Kitabı oku: «DER SCHÄMS-SCHEUSS-VIRUS»

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Karl-Ulrich Burgdorf

Der Schäms-Scheuß-Virus

und andere unwahrscheinliche Geschichten

Außer der Reihe 54

Karl-Ulrich Burgdorf

DER SCHÄMS-SCHEUSS-VIRUS

und andere unwahrscheinliche Geschichten

Außer der Reihe 54

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: März 2021

p.machinery Michael Haitel

Neuausgabe in neuer Rechtschreibung des 2016 in der Westfälischen Reihe erschienenen Werkes.

Titelbild: Rainer Schorm

Autorenfoto: Matthias Holtz

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Korrektorat & Lektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 226 3

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 869 2

Für Roswitha

Vorwort

Im Jahre 1817 formulierte der englische Poet, Literaturkritiker und Philosoph Samuel Taylor Coleridge seine damals vollkommen neuartige Theorie von der »willing suspension of disbelief« – neuartig deshalb, weil hier zum ersten Mal in der Literaturgeschichte die aktive Rolle des Lesers bei der Rezeption eines fiktionalen Werkes thematisiert wurde. Coleridge versuchte zu erklären, wieso es möglich sei, dass das Wissen eines Lesers um die fiktionale Natur des Erzählten sich nicht störend auf seinen durch die Lektüre erstrebten Kunstgenuss auswirke. Laut Coleridge ist dies darin begründet, weil der Leser sich dem Kunstwerk gegenüber nicht rein passiv verhält. Auch wenn es ihm vielleicht nicht bewusst ist, so willigt der Leser doch letztlich aktiv darin ein, seinen Unglauben wenigstens vorübergehend hintanzustellen und die vom Autor gemachten Vorgaben, mögen sie auch noch so unwahrscheinlich oder gar unmöglich sein, wenigstens für die Zeit der Lektüre für bare Münze zu nehmen. Tut er dies, so wird er gleichsam zum Komplizen des Autors und gewinnt dadurch die Möglichkeit, Vergnügen an der Lektüre zu empfinden – immer vorausgesetzt natürlich, dass das, was er da liest, ihm auch gefällt. Gefällt es ihm nicht, nützt auch die schönste »willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit« nichts.

Die Aufgabe (oder, wenn Sie so wollen: die Kunst) des Autors bestünde demzufolge darin, dem Leser diese erhoffte und erwünschte Eigenleistung durch die Art der Darstellung so weit wie möglich zu erleichtern.

Bei umfangreichen Romanen oder gar bei Romanserien ist dies vergleichsweise einfach. Hier hat der Autor die Möglichkeit, seine Prämissen über Hunderte, wenn nicht Tausende von Seiten durch immer neue Details anzureichern und sie dadurch in zunehmendem Maße plausibel zu machen. Zudem stellt sich beim Leser natürlich auch ein Gewöhnungseffekt ein – er erkennt die Personen und die Welt, in der sie agieren, bei jedem neuen Lektüreakt wieder und fühlt sich darum rasch in einem solchen Kosmos daheim. Bei Kurzgeschichten ist das anders. Man kann nicht einfach in die längst vertrauten Szenerien hineinschlüpfen wie in einen bequemen, über die Jahre hinweg immer mehr ausgelatschten Hausschuh. Denken Sie nur an die ewig gleichen Ermittlerteams in den heute so beliebten Fernsehkrimis und Kriminalromanen oder, um in der Fantastik zu bleiben, die liebevoll ausgestaltete Fantasy-Welt von Mittelerde beim Herrn der Ringe oder die fantastische Beinahe-Parallelwelt, in der Harry Potter seine magischen Abenteuer erlebt. Nimmt man solche Bücher zur Hand, setzt sofort nach den ersten Sätzen ein Wiedererkennungseffekt ein – und mit ihm ein wohliges Behagen am Altvertrauten. Ich habe das an mir schon oft beobachtet. Sie vielleicht ja auch an sich.

Bei Kurzgeschichten hingegen muss der Leser – also Sie – sich alle paar Seiten auf völlig neue Gegebenheiten, völlig neue Prämissen einstellen, die sich in der Regel sogar untereinander widersprechen. Das ist natürlich nicht bequem, denn es erfordert eine hohe Flexibilität und eine besondere Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum die fantastische Kurzgeschichte nach einer Blütezeit, die viele Jahrzehnte währte und noch bis in die 1980er-Jahre andauerte, heute eher ein Schattendasein fristet. Manchen Autor mag das abschrecken; andere fordert es vielleicht heraus.

Hier also sind dreißig unwahrscheinliche Geschichten aus allen nur möglichen Bereichen der Fantastik – Science-Fiction, Fantasy, Weird Fiction (in Deutschland gerne auch »Horror« genannt), Märchen oder Fabeln – mit denen ich Ihre Flexibilität auf die Probe stellen und Ihre Imagination herausfordern möchte. Wenn Sie nicht bereit sind, sich darauf einzulassen, sollten Sie dieses Buch besser gleich wieder zuklappen und sich stattdessen lieber den nächsten Fünfhundert-Seiten-Fantasy-Schmöker aus der Buchhandlung Ihres Vertrauens besorgen. Ich würde es Ihnen nicht verübeln. Wenn Sie sich aber auf diese kurzen – und manchmal sehr kurzen – Geschichten einlassen und dem Unwahrscheinlichen durch Ihre Mitwirkung Wahrscheinlichkeit verleihen, werden Sie vielleicht ein ähnlich großes Vergnügen dabei empfinden wie ich, als ich diese Geschichten für Sie und für mich selber schrieb.

Karl-Ulrich Burgdorf

Der Hut

Noch zehn Minuten bis zum Auftritt.

Den Hut weit in den Nacken zurückgeschoben, saß Nick Corvin, Leadsänger der Band The Screaming Androids, in seiner Garderobe und dachte über die Widrigkeiten des Schicksals nach.

Diese Widrigkeiten bestanden vor allem darin, dass die Karriere der Band gerade einen gewaltigen Absturz erlebte. Was, zum Teufel, mochte die Ursache dafür sein?

Schließlich hatten sich ihre ersten beiden CDs verkauft wie guter Shit, und die Zahl ihrer Fans ging überall auf der Welt in die Millionen. Ihre dritte, unter größtem Aufwand produzierte CD hingegen lag wie Blei in den Regalen der Plattenläden. Die Klickzahlen für das neue YouTube-Video der Band bewegten sich nicht mehr im sechs-, sondern nur noch im vierstelligen Bereich, und auch die soeben begonnene Tournee hatte sich bereits nach den ersten Konzerten als Riesenflop erwiesen. Die vorab gebuchten Hallen und Arenen waren nicht einmal zur Hälfte gefüllt, das Publikum reagierte, wenn überhaupt, dann eher mit abfälligen Pfiffen auf die neuen und sogar auf viele der alten Stücke, obwohl die Band sie mit genau so viel Energie herunterschrammelte wie früher, und jetzt hatte auch noch ihr Manager angedeutet, dass sie die Tournee wohl entweder abbrechen oder aber die verbleibenden Auftritte wenigstens in kleinere Säle und Clubs verlegen mussten, um auf diese Weise doch noch zu retten, was vielleicht schon gar nicht mehr zu retten war.

Allein der Gedanke, sich in diesem Falle wieder eine gemeinsame Garderobe mit den anderen Musikern der Band teilen zu müssen, war für Nick Corvin unerträglich. Vor den Auftritten wollte er allein sein, um sich ohne unliebsame Zeugen jenen allabendlichen Schuß zu setzen, den er unbedingt brauchte, um dadurch in Höchstform für das anstehende Konzert zu kommen. Und nach dem Konzert benötigte er sie als Rückzugsraum, um mit seinen Groupies jene legendären – oder, wie manche Journalisten schrieben, berühmt-berüchtigten – Privatpartys feiern zu können, bei denen die anderen Bandmitglieder nur gestört hätten.

Aber so viele Groupies kamen seit Beginn dieser Tournee ja auch nicht mehr in seine Garderobe …

Von diesem Gedanken noch mehr deprimiert, griff Nick Corvin in die Schublade seines Frisiertisches und kramte mit zitternden Fingern das Spritzenbesteck heraus. Einen Augenblick später, als das Gift in seine Venen strömte, ließ das Zittern sofort wieder nach, seine Haut hörte auf zu jucken, und er fühlte er sich wieder stark und unbesiegbar. Jetzt konnte die Welt kommen! Denen da draußen, dem Pöbel im Zuschauerraum, würde er es heute Abend schon zeigen! Er würde singen wie Orpheus, oder wie Tom Waits oder doch wenigstens wie Bob Dylan, und dann würden sie ihm wieder zu Füßen liegen, die CD-Verkäufe würden von Neuem anziehen, und …

Genau in diesem Augenblick klopfte es an der Garderobentür.

