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Kitabı oku: «Waldröschen VII. Die Abenteuer des schwarzen Gerard 2», sayfa 8

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12. Kapitel

Als Andre drüben in das Gastzimmer trat, befand sich der Wirt noch allein in demselben. Er nickte dem Jäger verständnisinnig zu und fragte:

»Nun, habt Ihr mit ihr gesprochen?«

Der Jäger nahm Platz, nickte mit dem Kopf und antwortete:

»Ja.«

Das war ein sehr einfaches Wort, aber seine Augen glänzten dabei so hell, als spreche er von einem außerordentlichen Glück. »So gesteht mir offen, daß Ihr ein Bote des Präsidenten seid!« – »Nun meinetwegen! Die Señorita hat mir gesagt, daß man sich auf Euch verlassen kann, und so will ich Euch denn nicht länger belügen.« – »Also doch! Juarez hat Euch gesandt?« fragte der Wirt sehr leise, aber mit einem Gesicht, in dem sich die lebhafteste Freude spiegelte. – »Ja.« – »Wo befindet er sich? Noch in Paso del Norte?« – »Nein. Als ich ihn verließ, zog er nach Fort Guadeloupe, um dort die Franzosen zu empfangen, die ausgezogen sind, das Fort zu nehmen.« – »Da haben wir doch richtig vermutet, als wir ahnten, daß dieser Zug abermals gegen das Fort gerichtet sei. Aber wird es Juarez gelingen?« – »Es ist ihm jedenfalls geglückt. Jetzt befindet er sich wieder unterwegs nach Chihuahua.«

Der Wirt sprang vor Freude empor, nahm aber sofort wieder Platz und fragte:

»Nach hier? Ist das wahr, Señor?« – »Ja.« – »Gott sei Lob und Dank! Endlich geht diese Not zu Ende. Wann wird er kommen?« – »Vielleicht morgen oder übermorgen schon.« – »So bald? Señor, Ihr bereitet mir da eine Freude, für die ich Euch gar nicht genug danken kann. Ich werde eine Flasche von meinem Festwein holen.« – »Ich danke Euch; ich habe soeben Wein getrunken.« – »Bei der Señorita? Ah, Ihr sollt nicht sagen, daß ich dem Präsidenten weniger ergeben bin als sie. Ich werde zwei Flaschen holen. Aber hier können wir sie unmöglich trinken. Wollt Ihr wirklich nun hierbleiben?« – »Die Señorita hat mir geraten, ein separates Zimmer zu nehmen.« – »Das ist klug. Da können wir unbeobachtet sprechen und trinken. Leider bleibt Ihr nur bis zum Abend hier. Ich wollte, Eure Zeit erlaubte es, daß…« – »Ich werde länger dableiben«, unterbrach ihn der Kleine. – »Ah, wirklich?« – »Ja; ich habe nach Mitternacht noch eine Unterredung mit der Señorita.« – »Das ist gut. Ich werde Euch bis dahin so gut unterbringen, daß kein Mensch etwas von Eurer Anwesenheit ahnt, mein lieber Señor.« – »Aber mein Pferd…« – »Oh, nach dem wird kein Franzose fragen, und es soll gut abgewartet werden. Wollt Ihr die Güte haben, mir zu folgen? Wir sind gerade jetzt unbeobachtet.«

Es gab über dem Stall eine kleine, ziemlich verborgene Stube, nach der sich die beiden begaben. Der Wirt brachte zwei Flaschen seines Festweines herbei, und so plauderten sie beim Glas, bis die Nachricht kam, daß sich die Gaststube nach und nach mit französischen Gästen füllte.

