Kitabı oku: «50 Jahre Fußball-Bundesliga»

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Impressum

Vollständige eBook-Ausgabe der im Copress Verlag erschienenen

Printausgabe (ISBN 978-3-7679-0921-2).

Umschlaggestaltung: Stiebner Verlag GmbH

Lektorat: Pierre Sick

Überarbeitung, Aktualisierung und Erweiterung: Matthias Greulich –

www.rund-magazin.de

Alle Fotos von: SVEN SIMON

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2. vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe des 2003 erstmals erschienenen Titels »40 Jahre Bundesliga« von Karlheinz Mrazek

© 2003, 2012 Copress Verlag in der Stiebner Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

ISBN 978-3-7679-2000-2

www.copress.de

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Buch

Als die Bundesliga laufen lernte 1963 - 1968

Die Ängste des Franz Kremer

Kein Platz für den FC Bayern

Köln der Zeit voraus

Robert Schwan als »Volontär« in Köln

60 Prozent Eigengewächs

Max Merkel packte die Koffer

17 Spiele ohne Gegentor

Für den Titel noch nicht reif

Tod am Radio

FC Bayern gegen alle I 1968 - 2002

Der Abstieg des Meisters

Gewagte Vergleiche

Breitner ließ sich nichts gefallen

Beckenbauer mit 20 ein Weltstar

Einfluss auf die Personalpolitik

Rekorde für die Ewigkeit

Kein Jubel auf Münchens Straßen

Netzer sagte dem FC Bayern ab

Keine Freigabe für Gerd Müller

Schalke mit den meisten Zuschauern

Lattek nicht mehr tragbar

Mit Cramer auf Platz zehn

Weisweiler zum FC Barcelona

Zu Spielerverkäufen gezwungen

Sepp Maier kassierte 64 Tore

HSV-Spieler wählten Gutendorf ab

Keegan als »Mighty Mouse«

VfB–Zauber mit Hansi Müller

Toppmöllers folgenschwere Ohrfeige

Neudecker trat verärgert zurück

Uli Hoeneß Manager mit 27

Drama um HSV-Trainer Zebec

Spaß am Fußball durch Happel

»Mister Frankfurt« sagte goodbye

Benthaus als Meistermacher

Viel Geld für Rummenigge

Champion mit nur 22 Gegentoren

Heynckes versprach den Europapokal

Effenbergs dummer Spruch

17 Millionen Mark für Kohler

Rehhagel schockierte Bremen

Eine Ansammlung von Hochkarätern

Beim »FC Hollywood« überfordert

Dortmund zog das große Los

Spekulationen um Sammer

Das Wunder Kaiserslautern

Viermal Meister mit Hitzfeld

Mit zwei Tschechen zum Titel

Das 40. Jubiläumsjahr

»Dortmund bekam die Quittung«

Toppmöller zu euphorisch

»Zu groß für die Liga, zu klein für Europa«

FC Bayern gegen alle II 2003 - 2010

Werder mit Raute und »Kugelblitz« Ailton

Das Double ist nicht genug

Nörgelei, Kritik und Michael Ballack

Junge Schwaben überholen »Retro-Bayern«

Der große Griff ins Festgeldkonto

Wolfsburg mit Magath auf dem Hügel

»Feierbiest« Louis van Gaal

Zwei Dortmunder Jahre

Jugend statt Routine

Statt Absturz ein Rekord

Vizekusen liegt in München

Entscheidungen auf der Ziellinie

Erregt über Torpfostenurteil

Hoeneß überbringt Hiobsbotschaft

»Bayern eine einsame Größe«

Preisschießen der Gladbacher

Aus für Rehhagel nach dem 0:12

Kutzops folgenschwerer Fehlschuss

Dortmund verflucht Bayer

»Sie haben uns den Titel gestohlen!«

Ballacks verflixtes Eigentor



Schalke »Meister der Herzen«

Overaths Tor der Freude

Ein Norweger rettet Frankfurt

Originale – wo sind sie geblieben

Berti war sein Lieblingsgegner

Dörfel: »Ich bin der Erfinder der Bananenflanken«

Platzverbot beim HSV

Die Ausflüge des »Radi« Radenkovic

Bank samt Trainer gestemmt

Mit der Schnupftabakdose unterwegs

Zum Schluss Krach mit Völler

Warme Abschiedsworte für Basler

Den »Blitzkneißer« hochgenommen

Flucht nach Amerika

Doppelpass mit Pelé

Gerd Müller nach Florida

Comeback beim Hamburger SV

1984 Derwalls Nachfolger

»Eine Millionen pro Monat«

Go West - der Exodus der ostdeutschen Spieler

Thom war der erste »Überläufer«

Hoeneß: »Das ist Menschenhandel«

25 Millionen für Heinrich!

Beckenbauers großer Irrtum

Wie die Einkommen explodierten

1400 Mark für Beckenbauer

»Hans Schäfer bekam mehr«

Mit »Jägermeister« begann es

Ausrüster zur Kasse gebeten

Uli Hoeneß hatte die Nase im Wind

Teure Italien-Rückkehrer

Aufschrei nach Bosman-Urteil

Grünes Licht für Ausländer

Kirch rettete die Schuldenklubs

Nur die Topgehälter explodierten

Arm & Reich

Bayer begann als »graue Maus«

Goldgrube Olympiastadion

»Aufrüstung zur Geldmaschine«

Finke und das »Modell Freiburg«

Cissé mit fast einem Jahresetat Gewinn verkauft

Kein »Klassenkampf« mehr auf dem Kiez

Die Psychotricks der Trainer

Streit als Erfolgsrezept

Hemmungsloser Daum

Mit nackten Füßen über Scherben

Toppmöller schleppte einen Adler an

Die Kunst der Motivation

Klopp als neuer Happel

Kuriositäten

Zwei Narben am Po …

Pfaffs unglückliche Premiere

Wirbel um ein »Phantom-Tor«

Die »verrückte Bogenlampe«

Drei Eigentore in einem Spiel

Emotionen

Stein war schon »vorbelastet«

Klinsmanns Tritt gegen Tonne

»Schwach wie Flasche leer«

Lizarazu ohrfeigte Matthäus

Die Hotellampen zerschossen

Toppmöller verteidigte Kahn

Fünf Mark für die S-Bahn

Helden für einen Tag

Vier Tore gegen Uwe Seeler & Co.

Bayern staunten über Hausmann

Niere und Milz entfernt

Applaus sogar von Sepp Maier

Fischer-Ersatz schoss Köln k. o.

Fünf Tore gegen Oliver Kahn

Der Bundesligaskandal

Mit Geldkoffer an der Raststätte

Manglitz bekam kalte Füße

»Allein gegen die Mafia«

Meineidprozess gegen Schalke-Profis

Amnestiewelle des DFB

… und andere Skandale

Hertha in die Regionalliga verbannt

0:7 weckte Verdacht …

Ein Buch kostete die Karriere

Geständiger Betrüger

Hölzenbein am Gefängnis vorbei

In der Not das Stadion verkauft

Mit Otto in den Untergang

Die Kokainaffäre des Christoph D.

Gerichtsverfahren eingestellt

Die Hoyzer-Affäre

Der Tod von Robert Enke

Depressionen und Versagensängste

Zum Tagesgeschäft übergegangen

Rangnick mit Erschöpfungssyndrom

Von »Radi« bis Ribéry

Von Perusic bis Ibisevic

Weisweiler auf »Dänenfang«

Bastrup und Lerby zweimal Meister

Tita der erste brasilianische Star

Dunga – ein Spieler nach Maß

Pflichtgefühl kontra Sonnenhunger

Marcelinho und der Familienclan

Ribèry Fußballer des Jahres

Torgefährliche Niederländer

Die ersten Stars aus dem Internat

Immer schön tiefstapeln

Persönlichkeiten, keine »Sauhunde«

Die Liga im Wandel der Medien

Inszenierte Spannung

»Bleiben Sie jetzt unbedingt dran«

Die »Chefchen«-Affäre

Vom Stadion zur Arena

Roastbeef wichtiger als das Spiel

WM 2006 sorgt für Bau-Boom

Zuschauer als Claqueure

Wohin geht die Reise?

»Ein Quantensprung«

Sparkurs auf Schalke und bei Bayer

Die profitabelste Liga Europas

Statistik

Alle Meistermannschaften seit 1964

Abschlusstabellen

Die Bundesliga nach 49 Spielzeiten

Die Spieler mit den meisten Bundesliga-Einsätzen

Die Zuschauerzahlen

Die Bundesliga-Torjäger

Die Bundesliga-Torschützenkönige

Die Fußballer des Jahres

Die höchsten Transfersummen


Vorwort
Zu diesem Buch

50 Jahre Bundesliga – ein reizvoller Anlass, die spannende Geschichte der Liga noch einmal zu erzählen. Eine Geschichte, die alle Extreme kennt: großartige Spiele, spannende Entscheidungen und groteske Fehlentscheidungen, utopische Vorhaben, Schulden und Skandale.

Die Bundesliga ist als Abbild der Gesellschaft faszinierend und schockierend zugleich und auf alle Fälle nie langweilig und nach wie vor der Deutschen liebstes Kind: Erstmals kamen in der Saison 2011/12 durchschnittlich mehr als 45 000 Zuschauer pro Spiel in die modernen Arenen. Keine andere Liga der Welt zieht so viele Zuschauer an.

In diesem Buch können Sie lesen, »wie die Bundesliga laufen lernte«, den unaufhaltsamen Aufstieg des FC Bayern verfolgen und feststellen, dass Klubs wie der VfL Borussia Mönchengladbach, der Hamburger SV, der SV Werder Bremen und der BV Borussia Dortmund versuchten, den Münchnern den Weg zum Branchenprimus so schwer wie möglich zu machen.

Die Geschichte der Bundesliga wäre freilich unvollständig ohne den Bundesligaskandal, die Drogenaffäre des Trainers Daum, den Exodus der DDR-Spieler nach dem Mauerfall oder die »Völkerwanderung« nach dem Bosman-Urteil, das die Einkommen explodieren ließ.

All das und noch viel mehr lesen Sie in diesem Buch, das bereichert wird durch viele textbezogene Fotos, eine Fülle von Zitaten, Randgeschichten in großer Zahl und eine umfangreiche Statistik.

Die Autoren, im Sommer 2012


Als die Bundesliga laufen lernte 1963 – 1968

Jahrelang lag der Plan in seiner Schublade. Lebhaft unterstützt von Bundestrainer Sepp Herberger kämpfte Franz Kremer, der weitsichtige Präsident des 1. FC Köln, mit Verve und Geduld um eine eingleisige nationale Fußball-Liga. Die Installation war längst überfällig, wurde aber von Vereinsfunktionären und regionalen Verbandsoberen beharrlich blockiert.

Erst deftige Pleiten deutscher Klubs im Europapokal (1. FC Nürnberg 0:6 bei Benfica Lissabon, 1. FC Köln 1:8 beim FC Dundee), der Niedergang der Nationalmannschaft (bei der WM 1962 frustrierender Defensivfußball und das Aus im Viertelfinale) und nicht zuletzt der Wechsel etlicher Nationalspieler ins Ausland (Albert Brülls, Helmut Haller, Karl-Heinz Schnellinger, Horst Szymaniak, Erwin Waldner, Rolf Geiger, Jürgen Schütz, Klaus Stürmer) ließ die Zahl der »Betonköpfe« schrumpfen.


Ein Mann der ersten Stunde: Uwe Seeler (Mitte) war 26, als die Bundesliga begann. In neun Jahren, zwischen 1963 und 1972, brachte er es beim Hamburger SV in 239 Spielen auf 137 Tore. Ein Achillessehnenriss im Februar 1965 in Frankfurt konnte die Karriere von »Uns Uwe« nur unterbrechen. Im September 1965 schoss er beim 2:1-Sieg in Schweden die Nationalmannschaft zur WM nach England.

Die Ängste des Franz Kremer

Dennoch quälten Kremer Ängste, als »sein Kind« am 28. Juli 1962 im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle aus der Taufe gehoben werden sollte. Zum Glück waren sie unberechtigt: Mit 103 zu 26 Stimmen wird die notwendige Zweidrittelmehrheit für das »Staatstheater Bundesliga« (so ein Kommentator) klar übertroffen. Den Vollprofi einzuführen, dazu kann sich der DFB-Bundestag nicht durchringen. Der alte Amateurgedanke geistert durch das erste Bundesligastatut, das viele Mängel hat, und das zum Manipulieren und zu Schwarzgeldzahlungen geradezu einlädt (siehe auch: »… und andere Skandale«).

Kein Platz für den FC Bayern

Ärger gab es bei der Auswahl der 16 Gründungsklubs. Für Wilhelm Neudecker, den dynamischen Präsidenten des FC Bayern, war es ein Affront des DFB, den Traditionsklub von der Isar nicht zu berücksichtigen. Der TSV 1860 München, der 1. FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt, der VfB Stuttgart und der Karlsruher SC erhielten die fünf Plätze für den Süden. In hölzernem Deutsch wurde dem FC Bayern vom DFB-Beirat mitgeteilt, dass es wenigstens im Jahr der Einführung der Bundesliga im allgemeinen Interesse des gesamten Fußballs nicht ratsam erscheint, zwei Vereinen am gleichen Ort eine Lizenz für die Bundesliga zu erteilen.

»In diesen Tagen wurde die Grundlage für einen gewissen Verfolgungs- und Verschwörungswahn des FC Bayern gelegt, der sich trotz des Aufstiegs des Klubs zum deutschen Rekordmeister bis heute gehalten hat,« schreibt Dietrich Schulze-Marmeling in seinem Buch »Die Bayern«.

Köln der Zeit voraus

Die Empörung in der Republik hielt sich freilich in Grenzen. Die Fußballfans waren auf den 24. August 1963 fixiert, den Tag des Startschusses in ein neues Fußballzeitalter. Timo Konietzka vom Deutschen Meister Borussia Dortmund erzielte in Bremen das erste Bundesligator in der 1. Minute und Uwe Seeler vom Hamburger SV im Jahr der Premiere die meisten Treffer (30). Doch den Titel holte, wie erwartet, der 1. FC Köln, der Anfang der sechziger Jahre der Zeit weit voraus war. Im Gegensatz zu den meisten anderen Klubs beschäftigten die Rheinländer ihre Spieler wie die Vollprofis in England und Spanien. Franz Kremer hatte für sie durchweg zusätzliche Ein nahmequellen erschlossen, die ihnen finanzielle Sorgen nahmen. Der Inhaber eines Geschenkartikel-Großhandels vermittelte seinen Fußballangestellten Tankstellen und Toto-Lotto-Läden, in denen sie hauptsächlich repräsentierten. Bei der Konkurrenz wurde wie bisher vorwiegend am Abend trainiert. So saß zum Beispiel Nationalspieler Alfred »Aki« Schmidt von Borussia Dortmund täglich ein paar Stunden im Büro des Stahlkonzerns Hoesch, um sich ein Zubrot zu verdienen.

Kein Foto vom ersten Bundesligator

Vom ersten Bundesligator gibt es keine Aufnahme. Der Grund: Alle Fotografen hatten sich hinter dem Tor von Borussia-Torhüter Hans Tilkowski niedergelassen und so den Treffer des Dortmunders Timo Konietzka in der 1. Minute verpasst. Das Spiel im Weserstadion gewann Werder Bremen mit 3:2.


Dieter Seeler, hier bedrängt von Kölns Weltmeister Hans Schäfer, spielte von 1963 bis 1965 beim HSV neben seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Uwe. Wenige Tage vor seinem 48. Geburtstag starb Dieter Seeler an Herzversagen.

Die Kölner spielten den perfektesten Fußball aller Mannschaften und besaßen 1963 mit Wolfgang Overath und Wolfgang Weber zwei 19-jährige Talente, die schon bald in Herbergers Notizbuch auftauchten.

Von Hans Schäfer, dem Weltmeister von 1954 gelenkt, inszenierten sie einen Offensivfußball, den ähnlich attraktiv nur noch die Dortmunder Borussia zelebrierte. Thielen, Schäfer, Christian Müller, Overath und Hornig stürmten für die Kölner, Wosab, Schmidt, Brungs, Konietzka und Emmerich für die Westfalen, die am Ende mit Platz vier vorliebnehmen mussten. Die Schlagzeilen gehörten dem Meidericher SV, der 1966 in MSV Duisburg umbenannt wurde, und seinem Trainer Rudi Gutendorf. Mit einer ausgeklügelten Defensiv taktik verteidigten die Duisburger bis zum Schluss Platz zwei, und Gutendorf erhielt den wenig schmeichelhaften Namen »Riegel-Rudi«.

Platzverweis für einen »Helden von Bern«

Helmut Rahn, der 1954 mit seinem Tor zum 3:2 über Ungarn die deutsche Nationalmannschaft in Bern zum Weltmeister machte, erlebte den Start der Bundesliga beim Meidericher SV. In 19 Spielen erzielte er acht Treffer. Mehr mediale Aufmerksamkeit fand der einzige Platzverweis in der Karriere des Esseners: Im Bundesligaspiel gegen Hertha BSC flog Rahn auf die alten Tage wegen Tätlichkeit gegen den Berliner Harald Beyer vom Platz. Bundesligaluft schnupperten noch zwei weitere »Helden von Bern«. Max Morlock brachte es in 21 Spielen für den 1. FC Nürnberg auf acht Tore, Hans Schäfer in 39 Spielen für den 1. FC Köln auf 20 Treffer.

