Kitabı oku: «Teufelskatz»

Yazı tipi:

Kaspar Panizza

Teufelskatz

Frau Merkel und das fliegende Spaghettimonster


Zum Buch

Das fliegende Spaghettimonster Der Mord an einem Expriester und der tödliche Unfall von dessen Mutter scheinen für Steinböck und sein Team schnell gelöst zu sein. Doch dann taucht der mysteriöse Abschiedsbrief eines sterbenden Pfarrers auf, der aus Gewissensbissen bereit ist, das Beichtgeheimnis zu brechen. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es eben noch schien. Steinböck versucht, den jahrzehntealten Sumpf aus Mord und Vertuschung aufzuklären, doch einige Fragen geben dem Kommissar Rätsel auf. Wieso zum Teufel wird auf einmal der Erzbischof entführt? Als wäre das nicht schon genug, trifft er auch noch auf einen Polizeipsychologen, der seinen Platz sowohl vor als auch auf der Couch zu haben scheint, und die seltsame Gruppe der Pastafaris, Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters. Und dann wäre da noch Kommissar Steinböcks Katze Frau Merkel, die die regelmäßigen gemeinsamen Fernsehabende nun lieber mit seiner Nudligkeit auf der Mülltonne hinter dem Haus verbringt. Nichts desto trotz löst er mit Hilfe von Ilona Hasleitner und Emil Mayer jr. auch diesen Fall.

Kaspar Panizza wurde 1953 in München geboren. Den Autor, der aus einer Künstlerfamilie stammt, prägten Arbeiten seines Vaters, eines bekannten Kunstmalers, sowie die Bücher seines Urgroßonkels Oskar Panizza. Nach dem Pädagogikstudium machte Panizza eine Ausbildung zum Fischwirt, erst später entdeckte er seine Liebe zur Keramik. Nach abgeschlossener Ausbildung mit Meisterprüfung arbeitete er zunächst als Geschirrkeramiker und später als Keramikkünstler im Allgäu. 2004 übersiedelte er nach Mallorca, wo er eine Galerie mit Werkstatt betrieb und zu schreiben begann. Seit 2009 lebt der Autor in Ribnitz-Damgarten an der Ostsee und betreibt dort zusammen mit seiner Ehefrau ein Keramik-Atelier.

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Grantlkatz (2020)

Glückskatz (2019)

Teufelskatz (2017)

Saukatz (2016)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Fotos von: © wolive / fotolia.com

und © kwasny221 / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5532-2

Widmung

Für Johanna und Louis.

Und natürlich für meine Katze Lola,

die mich immer noch inspiriert.

Vielen Dank an Christel, Leila und Stefan,

für ihre Unterstützung.

Prolog

Als Franz Gruber zur Tür ging, ahnte er natürlich nicht, dass er nur noch wenige Minuten zu leben hatte. Er war bester Laune, denn in nicht einmal zwei Wochen würde er im Flieger nach New York sitzen. Ein Jahr lang wollte er den ganzen Kontinent bereisen. Von der Nordküste Kanadas bis Feuerland. Doch das war alles nur hypothetisch. In Wirklichkeit würde die Anzahl seiner Herzschläge nicht einmal mehr die Tausend erreichen. Aber darüber machte sich Franz Gruber natürlich keine Gedanken. Er überlegte kurz, ob er die Tür überhaupt öffnen sollte. Denn noch erwartete er niemanden. Die Reporterin sollte erst gegen 20 Uhr kommen. Aber vielleicht hatte sie es eher geschafft. Er wollte ihr von dieser Geschichte erzählen, mit der er sich gerade befasste, einer schmutzigen Geschichte, und er hatte nicht mehr die Zeit, sich weiterhin damit zu beschäftigen.

Der Mann vor der Tür war ein Riese. Er trug einen langen hellen Trenchcoat und überragte Gruber, der selbst 1,90 Meter groß war, um einen halben Kopf. Den Mantel hatte er in der Hüfte mit einem Gürtel zusammengezogen, und auf dem Kopf trug er einen Hut. Gruber merkte gleich, wer dort Vorbild war. Eindeutig Humphrey Bogart, nur in XXL. Sein Gesicht hatte während der Pubertät wohl eine schlimme Akne mitgemacht, nichtsdestotrotz machte es einen freundlichen Eindruck auf Gruber, was wohl mit dem Grinsen zu tun hatte, das zwei Reihen perfekter weißer Zähne zeigte.

»Herr Gruber?«, fragte er. »Grüß Gott, mein Name ist Ron Mueller. Ich komme in einer wichtigen Angelegenheit zu Ihnen.« Dann streckte er ihm die Hand hin. Und obwohl der Mann Handschuhe trug, was für diese Jahreszeit, Mitte Mai, ungewöhnlich war, reichte ihm Gruber, ohne zu zögern, die seine. Es war weniger der Stich in der Handfläche, der ihn überraschte, als die Tatsache, dass ihn der Mann mit dem Narbengesicht unsanft zurück in die Wohnung schob. Mit dem Fuß nach hinten tretend, kickte er die Tür zu. Nun war es an Gruber, sich endlich zu wehren. Er riss sich los und versuchte nach dem Mann zu schlagen. Erstaunt stellte er fest, dass seine Hand vollkommen taub war, selbst den Arm konnte er nicht mehr heben. Als er schreien wollte, fühlte er, dass die Taubheit bereits seine Zunge erreicht hatte und jetzt langsam den Hals hinunter zum Herzen kroch. Panik machte sich in ihm breit. Für einen kurzen Moment versuchte er, an etwas Schönes zu denken. Mit der Harley auf dem Highway 66 durch die USA. Nur ein ganz kurzer Gedanke, dann krallte sich eine riesige Pranke um sein Herz, und als der höllische Schmerz kam, wusste er, dass es vorbei war. Der Mann im hellen Mantel fing Gruber auf, bevor dieser zu Boden stürzen konnte, und trug ihn wie ein kleines Kind zum Sofa. Dann ging er zum Tisch hinüber, griff sich Franz Grubers Laptop und steckte ihn in einen weißen Stoffbeutel, den er aus seiner Manteltasche zog. Anschließend machte er einen Rundgang durch die Wohnung und stellte fest, dass es wohl keinen weiteren Computer gab. Einen leicht lädierten Camcorder aus dem Regal packte er vorsichtshalber dazu. Schließlich kehrte er zu Gruber zurück, drückte mit seinen behandschuhten Fingern auf dessen Hals und grinste zufrieden. Kein Puls. Er drehte die Hand des Toten, begutachtete den Einstich und zog die winzige Nadel heraus, die noch immer im Handballen steckte. Aus der anderen Manteltasche holte er ein Wundspray und ein Pflaster. Da er auf keinen Fall seine Handschuhe ausziehen wollte, löste er das Schutzpapier des Hansaplasts mit den Zähnen, desinfizierte die Wunde und klebte das Pflaster darüber. Obwohl er bezweifelte, dass irgendjemand etwas anderes als einen Herzinfarkt diagnostizieren würde, verstaute er alles, was er mitgebracht hatte, sorgfältig in der weißen Stofftasche. Dann glitt sein Blick noch einmal durchs Zimmer, bevor er zur Tür ging. Wie Gruber weniger als tausend Herzschläge zuvor, ahnte auch er zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er nur noch wenige Tage zu leben hatte.

Gebot

Mir wär’s wirklich lieber, du würdest dich nicht wie ein oberheiliger Heuchler aufspielen, wenn du meine nudelige Güte beschreibst. Wenn irgendwelche Leute nicht an mich glauben, ist das echt okay. Ich bin nicht so eitel. Außerdem: Es geht nicht um diese Leute, also weich nicht vom Thema ab.

Erstes Gebot der Religion des fliegenden Spaghettimonsters.

Sonntag

Natürlich war Hauptkommissar Steinböck von der Münchner Mordkommission klar, dass es keine gute Idee war, Frau Merkel zu Thomas Klessels Einladung zum Abendessen mitzubringen. Aber Klessel, Pathologe und guter Freund Steinböcks, hatte darauf bestanden, die Katze dabeizuhaben. Schließlich hatte er einen spanischen Abend versprochen und glaubte, dass auch die Katze, die aus Mallorca kam, sich darüber freuen würde. Abgesehen davon, dass ein echter Mallorquiner sich nicht gerade als Spanier fühlte, lebte Frau Merkel schon seit ihrer Katzenkindheit in München und zog die Weißwurst einer Chorrizo vor. Den Namen, den sie von Steinböcks ehemaliger Vermieterin bekommen hatte, konnte sie partout nicht leiden. Und so nannte sie der Kommissar je nach Stimmungslage entweder ›Katze‹ oder ›Frau Merkel‹.

»Mussten wir wirklich hierherkommen?«, schimpfte die Katze. »Klessel hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich glaube, der schnüffelt an seinem Formalin. Schau dir doch alleine die Vorspeise an. Tomaten mit Mozzarella und Basilikum. Der Kerl ist doch völlig irre.«

»Ich weiß gar nicht, was du hast. Mir hat’s gut g’schmeckt«, antwortete Steinböck lachend.

»Sag mal, bist du genau so doof? Rot, Weiß, Grün, das sind die Farben von Italien. Das ist eine typische italienische Vorspeise. Bis auf den dunklen Balsamicoessig, den er draufgepanscht hat, das ist wiederum typisch deutsch.«

Die Tür zur Küche öffnete sich und Klessel stellte eine kleine Porzellanschüssel auf den Boden.

»Voilà, eine Dose Thunfisch für unseren spanischen Gast!«

»Jetzt spricht er auch noch Französisch«, motzte Frau Merkel und sprang auf Steinböcks Knie.

»Sieh nach, ob der Thunfisch delfinfreundlich gefangen wurde!«

»Sieh doch selber nach«, murrte Steinböck.

»Du sprichst mit der Katze«, stellte Klessel verschmitzt fest.

»So ein Quatsch, kein Mensch kann mit Tieren sprechen.«

Klessel grinste immer noch, als er einen silbernen Flachmann aus seiner Sakkotasche holte und vorsichtig den winzigen Deckel füllte. Dann kippte er den Inhalt genussvoll hinunter und beendete die Zeremonie mit einem Schütteln seiner Schultern.

»Übrigens, der Thunfisch ist von Aldi«, sagte er, während er den Deckel wieder andächtig zuschraubte.

»Sag mal, was hast’ denn diesmal in deiner Pulle?«

Klessel musterte seinen Flachmann.

»Na, Formalin, aber vom Feinsten.«

»Ich hab’s dir ja gesagt, der Kerl ist verrückt«, meinte die Katze, sprang von Steinböcks Knie herunter und machte sich über den Thunfisch her.