»Jetzt muß ich leider fort«, meinte der Mexikaner. »Es tut mir herzlich leid, Euch so einsam hier zurücklassen zu müssen.« – »Darüber betrübt Euch ja nicht, Señor«, lachte der Jäger. »Unsereiner weiß sich schon gut zu unterhalten.« – »Aber Ihr habt doch keinen Gesellschafter hier.« – »O doch, und zwar einen höchst guten und anständigen.« – »Wen denn?« – »Na, mich selbst Ich werde mich mit diesem Kerl ganz gut unterhalten. Ich werde nämlich schlafen. Aber ich bitte Euch, dafür zu sorgen, daß ich die Mitternacht nicht verschlafe.« – »Habt keine Sorge; ich werde zur rechten Zeit kommen, um Euch zu wecken.«

Sie trennten sich. – Die Sonne war eben im Untergehen. André blickte zum Fenster hinaus und murmelte:

»Dem heutigen Tag geht es ganz so, wie hier unserer zweiten Flasche, er und sie werden alle. Hinunter mit dem letzten Tropfen! Mir ist ganz eigentümlich zumute, ganz anders als damals, als ich in die Apotheke ging, um mir das Rattengift zu holen. Im Kopf ist es, als ob ich eine Pferdeherde drin hätte, die im Kreis herumgaloppiert, und in den Beinen – oh, die werden immer krümmer und krümmer und immer dümmer und dümmer. Emilia, Señorita Emilia, entweder bin ich verliebt, oder – oder – oder betrunken.«

Er schwankte, nachdem er die Tür verriegelt hatte, zum Lager, das aus Heu bestand, legte sich nieder und war bald entschlafen. Der ungewohnte Wein war rasch Herr des wackeren Jägers geworden, der in einem Zug fort schlief, bis ihn ein Klopfen an der Tür erweckte.

»Señor, Señor!« rief es halblaut draußen.

Der Jäger richtete sich auf. Es war vollständig dunkel um ihn, doch besann er sich augenblicklich, wo er sich befand, erhob sich, schritt zur Tür und fragte:

»Wer ist da?« – »Ich. Macht auf.«

Er erkannte die Stimme des Wirts und öffnete. Der letztere trat ein, eine kleine Laterne in der Hand, und fragte:

»Habt Ihr gut geschlafen, Señor?« – »Ausgezeichnet bis jetzt. Welche Zeit haben wir?« – »Soeben ist Mitternacht vorüber.« – »Sind Eure Gäste fort?« – »Ja. Es hat eine arge Prügelei gegeben, aber das tut nichts. Der Präsident ist in der Nähe, und dann werden wir diese Gäste los. Wollt Ihr mir folgen?« – »Ja. Aber – hm, wollt Ihr nicht vorher so gut sein und mir das Heu von dem Habit putzen? Ihr wißt, wenn man zu einer Dame geht …« – »Weiß, weiß es, Señor.«

Rasch reinigte der Wirt seinen kleinen Freund von den Halmen und führte ihn dann bis auf die Gasse.

»Drüben ist die Tür geöffnet«, sagte er leise. – »Ob sie bereits daheim sein wird?« – »Ja. Ich habe aufgepaßt. Sie ist vor fünf Minuten zurückgekehrt.« – »So muß ich mich beeilen.« – »Ja, geht. Ich werde in der Gaststube Eure Rückkehr erwarten.«

André schritt über die dunkle Gasse hinüber. Als er in den Flur trat, wurde die Tür sofort hinter ihm geschlossen.

»Wer ist da?« fragte er betroffen. – »Ein Freund«, antwortete es. »Ich bin es, der Hausmeister. Ich mußte Euch erwarten.«

Zu gleicher Zeit wurde ein Zündholz angebrannt und an demselben eine Kerze. Jetzt erkannte André den Alten, der ihn nach oben brachte, wo ihn dieselbe Zofe erwartete, die ihn abermals in das Zimmer führte, wo er bereits gewesen war.

Dort saß Emilia. Sie trug noch den Anzug, in dem sie zur Tertullia gewesen war. Der brave André hatte noch nie eine Dame in solcher Toilette gesehen. Er stand wie geblendet, wie bezaubert vor ihr, die ihm ihre Hand entgegenreichte.

»Da seid Ihr wieder«, sagte sie, »was habt Ihr unterdessen angefangen?« – »Geschlafen«, antwortete er.