O verdammt! Sein Manager? Oder, was noch viel schlimmer wäre, die Polizei? Angesichts ihrer derzeitigen Pechsträhne ließ sich selbst das wohl nicht ausschließen. Mit einer fahrigen Bewegung löste Nick Corvin die Lederschlaufe von seinem Oberarm, warf die gebrauchte Spritze mitsamt Zubehör in die Schublade zurück und zog den Ärmel herunter. Dann schnauzte er ein mürrisches »Herein!«

Die Tür ging auf, und ein Mann trat ein, den Nick Corvin noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Wahrscheinlich jemand von der Hallenorganisation. Oder, im schlimmsten Falle, ein Reporter, der es irgendwie geschafft hatte, sich backstage Zutritt zu verschaffen. Für einen Fan sah der Kerl jedenfalls entschieden zu alt aus. Obwohl, wenn er es recht bedachte: Eigentlich konnte er gar nicht sagen, wie sein Besucher nun eigentlich genau aussah. Schaute man einen Augenblick lang weg und dann wieder hin, schienen sich seine Konturen jedes Mal ein wenig verändert zu haben … Vielleicht, dachte Nick, war der Stoff doch nicht so hundert Prozent rein gewesen, wie sein Dealer behauptet hatte? »Was gibt’s?«

»Entschuldigen Sie bitte die Störung«, sagte der Besucher freundlich. »Ich habe nämlich davon gehört, dass Sie im Moment gewisse … Schwierigkeiten haben, und da dachte ich, ich könnte Ihnen vielleicht behilflich sein.«

»Hä?«

»Es ist Ihr Hut«, sagte der Besucher und deutete mit einem ausgestreckten Finger darauf. »Ich fürchte, er hat seine Magie verloren, und darum benötigen Sie dringend einen neuen, damit Sie und Ihre Band wieder den Erfolg haben, der Ihnen zusteht.«

Unwillkürlich griff Nick Corvin nach dem Hut auf seinem Kopf und schob ihn ein wenig weiter nach vorne, Richtung Stirn. Sicher, den Hut trug er seit Beginn seiner Karriere bei all seinen Konzerten. Er hatte sich inzwischen tatsächlich zu so etwas wie seinem Markenzeichen entwickelt, vielleicht sogar zu so einer Art persönlichem Talisman, und deshalb hatte er ihn auch bei allen YouTube-Videos der Band getragen und natürlich auch auf den Booklet-Fotos ihrer drei CDs – von den Sexorgien mit den Groupies einmal ganz zu schweigen. Aber dass der Erfolg der Band allein davon abhing …? Von einem Hut? Nein, der Kerl da vor ihm war eindeutig ein Verrückter. Zum Glück schien er wenigstens nicht bewaffnet zu sein … aber vielleicht war es trotzdem besser, die Security zu rufen?

Ein breites Grinsen – jenes etwas diabolische Jack-Nicholson-Grinsen, das seine weiblichen Fans so liebten und das die Journalisten so gerne auf ihre Fotos bannten – erschien auf seinem Gesicht. Eigentlich war die ganze Sache doch ein total irrer Spaß, jedenfalls so lange, wie der Bursche nicht allzu lästig wurde.

»Und was für einen Hut sollte ich Ihrer Meinung nach tragen?«

»Probieren Sie es doch einmal mit diesem hier.« Erstaunlich fingerfertig zauberte der Besucher wie aus dem Nirgendwo einen Hut hervor und hielt ihn Nick Corvin hin. Also doch kein Irrer, sondern ein Hutverkäufer – oder vielleicht beides zugleich? I am the mad hatter, and I’m getting fatter, if you’d like to know … Tatsächlich schien der Besucher deutlich an Volumen zuzunehmen, als Nick diese uralte Songzeile in den Sinn kam. Was aber natürlich vollkommen unmöglich war … In Nicks Kopf begann mit einem Mal alles zu verschwimmen, und benommen beugte er sich vor, um den ihm angebotenen Hut näher in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich sah er im Grunde genau so aus wie der, den er jetzt trug, nur vielleicht ein wenig flotter, eine Spur … ansprechender. Vielleicht war es gar nicht schlecht, einen solchen Hut in Reserve zu haben? Immerhin konnte es ja passieren, dass ihm der andere, der alte Hut vom Kopf geweht wurde, und er auf Nimmerwiedersehen irgendwohin verschwand … und dann würde es gut sein, einen zweiten Hut zu besitzen, denn ohne Hut auf die Bühne zu gehen, war für ihn nach all den Jahren praktisch unvorstellbar.

»Schön, sehr schön«, stammelte er. »Was soll das Teil denn kosten?«

Der Besucher sagte es ihm.

Also doch ein Irrer. Aber selbst harmlosen Irren sollte man ja ihren Willen lassen, sonst wurden sie womöglich doch noch aggressiv; jedenfalls hatte er das einmal irgendwo gelesen. Und vielleicht ließ sich die Geschichte ja später sogar zu einem geilen Songtext verarbeiten?

»Dann muss ich also wohl einen … Vertrag unterschreiben?«

»O nein!« Der Besucher hob abwehrend die Hand. »Unter Ehrenmännern wie uns ist das wirklich nicht nötig. Es reicht, wenn Sie den Hut annehmen. Damit wäre die Vereinbarung verbindlich geschlossen.«

»Also gut«, sagte Nick Corvin. »Dann geben Sie ihn schon her.«

Im nächsten Augenblick hielt er den Hut in der Hand, der Besucher war verschwunden, und an der Garderobentür klopfte es erneut. Sie öffnete sich einen Spalt, und sein Manager lugte herein. »Du musst auf die Bühne, Nick. Alles okay so weit? Du siehst ein bisschen blass um die Kiemen aus.«

»Ist schon okay.« Mit einem Achselzucken warf Nick Corvin den eben erstandenen Hut auf den Frisiertisch und folgte seinem Manager in Richtung Bühne, wo die anderen Bandmitglieder schon mit voller Power losgelegt hatten. Natürlich trug er auch diesmal wieder seinen alten Hut. Den neuen, dachte er, werde ich in Reserve behalten, für den Fall, dass der alte mir einmal abhanden kommt.

Das erste Set war ein Fiasko.

Es begann bereits damit, dass die Halle nicht einmal zur Hälfte – eigentlich höchstens zu einem Drittel – gefüllt war. Und obwohl Nick Corvin sich die Kehle heiser brüllte und die Band sich durch die Songs schrammelte wie arme Seelen in der Hölle, kam unter den spärlichen Zuhörern von Anfang an so gut wie keine Stimmung auf. Nach dem zweiten Song wanderten sogar schon die ersten ab; nach dem dritten noch mehr; und nach dem vierten Song war Nick Corvin klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Statt den fünften Song anzusagen, krächzte er bloß »Wir machen jetzt eine kleine Pause und sind dann gleich wieder für euch da« ins Mikrophon und verschwand backstage, verfolgt von den wütenden Mitgliedern der Band und den gellenden Pfiffen des Publikums. Sein Manager – der eigentlich der Manager der gesamten Band war, aber Nick dachte von ihm immer gern als »seinem« Manager – schien auch nicht sonderlich erfreut. Genauer gesagt, war er so mörderisch sauer, wie Nick es während ihrer gesamten Karriere noch nicht erlebt hatte

»Was bildest du Arschloch dir eigentlich ein?« brüllte er ihn im Gang zu den Garderoben an. »Du kannst doch nicht einfach …«

»Nur eine kleine Pause«, wiederholte Nick stur und warf die Tür seiner Garderobe hinter sich zu. Normalerweise hätte er sich jetzt einen zweiten Schuss gesetzt, um sich auf diese Weise über die schwarze Depression hinwegzuretten, die ihn angesichts ihres totalen Misserfolgs auf der Bühne überfallen hatte. Aber diesmal nicht. Stattdessen warf er seinen alten Hut achtlos in den nächsten Papierkorb und setzte sich das neue Exemplar auf, das immer noch auf dem Frisiertisch lag. Verzweifelte Situationen verlangen verzweifelte Maßnahmen. Noch einmal holte er tief Luft, dann trat er wieder aus der Garderobe und riss die Tür nebenan auf.

»So, Jungs, jetzt können wir weitermachen!«, rief er den verdutzten Mitgliedern seiner Band zu. Im nächsten Moment war er auch schon vor ihnen in Richtung Bühne gestürmt.

Bereits als er die Bühne betrat, sah er, dass die Situation sich grundlegend geändert hatte.

Offenbar war die Leere im Zuschauerraum zu Beginn des Konzerts nur darauf zurückzuführen gewesen, dass es irgendwo im Bereich der Halle einen Verkehrsstau gegeben hatte. Inzwischen hatten immer mehr Leute zu ihren Parkplätzen gefunden, und nun strömten sie in Massen durch die weit geöffneten Türen und quetschten sich in die Lücken zwischen den anderen Zuhörern. Ausverkauft mochte die Halle zwar immer noch nicht sein, aber gut gefüllt war sie jetzt allemal. Und auch die Stimmung änderte sich mit einem Schlag. Kaum hatte die Band auf ein von Nick Corvin ins Mikro gebrülltes »Now it’s showtime, folks!« die ersten Akkorde herausgehauen, als sich der Raum direkt vor der Bühne in einen Moshpit verwandelte, in dem die Leute pogten wie die Besessenen. Weiter hinten liefen La-Ola-Wellen durch den Saal, und jetzt schrien sich nicht nur Nick und der Leadgitarrist, der die zweite Stimme sang, sondern auch die begeisterten Fans drunten im Publikum vor Begeisterung die Kehle heiser.

Das Konzert war ein rasender Erfolg, und so blieb es auch auf dem Rest der Tournee. Die Hallen waren nicht einfach nur ausverkauft, sondern die Screaming Androids – die jetzt als Nick Corvin and the Screaming Androids angekündigt wurden – mussten regelmäßig Zusatzkonzerte geben, und selbst für die gingen die Preise der wenigen auf dem Schwarzmarkt erhältlichen Tickets sofort durch die Decke.

Die Zahl der Groupies nahm ebenfalls exponentiell zu.

Und die Qualität des Heroins auch.

Einen Wermutstropfen gab es allerdings: Die CDs der Bands lagen immer noch wie Blei in den Regalen, und auch die Download- und YouTube-Klickzahlen blieben mau.

