Kitabı oku: «Tatorte 3»

Herausgeber Thomas Schade & Karsten Schlinzig

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Layout & Satz: Tony Findeisen, Dresdner Verlagshaus Technik GmbH
Alle Rechte vorbehalten | Oktober 2012
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ISBN: 978-3-943444-29-2 epub
ISBN: 978-3-943444-30-8 mobipocket
Vorwort

Ein kleiner Tümpel in der Nähe des Spreebades bei Bautzen, der Hauptbahnhof von Dresden, ein ganz normales Mehrfamilienhaus im Erzgebirge, das Stadtmuseum von Meißen – es sind wieder die verschiedensten, ganz unterschiedlichen Tatorte, die im nunmehr dritten Band der gleichnamigen Buchreihe aufgesucht werden. Wie immer sind es Orte, die seinerzeit Ausgangspunkt für spektakuläre Kriminalfälle waren. Dreiste Diebe, Brandstifter, Erpresser, Mörder und auch Kinderschänder haben an diesen Orten ihre Spuren hinterlassen. Einige von ihnen stellten die Kriminalpolizei wochen- und monatelang vor Rätsel. Ulrich Vogel war so ein Mann, er stellte 2003 die Kofferbombe auf einem Bahnsteig des Dresdner Hauptbahnhofes ab. Warum er sich ausgerechnet diesen Bahnhof ausgesucht hatte, ist in dem Buch hier zu lesen.
Wie in den bereits erschienenen Bänden der Reihe Tatorte werden auch diesmal die oft mühevollen Ermittlungen beschrieben, ehe es dennoch gelingt, die Täter dingfest zu machen. Verwiesen sei auf die Sonderkommissionen „Heller“, die sich letztlich im Mai 2004 zur größten DNA-Reihenuntersuchung der bundesdeutschen Kriminalgeschichte entschloss, um einen Mann zu finden, der zwei Mädchen vergewaltigt hatte und danach wie vom Erdboden verschwunden war. Erwähnt sei auch die wohl einmalige Brandserie eines jungen Mannes aus der Gegend von Radeberg, den anfangs ein einzelner Kriminalist ausfindig machen sollte. Der Ermittler hatte zwar reichlich kriminalistische Erfahrung, aber der Brandstifter zündelte so schnell und intensiv, dass der Mann von der Kripo kaum die Schreibtischarbeit bewältigen konnte.
Für den dritten Band haben die Autoren diesmal nicht allzu tief in der sächsischen Kriminalgeschichte gegraben. Der älteste Fall reicht zurück ins Jahr 1973. Aber wer erinnert sich noch daran, dass in jenem Jahr aus dem ehrwürdigen Meißner Stadtmuseum das Richtschwert und eine äußerst wertvolle Bibel gestohlen wurden? Die Geschichte ist so skurril, dass sie den Stoff für eine Kriminalgroteske hat und sie führte direkt auf den grauen Kunstmarkt, den es auch in der DDR gab.
Ganz anders liegt der Fall der Entführung des Mädchens Stephanie aus Dresden, das einem vorbestraften Kinderschänder in die Hände fiel, der sie mit dem Tode bedrohte. Dennoch fand die 13-Jährige den Mut, der Polizei den entscheidenden Hinweis für ihre Befreiung zu geben. Erstmals schildert der Staatsanwalt, der den Fall von Beginn an begleitete, in diesem Buch nicht nur den Fortlauf der Ermittlungen, sondern auch die heftigen medialen Angriffe, denen er sich erwehren musste.
Fast alle Autoren haben persönliche Erfahrungen zu den Kriminalfällen einbringen können, über die sie schreiben. Die meisten sind bis heute in verschiedenen Dienststellen der Kriminalpolizei beziehungsweise der Justiz tätig, berichten quasi „aus erster Hand “ und haben sich nach Feierabend hingesetzt, um ihre Geschichten aufzuschreiben. Dafür möchten sich die Herausgeber herzlich bedanken bei Hubert Adler, Christian Avenarius, Raiko Märtins, Manfred Müller, Frank Nicolaus und Uwe Wankmüller. Unser Dank gilt auch dem Stadtmuseum Meißen und dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv.
Der Kurgast mit dem Bombenkoffer von Karsten Schlinzig

Im Juni 2003 steht eine Kofferbombe im Dresdner Hauptbahnhof. Zur selben Zeit wird die Deutsche Bank erpresst. Ein Kriminalist findet auf der Spur der Steine zum Täter.
Silvio Lange hatte den Koffer schon vor über einer Stunde gesehen. Anscheinend herrenlos steht das dunkelblaue Reisegepäck immer noch auf dem Bahnsteig am Gleis 14 im Dresdner Hauptbahnhof. Keiner hat ihn bisher mitgenommen. Silvio Lange, Bahnmitarbeiter und für die Reinigung von Zügen zuständig, meldet seine Beobachtung dem Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn. Es ist 19.20 Uhr, am 6. Juni, dem Freitag vor Pfingsten im Jahr 2003.
Ein Mann vom Sicherheitsdienst geht zum Bahnsteig 14, schaut sich den Koffer aus gebührender Entfernung an und informiert umgehend den Bundesgrenzschutz, denn seit den Terroranschlägen vom 9. September 2001 gibt es auch bei der Bahn Vorschriften zum Umgang mit herrenlosen Koffern und Taschen. Der Bundesgrenzschutz lässt das Gleis 14 sowie die angrenzenden Gleise sperren. Polizisten finden außerdem in 50 Meter Entfernung, außerhalb der Bahnhofhalle, eine weitere herrenlose Reisetasche. Mit einem transportablen Röntgengerät beginnen Beamte einer BGS-Spezialeinheit für Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen unter Leitung von Oliver Zieger die Tasche außerhalb der Halle zu durchleuchten. Sie finden keinen Hinweis auf einen Sprengsatz, die Tasche wird geöffnet – sie enthält Bekleidungsstücke.
Gegen 21.30 Uhr beginnt Stephan Krause (47) im Schutzanzug mit der Überprüfung des Koffers auf Bahnsteig 14 in der Halle. Der Bundespolizist ist Spezialist für das Entschärfen von Bomben. Der herrenlose Koffer steht nur einige Meter neben einem Süßwarenautomaten. Schon die ersten Röntgenbilder lassen dem Beamten den Atem stocken. Er erkennt Zünder, Kabel und vermutlich Sprengstoff. Stephan Krause entschließt sich, den Koffer mit einer Wasserkanone zu beschießen. Genau um 21.50 Uhr zerspringt der dunkelblaue Koffer, einzelne Teile der Zündvorrichtung fallen heraus. Krause tritt an den Koffer heran und sieht, dass er sich nicht geirrt hatte: Batterien, Drähte und Sprengstoff sowie einen Kochtopf, der mit Klebeband verschlossen ist. Mit einer Zange durchtrennt er die Kabel zwischen Batterie und Sprengstoff. Die Bombe ist entschärft – Krause gibt Entwarnung. Nun übernimmt die Landespolizei die weitere Arbeit am Tatort.

Der Bombenkoffer auf Bahnsteig 14 des Dresdner Hauptbahnhofes. Im Laufe der Ermittlungen rekonstruierte die Polizei die Situation am 6. Juni 2003.
Während der Bundespolizist seinen Einsatzbericht schreibt, beginnt die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes Sachsen mit ihrer Arbeit auf dem Bahnsteig. Die Spurenspezialisten finden in dem Koffer Utensilien eines Sprengsatzes: Ein Kochtopf, gefüllt mit roter Sprengstoffschnur, dazu einzelne Brocken Sprengstoff; sechs zum Teil zerbrochene Schraubgläser; zwei elektrische Zündkapseln; ein Beutel, gefüllt mit Sprengstoff und Sprengschnur, einzelne Steine. In ihre Einzelteile zerschossen sind eine Pappe - die Grundplatte für die Zündvorrichtung und ein blauer Wecker. Nachdem die Tatortarbeit beendet ist, wird alles eingepackt und ins Landeskriminalamt gebracht. Parallel dazu beginnen Kriminalbeamte im Dresdner Hauptbahnhof mit der Befragung von Mitarbeitern der Deutschen Bahn. Wie zu erwarten, erhalten sie keine brauchbaren Hinweise, wer den Koffer auf dem Bahnsteig abgestellt haben könnte. Sie hoffen nun darauf, dass die Video-Überwachung des Bahnhofes ihnen etwas mehr verrät. Kann man sehen, wer den Koffer deponiert hat? Fehlanzeige – die Videoüberwachung des Dresdner Hauptbahnhofes fertigte ausgerechnet an diesem Tag keine Aufzeichnungen, sondern lieferte nur Live-Bilder in die Zentrale. Dort hätte die Speicherung manuell ausgelöst werden müssen. Aber das hatte an diesem Nachmittag niemand veranlasst – so gibt es keine Bilder vom Bahnsteig.
Der spektakuläre Fund bleibt nicht unbemerkt. Hunderte Reisende waren von den Einschränkungen im Bahnverkehr betroffen. Rundfunk und Fernsehen berichten noch am Abend von der Kofferbombe. Am nächsten Tag, dem 7. Juni, steht es in allen regionalen Zeitungen. Im Landeskriminalamt (LKA) Sachsen hat Präsident Peter Raisch die verantwortlichen Abteilungsleiter zu sich gerufen. Allen ist die Brisanz der Situation am Hauptbahnhof deutlich vor Augen. Der Fund könnte eine weitreichende Dimension erreichen, da eine politisch motivierte Tat nicht auszuschließen ist. LKA-Chef Raisch beauftragt deshalb das Dezernat für polizeilichen Staatsschutz mit den Ermittlungen und ordnet den Aufbau einer Sonderkommission an. Die Soko „Bahnhof “ wird von Kriminalbeamten der anderen Ermittlungsdezernate des LKA unterstützt. Zum Leiter der Soko wird Kriminalhauptkommissar Rüdiger Ertle ernannt, ein erfahrener Ermittler des Dezernates Staatsschutz. Der 43-Jährige stammt aus Unterfranken in Bayern, war bereits im Bundeskriminalamt tätig und wurde 1993 vom damaligen LKA-Abteilungsleiter Bernd Merbitz nach Sachsen geholt. Ertle leitet in den kommenden Monaten die Arbeit der durchschnittlich 16-köpfigen Soko. Zum „harten Kern“ gehört auch Kriminaloberkommissar Alexander Silex, ein 32-jähriger Ermittler, der aus Leipzig zum LKA gekommen ist. Die Aufgabe ist gewaltig. Die Ermittler haben nur einen zerstörten Sprengsatz und keinen einzigen Hinweis, wer ihn gebaut haben könnte.
Sieben Tage nach dem Fund stellen sich am 10. Juni Ertle und LKA-Präsident Raisch in einer Pressekonferenz den Fragen der Journalisten. Sie geben Auskunft zum Inhalt des Koffers. Die meisten Fragen der Medienvertreter können sie nicht beantworten. Aber den Kriminalisten ist klar: Der Fall ist so außergewöhnlich, dass Journalisten und Politiker immer wieder nach dem Stand der Ermittlungen fragen werden. So lastet großer Erfolgsdruck auf der Soko. Die Frage, die sich von Beginn an alle stellen und die die Ermittler noch Monate später beschäftigt, lautet: War der Sprengsatz zündfähig, hätte die Bombe tatsächlich explodieren können? Ertle kann dazu in der ersten Pressekonferenz keine Auskunft geben, er weiß es selbst nicht und muss die Journalisten auf später vertrösten. Sein Chef Peter Raisch leistet sich in dieser Frage einen groben Schnitzer, als er drei Tage später, erneut von Journalisten befragt, äußert: „Meine Kriminaltechniker werden beweisen, dass es sich um einen funktionsfähigen Sprengsatz handelte!“ – Eine Aussage, die noch große Bedeutung erhalten sollte.
Die Soko „Bahnhof “ hat derweil jede Menge zu tun. Sie muss die ersten Hinweise aus der Bevölkerung bearbeiten und gegebenenfalls Spuren verfolgen. Und es gilt zwei Fragen zu klären. Erstens: woher stammen der Koffer und sein Inhalt? Zweitens: welches Motiv hat der Täter? Handelt es sich tatsächlich um einen politisch motivierten Anschlag? Steckten islamistische Terroristen dahinter, eine links- oder rechtsextremistische Gruppierung oder handelt es sich um einen Einzeltäter?
Alles ist möglich – zunächst haben Ertle und seine Mitarbeiter keine Hinweise, in welche Richtung es gehen wird. Wenigstens die Kriminaltechnik liefert in diesen ersten Tagen positive Nachrichten. Am Inhalt des Koffers konnten einige DNA-Spuren gesichert werden. Die gilt es nun mit der zentralen DNA-Datenbank des Bundeskriminalamtes zu vergleichen. Eine besonders intensive Spur hatten die Kriminaltechniker an der Batterie der Zündvorrichtung gefunden. Der Bombenbauer hat den Ladezustand der Batterie offensichtlich durch Berührung mit der Zunge geprüft. Sein Speichel liefert eine brauchbare DNA-Spur, die Hoffnungen für die Beweisführung aufkeimen lässt. Doch bald stellt sich heraus, dass die DNA nicht im Bundeskriminalamt gespeichert ist. Es wäre wohl auch zu einfach gewesen, wenn der Bombenbauer so schnell zu ermitteln gewesen wäre. Auch eine zweite DNA-Spur im Koffer bringt die Ermittler zunächst nicht weiter.
Derweil beschäftigen sich im Polizeipräsidium Frankfurt am Main einige Kriminalbeamte mit einem Brief, der an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Josef Ackermann adressiert ist. Es ist ein Erpresserbrief - von der Deutschen Post am 9. Juni 2003 im Briefverteilzentrum Ottendorf-Okrilla bei Dresden gestempelt, drei Tage nach dem Bombenfund am Dresdner Hauptbahnhof. Existiert da ein Zusammenhang?
Es ist bereits der sechste Erpresserbrief, den die Deutsche Bank seit Februar 2003 erhalten hat. Ein Satz des Erpressers lässt die Kriminalisten vermuten, dass es eine Verbindung zwischen der Kofferbombe im Dresdner Hauptbahnhof und der Erpressung geben könnte. Der Verfasser hatte geschrieben: „Der Vorgang ist nicht mehr zu stoppen. Und Sie sollten daran sehen, wie die Sache eskaliert.“ Die Frankfurter Polizei informiert am 13. Juni ihre Kollegen in Dresden. Die Soko „Bahnhof “ nimmt die Sache ernst und sieht in dem Brief einen ersten Ermittlungsansatz. Denn die Frankfurter liefern weit mehr Informationen, als nur diesen einen Brief.
Der Erpresser hatte bereits am 24. Februar 2003 einen ersten Brief an die Deutsche Bank geschickt, an den damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Rolf E. Breuer. Er forderte 50 Millionen Euro und wollte durch ein Gewinnspiel an sein Geld kommen, das vom Hamburger Nachrichten-Magazin „Stern“ veranstaltet werden sollte. Er kündigte an, die Details später zu präzisieren. Die Briefe sind mit Schreibmaschine geschrieben und unterzeichnet mit dem Namen „Hannnibal“. So kurios - mit drei „n“ - wird er alle Schreiben unterzeichnen. Der zweite Brief trifft am 3. März 2003 bei der Bank ein, nun an Dr. Josef Ackermann gerichtet. „Hannnibal“ nennt in diesem Brief Einzelheiten, wie das Gewinnspiel im Magazin „Stern“ ablaufen soll.
Am 17. April 2003 ereignet sich im Wiesbadener Karstadt-Kaufhaus eine Explosion. Eine Kundin wird leicht verletzt, es entsteht ein Sachschaden von 500.000 Euro. Fünf Tage später erhält die Deutsche Bank den nächsten Brief von „Hannnibal“. Er nimmt Bezug auf die Explosion im Karstadt-Kaufhaus und fordert 120 Millionen Euro. Formulierungen wie „Ich werde ohne Erbarmen bestrafen“, „Sollte der Fall eintreten, wird es furchtbar“ und „Dieses Schreiben ist ein letzter Versuch, die Sache unblutig zu erledigen.“ sollen seine Forderungen untermauern. So richtig wird den Ermittlern aber nicht klar, wie die Geldübergabe vonstatten gehen soll. Mit dem Gewinnspiel konnte es eigentlich nicht funktionieren.
Während in den Medien Experten – auch selbsternannte Experten – über einen möglichen Terroranschlag militanter Islamisten spekulieren, wissen es die Ermittler besser. Die Bombe scheint das Werk eines Einzeltäters zu sein. Das Polizeipräsidium Frankfurt am Main bittet die Fachleute des Bundeskriminalamtes, die Briefe zu analysieren. Das Ergebnis soll Hinweise auf die Persönlichkeit des Verfassers liefern, aber auch auf die verwendete Schreibmaschine.
Die Beamten der Soko „Bahnhof “ versuchen derweil zu ermitteln, woher die Gegenstände aus dem Koffer stammen. Am 14. Juni veröffentlicht das Landeskriminalamt Bilder der Bomben-Utensilien auf seiner Internetseite. Relativ leicht lässt sich die Herkunft der Sprengschnur ermitteln. Sie wird im Sprengstoffwerk Gnaschwitz bei Bautzen hergestellt und ist für gewerbliche Zwecke vorgesehen. Ihre Sprengkraft ist nicht zu unterschätzen, denn der Sorte „Detocord“ haften pro Meter 20 Gramm Sprengstoff an. In den 45 Metern Schnur steckten also 890 Gramm Sprengstoff – hochexplosiv. Weiter lässt sich diese Spur aber nicht verfolgen, denn die Herstellerfirma beliefert Abnehmer in ganz Europa. Der Koffer selbst führt auch nicht wirklich weiter. Es ist ein Trolley Board Case der Marke „Shamp“. 25.000 Stück davon waren nach dem 13. September 2000 bei Aldi-Nord verkauft worden. Nach dem 12. September 2001 wurden nochmals 25.000 Stück verkauft, davon 7.500 in Dänemark. Den Käufer des Bombenkoffers auf diesem Weg zu finden erweist sich somit als aussichtslos.