Das war ein höchst prosaisches Wort, während es ihm doch so hochpoetisch zumute war. Sie lächelte gütig und meinte mit einem bezaubernden Kopfnicken:

»Daran habt Ihr sehr recht getan, da Ihr die Nacht zum Ritt braucht.« – »So meint Ihr also, daß ich jetzt fortreiten kann?« – »Ja, Ihr müßt sogar.«

Emilia sagte dies in einem so ernsten Ton, daß er sofort fragte:

»Es ist etwas passiert, Señorita?« – »Ja, etwas sehr Schlimmes.« – »Sagt schnell, was? Betrifft es den Präsidenten?« – »Direkt glücklicherweise nicht, sondern die vierzig Gefangenen.« – »Alle Teufel! Will man ihnen an das Leben?« – »Gerade dieses ist es. Ihr habt es erraten. Seht, das ist der einzige Vorteil, den mir meine Schönheit bringt. Man kann mir nicht widerstehen, wenn ich etwas erfahren will. So habe ich heute gehört, daß dieser Oberst Laramel der Überbringer eines Befehls ist, daß jeder Republikaner als Bandit zu behandeln sei und sofort erschossen werden soll, nachdem man seiner habhaft geworden ist.« – »Wer hat ihn gegeben?« – »Das Generalkommando, also Bazaine. Er ist heute dem Kommandanten überbracht worden, und übermorgen, kurz vor Tagesanbruch, werden infolgedessen vierzig Familienväter von Chihuahua ermordet werden.«

Der kleine, aber sonst kühne Mann war bleich geworden.

»Mein Gott, wer kann, wer soll das verantworten!« rief er. – »Das geht uns nichts an. Für uns ist vielmehr die Frage, wie wir es verhüten können. Von morgen vormittag an werden die Verurteilten heimlich, ohne daß es ein Bewohner der Stadt oder einer ihrer Angehörigen ahnt, zum Tode vorbereitet. Nachts zwei Uhr werden sie dann in aller Stille vor die Stadt geführt und erschossen. Kann Juarez bis dahin eingetroffen sein?« – »Ja, möglich ist es.« – »Ob aber wahrscheinlich?« – »Señorita, ich werde sofort reiten und ihm alles mitteilen.« – »Sollte er nicht am Rendezvous eingetroffen sein, so reitet Ihr ihm entgegen.« – »Ja.« – »Gut. Ich werde warten bis nächste Mitternacht. Habe ich bis dahin noch keine Nachricht von dem Präsidenten, so werde ich die Armen auf andere Weise zu retten suchen.« – »Wie wollt Ihr dies anfangen?« – »Ich werde in aller Eile ihre Verwandten und alle treuen Anhänger des Präsidenten aufsuchen. Wir haben zwei Stunden Zeit. Dies genügt, um so viele bewaffnete Männer zusammenzubringen, als nötig sind, die Exekutionstruppe zu bewältigen.« – »Wie stark ist diese?« – »Nur eine Kompanie. Aber alle in Chihuahua anwesenden Offiziere sind dabei. Sie wollen freiwillige Zeugen dieses Exempels sein, das statuiert wird.« – »Wenn Juarez nicht eintreffen kann, wäre es da nicht besser, Ihr suchtet diese Hilfe zusammenzubringen?« – »Ich muß so lange wie möglich warten, ehe ich die Bürger in offene Empörung und Blutvergießen stürze. Juarez kann ja noch im letzten Moment kommen.« – »Ihr habt recht. Ich werde sofort aufbrechen.« – »Tut dies, Señor, und denkt daran, daß das Leben von vierzig Männern an Eurer Zuverlässigkeit hängt Bedürft Ihr vielleicht etwas?« – »Nein, ich danke, Señorita. Darf der Wirt wissen, um was es sich handelt?« – »Nein. Er ist treu, aber diese Angelegenheit ist zu wichtig.« – »Ich werde meine Pflicht tun. Verlaßt Euch auf mich.«

Emilia streckte André zum Abschied die Hand entgegen und sah ihm mit einem eigentümlichen Blick in das wetterharte, aber aufrichtige Gesicht.