Robert Schwan als »Volontär« in Köln

Der Auftritt der Kölner war so überzeugend gewesen, dass die Rhein länder auch in die zweite Bundesligasaison als heißer Favorit gingen und Besuch aus München bekamen. Bayern-Präsident Neudecker und Manager Robert Schwan hielten es für geboten, in Köln Anschauungsunterricht in modernem Management zu nehmen. Doch die Vision von einer Dauerherrschaft in der noch jungen Bundesliga und die Illusion, ein deutsches Real Madrid zu werden, sollte sich beim 1. FC Köln schnell in Luft auflösen.


Die Kölner waren die Attraktion im Jahr der Bundes ligapremiere. Hier die Mannschaft, die 1964 Meister wurde (von links): Hans Schäfer, Fritz Ewert, Hansi Sturm, Leo Wilden, Helmut Benthaus, Wolfgang Weber, Karl-Heinz Thielen, Fritz Pott, Wolfgang Overath, Heinz Hornig und Toni Regh.

Schon im zweiten Jahr musste die Mannschaft, die bis auf die Westfalen Heinz Hornig und Helmut Benthaus durchweg aus Rheinländern bestand, Werder Bremen den Vortritt lassen. Trainer Willi »Fischken« Multhaup, später erfolglos in Köln tätig, hatte den Gladbacher »Eisenfuß« Horst-Dieter Höttges und den Schalker Stürmer Klaus Matischak an die Weser gelockt. Höttges bildete mit Sepp Piontek eine Verteidigung, deren Härte (und Klasse) die Gegenspieler schmerzvoll zu spüren bekamen. Unbegreiflich blieb, dass der FC Schalke 04 mit Nationalspielern wie Willi Schulz, Hans Nowak und dem jungen Reinhard »Stan« Libuda die Saison als Tabellenletzter (!) beendete. »Interne Ränkeschmiede und Intriganten sorgten für einen unerklärlichen Leistungsabfall,« notierte ein Kritiker. Der Abstieg blieb dem Traditionsklub aus dem »Pütt« dennoch erspart.


19 Jahre jung, dribbelte Reinhard Libuda gleich im ersten Bundesligajahr in die Schlagzeilen. Nach zwei Jahren Spiel beim FC Schalke 04 trug der »Stan«, wie er in Erinnerung an Stan Matthews getauft wurde, drei Jahre das Trikot des BV Borussia Dortmund. 1968 kehrte er zu den »Königsblauen« zurück.

Nachdem Hertha BSC Berlin wegen statutenwidriger Finanzgebaren ausgeschlossen worden war (siehe auch: »… und andere Skandale«), erweiterte der DFB die Liga auf 18 Klubs.

60 Prozent Eigengewächs

Frischen Wind brachten 1965 zwei Aufsteiger in die Liga, die die siebziger Jahre dominieren sollten. Der FC Bayern mit Trainer Tschik Cajkovski und der VfL Borussia Mönchengladbach mit Trainer Hennes Weisweiler waren gleich ein Hit; sie mischten die Etablierten gehörig auf. Schon am zweiten Spieltag bezwang die Münchner Mannschaft, in der 60 Prozent der Akteure aus dem eigenen Nachwuchs kamen (Beckenbauer, Maier, Nafziger, Kosar, Kunstwadl, Kupferschmidt, Brenninger, Rigotti), die Frankfurter Eintracht mit ihrem Paradesturm Grabowski (damals noch Rechtsaußen), Lindner, Sztani, Huberts, Lotz mit 2:0. Auch den Münchner »Löwen« zog der Aufsteiger das Fell über die Ohren. 0:3 unterlag das Team um Torhüter Radenkovic, um die exzellenten Außenläufer Luttrop und Perusic und das renommierte Angriffsquartett Heiß, Konietzka, Brunnenmeier, Grosser und Rebele.

»In den ersten Jahren unter Weisweiler fuhren die Borussen am Vorabend eines Spiels noch geschlossen mit dem Bus ins Kino. Später dann blieb der Hennes im Hotel, drosch mit Freunden bei Pils und Fernet Branca einen zünftigen Skat, während die Spieler in Privatautos zum Kino fuhren. Den Abschluss bildete meist eine wilde Rallye zurück zum Hotel.«

Jupp Heynckes in seinem Lehrbuch: »Fußball aktiv – Training und Spiel«


Trainer Max Merkel holte Timo Konietzka 1965 von der Dortmunder Borussia zum TSV 1860 München, wo der ehemalige Bergarbeiter in 47 Spielen 30 Treffer erzielte und wesentlichen Anteil am Gewinn der Meisterschaft 1966 hatte. In die Historie ging Konietzka als Schütze des ersten Bundesligatores ein.

Am Ende feierte München den TSV 1860 mit seinem Trainer Max Merkel als Meister und den FC Bayern als Bundesligadritten und Pokalsieger. In einer Umfrage nach dem sympathischsten Bundesligateam der Saison ging die Beckenbauer-Truppe vor Meister 1860 und Dortmund als Sieger hervor – ein bemerkenswerter Erfolg, denn immerhin waren die Westfalen als Europapokal sieger der Pokalsieger (2:1 in der Verlängerung gegen den FC Liverpool) aus Glasgow heimgekehrt.

Maximal 1200 Mark Monatslohn

Das erste Bundesligastatut erlaubte den Spielern keine großen Sprünge. Die monatlichen Grundbezüge (Gehalt plus Leistungsprämien) durften 1200 Mark im Regelfall nicht überschreiten. Eine Höherdotierung »besonders qualifizierter Spieler« bedurfte einer gutachterlichen Stellungnahme bzw. einer Genehmigung des DFB-Spielausschusses. Die Sonderprämien für Meistertitel und Pokalsieg durften maximal 2000 bzw. 1500 Mark betragen. Die Höchstgrenze für Ablösesummen war 50 000 Mark. Im Falle der Freigabeverweigerung des alten Vereins drohte eine Sperre von zwölf Monaten. Vereinswechsel waren nur nach Ablauf der Saison möglich.

Max Merkel packte die Koffer

Mit dem gleichen Titel wie Dortmund schmückte sich dann ein Jahr später die junge Bayern-Mannschaft. Im Finale von Nürnberg besiegte sie die Glasgow Rangers durch ein Tor von Franz »Bulle« Roth, der zwei Jahre zuvor noch für den C-Klassen-Verein TSV Bertelshofen gespielt hatte, mit 2:1. In der Meisterschaft aber reichte es 1967 nur für Platz sechs, der Tanz auf drei Hochzeiten (Bundesliga, DFB-Pokal, Europapokal) war eine zu große Belastung gewesen. Auch für den TSV 1860 lief nicht alles nach Wunsch. Max Merkel hatte mit Torhüter Wolfgang Fahrian von Hertha BSC seinem Intimfeind Petar Radenkovic einen Rivalen vor die Nase gesetzt und Libero Friedel Lutz von der Frankfurter Eintracht geholt, die Talfahrt seiner Mannschaft indes nicht verhindern können. Nach elf Spieltagen waren die »Löwen« Vorletzter und Merkel ratlos. Ehe es zum Eklat kam, packte der Wiener seine Koffer und heuerte beim 1. FC Nürnberg an. Mit Nachfolger Gunter Baumann robbte sich der TSV 1860 schließlich noch an Dortmund und Frankfurt vorbei auf Platz zwei hinter Eintracht Braunschweig.

17 Spiele ohne Gegentor

Die Niedersachsen als Meister hatte keiner auf der Rechnung. Die Mannschaft von Disziplinfanatiker Helmut Johannssen erinnerte in ihrer betont defensiven Spielweise an den berüchtigten Catenaccio von Inter Mailand. Freunde des schönen Fußballs nannten die Braunschweiger verächtlich »Spielverderber«.

Das Team stützte sich auf eine solide Abwehr mit Torhüter Horst Wolter, der in 17 Spielen ohne Gegentor blieb und insgesamt nur 27 Treffer hinnehmen musste, Libero Joachim Bäse, Vorstopper Peter Kaack, dem später bei einem Autounfall tödlich verunglückten Jürgen Moll und Stürmer Lothar Ulsaß.

In der Saison 1967/68 machte Max Merkel in Nürnberg schon vor dem Anpfiff auf sich aufmerksam: Der Österreicher hatte gleich elf Spieler ausgemustert (unter anderem Publikumsliebling Stefan Reisch und Tasso Wild). Und tatsächlich gelang es seiner Mannschaft, eine Mixtur aus Kondition, Zweikampfstärke und Spielfreude, die gesamte Konkurrenz zu distanzieren und Meister zu werden. »Die Athleten beißen und die Techniker spielen lassen«, so übersetzte Stürmerstar Georg Volkert, 1977 mit Felix Magath beim HSV Europapokalsieger der Pokalsieger, Merkels Erfolgsphilosophie.

Vertrag auf dem Bierdeckel

In den ersten Bundesligajahren wurden Verträge schon mal per Handschlag abgeschlossen. Üblich war dies in Mönchengladbach zwischen Trainer Hennes Weisweiler und Manager Helmut Grashoff. Es konnte aber auch vorkommen, dass als Dokument für eine Gehaltsvereinbarung ein Bierdeckel herhalten musste. So geschehen auf der Rückfahrt von einem Spiel der Münchner »Löwen« Mitte der 60er Jahre nach einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Trainer Max Merkel und Klubpräsident Adalbert Wetzel.

Für den Titel noch nicht reif

Der FC Bayern und die Gladbacher Borussia mussten einsehen, dass sie für den Titel noch nicht reif waren. Weisweilers »Fohlen«-Elf wirbelte zwar über den Rasen, dass den Fußballfreunden das Herz aufging, doch die Abwehr der Westdeutschen war zeitweise so löcherig wie Schweizer Käse. Auch die Bayern-Abwehr hielt den Anforderungen nicht immer stand. So waren Beckenbauer & Co. beim 3:7 in Nürnberg den Flügelstürmern Zvedzan Cebinac und Volkert sowie Mittelstürmer Franz Brungs, der fünf Mal traf, hoffnungslos ausgeliefert. Nachher mussten sich die Münchner von Hans Fiederer, dem damaligen Chefredakteur des »Sportmagazin« sagen lassen: »Die Bayern kamen tempomäßig einfach nicht mit. Selbst ein Weltklassespieler wie Beckenbauer ging mit unter.«

Tod am Radio

Die Spieler des 1. FC Köln, die sich als Vierter 1968 noch vor dem FC Bayern platzieren konnten, schockte mitten in der Saison der Tod ihres Präsidenten. Die Mannschaft um Overath erhielt die Nachricht im November 1967 auf der Heimfahrt vom Bundesligaspiel in Frankfurt. Der »Boss«, wie Franz Kremer respektvoll genannt wurde, starb in Köln nach einem Herzanfall während der Radioübertragung des Spiels seiner Mannschaft.

FC Bayern gegen alle I 1968 – 2002

Schon beim ersten Titelgewinn des FC Bayern im Jahre 1969 waren sich die meisten Kritiker einig: Diese junge Mannschaft mit dem Dreigestirn Franz Becken bauer, Gerd Müller (damals beide 23) und Sepp Maier (25) wird in der Bundesliga eine Hauptrolle spielen.

Die erste Bundesligameisterschaft des FC Bayern trug die Handschrift des jugoslawischen Trainers Branko Zebec, der 1968 seinen Landsmann Tschik Cajkovski abgelöst hatte. »Der Individualist Tschik Cajkovski hatte den Grundstein für unsere Erfolge gelegt. Aber nach fünf Jahren war seine Zeit abgelaufen. Es kam der kühle Mathematiker Branko Zebec, unter dem alles professioneller ablief, und der einen neuen Bayernstil prägte. Einen mit mehr Systematik und mehr Disziplin. Doch die gute Kameradschaft, die in den Jahren mit Tschik gewachsen war, bildete die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg, an den vor Beginn der Saison keiner von uns gedacht hatte«, hielt Franz Beckenbauer in einer Biographie fest.


Drei, die den FC Bayern groß machten: Gerd Müller, Sepp Maier und Franz Beckenbauer, der schon als junger Spieler bei der Verpflichtung von Trainern und Spielern ein Wörtchen mitreden durfte. Seinen 30. Geburtstag feierte der »Kaiser« mit 120 handverlesenen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur.


Mit dieser Mannschaft begann 1969 die unendliche Titelgeschichte des FC Bayern. Von links: Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Franz »Bulle« Roth, August »Gustl« Starek, Helmut Schmidt, Georg »Katsche« Schwarzenbeck, Rainer Ohlhauser, kniend: Peter Pumm, Sepp Maier, Trainer Branko Zebec, Werner Olk und Dieter Brenninger.


Für Bundestrainer Helmut Schön war er der erste Popstar der Fußballszene, für die Fans der kreative Spielgestalter: Günter Netzer dirigierte den VfL Borussia Mönchengladbach 1970 und 1971 zu zwei Meisterschaften.

Der Abstieg des Meisters

Um sein Potenzial wurde Zebec 1969 in der ganzen Bundesliga beneidet. Neben Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier verhießen Spieler wie Georg »Katsche« Schwarzenbeck, der Jahre später als »Putzer des Kaisers« weltweiten Ruf erwarb, Franz »Bulle« Roth, Rainer Ohlhauser und Dieter Brenninger erstklassigen Fußball über den Tag hinaus.

Die Sensation der Saison war freilich weniger der Triumph der Bayern als vielmehr der Abstieg des Vorjahresmeisters und Top-Favoriten 1. FC Nürnberg, dem ein Jahr später mit dem TSV 1860 München ein weiterer Vorzeigeklub des deutschen Fußballs folgen sollte.

Das Unglück der Nürnberger wurde das Glück des VfL Borussia Mönchengladbach. Trainer Hennes Weisweiler, von dem Gedanken beseelt, seine »Fohlen«-Elf zum großen Gegenspieler des FC Bayern heranzuzüchten, bekam endlich die dringend benötigten Abwehrspieler der Güteklasse A. Einer, der Nürnberger Ludwig »Luggi« Müller, unterschrieb gleich nach dem 0:3 der Franken am Schlusstag der Saison beim 1. FC Köln auf einer Kühlerhaube den Vertrag beim neuen Klub (siehe auch: »Entscheidungen auf der Ziellinie«). Den zweiten – Klaus-Dieter Sieloff – angelte sich Weisweiler wie vorher schon Mittelfeldspieler Horst Köppel beim VfB Stuttgart. Am Ende hatten sich die Investitionen gelohnt Der VfL Borussia war Meister und empfahl sich als Herausforderer des FC Bayern.


Von 1964 bis 1973 beim VfL Mönchengladbach nicht immer ein Herz und eine Seele, aber höchst effektiv: Trainer Hennes Weisweiler und sein Spielmacher Günter Netzer, der 1973 zu Real Madrid wechselte. Weisweiler ging zwei Jahre später zum FC Barcelona, ehe er ein Angebot des 1. FC Köln annahm.

Tasmania Berlin hält den Minusrekord

Schwarzgeldzahlungen kosteten Hertha BSC 1965 die Bundesliga-Zugehörigkeit (siehe auch: »... und andere Skandale«). Doch weil Westberlin aus politischen Gründen in der höchsten Spielklasse präsent sein sollte, durfte ein anderer Berliner Klub an Herthas Stelle rücken. Weder Staffelmeister Tennis Borussia, der in der Aufstiegsrunde gescheitert war, noch der Staffelzweite Spandauer SV waren interessiert. So bekam Tasmania 1900 die Lizenz, die mit einem völlig unzureichenden Spielerkader das Abenteuer Bundesliga wagte. Ganze acht Punkte gewann die Mannschaft um den Italienheimkehrer Horst Szymaniak. Und auch das Torverhältnis von 15:108 bedeutete Minusrekord in der nationalen Eliteklasse.

Schnell verloren die Berliner Fußballfans das Interesse an der Tasmania. Wurden im ersten Heimspiel gegen den Karlsruher SC 81 524 Zuschauer im Olympiastadion gezählt, wo es mit dem 2:0 einen von zwei Siegen zu bejubeln gab, so kamen zum Spiel gegen Borussia Mönchengladbach am 15. Januar 1966 gerade mal 827 Besucher.


Uli Hoeneß begann beim FC Bayern als Vertragsamateur. Als solcher wurde er, 20 Jahre jung, 1972 mit den Münchnern deutscher Meister und mit der Nationalmannschaft Europameister. Außerdem spielte er in der Olympiaauswahl, die mit einem 2:3 gegen die DDR das Halbfinale verpasste.

Gewagte Vergleiche

Edelfedern regte das Duell zwischen den beiden Vereinen zu gewagten Vergleichen an. Der eher ergebnisorientierte Zweckfußball der Bayern, so fabulierten sie, entspreche in etwa dem Geist der politisch Konservativen, der rasante Angriffsfußball der Gladbacher reflektiere dagegen die gesellschaftliche Aufbruchstimmung im Lande. »Netzers Pässe gingen weit in den freien Raum; sie waren das fußballerische Pendant zur Apo und deren Ausläufern, bis hin zu Willy Brandts ›Mehr Demokratie wagen‹«, interpretierte zum Beispiel der Schriftsteller Helmut Böttiger das Spiel des Borussia-Dirigenten.