Auch der Topf, in dem die Sprengschnur lag, wird identifiziert: Es ist ein hellgrauer Schnellkochtopf der Marke BEKA, Durchmesser 18 cm, Höhe 12 cm, aus Walzstahl, hergestellt in den Jahren 1980 bis 1985 bei einer Firma in Tübingen. Im Koffer lagen auch sechs Schraubgläser, die mit einer leicht brennbaren Flüssigkeit gefüllt und mit Küchenpapier umhüllt waren. Die Kriminaltechniker können den Inhalt analysieren. Es ist eine Mischung aus Ottokraftstoff und Nitroverdünner. Da die Gläser noch mit Etiketten und Originaldeckeln versehen sind, versuchen die Ermittler die Herkunft festzustellen. Es waren Gläser für Petersilie, Rotkraut, Sauerkraut, Würstchen, Konfitüre und Tomatensauce. Fünf Gläser sind zerbrochen, ein Glas hatte den Beschuss mit der Wasserkanone unversehrt überstanden. Die Ermittler suchen in Supermärkten nach solchen Gläsern und wenden sich an die Hersteller. Es dauert einige Zeit, aber die Beamten der Soko ermitteln, dass einige der Gläser ausschließlich von ALDI Nord, andere nur von ALDI-Süd verkauft wurden. Dies lässt vermuten, dass der Käufer der Gläser in der Nähe der Grenze zwischen ALDI-Nord und ALDI-Süd wohnen könnte. Ein Hinweis, der noch wertvoll werden sollte.
Zur Zündvorrichtung der Kofferbombe gehörten ein blauer Reisewecker, Batterien und Kabel. Sie war auf einer Pappe montiert und diese Pappe zeigte ein Foto: Eine Landschaft mit einer Wiese im Vordergrund, im Hintergrund das Meer mit einer Insel. Auch diese Pappe war durch den Beschuss beschädigt, der Wecker in Stücke zerbrochen. Trotzdem lässt sich der Wecker identifizieren – ein Billigprodukt aus China, verkauft zum Beispiel bei „Kaufland“ für 1,49 Euro. Zur Pappe erhält die Soko nach der Veröffentlichung mehrere Hinweise. Es könnte sich um den Einband eines Fotosteckalbums handeln. Deshalb suchen Beamte in verschiedenen Fotoläden, um die Herkunft der Pappe zu klären. Doch dort wird man nicht fündig. Allerdings weisen Händler daraufhin, dass es sich auch um den Einband eines Kalenders handeln könnte.
Anfragen bei verschiedenen Kalenderherstellern in Deutschland führen zu einem neuen Hinweis: Es könnte sich möglicherweise um einen christlichen Kalender handeln. Nun wird bei allen Herstellern von christlichen Kalendern angefragt, und letztlich bestätigt der Verlag Christliche Schriftenverbreitung (CSV) in Hückeswagen in Nordrhein-Westfalen, dass die Umschlagpappe von einem seiner Erzeugnisse stammt. Es handelt sich um einen Buchkalender mit biblischer Botschaft für das Jahr 2001, der Titel des Kalenders: „Die gute Saat“.
In der Soko rätselt man. Wer wählt den Einband eines Kalenders mit einem täglichen Bibelvers als Grundplatte für die Zündvorrichtung einer Bombe? Fest steht nur, diese „Saat“ ist offensichtlich nicht aufgegangen. Auf der Pappe ist auch ein Aufkleber mit einer von Hand geschriebenen Acht, eine eher ungewöhnliche Preisauszeichnung. Sie deutet eher auf einen kleinen Buchladen als auf eine große Kette hin. Der Verlag gibt an, im Jahr 2000 insgesamt 120.000 Exemplare des Kalenders verkauft zu haben. In den kommenden Wochen suchen sächsische Polizisten insgesamt 83 vom Verlag CSV belieferte Buchläden und Vertriebsfirmen in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bayern auf. Zwei Buchhändler haben Etiketten mit einem handschriftlichen Preis verwendet. Einer von ihnen hat seinen Sitz in Hof in Bayern, der andere in Amtsberg bei Zschopau. Der Buchhändler in Amtsberg gibt an, es sei gut möglich, dass er die Acht geschrieben hat. Nach dem Hinweis auf die Grenze zwischen Aldi-Nord und Aldi-Süd deutet sich damit eine erste Richtung an, in der der Bombenbauer gefunden werden könnte – Westsachsen und Nordbayern.
Die zwei elektrischen Sprengzünder stammen von der Firma Zbrojovka Vsetin in der Tschechischen Republik. Sie dienen ebenso wie die Sprengschnüre aus Gnaschwitz gewerblichen Zwecken. Weiter lässt sich deren Weg aus Tschechien nach Deutschland nicht verfolgen. Doch die Kripo-Beamten haben eine Vermutung: Die Sprengschnur und die Sprengzünder deuten auf Kontakte zu Firmen hin, die professionell Sprengungen vornehmen. Mehr lässt sich jedoch erst einmal nicht feststellen. Es bleiben noch das Klebeband und die Steine. Auch den Hersteller des Klebebandes finden die Ermittler: Es handelt sich um ein Produkt für medizinische Zwecke von der Firma 3M, einem amerikanischen Weltkonzern, der auch eine Tochterfirma in Deutschland hat.
Im Rahmen dieser aufwendigen Herkunftsermittlungen werden die sechs Kilogramm Steine zu einer ganz besonderen Herausforderung. Doch gerade diese Arbeit eines Mitarbeiters des Kriminaltechnischen Instituts sollte sich auszahlen. Michael Münch, ein Chemiker, hat sich unter anderem auf forensische Bodenuntersuchung und Geologie spezialisiert. Mitunter sind kleinste Reste von Erde, Dreck oder Gestein als Spuren an Tatorten oder an Opfern von Verbrechen von großer Bedeutung. Dann schlägt die Stunde von Michael Münch. Im Fall der Kofferbombe vom Hauptbahnhof verfolgt der 47-Jährige über zwei Monate lang die Spur der Steine.
Vor ihm liegen exakt 6,08 Kilogramm Gestein in Form von Splitt und Schotter. Er kann sechs unterschiedliche Gesteinsarten feststellen: schwarz-grünen Splitt, hellgrünen Splitt, rosarot-olivgrünen Splitt, schwarzgrauen Schotter, grauen Schotter und hellgrüngrauen Schiefer. Sie sind zwischen 1,5 und 3 cm dick. Die Hauptmenge, genau 5,32 Kilogramm, ist Serpentinit, ein metamorphes Gestein, wie die Fachleute sagen, dessen mineralische Struktur sich im Laufe der Zeit wandelt. Münch prüft, wo es in Sachsen Serpentinit-Vorkommen gibt. Das bekannteste liegt in Zöblitz im Erzgebirge. Der Abbau des Gesteins mit besonders hohem Granatreichtum in der Nähe von Marienberg wurde im April 2002 eingestellt, weil die Vorkommen weitgehend erschöpft waren. Weitere Serpentinit-Vorkommen gibt es in Reinsdorf bei Waldheim und in mehreren Steinbrüchen in Nordbayern. Münch bleibt nichts anderes übrig, als zu den Steinbrüchen zu fahren und die Herkunft „seiner“ Steine zu ergründen. Auch im Steinbruch Galgenberg bei Reinsdorf, einem kleinen, privat betriebenen Steinbruch, sammelt er Vergleichsmaterial. Danach besucht er vier Steinbrüche im Nordosten Bayerns. Im Bereich der Münchberger Gneismasse, einem bekannten Serpentinit-Vorkommen, sind noch vier Steinbrüche in Betrieb: Wojaleithe bei Wurlitz, Thumsenreuth bei Erbendorf, Niedermurach und Winklarn. Auch hier nimmt er Proben. Das Gestein von Winklarn kann er schnell ausschließen, beim Wurlitzer Gestein stellt er eine Übereinstimmung fest. Doch bei einem Einzelstück kommt er nicht weiter. Der hellgrün-rosafarbene Stein, nur zehn Gramm schwer, könnte der Abfall einer Werksteinbearbeitung sein. Im Vergleich mit Museumsproben identifiziert Münch den Stein als Epidotgranit. Noch einmal sucht er in Wurlitz und findet auch dort diesen Epidotgranit. Nun gilt es zu ermitteln, wohin der Steinbruch Wurlitz liefert. Münch kann der Soko einen ersten Hinweis geben: Abnehmer gibt es in Nordbayern und im sächsischen Vogtland.
Münch nimmt sich einen weiteren einzelnen Stein vor: einen angeschliffenen dunkelgrauen, kleinkörnigen Stein. Er sucht im Museum für Mineralogie und Geologie in Dresden und im Deutschen Natursteinarchiv in Wunsiedel und glaubt danach, dass dieser Stein aus der Lausitz stammt. Münch sucht vier Steinbrüche in der Oberlausitz auf. Im Steinbruch Hohwald bei Neustadt in Sachsen wird er fündig. Der Stein aus dem Bombenkoffer ist ein Lamprophyr, der im Granit dieses Steinbruchs vorkommt. Vermutlich ist der Stein als Abfall bei der Werksteinbearbeitung angefallen. Weiter lässt sich die Spur nicht verfolgen.
Es bleiben noch 270 Gramm Grauwacke und ein zwanzig Gramm schweres Einzelstück. Die Grauwacke lässt sich regional nicht zuordnen, sie ist zu weit verbreitet. Den letzten einzelnen Stein kann Münch als grünlich-grauen Phylitt identifizieren, der im Erzgebirge, im Vogtland und in Oberfranken vorkommt. Nun wird es schwierig, und Münch holt sich Hilfe beim Landesamt für Umwelt und Geologie in Freiberg. Dort wird eine Gefügeuntersuchung vorgenommen. Die Geologen grenzen das Vorkommen auf das obere Vogtland und Oberfranken ein. Im Vogtland ist das Gestein fast in einer Insellage in der Nähe von Schöneck zu finden. Allerdings ist im gültigen Amtsblatt kein produzierender Steinbruch in diesem Raum für diese Gesteinsart verzeichnet. Die Geologen vom Landesamt geben Münch einen Tipp: Nach der Wende wurde solches Gestein auch in einem Steinbruch bei Schöneck zur örtlichen Belieferung abgebaut. Der Steinbruch sei aber schon wieder aufgelassen. Wieder macht sich Münch auf den Weg. Am 26. August fährt er nach Schöneck. Vorher besucht er noch die Baumärkte in Falkenstein und Auerbach und sucht dort gezielt nach einer Kombination der Steine aus dem Koffer. Er findet Bruchstücke von Werksteinen aus Lausitzer Lamprophyr. Da ist ihm klar, dass sein Stein aus Hohwald durchaus auch bis ins Vogtland kommen konnte.
Münch sucht den aufgelassenen Steinbruch „Haselmühle“ bei Schöneck, den ihm die Geologen empfohlen hatten. Zuvor fährt er noch zur örtlichen Raiffeisen-Handelsgenossenschaft in Schöneck am Bahnhof, weil auch die mit Steinen handelt. Am Bahnhof und vor dem Baumarkt waren Straße und Fußweg kürzlich neu gebaut worden. Münch traut seinen Augen nicht. Als Belag auf den Wegen und Flächen entdeckt er massenweise Wurlitzer Serpentinsplitt. Es sollte noch besser kommen: Im Außenbereich des Raiffeisenmarktes liegt der Bereich für Splitte. In abgeteilten Kammern lagern auch dort Wurlitzer Serpentin und Quarzit-Schotter direkt nebeneinander. Im Quarzit ist zudem auch noch sein grünlich-grauer Phyllit eingemischt. Bruchstücke von Werksteinen aus Lamprophyr sind auch vorhanden. Jetzt wird ihm klar, dass diese Stelle für ihn sehr interessant sein könnte.
Der Chemiker fühlt sich wie ein Lottogewinner. Er nimmt Proben und fährt anschließend zum Steinbruch „Haselmühle“. Eine lange und unbefestigte Straße durch den Wald führt dorthin. Im Steinbruch macht er die erhoffte Entdeckung: Wände aus grünlich-grauem Phylitt. Beim Abbau hatte sich der Phylitt gewissermaßen als Sonderling unter das Gestein gemischt, das hier eigentlich gewonnen worden war. Münch nimmt Proben und sucht anschließend noch zwei Abbaustellen im Raum Bad Elster und im bayerischen Regnitzlosau auf, wo es auch Phylitte gibt. Vergleichsproben von allen drei Orten übergibt er dem Landesamt für Umwelt und Geologie zur Analyse.
Auf der Spur der Steine besucht Michael Münch im Sommer 2003 gemeinsam mit einem Kollegen, der Geophysik studiert hat, aber Kriminalbeamter geworden ist, insgesamt elf Steinbrüche in Sachsen und Bayern. Nur bei der letzten Fahrt nach Schöneck ist er allein unterwegs. Die Kollegen von der Soko hält er ständig auf dem Laufenden. So übergibt er Soko-Leiter Ertle am 15. August einen Zwischenbericht, auch am 26. August informiert er Ertle sofort über seine aufschlussreichen Entdeckungen in Schöneck und Umgebung. Endgültige Gewissheit kann aber erst das Ergebnis einer so genannten Gesteinsdünnschliff-Untersuchung bringen. Dennoch ahnen die Ermittler: Die Steine haben sie auf eine Spur geführt.
Als die Ergebnisse der Laboranalysen im September vorliegen, kann Münch triumphieren. Er hat den Steinbruch des Einzelexemplars aus dem Bombenkoffer gefunden. Den Phylitt-Quarzit in dieser konkreten Ausbildung gibt es nur im Steinbruch „Haselmühle“. Münch weiß, dass eine Gesteinsart an vielen Stellen der Erde vorkommt und überall abgebaut wird. Aber die Gesteinsarten besitzen in jeder Lagerstätte ganz eigene mineralische Eigenschaften oder Gefügeausbildungen. Sogar innerhalb eines Steinbruchs lassen sich die Gesteine oft von Sohle zu Sohle unterscheiden. Münch hat den Beweis erbracht, dass ein Stein aus der Kofferbombe nur aus dem Steinbruch „Haselmühle“ stammen kann. Damit scheint das Gebiet weiter eingegrenzt, in dem Ertle und seine Leute nach dem Bombenbauer suchen sollten. Auch die Herkunft des Sprengstoffs aus dem Koffer lässt sich feststellen. Die Kriminalisten legen die einzelnen Brocken – es ist sandfarbenes, poröses TNT – dem Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen vor. Thomas Lange dreht und wendet die Sprengstoffbrocken und setzt sie so gut es geht zusammen. Die spezielle Form der Bruchstücke ist ihm bekannt: Der Sprengstoff stammt aus der Hohlladung einer deutschen Panzerfaust des Zweiten Weltkriegs. Er vergleicht die Stücke noch mit Hohlladungen alter deutscher Panzerfäuste aus seinem Lager und findet seine These bestätigt. Dieses Ermittlungsergebnis veröffentlichen die Ermittler nicht. Sie sprechen gegenüber der Presse nur von Sprengstoff militärischer Herkunft, denn dieses Detail können nur der Bombenbauer oder der Beschaffer des Sprengstoffs kennen. Einen weiteren Fund in dem Koffer veröffentlichen die Ermittler der Soko ebenfalls nicht: Einen Handschuh, den der Täter wahrscheinlich im Koffer vergessen hat. Insgesamt entsteht bei den Beamten der Eindruck, als wäre bei Koffer und Inhalt keine Spurenverhinderung oder Spurenentfernung betrieben worden. Der Bombenbauer ist wahrscheinlich davon ausgegangen, dass sich nach einer Explosion keine Spuren mehr finden lassen.
Am 20. Juni 2003, zwei Wochen nach dem Fund im Hauptbahnhof, geht bei der Bild-Zeitung in Hamburg ein Bekennerschreiben ein, das sich auf die Kofferbombe in Dresden bezieht. Das Schreiben ist kurz und stammt von einer Befreiungsfront „Abu Achihoba“. Den Experten des LKA Sachsen ist relativ schnell klar, dass es sich hier um Trittbrettfahrer handelt. Zum Ersten gibt es bereits die Erpresserbriefe an die Deutsche Bank, zum Zweiten ist das Bekennerschreiben für eine Befreiungsfront viel zu kurz. Solche Organisationen pflegen in ihren Bekennerschreiben in der Regel über mehrere Seiten ideologisch geprägte Begründungen für ihr Handeln anzuführen. Dieses Schreiben verhilft „Bild “ zwar zu einer Schlagzeile, eine echte Spur stellt es nicht dar.
Während Michael Münch im Juli und August von Steinbruch zu Steinbruch fährt, beschäftigt sich ein anderer Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Instituts mit der Sprengvorrichtung. Kriminalhauptkommissar Joachim Seidel, ein Experte für unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, soll die Kofferbombe möglichst exakt nachbauen. Der 54-jährige Seidel ist Diplomingenieur für Elektronik, hat sich jedoch bereits zu DDR-Zeiten auf Sprengvorrichtungen spezialisiert. Nach der deutschen Vereinigung hat er Lehrgänge beim Bundeskriminalamt besucht und alle Prüfungen mit Bravour bestanden. Zudem hat er die Sprengberechtigung, darf also selbst Probesprengungen vornehmen. Seidel beginnt mit einer Bestandsaufnahme des Kofferinhalts. Der Angriff mit der Wasserkanone hatte in dem Gepäckstück reichlich Unordnung angerichtet. Seidel versucht zuerst den Aufbau des Sprengsatzes zu rekonstruieren. Unbeschädigt sind nur der Schnellkochtopf, die Sprengschnur, der Sprengstoff, die Steine und die elektrischen Sprengzünder. Im Schnellkochtopf steckten 36,1 Meter Sprengschnur, 53,4 Gramm Sprengstoff und ein Sprengzünder, der mit einem Kabel mit der Zündvorrichtung verbunden war. In einem Plastikbeutel waren 8,4 Meter Sprengschnur sowie 628,3 Gramm Sprengstoff. Auch im Plastikbeutel steckte ein Sprengzünder, der wiederum mit der Zündvorrichtung auf der Pappe verbunden war. Insgesamt waren also 1,57 Kilogramm Sprengstoff im Koffer.
Die elektrischen Sprengzünder sind etwa 6 Zentimeter lang und haben einen Durchmesser von 0,7 Zentimetern. In ihrem Innern ist ein Glühdraht, der durch Stromzufuhr einen pyrotechnischen Satz zur Zündung bringt. Dieser entzündet einen Initialzündstoff, der wiederum den Sekundärsprengstoff zündet. Diese Kettenreaktion führt letztlich zur Zündung des eigentlichen Sprengstoffs, der einer hohen Zündtemperatur bedarf und nicht einfach mit elektrischem Strom oder etwa einer offenen Flamme zur Explosion gebracht werden kann. Zur Zündvorrichtung gehört der Wecker, der in seine Einzelteile zerschossen wurde, jedoch identifiziert ist. Auf dem Zifferblatt können Abdrücke eines Zeigers zwischen der 11 und der 12 erkannt werden. Offenbar war der Zeiger durch den Wasserstrahl an das Zifferblatt gepresst worden. Laboranalysen ergeben, dass der Abdruck zweifelsfrei vom Minutenzeiger der Uhr stammt. Bei der 12 ist ein Loch ins Zifferblatt gebohrt, Durchmesser ca. 1,5 mm. Der Minutenzeiger findet sich auch in den Trümmern des Weckers, an ihm befindet sich ein Litzedraht, der mit einem Faden an den Zeiger festgebunden ist. Der Faden hat Draht und Zeiger beim Beschuss geschützt, so dass sie nahezu unbeschädigt sind. Wenn der Zeiger zur 12 gekommen wäre, hätte er einen dort angebrachten Draht berührt. Dieser Auflaufkontakt hätte den Stromkreis geschlossen. Ebenfalls zur Zündvorrichtung zählen vier Batterien, zwei A 6-Zellen und zwei 9-Volt-Blockbatterien. Eine der A 6-Zellen ist deformiert, sie war im Wecker und ist ebenfalls wie dieser beim Beschuss beschädigt worden. Die zweite diente offenbar als Ersatz. Die 9-Volt-Batterien dienten der Stromzufuhr zu den Sprengzündern, um die Detonation auszulösen.
Nach der Untersuchung aller Einzelteile kennt Seidel den Aufbau der Sprengvorrichtung und macht sich an den Nachbau. Zwei Ziele verfolgen die Staatsanwaltschaft und die Ermittler damit. Sie wollen feststellen, ob der Sprengsatz überhaupt funktionsfähig war, ob er explodieren konnte, so wie er gebaut war. Seidel ärgert sich auch nach Tagen noch über die Aussage seines Präsidenten Raisch, der so vollmundig angekündigt hatte, dass „seine Kriminaltechniker nachweisen werden, dass es sich um einen funktionsfähigen Sprengsatz handelte!“ Als Raisch das sagte, war keineswegs sicher, ob die Bombe tatsächlich explodieren konnte. Seidel hatte zu diesem Zeitpunkt gerade mit seinen Untersuchungen begonnen. Noch wichtiger erscheint der Soko, mithilfe des Nachbaues festzustellen, welche Sprengwirkung das Original gehabt hätte, wenn es gezündet worden wäre.
Seidel besorgt identische Vergleichsstücke von jedem Teil aus dem Koffer. Bei der Sprengschnur, den Sprengzündern, dem Topf, den Steinen und dem Klebeband ist das kein Problem. Auch den gleichen Koffer kann Seidel auftreiben.
Den Sprengstoff aus der Panzerfaust besorgt er sich beim Kampfmittelbeseitigungsdienst. Thomas Lange hat genügend Hohlladungen von alten deutschen Panzerfäusten in seinem Lager und ist bereit auszuhelfen. Natürlich wird die eher ungewöhnliche Art der Kampfmittelvernichtung dokumentiert, Ordnung muss sein. Ende Juni findet Seidel beim Einkaufen zufällig in der Ramschtruhe des Elbecenters Meißen einen vergleichbaren Wecker für 29 Cent. Seidel kauft den Wecker, im Landeskriminalamt nimmt er ihn auseinander. Zuerst stellt er fest, dass es sich um einen baugleichen Wecker handelt. Dann erlebt er eine Überraschung: Unter dem weißen Zifferblatt ist ein zweites Zifferblatt. Es ist braun, zeigt eine Kaffeepackung und die Aufschrift „Nescafé“. Seidel informiert die SoKo, die nun beim Nescafé-Hersteller Nestlé zu den Weckern ermitteln kann. Letztlich ist nur festzustellen, dass Nestlé solche Wecker einst bei einem chinesischen Hersteller beschafft hatte und dieser nun einfach ein neutrales Zifferblatt darüber geklebt hat.
Seidel versucht zunächst die Funktionsfähigkeit der Zündvorrichtung festzustellen. Der Bombenbauer hat die Drahtverbindungen nicht gelötet, sondern die Drahtenden nur zusammengewickelt. Messungen des Widerstands ergeben, dass genügend elektrischer Strom für die Sprengzünder bereitgestellt werden konnte. Aber warum war der Zeiger bei etwa „Fünf Minuten vor Zwölf “ stehen geblieben? Seidel stellt fest, dass der Zeiger auf der Welle des Uhrwerkes einem Schlupf ausgesetzt ist und stehen bleibt, wenn er auf mechanischen Widerstand stößt. Der etwas steife, durch das Zifferblatt gezogene Litzedraht reichte als Widerstand, um den Zeiger anzuhalten. Alle diese Messungen werden Bestandteil von Seidels Gutachten zur Funktionsfähigkeit der Sprengvorrichtung.
Gemeinsam mit einem Team von Sprengstoffexperten und Kriminaltechnikern misst Seidel, welche Sprenggeschwindigkeit der im Koffer eingebaute Sprengsatz entwickeln könnte. Er nimmt einen baugleichen Topf und füllt ihn ebenso mit Sprengschnur und Sprengstoff wie im Original. Hinzu kommt ein Plastikbeutel, in dem ebenfalls die gleiche Art und Menge Sprengstoff ist. Dazu kommt die gleiche Menge Steine gleicher Beschaffenheit. Diesen Sprengsatz umgibt er mit Blechen, an denen Kontakte den Aufschlag registrieren. Am 1. September findet die Sprengung statt. Die Splittergeschwindigkeit beträgt 2666 Meter pro Sekunde. Das heißt, die Splitter des Topfes und die Steine fliegen nach der Explosion schneller als das Projektil einer Schusswaffe.

Spezialisten des Landeskriminalamtes bauten die Kofferbombe nach und brachten sie kontrolliert zur Explosion, um die Wirkung zu testen. Das Fazit danach: Es hätte Tote geben können.
Am Ende baut Seidel exakt die gleiche Bombe, wie sie auf Bahnsteig 14 im ALDI-Reisekoffer gefunden wurde. Es soll die Wirkung der Explosion festgestellt und dokumentiert werden. Das Experiment soll am 5. September auf dem Sprengplatz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Jacobsthal bei Zeithain stattfinden und per Video dokumentiert werden. Drei Videokameras sollen den Versuch aus verschiedenen Richtungen festhalten – aber die Technik liefert keine Zeitlupe. Daran hatte Seidel nicht gedacht. Doch er will alle Phasen der Explosion exakt auf Video aufgezeichnet haben. Eine dafür notwendige Hochgeschwindigkeitskamera hat das sächsische Landeskriminalamt nicht. Seidel verschiebt den Versuch und bittet das Bundeskriminalamt um Hilfe, zwei Beamte aus Wiesbaden kommen mit der Superkamera nach Sachsen. Sie haben Sorge, dass ihr teures Gerät Schaden nehmen könnte. Deshalb wird eine Schutzscheibe aus Acryl davor aufgebaut. Die Kamera wird auf tausend Bilder pro Sekunde eingestellt, sie steht 50 Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Da sie jedoch nur eine Sekunde läuft, muss die Auslösung der Sprengung mit der Kamera synchronisiert werden. Die Techniker des BKA fragen Seidel, wie viele Versuche es denn geben solle. Seidel antwortet: „Wir haben nur einen Versuch, es muss beim ersten Mal klappen.“ Der Koffer wird mit 1,5 Millimeter dicken Stahlblechen in zwei Ringen umgeben. Der erste Ring steht im Abstand von einem Meter, der zweite Ring in 2,5 Meter Abstand. An den Blechen soll die Splitterwirkung festgestellt werden.
Dann gehen alle Beteiligten in Deckung und Joachim Seidel zündet den Sprengsatz. Die Explosion entwickelt eine Druckwelle, die einige der Stahlbleche wegschleudert. Danach entwickelt sich im Abstand von Millisekunden ein Feuerball mit einem Durchmesser von etwa zehn Metern. Nachdem sich der Qualm verzogen hat, wird der Zustand der Stahlbleche dokumentiert. Sie sind deformiert, teilweise weggeschleudert. Bombensplitter haben alle Bleche durchlöchert. Die Splittergeschwindigkeit wurde mit 1090 Meter pro Sekunde gemessen. Für sein Gutachten zieht Seidel folgende Schlussfolgerung: Die Bombe hätte im Hauptbahnhof bei Menschen im Umkreis bis zu zehn Metern durch die Splitterwirkung tödliche Wirkung haben können, im größeren Abstand zumindest schwere Verletzungen verursacht.
Obwohl seine Bombe im Hauptbahnhof nicht explodiert ist, bleibt auch der Erpresser und Bombenbauer während der Sommermonate nicht untätig. Am 13. August trifft wieder ein Brief von „Hannnibal“ bei der Deutschen Bank ein. Der Erpresser fordert nun wieder 50 Millionen Euro, bleibt jedoch bei seiner Gewinnspielvariante zur Übermittlung. Diesmal droht er: „Es gibt jetzt keine Pyrotechnik und unscharfe Koffergeschichten mehr!“ Die Ermittler der Soko „Bahnhof “ fragen sich, ob er an einer weiteren Bombe baut.
Die Deutsche Bahn unterstützt die Ermittlungen so gut es geht. Sie setzt am 4. September 2003 eine Belohnung von 10.000 Euro für die Person aus, die brauchbare Hinweise auf den Bombenbauer gibt. Diese Auslobung führt schneller als gedacht zum Erfolg: Schon am 8. September trifft bei der Soko „Bahnhof “ eine Nachricht vom Bayerischen Landeskriminalamt ein. Die Kollegen in München berichten, einer ihrer V-Männer hätte Namen und Wohnort des Mannes genannt, der die Bombe gebaut und im Dresdner Hauptbahnhof deponiert habe. Es sei ein alter Bekannter von ihm und er sei sich ziemlich sicher. Der Mann heiße Ulrich Vogel und wohne in der Nähe von Auerbach.
Ertle, Silex und die anderen Ermittler fragen sich: Ist das wirklich ein brauchbarer Hinweis oder will sich hier nur jemand wichtig tun? Wird da vielleicht ein Mann angeschwärzt, um alte Rechnungen zu begleichen? Aber auch alle Spuren, die die Soko bisher hat, führen nach Westsachsen, ins Vogtland oder nach Nordbayern. Und Auerbach liegt im Vogtland. Die Beamten beschließen, sich mit diesem Ulrich Vogel näher zu beschäftigen. Wer ist dieser Mann?
Ulrich Vogel ist 62 Jahre alt, selbständiger Immobilien- und Finanzmakler und wohnt in seinem eigenen Haus in Ellefeld bei Auerbach auf der Hauptstraße 11.
Er hatte 1956 die DDR in Richtung Bundesrepublik verlassen und war Anfang der 90er Jahre ins Vogtland zurückgekehrt. Ihm und seiner Schwester wurden zwei enteignete Häuser zurück übertragen, die er in den folgenden Jahren sanieren ließ. Vogel ist gelernter Werkzeugmacher und hat einen Fachhochschulabschluss im Bereich Maschinenbau und Konstruktionstechnik. Er ist unverheiratet, soll aber eine Freundin in Hessen haben. Die Fassade des ehrbaren Geschäftsmannes bröckelt jedoch bei einer Anfrage im Bundeszentralregister. Dort erfuhr die Staatsanwaltschaft: Ulrich Vogel ist mehrfach vorbestraft. Seit 1970 ist er in neun Fällen schuldig gesprochen und verurteilt worden, unter anderem wegen Diebstahls, Steuerhinterziehung und Verstoßes gegen das Waffengesetz. Im Jahr 1989 verurteilte ihn das Amtsgericht Wiesbaden zu drei Monaten auf Bewährung wegen Erwerbs explosiver Stoffe. Diese Erkenntnisse lassen die Ermittler aufhorchen, sie sind an sich jedoch noch kein Beweis. Rüdiger Ertle und Alexander Silex glauben trotzdem, eine ganz heiße Spur zu haben. Dieser Ulrich Vogel aus Ellefeld könnte ihr Täter sein!
Ermittler der Soko „Bahnhof “ klappern unterdessen Geschäfte und Märkte in Westsachsen nach einem weiteren Vergleichsstück des Weckers aus dem Koffer ab. Sie werden im Kaufland Auerbach fündig. Am 12. September kaufen die Beamten für 1,49 Euro den gleichen blauen Reisewecker „Made in China“ und nehmen ihn zu den Beweisstücken.
Die Soko zieht ein Resümee ihrer Herkunftsermittlungen zum Kofferinhalt. Die Steine stammen aus Westsachsen und dem Nordosten Bayerns. Die Pappe vom Kalender ist in Amtsberg bei Zschopau oder in Hof verkauft worden. Die Schraubgläser stammen von Aldi-Nord und Aldi-Süd, deren Grenze verläuft genau zwischen Sachsen und Bayern bzw. Thüringen und Bayern. Es deutet vieles auf einen Wohnort in Westsachsen oder Nordbayern hin.
Das Landeskriminalamt Sachsen löst am 18. September 2003 eine Recherche in der Falldatei des Bundeskriminalamtes aus. Als Recherchekriterien geben die sächsischen Ermittler vor: Vorbestraft wegen illegalem Waffenbesitz, Sprengstoffdelikten, Erpressung oder Nötigung, wohnhaft in Nordbayern oder Westsachsen. Das Ergebnis der Recherche liegt am 19. September vor. Der Computer des BKA hat insgesamt 102 Personen gefunden, die diese genannten Kriterien erfüllen. Nur eine Person von den 102 lebt im Vogtland: Ulrich Vogel in Ellefeld.
Am selben Tag trifft ein neuer Brief von „Hannnibal“ bei der Deutschen Bank in Frankfurt am Main ein. Der Verfasser fordert wieder 50 Millionen Euro und droht mit Konsequenzen. Wörtlich schreibt er: „Sie wollen es also auf die harte Tour!“. Ertle und Silex fragen sich, ob der Erpresser an einer weiteren Bombe baut. Wird er wieder einen Koffer deponieren? Die Soko und die Staatsanwaltschaft sehen den Zeitpunkt für einen Zugriff bei Ulrich Vogel gekommen. Es gibt genügend Fakten, um eine Durchsuchung von Vogels Haus in Ellefeld, eine Telefonüberwachung, eine Observation und einen Haftbefehl zu beantragen. Der Haftbefehl für Vogel wird am 19. September erlassen. Ab sofort lässt die Soko den Verdächtigen rund um die Uhr von einem mobilen Einsatzkommando observieren.
Am 21. September, einem Sonntag, verlässt Ulrich Vogel kurz nach 14.00 Uhr sein Haus in Ellefeld und lädt eine Sport- oder Reisetasche in seinen Audi A 6. Er fährt in Richtung Auerbach, die Beamten des mobilen Einsatzkommandos hängen sich dran. In Auerbach fährt Vogel an eine Tankstelle an der Bundesstraße 169. Er tankt, geht in den Shop und kauft dort die „Bild am Sonntag“ und eine Flasche Mineralwasser. Was hat er vor? Wo will er hinfahren? Hat er wieder eine Bombe bei sich oder will er sich ins Ausland absetzen? Der Einsatzleiter befiehlt den Zugriff an der Tankstelle, auch um den Überraschungsmoment auszunutzen. Denn auf dem Weg zum Auto kann Vogel besser überwältigt werden. Als Vogel aus der Tür des Shops kommt, fahren zwei zivile Einsatzfahrzeuge in den Tankstellenbereich, Beamte des Kommandos stürmen heran und werfen Vogel zu Boden. Er wird durchsucht, gefesselt und es wird die Festnahme verkündet. Ute Töpfer, die Kassiererin der Tankstelle, ist baff. „Das ist ein Überfall“, denkt sie und greift zum Telefon, um die Polizei zu rufen. In diesem Augenblick kommt eine Frau in den Shop, hält einen Ausweis hoch und sagt: „LKA Sachsen, sie können das Telefon weglegen. Es hat eine Festnahme gegeben.“ Einige Zeit später informieren die Kripo-Leute noch, dass der Audi erst einmal stehen bleibt und später von der Spurensicherung untersucht wird.
Ulrich Vogel wird in das Polizeirevier Auerbach gebracht und in einer Zelle festgesetzt. Er gibt freiwillig eine Speichelprobe für den DNA-Vergleich, denn er weiß, dass es dafür ohnehin einen Gerichtsbeschluss geben wird. Die Ermittler der Soko wollen ihn nach Dresden ins Landeskriminalamt zur Vernehmung bringen, die Durchsuchung und kriminaltechnische Behandlung von Vogels Auto aber noch abwarten. Im Auto ist keine weitere Kofferbombe, sondern eine Tasche mit Utensilien für einen Saunabesuch. Später wird sich herausstellen, dass Vogel nach Auerbach in die Sauna wollte. Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass ihm die Polizei auf den Fersen sein könnte. Am späten Nachmittag fahren die Ermittler mit Vogel von Auerbach nach Dresden, die Vernehmung soll noch am Abend stattfinden. Derweil fangen andere Beamte der Soko an, gemeinsam mit Kriminaltechnikern Vogels Haus in der Hauptstraße in Ellefeld zu durchsuchen.
Die Vernehmung von Ulrich Vogel beginnt am 21. September 2003 um 19:30 Uhr. Vernehmende Beamte sind Alexander Silex und Siegfried Brosse von der Soko „Bahnhof “ sowie ein Beamter der Frankfurter Kripo zum Ermittlungskomplex „Erpresserbriefe“. Silex hat mit den Kollegen in Ellefeld vereinbart, dass er laufend telefonisch über den Stand der Durchsuchung in Vogels Haus informiert wird. Gleich zu Beginn reden die Beamten Klartext und konfrontieren den Rentner mit dem schweren Tatvorwurf. Er weist die Beschuldigungen von sich. Die Vernehmung läuft in ruhigem, ja freundlichem Ton. Allerdings macht Vogel einen etwas überheblichen Eindruck, so nach dem Prinzip: „Ihr könnt mir gar nichts beweisen!“. Silex und Brosse müssen feststellen, dass Vogel viel Erfahrung mit der Polizei, der Justiz und Gerichten hat. So einen Beschuldigten lockt man nicht so leicht aus der Reserve.
Bei der Durchsuchung in Vogel Haus in Ellefeld finden die Beamten anfangs keine Gegenstände, die in einen Zusammenhang mit der Kofferbombe oder den Erpresserbriefen gebracht werden können. Einem Kriminaltechniker fällt aber auf, dass im Treppenhaus, in dem sich eine Garderobe vor einer Holzverkleidung befindet, die räumlichen Dimensionen nicht den Gesamtmaßen des Hauses entsprechen. Der Raum ist dem Beamten vom Gefühl her einfach zu klein. Die Beamten demontieren die Garderobe und die Holzverkleidung aus Kiefern-Paneel. Dahinter finden sie einen Hohlraum. Es ist 20.30 Uhr. Schon beim erste Blick in das Versteck ruft einer der Beamten: „Aber Hallo, was haben wir denn hier!“ Die Polizei findet insgesamt vier Maschinenpistolen, darunter eine MPi Skorpion mit Schalldämpfer, fünf Pistolen, 19 gefüllte Magazine, neun Handgranaten, 10 Sprengzünder, fast drei Kilogramm Sprengstoff, darunter auch Sprengschnur, und eine Schreibmaschine.
Fast zeitgleich klingelt bei der Soko „Bahnhof “ in Dresden das Telefon. Von den Kriminaltechnikern in Ellefeld erfahren die Vernehmer von dem brisanten Fund in Vogels Haus. Alexander Silex sagt daraufhin zu Ulrich Vogel: „Unsere Leute haben in ihrem Haus hinter der Holzverkleidung das Versteck mit den Waffen und dem Sprengstoff gefunden.“ Da wird Vogel sichtlich blass und sackt in sich zusammen. Ihm ist klar, dass er damit als der Bombenbauer überführt ist.
In den kommenden Stunden gesteht der 62-Jährige, dass er die Bombe gebaut und am 6. Juni im Dresdner Hauptbahnhof deponiert hat. Er sei Anfang Juni zu einer Kur in Kreischa gewesen. Den Bombenkoffer habe er 14 Tage vorher zusammengebaut und im Kofferraum seines Audis transportiert, allerdings ohne dass die Batterien in die Zündvorrichtung eingesetzt waren. Auf dem Weg zur Reha-Klinik sei er nach Dresden zum Hauptbahnhof gefahren, mit dem Koffer auf die Toilette gegangen und habe dort die Batterien eingesetzt. Danach habe er den Koffer auf dem Bahnsteig abgestellt und sei nach Kreischa in die Reha-Klinik gefahren.
Während der Vernehmung fertigt Ulrich Vogel eine Zeichnung des Zündmechanismus und des Aufbaus der Kofferbombe an. Nicht alle Fragen der Ermittler beantwortet Ulrich Vogel. So nennt er nie weitere Beteiligte, zum Beispiel den Beschaffer des Sprengstoffes. Er stellt schon in der ersten Vernehmung klar: Die Bombe sollte nie hochgehen! Er habe sie so gebaut, dass sie zwar eine echte Sprengvorrichtung sei, aber nie funktionieren würde. Sie sollte nur als Drohpotential gegenüber der Deutschen Bank dienen. Als Motiv für die Erpressung nennt er seine hohen Schulden. Die Bank habe sich geweigert, ihm neue Kredite zu gewähren. Vogel ist jedoch gar nicht Kunde der Deutschen Bank, sondern der Sparkasse Vogtland. Die Deutsche Bank habe er erpresst, weil der „ein paar Millionen doch nichts ausmachen“. Auch die Herkunft des Kalenders „Die gute Saat“ wird geklärt. Er hat ihn 2001 von einem Mann geschenkt bekommen, der mit ihm in einem Zimmer im Krankenhaus gelegen hat. Genau 0.30 Uhr wird die Vernehmung beendet. Sie soll am nächsten Tag fortgesetzt werden. Dann soll Ulrich Vogel auch dem Haftrichter vorgeführt werden.
Während der nun dringend tatverdächtige Rentner im Landeskriminalamt vernommen wird, analysieren Biologen des Kriminaltechnischen Instituts Vogels Speichelprobe. Sie arbeiten die ganze Nacht durch, um die Auswertung des DNA-Vergleichs am Morgen vorlegen zu können. Es wird für die Soko ein weiterer Grund zur Freude: Eine der beiden DNA-Spuren im Koffer stimmt mit der von Ulrich Vogel zu hundert Prozent überein. Der Verursacher der zweiten DNA wird nie ermittelt, Vogel wird sich nie dazu äußern.
Am Vormittag des 22. September findet eine weitere Vernehmung statt. Ulrich Vogel wird von Silex und Brosse aufgefordert, die Zündvorrichtung der Bombe noch einmal zu bauen. Vogel lässt sich darauf ein und zeigt den Ermittlern, wie er das Loch in das Zifferblatt des Weckers gebohrt, den Zeiger mit Draht umwickelt und den Auflaufkontakt gebaut hat. Silex filmt den Nachbau der Zündvorrichtung mit einer Handkamera und lässt Vogel seine Handlungen kommentieren. Alle Fragen und Antworten werden aufgenommen und dienen später der Beweisführung. Vogel macht, ohne es zu ahnen, während des Nachbaus einen entscheidenden Fehler, der vor Gericht eine bedeutende Rolle spielen wird. Nachdem er den Litzedraht am Zeiger befestigt hat, schneidet Vogel ihn an der Spitze mit einer Zange so kurz ab, dass er den Auflaufkontakt nicht mehr berühren kann. Damit will er wohl ganz nebenbei dokumentieren, dass die Bombe nie hätte explodieren können. Doch Vogel hat Pech. Denn der Original-Draht ist erhalten geblieben und wurde gesichert. Und das Original am Zeiger ist 7,5 Millimeter länger und damit in jedem Fall lang genug, um den Kontakt berühren zu können. Als Joachim Seidel das Video dieser Vernehmung sieht, springt ihm dieser wichtige Punkt sofort ins Auge.
Der Untersuchungsrichter erlässt am 22. September 2003 Haftbefehl gegen Ulrich Vogel. Damit sitzt der Tatverdächtige für den versuchten Sprengstoffanschlag und die Erpressung der Deutschen Bank nach 108 Tagen mühseliger Ermittlungsarbeit in Untersuchungshaft. Gegenüber der Polizei wird sich Ulrich Vogel nicht mehr äußern.
An den in seinem Haus gefundenen Sprengstoffstücken und an der Sprengschnur stellen die Kriminaltechniker Passspuren fest. Damit lässt sich nachweisen, dass die Sprengschnur im Koffer von der Schnur im Haus abgeschnitten wurde. Außerdem stammten die Sprengstoff brocken im Koffer und aus dem Haus von derselben Hohlladung. Auf dem Farbband der Schreibmaschine finden die Kriminalisten zudem Fragmente der Erpresserschreiben. Auch die im Versteck gefundenen Sprengzünder stammen vom gleichen tschechischen Hersteller wie die im Koffer. Michael Münch stellt fest, dass die Steine im Koffer aus einem Kiesbelag an der Außenwand von Vogels Haus stammen. Sogar der seltene Phylitt aus dem Steinbruch Haselmühle ist in dem Steingemisch zu finden. Die Last der Beweise ist erdrückend. Mitte Oktober 2003 legt das Kriminaltechnische Institut das Gutachten zur Kofferbombe vor. Es umfasst 50 Seiten und ist von acht Gutachtern unterschrieben. In diesem Gutachten steht auch die Feststellung, dass es sich bei der Bombe im Koffer um eine „funktionsfähige Sprengvorrichtung“ gehandelt hat.
Für die Beamten der Sonderkommission „Bahnhof “ ist Ulrich Vogel der Erpresser und Bombenbauer, einen weiteren Tatbeteiligten können sie nicht ermitteln. Vogel äußert sich dazu nicht. Der bestreitet auch, für den Sprengstoffanschlag im Karstadt in Wiesbaden verantwortlich zu sein. Ertle und Silex sind zwar überzeugt, dass er auch diese Tat begangen hat, können es aber nicht nachweisen.

Ein Jahr nach dem Fund des Bombenkoffers wird sich der Geschäftsmann Ulrich Vogel wegen Erpressung und Herbeiführung eine Sprengstoffexplosion vor dem Landgericht Dresden verantworten.
Im Februar 2004 erhebt die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Dresden Anklage gegen Ulrich Vogel wegen Erpressung und Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion. Die Ermittler der Sonderkommission „Bahnhof “ glauben, der Fall wäre für sie im Wesentlichen abgeschlossen. Sie sollten sich gründlich irren.
Vier Monate später, am 2. Juni, beginnt die Hauptverhandlung vor dem 1. Strafsenat des Landgerichtes Dresden. Vorsitz hat Richterin Birgit Wiegand, die Verteidigung von Ulrich Vogel hat der junge Rechtsanwalt Ulf Israel (32) übernommen. Der Prozess bringt einige Überraschungen für alle Beteiligten. Ulrich Vogel verweigert nicht die Aussage. In seiner Stellungnahme zur Anklage räumt er ein, die Bombe gebaut und im Hauptbahnhof deponiert zu haben, aber er bestreitet energisch, dass die Apparatur tatsächlich scharf war und explodieren konnte.
Am neunten Verhandlungstag wird Joachim Seidel als Zeuge vernommen. Er soll zu seinem Gutachten Stellung nehmen und sich zur Funktionsfähigkeit der Bombe äußern. Seidel rechnet natürlich damit, dass ihn Verteidiger Ulf Israel in die Zange nehmen wird. Die Funktionsfähigkeit der Bombe ist zur zentralen Frage des Prozesses geworden. Denn war sie scharf, könnte der Angeklagte zusätzlich zu den bisherigen Vorwürfen auch des versuchten Mordes beschuldigt werden. Dann droht Vogel lebenslängliche Haft.
Kriminalist Seidel untermauert seine Aussage mit einer Powerpoint-Präsentation und dem Video von den Probesprengungen. Seine Schlussfolgerung lautet: „Die Vorrichtung war funktionsfähig. Sie hat versagt und wir haben nur eine Erklärung dafür gefunden. Der Draht am Zeiger des Billigweckers war zu starr und hat etwa drei Minuten vor Erreichen des Auflaufkontaktes zum Stillstand geführt.“ Auf den Vorhalt des Verteidigers, sein Mandant habe das extra so gebaut, reagiert Seidel mit dem Hinweis auf das Video von der zweiten Vernehmung, in der Vogel den Draht am Zeiger zu kurz abgeschnitten hat. Ulf Israel kann daraufhin nur noch mit der Schulter zucken. Bleibt die Frage, ob dem Kriminalisten durch die vorschnelle Aussage von LKA-Präsident Peter Raisch am 13. Juni 2003 die Richtung seiner Ermittlungen vorgegeben wurde. Seidel gibt vor Gericht zu, damals „etwas frustriert“ gewesen zu sein, denn zu diesem Zeitpunkt konnte noch gar keine Aussage getroffen werden. Letztlich habe sich dieser Fauxpas des Präsidenten jedoch nicht auf sein Gutachten ausgewirkt. Alles sei akribisch dokumentiert und nachprüfbar. Die Vorsitzende Birgit Wiegand lässt dann auch keinen Zweifel am Gutachten des LKA-Experten. Für Ulrich Vogel wird es eng.
In den folgenden Wochen lässt sich Ulrich Vogel eine Menge einfallen, um sich vom Vorwurf des versuchten Mordes zu befreien. Mit einer Reihe von Beweisanträgen und Behauptungen erwirkt er beim Gericht immer wieder Nachermittlungen. Die Ermittler der Soko „Bahnhof “ haben auf einmal wieder viel Arbeit. Gericht, Staatsanwaltschaft und Kriminalbeamte wähnen sich mitunter in einer Märchenstunde.
So erhält Vogels langjährige Freundin in Ellefeld Anfang August 2004 einen Brief, der sofort bei Gericht landet. Darin steht: „Vogel, Du hältst weiter den Schnabel! Das ist besser für alle, Hannnibal.“ Es ist ein mit Computer geschriebener Text. Abgestempelt wurde der Brief in Sachsen, der Ort ist nicht zu entziffern. Das Schreiben deutet auf einen Mittäter hin, zumindest weiß der Verfasser einiges über die Dreiecksbeziehung, in der Vogel lebte. Er hatte eine langjährige Lebensgefährtin in Wiesbaden, lebte aber zuletzt mit deren Schwester in Ellefeld zusammen. Ein zweiter Brief geht im Dresdner Gefängnis ein, adressiert an Vogel selbst. Der Brief wurde bei der Postkontrolle abgefangen. Beide Schreiben werden zu den Akten genommen. Das Gericht geht davon aus, dass die Briefe von ein und demselben Verfasser stammen, einer Person, die Vogel nahesteht, und dass sie nur wegen des Prozesses geschrieben wurden. Die Soko soll das überprüfen.
Im Oktober behauptet Vogel, er habe Anfang 2003 von einem Unbekannten Briefe erhalten, der ihn zum Bau der Kofferbombe aufgefordert habe. Er sei erpresst worden, habe seine Familie schützen wollen. Der Erpresser sei sogar in sein Büro eingebrochen und habe auf seiner Schreibmaschine die Briefe an die Deutsche Bank beschrieben. Richterin Birgit Wiegand fragt Vogel: „Haben sie irgendwelche Erpresserbriefe, die Bauanleitung der Bombe oder andere Beweise aufgehoben?“ Vogel schüttelt den Kopf. Er nennt jedoch drei Männer, alte Bekannte, von denen einer der Erpresser sein könnte. Die Soko muss sie ausfindig machen.
Zwei der Männer treten am 8. Oktober 2004 vor Gericht als Zeugen auf. Herbert M. (60) aus Flösheim am Main und Robert G. (48) aus Langelsheim im Harz. Der dritte Zeuge ist Matthias L. (38), der Sohn von Vogels Lebensgefährtin. Bei Herbert M. stellt sich heraus: Er war der Informant des Bayerischen LKA, der die Ermittler schließlich auf Vogels Spur brachte. Herbert M. verweigert zunächst die Aussage, weil er sich nicht selbst belasten will. Robert G. hingegen sagt alles, was er über Ulrich Vogel weiß. Neue Erkenntnisse für den Prozess kann er allerdings nicht beisteuern. Auch die Nachermittlungen gegen Herbert M. als möglichen Mittäter bringen keine Erkenntnisse, das Verfahren gegen ihn wird eingestellt. Seine DNA stimmt auch nicht mit der zweiten biologischen Spur im Koffer überein.
Mitte Mai 2005 will das Gericht endlich ein Urteil sprechen. Die Termine für die Plädoyers von Anklage und Verteidigung sind festgelegt. Doch am 11. Mai 2005 kündigt der Angeklagte an, umfassend aussagen zu wollen. Zwei Tage später tischt Ulrich Vogel wieder nur eine neue Geschichte auf: Der alte Freund Herbert M. habe den Sprengstoff besorgt, er, Vogel, habe die Bombe so gebaut, dass sie nicht explodieren konnte. Auch habe er, Vogel, die letzten drei Erpresserbriefe an die Bank geschrieben, die ersten fünf stammten jedoch von seinem Mittäter Herbert M. Dieser sei auch der Initiator des Sprengstoffattentats und des Erpressungsversuchs gewesen. Außerdem habe sein alter Bekannter in seiner Wohnung in Hohlräumen seiner Intarsienmöbel Munition und Sprengstoff versteckt.
Noch einmal muss die Soko „Bahnhof “ zu Nachermittlungen ausrücken. Mitarbeiter durchsuchen die Wohnung von Herbert M. Mit einem Röntgengerät durchleuchten sie die Möbel des Mannes, finden aber keine Spuren von Sprengstoff. Zu den Erpresserbriefen befragt das Gericht noch einmal einen Sachverständigen des Bundeskriminalamtes. Dieser sagt, dass alle acht Erpresserbriefe mit großer Wahrscheinlichkeit von ein und derselben Person geschrieben worden seien. Es gebe viele Übereinstimmungen, so tauche die Redewendung „seien sie klug“ wiederholt auf. Zudem seien Aufbau und Stil in allen Briefen gleich.
Herbert M. wird erneut als Zeuge geladen. Nachdem er die Aussagegenehmigung des LKA in Bayern erhalten hat, sagt Herbert M., selbst wegen Waffen- und Sprengstoffdelikten vorbestraft, am 39. Verhandlungstag im Juni 2005 aus: Er kennt Vogel schon seit drei Jahrzehnten. Anfang September 2003 habe er sich mit ihm in Tschechien getroffen. Vogel soll ihm von der Erpressung der Deutschen Bank erzählt haben. Weiterhin habe er angekündigt, zwei Bomben an belebten Orten zu deponieren, falls die Bank nicht auf seine Forderungen einginge. Vogel habe ihn gebeten, ihn technisch zu unterstützen und eine Million Euro angeboten. Am 7. September habe er dann beim LKA in München angerufen und den Hinweis auf Ulrich Vogel gegeben.
Letztlich werden alle neuen Versionen des Angeklagten vom Gericht als reine Schutzbehauptungen bewertet. Am 29. Juli 2005 verkündet Richterin Birgit Wiegand nach 14 Monaten und 42 Verhandlungstagen das Urteil: Zwölf Jahre Freiheitsentzug für Ulrich Vogel wegen versuchten Mordes, Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, Herbeiführen einer schweren Sprengstoffexplosion und schwerer räuberischer Erpressung! Richterin Wiegand: „Er hat aus Habgier, Gewinnsucht und Gewinnstreben heimtückisch den Tod von Menschen in Kauf genommen.“
Im Februar 2012 befindet sich der nunmehr 72-jährige Vogel noch in der Justizvollzugsanstalt Dresden, allerdings im offenen Vollzug.
Der geblümte Rock von Frank Nicolaus

1991 suchen Dresdner Kriminalisten monatelang nach dem Mörder der 28-jährigen Ramona aus Bautzen, verdächtigen einen Unschuldigen und bekommen dann unverhofft Hilfe.
Der leichte Regen hat gerade eine Pause eingelegt, als sich Maik Dressler[1] am 16. Mai 1991, einem Donnerstag, auf das Fahrrad schwingt, um zu seiner Arbeitsstelle zu radeln. Sein Ziel ist die Waggonbau GmbH Bautzen. Die kurze Fahrt macht ihm jedes Mal Freude – wenn das Wetter mitspielt. Denn die Tour führt auf dem Radweg auf der Neuschen Promenade entlang. Dressler ist Naturfreund und nimmt sich auch an diesem Tag Zeit für einen Abstecher zum Froschlaichplatz am Stiebitzbach. An dem Bach vor sich im Wasser entdeckt er einen hellen Stoffsack. Der lag vor drei Tagen noch nicht da, als er das letzte Mal hier gewesen ist. Der Sack liegt nur zum Teil im Wasser. Oben erkennt er vage den Umriss eines Schuhabsatzes. Neugierig geworden stupst Dressler zweimal mit seinem Fuß an den Sack. Etwas Weiches scheint darin zu sein. Aber der Inhalt ist schwer, denn allein kann er den Sack nicht bewegen. Deshalb versucht er, den Stoff aufzureißen. Da ihm das nicht gelingt, reißt er mit einem Schlüssel kurzerhand ein Loch in den Sack. Es kommt rosafarbene Haut zum Vorschein, auf der sich ein blauer Fleck abzeichnet. Er sieht aus wie ein Fleischbeschaustempel bei Schlachttieren.

Eingewickelt in einen Stoffsack wird die Leiche der Ramona Junga am Ufer eines Tümpels gefunden.
„Solche Idioten”, denkt Maik Dressler. „Die schmeißen hier ein totes Schwein in die Natur. Bald wird das Wetter wärmer, der Kadaver fängt an zu stinken und die Kinder, die ins Spreebad ganz in der Nähe gehen, müssen hier vorbei.“ Maik Dressler schwingt sich auf seinen Drahtesel und fährt zur Schicht. Im Betrieb erzählt er den Kollegen von seinem Fund.
In den folgenden Tagen hat Dressler frei, so dass er erst am Freitag, dem 24. Mai, gegen 10.45 Uhr wieder an der Froschlaichstelle vorbeiradelt. Diesmal ist er in Eile und steigt nicht ab. Aber vom Weg aus sieht er, dass der Sack noch im Wasser liegt und ärgert sich darüber.
Auch Hobbyornithologe Manfred Tischer[2] kennt die sumpfige Stelle in der Nähe des Spreebades. Das dicht bewachsene Gelände eignet sich gut, um Vögel zu beobachten. Am Montag, dem 27. Mai, ist er dort und wundert sich ebenfalls über den prall gefüllten Stoffsack im Wasser. Manfred Tischer hat stets sein Fahrtenmesser dabei und benutzt es, um den schon vorhandenen Riss im Stoff weiter aufzuschneiden. Dabei sieht er die rosafarbene Haut und glaubt auch, ein totes Schwein vor sich zu haben. Aber das hat ja eigentlich Borsten, die sind hier nicht zu sehen, denkt Tischer beim Zertrennen des Stoffes. Da rutscht eine menschliche Hand aus der entstandenen Öffnung. „Verdammt noch mal…“, entfährt es Tischer. Der Schreck lähmt ihn für Sekunden, dann rennt er zum Spreebad und meldet seinen Fund. Angestellte des Bades rufen die Polizei.
*
Kriminaloberkommissar Frank Nicolaus war vor einigen Wochen noch Oberleutnant der Kriminalpolizei in der Morduntersuchungskommission (MUK) der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Dresden. Seit einigen Tagen ist er kommissarischer Leiter der MUK im neu gegründeten Bezirkskriminalamt Dresden. Er haut mit Schwung den Hörer des Telefons auf die Gabel. Es ist 16.53 Uhr. Soeben hatte ihm der Polizeiführer vom Dienst den Fund der weiblichen Leiche in Bautzen gemeldet.
„Wer ist noch da und fährt mit nach Bautzen?“, ruft Nicolaus in die Runde. Die drei Räume der Mordkommission in der vierten Etage des neuen Anbaus am Polizeigebäude in der Schießgasse liegen direkt nebeneinander. Die Verbindungstüren stehen immer offen. So hören die noch anwesenden Mitarbeiter seinen Ruf. Minuten später bahnt sich der Einsatzwagen der MUK, ein sandfarbener Wartburg Tourist mit Sondersignal seinen Weg durch den Dresdner Berufsverkehr. Am Steuer sitzt Kriminaloberkommissar Günther Warnatsch. Hinten sitzt Kriminalunterkommissar Walfried Schulze, den der stürmische Wind der Wendezeit aus dem werktätigen Volk in die Dresdner Kriminalpolizei geweht hatte. In einem Barkas B 1000, dem kriminaltechnischen Fahrzeug der MUK, fahren der ständige Kriminaltechniker der Mordkommission, Joachim Burkhardt sowie der Mordermittler Frank Nitzsche mit zum Fundort der Leiche. Es ist kurz nach 18 Uhr, als die Mordkommission am Spreebad in Bautzen eintrifft. Dort herrscht schon große Betriebsamkeit. Kollegen des Kreiskriminalamtes Bautzen ermitteln bereits emsig. Der Fundort ist weiträumig abgesperrt. Ein Staatsanwalt aus Hoyerswerda ist vor Ort, und 18.45 Uhr treffen zwei Rechtsmediziner aus Dresden ein. Ab 19.30 Uhr ist ein Trupp der Bautzener Feuerwehr mit einem Schlauchboot auf dem Wasser unterwegs und sucht nach weiteren Spuren im Uferbereich des Stiebitzbaches. Die Kriminaltechniker bestimmen den genauen Fundort der Leiche. Es ist eine größere Wasserstelle am Stiebitzbach. Dorthin führt ein fünf Meter langer Trampelpfad durch ein Gestrüpp aus Brenn- und Taubnesseln, Gras und jungen Erlen. Der Pfad liegt links von der Neuschen Promenade und ist knapp fünfzig Meter entfernt von einer Fußgängerbrücke.
Der Sack mit der Leiche habe etwa fünfzig Zentimeter tief im Wasser gelegen, berichten die Polizisten, die als erste am Ort gewesen waren. Er war mit einer dunkelgrünen Plastikschnur mehrfach umschlungen und verknotet. Inzwischen ist der Sack aus dem Wasser geborgen worden und man hatte eine völlig unbekleidete Leiche freigelegt.
Die Rechtsmediziner können noch am Fundort feststellen, dass es sich bei der Toten um eine recht korpulente weibliche Person von etwa zwanzig Jahren handelt. Noch weiß keiner, wer die Frau ist. Ein buntes Stoffstück ist wie ein Knebel um Hals und Kopf geschlungen und vor dem Mund verknotet. Schnell ist klar, dass die Frau einem Tötungsverbrechen zum Opfer gefallen ist. Deshalb ordnet der Staatsanwalt eine gerichtliche Sektion an und lässt die Leiche in die Pathologie des Kreiskrankenhauses Bautzen überführen. Noch in der Nacht stellen die Rechtsmediziner fest, dass die Frau erstickt wurde. Die Knebelung hatte die oberen Atemwege der Frau verschlossen, das wirkte tödlich.
Eine sogenannte Speisebreiaspiration, das Einatmen von Speisebrei aus dem Magen in die Lunge, hatte zum Ersticken geführt. Auslöser des Erbrechens war vermutlich eine äußerlich sichtbare Gewalteinwirkung auf Kopf und Bauch. Zahlreiche Verletzungen, auch im Brustbereich der Toten, zeugen von sehr massiver Gewalt. Selbst die Leber ist trotz des stark ausgeprägten Bauchdeckenfetts verletzt. An einer Stelle ist das Kopfhaar der Frau angesengt. Im Inneren des Sackes und an der Haut der Toten anhaftende Haare werden ebenfalls gesichert. Die gesammelten Haare werden später Haar für Haar zergliedert und mit dem Haar der Getöteten verglichen. In aufwendigen Untersuchungen werden die morphologischen Eigenschaften und Unterschiede ermittelt. Die Ermittler hoffen, sie könnten auf diesem Wege ein verräterisches Haar des Täters isolieren, denn der Mensch verliert unter normalen Bedingungen täglich, meist unbemerkt, zwischen vierzig und hundertzwanzig Haare.
Neben diesen Feststellungen haben die Kriminalisten weitere Spuren quasi in der Hand: So könnte der Knebel ein Stück der Bekleidung des Opfers sein. Es ist ein beigefarbener Rock mit orangefarbenen, schwarz oder olivgrün umrissenen Blütenmotiven. Er hat kein Wäschezeichen und ist mit vier Abnähern versehen. Der Rock hat seine beste Zeit bereits hinter sich und wurde vermutlich einst handgefertigt. Er bekommt die Nummer 2 in einer langen Spurenliste. Spur 1 ist der Sack, in dem die Leiche gefunden wurde. Er besteht aus Baumwolle-Viskose-Fasern und ist mit einem Kettenstich zusammengenäht. Das 180 mal 120 Zentimeter große Stoffstück hat innen die Aufschrift „MC II 722533”. Verschlossen war der Sack offensichtlich mit einer grünen Wäscheleine.
Am Ufer des Stiebitzbaches, dem Fundort der Leiche, finden die Ermittler keine klaren Hinweise auf ein Motiv für die Tat. Aber es gibt Anhaltspunkte für ein Sexualverbrechen. Denn im After der Toten steckt ein abgebrochener Löffelstiel. Der gelbliche Plastiklöffel mit dem Schriftzug „Art. 404 Made in GDR” und dem Firmenlogo „Pneumant“ wird als Spur 4 eingetragen. „Pneumant” war der einzige Reifenproduzent der DDR, der neben Fahrzeugreifen auch ganz verschiedene Kunststoffprodukte herstellte. Plastiklöffel, wie der bei der Leiche, sind vermutlich noch in sehr vielen Haushalten als Eierlöffel im Gebrauch.
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Wie immer bei unbekannten Toten, versuchen die Kriminalisten zunächst die Identität der jungen Frau zu klären. Erst wenn das Opfer bekannt ist, können sie zielgerichtet Verwandte und Bekannte befragen und finden durch deren Hinweise möglicherweise eine Spur zum Täter. Es ist eine immer wiederkehrende Erkenntnis bei Tötungsverbrechen, dass es sich bei sehr vielen dieser Delikte um sogenannte Beziehungstaten handelt. Das heißt, Täter und Opfer kannten einander, und diese Bekanntschaft bleibt anderen meist nicht verborgen. Gelingt es den Ermittlern, die richtigen Zeugen aus dem Lebensumfeld des Opfers ausfindig zu machen, lassen sich die Tatumstände oft rasch auf klären. Schwieriger wird es jedoch, wenn Täter und Opfer eher zufällig aufeinander trafen und es keine Vorbeziehungen zwischen ihnen gab.
Die Tote vom Stiebitzbach wird so etwas wie die Ausnahme von dieser Regel werden. Wer sie ist, kann recht schnell geklärt werden. Denn nur wenige Stunden vor dem Leichenfund hatte eine besorgte Mutter aus Bautzen-Gesundbrunnen ihre 28-jährige Tochter Ramona Junga bei der Polizei als vermisst gemeldet. Am Dienstag, dem 14. Mai 1991, gegen 16 Uhr, hatte sie Ramona zum letzten Mal gesehen. Da verließ die junge Frau die elterliche Wohnung. Sie trug einen kornblumenblauen Mantel, ausgewaschene Jeans, einen grau-schwarzen Strickpulli mit weißem Kragen und schwarze Wildlederschuhe. Seitdem war Ramona nicht wieder aufgetaucht und hatte sich auch nicht bei ihrer Mutter gemeldet.

Diese Signatur auf dem Stoffsack gibt den Ermittlern viele Rätsel auf, wochenlang suchen sie nach der Herkunft der Verpackung.
Ramona lebte eigentlich noch bei der Mutter, hatte aber seit zwei Jahren einen Freund, bei dem sie ebenfalls zeitweise wohnte. So kam es öfter vor, dass Ramona nächtelang fortblieb. Das erklärt auch, dass ihre Mutter erst nach 13 Tagen Vermisstenanzeige bei der Polizei erstattete. Die Personenbeschreibung der Mutter entsprach exakt den körperlichen Maßen der Toten im Stiebitzbach. So gab es kaum Zweifel, dass es sich bei der Leiche im Sack um Ramona Junga handelt. Die Kriminalisten müssen ihrer Mutter die Todesnachricht überbringen. Sie ist davon so schockiert, dass die Ermittler von ihr zunächst nichts erfahren. Sie kann den Tod ihrer Tochter nicht begreifen und ist nicht in der Lage, Fragen zu beantworten.
Am Tag danach vernehmen die Ermittler Ramona Jungas Schwester. Die berichtet, dass sie Ramona am 12. Mai in der Wohnung der Mutter zum letzten Mal gesehen hatte. Ramona habe seit zwei Jahren ein Verhältnis mit dem Bautzener Falk Schubert[3] gehabt. Von der Mutter weiß die Schwester, dass Ramona am 14. Mai gesagt hatte, sie wolle ihrem Freund Falk den Wohnungsschlüssel zurückgeben. Sie wollte zu ihm gehen. Die Mutter vermutete, dass Ramona mit Falk Schluss machen wollte. Bevor sie ging, äußerte Ramona aber auch, dass sie die Nacht zum 15. Mai noch in Falks Wohnung verbringen wollte. Bevor sie gegangen sei, habe Ramona ihre Mutter noch gebeten, zehn D-Mark bereitzulegen, weil sie am 15. Mai nach Großschweidnitz fahren wollte. Im dortigen Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie war Ramona in psychiatrischer Behandlung. Anfang März 1990 hatten Ärzte sie erstmals wegen einer schizophrenen Erkrankung stationär aufgenommen. Nach ihrer Entlassung im September habe die Mutter jedoch zunehmend Probleme mit Ramona gehabt. Deshalb sollte ihre Tochter erneut behandelt werden. Bei der Entlassung am 11. Mai 1991 ging es Ramona merklich besser. Nach einem planmäßigen Arztbesuch am 13. Mai 1991 habe Ramona am Abend ihrer Mutter erklärt, dass sie auch noch ihre Freundin Sonnhild[4] Walther besuchen wollte, hatte die Nacht aber bei Falk Schubert verbracht, mit dem sie Schluss machen wollte. Die Mutter habe ihr deshalb Vorhaltungen gemacht, aber Ramona hätte trotzig reagiert und gemeint, sie könne schließlich machen, was sie wolle. Gegen 16 Uhr habe sie dann die Wohnung verlassen, um wieder zu Falk Schubert zu gehen. Seither hatten Mutter und Schwester von Ramona kein Lebenszeichen mehr erhalten.
Ramonas Schwester berichtet auch, dass sie Falk Schubert am 18. Mai zufällig in Bautzen getroffen und angesprochen habe. Falk habe bestätigt, dass Ramona in der Nacht von Dienstag zu Mittwoch bei ihm gewesen war. Ramona habe gesagt, sie wolle am Tag nach dieser Nacht, also am 15. Mai 1991, zu einem Freund nach Großschweidnitz fahren. Falk war darüber verärgert, habe Ramona aber gesagt, sie solle doch hinfahren, wenn sie das unbedingt wolle. Ramonas Schwester sagt der Kripo auch, dass ihr bei diesem Treffen eine Schürfwunde im Gesicht von Falk Schubert aufgefallen sei. Sie habe den Eindruck gehabt, dass er die Wunde vor ihr verbergen wollte. Von Ramona selbst habe sie auch erfahren, dass sie mit Falk Schluss machen wollte, weil der sie oft schlagen würde, wenn er Alkohol getrunken hat. Ramona habe ihn nie angezeigt, weil sie noch immer in ihn verliebt gewesen sei.

Ramona Junga. Sie war auf der Suche nach Liebe und sexueller Befriedigung mitunter etwas leichtsinnig, das wurde ihr zum Verhängnis.
Nach dieser Aussage gerät Falk Schubert ins Visier der Ermittlungen. Die belastenden Momente reichen, um ihn vorläufig festzunehmen. Bald sitzt er Kriminalhauptkommissar Gert Weidig gegenüber und ist sichtlich bemüht, jeglichen Verdacht von sich zu weisen. „Ich habe mit Ramonas Tod nichts zu tun“, erklärt Falk Schubert und schildert, wie er mit Ramona Junga längere Zeit sehr eng befreundet gewesen sei. Doch sie habe zunehmend nicht mehr gewusst, was sie wollte, sei mal da und dort gewesen. Deshalb sei das Verhältnis schließlich auseinandergebrochen. Vom 13. zum 14. Mai habe sie zum letzten Mal bei ihm übernachtet.
Schubert schildert den Beginn dieser Begegnung: „Ich stand am Montagnachmittag vor dem Konsum in der Fabrikstraße und trank Bier, als Ramona vorbei kam. Sie wollte zu einer Sonnhild, die wohl in der Fabrikstraße wohnt. Wir unterhielten uns, und schließlich fragte ich sie, ob sie mit zu mir kommt. Sie war einverstanden. Zuvor waren wir noch im Ratskeller essen. In der Nacht schliefen wir miteinander und sie sagte, dass sie am Mittwoch nach Großschweidnitz fahren wolle, weil sie dort einen Freund habe.“ Falk Schubert verzieht sein Gesicht. „Darüber war ich natürlich nicht erfreut. Aber wir hatten deswegen keinen Streit.“
Hauptkommissar Weidig reagiert absichtlich provokativ: „Und das sollen wir Ihnen glauben.”
Falk Schubert blickt erschrocken hoch und sagt etwas trotzig:
„Ja, das können Sie ruhig. Ich habe Ramona nichts angetan.“
Weidig: „Sie waren aber nachweislich der Letzte, der mit ihr zusammen war!“
Schubert sagt etwas verzweifelt: „Das sieht vielleicht so aus, aber ich bin nicht der Letzte, der mit ihr zusammen war. Das war der Mörder. Und der bin nicht ich!“ Er hockt da wie ein Häuflein Unglück, weil Weidig ihm offenbar nicht glauben will. Der Hauptkommissar erkennt das und lenkt ein: „Nehmen wir an, es stimmt, was Sie sagen. Wir werden alles prüfen. Wenn Sie Ramona Junga nicht getötet haben, werden wir das feststellen.“
Weidig fragt, wie der 15. Mai verlaufen sei und nickt dem Verdächtigen aufmunternd zu. Der Kriminalist will vermeiden, dass der Beschuldigte „zumacht“ und die Aussage verweigert. Weidig kennt inzwischen das Ergebnis der Durchsuchung von Schuberts Wohnung und Spind an seinem Arbeitsplatz im Waggonbau. Es ist dürftig. Es gibt zwar ein paar augenscheinliche Blutspuren in der Wohnung. Die könnten aber von sonst wem stammen und Wochen oder Monate alt sein. Einen handfesten Beweis gegen Schubert haben die Ermittler nicht.
Falk Schubert beruhigt sich und setzt seine Aussage fort: „Ich hatte am 15. Mai den Wecker auf 5.15 Uhr gestellt, da ich auf Arbeit musste. Ramona hatte keine Lust zum Aufstehen. Ich gab ihr deshalb meinen Wohnungsschlüssel. Sie sollte ihn am Abend wieder zurückbringen. Und auch den Schlüssel, den sie sowieso noch hatte, als sie bei mir wohnte.“ Als er gegen 16 Uhr von der Arbeit kam, habe Ramona am Konsum in der Fabrikstraße auf ihn gewartet. Es habe stark geregnet, und sie seien zu „Ritas Eck“ gegangen, einem Kiosk an der Brauerei. „Dort tranken wir zwei Dosen Bier und unterhielten uns. Ramona wollte, dass wir essen gehen und anschließend wollte sie wieder bei mir übernachten“, sagt Schubert. Das sei ihm aber nicht recht gewesen, da Ramona am nächsten Tag zu dem Freund nach Großschweidnitz fahren wollte. Darum habe er ihr gesagt, dass sie nicht mit zu ihm kommen könne, weil er zu seiner Schwester wolle. Normalerweise besuchte er sie immer mittwochs. Er habe den Besuch vorgeschoben, weil er Ramona nicht mehr in seiner Wohnung haben wollte. Ramona habe sich damit abgefunden und ihm seine Wohnungsschlüssel zurückgegeben. Sie habe zu ihrer Freundin Sonnhild gehen wollen, um dort vielleicht schlafen zu können. Schubert erklärte, dass er Sonnhild nur einmal gesehen habe und dass sie irgendwo in der Fabrikstraße wohnen könnte. Gegen 17 Uhr hätten sie sich getrennt. Er sei bis 18 Uhr am Kiosk geblieben und anschließend in die Gaststätte „Zum Echten” im Lauengraben gegangen, um dort noch ein paar Bier zu trinken. Gegen 20.45 Uhr sei er zu Hause gewesen, aber Zeugen habe er dafür nicht. Am Pfingstsonntag will Schubert von Ramonas Schwester erfahren haben, dass seine Ex-Freundin schon seit einer Woche nicht zu Hause war. Die Schwester habe ihn auch gefragt, ob er wüsste, wo diese Sonnhild wohnt.
Hauptkommissar Weidig verlässt den Raum und bittet einen der Kollegen: „Prüft mal, ob es eine Sonnhild in der Fabrikstraße in Bautzen gibt.“
In den folgenden Stunden erfährt Weidig von dem Verdächtigen auch, dass Ramona Junga während ihrer gemeinsamen Zeit öfters mal eine ganze Woche lang in Singwitz geblieben sei – im Wohnheim der Kubaner. Die Mutter und die Schwester hätten sie dort rausgeholt. Ramona wäre dann wieder eine Weile bei ihrer Mutter gewesen, danach wieder zu ihm gekommen, so Schubert. Deswegen habe er Krach gehabt mit Ramona. Schubert sagt auch, dass er seine Freundin geschlagen habe, als sie aus Singwitz zurückkam. Schubert belastet sich selbst, und Weidig hat das Gefühl, dass der Beschuldigte nur ehrlich sein will. Nun hält er ihm vor, dass er am 18. Mai eine frische Risswunde in der rechten oberen Gesichtshälfte hatte. „Nein, hatte ich nicht“, streitet Schubert sofort ab. Weidig kontert: „In Ihrer Wohnung wurden auf dem Bettzeug und unterhalb des Spiegels im Flur Blutspuren gefunden …“
Schubert sagt: „Ja, das Blut stammt von mir. Ich hatte mich am 8. Mai, einen Tag vor dem Männertag, beim Rasieren geschnitten. Außerdem bin ich mal, als Ramona noch bei mir wohnte, im Suff gestürzt und habe mir eine stark blutende Platzwunde an der Schläfe zugezogen.“ Er versucht diese Spuren zu erklären, muss aber dennoch die Nacht im Polizeigewahrsam verbringen.
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Während Falk Schubert fast einen Tag lang von der Mordkommission vernommen wird, sitzt auch die 35-jährige Sonnhild Walther im Kreiskriminalamt Bautzen und wird befragt. Sie ist gelernte Weberin und jetzt arbeitslos. In der Einwohnermeldestelle hatten Bautzener Polizisten die Frau schnell ausfindig gemacht. Sie kennt Ramona Junga bereits seit 1980. Damals wohnten sie im selben Mietshaus in Bautzen. Beide besuchten sich gegenseitig in den Wohnungen. 1987 verzog Sonnhild Walther in die Fabrikstraße und Ramona besuchte sie auch dort einmal im Monat. Ramona wäre in dieser Zeit mit einem Kubaner aus dem Wohnheim in Singwitz befreundet gewesen, sagt sie aus. Zum letzten Mal habe sie ihre Freundin Ramona im Oktober 1990 in ihrer Wohnung in der Fabrikstraße gesehen, sagt Sonnhild Walther. Im Januar 1991 habe sie Ramonas Mutter zufällig getroffen und erfahren, dass Ramona zur stationären Behandlung im Fachkrankenhaus Großschweidnitz ist. Erst vor wenigen Tagen, als sie Ramonas Mutter wieder einmal in Bautzen begegnet sei, hätte die gefragt, ob sie Ramona in der letzten Zeit gesehen habe. Das verneinte Sonnhild der Mutter gegenüber.
Gegenüber Kriminaloberkommissar Matthias Rößler von der Bautzener Kripo erklärt Sonnhild Walther: „Ich bin Ende April in der Fabrikstraße ein paar Hausnummern weiter verzogen, in die Wohnung meines Freundes Robert Ziehmer[5]. Das hat Ramona sicher nicht gewusst und mich deshalb wohl nicht gefunden.“
Der Bautzener Kriminalist fragt: „Kennt denn Ihr Freund Robert die Ramona?“
Sonnhild Walther: „Könnte sein, dass Robert die Ramona im Oktober 1990 mal in meiner Wohnung gesehen hat. Ansonsten kennt er sie aber nicht.“ Die 35-Jährige beschreibt ihre Freundin als recht leichtgläubig. „Ramona wäre wohl mit jedem Mann mitgegangen. Sie wollte eigentlich nur einen festen Freund finden.“
Oberkommissar Rößler will, dass sich die Zeugin festlegt und fragt konkret danach, ob Ramona Junga in der Zeit vom 13. bis 16. Mai bei ihr übernachtet habe. „Nein, hat sie nicht, und mehr weiß ich auch nicht.“ Die bohrende Nachfrage nervt die Zeugin sichtlich. Rößler lässt aber nicht locker und will auch wissen, wo sie am 14. Mai zwischen 16 Uhr und 20 Uhr gewesen ist.
Sonnhild Walther überlegt kurz und schildert dann ihren Tagesablauf: Gegen zehn Uhr hätte sie mit Robert die Wohnung verlassen. Sie hatten einen Termin im Arbeitsamt. Zwischen sechs und halb sieben abends wären sie wieder zu Hause gewesen und später noch in die Gartenwirtschaft am Prauschwitzer Weg gegangen. „Aber von Ramona haben wir weit und breit nichts gesehen“, sagt sie.
Noch am selben Tag gehen die Männer der Kripo dem Hinweis der Zeugin Walther auf einen Kubaner nach. Sie machen Sindy Willmann[6] ausfindig, eine frühere Bekannte von Ramona. Die bestätigt, dass Ramona einen kubanischen Freund hatte, der jedoch im Oktober 1990 endgültig nach Kuba zurückgekehrt sei. Sindy Willmann selbst hatte Ramona Junga ihrer Erinnerung nach 1990 oder Anfang 1991 zum letzten Mal gesehen – in der Wohnung von Sonnhild Walther.
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Falk Schubert wird nach einer Nacht im Polizeigewahrsam am nächsten Tag nicht dem Ermittlungsrichter vorgeführt, sondern erst einmal von der Kripo weiter vernommen. Er ist aussagebereit, und die Ermittler befragen ihn unter anderem zu den Textilien, die in seiner Firma als Verpackungsmaterial verwendet werden. Die Kriminalisten wollen feststellen, ob der Sack, in dem Ramonas Leiche steckte, eventuell aus dem Waggonbau stammt. Auch die Aussage der Zeugin Walther wird ihm vorgehalten, die Ramona Junga am 15. Mai nicht gesehen haben will. Doch Schubert wiederholt nur, dass Ramona ihm gesagt habe, sie wolle zu Sonnhild. „Vielleicht hatte sie es mir nur gesagt, um etwas anderes zu vertuschen“, meint Schubert und zieht seine Schultern ratlos hoch. Er wird zum Schluss erkennungsdienstlich behandelt, muss seine Fingerabdrücke bei der Polizei hinterlassen, und von ihm werden Lichtbilder gemacht. Die Beweise und Verdachtsmomente gegen ihn bleiben dürftig. So verzichten die Ermittler darauf, Falk Schubert dem Haftrichter vorzuführen. Sie heben seine vorläufige Festnahme auf. Er darf gehen.
Was Falk Schubert nicht weiß und auch nicht bemerkt: Noch 24 Stunden nach seiner Entlassung wird er durch Spezialkräfte der Polizei observiert. Aber auch diese Aktion bringt keine Erkenntnisse. Schubert sucht sofort nach seiner Freilassung mehrere Kioske und eine Kneipe auf. Dann geht er nach Hause. Am nächsten Tag geht er wie immer zur Arbeit und steht nach Feierabend wieder am Konsum in der Wilthener Straße, trinkt sein Bier und schwatzt mit Kollegen. Er verhält sich so wie immer. Der Einsatz wird abgebrochen. Auch die Ermittlungen in seiner Nachbarschaft erhärten den Verdacht gegen ihn in keiner Weise. Einige Zeit später wird das Ermittlungsverfahren gegen Falk Schubert eingestellt.
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Danach erklärt die Dresdner Morduntersuchungskommission den ungeklärten Mord an Ramona Junga quasi zu einem „Jugendobjekt“. Die in Mordsachen eher unerfahrenen Ermittler Günther Warnatsch, Jens Dörfel, Walfried Schulze sind nun wie auch Frank Nicolaus mit der Sache hauptsächlich befasst. Die „alten Hasen“ um Gert Weidig müssen sich um andere Tötungsverbrechen im Regierungsbezirk Dresden kümmern. 1991 wird allen in der Mordkommission als besonders ereignisreich in Erinnerung bleiben. In Dresden werden der Taxifahrer Andreas Helmstädt, der Ingenieur Thomas Hummel, der Neonaziführer Rainer Sonntag und in Wilthen die Verkäuferin Carola Link ermordet, um nur einige Fälle zu nennen.
So fährt die „Jugendgruppe“ der MUK in den folgenden Monaten in wechselnder Besetzung fast täglich nach Bautzen. Die Fahrerei ist zeitraubend, denn die Autobahn A4, die in einem schlimmeren Zustand ist als ein Waldweg, wird gerade ausgebaut. Die Bundesstraße B6 nach Bautzen ist stets überlastet. Und über die Dörfer zu fahren ist aufreibend. Trotzdem arbeiten die Ermittler einiges ab. Die Spur 1, der „Leichensack“ mit seinen individuellen Kennzeichen, ist der Ermittlungsansatz, der am ehesten Erfolg verspricht. Die Kriminalisten klappern alle Betriebe ab, in denen ein solcher Sack verwendet werden könnte, das Mischfutterwerk Niedercunnersdorf, die Textil- und Leinen GmbH Niedercunnersdorf, den Motorclub Mittellausitzer Bergland, die Motorenwerke Cunewalde. Sie erreichen nichts. Die Suche nach ähnlichen Säcken führt sie in Textilbetriebe nach Cottbus, Pulsnitz, Neugersdorf, in die Spreetextilien GmbH Sohland und Neusalza-Spremberg. Nichts und wieder nichts. Auch in mehreren Betrieben in Bautzen, Löbau, Großschweidnitz, Sebnitz, Wehrsdorf, Kirschau und Wilthen haben sie keinen Erfolg.
Erst in der Leinenweberei Großpostwitz wird die Suche nach wochenlangen ermüdenden Ermittlungen plötzlich spannend. Hier erfahren die Ermittler, dass der „Leichensack“ aus einem Markisenstoff besteht und die Bezeichnung „II“ eine Qualitätsstufe für die Gewebeart bedeutet. Dieser Stoff war im Januar 1990 aus dem Textil- und Verarbeitungsbetrieb Bretnig (Werk 3), aus der Weberei angeliefert worden. Im Werk Großschweidnitz wurde der Markisenstoff gebleicht und anschließend nach Löbau zum Bedrucken gebracht. Die arabischen Ziffern auf dem Sack bedeuten Artikelnummern. In Großschweidnitz wurden teilweise Markisenstoffe mit einer Kettenstichnaht zusammengenäht. Der „Leichensack” hatte so eine Naht. War das eine erste Spur?
Die Kriminalisten versuchen, den Verfasser der handschriftlichen Zeichen auf dem Sack ausfindig zu machen. 1991 gibt es in dem Werk nur noch 87 Mitarbeiter. Ein Jahr zuvor waren es noch 178 Beschäftigte. Nicolaus und die anderen erleben den Niedergang der Textilindustrie in Ostsachsen. Die Ermittlungen im Textil- und Verarbeitungsbetrieb Bretnig bringen die Kripoleute ein kleines Stück weiter: Von dort wurde der Markisenstoff „MC II” in den Jahren 1986 bis 1988 und im Jahr 1990 nach Großschweidnitz geliefert. Vor der Lieferung wurde der Stoff gekennzeichnet – nach einer bestimmten Abfolge von Zahlen. Sie wälzen alte Karteikarten, auf denen die Nummern archiviert sind. Den Urheber der Schriftzeichen auf dem Sack finden sie aber nicht. Im Werk Bretnig gibt es Kettenstichnassnähmaschinen der Marke „Claes“. Mit denen könnte der „Leichensack“ genäht worden sein. Aber das dort verwendete Garn entspricht nicht dem Garn an dem Sack.
Im Oberlausitzer Textilveredlungsbetrieb Löbau kommen die Ermittler doch noch einen Schritt weiter, und der Kreis weitschweifiger Ermittlungen zu dem „Leichensack“ scheint sich endlich zu schließen. Die Lieferungen von Markisenstoff aus Großschweidnitz werden in die Qualitätsstufen I bis V eingeteilt. Die „I“ ist dabei der leichteste Stoff, die „V“ die schwere Ausführung.
Das gefertigte Gewebe wird im Löbauer Betrieb bedruckt und weiterverkauft. In dem Löbauer Werk gibt es sogar Kettenstichnähmaschinen, jedoch wird auch in diesem Betrieb ein anderes Garn verwendet als beim „Leichensack“. Dessen Gewebestoff ist ungebleicht, ein Rohmaterial des Markisengewebes. Hier erfahren die Kriminalisten, dass es im Herstellerbetrieb der Rohware üblich ist, die Reste zu Säcken zusammenzunähen, in denen dann Textilabfälle entsorgt werden. Die gefüllten Abfallsäcke werden zur Sekundärrohstoff-Annahmestelle Sero nach Bautzen in die Zeppelinstraße 5 gebracht.
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Wenige Tage nach den ersten Pressemitteilungen zum Fund der Leiche teilt der Bautzener Raimund Walzer[7] der Polizei am Telefon mit, er habe Ramona Junga am 14. Mai in Begleitung eines Mannes gesehen. Walzer ist jedoch ein wenig kompliziert und der Bautzener Polizei schon bekannt. Walzer weigert sich, das Polizeirevier zu betreten. Aber er ist einverstanden, dass ihn Kriminalbeamte zu Hause aufsuchen. Pünktlich um elf Uhr stehen Warnatsch und Nicolaus wie vereinbart am folgenden Tag vor Walzers Wohnungstür und klingeln sich die Finger wund. Niemand öffnet. Die Kriminalisten schieben andere Ermittlungen dazwischen und stehen 15 Uhr wieder vor Walzers Tür. Der kleine Zettel, den sie am Vormittag unter die Tür geschoben hatten, ist inzwischen verschwunden. In der Wohnung muss jemand sein, denn das Kriminalistenohr vernimmt hinter der Tür leise Musik und ein Hüsteln. Trotz Klingeln und Klopfen wird die Tür aber nicht geöffnet.