»Ihr sagtet mir heute, daß Ihr für mich durch das Feuer gehen könntet. Ist dies wahr, Señor?« fragte sie. – »Ja.« – »Nun, so geht einmal für mich, wenn auch nicht durch das Feuer, sondern durch Bäche und Flüsse, über Berg und Tal, um Juarez herbeizuschaffen. Ich kann es Euch, der Ihr so anspruchslos seid, nicht lohnen – ah, und doch. Bringt Ihr mir rechtzeitig Hilfe zur Stelle, so werde ich Euch den Dienst bezahlen.« – »Señorita«, erwiderte er eifrig, »ich würde jede Bezahlung zurückweisen.« – »Oh, diejenige, die ich im Sinn habe, vielleicht nicht. Oder dennoch?« – »Was meint Ihr?« – »Bringt Ihr Juarez zur rechten Zeit, so gebe ich Euch hier in diesem Zimmer drei Küsse, so herzlich, so innig, als ob ich Eure Braut wäre.«

Da leuchteten seine Augen auf, und über seine ehrlichen, angenehmen Züge verbreitete sich ein freudiges Glänzen.

»Ist dies wahr, Señorita?« fragte er schnell. – »Ja. Ich gebe Euch mein Wort, und das werde ich halten.« – »So werde ich mir die Küsse holen, selbst wenn Juarez in Kalifornien wäre. Hilfe wird geschafft. Also spätestens bis Mitternacht?« – »Bis Mitternacht«, nickte sie. – »Gut! Adios, Señorita!«

Ehe Emilia antworten konnte, war André zur Tür hinaus, stürzte draußen an der Zofe vorüber und flog förmlich die Treppe hinunter.

»Schnell, um Gottes willen schnell!« rief er dabei dem Hausmeister zu, der herbeikam, um die Tür zu öffnen.

In gleicher Eile ging es über die Straße hinüber und in das Gastzimmer der Venta, wo der Wirt noch ganz allein bei der trüben Flamme eines Talglichtes saß.

»Nun?« fragte er. »Bleibt Ihr da?« – »Nein.« – »Ihr geht fort?« – »Ja, und zwar augenblicklich.« – »Habt Ihr noch etwas Neues erfahren?« – »Nur wenig. Wurde mein Pferd gefüttert und gehörig getränkt?« fragte André in fliegender Hast. – »Natürlich«, antwortete der Wirt. »Aber was habt Ihr? Ihr seid ja ganz aufgeregt und ganz und gar außer Atem.« – »Ich muß fort, schnell, schnell. Mein Pferd!«

Damit riß er dem Wirt das Licht aus der Hand und eilte mit demselben nach dem Hof.

»Wo ist das Pferd?« fragte er. – »Im Stall«, antwortete der nacheilende Mexikaner.

André sprang nach dem Stall.

»Um der Heiligen Jungfrau willen, Ihr werdet mir den Stall anzünden«, rief der Wirt. – »Schadet nichts! Er mag wegbrennen. Wenn ich nur mein Pferd habe.«

Er setzte das Licht nieder. Im Nu war der Gaul gesattelt und gezäumt und vor die Tür in den Hof gezogen.

»Was für ein Teufel ist denn in Euch gefahren, Señor?« fragte der Wirt verwundert. – »Der Reitteufel. Weshalb, das werdet Ihr später erfahren. Hier ist die Zeche.«

André griff in die Tasche und zog den Beutel.

»Unsinn«, meinte der Mexikaner. »Ich werde von Euch nichts nehmen.« – »Ah! Da!«

Bei diesem Wort drückte André dem Wirt etwas in die Hand und gab dem Pferd die Sporen, daß es hoch aufbäumte und dann über den Hof und zum Tor hinaus auf die Straße schoß. Als der nachspringende Wirt an das Tor kam, verklangen die Hufschläge des Pferdes bereits in der nächsten Straße.

