsche Kapitän Parkert. Welch ein Zusammentreffen! Sollte Kurt aufspringen und ihn festnehmen? Das Terrain war nicht zu einem Kampf geeignet. Landola befand sich bereits außerhalb der Mauer, und wenn es auch gelang, hinauszuspringen und ihn zu überwältigen, so behielt der Bankier, durch den Kampf gewarnt, vollständig Zeit, die Papiere, von denen die Rede gewesen war, entweder zu vernichten oder in ein anderes Versteck zu bringen. Aus diesen Gründen war es ratsam, ihn einstweilen laufenzulassen.
Der Bankier verschloß die Pforte wieder und begab sich nach dem Gartenhäuschen zurück. Dort blieb er längere Zeit, und Kurt nahm an, daß er die betreffenden Papiere hinter die Uhr verstecken werde.
Endlich, es war bis gegen Mitternacht, trat Wallner aus dem Häuschen, verschloß es und verließ den Garten durch das Pförtchen. Jedenfalls wollte er nun so tun, als ob er vom Bahnhof komme. Kurt sprang über die Mauer und folgte ihm. Der Bankier ging durch einige Gassen und blieb dann vor einem Gasthof dritten Ranges stehen, dessen Fenster er sorgfältig musterte.
Sollte hier Landola logiert haben? So fragte sich Kurt. Warum hat Wallner sonst die Fenster beobachtet! Übrigens war es gar nicht nötig, diesem letzteren länger zu folgen. Darum wartete Kurt, bis er sich entfernt hatte, und trat dann in das Gastzimmer, wo noch Gäste vorhanden waren.
Er ließ sich ein Glas Bier geben und fragte die Wirtin, die den Trank brachte:
»Haben Sie heute viele Gäste, Madame?« – »Nein, nur zwei Frauen.« – »Keine Herren?« – »Bis vor einer Viertelstunde hatten wir einen; er entschloß sich aber ganz unerwartet, abzureisen.« – »Mit der Bahn?« – »Nein. Wir mußten ihm den Lohnkutscher Feller besorgen.« – »Wohin?« – »Nach Kreuznach.«
Kurt ließ sich diesen Gast beschreiben und gelangte zu der Überzeugung, daß es allerdings Landola gewesen sei. Er bezahlte, trank sein Bier aus und begab sich sofort auf die Polizei, wo man ihn nach dem Grund seines Besuches fragte.
»Ich bin Oberleutnant Helmers aus Rheinswalden«, sagte er. »Sie wissen, daß von Berlin aus ein Mensch verfolgt wird, der dort unter dem Namen eines amerikanischen Kapitäns Parkert wohnte?« – »Allerdings. Wir erhielten den Steckbrief gestern«, antwortete der Beamte. – »Er war heute hier.« – »Ah, nicht möglich!« klang es erstaunt.
Kurt nannte den betreffenden Gasthof, erzählte, was er dort erfahren hatte, und beantragte eine sofortige Verfolgung des Flüchtlings. Der Beamte versprach, sein möglichstes zu tun, und machte sich sogleich selbst auf den Weg nach dem Gasthof. So hatte Kurt seiner nächsten Pflicht Genüge geleistet und konnte nun auch die zweite erfüllen.
Er begab sich nach dem Telegrafenamt. Der Telegrafist wurde geweckt und erstaunte nicht wenig, als er folgenden Wortlaut von Kurts Depesche las:
»Herrn von Bismarck, Berlin.
Russischen Pelzhändler Helbitoff in irgendeinem Gasthof sofort arretieren. Geheimer Emissär. Papiere im Futter seines Hutes.
Kurt Helmers.«
»Und dieses Telegramm soll ich wirklich abschicken?« fragte der Fernschreiber erstaunt. – »Allerdings. Ich gebe es ja zu diesem Zweck auf.« – »Aber, Herr, wer sind Sie, daß Sie einen so hohen Herrn des Nachts …« – »Das geht Sie nichts an«, unterbrach ihn Kurt. »Ich mache Sie überhaupt auf die Pflicht der dienstlichen Verschwiegenheit aufmerksam. Sie wissen, welche Verantwortung auf Ihnen liegt.«
Er bezahlte sein Telegramm und ging. Jetzt erst konnte er seinen Gasthof aufsuchen, um nach Hause zu reiten, während der Schlosser, reich belohnt und zur Verschwiegenheit ermahnt, seinen Weg zu Fuß zurücklegte.