»In fünf Minuten ist die Paella fertig«, sagte der Pathologe, drehte sich um und verschwand wieder in der Küche.

»Wetten, jetzt kommt er gleich mit einer Schüssel Risotto«, maulte Frau Merkel, ohne jedoch mit dem Fressen aufzuhören. Die Paella stellte sich jedoch wirklich als eine solche heraus und der weitere Abend verlief durchaus harmonisch, bis dieser ominöse Anruf kam. Klessel lauschte mehrere Minuten, grunzte ab und zu auf die ihm typische Art und schrieb schließlich etwas auf einen Zettel.

»Gut, warte auf mich. Ich bin in einer halben Stunde da.«

Steinböck sah ihn fragend an.

»Ein Freund von mir, Toni, mein Hausarzt. Man hat ihn zu einem seiner Patienten gerufen. Ein Herzinfarkt. Der Mann ist tot und Toni hat Zweifel beim Ausfüllen des Totenscheins. Er hatte den Mann erst vor wenigen Wochen einem Komplett-Check unterzogen, weil dieser eine Reise durch die USA und Südamerika plante. Er sagt, der Mann habe die Konstitution eines 20-Jährigen gehabt. Er möchte, dass ich mir den Toten ansehe. Kommst du mit?«

»Natürlich, was soll ich auch hier allein«, sagte Steinböck und stupste die Katze an, die sich inzwischen auf dem Sofa zusammengerollt hatte. »Ein Notfall, und dich müssen wir wohl oder übel mitnehmen.«

»Was für ein Scheiß-Abend«, raunzte sie und machte einen gewaltigen Buckel.

*

Anja Gruber blickte fasziniert in die Tiefe. Das Gurgeln und Tosen des Wassers hallte von den glatten Felswänden, die nahezu senkrecht nach unten reichten, zurück. Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand und zu dieser Jahreszeit eine enorme Kraft hatte, war es zwischen den Felswänden und auf den Wegen, die fast immer im Schatten lagen, empfindlich kühl. Eifrig erklärte sie dem jungen Mann neben ihr die Entstehung der Klamm. Dieser wirkte unaufmerksam. Immer wieder drehte er sich zu seiner Mutter um, die sich fröstelnd in eine sonnige Ecke zurückgezogen hatte. Kein anderer Besucher war im Moment zu sehen. Anja Gruber richtete den Camcorder auf die rothaarige Frau. Bereits am Eingang hatten sich die beiden Anja Gruber angeschlossen. Gerne erklärte sie ihnen die Geschichte und Entstehung der Klamm. Das war schließlich nicht ihr erster Besuch in der Breitachklamm und, wie sie glaubte, sicherlich auch kein Beinbruch, den Fremdenführer für die beiden zu spielen. Das stellte sich jedoch bald als fataler Irrtum heraus, wobei das gebrochene Bein noch eine der harmloseren Verletzungen war, nachdem der junge Mann sie plötzlich nach hinten riss und sie diesen langen Weg nach unten stürzte.

*

Zehn Minuten später waren Steinböck und Klessel auf der Straße. Da beide schon ein paar Gläser Wein intus hatten, beschlossen sie, ein Taxi zu nehmen. Ein junger Mann, vermutlich Student, mit Dreiviertellederhose und einem Wust hochgesteckter Rastalocken, der die Größe eines Basketballs hatte, erwartete sie schon.

»Mei, der Bob Marley für Bergler«, meinte Frau Merkel, die auf Steinböcks Arm saß, sarkastisch.

»Die Katz kimmt ma fei ned in Fahrgastraum. Die kennt’s in Kofferraum sperren«, sagte der junge Mann geschäftig.

Steinböck hielt ihm seinen Polizeiausweis unter die Nase und meinte ernst: »Die Katz ist eine ausgebildete Drogenkatze und bei der Münchner Polizei angestellt. Willst wirklich, dass die den Kofferraum untersucht oder vielleicht sogar deine Klamotten?«

»Ja, ja, typische Polizeiwillkür, immer feste drauf aufs Proletariat«, brummte der Fahrer, als er sich wieder hinters Steuer setzte. »Und dass die Herrn Polizisten des Anschnallen ned vergessen.«

Die Fahrt nach Sendling dauerte eine Viertelstunde. Das Taxi hielt vor einem mehrstöckigen Haus. Zwei Sanitäter stiegen gerade in einen Krankenwagen. Klessel versuchte sie aufzuhalten.

»Mir ham koa Zeit nimmer. Wenn der in die Pathologie muas, dann müsst’s erm selber hinbringen«, sagte der Fahrer, kurbelte das Fenster hoch und fuhr davon. Erst fluchte Klessel, weil die Sanis verschwanden, dann Steinböck, weil es in den vierten Stock ging und wie üblich der Lift außer Betrieb war. Das geräumige Treppenhaus war typisch für die 60er-Jahre: Glasbausteine bis zur Decke und davor der obligatorische Ficus. Die Treppen aus hellem Kunstmarmor und das Geländer aus Schmiedeeisen mit einem breiten hölzernen Handlauf, der sich ideal zum Runterrutschen eignen würde, hätte nicht die Hausverwaltung nachträglich alle zwei Meter eine faustgroße Eisenkugel anbringen lassen. Im zweiten Stock sagte die Katze zum schwer schnaufenden Kommissar: »Lass mich lieber runter, ich versuch, ob ich den Krankenwagen zurückholen kann.«

Einen kurzen Moment überlegte er, ob er Frau Merkel das Treppenhaus hinunterwerfen sollte, dann setzte er sie unsanft vor sich auf den Stufen ab. Klessel war inzwischen schon oben. Als Steinböck endlich den vierten Stock erreicht hatte, ging der Wahnsinn erst richtig los. Da stand Sabine Husup, die Reporterin, die wieder reumütig zu ihrem Onkel und dem Abend-Journal zurückgekehrt war, und neben ihr ein untersetzter Mann Mitte 40, der ein metallenes Nudelsieb auf dem Kopf trug.

»Herr Kommissar, was machen Sie denn hier? Hat der Tod von Herrn Gruber etwas mit einem Verbrechen zu tun?«, flötete sie scheinheilig.

»Und was machen Sie hier?«, stellte Steinböck die Gegenfrage.

»Ich hätte um acht eine Verabredung mit Herrn Gruber gehabt. Und als er die Tür nicht öffnete, traf ich hier zufällig seinen Nachbarn. Er sagte mir, dass Gruber zu Hause sein müsste, und außerdem war Musik zu hören. Herr Keller hat einen Schlüssel, und dann haben wir ihn hier auf dem Sofa liegend aufgefunden.«

»Und Sie haben nichts angerührt?«

Die kleine Frau stemmte die Fäuste in die Hüften, und noch ehe sie etwas sagen konnte, war der Kommissar neben ihr.

»Hat der an Schlag weg?«, fragte er Husup leise und deutete auf den Nachbarn, der versuchte, einen Blick in Grubers Wohnung zu werfen.

»Warum?«, fragte sie.

»Der hat doch ein Nudelsieb auf dem Kopf.«

»Das ist bei den Pastafaris durchaus üblich.«

Steinböck atmete tief durch und schloss dabei die Augen. Entnervt sagte er: »Kommen ’S morgen in mein Büro, dann schau ich, was ich Ihnen für Informationen geben kann. Und kommen ’S bloß ned auf die Idee, a Foto von dem Toten zu veröffentlichen. Sie ham ihn doch bestimmt fotografiert, mit Ihrem Smartphone.« Dabei deutete er auf das Teil, das für ihre kleinen Hände eindeutig zu groß war.

»Natürlich, und ob ich etwas veröffentliche, das bestimme ich immer noch selber.«

»So, wirklich?«, meinte Steinböck und nahm ihr blitzschnell das Gerät aus der Hand. »Morgen, bei mir im Büro können ’S es wiederhaben.«

»Damit kommen Sie nicht durch«, schrie sie wütend.

»Und ob, das ist ein Beweisstück.« Dann schloss er schnell die Tür und ließ die verdutzte Reporterin im Gang zurück. Kurz überblickte er die offen gehaltene Wohnung. So weit das Auge reichte, Bücherregale. Klessel und der Hausarzt waren beide über den toten Franz Gruber gebeugt und untersuchten ihn. Die Katze stand neugierig daneben und schnupperte in die Luft.

»Der riecht komisch, sehr komisch«, sagte sie zu Steinböck.

»Also ich kann auf Anhieb nichts finden«, murmelte Klessel und betrachtete die Unterseite von Grubers Zunge. »Was meinst du, Steinböck, was sagt dein Bauch?« Der Kommissar schaute noch einmal die Katze an, dann brummte er leise: »Wir nehmen ihn mit. Die SpuSi schicken mir morgen hierher. Passt’s auf, dass ihr keine Spuren verwischt. Und Sie!«, sagte er zu Toni, dem Hausarzt, »Kommen ’S bitte morgen im Revier vorbei, damit wir Ihre Fingerabdrücke nehmen können. Thomas, kümmer’ dich um den Abtransport, ich schau nach, ob ich das Nudelsieb noch erwisch.«

Steinböck hatte Glück. »Harry Potter für Arme«, wie er die kleine Reporterin mit dem Bubikopf und der Nickelbrille immer nannte, war bereits verschwunden. Obwohl sie ihm furchtbar auf die Nerven ging, hatte sie doch seinen Respekt verdient. Nachdem sie im letzten Jahr den Mut hatte, den Skandal um eine Münchner Pharmafirma, die dubiose Medikamententests mit ehemaligen DDR-Häftlingen gemacht hatte, in einem großen Magazin zu veröffentlichen, hatte sie sich einige Feinde in der Stadt gemacht.

An der gegenüberliegenden Tür war ein großes glänzendes Messingschild angebracht.

»Mike von Schweinitz«, las er, und darunter stand: »Bruder Tortellini«.

Der Mann mit dem Nudelsieb auf dem Kopf öffnete die Tür, bevor Steinböck den Klingelknopf drücken konnte.

»Herr Kommissar, ich habe Sie schon erwartet. Kommen Sie herein.«

Kurz überlegte Steinböck, was ihn wohl erwarten würde. Vielleicht Poster von Untertassen oder Kugeln aus zusammengeknülltem Alupapier, die von der Decke hingen? Aber nichts davon war zu sehen. Die Wohnung wirkte völlig normal, wenn da nicht der Mann mit dem Nudelsieb gewesen wäre, der sich ihm gegenüber am Küchentisch niederließ.