»Was war das?« murmelte er. »Hatte dieser Mann Eile. Er kann sich und dem Pferd in dieser Dunkelheit den Schädel einrennen. Da muß etwas ganz Neues und Besonderes passiert sein.«

Jetzt hielt er die Hand an das Licht.

»O Santa Madonna – ein Nugget, so groß wie eine Haselnuß. Das ist unter Brüdern zwanzig Duros wert. Der Mann hat Gold. Gott behüte ihn heute nacht, daß er nicht den Hals bricht und die Beine dazu.«

13. Kapitel

Dieser fromme Wunsch war nicht ganz ohne Berechtigung. Der kleine Mann flog, sobald er die Stadt hinter sich hatte, wie der wilde Jäger längs des Chihuahua-Flusses dahin. Ein Glück war es, daß er während der Streifereien der letzten Tage die Gegend genau kennengelernt hatte.

Das Rendezvous, zwei Wegstunden von der Stadt gelegen, erreichte er in kaum einer halben Stunde. Hier hielt er an und ließ einige Male den lauten Ruf der Baumeule erschallen. Es ertönte keine Antwort.

»Sie sind noch nicht da. Vorwärts! Ihnen entgegen.«

Er ritt in ganz derselben Eile weiter, immer am Fluß hin. Gegen zwei Uhr begann es wenigstens so klar zu werden, daß er weiter als vorher blicken konnte, und eine Stunde später erreichte André die Stelle, wo der Fluß sich in den Rio Conchas ergießt. Dort hielt er an und sagte:

»Hier ist der verabredete Übergang. Ich muß nachsehen.«

Gleich darauf begann er, so gut es das Dunkel gestattete, die Umgebung zu untersuchen.

»Noch nicht dagewesen«, lautete das Ergebnis.

Dann stieg er wieder auf, ritt durch den Rio Conchas hindurch nach dem anderen Ufer und schlug eine Richtung ein, die zwischen diesem Ruß und dem Ort Chiricote nach Nordnordosten führt. Schon brach der Tag an.

Jetzt konnte er die Ebene, durch die er kam, genau beobachten. Er bemerkte nicht die geringste Spur der Gesuchten. So ritt er fort, bis in die späteren Stunden des Vormittags, still und einsam, und nur zuweilen flüsterte er:

»Drei Küsse! Ah, ich muß sie erhalten.«

Sein Pferd war dem Zusammenbrechen nahe. Es fand kaum noch Atem. Er merkte, daß es dem Tod nahe sei, daß es umstürzen werde, sobald er im Ritt einhalten werde, darum spornte er es immer wieder von neuem an.

Jetzt näherte er sich den Vorbergen, hinter denen der Rio Grande del Norte fließt. Da erblickte er eine lange, dunkle Linie, die aus einem Tal zwischen zwei Bergen sich hervorschlängelte. Er erhob sich in den Bügeln, um besser sehen zu können, und rief jauchzend:

»Sie sind es, sie sind es!«

Zu gleicher Zeit drückte er dem armen Pferd die Sporen tief, tief in die Weichen, es galoppierte nun nicht mehr, sondern es schoß vielmehr dahin.

Die Linie wurde deutlicher, kam immer näher. Jetzt waren die einzelnen Gestalten genau zu erkennen.

Voran ritten die Häuptlinge Büffelstirn, Bärenauge und Bärenherz als Eklaireure, eine Strecke weiter zurück folgte Juarez, der soeben mit Sternau in ein ernstes Gespräch vertieft war. Hinter ihnen die weißen Jäger und roten Indianer in einer langen, langen, schlangengleichen Gänsemarschlinie.

Man hatte den Reiter längst bemerkt.

»Wer mag es sein?« fragte Juarez. – »Uff!« rief Bärenherz. »Der kleine Mann!«

Sternau blickte schärfer hin und stimmte bei.