20. Kapitel
Am anderen Vormittag befand Leutnant Platen sich im Kontor bei seinem Oheim. Sie sprachen über die Erbschaftsangelegenheit, die den ersteren von Berlin herbeigeführt hatte, und der Bankier bemerkte dabei, daß sein Neffe heute ein ganz anderer als sonst sei. Da trat der Kontordiener herein und meldete:
»Herr Wallner, ein Offizier wünscht Sie zu sprechen. Hier ist seine Karte.« – »Jedenfalls wieder ein Darlehn«, meinte der Bankier zu Platen. »Diese Herren brauchen stets mehr, als sie einnehmen.« – »Gilt das auch mir?« fragte der Leutnant. – »Glücklicherweise nicht. Du bist allerdings auch so gut fundiert, daß du keines Vorschusses bedarfst. Hier handelt es sich jedenfalls um einen adligen, sehr vornehmen und auch ebenso derangierten Herrn, der …« Er hielt mitten in der Rede inne. Er hatte die Karte aus der Hand des Dieners genommen und einen Blick auf dieselbe geworfen. Sein Gesicht nahm für einen Augenblick lang den Ausdruck des Nachsinnens an, dann jedoch flog ein rasches Rot über seine bleichen Züge. Er schien sich fassen zu müssen und sagte mit unsicherer Stimme:
»Ah, da irre ich mich! Ein Bürgerlicher! Kurt Helmers, Leutnant! Kennst du vielleicht diesen Herrn?«
Platen war überrascht. Also so schnell hatte Kurt seinen Entschluß gefaßt? Der Leutnant erhob sich und antwortete:
»Ich kenne ihn sogar sehr gut; er ist mein intimster Freund.« – »Ah! Woher stammt er?« – »Aus Rheinswalden.«
Bei dieser Antwort beobachtete Platen seinen Oheim scharf und bemerkte, daß ein leiser Schreck über das Gesicht desselben zuckte. Doch der Bankier nahm sich zusammen und sagte in einem Ton, der leicht und unbefangen klingen sollte:
»So bin ich neugierig, was er bei mir will. Du stehst auf? Ich hoffe, du bleibst, denn es wird dir angenehm sein, einen Freund und Kameraden zu begrüßen. Er mag kommen.«
Diese letzteren Worte waren zu dem Diener gesprochen. Dieser entfernte sich und ließ Kurt eintreten, der in Uniform erschien.
»Herr Bankier Wallner?« fragte er. – »Der bin ich, Herr Leutnant«, antwortete der Gefragte, den Angekommenen mit scharfem Blick fixierend, wie um zu sehen, was er von ihm zu erwarten habe.
Dieser war mit einer sehr ernsten Miene eingetreten, die sich jedoch sofort aufheiterte, als er den Freund erblickte.
»Ah, lieber Platen, du hier?« sagte er. »Ich sage dir guten Morgen.« – »Ich danke dir«, antwortete Platen. Ich vermute, daß du mit dem Onkel allein zu sprechen hast, und will nicht stören, aber ich ersuche dich, mich dann auf meinem Zimmer aufzusuchen.« – »Ich werde dies gern tun, wenn Herr Wallner mir die Erlaubnis dazu nicht vorenthält.« – »Dieser Erlaubnis bedarf er wohl gar nicht«, meinte der Bankier. Und sich an seinen Neffen wendend, fügte er hinzu: »Übrigens sehe ich nicht ein, warum du dich entfernen willst. Der Herr Leutnant wird kommen, um mich um einen Vorschuß zu ersuchen, den ich ihm auch gewähren werde, da er dein Freund ist, das ist alles.«
Platens Stirn rötete sich in zorniger Verlegenheit, als er antwortete:
»Helmers hat jedenfalls nicht nötig, dich um einen Vorschuß zu ersuchen. Es scheint mir nötiger zu sein, mich um deinet- als um seinetwillen zurückzuziehen.« – »Ah, was soll das heißen?« fragte Wallner. »Jetzt verlange ich wirklich, daß du bleibst. Ich denke, nicht nötig zu haben, deine Gegenwart zu scheuen.«
Platen warf einen fragenden Blick auf Helmers, und dieser meinte darauf unter einem gleichgültigen Achselzucken:
»Mir ist es gleich, ob du anwesend bist oder nicht. Ich komme, um eine sehr einfache Bitte auszusprechen, die allerdings keinen Vorschuß betrifft.« – »So sprechen Sie!« sagte der Bankier, dem es bei den Worten Kurts leichter um das Herz wurde. Eine einfache Bitte konnte unmöglich die Auslieferung eines Wertes von Millionen betreffen.« – »Sie erlauben mir zuvor, Platz zu nehmen«, erinnerte Kurt ihn an die verletzte Höflichkeit. Und nachdem er sich gesetzt hatte, fuhr er fort: »Ich komme nämlich, Sie um die Auslieferung einiger Aktenstücke zu ersuchen, Herr Wallner.«
Der Bankier lächelte, schüttelte den Kopf überlegen und antwortete:
»Da haben Sie jedenfalls den Ort verfehlt, Herr Leutnant. Ich bin kein Aktenschreiber und kein Jurist.« – »Ich weiß das«, sagte Kurt kalt. »Da Sie mich in dieser Weise mißverstehen, so sehe ich mich gezwungen, mich Ihnen deutlicher zu erklären. Sie hatten gestern abend Besuch?« – »Besuch? Nein. Ich war im Gegenteil verreist.« – »Verreist nach Köln etwa? Daran glaube ich nicht. Sie hatten den Besuch eines gewissen Kapitän Parkert.«
Der Bankier entfärbte sich und fuhr zurück.
»Herr«, stotterte er, »was fällt Ihnen ein?« – »Dieser Parkert brachte Ihnen geheime Depeschen, um deren Auslieferung ich Sie ersuche«, fuhr Kurt ruhig fort.
Platen hörte mit außerordentlicher Spannung zu. Das hatte er nicht erwartet. Er hatte geglaubt, Helmers werde von den Juwelen anfangen, und nun sprach er von Depeschen und von jenem Kapitän Parkert. Wallner starrte den Sprecher mit offenen Augen an und rief:
»Aber ich verstehe Sie nicht! Ich weiß von keinem Parkert und von keinen Depeschen etwas!« – »Sie werden sich noch besinnen«, lächelte Kurt. »Zunächst will ich Ihnen sagen, daß dieser Parkert nicht nach Rodriganda kommen wird, denn man ist auf meine Veranlassung hart hinter ihm her. Und sodann mögen Sie erfahren, daß sich ein gewisser Pelzhändler Helbitoff jetzt jedenfalls bereits hinter Schloß und Riegel befindet.«
Da sprang der Bankier auf. Er hatte Mühe, das Zittern der Angst zu verbergen.
»Ich sagte bereits, daß ich Sie gar nicht verstehe!« beteuerte er. – »Nun wohl, so gehe ich wieder«, erklärte Kurt, indem er sich erhob. »Ich kam als Herrn von Platens Freund, um Sie zu schonen; da Sie dies nicht anerkennen, so werden Sie an meiner Stelle die Polizei erscheinen sehen.« – »Ah, Sie wollen mir drohen? Ich fürchte Sie nicht!« – »Man wird suchen!« – »Man wird nichts finden!« – »Pah! Fühlen Sie sich nicht zu sicher! Man wird nicht bloß hier im Haus suchen!« – »Wo noch, Herr Leutnant?« fragte Wallner mit einem höhnischen Lachen, dem aber die geheime Angst anzuhören war. – »Im Garten.« – »Meinetwegen!« – »Sogar im Gartenhaus.« – »Immerzu!« – »Hinter der Schwarzwälder Uhr.« – »Ver …«
Der Fluch blieb dem Bankier im Munde stecken. Er machte ein Gesicht, als ob er einen Keulenschlag erhalten habe.
»Sie sehen, daß ich so ziemlich allwissend bin«, fuhr Kurt fort. »Ich habe die bewußten Papiere an Herrn von Bismarck auszuliefern. Wollen Sie mir dieselben freiwillig überlassen oder nicht?« – »Ich weiß von keinen Papieren!« stieß der Bankier hervor. – »Gut, so wird man hinter der Uhr suchen und nicht nur diese Papiere finden!« – »Was sonst noch?« – »Eine Sammlung von Juwelen, die unterschlagen wurden und deren rechtmäßiger Besitzer vor Ihnen steht. Wollen Sie noch nicht bekennen?«
Da wankte Wallner; er mußte sich an der Lehne seines Stuhles festhalten.
»Ich bin verloren!« stöhnte er. – »Noch nicht«, meinte Kurt ernst, aber mild. »Es gibt keinen Fehler, der nicht vergeben werden könnte, sobald er nur bereut und eingestanden wird. Daß Sie mir mein Eigentum vorenthalten haben, werde ich Ihnen verzeihen, sobald Sie es mir wieder zurückerstatten. Und das andere läßt sich vielleicht noch arrangieren. Herr von Platen kann nicht weiter dienen als Neffe eines Mannes, der sich des Hochverrats schuldig macht. Ich werde aus Rücksicht auf den Freund nach einem Ausweg suchen.« – »Des Hochverrats?« fragte Platen erstaunt. – »Allerdings«, antwortete Kurt. »Sprich mit deinem Onkel. Ich werde mich einstweilen in das Nebenzimmer zurückziehen.«
Er schritt ohne eine Wort abzuwarten, zur Tür hinaus. Im Vorzimmer nahm er auf einem Sessel Platz und wartete. Er hörte die Stimmen der beiden, bald leiser, bald lauter. Es verging eine lange Zeit, bis die Tür geöffnet wurde und Platen ihn bat, einzutreten. Man sah es dem letzteren an, daß er einen schweren Kampf gekämpft habe. Wallner saß wie zerschlagen auf einem Stuhl und holte Atem wie ein Fiebernder. Beim Eintritt Kurts erhob er sich und sagte mechanisch, als hätte er es auswendig gelernt:
»Herr Leutnant, ich erhielt vor längerer Zeit eine Sendung aus Mexiko. Trotz aller Mühe, den Adressaten ausfindig zu machen, ist dies mir erst heute gelungen. Sie sind es. Ich werde Ihnen die Sendung unbeschädigt übergeben.« – »Ich danke Ihnen«, meinte Helmers einfach.
Nach einer Pause, während welcher Wallner nach Luft zu schnappen schien, fuhr er fort:
»Vor einiger Zeit deponierte ein Unbekannter, der sich Parkert nannte, etliche Schriften bei mir. Ich kenne ihren Inhalt nicht, weiß aber, daß ein gewisser Helbitoff ihn erfahren soll. Die Schriften sollten abgeholt werden. Von wem, das weiß ich nicht. Da Sie mir versichern, daß ihr Inhalt ein für mich gefährlicher sei, so bin ich froh, sie Ihnen überliefern zu dürfen, und gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich niemals ein solches Depositum wieder annehmen werde. Wollen Sie sich mit nach dem Gartenhaus bemühen?« – »Gern, Herr Wallner.«
Der Bankier schritt voran, und die anderen folgten ihm. Sie verließen das Zimmer und begaben sich durch den Garten nach dem Gartenhäuschen. Dort öffnete der Bankier und führte sie in die dritte Stube, nahm die Uhr von der Wand und sagte:
»Nehmen Sie, Herr Leutnant.«
Kurt griff zu. Er fand außer dem Kästchen und den gestern abend dabei befindlichen Dokumenten noch einen Pack anderer Papiere, den er öffnete, um Einsicht zu nehmen. Es waren jedenfalls diejenigen Schriftstücke, die Parkert gebracht hatte.
»Ist der Inhalt wirklich so wichtig?« fragte Platen. – »Außerordentlich!« Kurt bemerkte, daß Wallner sich entfernt hatte, und fuhr daher fort: »Es handelt sich um eine großartige Koalition gegen Norddeutschland oder vielmehr Preußen. Einer der Hauptträger derselben war jener Kapitän Parkert, den die Herren von der Garde so scharfsinnig waren, in ihr Kasino einzuladen – eine unsterbliche Blamage, wahrhaftig! Mich wollte man hinausmaßregeln! Ich jagte ihm seine geheimen Depeschen ab. Dies war das Verdienst, von dem gesprochen wurde und das mir den Roten Adler einbrachte, den ich tragen werde, bis er schwarz wird. Gestern abend, als du von mir gingst, war ich so glücklich, diesen Parkert mit deinem Oheim zu belauschen, der sich in diese Agitation eingelassen hat, weil man ihm versprach, daß er Finanzminister eines neuen Königreichs Westfalen werden solle.« – »Der Unglückliche!« – »Nicht unglücklich, sondern kurzsichtig und leichtgläubig. Ich bin gezwungen, diese Skripturen abzuliefern, aber ich werde mein möglichstes tun, ihn zu retten.« – »Tue es, Kurt! Du verdienst dir einen Gotteslohn! Ich habe hart mit ihm zu kämpfen gehabt, aber er hat mir versprochen, daß er sich in Zukunft hüten werde. Nimm dein Eigentum und laß mir das Bewußtsein, daß ich dir für die Gnade danken darf, die du an meinem Verwandten übst!«
Er ergriff das Kästchen, während Kurt die Dokumente nahm, und beide verließen das Gartenhaus, ohne den Bankier zu erblicken. Sie begaben sich nach Platens Zimmer, wo Kurt die eroberten Schriftstücke in einem Paket vereinigte. Noch war er damit beschäftigt, als der Kontordiener erschien.
»Herr von Platen, schnell, schnell, kommen Sie herab zu Herrn Wallner!« rief er. – »Was will er?« fragte Platen. – »Was er will? Oh, nichts, gar nichts will er. Ich denke nur, er ist – er ist …« – »Nun, was ist er?« – »Er ist – krank geworden, sehr krank.« – »Was fehlt ihm? Holt den Arzt.« – »Oh, der Arzt kann ihm nicht mehr helfen.«
Da fuhr Platen auf, sah den Diener starr an und fragte:
»Nicht mehr helfen? Ah, was ist geschehen? Wo ist der Oheim?« – »In seiner Kontorstube. Ich sollte ihm einen Herrn melden, und als ich eintrat, da lag er im Stuhl – und …« – »Nun, und …« – »Und war tot.« – »Unmöglich! Wir haben ja soeben erst mit ihm gesprochen! Ich komme gleich hinab, sogleich!«
Er ging; Kurt blieb zurück. Nach einiger Zeit kam Platen wieder, ernsten, bleichen Angesichts, schritt einige Male im Zimmer auf und ab und sagte dann:
»Du hast recht, lieber Kurt, kurzsichtig war er. Das beweist auch diese letzte Handlung. Er hat nicht gewußt, wo aus, noch ein. Oder hat er den Verlust des ungerechten Gutes nicht überleben mögen? Er ist in seinen Sünden hingegangen. Gott sei seiner armen Seele gnädig!«
Eine Viertelstunde später befand Kurt sich auf dem Heimweg. Sein Pferd trug nicht bloß ihn, sondern auch den Inhalt des hinter der Schwarzwälder Uhr befindlichen Loches. Er hatte ein Vermögen bei sich; mehr wert als dieses waren ihm aber die geheimen Depeschen, durch deren Überreichung er sich dankbar beweisen konnte für die Auszeichnung, die ihm zuteil geworden.
Er stieg natürlich zuerst bei seiner Mutter ab. Welche Augen machte die gute Frau, als er das Kästchen öffnete und sie die funkelnden Geschmeide erblickte. Bald aber stürzten Tränen aus ihren Augen. Sie umarmte ihren Sohn und rief aus:
»Das mag viel, sehr viel wert sein, tausendmal lieber aber wäre es mir, wenn dein Vater gekommen wäre. Tue mit diesen Dingen, was du willst, ich aber mag nichts davon sehen.«