»Also, Herr Kommissar, was wollen Sie wissen?«

Steinböck deutete mit dem Finger auf den Kopf seines Gegenübers. Dieser lachte laut auf und sagte dann: »Ich bin ein überzeugter Pastafari, und das Nudelsieb ist sozusagen meine religiöse Kopfbedeckung.«

Steinböck hatte das Gefühl, ein äußerst doofes Gesicht zu machen, und beschloss, sich mit dieser Erklärung zufriedenzugeben. Als er die nächste Frage stellte, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen.

»Ihr Nachbar, Herr Gruber, war der auch ein Pastafari?«

»Nicht unbedingt, aber er stand unserer Idee sehr positiv gegenüber. Er wollte sich auf seiner USA-Reise sogar mit Bob Henderson treffen.«

»Wer bitte ist Bob Henderson?«

»Bob Henderson ist der Gründer der Religion des fliegenden Spaghettimonsters.«

»Des fliegenden Spaghettimonsters«, murmelte Steinböck leise vor sich hin. Dann gab er sich einen Ruck und wechselte das Thema.

»Also gut. Hatte Herr Gruber heute Abend Besuch? Ist Ihnen jemand aufgefallen?«

»Nein, ich bin gegen 19 Uhr nach Hause gekommen. Ich hörte leise Musik aus seiner Wohnung, also bin ich davon ausgegangen, dass er zu Hause ist. Gegen acht klingelte dann die Reporterin. Sie sagte, sie habe einen wichtigen Termin mit Gruber, und fragte, ob ich Näheres über seinen Aufenthalt wisse. Na ja, wir haben dann geklopft und geklingelt. Schließlich hab ich seinen Schlüssel geholt. Wir fanden ihn leblos auf der Couch. Ich hab sofort unseren Hausarzt angerufen.«

»Sie haben einen Schlüssel zu seiner Wohnung?«, unterbrach ihn Steinböck.

»Ja, ich sollte mich um seine Wohnung kümmern, während er durch Amerika reisen würde.«

»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal lebend gesehen?«

»Das war heute Morgen, bevor ich das Haus verließ. Wir unterhielten uns kurz und er sagte, dass er noch eine Menge zu erledigen habe. Er erwähnte auch die Reporterin, die ihn heute Abend besuchen wollte.«

»Warum er die Reporterin sprechen wollte, hatte er Ihnen nicht gesagt?«

»Nein, aber es war offensichtlich eine unangenehme Sache. Etwas schien ihn sehr zu bedrückten.«

»Eine Frage noch, was hat das Nudelsieb mit Ihrem Glauben zu tun?«

»Ganz einfach, ich möchte, dass es als religiöse Kopfbedeckung anerkannt wird und ich es auf meinem Führerscheinfoto tragen darf.«

»Aber des ist doch Schwachsinn«, polterte Steinböck.

»Genau, Herr Kommissar, das ist Schwachsinn.«

Nun verstand Steinböck gar nichts mehr. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Gut, können Sie morgen im Laufe des Tages zu uns in die Ettstraße kommen? Dann nehmen wir ein Protokoll auf.«

»Gerne. Übrigens«, dabei rückte er das Spaghetti-Sieb auf seinem Kopf zurecht, »ist es bei der Münchner Polizei üblich, dass die Kommissare zusammen mit schwarzen Katzen, ermitteln?«

Steinböck blickte irritiert auf Frau Merkel, die er die ganze Zeit auf den Armen getragen hatte. Diese grinste und zog die Mundwinkel nach unten.

»Touché«, sagte sie, sprang herunter und lief auf die Tür zu. »Ich laufe lieber, es sind ja schließlich vier Etagen.«

*

Wenn möglich, versuchte der Junge nachts nicht mehr zur Toilette zu gehen. Aber wenn er es nicht vermeiden konnte, schlich er sich barfuß aus dem Schlafraum, um keinerlei Geräusche zu machen. Meist passierte nichts und er huschte danach vorbei an den schlafenden Kommilitonen zurück in sein Bett. Auch diesmal schien alles gut zu gehen. Bis er die Toiletten-Kabine verließ. Plötzlich erlosch das Licht und jemand rief leise seinen Namen. Er hielt den Atem an und hoffte, dadurch unsichtbar zu werden. Vergeblich. Der Lichtstrahl einer Taschenlampe leuchtete ihm direkt ins Gesicht. Der Junge kniff die Augen zusammen, doch bevor er etwas erkennen konnte, hatte ihm der Mann die Kapuze übers Gesicht gezogen. Dann schaltete er das Licht an. Nicht, dass der Junge etwas gesehen hätte – es war mehr die Wärme, die er auf seiner Haut zu spüren glaubte und die ihm die Gewissheit gab, dass es wieder passieren würde. Obwohl der Mann jetzt beruhigend in einer fremden Sprache auf ihn einredete, kam Panik in dem Jungen auf. Er kannte den Ablauf. Ein paar Minuten musste er das Ding des Mannes bearbeiten, dann würde dieser das Licht wieder ausschalten, ihn zum Waschbecken führen, das Wasser aufdrehen und ihm die Kapuze herunterziehen. Dabei würde er weiter in der fremden Sprache sprechen und nur einen deutschen Satz einfügen: »Wenn du ein Wort sagst, wird deine Mutter sterben.« Der Mann würde unerkannt die Toilette verlassen, der Junge sich minutenlang die Hände waschen, um dann zurück in sein Bett zu schleichen und sich in den Schlaf zu weinen.

Doch diesmal war alles anders. Der Mann zog ihm die Schlafanzughose herunter, drehte ihn um und versuchte, in ihn einzudringen.

Schreiend erwachte er aus dem Schlaf. Zehn Jahre hatte er diesen Traum mehrmals die Woche gehabt, und dann wurde es immer weniger. Er dachte, er wäre darüber hinweg. Weitere 20 Jahre hatte er nicht mehr davon geträumt, bis diese E-Mail kam, und mit ihr war auch der Traum wieder da.

*

Montag

Nachdem Steinböck sich eine Zigarette gedreht hatte, setzte er sich mit einer Tasse Kaffee in den Korbstuhl und stellte fest, dass er Maxi Müllers Marihuanapflanzen unbedingt gießen musste. Nachdem Maxi Müller wegen zweifachen Totschlags zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden war, hatte Steinböck auf ihren Wunsch die Wohnung gewechselt, um sich besser der Pflanzen in ihrem Wintergarten annehmen zu können. Dazu hatte man ihre Möbel in seiner ehemaligen Wohnung abgestellt, und er war dafür mit seinen Sachen bei ihr eingezogen. Dafür hatte er versprochen, sich um ihre Pflanzen zu kümmern.

Während er seinen Gedanken und Tagträumen nachhing, war die Katze durch die offene Gewächshaustür hereingekommen, sprang auf den wackeligen Korbtisch und platzierte sich vor Steinböcks Kaffeetasse.

»Verdammt, du sollst nicht immer mit deinen dreckigen Pfoten auf den Tisch springen«, knurrte er und zündete dabei die Selbstgedrehte an.

»Ich hab es heute Nacht getroffen«, sagte sie, ohne auf Steinböcks Vorwurf einzugehen.

»Wen hast du getroffen?«

»Na, es, das fliegende Spaghettimonster.«

»Aha«, sagte er grinsend und nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette.

»Ja, es bestand nur aus einem großen Haufen Spaghetti mit Stielaugen, und dazwischen waren kleine Fleischpflanzerl. Ungefähr wie diese ekligen Köttbullar, die du dir bei IKEA immer reinziehst.«

Steinböck gluckste, verschluckte sich am Rauch der Zigarette und hustete wild.

»Du nimmst mich wohl nicht ernst, und außerdem solltest du nicht so viel rauchen, wenn du es nicht verträgst.«

Steinböck versuchte wieder zu Atem zu kommen, griff sein Feuerzeug und warf es nach der Katze, die aber bereits blitzschnell durch die Tür verschwunden war.

»Gewalt ist auch keine Lösung«, hörte er sie noch rufen.

Steinböcks anfängliche gute Laune war auf den Nullpunkt gesunken. Für einen kurzen Moment dachte er wieder daran, den Polizeipsychologen aufzusuchen.

Spaghetti mit kleinen Fleischpflanzerln, das kann nicht aus meinem Hirn kommen, überlegte er, und somit verwarf er den Gedanken, mit dem Psychologen zu sprechen, zum wiederholten Male. Solange es danach aussah, dass die Katze wirklich mit ihm sprach, sah er keine Veranlassung, an seinem Geisteszustand zu zweifeln.

Pünktlich um 8.30 Uhr verließ er mit seinem alten Käfer, begleitet von einigen Fehlzündungen, den Hof in der Fallmerayerstraße. Er hatte versprochen, seine Kollegin Ilona Hasleitner abzuholen und sie mit ins Kommissariat zu nehmen. Die Katze saß wie immer, wenn sie nicht schlief, vorne auf der Ablage, von wo sie in der Regel ihre Kommentare zu Steinböcks Fahrstil oder dem der anderen Verkehrsteilnehmer zum Besten geben konnte. Diesmal blieb sie still und es hatte auch nicht den Anschein, als ob sie den Verkehr beobachten würde. In der Schellingstraße stieg Ilona Hasleitner zu.

»Morgen, Chef, morgen, Katze, gut geschlafen?«, sagte sie munter und ließ sich in den Beifahrersitz plumpsen. Hasleitner hatte im letzten halben Jahr deutlich abgenommen, so passte inzwischen auch der Sicherheitsgurt des alten Käfers. Steinböck brummte ein kaum verständliches »Guten Morgen«, und Frau Merkel, die Ilona Hasleitner sonst freudig begrüßte, starrte weiterhin schweigend auf die Straße.

»Auweia, dicke Luft bei der Familie Steinböck. Soll ich aussteigen und mit der Tram fahren?«

»Awo, die Katz hat bloß schlecht g’schlafen. Sie hat eine Erscheinung g’habt und jetzt hat sie Bauchweh«, sagte Steinböck feixend.

»So, eine Erscheinung, und was ist ihr erschienen?«

»Ein großer Haufen Spaghetti mit kleinen Fleischpflanzerl.«

»Auweia, und davon hat’s zu viel gefressen?«

Jetzt lachte Steinböck laut.