»Ja, wirklich, es ist der Kleine André, den Sie nach Chihuahua sandten, Señor.« – »Was will er hier? Warum kommt er uns entgegen?« fragte Juarez. – »Es muß etwas Wichtiges passiert sein.« – »Jedenfalls. Man wird es sogleich hören.«

Jetzt war der kleine Mann ganz nahe. Die Zunge hing seinem Pferd lang aus dem Maul; die Augen des Tieres waren mit Blut unterlaufen; es stöhnte wie eine Lokomotive und schnellte sich nur noch in einzelnen, konvulsivischen Sätzen vorwärts. Da, ganz nahe vor Juarez, tat es den letzten Satz.

»Um Gottes willen, herunter«, rief dieser.

Aber der Kleine André hatte den Sattel bereits verlassen und sprang mit unglaublicher Kühnheit seitwärts zur Erde, während sein Pferd sich überschlug und dann liegenblieb. Kaltblütig zog er darauf seine Pistole und jagte dem zu Tode gehetzten Tier eine Kugel durch das brechende Auge.

»Was fällt Euch ein, Señor André?« fragte der Präsident. »Das muß ja ein wahrer Höllenritt gewesen sein.« – »Allerdings, Señor«, antwortete der kleine Jäger. »Aber in einigen Minuten wird unsere ganze Truppe einen ähnlichen Ritt beginnen.« – »Wieso?« – »Señorita Emilia sendet mich. Vor neun Stunden ritt ich von ihr weg.« – »Unmöglich.« – »Seht mein Pferd an. Ich habe es zu Tode geritten.« – »So sagt den Grund.«

Die weißen Jäger hatten schnell einen Kreis gebildet, während die Indianer gleichmütig von weitem hielten.

»Kaiser Max hat ein Dekret erlassen, daß ein jeder Republikaner als Räuber zu behandeln und zu töten sei«, berichtete der kleine Jäger.

Die Augen des Präsidenten leuchteten auf.

»Ist dies wahr?« fragte er. – »Ja, Señor.« – »Das ist Wahnsinn. Er hat damit sein eigenes Todesurteil unterschrieben.« – »Aber zunächst dasjenige anderer Leute. Gestern kam nach Chihuahua der Befehl von Bazaine, alle gefangenen Republikaner zu töten.« – »Ah, sind Gefangene da?« fragte Juarez schnell. – »Ja, vierzig Familienväter.« – »Weiter! Weiter!« – »Diese vierzig Familienväter sollen nächste Nacht zwei Uhr erschossen werden.« – »Mein Gott! Was ist da zu tun? Sie müssen gerettet werden! Aber wie? Die Zeit ist ja viel zu kurz.« – »Darum darf eben keine Zeit verloren werden, Señor Juarez«, sagte Sternau schnell. »Wollen Sie mir die Fragen und das Weitere überlassen?« – »Ja, gern.«

Da wandte Sternau sich an den kleinen Jäger.

»Bitte kurze und bestimmte Antwort! Heute nacht zwei Uhr werden sie erschossen?« – »Ja.« – »Wo?« – »Vor der Stadt, am Fluß jedenfalls.« – »Wie lange seid Ihr geritten?« – »Neun Stunden.« – »So brauchen wir elf Stunden, wenn wir die Pferde nicht gerade totreiten wollen. Wie viele Truppen kommen zur Exekution?« – »Eine Kompanie und außerdem sämtliche Offiziere.« – »Ah, das ist gut. Es geschieht im geheimen?« – »Ja. Nur Señorita Emilia weiß es.« – »Sie ist‘s, die Euch gesandt hat?« – »Ja.« – »Wenn Ihr uns nun nicht zur rechten Zeit getroffen hättet?« – »Sie will warten bis Mitternacht, dann aber die Republikaner alarmieren.« – »Das würde ein großes Blutbad hervorbringen, denn diese guten Señores von Chihuahua scheinen keine großen Helden zu sein. Wie weit liegt unser Rendezvous von der Stadt?« – »Zwei Stunden.« – »Könnt Ihr den Ritt zurück aushalten?« – »Ja, Señor Sternau.« – »Gut! Hört, Señores, was ich Euch als das beste, was zu tun ist, vorschlage.«