»Das ist unmöglich«, sagte Nicks Manager kopfschüttelnd. »Eigentlich müsste sich das alles bei den Konzerten und den Kritiken jetzt verkaufen wie geschnitten Brot. Aber das tut es nicht! Warum denn nicht, verdammt noch mal? Und vor allem: Was können wir dagegen unternehmen?«

»Ich glaube, ich weiß da was«, sagte Nick. Nachdem er seinem Manager seine Idee erklärt hatte, schüttelte dieser nur den Kopf. »Das wird die Plattenfirma niemals machen«, verkündete er. »Viel zu teuer. Und außerdem werden sie dich für total verrückt halten. Meinst du denn allen Ernstes, dass es an einem Hut liegen kann?«

»Dann bezahle ich es eben selbst«, beharrte Nick. »Und für verrückt hält mich sowieso schon jeder.«

»Nun, unter diesen Bedingungen könnte ich es vielleicht irgendwie hinkriegen … aber ein Hut?«

Tatsächlich spielte die Plattenfirma mit. Ein Grafiker wurde engagiert, der in den Druckvorlagen für die CDBooklets aller bisher erschienenen Platten der Screaming Androids Nicks alten Hut mithilfe eines superteuren Bildbearbeitungsprogramms durch ein Foto des neuen ersetzte. Dann lief die große Rückrufaktion an. Alle zuvor ausgelieferten CDs wurden wieder aus den Läden abgeholt und in großen Containern in diverse CD-Werke transportiert, wo flinke Hände die Zellophan-Umhüllungen der CDs aufrissen, die alten Booklets herausnahmen und sie durch die in riesigen Stückzahlen gedruckten neuen ersetzten. Danach wanderten die CDs auf die Laufbänder einer Produktionsstraße, die die so umgerüsteten CDs noch einmal neu einschweißte und an die Auslieferung weiterleitete. Wenige Tage später lagen sie schon wieder in den Regalen der Plattenläden – diesmal allerdings nicht lange, denn die Fans rissen sie den Verkäuferinnen und Verkäufern praktisch schon in dem Moment aus den Händen, an dem die Lieferung eintraf. Zugleich wurden auch die Download-Cover verändert und die bisherigen YouTube-Videos elektronisch nachbearbeitet. Der alte Hut verschwand, der neue nahm seinen Platz ein. Von Stund an schossen die Download- und Klickzahlen in astronomische Höhen, ebenso wie Nick Corvins Bankkonto, da sein Manager den Rückholvertrag mit der Plattenfirma außerordentlich geschickt ausgehandelt hatte.

Tragisch nur, dass der gefeierte Leadsänger der Screaming Androids nicht mehr sehr lange etwas von seinem Erfolg hatte. Wenige Monate später, genauer gesagt: einen Tag nach seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag, starb er in den Armen einiger Groupies an Herzversagen – ausgelöst, wie die Obduktion ergab, durch eine Überdosis Heroin in Verbindung mit allzu reichlich genossenem Alkohol sowie vermutlich der körperlichen Überanstrengung, die Gruppensex so mit sich bringt.

Immerhin hatte Nick Corvin es so gerade eben noch geschafft, in den legendären Club 27 aufzusteigen und auf diese Weise zu einer noch größeren Legende zu werden, als er es bis dahin ohnehin schon war. »Wahrscheinlich«, schrieb die Rockmusikpresse am Tage nach seinem Tod, »singt und spielt er jetzt gerade da oben auf Wolke 9 ein Willkommenskonzert mit all jenen Giganten, die wie er im Alter von siebenundzwanzig Jahren von uns gegangen sind: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain, Amy Winehouse und wie sie alle heißen mögen. Dem Himmel, Leute, steht also eine heiße Party bevor!«

Eine heiße Party war auch seine einem Staatsbegräbnis ähnliche Beisetzung, die sich nur dadurch von einem solchen unterschied, dass sowohl der Sarg als auch der Leichenwagen über und über mit psychedelischen Motiven bemalt waren, dröhnende Rockmusik (natürlich die der Screaming Androids) anstelle der sonst üblichen Kirchenlieder gespielt wurde und eine größere Anzahl von weiblichen Fans vor und während der Beerdigung auf verschiedenste Art und Weise Selbstmord beging. Diese Selbstmordwelle endete überraschenderweise in genau jenem Augenblick, als der Sarg in der Grube verschwunden war und trauernde Angehörige, Freunde und Bandmitglieder die ersten Schaufeln Erde auf den Ebenholzdeckel niederprasseln ließen, während ein Polizeikordon die heranwogenden Massen der an der Beisetzung teilnehmenden Fans notdürftig zurückzuhalten versuchte.

Seinen Hut hatte man Nick Corvin natürlich mit in den Sarg gegeben. Schließlich war er sein Markenzeichen gewesen und wohl auch so etwas wie sein Talisman. Womöglich würde er ihn in der anderen Welt ja noch brauchen, wenn er dort für andere abgeschiedene Seelen weiterhin Konzerte gab.

»Das ist unmöglich«, sagte Nicks Manager wieder, diesmal aber nur zu sich selbst, als er ein paar Tage später die neuesten Verkaufszahlen der Screaming-Androids-CDs in Händen hielt. Eigentlich hätten sie, genau wie es bei Jimi Hendrix, Janis Joplin oder Jim Morrison der Fall gewesen war, dank Nick Corvins Tod noch einmal in ungeahnte Multi-Platin-Bereiche explodieren müssen. Genau das aber war nicht der Fall. Vielmehr waren sie sogar eingebrochen, und zwar zu genau demselben Zeitpunkt, an dem auch die Selbstmordwelle unter jungen weiblichen Nick-Corvin-Fans ein Ende gefunden hatte.

Dem Zeitpunkt, als der Sarg mit Nick Corvin darin in der Grube verschwand.

Als die Verkaufszahlen sich auch in den nächsten Wochen nicht wieder erholten, geriet Nicks Manager ernsthaft ins Grübeln. Und dann wurde ihm auf einmal bewusst, dass nicht allein Nick Corvin unter der Erde verschwunden war.

Sondern auch sein Hut.

»Das ist unmöglich«, sagte Nicks Manager ein drittes Mal. »Aber trotzdem …«

Noch am selben Tag wechselten einige nicht unbeträchtliche Geldsummen ihre Besitzer. Als es Abend wurde, sperrte ein – diesmal eher unauffälliger – Polizeikordon erneut das Grab ab, in dem Nick Corvin seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Kurz darauf rückten ein paar Friedhofsgärtner an, räumten die Blumen und Kränze von der Grabstelle ab und stießen dann ihre Spaten tief in das noch lockere Erdreich. Nicks Manager stand dabei und schaute dem ganzen Vorgang mit wachsendem Entsetzen zu. Und ich habe Nick immer für verrückt gehalten, dachte er bei sich. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Und so nahm die Exhumierung ihren Lauf.

Als der Sarg freigelegt war, sprang einer der Friedhofsgärtner in das Grab hinunter und begann, die Verschraubungen des Sargdeckels zu lösen. Kaum war er damit fertig, folgte Nicks Manager ihm in die Grube.

»Bitte, Sir«, sagte der Gärtner und wuchtete den Deckel ein Stückchen zur Seite.

Der Hut hatte sich nicht verändert. Nick Corvin hingegen schon. Sein Gesicht war zwar noch einigermaßen gut erhalten, aber den Mund hatte er zu einem stummen Schrei aufgerissen, der sehr an ein gewisses Gemälde von Edvard Munch erinnerte, und seine ebenfalls weit aufgerissenen Augen schienen in ein Jenseits hinüberzustarren, das offenbar alle Schrecken der Hölle für ihn bereitzuhalten schien. Und vielleicht noch ein paar mehr, die sich Hieronymus Bosch und all die anderen großartigen Künstler des christlichen Abendlandes bisher nicht auszumalen gewagt hatten.

Grün im Gesicht und mit zitternden Händen nahm der Manager Nick den Hut ab und kletterte mühsam wieder aus der Grube heraus. Dann bedeutete er dem Friedhofsgärtner, den Sarg wieder zu schließen, und übergab sich in das nächste Gebüsch.

Kurz darauf – die Verkaufszahlen der CDs waren inzwischen wieder in astronomische Höhen emporgeschnellt – kündigten die Screaming Androids eine Nick-Corvin-Gedächtnis-Tournee an – natürlich mit einem neuen Sänger, aber in ansonsten unveränderter Besetzung und mit den alten Stücken. Auf dem Werbeplakat waren allerdings weder die Band noch der neue Sänger abgebildet, sondern nur Nick Corvin mit seinem nun schon legendären Hut. Der Ticketverkauf erfolgte ausschließlich über das Internet, und er wäre wahrscheinlich schon nach zehn Sekunden beendet gewesen, wenn der überwältigende Ansturm nicht alle Netze zum Erliegen gebracht hätte. So dauerte es etwas länger, bis die weltweite Tournee restlos ausverkauft war.

Vor dem ersten Konzert machte der Manager ein Experiment. Er ließ die Musiker allein auf die Bühne gehen und mit dem ersten Song beginnen, ohne dass der Hut dabei war. Sofort breitete sich Unruhe im Publikum aus, einzelne Zuhörer drängten zu den Ausgängen, und hier und da waren laute Pfiffe zu vernehmen. Der Manager zuckte mit den Achseln – immerhin hatte er es ja versucht! –, nahm den Hut in die Hand und trug ihn hinaus auf die Bühne, wo er ihn zu den Klängen der Band auf einen bereitgestellten Mikroständer hängte. Dann sprach er mit gefalteten Händen ein Gebet für Nick Corvin, auch wenn er wusste, wie sinnlos das war. Im selben Augenblick begann die Menge auszurasten, der Raum vor der Bühne verwandelte sich in einen tobenden Moshpit, und von da an verlief das Konzert ohne weitere Probleme und wurde zu einem rasenden Erfolg, genau wie später alle anderen Konzerte der Tournee.

Die beiden Waffenschmiede

Eine Geschichte, die in zwei Teile zerfällt

[1]

In einem fernen Land – denn in einem Land, welches uns näher liegt, hätte sich eine solche Geschichte wie die, die wir nun erzählen wollen, gar nicht ereignen können, sind die Herrscher dort doch aufgeklärt und weniger leicht mit lebenserhöhendem Lohn oder lebensverdammender Strafe bei der Hand – in einem fernen Land also rief eines Tages der herrschende Sultan die beiden berühmtesten Waffenschmiede seines Reiches, zwischen denen seit jeher eine tief eingewurzelte Rivalität herrschte, zu sich.

»Schmiedet mir«, so sprach er, »den Krummsäbel mit der feinsten Klinge und der schärfsten Schneide, der je von Menschenhand geschmiedet worden ist! Sechs Monde gebe ich euch dafür Zeit, dann werdet ihr wieder vor mich treten, um mir euer Werk zu präsentieren. Demjenigen aber, der die perfekte Klinge schmiedet, will ich sein Gewicht in Diamanten und anderen Edelsteinen aufwiegen!«

»Wir hören und gehorchen!«, sprachen die beiden Waffenschmiede wie aus einem Mund, und sogleich zogen sie sich in ihre Werkstätten zurück, ein jeder in die seine, wo sie drei Monde lang, ängstlich auf Geheimhaltung bedacht, die kostbarsten Metalle legierten, sie anschließend glühten, hämmerten, fältelten und erneut glühten, wiederum hämmerten und auf ein neues fältelten, bis sie diesen Prozess (vom Abkühlen im Eiswasser sei hier gar nicht die Rede) so oft wiederholt hatten, dass eine vollständige Beschreibung nicht nur den Umfang dieser Geschichte, sondern auch die Geduld eines jeden, ja selbst des geneigtesten Lesers aufs Äußerste strapazieren würde, weshalb wir an dieser Stelle tunlichst auch darauf verzichten werden.

Drei weitere Monde brachten sie sodann mit dem immer feineren Schleifen der Schneide zu, spalteten zunächst nur Tier- und Menschenhaare, um die Feinheit des Schliffs je wieder aufs Neue zu erproben, dann Fäden aus Spinnenseide und endlich sogar Staubkörner, die in der Luft ihrer rußigen Schmieden ja zur Genüge herumflogen; und dann gingen sie, immer noch unzufrieden, wieder an ihre Schleifbänke zurück und schliffen die Schneiden mit höchster Kunstfertigkeit noch feiner … und feiner … und immer noch feiner …

Wie fein, davon werden wir an angemessener Stelle dieser Geschichte Kunde erhalten, und zwar gemeinsam mit dem Sultan und seinem Hofstaat, denn schließlich würde es sich für uns als Erzähler und als Leser wohl kaum schicken, das Ergebnis dieses Wettstreits noch vor dessen Auftraggeber zu erfahren.

Nebenbei aß jeder der beide Waffenschmiede in dieser Zeit so üppig, wie er es eben vermochte, ohne seinen Magen zu ruinieren, auf dass es sich auch wirklich lohne, wenn er am Ende der Frist von sechs Monden sein Gewicht in Edelsteinen aufgewogen bekommen würde – denn dass er es wäre, dem diese Belohnung zuteilwerden würde, davon war ein jeder der beiden selbstverständlich mit äußerster Selbstgewissheit überzeugt.

Und so kam es, dass sie beide sehr schwer und kurzatmig waren, als sie nach Ablauf der sechs Monde wieder vor den Sultan zitiert wurden, um ihm und dem versammelten Hofstaat ihre Meisterwerke vorzuführen. Die in der langen Abgeschiedenheit geschmiedeten Krummsäbel aber trugen sie in kostbaren, mit Silber- und Goldornamenten verzierten Scheiden an ihren nun um einiges lockerer geschnürten Gürteln.

»So tritt denn vor«, sprach der Sultan zum ersten der beiden Waffenschmiede, »und zeige mir, was deine Kunst zuwege gebracht hat!«

Etwas kurzatmig ob seines Körpergewichts und mit demütig niedergeschlagenem Blick folgte der erste Waffenschmied diesem Befehl. In geziemlichem Abstand blieb er sodann vor dem Pfauenthron des Sultans stehen und zog sehr langsam, damit in den schwerbewaffneten Leibwächtern zur Rechten und zur Linken des Herrschers nicht der Verdacht aufkeime, er plane unter der Hand womöglich einen mörderischen Anschlag auf den Sultan, den so kunstreich geschmiedeten Krummsäbel aus der Scheide. Das Geräusch, das die Klinge dabei machte, war so fein wie der Klang der Sphären hoch über den Himmeln dieser Erde, und als das Licht der tausend Kandelaber im Thronsaal sich auf ihr in tausendfältigem Glitzern brach, als sei sie gar nicht aus legierten Metallen, sondern womöglich gar aus den Diamanten geschmiedet, mit denen ihr Schöpfer vor dem Ende dieser Audienz aufgewogen zu werden hoffte, ja, wessen er sich im Stillen sogar sicher war – als dieses Licht, so sage ich, sich auf dieser überirdisch vollkommenen Klinge brach, da ließen die umstehenden Höflinge, vom Großwesir und den anderen verbeamteten Speichelleckern bis hinunter zu den Leibwächtern, den Luftzufächlern und dem nubischen Fußbänkchen (letzteres aber nur ganz leise, so leise nämlich, dass es für die erlauchten Ohren des Sultans unhörbar blieb und er nicht einmal ein winziges Zittern unter seinen Fußsohlen und den goldbestickten Pantoffeln verspürte) wie aus einer Kehle ein ungläubig bewunderndes »Ooohhh!« ertönen, denn einen so herrlich gearbeiteten Krummsäbel hatte noch keiner von ihnen je gesehen.

Selbst der Sultan konnte sich ein anerkennendes Nicken nicht verkneifen. »Das ist ein wirklich köstliches Stück Waffenschmiedekunst«, sprach er nachdenklich. »Aber nun zeige Uns, ob diese Waffe nur zum Anschauen taugt … oder noch zu etwas anderem.«

»Zu diesem Zweck«, erwiderte der erste Waffenschmied demütig, »möchte ich Euch, o Sultan, bitten, einen Sklaven vortreten zu lassen, und zwar einen, den Ihr, wenn’s möglich ist, recht leicht entbehren könnt.«

Wortlos wies der Sultan auf einen der diensteifrig in einigem Abstand vom Pfauenthron eben zu diesem Zwecke aufgereihten Sklaven. Jener trat vor, sichtlich bemüht, nicht am ganzen Leibe, sondern nur ein bisschen an dem oder jenem Körperteil zu zittern; das Klappern seiner Zähne hingegen konnte er nicht ganz unterdrücken, was aber nicht weiter von Bedeutung war, da er, Zähneklappern oder nicht, ohnehin nicht mehr gewärtigen musste, für unziemliches Benehmen vom Sklavenmeister einer schmerzhaften Strafe zugeführt zu werden.

Als der Sklave nun vor ihm stehen geblieben war, vollführte der erste Waffenschmied eine ganz nachlässige Handbewegung. Gedankenschnell flirrte die Klinge des Krummsäbels durch die Luft.

Und es geschah – gar nichts.

»Du hast ihn verfehlt, erster Waffenschmied«, sprach der Sultan in das atemlos erstaunte Schweigen seiner Höflinge hinein, und ein ungnädiges Glitzern zeigte sich in der Tiefe seiner schwarzen Herrscheraugen, da er diese Art von Ungeschicklichkeit in der Ausübung des edlen Waffenhandwerks so ganz und gar nicht liebte.

»Um Vergebung, o erhabener Sultan«, sprach der erste Waffenschmied und schlug demütig die Augen nieder, »aber ich habe ihn nicht verfehlt.«

»Das werden wir sehen«, sagte der Sultan und wandte sich an den Sklaven. »Sprich, Sklave: Hast du die Klinge irgendwo an deinem Leib gespürt?«

»Ich ha… habe ga… ga… gar ni… nichts gespürt«, stotterte der Sklave, sichtlich erleichtert über diesen – wenngleich gewiss nur kurzen – Aufschub, den ihm das Schicksal in Gestalt der ungeschickten Hand des Waffenschmieds gewährte. »N… n… nur einen l… l… leichten Windhauch.«

»Nun, Waffenschmied?«, fragte der Sultan drohend.

»Befehlt ihm zu nicken, und Ihr werdet sehen, dass ich die Wahrheit spreche.«

Der Sultan hob bedrohlich eine Augenbraue, kam der demütig vorgetragenen Bitte aber nach.

»Nicke!«

Und der Sklave nickte, woraufhin sein Kopf sich vom Körper löste und vor seinen Füßen zu Boden fiel.

Und wieder ließen die umstehenden Höflinge, vom Großwesir und den anderen verbeamteten Speichelleckern bis hinunter zu den Leibwächtern, den Luftzufächlern und dem nubischen Fußbänkchen wie aus einer Kehle ein ungläubig bewunderndes »Ooohhh!« ertönen, das diesmal indes nicht dem Anblick, sondern ebenso der wundersamen Funktionstüchtigkeit dieses Krummsäbels wie der schwertmeisterlichen Geschicklichkeit ihres Schmiedes und Trägers galt.

»Dies«, sprach der Sultan mit einem anerkennenden Nicken, bei dem sich sein Kopf jedoch im Gegensatz zu dem des Sklaven in keinem Augenblick in der Gefahr befand herunterzufallen, »dies ist gewiss die kunstreichste Klinge, die ich je erblickt habe, ja womöglich die kunstreichste, die die Welt jemals erblicken mag. Und ist sie es allemal wert, dass das Gewicht ihres Schöpfers in Diamanten aufgewogen wird.«

[2]

Doch seien wir nicht voreilig, denn diese Geschichte zerfällt ja, genau wie der bedauernswerte Sklave, in zwei Teile. Den ersten Teil, der weithin bekannt ist, haben wir nun bereits erzählt, wenngleich im Grunde einzig der Vollständigkeit halber. Nicht so bekannt – es mag sein: sogar gänzlich unbekannt – ist hingegen der zweite Teil, welcher nun folgen soll.

»Nun tritt vor, zweiter Waffenschmied, und zeige Uns, was deine Klinge wert ist«, befahl der Sultan, nachdem der Leichnam des Sklaven fortgeschafft und das reichlich vergossene Blut vom Boden aufgewischt worden war.

»Allemal mehr als die meines verehrten Zunftgenossen«, sagte der zweite Waffenschmied recht selbstgefällig und trat vor an die Stelle, an der jener »verehrte« – in Wirklichkeit aber zutiefst verachtete – Zunftgenosse, welcher nun jedoch ins zweite Glied zurückgetreten war, eben noch gestanden hatte. »Ich bitte Euch, o Sultan: Schaut aufmerksam her.«

Mit einer eleganten Bewegung zog er den von ihm geschmiedeten Krummsäbel aus der Scheide, die womöglich noch kostbarer verziert war als die der anderen Waffe. Doch als er den Säbel nun in der Hand hielt, war nichts anderes sichtbar als das Heft; eine Klinge aber konnte der Sultan selbst beim genauesten Hinschauen nicht entdecken.

»Was ist denn das für ein Gaukelspiel?« sprach er stirnrunzelnd. »Nur ein Heft und keine Klinge? Wollt ihr mich zum Narren halten, Waffenschmied?«

Dieser lächelte nur, ein wenig eitel, wie es den Umstehenden schien, und drehte sein Handgelenk. Da erschien wie aus dem Nichts die Klinge, die zu dem Heft gehörte, und sie war so über alle Maßen prächtig, dass sie, wie aus sich selbst leuchtend, das Licht der tausend Kandelaber im Thronsaal zu überstrahlen schien. Diesmal ließen die umstehenden Höflinge, vom Großwesir und den anderen verbeamteten Speichelleckern bis hinunter zu den Leibwächtern, den Luftzufächlern und dem nubischen Fußbänkchen (Letztere sogar so laut, dass es bis an die erlauchten Ohren des Sultans gedrungen wäre, wäre dieser nicht vom überirdischen Anblick der Klinge wie betäubt gewesen) wie aus einer Kehle ein »OOOOHHHH!« ertönen, wie sie es in diesem Thronsaal in Anwesenheit des Sultans noch nie gewagt hatten ertönen zu lassen.

Eine weitere Drehung des Handgelenks, und die Klinge verschwand wieder, denn nun sahen der Sultan und sein Hofstaat wieder genau auf die Schneide des Krummsäbels, so man denn von »sehen« sprechen darf, wenn man eben – gar nichts sieht.

»Es ist die dünnste Klinge mit der feinsten Schneide, die jemals geschmiedet worden ist«, sagte der zweite Waffenschmied stolz.

»Das ist in der Tat ein Meisterstück«, sprach der Sultan beinahe ehrfürchtig, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte. »Nun zeige Uns, was sie vermag.« Und er deutete auf den Nächsten in der Reihe der Sklaven, die zu diesem Zweck an der Seite des Thronsaals standen.

Mit, was unter diesen Umständen nicht überraschen mag, eher zögerlichem Schritt nahm der Auserwählte an genau dem Platz Aufstellung, an dem auch sein unglücklicher Bruder schon gestanden hatte. Der zweite Waffenschmied vollführte eine Handbewegung, die womöglich noch lässiger war als die seines Konkurrenten. Und es geschah – gar nichts. Was aber, wie wir nun schon wissen, auch nicht anders zu erwarten gewesen war.

»Nicke!« sprach der Sultan zu dem Sklaven.

Zitternd, mit dicken Schweißperlen auf der Stirn, neigte dieser ergeben den Kopf. Und nun geschah, was diesmal keiner erwartet hätte, nämlich – wiederum gar nichts. Das Einzige, was zu Boden fiel, war eine der Schweißperlen von der schwarzen, angstverzerrten Stirn, nicht aber der ganze Kopf.

Zorn wallte in der Seele des Sultans auf. »Ein großartiger Schmied magst du sein«, fuhr er den zweiten Waffenschmied an, »aber als Säbelschwinger bist du offenbar erbärmlich. Oder willst du etwa leugnen, dass du den Hals dieses Mannes mit der Klinge verfehlt hast, obwohl jener kaum mehr als einen Schritt vor dir stand?«

»Gewiss will ich das leugnen«, sagte der zweite Waffenschmied eitel. »Die Klinge hat ihr Ziel nämlich durchaus nicht verfehlt. Sie ist so fein, dass sie durch den Hals des Sklaven hindurchgegangen ist, ohne ihn zu zertrennen.« Und zum Beweis seiner Worte führte er die Klinge für alle sichtbar noch zwei-, dreimal geschickt durch den Hals des Sklaven, ohne dass diesem dabei auch nur das Geringste geschah.

»Dies«, sagte der Sultan mit einem Unterton in der Stimme, den die klügeren Höflinge längst zu fürchten gelernt hatten, »ist wahrhaft ein Wunder, wie es noch niemand auf der Welt zuvor erblickt ab. In der Tat, es kann kein Zweifel bestehen, dass diese Klinge und nicht die, welche dein Zunftgenosse geschmiedet hat, den Preis verdient, den ich ausgesetzt habe, dass mithin du es bist, der für seine Kunst in Diamanten und anderen edlen Steinen muss aufgewogen werden.« Er klatschte in die Hände.

»Bringt die Waage herein!«

Also geschah es, und der zweite Waffenschmied wurde unter dem Beifall des Hofstaats und dem verehrungsvollen und nur ein ganz klein bisschen neidischen Blick des ersten Waffenschmieds von einigen Dienern auf einer riesigen Waage mit Diamanten und anderen Edelsteinen aufgewogen, wobei ihm die zusätzlichen Pfunde, die er sich während der sechs Monde angefressen hatte, sehr wohl zustattenkamen.

Dann, als die Wägung abgeschlossen war, ließ der Sultan ihn durch den Scharfrichter mit einer Krummsäbelklinge von ganz gewöhnlicher Dicke enthaupten.

Märchen vom Schlüssel

Ein Schmied hatte einen Schlüssel für ein Schmuckkästlein gefeilt, der aber schien ihm misslungen; drum wollte er ihn schon zum alten Eisen werfen. Da kam einer, der sah den Schlüssel und dachte bei sich: »Der könnte just zu einer der Türen in meinem ererbten Hause passen, die noch nie geöffnet worden sind.« Also nahm er den Schlüssel, ging nach Hause, und der Schlüssel passte in die eine Tür, als sei er für sie gemacht. Dahinter aber lagerten Schätze, wie eines Menschen Auge sie noch nie zuvor geschaut hatte. – Da lief der Mann hin zu dem Schmied, um ihn an seinen neu erworbenen Schätzen teilhaben zu lassen. Der Schmied indes wollte nichts davon hören. »Und der Schlüssel ist doch misslungen«, sagte er missmutig, »denn er hat ja nicht zu dem Schloss gepasst, für das ich ihn mit all meiner Kunst zurechtgefeilt habe.«

Das Blau deiner Füße, Geliebter

»Liebst du mich eigentlich noch?«

»Dumme Frage! Natürlich liebe ich dich noch.«

»Aber das zweite Ei, das du gelegt hast, war so viel kleiner als das erste …«

»Na ja, deine Füße waren ja auch nicht mehr so blau …«

»Also liebst du mich nur wegen meiner Füße und nicht wegen meiner schönen Seele?«

»Klar mag ich das Blau deiner Füße, Geliebter, und wie du sie mir beim Balzen entgegenstreckst! Das ist nun mal das Reiz-Reaktions-Schema unserer Spezies, wenn wir uns paaren … aber deine schöne Seele liebe ich natürlich auch.«

»Aber gesprochen hast du wieder nur von den Füßen …«

»Nun hör mal, das verstehst du doch bestimmt. Als Mutter muss man schließlich für seinen Nachwuchs vorsorgen! Du könntest dir doch inzwischen Parasiten eingefangen haben … oder dein Ernährungszustand ist vielleicht schlechter geworden …« Sie blickte nach unten. »Und deine Füße sind wirklich nicht mehr so blau, wie sie mal waren, das musst du zugeben. Eher so … blass graublau.« Ihr Blick wurde noch ein wenig kritischer, bevor sie nach einer unmerklichen Pause hinzufügte: »Aber wie du schon ganz richtig gesagt hast: Darauf kommt es ja nun wirklich nicht an. Hauptsache, wir lieben uns, und das tun wir doch, oder nicht?« Und damit pickte sie noch einmal geistesabwesend nach ihm, ehe sie sich umwandte und davonwatschelte, um auf Nahrungssuche zu gehen.

Als sie außer Sichtweite war, seufzte er ein paarmal tief und tauchte seine Füße dann unauffällig einen nach dem anderen in die nächste Pfütze, um den Kreidestaub abzuwaschen, mit dem er sie sich heller gefärbt hatte. Plötzlich kam ihm diese Idee ziemlich dumm vor. Ach, hätte er doch nur auf seine Kumpels gehört!

»Was ist denn schlimm daran, wenn ein Mädel vor allem deine Füße liebt?«, hatten sie gefrotzelt, als sie sich beim Fischfang über dieses Thema unterhielten. »So ist das nun mal auf der Welt: Wenn einer blaue Füße hat, dann kriegt er auch die Weiber. Und was haben wir? Richtig: Blaue Füße! Also, wo ist da das Problem?« Wie recht sie damit hatten! Und wer war er denn, ihnen zu widersprechen?

Jetzt noch ein bisschen mit den Zehen gewackelt, damit auch die Schwimmhäute dazwischen richtig sauber wurden. So, jetzt würde seine Liebste nichts mehr an ihm auszusetzen haben! Schöne Seelen wurden ohnehin sehr überschätzt …

Mit einem wehen Gefühl im Herzen und nun wieder blitzeblauen Füßen schlurfte er zum Nest zurück, um die beiden so ungleichen Eier zu bebrüten, die sie ihm vor und nach seinem unseligen Experiment geschenkt hatte. Dabei fühlte er sich mehr denn je wie ein Blaufußtölpel – was er ja schließlich auch war.

Der Schäms-Scheuß-Virus

Von: »Karl-Ulrich Burgdorf« <kub@▬▬▬▬▬▬>

Betreff: Fröhliche Weihnachten!

Datum: 24. Dezember 2016 12:00:07 MESZ

An: <Uli195@▬▬▬▬▬▬>

Liber uhli,

ecclés gerate inn alleruhr dee finnegans=wehg=toyle fhumber schäms=scheuß=beeogravie (nathürleck maird anschloisender ausfuhrlechzer pipiloografih!) dèz ritschart helman – main chatt, detzis jaahr fuerwahn ui zick=ill vonan boork! Wass dwars alls ondtheld! Obtouse kæhnst?

Frôlicke weinnachen & a liffey noce yeahr winscht tir so, rhein oberjoyced

tyne kahn=u

Pest Scrotum ain=s: Ärgst memel ohnmaas, dann ach! wættaar eyeskald.

PeeS zwhy: Ahnbay märene anlaken.

Von: »Karl-Ulrich Burgdorf« <kub@▬▬▬▬▬▬>

Betreff: Fröhliche Weihnachten?

Datum: 24. Dezember 2016 19:10:47 MESZ

An: <Uli195@▬▬▬▬▬▬>

Scheitze! Bay Anna Livia, ij drau nock duck! Jetze ise main komm!Puter scheun dätz zwittau mail von sommem gardnet neissen schäms=scheuß=wieruß befoulen fjorden! Todtales phäsaken vann fierwohl & viehrennskenner! Allier mulde wörnitz und wiedhau nicks! DILL IT!!! Unz schone geiht dese jangtse techst wiedhau ijnmail »übel-sätzt« ahrn Deich!

Münster, 24.12.2016, spät abends

Lieber Uli,

wahrscheinlich wirst du einigermaßen verwundert gewesen sein, als meine erste E-Mail auf Heiligabend bei dir eintraf. Du kannst mir glauben: Ich war nicht weniger verblüfft, als ich auf »Senden« geklickt habe und sich der Text vor meinen Augen in das verwandelt hat, was dann hinterher bei dir ankam! Kurz gesagt, hat mein Computer sich offenbar den James-Joyce-Virus eingefangen. Als Literaturfreund wirst du sicherlich schon davon gehört haben: Hat man bestimmte Schlüsselworte eingegeben – James Joyce, Ulysses, Finnegans Wake, Anna Livia Plurabelle oder sogar nur den Namen des James-Joyce-Biografen Richard Ellmann – dann übersetzt dieser Virus den gesamten Text in eine Art »Joyce-Sprech«, sobald man bei einer E-Mail auf »Senden« und bei einem Brief auf »Speichern« oder »Ausdrucken« klickt. Wobei ich im Übrigen der Auffassung bin, dass dem Programmierer dieses verfluchten Virus auch eine gehörige Portion Arno Schmidt und ein bisschen Alfred Jarry mit in sein Übersetzungsprogramm hineingerutscht ist … aber das nur am Rande.

Natürlich habe ich sofort versucht, den Virus mithilfe des aktuellsten Virenscanners, den ich im Internet finden konnte, wieder von meiner Festplatte herunterzubekommen. Geklappt hat es leider nicht, wie du an meiner zweiten E-Mail erkennen kannst.

Folglich bleibt mir jetzt bloß noch eine einzige Möglichkeit: nämlich, dir ganz altmodisch mit der Schreibmaschine (!) einen Brief zu schreiben, den ich dann zum Briefkasten trage und mit der Schneckenpost abschicke, sodass er dich wahrscheinlich irgendwann zu Silvester erreichen wird. Das, was in den beiden E-Mails steht, werde ich allerdings nicht noch einmal im Klartext wiederholen. Ich denke, du bist James-Joyce-erfahren genug, um es auch so zu dechiffrieren, vulgo: in verständliches Deutsch zurück zu übersetzen (»übel-sätzen«).

Ich hoffe, du hattest ein schöneres Weihnachtsfest als ich!

Dein

Karl-Ulrich

P. S.: Aber wenn ich den Dreckskerl erwische, der diesen Virus programmiert hat, dann wird er auf eine ganz und gar nicht plurabelle Art und Weise erfahren, warum das Buch in der deutschen Übersetzung von Dieter Stündel »Finnegans Wehg« heißt!

Dat Alienotranslatonium

mönsterlandsk platt van Hannes Demming

So, Hiärm, nu geit mi van dienen besten Dubbelkorn äs üörndlick enen in! Nä, nich so’n minn Pinnken! Niëhm män forts en richtigen Hüüldopp orre, no biätter, dat Waterglas dao! Dann vertell ick di, wat mi up den Weg nao hierhen passeert is, un ick kann di säggen: Sowat häs du silliäwe no nich haort.

Also: Ick gaoh aohne Arg an den Kamp van den aollen Tönne Farwick längs; meteens häör ick in de Lucht so’n gediegen Geluud: en fien Brummen, äs wäör en helen Imm unnerweggens, blaots dat et dao jä gar keine Immen mähr giëwen kann, sietdem dat Tönne sienen Mais alltied met düt nieë Pestizid besplentert. Un äs’k nao buowen kiekem wat seih ick dao? En … Ding, dat blänkert un schiëmert un kümp ümmer daiper un daiper. Ick denk: Dat sall wull ene van düsse niemodernen Drohnen sein, de vandage üöwerall harümflaigt. Aower Pustekoken! Dat was keine Drohne, dat was en echt flaigend Unnerschäölken, äs m’ iähr uut Filme un uut’t Färnseihen kennt. Un de lannde direkt vüör mi up den Patt. Naja, »lannen« is vlicht nich de päössige Uutdruck. Eenfack in de Lucht staohnbliëwen is et, äs wäör’t uphangen an en Faam, den m’ nich seihn kann. Jä, un dann geiht buowen an den runnen Dack van dat Dingen ‘ne Klappe up, un drei lüttke, gröne Kärlkes stiegt uut un smiet’t sick up den Rand von dat flaigend Unnerschäölken vüör miene Augen in Posentur: diärtig Zentimeters haug, Klöör äs en Kohschiëtt orre, wann’k en lück vüörneihmer küern sall, äs den Wackelpeter met den künstlicken Ruukmüsekensmack, den wi fröher sunndags van Moder äs Naoiätsel kregen. Vader moch den pattu nich, aower wi fief Blagen häbt us ümmer üm siene Portion fochten.

Ach, ick kuomm in’t Quatern, also wieder! Du fräöggs, of’k mi verfeert häff? Wat ‘ne Fraoge! Ick doch nich. Daoför mösses du mi wull kennen.

‘ne Bangebüxe sin’k silliäwe nich west, un wann, dann här’t in mien Liäwen heel annere Situationen giëwen, wao’k mi här verferen konnt, tom Bispiël tijaohr, äs Beisenküötters Anni bi den Füerwehrball direkt vüör mi up den Disk kleide un an dansen fonk: Iähr Rock flaug hauge, un … ick keek in’t Paradies. Kärl, nä! … Sägg äs, wat büs du kniepig met den Sluck! Ick wedde, du häs no teminnst ene Pulle ächter’t Schapp in de Upkamer staohn. To, laot’t laupen! … Nu geiht’t wier, hä!

Also, wao was ick staohnbliëwen? Jau, richtig: De drei Kärlkes, de haren so’n Technik-Gerai bi sick, en Apparat met viële bunte Lämpkes un twee Dutz Knaip un en Luudspriäker vüörne dran. Un dann fongen se an küern: Et was män een Twittern un Quinkeleren un Fiepen, un wat menns du, wat dann passeerde? Du räöds et nich! … Akraot: Vüörne uut den Luudspriäker kamm dat, wat se saggen, in Haugdüütsk wier haruut, orre, biätter säggt, in ‘ne Spraoke, de m’ vandage so äs Haugdüütsk beliektekent.

»Hi, Alter«, sagg also dat ene van de grönen Kärlkes, »nun mal keine Panik auf der Titanic! Wir sind nämlich in ganz friedlicher Mission hier: peace, love and happiness und so weiter. Dass wir ausgerechnet in deinem Sektor aufgeschlagen sind, das liegt daran, dass das hier eine echt geile Gegend ist, alles so schön grün, genau wie bei uns zu Hause.«

Un dann vertall et wat daovan, dat iähre Maschine use Spraoke düör »Abhören des bildlosen Tonfunks«, lährt här, un twaorens, äs wi so säggen daien, »auf der Frequenz 105,5 Megahertz«.

Dann mook et iärst maol en Päusken un keek mi an, äs dai et wat van mi verwaochten. Un ick, sotosäggen Repräsentant van alle Mensken up usen Globus, smiet mi in de Buorst un sägge to em: »Kieksüh, dat freit mi aower unüesel, dat ji just use schöne Mönsterland för juen iärsten Besöök up den Planeten Ärde uutsocht häbt. Wi Mönsterlänner sind nämlicks en düör un düör gastfröndlicken Slagg Lüde. Wisse, et giff Mensken, de us nich lieden müegt un säggt, we bi us kaim, de möss iärst maol en Sack Saolt, hunnert Pund Töttken un dusend Näppe dicke Bauhnen met us vertehren, ähr dat he hier willkuommen wäör. Dat is apatt bar Afgunst, frie erfunnen un heel un deel luogen. Ick här mi aower freit, wann ji …«

Män dao miärk ick, dat de drei mi gar nich tolustern, sunnern engaolweg up den Apparat kiekt, also de Maschine, we Menskenspraoke üöwersetten kann. De Lämpkes sind nämlicks in ene Tour an’t Glinstern, löchtet nervös up, maol raud, maol blao, maol giäl, maol witt, maol gröön, maol pink un so wieder, äs in’t Kauphuus van Oktober an en Wiehnachtsbaum met siene bunten Lechtkes, Kuegeln un Kärßen.

»Ist ja voll krass!«, mennt dat ene van de Männkes to de twee annern, wieldes et mähr äs hibbelig an de Knaip van de Maschine harümdreiht un fummelt, un de Maschine dööt nix anners, äs alls, wat et sägg, in Eins-Live-Düütsk to üöwersetten. »Ich glaub, ich pack es nicht! Die Lieferfirma hat uns doch garantiert, dass die Box alles perfekt checken würde, was die Erdlinge hier im Sektor so reden! Da wird der Oberste Rat aber ordentlich was zu reklamieren haben. Ich hoffe nur, die schieben uns das nicht in die Sandalen, von wegen Bedienungsfehler oder so …!«

Un häs du mi nich seihn häbt se den Kasten wier inpackt un sind in iähre Ufo-Kiste verswunnen. Klappe to! Wegg sind se. Ick staoh dao, krigg dat Muul nich to un kiek iähr nao.

Äs ick wier bikuommen was, häwwick mi natürlick üöwerleggt, waorüm de iähre Maschine nich funktioneerde. Un dann wuor mi upmaol klaor: De hele Misere is natürlick de WDR inschuld, ümdat he siet Jaohr un Dag dat mönsterländske Platt links liggen läött. Anners hären de grönen Männkes iähren Wunnerapparat jä Wiäke för Wiäke met ‘ne üörndlicke Mule vull Platt foern konnt; un dann här et hier söcke Problemen nich giëwen.

‘t magg apatt sein, dat se annerwao auk Malessen kriëgen hären, tom Bispiël in Klein Muffi orre in’n Ruhrpott orre … in Brüssel.

Ninny

Warum ich Vegetarier geworden bin? Das will ich Ihnen gerne erzählen, uns bleibt ja noch ein bisschen Zeit, bevor die Nacht zu Ende ist.

Ich war damals dreizehn Jahre alt, und meine Eltern und ich lebten in einem kleinen Kotten draußen auf dem Land. Dort war es selbstverständlich, dass man sich Tiere hielt: Keine Schoßtiere, so wie die Leute in der Stadt, sondern Hühner, Kaninchen und vielleicht sogar ein Schwein oder eine Kuh. Wir hatten allerdings neben einem Hühnerhof nur noch einen Stall mit ein paar Kaninchen, die zu füttern und mit frischem Heu und Stroh zu versorgen im Laufe der Jahre zu meiner Aufgabe geworden war. Natürlich hatte ich so wie, glaube ich, jedes Kind in meiner Situation auch ein Lieblingskaninchen, das ich besonders verwöhnte und des Öfteren auf den Arm nahm, um sein seidenweiches Fell zu streicheln. Dieses Kaninchen, ein rot-weißes, hatte ich Ninny getauft, und es war uns erst ein paar Wochen vor dem seltsamen Ereignis, von dem ich Ihnen erzählen will, von einem Bauern überlassen worden.

In jenem Sommer lag ich eines Abends noch wach in meinem Bett, denn es war viel zu warm zum Schlafen. Draußen stand der Vollmond am Himmel, und in der Ferne heulten ein paar Hunde. Vielleicht hatten sie die Witterung eines Fuchses aufgenommen, der unter dem Mond über die Felder schnürte? Plötzlich hörte ich durch das offene Fenster ein Geräusch drüben von den Kaninchenställen her. Mit einem Schlag war ich hellwach. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Fuchs oder ein anderes kleines Raubtier versucht hätte, an unsere Kaninchen heranzukommen. Ich stand sofort auf, schlüpfte in meine Schuhe und kletterte zum Fenster hinaus, ohne allzu viel Lärm zu machen; meine Eltern wollte ich auf keinen Fall wecken, denn mein Vater wäre sonst bestimmt selber zum Kaninchenstall hinübergegangen, die Schrotflinte in der Hand, und hätte mir befohlen, im Haus zurückzubleiben, damit ich ihm nicht vor die Waffe lief. Auf dem Weg zum Stall nahm ich sicherheitshalber eine Schaufel zur Hand, die an der Wand lehnte; die würde genügen, um so einen kleinen Räuber fürs Erste zu vertreiben. Angst hatte ich natürlich keine, die ganze Sache war für mich bloß ein großes Abenteuer.

Als ich den an einer Seite offenen Kaninchenstall erreichte, war dort keine Spur von einem Eindringling zu entdecken. Die Kaninchen waren auch alle ganz ruhig, was sie nicht gewesen wären, wenn sich ein Raubtier in ihrer Nähe herumgetrieben hätte. Wahrscheinlich hatte ich mich bloß verhört, oder vielleicht war es nur eine Katze gewesen, die über eines der Dächer lief. Bevor ich aber ins Haus zurückging, trat ich doch tiefer in den Stall hinein. Ja, die Käfige waren alle ordentlich verschlossen, keines der Gitter beschädigt. Dann sah ich im gleißenden Mondlicht etwas, das mir den Atem stocken ließ.

In einem der Kaninchenkäfige in der mittleren Reihe, dem Käfig, in dem auch Ninny wohnte, lag ein Mensch – ein sehr kleiner Mensch, ein Kind vielleicht. Dieses Kind, wenn es denn eines war, nahm aber immerhin so viel Platz ein, dass den drei Kaninchen, die den Käfig bewohnten, kaum noch Platz blieb. Sie hatten sich in einer Ecke zusammengedrängt, aber aufgeregt waren sie nicht. Stattdessen schnupperten sie neugierig an der kleinen Gestalt herum, fast so, als sei ihnen der Geruch angenehm und vertraut. Nein, es waren nur zwei, nicht drei. Das dritte – Ninny! – war verschwunden. Völlig verwirrt trat ich dichter an die Reihe mit den Käfigen heran. Tatsächlich kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern, was ich in diesem Moment sagte, aber es wird wohl »Was machst du da?« oder etwas ähnlich Dummes gewesen sein.

Die Antwort war ein leises Lispeln, kaum zu vernehmen. Es klang wie »Ach, bitte, lass mich heraus!«, und genau das tat ich, ohne weiter darüber nachzudenken. Ich stellte die Schaufel beiseite, denn vor einem Kind brauchte ich ja wohl keine Angst zu haben, zog den dicken Holzstift heraus, mit dem das Käfigschloss gesichert war, und öffnete die Tür. Sofort kroch das Kind ganz geschickt rückwärts aus dem Käfig heraus, ließ sich zu Boden gleiten und richtete sich dann vor mir zu seiner ganzen Größe auf. Klein war es, aber kein Kind, sondern ein zierliches Mädchen, das in etwa mein eigenes Alter haben mochte. Im gleißenden Mondlicht sah ich, dass es nackt war und wunderschön. In seinem seltsam rot und weiß gescheckten Haar, das mich sehr an das Fell von Ninny erinnerte, klebten noch ein paar Strohhalme. Trotz seiner Nacktheit schien dieses Mädchen keine Scheu vor mir zu haben, sondern stand einfach nur da und schaute mich aus feuchten und liebevollen Augen an, während seine kleine Nase ein wenig in meine Richtung schnupperte, fast so, als wolle es damit meine Witterung aufnehmen.

»Wie bist du in den Käfig hineingekommen?«, brachte ich irgendwie heraus, und: »Wo ist denn Ninny?«

»Aber ich bin Ninny«, sagte das Mädchen mit seinem allerliebsten Lispeln. Als es sprach, konnte ich sehen, dass seine Schneidezähne länger und kräftiger waren als die eines normalen Menschen, sodass seine Zunge beim Sprechen immer ein wenig daran anstoßen musste.

Mit einem Mal wurde mir klar, dass es sich bei diesem wunderschönen Wesen wirklich um das dritte Kaninchen handelte, das zusammen mit den beiden anderen normalerweise den Käfig bewohnte. Die beiden anderen mochten ganz gewöhnliche Kaninchen sein, aber dies hier war etwas ganz Besonderes, ein Wunder der Natur, ein Werkaninchen.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt näher und strich Ninny behutsam über den Kopf. Ihr Haar fühlte sich weich und ganz seidig an, genau wie Kaninchenfell. Und Ninny schmiegte sich so zutraulich an mich, wie sie es schon in ihrer Existenzform als Kaninchen getan hatte, rieb ihr Näschen an meiner Wange und knabberte ein bisschen mit ihren kräftigen Zähnen an meinem Ohr. Ihr Atem war süß und roch nach Heu und Stroh und vielleicht ein bisschen nach Mohrrüben.

Ganz hinten im Stall lag ein Haufen Stroh zum Auspolstern der Käfige, und dorthin führte sie mich oder ich sie, genau vermag ich das heute nicht mehr zu sagen … Sie erzählte mir, dass sie sich immer nur bei Vollmond für ein paar Stunden in ein Menschenmädchen verwandele, von Mondauf- bis Monduntergang. An die Wochen zwischen diesen Verwandlungen aber könne sie sich nur schemenhaft erinnern, da sie in dieser Zeit eben nur ein Tier sei, ohne klares Zeitempfinden, ohne Sprache und ohne all die anderen höheren Denkfunktionen, die das Wesen eines Menschen ausmachten. Was ihr aber im Gedächtnis geblieben sei, das seien meine Liebkosungen, und diese wolle sie nun noch einmal erleben, doch diesmal in ihrer Gestalt als Mensch, sodass sie sich zumindest alle vier Wochen, wenn sie sich für eine Nacht wieder in einen Menschen verwandele, endlich ganz genau daran erinnern könne.

So verbrachten wir die Nacht zusammen im Stroh, und ich entdeckte, dass ihr auch noch an anderen Stellen ihres Körpers Überreste vom Fell ihrer Kaninchenexistenz geblieben waren: wie ein Flaum unter den Achselhöhlen und, ganz besonders zart, als kleines Stückchen Fell ganz versteckt tief drunten zwischen ihren überraschend kräftigen Schenkeln.

Schließlich ging die Nacht zu Ende, und sie bat mich mit ihrem süßen Lispeln, ihr wieder in den Käfig zurückzuhelfen, denn ihre Rückverwandlung stehe unmittelbar bevor. Also verschränkte ich meine Hände zu einer Räuberleiter, und sie stieg hinauf und kroch in den Käfig zu den beiden anderen Kaninchen zurück. In diesem Moment verschwand die obere Wölbung des Vollmonds hinter dem Horizont, und ihre Verwandlung setzte ein.

Wie soll ich diesen Vorgang beschreiben? In der einen Sekunde war sie noch ein Mensch, in der nächsten wieder ein Kaninchen, ganz ohne jene merkwürdigen und oft schmerzhaften Zwischenstufen, wie man sie aus erfundenen Geschichten über Werwölfe oder andere Wertiere kennt. Nur in ihren Augen meinte ich noch einen Funken von intelligentem Erkennen zu sehen, aber dann erlosch auch der, und sie war wieder »nur« ein Tier. Ich streichelte noch einmal ihr rot-weißes Fell, was sie sich gern gefallen ließ, reichte ihr eine Mohrrübe und verschloss den Käfig wieder mit dem Holzstift.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, kam mir mein nächtliches Erlebnis zunächst wie ein Traum vor. Aber ich hatte immer noch ein paar Strohhalme in den Haaren, die ich natürlich sorgfältig abzupfte, bevor ich mich zu meinen Eltern an den Frühstückstisch setzte; andernfalls hätten sie mich bestimmt gefragt, wo ich mich in der Nacht herumgetrieben hatte. Direkt nach dem Frühstück eilte ich hinunter zum Kaninchenstall, und dort fand ich das Stroh an der Rückwand des Schuppens so zerwühlt vor, wie ich es von letzter Nacht her in Erinnerung hatte. Ninny war auch schon wach, tollte mit den beiden anderen Kaninchen in ihrem Käfig umher, und als ich das Stroh auf dem Käfigboden durch frisches ersetzt hatte und sie und die anderen mit Heu, Mohrrüben und einer Handvoll Klee fütterte, die ich auf dem Weg zum Kaninchenstall ausgerupft hatte, weil ich wusste, dass es ihre Lieblingsspeise war, da wirkten ihre Augen so tierhaft und stumpf wie eh und je vor ihrer nächtlichen Verwandlung in einen Menschen. Also war es vielleicht doch nur ein Traum gewesen.

Sie können sich vielleicht vorstellen, wie ich dem nächsten Vollmond entgegenfieberte. Eigentlich hatte ich Sommerferien, jene Zeit also, von der man als Kind hofft, dass sie nie vorübergeht, weil an ihrem Ende der trübe Schulalltag erneut beginnt, aber diesmal konnten die Tage nicht schnell genug verstreichen. Die Spiele mit meinen Freunden, das Herumstreifen im Wald, das Baden in den stillen Teichen nahebei und das Angeln am Bach hatten überhaupt keinen Reiz für mich, was die Freunde erst mit einem amüsierten Kopfschütteln und dann mit zunehmender Gereiztheit und Ablehnung quittierten. Nach den ersten Tagen traf ich mich gar nicht mehr mit ihnen und hielt mich im Grunde nur noch in der Nähe des Kaninchenstalls auf, wo ich mich fast die ganze Zeit über mit Ninny beschäftigte, die von Tag zu Tag immer zutraulicher wurde.

Manchmal nahm ich sie aus dem Käfig und ließ sie, natürlich erst, nachdem ich unseren Hund in seinen Zwinger gesperrt hatte, frei auf dem Platz vor dem Schuppen herumlaufen. Wenn ich dann ihren Namen rief, spitzte sie die Ohren und kam zu mir herübergehoppelt, um ihre aufmerksam schnuppernde Nase an meiner Handinnenfläche zu reiben. Dass diese Berührung mich insgeheim in höchste Ekstase versetzte, vermochten meine Eltern natürlich nicht zu ahnen.

Trotzdem mochte mein seltsames Verhalten ihnen Sorge bereiten, aber sie ließen mich warum auch immer gewähren, wofür ich ihnen damals sehr dankbar war. Vielleicht dachten sie ja, ich spielte Zirkusdompteur oder dergleichen. Wäre ich nur ein wenig älter gewesen, hätte ich von ihnen vielleicht die Erlaubnis erbeten, in die nächstgrößere Stadt fahren zu dürfen, um dort in der Bibliothek nach Büchern über Werwölfe und andere Wertiere zu stöbern, aber zum einen war ich nie ein großer Leser, und zum anderen war die Stadt so weit entfernt, dass es in der damaligen Zeit für einen Dreizehnjährigen nicht ganz einfach gewesen wäre, allein dorthin zu gelangen.

Also nahm ich das Wunder – wenn es sich denn tatsächlich ereignet hatte, woran ein Teil meines Verstandes immer noch zweifelte – einfach ohne jede Erklärung hin und nahm es als das, was es offensichtlich auch gewesen war: nämlich ein Akt unbegreiflicher Magie, der ohne mein Zutun geschehen war und mein Leben von Grund auf verändert hatte.

Irgendwann hatten sogar diese seltsam unwirklichen vier Wochen ein Ende. Der Vollmond kam. Als die Nacht noch kaum hereingebrochen war und meine Eltern gerade eben schliefen, tappte ich auf leisen Sohlen aus dem Haus und hinüber zum Kaninchenstall, wo ich Ninny aus ihrem Käfig holte. Diesmal sollte sie die Verwandlung nicht in der Enge ihres Käfigs erleben, sondern in Freiheit. Also nahm ich sie behutsam in meine Arme und setzte mich mit ihr auf den Strohhaufen an der Rückwand des Schuppens. Dann wartete ich, während meine Augen zwischen ihr und dem Horizont hin und her schweiften.

Ich will nicht verleugnen, dass es immer noch einen Teil in mir gab, der mich einen Träumer, einen Narren, ja einen Verrückten schimpfte. Aber auf diesen Teil gab ich nichts, denn ich wusste, dass er unrecht hatte.

Mit einem Mal war der Vollmond da, und die Verwandlung ging vor sich, so schnell und lautlos, dass ich eigentlich nichts davon mitbekam, außer einem merkwürdigen und wunderbaren Gefühl auf der Haut, als Ninnys Fell, das zuvor ihren ganzen Körper bedeckt hatte, zu diesen kleinen Fellflecken auf dem Kopf, unter ihren Achseln und tief drunten zwischen ihren Schenkeln zusammenschrumpfte, während es sich überall sonst auf ihrem Körper in menschliche Haut verwandelte. Vielleicht war dies die schönste Liebkosung von allen, die ich in dieser Nacht erfuhr.

Natürlich erkannte Ninny mich wieder. Die Zeit seit ihrer letzten Verwandlung, so erzählte sie mir mit ihrem niedlichen Lispeln, habe sie wie in einem wunderbaren Traum verbracht. Aber nun sei sie wach, und darum sollten wir die wenigen Stunden, die ihr blieben, nicht mit Gesprächen über das, was sie in ihrer Tiergestalt erlebt hatte, vergeuden. Und das taten wir auch nicht.

Als die Nacht vorüber war, verwandelte sie sich in meinen Armen zurück in das rot-weiße Kaninchen; erst danach setzte ich sie in ihren Käfig zurück, wo ich sie in Sicherheit vor unserem Hofhund, dem Fuchs und anderen Räubern wusste. Auch diesmal hatte ich ihr wieder eine Handvoll Klee mitgebracht, und sie fraß ganz zufrieden davon, während ich ihr den Nacken kraulte und daran dachte, dass ich sie schon in vier Wochen in ihrer menschlichen Gestalt wiedersehen würde. Jetzt, da ich wusste, dass ich beim ersten Mal nicht bloß geträumt hatte, würde mir die Zeit bis dahin ja vielleicht nicht mehr so endlos vorkommen.

Ein paar Tage später begann die Schule wieder, und das Leben ging wieder seinen gewöhnlichen Gang, auch wenn ich natürlich so viel Zeit wie möglich mit Ninny verbrachte. Tatsächlich gewöhnte ich mir an, nach dem Mittagessen meine Schulbücher mit hinunter in den Stall zu nehmen und meine Hausaufgaben dort zu machen, die Hefte beim Schreiben auf den Ranzen gelegt. Ninny hatte ich dann meistens vorher aus ihrem Käfig genommen, und sie hoppelte um mich herum, während ich schrieb, oder schmiegte sich zufrieden an meine Seite, solange ich bäuchlings im Stroh liegend meine Lektionen lernte.

Eine Woche nach Schulbeginn gab es in unserer Klasse einen schrecklichen Aufruhr, ich weiß gar nicht mehr genau, wegen was. Ich glaube, einer der Jungen, ein Freund von mir, hatte einem anderen Jungen etwas aus dem Ranzen gestohlen, der Lehrer hatte es dem Oberlehrer gemeldet, und daraufhin wurde die ganze Klasse so lange verhört, bis man den Schuldigen gefunden hatte. Als ich nach Hause kam, war ich immer noch so aufgeregt, dass ich meinen Eltern während des gesamten Mittagessens haarklein erzählte, was an diesem Morgen alles geschehen war; was ich unterdessen aß, darauf achtete ich nicht. Fleisch in einer dicken braunen Soße, dazu Gemüse und Kartoffeln, die übliche Mahlzeit eben, auch wenn es Fleisch bei uns nicht an jedem Tag der Woche in so großen Mengen gab wie an diesem.

Nach dem Essen und nachdem es meinen Eltern gelungen war, meinen Redefluss zu stoppen, erinnerte ich mich wieder an Ninny, an die ich in den letzten Stunden ausnahmsweise einmal nicht gedacht hatte, und lief hinunter zum Kaninchenstall, um ihr, auch wenn sie natürlich nichts davon verstehen würde, die ganze Geschichte gleich noch einmal zu erzählen.

Aber Ninny war nicht in ihrem Käfig, dort drängten sich nur die beiden anderen Kaninchen ein wenig verängstigt aneinander. Dann begriff ich, was ich an diesem Mittag gegessen hatte, und rannte hinter den Schuppen, wo ich mich erbrach, bis nur noch Galle kam.

Ninnys Fell fand ich später neben dem Hauklotz in einem Kellerraum. Ich beerdigte es zusammen mit den Knochenresten, die ich aus der Küche stahl, an einer besonders schönen Stelle in unserem Blumengarten. Danach fiel ich in ein Fieber, von dem ich mich erst nach Wochen und Monaten vollends erholte. Von diesem Tag an habe ich nie wieder auch nur einen einzigen Bissen Fleisch zu mir genommen.

Das also ist der Grund, warum ich nach dem Ende meiner Schulzeit Tierpfleger geworden bin und – ganz im Gegensatz zu Ihnen – vollständig darauf verzichte, Tiere zu essen. Andererseits möchte ich aber natürlich auch nicht gerne selber gegessen werden … und darum werden Sie es mir gewiss nicht verübeln, wenn ich mich nun von Ihnen verabschiede und Ihr Gehege verlasse, bevor der Vollmond untergegangen ist.

Unsere Unterhaltung können wir dann ja in einem Monat fortsetzen.

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231 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783957658692
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