Kitabı oku: «In die unbegrenzte Weite»

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KAROLINE VON GÜNDERRODE

wurde 1780 in Karlsruhe geboren und früh in ein Frankfurter Stift gegeben, wo sie sich intensiv mit Philosophie und Mythologie, Religion, Geschichte und Literatur beschäftigte. Unter dem Pseudonym »Tian« veröffentlichte sie mit 24 Jahren ihr erstes Buch mit dem Titel Gedichte und Phantasien, das selbst bei dem Dichterfürsten Goethe auf Interesse stieß. Die »Sappho der Romantik« verarbeitete in ihrer Poesie auf unkonventionelle Art große Themen wie Freiheit und Liebe sowie Gedanken zu Gefangenschaft und Tod. Als sich ihre große Liebe, der Heidelberger Philologe Georg Friedrich Creuzer, 1806 von ihr trennte, setzte Karoline ihrem Leben mit nur 26 Jahren durch einen Dolchstoß am Flussufer in Winkel am Rhein ein Ende.

DER HERAUSGEBER

Hans-Joachim Simm, Dr. phil., geboren 1946, lebt als freier Publizist bei Frankfurt am Main. Er war bis 2009 Leiter des Insel Verlags, des Verlags der Weltreligionen und der Buchreihe »edition unseld«. Er gab zahlreiche Werkausgaben deutscher Dichter und Schriftsteller und Anthologien heraus.

Zum Buch

»… heut hab ich die Günderrode gesehen, es war ein Geschenk von Gott.«Bettina von Arnim

Karoline von Günderrodes literarisches Werk – Lyrik, Dramen, Prosa und Briefe – erfuhr erst spät die angemessene Wertschätzung. Intelligent und gebildet, in Kontakt mit den maßgeblichen Vertretern der Romantik, Hölderlin und Novalis nahestehend, hat sie sich in ihrem Werk philosophischen, mythologischen und psychologischen Fragen gewidmet, in Gedichten und Phantasien, Studien und Skizzen.

Die Tragik ihres kurzen, von eigener Hand beendeten Lebens schwebt über Karoline von Günderrodes Werk und spiegelt sich in der Schwermut, die ihrer Poesie innewohnt. Ein Großteil ihrer Dichtung beschäftigt sich intensiv mit dem Verlust eines geliebten Menschen, dem Gefangensein in einem fremden Leben und den Verlockungen eines selbst herbeigeführten Todes. Auch in ihren Briefen findet sich die Todessehnsucht wieder sowie der Unmut darüber, dass ihr gesellschaftliches Umfeld ihre Interessen nicht teilt. Da die Günderrode sich, gerade in ihren Briefen, kühn mit philosophischen und wissenschaftlichen Fragen auseinandersetzt, bricht sie mit dem zu ihrer Zeit vorherrschenden Frauenbild, das die Entfaltung ihres melancholisch-wissbegierigen Gemüts nicht zuließ. Dieser von Hans-Joachim Simm herausgegebene Band enthält Gedichte, Prosa, Fragmente und Briefe einer jungen Frau, die ihrer Zeit in vielem voraus war. Briefe von Zeitgenossen, in denen sie sich zu Karoline von Günderrode äußern, runden die Sammlung ab.

»Ihre Gedichte lebten aus der Zeit uns aus einer beschwingten, sehr individuellen Melancholie. Sinn und Form sind flüchtig. Der Gedanke eilt weit voraus und verflüchtet.«Wolfgang Koeppen

Karoline von Günderrode

In die unbegrenzte Weite

Karoline von Günderrode

In die unbegrenzte Weite

Gedichte, Prosa, Briefe

Herausgegeben von Hans-Joachim Simm


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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

Bildnachweis: tr3gi/fotolia.com eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0428-8

www.marixverlag.de

INHALT

DEM SCHÖNEN WERD’ ICH IMMER ANGEHÖREN

Gedichte und Phantasien

Wandel und Treue

Timur

Don Juan

Die Manen

Wunsch

Der Adept

Ein apokaliptisches Fragment

Der Trauernde und die Elfen

Die Bande der Liebe

Des Wandrers Niederfahrt

Mahomets Traum in der Wüste

Liebe

Ariadne auf Naxos

Der Franke in Egypten

ES HAT EIN KUSS MIR LEBEN EINGEHAUCHT

Poetische Fragmente

Piedro

Die Pilger

Der Kuß im Traume,

VERLOHREN IST WEN LIEBE NICHT BEGLÜCKET

Melete

Zueignung

Adonis Tod

1.

2.

3. Adonis Todtenfeyer

Gebet an den Schuzheiligen

Die Malabarischen Witwen

Die Einzige

Die eine Klage

Aegypten

Der Nil

Eine persische Erzählung

Der Caucasus

Überall Liebe

Der Gefangene und der Sänger

Briefe zweier Freunde

An Eusebio

An Eusebio

Fragmente aus Eusebio’s Antwort

An Eusebio

EINSTENS LEBT ICH SÜSSES LEBEN

Gedichte aus dem Nachlaß

Vorzeit, und neue Zeit

Verschiedene Offenbahrungen des Göttlichen

Liebe und Schönheit

Tendenz des Künstlers

Der Dom zu Cölln

Die Töne

Hochroth

Wie Thau auch glänzt

Einstens lebt ich süßes Leben

Der Knabe und das Vergismeinnicht

Des Knaben Morgengruß

Der Luftschiffer

Novalis deinem heilgen Seherblikken

Einer nur u einer dienen

Das Fest des Maien

Herrlicher Sänger

Wild verwirrt sind mir die Sine

Weihet kein Prister den Schwur

Wo erfrag ich den Freund

Seh ich das, Spatroth, o Freund

Liebst du das Dunkel

ES IST EINE UNENDLICHE KRAFT, EIN EWIGES LEBEN

Prosa

Geschichte eines Braminen

DIE VORTREFLICHKEIT IST EIN GANZES

Prosa aus dem Nachlaß

Der Traum

Die Vortreflichkeit ist ein Ganzes

ein Traum

Die Nachtigall

Das Reich der Töne

Die Musik

Die Musik für mich

Träume

Jdee der Erde

OFT UND VERGEBENS HABE ICH MICH MIR SELBST WIDERSETZT

Briefe

Friedrich Carl von Savigny an Leonhard und Friedrich Creuzer

Karoline von Günderrode an Karoline von Barkhaus

Friedrich von Leonhardi an Leonhard Creuzer

Friedrich Carl von Savigny an Leonhard Creuzer

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano

Karoline von Günderrode an Gunda Brentano

Clemens Brentano an Friedrich Carl von Savigny

Clemens Brentano an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Clemens Brentano

Clemens Brentano an Gunda Brentano

Friedrich Carl von Savigny an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Friedrich Carl von Savigny an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Friedrich Carl von Savigny an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Bettine Brentano an Karoline von Günderrode

Clemens Brentano an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Clemens Brentano

Clemens Brentano an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Clemens Brentano an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Clemens Brentano

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Tagebucheintrag Karl Philipp Kaysers

Friedrich Creuzer an Leonhard Creuzer

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Clemens Brentano an Sophie Mereau

Friedrich Creuzer an Lisette Nees von Esenbeck

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Friedrich und Sophie Creuzer an Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Carl Daub

Friedrich Creuzer an Susanne von Heyden

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Karoline von Günderrode an Carl Daub

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Karoline von Günderrode an Carl Daub

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Carl von Savigny

Karoline von Günderrode an Sophie Creuzer

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer an Karoline von Günderrode

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Friedrich Heinrich Schwarz an Leonhard Creuzer

Carl Daub an Susanne von Heyden

Karoline von Günderrode an Lisette Nees von Esenbeck

Susanne von Heyden an Carl Daub

Susanne von Heyden an Carl Daub

Karoline von Günderrode an Friedrich Creuzer

Susanne von Heyden an Hektor von Günderrode

Clemens Brentano an Achim von Arnim

Friedrich Creuzer an Leonhard Creuzer

Friedrich Creuzer an Leonhard Creuzer

Zu dieser Ausgabe

Alphabetisches Verzeichnis der Gedichtüberschriften und -anfänge

DEM SCHÖNEN WERD’ ICH IMMER
ANGEHÖREN
Gedichte und Phantasien
Wandel und Treue

Violetta

Ja, du bist treulos! laß mich von dir eilen;

Gleich Fäden kannst du die Empfindung theilen.1

Wen liebst du denn? und wem gehörst du an?

Narziß

Es hat Natur mich also lieben lehren:

Dem Schönen werd’ ich immer angehören

Und nimmer weich ich von der Schönheit Bahn.

Violetta

So ist dein Lieben, wie dein Leben, wandern!

Von einem Schönen eilest du zum Andern,

Berauschest dich in seinem Taumelkelch,

Bis Neues schöner dir entgegen winket –

Narziß

In höh’rem Reiz Betrachtung dann versinket

Wie Bienenlippen in der Blume Kelch.

Violetta

Und traurig wird die Blume dann vergehen

Muß sie sich so von dir verlassen sehen!

Narziß

O Nein! es hat die Sonne sie geküßt.

Die Sonne sank, und Abendnebel thauen.

Kann sie die Strahlende nicht mehr erschauen,

Wird ihre Nacht durch Sternenschein versüßt.

Sah sie den Tag nicht oft im Ost verglühen?

Sah sie die Nacht nicht thränend still entfliehen?

Und Tag und Nacht sind schöner doch als ich.

Doch flieht ein Tag, ein Andrer kehret wieder;

Stirbt eine Nacht, sinkt eine Neue nieder,

Denn Tröstung gab Natur in jedem Schönen sich.

Violetta

Was ist denn Liebe, hat sie kein Bestehen?

Narziß

Die Liebe will nur wandlen, nicht vergehen;

Betrachten will sie alles Trefliche.

Hat sie dies Licht in einem Bild erkennet,

Eilt sie zu Andern, wo es schöner brennet,

Erjagen will sie das Vortrefliche.

Violetta

So will ich deine Lieb’ als Gast empfangen;

Da sie entfliehet wie ein satt Verlangen,

Vergönnt mein Herz Ihr keine Heimath mehr.

Narziß

O sieh den Frühling! gleicht er nicht der Liebe?

Er lächelt wonnig, freundlich, und das trübe

Gewölk des Winters, niemand schaut es mehr!

Er ist nicht Gast, er herrscht in allen Dingen,

Er küßt sie Alle, und ein neues Ringen

Und Regen wird in allen Wesen wach.

Und dennoch reißt er sich aus Tellus2 Armen

Auch andre Zonen soll sein Hauch erwarmen

Auch Andern bringt er neuen, schönen Tag.

Violetta

Hast du die heil’ge Treue nie gekennet?

Narziß

Mir ist nicht Treue was ihr also nennet,

Mir ist nicht treulos was euch treulos ist! –

Wer den Moment des höchsten Lebens theilet;

Vergessend nicht, in Liebe selig weilet;

Beurtheilt noch, und noch berechnet, mißt;

Den nenn’ ich treulos, ihm ist nicht zu trauen

Sein kalt Bewußtseyn wird dich klar durchschauen

Und deines Selbstvergessens Richter seyn.

Doch ich bin treu! Erfüllt vom Gegenstande

Dem ich mich gebe in der Liebe Bande

Wird Alles, wird mein ganzes Wesen seyn.

Violetta

Giebt’s keine Liebe denn die dich bezwinge?

Narziß

Ich liebe Menschen nicht, und nicht die Dinge,

Ihr Schönes nur, und bin mir so getreu,

Ja Untreu’ an mir selbst wär andre Treue,

Bereitete mir Unmuth, Zwist und Reue,

Mir bleibt nur so die Neigung immer frei.

Die Harmonie der inneren Gestalten

Zerstören nie die ordnenden Gewalten

Die für Verderbniß nur die Noth erfand. –

Drum laß mich, wie mich der Moment gebohren.

In ew’gen Kreisen drehen sich die Horen;

Die Sterne wandeln ohne festen Stand,

Der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder

Der Strom des Lebens woget auf und nieder

Und reisset mich in seinen Wirbeln fort.

Sieh alles Leben! es ist kein Bestehen,

Es ist ein ew’ges Wandern, Kommen, Gehen,

Lebend’ger Wandel! buntes, reges Streben!

O Strom! in dich ergießt sich all mein Leben!

Dir stürz ich zu! vergesse Land und Port!

Timur 3

Ermar hatte das Geschlecht von Parimor vom Thron gestoßen, Parimor selber, sein Weib und seine Freunde waren gefallen unter dem Schwerte des Ueberwinders, nur Timur sein einziger Sohn fiel lebend in Ermars Hände. Ungern unterwarf sich das Land dem Sieger, der die Burg des unglücklichen Parimor an der Nordküste der Insel bezog; und die höchste Gewalt mit seinem Bruder, dem wilden Konnar theilte.

Keiner von allen Freunden des gestürzten Königshauses wußte wo Timur sey, und ob er lebe? nur die Prophetin wußte es, die verschwiegne Seherin, die in einer Höhle am Eingang der Erde wohnte, sie sah die kommenden Schicksale, die Tiefen der menschlichen Brust, und des unglücklichen Timurs Ketten. Einsam lebte die Prophetin und verrichtete geheimnißvolle Werke, und von allen Sterblichen wußte nur Thia, die schöne Tochter von Ermar, ihre Wohnung. Die Seherin liebte das Mädchen, sie lehrte sie mancherlei Geheimnisse, und enthüllte ihr oft die Begebenheiten der Zukunft.