»Kann scho sein, aber ich glaub’s nicht. Der Haufen Nudeln ist nämlich das fliegende Spaghettimonster und die Gottheit der Pastafari.«

»Du meinst, der Rastafari, Bob Marley und so.«

»Na, na, Pastafari ist schon richtig. Und da des alles mit einem neuen Fall zu tun hat, wirst du im Büro gleich darüber recherchieren.«

»Ein neuer Fall?«

»Ist noch nicht ganz sicher, aber mein Bauch sagt mir, dass es einer wird.«

Ilona Hasleitner schwieg einen Moment und versuchte, das eben Gehörte zu verdauen. Dann schweifte ihr Blick von der Katze zum Kommissar. Der »Chef«, wie sie Steinböck am liebsten nannte, hatte sie vor einem halben Jahr während ihrer Ausbildung zum Streifendienst zur Kripo geholt. Inzwischen hatte sie ihre Prüfung abgelegt und wollte Ermittlerin werden. Steinböck war gemütlich, aber auch genial. Doch sein seltsames Verhältnis zur Katze, die er meist mit ins Büro brachte, stellte sie immer wieder vor neue Rätsel.

»Und woher weißt du, dass dieses Spaghettimonster der Katze erschienen ist? Du kannst also doch mit ihr reden«, stellte sie fest.

»So ein Schmarrn, niemand kann mit Katzen reden«, sagte er energisch. Frau Merkel zog ihre Mundwinkel herunter, und ohne Zweifel schmunzelte sie hämisch. Dann sprang sie von der Ablage auf Ilonas Schoß und rollte sich dort genüsslich zusammen.

*

»Er ist wieder da«, raunte der Beamte an der Information Steinböck zu, wobei er eine geheimnisvolle Miene aufsetzte.

»Wer ist wieder da, Schneehofer?«

»Na, Ihr spezieller Freind«, dabei deutete er mit einem Nicken des Kopfes in Richtung der Katze auf Steinböcks Arm. »Da Staller ist wieder da.«

»Ich dachte, der kommt nicht wieder. Wie lange war der jetzt weg? Vier Monate?«

»Fünf Monat war er in psychiatrischer Behandlung. Aber jetzt soll er wieder in Ordnung sein.«

»Danke für den Hinweis«, murmelte Steinböck und steuerte auf den Aufzug zu.

»Yeah, der Kampf geht weiter«, schnurrte die Katze.

»Untersteh dich, dich ihm auch nur zu nähern«, zischte der Kommissar. Hasleitner, die die ganze Zeit hinter ihm her trottete, äffte Steinböck mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach.

»Niemand kann mit Tieren reden.« Dann nahm sie die Treppen, während sich Steinböck mit noch zwei Beamten in den schon vollen Aufzug quetschte.

Im Büro empfing sie Emil Mayer junior, der geschickt mit seinem Rollstuhl zwischen den Schreibtischen herumkurvte.

»Morgen, Chef! Klessel hat angerufen. Er sagte, es war Mord. Du wüsstest schon Bescheid. Der schriftliche Bericht kommt nach. Du könntest auch rüberkommen, wenn du magst.«

»Dacht ich mir doch. Die SpuSi …«

»… hab ich schon losgeschickt«, unterbrach ihn Mayer junior und schob sich in Richtung Kaffeemaschine.

»Seit wann bist du schon da?«

»Seit um sechse«, antwortete Emil Mayer.

»Hast wieder Schmerzen g’habt?«

»Leider ned in die Füß, wenn’s nur endlich wehtun tät, dann wüsst’ ich, dass was passiert. Aber der Arzt hat g’sagt, die Chancen sind gut.«

Dann stützte er sich mit beiden Händen auf die Armlehnen des Rollis, streckte den Kopf nach hinten, bis es hörbar knackte, und ließ sich dann zurück in den Rollstuhl fallen.

»Magst an Kaffee, Chef?«

Steinböck sah ihn an und dachte daran, wie er das erste Mal im Büro aufgetaucht war. Er war mit dem Rollstuhl gegen die Bürotür geknallt. Die Schramme sah man heute noch.

»Emil Mayer junior. Ich bin der neue Kollege. Neger, Rollstuhlfahrer, 60er-Fan«, so hatte er sich damals vorgestellt. Gerade einmal 30, da hatte ihn eine verirrte Kugel in den Rücken getroffen.

»Kaffee oder Kaffee?«, rief er nochmal.

»Kaffee«, antwortete Steinböck und ließ sich in seinen Sessel plumpsen, der gefährlich quietschte.

»Irgendwann a mal kracht’s ihr zwei zamma«, stellte Hasleitner fest und verteilte eine Runde Butterbrezen.

»Also, passt’s auf, ich war gestern Abend beim Klessel zum Essen eingeladen … Was mich jetzt interessiert, ist des Umfeld des Toten. Familie, Beruf, Konten, Hobbys et cetera. Des machst du, Hasleitner. Und du, Emil, suchst alles raus, was du über den Nachbar, die Pastafari und des fliegende Spaghettimonster finden kannst. Ich geh inzwischen zum Klessel, und die Katz nehm ich mit.«

»Warum darf meine schwarze Schwester nicht dableiben?«, fragte Mayer junior grinsend.

»Der Staller ist wieder da«, sagte Steinböck.

»Auweia, dann is besser, wenn du die Kanzleraufsicht hast.«

*

Wie üblich traf er Klessel am Schreibtisch hockend, die Beine auf den Tisch gestreckt und wieder mal selbstzufrieden vor sich hin lächelnd.

»Du darfst mich Genie nennen«, sagte er erwartungsvoll.

»Was ist los, hast du schon wieder von deinem Formalin getrunken?«

»Hä, hä, ich habe den Fall sozusagen schon gelöst.«

»Wo kann ich mich hinsetzen?« Steinböck blickte sich vergeblich nach einer Sitzgelegenheit um, denn er wusste, dass es länger dauern würde. Schließlich setzte er sich auf einen der fahrbaren Seziertische, während die Katze auf Klessels Schreibtisch sprang.

»Ich sag nur ›Chironex fleckerie‹, die mordende Hand.«

»Oh, ich wusste gar nicht, dass ich so gefährlich bin.«

»Red endlich Klartext, sonst nehm ich dir deinen Flachmann weg«, antwortete Steinböck genervt und warf zugleich der Katze einen bösen Blick zu.

»Das Gift der ›Seewespe‹, einer Quallenart die nur im australischen Pazifik vorkommt. Eine kleine Menge davon ist bereits absolut tödlich.«

»Und wie wurde es ihm verabreicht?«

»Folge mir«, sagte Klessel theatralisch und zog den verdutzten Steinböck, der noch immer auf dem Sezierwagen saß, hinter sich zu der Wand mit den Kühlboxen her. Er öffnete eine der Türen und zog die Rollbahre mit Grubers Leiche heraus. »Hier, schau dir die Handinnenfläche an.« Er klappte das Pflaster zurück, und ein geröteter Einstich wurde sichtbar. »Siehst du die glänzende Haut? Der Täter hat die Wunde sogar mit einem Spray desinfiziert und dann ein Pflaster angebracht, um davon abzulenken.«

»Und wer sagt dir, dass es nicht Gruber selbst war? Er könnte sich an dem vergifteten Objekt verletzt und sich dann verarztet haben«, sagte Steinböck, während er vorsichtig vom Sezierwagen rutschte.

»Unmöglich, dazu hatte er keine Zeit mehr gehabt. Außerdem habe ich mit Beck von der SpuSi telefoniert. In der ganzen Wohnung gibt es kein Desinfektionsspray. Und sie haben auch kein Pflaster gefunden. Aber sie konnten einen Plastikstreifen sicherstellen, der ganz offensichtlich von der Rückseite eines Pflasters stammt. Und jetzt tritt Thomas Klessel in Aktion, der genialste Pathologe seit Karl-Friedrich Boerne.«

»Und wer soll das sein?«

»Vergiss es, Klessel, der Kerl guckt doch nur die Teletubbies.«

»Okay, stell dir vor, du hast Handschuhe an und willst die Folie eines Pflasters abziehen. Entweder ziehst du die Handschuhe aus, dann befänden sich Fingerabdrücke auf dem Pflaster, oder du hältst sie mit den Zähnen fest, dann ließen sich vielleicht Spuren von Speichel finden, um die DNA nachzuweisen.«

»Oder du hast Gummihandschuhe an, dann bekommst du sie trotzdem ab.«

»Laut Beck gibt es eine eindeutige Druckstelle, die auf einen Zahnabdruck hinweist«, dozierte Klessel und ignorierte Steinböcks Einwand.

»Wann hast du die DNA-Probe analysiert?«

»Wenn etwas zu finden ist, dann bis morgen.«

»Gute Arbeit, Thomas«, sagte er, packte die Katze unterm Bauch und nahm sie auf den Arm. »Ach, übrigens, wer ist jetzt dieser Karl-Friedrich Boerne?«

*

»Also, was Besonderes hab ich im Umfeld vom Gruber nicht gefunden. Er arbeitet seit 20 Jahren bei der Stadt im Sozialamt. Gehobener Dienst. Geboren 1970. Abitur und abgeschlossenes Theologiestudium. Er hatte bereits die Priesterweihe erhalten, verliebte sich dann aber in seine Haushälterin und legte sein Priesteramt nieder. Er studierte Psychologie und machte eine Ausbildung als Bewährungshelfer. Als solcher begann er 1999 bei der Stadt München. Zwischenzeitlich war er verheiratet gewesen und wurde vor zehn Jahren geschieden. Keine Kinder.« Hasleitner ließ das Gesagte kurz wirken und wollte dann fortfahren.

»Womit hatte er bei seiner Arbeit zu tun?«, unterbrach Steinböck sie.

»Er war in der Verwaltung, hat Leute koordiniert, Gelder genehmigt. Nichts Aufregendes. Er hatte auch seit Jahren keinen Publikumsverkehr mehr. Bis Freitag hatte er Container für Flüchtlinge organisiert.«

»Bis Freitag?«

»Richtig. Seit Freitag ist er für elf Monate freigestellt. Ein sogenanntes Sabbatjahr. Aber von seinen direkten Mitarbeitern habe ich noch keinen erwischt. Die Kollegin, die mit ihm im Büro sitzt, hat aber versprochen, heute noch vorbeizukommen.«

»Was ist mit seiner Ex?«

»Ich hab sie angerufen. Die war echt fertig. Die beiden hatten noch engen Kontakt. Ich hab sie herbestellt.«

»Gut, Ilona, und was meinst du?«

»Ich, was i moan?«

»Komm Ilona, du weißt, warum du unter anderem bei uns bist. Weilst a Nasen hast. Weilst a G’spür für Menschen hast.«

Hasleitner war sichtlich verlegen. Steinböck nahm die Katze auf den Arm und lehnte sich gegen die Fensterbank. Ilonas Blick ging von Emil Mayer junior zu ihrem Chef. Dann räusperte sie sich zweimal und legte los.

»Ich glaub, der Gruber war a ehrliche Haut. Der war scheinbar immer gradlinig und alle ham eam g’mocht. Und wenn oaner für sei große Liebe sogar sein Priesteramt aufgibt, dann nötigt mir des Respekt ab. Aber sein Glaube is ihm blieben und hat ihn offensichtlich stark gemacht.«

Frau Merkel sprang von Steinböcks Arm auf die Fensterbank. Es schien, als verdrehte sie die Augen.

»Ich sagte dir doch, dass das Mädel Drogen nimmt. Du solltest besser auf dein Personal achten.«

Der Kommissar nahm sie am Kragen und hob sie vorsichtig durch das geöffnete Fenster nach draußen, wo er sie auf dem Vordach absetzte.

»Ich sag nur Spaghetti mit Fleischpflanzerl.«

»Jetzt redet er wieder mit der Katze«, flüsterte Mayer junior Ilona Hasleitner zu.

Steinböck wandte sich ihm zu.

»Des hab ich g’hört. Pass nur auf, dass ich dir ned die Luft aus den Reifen lass. Also, was hast du rausgekriegt?«

Mayer grinste über das ganze Gesicht.

»Vollgummi, Chef, Vollgummi!«, er klopfte dabei mit der flachen Hand auf den Rollstuhlreifen. »Also, womit soll ich anfangen?«

*

Bevor Emil junior beginnen konnte, klopfte es an der Tür und Sabine Husup trat unaufgefordert ein. Wie immer trug sie einen Pullover, der ihr bis zu den Knien reichte, und ihre Haarlänge variierte, wie schon die letzten 20 Jahre zwischen 2,8 und 3,2 Millimetern. Die gegelten Spitzen erinnerten Steinböck an einen greisen Igel und die runde Nickelbrille an Harry Potter unter der Treppe.

»Morgen, Herr Kommissar, kann ich mein Smartphone wiederhaben oder müssen Sie noch was kopieren? Die Fotos von Gruber werden Sie vermutlich schon gelöscht haben«, sagte sie mit vorwurfsvollem Ton.

»Also, zuerst mal herein, dann guten Morgen, und des Weiteren, Ihr Handy hab ich überhaupt nicht angerührt.« Umständlich kramte er in seiner Jackentasche. Dann roch er kurz daran. »Warum stinkt des eigentlich so wie Klessels eingelegte Leichenteile?«, fragte er und reichte es Husup.

»Des sind die Schutzhüllen, die kommen aus China und riechen alle so nach Gift. Damit desinfizieren die die Schiffscontainer wegen dem Ungeziefer«, warf Mayer junior ein und schob sich hinter seinen Schreibtisch zurück.

»Soll das heißen, dass ich Grubers Foto veröffentlichen kann?«

»Was wollen Sie denn damit? ›Toter auf Couch, Sabine Husup sprach mit dem Kissen‹?«

»Wurde Gruber ermordet?«, fragte sie, ohne auf Steinböck einzugehen.

»Warum hat der Gruber Sie zu sich bestellt?«

»Sie zuerst.«

»Jetzt reicht’s!«, polterte Steinböck. »Legen Sie sich nicht mit einem alten Mann an.«

»Nun kokettieren Sie bloß nicht mit Ihrem Alter. Sie sehen doch noch ganz gut aus. Man könnte sogar sagen, ziemlich sexy«, dabei blickte sie fragend zu Ilona Hasleitner. Diese nickte und sagte grinsend: »Genau, ziemlich sexy.«

»Also, was wollte Gruber von Ihnen?«, zischte er.

Husup überlegte kurz, ob sie das Spiel noch weitertreiben sollte, entschloss sich dann aber dagegen.

»Ich weiß es wirklich nicht. Er tat sehr geheimnisvoll. Wie Sie vielleicht wissen, wollte er für ein Jahr durch die USA und Südamerika reisen. Er hatte einfach nicht mehr die Zeit, die Sache aufzuklären. Er sprach von einem ungeheuren Skandal und prophezeite mir Schwierigkeiten ohne Ende. Das hat mich natürlich gereizt. Hätte ich gestern nur meinen Frisörtermin verschoben und wäre zwei Stunden eher gekommen.«

»Den Frisör hätt sie sich auch sparen können«, schnurrte Frau Merkel vom Fensterbrett.

»Dann wären Sie jetzt vermutlich tot«, warf Steinböck ein.

»Also ist Gruber ermordet worden?«

»Wir wissen es noch nicht, wir haben keinerlei Motiv. Also, halten Sie noch ein paar Tage die Beine still, und ich versprech Ihnen die Story exklusiv.«

»Okay Steinböck, aber verarschen Sie mich nicht.« Genau so schnell, wie sie gekommen war, hatte sie das Büro wieder verlassen.

*

»Leute, ich fang mal mit Grubers Nachbarn an«, sagte Emil Mayer junior, während er versuchte, seinen Rolli zurück hinter seinen Schreibtisch zu manövrieren. »Der Mann ist Elektroingenieur und arbeitet bei Siemens. Er verdient mehr als wir drei zusammen. Er gilt zwar als etwas eigenbrötlerisch, aber auch als hochintelligent. Außerdem gehört er zu einer Gruppe, die sich ›Pastafari‹ nennen, und jetzt wird’s wirklich toll. Da treffen sich erwachsene Frauen und Männer, verkleiden sich als Piraten, geben sich Namen wie ›Bruder Spaghetti‹ oder ›Schwester Tortellini‹ und huldigen dabei ›Seiner Nudligkeit‹, dem fliegenden Spaghettimonster. Auf den ersten Blick ein Haufen Spinner, sollte man meinen. Aber je mehr ich darüber gelesen habe, desto mehr hat die Sache mich fasziniert.«

Emil genoss es, dass die anderen förmlich an seinen Lippen hingen. Selbst die Katze beobachtete ihn mit ihren bernsteinfarbenen Augen. »Also, im Jahr 2005 gründete der amerikanische Physiker Bob Henderson diese Religionsparodie. Der Anlass für die Gründung dieser Religion war die öffentliche Diskussion um die Unterrichtung von ›Intelligent Design‹ an US-amerikanischen Schulen.«

»Geht’s a bisserl einfacher?«

»Also gut, ich versuch des Ganze mal zusammenzufassen. Bei den Amis ist das Unterrichten von religiösen Inhalten an Schulen nicht erlaubt. Nun gibt’s da diese Kreationisten. Die findet man vor allem unter den Republikanern. Sie sind Vertreter der Schöpfungsgeschichte, wie sie in der Bibel steht.«

»Ah, davon hab ich schon gehört. Die sagen, dass die Erde vor ein paar Tausend Jahren, so wie’s im Alten Testament steht, erschaffen worden ist und vorher war nix«, warf Hasleitner ein.

»So ungefähr. Jetzt wird an den amerikanischen Schulen im Biologieunterricht, wie auch bei uns, die Evolutionstheorie nach Darwin gelehrt …«

»Mensch, Emil, komm zur Sache«, brummte Steinböck ungeduldig.

»Also kurz, die Kreationisten klagen seit Jahren vergeblich vor amerikanischen Gerichten, dass die Schöpfungsgeschichte als Wissenschaft anerkannt wird und somit auch in den Schulen gelehrt werden darf. So, dem Henderson ist des auf den Sack gegangen und er hat einen offenen Brief an die Schulbehörde von Kansas geschrieben und darin verlangt, dass sein Glaube an das fliegende Spaghettimonster dann ebenfalls als gleichberechtigte Lehre anerkannt wird. Tja, und dieser Brief verbreitete sich dann im Netz mit so einer Geschwindigkeit, dass es nach Angaben der Ersten Vereinigten Kirche des fliegenden Spaghettimonsters in Deutschland weltweit inzwischen mehr als 10 Millionen Anhänger bei steigender Tendenz gibt«, sagte Mayer junior und freute sich offensichtlich diebisch.

»Und was ist jetzt daran so lustig?«, fragte Ilona verwirrt.

»Mei, Ilona, dazu müsstest du mal a bisserl im Internet nachlesen. Aber für dich, Chef, hab ich da was Schönes.« Er überflog ein Blatt murmelte vor sich hin und las dann laut vor: »Nach dem Tod stehen den Gläubigen im ›Himmel‹ unter anderem ein Biervulkan und eine Stripper- und Stripperinnen-Fabrik zur Verfügung. Im Buch ›Das Evangelium des fliegenden Spaghettimonsters‹ werden unter anderem analog den zehn Geboten des Christentums die acht ›Mir wär’s wirklich lieber, Du würdest nicht …‹ beschrieben, die vom Spaghettimonster gepredigt werden. Diese sprechen sich unter anderem gegen Diskriminierung, Vorurteile, religiöse Dogmen, Nötigung und Frauenfeindlichkeit aus. Zum Beispiel das sechste Gebot: ›Mir wär’s wirklich lieber, Du würdest nicht Multimillionendollar-Kirchen, Moscheen, Tempel, Schreine für Meine Nudlige Güte erbauen. Das Geld kann man nun wirklich sinnvoller anlegen. Sucht euch etwas aus: Zum Beispiel, Armut zu beenden, Krankheiten zu heilen, in Frieden zu leben, mit Leidenschaft zu lieben und die Kosten von Kabelfernsehen zu senken. Mag ja sein, dass ich ein komplexes, allwissendes Kohlenwasserstoffwesen bin, aber ich mag die einfachen Dinge im Leben. Ich muss es wissen, ich bin der Schöpfer.‹«

»Ich glaub, da muss ich heut Abend a bisserl googeln«, sagte Steinböck wobei er sich mit dem Finger durch seinen Dreitagebart strich und dabei die Katze musterte. »Sag mal, Emil, gibt’s irgendwo eine Beschreibung, wie des Spaghettimonster aussieht?«

»Hier steht, wie eine große Portion Spaghetti mit Fleischbällchen und Stielaugen.«

»Mit Fleischbällchen?«, murmelte Steinböck.

»Na ja, bei uns sagt man kleine Fleischpflanzerl.«

Steinböck versuchte das triumphale, hämische Grinsen der Katze zu ignorieren, und nahm sich erneut vor, nächste Woche den Polizeipsychologen aufzusuchen.

*

Der Mann kam aus der Gemeinschaftstoilette und blickte vorsichtig nach beiden Seiten. Zwischen den Zimmertüren zu den Schlafräumen reihten sich die Kleiderschränke der Internatsschüler, glücklicherweise übersah er den Jungen, der sich tief in den Schatten zwischen Schrank und Tür kauerte. Eigentlich suchte der Junge nach seinem Bettnachbarn, doch der vermummte Mann ängstigte ihn. Das Mondlicht war so hell, dass der Mann den ganzen Gang übersehen konnte. Noch einmal ließ er seinen Blick herumschweifen dann zog er sich die Kapuze vom Kopf und steckte sie in die Hosentasche. Er stellte dabei fest, dass sein Hosenstall noch offen war. Zufrieden lächelte er, als er den Reißverschluss mit einem kurzen Ruck zuzog. Dann fiel das Mondlicht auf sein Gesicht. Der Junge drückte sich noch tiefer in die Ecke und wagte kaum zu atmen. Der Mann verschwand eilig den Gang hinunter.