Vordergründig bot sich die Szene so dar: In den politisch bewegten Jahren zwischen 1965 und 1974 sympathisierten die meisten Bayern-Spieler im Freistaat mehr mit den regierenden Christsozialen als mit den »Sozis«. Franz-Joseph Strauß spielte sogar Trauzeuge bei der Hochzeit des Ulmer Metzgersohnes Uli Hoeneß. Paul Breitner, wie Hoeneß 1970 zum FC Bayern gekommen, passte weniger in das Raster. Mit Afro-Look und der Peking-Rundschau in der Hand mimte er den Revoluzzer. Und auch Rainer Zobel und »Charly« Mrosko konterkarierten als »bekennende 68er« das Bild einer CSU-nahen Fußballgemeinschaft. In Gladbach war auch Ferrarifahrer Netzer weit davon entfernt, sich mit der Politik und den Politikern der sozialliberalen Koalition zu identifizieren.

»Jetzt haben’s beim FC Bayern, wo der Mozart und der Beethoven in einer Band stehen, endlich auch einen passenden Bediener, der nur die Noten umzublättern braucht.«

Max Merkel über Udo Lattek, der als junger Trainer beim FC Bayern 1970 mit Beckenbauer und Gerd Müller Weltklassespieler vorfand

Breitner ließ sich nichts gefallen

Im Auftreten der beiden Kapitäne Beckenbauer und Netzer auf dem Rasen gab es kaum Unterschiede. Beide bestimmten Tempo und Spielgestaltung, beide dirigierten das Geschehen lautstark. Beckenbauer, von Natur aus eher Phlegmatiker, mutierte auf dem Platz schon mal zum Choleriker. »Er konnte wie eine Marktfrau auf dem Viktualienmarkt fluchen und gleichzeitig das Spiel seiner Mannschaft führen, das an die distinguierte Art des Papstes erinnerte«, schrieb »Spiegel«-Autor Hermann Schreiber. Lustvoll stritt sich Beckenbauer mit Paul Breitner. Anders als Uli Hoeneß, der dem Sprichwort huldigte »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«, ließ sich der Querdenker Breitner nichts gefallen. Auch Sepp Maier widersprach dem »Kaiser« gelegentlich, trug Wortgefechte im Gegensatz zu Breitner meist humorvoll aus.


Paul Breitner, hier unter einem Mao-Bild mit der Peking-Rundschau in der Hand, legte als junger Spieler Wert darauf als »links« zu gelten. Dank seiner sportlichen Qualitäten konnte sich der Münchner in einem konservativen Umfeld die Rolle eines Revoluzzers leisten.


Gladbacher Angriffsfußball lebte von den gestalterischen Fähigkeiten eines Günter Netzer und den Sturmläufen des Torjägers Jupp Heynckes, der es in 369 Bundesligaspielen (86 für Hannover 96) auf insgesamt 220 Treffer brachte. Nur Gerd Müller (365 Tore in 427 Spielen) und Klaus Fischer (268 in 535 Spielen) waren erfolgreicher.

Gegen Netzer wagte in Gladbach keiner zu opponieren. Der Sohn eines Samenhändlers genoss in der Mannschaft größten Respekt. Verteidiger Berti Vogts verhielt sich dem »Jünter« gegenüber beinahe subaltern. Konfliktbeladen war Netzers Verhältnis nur mit Weisweiler. Den Trainer störte, dass der Kapitän das Training als lästige Pflicht betrachtete. Zudem nervte Netzer mit der ständigen Mahnung, »wir müssen dazu kommen, dass wir unser Tempo verändern und ein Spiel auch mal langsam machen«. Weisweiler sah darin nur ein Alibi für Trainingsrückstände und fehlende Kondition und ignorierte solche Vorhaltungen so gut es ging.

Beckenbauer mit 20 ein Weltstar

An Franz Beckenbauer traute sich kein Trainer heran. Sein Status – mit 20 wurde er bei der WM in England schon ein Weltstar – machte ihn unangreifbar. Zudem stärkte ihm Manager Robert Schwan, der auch sein persönlicher Berater war, bei jeder Gelegenheit den Rücken.

Exklusiv wie ihr Spiel auf dem Rasen, bei dem sich beide auf treue Helfer verlassen konnten – Beckenbauer auf Schwarzenbeck, Netzer auf Wimmer –, gestalteten die beiden Fußballgenies auch ihr Privatleben. Netzer umgab sich gern mit Künstlern, mit Film- und Fernsehschaffenden und nannte den prominenten TV-Regisseur Michael Pfleghar seinen Freund. Beckenbauer fühlte sich mehr zum Establishment hingezogen. Der »Kaiser« besuchte die Bayreuther Festspiele und feierte zum Beispiel seinen 30. Geburtstag mit 120 handverlesenen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur; die Mannschaftskollegen waren nicht eingeladen.

1971 veranstaltete das Wickert-Institut im Auftrage der »Sport-Illustrierten« in München eine Umfrage nach dem beliebtesten deutschen Sportler. Es gewann Franz Beckenbauer vor dem Springreiter H.G. Winkler und Uwe Seeler.

Einfluss auf die Personalpolitik

Beim FC Bayern durfte Beckenbauer recht früh die Personalpolitik mitbestimmen. In seinem Buch »Einer wie ich« erwähnt er, dass er bei der Verpflichtung von Udo Lattek seine Finger im Spiel hatte: »1970 brauchte der FC Bayern einen neuen Trainer, weil der alte, Branko Zebec, sich mit unserem Vorstand zerstritten hatte. Beim FC Bayern war ich inzwischen ein enger Berater des Vorstandes in den Fragen geworden, die für uns Spieler von unmittelbarer Bedeutung sind.

Es überraschte mich daher nicht, dass Robert Schwan ein Gespräch über das Trainerproblem mit mir führte. Max Merkel kam nicht in Betracht, weil er gerade in Spanien den FC Sevilla trainierte. Tschik Cajkovski wollte unser Vorstand nicht wieder einstellen. Es blieben Cramer und Lattek. Cramer war bei der FIFA und irgendwo in der Welt unterwegs. Blieb nur noch Lattek. Als Präsident Neudecker mich fragte, wen ich für einen geeigneten Trainer halte, schlug ich Lattek vor.«

Zum Erfolg war Lattek verdammt, denn laut Beckenbauer kam er zum FC Bayern als es aufwärts ging: »Branko Zebec hinterließ ihm eine körperlich hervorragend getrimmte Mannschaft. Gerd Müller und ich waren im besten Alter, und Sepp Maier hatte in der Nationalmannschaft Hans Tilkowski abgelöst.« 1971 sah es so aus, als könne der FC Bayern die Gladbacher wieder vom Thron stoßen. Erst am letzten Spieltage vergaben die Münchner diese Chance (siehe auch: »Entscheidungen auf der Ziellinie«).

»Ich bin der Hans Albers der Bundes liga. Der konnte saufen und arbeiten wie ich.«

Udo Lattek über sich

Rekorde für die Ewigkeit

Am Ziel war Lattek ein Jahr später. Die Saison 1971/72 wurde zum Triumphzug für die Bayern, bei denen Paul Breitner und Uli Hoeneß in zwei Jahren zu Stützen des Teams herangereift waren, der eine als stürmischer Außenverteidiger, der andere als pfeilschneller Flügelstürmer. 1972 stellten die Münchner auch zwei Bundesligarekorde für die Ewigkeit auf: Die Mannschaft erzielte 101, Gerd Müller 40 Tore. Dennoch war die Saison kein Spaziergang, Schalke erwies sich als fast ebenbürtiger Gegner und hielt die Spannung bis zum Saisonfinale aufrecht (siehe auch: »Entscheidungen auf der Ziellinie«).

Souverän verteidigte der FC Bayern den Titel 1973, hatte elf Punkte Vorsprung vor dem 1. FC Köln, konnte mit seinem »Kühlschrank-Fußball« die Republik allerdings nicht begeistern. Den »Malochern« im Ruhrgebiet missfiel besonders die elegante und lässige Spielweise von »Kaiser Franz«. Sie empfanden sie als arrogant. Mit den Anfeindungen in fremden Stadien konnten die Münchner indes gut leben. Pfiffe im eigenen Stadion und die Missachtung der Fans gingen ihnen aber ganz schön unter die Haut.


Udo Lattek war 37, als er zum ersten Mal den Meisterteller küssen konnte. Der gebürtige Ostpreuße gewann in seiner Trainerkarriere acht Titel, sechs mit dem FC Bayern, zwei mit dem VfL Borussia Mönchengladbach.

Kein Jubel auf Münchens Straßen

»Als die Mannschaft des FC Bayern nach dem letzten Punktspiel gegen den 1. FC Köln mit dem Omnibus vom Olympiastadion ins Stadtzentrum fuhr, stand niemand an den Straßen, um dem Meister von 1973 zuzujubeln. Und als die Spieler ausstiegen, klemmte sich Sepp Maier auf dem kurzen Weg zum Rathaus die Meistertrophäe unter den Arm. Es sah so aus, als ob der Nationaltorwart eben einen Haushaltsgegenstand für seine Frau gekauft hatte«, heißt es im »Jahrbuch des Fußballs« aus dem Copress Verlag.

Mehr als am Minimalistenfußball der Münchner begeisterten sich die Fußballfreunde in Deutschland an den Darbietungen der Gladbacher, der Kölner und der Frankfurter. Von der Spielkultur her waren die Rheinländer und die Hessen wesensverwandt. Beide spielten intelligenten Angriffsfußball und beide verfügten über brillante Mittelfeldspieler – Overath, Flohe und Herbert Neumann hier, Grabowski und Bernd Nickel da. Eigentlich hätten Köln und Eintracht Frankfurt jedes Jahr um den Titel mitspielen müssen, doch fehlten den Teams die Robustheit und das Stehvermögen der Münchner und der Gladbacher. Nicht zufällig erhielten sie die Namen »Die Diva vom Rhein« und »Die Diva vom Main«.

88075 Zuschauer sind Bundesligarekord

In der Saison 1969/70, in der Hertha BSC hinter Gladbach und dem FC Bayern den dritten Platz belegte, erzielten die Berliner einen Zuschauerrekord, der bis heute Bestand hat: 88075 Besucher wurden beim Spiel im Olympiastadion gegen den 1. FC Köln am 26. September 1969 gezählt, das Hertha durch ein Tor von Wolfgang Gayer (er kam vom Wiener SK) mit 1:0 gewann. Nach Umbauten für die WM 1974 fasste die Arena dann nur noch 76 000 Zuschauer.


»Kein anderer in der Bundesliga kann ihm das Wasser reichen«, schwärmte Udo Lattek in den 70er-Jahren von Jürgen Grabowski, der als Rechtsaußen begann und nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 als Spielmacher der Frankfurter Eintracht ins Rampenlicht trat.

Eigendorf auf Befehl von Mielke ermordet?

Noch heute ist sein Tod ein Thema in der Bundesliga: Lutz Eigendorf, in den 70er-Jahren als größtes Talent des DDR-Fußballs gepriesen, nutzte ein Spiel seines Geldgebers Dynamo Berlin beim 1. FC Kaiserslautern zur Flucht. Nach einem Jahr Sperre gab Eigendorf in der Pfalz sein Debüt in der Bundesliga. Zwei Jahre später wechselte er zu Eintracht Braunschweig. In Niedersachsen heiratete der Spieler, der seine erste Frau in der DDR zurückgelassen hatte, ein zweites Mal. Vier Wochen nach der Hochzeit war er tot.

Lutz Eigendorf starb 34 Stunden nach einem Verkehrsunfall: Auf der Heimfahrt von seinem Stammlokal »Zum Cocktail« fuhr er am 5. März 1983 gegen einen Baum. Die Ärzte stellten drei Schädelbasisbrüche, Brustquetschungen und schwere innere Verletzungen fest. Eine Blut untersuchung ergab 2,3 Promille, obwohl der Spieler laut Aussage des Wirtes nur zwei kleine Bier getrunken hatte.

Schon damals kam der Verdacht auf, Eigendorf, wie alle Spieler im Offiziersrang und damit auch Geheimnisträger, könne Opfer eines politischen Attentats geworden sein. Nach der Wende gab es dann konkretere Hinweise, dass es möglicherweise ein Auftragsmord von Stasi-Chef Erich Mielke gewesen sei.

Informationen des Bundesnachrichtendienstes zufolge sei der Autogriff am Wagen von Eigendorf wahrscheinlich mit Kontaktgift präpariert gewesen, dessen Wirkung so beschrieben wurde: Nach der Berührung führt es zu schleichender Vergiftung. Das Gift gelangt über die Haut ins Blut und führt zu Atemlähmung. Das Problem: Das Gift sei nicht nachweisbar.

Netzer sagte dem FC Bayern ab

Die Spiele des 1. FC Köln gegen den VfL Borussia Mönchengladbach um die Macht am Rhein waren in den 60er- und 70er-Jahren fußballerische Delikatessen, geprägt von der Rivalität der Mittelfeldstrategen Overath und Netzer. In dem Wettstreit, den anderen zu übertreffen, ging nicht selten Heinz Flohe als lachender Dritter hervor, den Beckenbauer-Manager Schwan einmal als technisch besten deutschen Spieler nach Beckenbauer bezeichnete.

Netzer trat im Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln in Düsseldorf zum letzten Mal im Borussia-Trikot auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon bei Real unterschrieben, was Schwan nicht hinderte, um den Star zu werben. Schweren Herzens gab Bayern-Fan Netzer (»Ich sage schon seit Jahren, dass es Spaß machen muss, beim FC Bayern zu spielen«) dem Bayern-Manager einen Korb; er wollte nicht vertragsbrüchig werden.

Keine Freigabe für Gerd Müller

Netzer nicht bekommen zu haben und Gerd Müller zu verlieren, dieses Damoklesschwert schwebte im Sommer 1973 über den Häuptern von Bayern-Boss Neudecker und Manager Schwan. »Müller für drei Millionen nach Barcelona«, meldeten die Gazetten, doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schob den Absichten des Bayern-Torjägers einen Riegel vor. In einer offiziellen Erklärung hieß es: »Der Spieler Gerd Müller hat sich am 21. Juli 1973 an seinen Verein mit der Bitte um Freigabe aus dem noch zwei Jahre laufenden Vertrag gewandt. Der FC Bayern hat der vorzeitigen Auflösung dieses Vertrages nicht entsprechen können, nachdem das Präsidium des DFB auf Anfrage hin erklärte, dass der Nationalspieler Gerd Müller für die bereits am 1. Juli begonnene Weltmeisterschaftssaison keine Freigabe erhalten würde.«

»Es gibt eine Menge Müllers, aber einen wie Gerd Müller gibt es nur alle 50 Jahre.«

Helmut Schön, 1964 bis 1978 Bundestrainer


In der Nationalmannschaft Kollegen, in der Bundesliga gelegentlich Gegenspieler: Gerd Müller und Berti Vogts. Nur selten ließ sich der Bayern-Torjäger dabei von der Härte des Gladbacher Verteidigers beeindrucken, mit dem er 1974 Weltmeister wurde.

Bald waren Abwanderungspläne des Mittelstürmers und die Abstrafung des Publikums für den Meister 1973 in München kein Thema mehr. Der Mannschaft gelang es, Sympathien zurückzugewinnen und am Ende der Saison 1973/74 zum dritten Mal hintereinander Meister zu werden. Da die Münchner die Ernte schon am vorletzten Spieltage eingefahren hatten, war das 0:5 gegen den alten Widersacher VfL Borussia Mönchengladbach auf dem Bökelberg nur eine Randnotiz. Einige Bayern-Profis spielten mit Alkohol im Blut. Am Abend zuvor hatte das Beckenbauer-Team mit einem 4:0 gegen Atletico Madrid im Wiederholungsspiel den Europapokal der Landesmeister gewonnen und die ganze Nacht durchgefeiert.


In den 70er-Jahren in der Bundesliga von den Torhütern gefürchtet: Klaus Toppmöller erzielte von 1972 bis 1980 für den 1. FC Kaiserslautern in 204 Spielen 108 Tore – eine beachtliche Quote. In der Saison 1975/76 wurde »Toppi« zum Bayern-Schreck: Fünfmal bezwang er Sepp Maier, zweimal beim 2:1 auf dem Betzenberg, dreimal beim 4:3 der Pfälzer in München.

Schalke mit den meisten Zuschauern

Auch die Schatzmeister der Bundesligaklubs hatten Grund zu feiern. Nach zwei Jahren spektakulärer Gerichtsprozesse im Bundesligaskandal waren die Stadien wieder voll, konnten die Vereine ihre Schuldenberge abtragen. Am schnellsten kam der FC Schalke 04 auf die Beine. »Die Königsblauen«, 1973 ohne die gesperrten Skandalsünder Fischer, Fichtel, Rüßmann, Libuda und Sobieray beinahe abgestiegen, lagen in der Zuschauerbilanz gleich hinter dem FC Bayern. Genau 673 389 Fußballfans zahlten Eintritt für die Spiele im Parkstadion, wo Fichtel wieder die Abwehr zusammenhielt und Klaus Fischer, von Erwin Kremers mit Flanken bedient, zum Liebling des Publikums avancierte. Wie Klaus Toppmöller vom 1. FC Kaiserslautern war der Junge aus dem Bayrischen Wald 21-mal erfolgreich; besser trafen nur Gerd Müller und Jupp Heynckes, die es auf je 30 Tore brachten. Nach dem dritten Titelgewinn hintereinander sollte es mit Trainer Lattek rasend schnell bergab gehen. Sein Intimus Paul Breitner wechselte 1974 zu Real Madrid und schwächte damit die Position des ehemaligen Gymnasiallehrers erheblich. Schon längere Zeit hatte Beckenbauer den Trainer zusammen mit den Abiturienten Hoeneß und Breitner der Konspiration gegen ihn und Schwan verdächtigt und der Manager mit dem Hinweis »Franz, der will uns weghaben« die Stimmung angeheizt.

Lattek nicht mehr tragbar

Als die Bayern der Abstiegszone ziemlich nahe rückten, eskalierte die Situation: Am 2. Januar 1975 musste Lattek gehen. »Es kam zu einer Aussprache zwischen Wilhelm Neudecker, Schwan und Lattek. Es ging nicht nur um den deprimierenden Zustand der Mannschaft, sondern auch um den Ruf des Vereins, dem einige Auftritte von Lattek nicht gerade förderlich waren. Er neigte dazu, beim Trinken das Maß zu verlieren, was seine Privatsache war, solange er nicht bei Reisen mit der Mannschaft für peinliche Zwischenfälle sorgte. Aber vor einem Freundschaftsspiel in Liechtenstein warf er die Hotelbesitzerin in den Swimmingpool, im Hotel Krummweg bei Düsseldorf, wo wir immer während der Reisen in den Westen wohnten, diente ihm ein Relief in der Halle als Zielscheibe. Er bewarf es mit Äpfeln, Birnen, Orangen, Bananen. Es sah am nächsten Morgen aus wie ein an die Wand geklebter Obstsalat. Dies und mehr warf ihm Neudecker vor. Das Gespräch endete mit der Entlassung Latteks, der bei Bayern München so erfolgreich war und das so schlecht verkraftet hatte«, notierte Beckenbauer penibel in seinem Buch »Ich – wie es wirklich war«.


Bayern-Manager und Beckenbauer-Intimus Robert Schwan (links) immer auf Tuchfühlung zu den jeweiligen Trainern der Münchner: Dettmar Cramer schaut, was die Uhr geschlagen hat. Zweimal wurde der »Fußballprofessor« mit dem FC Bayern Europapokalsieger der Landesmeister.

Mit Cramer auf Platz zehn

Der Nachfolger war bald gefunden. Beckenbauers Trauzeuge Dettmar Cramer, der den Ruf eines Fußballweisen hatte, sollte den Klub auf Erfolgskurs halten, was dem kleinen Mann, den Sepp Maier einmal scherzhaft »laufender Meter« nannte, nur international glückte. Mit Cramer wurden die Münchner auch 1975 und 1976 Europapokalsieger der Landesmeister. In der Bundesliga fielen sie in der Saison 1974/75 aber in ein tiefes Loch. Cramer übernahm ein Team, das sich zeitweise unter Lattek als Schießbude präsentiert hatte (0:6 in Offenbach, 2:5 zu Hause gegen Kaiserslautern, 1:4 bei Hertha BSC). Am Ende landeten die Münchner auf Platz zehn mit einem negativen Torverhältnis von 57:63.

Gladbach, nach wie vor der große Gegenspieler des FC Bayern, musste sich anderer Konkurrenten erwehren. Eintracht Frankfurt mit Trainer Dietrich Weise, Hertha BSC mit Georg Keßler und der Hamburger SV mit Kuno Klötzer meldeten Ansprüche an. »Die Diva vom Main« schien endlich vor ihrem ersten Titelgewinn zu stehen. Unter der Regie von Jürgen Grabowski erzielte die Eintracht die meisten Tore (Grabowski steuerte selbst 13 zu den 89 Treffern bei) und musste sich am Ende doch mit Platz drei begnügen. 17 Spiele ohne Niederlage waren eine Serie, die dem VfL Borussia die dritte Meisterschaft bringen sollte. Mit einem überragenden Jupp Heynckes gewannen die Westdeutschen zudem den UEFA-Pokal.

Weisweiler zum FC Barcelona

Die Schlagzeilen gehörten 1975 aber vorwiegend Hennes Weisweiler, nicht weil er dem FC Bayern den Titel abgenommen hatte, sondern weil er den Klub Knall auf Fall verließ. Beim FC Barcelona suchte er eine neue Herausforderung. Zum Leidwesen der Münchner konnten sie aus dem Weggang des Borussia-Trainers keinen Nutzen ziehen; Weisweiler hatte ein gut bestelltes Feld hinterlassen. So war es nicht überraschend, dass die Gladbacher auch 1976 auf die Meisterschaft anstoßen konnten. Besonders schmerzte den FC Bayern, dass es Udo Lattek war, der die Erfolgsgeschichte des VfL Borussia fortschrieb.


Nach stürmischen Jahren unter Hennes Weisweiler verordnete Udo Lattek den Gladbachern Sicherheitsfußball. Die Torausbeute blieb gering, der Titel dennoch 1976 auf dem Bökelberg – Grund für den Trainer und Torjäger Heynckes, sich in die Arme zu nehmen.

»Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen einem Fahrrad und einem Mercedes hätten?«

Udo Lattek, der bei Rot-Weiß Essen 1975 schon unterschrieben hatte, dann aber die Chance wahrnahm, beim VfL Borussia Mönchengladbach Nachfolger von Hennes Weisweiler zu werden

Unter dem Pragmatiker ging freilich die Torquote von 86 auf 66 zurück. Noch weniger waren es in der Saison 1976/77 (58). Frankfurt (86 Tore), 1. FC Köln (83), Schalke 04 (77) und Borussia Dortmund (73) eroberten mit ihrem Offensivfußball die Herzen ihrer Fans. Den Meistersekt aber tranken 1977 wiederum die Gladbacher mit Lattek, obwohl Heynckes wochenlang ausgefallen war und nach einer Meniskusoperation nicht mehr auf den Rasen zurückkehrte.

Zu Spielerverkäufen gezwungen

Weiterer Niveauverlust bei den Gladbachern, in der Saison 1976/77 noch einigermaßen kaschiert, ließ sich nicht vermeiden.

Manager Helmut Grashoff sah sich gezwungen, auch nach Netzer Leistungsträger zu verkaufen, um mit der Ablöse, den Klubetat zu finanzieren. 1976 verabschiedete sich der Däne Henning Jensen, 1977 Uli Stielike. Beide wechselten wie vorher Netzer zu Real Madrid. 1978 füllte dann Rainer Bonhof (zum FC Valencia) und ein Jahr später der Däne Alan Simonsen (zum FC Barcelona) die Kasse des prominenten Provinzvereins auf.

In München erhitzten sich die Gemüter an der Frage, wie wird die Mannschaft wohl den Abgang von Beckenbauer verkraften (siehe auch: »Flucht nach Amerika«). Die Antwort: Extrem schlecht. Der Kölner Wolfgang Rausch war als Abwehrchef überfordert, der Jugoslawe Branko Oblak, in Schalke eingekauft, nicht der gewünschte Spielmacher. Und so trudelte der Klub ungebremst in die größte sportliche Krise seiner Geschichte. Nach zwei 0:4-Niederlagen gegen die Frankfurter Eintracht innerhalb von vier Tagen, in der Bundesliga und im UEFA-Pokal, zog Wilhelm Neudecker im Dezember 1977 die Reißleine. Der Bayern-Boss sicherte sich per Handschlag die Dienste des Ungarn Gyula Lorant, der die Frankfurter Eintracht trainierte, und ermunterte seinen Frankfurter Kollegen Achatz von Thümen, einen ehemaligen Universitätskanzler, der ein Faible für Cramer hatte, den Bayern-Coach zu kaufen. Cramer selbst, so wurde kolportiert, habe das Geschäft vorgeschlagen. »In großer Eile beging Neudecker den Fehler, Cramer fristlos zu kündigen, was den kleinen Mann bewog, eine Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht anzustrengen. Erfolg: Neudecker musste noch 125 000 Mark zahlen«, stand dazu im »Kicker«-Jahrbuch 1977/78.


Turbulente Jahre verlebte der Ungar Gyula Lorant in der Bundesliga. In Frankfurt setzte er mit großem Erfolg die Raumdeckung durch – ein Experiment, das beim 1. FC Köln schief ging. Im Mai 1981 erschütterte die Nachricht die Fußballwelt, dass Lorant mit 58 während eines Spiels des von ihm betreuten PAOK Saloniki den Herztod fand.

Sepp Maier kassierte 64 Tore

Der Trainertausch brachte nichts. Sepp Maier, kurz nach Erhalt des Bundesverdienstkreuzes von einem Düsseldorfer Amtsrichter zu 15 000 Mark Geldstrafe und Entzug der Fahrerlaubnis auf Zeit verurteilt – er hatte mit etlichen Promille im Blut eine Ampel überfahren –, kassierte in der ersten Saison ohne Beckenbauer 64 Tore, so viel wie nie in seiner Karriere. Die Münchner beendeten die Saison mit einem 0:5 in Kaiserslautern (3 Tore Toppmöller), 32:36 Punkten, 62:64 Toren und Platz 12. Das war die schlechteste Bilanz, seitdem die Bayern in die Bundesliga aufgestiegen waren.

Frankfurt wurde immerhin Siebter, Cramer aber am Main nicht glücklich. »Der kommt in Frankfurt nicht an«, betrieb Vizepräsident Peter Kunter, einst ein formidabler Torhüter, Mobbing. Der Fußballprofessor verstand das als Signal und kündigte im Sommer 1978 von sich aus. Nachfolger wurde der damals arbeitslose Otto Knefler.

Als Titelaspiranten galten vor der Saison 1977/78 neben Gladbach der HSV, Schalke 04 und auch der 1. FC Köln. Kölns Präsident Peter Weiand hatte 1976 Hennes Weisweiler verpflichtet und mit dem Belgier Roger van Gool den ersten Millionenkauf der Bundesliga getätigt. Den bis dato teuersten Spielerimport leistete sich 1977 der HSV. Generalmanager Peter Krohn löste beim FC Liverpool Englands Stürmerstar Kevin Keegan für 2,2 Millionen Mark aus und holte sich als Trainer für den nach seiner Ansicht zu hausbackenen Kuno Klötzer »Paradiesvogel« Rudi Gutendorf an die Alster. Gleich zum Start besiegte der MSV Duisburg den HSV mit 5:2 und Bernard Dietz machte die »Mighty Mouse« (mächtige Maus) Keegan zum Mäuschen. Und nach dem 0:2 im Lokalderby gegen den FC St. Pauli zogen Krohn und Gutendorf die Konsequenzen: Der Manager bat in einer Krisensitzung um Vertragsauflösung zum 31. Oktober, der Trainer um Beurlaubung zum Jahresende.


15 Jahre bemühte sich der HSV in der Bundesliga, Meister zu werden. 1979 war es soweit. Mit dem Disziplinfanatiker Branko Zebec als Trainer und einer Vielzahl erstklassiger Spieler sicherten sich die Hanseaten vorzeitig den Titel. Auf dem Bild tragen Kaltz und Hartwig den Trainer über den Platz. Die Meisterfeier im Stadion wurde überschattet durch Ausschreitungen gewalttätiger Fans nach dem 1:2 im letzten Spiel gegen den FC Bayern: Es gab 71 zum Teil Schwerverletzte.

HSV-Spieler wählten Gutendorf ab

Krohn hatten Schuldgefühle (»Die Verpflichtung von Gutendorf war ein Irrtum«), Gutendorf ein Misstrauensantrag der Spieler, die mit 15:3 Stimmen gegen eine Weiterbeschäftigung des Trainers votiert hatten, zum Aufhören veranlasst. Neuer Mann am Schalthebel der Macht wurde Günter Netzer, der zusammen mit Interimstrainer Arkoc Özcan nicht mehr viel bewegte und erst Punkte für sich sammelte, als er den Jugoslawen Branko Zebec für die Saison 1978/79 als neuen Trainer ankündigte.

Das Ziel, endlich Meister zu werden, verspielte wieder einmal Schalke 04. Friedel Rausch kostete die zeitweise Unterschlagung von Vereinsgeldern 15 000 Mark Strafe durch das DFBBundesgericht und anschließend, im Dezember 1977, den Job. Wie der HSV belegte Schalke nur einen Platz im Mittelfeld. Meister aber wurde der 1. FC Köln, 14 Jahre nach seinem Auftakttriumph. Trainer Weisweiler hatte 1977 Wolfgang Overath vergrault und Heinz Flohe zum Kapitän und »Kopf« des Teams bestimmt – eine Maßnahme, die sich auszahlte. Köln gewann den Meistertitel in einem aufregenden Finale, das heftige Reaktionen auslöste (siehe auch: »Entscheidungen auf der Ziellinie«).

Dieter Müller: Sechs Tore in einem Spiel

Den 17. August 1977 wird Horst-Dieter Höttges so wenig vergessen wie den Endspieltag der WM 1966, an dem sein Gegenspieler Geoff Hurst drei Treffer zum 4:2-Sieg der Briten in Wembley beisteuerte. Werder-Trainer Hans Tilkowski hatte den kompromisslosen Verteidiger im Bundesligaspiel beim 1. FC Köln auf Dieter Müller angesetzt, den Torschützenkönig der Saison 1976/77 (34 Treffer).

Müller, der eigentlich Kaster hieß, nach der Scheidung seiner Mutter aber den Namen seines Stiefvaters annahm, gab den 34-Jährigen in diesem Spiel 90 Minuten der Lächerlichkeit preis. Als der gebürtige Offenbacher, dessen drei Halbfinaltore gegen Gastgeber Jugoslawien bei der EM 1976 Deutschland ins Endspiel ge bracht hatten, sein drittes Tor erzielt hatte, schimpfte Tilkowski: »Wo saust denn nur der Höttges rum.« Am Ende hatte Dieter Müller sechs Tore und damit sicherlich einen Rekord für die Ewigkeit erzielt. Das Spiel gewannen die Kölner übrigens mit 7:2. Es war eine Station auf dem Wege zur Meisterschaft 1978. Müller teilte in diesem Jahr den Titel des Torschützen königs mit Gerd Müller; beide trafen 24-mal.


Von HSV-Manager Peter Krohn an die Alster geholt, war Kevin Keegan in seinem zweiten Jahr in Hamburg sein Geld wert (2,2 Millionen Mark Ablöse an den FC Liverpool). Im Meis terjahr erzielte die »mighty mouse« 17 Tore, vier mehr als »Kopfball-Un ge heuer« Horst Hrubesch.

Keegan als »Mighty Mouse«

In der Saison 1978/79 ging dann der Stern des HSV auf, der viele Jahre lang leuchten sollte. Branko Zebec, bei der WM 1954 ein Linksaußen der Extraklasse, war der richtige Trainer zur richtigen Zeit und Kevin Keegan endlich die »Mighty mouse«. Der kleine Brite nutzte die Freiheit, die ihm der Technokrat Zebec gewährte, optimal. Aber auch andere HSV-Profis spielten sich in den Vordergrund. Technisch versierte Männer wie Felix Magath, der Balkan-Libero Ivan Buljan oder der vitale William »Jimmy« Hartwig funktionierten reibungslos im rationalen System des Jugoslawen. Beifall und Respekt bekamen außerdem zwei Spieler, die wesentlich dazu beitragen sollten, dass die Hanseaten dem FC Bayern jahrelang die Rolle des Hegemons in der Bundesliga streitig machten. Offensiv-Verteidiger Manfred Kaltz schlug die berühmten »Bananenflanken«, die den wuchtigen Horst Hrubesch zum »Kopfball-Ungeheuer« werden ließen.

Karriere-Aus nach Autounfall


Eigentlich wollte Sepp Maier wie sein großes Vorbild Lew Jaschin noch mit 40 im Tor stehen, doch ein schwerer Autounfall durchkreuzte dieses Ziel: Im Juli 1979 verlor Maier bei Aquaplaning die Gewalt über seinen Wagen und stieß beim Abbiegen mit einen entgegenkommenden Auto zusam men, in dem zwei Frauen saßen. Alle Unfallbeteiligten wurden schwer verletzt aus den Wracks geborgen. »Maier lag nach dem Unfall bewusstlos auf dem Fahrersitz«, stand im Polizeibericht. Die Ärzte stellten einen Zwerchfellriss, Rippenfrakturen, einen Armbruch und eine Gehirnerschütterung fest. Anschließend musste Maier seine Karriere beenden. Nachfolger im Tor der Nationalmannschaft wurde der Kölner Toni Schumacher, beim FC Bayern Walter Junghans.


Mit Supertechniker Hansi Müller als »Kopf« der Mannschaft wollte der VfB Stuttgart in den 80er-Jahren die Vorherrschaft des FC Bayern brechen. Doch der Plan scheiterte: 1982 wechselte der »deutsche Ferenc Puskas« für großes Geld zu Inter Mailand.

VfB–Zauber mit Hansi Müller

Zum großen Rivalen des HSV schwang sich der VfB Stuttgart auf. Der autoritäre Trainer Jürgen Sundermann befehligte eine Mannschaft, in der Jungstar Hansi Müller das Publikum mit brasilianischer Fußballkunst und Schusstechnik verzauberte, Hermann Ohlicher und der Tiroler Roland Hattenberger wie die Berserker schufteten, Dieter Hoeneß und Georg Volkert für Torgefahr sorgten und die Förster-Brüder Bernd und Karlheinz den Strafraum abriegelten. Die »Sundermänner« hielten das Rennen bis zum vorletzten Spieltag offen. Erst ein 1:4 zu Hause gegen Titelverteidiger 1. FC Köln beendete die Blütenträume der Schwaben.

Eigentlich wurde auch auf »Die Diva vom Rhein« gewettet. Ergänzt durch die 18-jährigen Talente Bernd Schuster und Pierre Littbarski trauten viele Weisweilers Truppe zu, noch einmal ein großes Rad zu drehen.

Doch den Ausfall der Langzeitverletzten Heinz Flohe, Roland Gerber und Gerd Strack konnten die Kölner nicht kompensieren.

Zudem geriet Torjäger Dieter Müller in ein Formtief, so dass es nur zu Platz sechs reichte. Negativer Höhepunkt der Saison waren für die Rheinländer die Platzverweise von Flohe und Herbert Neumann beim 0:6 in Hamburg. Danach schickte Weisweiler die beiden Stars in Zwangsurlaub.

»Renner und Roboter haben die Künstler verdrängt. Opfer einer solchen Entwicklung wurde ein Ausnahmetalent wie Hansi Müller, der, vom Trainer gezwungen, Deckungsaufgaben zu übernehmen, die Fähigkeit einbüßte, sein kreatives Spiel durchzusetzen.«

Wolfgang Overath in dem Buch von Hans Reski »Der 1. FC Köln – Die Diva vom Rhein«, erschienen 1986

Toppmöllers folgenschwere Ohrfeige

Kaiserslautern lebte bis zum April 1979 mit dem Wunsch, 26 Jahre nach dem letzten Triumph der Brüder Fritz und Ottmar Walter die Meistertrophäe in die Pfalz zu holen. Erst am 30. Spieltag starb die Hoffnung: Stürmer Klaus Toppmöller, der auf dem Wege zum Torschützenkönig war, ohrfeigte im Spiel gegen Bielefeld Frank Pagelsdorf nach einer Rangelei und erhielt zusammen mit dem Arminia-Profi die rote Karte. Anschließend zog der DFB den Lauterer acht Wochen aus dem Verkehr.

Natürlich wurde auch ein Comeback des FC Bayern nicht ausgeschlossen. Die Münchner begrüßten Paul Breitner 1978 als Rückkehrer, der nach drei Jahren in Madrid in Braunschweig nicht warm geworden war. Kaum wieder in München suchte er die Konfrontation mit Trainer Lorant, der im Februar 1979 nach dem 1:7-Debakel in Düsseldorf das Feld räumen musste. Präsident Neudecker tolerierte Lorants Landsmann und Assistenten Pal Csernai lediglich als Interimstrainer. Auf dem Rückflug vom Spiel in Braunschweig hörte die Mannschaft im Radio, dass Max Merkel für die neue Saison verpflichtet worden sei. Noch im Flieger organisierte Sepp Maier unter den Kollegen eine Abstimmung. Sie ging mit 17:0 gegen Merkel und für Csernai aus.

Neudecker trat verärgert zurück

Einen Tag nach dem Votum trat Neudecker, immerhin 17 Jahre im Amt, verärgert als Präsident zurück und machte Platz für den jovialen Willi. O. Hoffmann, dessen Vorliebe für edlen Schaumwein ihm bei den Medien recht bald zu dem Namen »Champagner-Willi« verhelfen sollte. Neben Neudecker und Lorant forderte die Saison 1978/79 noch ein drittes Opfer: Geschafft vom Ränkespiel des Gespanns Breitner/Csernai packte Gerd Müller nach 14 triumphalen Bayern-Jahren die Koffer (siehe auch: »Flucht nach Amerika«). Unfreiwillig trat dann auch noch kurz vor Beginn der 17. Bundesligasaison Sepp Maier ab.

Uli Hoeneß Manager mit 27

Hinter den Schreibtisch rückte beim FC Bayern 1979 als jüngster Manager der Bundesligageschichte Uli Hoeneß mit 27 Jahren, der bis dato als Spieler alle großen Triumphe mitgefeiert hatte und wegen diverser Knieverletzungen seine Laufbahn vorzeitig beenden musste. Innerhalb weniger Jahre stieg der Weltmeister von 1974 zum Branchenprimus auf. Hoeneß richtete sein Hauptaugenmerk darauf, den FC Bayern von Zuschauereinnahmen unabhängiger zu machen und sportliche Erfolge maximal zu vermarkten.

Natürlich war auch immer wichtig, was auf dem Platz passierte. Und hier hatte Paul Breitner die Macht übernommen zum Vorteil der ganzen Mannschaft und zum besonderen Wohle von Dribbelkönig Karl-Heinz Rummenigge, der an der langen Leine Breitners zum Weltklassestürmer aufstieg. Beim Toreschießen half dem gebürtigen Lippstädter Dieter Hoeneß, und in der Abwehr räumte ein neuer Mann namens Klaus Augenthaler auf, der sich im Laufe der Jahre zu einem Libero von Rang entwickeln sollte. Personell bestens ausgestattet wurden die Münchner 1980 und 1981 Meister, und beide Male blieb für den starken HSV nur Platz zwei übrig.

Uli Hoeneß überlebte einen Flugzeugabsturz

Am 17. Februar 1982 muss Uli Hoeneß, damals 30 Jahre alt, einen Schutzengel gehabt haben. Auf dem Flug zu einem Länderspiel gegen Portugal in Hannover entging der junge Bayern-Manager beim Absturz mit einer Privatmaschine wie durch ein Wunder dem Tod. Der Flieger, in dem neben Hoeneß und dem Piloten Wolfgang Junginger auch noch der Student Thomas Kufer und der damalige Manager des Copress Verla ges Helmut Simler saßen, kollidierte beim Landeanflug mit Bäumen und zerschellte am Boden. Hoeneß überlebte als einziger.

Im Nordstadt-Krankenhaus in Hannover diagnostizierten die Ärzte Frakturen am Arm, Querfortsatzbrüche an der Lendenwirbelsäule, eine einseitige Lungenquetschung und eine Gehirnerschütterung. Paul Breitner wachte die erste Nacht auf der Intensivstation am Bett des Freundes, der künstlich beatmet werden musste.

Drei Tage nach dem Unglück wurde Uli Hoeneß nach München zurückgeflogen und zu dem Absturz befragt. Er sei, so berichtete er, eine halbe Stunde vor der geplanten Landung eingeschlafen und erst im Krankenhaus wieder aufgewacht. »Dass ich nicht angeschnallt gewesen bin, hat mir womöglich das Leben gerettet«, sagte er.

Drama um HSV-Trainer Zebec

Während in München alles glatt ging, Trainer Csernai und Breitner (»Ich sehe mich als Assistent des Trainers«) harmonierten, ging beim HSV einiges schief. Zwar erzielte kein Klub mehr Tore als der HSV (86), doch das Betriebsklima war erheblich gestört. Mit gnadenloser Strenge und extrem hartem Training, nach Ansicht der Spieler oft jenseits der Schmerzgrenze, verscherzte sich Trainer Zebec sein Ansehen. Sichtbar wurde sein Autoritätsverlust nach dem verlorenen Europapokalfinale gegen Nottingham Forest in Madrid. Zutiefst enttäuscht schickte der Kroate die Profis ins Bett, doch die Spieler blieben an der Hotelbar und spülten ihren Frust hinunter – bis früh um sechs. Felix Magath kommentierte die Solidarität am Tresen mit leichtem Sarkasmus: »Endlich sind wir eine richtige Mannschaft.«


Horst Hrubesch nannte Branko Zebec einmal einen Sadisten. Der HSV-Stürmer im »Copress-Fußballjahrbuch 1979/80«: »Er redet eine ganze Nacht mit jemandem, ist freundlich, offen und witzig. Am nächsten Tag grüßte er den gleichen Mann kaum noch.« Im Dezem ber 1980 erhielt der Kroate von HSV-Manager Günter Netzer die Papiere.


Auf dem Weg zum Titel: Paul Breitner war der große Antreiber der Bayern-Mannschaft, die 1980 und 1981 mit dem Ungarn Pal Csernai als Trainer deutscher Meister wurde. Von Breitners Vorarbeit profitierte Karl-Heinz Rummenigge, der in diesen Jahren Bundesliga-Torschützenkönig wurde und das Kunststück 1984 (ohne Breitner) noch einmal wiederholte, bevor er zu Inter Mailand wechselte. Auf dem Bild unten von links: Klubchef Willi O. Hoffmann, Breitner, Rummenigge und ganz rechts Dremmler.


Nach dem Frühstück eskalierte das Zerwürfnis. Von »Kicker-Sportmagazin« gefragt, ob er nach Rückkehr von Hamburg mit der Mannschaft ein Training abhalte, sagte Zebec: »Nein, mit Betrunkenen trainiere ich nicht.« Daraufhin stellte Kaltz den Vorgesetzten bloß: »Wenn wir jedes Mal nicht trainiert hätten, wenn Herr Zebec gerade mal wieder voll war, dann wären wir im letzten Jahr so gut wie nie zur Arbeit gekommen.«

In der Vorbereitung zur neuen Saison erhielt der Kroate, den Millionen am Bildschirm in Dortmund reichlich angetrunken auf der Trainerbank gesehen hatten, eine letzte Verwarnung. Im Dezember 1980 verlor er dann seinen Job. Zu diesem Zeitpunkt war Keegan längst zurück auf der Insel, sehr zum Bedauern der HSV-Fans, bei denen der Engländer ähnlich populär war wie Hamburgs Fußballikone Uwe Seeler in den 60er-Jahren.

Spaß am Fußball durch Happel

Im Sommer 1981 übernahm Ernst Happel beim HSV das Kommando. Der große Schweiger aus Wien, als Trainer eine internationale Größe, vermittelte den Spielern wieder Spaß am Fußball. Mit Happel überholte der HSV sogar den FC Bayern in der Gunst der Massen. Die Münchner hatten große Mühe, mit der Spielkultur der Hanseaten Schritt zu halten. »Kicker«-Chefreporter Wolfgang Tobien sang in einem Rückblick Lobeshymnen auf den Österreicher: »In jenen 80er-Jahren, als immer mehr Spieler mit ihren explosionsartig gestiegenen Gehältern immer unverblümter ihre Macht zu demonstrieren begannen und der Bundesligafußball in eine schwere Krise geriet, gelang Happel so etwas wie die Quadratur des Kreises: Mit eiserner Disziplin und bisweilen schonungsloser Härte vor allem gegenüber den eigenen Stars dennoch für gute Stimmung und damit für attraktiven Erfolgsfußball zu sorgen. Weil er Kompetenz demonstrierte, Autorität transportierte und mit der Perfektion seines Pressings die Bundesliga taktisch revolutionierte. Dabei entstand unterhaltsamer, bisweilen begeisternder Offensivfußball, der sich schon in seinem ersten HSV-Jahr in 95 erzielten Toren niederschlug.«


Nicht nur Franz Beckenbauer hielt ihn für einen der größten Fußballtrainer. Beim Hamburger SV durfte sich Manager Günter Netzer zur Verpflichtung von Ernst Happel gratulieren. Der Grantler aus Wien, als Nationalspieler schon mal ein »Bruder Leichtfuß«, legte wie Zebec Wert auf Disziplin, vermittelte den HSV-Profis aber auch Spaß am Fußball. Das Ergebnis seiner Arbeit: Zwei Meistertitel (1982 und 1983) und der Gewinn des Europapokals der Landesmeister (1983).

Zweimal hintereinander (1982 und 1983) wurde der HSV Meister und krönte die sechs Jahre währende Regentschaft Happels mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1983 durch ein 1:0 über Juventus Turin.


Selbst nach großen Siegen pflegte Ernst Happel sein Pokerface aufzusetzen: Hier verläßt er den Platz mit HSV-Regisseur Felix Magath, dessen Spielintelligenz der Kettenraucher besonders schätzte.

»Mister Frankfurt« sagte goodbye

Für 1980 gilt es noch festzuhalten: Jürgen Grabowski sagte nach 15 Profijahren goodbye. Ein schlimmes Foul des damals noch für Gladbach spielenden Lothar Matthäus zwang »Mister Frankfurt« in den sportlichen Vorruhestand. Vergeblich bemühten sich Masseure und Ärzte den großen Dirigenten der Eintracht fürs UEFA-Pokalfinale noch einmal fit zu bekommen. Unvergesslich bleibt wie die Spieler ihren Kapitän nach dem Cup-Sieg über den Platz trugen.


Ein großer Augenblick für Jürgen Grabowski: Nach dem 1:0-Sieg der Frankfurter Eintracht im Finalrückspiel über den VfL Borussia Mönchengladbach präsentiert »Mister Frankfurt« den Fotografen neben Bernd Hölzenbein den UEFA-Pokal. »Sie sind das Symbol dieser Eintracht«, sagte Frankfurts OB Walter Wallmann unter dem Beifall der 59000 im Waldstadion.

Vater und Sohn in der Bundesliga

Zehn Jahre, nachdem Franz Beckenbauer 1982 beim HSV als Spieler abgetreten war, versuchte sein Sohn Stephan in der höchsten deutschen Spielklasse Fuß zu fassen: Der Filius bestritt beim 1. FC Saarbrücken aber nur zwölf Spiele. Beim Karlsruher SC gehörte Rolf Kahn zu den Männern der ersten Stunde. Zwischen 1963 und 1965 kam der Vater des späteren Welttorhüters Oliver Kahn elfmal zum Einsatz.

Beim HSV stand vier Jahre lang (1963–1967) Horst Schnoor im Tor. Sohn Stefan spielte sieben Jahre (1991–1998) für die Hamburger und wechselte im Jahr 2000 von Derby County zum VfL Wolfsburg.

Hansi Sturm spielte in der Meisterelf des 1. FC Köln von 1964 und verabschiedete sich aus der Bundesliga 1967. Sohn Ralf war für die »Geißböcke« von 1988 bis 1994 im Einsatz.

Günter Kuntz stürmte von 1964 bis 1968 für Borussia Neunkirchen, Sohn Stefan von 1983 bis 1986 für den VfL Bochum, 1986 bis 1989 für Bayer Uerdingen und 1989 bis 1995 für den 1. FC Kaiserslautern als Bundesligaprofi, ehe er 1998 noch einmal für ein Jahr nach Bochum wechselte. Fahrudin Jusufi war von 1966 bis 1970 ein exzellenter Verteidiger bei Eintracht Frankfurt, Sohn Sascha Mittelfeldspieler in Uerdingen (1983–1984), in Saarbrücken (1985–1986) und beim HSV (1986–1991).

Helmut Nerlinger verbrachte ein Bundesligajahr bei Bayern München (1969–1970), bei den Offenbacher Kickers (1970–1971) und zwei Spielzeiten bei Borussia Dortmund (1976–1978). Sohn Christian stand von 1993 bis 1998 im Kader des FC Bayern und 1998 bis 2001 bei Borussia Dortmund auf der Gehaltsliste.

Dieter Zorc spielte in der Saison 1971/72 insgesamt 21-mal für den VfL Bochum. Sohn Michael spielte von 1981 bis 1998 beim BV Borussia Dortmund und bestritt 463 Bundesligaspiele.

Beim TSV 1860 München stand Willi Bierofka in der Saison 1977/78 in 27 Spielen auf dem Rasen. Sohn Daniel bekam bei den »Löwen« 2000 einen Vertrag und wechselte 2002 zu Bayer Leverkusen.

In Köln folgte Carsten Cullmann im Jahr 2000 seinem Vater Bernd, der es zwischen 1970 und 1983 auf 341 Bundesligaspiele brachte. Carsten stieg mit den Rheinländern 2002 ab und 2003 wieder auf.

Sechs Jahre lang (1969–1975) war Fritz Fuchs Stammspieler des 1. FC Kaiserslautern. Sohn Uwe begann seine Wanderschaft durch die Bundesliga beim FC Homburg, die ihn über Fortuna Düsseldorf, dem 1. FC Köln, dem 1. FC Kaiserslautern schließlich zu Arminia Bielefeld führte.

Bei Hertha BSC stand in der Saison 1964/65 Jürgen Sundermann auf der Gehaltsliste (siehe auch: »... und andere Skandale«). Sein Sohn Axel schnürte die Stiefel als Bundesligaspieler bei Hannover 96 (1988/89), beim SC Freiburg (1994–1997) und dem VfL Bochum (1997/98).

Vom Platz gejagt hätten die Hamburger Zuschauer im Mai 1984 am liebsten einen anderen Frankfurter. Am 33. Spieltag zerschoss Ralf Falkenmayer mit seinen beiden Treffern zum 2:0 im Volksparkstadion die HSV-Träume vom dritten Titelgewinn in Folge. Der bis dato punktgleiche VfB Stuttgart nahm beim 2:1 in Bremen beide Punkte aus dem Weserstadion mit und sicherte sich kurz vor Saisonschluss den Titel.

VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hatte 1982 schweren Herzens Hansi Müller nach Italien ziehen lassen und damit den Plan begraben, um den »deutschen Ferenc Puskas« eine Mannschaft zu bauen, die in den 80er-Jahren die Vorherrschaft des FC Bayern brechen sollte. Zunächst zahlte sich ein Trainerwechsel aus. Der feinsinnige Helmut Benthaus hatte 1982 den rustikalen Sundermann abgelöst und sich seinerzeit bei seiner Ankunft aus Basel gleich den Spott von Max Merkel zugezogen. »Was willst du denn mit dem, der kennt die Bundesliga doch nur aus der Peepshow«, lästerte der Wiener.


Was Vorgängern wie Rudi Gutendorf, Albert Sing, Branko Zebec, Hermann Eppenhoff oder Jürgen Sundermann nicht gelungen war, schaffte Theaterfreund Helmut Benthaus 1984: Den VfB Stuttgart zum Meister zu machen. Ein Jahr später musste er auch auf Betreiben von Nationalspieler Karlheinz Förster (»Im Training ließ Herr Benthaus Bemerkungen fallen, die sensible Spieler total aus dem Gleichgewicht brachten.«) die Koffer packen.

Benthaus als Meistermacher

Die Antwort gab Benthaus 1984. Der Westfale trieb der Mannschaft den Hurrastil aus und machte sie mit intelligentem Fußball zum Meister. Im Mittelfeld spielten Karl Allgöwer, der Isländer Asgeir Sigurvinsson und der junge Guido Buchwald höchst effektiv, und in der Abwehr waren die Förster-Brüder nach wie vor ein Bollwerk. Die Kollegen der Bundesliga wählten Sigurvinsson, der beim FC Bayern im Schatten von Breitner nicht zur Geltung kam und deshalb 1982 gleich wieder aus München verschwand, zum Spieler des Jahres.

In Hamburg aber rumorte es im dritten Jahr unter Happel. Der Trainer selbst war an Spannungen nicht unschuldig. Als »Bild«-Kolumnist las er einigen Spielern permanent die Leviten. Die HSV-Fans hatten den Verkauf von Torjäger Hrubesch nach Lüttich nicht verstanden, und der Spielerkreis um Felix Magath war von den Neuzugängen Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke wenig begeistert. Schatzschneider, der von Hannover 96 kam, zog sich schon den Ärger der Altvorderen zu, als er zum ersten Training mit seinem Mercedes 500 vorfuhr. »Da kommt einer aus der Zweiten Liga und dann so eine Karosse«, gifteten sie. Am Ende musste Schatzschneider den HSV trotz seiner 15 Tore wieder verlassen.


In München hielt er es unter der Knute des egozentrischen Paul Breitner nicht lange aus, beim VfB Stuttgart war er in den 80er-Jahren neben Karl Allgöwer und Guido Buchwald »Dominator« im Mittelfeld: Der Isländer Asgeir Sigurvinsson. Acht Jahre lang erfreuten sich die Schwaben an seiner Fußballkunst.

Viel Geld für Rummenigge

Mehr Aufsehen als Schatzschneider erregte 1984 aber Karl-Heinz Rummenigge, den der FC Bayern für 10,5 Millionen Mark an Inter Mailand verkaufte. Ein Jahr vorher hatte Paul Breitner, von diversen Verletzungen gepeinigt, mit 31 die Schuhe für immer ausgezogen und Breitner-Spezi Csernai zwei Spieltage vor Saisonschluss die Papiere bekommen. Hauptsponsor »Iveco« sah in dem arroganten Ungarn einen »schlechten Werbeträger«. Zur Überraschung der Fachwelt fiel der Verlust von Breitner und Rummenigge kaum ins Gewicht. Udo Lattek, als Trainer zurückgeholt, hatte zwar einen Kader ohne hierarchische Strukturen, Manager Uli Hoeneß beim Einkauf aber ein glückliches Händchen. Der Däne Sören Lerby entwickelte sich im Laufe der Saison zum Spiellenker und der junge Lothar Matthäus zum furchtlosen Angreifer. Mit 16 Treffern wurde er bester Torschütze der Münchner und Bayern 1985 Meister.

Champion mit nur 22 Gegentoren

In der Saison 1985/86 machte Werder Bremen von sich reden. Otto Rehhagel hatte sich 1982 die Dienste von Rudi Völler gesichert, der bis dahin beim Zweitligaklub TSV 1860 München tätig war, und in Bremen eine schlagkräftige Mannschaft gebastelt. Zunächst aber musste er den Münchnern und seinem Intimfeind Udo Lattek 1987 zum zweiten Hattrick gratulieren, nach dem es 1986 ganz und gar nicht aussah: Werder hatte es auf dem Fuß, den Bayern den Titel zu entreißen, doch ein vergebener Elfmeter im Gigantenduell am vorletzten Spieltag sollte Folgen haben (siehe auch: »Entscheidungen auf der Ziellinie«).

In der Saison 1987/88 vermasselte Rehhagel dann den Münchnern zum ersten Mal die Tour: Die Bremer wurden mit den wenigsten Gegentoren in 40 Bundesligajahren (nur 22) nationaler Champion – ein Verdienst vor allem von Torhüter Oliver Reck, der souveränen Innenverteidiger Gunnar Sauer und Rune Bratseth sowie des neuen Stürmerstars Karlheinz Riedle von Blau-Weiß Berlin. Was Rehhagel mit Publikumsliebling Rudi Völler, der für 7,5 Millionen 1987 zu AS Rom wechselte, und dem eleganten Libero Bruno Pezzey nicht gelungen war, schaffte er mit Riedle. Zwei Jahre nach diesem Titelgewinn sollte ihm freilich auch der neue Torjäger abhanden kommen: 11 Millionen Mark zahlte Lazio Rom für den gebürtigen Bayern, eine Summe, der Werder-Manager Willi Lemke nicht widerstehen konnte.


Im Copress-Buch »Internationale Fußballstars«, trägt seine Geschichte die Überschrift »Der elegante Riese«. Bruno Pezzey gewann mit der Frankfurter Eintracht 1980 den UEFA-Pokal und ging 1983 nach Bremen. Hier löste der Vorarlberger ein Fußballfieber aus: Schon vor seinem ersten Auftritt verkaufte Werder in wenigen Tagen 6500 Dauerkarten. Meister aber wurden die Bremer auch mit Pezzey nicht.

Das Trio Täuber

Gleich drei Brüder Täuber spielten in der Bundesliga, und alle drei beim FC Schalke 04: Jürgen in der Saison 1980/81, der elfeinhalb Jahre jüngere Stephan in der Saison 1986/87 und Klaus von 1984 bis 1987. Von 1978 bis 1980 hatten Jürgen und sein drei Jahre jüngerer Bruder Klaus zwei gemeinsame Bundesligajahre beim 1. FC Nürnberg ver bracht. Nach seiner Schalker Zeit spielte Klaus Täuber noch zwei Jahre bei Bayer Leverkusen und wurde mit dem Konzernklub 1988 UEFA-Pokalsieger.


Neun Jahre lang, von 1986 bis 1995, organisierte der Norweger Rune Braseth bei den Bremern das Spiel in der Defensive mit großem Erfolg.


Gleich zweimal durfte Otto Rehhagel in Bremen den Meisterteller stemmen, 1988 und 1993. Hier die Mannschaft, die 1993 erfolgreich war. Zu erkennen sind von links: Co-Trainer Kamp, Herzog, Klaus Allofs, Harttgen, Trainer Rehhagel, Bockenfeld, Rufer, Legat, Hobsch, Schaaf (inzwischen Trainer) und Kohn.

Heynckes versprach den Europapokal

Der FC Bayern und sein neuer Trainer Jupp Heynckes kamen 1988 auf Platz zwei. Punktgleich mit den Kölnern, bei denen Udo Lattek inzwischen als Sportdirektor hinter den Kulissen herumwirbelte und sich mit dem Trainer-Frischling Christoph Daum anschickte, dem Bayern-Gespann Hoeneß/Heynckes zu zeigen, »wo der Bartel den Most holt« – ein Unterfangen, dem kein Erfolg beschieden sein sollte (siehe auch: »Psychotricks der Trainer«).

Werder Bremen unterbrach nur die Erfolgskette der Münchner, die auch ohne die nach Mailand abgewanderten Nationalspieler Matthäus und Brehme und dem nach Dortmund gewechselten Michael Rummenigge mit dem Ex-Schalker Olaf Thon den Ton angaben. Wie gehabt jubelten Zehntausende 1989 und 1990 ihrer Mannschaft und Trainer Heynckes auf dem Marienplatz in München zu. Dabei machte der Ex-Gladbacher nur den Fehler, dem Publikum in der nächsten Saison den Europapokal zu versprechen. Das Vorhaben misslang Heynckes genauso wie in Köln dem Duo Lattek/Daum, die Meisterschale an den Rhein zu holen.

Mit Nationalspielern wie Torhüter Bodo Illgner, Pierre Littbarski, Thomas Häßler, Uwe Rahn, Thomas Allofs, Morten Olsen oder Flemming Povlsen waren die Kölner noch prominenter besetzt als die Münchner, die den Kölnern 1989 Jürgen Kohler abspenstig gemacht hatten. 1990 wurde Thomas Häßler für 15 Millionen Mark an Juventus Turin verkauft und Trainer Daum während der WM in Italien in Schimpf und Schande entlassen. Anschließend geriet »Die Diva vom Rhein« durch Fehlinvestitionen in große sportliche und finanzielle Turbulenzen, für die hauptsächlich Klubpräsident Dietmar Artzinger-Bolten und Sportdirektor Lattek verantwortlich waren. Der 1. FC Köln verschwand aus dem Rampenlicht; weder die Trainer Erich Rutemöller noch Jörg Berger, Morten Olsen oder Peter Neururer konnten den Abwärtstrend stoppen.


Ein zufriedener Klaus Augenthaler mit dem Meisterteller im Ermüdungsbecken: Das Bild entstand nach Ende des Saison 1988/89, in der Kölns Trainer Daum vergeblich versucht hatte, durch Pöbeleien gegen Bayern-Trainer Heynckes die Münchner aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen.

Belgien als Wohnsitz der Steuer wegen

Mitte der 90er-Jahre lockte der 1. FC Köln, bei dem es nach dem Verkauf von Thomas Häßler 1990 sportlich und finanziell bergab gegangen war, mit einem Tipp an den Rhein, der die Klubkasse spürbar schonte. Der Vorstand verwies in Vertragsverhandlungen auf die Möglichkeit, im nahen Belgien zu wohnen. Im Nachbarland mussten sie nur einen Bruchteil der Steuern entrichten, die ihnen der Fiskus diesseits der Grenze abnahm. Spieler wie Frank Greiner, Rico Steinmann, Hendrik Andersen und Bruno Labbadia folgten der Empfehlung. Toni Polster, in Köln zur Kultfigur geworden, verzichtete aus zeitökonomischen Gründen auf das Angebot. Pech für Greiner: Die Steuerfahnder kamen dem Franken auf die Schliche. Da er sich vorwiegend in Köln aufhielt, musste er Steuern nachzahlen.

Effenbergs dummer Spruch

In München steuerten Manager Uli Hoeneß und Trainer Heynckes den dritten Bundesliga-Hattrick des FC Bayern an. Optimistisch verkündete Fritz Scherer, damals Klubpräsident: »Wir haben den jüngsten und erfolgversprechendsten Lizenzspielerkader der Vereinsgeschichte.« Doch mit dem exzentrischen Stefan Effenberg, dem dänischen Dribbelkünstler Brian Laudrup, dem beim Karlsruher SC abgeworbenen Michael Sternkopf und dem jungen Christian Ziege aus dem Talentschuppen Hertha Zehlendorf Berlin handelten sich die Münchner nicht nur Freude ein. Effenberg entpuppte sich als Unruhestifter und Provokateur (siehe auch »Emotionen«). Spätestens am 23. Spieltag ging mit dem 1:2 auf dem Betzenberg Platz eins der Tabelle an den 1. FC Kaiserslautern und die Zuversicht verloren, den Titel zum zweiten Mal erfolgreich zu verteidigen. Die »Roten Teufel« mit Altmeister Karlheinz Feldkamp als Trainer gaben die Führung nicht mehr ab und beschenkten 40 000 mitgereiste Pfälzer am letzten Spieltag der Saison 1990/91 in Köln mit einem grandiosen 6:2-Sieg und der Meisterschaft. Gereizt hatte die Mannschaft um Stefan Kuntz auch Stefan Effenberg mit seinem Spruch, dass »die anderen einfach zu dumm für den Titel sind und wir deshalb Meister werden.«

Die Pfälzer steckten schwerwiegende Verletzungen (Bänderrisse bei Kuntz, Friedmann, Roos und Lelle, zweimal Achillessehenriss bei Lutz und Jochbeinfraktur bei Stumpf) ebenso weg wie sechs Platzverweise und die 2:3-Niederlage im letzten Heimspiel gegen Gladbach, die einen Sieg in Köln notwendig machte. Auch im Europapokal gaben die Lauterer eine gute Figur ab. Im Achtelfinale scheiterten sie auf höchst dramatische Weise am FC Barcelona. 3:0 führten sie auf dem Betzenberg und sahen sich nach dem 0:2 im Hinspiel schon im Viertelfinale, als José Mari Bakero Sekunden vor dem Abpfiff das 1:3 gelang.

17 Millionen Mark für Kohler

Der FC Bayern empfand den Titelverlust durch den krassen Außenseiter als Demütigung. Mit dem Weggang von Kohler und Reuter zu Juventus Turin und dem Abschied von Abwehrchef Augenthaler verlor die Mannschaft vor der Saison 1991/92 Substanz und Leitfiguren. Manager Hoeneß freute sich zwar über die 17 Millionen Mark, die Juventus für Kohler überwies – eine geradezu abenteuerlich hohe Summe für einen Abwehrspieler –, bedauerte aber schnell, dass Thomas Berthold, zurück aus Rom, und Oliver Kreuzer nicht die erhofften Verstärkungen wurden. Um mit Spielern wie Ziege, dem Holländer Wouters, Strunz, Laudrup, Effenberg, Thon, Wohlfarth, Berthold, Sternkopf und Pflügler in die Nähe eines Abstiegsplatzes zu geraten, bedurfte es schon extremer Unstimmigkeiten. Fehden zwischen Effenberg und Thon, zwischen Effenberg und Pflügler sorgten für Anarchie. Zudem fielen wichtige Spieler wie Torhüter Aumann und Laudrup mit Kreuzbandriss und Strunz mit gerissenem Bändern im Sprunggelenk viele Monate aus.

Im Oktober 1991 musste Heynckes gehen. Zum Krisenmanager wurde der Däne Sören Lerby bestellt, den Franz Beckenbauer, im selben Jahr zum 2. Vorsitzenden gewählt, bald wieder nach Hause schickte. Dem Bayern-Hauptsponsor Opel spannte er Repräsentant Erich Ribbeck aus, der Schlagzeilen vor allem durch seinen Dauerkrach mit Weltmeister Berthold produzierte. »Sir Erich« setzte den Frankfurter Bankierssohn auf die Tribüne, was Schatzmeister Kurt Hegerich provozierte, Hobbygolfer Berthold als »bestbezahlten deutschen Golfprofi nach Bernhard Langer« zu bezeichnen. Als der von Beckenbauer dann der für die Saison 1993/94 geforderte Titel zu entgleiten drohte, gab er Ribbeck den Laufpass und fuhr selbst die zwölfte Bundesligameisterschaft ein. 1992 hatte der VfB Stuttgart mit Daum als Trainer und Dieter Hoeneß als Manager in einem Herzschlagfinale (siehe auch: »Entscheidungen auf der Ziellinie«) den Favoriten Frankfurt und Dortmund den Titel weggeschnappt. 1993 war »König Otto« in Bremen der zweite Triumph gelungen.


Ein Abschied, bei dem Tränen flossen: Nach 14 Jahren verläßt Otto Rehhagel 1995 Werder Bremen in Richtung Bayern München. Klubpräsident Franz Böhmert, Chefarzt am Bremer Krankenhaus »Links der Weser«, will es gar nicht wahr haben, dass sein Duzfreund Otto geht.

Fichtel mit 43, Stein mit 42 noch aktiv

Klaus Fichtel war 43, als er zum letzten Mal um Bundesligapunkte kämpfte. Am 34. Spieltag der Saison 1987/88 verlor er mit Schalke im Parkstadion gegen Werder Bremen 1:4 und stieg zusammen mit dem von Klubchef Günter Siebert in Köln verpflichteten Toni Schumacher ab.

Uli Stein verabschiedete sich mit 42 von der großen Bühne. Im 1:1-Spiel beim Hamburger SV im April 1997 stand er ein letztes Mal im Tor, half mit, Arminia Bielefeld vor dem Abstieg zu retten. Vorher hatte er acht Jahre lang sein Können beim HSV gezeigt (siehe auch: »Emotionen«), mit dem er 1983 Europapokalsieger der Landesmeister war. 42 Jahre alt war auch Harald »Toni« Schumacher, als er beim BV Borussia Dortmund noch einmal ins Bundesligator durfte. Der Kölner, der damals in Dortmund als Torhüter-Trainer beschäftigt war, verbrachte am 34. Spieltag der Saison 1995/96 im Spiel gegen den SC Freiburg (3:2) die letzten zwei Minuten für Teddy de Beer zwischen den Pfosten.

Als 40-Jährige machten Manfred Burgsmüller und Mirko Votava ihren letzten Kick, beide bei Werder Bremen, Burgsmüller in der Saison 1989/90, Votava in der Saison 1996/97.


23 Jahre, von 1965 bis 1988, spielte er in der Bundesliga – ein Rekord für die Ewigkeit. Woher, fragten sich Fachleute, holte dieser Klaus Fichtel nur seine Energien her? Stets wog der Spieler, der die meisten Jahre bei Schalke verbrachte, 65 Kilo, war schlank wie eine Tanne und wurde deshalb auch »Tanne« gerufen.

Rehhagel schockierte Bremen

Zufrieden zog Rehhagel nach seinem zweiten Titelgewinn 1993 mit Werder Bilanz. Meistens hatte der gebürtige Essener die richtigen Spieler an die Weser geholt: 1989 den pflegeleichten und schussgewaltigen Neuseeländer Wynton Rufer von den Grashoppers Zürich, 1990 Altstar Klaus Allofs von Girondins Bordeaux als Mann für alle Fälle, 1992 Andreas Herzog von Rapid Wien, einen hervorragenden Spielgestalter, und Abwehrspieler Dietmar Beiersdorfer aus Hamburg. 1993 konnte ihn keiner davon abhalten, den schwierigen, aber hochbegabten Mario Basler dem damaligen Zweitligaklub Hertha BSC auszuspannen.

Als Rehhagel dann während der Saison 1994/95, die er gern mit einem weiteren Titelgewinn abgeschlossen hätte (erst das 1:3 am Schlusstag beim FC Bayern verhinderte das), bekannt gab, dass er zum FC Bayern gehen werde, wo Italiens Startrainer Giovanni Trapattoni den »FC Hollywood« nur ein Jahr aushielt, brach für die Bremer eine Welt zusammen, vor allem für Werder-Präsident Franz Böhmert. Weniger schockiert war Manager Lemke, der unter den Launen des Fußballimperators viel zu leiden gehabt hatte. Auch der »Spiegel« ließ das Ereignis nicht unkommentiert: »In den 14 Jahren der Herrschaft Ottos über Bremen war der Sportverein Werder zur Seele der Stadt geworden, die sich an den Siegen der erfolgreichsten Mannschaft jener Jahre so gern berauschte, weil es ansonsten wenig Berauschendes gab.«

Eine Ansammlung von Hochkarätern

In München versuchte Rehhagel es allen Recht zu machen, Franz Beckenbauer genauso wie der Klatschpresse oder den Landespolitikern der CSU. Trotz seiner Freundschaft zum eher SPD-nahen Theaterintendanten Jürgen Flimm hatte er keinerlei Berührungsängste zu Edmund Stoiber und dessen CSU. Seine Frau Beate bot sich sogar als Kulturministerin an. Mit seinem Anliegen, Jürgen Klinsmann nach dessen Rundreise (VfB Stuttgart, Inter Mailand, AS Monaco, Tottenham Hotspurs) unbedingt nach München zu holen, rannte er bei Beckenbauer offene Türen ein. Klinsmann war nicht nur gut für den Fußball, sondern auch für das Merchandising-Geschäft – ein Steckenpferd von Manager Hoeneß. Schon in London hatte Klinsmann seinem Klub neben vielen Toren auch beachtliche Umsätze im Vertrieb von Fan-Artikeln beschert. Kein Trikot ging besser als das des gelernten Bäckers.

Aufstand gegen Trainer Heynckes

Im Dezember 1994 hatte Jupp Heynckes, seit Saisonbeginn Trainer der Frankfurter Eintracht, den begründeten Verdacht, dass die Stars Anthony Yeboah, Jay-Jay Okocha und Maurizio Gaudino ihr Trainingspensum provokativ lustlos abspulten. Deshalb bat Heynckes das Trio am Tag vor dem Spiel gegen den HSV am Nachmittag zu einer zweiten Übungseinheit.

Nachdem alle drei recht missmutig ihren Straflauf durch den Riederwald beendet hatten, meldeten sie sich beim Trainer krank. Yeboah hatte schon vorher gedroht: »Wenn ich heute zweimal trainieren muss, kann ich morgen nicht spielen.« Anschließend wurden die Rebellen suspendiert: Yeboah an Leeds United, Gaudino an Manchester City abgegeben. Nur Okocha durfte bleiben, weil sich in der Winterpause kein Verein für ihn fand.

PS: Jupp Heynckes trat am 31. März 1995 nach einer 0:3 Heimniederlage gegen den FC Schalke als Trainer zurück. Sein Assistent Horst Köppel ging mit ihm, mochte im Gegensatz zu seinem Chef indes nicht auf eine Abfindung verzichten.

Zwei Große, die am Leben scheiterten

Die Fans lagen ihnen zu Füßen: Reinhard »Stan« Libuda und Rudi Brunnenmeier waren die geliebten Helden ihrer Zeit. Das Leben nach dem Fußball aber bekamen sie nicht in den Griff. Vom Schalker Dribbelgenie Libuda hieß es leicht ironisch, er sei an jedem vorbeigekommen, nur an der Flasche nicht. Ähnliches lässt sich von Brunnenmeier sagen, dem legendären Torjäger der Münchner »Löwen«. Der eine, Libuda, starb mit 52 an Herzversagen, der andere, Brunnenmeier, mit 62 an Krebs.

In einem Nachruf auf Brunnenmeier schrieb Hans Eiberle in der »Süddeutschen Zeitung « vom 22. April 2003: »Stets beteuerte Brunnenmeier, er sei nicht unzufrieden mit seinem Leben. ›Ich war Spielführer der Nationalmannschaft, Deutscher Meister, Torschützenkönig der Bundesliga, Pokalsieger und im Europapokalfinale im Wembleystadion. Das kann mir keiner mehr nehmen.‹ Glatt gelogen. In den nüchternen Phasen seines verpfuschten Lebens kehrten die Erinnerungen zurück. Daran, wie sein Friseursalon pleite ging, wie seine Frau das gemeinsame Haus verkaufte und verschwand. Wie er sein Geld in der Spielbank verzockte. An die Gefängnisstrafen wegen Trunkenheit und Urkundenfälschung. Dann litt Rudi Brunnenmeier, fürchtete Hohn und Spott, zu Unrecht auch von hilfsbereiten ehemaligen Mitspielern. Beim 30. Jahrestag der Meisterschaft fehlte er – als einziger.«

»Stan« Libuda übernahm nach seiner wechselvollen Karriere (siehe auch: »Der Bundesligaskandal«) den Tabakund Zeitschriftenladen der Schalker Legende Ernst Kuzorra und ging schnell in Konkurs. Erst 2003 entdeckte »Bild« auf dem Grabstein einen Namensfehler: »Rainhard« statt »Reinhard« heißt es auf der Inschrift. Schalke-Manager Rudi Assauer, 1966 Libudas Mannschaftskamerad bei der Dortmunder Borussia, die in Glasgow mit einem 2:1 über den FC Liverpool den Europapokal der Pokalsieger gewann, entschloss sich daraufhin, einen neuen Grabstein zu kaufen.


Reinhard »Stan« Libuda wurde Europa pokalsieger mit Borussia Dortmund (1966), DFBPokalsieger mit dem FC Schalke 04 (1972) und anschließend im Bundesliga skandal wegen Annahme von Bestechungsgeld lebenslänglich gesperrt. Am 5. Januar 1974 war der Dribbelkünstler dann wieder frei.

Außer »Klinsi« landeten neben Rehhagel mit Andreas Herzog, Ciriaco Sforza und dem vormaligen Bayern-Profi Thomas Strunz (zwischenzeitlich beim VfB Stuttgart) 1995 weitere Alphatiere in München. Und mit dem Franzosen Jean-Pierre Papin war schon 1994 internationales Flair bei den Bayern eingezogen.

»Wir haben jetzt eine Ansammlung von großen Stars wie es der AC Mailand schon seit Jahren kennt«; sah Uli Hoeneß die Münchner in der High-Society des europäischen Fußballs angekommen. Entsprechend hoch war die Erwartungshaltung. Beckenbauer verlangte vom neuen Trainer, dessen Werbekappe er gerne aufsetzte (»Otto … find’ ich gut«) nicht nur viele Punkte, sondern auch schöne Spiele, die er seit Jahren vermisste.


In zwei Jahren beim FC Bayern (1994 bis 1996) brachte es Frankreichs Stürmerstar Jean-Pierre Papin, der vom AC Mailand kam, gerade mal auf drei Tore. Meister wurde Papin in Deutschland nicht. Aufsehen erregte er mit der BayernSchelte: »In diesem Klub verpfeift einer den andern; Solidarität ist hier ein Fremdwort.«

Fünf Tore in einem Spiel schafften:

Karl-Heinz Thielen am 7.12.1963 im Spiel Köln – Kaiserslautern 5:1

Rudi Brunnenmeier am 27.2.1965 im Spiel 1860 München – Karlsruhe 9:0

Franz Brungs am 2.12.1967 im Spiel Nürnberg – FC Bayern 7:3

Klaus Scheer am 1.9.1971 im Spiel Schalke – Köln 6:2

Gerd Müller am 19.2.1972 im Spiel FC Bayern – Oberhausen 7:0,

am 5.5.1973 im Spiel FC Bayern – Kaiserslautern 6:0,

am 11.6.1976 im Spiel FC Bayern – Hertha BSC 7:4,

am 11.9.1976 im Spiel FC Bayern – Tennis-Borussia Berlin 9:0

Jupp Heynckes am 29.4.1978 im Spiel Gladbach – Dortmund 12:0

Manfred Burgsmüller am 6.11.1982 im Spiel Dortmund – Bielefeld 11:1

Atli Edvaldsson am 6.6.1983 im Spiel Düsseldorf – Frankfurt 5:1

Dieter Hoeneß am 25.2.1984 im Spiel FC Bayern – Braunschweig 6:0

Jürgen Klinsmann am 15.3.1986 im Spiel Düsseldorf – Stuttgart 0:7

Frank Hartmann am 1.11.1986 im Spiel Kaiserslautern – Schalke 5:1

Michael Tönnies am 27.8.1991 im Spiel Duisburg – Karlsruhe 6:2


Als er auf Wunsch von Otto Rehhagel 1995 zum FC Bayern geholt wurde, hatte Jürgen Klinsmann drei Auslands-Engagements hinter sich (Inter Mailand, AS Monaco und Tottenham Hotspur). Schon vorher war der gelernte Bäcker in München ein Thema gewesen. 1992 wollte er nicht und 1994 winkte Manager Hoeneß ab, weil ihm durch den Kauf von Papin und Sutter das Geld ausgegangen war.

Klubs, die im Nichts verschwanden

Insgesamt 14 Jahre spielte Bayer 05 Uerdingen in der Bundesliga. 1995 wurde der Werksklub nach der Trennung von der Bayer AG in KFC Uerdingen 05 umbenannt. Ohne die finanzielle Unterstützung des Weltunternehmens setzte rasch der sportliche Absturz ein. Vor der Insolvenz wurde der KFC durch Unterstützungsaktionen aus der Fanszene und die Einnahmen von Freundschaftsspielen gegen Rot-Weiß Oberhausen und den MSV Duisburg gerettet. Der Aufstieg in die Regionalliga gelang den Krefeldern bislang nicht, der KFC bleibt auch in der kommenden Spielzeit fünftklassig.

In der Saison 1973/74 war Fortuna Köln eine Saison lang Mitglied der Bundesliga. Jahrelang versuchte Mäzen Jean Löring vergeblich, den Klub aus der Südstadt wieder nach oben zu bringen. Als »De Schäng«), 2001 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, wurde es auch für die Fortuna eng. Die Insolvenz konnte durch die Hilfe einer Online Community mit 10 000 zahlenden Mitgliedern abgewendet werden. Gegner in der Regionalliga West ist nun Rot-Weiss Essen, wo immerhin sechs Jahre Bundesligafußball gespielt wurde.

2003 tauchte der SV Waldhof Mannheim, bei dem einst Sepp Herberger spielte, in die Niederungen des deutschen Fußballs ab. Der Klub, der sieben Jahre der Bundesliga angehörte (1983–1990) war nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga nicht in der Lage, die Regionalliga-Auflagen zu erfüllen und 700 000 Euro aufzubringen. Der SV Waldhof, der Insolvenz beantragte, wurde in die 4. Liga versetzt. Inzwischen spielt der Klub in der Regionalliga Südwest immer noch viertklassig. Bundesliga-Gründungsmitglied Preußen Münster gehört immerhin wieder der Dritte Liga an.

Beim »FC Hollywood« überfordert

Als sich die Qualität nicht einstellen wollte, zog »Kaiser Franz« als Co-Kommentator von »Premiere« gegen »König Otto« vom Leder und untergrub so die Autorität, die Rehhagel peu à peu beim »FC Hollywood« verloren ging. Gewohnt mit Spielern umzugehen, die ihm treu ergeben waren, bekam er mit selbstbewussten und selbstgefälligen Stars gewaltige Probleme und den Dauerkonflikt zwischen den »Streithähnen« Matthäus und Klinsmann nie in den Griff. Im April 1996 räumte der überforderte Rehhagel seinen Spind in der Umkleidekabine und seine Luxuswohnung im Künstlerviertel Schwabing. Den sportlichen Rest der Saison erledigte wieder einmal Krisenmanager Beckenbauer, der mit dem Starensemble den zweiten Platz belegte. Der Gewinn des UEFA-Pokals muss freilich zu achtzig Prozent Otto Rehhagel zugeschrieben werden, der die Mannschaft in den Finals gegen Bordeaux nicht mehr betreuen durfte.

Meister wurde 1996 wie vorher 1995 der BV Borussia Dortmund, der in der langen Bundesligageschichte gelegentlich auch mal in die Zweite Liga abgetaucht war und sich bei dem Versuch, im sportlichen VIP-Bereich zu etablieren, stets eine blutige Nase geholt hatte. Erst in den 90er-Jahren entwickelte sich der ehemalige Arbeiterklub zum ernsthaften Gegenspieler des FC Bayern und, ausgestattet mit einem prächtigen Stadion, zum Publikumsmagneten.

Scholl und Kahn achtmal Meister

Achtmal wurden Mehmet Scholl und Oliver Kahn mit dem FC Bayern München deutscher Meister:

Scholl 1994, 1997, 1999, 2000, 2001, 2003, 2005, 2006.

Kahn 1997, 1999, 2000, 2001, 2003, 2005, 2006, 2008.

Sieben Titel:

Augenthaler 1980, 1981, 1985, 1986, 1987, 1989, 1990.

Matthäus 1985, 1986, 1987, 1994, 1997, 1999, 2000.

Zickler 1994, 1997, 1999, 2000, 2001, 2003, 2005.

Sechs Titel:

Kögl 1985, 1986, 1987, 1989, 1990 mit Bayern, 1992 mit Stuttgart.

Aumann 1985, 1986, 1987, 1989, 1990, 1994.

Kuffour 1997, 1999, 2000, 2001, 2003, 2005.

Salihamidzic, Jeremies und Lizarazu 1999, 2000, 2001, 2003, 2005, 2006.

Fünf Titel:

Beckenbauer 1969, 1972, 1973, 1974 mit Bayern, 1982 mit Hamburg

Schwarzenbeck 1969, 1972, 1973, 1974, 1980.

Vogts 1970, 1971, 1975, 1976, 1977 mit Gladbach.

Wimmer 1970, 1971, 1975, 1976, 1977 mit Gladbach.

Köppel 1970, 1971, 1975, 1976, 1977 mit Gladbach.

Breitner 1972, 1973, 1974, 1980, 1981.

Dürnberger 1973, 1974, 1980, 1981, 1985.

D. Hoeneß 1980, 1981, 1985, 1986, 1987.

Wohlfarth und Pflügler 1985, 1986, 1987, 1989, 1990.

Reuter 1989, 1990 mit Bayern, 1995, 1996, 2002 mit Dortmund.

Strunz 1990, 1997, 1999, 2000, 2001.

Linke 1999, 2000, 2001, 2003, 2005.

Santa Cruz 2000, 2001, 2003, 2005, 2006.

Sagnol 2001, 2003, 2005, 2006, 2008.

Schweinsteiger 2003, 2005, 2006, 2008, 2010.


Immer wieder Kahn: Der Dauerbrenner des FC Bayern wurde gleich achtmal deutscher Meister, das letzte Mal, 2008, gar als Double-Gewinner.


Als junger Spieler kuschte Uli Hoeneß vor Franz Beckenbauer. Später widersprach er dem »Kaiser« des öfteren, der natürlich wusste, dass es für den FC Bayern keinen besseren Manager als den Metzgersohn aus Ulm gab. Beckenbauer selbst setzte sich beim Rekordmeister als Spieler, als Interimstrainer, als Klubpräsident und schließlich als Aufsichtsratsvorsitzender der Bayern-Fußball-AG ein Denkmal.

Frauen mit Biss

Stefan Effenberg, Thomas Häßler, Bernd Schuster und Bodo Illgner ließen sich beim Gehaltspoker von ihren Frauen vertreten und sparten so das Geld für teure Berater. Wenn Reiner Calmund an die Vertragsverhandlungen mit Gaby Schuster zurückdenkt, tritt ihm noch heute der Schweiß auf die Stirn. »Die Gaby feilschte härter als die härtesten Männer«, erinnert sich der Bayer-Geschäftsführer.

Rolf Rüßmann saß 1996 Martina Effenberg gegenüber, als es um eine Vertragsverlängerung ging. Der damalige Manager des VfL Borussia Mönchengladbach gibt zu, dass die ehemalige Leiterin einer exklusiven Boutique Konditionen erzwang, »die eigentlich kaum zu verantworten waren«. 5,5 Millionen Mark Jahresgage, so wurde geschrieben, habe sie erstritten.

Auch Angela Häßler, gelernte Kosmetikerin wie Gaby Schuster, und Bianca Illgner, als Bodenstewardess einige Jahre Arbeitskollegin und Freundin der späteren Ehefrau von Bundestrainer Berti Vogts, pflegten ihre Gesprächsgegner stets an die Schmerzgrenze zu treiben – vier Frauen mit Biss, die dafür sorgten, dass Millionen auf den Konten ihrer Männer landeten.