Einst sprach die Prophetin zu der Tochter von Ermar: Mädchen! fürchte das Geschick deines Vaters, seine Unthat hat den Geist der Rache erweckt; sieh hierher! Und sie zeigte dem erschrocknen Mädchen in einem Spiegel ein tiefes Gefängniß der Burg, und in dem Gefängniß lag auf moderndem Stroh, ein Jüngling mit brennenden Augen, und dichten braunen Locken; Thia konnte ihre Augen nicht sättigen an dem Anblik des Gefangnen; aber die Seherin sprach: dies ist der König dieses Landes, er schmachtet in Ketten, und dein Vater trägt die Krone die ihm gebührt.

Gedankenvoll eilte Thia zurück zu der väterlichen Burg, und suchte allenthalben nach einer Thüre die zu Timurs Kerker führen möchte. Im Nord war die Burg von rauhen Felsen umgeben, die bis zum Meere hinabreichten, in diesen Felsen entdeckte Thia zwischen Gesträusch und Nesseln versteckt, ein Gitter, das eine dunkle Tiefe verschloß; dies Gitter hatte sie in dem Zauberspiegel gesehen; und jeden Morgen ehe die Bewohner des Schlosses erwachten, und jeden Abend wenn die milde Dämmerung die Thaten der Liebe in ihre Schleyer verbarg, gieng sie dahin, setzte sich trauernd neben das Gitter, und seufzte: Timur! Timur! und ihr war als kämen liebe unsichtbare Arme aus dem Gitter herauf und hielten sie umschlungen, daß sie die Stelle nicht verlassen konnte, und es nicht achtete daß der rauhe Nachtwind sie umwehte, und der Thau des Himmels sie benetzte.

Zwei Jahre hatte Timur in dem Kerker geschmachtet, schon waren der Rache wilde Gedanken bleich und ohnmächtig geworden, und die Träume von Erlösung und Befreiung waren verträumt; schon glaubte er sich von allen Menschen vergessen, als ihm däuchte, er höre mit süßer Stimme seinen Namen flüstern, und jeden Morgen und jeden Abend hörte er dieselbe Stimme: Timur! Timur! rufen, und wenn er auf seinem Lager schlummerte, däuchte ihm, ein Engel mit glänzenden Locken und rosigten Wangen beuge sich über ihn her, drücke leise Küsse auf seine Lippen und seufze: Timur! Aber wenn er erwachte, vergingen die rosigten Wangen in Kerkernacht, die hellen Locken erbleichten, die Küsse verglühten, doch die süße Stimme flüsterte fort; und er wußte nicht, ob der Traum wirklich, oder das wirklich Scheinende, Traum sey.

Tage und Wochen waren so vergangen, als das Mädchen zu Ermar sprach: „Vater! der Mund der Prophetin verkündet dir Unheil und Verderben, wegen des Sohnes von Parimor, der unschuldig in deinen Ketten schmachtet, deine Ungerechtigkeit wird den Geist der Rache erwecken, fürchte ihn! Timurs Kraft ist gefesselt, erwiderte Ermar: wo ist der Arm der sich der Rache leihe? Fürchte, sprach Thia, die Zukunft und der Seherin untrügliche Worte; ich habe Timur gesehen, ich liebe ihn, gieb ihm die Freiheit, gieb ihn mir, feßle ihn durch ein heiliges Band an dich, oder fürchte auch deine Tochter. Aber Ermar blieb unerbittlich bis sich die einzige Tochter ihm zu Füßen warf, und ihm schwur den Geliebten zu seinem treuen Sohne und Freund zu machen, oder ihn zu verrathen, wenn er undankbar sey, und ihm den Dolch mitten in seinen Umarmungen in die Brust zu stoßen.

Timur lag in schweren Träumen, der Geist seines Vaters erschien ihm in blutige Grabtücher gehüllt, und sprach, räche mich! die Zeit ist gekommen. Timur erwachte, aber immer hörte er noch die Worte, die Zeit ist gekommen! er dachte noch darüber nach, als das Gitter sich öffnete; ein Krieger trat herein und hies ihn folgen. Schweigend, voll seltsamer Empfindungen gieng Timur hinter seinem Führer her. Jetzt waren sie auf den Felsen angekommen, der Krieger entfernte sich, und Ermar kam dem Jüngling entgegen. Die Zeit ist gekommen, räche mich, flüsterte eine Stimme in Timurs Seele: eine unsichtbare Gewalt trieb ihn; ehe Ermar noch gesprochen hatte, ergriff ihn der Jüngling, und schleuderte ihn die Felsen hinab, daß sein Blut hinunter rauchte bis zur See.

Die Bewohner des Schlosses versammelten sich, sie erkannten den Sohn ihrer Könige, und nannten ihn freudig Herr, und Gebieter. Als es aber Nacht wurde, trat Thia zu ihm, und sprach: „Ich habe dich geliebt, ich habe an der Thüre deines Kerkers gewacht, und deinen Namen der Nacht, und den Sternen vertraut; deine Freiheit ist mein Werk, aber du hast meinen Vater ermordet, du hast die schwere Blutschuld auf meine Seele gewälzt, darum hinweg von dir!“

Und das Mädchen gieng, und kehrte nicht wieder. Da ward der König sehr traurig, die lärmende Jagd erfreute ihn nicht, und nicht der Becher, einsam stand er auf seinem Felsen, und sahe, und vernahm nichts als die Schrecken des nahenden Winters. Der Himmel war mit schweren Wolken bedeckt, eisigte Regen fielen herab, der Nordwind zerwühlte den Wald und trieb die falben Blätter in wilden Wirblen umher, die Brandung brauste an der Küste, und der krächzende Rabe unterredete sich mit dem Wiederhall. Monde vergingen so, und immer fielen kalte Regen und Schnee und der Himmel blieb dunkel wie die Seele von Timur; da versammelten sich die Freunde um ihn und sprachen: es ist nicht gut o König! daß du so einsam trauerst, komm! laß uns Thaten thun; Konnar herrscht noch jenseits der Berge mit eisernem Zepter über das Volk, komm! erobere dein Erbe, überwinde die Verräther! Der Jüngling gehorchte, er riß sich empor aus seinen Träumereien und stürtzte sich in das Gewühl der Schlachten zu Thaten und Ruhm.

Ungewiß schwankte das Glück zwischen Konnar und Timur, Timur war tapfer, Konnar fest und klug. Eine Schlacht entschied für Konnar, Timur mußte sich zurückziehen in die Gebürge. Der Tag verfloß im Getümmel der Gefechte, in Angriff und Vertheidigung, aber wenn die Nacht herniedersank, und den Kriegsgott in Schlummer einlullte, versammelten sich die Gefährten um Timur, und in den Schlüchten einsamer Gebürge, in der Nacht dichter Wälder, wo der spähende Feind sie nicht ahndete, errichteten sie ein lustiges Zelt, hundert Fackeln erleuchteten die Wildniß, der Freudenbecher gieng umher, eine süße Musik erscholl begleitet von den Stimmen braunlockigter Mädchen, und Timur schwelgte in Ruhm und Lust und Liebe, und seine Gefährten jauchzten in wilden Freuden.

Einst aber, da Timur allein war auf seinem Lager, und der Schlummer ihn floh, däuchte ihm er höre das Geräusch leiser Tritte, und da er noch lauschte, fühlte er sich plötzlich umschlungen von zarten Armen, und heiße sehnsuchtsvolle Küsse bedeckten seine Lippen; als er aber Morgens erwachte war sein Lager verlassen. Drei Nächte hatte schon die unbekannte Geliebte des Königs Lager besucht, als sie aber zum viertenmale kam, schloß er sie in seine Arme und schwur sie nicht zu lassen, bis sie sich ihm entdeckt habe, damit er seinen Thron und seine Hoheit mit ihr theilen könne. „Laß mich nur noch diesmal ungekannt von dir“ sprach das Mädchen, „wenn die Nacht wiederkehrt und die Sterne wieder glänzen, wird ein schwarzes Roß vor dir stehen, dem vertraue dich, es wird dich dahin tragen, wo dir alles offenbar wird.“ Der König ließ das Mädchen von sich gehen. Da es aber Nacht wurde fand er das Roß; ein sonderbarer Schauer durchlief sein Gebein, aber er schwang sich auf des Thieres Rücken, und es trug ihn durch unbekannte verworrne Pfade, durch Klüfte und Wälder, und blieb stehen vor einem prächtigen erleuchteten Pallast. Die Thore öffneten sich, zwei Knaben traten heraus, hielten ihm den Zügel und führten ihn in einen Saal. Eine milde Dämmerung herrschte, denn nur ein Halbmond über einem Becken in das sich duftendes balsamisches Wasser stürzte erleuchtete das Zimmer mit wechselndem Schimmer, bald glänzte der Mond in dunklem Purpur, dann in blassem Rosenroth, dann wieder blau wie der Bogen des Himmels, dann endlich wie der grüne Schmelz der Wiesen.

Staunend sah Timur eine Weile dem wechselnden Farbenspiel zu; da that sich die Thüre auf und viel schöne Mädchen kamen herein in allerlei fremden und sonderbaren Trachten; ein Blumenkranz wand sich um die blonden Haare der Einen, ein zierlich weißes Kleid umfloß sie. Eine Andere hauchte Arabiens Balsam, des Morgenlands köstlicher Thau umgab in glänzenden Reihen die dunklen Locken, und Gold gewürkt in persische Seide verhüllte die runden üppigen Glieder. Eine dritte in leichtem Silberflohr glich der Luft ätherischen Schönen; und das Holdeste aller Zonen schien versammelt um den Jüngling. Plötzlich glänzte das Wasser wie die Sonne und goß breite Lichtströme durch den Saal; eine Musik, wie Orgeltöne, ließ sich hören, eine liebliche Stimme begleitete die rauschenden Harmonien und schwebte über ihnen, wie eine leichte Frühlingsluft schwebt über dem brausenden Meer, aber die Töne wurden stärker und stärker, und verschlangen die Stimme in Wogen von Wohllaut. Die Mädchen umgaben den Jüngling, sprachen ihm freundlich zu, und jede sandte ihm heiße Blicke, als sey jede die Geliebte der Nacht gewesen. Forschend betrachtete sie der König, jede dünkte ihm hold und lieblich, aber sein Herz bewegte sich zu Keiner, sie ist nicht hier die ich suche, sprach seine innerste Seele.

Jetzt rauschten zwei Flügelthüren auf, ein prächtiger Saal zeigte sich von vielen Fackeln erleuchtet, die von den Marmorwänden wiederstrahlten; in der Mitte stand eine Tafel. Man setzte sich, der Wein perlte im Gold, die Mädchen nippten mit Rosenlippen an den Bechern, und reichten sie dann dem König; aber Timurs Seele war traurig, er senkte den Blick, und all die Herrlichkeit, und all die Schönheit gieng verlohren an ihm. Da er aber die Augen aufschlug sah er eine Gestalt an der Ecke des Saals ihn gegenüber, an eine Säule gelehnt stehen, sie war ganz schwarz und dicht verhüllt, und blieb immer unbeweglich. Timur betrachtete sie lange und oft, eine tiefe Sehnsucht zog ihn zu ihr; das Maal däuchte ihm unendlich lange, und es ward ihm erst wohl, als man sich erhob.

Die Mädchen verließen den Saal, aber jede sandte ihm noch einladende Blicke, er folgte Keiner, und sah sich endlich allein mit der schwarzen Gestalt, die Fackeln erloschen, nur ein einziges bleiches Licht durchdämmerte den Saal. Die schwarze Gestalt nahte sich ihm, und sprach: „Folge mir!“ er gehorchte; und sie führte ihn durch seltsame unterirrdische Gänge, auf einen Fels. Der Mond glänzte eben im vollen Lichte, und Timur erkannte schaudernd den Fels und das Meer in welches er Ermar hinabgeschleudert hatte. Seine Führerin schlug den Schleier zurück. Es war Thia. Geist meines Vaters! rief sie, laß dich dieses Opfer entsühnen. Sie schlang ihren Arm um den König, und stürzte sich mit ihm die Felsen hinunter, daß ihr Blut sich mischte, und hinab rauchte zur wogenden See.

Don Juan

Es ist der Festtag nun erschienen

Geschmücket ist die ganze Stadt.

Und die Balkone alle grünen,

In Blumen blüht der Fürstin Pfad.

Da kommt sie, schön in Gold und Seide

Im königlichen Prunkgeschmeide

An ihres neu Vermählten Seite.

Erstaunet siehet sie die Menge

Und preiset ihre Schönheit hoch!

Doch Einer, Einer im Gedränge

Fühlt tiefer ihre Schönheit noch.

Er mögt in ihrem Blick vergehen

Da er sie einmal erst gesehen,

Und fühlt im Herzen tiefe Wehen.

Sein Blick folgt ihr zum Hochzeitstanze

Durch all der Tänzer bunte Reihn,

Er stirbet bald in ihrem Glanze

Lebt auf im milden Augenschein.

So wird er seines Schauens Beute,

Und seiner Augen süße Weide

Bringt bald dem Herzen bittres Leide.

So hat er Monde sich verzehret,

In seines eignen Herzens Gluth;

Hat Töne seinem Schmerz verwehret,

Gestählt in der Entsagung Muth;

Dann könnt er vohr’gen Muth verachten

Und leben nur im tiefen Schmachten,

Die Anmuthsvolle zu betrachten.

Mit Philipp war, an heil’ger Stätte,

Am Tag den Seelen fromm geweiht,

Sein Hof versammelt zu Gebete

Das Seelen aus der Qual befreit;

Da flehen Juans heisse Blicke:

Daß sie ihn einmal nur beglücke!

Erzwingen will ers vom Geschicke.

Sie senkt das Haupt mit stillem Sinnen

Und hebt es dann zum Himmel auf;

Da flammt in ihm ein kühn Beginnen,

Er steigt voll Muth zum Altar auf.

Laut will er seinen Schmerz ihr nennen,

Und seines Herzens heißes Brennen,

In heil’ger Gegenwart bekennen.

Laut spricht er: Priester! lasset schweigen

Für Todte die Gebete all.

Für mich laßt heisse Bitten steigen;

Denn größer ist der Liebe Quaal,

Von der ich wehn’ger kann genesen,

Als jene unglücksel’gen Wesen

Zur Quaal des Feuers auserlesen.

Und staunend siehet ihn die Menge

So schön verklärt in Liebesmuth.

„Wo ist, im festlichen Gepränge?“

Denkt Manche still, „die solche Gluth

Und solches Wort jetzt hat gemeinet?“

Sie ist’s, die heimlich Thränen weinet,

Die Juans heisse Liebe meynet.


War’s Mitleid, ist es Lieb’ gewesen,

Was diese Thränen ihr erpreßt?

Vom Gram kann Liebe nicht genesen,

Wenn Zweifelmuth sie nicht verläßt.

Er kann sich Friede nicht erjagen;

Denn nimmer darf’s die Lippe wagen,

Der Liebe Schmerz ihr mehr zu klagen.

Nur einen Tag will er erblicken

Der trüb ihm nicht vorüber flieht,

Nur eine Stunde voll Entzücken

Wo süße Liebe ihm erblüht,

Nur einen Tag der Nacht erwecken,

Es mag ihn dann, mit ihren Schrecken

Auf ewig, Todesnacht bedecken.

Es liebt die Königin die Bühne,

Erschien oft selbst im bunten Spiel.

Daß er dem kleinsten Wunsche diene

Ist jetzt nur seines Lebens Ziel.

Er läßt ihr ein Theater bauen,

Dort will, die reizendste der Frauen,

Er noch in neuer Anmuth schauen.

Der Hof sich einst im Spiel vereinet,

Die Königin in Schäfertracht,

Mit holder Anmuth nun erscheinet

Den Blumenkranz in Lockennacht.

Und Juans Seele sieht verwegen,

Mit ungestümem wildem Regen,

Dem kommenden Moment entgegen.

Er winkt, und Flamm und Dampf erfüllen,

Entsetzlich jetzt das Schauspielhaus;

Der Liebe Glück will er verhüllen

In Dampf und Nacht und Schreck und Graus;

Er jauchzet, daß es ihm gelungen,

Des Schicksals Macht hat er bezwungen

Der Liebe süssen Lohn errungen.

Gekommen ist die schöne Stunde;

Er trägt sie durch des Feuers Wuth,

Raubt manchen Kuß dem schönen Munde,

Weckt ihres Busens tiefste Gluth.

Möcht sterben jetzt in ihren Armen,

Möcht alles geben! ihr, verarmen

Zu anderm Leben nie erwarmen.

Die eilenden Minuten fliehen

Er merket die Gefahren nicht,

Und fühlt nur ihre Wange glühen;

Doch sie, sie träumet länger nicht,

Sie reißt sich von ihm los mit Beben,

Er sieht sie durch die Hallen schweben.

Verhaucht ist der Minute Leben.


Mit sehnsuchtsvollem, krankem Herzen

Eilt Juan durch die Hallen hin.

In Wonne Gram und süße Schmerzen

Versinket ganz sein irrer Sinn,

Er wirft sich auf sein Lager nieder,

Und holde Träume zeigen wieder

Ihm ihr geliebtes, holdes Bild.

Die Sonne steiget auf und nieder;

Doch Abend bleibt’s in seiner Brust.

Es sank der Tag ihm, kehrt nicht wieder,

Und sie, nur sie ist ihm bewußt,

Und ewig, ewig ist gefangen

Sein Geist im quälenden Verlangen

Sie, wachend träumend, anzuschaun.

Und da er wacht aus seinem Schlummer

Ist’s ihm, als stieg’ er aus der Gruft,

So fremd und tod; und aller Kummer

Der mit ihm schlief erwacht und ruft:

O weine! sie ist dir verlohren

Die deine Liebe hat erkohren

Ein Abgrund trennet sie und dich!

Er rafft sich auf mit trüber Seele

Und eilt des Schlosses Gärten zu;

Da sieht er, bei der Mondeshelle,

Ein Mädchen auf ihn eilen zu.

Sie reicht ein Blatt ihm und verschwindet,

Eh er zu fragen Worte findet,

Er bricht die Siegel auf und liest:

„Entfliehe! wenn dies Blatt gelesen

Du hast, und rette so dich mir.

Mir ist, als sey ich einst gewesen,

Die Gegenwart erstirbt in mir,

Und lebend ist nur jene Stunde,

Sie spricht mir mit so süßem Munde,

Von dir, von dir, und stets von dir.“

Er liest das Blatt mit leisem Beben

Und liebt’s, und drückt es an sein Herz.

Gewaltsam theilet sich sein Leben,

In große Wonne – tiefen Schmerz.

Solt er die Theuerste nun meiden?

Kann sie dies Trauern ihm bereiten!

Soll er sie nimmer wieder sehn?

Er geht nun, wie sie ihm geboten;

Da trifft ein Mörderdolch die Brust.

Doch steigt er freudig zu den Todten,

Denn der Erinn’rung süße Lust,

Ruft ihm herauf die schönste Stunde,

Er hänget noch an ihrem Munde;

Entschlummert sanft in ihrem Arm.

Die Manen 4

Ein Fragment

Schüler: Weiser Meister! ich war gestern in den Katakomben der Könige von Schweden. Tags zuvor hatte ich die Geschichte Gustav Adolphs gelesen, und ich nahte mich seinem Sarge mit einem äusserst sonderbaren und schmerzlichen Gefühl, sein Leben und seine Thaten gingen vor meinem Geiste vorüber, ich sah zugleich sein Leben und seinen Tod, seine große Thätigkeit und seine tiefe Ruhe in der er schon dem zweiten Jahrhundert entgegen schlummert. Ich rief mir die dunkle grausenvolle Zeit zurück in welcher er gelebt hat, und mein Gemüth glich einer Gruft, aus welcher die Schatten der Vergangenheit bleich und schwankend herauf steigen. Ich weinte um seinen Tod mit heissen Thränen, als sey er heute erst gefallen. Dahin! Verlohren! Vergangen! sagte ich mir selbst, sind das alle Früchte eines großen Lebens? Diese Gedanken, diese Gefühle überwältigten mich, ich mußte die Gruft verlassen, ich suchte Zerstreuung, ich suchte andere Schmerzen, aber der unterirdische trübe Geist verfolgt mich allenthalben, ich kann diese Wehmuth nicht los werden, sie legt sich wie ein Trauerflohr über meine Gegenwart; dies Zeitalter däucht mir schaal und leer, ein sehnsuchtsvoller Schmerz zieht mich gewaltig in die Vergangenheit. Dahin! Vergangen! ruft mein Geist. O möchte ich mit vergangen seyn! und diese schlechte Zeit nicht gesehen haben, in der die Vorwelt vergeht, an der ihre Größe verlohren ist.

Lehrer: Verlohren junger Mensch? Es ist nichts verlohren, und in keiner Rücksicht; nur unser Auge vermag die lange unendliche Kette von der Ursache zu allen Folgen nicht zu übersehen. Aber wenn du auch dieses nicht bedenken willst, so kannst du doch das nicht verlohren und dahin nennen, was dich selbst so stark bewegt, und so mächtig auf dich wirkt. Schon lange kenne ich dich, und mich däucht, dein eignes Schicksal und die Gegenwart haben dich kaum so heftig bewegt, als das Andenken dieses großen Königs. Lebt er nicht jetzt noch in dir! oder nennst du nur Leben, was im Fleisch und in dem Sichtbaren fortlebt? und ist dir das dahin und verlohren, was noch in Gedanken wirkt, und da ist?

Schüler: Wenn dies ein Leben ist, so ist es doch nicht mehr, als ein bleiches Schattenleben; dann ist die Erinnerung des Gewesenen, Wirklichen, mehr, als ihre bleiche Schatten dieser Wirklichkeit!

Lehrer: Die positive Gegenwart ist der kleinste und flüchtigste Punkt; indem du die Gegenwart gewahr wirst, ist sie schon vorüber, das Bewußtseyn des Genusses liegt immer in der Erinnerung. Das Vergangene kann in diesem Sinn nur betrachtet werden, ob es nun längst oder so eben vergangen, gleichviel.

Schüler: Es ist wahr. So lebt und wirkt aber ein großer Mensch nicht nach seiner Weise in mir fort, sondern nach meiner, nach der Art wie ich ihn aufnehme, wie ich mich und ob ich mich seiner erinnern will.

Lehrer: Freilich lebt er nur fort in dir, in sofern du Sinn für ihn hast, in sofern deine Anlage dich fähig macht ihn zu empfangen in deinem Innern, in sofern du etwas mit ihm Homogenes hast, das Fremdartige in dir tritt mit ihm in keine Verbindung, und er kann nicht auf es wirken; und nur mit dieser Einschränkung wirken alle Dinge. Das, wofür du keinen Sinn hast, geht für dich verlohren, wie die Farbenwelt dem Blinden.

Schüler: Hieraus folgt, daß nichts ganz verlohren geht, daß die Ursachen in ihren Folgen fortwirken, (oder wie du dich ausdrückst, fortleben), daß sie aber nur auf dasjenige wirken können, das Empfänglichkeit, oder Sinn für sie hat.

Meister: Ganz recht.

Schüler: Gut! die Welt und die Vernunft möge genug haben an diesem nicht verlohren seyn, an dieser Art fort zu leben, aber mir ist es nicht genug; eine tiefe Sehnsucht führt mich zurück in den Schoos der Vergangenheit, ich mögte in einer unmittelbaren Verbindung mit den Manen der großen Vorzeit stehn.

Lehrer: Hälst du es denn für möglich?

Schüler: Ich hielt es für unmöglich, als noch kein Wunsch mich dahin zog, ja, ich hätte noch vor Kurzem jede Frage der Art für thöricht gehalten, heute wünsche ich schon, eine Verbindung mit der Geisterwelt möchte möglich seyn, ja mir dünkt, ich sey geneigt sie glaublich zu finden.

Lehrer: Mir däucht die Manen Gustav Adolphs haben deinem innern Auge zu einer glücklichen Geburt verholfen, und du scheinst mir reif, meine Meynung über diese Gegenstände zu vernehmen. So gewiß alle harmonische Dinge in einer gewissen Verbindung stehen, sie mag nun sichtbar oder unsichtbar seyn, so gewiß stehen auch wir in einer Verbindung mit dem Theil der Geisterwelt der mit uns harmonieret; ein ähnlicher oder gleicher Gedanke in verschiedenen Köpfen, auch wenn sie nie von einander wußten, ist im geistigen Sinne schon eine Verbindung. Der Tod eines Menschen der in einer solchen Verbindung mit mir stehet, hebt diese Verbindung nicht auf. Der Tod ist ein chemischer Prozeß, eine Scheidung der Kräfte, aber kein Vernichter, er zerreißt das Band zwischen mir und ähnlichen Seelen nicht, das Fortschreiten des Einen und das Zurückbleiben des Andern aber kann wohl diese Gemeinschaft aufheben, wie ein Mensch, der in allem Vortrefflichen fortgeschritten ist, mit seinem unwissenden und roh gebliebenen Jugendfreund nicht mehr harmonieren wird. Du wirst das Gesagte leicht ganz allgemein, und ganz aufs Besondere anwenden können?

Schüler: Vollkommen! du sagst Harmonie der Kräfte ist Verbindung, der Tod hebt diese Verbindung nicht auf, indem er nur scheidet nicht vernichtet.

Lehrer: Ich fügte noch hinzu: das Aufheben dessen, was eigentlich diese Harmonie ausmachte (z. B. Veränderung der Ansichten und Meynungen, wenn die Harmonie gerade darin bestand) müßte auch nothwendig diese Verbindung aufheben.

Schüler: Ich hab’ es nicht aus der Acht gelassen.

Lehrer: Gut. Eine Verbindung mit Verstorbenen kann also statt haben, in so fern sie nicht aufgehört haben, mit uns zu harmonieren?

Schüler: Zugegeben.

Lehrer: Es kommt nur darauf an, diese Verbindung gewahr zu werden. Blos geistige Kräfte können unsern äussern Sinnen nicht offenbar werden; sie wirken nicht durch unsere Augen und Ohren auf uns, sondern durch das Organ, durch das allein eine Verbindung mit ihnen möglich ist, durch den innern Sinn, auf ihn wirken sie unmittelbar. Dieser innere Sinn, das tiefste und feinste Seelenorgan, ist bei fast allen Menschen gänzlich unentwickelt und nur dem Keim nach da; das Geräusch der Welt, das Getreibe der Geschäfte, die Gewohnheit nur auf der Oberfläche, und nur die Oberfläche zu betrachten, lassen es zu keiner Ausbildung, zu keinem deutlichen Bewußtseyn kommen, und so wird es nicht allgemein anerkannt, und was sich hier und da zu allen Zeiten in ihm offenbahret hat, hat immer so viele Zweifler und Schmäher gefunden; und bis jetzt ist sein Empfangen und Wirken in äußerst seltnen Menschen die seltenste Individualität. – Ich bin weit davon entfernt, so manchen lächerlichen Geistererscheinungen und Gesichten das Wort zu reden; aber ich kann es mir deutlich denken, daß der innere Sinn zu einem Grade afficirt werden kann, nach welchem die Erscheinung des Innern vor das körperliche Auge treten kann, wie gewöhnlich umgekehrt, die äussere Erscheinung vor das Auge des Geistes tritt. So brauche ich nicht alles Wunderbare, durch Betrug oder Täuschung der Sinnen zu erklären. Doch ich erinnere mich, man nennt in der Sprache der Welt diese Entwicklung des innern Sinns, überspannte Einbildung.

Wem also der innere Sinn, das Auge des Geistes, aufgegangen ist, der sieht dem Andern unsichtbare mit ihm verbundene Dinge. Aus diesem innern Sinn sind die Religionen hervorgegangen, und so manche Apokalipsen der alten und neuen Zeit. Aus dieser Fähigkeit des innern Sinnes, Verbindungen, die andern Menschen (deren Geistesauge verschlossen ist) unsichtbar sind, wahrzunehmen, entsteht die Prophezeihung, denn sie ist nichts anders als die Gabe, die Verbindung der Gegenwart und Vergangenheit mit der Zukunft, den nothwendigen Zusammenhang der Ursachen und Wirkungen zu sehen. Prophezeihung ist Sinn für die Zukunft. Man kann die Wahrsagerkunst nicht erlernen, der Sinn für sie ist Geheimnißvoll, er entwikkelt sich auf eine geheimnißvolle Art; er offenbahrt sich oft nur wie ein schneller Blitz der dann von dunkler Nacht wieder begraben wird. Man kann Geister nicht durch Beschwörungen rufen, aber sie können sich dem Geiste offenbahren, das Empfängliche kann sie empfangen, dem innern Sinn können sie erscheinen.

Der Lehrer schwieg, und sein Zuhörer verließ ihn. Mancherlei Gedanken bewegten sein Inneres, und seine ganze Seele strebte sich das Gehörte zum Eigenthum zu machen.

Wunsch

Ja Quitos Hand, hat meine Hand berühret

Und freundlich zu den Lippen sie geführet,

An meinem Busen hat sein Haupt geruht.

Da fühlt ich tief ein liebend fromm Ergeben.

Mußt ich dich überleben, schönes Leben?

Noch Zukunft haben, da du keine hast?

Im Zeitenstrome wirst du mir erbleichen,

Stürb ich mit dir, wie bei der Sonne Neigen

Die Farben all’ in dunkler Nacht vergehn.

Der Adept

Ein Weiser, der schon viel erforschet,

Doch nie des Forschens müde war,

Gelangte einst zum Indier Lande,

Nach manchem langen Wandrungsjahr.

Die Priester dieses Landes rühmen

Sich viel geheimer Wissenschaft,

Sie wissen Seyn und Schein zu trennen,

Und kennen aller Dinge Kraft.

Zum Schüler läßt sich Valus weihen,

Verbindet sich durch einen Eid,

Geheimnißvoll, zu diesem Orden,

Wie es der Priester ihm gebeut.

Wie eitel all sein vorig Wissen;

Das siehet bald schon Valus ein,

Kannt’ er doch nie der Dinge Seele

Begnügt’ an Namen sich und Schein.

Eins sieht er nun in jeder Summe,

Sieht den Naturgeist immer neu

Und immer alt in ew’gem Wandel

Wie er in allen Formen sey.

Jetzt kann er die Natur belauschen,

Er kann ihr tiefstes Wirken schaun,

Weiß, wie die Stoffe sich vermählen

Und wie die Erden sich erbaun.

Jetzt giebt man ihm die dritte Weihe,

Ein Vorzug wen’ger Weisen nur;

Denn sie, die alles sonst durchschauten

Beherrschen jetzo die Natur.

Nachdem er dreimal so geweihet,

Hat er den großen Schritt gethan,

Der seines Lebens lange Reise

Geschieden von der Menschheit Bahn.

Viel Zeiten gehn an ihm vorüber,

Er siehet die Geschlechter fliehn,

Und bleibt allein in allem Wandel,

Indes die Dinge kommen, ziehn.

Nachdem er oft den Kreis gesehen

Den immer die Natur gemacht,

Ergreiffen Schauder seine Seele,

Denn Alles kehrt wie Tag und Nacht.

Der Neuheit Reiz ist ihm verlohren,

Er kennet was die Erde trägt.

Er findet sich allein auf Erden,

Die Menschen sind nicht sein Geschlecht.

Geleert hat er des Lebens Becher

Und lebet immer, immer fort.

Er kann dem Meere nicht entsteigen

Und hat gelandet doch im Port.

Weh’ dem! ruft er: der auf dem Gipfel

Des Daseyns also stille steht.

Nicht Ew’ges kann der Mensch ertragen,

Und wohl ihm, wenn er auch vergeht.

Ein apokaliptisches Fragment

1. Ich stand auf einem hohen Fels im Mittelmeer, und vor mir war der Ost, und hinter mir der West, und der Wind ruhte auf der See.

2. Da sank die Sonne, und kaum war sie verhüllt im Niedergang, so stieg im Aufgang das Morgenroth wieder empor, und Morgen, Mittag, Abend und Nacht, jagten sich, in schwindelnder Eile, um den Bogen des Himmels.

3. Erstaunt sah ich sie sich drehen in wilden Kreisen; mein Puls floh nicht schneller, meine Gedanken bewegten sich nicht rascher, und die Zeit in mir gieng den gewohnten Gang, indes sie ausser mir, sich nach neuem Gesetz bewegte.

4. Ich wollte mich hinstürzen in das Morgenroth, oder mich tauchen in die Schatten der Nacht, um mit in ihre Eile gezogen zu werden, und nicht so langsam zu leben; da ich sie aber immer betrachtete, ward ich sehr müde und entschlief.

5. Da sah ich ein weites Meer vor mir, das von keinem Ufer umgeben war, weder im Ost noch Süd noch West, noch Nord: kein Windstoß bewegte die Wellen, aber die unermeßliche See bewegte sich doch in ihren Tiefen, wie von innern Gährungen bewegt.

6. Und mancherlei Gestalten stiegen herauf, aus dem Schoos des tiefen Meeres, und Nebel stiegen empor und wurden Wolken, und die Wolken senkten sich, und berührten in zuckenden Blitzen die gebährenden Wogen.

7. Und immer mannichfaltigere Gestalten entstiegen der Tiefe, aber mich ergriffen Schwindel und eine sonderbare Bangigkeit, meine Gedanken wurden hie hin und dort hin getrieben, wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch.

8. Da ich aber wieder erwachte, und von mir zu wissen anfieng, wußte ich nicht, wie lange ich geschlafen hatte, ob es Jahrhunderte oder Minuten waren; denn ob ich gleich dumpfe und verworrene Träume gehabt hatte, so war mir doch nichts begegnet, was mich an die Zeit erinnert hätte.

9. Aber es war ein dunkles Gefühl in mir, als habe ich geruht im Schoose dieses Meeres und sey ihm entstiegen, wie die andern Gestalten. Und ich schien mir ein Tropfen Thau, und bewegte mich lustig hin und wieder in der Luft, und freute mich, daß die Sonne sich in mir spiegle, und die Sterne mich beschauten.

10. Ich ließ mich von den Lüften in raschen Zügen dahin tragen, ich gesellte mich zum Abendroth, und zu des Regenbogens siebenfarbigen Tropfen, ich reihte mich mit meinen Gespielen um den Mond wenn er sich bergen wollte, und begleitete seine Bahn.

11. Die Vergangenheit war mir dahin! ich gehörte nur der Gegenwart. Aber eine Sehnsucht war in mir, die ihren Gegenstand nicht kannte, ich suchte immer, aber jedes Gefundene war nicht das Gesuchte, und sehnend trieb ich mich umher im Unendlichen.

12. Einst ward ich gewahr, daß alle die Wesen, die aus dem Meere gestiegen waren, wieder zu ihm zurückkehrten, und sich in wechselnden Formen wieder erzeugten. Mich befremdete diese Erscheinung; denn ich hatte von keinem Ende gewußt. Da dachte ich, meine Sehnsucht sey auch, zurück zu kehren, zu der Quelle des Lebens.

13. Und da ich dies dachte, und fast lebendiger fühlte, als all mein Bewußtseyn, ward plötzlich mein Gemüth wie mit betäubenden Nebeln umgeben. Aber sie schwanden bald, ich schien mir nicht mehr ich, und doch mehr als sonst ich, meine Gränzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewußtseyn hatte sie überschritten, es war größer, anders, und doch fühlte ich mich in ihm.

14. Erlöset war ich von den engen Schranken meines Wesens, und kein einzler Tropfen mehr, ich war allem wiedergegeben, und alles gehörte mir an, ich dachte, ich fühlte, wogte im Meer, glänzte in der Sonne, kreiste mit den Sternen; ich fühlte mich in allem, und genos alles in mir.

15. Drum, wer Ohren hat zu hören, der höre! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht tausende, es ist Eins und alles; es ist nicht Körper und Geist geschieden, daß das eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehöre, es ist Eins, gehört sich selbst, und ist Zeit und Ewigkeit zugleich, und sichtbar, und unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben.

Der Trauernde und die Elfen

Zum Grab der Trauten schleicht der Knabe,

Ihm ist das Herz so bang und schwer;

Da sinkt die dunkle Nacht hernieder

Und bleiche Geister geh’n umher;

Des Abends feuchte Nebel thauen,

Der Nachtwind wühlt in seinem Haar,

Das Alles wird er nicht gewahr.

In Träumen ist er ganz verlohren,

Er merket nicht der Stunden Gang;

Da wekt ihn aus dem dumpfen Schlummer

Musik und froher Chorgesang,

Er blicket auf: und schaut den Reigen

Der Elfen, deren munt’rer Tanz

Sich schlingt um frischer Gräber Kranz.

Und sieh! ihm naht der Elfen Schönste,

Und spricht: „was trauerst du so sehr?

Komm! ist dein Mädchen dir gestorben?

Vergiß sie! komm zum Tanze her.

Frei sind wir Elfen, ohne Sorgen,

Leicht wie der Sinn ist unser Fuß,

Und froh und leicht sind Lieb und Kuß.

O zögre nicht! nur wenig Stunden

So moderst du, nur kurze Zeit

So welket Alles, was jetzt blühet,

Drum komm! entsag dem schweren Leid’.“ –

Wild springt er auf zum raschen Tanze

Und über seiner Braut Gebein

Schlingt sich der lust’ge Elfenreihn.

Er tanzt, vergisset die Geliebte,

Leicht, wie der Elfen, wird sein Sinn

Entbunden aller Erdensorgen

Schwingt er sich über Wolken hin.

Er sieht Geschlechter kommen, sterben,

Kann Alles froh und lustig sehn

Der Dinge Blühen und Vergehn.

Die Bande der Liebe

Ach! mein Geliebter ist tod! er wandelt im Lande der Schatten

Sterne leuchten ihm nicht, ihm erglänzet kein Tag

Und ihm schweigt die Geschichte; das Schicksal der Zeiten

Gehet den mächtigen Gang, doch ihn erwecket es nicht;

Alles starb ihm mit ihm, mir ist er doch nicht gestorben

Denn ein ewiges Band eint mir noch immer den Freund.

Liebe heißet dies Band, das an den Tag mir geknüpft

Hat die erebische5 Nacht, Tod mit dem Leben vereint.

Ja ich kenne ein Land, wo Todte zu Lebenden reden,

Wo sie, dem Orkus entflohn, wieder sich freuen des Lichts,

Wo von Erinn’rung erweckt, sie auferstehn von den Todten

Wo ein irdisches Licht glühet im Leichengewand.

Seliges Land der Träume! wo, mit Lebendigen, Todte

Wandeln, im Dämmerschein, freuen des Daseyns sich noch.

Dort, in dem glücklichen Land, begegnet mir wieder der Theure,

Freuet, der Liebe, sich meiner Umarmungen noch;

Und ich hauche die Kraft der Jugend dann in den Schatten,

Daß ein lebendig Roth wieder die Wange ihm färbt,

Daß die erstarreten Pulse vom warmen Hauche sich regen,

Und der Liebe Gefühl wieder den Busen ihm hebt.

Darum fraget nicht, Gespielen! was ich so bebe?

Warum das rosigte Roth löscht ein ertödtendes Blaß?

Theil ich mein Leben doch mit unterirdischen Schatten,

Meiner Jugend Kraft schlürfen sie gierig mir aus.

Des Wandrers Niederfahrt

Wandrer

Dies ist, hat mich der Meister nicht betrogen

Des Westes Meer in dem der Nachtwind braußt.

Dies ist der Untergang von Gold umzogen,

Und dies die Grotte, wo mein Führer haußt. –

Bist du es nicht, den Tag und Nacht geboren

Des Scheitel freundlich Abendröthe küßt!

In dem sein Leben Hälios verlohren

Und dessen Gürtel schon die Nacht umfließt.

Herold der Nacht! bist du’s der zu ihr führet

Der Sohn den sie dem Sonnengott gebieret?

Führer

Ja, du bist an dessen Grotte,

Der dem starken Sonnengotte

In die Zügel fiel.

Der die Rosse westwärts lenket,

Daß sich hin der Wagen senket,

An des Tages Ziel.

Und es sendet mir noch Blicke

Liebevoll der Gott zurücke

Scheidend küßt er mich;

Und ich seh es, weine Thränen

Und ein süßes stilles Sehnen

Färbet bleicher mich;

Bleicher, bis mich hat umschlungen,

Sie, aus der ich halb entsprungen,

Die verhüllte Nacht.

In ihre Tiefen führt mich ein Verlangen

Mein Auge schauet noch der Sonne Pracht

Doch tief im Thale hat sie mich umpfangen

Den Dämmerschein verschlingt schon Mitternacht.

Wandrer

O führe mich! du kennest wohl die Pfade

Das alte Reich der dunklen Mitternacht;

Hinab will ich ans finstere Gestade

Wo nie der Morgen, nie der Mittag lacht.

Entsagen will ich jenem Tagesschimmer

Der ungern uns der Erde sich vermählt,

Geblendet hat mich, trüg’risch, nur der Flimmer,

Der Ird’sches nie zur Heimath sich erwählt.

Vergebens wollt’ den Flüchtigen ich fassen,

Er kann doch nie vom steten Wandel lassen.

Drum führe mich zum Kreis der stillen Mächte,

In deren tiefem Schoos das Chaos schlief,

Eh, aus dem Dunkel ew’ger Mitternächte,

Der Lichtgeist es herauf zum Leben rief.

Dort, wo der Erde Schoos noch unbezwungen

In dunkle Schleier züchtig sich verhüllt,

Wo er, vom frechen Lichte nicht durchdrungen,

Noch nicht erzeugt dies schwankende Gebild

Der Dinge Ordnung, dies Geschlecht der Erde!

Dem Schmerz und Irrsal ewig bleibt Gefährte.

Führer

Willst du die Götter befragen,

Die des Erdballs Stützen tragen,

Lieben der Erde Geschlecht,

Die in seliger Eintracht wohnen,

Ungeblendet von irdischen Sonnen,

Ewig streng und gerecht;

So komm, eh ich mein Leben ganz verhauchet,

Eh mich die Nacht in ihre Schatten tauchet.


Horch! es heulen laut die Winde,

Und es engt sich das Gewinde

Meines Wegs durch Klüfte hin.

Die verschloß’nen Ströme brausen,

Und ich seh mit kaltem Grausen

Daß ich ohne Führer bin.

Ich sah ihn blässer, immer blässer werden,

Und es begrub die Nacht mir den Gefährten.

In Wasserfluthen hör ich Feuer zischen

Seh wie sich brausend Elemente mischen;

Wie, was die Ordnung trennet, sich vereint.

Ich seh, wie Ost und West sich hier umpfangen,

Der laue Süd spielt um Boreas Wangen,

Das Feindliche umarmet seinen Feind

Und reißt ihn fort in seinen starken Armen:

Das Kalte muß in Feuersgluth erwarmen.

Tiefer führen noch die Pfade

Mich hinab, zu dem Gestade

Wo die Ruhe wohnt,

Wo des Lebens Farben bleichen,

Wo die Elemente schweigen

Und der Friede thront.

Erdgeister

Wer hieß herab dich in die Tiefe steigen

Und unterbrechen unser ewig Schweigen?

Wandrer

Der rege Trieb: die Wahrheit zu ergründen!

Erdgeister

So wolltest in der Nacht das Licht du finden?

Wandrer

Nicht jenes Licht das auf der Erde gastet

Und trügerisch dem Forscher nur entflieht,

Nein, jenes Urseyn das hier unten rastet

Und rein nur in der Lebensquelle glüht.

Die unvermischten Schätze wollt’ ich heben

Die nicht der Schein der Oberwelt berührt

Die Urkraft, die, der Perle gleich, vom Leben

Des Daseyns Meer in seinen Tiefen führt.

Das Leben, in dem Schoos des Lebens schauen;

Wie es sich kindlich an die Mutter schmiegt

In ihrer Werkstatt die Natur erschauen,

Sehn, wie die Schöpfung ihr am Busen liegt.

Erdgeister

So wiß! es ruht die ew’ge Lebensfülle

Gebunden hier noch in des Schlafes Hülle

Und lebt und regt sich kaum,

Sie hat nicht Lippen um sich auszusprechen,

Noch kann sie nicht des Schweigens Siegel brechen,

Ihr Daseyn ist noch Traum.

Und wir, wir sorgen, daß noch Schlaf sie decke

Daß sie nicht wache, eh’ die Zeit sie wecke.

Wandrer

O ihr! die in der Erde waltet,

Der Dinge Tiefe habt gestaltet,

Enthüllt, enthüllt euch mir!

Erdgeister

Opfer nicht und Zauberworte

Dringen durch der Erde Pforte,

Erhörung ist nicht hier.

Das Ungeborne ruhet hier verhüllet

Geheimnißvoll, bis seine Zeit erfüllet.

Wandrer

So nehmt mich auf, geheimnißvolle Mächte,

O wieget mich in tiefem Schlummer ein.

Verhüllet mich in eure Mitternächte,

Ich trete freudig aus des Lebens Reihn.

Laßt wieder mich zum Mutterschoose sinken,

Vergessenheit und neues Daseyn trinken.

Erdgeister

Umsonst! an dir ist uns’re Macht verlohren,

Zu spät! du bist dem Tage schon geboren;

Geschieden aus dem Lebenselement.

Dem Werden können wir, und nicht dem Seyn gebieten

Und du bist schon vom Mutterschoos geschieden

Durch dein Bewußtseyn schon vom Traum getrennt.

Doch schau hinab, in deiner Seele Gründen

Was du hier suchest wirst du dorten finden,

Des Weltalls sehn’nder Spiegel bist du nur.

Auch dort sind Mitternächte die einst tagen,

Auch dort sind Kräfte, die vom Schlaf erwachen

Auch dort ist eine Werkstatt der Natur.

Mahomets Traum in der Wüste

Bei des Mittags Brand

Wo der Wüste Sand

Kein kühlend Lüftchen erlabet,

Wo heiß, vom Samum6 nur geküsset,

Ein grauer Fels die Wolken grüßet

Da sinket müd der Seher hin.

Vom trügenden Schein

Will der Dinge Seyn

Sein Geist, betrachtend hier, trennen.

Der Zukunft Geist will er beschwören,

Des eignen Herzens Stimme hören,

Und folgen seiner Eingebung.

Hier flieht die Gottheit,

Die der Wahn ihm leiht,

Der eitle Schimmer verstiebet.

Und ihn, auf den die Völker sehen,

Den Siegespalmen nur umwehen,

Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.

Des Sehers Traum

Durchflieget den Raum

Und all’ die künftigen Zeiten,

Bald kostet er, in trunknem Wahne,

Die Seligkeit gelung’ner Plane,

Dann sieht er seinen Untergang,

Entsetzen und Wuth,

Mit wechselnder Fluth,

Kämpfen im innersten Leben,

Von Zweifeln, ruft er, nur umgeben!

Verhauchet der Entschluß sein Leben!

Eh’ Reu ihn und Mißlingen straft.

Der Gottheit Macht,

Zerreiße die Nacht

Des Schicksals, vor meinen Blicken!

Sie lasse mich die Zukunft sehen,

Ob meine Fahnen siegreich wehen?

Ob mein Gesetz die Welt regiert?

Er sprichts; da bebt

Die Erde, es hebt

Die See sich auf zu den Wolken,

Flammen entlodern den Felsenklüften,

Die Luft, erfüllt von Schwefeldüften,

Läßt träg die müden Schwingen ruhn.

Im wilden Tanz,

Umschlinget der Kranz

Der irren Sterne, die Himmel;

Das Meer erbraußt in seinen Gründen,

Und in der Erde tiefsten Schlünden

Streiten die Elemente sich.

Und der Eintracht Band,

Das mächtig umwand

Die Kräfte, es schien gelöset.

Der Luft entsinkt der Wolken Schleier

Und aus dem Abgrund steigt das Feuer,

Und zehret alles Ird’sche auf.

Mit trüberer Fluth

Steigt erst die Gluth,

Doch brennt sie stets sich reiner,

Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget

Das lodernd zu den Sternen reichet

Und rein, und hell, und strahlend wallt.

Der Seher erwacht

Wie aus Grabesnacht

Und staunend fühlt er sich leben,

Erwachet aus dem Tod der Schrecken,

Harr’t zagend er, ob nun erwecken

Ein Gott der Wesen Kette wird.

Von Sternen herab

Zum Seher hinab

Ertönt nun eine Stimme:

„Verkörpert hast du hier gesehen

Was allen Dingen wird geschehen

Die Weltgeschichte sahst du hier.

Es treibet die Kraft

Sie wirket und schafft,

In unaufhaltsamem Regen;

Was unrein ist das wird verzehret,

Das Reine nur, der Lichtstoff, währet

Und fließt dem ew’gen Urlicht zu.“

Jetzt sinket die Nacht

Und glänzend ertagt

Der Morgen in seiner Seele.

Nichts! ruft er, soll mich mehr bezwingen:

Daß Licht nur werde! sey mein Ringen,

Dann wird mein Thun unsterblich seyn.

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!

In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.

In Stummheit Sprache,

Schüchtern bei Tage,

Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben

Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,

Genießend schmachten,

Nie satt betrachten

Leben im Traum und doppelt Leben.

Ariadne auf Naxos 7

Auf Naxos Felsen weint verlassen Minos Tochter.

Der Schönheit heisses Flehn erreicht der Götter Ohr.

Von seinem Thron herab senkt, Kronos Sohn, die Blitze,

Sie zur Unsterblichkeit in Wettern aufzuziehn.

Poseidon, Lieb entbrannt, eröffnet schon die Arme,

Umschlingen will er sie, mit seiner Fluthen Nacht.

Soll zur Unsterblichkeit nun Minos Tochter steigen?

Soll sie, den Schatten gleich, zum dunklen Orkus gehn?

Ariadne zögert nicht, sie stürzt sich in die Fluthen:

Betrogner Liebe Schmerz soll nicht unsterblich seyn!

Zum Götterloos hinauf mag sich der Gram nicht drängen,

Des Herzens Wunde hüllt sich gern in Gräbernacht.

Der Franke in Egypten

Wie der Unmuth mir den Busen drücket,

Wie das Glück mich hämisch lächelnd flieht.

Ist denn Nichts was meine Seele stillet?

Nichts, was dieses Lebens bange Leere füllet? –

Dieses Sehnen, wähnt’ ich, sucht die Vorwelt,

Die Heroenzeit ersehnt mein kranker Geist.

An vergang’ner Größe will dies Herz sich heben,

Und so eilt’ ich deinem Strande zu,

Du der Vorwelt heiligste Ruine,

Fabelhaftes Land, Egypten du!

Ha! da wähnt’ ich aller Lasten mich entladen

Als der Heimath Gränze ich enteilet war.

Träumend wallt’ ich mit der Vorzeit Schatten,

Doch bald fühlt’ ich, daß ich unter Todten sey,

Neu bewegte sich in mir das Leben,

Antwort konnte mir das Grab nicht geben. –

Ins Gewühl der Schlachten,

Warf ich durstig mich,

Aber Ruhm und Schlachten,

Ließen traurig mich:

Der Lorbeer der die Stirne schmückt,

Er ists nicht immer der beglückt.

Da reichte mir die Wissenschaft die Hand,

Und folgsam gieng ich nun an ihrer Seite,

Ich stieg hinab in Pyramiden Nacht,

Ich mas des Möris8 See, des alten Memphis Größe,

Und all die Herrlichkeit, die sonst mein Herz geschwellt,

Sie reicht dem Durstigen nur der Erkenntniß Becher.

Ich dachte, forschte nur, vergaß daß ich empfand. –

Doch ach! die alte Sehnsucht ist erwacht,

Aufs neue fühl ich suchend ihre Macht,

Was geb ich ihr? Wohin soll ich mich stürzen?

Was wird des Lebens lange Oede würzen?

Ha! Sieh, ein Mädchen! wie voll Anmuth,

Wie lieblich hold erscheint sie mir!

Soll ich dem Zuge widerstehen?

Doch nein! ich rede kühn zu ihr.

Ist dies der Weg der Pyramiden?

O, schönes Mädchen! sag es mir!

Mädchen

Du bist nicht auf dem Weg der Pyramiden,

O Fremdling! doch ich zeig ihn dir.

Franke

Brennend sengt die heisse Mittagssonne,

Jede Blume neigt das schöne Haupt,

Aber du der Blumen Schönste hebest,

Jung, und frisch, das braungelockte Haupt.

Mädchen

Willst du in des Vaters Hütte dich erkühlen

Komm, es nimmt der Greis dich gerne auf.

Franke

Welchen Namen trägst du schönes Mädchen?

Und dein Vater; sprich, wo wohnet der?

Mädchen

Lastrata heiß ich; und mein guter Vater

Er wohnt mit mir im kleinen Palmenthal,

Doch nicht des Thales angenehme Kühle,

Nicht Bäche Murmeln, nicht der Sonne Kreisen

Erfreuet meinen guten Vater mehr.

Franke

Wie! freut dem Vater nicht des Stromes Quellen,

Der Palmen lindes Frühlingssäuseln nicht?

Ich faß es; doch, wie es ein Gram mag geben

Der deiner Tröstung möchte widerstreben,

Das nur, Lastrata, faß ich nicht.

Mädchen

Italien ist das Vaterland des Greisen,

Und vieles Unglück bracht ihn nur hierher.

Mit sehnsuchtsvollem Blick schaut er am Mittelmeere

Hinüber in das vielgeliebte Land.

Und seufzend sehn’ auch ich hinüber

Nach jenen Blüthenreichen Küsten mich.

Erkranket ruht mein Geist auf jener blauen Ferne,

Und schöne Träume tragen mich dahin.

Sag’, wogt nicht schöner dort der Strom des Lebens?

Sehnt dort die kranke Brust sich auch vergebens?

Franke

Mädchen! ach! von gleichem Wunsch betrogen,

Wähnt’ ich: schönes berg’ die Ferne nur,

Doch umsonst durchsegelt’ ich die Wogen,

Hat auch diese Ahndung mir gelogen

Die du, Mädchen, jetzt in mir erweckt. –

Mädchen

Fremdling! kannst du diese Sehnsucht deuten?

Fühlst du dieses unbestimmte Leiden?

Dieses Wünschen ohne Wunsch?

Franke

Ja ich fühl ein Sehnen, fühl ein Leiden.

Doch jetzt kann ich diese Wünsche deuten,

Und ich weiß, was dieses Streben will.

Nicht an fernen Ufern, nicht in Schlachten!

Wissenschaften! nicht an eurer Hand,

Nicht im bunten Land der Phantasien!

Wohnt des durst’gen Herzens Sättigung.

Liebe muß dem müden Pilger winken,

Myrthen keimen in dem Lorbeerkranz,

Liebe muß zu Heldenschatten führen,

Muß uns reden aus der Geisterwelt. –

Mächt’ger Strom! ich fühlte deine Wogen,

Unbewußt fühlt’ ich mich hingezogen,

Nur wohin! wohin! das wußt’ ich nicht.

Wohl mir! dich und mich hab’ ich gefunden.

Liebe hat dem Chaos sich entwunden.

1Hinweise bezüglich orthographischer Besonderheiten s. Nachbemerkung.

2Tellus: „Erde“, in der römischen Mythologie die Erd-Gottheit, entspricht der griechischen Gaia.

3Timur: auch als Tamerlan bzw. Timur Lenk bekannt, 1336-1405, ein zentralasiatischer muslimischer Eroberer, strebte die Wiederherstellung des Mongolischen Reiches an.

4Manen: in der römischen Religion die Geister der Toten.

5Erebos: in der griechischen Mythologie der Gott und die Personifikation der Finsternis.

6Samum: Bezeichnung für einen Sandsturm in Nordafrika/Arabien.

7Ariadne: in der griechischen Mythologie die Tochter des kretischen Königs Minos und seiner Gattin Pasiphaë. Sie half Theseus den Minotauros zu besiegen, floh mit Theseus von Kreta, wurde von ihm aber auf der Insel Naxos zurückgelassen.

8Möris: in der griechischen Antike Name eines großen, durch Dämme begrenzten künstlich angelegten Sees in Unterägypten.

ES HAT EIN KUSS MIR LEBEN EINGEHAUCHT
Poetische Fragmente
Piedro

Dunkel ruhet auf den Wassern,

Tiefe Stille weit umher,

Piedro’s Schiff nur theilt die Wellen,

Seine Ruder schlägt das Meer.

Aber Piedro steht am Maste

Und sein Aug’ in trüber Glut,

Sucht den Räuber der Geliebten,

Sucht sie durch des Meeres Fluth.

Endlich naht er ihrem Segel,

Endlich geht die lange Nacht,

Und mit ungedult’ger Eile

Ordnet er der Schiffe Schlacht.

Viele fallen, Viele siegen,

Einer kämpft mit Löwenmuth,

Naht sich Piedron durch die Menge

Kühnlich mit bescheidnem Muth.

Und sie kämpfen, keiner weichet,

Tapferkeit wird wilde Wuth;

Und in zornigen Strömen mischet

Sich der Kämpfer heißes Blut.

Endlich in des Jünglings Busen

Senket Piedro seinen Stahl,

Vor dem unwillkommenen Gaste

Flieht sein süßes – Leben all.

Und er stirbt so hold im Tode,

Daß Piedro niedersinkt,

Und von seinen blassen Lippen

Reuig heiße Küsse trinkt.

Nacht will endlich niedersinken,

Tiefe Stille weit umher;

Piedro’s Schiff nur theilt die Wellen,

Seine Ruder schlägt das Meer.

Piedro aber liegt verwundet

Einsam in des Schiffes Raum;

Seine Seele ist gefangen,

Ganz und gar in einem Traum.

Denn ihm däucht er sey umschlungen

Von des todten Jünglings Arm,

Freundlich will sein Auge brechen,

Doch es schlägt sein Herz noch warm.

Piedro will sich von ihm reißen,

Doch mit sehnsuchtsvollem Blick

Und mit heißen Liebesküssen

Hält der Knabe ihn zurück.

Freudig, daß er sie befreiet,

Tritt die Braut zu Piedro hin,

Will ihn trösten, will versuchen,

Ob die bösen Träume fliehn.

Und sie neigt sich zu ihm nieder,

Ruft des Theuern Namen laut.

Er erwacht und mit Entsetzen

Wendet er sich von der Braut.

Und er mag sie nicht mehr schauen,

Ihre Liebe ist ihm Pein.

Tief versenkt nur im Betrachten

Des Gestorbenen mag er seyn.

Und das süße Mädchen weinet,

Sie verhüllt ihr Angesicht,

Möchte gern vor Schmerzen sterben,

Nur den Theuern lassen nicht.

Piedro siehts, ein tiefes Sehnen

Zieht ihn nach des Grabes Ruh,

Er zerreißt der Wunde Banden

Und geht still den Todten zu.

Dunkel ruhet auf den Wassern,

Tiefe Stille weit umher,

Piedro’s Schiff erreicht die Küste,

Aber er schläft tief im Meer.

Die Pilger

Der erste Pilger

Ich bin erkranket

An Liebespein,

Mögt’ nur genesen,

Wollst du mein seyn.

Dein lieblich Wesen,

Dein Lippenroth,

Hält mich gefangen

Bis an den Tod.

Mein Aug’ ist trübe,

Mein’ Jugend verdorrt,

Doch kenn’ ich noch Heilung,

Wohl weiß ich den Port.

Zu dem will ich wallen

Ob Länder und Meer,

Die Brust ist beklommen,

Das Herz ist mir schwer.

Ich greife zum Stabe,

Ich walle zum Meer;

Es brausen die Winde,

Es tobet das Meer.

Die Vöglein fliegen

So lustig voran,

Sie suchen den Frühling

Und treffen ihn an.

Es hält mich die Liebe,

Ich bliebe so gern,

Doch ziehet mich Sehnsucht

Zum Grabe des Herrn.

Lebt wohl dann ihr Augen

Von freundlichem Schein,

Mein Blick soll zum Himmel

Gerichtet nur seyn.

Mich sehnet, o süße

Geliebte, nach dir!

Doch wähl’ ich das Grab mir,

Des Heilands dafür.

Da kniee ich nieder

Voll bitterem Schmerz;

Da kann ich dich lassen,

Da bricht mir das Herz.

Die Heilung ist bitter,

Der Weg ist wohl weit;

Doch greif’ ich zum Stabe

Und ende mein Leid.

Der zweite Pilger

Ich scheide froh vom Vaterland

Und suche den geliebten Strand,

Wo Jesus Christus wallte;

Wo er in Demuth angethan

Des Erdenlebens schwere Bahn,

Mit stillem Sinne wallte.

Was ist die Herrlichkeit der Welt

Und alles, was dem Sinn gefällt?

Ich will ihm froh entsagen.

Die irrdische Kette fällt von mir,

Und Jesu! nur zu dir! zu dir!

Will ich mein Sehnen tragen.

Die Märterkrone winket mir

Und Seeligkeit wohl für und für,

Wenn ich vollendet habe.

O süße Buße! himmlisch Leid!

In frommer Einfalt Seligkeit,

Ihr wohnt am heiligen Grabe.

Der Kuß im Traume,

aus einem ungedruckten Romane

Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,

Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten,

Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten

Daß neue Wonne meine Lippe saugt.

In Träume war solch Leben eingetaucht,

Drum leb’ ich, ewig Träume zu betrachten,

Kann aller andern Freuden Glanz verachten,

Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,

Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen

Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.

Drum birg dich Aug’ dem Glanze irr’dscher Sonnen!

Hüll’ dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen

Und heilt den Schmerz, wie Lethes1 kühle Fluthen.

1Lethe: in der griechischen Mythologie einer der Flüsse der Unterwelt und Personifikation des Vergessens.

VERLOHREN IST WEN LIEBE NICHT BEGLÜCKET
Aus: Melete1
Zueignung

Ich habe Dir in ernsten stillen Stunden,

Betrachtungsvoll in heil’ger Einsamkeit,

Die Blumen dieser und vergangner Zeit,

Die mir erblüht, zu einem Kranz gewunden.

Von Dir, ich weiß es, wird der Sinn empfunden,

Der in des Blüthenkelchs Verschwiegenheit

Nur sichtbar wird dem Auge, das geweiht

Im Farbenspiel den stillen Geist gefunden.

Es flechten Mädchen so im Orient

Den bunten Kranz; daß vielen er gefalle,

Wetteifern unter sich die Blumen alle.

Doch Einer ihren tiefern Sinn erkennt,

Ihm sind Symbole sie nur, äußre Zeichen;

Sie reden ihm, obgleich sie alle schweigen.

Adonis Tod

1.

Die Göttin sinkt in namenlosem Leide,

Den Jäger traf des Thieres wilde Wuth;

Die Rose trinkend von des Jünglings Blut,

Glänzt ferner nicht im weißen Liljenkleide.

Das Abendroth der kurzen Liebesfreude

Blickt traurig aus der Blume dunklen Gluth;

Adonis todt im Arm der Göttin ruht;

Das Schönste wird des kargen Hades Beute.

Verhaßt ist ihr des langen Lebens Dauer,

Das Götterlos wird ihrer Seele Trauer,

Die sehnsuchtskrank den süßen Gatten sucht.

Und still erblühet heißer Thränen Frucht;

Den stummen Schmerz verkünden Anemonen,

Den ew’gen Wunsch im Schattenreich zu wohnen.

2.

Den Liljenleib des Purpurs dunkler Schleier

Dem irren Blick der Göttin halb entzieht;

Der Trauer Bild, die Anemone, blüht

So weiß als roth zur stillen Todtenfeyer.

Erloschen ist in Ihm des Lebens Feuer,

Sein todtes Aug’ die Blume nimmer sieht. –

Doch plötzlich schmilzt der Göttin Leid im Lied,

Die Klage tönt, die Seele fühlt sich freier.

Ein Kranker, der des Liedes Sinn empfunden,

Durch Ihrer Töne Zauber soll gesunden. –

Der Andacht gerne Liebe sich vertraut.

Und glaubig einen Tempel er sich baut,

Auf daß er pflege in dem Heiligthume

Der Sehnsucht Kind die süße Wunderblume.

3. Adonis Todtenfeyer

Wehe! daß der Gott auf Erden

Sterblich mußt gebohren werden!

Alles Dasein, alles Leben

Ist mit ihm dem Tod gegeben.

Alles wandelt und vergehet,

Morgen sinkt was heute stehet;

Was jetzt schön und herrlich steiget,

Bald sich hin zum Staube neiget;

Dauer ist nicht zu erwerben,

Wandeln ist unsterblich Sterben.

Wehe! daß der Gott auf Erden

Sterblich mußt gebohren werden!

Alle sind dem Tod verfallen,

Sterben ist das Loos von allen.

Viele doch sind die nicht wissen,

Wie der Gott hat sterben müssen;

Blinde sind es, die nicht sehen,

Nicht den tiefen Schmerz verstehen,

Nicht der Göttin Klag und Sehnen,

Ihre ungezählten Thränen,

Daß der süße Leib des Schönen

Muß dem kargen Tode fröhnen.

Laßt die Klage uns erneuern!

Rufet zu geheimen Feyern,

Die Adonis heilig nennen,

Seine Gottheit anerkennen,

Die die Weihen sich erworben,

Denen auch der Gott gestorben.

Brecht die dunkle Anemone,

Sie, die ihre Blätterkrone

Sinnend still herunter beuget,

Leise sich zur Tiefe neiget,

Forschend ob der Gott auf Erden

Wieder soll gebohren werden!

Brechet Rosen; jede Blume

Sei verehrt im Heiligthume,

Forscht in ihren Kindermienen,

Denn es schläft der Gott in ihnen;

Uns ist er durch sie erstanden

Aus des dumpfen Grabes Banden.

Wie sie leis hervor sich drängen,

Und des Hügels Decke sprengen,

Ringet aus des Grabes Engen

Sich empor verschloßnes Leben;

Tod den Raub muß wiedergeben,

Leben wiederkehrt zum Leben.

Also ist der Gott erstanden

Aus des dumpfen Grabes Banden.

Gebet an den Schuzheiligen

Den Königen aus Morgenlanden

Ging einst ein hell Gestirn voran,

Und führte treu sie ferne Pfade

Bis sie das Haus des Heilands sahn.

So leuchte über meinem Leben,

Laß glaubensvoll nach dir mich schaun,

In Qualen, Tod und in Gefahren

Laß mich auf deine Liebe traun.

Mein Auge hab’ ich abgewendet

Von allem was die Erde giebt,

Und über Alles was sie bietet

Hab’ ich dich, Trost und Heil, geliebt.

Dir leb’ ich, und dir werd’ ich sterben,

Drum lasse meine Seele nicht,

Und sende in des Lebens Dunkel

Mir deiner Liebe tröstlich Licht.

O, leuchte über meinem Leben!

Ein Morgenstern der Heimath mir,

Und führe mich den Weg zum Frieden,

Denn Gottes Friede ist in dir.

Laß nichts die tiefe Andacht stören,

Das fromme Lieben, das dich meint,

Das, ob auch Zeit und Welt uns trennen,

Mich ewig doch mit dir vereint.

Da du erbarmend mich erkohren,

Verlasse meine Seele nicht,

O Trost und Freude! Quell des Heiles!

Laß mich nicht einsam, liebes Licht!

Die Malabarischen Witwen 2

Zum Flammentode gehn an Indusstranden

Mit dem Gemahl, in Jugendherrlichkeit,

Die Frauen, ohne Zagen, ohne Leid,

Geschmücket festlich, wie in Brautgewanden.

Die Sitte hat der Liebe Sinn verstanden,

Sie von der Trennung harter Schmach befreit

Zu ihrem Priester selbst den Tod geweiht,

Unsterblichkeit gegeben ihren Banden.

Nicht Trennung ferner solchem Bunde droht,

Denn die vorhin entzweiten Liebesflammen

In einer schlagen brünstig sie zusammen.

Zur süßen Liebesfeyer wird der Tod,

Vereinet die getrennten Elemente,

Zum Lebensgipfel wird des Daseins Ende.

Die Einzige

Wie ist ganz mein Sinn befangen,

Einer, Einer anzuhangen;

Diese Eine zu umpfangen

Treibt mich einzig nur Verlangen;

Freude kann mir nur gewähren,

Heimlich diesen Wunsch zu nähren,

Mich in Träumen zu bethören,

Mich in Sehnen zu verzehren,

Was mich tödtet zu gebähren.

Widerstand will mir nicht frommen,

Fliehen muß ich neu zu kommen,

Zürnen nur, mich zu versöhnen,

Kann mich Ihrer nicht entwöhnen,

Muß im lauten Jubel stöhnen;

In den Becher fallen Thränen,

Ich versink in träumrisch Wähnen;

Höre nicht der Töne Reigen,

Wie sie auf und nieder steigen,

Wogend schwellen Well’ in Welle;

Sehe nicht der Farben Helle

Strömen aus des Lichtes Quelle.

Mich begrüßen Frühlingslüfte,

Küssen leise Blumendüfte,

Doch das all ist mir verlohren,

Ist für mich wie nicht gebohren,

Denn mein Geist ist eng umpfangen

Von dem einzigen Verlangen

Eine, Eine zu erlangen.

Hungrig in der Zahl der Gäste

Siz ich bei dem Freudenfeste,

Das Natur der Erde spendet;

Frage heimlich ob’s bald endet?

Ob ich aus der Gäste Reigen

Dürf’ dem eklen Mahl entweichen,

Das verschwendrisch Andre nähret:

Mir nicht einen Wunsch gewähret?

Eines nur mein Sinn begehret,

Eine Sehnsucht mich verzehret;

Eng ist meine Welt befangen,

Nur vom einzigen Verlangen

Was ich liebe zu erlangen.

Die eine Klage

Wer die tiefste aller Wunden

Hat in Geist und Sinn empfunden

Bittrer Trennung Schmerz;

Wer geliebt was er verlohren,

Lassen muß was er erkohren,

Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Thränen

Und der Liebe ewig Sehnen

Eins in Zwei zu sein,

Eins im Andern sich zu finden,

Daß der Zweiheit Gränzen schwinden

Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen

Konnt’ ein Wesen liebgewinnen

O! den tröstet’s nicht

Daß für Freuden, die verlohren,

Neue werden neu gebohren:

Jene sind’s doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,

Dieses Nehmen und dies Geben,

Wort und Sinn und Blick,

Dieses Suchen und dies Finden,

Dieses Denken und Empfinden

Giebt kein Gott zurück.

Aegypten

Blau ist meines Himmels Bogen,

Ist von Regen nie umzogen,

Ist von Wolken nicht umspielt,

Nie vom Abendthau gekühlt.

Meine Bäche fließen träge

Oft verschlungen auf dem Wege,

Von der durst’gen Steppen Sand,

Bei des langen Mittags Brand.

Meine Sonn’ ein gierig Feuer,

Nie gedämpft durch Nebelschleier,

Dringt durch Mark mir und Gebein

In das tiefste Leben ein.

Schwer entschlummert sind die Kräfte,

Aufgezehrt die Lebenssäfte;

Eingelullt in Fiebertraum

Fühl’ ich noch mein Dasein kaum.

Der Nil

Aber ich stürze von Bergen hernieder,

Wo mich der Regen des Himmels gekühlt,

Tränke erbarmend die lechzenden Brüder

Daß sich ihr brennendes Bette erfüllt.

Jauchzend begrüßen mich alle die Quellen;

Kühlend umfange ich, Erde, auch dich;

Leben erschwellt mir die Tropfen, die Wellen,

Leben dir spendend umarme ich dich.

Theueres Land du! Gebährerin Erde!

Nimm nun den Sohn auch den liebenden auf,

Du, die in Klüften gebahr mich und nährte,

Nimm jetzt, o Mutter! den Sehnenden auf.

Eine persische Erzählung

Rasend am Altar des Feuers

Ormuzd3 Priester war geworden;

Aber als der Morgen helle

Gülden aus dem Osten blickte,

Kehrte Ruh in seine Seele.

Laut rief er dem Opferknaben:

„Siehe wie der Morgen pranget.

Licht hat endlich obgesieget,

Siegend werden nie zur Erde

Wieder sich die Schatten senken.“

Trost erfüllet sprachs der Alte,

Kniete nieder am Altare,

Betend auf zum Gott des Lichtes

Preißend ihn, des frohen Sieges,

Angethan in hellen Kleidern

Zwölf der Stunden täglich feiern.

Aber als die Zwölf im Weste

Trübe sich begunt zu färben,

Leis verglomm im Abendstrahle,

Ormuzd Priester ward da stille,

Sorgend blickt er auf zum Himmel

Forschend was die Zeit gewähre. –

Dunkel kam heran geschritten,

Zagend streift es, blaß und ängstlich,

Muthig ward’s dann, dehnt sich mächtig,

Wuchs und deckt mit Riesengliedern

Siegreich bald die niedren Thäler,

Reiht sich um den Stern des Tages,

Drängt ihn hastig hin zum Weste. –

Ormuzd Priester rief der Sonne,

Tapfer sich im Kampf zu zeigen,

Heftig rief er, Wahnsinn betend.

Aber das Gestirn des Lichtes

Bettet sich im Weste stille.

Rasend, zitternd, sah’s der Alte

Raffte sich empor vom Boden

Eilte nach dem nahen Meere. –

Glänzend aus der Fluthen Spiegel

Luna kam heraufgeschritten;

Feucht ihr Haar, vom Meer noch träuflend,

Thaubeglänzet ihre Wange,

Blickte sie zur Erde nieder.

Da ergrimmte Ormuzd Priester,

Nahm den Bogen, nahm die Pfeile,

Eilte zu des Felsen Gipfel,

Achtet nicht der schroffen Höhe,

Drunten nicht des Meeres Brausen,

Nimmt der Pfeile schärfsten, zielet

Hoch zum Mond, dem Herz der Nächte;

Schwirrend reißt ihn da die Senne

Seines Bogens hin zur Tiefe,

Sterbend büßt er sein Erkühnen. –

Mitleidsvoll ihm Mitra4 lächlet;

Aber gütig nimmt das Dunkel

Auf in seinem heil’gen Schooße

Freundlich den verirrten Kranken,

Daß im Arm der Mitternächte

Schweren Wahnsinns er genese.

Der Caucasus

Mir zu Häupten Wolken wandeln,

Mir zur Seite Luft verwehet,

Wellen mir den Fuß umspielen,

Thürmen sich und brausen, sinken. –

Meine Schläfe, Jahr’ umgauklen,

Sommer, Frühling, Winter kamen,

Frühling mich nicht grün bekleidet,

Sommer hat mich nicht entzündet,

Winter nicht mein Haupt gewandelt.

Hoch mein Gipfel über Wolken

Eingetaucht im ew’gen Äther

Freuet sich des steten Lebens.

Überall Liebe

Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?

Dabei des Lebens Blüthenkränze sehn,

Und unbekränzt daran vorüber gehn

Und muß ich traurend nicht in mir verzagen?

Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?

Soll muthig ich zum Schattenreiche gehn?

Um andre Freuden andre Götter flehn,

Nach neuen Wonnen bei den Todten fragen?

Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,

Im Schooß der Nächte, brennt der Liebe Glut

Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.

Verlohren ist wen Liebe nicht beglücket,

Und stieg er auch hinab zur styg’schen Flut,

Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.

Der Gefangene und der Sänger

Ich wallte mit leichtem und lustigem Sinn

Und singend am Kerker vorüber;

Da schallt aus der Tiefe, da schallt aus dem Thurm

Mir Stimme des Freundes herüber. –

„Ach Sänger! verweile, mich tröstet dein Lied,

Es steigt zum Gefangnen herunter,

Ihm macht es gesellig die einsame Zeit,

Das krankende Herz ihm gesunder.“

Ich horchte der Stimme, gehorchte ihr bald,

Zum Kerker hin wandt’ ich die Schritte,

Gern sprach ich die freundlichsten Worte hinab,

Begegnete jeglicher Bitte.

Da war dem Gefangenen freier der Sinn,

Gesellig die einsamen Stunden. –

„Gern gäb ich dir Lieber! so rief er: die Hand,

Doch ist sie von Banden umwunden.

Gern käm’ ich Geliebter! gern käm’ ich herauf

Am Herzen dich treulich zu herzen;

Doch trennen mich Mauern und Riegel von dir,

O fühl’ des Gefangenen Schmerzen.

Es ziehet mich mancherlei Sehnsucht zu dir;

Doch Ketten umfangen mein Leben,

Drum gehe mein Lieber und laß mich allein,

Ich Armer ich kann dir nichts geben.“ –

Da ward mir so weich und so wehe ums Herz,

Ich konnte den Lieben nicht lassen.

Am Kerker nun lausch’ ich von Frührothes Schein

Bis Abends die Farben erblassen.

Und harren dort werd’ ich die Jahre hindurch,

Und sollt’ ich drob selber erblassen.

Es ist mir so weich und so sehnend ums Herz

Ich kann den Geliebten nicht lassen.

Briefe zweier Freunde

An Eusebio

Vergib, o Freund! daß ich mit kind’scher Sprache,

Aus deines Herzens tiefem Heiligthume,

Akkorde leise nachzulallen wage,

Beim Höchsten aber schülerhaft verstumme.

Und reden möcht’ ich doch zu deinem Ruhme,

Vergib der Kühnheit, daß ich nicht verzage.

Den Sommer mein’ ich mit der Einen Blume,

Und Einen Strahl entwand ich nur dem Tage.

Doch die Natur in ihrer heil’gen Fülle

Sie offenbart sich ganz in jedem Handeln,

Das höchste Leben in der tiefsten Stille.

Erhascht’ ich einen Zug aus deinem Bilde,

Wie reichlich auch Gedanken in dir wandeln,

So bist du’s ganz in deiner frommen Milde.

An Eusebio

Mit Freude denk’ ich oft zurück an den Tag, an welchem wir uns zuerst fanden, als ich dir mit einer ehrfurchtsvollen Verlegenheit entgegentrat wie ein lehrbegieriger Laye dem Hohenpriester. Ich hatte es mir vorgesetzt, dir wo möglich zu gefallen, und das Bewustseyn meines eig’nen Werthes wäre mir in seinen Grundfesten erschüttert worden, hättest du dich gleichgültig von mir abgewendet; wie es mir aber gelang, dich mit solchem Maaße für mich zu gewinnen, begreife ich noch nicht; mein eigner Geist muß bei jener Unterredung zwiefach über mir gewesen seyn. Mit ihr ist mir ein neues Leben aufgegangen, denn erst in dir habe ich jene wahrhafte Erhebung zu den höchsten Anschauungen, in welchen alles Weltliche als ein wesenloser Traum verschwindet, als einen herrschenden Zustand gefunden; in dir haben mir die höchsten Ideen auch eine irrdische Realität erlangt. Wir andern Sterblichen müssen erst fasten und uns leiblich und geistig zubereiten, wenn wir zum Mahle des Herrn gehen wollen, du empfängst den Gott täglich ohne diese Anstalten.

Mir, o Freund! sind die himmlischen Mächte nicht so günstig, und oft bin ich mißmuthig, und weis nicht über wen ich es am meisten seyn soll, ob über mich selbst, oder über diese Zeit, denn auch sie ist arm an begeisternden Anschauungen für den Künstler jeder Art; alles Große und Gewaltige hat sich an eine unendliche Masse, unter der es beinah verschwindet, ausgetheilt. Unselige Gerechtigkeit des Schicksals! damit Keiner prasse und Keiner hungere, müssen wir uns alle in nüchterner Dürftigkeit behelfen. Ist es da auch noch ein Wunder, wenn die Ökonomie in jedem Sinn und in allen Dingen zu einer so beträchtlichen Tugend herangewachsen ist. Diese Erbärmlichkeit des Lebens, laß es uns gestehen, ist mit dem Protestantismus aufgekommen. Sie werden alle zum Kelch hinzugelassen, die Layen wie die Geweihten, darum kann Niemand genugsam trinken um des Gottes voll zu werden, der Tropfen aber ist Keinem genug; da wissen sie denn nicht was ihnen fehlt, und gerathen in ein Disputiren und Protestiren darüber. – Doch was sage ich dir das! angeschaut im Fremden hast du diese Zeitübel wohl schon oft, aber sie können dich nicht so berühren, da du sie nur als Gegensaz mit deiner eigensten Natur sehen kannst, und kein Gegensaz durch sie in dich selbst gekommen ist. Genug also von dem aufgeblasenen Jahrhundert, an dessen Thorheiten noch ferne Zeiten erkranken werden. Rückwärts in schönre Tage laß uns blicken, die gewesen. Vielleicht sind wir eben jetzt auf einer Bildungsstufe angelangt, wo unser höchstes und würdigstes Bestreben sich dahin richten sollte, die großen Kunstmeister der Vorwelt zu verstehen, und mit dem Reichthum und der Fülle ihrer poesiereichen Darstellungen unser dürftiges Leben zu befruchten. Denn, abgeschlossen sind wir durch enge Verhältnisse von der Natur, durch engere Begriffe vom wahren Lebensgenuß, durch unsere Staatsformen von aller Thätigkeit im Großen. So fest umschlossen ringsum, bleibt uns nur übrig den Blick hinauf zu richten zum Himmel, oder brütend in uns selbst zu wenden. Sind nicht beinahe alle Arten der neuern Poesie durch diese unsere Stellung bestimmt? Liniengestalten entweder, die körperlos hinaufstreben im unendlichen Raum zu zerfließen, oder bleiche, lichtscheue Erdgeister, die wir grübelnd aus der Tiefe unsers Wesens herauf beschwören; aber nirgends kräftige, markige Gestalten. Der Höhe dürfen wir uns rühmen und der Tiefe, aber behagliche Ausdehnung fehlt uns durchaus. Wie Shakespeare’s Julius Cäsar möcht’ ich rufen: „Bringt fette Leute zu mir, und die ruhig schlafen, ich fürchte diesen hagern Cassius.“ – Da ich nun selbst nicht über die Schranken meiner Zeit hinaus reiche, dünkt es dir nicht besser für mich, den Weg eigner poetischer Produktion zu verlassen, und ein ernsthaftes Studium der Poeten der Vorzeit und besonders des Mittelalters zu beginnen? Ich weis zwar, daß es mir Mühe kosten wird, ich werde gleichsam einen Zweig aus meiner Natur herausschneiden müssen, denn ich schaue mich am fröhlichsten in einem Produkt meines Geistes an, und habe nur wahrhaftes Bewustseyn durch dieses Hervorgebrachte; aber um Etwas desto gewisser zu gewinnen, muß man stets ein Anderes aufgeben, das ist ein allgemeines Schicksal, und es soll mich nicht erschrecken. Eins aber hat mir stets das innerste Gemüth schmerzlich angegriffen, es ist dies: daß hinter jedem Gipfel sich der Abhang verbirgt; dieser Gedanke macht mir die Freude bleich in ihrer frischesten Jugend, und mischt in all mein Leben eine unnennbare Wehmuth; darum erfreut mich jeder Anfang mehr als das Vollendete, und nichts berührt mich so tief als das Abendroth; mit ihm möcht’ ich jeden Abend versinken in der gleichen Nacht, um nicht sein Verlöschen zu überleben. Glückliche! denen vergönnt ist zu sterben in der Blüthe der Freude, die aufstehen dürfen vom Mahle des Lebens, ehe die Kerzen bleich werden und der Wein sparsamer perlt. Eusebio! wenn mir auch dereinst das freundliche Licht deines Lebens erlöschen sollte, o! dann nimm mich gütig mit, wie der göttliche Pollux den sterblichen Bruder, und laß mich gemeinsam mit dir in den Orkus gehen und mit dir zu den unsterblichen Göttern, denn nicht möcht’ ich leben ohne dich, der du meiner Gedanken und Empfindungen liebster Inhalt bist, um den sich alle Formen und Blüthen meines Seyns herumwinden, wie das labyrintische Geäder um das Herz, das sie all’ erfüllt und durchglüht.

Fragmente aus Eusebio’s Antwort

– Gestalt hat nur für uns, was wir überschauen können; von dieser Zeit aber sind wir umpfangen, wie Embryonen von dem Leibe der Mutter, was können wir also von ihr Bedeutendes sagen? Wir sehen einzelne Symptome, hören Einen Pulsschlag des Jahrhunderts, und wollen daraus schließen, es sey erkrankt. Eben diese uns bedenklich scheinenden Anzeigen gehören vielleicht zu der individuellen Gesundheit dieser Zeit. Jede Individualität aber ist ein Abgrund von Abweichungen, eine Nacht, die nur sparsam von dem Licht allgemeiner Begriffe erleuchtet wird. Darum Freund! weil wir nur wenige Züge von dem unermeßlichen Teppich sehen, an welchem der Erdgeist die Zeiten hindurch webt, darum laß uns bescheiden seyn. Es gibt eine Ergebung, in der allein Seligkeit und Vollkommenheit und Friede ist, eine Art der Betrachtung, welche ich Auflösung im Göttlichen nennen möchte; dahin zu kommen laß uns trachten, und nicht klagen um die Schicksale des Universums. Damit du aber deutlicher siehst, was ich damit meine, so sende ich dir hiermit einige Bücher über die Religion der Hindu. Die Wunder uralter Weisheit, in geheimnißvollen Symbolen niedergelegt, werden dein Gemüth berühren, es wird Augenblicke geben, in welchen du dich entkleidet fühlst von dieser persönlichen Einzelheit und Armuth, und wieder hingegeben dem großen Ganzen; wo du es mehr als nur denkst, daß alles was jetzt Sonne und Mond ist, und Blume und Edelstein, und Äther und Meer, ein Einziges ist, ein Heiliges, das in seinen Tiefen ruht ohne Aufhören, selig in sich selbst, sich selbst ewig umpfangend, ohne Wunsch nach dem Thun und Leiden der Zweiheit, die seine Oberfläche bewegt. In solchen Augenblicken, wo wir uns nicht mehr besinnen können, weil das, was das einzle und irrdische Bewustseyn weckt, dem äußern Sinn verschwunden ist unter der Herrschaft der Betrachtung des Innern; in solchen Augenblicken versteh’ ich den Tod, der Religion Geheimniß, das Opfer des Sohnes und der Liebe unendliches Sehnen. Ist es nicht ein Winken der Natur, aus der Einzelheit in die gemeinschaftliche Allheit zurück zu kehren, zu lassen das getheilte Leben, in welchem die Wesen Etwas für sich seyn wollen und doch nicht können? Ich erblicke die rechte Verdammniß in dem selbstsüchtigen Stolz, der nicht ruhen konnte in dem Schooß des Ewigen, sondern ihn verlassend seine Armuth und Blöße decken wollte mit der Mannigfaltigkeit der Gestalten, und Baum wurde und Stein und Metall und Thier und der begehrliche Mensch.

Ja, auch das o Freund! was sie alle nicht ohne Murren und Zweifeln betrachten mögen; das trübere Alter, ich verstehe seinen höheren Sinn jetzt. Entwicklen soll sich im Lauf der Jahre das persönliche Leben, sich ergötzen im für sich seyn, seinen Triumpf feiern in der Blüthe der Jugend; aber absterben sollen wir im Alter dieser Einzelheit, darum schwinden die Sinne, bleicher wird das Gedächtniß, schwächer die Begierde, und des Daseyns fröhlicher Muth trübt sich in Ahndungen der nahen Auflösung. – Es sind die äußeren Sinne, die uns mannigfaltige Grade unsers Gegensatzes mit der fremden Welt deutlich machen, wenn aber die Scheidewand der Persönlichkeit zerfällt, mögen sie immerhin erlöschen; denn es bedarf des Auges nicht, unser Inneres und was mit ihm Eins ist zu schauen; auch ohne Ohr können wir die Melodie des ewigen Geistes vernehmen; und das Gedächtniß ist für die Vergangenheit, es ist das Organ des Wissens von uns selbst im Wechsel der Zeiten. Wo aber nicht Zeit ist, nicht Vergangnes noch Künftiges, sondern ewige Gegenwart, da bedarfs der Erinnerung nicht. Was uns also abstirbt im Alter ist die Vollkommenheit unsers Verhältnisses zur Aussenwelt; abgelebt mögen also die wohl im Alter zu nennen seyn, die von nichts wusten als diesem Verhältniß. – So fürchte ich höhere Jahre nicht, und der Tod ist mir willkommen; und zu dieser Ruhe der Betrachtung in allen Dingen zu gelangen, sey das Ziel unseres Strebens. – Deutlich liegt deine Bahn vor mir, Geliebtester! denn erkannt habe ich dich vom ersten Augenblick unserer Annäherung, die, das Bewußtseyn wird mir immer bleiben, von Gott gefügt war; nie habe ich so das Angesicht eines Menschen zum erstenmal angesehen, nie solch Gefühl bei einer menschlichen Stimme gehabt; und dies Göttliche und Nothwendige ist mir immer geblieben im Gedanken an dich; und so weis ich auch was nothwendig ist in dir und für dich, und wie du ganz solltest leben in der Natur, der Poesie und einer göttlichen Weisheit. Ich weiß, daß es dir nicht geziemt dir so ängstliche Studien vorzuschreiben. Die großen Kunstmeister der Vorwelt sind freilich da, um gelesen und verstanden zu werden, aber, wenn von Kunst-Schulen die Frage ist, so sage ich, sie sind da gewesen jene Meister, eben deswegen sollen sie nicht noch einmal wiedergeboren werden; die unendliche Natur will sich stets neu offenbaren in der unendlichen Zeit. In der Fülle der Jahrhunderte ist Brahma oftmals erschienen, aber in immer neuen Verwandlungen; dieselbe Gestalt hat er nie wieder gewählt. So thue und dichte doch Jeder das wozu er berufen ist, wozu der Geist ihn treibt, und versage sich keinen Gesang als den mißklingenden. Doch zag’ ich im Ernste nicht für dich, die sterbende Kraft wird den, welchen sie bewohnt, nicht ruhen lassen; es wird ihm oft wehe und bange werden ums Herz, bis die neugeborne Idee gestillet hat des Gebährens Schmerz und Sehnsucht.

– Gestern lebte ich ein paar selige Stunden recht über der Erde, ich hatte einen Berg erstiegen, an dessen Umgebungen jede Spur menschlichen Anbaus zu Zweck und Nutzen verschwand; es ward mir wohl und heiter. Zwei herrliche Reiher schwebend über mir badeten ihre sorgenfreie Brust in blauer Himmelsluft. Ach! wer doch auch schon so dem Himmel angehörte, dachte ich da; und klein schien mir alles Irrdische. In solchen Augenblicken behält nur das Ewige Werth, der schaffende Genius und das heilige Gemüth; da dacht’ ich dein, wie immer, wenn die Natur mich berührt; oft gab ich dem Flusse, wenn der Sonne letzte Strahlen ihn erhellen, Gedanken an dich mit, als würden seine Wellen sie zu dir tragen und dein Haupt umspielen. Leb wohl, in meinen besten Stunden bin ich stets bei dir. –

An Eusebio

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