Sie drängten sich alle um Sternau, und er begann:

»Zunächst muß Señorita Emilia schleunigst benachrichtigt werden, daß Hilfe kommt, damit sie keinen Stadtaufruhr erregt. Dann müssen die schnellsten unserer Reiter sich beeilen, noch vor zwei Uhr vor der Stadt anzulangen, um die Exekution zu verhindern. Und dann kommen die anderen nach, um sich mit diesen zu vereinigen. Die Botschaft an die Señorita wird Señor André übernehmen, und weil sie so wichtig ist und ihm leicht etwas zustoßen kann, werde ich selbst ihn begleiten. Kennt mein Bruder Bärenauge Chihuahua?« – »Mein Auge kennt das ganze Land«, antwortete der Häuptling. – »Nun, so mag mein Bruder unter Hilfe der anderen Häuptlinge die schnellsten Krieger bis vor Mitternacht an die Stadt bringen, wo ich sie am Wasser treffen werde. Die anderen, die nicht so schnelle Pferde haben, werden unter der Anführung von Señor Juarez nachkommen.« – »Nein!« rief Juarez. »Das kann ich nicht zugeben.« – »Warum?« fragte Sternau. – »Sie wollen, ich soll mich schonen; ich soll nicht mit kämpfen?« – »Allerdings. Ihr Leben ist zu kostbar, als daß es einer Kugel ausgesetzt werden darf.« – »Und dennoch reite ich mit dem ersten Trupp. Vielleicht wirkt mein bloßes Erscheinen mehr als alle Kugeln.« – »Das ist möglich, und darum mag es sein. Übrigens bleibt uns vor der Stadt noch immer Zeit, uns zu besprechen. Wer den letzten Trupp anführen soll, mag noch bestimmt werden. Ich habe keine Zeit dazu, ich muß fort. Hier, Señor André, nehmt mein Handpferd. Es ist noch frisch und wird den Ritt gut aushalten.«

André hatte seinem toten Pferd bereits Sattel und Zügel abgenommen und begann sogleich, dies dem angebotenen Pferd anzulegen.

Da drängte Juarez sein Pferd an dasjenige Sternaus heran.

»Señor«, sagte er halblaut, »könnten Sie mir eine Bitte erfüllen?« – »Reden Sie, Señor.« – »Ich möchte nicht so unerwartet über die Franzosen herfallen …« – »Ah, Sie sind edler als jene!« – »Ich achte das Völkerrecht. Sie kommen eher als ich nach Chihuahua. Wollen Sie dies mit übernehmen?« – »Sie meinen, ich soll den Kommandanten als Ihr Abgesandter aufsuchen?« – »Natürlich.« – »Wird man mich als solchen respektieren?« – »Ich hoffe es.« – »Was soll ich sagen?« – »Ich schlage ihnen freien Abzug vor. Alles andere überlasse ich Ihnen.« – »Gut. Aber soll ich verraten, daß wir von der Exekution wissen, die stattfinden soll?« – »Nein, kein Wort.« – »Und wie nahe wir sind?« – »Noch viel weniger.« – »So begreife ich meine Instruktion vollständig und hoffe, daß Sie mit mir zufrieden sein werden.« – »Ich bin überzeugt davon. Aber, Señor Sternau, gesetzt den Fall, den Sie erwähnten, daß man Sie nicht respektiert. Was dann?« – »Bah, das wird sich finden.« – »Wenn man Sie festnimmt, gefangenhält?« – »Das macht mir keine Sorge. Sollte mir aber dennoch so etwas passieren, so kann ich mich auf meine Freunde verlassen. Adieu, Señores.«

Sternau gab seinem Roß die Sporen und sprengte davon, an der Seite Andrés.

Diese beiden Männer boten einen eigentümlichen Anblick dar, Sternau, der hohe, breite, riesenhafte Mann neben dem kleinen Jäger; aber es war sich ein jeder seines Wertes bewußt und achtete den anderen.