Warum schleicht einer der Erwachsenen nachts mit einer Maske vor dem Gesicht durchs Haus?, überlegte er. Der Junge wusste nicht, wie lange er reglos in der Ecke gekauert hatte, als sich die Klinke der Toilettentür bewegte und er den Freund schluchzend auf allen vieren hinter der Tür hervorkriechen sah. Er nannte ihn immer seinen kleinen Bruder. Er hatte sich stets einen Bruder gewünscht. Vorsichtig bückte er sich zu ihm hinunter und flüsterte wiederholt seinen Namen. Er sah in dessen verzerrtes Gesicht.

»Es tut so weh!«, wimmerte er.

Der Junge brachte den Freund zurück zu seinem Bett, verstört blickte er auf dessen blutigen Pyjama.

»Was ist passiert?«

»Es tut so weh!«

»Ich werde Pater Keller holen.«

»Nein, du darfst niemanden holen«, sagte er mit gepresstem Ton, um keinen der anderen zu wecken. Dabei krallte er die Finger in den Arm des älteren Jungen.

Dieser drückte den Kopf des Gequälten an seine Brust, um ihn zu beruhigen.

»Ich weiß nicht, was war, aber morgen geh ich zu Pater Keller.«

*

Der ältere Junge hatte sich, wie so oft, auf dem Turm versteckt. Die offene Architektur der beiden 70 Meter hohen Zwillingstürme aus Beton, die mit einer schmalen Haube aus Edelstahl endeten, erlaubte nahezu einen Rundum-Blick über die Stadt. Es war eine moderne Kirche, deren Kuppel bis zum Boden reichte. Wie eine halbe Tomate hatte sein Vater damals gesagt, als er ihn hierhergebracht hatte. Er hasste das Internat. Aber er hatte keine andere Wahl. Seine Mutter war tot, und sein Vater, ein bekannter Tierfilmer, immer auf Reisen. Außer für seinen Zimmerkameraden interessierte er sich für niemanden. Er tat ihm leid. Die anderen mobbten ihn, und so hatte er die Rolle des großen Bruders für ihn übernommen. Doch was gestern geschehen war, übertraf alles. Bereits am frühen Morgen hatte er sich auf Pater Kellers Zimmer geschlichen und ihm erzählt, was am vorherigen Abend vorgefallen war. Dieser schien die Geschichte sehr ernst zu nehmen. Er versprach ihm, sich darum zu kümmern.

»Du hast doch immer noch dein Versteck auf dem Turm. Warte dort auf mich. Ich werde dich holen, sobald die Sache geklärt ist.«

Der ältere Junge holte sich eine weitere Zigarette aus der verbeulten Schachtel, die er unter dem Treppenabsatz versteckt hatte. Woher wusste Pater Keller, dass er sich immer wieder auf den Turm zurückzog? Vermutlich ahnte er auch, dass er rauchte. Ganz oben an den Kirchturmspitzen nistete ein Falkenpärchen. Er hatte noch nicht herausgefunden, in welchem der beiden Türme sie ihr Nest hatten. Er beobachtete ein paar Tauben, die sich nur wenige Meter von ihm entfernt niederließen. Im Turm waren sie sicher, aber in der Luft mussten sie sich ständig vor den Falken in Acht nehmen. Er blickte nach oben, in das sich stetig verjüngende, offene Treppenhaus. Es fiel ihm schwer, mit seinen zitternden Händen die Zigarette anzuzünden. Er musste an seinen »kleinen Bruder« denken, als sie ihn heute Morgen in die Krankenstation brachten. Unbemerkt hatte er während der Nacht seinen Pyjama gewechselt. Er hatte sich geweigert, über die Vorkommnisse auf der Toilette zu sprechen, und der ältere Junge hatte beschlossen, ihm nicht zu sagen, wer hinter der Maske steckte. Trotz des schrecklichen Erlebnisses wollte er unbedingt zur Schule gehen.

Plötzlich hörte er, wie die Metalltür am Fuße des Turmes geöffnet wurde. Er war froh, dass Pater Keller endlich kam, obwohl er doch Angst davor hatte, wie es weitergehen würde. Er wusste zwar nicht, was mit dem »kleinen Bruder« geschehen war, aber über eines war er sich sicher: Es war mehr gewesen, als nur ein paar Blutflecken auf dem Pyjama. Erstaunlich, wie leichtfüßig der Pater die Treppen heraufkam, er, dessen schlurfende Schritte man selbst unter seiner bodenlangen Soutane schon von Weitem hören konnte. Schnell drückte er die Zigarette aus, steckte die Kippe in die Schachtel zurück und wedelte wild mit den Armen um sich. Von oben blickte er auf die Gestalt von Pater Keller. Diesmal war er tatsächlich ohne Soutane unterwegs, und auch die Tonsur, die doch deutlich zu sehen sein sollte, konnte er nicht erkennen. Als der ältere Junge endlich bemerkte, wer da die Treppen hochkam, war es bereits zu spät.

*

Dienstag

»Grüß Gott, mein Name ist Anke Schäfer, ich bin die Exfrau von Franz Gruber. Sie haben mich herbestellt.«

In der Tür stand eine attraktive Frau Anfang 40. Sie trug einen beigen Rollkragenpullover und blaue, künstlich abgetragene Jeans. Ihre Augen waren stark gerötet und ihr Gesicht verquollen. Offensichtlich hatte sie geweint.

»Nehmen Sie doch Platz, Frau Schäfer«, sagte Steinböck und schob ihr einen Stuhl dicht vor seinen Schreibtisch.

Anke Schäfer ließ ihren Blick durchs Büro schweifen. Schließlich landete ihr Blick auf Frau Merkel, die hinter dem Kommissar auf der Fensterbank saß. Sie lächelte. »Was ist mit Franz passiert, ist er wirklich ermordet worden?«, fragte sie, ohne den Blick von der Katze zu nehmen.

»Im Moment spricht vieles dafür, aber genau wissen wir es noch nicht. Wie viel Kontakt hatten Sie noch zu Ihrem Exmann?«

Jetzt blickte sie Steinböck an.

»Wir hatten regelmäßig Kontakt. Wir telefonierten oft miteinander. Außerdem besuchte er zusammen mit meinem jetzigen Mann und den Jungs nahezu jedes Heimspiel der Bayern.«

»Ihr Ex und Ihr jetziger Mann hatten also einen guten Kontakt zueinander?«

»Ja, die beiden sind befreundet. Oder muss ich jetzt sagen, waren befreundet?« Anke Schäfer fing zu weinen an. »Warum sollte jemand Franz umbringen?«

»Hatte Herr Gruber Feinde?«

»Nein, das würden Sie nicht fragen, wenn Sie ihn gekannt hätten. Jeder mochte ihn.«

»Und es gab da niemanden, mit dem er Probleme oder Streit hatte?«

»Nein, na ja, mit der Diözese, mit der hatte er sich gern angelegt.«

»Die Diözese?«, fragte Steinböck erstaunt.

»Es ging um Wohnungen für Asylsuchende. Franz war der Meinung, die Münchner Diözese könnte noch viel mehr Wohnraum zur Verfügung stellen. Da gab es ein ständiges Hick-Hack.«

»Hatte er etwas gegen die Kirche?«

»Oh, sie haben ihm früher böse mitgespielt. Als Franz mich kennenlernte und wir beschlossen hatten, zu heiraten, gab er über Nacht sein Priesteramt auf. Das haben sie ihm damals nicht verziehen. Er war zusätzlich Lehrer für Englisch und Religion. Sie haben dafür gesorgt, dass er keine Anstellung bekam. Meine Stelle in einem katholischen Kindergarten wurde plötzlich gestrichen. Franz hat dann noch mal studiert und bekam einen Job bei der Stadt. Der Einfluss der katholischen Kirche bei den Roten war dann doch nicht stark genug, um das zu verhindern. Franz hat über all die Jahre immer wieder Leuten geholfen, die Probleme mit der Diözese hatten. Also geliebt haben die ihn dort bestimmt nicht. Aber ihn deshalb umbringen? Wohl eher kaum.«

In diesem Moment kam Ilona Hasleitner ins Zimmer. Sie gab Steinböck einen Zettel, flüsterte etwas und setzte sich dann hinter ihren Schreibtisch.

»Eine persönliche Frage, Frau Schäfer, Sie hatten angeblich ein tolles Verhältnis zu Ihrem Exmann. Warum haben Sie sich dann scheiden lassen?«

Anke Schäfer schwieg einen Moment. Von Neuem fing sie leise an zu weinen. Dann zog sie hörbar die Luft ein.

»Mein größter Traum war es immer, Kinder zu haben. Wir haben es zehn Jahre versucht, bis die Ärzte feststellten, dass Franz unfruchtbar war. Ich wurde depressiv. Franz bestand darauf, dass wir uns scheiden lassen und ich mir einen neuen Mann suchen sollte.«

»So einfach?«

»Ja, so einfach, und so ist es dann auch gekommen. Ich habe Martin, meinen jetzigen Mann kennengelernt und zwei wunderbare Kinder bekommen. Franz war immer irgendwie dabei. Er liebte die Jungs über alles, so als wären sie seine eigenen.«

»Wussten Sie, dass er Sie als Alleinerbin eingesetzt hatte?«

»Ja, er hat es mir mal gesagt. Er wollte, dass es später den Jungs zugutekommen soll. Für ihre Ausbildung.«

»Haben Sie eine Ahnung, wie groß sein Vermögen ist?«

»Nein, aber von Vermögen wird man da kaum sprechen können. Er hat sich in den letzten Jahren etwas zusammengespart, aber das war in erster Linie für seine Reise gedacht.«

»Gibt es denn noch andere Verwandte?«

»Er hatte einmal etwas von einem Onkel in Hamburg erzählt, auf den er nicht besonders gut zu sprechen war. Die beiden hatten jedenfalls nie miteinander Kontakt.«

»Wussten Sie, dass dieser Onkel vor zwei Monaten gestorben ist und Herrn Gruber ein nicht gerade unbedeutendes Vermögen hinterlassen hat?«, fragte Steinböck, während er den Zettel, den Ilona eben gebracht hatte, noch einmal studierte.

»Davon hat er mir nichts erzählt«, erwiderte Anke Schäfer sichtlich erstaunt. »Außerdem hätte er das Erbe bestimmt ausgeschlagen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Er hatte seinen Onkel verabscheut.«

»Warum?«

Anke Schäfer schwieg einen Augenblick. Ihr Blick wanderte wieder zu Frau Merkel. Wieder lächelte sie, wandte sich an den Kommissar und sagte: »Ich weiß es nicht, er hat mir den Grund nie gesagt.«

Steinböck wusste, dass sie log, trotzdem wechselte er das Thema.

»Gab es etwas, das ihn in letzter Zeit bedrückt hat? War er anders als sonst?«

»Natürlich war er anders, er stand kurz vor der Abreise. Er hatte noch viel zu erledigen.«

»Herr Gruber wollte sich gestern Abend mit einer Reporterin des Abend-Journals treffen. Können Sie sich vorstellen, warum?«

Einen Moment zögerte Anke Schäfer. »Vielleicht wegen des Briefes.«

»Welcher Brief?«

»Er hatte vor ein paar Wochen einen Brief von einem ehemaligen Kollegen bekommen. Ich meine damit einen Priester. Er war sehr betroffen. Hatte das Ganze aber nie wieder erwähnt.« Ihre Sätze kamen jetzt stakkatohaft, dabei blickte sie mehrmals auf ihre Armbanduhr. »Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn ich jetzt gehen könnte. Ich muss die Jungs von der Schule abholen.«

Steinböck blickte zu Hasleitner und Mayer.

»Hat einer der Kollegen noch eine Frage?«

Emil Mayer junior schob seinen Rolli nach hinten: »Frau Schäfer, Kennen Sie das fliegende Spaghettimonster?«

»Natürlich«, antwortete sie jetzt laut lachend.

»Sind Sie denn auch ein Pastafari?«, fragte er.

»Sollten wir denn nicht alle Pastafaris sein«, entgegnete sie und verließ eilig das Büro.

*

»Und, was hältst du von ihr?«, fragte Steinböck und schaute dabei Ilona an.

»Eine durchaus sympathische Frau und so intelligent. Der nächste Gutmensch in diesem Fall«, hörte der Kommissar den zynischen Kommentar der Katze, den er jedoch ignorierte.

»Also, Ilona.«

»Ich weiß nicht, die san mir alle a bisserl zu perfekt.«

»Siehst du, das Mädel hat doch Verstand«, sagte die Katze und sprang auf Steinböcks Schreibtisch.

»Das Erbe des Onkels beträgt fast sechs Millionen Euro«, erklärte Steinböck Mayer, der den Zettel noch nicht kannte.

»Puhh«, sagte Mayer und fuhr sich mit der Hand über den kurz rasierten Schädel.

»Soll das heißen, sie erbt jetzt die sechs Millionen?«

»So sieht’s im Moment aus«, antwortete Steinböck. »Da wird sich der Fiskus freuen. Zweimal Erbschaftssteuer innerhalb ein paar Monaten.«

»Glaubst wirklich, er wollte die Erbschaft ausschlagen?«, fragte Mayer und fuhr dann fort: »Dann würde auch die Schäfer keinen Cent davon sehen. Durchaus ein Mordmotiv.«

»Aber warum erzählt sie uns das dann? Das macht sie umso verdächtiger«, stellte Ilona fest.

»Vielleicht doch ein Gutmensch«, stellte Steinböck grinsend fest.

»Aber was ist mit diesem Brief? Sollten wir da nicht nachforschen?«

»Genau, das wird deine Aufgabe sein, Ilona. Du gehst noch mal in Grubers Wohnung und suchst speziell nach dem Brief. Vor allem zwischen den Büchern. Der muss ja irgendwo sein. Und du, Emil, schaust, was du über die Familie der Schäfer rausfindest und vor allem, was es mit diesem Onkel auf sich hatte. Die Frau weiß, warum der Gruber seinen Onkel hasste, und ich will es auch wissen.«

»Und was machst du?«, fragte Hasleitner neugierig.

»Ich geh jetzt in die Kantine, und dann werd ich der Diözese einen Besuch abstatten.«

*

Als Steinböck sein Büro verließ, verschwand auch die Katze durch das Fenster. Etwas unruhig war er schon, jetzt wo Staller wieder da war. Er wusste nicht, wem von den beiden er mehr misstrauen sollte. Frau Merkel, die es immerhin geschafft hatte, Staller für ein halbes Jahr in die Klapse zu bringen. Oder dem Kollegen von der Spurensicherung, dessen heiliger Krieg gegen die vermeintlich tollwütige Katze sein ohnehin labiles Hirn noch etwas mehr aufgeweicht hatte.

Fleischpflanzerl mit Bratkartoffeln oder Rahmpfifferlinge mit Knödel versprach das Schwarze Brett vor der Kantine. Da es bereits kurz vor zwei war, waren die Pfifferlinge natürlich bereits aus.

»Schwammerl mit Knedel sind aus«, brummte Tamara in ihrem bayerisch-ostpreußischen Dialekt. »Kannste haben Fleischpflanzerl.«

Steinböck nickte und nahm sich zum wiederholten Male vor, das nächste Mal rechtzeitig in die Kantine zu gehen.

»Was ist los, Steinbeeck, haste schlechtes Launee«, und diesmal zog sie das e von Laune besonders lang. »Hier, lass dir schmecken«, sagte sie und knallte ihm den Teller auf die Glasplatte.

»Was ist das«, flüsterte Steinböck heiser und deutete auf den Teller. Dann drehte er sich um und ging langsam zur Tür.

»Bratkartoffeln sind aus. Mechtest doch sonst auch immer gern meine Spaghetti essen. Nu, Fleischpflanzerl sind heut a bissle kleen. Hat der neue Praktikant gekugelt. Ist doch kein Grund, wegzulaufen. He, Steinbeeck, soll ich dir den Teller warm halten?«

*

Raspin Kamin zog seine Maske herunter und betrat das fensterlose Zimmer. Leise schloss er die Tür hinter sich. Die fünf Männer im Raum verstummten. Alle trugen sie Skimützen, nur mit einem kleinen Schlitz dort, wo die Augen zu vermuten waren.

»Grüß Gott, liebe Clubmitglieder. Ich freue mich, dass Sie alle erschienen sind. Vermutlich können Sie sich denken, warum ich Sie hab rufen lassen.« Zustimmendes Murmeln war hinter den Wollmützen zu hören.

»Ich erwarte neue Ware. Hier schon mal ein paar Fotos.« Raspin Kamin legte vor jeden der Maskierten ein Kuvert auf den Tisch. »Übrigens, der Preis hat sich verdoppelt. Jammern Sie nicht, Sie können es sich alle leisten.«

»Sie gehen zu weit«, sagte einer der Maskierten.

»Waren nicht Sie es, der sich beschwert hat, dass es so lange dauert? Es wird immer schwieriger, die Ware zu besorgen und sie ins Land zu bekommen. Und das kostet Geld.«

»Was ist mit den Flüchtlingen? Könnt ihr dort nicht etwas organisieren?«

»Dort schleichen schon genug Pädophile rum. Und außerdem ist das Personal im Bezug darauf äußerst wachsam. Wir sind hier nicht bei Aldi. Warum ziehen Sie nicht selbst los und klappern die Aufnahmelager ab? Wir sind ein exklusiver Club und wir bieten ausgezeichnete Ware und vor allem Anonymität. Oder sind Sie schon mal enttäuscht worden?«

Die Vermummten murmelten zustimmend, und der Meckerer schwieg.

»Bitte verlassen Sie jetzt im Abstand von zwei Minuten den Raum. So hat jeder genügend Zeit, in der Menge unterzutauchen. Ich werde Sie benachrichtigen, sobald die Ware da ist.«

Als der Letzte gegangen war, öffnete sich die Tür hinter Raspin Kamin und ein kleiner untersetzter Mann trat ein.

»Mich kotzt dieser Kinderficker-Club gehörig an«, sagte er und stieß mit dem Fuß wütend einen Stuhl durch den Raum.

»He, vergiss nicht, die Jungs bringen uns eine Menge Kohle«, beruhigte ihn Kamin.

»Ein Politiker, ein Staatsanwalt, ein Fabrikant, ein Star der Volksmusik und ein Pfaffe. Fürwahr ein Querschnitt durch unsere noble Gesellschaft.«

»Reg dich nicht auf, sondern denk an das Geld. Hast du die Sache mit dem Pfaffen erledigt?«

»Wir sind dabei, aber warum müssen wir uns darum kümmern?«

»Weil er dafür zahlt, weil er sehr viel dafür zahlt, und außerdem möchte ich nicht meinen besten Klienten verlieren. Und vergiss nicht, wenn sie ihn kriegen und die Sache auffliegt, dann können wir erst mal dichtmachen. Also bringt die Sache zu Ende. Euch erwartet ein dicker Bonus, wie man in deren Kreisen so schön sagt.«

*

Das erzbischöfliche Ordinariat in der Rochusstraße lag um die Ecke. Steinböck entschloss sich, zu Fuß zu gehen. Eine regelrechte Odyssee durch die heilige Arroganz erwartete Steinböck, bis er schließlich beim persönlichen Sekretär des Bischofs landete. Martin Häckel empfing ihn an der Tür eines riesigen Büros, in dessen Mitte ein ebenso riesiger Schreibtisch stand. Die Wände hingen voller Bilder, und Steinböck war sichtlich erstaunt über die Auswahl der Künstler. Da waren doch hauptsächlich Münchner Maler aus dem letzten Jahrhundert zu sehen.

Martin Häckel war etwa in Steinböcks Alter, Anfang 50, vielleicht ein paar Jahre jünger. Zumindest besserte sich die Stimmung des Kommissars merklich, nachdem er zuvor durch ein Spalier von Scheinheiligkeit und Selbstherrlichkeit geschritten war.

»Entschuldigen Sie die Reserviertheit unserer Mitarbeiter, aber davon sind einige noch vom alten Schlag. Natürlich helfen wir der Münchner Polizei, wo immer wir nur können. Man hat mir gesagt, Sie wären von der Mordkommission. Nicht gerade eine Abteilung, mit der wir oft zu tun haben«, sagte er lächelnd. »Nehmen Sie doch Platz. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Eine Tasse Kaffee und vielleicht ein Stück Apfelkuchen? Selbst gebacken. Lachen Sie nicht, ich backe leidenschaftlich gerne.«

Steinböck dachte kurz und hungrig an das fliegende Spaghettimonster, das ihm Tamara auf den Tresen geknallt hatte, und er nahm dankend an.

»Was kann ich für Sie tun, Herr Kommissar.«

»Kennen Sie einen Franz Gruber?«

»Oh, ja«, sagte Häckel lachend, »den kenn ich sehr wohl.«

»Franz Gruber wurde am Sonntagabend tot in seiner Wohnung aufgefunden.«

»Franz tot? Und da Sie von der Mordkommission sind, gehe ich davon aus, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist.«

»Das ist richtig. Woher kennen Sie ihn?«

»Ich kenne ihn schon seit dem Studium.«

»Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?«

»Das war erst vergangene Woche. Er war bei mir im Büro.«

»Hier bei Ihnen?«, fragte der Kommissar erstaunt. »Warum war er hier?«

»Es ging wieder mal um Wohnungen für Asylbewerber. Er war der Meinung, dass die Kirche mehr ihrer Wohnungen kostenlos zur Verfügung stellen sollte.«

»Und Sie sind anderer Meinung?«

»Nicht unbedingt, ich war durchaus seiner Meinung, aber ich entscheide das nicht. Das entscheidet die Finanzabteilung.«

»Nicht der Bischof?«

»Natürlich hat der Bischof das letzte Wort. Deswegen war Franz ja bei mir. Ich versprach ihm, mit seiner Exzellenz zu sprechen, sobald dieser aus Rom zurückkehren würde.«

»Kannte der Bischof Franz Gruber persönlich?«

»Ja, die beiden kennen sich schon lang, aber ehrlich gesagt, sie mochten sich nicht besonders.«

»Darf ich fragen, warum?«

»Na ja, im Bezug auf die Diözese war Franz ein Stänkerer, wie man bei uns in Bayern so sagt. Seine Exzellenz und Franz Gruber trugen so manchen kirchlichen Disput aus. Franz war ein sehr streitsamer Mensch, wenn es um Angelegenheiten zwischen kirchlicher und weltlicher Verwaltung ging.«

»So, so, ein Stänkerer, also waren seine Angriffe oft unberechtigt?«

»Das kann man so nicht sagen«, sagte der Sekretär und wand sich unbehaglich auf seinem Stuhl. »Die Diözese hatte Franz, nachdem er sein Priesteramt aufgegeben hatte, nicht gerade fair behandelt. Man hatte ihm eine große Karriere innerhalb der Kirche zugetraut und hatte enttäuscht etwas überreagiert. Daraufhin wurde Franz so etwas wie der Kämpfer für die, die sich von der Kirche ungerecht behandelt fühlten.«

»Das klingt ja aufregend. Robin Hood der Exkommunizierten.«

»Na ja, vielleicht habe ich auch etwas übertrieben, aber ich mochte ihn eben. Sagen Sie, Herr Kommissar, welcher Zusammenhang mit Franz Grubers Tod führt Sie ausgerechnet zu uns?«

»Reine Routine. Übrigens, hatte er in letzter Zeit auch mal einen persönlichen Termin beim Bischof?«

»Warum fragen Sie? Er hätte tatsächlich vor drei Tagen einen Termin beim Bischof gehabt. Leider musste seine Exzellenz letzte Woche plötzlich nach Rom und ich war gezwungen, ihm abzusagen.«

»Wann kommt er denn wieder?«

»Wir erwarten ihn heute Abend zurück.«

»Schön, dann grüßen Sie ihn von mir. Vielleicht möchte ich ihn in den nächsten Tagen persönlich sprechen.«

Jetzt lachte Martin Häckel laut auf.

»Ich werde es ihm ausrichten, aber denken Sie daran, es handelt sich hier um den Erzbischof, der vermutlich auch bald Kardinal sein wird.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Steinböck mit treudoofem Blick.

»Sie wissen schon, wie ich das meine«, erwiderte Häckel mit arrogantem Lächeln. »Ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen.« Mit diesen Worten stand er auf, öffnete die Tür und wies Steinböck mit offener Hand den Weg nach draußen.

Im Gang angekommen, drehte sich der Kommissar noch einmal um. »Eine Frage noch. Kennen Sie das fliegende Spaghettimonster?«

Häckel sah ihn verdutzt an. »Das fliegende Spaghettimonster?«, fragte er.

Steinböck versuchte, ernst zu blicken, und nickte bejahend.

»Nein, noch nie davon gehört«, antwortete Martin Häckel verständnislos.

*

Nachdem bis zum Nachmittag weder Ilona Hasleitner noch Emil Mayer besonders erfolgreich gewesen waren, beschloss Steinböck, früher nach Hause zu gehen. Unterwegs besorgte er sich eine Flasche schottischen Single Malt und bei Aldi Katzenfutter und ein Rumpsteak. Ihm war klar, dass sich die Katze wieder über die CO2-Bilanz des argentinischen Rindfleisches mokieren würde, aber ehrlich gesagt war ihm das heute scheißegal. Auch Ilona war nicht besonders gut auf ihn zu sprechen, nachdem sie bereits an die 2.000 Bücher erfolglos durchgeblättert hatte. Immerhin war sie in einer Sonderausgabe von »Krieg und Frieden« auf einen 1000-DM-Schein gestoßen. Sie war sich jedoch sicher, dass sie morgen Vormittag fertig würde. Bei Emils Recherchen über Grubers geheimnisvollen Erbonkel versprach ihm ein Hamburger Kollege, am nächsten Tag dessen langjährige Haushälterin, die in einem Seniorenheim lebte, aufzusuchen.

Zuerst öffnete er der Katze eine Dose »Fisch und Karotte«, und nachdem Steinböck sich ein Weißbier eingeschenkt hatte, haute er sich das Steak in die Pfanne, das er mit zwei Spiegeleiern garnierte. Um sein Gewissen zu beruhigen, schnitt er in den restlichen Salat vom Vortag noch eine Tomate hinein und machte es sich dann im Wintergarten bequem. Frau Merkel kontrollierte natürlich die Verpackung des Steaks, beließ es aber bei einem abfälligen Blick und machte sich dann über ihr Futter her.

Nach dem, wie Steinböck überzeugt war, ausgezeichneten Abendessen räumte er den Teller in die Küche, lümmelte sich in seinen Korbstuhl, fischte seinen »Schwarzer Krauser« aus der Sakkotasche und drehte sich eine Zigarette. Die Katze sprang auf den Tisch und begann sich zu putzen, ohne dabei Steinböck aus den Augen zu lassen.

Nachdem er sich die zweite Zigarette gedreht hatte, wurde es der Katze zu bunt.

»Wolltest du heute Abend nicht etwas googeln?«, fragte sie schließlich.

»Du meinst, über das fliegende Spaghettimonster?«, fragte er und öffnete den Laptop. Die Katze setzte sich dicht neben den aufgeklappten Bildschirm, und die nächste halbe Stunde surften sie durch die Geschichte der Pastafari und des fliegenden Spaghettimonsters. Und dieses Mal drängte ihn Frau Merkel auch nicht, sich zu beeilen, wenn er etwas zu lang auf einer Seite blieb. Schließlich klappte Steinböck den Deckel zu.

»Woher wusstest du das mit den Fleischbällchen und den Stielaugen?«

»Woher ich das wusste? Ich bin doch nicht blind. Schließlich haben wir uns doch lange Zeit unterhalten.«

»Und worüber habt ihr euch unterhalten?«

»Na ja, über Gott und die Welt.«

»Welchen Gott? Über seine ›Nudligkeit‹ oder dessen Sohn Jesus?«, fragte Steinböck grinsend.

»Dein Sarkasmus ist überflüssig. Wenn du so schlau bist, dann kannst du dir ja die eine Million Dollar verdienen.«

»Welche Million?«

»Ich dachte mir doch, dass du nur so getan hast, als wenn du lesen könntest. Aber ich wiederhole es gerne noch einmal für dich. Die Pastafari sind bereit, jedem, der in der Lage ist, den empirischen Beweis zu erbringen, dass Jesus nicht der Sohn des fliegenden Spaghettimonsters ist, eine Million Dollar zu zahlen.«

»Und darüber habt ihr euch unterhalten?«

»Quatsch, in erster Linie haben wir über dich gesprochen.«

»Über mich?«

»Na ja, ich habe mit seiner Nudligkeit über unsere Beziehung gesprochen. Und sie war der Meinung, ich sollte etwas netter zu dir sein und mich an das dritte Gebot halten.«

»Welches dritte Gebot?«

»Ich zitiere aus dem Kopf: ›Mir wär’s wirklich lieber, Du würdest nicht Leute wegen ihres Aussehens beurteilen oder danach, was für Klamotten sie anziehen oder wie sie reden oder wie auch immer – sei einfach nett, okay?‹«

»Schluss jetzt, es reicht«, rief Steinböck, packte die Katze unter dem Bauch und schleppte sie vor die Tür.

Den restlichen Abend verbrachte er mit der Flasche Single Malt vor dem Fernseher. Pünktlich zu Beginn von Steinböck und Frau Merkels Lieblingsserie »Jesse Stone« erschien auch die Katze wieder. Für Außenstehende kaum vorstellbar, wie die beiden einträchtig miteinander auf dem Sofa lagen. Synchron zu Tom Sellek füllte und leerte Steinböck sein Whiskyglas. Dumm, dass an diesem Abend auf ZDF Neo eine Doppelfolge gesendet wurde. So schaffte er es, mehr als ein Drittel der Flasche zu leeren, das wiederum bei ihm unweigerlich zu Träumen von leicht bekleideten Frauen führte. Diesmal war es Sabine Husup, die, nur mit einer Gardine bekleidet, versuchte, von Frau Merkel und dem fliegenden Spaghettimonster, Fotos zu machen. Dabei sprang sie wild wie Pumuckl auf und ab und näherte sich den beiden, die auf einer Mülltonne saßen. Plötzlich schleuderte seine Nudligkeit ihre Spaghetti wie Tentakeln hinaus, packte die leicht bekleidete Reporterin und schlang sie hinunter. Dann ein lauter Rülpser. Das Smartphone und die Harry-Potter-Brille wurden hinausgeschleudert und fielen krachend zu Boden.

Steinböck erwachte neben dem Sofa liegend. Die Katze, die mit ihm heruntergerutscht war, krallte sich in sein Hosenbein und blickte ihn vorwurfsvoll an. Mit schmerzverzerrtem Gesicht löste er ihre Krallen aus seinem rechten Oberschenkel.

»Ich sollte mir Gedanken über meine Träume machen. Sie beginnen langsam albern zu werden«, murmelte er vor sich hin. Dann machte er den Fernseher aus und beschloss, zu Bett zu gehen.

*

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
222 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783839255322
Yayıncı:
Telif hakkı:
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