Wo immer sie auftauchte, trat den Bundesligamanagern der Angstschweiß auf die Stirn. Martina Effenberg gehörte zu den Frauen, die im Streit um Höchstgagen meist Siegerinnen blieben und letztlich, nicht ganz uneigennützig, so die Konten ihrer kickenden Männer füllen halfen.

Dortmund zog das große Los

Die Weichen hatte das Duo bereits 1990 gestellt, unter 15 Bewerbern den Lörracher Ottmar Hitzfeld zum Nachfolger für Horst Köppel berufen. Mit ihm, der viele Jahre beim FC Basel als Trainer gearbeitet und auch gespielt hatte, zog der BVB das große Los. Der ausgebildete Pädagoge besaß das, was in der Psychologie Empathie genannt wird: Die Fähigkeit und Bereitschaft sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen. Für seine Wünsche fand er bei Meier stets offene Ohren. 1991 engagierte der Manager den Schweizer Stürmer Stéphane Chapuisat, Anfang 1993 Matthias Sammer – zwei Transfers, mit denen der Aufstieg begann. »Schon nach drei Wochen im Westfälischen«, notierte der »Spiegel«, »hat Matthias Sammer, 25, jene Balance gefunden, die in Dortmund zum vorbildlichen Gebaren erhoben worden ist. Als habe er die Geschäftsprinzipien des BVB 09 verinnerlicht, übte er Spagat zwischen Volksnähe und Millionengage.«

»Die Liebe zum Beruf war bei uns ausgeprägter. Damals haben wir zehn Jahre für die soziale Leiter gebraucht. Heute reichen drei, wenn einer einigermaßen geradeaus laufen kann.«

Uli Hoeneß im »Spiegel« 1998

Mit dem Geld aus den UEFA-Pokalspielen – der BVB erreichte 1993 die Endspiele, in denen er Juventus Turin 0:3 und 1:3 unterlag – und dem Verkauf Thomas Helmers an den FC Bayern konnten sich die Westfalen neue »Promis« leisten: Bei »Juve« kauften die Dortmunder Andreas Möller und den Brasilianer Julio Cesar. Möller verziehen die BVB-Fans, dass er nach seinem Versprechen, in der Bundesliga nie woanders zu spielen als in Dortmund, 1990 des großen Geldes wegen zur Frankfurter Eintracht gewechselt war. Mit ihm, dem BVBUrgestein Michael Zorc, der es in siebzehn Profijahren als Mittelfeldspieler auf erstaunliche 131 Tore bringen sollte, und Steffen Freund war das Mittelfeld der Dortmunder genauso erstklassig besetzt wie die Innenverteidigung mit Sammer und Cesar oder der Sturm mit Chapuisat und Riedle.

Spekulationen um Sammer

In der Saison 1995/96 kamen mit Jürgen Kohler und Jörg Heinrich noch zwei weitere Italienheimkehrer hinzu. Die Freude über die Titelverteidigung hielt sich indes in Grenzen.

In einer Analyse hieß es: »Spürbar waren Dissonanzen zwischen Mannschaft und Trainer. Phasenweise quälte sich der BVB mit spielerisch armen Darbietungen nur dank Routine und überragenden Einzelkönnern über die Runden. Dazu Ärger mit Cesar, Unruhe um Kapitän Zorc, Spekulationen über einen Wechsel von Sammer zu den Bayern.« Letztendlich aber blieb der »sächsische Vulkan« (»Süddeutsche Zeitung«) in Dortmund, wo sich seine Spielerkarriere gesundheitsbedingt dem Ende näherte. 1997 meldete sich der FC Bayern als Meister zurück. Oliver Kahn hatte im dritten Jahr an der Isar endlich sein Erfolgserlebnis, Mario Basler einen sensationellen Einstand und der charismatische Trapattoni bei seinem zweiten Auftritt in München die Genugtuung, dass es ihm trotz geringer Deutschkenntnisse (siehe auch: »Emotionen«) gelungen war, eine schwierige Mannschaft wie den FC Bayern zu motivieren. Einen Denkzettel erhielt Rekordnationalspieler Lothar Matthäus. Weil er in seinem »Tagebuch« Interna aus der Kabine veröffentlicht hatte, beschlossen Präsidium und Cheftrainer am Saisonende, den gelernten Raumausstatter als Kapitän abzusetzen.


Gleich zweimal gab er ein Gastspiel beim FC Bayern: In seiner ersten Amtszeit (1994/1995) wurde Giovanni Trapattoni mit den Münchnern Sechster, in seiner zweiten (1996 bis 1998) Meister. Einen Heiterkeitserfolg erzielte der Gentleman-Trainer aus Italien drei Monate vor seiner Trennung 1998 mit einem Wutausbruch (siehe auch: »Emotionen«).

Borussia Dortmund musste den immer stärker auftrumpfenden Konzernklub Bayer Leverkusen an sich vorbeiziehen lassen, wurde von den Fans dennoch auf Händen getragen. Die Dortmunder berauschten sich wie 30 Kilometer westwärts die Schalker an einem internationalen Erfolg. Sie gewannen die Champions League durch ein 3:1 über Juventus Turin. Die Schalker setzten sich im UEFA-Pokalfinale im Elfmeterschießen mit 4:1 gegen Inter Mailand durch.

Kurz nach Krebsoperation 2:1-Sieg über FC Bayern

Im Sommer 1998 konfrontierten die Ärzte Ebbe Sand, damals 26, mit der Diagnose Hodenkrebs. Drei Wochen nach der sofort eingeleiteten Operation stand der Däne wieder auf dem Platz. Mit Bröndby Kopenhagen besiegte er in der Champions League den FC Bayern mit 2:1. Ein Jahr später unterschrieb Sand einen Vertrag beim FC Schalke 04, drei Jahre später war er Torschützenkönig der Bundesliga.

Das Wunder Kaiserslautern

Als kleines Wunder durfte bewertet werden, was der 1. FC Kaiserslautern in der Saison 1997/98 mit Otto Rehhagel als Trainer vollbrachte. Eine Mannschaft, die beinahe identisch war mit dem Team, das 1996 abgestiegen war (siehe auch: »Entscheidungen auf der Ziellinie«), gewann die Meisterschaft und Otto Rehhagel mit 60 das Gefühl, als Trainer am Betzenberg am richtigen Ort zu sein.


In München praktisch gescheitert und 1996 vor Ablauf eines Jahres von seiner Trainerarbeit entbunden, rehabilitierte sich Otto Rehhagel für erlittene Schmach beim »FC Hollywood« in Kaiserslautern. Mit einer Mannschaft, die gerade aufgestiegen war, gewann er 1998 die Meisterschaft vor dem FC Bayern – ein Triumph, den er hier mit den Spielern Ratinho und Brehme feiert.


Gleich zweimal ging der 1. FC Kaiserslautern in den 90er-Jahren vor dem FC Bayern durchs Ziel, 1991 und 1998. 1991 feierte die Mannschaft mit (stehend von links) Roos, Serr, Lelle, Ernst, Kranz, Physiotherapeut König, Hotic, Stumpf, Ehrmann, Richter, Kadlec, (sitzend) Scherr, Lutz, Friedmann, Kuntz, Hoffmann, Winkler, Haber und Dooley. 1998 sicherte sich das Team um Kapitän Brehme den Titel.


Tränen, die Torhüter Reinke, Brehme, Kadlec, Kuka, Harry Koch, Lutz, Roos, Wagner, Marschall oder Rische 1996 am letzten Spieltag in Leverkusen vergossen hatten, wurden 1998 zu Freudentränen. Mit dem Dänen Michael Schjönberg, dem Schweizer Sforza, dem Brasilianer Ratinho, dem Schwaben Andreas Buck und dem Sachsen Michael Ballack hatte Rehhagel neue Spieler ohne allzu laute Begleitmusik der Medien erfolgreich integriert.

In Dortmund hatte sich Hitzfeld als Sportdirektor hinter den Schreibtisch zurückgezogen und dem Italiener Nevio Scala am Spielfeldrand Platz gemacht, nach einem Jahr aber gemerkt, dass »das nicht mein Ding war«. Mit sicherem Gefühl für den richtigen Augenblick warb der FC Bayern den ehemaligen Stürmer Hitzfeld, der 1972 mit Uli Hoeneß in der bundesdeutschen Olympiamannschaft stand, ehe er beim VfB Stuttgart Bundesligaerfahrungen sammelte, in Dortmund ab und durfte sich Jahre später zum größten Glücksgriff in 40 Jahren Bundesliga gratulieren.

»50 Prozent lieben uns, 50 Prozent hassen uns.«

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender der Bayern AG


Fünf aus dem Bayern-Team, das den Lauterern in der Saison 1998/99 den Titel wieder abjagte (von links): Der Franzose Lizarazu, der Brasilianer Elber, Tarnat, Basler und Matthäus.

»Der FC Bayern gehört zum Freistaat Bayern wie die geheiligte Weißwurst oder der Fronleichnamszug.«

Münchens Starkabarettist Dieter Hildebrandt

Viermal Meister mit Hitzfeld

Giovane Elber, unter Trapattoni und seinem Defensivsystem höchst unglücklich, blühte unter Hitzfeld genauso auf wie der zum zweiten Mal verpflichtete, inzwischen aber sportlich und menschlich gereifte Stefan Effenberg. Hitzfeld bestimmte Effenberg in seiner zweiten Bayern-Saison zum Kapitän – eine gute Entscheidung. Der gebürtige Hamburger lief zu großer Form auf; Kritiker verglichen ihn mit Günter Netzer. Wie einst der Gladbacher schlug er Pässe, die eine ganze Abwehr aushebeln können, wie Netzer kam er aus der Tiefe des Raumes, und wie Netzer erzielte er schöne und entscheidende Tore. Zudem schuf er sich in der Mannschaft eine Machtposition, die in dieser Fülle nicht einmal Paul Breitner in seiner grandiosen zweiten Bayern-Ära (1978–1983) besaß.

Toppmöller vor Sammer und Teamchef Völler


Der jüngste Meistertrainer der Bundesligageschichte: 34 Jahre alt, gewann Matthias Sammer 2002 mit dem BV Borussia Dortmund die Meisterschaft. Als Spieler war der »sächsische Vulkan« (»Süddeutsche Zeitung«) mit dem BVB 1995 und 1996 nationaler Champion, in diesen Jahren »Fußballer des Jahres« und nach dem EMGewinn 1996 auch »Europas Fußballer des Jahres«.

2002 wählten Deutschland Sportjournalisten erstmals den »Trainer des Jahres«. Sieger der Veranstaltung des »Kicker« wurde Klaus Toppmöller, dessen Team in der Saison 2001/02 in der Bundesliga den schönsten Fußball spielte und im Finale der Champions League Real Madrid ein ebenbürtiger Rivale war. Der Coach des Bundesligazweiten Bayer Leverkusen gewann mit 396 Stimmen vor Dortmunds Trainer Matthias Sammer (163 Stimmen) und DFBTeamchef Rudi Völler (161). Weit abgeschlagen folgten Ralf Rangnick von Hannover 96 (19), Hertha-Interimstrainer Falko Götz (17) und Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld (15). Die Ostdeutschen Hans Meyer (Mönchen gladbach) und Eduard Geyer (Cottbus) brachten es auf 13 Stimmen.


Uli Hoeneß landete als Manager viele Volltreffer. Zum »goldenen Schuss« aber wurde die Verpflichtung von Ottmar Hitzfeld als Trainer, mit dem Hoeneß bei den Olympischen Spielen in München zusammen in der DFB-Auswahl spielte. Der ehemalige Lehrer für Mathematik und Sport (mit Staatsexamen) aus Lörrach führte die Münchner in die Beletage des europäischen Fußballs. Er gewann von 1998–2004 und bei seinem zweiten Engagement (2007–2008) insgesamt fünf Meistertitel und die Champions League.

Vielleicht hielt Hitzfeld ein paar Monate zu lange an Effenberg fest. Schwärmte Beckenbauer noch im Herbst 2001 »besser als unsere Mannschaft kann man nicht Fußball spielen«, sah in dieser Zeit alles danach aus, als solle mit dem FC Bayern zum ersten Mal eine Mannschaft der Bundesliga viermal hintereinander Meister werden, so rächte sich zum Schluss, dass der Trainer an seinem Kapitän festhielt, obwohl »Effe« nach dreimonatiger Verletzungspause nie wieder sein Potenzial abrufen konnte.


Wenn BVB-Vorstandsmitglied Michael Meier sagt »Uns gehört die Zukunft«, dann denkt Meier wohl nicht zuletzt an die Tschechen Jan Koller und Tomas Rosicky, die in Dortmund beide groß einschlugen. Zwischen den beiden Pragern gibt es so etwas wie eine telepathische Verbindung: Der eine ahnt, was der andere im nächsten Moment tun wird.

Mit zwei Tschechen zum Titel

Nutznießer des Münchner Formschwundes in der Schlussphase der Saison 2001/02 wurde einmal mehr der BV Borussia Dortmund, der im »Wettrüsten« mit dem FC Bayern einer großer Coup gelungen war. Die Dortmunder kauften im Januar 2001 den schmalbrüstigen Tomas Rosicky für 25 Millionen Mark von Sparta Prag und ein halbes Jahr später dessen Landsmann Jan Koller vom RSC Anderlecht für 21 Millionen Mark dazu – horrende Ausgaben, die den Erfolg mit sich brachten. Mit den beiden Tschechen, dem launigen Brasilianer Amoroso als Torschützenkönig und Matthias Sammer als Trainer wurde der BVB Meister – zum dritten Mal in acht Jahren. Für die Medien war die Entdeckung der 21 Jahre junge Abwehrspieler Christoph Metzelder, der mit Disziplin, Eleganz und Formbeständigkeit bestach und bei der WM 2002 in Asien in allen sieben Spielen zu den Leistungsträgern gehörte. Die Trainerkollegen gratulierten Matthias Sammer zum ersten Triumph als Trainer.


Der letzte Auftritt des Jürgen Kohler: Im UEFA-Pokalfinale gegen Feyenoord Rotterdam 2002 bringt der Mannheimer den Dänen Tomasson zu Fall und sieht die Rote Karte. Der spätere DFB- Coach hat sich derzeit aus dem Trainergeschäft zurückgezogen.

Das 40. Jubiläumsjahr

Der FC Bayern, der den dritten Platz in der Saison 2001/02 wie eine Schande empfand, war nach Ansicht von Experten dennoch der erste Anwärter auf die Meisterschaft. Michael Ballack und Zé Roberto waren von Bayer Leverkusen gekommen. Karl-Heinz Rummenigge, inzwischen Vorstandsvorsitzender der Bayern-Fußball-AG durfte unwidersprochen behaupten: »Wir haben den besten Bayern-Kader aller Zeiten.«

Borussia Dortmund – verstärkt durch Nationalspieler Torsten Frings – konnte den FC Bayern nicht gefährden. 17 Punkte Rückstand hatte der BVB am Saisonende und wurde im Kampf um Platz zwei sogar noch abgefangen. Mit Trainer Felix Magath setzte der VfB Stuttgart alle Prognosen außer Kraft. Unter ihm als Trainer, der nach der Trennung von Rolf Rüßmann auch noch den Managerjob übernahm, spielte der VfB einen ähnlich mitreißenden Fußball wie ein Jahr zuvor Leverkusen mit Toppmöller, ohne freilich so viele Stars in seinen Reihen zu haben wie der Konzernklub. Magath sah sich angesichts leerer Kassen gezwungen, aus seinem »Kindergarten« eine schlagkräftige Truppe zu basteln, was ihm ausgezeichnet gelang.

Am 34. Spieltag schafften die Stuttgarter die Sensation, Dortmund zu überholen und sich als Zweiter direkt für die Champions League zu qualifizieren.

»Dortmund bekam die Quittung«

Dortmunds ganzes Elend wurde am letzten Spieltag sichtbar. Gegen den Absteiger Cottbus reichte es vor 68 000 Zuschauern im Westfalenstadion gerade mal zu einem kümmerlichen 1:1. Nach einer Saison der großen Desillusionierung zog der »Kicker« dieses Fazit: »Ziellos bewegte sich die Borussia auf nationaler Ebene, schlingerte durch die Rückrunde, raubte vielen Fans mit blutleeren und übertrieben risikoarmen Darbietungen die Lust am Fußball.« Trainer Matthias Sammer zerrieb sich in einer Dauerfehde mit dem launigen Torjäger Amoroso. Trotz des unansehnlichen Fußballs (Breitner: »Dortmund bekam mit Platz drei die Quittung für zum Teil unterirdische Leistungen während der ganzen Saison.«) überstand die Borussia das Jahr ohne allzu große Image-Blessuren.

»Bayer Leverkusen verfügt über eine auf keinen Fall schlechtere Mannschaft als im Vorjahr.«

Dortmunds Trainer Matthias Sammer vor Beginn der Saison 2002/03


In Leverkusen zum Führungsspieler aufgestiegen und dann vom FC Bayern als Nachfolger für Stefan Effenberg eingekauft: Der gebürtige Sachse Michael Ballack, dem Otto Rehhagel als Trainer des 1. FC Kaiserslautern bei dessen Wechsel 1999 nach Leverkusen, verärgert über den Verlust, die Worte hinterher schickte: »Ballack ist ein Ersatzspieler, der noch viel lernen muss.«


50 Millionen Mark gab der BV Borussia Dortmund 2001 für Marcio Amoroso aus. In Dortmund verzauberte Amoroso gleich in seinem ersten Jahr das Publikum und wurde, treffsicher wie er war, Bun desliga-Torschützenkönig.

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