Für die ehemaligen DDR-Kriminalisten, die jetzt Beamte auf Probe sind, ist es immer noch ungewöhnlich, dass sie einen Zeugen nicht aufgrund eines Gesetzes verpflichten können, bei der Polizei auszusagen. Vor 1989 wurden Zeugen zur „Klärung eines Sachverhaltes“ in die Polizeidienststelle vorgeladen, und wer nicht kam, der wurde geholt. Nun kann nur ein Staatsanwalt anordnen, dass ein Zeuge vorgeführt wird, der sich hartnäckig verweigert. Immerhin können die beiden Kriminalisten erreichen, dass ihnen Raimund Walzer einige Tage später doch für ein Gespräch zur Verfügung steht. Walzer lässt die Männer der Mordkommission in seine Wohnung ein. Sie sind extra aus Dresden gekommen und ausgesprochen freundlich zu dem polizeischeuen Herrn. Warnatsch und Nicolaus vernehmen ihn als Zeugen, und Walzer sagt, dass er Ende Mai von Ramona Jungas Tod aus der Zeitung erfahren habe. Persönlich kenne er die junge Frau nicht. Aber auf Grund ihres Fotos in der Zeitung ist er sich vollkommen sicher, dass er Ramona am 14. Mai in Begleitung eines unbekannten Mannes gesehen hatte. An dem Tag habe er nach 14 Uhr seinen Betrieb verlassen, die Robur GmbH in Bautzen, und sei nach Hause gelaufen – die Humboldtstraße bis zur Wilthener Straße, dann links stadteinwärts. In der Nähe eines Fleischerladens habe er hinter sich die lauten Rufe einer Frau gehört. „Ich habe mich umgedreht und gesehen, wie die Frau schräg über die Straße auf mich zu lief. Sie rief: „Hilf mir!“, berichtet Walzer den Kriminalisten. Es könne sein, dass sie aus der Bertha-von-Suttner-Straße kam. Die Frau habe ihn an seiner Jacke gepackt und erneut gerufen, dass er ihr helfen solle. Dann habe er einen Mann gesehen, der hinter ihr her rannte und vor ihm stoppte. Die Frau habe ihrem Verfolger zugerufen: Sie lasse sich von ihm nicht mehr verprügeln. Walzer sagt: „Ich hatte gesehen, dass die Frau ein Veilchen am Auge hatte.“
„Welches Auge, links oder rechts?“, will Warnatsch wissen. Walzer weiß das aber nicht.
„Und was geschah weiter?“, fragt Warnatsch.
Aus Raimund Walzer sprudelt es nun heraus: „Der blöde Kerl sagte zu mir, dass ich seine Frau loslassen solle, und dass mich das nichts angehen würde.“ Dabei habe der Fremde die Frau gepackt und von ihm weggezogen. Sie sei gestolpert, aber nicht gefallen. „Der Blödmann war bei mir an der richtigen Stelle. Ne Frau schlagen, wo gibt’s denn so was! Ich hab mit meiner linken Hand das Revers seiner Lederjacke gepackt und ihm mit dem rechten Handrücken eine in die Fresse gehauen. Der Affe stolperte über einen Fahrradständer, schlug mit dem Hinterkopf auf dem Gehweg auf, kam aber gleich wieder hoch. Ich hab mich rumgedreht und bin weiter gegangen.“ Die Frau sei während des kurzen Handgemenges in Richtung Brücke weggerannt. „Mehr war nicht”, sagt er.
Walzer soll die Frau beschreiben. Jedes Detail hilft den Kriminalisten, die Frage zu beantworten, ob der Mann tatsächlich Ramona Junga gesehen hatte. Sie habe einen schwarzen Pullover und einen hellen Rock getragen – so weiß mit rosa und etwas Blau dabei. Ein Blumenmuster mit großen Blüten sei es gewesen, sagt Walzer.
Nicolaus zeigt Walzer ein Polaroid-Foto mit dem geblümten Rock vom Tatort. Der Zeuge ist unsicher und will sich nicht festlegen: „Es könnte der Rock von der Frau sein. Hat zumindest große Ähnlichkeit.“
Der fremde Mann, so Walzer, sei eine hagere Gestalt gewesen, wie lang gezogen habe er gewirkt, 1,80 Meter groß und 25 bis 30 Jahre alt. Er habe sächsisch gesprochen, mit dunkler, brummiger Stimme. Sein mittelblondes, ungepflegtes Haar sei bis auf die Schultern gefallen. Aufgefallen ist Walzer ein fünfzackiges Sternchen, das auf sein rechtes Jochbein tätowiert war, nur so groß wie eine Fingerkuppe. Walzer beschreibt die Tätowierung als Pfusch. Auch sonst sei der Mann ungepflegt gewesen. Walzer will bei der Frau eine Alkoholfahne gerochen haben. Als Pärchen, so meint er, habe er beide in der Vergangenheit mehrfach in Bautzen gesehen – im Bahnhof und vor einem Fleischerladen. Dann nennt Walzer sogar zwei Namen: Der Mann sähe einem ehemaligen Mitgefangenen sehr ähnlich, dem Rudi Kramer[8]. Dieser Mann mit dem Sternchen könnte auch dem Heiner Hahnemann[9] bekannt sein. Walzer ist sich ganz sicher, dass er das alles am 14. Mai erlebt hat, denn an diesem Tag hatte sein Bruder Geld in der Kasse bei Robur geholt. Das könnte man nachprüfen, denkt Warnatsch. Walzer ist sogar einverstanden, dass ihn ein Polizeizeichner besucht, und es wird ein subjektives Porträt von dem Mann mit der Tätowierung angefertigt.
In den folgenden Tagen prüfen Warnatsch und Dörfel Walzers Angaben. In der von ihm genannten Fleischerei sind vier Frauen beschäftigt. Keine von ihnen kann sich an das beschriebene Geschehen erinnern. Aber es gibt den Fahrradständer, den Walzer beschrieben hat, und Ramona Junga ist als Kundin im Laden bekannt. Auch in männlicher Begleitung habe sie hier schon eingekauft. Die Ermittlung in der Betriebskasse der Robur GmbH bringt eine weitere Ernüchterung. Grundsätzlich gibt es dort keine Barauszahlung von Löhnen und Gehältern. Dennoch hatte Walzers Bruder dort Bargeld geholt – aber am 13. und nicht am 14. Mai. Das stellt Walzers Aussage infrage. Grundsätzlich anzweifeln wollen die Kriminalisten nicht, was er sagt. Das mit seiner Hilfe angefertigte subjektive Porträt wird in regionalen und überregionalen Zeitungen veröffentlicht. Am 6. September 1991 wird das Bild in der MDR-Fahndungssendung „Kripo live“ gezeigt. Danach gehen zahlreiche Hinweise ein und die Ermittler merken: Nicht nur hilfsbereite Bürger sehen diese Sendung, auch in sächsischen Gefängnissen scheint sie „Pflichtprogramm“ zu sein. Nach einem Hinweis aus einer Haftanstalt kann Walzers Knastbekanntschaft Rudi Kramer ausfindig gemacht werden. Er saß unter anderem wegen Vergewaltigung ein. Aber seine Überprüfung ergibt keine Hinweise, dass Kramer Ramona Junga überhaupt kannte.
Heiner Hahnemann, der nach Walzers Angaben den „Sternchen-Mann“ kennen könnte, ist schwer zu finden. Die Ermittler erfahren, dass Hahnemanns Mutter vor einigen Jahren in der Sero-Altstoffannahme in der Zeppelinstraße beschäftigt war, und Hahnemann war, ebenso wie Ramona Junga, Patient im Fachkrankenhaus Großschweidnitz - letztmalig im April und im Mai 1991. Hahnemann trank exzessiv Alkohol und sollte „trocken gelegt“ werden. Weil er ein besonders schwieriger Fall war, nahm sich die Kirche seiner an. Just am 14. Mai, dem Schlüsseldatum dieses Falles, war er aus dem Fachkrankenhaus Großschweidnitz entlassen und von einem Pfarrer aus Bautzen abgeholt worden. Der hatte Hahnemann in eine weit entfernt liegende kirchliche Einrichtung begleitet.
Frank Nicolaus will unbedingt mit Hahnemann sprechen, aber er hat Mühe, den Pfarrer davon zu überzeugen. Der Kirchenmann meint zunächst, dass die Polizei den Erziehungserfolg seines Schützlings nur stören würde. Schließlich stimmt er doch zu und gibt preis, wo sich Heiner Hahnemann aufhält. Er lebt im Diakonischen Werk in Serrahn bei Krakow an der Mecklenburgischen Seenplatte, wo er sich einer weiteren Suchtbehandlung unterzieht.
Am 18. Juli machen sich Warnatsch und Nicolaus im Wartburg auf den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Betreuer hatten Heiner Hahnemann vorab nicht über den Besuch der Mordkommission informiert. So ist er zunächst überrascht, lässt sich aber dennoch drei Stunden lang als Zeuge befragen. Dabei zeigt sich, dass er Ramona Junga seit etwa fünf Jahren kannte, jedoch nie persönlich Kontakt zu ihr hatte. Erst durch die Polizei habe er von ihrem Tod erfahren. Er hatte sie öfters in der Gaststätte „Moritzburg“ in Bautzen gesehen. Zumeist sei sie da in Begleitung eines Mannes gewesen. Hahnemanns Beschreibung passt auf Falk Schubert. Im Fachkrankenhaus hatte Hahnemann die Junga nie gesehen. Er wusste nicht, dass sie dort Patientin war. Den Mann mit dem tätowierten Sternchen kennt er, aber auch nur vom Sehen. Letztmalig hätte er den Sternchen-Mann im April 1991 in der Bautzener Reichenstraße in Begleitung des Hansi Karlstadt[10] gesehen. Hahnemann bestätigt, dass seine Mutter früher bei der Sero-Altstoffannahme Bautzen beschäftigt war und erwähnt auch, dass sie Säcke auch privat nutzte. Er jedoch habe solche Säcke nicht besessen.
Wieder in Sachsen besuchen Warnatsch und Nicolaus den Hansi Karlstadt in der Haftanstalt Görlitz. Karlstadt ist unter anderem wegen Vergewaltigung vorbestraft. Er weiß von dem Leichenfund, den Sternchen-Mann kennt er aber angeblich nicht.
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So hangeln sich die Ermittler von einem Hinweis zum anderen, überprüfen eine Vielzahl von Vorbestraften, Pennern, Säufern und Ganoven, aber wirklich weiter kommen sie nicht. Noch während der Nachforschungen zum „Leichensack “ und bevor die Morduntersuchungskommission zu der Erkenntnis kommt, dass dieser Sack letztendlich beim Altstoff handel in Bautzen gelandet und von dort in die Hände der oder des Täters gelangt sein könnte, haben Kriminalisten auch in eine ganz andere Richtung ermittelt: Sie wussten schon frühzeitig von Ramona Jungas Aufenthalt im Fachkrankenhaus für Psychiatrie in Großschweidnitz. Deshalb hatten sie unverzüglich begonnen, Patienten und Mitarbeiter zu befragen, die das Opfer gekannt haben könnten. So wusste die Mordkommission schon zwei Tage nach Ramonas Tod, dass sie in diesem Spezialkrankenhaus offenbar einen Freund hatte, der auch dort in stationärer Behandlung war. Anlass genug, um Überprüfungen einzuleiten.
Ramona Junga befand sich vom 6. März bis 27. Juli 1990 und vom 7. Dezember 1990 bis zum 11. Mai 1991 in stationärer Behandlung. Wie für alle Patienten galten auch für sie täglich festgelegte Ausgangszeiten, die streng einzuhalten waren. So wird stets nach 19.30 Uhr die Anwesenheit überprüft. Tagsüber können sich die Patienten, anders als in geschlossenen Einrichtungen, frei bewegen und allein entscheiden, was sie außerhalb der Therapiezeiten tun und lassen.
Dem medizinischen Personal war bekannt, dass Ramona Junga in Großschweidnitz zu drei Personen engeren Umgang pflegte: zu dem 37-jährigen Jörg Mehlkorn[11], zu dem 36-jährigen Rainer Mißbach[12] und zu einer Frau Markus[13] aus der Krankenhauswäscherei. Irgendwelche Unregelmäßigkeiten konnten die Mediziner über Ramona nicht berichten. Es war aber bekannt, dass sie öfters mit Jörg Mehlkorn am Getränkestützpunkt sowie in mehreren Gaststätten im Ort gesehen worden war.
Frau Markus aus der Wäscherei sagte, dass sie Ramona zuletzt an deren Entlassungstag, am 11. Mai 1991, gesehen hatte. Sie weiß von Ramona, dass sie vier Tage später, also am 15. Mai, mit dem Bus zwischen 13.30 Uhr und 14 Uhr nach Großschweidnitz kommen wollte, um ihren Freund Jörg Mehlkorn zu besuchen. Er hatte Ramona einmal ein Paar Turnschuhe und einen Niki-Pullover geschenkt. Außerdem wollte sie in der Klinik noch Geld abholen, das ihr angeblich zustand. Bei dem Gespräch in der Wäscherei sehen die Ermittler auch die Wäschesäcke, die dort verwendet werden. Sie entnehmen von unterschiedlichen Säcken vier verschiedene Stoffproben und lassen sie von der Kriminaltechnik untersuchen – ohne brauchbares Ergebnis.
In den Listen der Tagesausgänge stellen die Ermittler fest, dass Jörg Mehlkorn, am 15. Mai gemeinsam mit anderen Patienten einen Ausflug nach Zittau unternommen hatte. Sie waren im Zirkus. Anhand der Liste können sie jedoch nicht erkennen, wann er wieder in der Klinik zurück war. Ehe sie mit ihm reden, versuchen die Ermittler mehr über diesen Mehlkorn zu erfahren. Sie ermitteln, dass Mehlkorn und Mißbach in der Vergangenheit stets gemeinsam Ausgang hatten. Auch am 14. Mai, dem Tag, an dem die junge Frau verschwand, waren beide erst um 20.10 Uhr wieder in der Klinik. Mehlkorn wollte sich an dem Tag einen Wohnberechtigungsschein für die Städte Löbau oder Bautzen besorgen, um später mit Ramona Junga zusammenwohnen zu können. Jörg Mehlkorn stammt aus Görlitz. Er hatte im Vorjahr seine Mutter getötet. Wegen seiner seelischen Erkrankung hatte das Gericht ihn für schuldunfähig erklärt. In Görlitz war Mehlkorn, laut der Aussage seiner Schwester, seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen worden. Bei der Vernehmung zeigen die Kriminalisten Mehlkorns Schwester auch den geblümten Rock, mit dem die Leiche geknebelt war. Und die Zeugin sagt: „Ist das nicht der Rock meiner Mutter?“ Sie erzählt, dass ihre Mutter einen ähnlichen Rock besaß. Ihre Kleidungsstücke wurden nach ihrem Tod allerdings alle entsorgt, so dass dies nicht mehr geprüft werden kann. Als Warnatsch der Frau erklärt, dass der vorgezeigte Rock handgenäht ist und offenbar in Heimarbeit entstand, ist sie sich dann sicher, dass das Kleidungsstück doch nicht ihrer Mutter gehören kann. „Nee, meine Mutter war nicht in der Lage, einen solchen Rock zu nähen“, sagt sie.
Die Mordkommission hütet diese Spur. Sie soll nicht „verbrennen“, das heißt, das Wissen um diese Spur soll nicht unnötig nach außen dringen. Sie kann ein wichtiges Indiz auf das Milieu des Täters sein. Die Ermittler wissen, dass der Rock weder Ramona, noch ihrer Mutter gehörte. Deswegen wird er nur denen gezeigt, die Auskunft über seine Herkunft geben könnten.

Der geblümte Rock. In der Altkleidersammlung aufgelesen, landete er im Kleiderschrank des Mörders und wurde eher zufällig zum wichtigsten Indiz in dem Fall.
Die Mordkommission weiß, dass auf Jörg Mehlkorn ein Moskwitsch 4082 zugelassen ist. Die Ermittlungen ergeben aber, dass das Auto im Sommer 1989 nach einer Fahrt in die damalige Tschechoslowakei dort stehen gelassen und danach nie wieder gefunden wurde. Somit war Mehlkorn nicht mehr richtig mobil.
In einem Arztzimmer sitzt Frank Nicolaus eines Tages Jörg Mehlkorn gegenüber und sagt zum ihm: „So, so, da sind Sie also schon eine ganze Weile hier.“ Jörg Mehlkorn zeigt sich sehr aufgeschlossen und mitteilsam. Von Ramonas Tod habe er von einem Mitpatienten in der Kantine erfahren. In der Zeitung habe gestanden, dass sie in einem Sack nahe einer Brücke in Bautzen gefunden wurde. Er habe Ramona bei einer Tanzveranstaltung im vergangenen Jahr hier im Krankenhaus kennen gelernt, so Mehlkorn. Beide hätten Gefallen aneinander gefunden und sich fortan täglich getroffen. Daraus sei eine Liebesbeziehung entstanden. In einer leerstehenden Hütte auf dem Klinikgelände hätten sie sich hin und wieder zu einem „Schäferstündchen“ getroffen – zuletzt habe er am Donnerstag vor Ramonas Entlassung mit der jungen Frau dort geschlafen. Einmal habe er ihr ein Paar Turnschuhe für 25 D-Mark, ein anderes Mal ein Niki-Pullover für neun D-Mark geschenkt. Geld habe er Ramona aber nie gegeben. Öfters war er mit ihr in verschiedenen Gaststätten in Großschweidnitz. Außerhalb des Ortes sei er mit Ramona nie gewesen.
Nicolaus will wissen, wann er Ramona zum letzten Mal gesehen hat.
Jörg Mehlkorn scheint auf diese Frage gewartet zu haben. „Das war an dem Sonnabend, als sie hier entlassen wurde. Früh gegen sieben habe ich sie zum Bus gebracht. Zum Abschied habe ich ihr noch drei Nelken geschenkt.“ Am Mittwoch habe sie wiederkommen wollen, mit dem Mittagsbus. Er habe auf sie gewartet, aber sie sei nicht gekommen. Mit ihm habe die ganze Zeit auch Rainer Mißbach gewartet. Dann seien sie in den „Sächsischen Hof “ und schließlich nach Löbau gelaufen, um dort um 15 Uhr die Vorstellung im Zirkus Arena zu besuchen. Im Zirkus seien sie drei anderen Patienten begegnet.
„Gegen sechs sind wir wieder mit dem Bus nach Großschweidnitz gefahren“, sagt Mehlkorn.
Der 37-jährige Mehlkorn beschreibt Ramona als etwas labil, aber trotzdem für alles zugänglich. Man könne mit ihr „Pferde stehlen“. Sie wäre stets lustig und zum Lachen aufgelegt gewesen. Aber sie konnte auch eigensinnig sein. Mehlkorn sagt, er habe zuweilen befürchtet, dass sie sich auch schnell mit einem anderen Mann einlassen könnte. Aber festgestellt hätte er so etwas nie. Ramona hatte ihm von ihrem kubanischen Freund erzählt und auch, dass ein anderer Freund aus Bautzen sie schon mal ins Gesicht geschlagen hatte.
Während Mehlkorn erzählt, bekommt Nicolaus einen Anruf von Warnatsch, der zur selben Zeit im Krankenhaus verschiedene Leute befragt, die auch im Zirkus waren. „Hör mal, Nici, der Rainer Mißbach behauptet, er habe am Tage, als er die Karten für den Zirkus besorgt hat, die Junga vormittags in Großschweidnitz getroffen und wäre dann mit ihr in einem Taxi nach Löbau gefahren. Die Junga sei dann von Löbau nach Bautzen zurück. Ich habe das überprüft. Mißbach könnte die Karten am 13., 14. oder noch am 15. Mai abgeholt haben. Das Datum weiß er nicht mehr.”
Nicolaus hält Jörg Mehlkorn das vor. Der verzieht sein Gesicht und sagt: „Das Einzige, was stimmen könnte, ist, dass Rainer die Zirkuskarten besorgt hat.“ Alles andere bezweifelt Mehlkorn. Rainer hätte nie Geld für ein Taxi gehabt. Der würde sich immer mal was zusammenspinnen.
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Am nächsten Morgen, einem Freitag, klingelt früh das Telefon in der Morduntersuchungskommission. Am anderen Ende meldet sich der Stationsarzt aus Großschweidnitz, mit dem Nicolaus am Vortag gesprochen hatte. „Hören Sie, da hat doch Ihr Kollege gestern mit Rainer Mißbach gesprochen. Der Patient hat heute Morgen gegenüber dem Pflegepersonal völlig aufgelöst geäußert, dass er diese Ramona Junga umgebracht habe. Hat er Ihnen das gestern auch schon gesagt? Wissen Sie, jetzt sind wir hier alle sehr beunruhigt …“
Nicolaus läuft ein leichter Schauer über den Rücken. Sollte da wirklich was dran sein? Minuten später sitzen er und Warnatsch im Auto und fahren nach Großschweidnitz. Aber Mißbach ist wegen des ganzen Trubels hochgradig erregt und nicht vernehmungsfähig. Er weigert sich, seine Medikamente einzunehmen und will sich auch nicht in eine geschlossene Station verlegen lassen. Es stellt sich heraus, dass kein gerichtlicher Einweisungsbeschluss für Mißbach vorliegt. Er befindet sich freiwillig wegen einer Epilepsie-Behandlung im Krankenhaus. Mißbach kann erst nach fünf Tagen vernommen werden. Da ist er redselig und aufgeschlossen und erzählt, dass er von Ramonas Tod aus der „Sächsischen Zeitung“ erfahren hatte. Mißbach zeigt ein Polaroid-Foto, auf dem er mit Ramona Junga zu sehen ist. Eine Krankenschwester hatte es im April oder Mai 1991 in der Klinik aufgenommen. Alles, was er Warnatsch sechs Tage zuvor gesagt hatte, kann Mißbach nun nicht mehr einordnen, er verwechselt Personen und Wahrnehmungen, von denen er berichtet hatte. Nicolaus zieht die Stirn in Falten und fragt ihn: „Warum haben Sie dem Pflegepersonal gesagt, dass Sie Ramona Junga umgebracht haben? “
Mißbach fragt zurück: „Was soll ich gesagt haben?” Nicolaus: „Na, dass Sie Ramona Junga umgebracht haben.“
Mißbach: „Das habe ich nicht gesagt. Daran kann ich mich nicht erinnern.” Der Patient zeigt sich baff erstaunt.
Na prima, denkt Nicolaus und beeilt sich, das Gespräch zu beenden.
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Es ist der 12. Juni 1991, ein Mittwoch, als plötzlich alles anders werden soll in der Dresdner Schießgasse. Hauptkommissar Weidig haut die „Sächsische Zeitung“ auf den Beratungstisch der Morduntersuchungskommission und sagt: „So, das war`s. Wenn ihr den Artikel über den künftigen öffentlichen Dienst lest, wisst ihr, dass ihr euren Krempel hier zusammenpacken könnt. Die hohe Politik will uns rausschmeißen.” Weidig ist stinksauer. Der Artikel informiert über 47 Personengruppen, die auf Grund ihrer Tätigkeit in der DDR künftig als ungeeignet für den öffentlichen Dienst gelten sollen. Auch alle Mitarbeiter der ehemaligen „K 2” sollen dazugehören. Das bedeutet, die Ermittler der Mord- und Branduntersuchungskommissionen des Dezernates 2 aus der DDR-Volkspolizei stehen auf einer „schwarzen Liste“. Die Kollegen diskutieren wild durcheinander. Die Stimmung ist am Boden. Wer soll dann hier Morde bearbeiten, wenn alle MUK-Leute entlassen sind?
Warnatsch, Schulze und Nicolaus fahren an diesem Tag nach Bautzen, um weiteren Hinweisen nachzugehen und schreiben danach ihre Berichte. Dann ruft Nicolaus in Dresden in der MUK an. „Nicolaus hier. Hallo, Gert. Weißt Du, was der Staatsanwalt von mir möchte?“
Am anderen Ende antwortet Gert Weidig mit schwerer Stimme: „Ach Nici, lass doch den Staatsanwalt. Komm nach Hause. Du bist entlassen.“
Nicolaus kennt diese Stimmlage seines Lehrmeisters vom Feierabendbier, das sie gelegentlich zusammen trinken. Der gute Kollege scheint einen getrunken zu haben. Und das mittags und im Dienst!
Weidig sagt: „Warte mal, ich gebe Dir jemanden, der sitzt mir gegenüber.” Es meldet sich eine Stimme. Nicolaus kennt sie.
„Hallo Herr Nicolaus. Ich grüße Sie. Tut mir alles furchtbar leid. Ich wünsche Ihnen trotzdem alles Gute.“ Dann wird die Verbindung unterbrochen.
Frank Nicolaus ist wie vom Donner gerührt und sagt: „Leute, wir müssen sofort nach Dresden zurück. Irgendwas ist passiert. Gert redet von Entlassung, und offenbar sitzt die „Bild“-Zeitung auf meinem Stuhl.“ Nicolaus hatte die Stimme eines „Bild“-Reporters am Telefon erkannt. Als sie in der Schießgasse eintreffen, wabert Alkoholdunst durch die Räume der MUK und keiner ist mehr da. Am nächsten Tag berichtet „Bild“ Dresden vom „Streik der Mordkommission“, bei dem aller Ärger im Napoleon-Cognac ertränkt wurde. Kripochef Bernd Nüßgen bekommt wegen des Alkoholexzesses seiner Mordkommission einen ordentlichen Rüffel und schrammt knapp an einer saftigen Bestrafung vorbei. Die Politik indes lenkt eilig ein und stellt klar, dass sie nicht die Absicht hat, die Mitarbeiter der Mordkommissionen zu entlassen. Bei der Überprüfung der Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes werde jeder Einzelfall sorgfältig geprüft und nicht pauschal entschieden. Danach glätten sich die Wogen.
*
Im Juli 1991 erreicht die Mordkommission eine Information, die Nicolaus aufhorchen lässt. Sonnhild Walther und ihr Freund Robert Ziehmer waren in der Nacht zum 28. Juni von einer Polizeistreife im Gelände der Sero-Annahmestelle in der Zeppelinstraße gestellt worden. Sie hatten dort verwertbare Kleidungsstücke gesucht. Nicolaus schlägt vor, sich die Walther und vor allem den Ziehmer nochmals genauer anzusehen. „Die kramen da nachts in den Lumpen rum, dort wo unser Sack auch hergekommen sein könnte“, argumentiert er. Beide gelten im Mordfall Ramona Junga bisher als Zeugen. Nun wollen die Ermittler erreichen, dass sie sich in der Wohnung der beiden umsehen dürfen und ein paar Kopfhaare von ihnen bekommen – für einen Vergleich mit den Spuren an der Leiche und in dem „Leichensack“. All das geht nur mit dem Einverständnis der Zeugen.
Am 25. Juli wird das Pärchen fast zeitgleich vernommen. Sonnhild Walther wiederholt, was sie schon gesagt hat, ergänzt nichts und macht keine zusätzlichen Angaben. Sie habe Ramonas Mutter erst vor einigen Tagen getroffen. Der Mutter sei es unverständlich, dass die Polizei den Schubert hat wieder laufen lassen. Zur Sero-Annahme gehe sie mit ihrem Freund Robert nur wenn es dunkel ist, damit sie nicht gesehen werden. Dort hätten sie schon etliche brauchbare Sachen gefunden. Sonnhild Walther hat nichts dagegen, dass sich die Kripo in ihrer Wohnung umsehen möchte. Haare habe sie auch genug auf dem Kopf, um der Polizei ein paar überlassen zu können.
Frank Nicolaus knöpft sich Robert Ziehmer vor. Der verhält sich ruhig und beantwortet die Fragen eher wortkarg. Er ist seit Juli 1991 mit Sonnhild zusammen. Durch sie habe er Ramona Junga kennen gelernt, aber nur ein einziges Mal gesehen – damals in der alten Wohnung seiner Freundin. Von Ramonas Tod habe er von der Mutter des Opfers erfahren. Die hätte er mit Sonnhild zusammen in der Sparkasse getroffen. Er habe sich weniger Gedanken gemacht über den Mord an der jungen Frau. Aber Sonnhild hätte die nächste Nacht nicht schlafen können und habe keine Erklärung gefunden, wer hinter der Tat stecken könnte.
„Wie sieht es eigentlich mit Ihrem Alibi aus? Wissen Sie, was Sie vom 14. bis 16. Mai gemacht haben?“, fragt Nicolaus.
Ziehmer weiß, dass er am 14. Mai im Arbeitsamt war und abends mit Sonnhild in der Gartenkneipe „Erdenglück“, so bis gegen zehn Uhr. Das wisse er von Sonnhild, denn die hatte das schon früher der Polizei gesagt. Zum 15. und 16. Mai kann er keine Angaben machen.
Nicolaus fragt: „Wir wissen, dass Ramona Junga am 14. Mai nach 17 Uhr zu Ihrer Freundin Sonnhild gehen wollte. Ist sie bei Ihnen angekommen?“
Da rutscht Ziehmer auf seinem Stuhl nach vorn und sagt, er wisse von Ramonas Mutter und auch von Sonnhild, dass Ramona kommen wollte. „Es könnte sein, dass sie tatsächlich bei uns war. Wir waren aber nicht da. Es könnte auch sein, dass sie in der alten Wohnung von Sonnhild war.“
Klingt alles plausibel. Nicolaus kann Ziehmer nicht in Verlegenheit bringen und wechselt das Thema. „Was wollten Sie nachts in der Sero-Sammelstelle?” Ziehmer fällt es nicht schwer, sich selbst zu belasten, er räumt den versuchten Diebstahl sofort ein und erzählt, dass sie noch brauchbare Sachen suchen wollten. Ziehmer klagt, dass das Arbeitslosengeld nicht reiche. Am Tag bei Sero nachzufragen, sei ihnen aber peinlich gewesen. So seien sie nachts durch ein Loch im Zaun aufs Gelände gekommen. „Wir haben dort schon mehrmals Anoraks, Hosen und anderes in große Plastiksäcke gesteckt und mitgenommen“, sagt er.
„Haben Sie auch Stoffsäcke mitgenommen?“, fragt Nicolaus.
„Nein, haben wir nicht.“, antwortet Ziehmer.
Auch Sonnhilds Freund überlässt den Polizisten freiwillig ein paar seiner Kopfhaare und sagt nur: „Wenn es Ihnen weiterhilft.” Nicolaus zupft dem Zeugen einige Haare an verschiedenen Stellen vom Kopf. Der Zeuge lässt es über sich ergehen. Nicolaus hat ein eigenartiges Gefühl. Irgendwie ist dieser Ziehmer unnahbar.
Das Paar gestattet den Kriminalisten einen Blick in die Zwei-Raum-Wohnung direkt unter dem Dach des Mehrfamilienhauses in der Fabrikstraße. Sie ist mit teilweise abgenutzten und altmodischen Möbeln ausgestattet, macht aber einen ordentlichen und sauberen Eindruck. Die Oberkommissare Thomas Günther und Frank Nicolaus dürfen sich in allen Räumen einen Eindruck verschaffen. Sie suchen nach Besonderheiten. Was ihnen auffällt, dürfen sie nur in Augenschein nehmen. Schon wenn sie einen Schrank öffnen möchten, brauchen sie in diesem Fall die Zustimmung der Wohnungsbesitzer. So bleibt ihr Eindruck unvollständig. Auf dem Hausboden finden sie einen braunschwarzen Kunststoffsack mit ausrangiertem Hausrat. Er stamme von der Sero-Stelle, sagen die Zeugen. Andere Säcke sind nicht zu finden.
*
Das Jahr 1992 ist bereits eineinhalb Monate alt. Das Bezirkskriminalamt Dresden trägt seit dem 1. Juli 1991 die Bezeichnung Landespolizeidirektion Dresden, die Mordkommission ist quasi aufgelöst. Ihr Personalbestand, soweit noch vorhanden, ist in das neue Dezernat Sonderfälle/Umwelt integriert. Leiter des Dezernates ist Kriminalhauptkommissar Christian Krebs. Frank Nicolaus hat am 17. Februar 1992 Leitungsdienst, einem Montag, und muss zum morgendlichen Rapport beim Chef der Kripo, Kriminalrat Bernd Nüßgen. Der verliest die Kurzberichte der schweren Straftaten vom vergangenen Wochenende im Regierungsbezirk Dresden. Nicolaus ist mit seinen Gedanken woanders. Seit Dezember hat er den ungeklärten Dreifachmord an der türkischen Familie Bildik in Dresden auf dem Tisch. Die jungen Eheleute und ihre vierjährige Tochter wurden wenige Tage vor Weihnachten auf brutalste Weise ermordet, und Nicolaus kommt bei der Aufklärung nicht voran. So hört er an diesem Morgen halb im Unterbewusstsein, wie Bernd Nüßgen von einer schweren Vergewaltigung in Bautzen berichtet und sagt: „Ein gewisser Robert Zieger hat im Keller seines Wohnhauses in der Fabrikstraße die 83 Jahre alte Käthe Mehnert vergewaltigt. Böse Geschichte.“
Als Nicolaus den Namen hört, verfliegen seine Gedanken an den Bildik-Mord und er fällt seinem Chef, noch immer halb abwesend, ins Wort: „Der heißt nicht Zieger, sondern Ziehmer.” Nicolaus ahnt sofort, da liegt ein Schreibfehler vor.
„Hier steht Zieger”, sagt der Chef, klopft mit dem Zeigefinger auf den Lagebericht und fragt: „Wieso Ziehmer? Kennst Du den?“
„Na und ob. Weißt Du nicht, wer das ist?“
Als Kripochef kennt Nüßgen natürlich nicht jede Einzelheit aus den vielen Vorgängen seiner Mitarbeiter. Nicolaus berichtet kurz über Robert Ziehmers Rolle in der Mordsache Junga.
„Dann hakt da nach“, ordnet Nüßgen an.
Im Mordfall Ramona Junga halten Günther Warnatsch und Jens Dörfel zu dieser Zeit die Fäden in der Hand. Sie beschaffen die Informationen zu der Bautzener Vergewaltigung und erfahren, dass der Verdächtige tatsächlich Robert Ziehmer ist. Am nächsten Tag klingeln Warnatsch und Dörfel gegen Mittag an Ziehmers Wohnungstür und treffen Sonnhild Walther an. Sie bitten sie, mit in die Kripo-Dienststelle Bautzen zu kommen. Sonnhild Walther ist einverstanden, denn sie ist jetzt richtig wütend auf ihren Freund. Was er ihr angetan habe, schimpft sie. „Na, und der alten Frau erst.“ Sie begreift nicht, was im Kopf ihres Lebenspartners vorgegangen ist. Sie selbst sei Robert gegenüber nie abweisend gewesen, sagt Sonnhild. Und abartige Neigungen beim Sex habe sie bei ihm nie festgestellt.
Sonnhild Walther erzählt den Kriminalisten, wie sie Robert im Juni 1990 kennen lernte. Damals wohnten sie in der gleichen Straße, nur eine Hausnummer voneinander entfernt. Ende April 1991 gab sie ihre Wohnung auf und zog zu ihm. Bis Februar 1991 hatten beide als Reinigungskräfte im Arbeitsamt und beim Rat der Stadt Bautzen gearbeitet. Danach waren sie ohne Arbeit, und es begann der Müßiggang.
Warnatsch will wissen, ob Sonnhild sich vorstellen kann, dass ihr Freund noch andere schwere Straftaten begangen haben könnte. Er schaut die Zeugin durchdringend an. „Nein. Ich liebe meinen Freund“, entgegnet sie. Warnatsch sagt ihr, dass er damit den Mord an Ramona Junga meint. „Nein, dass würde ich ihm nicht zutrauen“, sagt sie wieder. Sie glaube nicht, dass ihr Freund Ramona nach der einen Begegnung in ihrer Wohnung jemals wieder getroffen hat. Warnatsch holt einen durchsichtigen Plastikbeutel aus seiner Tasche. Darin befindet sich die Spur 2 im Mordfall Junga – der geblümte Rock. „Sehen Sie sich das mal an!“
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