Da sie beide Deutsche waren, so redeten sie in der heimatlichen Sprache miteinander; doch wurde nur das Nötigste besprochen.

Als sie bereits einige Minuten geritten waren, drehte Sternau sich um und bemerkte den Trupp der Besserberittenen, der ihnen bereits folgte.

»Jetzt ist es vormittags zehn Uhr«, sagte er. »Elf Stunden reiten wir; also werden wir abends neun Uhr in Chihuahua sein. Das genügt. Wissen Sie den Platz genau, auf dem die Exekution vorgenommen werden soll?« – »Nein«, antwortete André. – »Aber man wird ihn erfahren können?« – »Die Señorita wird es wissen.« —»Ich gehe mit zu ihr. Ich hätte Sie manches in Beziehung auf die Heimat zu fragen, aber es ist nicht die Zeit dazu. Bei der ungeheuren Schnelligkeit unseres Rittes ist es geraten, zu schweigen. Reiten wir hintereinander.«

So ging es fort, genau denselben Weg zurück; den Andreas herwärts gekommen war. Der Vormittag verging, die Sonne erreichte den Zenit; sie senkte sich wieder, ohne daß die beiden Reiter ihren Pferden Ruhe gönnten. Es war gewiß, daß die beiden Tiere vollständig unbrauchbar wurden, aber darauf durfte man heute nicht sehen.

Schon wurde es Abend, doch erst, als die beiden den Rio Conchas erreichten, hielten sie an, um die Pferde verschnaufen zu lassen und sie nicht so heiß in die Flut zu treiben. Dann aber ging es im Galopp weiter.

Als sie sich in der Nähe der Stadt befanden, fragte Sternau:

»Gibt es hier ein sicheres Versteck für die Pferde?« – »Ja. Aber wollen wir zu Fuß die Stadt erreichen?« – »Ja. Es ist besser, wir kommen möglichst unbemerkt.« – »So ist dort rechts ein Wald, in dem wir die Tiere anbinden können.«

Dies wurde getan. Dann ergriffen die beiden Männer ihre Waffen und schritten der Stadt entgegen, die sie an derselben Straße erreichten, durch welche gestern André ein- und ausgeritten war.

Dieser bog schweigend in die Seitengasse ein, und Sternau folgte ihm.

»Hier links ist die Venta, wo ich abstieg, Señor«, flüsterte der kleine Mann. – »Und das Haus der Señorita?« – »Hier rechts, das hohe, breite Gebäude.« – »Man sieht kein Licht, doch lassen Sie uns eintreten.« – »Die Zimmer haben Läden, die des Abends verschlossen werden.«

Es war sehr dunkel auf der Gasse. Die beiden Männer waren bisher keinem Menschen aufgefallen. Sie fanden das Tor des Hauses zugeklinkt, aber nicht verschlossen, und traten ein. Im Flur war es vollständig finster, aber ihr Eintritt wurde doch bemerkt, denn eine Stimme fragte:

»Wer kommt?« – »Wer ist da?« erwiderte der kleine Jäger. – »Der Hausmeister.« – »Ich bin es, André.« – »Oh, Gott sei Dank, Señor. Wir haben mit Schmerzen auf Euch gewartet. Habt Ihr das Tor wieder zugemacht?« – »Ja.« – »So kann ich das Licht anbrennen. Ich habe, Euch erwartend, seit Anbruch des Abends hier gestanden und glaubte, Ihr würdet nicht kommen.« – »Ist die Señorita daheim?« – »Ja. Sie befindet sich in einer beinahe fieberhaften Aufregung.«

Jetzt flammte das Licht auf, und der Alte beleuchtete die beiden Männer.

»Ah, noch ein Señor!« sagte der Hausmeister. »Ich soll nur Euch bringen, Señor André.« —»Dieser Señor ist ein guter Freund. Er hat mit der Señorita zu sprechen.« – »So folgt mir nach oben!«

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
340 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain