Kitabı oku: «Der Seelenwexler»

Yazı tipi:

Kaspar Wolfensberger

Der Seelenwexler

Roman

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck in jeder Form sowie die Wiedergabe durch Fernsehen, Rundfunk, Film, Bild- und Tonträger, die Speicherung und Verbreitung in elektronischen Medien oder Benutzung für Vorträge, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher und schriftlicher Genehmigung des Verlags

© 2. Auflage 2014 Conzett Verlag by Sunflower Foundation, Zürich

Cover: www.sofie.erhardt.ch

ISBN 978-3-03760-030-6

www.conzettverlag.ch www.kasparwolfensberger.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

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Prolog: Zanggers Fieber

Côte d’Ivoire, im Jahr 1977.

Plötzlich wurde es ihm am Steuer speiübel. Er konnte seinen VW-Camper noch an den Pistenrand manövrieren, die Wagentür aufstossen und sich aus dem Fahrersitz beugen. Auf der roten Erde bildete sich eine Lache, die rasch versickerte. Da sass er nun, von Fieber geschüttelt, das Hemd bekleckert, mitten im Nirgendwo. Mutterseelenallein, sterbenskrank. Seine rechte Seite schmerzte. Er nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche, spülte den Mund und spuckte das Wasser aus. Den zweiten Mundvoll versuchte er zu schlucken – und musste sich gleich wieder übergeben. Erschöpft beugte er sich über das Lenkrad. Er hob den Kopf und blickte in den Rückspiegel. Das Weiss seiner Augen leuchtete kanariengelb. Jetzt wusste er, was es geschlagen hatte: Gelbsucht. Akute Hepatitis.

An Weiterfahrt war nicht zu denken. Er setzte sich am Pistenrand neben seinen Camper und wartete auf Rettung. Vor zwei Tagen war er in Man aufgebrochen und, mit fiebrigem Kopf, an diesem Tag bereits fünf oder sechs Stunden gefahren. Er war keinem einzigen Fahrzeug begegnet. Es konnte Stunden, vielleicht ein, zwei Tage dauern, bis jemand auf dieser Piste vorbeifuhr. Er wusste nicht genau, wo er sich befand. Vielleicht hundert, zweihundert Kilometer von Abidjan entfernt? Die Küste hatte er noch nicht erreicht, aber weit konnte es nicht mehr sein bis zur Lagune von Grand-Lahou. Dort hatte er eine Woche zuvor für ein paar Tage Halt gemacht. Schon damals hatte er sich fiebrig und krank gefühlt. Malariakrank, hatte er gedacht, fern der Heimat, wie Doktor Livingstone vor hundert Jahren. In seinem fiebrigen Zustand hatte er eigenartigen Gefallen am Vergleich mit dem legendären Arzt und Afrikaforscher gefunden.

Die Hitze war kaum auszuhalten. Er netzte einen Waschlappen und legte ihn auf seine Stirn. Er nippte an der Feldflasche und befeuchtete sich die Lippen. Sobald er einen grösseren Schluck nahm, kam ihm buchstäblich die Galle hoch. Auf der Fahrt durch den Urwald hatte er zwei-, dreimal anhalten und sich in die Büsche schlagen müssen. Jetzt wird’s brenzlig, dachte er, wenn es so weitergeht, droht Dehydrierung. Er fürchtete, bald ins Delirium zu fallen. David Livingstone starb in den Sümpfen Sambias am Fieber, im Alter von sechzig Jahren. Musste er, Lukas Zangger, Tropenarzt in spe und nicht einmal dreissigjährig, jetzt am Rand einer Urwaldpiste elendiglich zugrunde gehen? Würde es ihr leidtun, die Nachricht von seinem einsamen Tod in Westafrika zu hören?

Es gab ringsum massenhaft grosse Bäume, aber sie waren zu weit von der Piste entfernt. Die Pistenbauer hatten rücksichtslos eine breite Schneise in den Urwald geschlagen. Er wagte es nicht, sich in den Schatten eines Baumes zu legen. Er durfte nicht riskieren, dass ein Vorbeifahrender zwar seinen Camper, nicht aber ihn selber sehen würde. Um der sengenden Sonne zu entrinnen, kroch er, seiner geistigen Kräfte schon halb beraubt, mit der Feldflasche in der Hand unter das Fahrzeug. Er wollte um jeden Preis wach bleiben.

Kaum lag er unter dem Camper, dämmerte er weg …

«Qu’est-ce qu’il y a? Une panne?»

Die Stimme kam von weit her. Auf dem Rücken liegend, öffnete Lukas die Augen und drehte den Kopf. Er glaubte zu halluzinieren: Er sah bloss ein Paar Schuhe. Turnschuhe. Seine Turnschuhe!

«Tu dors?»

Jetzt erkannte er neben den Schuhen ein schwarzes Gesicht. Verkehrt herum, ein hängendes Gesicht, Augen unten, Mund oben. Lukas wollte etwas sagen. Er konnte nicht, die Zunge klebte an seinem Gaumen.

«T’es malade?»

Lukas blickte benommen in das schwarze, irgendwie bekannte Gesicht.

«T’es malade, n’est-ce pas?», wiederholte die Stimme. Eine Hand streckte sich ihm entgegen. Er fasste sie und liess sich unter dem Camper hervorziehen.

«Mais oui», stellte Félix fest, als Lukas auf den Beinen stand, «t’es vraiment malade.»

Er nahm ihm die Feldflasche aus der Hand und reichte sie ihm, damit er trinke. Lukas schüttelte den Kopf.

«Gravement malade», konstatierte Félix. «Il faut voir un guérisseur. Tout de suite. Viens!», sagte er und nahm ihn bei der Hand.

Verwirrt schloss Lukas den Camper ab und schaute um sich. Mit einer Geste machte Félix ihm klar, dass das Fahrzeug sicher sei. Dann zog er ihn von der Piste weg. Halb in Trance – stets die Turnschuhe fixierend, die er dem Jungen eine Woche zuvor geschenkt hatte –, trottete Lukas auf einem Trampelpfad hinter Félix durch den Urwald. Wie lange, wusste er nicht, er hatte kein Zeitgefühl mehr. Der Frage, wie Félix ihn gefunden hatte, konnte er nicht mit klarem Kopf nachgehen, schon gar nicht, indem er ihn fragte. Er war nicht mehr in der Lage, ein Gespräch zu führen. Aber er wusste, dass ein Kommen und Gehen in Afrika nie unbemerkt blieb, ganz gleich ob in der Wüste, in der Steppe oder im Urwald. Bäume, Sträucher und Büsche hatten Augen, Felsen und Hütten hatten Ohren. Und Nachrichten verbreiteten sich in Afrika in Windeseile. Irgendjemand musste seinen auffälligen hellgrünen Camper gesehen oder gehört haben. Und im Umkreis von Grand-Lahou wusste jeder, dass Félix der Führer des weissen Mannes gewesen war, der am Steuer dieses Fahrzeugs sass. Es konnte nur eine Frage der Zeit gewesen sein, bis ihm die Nachricht zugetragen wurde. Und er sich auf den Weg machte, um zu sehen, was los war. Vielleicht war Félix ein paar Stunden gelaufen, vielleicht war Lukas aber auch kurz vor Grand-Lahou gestrandet, nur einen Sprung von Félix’ Hütte entfernt, er wusste es nicht.

Sie trafen bei einem Kraal ein. Félix liess Lukas stehen und rief nach dem Medizinmann. Erst als er dazu aufgefordert wurde, betrat er den Kraal und erwies dem Guérisseur seine Reverenz. Félix sagte ein paar Sätze auf Dioula und überliess Lukas dann dem Heiler. Lukas hörte die beschwörenden Worte, die der Medizinmann sagte, verstand sie aber nicht. Er roch den Dung und den Rauch in der Hütte und nahm, nur halb bei Bewusstsein, wahr, wie der Heiler zu murmeln und über einem Kessel, der auf einem eisernen Dreifuss über dem Feuer stand, zu hantieren und zu rühren begann. Irgendwann senkte der Heiler eine blecherne Henkeltasse in den Kessel, schöpfte von der Flüssigkeit und reichte Lukas den Trunk. Er roch abstossend, und doch empfand Lukas den unbändigen Wunsch, davon zu trinken. Er nippte an der Tasse. Der Trunk schmeckte wie bittere Medizin, widerlich und wohltuend zugleich. Zu seiner Überraschung spürte er keinen Brechreiz. Er nahm einen ganzen Schluck. Nichts geschah. Dann leerte er, begleitet von einer auffordernden Gebärde des Medizinmanns, die Henkeltasse. Der Medizinmann, der bisher eine ernste Miene gezeigt hatte, nickte zufrieden. Er hiess ihn zwei weitere Tassen trinken, dann hängte er ihm ein Amulett um. Er zeigte auf eine Decke, die ausgebreitet auf dem Fussboden der Hütte lag, und bedeutete Lukas, sich hinzulegen. Lukas legte sich hin und fiel in einen tiefen Schlaf. Einige Male wachte er halbwegs auf, jemand wischte den Schweiss von seiner fiebrigen Stirn, und er bekam jedes Mal eine Tasse des Heiltrunks vorgesetzt, die er, im Dämmerschlaf, leerte. Am nächsten Tag erhielt er etwas zu essen, was nach gekochten Bananen schmeckte. Am dritten Tag fühlte er sich mit einem Mal wieder gesund. Er stand auf, Félix erwartete ihn schon draussen vor dem Kraal. Als Entgelt für die wundersame Heilung überliess Lukas dem Guérisseur sein Schweizer Armeesackmesser mit acht Klingen und das nicht eben saubere, khakifarbene Hemd mit Brusttaschen, das er über seinem T-Shirt trug. Dem Heiler schien das ein angemessener Lohn zu sein, jedenfalls strahlte er übers ganze Gesicht, entblösste die lückenhaften Zahnreihen und deutete eine Verbeugung an, die Lukas seinerseits mit einer Verbeugung, einer tieferen, erwiderte. Der Heiler nahm das Amulett von Lukas’ Hals, füllte den eingekochten Rest des Heiltrunks in ein grünes, gläsernes Flakon, schraubte einen Deckel drauf und steckte ihm das Flakon zu. Félix erklärte ihm, die Worte des Guérisseurs übersetzend, dass er das Konzentrat mit Wasser aufkochen und zu sich nehmen müsse, sollte unterwegs das Fieber wieder auftreten.

Der Marsch zurück durch den Urwald dauerte zwei Stunden. Der Camper, Lukas traute seinen Augen kaum, stand unversehrt dort, wo er ihn drei Tage zuvor hatte stehen lassen. Er setzte sich ans Steuer, nahm Félix an Bord und fuhr los. Bei der Fähre nach Grand-Lahou, die sie nach drei, vier Kilometer Fahrt erreichten, liess er ihn aussteigen. Aus dem kleinen Lederbeutel, den er Tag und Nacht unter seiner Kleidung auf dem Leib trug, klaubte er die Münze, die er als Notbatzen bei sich gehabt hatte, ein Goldvreneli. Er gab Félix das Goldstück und schüttelte ihm lange die Hand. Wie ein älterer Bruder dem jüngeren, klopfte er ihm zum Abschied auf die Schulter. Der zurückhaltende Junge wagte die Geste nicht zu erwidern. Sie sagten sich Adieu und Lukas fuhr weiter.

Félix winkte ihm lange nach.

Lukas Zangger streckte den Arm weit durch das offene Fenster und winkte zurück, bis er den Jungen, der ihn gerettet hatte, im Rückspiegel nicht mehr sah.

1.

Fast alles an ihm war fake. Das Weiss seiner Zähne war zwar echt, der sportliche Bronzeteint auch, aber die Farbe seines trendig geschnittenen Haarschopfs war nicht ganz naturbelassen: dunkles, goldenes Blond mit frechen, silbergrau melierten Strähnen. Er trug eine gefälschte Rolex am Handgelenk, die ArmaniJeans hatte er sich ausgeliehen. Seine Füsse steckten in Timberlands, die ebenso wenig ihm gehörten. Nur wenn es sein musste, nannte er seinen richtigen Namen. Doch der, der in seinem Pass stand, stimmte im Grunde genommen auch nicht.

«Jeu sun buc tiu bab, ti bastard!», hatte der alte Caduff dem Jungen ins Gesicht geschrien, Schnapsschwaden in seinem Atem. Damals, unter der Stalltür, in jenem verfluchten Bergkaff. Es waren seine letzten Worte gewesen. Ihr letzter fürchterlicher Streit: Gion-Gieri draussen vor dem Stall, den Zappun in der Hand. Der Alte, im Zorn die Mistgabel erhoben, wie schon viele Male. Doch dieses Mal hatte sich der Junge nicht verdreschen lassen. Die Erinnerung daran, wie der Streit geendet hatte, war in seinem Kopf gelöscht. Einfach weg. Oder gar nie vorhanden gewesen. Er wusste bloss noch, dass der Amtsarzt aus Ilanz gekommen war. Dieser hatte den Alten, der tot in seiner blutdurchtränkten Stallhose neben dem Misthaufen lag, untersucht. Lange hatte er den Jungen angesehen. Dann hatte er den Schluss gezogen, der Alte, ein notorischer Grobian, sei von seinem Muni, der losgebunden im Stall stand, auf die Hörner genommen worden und an seiner Leistenverletzung verblutet. Gion-Gieri hatte nichts dazu zu sagen gewusst. Traurig war er nicht gewesen – keiner in der ganzen Talschaft war traurig gewesen –, aber er hatte wieder zu stottern begonnen. Das hatte ihn genervt, denn er hatte geglaubt, das Übel überwunden zu haben, das ihn als Kind geplagt hatte. Das Geständnis, das der Alte herausgeschrien hatte wie einen Fluch, hatte er für sich behalten. Doch seither wusste er, dass er in Wahrheit gar kein Caduff war. Sein doppelter Taufname passte ihm auch nicht mehr, im Unterland nannte er sich Gion, wenn er nicht als Phil auftrat. Und meistens war ihm nach Phil zumute. Immerhin, die Augenfarbe in seinem Pass stimmte – wenigstens zur Hälfte: braun stand da, sein linkes Auge aber war grün –, die Körpergrösse ebenfalls: einseinundneunzig. Auch das Geburtsdatum, aber jenes auf der Legi der Klosterschule, die er immer noch auf sich trug, war getürkt. Er hatte eine fremde American Express Card dabei und fast alles, was er sagte, war gelogen.

Phil stieg aus der S-Bahn, fuhr mit der Rolltreppe in die Bahnhofhalle hoch und steuerte den Kiosk in der Mitte der Halle an. Die Kioskfrau bediente gerade einen Kunden, Phil griff sich einen Tages-Anzeiger vom Stapel, faltete ihn zusammen und klemmte ihn unter seinen Arm. Als die Frau hinter der Theke zu ihm herübersah, nahm er ein Motorsportmagazin von der Ablage und hielt es ihr entgegen.

«Neun achtzig», sagte die Frau.

Phil wendete das Magazin hin und her, legte, als die Frau mit einem gleichgültigen Blick die Hand ausstreckte, das Heft, als sei es ihm zu teuer, zurück und ging mit dem Tages-Anzeiger unter dem Arm weg. Gemächlich schlenderte er durch die Bahnhofstrasse seewärts. Er hatte Lust auf ein währschaftes Frühstück. Der Termin bei Zangger war erst um elf, er hatte also noch genügend Zeit. Der Florhof und das Claridge waren in der Nähe von Zanggers Praxis. Aber mit ihren bloss etwa zehn oder zwanzig Zimmern kamen sie nicht in Frage. Wenn er zu Fuss ging, lagen das Savoy Baur en Ville, das Baur au Lac und das Eden au Lac an seinem Weg. Phil blickte zum Himmel hinauf. Es sah nach Regen aus, er würde also besser gleich jetzt frühstücken und dann das Tram nehmen. Um zwei Ecken ging er zum Bahnhof zurück. Im Schweizerhof war er noch nie gewesen. Er vermied es, den Türsteher anzusehen und durchquerte zügig die Eingangshalle. Den Lift liess er links liegen und stieg die Treppe hoch. Die Frühstücksräume befanden sich in Stadthotels gewöhnlich im ersten Stock. Er betrachtete das Buffet. Da war alles, was es für ein anständiges Frühstück brauchte. Er suchte sich einen Tisch beim Fenster und setzte sich. Als die Serviererin näher kam, zückte er sein Handy, klappte es auf und hielt es ans Ohr.

«Kaffee oder Tee?», fragte sie leise.

«Latte Macchiato», sagte er, mit amerikanischem Akzent, neben dem Handy vorbei.

«Ihre Zimmernummer, bitte?», fragte sie.

«Pardon me?»

«Your room number, please.»

«Two-two-four», nuschelte Phil und nahm das vorgegaukelte Telefongespräch wieder auf.

Mit Fremdsprachen hatte er keine Probleme. Im Gegenteil, da war er in seinem Element. Schon in der Klosterschule hatte er alle mit seinen Imitationskünsten unterhalten: Englisch wie ein Franzose oder wie der Kondukteur der Rhätischen Bahn. Französisch wie ein Deutscher und Deutsch wie der Prorektor. Schweizerdeutsch wie ein Jugo. Deutsch wie ein Deutscher oder Italienisch wie ein Italiener, das war für ihn sowieso ein Kinderspiel. Er war mehrsprachig aufgewachsen: Holländisch mit der Mutter, jedenfalls die paar wenigen Jahre. Rätoromanisch, genauer gesagt Surselvisch, mit dem alten Caduff und mit der Tante, im Kindergarten und im Schulzimmer. Bündner Dialekt auf dem Pausenplatz der Sekundarschule und in Ilanz. Und Deutsch in den höheren Schulklassen. Er war einmal darauf gekommen, dass er sich eine neue Sprache am besten aneignete, indem er einen Fremdsprachigen spielte. Er hatte nicht nur das Ohr, er hatte auch das Auge für fremde Sprachen. Er schaute den Fremden buchstäblich aufs Maul. Und auf Arme, Hände, Finger. Er imitierte Mimik, Gesten und Manieren. Er richtete sich auf, hielt die Oberlippe steif und sog die Luft ein wie ein Engländer, gestikulierte wie ein Italiener, sprach mit halbvollem Mund und gurgelte mit Lauten wie ein Franzose, kaute amerikanischen Slang wie Chewing-Gum. Er ahmte ganz einfach nach, wie er Hotelgäste, Skifahrerinnen und Wanderer, Kellner, Pizzaioli und Zimmermädchen hatte reden hören. Da war er ein Naturtalent. Wenn es sein musste, konnte er sogar seinen Bündner Akzent vollständig ablegen. Und er hatte die überraschende Feststellung gemacht, dass er kein bisschen stotterte, sobald er dieses Sprachenspiel spielte.

«Sorry», flüsterte die junge Frau und zog sich zurück.

Phil hob beschwichtigend eine Hand. No problem, formte er lautlos mit seinen Lippen.

Nach einer Weile klappte er das Handy zu, holte sich Brötchen, Butter, Käse und Konfitüre und kehrte an seinen Tisch zurück. Die Serviererin brachte den Macchiato. Als sie weg war, schlug er den Tages-Anzeiger auf und begann die Kleinannoncen zu studieren. Da waren zwei, drei Angebote, die ihn interessierten. Er markierte sich die Inserate mit einem Kugelschreiber. Schliesslich ging er noch einmal am Buffet vorbei, packte zwei Muffins in eine Papierserviette und steckte sie in die Tasche seiner Regenjacke. Er schlenderte um ein paar Tische herum, um sich die Serviererin noch einmal aus der Nähe anzusehen. Sie sah niedlich aus, Rehaugen, Pagenschnitt und Grübchen in den Wangen. Nicole, Praktikantin, stand auf ihrem Namensschild.

«Have a nice day», hauchte sie.

Ostschweizer Akzent, stellte er fest. Er lächelte ihr zu und verliess das gastliche Haus.

Der hintere Wagen des Elfers war nur halb voll, er machte es sich auf einem freien Sitz bequem. Am Stadelhofen stieg er aus, obschon er eigentlich noch weiter wollte. Aber er hatte keine Lust auf eine Begegnung mit den zwei Typen in Jeans und Jacke, die er in der wartenden Menschentraube erspähte. Er kannte die Tarnung der Billetkontrolleure. Draussen kam ein junger Punk mit einem Hund auf ihn zu.

«Häsch mer en Stutz?»

Er steckte in verlauster Kleidung und hatte ein pfiffiges Gesicht. Phil griff in die Tasche und gab ihm ein paar Münzen. Der Punk schaute in seine offene Hand und blickte verwundert auf.

«Hueresiech», sagte er. «Merci vielmal.»

Das tat Phil gut. Es tat ihm immer gut, wenn einer ihm dankte. Zufrieden ging er weiter. Es begann leicht zu regnen. Er zog die Kapuze hoch, schlenderte durchs Seefeld und blieb vor dem Schaufenster eines Herrenausstatters stehen. Die Sommerjacketts, die an den kopflosen Puppen hingen, gefielen ihm gut. Der Italo, der allein im Laden stand, begrüsste ihn wie einen alten Freund. Nachdem Phil zwei, drei Sachen anprobiert hatte, servierte er ihm einen Espresso. Phil suchte sich ein schwarzes, aber leichtes Leinenjackett und ein luftiges, weisses Leinenhemd aus, stellte sich noch einmal vor den Spiegel und drehte sich hin und her. Der Verkäufer war begeistert. Die Sachen sassen wirklich wie angegossen. In den Jeans von Max und den zwei neuen Kleidungsstücken sah er schick, aber nicht overdressed aus. In Jeans, Jackett und Krawatte konnte er sich um eine Stelle bewerben oder auf einer Party zeigen, mit Hemd und Jeans allein war er sauber, aber lässig gekleidet und wäre an einem Studententreff nicht aus dem Rahmen gefallen. Phil blieb vor dem Spiegel stehen. Er musterte sich mit Wohlgefallen. Er hatte ein offenes Gesicht und eine sportliche Figur. Vor einer Woche hatten ihn zwei Teenies auf der Strasse angesprochen. Sie hatten ihn für Mister Schweiz gehalten. Er war nicht geistesgegenwärtig genug gewesen, daraus nachhaltigen Profit zu schlagen. Immerhin hatte er sie in ihrem Glauben gelassen und ihnen ein Autogramm gegeben. Der Name jenes Mister Schweiz, der auch aus dem Lugnez stammte, war ihm zum Glück sofort eingefallen.

Man sah Phil den Bergler nicht mehr auf den ersten Blick an. Den Skilehrer, den er markiert hatte, als er vor fünf Jahren in die Stadt kam, hatte er inzwischen abgelegt. Er hatte beschlossen, lieber ein urbanes als ein rustikales Image zu pflegen. Phil hatte eine Bubennase – kürzer als die der meisten Bergbauern –, dichte Augenbrauen, markante Wangenknochen und einen ziemlich breiten Mund. Das verlieh ihm einen fast exotischen Charme, aber mit seinen goldblonden Haaren hätte man ihn genauso gut für einen sportlich braungebrannten Schweden halten können. Das Ledrige des Bündners war er noch nicht ganz losgeworden. Die künstlich graumelierten Strähnen in seinem Haar machten es schwer, sein Alter zu schätzen. Dass man eher einen noch jugendlich wirkenden Mittdreissiger als einen schon etwas verbrauchten Endzwanziger in ihm sah, war bis anhin kein Nachteil gewesen. Phil wartete gespannt, ob die American Express Card schon gesperrt war, aber der Vorgang verlief reibungslos. Er hatte sich vorgenommen, die Karte sparsam zu verwenden. So konnte er sie vielleicht bis zum Ablaufdatum benützen.

«Danke sehr, Herr Zulauf», sagte der Verkäufer.

Daran hatte er sich gewöhnen müssen. Den Reflex, Pardon, Caduff ist mein Name zu sagen, hatte er zu unterdrücken gelernt.

«Kommen Sie doch auf einen Sprung vorbei, wenn Sie in der Nähe sind, auch wenn Sie sich nur umsehen möchten. Oder einfach auf einen Espresso. Ciao», sagte der Italo unter der Tür und drückte ihm die Hand.

Phil hatte sich die neuen Sachen einpacken lassen und seine alten wieder angezogen. Er hätte die schicken Klamotten liebend gern anbehalten, aber das ging natürlich nicht. Er wäre am Abend sofort damit aufgefallen. Er beschloss, nach dem Arztbesuch gleich wieder zu Max zu gehen und die neuen Kleider bei ihm zu deponieren. Schlag zwölf verliess er Doktor Zanggers Praxis wieder. Das Gespräch war für ihn Routine gewesen, in solchen Dingen hatte er einige Erfahrung. Er hatte darauf verzichtet, Zangger gleich beim ersten Mal zu sagen, dass er nicht ganz freiwillig kam. Man hatte es ihm freigestellt, einen Psychotherapeuten seiner Wahl zu suchen.

Zur Bushaltestelle waren es nur ein paar Schritte. MacMax lag im Multikultiquartier bei der Nordbrücke. Einen Lohn konnte Max nicht zahlen, aber er hatte ihm aus der Patsche geholfen und ihm pro forma einen Arbeitsvertrag gegeben. Es war in seiner gegenwärtigen Lage zwingend, dass er einer geregelten Arbeit nachging. Sehr geregelt war die, die er verrichtete, zwar nicht gerade, aber er trudelte täglich um etwa halb zehn bei MacMax ein und nahm Aufträge entgegen, wenn es welche zu erledigen gab. Die meiste Zeit werkelte er aber an seinen eigenen Projekten. Max hatte nichts dagegen, wenn er während der Arbeitszeit ein paar Strassen weiter ins Fitnessstudio ging. Dass er an diesem Morgen einen Arzttermin hatte und gleich wieder losgezogen war, hatte ihn nicht gestört.

Phil holte sich Kaffee, verdrückte die Muffins, hängte seine neuen Kleider in einen Schrank und machte sich an die Arbeit. Das heisst, er schlug den Tages-Anzeiger auf und nahm sich die Kleininserate vor, die er angekreuzt hatte.

«Gesucht per sofort Chauffeur/Begleiter für älteren, leicht gehbehinderten Herrn. Guter Lohn»; «Findiger PC-Tüftler gesucht»; «Rasch viel Geld verdienen, wann du willst, so viel du willst.»

Phil hatte die Telefonnummern bereits in seinem Handy gespeichert. Die letzte Annonce klang nach Erotikstudio und war wohl an junge Frauen gerichtet. Er rief die Nummer trotzdem an. Es konnte sich ja um einen gepflegten Escortservice handeln, und die suchten gelegentlich auch Männer. Oder Boys. Manchmal auch tagsüber. Wieso auch nicht?, dachte er. Er kannte keine Berührungsängste. Es ging aber nicht um einen Sexjob, sondern um ein lukratives Geschäft, das nach dem Schneeballprinzip funktionierte. Er wurde eingeladen, an einem Einführungskurs teilzunehmen. Das Schneeballprinzip hätte ihn zwar gereizt, aber der Kurs fand samstags statt, und da konnte er natürlich nicht. Der zweite Job wäre bestimmt etwas für ihn gewesen, aber die Nummer war dauerbesetzt. Als er auf die erste Annonce anrief, wurde er von einer Frau eingeladen, sich am selben Abend vorzustellen, um den älteren Herrn kennen zu lernen. Phil musste sich herausreden, abendliche Vorstellungsgespräche lagen nun mal nicht drin. Mit diesem Handicap musste er noch ein paar Wochen leben. Bis dann war die Stelle natürlich längst besetzt. Dieser Job hätte ihn interessiert. Er roch zwar nach langen Präsenzzeiten, bot aber bestimmt die Gelegenheit, nützliche Kontakte zu knüpfen. Einen ähnlichen Temporärjob hatte er schon einmal ausgeübt, und dies zur vollen Zufriedenheit des alten Herrn Zulauf.

Phil setzte sich an seinen Mac, erledigte den Auftrag, den er von Max bekommen hatte, und wandte sich dann seiner Liebhaberei zu. Als Mac-Anwender war er ein Experte, und Max, dieses Schlitzohr, hatte ihm mittlerweile beigebracht, wie man sich in einen fremden Computer hackt. Er ging auf Doktor Zanggers Website. Er musste schliesslich wissen, auf wen er sich da einliess. Die Website war gar nicht übel designt. Ohne jeden Hackangriff, bloss indem er ein paar Links anklickte und auf Google und Facebook ein bisschen nachforschte, fand er einige Dinge über seinen neuen Psychiater heraus. Zum Beispiel, dass er verheiratet war und erwachsene Kinder hatte. Dass er früher ein begeisterter Globetrotter und heute ein Afrikafreak war. Und dass er zwei Oldtimer besass: einen uralten Chevy und einen VW-Camper aus den 70er-Jahren. Wahrscheinlich einen California. Der Garagist von Disentis hatte ein solches Vehikel in seiner Garage stehen gehabt, deshalb war Phil das Modell ein Begriff. Er klickte Zanggers Mailadresse an und schickte ihm ein harmlos aussehendes Mail mit einem Trojaner. Als Absender wählte er eine Fantasieadresse, die nach pharmazeutischer Firma aussah. Wenn Zangger unvorsichtig genug war, das Attachment zu öffnen, lud er damit ein kleines Programm herunter, das Phil vielleicht einmal dienlich sein konnte, wenn er Zanggers Computer hacken wollte. Kurz nach fünf sicherte er seine Daten und schaltete den Mac ab. Wenn er sich eines nicht leisten konnte, dann war es, zu spät nach Hause zu kommen. Nach Hause war zwar nicht ganz der treffende Ausdruck. Er hatte sein Studio letztes Jahr räumen müssen und seine Habseligkeiten eingestellt. Zurzeit musste er immer noch in Winterthur übernachten. Er nahm American Express Card und Legi aus seinem Portemonnaie, zog eine der Schubladen seines Arbeitstischs ganz heraus und steckte die Karten in eine Fuge an deren Hinterseite. Dann schob er die Schublade wieder an ihren Platz. Er winkte Max zu und machte sich auf den Weg zum Bahnhof Wipkingen.

«So, Herr Caduff, wie war der Tag?», fragte Toggweiler, als er sein Logis betrat.

«Okay», erwiderte Phil und gab sein Handy und die andern Sachen ab, wie jeden Abend.

«Viel Arbeit?»

«Schon, ziemlich.»

«Und der Arztbesuch? Alles in Ordnung?»

«Weiss nicht. Muss nächste Woche nochmals hin.»

«Wird schon nichts Schlimmes sein, in Ihrem Alter.»

Phil spürte irgendwie, dass Toggweiler ihn mochte.

«Gute Nacht», sagte Toggweiler. Dann schloss er die Zellentür hinter ihm zu.

2.

«Der Typ brachte mich fast zur Weissglut», sagte Zangger und nahm einen Schluck. Der Grüne Veltliner, den Seidenbast eingeschenkt hatte, schmeckte frisch und pfeffrig.

«Du bist ferienreif, Lukas», meinte Seidenbast. «Oder muss ich sagen: ausgebrannt?» Er schaute seinen Freund besorgt an.

Zangger winkte ärgerlich ab.

«Deshalb nervt er dich so», fuhr Seidenbast fort. Er klopfte die Asche von seiner Zigarette. Aus Rücksicht auf Zangger, der dem Rauchen vor ein paar Jahren abgeschworen hatte, blies er den Rauch zur Seite statt geradeaus.

Seidenbast wohnte nur ein paar Schritte von Zanggers Praxis und Seminar entfernt im Zürcher Götterquartier. In jenem Geviert entlang der Neptun- und Minerva-, zwischen Merkur- und Jupiterstrasse im Stadtteil Hottingen, in dem Psychiater zuhauf praktizierten. Einen Jour fixe hatten sie nicht, Zangger klopfte einfach hie und da nach seiner letzten Konsultation bei Seidenbast an. Wenn dieser zuhause war, bekam er ein Glas Weisswein vorgesetzt, das Seidenbast neu in sein Sortiment aufgenommen hatte, und leerte seinen Kropf. Für Zangger hatten diese Gespräche beinahe den Wert einer Supervision, obschon sein alter Freund kein Profi war. Seidenbast führte im Seefeld ein Buchantiquariat, dem eine Weinboutique angegliedert war. Buch&Wein hiess der Laden. In Zanggers Augen besass sein Freund eine unglaubliche Intuition. Mit der Zeit hatte er gelernt, den mal unangenehmen, mal wohltuenden Wahrheiten, die Seidenbast ihm auftischte, etwas abzugewinnen.

«Er ist aber auch wirklich ein Ekel», fuhr Seidenbast fort.

«Nicht wahr?», sagte Zangger. Er war darauf gefasst gewesen, dass Seidenbast ihm einen Vorwurf machte. Dafür, dass er sich über einen aufregte, der wegen Problemen zu ihm kam. «Das finde ich auch.»

«Dann sags ihm.»

Und jetzt die kalte Dusche, dachte Zangger, ich hätte es wissen müssen. «Das liegt nicht drin», sagte er.

«Du traust dich nicht, heisst das.»

«Kann sein», gab Zangger zu.

«Vielleicht wäre es aber heilsam», gab Seidenbast zu bedenken. Er vertrat wie gewohnt die Ansicht, dass Wahrhaftigkeit die richtige Medizin sei. Dem Kunden reinen Wein einschenken, so lautete seine Devise, und die galt seiner Überzeugung nach auch für einen Psychiater.

Zangger hatte seinem Freund von den Knüttls erzählt, die zur Ehetherapie kamen und heute ihre vierte Sitzung gehabt hatten. Er hatte Seidenbast den Versicherungsagenten Knüttl beschrieben, der seine Frau auf eine perfide Art vor ihm demütigte. Herr Knüttl mimte den fürsorglichen Ehemann, der für die Schwierigkeiten seiner Frau Verständnis hatte und ihr ihre Schwächen nachsah. In Tat und Wahrheit schulmeisterte er sie ständig auf herablassende Weise. «Bitte sei ehrlich, Liebling», säuselte er, sobald sie etwas sagte, das ihm nicht passte. «C’est le ton qui fait la musique, weisst du», war sein Kommentar, als sie sich darüber beklagte, dass, was immer sie sage, seinen Ärger auslöse. «Es braucht immer zwei», belehrte er sie von oben herab, als sie ihm vorwarf, er breche bei jeder Gelegenheit einen Streit vom Zaun. Zangger war bemüht, eine einigermassen erträgliche Atmosphäre herzustellen. Er zog sämtliche Register. Umsonst. Zeigte er Verständnis für den ehelichen Konflikt, so verbat sich Herr Knüttl jede Gefühlsduselei. Blieb er sachlich und korrekt, so vermisste Herr Knüttl die Empathie in seinen Worten. Versuchte er es mit Humor, so verlangte Herr Knüttl ernst genommen zu werden. Machte er psychologische Überlegungen, so erklärte Herr Knüttl, damit könne er nichts anfangen. Nahm Zangger aber die Frau in Schutz, dann weiteten sich Frau Knüttls Augen vor Schreck: Ihm wurde klar, dass sie befürchtete, für seine Stellungnahme büssen zu müssen. Zangger vermutete, dass der Mann in den eigenen vier Wänden ein Tyrann war, dass er seine Frau vielleicht sogar schlug. Dass sie es aber niemandem zu sagen wagte.

«Trinkt er?», fragte Seidenbast.

«Nein, aber er raucht.»

«Na und?»

«Ich meine», sagte Zangger, mit einem raschen Blick auf Seidenbasts Zigarette, «er riecht penetrant. Nicht nur Tabakrauch, er verströmt auch sonst einen strengen Geruch. Vielleicht bin ich zu empfindlich, aber mich ekelt er fast.»

«Sagte ich doch: Er ist ein Ekel. Und das muss ihm irgendwann einer sagen», doppelte Seidenbast nach. «Und zwar du, Lukas, wenn es sonst keiner tut. Weisst du, was ich glaube?», fragte er und fuhr gleich selber fort: «Er hat längst eine andere. Die Ehetherapie ist bloss ein Alibi. Er will mit reiner Weste dastehen. Als derjenige, der nichts unversucht liess. Er will seine Frau bei dir deponieren.»

«Deponieren?»

«Jawohl. Er sorgt dafür, dass sie schon in Obhut eines Therapeuten ist, wenn er sie sitzen lässt. Das erspart ihm Scherereien, wenn es so weit ist.» Damit war Seidenbasts Analyse dieses Paarproblems fürs Erste beendet. «Hattest du heute nur unangenehme Klientel?», wollte er wissen.

«Nein. Vor der Mittagspause hatte ich einen Neuen. Mit dem gabs keine Probleme. Im Gegenteil, der gefiel mir irgendwie.»

Seidenbast hob eine Braue. «Er gefiel dir? Was hat er denn?»

«Weiss ich noch nicht.»

«Krank?»

«Das war nicht mein Eindruck. Früher stotterte er, aber das hört man kaum noch.»

«Wieso braucht er dann einen Psychiater?», fragte Seidenbast maliziös. «Hatte er etwa eine schwere Kindheit?» Er kannte Zanggers Aversion gegen diese Formel.

«Genau das hat er gesagt», bestätigte Zangger verblüfft, aber mehr sagte er nicht.

Als Erstes hatte Caduff erzählt, er wolle bald heiraten. Es gebe in seiner Vergangenheit jedoch einige dunkle Stellen, die er vorher ausleuchten wolle. Wissen Sie», hatte er weiter gesagt, und dabei zu Boden geblickt, «ich hatte eine schwere Kindheit.»

Schwere Kindheit?, wunderte sich Zangger, diese Floskel passt ganz und gar nicht zu ihm. Er wurde dem jungen Mann gegenüber innerlich eine Spur reservierter. Caduff hatte sich zu Beginn der Stunde offenherzig und unverkrampft gezeigt. Wenn einer sich selbst eine schwere Kindheit attestierte, suchte er, das war Zanggers Erfahrung, in aller Regel Mitleid. Oder Absolution. Für eigenes Ungenügen oder Fehlverhalten nämlich. Oft klang es in Zanggers Ohren so, als ob einer sich mit seiner schweren Kindheit schmücken wollte. Wie mit einem Kriegsorden. Wer «schwere Kindheit» sagte, der signalisierte, dass er an seinem Elend festhalten wollte. Dass er keine Veränderung, keine Entwicklung suchte. Sondern Nachsicht. Oder Schonung.

«Erzählen Sie», sagte Zangger. Er hoffte, Caduff würde den Eindruck, den er eben gemacht hatte, korrigieren. Das tat er denn auch: Als er erzählte, wie er seine Mutter habe sterben sehen. Es sei ein Unfall gewesen, sagte er. Und er habe ihn verursacht. Als Kind.

Er sei, erzählte Caduff, auf dem Traktor gesessen, rechts neben dem Fahrersitz, ein Knirps von acht Jahren. Zwischen zwei Handgriffen, die auf dem Schutzblech über dem grossen Rad montiert waren. Extra für ihn.

Mutter sitze am Steuer. – Er mache Kapriolen, statt sich an den Griffen festzuhalten.

Mutter heisse ihn aufhören. – Er höre nicht auf.

Mutter löse die rechte Hand vom Steuer und packe ihn am Kragen. – Er schlage um sich.

Mutter lasse das Lenkrad los und versuche, ihn richtig zwischen die Haltegriffe zu setzen.

Der Traktor gerate über den Wegrand hinaus. Das Gelände sei steil an dieser Stelle.

Er falle vom Traktor, erschrecke gewaltig. Stehe schreiend wieder auf. Mit einem Loch im Kopf, aber das merke er erst später.

Er höre die Mutter kreischen. Er sehe, wie sich der Traktor überschlage und die Mutter unter sich begrabe. Es poltere und krache.

Er renne zu ihr, den Abhang hinunter. Sie röchle.

Mamma!, schreie er, Mamma, wach auf! Sie röchle nur.

Er kraxle wieder hoch, in Panik.

Er renne nach Hause, rufe den Vater.

Der sehe seinen blutenden Kopf und wolle zuallererst wissen, was er angestellt habe.

Die H-h-handgriffe l-losgelassen, wimmere er.

Tgutg!, schimpfe der Vater und verpasse ihm eine Ohrfeige. Und wo die Mutter sei, frage er dann.

U-unter dem Traktor, sie sei ganz w-w-weiss im Gesicht. Sie habe N-nasenbluten, schluchze er, und aus dem O-o-ohr blute sie auch.

Atemlos kämen sie beim Traktor an. Der Motor laufe noch, die Räder drehen sich in der Luft.

Die Mutter röchle nicht mehr.

Tgutg!, brülle der Vater und verprügle ihn ein weiteres Mal.

Zangger war es bei der Geschichte kalt den Rücken hinuntergelaufen. Das ist keine Schwere-Kindheit-Macke, das ist ein echtes Trauma, hatte er gedacht. Nicht die Prügel, aber die Mutter sterben sehen. Was muss der Knabe für Schuldgefühle gehabt haben! Die können einen lebenslang begleiten. Mich erstaunt bloss, dass aus ihm ein Sonnyboy geworden ist.

«Wie alt ist er?», wollte Seidenbast wissen.

«Ende zwanzig, Anfang dreissig. Ein Charmeur und ganz dein Typ», schmunzelte Zangger. Hin und wieder musste er auf das Einsiedlerleben seines Freundes anspielen.

«Wie kommst du denn darauf?», fragte Seidenbast. «Er ist ja nicht einmal halb so alt wie ich.»

«Eben. Dir gefallen doch junge, gut aussehende Kerle.»

«Ja, ja», meinte Seidenbast, als ob ihn das Thema langweile. «Aber nur intelligente, mit dummen kann ich nichts anfangen.»

«Das weiss ich. Ein junger, gut aussehender, intelligenter Typ. So einer ist er.»

«Gebildet?»

«Gut möglich.»

«Du machst mich neugierig. Ein bisschen neurotisch darf er übrigens schon sein. Das macht mir nichts aus.»

Ich weiss, dachte Zangger, und liess Seidenbasts Verflossene in der Erinnerung Revue passieren. Seidenbasts Freunde waren mindestens zehn, später eher zwanzig oder mehr Jahre jünger gewesen als er selbst. Er hatte stets charmante, extravertierte und etwas verrückte Freunde gehabt. Alle hatten Seidenbast für seinen scharfen Verstand und seine Bildung bewundert, aber keiner hatte sich davon einschüchtern lassen. Seidenbast hatte sich immer über beide Ohren in den gerade aktuellen Adonis verliebt. Und umgekehrt waren die Kerle auch regelrecht in ihn verknallt gewesen, wenigstens für eine gewisse Zeit. Für Zangger war es bis anhin ein Rätsel geblieben, was Seidenbast für junge Männer so anziehend machte. Immer wieder machten ihm blendend aussehende junge und nicht mehr ganz junge Typen den Hof. Kellner in einem Gourmetlokal, Buchhändler oder junge Künstler, die ihn auf einer Vernissage umschwärmten. Gewiss, Seidenbast sah nicht schlecht aus: Er hatte silbergraues, kurz geschnittenes Haar, einen diskret gebräunten Teint, und hinter den randlosen Brillengläsern funkelten wache schwarze Augen. Er war immer tadellos gekleidet, auch wenn er nur Hose und Hemd trug. Seine Sachen waren aus den feinsten Stoffen perfekt geschnitten. Manche fanden, er sehe aus wie ein älterer Filmstar, eine Mischung aus Gary Cooper und Clint Eastwood: männlich, etwas unnahbar und geheimnisvoll.

Sich selber, da machte Zangger sich nichts vor, hätte er höchstens mit Fernandel vergleichen können. Mit Don Camillo, gross gewachsen, eher unförmig und etwas ungelenk. Mit Pferdegebiss. Und mit Bauch, obschon er sich mit Waldläufen abrackerte. Dazu eine Stirnglatze, die sich schon ziemlich ausdehnte.

Mit seinem letzten Freund, seinem einzigen wirklichen Lebenspartner, Sven, hatte Seidenbast fast zehn Jahre zusammengelebt. Die beiden hatten sich auf dem Standesamt registrieren lassen, als dies in Zürich möglich geworden war. Sven war bald darauf an Immunschwäche gestorben. Und seither war Seidenbast keine Liaison mehr eingegangen. Zangger konnte sich vorstellen, dass er hin und wieder eine Affäre hatte, aber Seidenbast hatte nie etwas dergleichen gesagt. Und aus irgendeinem Grund hatte Zangger ihn bisher nicht danach gefragt.

«Kannst du mich mit ihm bekannt machen?», fragte Seidenbast sachlich.

Zangger war sich nicht sicher, ob sein Freund es ernst meinte. Er gab keine Antwort.

«Dann eben nicht», sagte Seidenbast. «Aber Spass beiseite. Etwas ist faul an der Geschichte.»

«Was?»

«Er will dich um den Finger wickeln.»

«Kann schon sein», meinte Zangger. «Das versuchen schliesslich viele. Es gehört zu meinem Beruf, unbewusste Manipulationen zu erkennen und aufzudecken.»

«Ich meine bewusst, nicht unbewusst. Er führt dich ganz bewusst an der Nase herum, das spüre ich irgendwie.»

«Was du nicht sagst», lachte Zangger.

«Wie heisst er?»

«Also bitte, ich nenne doch keine Namen.»

«Jetzt tu nicht so. Bloss den Vornamen, den willst du ja auch wissen, wenn dir ein Supervisand einen Patienten vorstellt.»

«Na gut, Gion heisst er.»

«John? Ein Ami?», forschte Seidenbast weiter.

«Wieso?», fragte Zangger zurück. Dann begriff er, aber er fühlte sich nicht verpflichtet, den Irrtum aufzuklären. «Nein. Und jetzt sage ich kein Wort mehr.»

«Doch, sag mir eins», lachte sein Freund. «Wann geht es los? Wann fliegt ihr nach Afrika?»

«Überhaupt nicht», erwiderte Zangger. «Wir fahren nach Schottland.»

«Nach Schottland? Wie kommt denn das?»

«Tina will einfach nicht nach Afrika. Ein für allemal nicht, sagt sie.»

«Wieso eigentlich nicht?»

«Ich weiss nicht. Ein Vorurteil. Oder vielleicht hat sie Angst. Wie auch immer, schliesslich überzeugte sie mich von Schottland. In sechs Wochen geht es los.»

«Für wie lange?»

«Den ganzen Juni. Oder ein, zwei Wochen länger.»

«Das ist die beste Zeit für Schottland. Ich beneide dich.»

«Ich habe die Pause auch dringend nötig.»

«Sage ich ja. Ausgebrannt, wie du bist. Kommen die beiden Jungs mit?»

«Nein, die Zeiten sind vorbei.»

«Dann also Honeymoon mit Tina?»

Schön wärs, dachte Zangger. «Ich hoffe es», sagte er und kniff ein Auge zu.

«Wer schaut zu deiner Schule? Und wer zur Praxis?»

Ein Seminar werde er noch halten, sagte er, für das folgende habe er einen Gastdozenten eingeladen, danach beginne die Sommerpause. Seinen Patienten werde er für den Notfall die Adressen zweier Kollegen angeben. Dann kehrte er den Spiess um: «Und du, Marius? Wie gehts eigentlich dir?»

Seidenbast sagte, er wolle nicht klagen. Mit dem Alleinsein sei er noch immer nicht glücklich, aber das Geschäft laufe besser als je. Zangger packte die Gelegenheit beim Schopf, und noch ehe Seidenbast übers Geschäft reden konnte, fragte er:

«Lachst du dir denn nie einen Lover an?»

Seidenbast sah ihn nachdenklich an. Zangger hatte eine witzige Antwort erwartet.

«Das geht nicht mehr wie früher», sagte er schliesslich.

Ach, komm, wollte Zangger schon sagen, ich sehe doch, wie dich die jungen Kerle anhimmeln. Aber er liess es bleiben. Eine oberflächliche Aufmunterung war jetzt nicht das Richtige.

«Natürlich könnte ich in der Szene einen aufgabeln», fuhr Seidenbast fort. «Für eine Nacht. Aber ich bin kein grosser Szenegänger. Nie gewesen, das weisst du. Und überhaupt ist mir nicht nach Affären zumute.» Er blickte zum Fenster hinaus und sagte lange nichts. Dann sah er Zangger an und fragte: «Weisst du eigentlich, was du an Tina hast?»

Wieso fragt er das?, dachte Zangger.

«Ich sehne mich nach Liebe, weisst du», sprach Seidenbast weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. «Nach Zweisamkeit. Nach einer Beziehung. Wie mit Sven. Aber so etwas gibt es kein zweites Mal», sagte er und schwieg.

Es dünkte Zangger, Seidenbast sei den Tränen nah. Ist er depressiv?, dachte er. Habe ich es bloss nicht gemerkt?

«Wie gesagt», fuhr sein Freund fort und gab sich einen Ruck. Zangger war klar, dass er nicht weiter über das Thema reden wollte. «Ich beklage mich nicht, und das Geschäft läuft wirklich wie geschmiert.»

Vor vielen Jahren war Seidenbast, weil er mit dem Buchantiquariat in die roten Zahlen geraten war, von der Kirchgasse ins Seefeld gezogen. Das Quartier war damals noch nicht sehr in gewesen. Seit er die Weinboutique eröffnet hatte, florierte der Laden. Aber die Arbeit beginne ihm über den Kopf zu wachsen, erklärte er, und wenn es so weitergehe, werde er bald Angestellte brauchen.

«Du und Angestellte?», witzelte Zangger, «Marius Seidenbast als Chef? Als CEO von Buch&Wein?»

Seit Jahr und Tag hatte Seidenbast ein «Mädchen für alles»: eine energische siebzigjährige Frau, eine Perle, die ihm den Laden schmiss. Frau Preisig schloss morgens das Geschäft auf und leerte an der Höschgasse das Postfach. Sie packte Bücher ein und öffnete Weinkisten. Sie füllte Regale mit Büchern und Flaschen, wedelte den Staub von den Buchrücken und spülte die Degustationsgläser. Sie sorgte für Ordnung und Sauberkeit und hatte den Blick für das Ganze. Seidenbast selber war für das Geistige zuständig, den Inhalt von Flaschen und Büchern. Seidenbast und Frau Preisig waren ein seltsames Gespann. Sie sah immer, was zu tun war, und nie hörte man Seidenbast ihr eine Anweisung geben. Die Perle war im Laden fast unsichtbar, und die allermeisten Kunden hätten geschworen, Seidenbast mache alles selber. Die Vorstellung, in Buch&Wein von jemand anderem als von Seidenbast persönlich beraten oder bedient zu werden, wäre für viele gewöhnungsbedürftig gewesen. Seidenbast als Chef, als Vorgesetzter, der andern sagte, was sie zu tun hatten, das konnte sich Zangger einfach nicht vorstellen.

«Wenn das nur gut geht», seufzte er.

«Du bist bloss neidisch», lachte Seidenbast, «weil du nur einen Einmannbetrieb führst.»

Als Psychiater brauchte Zangger tatsächlich keine Praxishilfe. Er nahm die Patienten selber in Empfang, und was es an Schreibarbeiten zu erledigen gab, hätte eine Sekretärin nie und nimmer ausgelastet. Die Schule für Psychotherapie, die er in den Räumen seines Praxishauses führte, war klein, aber fein und nicht zu vergleichen mit den grossen Instituten Freudscher, Jungscher oder anderer Richtung. Er hatte sie vor bald zwanzig Jahren vom alten Professor Glanzmann übernommen. In Zanggers Seminar, wie die Ausbildungsstätte unter Insidern jetzt hiess, wurden Ärzte und Psychologen zu Psychotherapeuten ausgebildet. Mit den Jahren hatte Zangger ein Team von Lehrtherapeuten zusammengestellt, die im Auftragsverhältnis für ihn unterrichteten. Die Hälfte der Seminare bestritt er selber, die übrigen hielten seine Gastdozenten. Die administrative Arbeit, die damit verbunden war, beschränkte er auf ein Minimum und konnte sie deshalb gut allein erledigen.

«Ja, ja», lachte Zangger. «Ich bin bloss neidisch.»

Nach dem Schwatz bei Seidenbast setzte er sich in seinen alten Chevy, den er in einer Seitenstrasse geparkt hatte. Er drehte das Seitenfenster mit der Handkurbel herunter und gondelte gemächlich durch das Götterquartier, dann fuhr er stadtauswärts. Tina und er würden aller Voraussicht nach allein zu Abend essen. Tom traf sich mit seiner Freundin und blieb vermutlich über Nacht weg. Mona hatte angekündigt, sie werde nicht da sein. Vor einem halben Jahr hatte Zangger sie aus der Mansardenwohnung im Dachgeschoss seiner Praxis schmeissen müssen. Sie hatte dort mit zwei dubiosen Figuren eine WG betrieben. Die drei hatten im Dachgeschoss wie Vandalen gewütet. Die Mansarden mussten dringend renoviert werden. Tina und er hatten nicht verhindern können, dass Mona wieder ins Elternhaus einzog, statt sich selbständig zu machen. Kürzlich hatte sie versichert, sie habe ein Studio gefunden und werde Ende des Monats ausziehen. Tina und er hatten es mit Erleichterung gehört. Sie konnten bloss nicht sicher sein, ob Mona die Ankündigung auch wahr machte. Claudia wohnte seit ein paar Jahren mit ihrem Freund in Dübendorf. Und Fabian, Toms Zwillingsbruder – einen Kopf kleiner als dieser, aber, was Schule und Studium anging, ihm immer mindestens ein Jahr voraus –, stand kurz davor, für ein Auslandsemester nach Montpellier zu reisen.

Hinter der Forch nahm Zangger die gewohnte Ausfahrt und bog nach zwei, drei Kilometern in die kleine Strasse ein, die bei dem alten, vor Jahren umgebauten Bauernhaus am Waldrand endete.

3.

Zangger verabschiedete einen jungen Kollegen. Vor seinem Sprechzimmer sass schon der neue Patient, der heute seine zweite Sitzung hatte.

«Augenblick, Herr Caduff. Bin gleich so weit.»

«Kein Problem. Ich weiss, ich bin zu früh», sagte Caduff. «Bei Ihnen geht es Schlag auf Schlag», meinte er, schob die Unterlippe vor und nickte bewundernd. «Da gibt ein Patient dem nächsten die Tür in die Hand.»

Zangger hätte Caduff einfach zustimmen können. Aber es juckte ihn, die Sache richtigzustellen: «Das war kein Patient, das war ein Supervisand.»

«Ein super was?»

«Ein Psychiater und Psychotherapeut, genau wie ich. Wir besprechen berufliche Fragen.»

«Ach so, Supervisand», lachte Caduff. «Dann sind Sie Supervisor?»

«So ist es.»

«Alles klar», sagte Caduff und lachte ihn an. «Jetzt machen Sie aber ruhig Kaffeepause. Ich habe Zeit.»

Ein klein wenig ärgerte es Zangger, dass Caduff erraten hatte, was er erledigen wollte. Er stieg die Treppe hoch und bereitete sich in der Seminarküche einen Espresso zu. Er nahm das Tässchen, ging damit auf die kleine Terrasse hinaus, auf der sonst seine Studenten Pause machten, und setzte sich auf einen der Gartenstühle.

Gar nicht unsympathisch, der junge Mann, dachte er. Mir ist bloss noch nicht klar, was er eigentlich will. Unter grossem Leidensdruck scheint er nicht zu stehen. Trotz seiner schlimmen Geschichte.

Zangger leerte das Espressotässchen, ging hinunter und bat seinen Patienten ins Sprechzimmer.

Caduff fiel gleich mit der Tür ins Haus. Er müsse lernen, zu seinen Fehlern zu stehen, statt sie zu verschweigen, zu beschönigen oder abzustreiten. Oder Dinge zu erfinden, bloss um besser dazustehen. Ein Kindheitsmuster, das er sich zum Schutz vor seinem jähzornigen und gewalttätigen Vater angeeignet habe.

«Um ehrlich zu sein: Ich bin ein Schwindler», fasste Caduff zusammen. «Nicht immer, aber meistens.»

«Was Sie nicht sagen», sagte Zangger. In einem Ton, als habe sein Patient etwas Bewundernswertes von sich preisgegeben. Dann machte er ein nachdenkliches Gesicht. «Da sind Sie bei mir aber an den Falschen geraten.»

«Ach ja?», machte Caduff. «Merken Sie sofort, wenn einer lügt?»

«Im Gegenteil», erwiderte Zangger. «Ich merke es nie.»

«Ach, kommen Sie! Sie sind doch Psychiater.»

«Schon. Aber ein leichtgläubiger.»

«Nehmen Sie mich auf den Arm?»

«Nein. Es ist so: Ich glaube jedes Wort, das man mir sagt. Man kann mich leicht hereinlegen.»

«Wirklich? Das ist aber gar nicht gut.»

«Ich weiss. Aber ich gehe immer davon aus, dass das, was mir einer sagt, stimmt. Ich kann nicht anders», erklärte Zangger.

«Nun», meinte Caduff, «das ist ja auch Ihr Job.»

«Eben», bestätigte Zangger.

«Wie können Sie mir helfen?»

«Keine Ahnung. Wahrscheinlich überhaupt nicht.»

Caduff machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl.

«Könnten Sie nicht einen Versuch mit mir machen?»

«Einen Versuch schon. Begrenzt auf zehn Sitzungen. Und unter einer Bedingung.»

«Klar: dass ich Sie nicht anlüge.»

«Nein. Dass Sie mir in jeder Stunde sagen, was Sie mir in der vorhergehenden vorgeschwindelt haben.»

Caduff sah ihn verdutzt an.

«Einverstanden», sagte er dann und lehnte sich zurück.

«Wir fangen gleich an», fuhr Zangger fort. «Stimmen die Angaben auf dem Anmeldebogen, den Sie letztes Mal ausgefüllt haben?»

«Warten Sie», sagte Caduff. Er schien das Papier in der Erinnerung noch einmal durchzugehen. «Da ist eine Kleinigkeit: Mein ganzer Vorname ist Gion-Gieri.»

«Kein Problem. Und was von dem, was Sie mir aus Ihrem Leben erzählt haben, stimmt nicht?»

«Das mit den Heiratsplänen», sagte Caduff sofort. «Das war Angeberei. Ich bin noch nicht einmal verlobt.»

«Aber Sie haben eine Freundin?»

«Ja.»

«Schön. Wie heisst sie?», fragte Zangger weiter. Nicht inquisitorisch, bloss neugierig und interessiert. «Mit Vornamen, meine ich.»

«Ähm …», Caduff zögerte. Er schien sich nicht im Klaren zu sein, ob er ihren Namen nennen wollte. «Nicole», sagte er dann.

«Auch Studentin?»

«Nein, Hotelpraktikantin. Im Schweizerhof.»

«Und heiraten will sie Sie nicht?»

«Ehrlich gesagt», grinste Caduff, «habe ich sie noch gar nicht gefragt.»

«Alles zu seiner Zeit, nicht wahr? Und Ihre Mutter?»

«Meine Mutter?», fragte Caduff erschrocken zurück.

«Ich meine, stimmt die Geschichte mit Ihrer Mutter?»

Die Frage schien Caduff die Sprache zu verschlagen. Er schaute Zangger mit grossen Augen an.

«Die mit dem Traktor?», doppelte Zangger nach.

Caduffs Augen blickten durch Zangger hindurch. Er wirkte wie weggetreten.

Epileptische Absenz?, dachte Zangger. Dissoziative Störung?

Es dauerte nur zwei Sekunden. Caduff kam zu sich.

«Was war jetzt gerade?», wollte Zangger wissen.

«Wie?», fragte Caduff zurück. «Nichts.»

Zangger schwieg eine Weile und sah seinen Patienten ruhig an. «Stimmt die Geschichte?», wiederholte er dann seine ursprüngliche Frage. «Mit Ihrer Mutter? Mit dem Traktor?»

Wieder sah ihn Caduff verwundert an.

«Ja, die stimmt», sagte er schliesslich. Er schluckte.

Im ersten Augenblick hatte Zangger seine Frage fast bereut. Jetzt stellte er zu seiner Verwunderung fest, dass die Antwort eine eigenartige Reaktion in ihm auslöste: Er fühlte sich erleichtert. Aber er wusste, dass er Caduff, was dessen kurze geistige Abwesenheit anging, im Auge behalten musste.

«Und was ist mit Ihrem Vater?»

«Meinem Vater? Den kenne ich nicht. Oder meinen Sie den alten Caduff?»

Zangger hob fragend die Hände.

«Was mit ihm ist? Er ist ein Schwein», sagte Caduff. «Und Gott sei Dank tot.» Er schwieg lange, dann sagte er leise: «Er triebs mit den Schafen, wenn Sie wissen, was ich meine. Und auch mit mir», murmelte er. «Im Stall, wenn Schafe und Kühe auf der Weide waren. Zuerst ausmisten und dann …»

Er verstummte und sah Zangger ins Gesicht.

Es schauderte Zangger. Selbstverständlich würde er Caduff später wieder auf diesen widerlichen Missbrauch ansprechen. Aber jetzt wollte er ihm dazu keine Fragen stellen. Er hatte den Eindruck, dass das zu viel wäre. Er stellte ihm stattdessen die eine oder andere biografische Frage. Caduff erzählte von der Tante, die an Mutters statt für ihn gesorgt habe, bis er fünfzehn oder sechzehn war. Vom Geständnis, das der Alte herausgeschrien habe, wie einen Fluch: dass er gar nicht sein Vater sei. Vom Muni und den blutdurchtränkten Stallhosen.

Erneut lief es Zangger kalt den Rücken hinunter.

Dann von der Familie seines Vormunds weiter unten im Tal, bei der er für kurze Zeit gelebt habe, ehe er ins Internat der Klosterschule Disentis habe eintreten können. Von der kaufmännischen Lehre auf der Bündner Kantonalbank in Ilanz, die er, die Matura im Sack, absolviert habe, um rasch Geld zu verdienen. Vom Auszug aus der Surselva nach Chur und – zwei, drei Jahre später – nach Zürich. Von seiner Anstellung bei der Bank Wittmann, die er gekündigt habe, und vom Informatikstudium, das ihm sehr zusage. Schliesslich von MacMax, bei dem er ein bisschen Geld verdiene, um sein Studium zu finanzieren.

Gegen Ende der Sitzung besprach Zangger mit ihm die Modalitäten der Behandlung. Dass Caduff es vorzog, in den Vormittagsstunden zu kommen, erstaunte Zangger etwas.

«Es gibt noch etwas, Herr Caduff, und zwar …»

«Eine Hausaufgabe, nicht wahr?», fiel ihm sein Patient ins Wort. «Ich habe gehört, dass man Ihre Sprechstunde nicht ohne eine Hausaufgabe verlässt. Was ist es?»

«Ein Tagebuch. Ich bitte Sie, ein Tagebuch zu führen.»

«Ein Tagebuch?», meinte Caduff enttäuscht.

«Ein Lügenjournal.»

«Oh. Ich verstehe.»

«Gut», sagte Zangger. «Sie führen über alle Ihre kleinen und grossen Lügen Buch, und zwar tagtäglich. Angenommen, Sie schwindeln heute Ihren Chef an oder Ihre Freundin, einen Freund oder Polizisten, spielt keine Rolle, dann gehört das ins Tagebuch. Auch wenn es nur eine kleine Notlüge war.»

«Alles klar», bestätigte Caduff.

«Noch etwas, Herr Caduff», fuhr Zangger fort.

Er trug ihm auf, sich bei jedem kleinen oder grossen Schwindel nach seinen Motiven zu fragen: War es Prahlerei? Hoffte er auf Bewunderung? Fürchtete er, jemanden zu enttäuschen, wenn er die Wahrheit sagte? Steckte die Angst, einen Fehler zugeben zu müssen, hinter seiner Lüge? Diente sie dazu, eine alte zu vertuschen? Diese Dinge solle er, wenn er darauf eine Antwort finde, ins Lügenjournal schreiben.

«Gut, ja.»

«Dann prüfen Sie innerlich nach, ob Sie sich Ihrer Lüge schämen oder nicht. Auch das halten Sie im Tagebuch fest.»

«Ob ich mich schäme?», wiederholte Caduff erstaunt. «Okay, ich – ich verstehe.»

«Damit das klar ist: Das Tagebuch dient nur therapeutischen Zwecken. Nur Sie und ich werden darin lesen.»

«Muss ich es in die Sitzung mitbringen?»

«Vorläufig nicht», sagte Zangger.

Einstweilen wolle er nur wissen, ob er ihn, seinen Psychiater, angeschwindelt habe. Für alle übrigen Schwindeleien sei er nicht ihm, sondern seinem Lügenjournal Rechenschaft schuldig. Zu einem späteren Zeitpunkt würden sie es dann gemeinsam unter die Lupe nehmen.

Caduff sah Zangger ins Gesicht und nickte.

«Es gibt noch ein organisatorisches Problem, Herr Caduff», sagte Zangger. Er teilte seinem Patienten mit, dass seine Praxis Ende Mai für sechs Wochen geschlossen sein werde.

«Das macht mir nichts aus», sagte Caduff. «Verreisen Sie?»

«Jawohl», sagte Zangger.

«Wohin, wenn ich fragen darf.»

«Nach Schottland.»

«Oh! Lachs fischen? Oder Single Malts?», fragte Caduff neugierig weiter. «Eine Whiskytour?»

Zangger zögerte eine Sekunde. Er war eher zurückhaltend mit Auskünften über seine persönlichen Angelegenheiten. Aber er hatte es nie zum Prinzip gemacht, Privates um jeden Preis auszuklammern.

«Fischen kaum», erwiderte er. Single Malts schon eher, dachte er, aber das wollte er dem jungen Patienten nicht unter die Nase reiben. «Eher trekken.»

«Wer organisiert das? Reise-Fischlin?»

Zangger fand Caduffs Fragerei zwar etwas unverfroren, gleichzeitig aber auch sympathisch unbeschwert. Er beschloss, so lange zu antworten, als er Lust darauf hatte.

«Wir reisen immer auf eigene Faust.»

«Wir? Heisst das Sie und Ihre Frau?»

«Ja», sagte Zangger. Und freiwillig fügte er hinzu, er wusste selber nicht, wieso: «Mit einem alten VW-Camper.»

«Wow! Etwa mit einem California?»

«So ähnlich. Westfalia heisst das Modell. Baujahr 1972.»

«Oh, ein Westfalia? Das ist der Vorgänger des California, nicht wahr? Mit Aufstelldach?»

«Genau.»

Zangger staunte nicht schlecht, dass diesem jungen Mann der VW-Camper Modell Westfalia ein Begriff war. Das Vehikel war ja einiges älter als Gion Caduff selber. Zangger war in seinem Alter und auch noch Single gewesen, als er das unverwüstliche Gefährt – damals schon ein Gebrauchtwagen – gekauft hatte. Er war mit dem hellgrünen Camper durch die Sahara gefahren, hatte ihn auf abenteuerlichen Wegen wieder nach Hause gebracht und war später mit Tina damit nach Spanien und Portugal gereist. Für Familienferien war der VW-Camper natürlich zu klein gewesen. Sie hatten ihn nur noch sporadisch gebraucht und irgendwann eingemottet. Denn verkaufen oder verschrotten kam nicht in Frage. Vor ein paar Jahren, als Claudia ihre Fahrprüfung ablegte, machten sie ihn wieder flott. Claudia verbrachte mehrere Male Camperferien mit ihrem Freund, im Engadin und im Tessin, und einmal reiste sie mit ihm ans Nordkap. Fabian später mit Louis nach Barcelona. Tom mit seiner Clique an die Côte d’Azur. Mona verabscheute das Fahrzeug, für sie war es Sinnbild einer spiessigen Welt. Es war Tinas Idee gewesen, den alten Camper für eine mehrwöchige Reise nach Schottland instand stellen zu lassen. Sie kannte ihren Pappenheimer und zählte darauf, dass Zangger auf einer Camperreise am ehesten abschalten und sich erholen würde. Es war ein Kompromiss gewesen, denn Zangger hatte einmal mehr für Afrika plädiert, Tina für eine Donauschifffahrt mit Opernbesuchen. Nachdem er Bilder von den Low- und den Highlands und den Hebriden gesehen hatte, liess Zangger sich umstimmen.

«Dann haben Sie ja einen richtigen Oldtimer», meinte Caduff. «Hält er denn noch durch?»

Nun war es um Zangger geschehen. Das Reisefieber packte ihn, und obschon er eigentlich gar nicht hatte davon reden wollen, plauderte er weiter.

«Der hat es durch die Sahara geschafft, über sämtliche Alpenpässe und kreuz und quer durch Europa. Da wird er Schottland auch noch schaffen. Auch wenn er unendlich viele Kilometer auf dem Zähler hat. Wir fahren nach Calais und nehmen die Fähre nach Dover», fuhr er fort. Und bald hatte er seinem Patienten die Reiseroute skizziert, die er mit Tina zurückzulegen gedachte, mit allen Stationen zwischen Edinburgh und den Western Highlands.

«Sie würden aber lieber nach Afrika reisen, nicht wahr, Herr Zangger?», meinte Caduff. Er schaute ihm dabei direkt in die Augen. Zangger war sprachlos.

4.

Heute war ein Retrotag: einer der Tage, an denen Zangger von Kindheitserinnerungen eingeholt wurde, ohne dass er es wollte. Die Retrotage häuften sich in letzter Zeit. Er stand im Snow-n-Sand, um sich für Schottland einzukleiden. Kleiderkaufen war für ihn schon immer ein Greuel gewesen. Als Kind hatte es ihn nie gereizt, seiner Mutter beim Nähen und Schneidern zuzusehen – viel schöner fand er es, wenn sie einen Kuchen buk –, und wenn er sie zur Schneiderin oder in einen Hutladen begleiten musste, ödete es ihn an. Es roch in diesen Ateliers nach gar nichts, und die langweilige Stille, die darin herrschte, war irgendwie bedrückend. Nicht zu vergleichen mit einer Bäckerei oder einer Schreinerei. Selbst der Milch- und Käseladen dünkte ihn aufregenderes Territorium. Mutter setzte sich einen Hut auf und fragte Lukas, wie er ihm gefalle. Er gefiel ihm überhaupt nicht, denn er sah ganz anders aus als der, den sie zuhause hatte. Dann einen andern und wieder einen, bis er behauptete, der, den sie jetzt auf dem Kopf habe, gefalle ihm. Nur um der Warterei ein Ende zu machen. Den kaufte sie aber nicht, sondern entschied sich für den allerersten. Einmal zupfte er aus purer Langeweile und Zappeligkeit sämtliche Stecknadeln und Fäden aus einem Kostüm heraus, das, provisorisch zusammengesteckt, an einer Schneiderbüste hing. Das Kostüm landete, in seine Einzelteile zerlegt, auf dem Fussboden. Die Schneiderin tat ganz aufgeregt, und fortan war Lukas von solchen Begleitgängen dispensiert. Ging es um Kleider für ihn selber, so sagte ihm das keinen Deut mehr zu. Die Zanggers mussten zwar nicht jeden Rappen, aber sicherlich jeden Franken umdrehen. Mutter schneiderte die Kleider selber, aber manchmal ging man zur Knabenschneiderin: wenn es besonders gute Hosen sein mussten. Die waren aber nicht etwa aus feinem, sondern aus robustem Stoff, Manchester, gefertigt, und Hannes und Georg mussten sie austragen, wenn sie Lukas nicht mehr passten. Stundenlang, so kam es ihm vor, musste er sich gedulden, bis Mutter alle Stoffe gesehen und in die Finger genommen hatte. Wurde er gefragt, welcher ihm gefalle, und zeigte er auf den beigen, so beschieden ihm die Frauen, der sei zu heikel. Der braune gefalle ihm doch bestimmt auch. Er schüttelte den Kopf, aber die Hosen wurden aus dem braunen Stoff geschneidert. Das Resultat, die fertigen Hosen, interessierte ihn dann sowieso nicht besonders. Hosen waren für ihn Hosen, morgens zum An- und abends zum Ausziehen. Nur einmal hatte er sich brennend für Mode interessiert, mit fünfzehn. Da hatte er die fixe Idee, dass ein Bursche in einem Dufflecoat umwerfend aussehe. Er war überzeugt, dass dieser neumodische kamelbraune Mantel mit Knebeln anstelle von Knöpfen einen buchstäblich unwiderstehlich mache. Besonders, wenn man dazu ein Halstuch, nein, einen wollenen shawl trug. Mit Schottenmuster, rot mit grün-schwarzem Karo. Er hatte in der Illustrierten einen Jüngling mit dieser Ausstattung abgebildet gesehen. Lukas hatte sich auf Weihnachten einen solchen «Chlüpplisack» gewünscht. Seine Eltern hatten ihren Ohren nicht getraut, aber sie hatten ihm den Wunsch erfüllt. Bloss war dann die Wirkung bei weitem nicht so durchschlagend gewesen, wie er sich eingebildet hatte. Das heisst, eigentlich war sie vollständig ausgeblieben, und so war es mit Lukas Zanggers Interesse an der Herrenmode rasch wieder vorbei gewesen.

Zangger konnte nichts gegen solche Erinnerungen tun, er wollte auch gar nicht. Es waren wehmütige, angenehm schmerzliche Seelenzustände. Wie eine Fussmassage, die weh- und zugleich guttat.

«Du trauerst deiner Jugend nach», war Seidenbasts Kommentar gewesen, als er ihm einmal von seinen Retrotagen erzählte. «A la recherche du temps perdu.»

«Vielleicht», erwiderte Zangger. Er mochte es nicht besonders, wenn sein Freund ihn analysierte. Und er wollte keinen Vortrag über Marcel Proust hören.

«Das alte Lied», sagte Seidenbast damals, unerwartet nachsichtig. «Wer könnte es nicht singen, wenn er einmal so alt ist wie wir?»

«Du sagst es.»

Sie schwiegen beide eine Weile.

«Die perfekte Methode, die Gegenwart zu verpassen», lautete Seidenbasts nüchterner Schluss.

Zangger hatte sich fast gerüffelt gefühlt.

Aber es stimmte: Auch jetzt hätte er vor lauter Kindheitserinnerungen beinahe die Gegenwart verpasst. Er gab sich einen Ruck. Denn das hier war etwas anderes. Nicht Herrenmode stand heute auf dem Programm, sondern Trekkingausstattung. Da war keine Kleiderverkäuferin, die Zangger einredete, dieses oder jenes Modell stehe ihm vorzüglich. Kein Verkäufer, der ihn belehrte, man trage es heute so, wenn er fand, die Hose sei zu weit oder die Jacke zu eng. Nein, beraten wurde Zangger von seinen Söhnen.

«Nimm die», meinte Fabian, nahm seinem Vater den moosgrünen Lumber aus der Hand und reichte ihm eine signalrote Goretexjacke. «Mut zur Farbe», war sein Kommentar. «Und damit man dich findet», lachte er, «wenn du irgendwo abstürzt.» Der Pfadfinder in der Familie riet ihm zu Funktionsunterwäsche, einem Fleece, das er auch unter der Windjacke tragen konnte, und einem Paar Regenhosen.

Tom war für die technischen Dinge zuständig. Er legte grossen Eifer an den Tag, Zangger vom Segen der modernen Elektronik zu überzeugen. Ohne Erfolg. Er hatte gehofft, seinen Vater endlich zum Kauf eines Handys bewegen zu können. Zangger wollte nach wie vor keines. Auch keinen Reiseradiowecker mit weltweitem Kurzwellenempfang. Und kein Solarladegerät.

«Aber deinen Laptop nimmst du doch mit?», vergewisserte sich Tom.

«Bestimmt nicht», sagte Zangger, «ich mache Ferien.»

«Du bist wirklich ein Dinosaurier, Pa.»

«Wie meinst du das? Als Kompliment?»

«Vom Aussterben bedroht, das meine ich. Unfähig, dich den neuen Lebensbedingungen anzupassen.»

Zangger lachte. Er liebte diese Frotzeleien. Er fühlte sich gleich ein bisschen jünger. Aber Tom setzte eine besorgte Miene auf.

«Ich weiss nicht, Pa», meinte er und wiegte den Kopf. «Ohne Kommunikationstool auf ein Trekking? Es geht zwar nur nach Schottland, aber auf den Caledonia Hilltreks seid ihr tagelang unterwegs, weit ab von der nächsten Strasse oder Siedlung. Stimmt doch, oder?»

Zangger gab ihm recht.

«Und das ohne Handy? Das ist doch verantwortungslos.»

Verantwortungslos, dachte Zangger, das sagt sonst der Vater zum Sohn.

«Nimmt Ma wenigstens ihres mit?», wollte Tom wissen. «Wer weiss», wog er dann ab, «vielleicht habt ihr nicht einmal Empfang. Ihr solltet ein Walky-Talky kaufen, für den Fall, dass ihr euch aus den Augen verliert.»

Die Fürsorglichkeit seines Sohns rührte Zangger. Auf das Walky-Talky ging er trotzdem nicht ein. Dafür kaufte er die Halogenstirnlampe, die ihm Tom empfohlen hatte. Auch den neuen Leatherman mit Kombizange und Schere, denn gegen Mechanik hatte er nichts einzuwenden. Bei der Campingtischlampe blieb er stur. Das batteriebetriebene LED-Gerät kam nicht in Frage, da würde er lieber die alte Petroleumlampe wieder ausgraben.

Zangger hatte nicht mehr oft Gelegenheit, mit seinen Söhnen in die Stadt zu gehen. Umso mehr genoss er den Anlass. Nach dem Einkauf im Snow-n-Sand lud er sie, wie in früheren Zeiten, zu einem Hamburgerfrass ein. Mona wäre entsetzt gewesen, aber den drei Männern schmeckte der Junkfood wie ein Gourmetmenü. Danach schlenderten sie durchs Niederdorf. Tom drehte sich nach jeder hübschen jungen Frau um. Umgekehrt, das nahm Zangger mit einem gewissen Stolz wahr, zogen die ungleichen Brüder die Blicke der jungen Mädchen auf sich. Wenn er früher mit seinen Töchtern, die ein paar Jahre älter waren als die Zwillinge, auf einem Stadtbummel gewesen war, hatte er es weniger entspannt erlebt: Die flanierenden Männer hatten Claudia mit begehrlichen Augen gemustert, aber von Mona hatte keiner Notiz genommen. Und das hatte, wer immer dabei war, über kurz oder lang büssen müssen. Man musste sich jederzeit darauf gefasst machen, dass Mona auf offener Strasse oder im Restaurant eine hässliche Szene veranstaltete, die Mutter beschimpfte und sich unter Getöse davonmachte. Oder die Schwester vor den unbekannten Verehrern verhöhnte. Dass sie selber mit ihrem Gesichtsausdruck und ihrer Aufmachung alles dazu beitrug, auf Ablehnung statt auf Sympathie zu stossen, das hatten ihr Tina und Zangger umsonst klar zu machen versucht.

Vor der Condomeria blieben die Burschen stehen und sahen sich, ohne Rücksicht auf ihren Vater, die Auslagen an.

«Brauchst du etwas?», neckte Fabian seinen Bruder. «Ich hols dir, wenn du dich nicht rein traust.»

Tom versetzte ihm mit dem Ellbogen einen Puff.

Sie gingen weiter.

Ein Mann trat aus einem Haus. Den kenne ich doch, dachte Zangger. Es war Herr Knüttl. Zangger hatte es sich abgewöhnt, als Erster zu grüssen, wenn er nicht sicher sein konnte, ob das der andern Person willkommen war. Denn Patienten wollten in der Öffentlichkeit lieber nicht von ihrem Psychiater gegrüsst oder gar angesprochen werden. Er hatte deshalb gelernt, die Sekunde zu warten, die es dem andern erlaubte, so zu tun, als habe man sich gar nicht gesehen. Herr Knüttl hatte Zangger sehr wohl gesehen, denn seine Augen verrieten einen leisen Schreck und er fuhr mit der Hand blitzschnell über seinen Hosenladen. Eine Reflexbewegung, die er selber vermutlich nicht wahrnahm. Er tat, als habe er Zangger nicht gesehen. Zangger war es recht. Aha, dachte er, Seidenbast hat den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen: Knüttl hat bereits eine andere, eine von der käuflichen Sorte. Aber länger mochte er sich nicht mit ihm befassen. Leid tut mir nur seine Frau, dachte er noch, dann schob er den unerfreulichen Fall beiseite.

Durchs Oberdorf schlenderten sie zum Bellevue weiter. Zangger wäre bei dem frühsommerlichen Wetter gern mit seinen Söhnen auf der Seepromenade spazieren gegangen. Die beiden wollten aber lieber ins Kino. Nach der Vorstellung genehmigten sie sich eine Bratwurst, die sie im Stehen verdrückten, dann verabschiedeten sich die beiden mit einer nonchalanten Handbewegung für den Rest des Abends von ihm. Er sah ihnen nach. Stolz, ein wenig wehmütig und ein kleines bisschen neidisch. Das alte Lied, dachte er. A la recherche du temps perdu.

5.

Auf einem der Stühle im Vestibül vor Zanggers Sprechzimmer sass eine junge Frau. Sie blickte auf, als Phil herauskam. Er spürte sofort, dass er ihr gefiel. Er genoss diese halb erschreckten, halb staunenden Blicke von Frauen. Sie hatte blaue Augen und einen nicht eben unschuldigen Blick. Volles, blondes, nackenlanges Haar und einen frischen Teint.

Schwedin, dachte er.

Er sah sie eine Spur intensiver an, als es der Wartezimmersituation entsprochen hätte, gab aber Acht, dass in seinem Blick nichts Anzügliches war. Er grüsste sie höflich und ging an ihr vorbei hinaus. Draussen schien die Sonne. Er fand, die Arbeit bei MacMax könne warten. Er setzte sich auf die Bank neben dem Brunnen im kleinen Park gleich neben Zanggers Praxis. Nach einer Stunde kam die Frau – in Bluejeans und weisser Jacke, einen Herrenhut auf dem Kopf – heraus und nahm den kleinen Fussweg quer durch den Park. Sie war weniger hoch gewachsen, als er sich vorgestellt hatte, und etwas molliger. Tolle Figur, dachte er. Als sie Phil erblickte, lächelte sie überrascht. Er sagte Hallo, und als sie, keine fünf Meter von ihm entfernt, ihren Schritt verlangsamte, rückte er ein wenig zur Seite und deutete neben sich auf die Bank. Sie blieb stehen, zögerte eine Sekunde und kam dann näher.

«Hat er Sie in die Mangel genommen?», fragte er.

Sie setzte sich neben ihn.

«Ach, es geht», lachte sie. «Und Sie?»

«Easy», lachte Phil zurück.

«Easy Therapiestunde?» S-Tunde, sagte sie.

Dänin, dachte er, nicht Schwedin.

«Nicht Therapie», erwiderte er. «Supervisionsstunde. Doktor Zangger ist mein Supervisor. Ich bin sein Supervisand.»

Die junge Frau machte grosse Augen.

«Dann sind Sie selber Psychotherapeut», stellte sie fest. «Oder Psychiater?»

«Beides», sagte er und erklärte ihr bereitwillig den Unterschied, den sie bislang nicht ganz begriffen hatte. Da sie danach fragte, sagte er ihr, er arbeite in der Psychiatrischen Universitätsklinik.

«Könnte ich Sie notfalls dort anrufen?», fragte sie, nachdem sie ihn eine ganze Weile von der Seite her angesehen hatte. «Doktor Zangger schliesst vorübergehend seine Praxis. Für mehrere Wochen, das wissen Sie ja selber. Man weiss nie, ob man nicht plötzlich jemanden braucht. Und wenn Sie sein Supervisand sind, arbeiten Sie vermutlich gleich wie er.»

«Das stimmt. Nur, zurzeit bin ich im Urlaub. Eine wissenschaftliche Studie, wissen Sie. Darum kann ich es mir leisten, hier zu sitzen», sagte er lachend.

«Gut für Sie. Und im Notfall?», wollte sie wissen. «Wären Sie erreichbar?»

Für den Notfall gab er ihr seine Handynummer.

«Danke», sagte sie und tippte die Nummer in ihr eigenes Handy ein. «Sie sind Doktor …?»

«Ach was», wehrte er ab. «Lassen Sie den Doktor. Wexler ist mein Name, Phil Wexler.»

Wexler hatte der Postbote in der Talschaft Lugnez geheissen. Ernesto Wexler, ein Zugewanderter mit Zigeuneraugen, der den Frauen im Tal den Kopf verdrehte. Phil war einmal zum Schluss gekommen, dass er sein leiblicher Vater sein könnte. Er hatte sich deshalb berechtigt gefühlt, seinen Namen zu führen, wenn es ihm in den Kram passte. Als Maturand hatte er sich einen Schülerausweis auf den Namen Filippo D. Wexler gebastelt. Als seine Mitschüler davon Wind bekamen, trug ihm das einen Spitznamen ein: Pippo. Er hatte nichts dagegen gehabt, im Gegenteil. Pippo gefiel ihm weit besser als sein Taufname. In Zürich schien ihm Phil jedoch passender zu klingen.

«Linda Larsson», erwiderte sie. «War nett, mit Ihnen zu plaudern. Ich muss weiter», sagte sie und erhob sich. Sie zögerte, und für einen Augenblick sah es aus, als wolle sie ihm die Hand reichen. «Auf Wiedersehen», sagte sie dann bloss. «Und viel Erfolg.»

«Erfolg?»

«Mit Ihrer Studie.»

«Ach so, danke.»

Phil winkte ihr lässig nach.

Dann schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn. Teufel auch!, dachte er. Schon wieder!

Er zog ein schwarzes Wachstuchheft aus der Jacke, die neben ihm auf der Bank lag. Er hatte sich vorgenommen, Zanggers Anweisungen strikt zu befolgen. Er hatte Zangger denn auch gleich zu Beginn der heutigen Stunde gesagt, dass das mit Nicole nicht stimme. Dass er gar keine Freundin habe. Sondern ihn, Zangger, angeschwindelt habe, weil er ihn nicht ein zweites Mal habe enttäuschen wollen, nachdem er ihm schon die Angeberei mit den Heiratsplänen hatte eingestehen müssen.

Jetzt notierte er die Begegnung mit Linda Larsson, und was er ihr vorgeflunkert hatte, in sein Heft. Als Motiv nannte er: Eindruck machen. Es blieb noch die Frage nach der Scham. Phil brauchte nicht lange zu überlegen. Nein, trug er ins Tagebuch ein. Er schämte sich keine Spur. Im Gegenteil, es machte ihm Spass. Er schloss das Heft, versorgte es in der Jacke und schickte sich an zu gehen.

Da sah er Zangger aus der Praxis kommen. Er zog die Haustür hinter sich zu, setzte seinen Hut auf und ging durch den winzigen Vorgarten auf die Strasse hinaus. Abrupt blieb er stehen, griff in seine Manteltasche, ging zum Haus zurück und schloss die Tür ab. Dann öffnete er das Zeitungsfach unter dem Briefkasten und langte hinein. Jetzt trat er wieder auf die Strasse und eilte davon.

Ich glaubs nicht!, dachte Phil. Versteckt er dort den Praxisschlüssel? Er erhob sich, schlenderte zum Haus hinüber, drückte pro forma auf die Klingel und tat, als warte er darauf, eingelassen zu werden. Dann öffnete er das Zeitungsfach und tastete die Wände des Fachs ab. An der oberen Innenwand fühlte er den kleinen, magnetischen Behälter, löste ihn mit einem Ruck von der Blechwand und steckte ihn ein. Zum nächsten Mister Minit waren es keine zehn Minuten zu Fuss. Unterwegs zog Phil den Behälter aus seiner Hosentasche und öffnete ihn. Gewöhnlicher alter Kaba, stellte er fest, kein codierter. Das geht. Der Mann an der Mister-Minit-Theke besah sich den Schlüssel genau. Dann setzte er sich an seine Maschine. Die Anfertigung des Nachschlüssels dauerte keine drei Minuten. Phil versorgte das Original im Behälter und steckte die Kopie in sein Portemonnaie. Dann spazierte er zurück, deponierte den Behälter mit Zanggers Hausschlüssel, wo er ihn gefunden hatte, und machte sich auf den Weg zu MacMax.

Er schaute nach, ob dringende Dinge auf ihn warteten, aber viel gab es nicht zu erledigen. Linda Larsson ging ihm während der ganzen Zeit nicht aus dem Kopf. Die Frau gefiel ihm. Sie gefiel ihm noch besser als Nicole.

Tja, Nicole, dachte Phil. Er war noch zwei-, dreimal in den Schweizerhof gegangen – nicht zum Frühstück, das wäre zu gewagt gewesen – und hatte nach der niedlichen Praktikantin Ausschau gehalten. Einmal war er nachmittags, als einziger männlicher Gast unter lauter älteren Damen, die ihn unverhohlen musterten und diskrete Signale aussandten, zum Afternoon Tea gegangen. Nicole war tatsächlich dort gewesen und hatte ihn bedient. Er hatte nicht den Eindruck gewonnen, dass sie ihn wiedererkannte. Das hatte ihn ein klein wenig gekränkt. Er hatte den Studenten, nicht den Hotelgast, gemimt und hatte eine ganze Weile mit ihr geplaudert. Missbilligend hatten die Damen rundum in ihren Teetassen gerührt. Er hatte Nicole die Würmer aus der Nase gezogen und einiges über sie erfahren. Sie war erst achtzehnjährig. So gern er sich unter anderen Umständen auf sie eingelassen hätte, ein unerfahrenes Mädchen kam jetzt nicht in Frage. Dafür musste man sich Zeit nehmen, und die hatte er leider nicht. Er hatte deshalb beschlossen, auf weitere Aktionen zu verzichten und das schöne Kind abzuschreiben.

Linda gehörte in eine andere Liga. Sie brauchte er auch nicht in einem Hotel aufzuspüren. Er konnte sie ganz einfach nach ihrer Therapiestunde bei Zangger abfangen. Oder darauf warten, dass sie ihn anrief.

Die muss ich ins Bett kriegen, dachte er. Die koche ich weich, wenigstens für einen One-Day-Stand. Denn Night lag vorderhand nicht drin. Er hatte schon eine ganze Weile keine Freundin mehr gehabt. In den vergangenen sechs, sieben Monaten hatte er weiss Gott keine Gelegenheit gehabt, eine kennen zu lernen, geschweige denn, eine abzuschleppen. Er musste sich mit regelmässigen Abstechern nach Oerlikon behelfen. Die Girls an der Langstrasse waren ihm zu billig, diejenigen in Unterstrass und Wollishofen zu teuer. Eine feste Freundin wäre ihm aber lieber gewesen.

Um fünf schob Phil seine American Express Card zusammen mit Zanggers Praxisschlüssel an ihren Platz und klemmte das vor zwei Wochen eröffnete Lügenjournal unter der Schublade fest. Diese Dinge konnte er nicht gut in sein derzeitiges Logis mitnehmen. Im Bahnhof Hardbrücke kaufte er sich zwei Zeitschriften, «Psychologie Heute» und den Spiegel, der eine Serie über moderne Psychotherapieverfahren brachte. Er dachte keinen Augenblick daran, die Magazine mitzunehmen ohne zu zahlen. Der gelegentliche Tagi-Klau war mehr Sport als Notwendigkeit, und wegen einer gedankenlos unter den Arm geklemmten Zeitung würde man ihm schon keinen Strick drehen. Aber bei einem richtigen Ladendiebstahl erwischt zu werden, konnte er sich zurzeit ganz und gar nicht leisten.

In seinem Logis legte sich Phil auf die Pritsche und sah an die Zellendecke hinauf. Er neigte nicht zum Hadern. Im grossen Ganzen vermied er es, über sein Leben nachzudenken. Ein Psychiater hatte einmal zu ihm gesagt, er sei ein Meister im Verdrängen. Na und? Er schmiedete eben lieber Zukunftspläne als über die Vergangenheit zu grübeln, die er ohnehin nicht ändern konnte. Er war mit seinem Leben eigentlich ganz zufrieden. Auch wenn ein paar Dinge dumm gelaufen waren. Das mit seiner Mutter zum Beispiel und das mit dem alten Caduff, doch darüber wollte er sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Die Sache, deretwegen er jetzt acht Monate sitzen musste, hätte eine Erfolgsstory werden können. Doch der Crash hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Reines Pech. Sein Chef bei der Bank Wittmann hatte gefunden, er habe Talent, und hatte ihn energisch gefördert. Bald liess er Phil die Depots einiger vermögender Privatkunden verwalten. Einer hielt grosse Stücke auf ihn und liess ihm in der Bewirtschaftung seines Portfolios freie Hand. Phil hatte ihm nämlich einmal eine Hightechaktie und einen EmergingMarkets-Fonds empfohlen, die beide innert Wochen um vierzig Prozent gestiegen waren. Das hatte dem Kunden gewaltig imponiert. Dass Phil kurz darauf auf dessen Depot fast Zweihunderttausend Verlust einfuhr, konnte man ihm bestimmt nicht ankreiden. Das war die Börse gewesen, hätte jedem passieren können. Nur hatte er dummerweise die Idee gehabt, seinem Mandanten den Verlust zu verschweigen. Er wollte ihn nicht beunruhigen. Über Wochen und Monate vertröstete er ihn mit optimistischen Prognosen, schickte ihm beschönigte Depotauszüge und auch sonst nicht ganz einwandfreie Dokumente. Derweil spekulierte er mit den in seinem Depot verbleibenden Werten weiter. Einzig in der Absicht, den erlittenen Verlust wettzumachen. Er hoffte die ganze Zeit, nein, er war absolut überzeugt, dass er seinem Mandanten schliesslich einen fetten Gewinn werde präsentieren können. Denn die Anerkennung dieses Kunden war Balsam für seine Seele. Er hatte bei ihm das Image eines gewieften Börsencracks, und das wollte er auf keinen Fall verlieren. Wie hätte der Kunde sich gefreut, wenn sich der Wert seines Depots verdoppelt hätte! Dumm gelaufen war es dann bloss insofern, als am Schluss nichts mehr übrig blieb, womit er hätte spekulieren können. Resultat: Totalverlust, mehr als zwei Millionen Franken. Betrug war es nicht, das bestätigte man ihm vor Gericht ausdrücklich. Er hatte keinen Franken in die eigene Tasche abgezweigt. Selbst der Staatsanwalt staunte: «Sie hatten ja nicht einmal etwas davon. Wieso tun Sie denn so etwas?» Nun, im psychiatrischen Gutachten stand etwas von Geltungsdrang. Vielleicht auch von Geltungssucht. In einem späteren Gutachten, das wegen der anderen Sache in Auftrag gegeben worden war, hiess es, er leide an gelegentlichen dissoziativen Zuständen. Einerlei, er wurde bloss wegen Urkundenfälschung und ähnlichen Delikten verurteilt. Und zwar zu einer bedingten Haftstrafe. Ausserdem wurde ihm eine Psychotherapie aufgebrummt. Dummerweise passierte ihm während der Bewährungsfrist die andere Panne: Er schlug einem, der ihn einen Hurensohn schimpfte, die Nase ein. Der Richter hätte ihm eine weitere bedingte Strafe auferlegen können. Aber er stufte ihn als unverbesserlich ein, ortete Rückfallgefahr und verweigerte ihm den bedingten Vollzug. So musste er jetzt eine Gesamtstrafe von zwölf Monaten absitzen. Gottseidank bloss in Halbgefangenschaft. Die Psychotherapie konnte deshalb ambulant erfolgen. Irgendwann würde er Zangger um einen wohlwollenden Bericht bitten. Ein Drittel der Strafe würde ihm bestimmt erlassen werden, denn er hielt sich im Knast vorbildlich. Toggweiler würde ihm bestimmt das allerbeste Zeugnis ausstellen.

Diese Perspektive vor Augen, widmete sich Phil in seinem kurzen Rückblick anderen erfreulichen Dingen in seinem Leben. Zum Beispiel der Sache mit seiner American Express Card. Die durfte er mit Fug und Recht als ein Geschenk des alten Herrn Zulauf betrachten. Er hatte ihn wie gewohnt in dessen Cadillac an den Vierwaldstättersee chauffiert. Sie liessen sich auf dem Bürgenstock einen gepflegten Lunch servieren, unternahmen zusammen einen kleinen Spaziergang und genehmigten sich danach Kaffee und Kuchen und ein Gläschen Cream Sherry. Phil bezahlte im Speisesaal und im Salon des Parkhotels, im Souvenirshop und an der Tankstelle mit Zulaufs Karte und unterschrieb auch gleich für ihn. Das entsprach zwar nicht ganz dem Auftrag, den er ein Jahr zuvor von Zulaufs Sohn entgegengenommen hatte. Doch Herrn Zulauf senior war Phils Hilfestellung durchaus recht. «Machen Sie das, bitte», bat er ihn mehrmals. «Wissen Sie, ich zittere so.» Zuerst lehnte Phil ab, und Herr Zulauf unterzeichnete mit Müh und Not den Zettel. Einmal aber fiel Phil auf, dass der alte Herr mit «Zauflauf» unterschrieb. Ein paar Wochen später konnte der Greis seinen Namen nicht mehr buchstabieren und nach einem weiteren Monat wusste er nicht einmal mehr, wie er selber hiess. Es blieb Phil gar nichts anderes übrig, als in Zulaufs Namen für die Belastungen von dessen Kreditkarte zu unterschreiben. Denn Bargeld trug der Alte auf Anweisung seines Sohnes keines auf sich. Zulaufs Namenszug nachzuahmen war keine Kunst. Als sie zum letzten Mal vom Bürgenstock in die Altersresidenz am obern Zürichsee zurückkehrten und in Zulaufs luxuriösem Apartment ankamen, sagte dieser: «Behalten Sie das, das ist für Sie.» Und damit drückte er Phil die Kreditkarte, die dieser ihm zurückgeben wollte, wieder in die Hand. Zusammen mit einer Tafel Schokolade, die er auf seinem antiken Sekretär für ihn bereitgelegt hatte. Wenig später erreichte Phil die Nachricht, Herr Zulauf sei ins Pflegeheim Morgenthal verlegt worden und Herr Caduffs Dienste würden vorläufig nicht mehr benötigt. Das Morgenthal verdankte seinen Ruf der Pflege von Alzheimerkranken. Zulaufs Sohn residierte in Monte Carlo und kam nur sporadisch in die Schweiz zu Besuch. Ob er sich noch um die Angelegenheiten seines Vaters kümmerte und ob der alte Herr überhaupt noch am Leben war, wusste Phil nicht. Auf alle Fälle hatte es bei seinen gelegentlichen Einkäufen mit Zulaufs American Express Card bis anhin keine Probleme gegeben.

Phil stand von seiner Pritsche auf, ging ein paar Mal in seiner Zelle auf und ab und setzte sich an den kleinen Tisch vor dem vergitterten Fenster. Er nahm «Psychologie Heute» zur Hand und blätterte es durch. Der Artikel über Stresshormone und Depression interessierte ihn nicht besonders. Derjenige über Neues zur Menopause noch weniger. Da fand er den Beitrag im Spiegel über Tantrische Sexualität schon anregender. Den Test «Sind Sie ein guter Liebhaber?» würde er am Wochenende machen, da musste er jeweils viel Zeit totschlagen.

In sechs Wochen, das stand fest, würde er draussen sein. Dann wäre Schluss mit den brasilianischen Girls, die konnte er sich gar nicht mehr leisten. Dann würde er eine Freundin haben. Und die würde Linda heissen. Da brauchte er natürlich eine eigene Wohnung. Um sich die leisten zu können, benötigte er einen gut bezahlten Nebenjob, und zwar sofort. War im heutigen Tages-Anzeiger nicht eine Kleinannonce gewesen, die er sich angekreuzt hatte? Er griff nach der Zeitung und schlug sie auf:

«Student oder Doktorand mit EDV-Kenntnissen gesucht. Vielseitige, anspruchsvolle Tätigkeit. Halbtags oder abends. Buch&Wein, das Fachgeschäft im Seefeld.»

6.

«Ich muss dir etwas sagen», sagte Tina beim Abendessen.

«Ja?», machte Zangger und legte seine Gabel auf den Teller.

«Es ist nicht sicher, ob ich mit dir nach Schottland komme.»

«Wie bitte?», brachte er nur heraus.

«Es tut mir leid, Luc», sagte sie und hob entschuldigend die Hände. «Wir müssen vielleicht umdisponieren. Das kommt jetzt bestimmt unerwartet: Afrika statt Schottland.»

«Afrika?!»

Er hatte immer eine Afrikareise machen wollen, Tina hatte auf Schottland bestanden. «Ist das dein Ernst?», rief er. Sein Herz tat einen Freudensprung. «Das mit dem Umdisponieren wird aber nicht ganz einfach sein», wandte er ein. «Wir müssen die ganze Planung von vorne beginnen.»

«Nicht wir», erwiderte Tina. «Ich. Ich fliege, so wie es aussieht, nach Afrika. Nicht mit dir, tut mir leid. Allein. Und es ist keine Ferienreise», sagte sie. «Es ist ein Notfall.»

Zangger konnte es kaum fassen.

Der Tag hatte angefangen wie jeder andere. Tina hatte ihren Ausschlafmorgen und war liegen geblieben. Zangger hatte mit Tom gefrühstückt. Dann war er in seine Praxis gefahren. Vormittags hatte er Sprechstunde gehabt. Um acht war ein neuer Patient gekommen, ein Rechtsanwalt mit Panikattacken. Um neun war Frau Zindel an der Reihe gewesen.

Frau Zindel hatte sich darüber beklagt, dass man ihre Wohnung wieder durchsucht habe: Die Zahnpasta sei andersherum im Glas gestanden, das habe sie sofort gemerkt. Man sei ins Zimmer ihres verstorbenen Manns eingedrungen. Dort ständen alle Sachen seit seinem Tod, seit zwölf Jahren also, am gleichen Platz, und niemand ausser sie selber dürfe das Zimmer betreten. Aber was habe sie feststellen müssen? Auf dem Kissen auf seiner Couch hätten Haare gelegen. Frau Zindel öffnete ihre Handtasche, zog einen Briefumschlag heraus, entnahm diesem ein unsichtbares Etwas, platzierte es auf ihrer Handfläche und streckte Zangger die Hand entgegen. Er musste sich vorbeugen. Auf Frau Zindels Hand entdeckte er ein graues Haar. Frau Zindel war eine früh ergraute Witwe.

Ob das Haare seien oder nicht, wollte Frau Zindel wissen.

Zangger bestätigte, dass er ein Haar auf ihrer Hand sehe.

Eben, antworte Frau Zindel, da habe er den Beweis dafür, dass sich jemand auf die Couch gelegt habe. Aber da sei noch etwas: Jemand habe Treuemarken in ihr Markenheft eingeklebt.

Was daran schlimm sei, wollte Zangger wissen.

Verkehrt eingeklebt, ereiferte sich Frau Zindel. Coop-Marken ins Treuebüchlein der Drogerie! Und noch etwas: Die Säume ihrer Vorhänge lägen drei Zentimeter höher als zuvor. Ihre Vorhänge hätten bis zum Fenstersims gereicht, jetzt habe es zwischen Sims und Saum eine Lücke. Die sei früher nicht gewesen. Die Vorhänge seien eingegangen, wie übrigens auch ihr beiges Wolljäckchen. Jemand habe die Sachen in ihrer Abwesenheit gewaschen. Kaputtgewaschen, präzisierte sie. Aber das sei noch nicht alles: Es habe Kratzer auf dem Küchentisch.

Zangger schickte sich an, etwas zu sagen.

Nein, keine alten Kratzer, kam ihm Frau Zindel zuvor. Sie könne sie sehr wohl von den Kratzern unterscheiden, die von ihrer Arbeit am Küchentisch herrührten. Es seien frische Kratzer und sie seien absichtlich gemacht worden. Mit einer Nagelfeile oder vielleicht mit einer Nagelschere. Gestern oder vorgestern Nacht, als sie schlief. Ob er jetzt sage, sie habe Wahrnehmungsstörungen, wie ihr letzter Psychiater.

Nein, sagte Zangger, nicht Wahrnehmungsstörungen.

Gut, dann solle er das bitte der Polizei sagen. Als sie gestern nämlich Anzeige habe erstatten wollen, habe man ihr gesagt, sie solle besser einen Psychiater aufsuchen.

Zangger sagte, er nehme an, sie habe völlig zutreffende Beobachtungen gemacht. Nur glaube er, dass es dafür andere Erklärungen gebe.

Er glaube ihr also nicht, fragte Frau Zindel ärgerlich. Dann habe sie auch kein Vertrauen mehr, sagte sie, raffte ihre Sachen zusammen und stand von ihrem Sessel auf.

Zangger lud sie ein, wieder Platz zu nehmen. Er könne sich einfach nicht vorstellen, setzte er ihr auseinander, dass jemand sie auf diese Weise plagen wolle. Sie sei doch ein friedfertiger und liebenswürdiger Mensch. Das verstehe sie eben auch nicht, sagte sie kopfschüttelnd. Ihre aggressive Stimmung war nicht mehr spürbar. Dass sie sich gestresst fühle, könne er gut verstehen, sagte Zangger weiter. Diese Dinge würden ihre Nerven natürlich arg strapazieren. Allerdings, bestätigte Frau Zindel, aber er solle ihr ja nicht wieder mit seinen Medikamenten kommen. Sie habe sein Rezept zwar in der Apotheke eingelöst, aber schlucken werde sie die Pillen nicht.

Zangger war sich ziemlich sicher, dass der Frau mit dem verschriebenen Neuroleptikum zu helfen wäre. Aber für heute war sein Versuch, Frau Zindel doch noch zur Einnahme dieser Pillen zu bewegen, von der Patientin selber im Keim erstickt worden. In anderen Fällen war er auch schon resoluter vorgegangen. Doch Frau Zindel war kein Notfall, es gab keinen Grund, sie zu einer medikamentösen Behandlung zu zwingen. Was Zangger an ihren Wahnideen faszinierte, war deren Kleinkariertheit. Andere Kranke wähnten, von der Mafia verfolgt zu werden. Bildeten sich ein, von adligem Geblüt zu sein. Waren überzeugt, man bestrahle sie mit geheimen, vom CIA installierten, extra zu ihrer Vernichtung konstruierten Geräten. Oder man höre ihre Gedanken ab, um sie via CNN aller Welt bekannt zu machen. Frau Zindels Wahnideen dagegen drehten sich um Zahnpastatuben, Rabattmarken und Vorhangsäume. Ihr Wahn spiegelte ein von Bescheidenheit und Kargheit geprägtes Selbst- und Weltbild. Zangger dachte, für heute hätten sie genug über Probleme gesprochen.

«Wie gehts Ihren Vögeln?», erkundigte er sich.

Frau Zindels Augen begannen zu leuchten. Sie hielt in ihrer Wohnung zwei Nymphensittiche. Ihr Ein und Alles, denn mit Menschen pflegte sie keinen Kontakt.

Zangger liebte es, sich von Patienten über Dinge aufklären zu lassen, von denen er nichts verstand. Alles, was er über Nymphensittiche wusste, hatte er von Frau Zindel erfahren.

Um zehn war eine depressive Lehrerin an der Reihe und um elf ein Familienvater mit Alkoholproblemen. Nachmittags bereitete Zangger das Burnout-Seminar vor, das letzte, das er noch vor der Sommerpause halten würde, und um fünf schlug er sich mit dem Ehepaar Knüttl herum. Zur Erholung schaute er nach der abendlichen Sprechstunde bei Seidenbast herein, der seinen Laden bereits geschlossen hatte und zuhause war.

«Siehst du?», sagte Seidenbast ruhig, nur seine Augen blickten triumphierend. «Ich habs gewusst. Monsieur bereitet seinen Absprung vor.»

Frau Knüttl hatte in der Sitzung gesagt, ihr Mann habe ihr die Geschichte von einem Mann erzählt, der nur rasch Zigaretten holen ging, aber von seinem Gang zum Kiosk, gleich um die Ecke, nie mehr zurückkam. Mit bösem Unterton habe er gesagt, so etwas könnte ihr auch passieren. Sie habe das als Drohung aufgefasst.

«Bitte sei ehrlich, Liebling», hatte Herr Knüttl gesäuselt. «Sag Herrn Zangger, wie es wirklich war. Ich hatte nämlich überhaupt keinen bösen Unterton. Und auch keine Drohung ausgesprochen. Sondern was? Sag!»

Frau Knüttl starrte ihn wortlos an. Herr Knüttl musste es selbst richtigstellen: «Ich habe dir eine lustige Geschichte erzählt, die ich in Reader’s Digest gelesen hatte. Von einem, der nur rasch Zigaretten holen ging. Ich war ganz einfach amüsiert. So war das. Und meine Bemerkung zum Schluss, das war doch nur ein Scherz gewesen.»

«Aber ein schlechter», sagte Zangger.

Herr Knüttl liess sich bloss verächtlich über das Theater aus, das seine Frau und Doktor Zangger wegen einer harmlosen Bemerkung veranstalteten. Das Paargespräch war einmal mehr ergebnislos geblieben.

«Er schüchtert seine Frau ein», meinte Seidenbast. «Und kann jederzeit behaupten, er habe es gar nicht so gemeint. Wenn er aber abhaut, soll ihm niemand vorwerfen können, er habe sie nicht gewarnt. Er ist eine ganz fiese Figur.»

Es tat Zangger gut, seinen Freund so unverfroren urteilen zu hören.

«Und was ist mit deinem famosen jungen Patienten?», fragte Seidenbast. «John, sagtest du? Der mit der schweren Kindheit.»

«Er ist ein Schwindler», sagte Zangger.

«Aber, Lukas», sagte Seidenbast, gespielt vorwurfsvoll. «So spricht ein Psychiater doch nicht über einen Patienten.»

«Hat er selbst gesagt.»

«Ach ja? Dann hatte ich also recht?»

«Ich weiss nicht, ob er mich an der Nase herumführen will», erwiderte Zangger. «Wenn, dann habe ich ihm den Spass vielleicht ein bisschen verdorben.»

«Dann ist es ja gut», meinte Seidenbast.

Zangger trank sein Gläschen aus und fuhr nach Hause. Und beim Nachtessen eröffnete ihm Tina, dass sie möglicherweise nicht mit nach Schottland komme. Sondern nach Afrika fliege. Nach Afrika! Es sei aber keine Ferienreise. Sondern ein Notfall.

«Ein Notfall?», fragte Zangger.

Tina arbeitete in einem Büro für Unternehmensberatung, dessen Klientel aus Nonprofit-Organisationen bestand. Sie war für das Worldwide Women’s Net zuständig, das unter anderem in Mosambik ein Schlupfhaus finanzierte. Im Haus für junge Mädchen in Maputo kriselte es gewaltig, und man hatte ihr Büro nach einer Expertin gefragt, die an Ort und Stelle Unterstützung bieten könne. Es sei dringend, denn es bestehe Gefahr, dass die Spendengelder versiegen würden. Ohne lange zu überlegen, hatte sich Tina selbst für die Mission angeboten. In ihrem früheren Job hatte sie schon vergleichbare Aufgaben übernommen. Krisenintervention in einer Schulklasse mit gewalttätigen Knaben oder Mädchen. Teamsupervision nach einem grösseren Krach in der Leitung eines Lehrlingsheims und solche Dinge. Abgesehen von der Studentenreise nach Marokko, auf der sie Lukas Zangger kennen gelernt hatte, war sie noch nie in Afrika gewesen, aber alles in allem traute sie sich die Sache zu.

«Hast du schon zugesagt?», wollte Zangger wissen.

«Nein. Aber ich glaube, ich sollte.» Dann sah sie ihm ins Gesicht und fragte: «Sag ehrlich, wäre das schlimm für dich?»

«Nicht, wenn du mich mitnimmst», lachte er. «Dann wären wir endlich zusammen auf Afrikareise.»

«Das geht leider nicht. Aber glaub mir, Luc, es hat nichts mit dir zu tun, wenn ich allein reise. Das ist Frauensache.»

Afrika Frauensache? Das gibts doch nicht!, dachte Zangger. Seine Stimmung sackte augenblicklich in den Keller. Das passierte ihm in der letzten Zeit öfter, als ihm lieb war.

«Frauensache!», sagte er ärgerlich. «Mach mir doch nichts vor, Tina. Du steckst in einer Krise, das ist es. Du rennst vor irgendetwas weg. Vor mir vielleicht?», versuchte er zu witzeln. Aber er konnte die Sache nicht auf die leichte Schulter nehmen.

«Du steckst in einer Krise, Luc», sagte Tina. Zangger spürte, dass sie ihm keine Retourkutsche schicken wollte. Sondern dass sie sich Sorgen machte. «Dir gehts nicht gut in letzter Zeit. Das merke ich doch. Du bist gereizt, so kenne ich dich nicht. Du reagierst verärgert oder gekränkt. So wie jetzt gerade», stellte sie fest. Dann sagte sie ruhig: «Um ganz ehrlich zu sein, Luc: Ich hatte in der letzten Zeit nicht den Eindruck, dass dir meine Gesellschaft sehr viel bedeutet. Da dachte ich, es komme dir vielleicht ganz gelegen, wenn du ohne mich nach Schottland reisen könntest. Wäre ja nicht das erste Mal, dass du allein in deinem Camper unterwegs bist.» Dann meinte sie in versöhnlichem Ton: «Aber wenn es dir gar nicht passt, Luc, dann lehne ich den Auftrag natürlich ab.»

Na, wunderbar, dachte Zangger, jetzt liegt der Ball wieder bei mir. Natürlich wollte er sich nicht vorwerfen lassen, Tina im Weg zu stehen. Er wusste genau, dass sie diese berufliche Herausforderung gern annehmen würde. Sie hatte oft genug gesagt, der Trott im Büro öde sie allmählich an. Und vielleicht hatte sie ja recht: Vielleicht täte es ihm ganz gut, wieder einmal im Alleingang zu reisen. Er schluckte seinen Groll hinunter und machte gute Miene zum bösen Spiel.

«Es stimmt nicht, Tina», stellte er halbherzig richtig, «dass ich lieber allein reisen würde. Aber mir ist klar, dass der Auftrag dich reizt. Ich finde, du solltest ihn annehmen. Nimm ihn an, Tina», doppelte er nach, um jeden Zweifel auszuräumen. «Geh nach Maputo!»

«Gut, Luc», sagte sie und strich mit dem Handrücken über seine Wange. «Ich gebe dir morgen Bescheid, ob ich nach Afrika fliege.»

Obschon er in jener Nacht nicht besonders gut schlief, fühlte sich Zangger am Morgen wieder einigermassen im Lot. Er stand kaum je schlecht gelaunt auf. Wenn seine Stimmung in letzter Zeit absackte, dann geschah es irgendwann im Verlauf des Tages. Er stand vor dem Spiegel im Badezimmer und seifte sich mit dem Dachshaarpinsel das Gesicht ein. Das morgendliche Rasierritual war ihm noch nie lästig geworden, im Gegenteil, er genoss es.

«Heute Abend reden wir weiter, ja?», sagte Tina, bevor sie das Haus verliess.

«Ist gut», sagte Zangger, die Klinge in der Hand. Und liess nonchalant die Bemerkung fallen: «Was immer du entscheidest, ich bin damit einverstanden.»

Abends kam Tina aufgeräumt nach Hause und verkündete, die Würfel seien gefallen: Sie fliege nach Maputo.

Zangger stand in der Küche. Er hatte ein kleines Abendessen zubereitet. «Dann müssen wir jetzt schauen, wie wir in den nächsten drei Wochen alles auf die Reihe kriegen», meinte er.

Tina war eben daran, den Küchentisch zu decken. «Es dauert keine drei Wochen mehr, Luc», sagte sie und drehte sich nach ihm um. «Du fährst in drei Wochen. Ich fliege am Sonntag.»

«Was?», rief Zangger.

«Ich sagte doch: Es ist ein Notfall. Die vom WWN bestehen darauf, dass sofort jemand hingeht. Ich musste zusagen oder die Sache fahren lassen.»

«Und für wie lange, wenn ich fragen darf?»

«Das weiss ich noch nicht», erwiderte Tina. «Vielleicht nur zwei, drei Wochen. Vielleicht genügt ein Coaching. Dann bin ich zurück, wenn du nach Schottland fährst.»

«Ich weiss gar nicht, ob ich nach Schottland fahre», brummte Zangger gekränkt.

«Ach, Luc. Jetzt mach kein Theater. Du fährst nach Schottland, es ist schliesslich alles vorbereitet. Der Camper steht bereit, die Fähre ist gebucht, deine Patienten sind informiert, du hast es doch selber gesagt. Du brauchst diese Auszeit. Dringend, das sehe ich doch.»

Zangger hatte einen schwierigen Tag hinter sich. Fast hätte er zu flennen begonnen, so wohl tat ihm Tinas fürsorglicher Ton. Aber die Regung war von kurzer Dauer.

«Es kann auch länger dauern», sagte Tina nämlich. «Ein, zwei Monate, wenn ich ad interim die Leitung des Hauses übernehmen muss. Oder noch länger. So oder so, auch wenn ich in drei Wochen zurück bin, muss ich mich für einen weiteren Einsatz bereithalten. Es ist ein Mandat auf drei Monate.»

«Wie bitte? Du hast dich für drei Monate verpflichtet?» Zangger konnte es nicht fassen.

«Ja, Luc. Ich musste.»

«Na, wunderbar.» Jetzt konnte er nicht mehr verhehlen, wie gekränkt er war. «Du meldest dich für ein Vierteljahr ab, ohne dich mit mir abzusprechen.»

«Entschuldige, aber du sagtest doch, du seist mit allem einverstanden, was ich entscheide. Und dass sich ein solcher Auftrag nicht im Handumdrehen erledigen lässt, das dürfte dir doch klar sein. Aber du hast trotzdem recht», räumte sie ein. «Ich hätte noch einmal mit dir reden sollen, bevor ich definitiv zusagte.»

«Schon gut», sagte Zangger. «Jetzt ist es, wie es ist.»

In den paar wenigen Tagen bis zu Tinas Abreise bemühte er sich so gut es ging, seinen heimlichen Groll zu verbergen. Da wehrt sie sich seit Jahren dagegen, mit mir auf Afrikareise zu gehen, dachte er immer und immer wieder. Und entscheidet sich dann von einem Tag auf den andern, in Mosambik ein Mandat anzunehmen, das gut und gern drei Monate dauern könnte. Drei Monate in Mosambik! Und das ohne mich. Mich lässt sie stattdessen nach Schottland reisen. Nach Schottland!

7.

Der neue Job gefiel Phil gar nicht schlecht. Er gefiel ihm sogar ausgesprochen gut. Er war bloss im Stundenlohn angestellt, und das kam ihm sehr entgegen. So konnte er vormittags nach wie vor bei MacMax aushelfen. Nachmittags arbeitete er dann ein paar Stunden im Seefeld. Was er hier zu tun hatte, war für ihn ein Kinderspiel und, da er dabei die meiste Zeit am Computer sass, ganz nach seinem Gusto. Nach ein paar Tagen hatte er gesehen, wie der Laden lief. Seine Aufgabe wäre es eigentlich gewesen, ein System für das Katalogisieren der antiquarischen Bücher zu erstellen. Er hatte bereits eine entsprechende Software heruntergeladen. Gratis, oder besser gesagt illegal. Natürlich verriet er das seinem Boss nicht, er sagte bloss, die Software sei sehr günstig zu haben. Aber das Katalogisieren musste jetzt warten.

«Wie heisst Ihre Domain?», fragte Phil den Inhaber am zweiten Tag.

«Habe ich nicht. Nur eine E-Mail-Adresse.»

«Wie bitte, Sie haben keine Website?», staunte er.

«Nein, wieso? Sollte ich?»

«Allerdings», lachte Phil und versprach, in den nächsten Wochen einen Entwurf vorzulegen.

Bald stellte sich heraus, dass in diesem Laden EDV-mässig auch sonst einiges im Argen lag: Das Rechnungs- und Zahlungssystem musste optimiert, die Logistik vereinfacht und beschleunigt, die Buchhaltung auf Vordermann gebracht werden. Die gesamte Software war ziemlich veraltet. Und in Seidenbasts Geschäft standen vier verschiedene Computer, die vernetzt werden mussten. Der Patron war heilfroh, dass er sich um diese Dinge nicht mehr kümmern musste. So kam es, dass sich Phil in Buch&Wein schon nach kürzester Zeit absolut unentbehrlich machte.

Es blieb ihm nicht verborgen, dass ihn Frau Preisig, die von früh bis spät im Geschäft herumgeisterte, in der ersten Zeit argwöhnisch beobachtete. Er grüsste sie deshalb stets, wenn er zur Arbeit kam – wenn sie nicht im Laden stand, spürte er sie im Bücherlager, im Weinkeller oder in der kleinen Teeküche auf –, bedachte sie, wenn es sich ergab, mit einer Freundlichkeit und bemühte sich im Übrigen konsequent, ihr nicht in die Quere zu kommen. Nachdem sie einmal begriffen hatte, dass er ihr nicht ins Handwerk pfuschte – sie war ja ausschliesslich für die Hardware zuständig –, gab sie ihre Vorbehalte offenbar auf.

«Ein charmanter junger Mann, Herr Seidenbast», hörte er sie eines Tages flüstern.

«Wer?»

«Ihre Bürokraft.»

«Ach so. Ja, nicht wahr?»

Bürokraft ist gut, dachte Phil.

Das Vorstellungsgespräch, zu dem er auf seine telefonische Bewerbung hin eingeladen worden war, hätte in der Tat nicht besser verlaufen können.

«Sie studieren Informatik», hatte sein zukünftiger Chef konstatiert. «Gut, sehr gut. Haben Sie auch praktische Erfahrung?»

«Nun», erwiderte Phil, «nach der Matura machte ich eine Banklehre. Ich will nicht behaupten, ich sei ein IT-Experte, aber ich bin ein ziemlich sicherer Anwender.» Dass er ein ziemlich durchtriebener Anwender war, der sich in fremde Computer hackte, das behielt er wohlweislich für sich. «Und ich fabriziere Websites für Freunde und Bekannte.»

«Sehr gut. Das dürfte für meine Bedürfnisse bei weitem genügen. Aber sagen Sie, verstehen Sie auch ein bisschen etwas von Wein?»

«Nur, was man mir im Duc de Rohan beibrachte.»

«Im Duc de Rohan?», wiederholte Seidenbast verblüfft. «In Chur?»

«Ja. War aber nur ein kurzer Stage. Drei, vier Monate, in den Semesterferien.»

In Tat und Wahrheit hatte der Stage drei, vier Wochen gedauert. Und hatte in den Schul-, nicht in den Semesterferien stattgefunden. Nicht im Duc de Rohan, sondern in einem Bergrestaurant im Skigebiet von Obersaxen. Damit liess sich freilich kein Staat machen, das Weinangebot hatte aus Veltliner in der Liter- und Zweideziliterflasche bestanden. Und seine Arbeit im Pfannenwaschen.

«Und später auf dem Bürgenstock.»

«Oh lala! Als Sommelier?»

«Nein, nur als Kellner. Hilfskellner, um ehrlich zu sein. Aber ich spitzte die Ohren, wann immer ich in der Nähe des Sommeliers war», lachte Phil.

Dem Sommelier auf dem Bürgenstock hatte er tatsächlich immer gut zugehört, wenn sich Herr Zulauf zum Lunch eine Flasche Wein bestellte. Jeder einzelne seiner Kommentare war in seinem Gedächtnis eingraviert. Er war sich schon damals sicher gewesen, dass er die Weinsprache einmal werde brauchen können.

«Gut, dann darf ich Ihnen eine Quizfrage stellen», schmunzelte sein zukünftiger Chef. «Was würden Sie zu einem Tournedos Rossini empfehlen: einen Barbera, eine Assemblage aus dem Burgenland oder einen Malbec?»

Seine Sprachimitationsspielchen hatten den Klosterschüler gelehrt, dass er über eine besondere Art von Gedächtnis verfügte. Er wusste, dass es Leute mit fotografischem Gedächtnis gab. Er hatte kein fotografisches, er hatte ein tonträgerartiges Gedächtnis: Was er einmal gehört hatte, das konnte er – vorausgesetzt, es interessierte oder beeindruckte ihn – jederzeit eins zu eins wiedergeben. Als Schüler hatte er jede Menge Bücher verschlungen, aber Gelesenes blieb ihm nicht besser in Erinnerung als andern. Gehörtes jedoch konnte er mit fast untrüglicher Sicherheit abrufen. Seine guten Noten verdankte der Klosterschüler Gion-Gieri Caduff weniger einem besonders tiefen Verständnis der Dinge als dem Umstand, dass es den meisten Lehrern gefiel, wenn sie zitiert wurden. Und Lehrer zitieren, das konnte er. Es hatte damit begonnen, dass er der Kindergartentante ein rätoromanisches Verschen nachplapperte oder als Erstklässler ein Lied trällerte, kaum hatte er es ein-, zweimal gehört. Gedichte, Reden und andere gehörte Texte konnte er auswendig hersagen wie kein anderer. Und zwar in allen möglichen Sprachen, von Deutsch über Latein bis zu Englisch und Spanisch. Mathematische, physikalische und chemische Formeln brauchte er nicht zu verstehen oder herzuleiten, er konnte sie, einmal gehört, einem Lied gleich rezitieren und mit etwas Glück meistens richtig anwenden. Den Sechser in der Geografie-Matura holte er sich, weil beim Stichwort Eiszeit in seinem inneren Ohr «Günz-Mindel-Riss-und-Würm» erklang, wie ein alter Schlager, mit allen zeitlichen und örtlichen Attributen.

«Weder Barbera noch Malbec», antwortete der innere Sommelier. «Zu viel Frucht. Den Barbera würde ich zu einem Primo empfehlen, einer feinen Pasta vielleicht, wieso nicht mit einem Hauch von weissem Trüffel. Albatrüffel, natürlich. Der Malbec passt gut zu einer Grillade, aber nicht unbedingt zu einem klassischen Tournedos Rossini. Die Foie gras braucht einen Widerpart. Dann schon lieber den Roten aus dem Burgenland, wenns kein Bordeaux sein soll.»

«Alle Achtung», staunte der Weinhändler und Feinschmecker. «Und was können Sie mit Büchern anfangen?», fragte er beiläufig. «Lesen Sie?»

Phil ahnte, dass das der entscheidende Test war.

«Belletristik, zum Beispiel. Notfalls müssten Sie vielleicht auch mal im Buchladen aushelfen.»

«Da bin ich leider etwas einseitig gebildet.»

«In welcher Richtung?»

«Ehemaliger Klosterschüler, wissen Sie», sagte Phil. Der Buchhändler hob überrascht den Blick und musterte ihn aufmerksam. «Etwas gar vergangenheitsorientiert. Klassische Literatur eben. Frisch war in etwa der Modernste. Und sonst: Goethe, den Faust natürlich, Werther, Wahlverwandtschaften. Keller. Meyer, Jürg Jenatsch. Thomas Mann, der Zauberberg. Der hatte für uns ja fast Lokalkolorit.» Den Zauberberg hatte er natürlich gelesen. Noch viel besser gefallen hatten ihm freilich die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. «Tod in Venedig, und und und», fuhr er fort, um noch etwas Zeit zu schinden. Er hatte plötzlich ein Gespür dafür, welche Autoren er erwähnen musste. «Musil. Oder meinen Sie englische und französische Literatur? Rimbaud. Proust. Byron. Oscar Wilde war natürlich verboten. Der stand bei uns auf dem Index. Den musste ich mir heimlich zu Gemüte führen.» Das hatte er nicht einmal erfinden müssen, es stimmte Wort für Wort. Ein Mitschüler hatte ihm gesteckt, dass die Bücher von Oscar Wilde obszön seien, da hatte er natürlich eines lesen müssen. Phil deutete zum Schaufenster hinüber. Dort lag, auf einem kleinen Podest aus der Fülle der übrigen Bücher hervorgehoben, ein abgegriffener, in Leder gebundener Dorian Gray. Er hatte sich am Vortag die Auslagen des Antiquariats angesehen und zur Sicherheit auf Wikipedia sein Wissen etwas aufgefrischt. «Wunderschönes Exemplar», murmelte er respektvoll. «Neunzehnhundertzehn? Oder fünfzehn?»

«Neunzehnhundertzwanzig», hatte Seidenbast geantwortet und ihn nachdenklich angesehen. «Wann können Sie denn anfangen, Herr Wexler?»

8.

Sonst hatte es Zangger stets genossen, als Strohwitwer für einige Tage allein zu sein. Oder auch für ein, zwei oder drei Wochen ein Junggesellenleben zu führen, wenn Tina in Weiterbildung oder mit einer Freundin auf Reisen war.

Jetzt nicht.

Er ass Pasta direkt aus der Pfanne, aber nicht weil es Spass machte, sondern weil er die Energie nicht aufbrachte, anständig zu kochen und den Tisch zu decken. Er trank abends mehr Wein als sonst, manchmal zu viel Whisky. Aber nicht aus Freude an einem edlen Tropfen, sondern weil er sich herunterfahren musste. Er dimmte, entgegen seiner Gewohnheit, abends zuhause alle Lichter, in seiner Praxis zog er tagsüber die Vorhänge, denn helles Licht schmerzte ihn in den Augen. Er ärgerte sich über jede Kleinigkeit. Musik vertrug er keine, nicht einmal einen Blues von Billie Holiday. Auch die Händelsonaten nicht, die ihn sonst in eine meditative Ruhe versetzten. Eine Brahmssinfonie schon gar nicht. Er empfand jedes Geräusch als Lärm. Genervt hiess er Tom, gefälligst seine Stereoanlage leiser zu stellen. Eine Schelte, die sonst nur Mona zu hören bekam. Mona war die meiste Zeit gar nicht zuhause, und wenn sie da war, gab es unweigerlich Krach. Aus schlechtem Gewissen schlug Zangger ihr und den Söhnen vor, am Samstagabend draussen zu grillen. Er kaufte grosszügig Fleisch ein, für Mona drei üppige Vegispiesse, besorgte den Söhnen zuliebe Bier statt Wein, für Mona Leichtbier mit Fruchtgeschmack, aber die Stimmung war längst nicht so entspannt wie sonst. Zangger spürte, dass seine Söhne ein bisschen auf Distanz gingen. Von Mona war er nichts anderes gewohnt – sie tauchte an dem Abend gar nicht auf und behauptete später, er habe sie nicht eingeladen -, aber dass es jetzt auch mit Tom und Fabian schwierig wurde, gab ihm zu denken.

«Was stimmt eigentlich nicht mit Mama und dir?», wollte Fabian wissen. Er stand am Grill und wendete die Lammkoteletts.

«Wieso?», fragte Zangger. Hatte er seine Missstimmung wirklich so schlecht verbergen können?

«Nur so», machte Fabian. «Das spürt man doch.»

Zangger erwiderte, es mache ihm zu schaffen, dass Tina ohne ihn nach Afrika reise. Und möglicherweise mehrere Wochen wegbleibe.

«Ach so. Na ja, wenn es das ist.»

«Dir gehts nicht gut», meinte Tom. «Bist du krank?»

Zangger sah ihn überrascht an. Die Frage rührte ihn.

«Ich glaube nicht.»

«Aber überarbeitet, nicht wahr? Das hat Ma jedenfalls gesagt. Oder bist du sauer, weil sie so plötzlich verreist ist?»

«Von allem ein bisschen», gab Zangger zu. «Aber es wird bald besser», fuhr er fort, bemüht, die Sorgen der Söhne zu zerstreuen. «Noch eine Woche, dann habe ich Ferien.»

«Wann fährst du?», fragte Tom.

«Weiss ich noch nicht. Sobald alles fertig ist: die Arbeit in der Praxis, das Seminar, der Camper. Ausgerüstet bin ich ja», lachte Zangger. Die Erinnerung an den gemeinsamen Einkauf im Snow-n-Sand schmerzte zwar ein wenig. Damals war die Welt noch in Ordnung gewesen.

«Ich reise am Sonntag», stellte Fabian fest.

«Du meine Güte!», rief Zangger erschreckt: «Also morgen?» Das hatte noch gefehlt, dass er um ein Haar die Abreise seines Sohns verpasste. Er hatte sich gar nicht mehr gross um Fabians Pläne gekümmert, Tina war da engagierter gewesen. Fabian hatte sich entschieden, nicht erst auf Semesterbeginn nach Montpellier zu reisen, sondern schon den Sommer dort zu verbringen und mit Louis einen Sprachkurs zu besuchen, um sein Französisch aufzupolieren. Danach begann das dritte Jahr seines Medizinstudiums.

«Nein, erst in einer Woche natürlich.»

«Klappt denn auch alles? Mit dem Zimmer? Mit der Uni?»

«Ja, ja. Keine Sorge.»

«Brauchst du noch etwas?»

«Nein, nein.»

Es wäre Zangger lieber gewesen, Fabian hätte irgendeine Frage gehabt oder konkrete Hilfe benötigt. Er fühlte sich fast ein wenig abgewimmelt.

Immerhin hatte er seine Arbeit. Doch die bereitete ihm nicht mehr die gleiche Freude wie auch schon. Im Gegenteil, es wurde ihm – zum ersten Mal in seinem beruflichen Leben – alles zu viel. Die letzten zehn Tage vor den Ferien waren gerüttelt voll. Krankengeschichten mussten nachgetragen, ein, zwei Gutachten zu Ende gebracht, Zeugnisse und Atteste verfasst und Honorarrechnungen geschrieben werden. Das letzte Seminar vor seinen Ferien stand noch an. Das alles neben der randvollen Sprechstunde, denn die meisten seiner Patienten wollten kurz vor seiner Abreise noch eine letzte Konsultation. Zangger musste sich über die Runden kämpfen und sehnte den Tag herbei, an dem er alle Patientenakten schliessen und abhauen konnte.

Frau Zindel beschwerte sich über Löcher, die man ihr in die Strümpfe gemacht habe. Nein, die Strümpfe seien nicht durchgescheuert, die Löcher seien hineingemacht worden. Ausserdem habe sich jemand in ihrer Abwesenheit aus dem Töpfchen mit ihrer Gesichtscrème im Spiegelschränkchen bedient. Wie die Person in ihr Badezimmer hineingelangt sei, das könne sie sich auch nicht erklären, aber Tatsache sei, dass jemand mit einem kleinen Löffelchen Gesichtscrème aus dem Töpfchen gestohlen habe. Zangger unternahm einen weiteren Versuch, Frau Zindel zur Einnahme ihrer Medikamente zu bewegen. Aber er hatte fast damit gerechnet, dass sie seine Empfehlung in den Wind schlagen würde.

An einem der letzten Tage vor seinen Ferien rief eine Frau an – Krugmann mit Namen –, die an seinem letzten Nerv zerrte. Nach wenigen Sätzen war Zangger nämlich klar, dass sie einen alkoholkranken Ehemann hatte, der sich in einem bedenklichen Zustand befand. Im Augenblick handle es sich nicht um ein psychiatrisches, sondern um ein medizinisches Problem, versuchte Zangger ihr klar zu machen. Sie müsse den Hausarzt rufen, der ihren Mann ins Spital einweisen werde. Doch dafür war Frau Krugmann nicht zu haben. Zangger hatte nicht die Kraft, gegen Windmühlen zu kämpfen. Über kurz oder lang würden die Dinge ihren Lauf nehmen, dachte er. Spätestens, wenn der Notarzt kommen musste, weil der Patient im Delirium landete. Mit nur halbwegs gutem Gewissen hatte er das Telefongespräch beendet.

Frau Stoller, eine alte Dame, war nach der akuten Verschlechterung einer seit langem bestehenden Leukämie in eine tiefe Depression gefallen. Ihr Hausarzt und der Hämatologe hatten ihr, da sie es ausdrücklich verlangte, reinen Wein eingeschenkt. Sie wusste, dass die Chemotherapie keinen Erfolg gebracht hatte und dass ihre Lebensuhr bald ablaufen würde. Sie war untröstlich darüber, dass sie das bevorstehende grosse Familienfest nicht mehr werde erleben können. Und dass sie mit ihrem vorhersehbaren Sterben den Angehörigen die Festfreude verderben könnte. Zangger hatte nach den Regeln der Kunst mit ihr gearbeitet, mit Psychotherapie in einer Form, wie sie für Todkranke angemessen war, und mit Antidepressiva, aber aufgehellt hatte sich ihr Zustand nicht wirklich. Er hatte Frau Stoller geraten, während seiner Abwesenheit die Behandlung bei einem seiner Praxisvertreter weiterzuführen. Frau Stoller hatte sich bedankt, ihm aber zu verstehen gegeben, dass sie das nicht wolle.

Lichtblicke gab es nur wenige. Linda Larsson war so ein Lichtblick gewesen. Aber ihre Behandlung hatte er schon vor einigen Wochen abschliessen können. Das kam vor, wenn doch auch eher selten: dass die Therapie einer ernsthaften Störung nach wenigen Sitzungen erfolgreich zu Ende ging, und erst noch ohne Medikamente. Die aufgeweckte junge Frau war ihre Probleme zielstrebig angegangen und hatte sie in kürzester Zeit in den Griff bekommen. Zangger bedauerte es fast ein wenig, sie so rasch geheilt zu haben. Sie war in seiner Praxis A Breath of Fresh Air gewesen.

Der Sunnyboy unter seinen Patienten, Gion Caduff, kam in dieser Zeit ein paar weitere Male zum Gespräch. Es war jedes Mal eine erfrischende Stunde. Der Patient beichtete offenherzig, was er Zangger in der vorherigen Stunde vorgeflunkert hatte. Es waren keine weltbewegenden Geständnisse: Er habe gar keine Freundin, er habe sich bloss in die Hotelpraktikantin Nicole verknallt. Die Stelle bei der Bank habe er nicht gekündigt, sondern er sei wegen Verstössen gegen interne Vorschriften entlassen worden. In Tat und Wahrheit sei er noch kein Informatikstudent, er werde das Studium erst im Herbst aufnehmen. Und ein paar weitere Dinge dieses Kalibers. Sie hatten gemeinsam herausgearbeitet, dass es sich bei seinen Schwindeleien um ein altes, in der Kindheit angeeignetes Muster handelte, das ursprünglich dazu gedient hatte, Prügel zu vermeiden. Mit der Zeit hatte sich das Motiv verändert, heute ging es Caduff in erster Linie darum, in den Augen der andern besser dazustehen. Schwindeln aus Geltungsdrang, so lautete die vom Patienten selbst erlangte Erkenntnis.

Sobald Zangger allein war – in den Pausen zwischen den Patientenstunden, am Schreibtisch, im Auto oder zuhause –, musste er an Tina denken. Und an Afrika. Tina in Afrika und ich in Schottland, das gibts doch nicht!, haderte er.

Jahrelang war er Tina damit in den Ohren gelegen, dass sie ihn auf eine Afrikareise begleite. Er hatte sie auf einer Studentenreise nach Marokko kennen gelernt, aber danach hatte es Tina immer anderswohin gezogen. Nach Skandinavien, Russland und Japan. In Städte, nicht in die Wildnis. Kultur- und Bildungsreisen waren nach ihrem Geschmack, nicht Freiluftabenteuer. Natürlich wusste er, dass Tina in Afrika war, um zu arbeiten, nicht um in die Wildnis zu fahren. Es wurmte ihn trotzdem. Maputo kannte er nicht, er war noch nie in Mosambik gewesen. Dafür in vielen andern Ländern Afrikas: Als junger Mann hatte er Ostafrika bereist, bis nach Ruanda und hinauf nach Äthiopien und Eritrea. Ein paar Jahre später war er in seinem Camper nach Nordafrika gefahren, hatte die Sahara durchquert und den Sahel und war an der Elfenbeinküste gestrandet. Nach seiner Heirat hatte er immer wieder von jenen Reisen geschwärmt, aber Tina hatte nie angebissen. Das sei etwas für Pfadfinder, hatte sie stets gesagt, nichts für sie. Sie sei keine Abenteuerin. Afrika zu zweit blieb ein Traum.

Vor einigen Jahren, als Zangger eine Midlife-Krise durchmachte, fand Tina plötzlich, er müsse einmal richtig ausspannen. Er brauche mehr als eine Städtereise oder ein Wochenende im Hotel Therme, um sich zu erholen. Was er denn gern tun würde, um aufzutanken und auf andere Gedanken zu kommen? Vielleicht hoffte sie, er würde sich eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn wünschen oder ein Time-out in Japan. Aber er sagte, ohne zu zögern: das südliche Afrika bereisen. Sie sah, wie seine Augen leuchteten, und schlug ihm vor, eine Männerreise zu planen. Zuerst zögerte Zangger, aber als er merkte, dass Tina es ernst meinte und dass sie es ihm nicht übel nehmen würde, wenn er ohne sie reisen würde, ging er auf ihren Vorschlag ein. Er tat sich mit zwei alten Freunden aus dem Militär zusammen und reiste mit diesen wochenlang durch die Wildnis. Auf eigene Faust, immer auf freier Wildbahn, fernab von Safaritouristen und Luxuslodges. Mit einem robusten alten Landrover, den sie vor Ort gemietet hatten, mit Zelt und Campingausrüstung. Für mehrere Wochen Wasser, Lebensmittel und Sprit an Bord. Nacht für Nacht unter freiem Himmel. Sie folgten den Elefantenherden am Chobe, pirschten sich auf Hemingways Spuren an die Löwen von Savuti heran. Und an die Flusspferde am Unterlauf des Sambesi. Sie durchquerten die Salzwüsten Botswanas, in denen man sich hoffnungslos verirren konnte, fuhren dem Rand der Namibwüste entlang und, wo es ging, in diese hinein. Dann quer durch die Kalahari. Sie campierten unter riesigen Baobabs, scharf beobachtet von frechen Pavianen, von Erdmännchen und Gelbschnabeltukanen.

Das alte Feuer loderte wieder auf.

«Du hast das Afrikafieber», sagte Seidenbast nach jener Abenteuerreise. Und wirklich, der Virus hatte ihn wieder befallen. Periodisch erlitt er einen Rückfall und spürte ein unwiderstehliches Reissen. Im vergangenen Winter startete er einen neuen Versuch, Tina für eine Afrikareise zu gewinnen. Er suchte heimlich Flüge heraus, liess einen geländegängigen Camper reservieren und heckte eine nicht zu abenteuerliche Route durch Südafrika aus. Am Neujahrstag legte er Tina seine Reisepläne vor. Sie strich ihm liebevoll mit dem Handrücken über die Wange und sagte, sie wolle es sich überlegen. «Du hast recht», sagte sie am Dreikönigstag, «wir sollten wieder einmal eine Camperreise machen. Aber um ehrlich zu sein: Ich würde lieber nicht auf einen andern Kontinent fliegen, sondern von hier aus starten. Ich habe eine Idee», rief sie: «wir fahren nach Schottland! Dort ist es auch wild, das wird dir bestimmt gefallen.»

Schottland kann mir gestohlen bleiben!, dachte Zangger. Das Afrikafieber schüttelte ihn.

Im Alter von neun Jahren war er infiziert worden. Durch ein Buch, das er vom Grossvater geschenkt bekommen hatte. Hingerissen hatte Lukas die Bilder betrachtet, Schwarzweissfotografien von Rundhütten und Lehmbauten, Bilder von Palmen, Kamelen und Krokodilen. Und von schwarzen Menschen, schwarzen Kindern. Diese Gesichter! Die grossen schwarzen Augen. Die schwarze Haut. Die weissen Zähne. Die grossen, lachenden Münder. Nichts konnte ihn mehr faszinieren und mehr anziehen als diese Gesichter und die nackten oder halbnackten dunkelhäutigen Körper. Er entwickelte eine unbändige Sehnsucht nach dem Kontinent, auf dem solche Menschen lebten. Es war die Zeit, als man Schwarzer statt Neger zu sagen begann, aber davon wusste Lukas nichts. Für ihn war Neger der Inbegriff eines wundersamen Wesens aus einer fremden, zauberhaften Welt. Wie Indianer. Wie Krieger oder Jäger. Nur noch abenteuerlicher: Neger!

Endgültig war es um ihn geschehen, als er, zehnjährig, in den Sommerferien Khalid und Driss begegnete, zwei Buben aus Afrika. Lukas verbrachte die Sommerferien wie immer im Ferienheim Büel. Er traute seinen Augen kaum, als eines Abends ein grosser Citroën vorfuhr, dem eine Negerfamilie entstieg. Das heisst, der Vater war ein Neger, die Mutter sah ganz gewöhnlich aus. Sie redeten in einer fremden Sprache und luden zwei Buben aus, einen Neger und einen halben. Der ältere, Khalid, war fast schwarz und hätte Grossvaters Buch entsprungen sein können. Er war etwa gleich alt und gleich gross wie Lukas. Der jüngere, Driss, war bloss kaffeebraun, ein feingliedriges Bürschchen, nach Lukas’ Schätzung ein Zweit- oder Drittklässler, Khalid wie er ein Viertklässler. Lukas war fasziniert, vor allem von Khalid. Da die meisten andern Kinder vor ihnen fremdelten, packte Lukas seine Chance. Er wollte Khalid partout zum Freund haben. Tante Heidi fragte ihn, ob er im gleichen Zimmer schlafen wolle wie die beiden Buben aus Marokko. Um mit ihnen in Kontakt zu kommen, brach er eine Kissenschlacht vom Zaun, auf die sich die beiden lachend einliessen. So lange, bis Tante Heidi auftauchte und für Ruhe sorgte. In der folgenden Nacht blieb die Kissenschlacht aus, dafür führte der gelenkige Driss, nackt bis auf die weissen Unterhosen, vor dem Lichterlöschen einen afrikanischen Tanz auf. Khalid schlug den Takt. Er klatschte in die Hände, trommelte auf den Boden und auf seine schwarzen Schenkel. Lukas war hingerissen. Jeden Samstag wurde gebadet, die Kinder wurden zu zweit in die Badewanne gestellt und von Tante Heidi abgeschrubbt. Nach dem Schrubben war Plantschen im Schaumbad erlaubt. Lukas drängte sich vor, um mit Khalid in die Badewanne gestellt und geschrubbt zu werden. Er konnte sich an dem nackten schwarzen Körper kaum sattsehen. Lachend spritzten sie sich gegenseitig an. Lukas setzte Khalid eine Schaumkrone auf. Sie standen auf und guckten zusammen in den beschlagenen Spiegel. Lukas rieb mit der Hand ein Fenster und sah das schöne, schwarze Negergesicht, breit lachend unter der weissen Haube. Daneben sein eigenes, beschämend bleich, im Dampf und vor Bedeutungslosigkeit verschwindend. Sie setzten sich wieder in die Wanne, schubsten sich herum und versuchten, sich gegenseitig unter Wasser zu drücken. Lukas konnte es kaum fassen: Er hatte einen Neger zum Freund! Dass es sich bei den Brüdern um Söhne aus wohlhabendem Haus handeln musste und überdies um Städter, nicht um Wilde, darüber machte er sich keine Gedanken. Für ihn waren es zwei Buben aus Afrika, zwei echte Neger. Längst hatte Khalid seine Avancen erwidert. Er setzte sich bei Tisch neben ihn und kletterte nach dem Essen mit ihm in die Baumhütte hinauf. Die drei Wochen Sommerferien vergingen wie im Flug. Mit einem einzigen Satz verabschiedeten sich die zwei Freunde: «Tu es mon ami», hatte Lukas zum Schluss sagen können. Während Wochen, wenn nicht Monaten, wurde er von einem grenzenlosen Heimweh nach Khalid geplagt. Sie hatten nicht daran gedacht, Adressen auszutauschen, und so hoffte Lukas einfach, dass Khalid irgendwann auf wundersame Weise wieder auftauchen würde.

Diese Begegnung hinterliess bei Zangger eine Voreingenommenheit für schwarze Menschen. Ein echtes Vorurteil, nur mit positivem Vorzeichen. Es machte es ihm schwerer, nicht leichter, unbefangen mit dunkelhäutigen Patienten zu arbeiten. Und ausgerechnet jetzt musste dieser Johnathan Achebe wieder in seiner Sprechstunde auftauchen.

Achebe war eine Nervensäge. Ein Jammerlappen, den Zangger schon früher während eines Jahres behandelt hatte. Ohne nennenswerten Erfolg, wie sich jetzt herausstellte. Sohn eines Nigerianers, der irgendwann auf Nimmerwiedersehen verschwand, und einer Schweizerin, die ihn als allein erziehende Mutter aufgezogen hatte. Achebe war vierundzwanzig und konnte noch kaum einen persönlichen Erfolg vorweisen. Zwar hatte er mit Ach und Krach an einer Privatschule, deren Schulgeld sich seine Mutter am Mund absparte, die Matura bestanden, aber danach brachte er nichts mehr zustande. Er schrieb sich an der Uni ein, doch legte er keine Prüfungen ab, nahm keine Freizeitjobs an, pflegte keine Freundschaften. Er bezeichnete sich selbst bei jeder Gelegenheit als Versager, als dümmer, unwichtiger und unattraktiver als andere, seine Gesellschaft als uninteressant und sein Leben als sinnlos. Er hatte einen echten Minderwertigkeitskomplex. Dabei war seine dunkle Hautfarbe nur noch das Tüpfchen auf dem i, das seine sowieso schon gefühlte Minderwertigkeit noch unterstrich. Widerspruch oder Zuspruch halfen nichts, es musste ihm schlecht gehen – das war die einzige Lebensform, mit der er seiner Überzeugung nach Beachtung und Zuwendung, und sei es bloss von seiner Mutter und seinen Ärzten, ergattern konnte.

Hätte Zangger tief in seiner Seele geforscht, so hätte er festgestellt, dass er von Achebe ganz einfach enttäuscht war. Ein neurotischer Afrikaner!, das gabs doch gar nicht. Das beleidigte sein Afrikabild. Er hatte mausarme, verwahrloste, hungernde Afrikaner gesehen. Traumatisierte, Invalide und Kranke, auch Geisteskranke. Aber keine neurotischen. Amerikaner waren neurotisch. Und Europäer, ganz klar. Aber Afrikaner doch nicht! Eines wusste er: Um Achebe nachhaltig behandeln oder gar heilen zu können, hätte es therapeutischen Biss gebraucht. Und den hatte er verloren. Er hatte schlicht nicht die Energie dazu. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Johnathan Achebes Behandlung vorläufig auf Eis zu legen. Er wies ihn an, im Notfall auf seine Website zu gehen, dort seien seine Ferienvertreter aufgeführt, sollte er jemanden brauchen.

9.

«Sie gehen schon?», fragte Seidenbast und sah auf die Uhr.

«Ja. Ein Arzttermin», erwiderte Phil.

Arzttermin stimmte sogar, aber dass er bei diesem Termin nicht der Patient, sondern der Arzt war, wollte er seinem Boss nicht auch noch unter die Nase reiben. Phil war schon fast bei der Tür. Jetzt blieb er einen Augenblick stehen und wandte sich um. Seidenbast stand mit einem Buch in der Hand an einem Bücherregal und betrachtete ihn nachdenklich.

Was hat er?, dachte Phil.

Phil war es gewohnt, dass man ihn länger als andere ansah. Und dass man sich auf der Strasse nach ihm umdrehte. Gewöhnlich hielt er den Blick der andern Person fest, bis diese, leicht verlegen, sich abwandte oder den Blick senkte. Seidenbast löste seinen Blick nicht von ihm. Er sah ihn unverwandt an. Phil war es, der sich abwandte, er war eine Spur verlegen.

Dieser Blick!, dachte er, als er auf der Strasse stand. Es war kein vorwurfsvoller Blick gewesen. Auch kein aufdringlicher. Er hatte eher eine Art Neugier in Seidenbasts Augen gesehen. Täuschte er sich oder lag auch eine Spur Faszination darin? Hatte ihn das in Verlegenheit gebracht? Seidenbast hatte ihm mehr als einmal gesagt, dass er seine Hilfe im Geschäft schätze. Er bedankte sich jedes Mal, wenn Phil etwas erledigt hatte oder ihm eine Problemlösung vorschlug. Doch das konnte unmöglich der Grund für einen solchen Blick sein. Nein, schloss Phil, die Faszination galt seiner Person. Gut, vielleicht seinem Äusseren, aber das war ja ein- und dasselbe. Dass Seidenbast gay war, war Phil von Anfang an klar gewesen. Egal. Dieser angesehene Buch- und Weinhändler fand Gefallen an ihm. Dieser souveräne, selbstsichere, hochgebildete und nicht unansehnliche ältere Herr, dem alle Welt auserlesenen Geschmack attestierte, schien von ihm fasziniert zu sein. Das war eine Kostbarkeit, der musste er Sorge tragen.

Ich darf ihn auf keinen Fall enttäuschen, dachte Phil.

Jetzt bereute er, dass er sich mit Wexler vorgestellt hatte. Das liess sich nun nicht mehr richtigstellen, er musste dabei bleiben. Wenn er diesen völlig unnötigen Schwindel jetzt gestehen würde, wäre Seidenbasts Enttäuschung bestimmt grenzenlos. Froh war Phil dagegen, dass er sich nicht hatte dazu hinreissen lassen, den wahren Grund dafür zu nennen, weshalb er keine Abend- oder Nachtschicht einlegen konnte. Das Handicap würde ja in wenigen Wochen wegfallen.

«Können wir das nach Ladenschluss besprechen?», schlug Seidenbast kürzlich vor. Phil hatte ihm den Entwurf einer Website für Buch&Wein vorgelegt.

«Geht leider nicht», sagte Phil. «Ich bin verabredet.»

«Macht nichts. Dann morgen Abend?»

«Bedaure», wand sich Phil, «aber ich kann abends eigentlich fast nie.»

«Fast? Dann sagen Sie mir, wann es geht.»

«Gar nie, tut mir leid.»

«Sie können abends nie?» Seidenbast klang mehr verwundert als enttäuscht. «Schade. Wieso denn nicht? Ausnahmsweise?»

«Nun, ich muss …», setzte Phil an.

«Lassen Sie», unterbrach ihn Seidenbast. «Wir hatten einen halben Tag vereinbart. Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig.» Das war vor acht Tagen gewesen.

Linda Larsson sass schon im Café am Hottingerplatz. Phil hatte es angemessen gefunden, einen Treffpunkt in der Nähe von Zanggers Praxis zu wählen. Er hatte sich gehütet, zu fragen, ob ihr der Ort passe, es sollte nicht nach einem Rendezvous aussehen.

«Wo drückt der Schuh?», fragte er, als sie ihr Lemonsoda und er seinen Macchiato vor sich hatten. Das Café war fast leer. Er war sich ziemlich sicher, dass es nichts Gravierendes sein konnte. So ähnlich wie bei mir, dachte er, sie sieht ja ganz gesund aus. Gesund und sexy. Depro oder schizo oder so was ist sie bestimmt nicht.

Sie sei wegen Panikattacken bei Doktor Zangger in Behandlung, sagte sie.

Panikattacken?, dachte er, super. Er hätte ihr aus dem Stegreif ein paar Beruhigungsmethoden vorschlagen können. Zur Sicherheit würde er sich auf dem Internet über dieses Problem schlaumachen.

Sie habe die Störung schon recht gut unter Kontrolle, erklärte Linda, aber gestern habe sie aus heiterem Himmel einen Rückfall gehabt, das verunsichere sie sehr.

«Na klar», sagte er. «Aber keine Sorge, das kriegen wir hin. Was ist denn gestern passiert?»

Nichts sei passiert, das sei ja das Beunruhigende. Ihr sei bloss eingefallen, dass Doktor Zanggers Praxis jetzt für eine Weile geschlossen sei. Vielleicht sei das der Auslöser gewesen.

Dann ist er also schon weg?, wunderte sich Phil. Wusste ich gar nicht, ich dachte, er verreise erst nächste Woche. Dann hätten wir uns ja gar nicht in diesem biederen Café treffen müssen.

Ausserdem habe ihr Ex angerufen und ihr einmal mehr eine Szene gemacht.

Ihr Ex? Das war für Phil ein willkommener Aufhänger. Nun durfte er ihr ungeniert ein paar Fragen stellen. Zu früheren Beziehungen und zu ihren aktuellen Lebensumständen.

Eine Unschuld vom Land ist sie nicht gerade, dachte Phil, als sie zu Ende erzählt hatte. Im Gegenteil, sie hat es faustdick hinter den Ohren. Und sie weiss, was sie will, so was gefällt mir. Angstzustände passen eigentlich gar nicht zu ihr.

Das Gespräch dauerte mehr als eine Stunde. Linda sagte, sie fühle sich besser. Irgendwie sicherer. Und bedankte sich für die Zeit, die er sich genommen hatte. Ob es eine Nachkontrolle brauche?

«Wäre ratsam», meinte Phil. Er müsse bloss zusehen, wie er sich die Zeit freischaufeln könne. Seine wissenschaftliche Arbeit befinde sich in einer heiklen Phase. Sie solle ihn bitte wieder über sein Handy kontaktieren, am besten noch diese Woche. Bloss nicht am Wochenende, da sei er extrem beschäftigt.

Von Freitagabend bis Montag früh musste Phil seine Zeit in Winterthur totschlagen. Wirklich schlimm war das nicht, das grün getünchte Haus in einem Wohnquartier, unter Insidern hiess es Villa Verde, war ja kein richtiger Knast. Es gab einen Garten, freilich von einer hohen Mauer umgeben, und Gemeinschaftsräume. Man konnte sogar Fitnesstraining machen und fernsehen. Aber todlangweilig war es, Phil durfte das Haus während des ganzen Wochenendes nicht verlassen, sein Handy und seinen Laptop nicht benutzen, und für die Nacht wurde er in seiner Zelle eingeschlossen. Phil suchte keinen Kontakt mit den anderen Knastis, er legte sich mit keinem an, schloss aber auch keine Bekanntschaften. Denn nach seinem Empfinden gehörte er nicht in ihren Kreis. Er war ja kein Krimineller. Er schätzte sich glücklich, dass er in einem Einer-, nicht in einem Zweierschlag untergebracht war. Trotzdem, es war höchste Zeit, dass diese Zeit zu Ende ging. Seit Monaten konnte er weder am Feierabend noch an den Wochenenden ausgehen. Keine Freunde treffen und keine Frau daten, rein gar nichts. Er war heilfroh, dass er wenigstens wochentags tun und lassen konnte, was er wollte. Wäre es nach den Vorschriften gegangen, so hätte er jeweils auf direktem Weg an seine Arbeitsstelle fahren und nach der Arbeit sofort nach Winterthur einrücken müssen. Er hätte seinen Arbeitsplatz während der Arbeitszeit nicht verlassen dürfen, und sich tagsüber in der Stadt herumtreiben wäre schon gar nicht erlaubt gewesen. Aber Max war ein patenter Kerl. Er würde jederzeit bestätigen, dass Phil von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags an seinem Arbeitsplatz sitze. Oder, wenn es einmal zu einer Überraschungskontrolle käme, dass er ihn nur kurz weggeschickt habe, um eine Besorgung für ihn zu erledigen. Gegen den neuen Job bei Buch&Wein hatte er nichts einzuwenden gehabt. Sie hatten aber vereinbart, dass er abends stets noch rasch reinschaue oder anrufe, bevor er nach Winterthur fuhr.

Das Gespräch mit Linda hatte Phil angetörnt. Er versuchte auf andere Gedanken zu kommen, denn es würde noch ein oder zwei Wochen dauern, bis er sie vernaschen konnte. So lange, bis sie sich wieder meldete – das würde sie, dessen war er sich sicher – und er sie in Zanggers Praxis bestellen konnte. Er hatte darauf geachtet, ihr bloss ins Gesicht und auf die Hände zu sehen. Ihren Hals und ihre nackten Unterarme hatte er bei dieser Gelegenheit natürlich nicht ausblenden können.

Haut, Haut, Haut, dachte er. Ich brauche Haut, Frauenhaut. Er musste etwas gegen dieses Reissen tun. Wenigstens einen weiteren Kaffee, dachte er und ging ins Seefeld hinunter.

«Herr, warten Sie –, Herr Zulauf, habe ich recht?»

Der Italo schien sich echt zu freuen, dass Phil sein Angebot annahm, einfach reinzuschauen und einen Espresso zu trinken. Und Phil tat es gut, wiedererkannt zu werden. Der Italo verschwand im Hinterraum, um den Kaffee zu holen. Phil betrachtete die salopp gekleideten Schaufensterpuppen, diesmal von innen – und fuhr zusammen. Vor dem Fenster, nur ein, zwei Meter von ihm entfernt, ging Doktor Zangger vorbei. Einen Augenblick fürchtete Phil, er werde vor dem Schaufenster stehen bleiben – er trat vorsichtshalber einen Schritt zurück – oder gar den Laden betreten. Dann müsste er sich aus dem Staub machen, bevor der Italo zurückkam. Wenn er nämlich aus purem Zufall zwei Personen begegnen sollte, die ihn unter verschiedenen Namen kannten, konnte es brenzlig werden. Doch Zangger ging, ohne die feinen Klamotten im Schaufenster eines Blicks zu würdigen, am Laden vorbei, und Phil entspannte sich.

Er ist also doch noch da, dachte er. Aber in acht Tagen ist er weg, so steht es auf seiner Website.

Der Italo kam mit zwei kleinen Tässchen, sie quatschten ein bisschen, dann machte sich Phil auf den Weg. Er beschloss, noch einmal zur Arbeit zu gehen.

Seidenbast stand im Laden und sprach mit einem Kunden. Sein Boss lehnte an der Theke in der Mitte des Ladens. Auf der linken Seite des Ladenlokals waren die Bücherregale, in denen der Kunde stöbern konnte. Rechts standen die Weinregale. Im hinteren Teil waren zwei Zimmer, das grössere war als Büro eingerichtet, gross genug für zwei Arbeitsplätze und zwei bequeme Sessel. Das kleinere war Teeküche, Fax- und Kopierraum in einem. Noch etwas weiter hinten ging eine Treppe in den Weinkeller und ins Bücherlager hinunter. Das Ladenlokal war von Seidenbast so eingerichtet worden, dass die Grenzen zwischen antiquarischen Büchern und Weinflaschen fliessend blieben. Seidenbast liebte es, seine Kunden quasi zwischen den Welten zu bedienen: an der langen Holztheke in modernem Design konnte man im Stehen einen Wein degustieren oder in einem Buch blättern. Den einen oder andern Weinfleck auf gebrauchten Büchern nahm Seidenbast in Kauf. Bibliophile Kostbarkeiten freilich wurden nur an einem grossen Tisch in der hintersten Ecke des Buchladens, weit weg von allen Flaschen, präsentiert.

Phil gab seinem Boss stumm zu verstehen, dass er sich um die Computer kümmern werde. Beschwingt ging er nach hinten, streckte, bereit für einen kleinen Scherz, den Kopf in den Allzweckraum, wo er Frau Preisig vermutete. Sie war aber nicht da. Vor sich hinsummend und in der Erwartung, Frau Preisig vielleicht im Büro zu treffen – denn diese konnte es jederzeit für notwendig erachten, dort abzustauben oder aufzuräumen, und dann gab es selbst für Seidenbast kein Pardon, man musste sie gewähren lassen –, gut gelaunt also stiess Phil die Tür zum Büro auf, die nur angelehnt war. Und drehte sich im gleichen Augenblick, als ob ihm einer die Faust in die Magengrube gerammt hätte, wieder weg. Er duckte sich und stürzte, halbwegs gebückt, an Seidenbast vorbei aus dem Laden. Draussen richtete er sich auf, atmete tief durch und suchte das Weite.

Uff, dachte er. Was zum Teufel hat Zangger in unserem Büro zu suchen?

Wäre Zangger mit Seidenbast an der Theke gestanden, wäre sein Namensschwindel aufgeflogen. Aber Zangger stand nicht an der Theke, er stöberte auch nicht in den Bücher- oder Weinregalen, er sass in Seidenbasts Büro. Das konnte nur bedeuten, dass Zangger ein Bekannter oder Freund seines Chefs war, denn Kunden bat dieser nie in sein Büro. Zangger hatte in einem Sessel gesessen, ganz so, als fühle er sich in Seidenbasts Büro zuhause. Er hatte in einen Bildband auf seinen Knien geguckt, und auf dem Beistelltischchen stand ein halbvolles Weinglas. Phil war schon wieder draussen gewesen, noch ehe Zangger den Kopf wandte und sich ihre Blicke getroffen hätten.

Beim Opernhaus stieg er aus. Im Untergeschoss des Globus gab es stets irgendwelche Degustationshäppchen. Die Art, wie manche Kunden sich die angebotenen feinen Sachen im Vorbeigehen schnappten, ohne die Damen eines Blicks zu würdigen, die Häppchen wortlos in den Mund stopften und weitergingen, ohne etwas zu kaufen, empfand Phil als stillos. Da hatte er andere Manieren: Er blieb stehen, erkundigte sich freundlich, was es denn sei, hörte sich die Erklärungen der jungen oder älteren Frauen an – heute wurden Pumpernickelecken mit sämigem und mit pikantem Weichkäseaufstrich offeriert –, pries die Kostproben, bedankte sich höflich und ging erst dann weiter. Die Frauen und Mädchen dankten es ihm mit einem Lächeln. Er umgekehrt freute sich nicht nur an den kleinen Köstlichkeiten, sondern auch daran, dass man seine Aufmerksamkeit schätzte. Er mochte es, wenn die Menschen ihn mochten. Phil blieb abermals stehen, denn heute gab es weiter hinten eine neue Champagnermarke zu degustieren. Er versuchte sowohl den Brut als auch den Rosé. Doch es nützte alles nichts. Das Selbstablenkungsmanöver wollte nicht gelingen. Die Sache vertrug keinen Aufschub mehr.

Er ging zum Bahnhof Stadelhofen zurück und nahm die S-Bahn. Am Bahnhof Oerlikon stieg er aus, eilte am Neumarkthochhaus vorbei, um zwei, drei Strassenecken, und war an seiner Adresse. Im Obergeschoss der Maison Rose arbeitete seine Favoritin. Zuoberst, im Penthouse, residierten die Luxusdamen, die er sich nie und nimmer hätte leisten können.

Das war das letzte Mal mit der kleinen Brasilianerin, sagte er sich, als er wieder ging. Bald würde er eine Freundin haben: Linda Larsson. Bei seinem Türken verköstigte er sich mit einer Portion Kebab und trank im Stehen ein Bier. Es blieb ihm keine Zeit mehr, bei MacMax vorbeizuschauen, er musste sich auf die S-Bahn nach Winterthur sputen, um rechtzeitig Chez Toggweiler einzutreffen.

10.

Als Erstes entschuldigte sich Phil dafür, dass er am Vortag einfach abgehauen war. Ihm sei plötzlich übel geworden, erklärte er, er habe sich an die frische Luft begeben müssen.

«Ach ja, richtig. Sie waren gestern beim Arzt, nicht wahr?», meinte Seidenbast. «Ist es etwas Ernstes? Es sah ziemlich dramatisch aus, als Sie hinausstürmten.»

«Bloss eine allergische Reaktion. Habe ich Ihren – Ihren Kunden erschreckt?»

«Meinen Freund. Ein bisschen vielleicht. Er hörte etwas und dachte, es habe sich jemand wehgetan. Er kam aus dem Büro in den Laden, um nach Ihnen zu sehen, aber da waren Sie schon draussen. Er ist Arzt, wissen Sie.»

Ja, ich weiss, dachte Phil. «Ach so», machte er.

Dann ging er an die Arbeit. Er stieg ins Lager hinunter. Dort hatte Frau Preisig die angelieferten alten Bücher bereits ausgelegt. Phils Aufgabe war es, jeden Titel ins neue System einzuordnen. Er hatte einigermassen begriffen, was Seidenbasts Vorstellung war, aber er war sich längst nicht bei jedem Buch sicher. Bei dem, das er gerade in der Hand hielt, wusste er nicht, ob er es unter Schweizerdeutscher Literatur oder unter Griechischen Sagen einordnen solle. «Homer Bärndütsch» stand auf dem Deckel.

Nie gehört, dachte er überrascht.

Er öffnete das Buch, es war 1963 erschienen. Er schlug eine Seite auf und begann zu lesen. Fasziniert hielt er in seiner Lektüre inne. Dann ging er mit dem Buch in der Hand die Treppe hoch.

«Worunter soll ich das registrieren?», fragte er seinen Boss, der vor einem Regal stand, und hielt das Buch in die Höhe.

«Was ist es?»

Phil nannte den Titel. «Kennen Sie es?», fragte er.

«Sicher. Die Odyssee, übersetzt von einem Schullehrer aus dem Bernbiet, erzählt in Berndeutschen Hexamtern», sagte er. «Sie waren Klosterschüler. Dann sind Sie Lateiner, oder nicht? Da wissen Sie natürlich, was Hexameter sind.»

Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes, wollte Phil reflexartig rezitieren, jenen Hexameter, den jeder Lateiner kennt. Stattdessen liess er sich einen Augenblick Zeit, dann skandierte er:

«Verse sind es, obzwar ohne Reim, das konnt’ ich mir merken.» Das altertümliche obzwar flocht er ein, um Seidenbasts Ohren zu öffnen.

Seidenbast lachte auf, der Mund blieb ihm offen stehen.

«Sicherlich weiss ich das noch», doppelte Phil nach, «mir blieb das innerlich haften.» Dabei tippte er sich mit dem rechten Zeigefinger ans Ohr.

Seidenbast fiel die Kinnlade herunter.

«Das gibts doch nicht!», rief er. «Sie reden in Hexametern!?»

«Und Pentametern. Hatte ich einmal intus.»

Seidenbast sah ihn staunend an. «Wie kommt das?»

Phil holte bereitwillig ein bisschen aus.

Seine Erinnerungen ans Gymnasium waren kristallklar. An seine Kindheit im Lugnez hatte Phil bloss ein paar Erinnerungsfetzen, die mit seiner Arbeit auf dem verlotterten Hof zu tun hatten und mit Dingen, für die er sich dem alten Caduff hatte hergeben müssen, und die verdrängte er lieber. Zusammenhängende Kindheitserinnerungen hatte er keine. Er wusste bloss, dass er keine Mutter mehr hatte, als er die zweite Klasse besuchte. Dass er froh war um jede Stunde, die er in der Schule statt auf dem Hof verbringen konnte. Und dass Tante Senta eine liebe, aber überforderte Frau war, die unten im Dorf wohnte und nebenbei für den Bruder und den Neffen auf dem Hof kochte, putzte und wusch. Aber ihn, den Neffen Gion-Gieri, auch nicht vor dem alten Caduff schützen konnte. Nein, über seine Kindheit konnte und wollte er Seidenbast nichts sagen.

Die Zeit im Gymnasium war etwas anderes. Das war die beste, nein, die einzige gute Zeit in seiner Jugend gewesen. Es war sein Glück, dass Casanova, der Vormund, der nach dem Tod des alten Caduff bestellt worden war, sich dafür einsetzte, dass Gion-Gieri ins Internat der Klosterschule Disentis aufgenommen wurde. Casanova, ein blonder Hüne, hatte von den Lehrern im Tal gehört, dass Gion-Gieri ein gescheiter Junge sei und eigentlich ein guter Sekundarschüler wäre. Wenn nur der alte Caduff ihm nicht so viel aufbürden würde. Gion-Gieri fand kaum Zeit, seine Aufgaben zu machen, und in der Schulstube fielen ihm die Augen zu. Dass er die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium des Internats dennoch schaffte, hatte er seiner besonderen Begabung zu verdanken, seinem tonträgerartigen Gedächtnis. Das Schulgeld konnte zu einem Teil aus Gion-Gieris kleinem Erbe bezahlt werden, dem Erlös aus dem Verkauf des Hofs. Der Rest wurde durch ein Stipendium gedeckt, das Casanova für ihn herausgeholt hatte.

Pater Ignaz, der seine Sprachbegabung erkannte, ermutigte Gion-Gieri, das Latinum zu machen, obschon er das Kurz- und nicht das Langzeitgymnasium besuchte. Das erforderte einiges Nachbüffeln. Im Vergleich zu den neuen Sprachen, in denen er einfach so drauflosreden konnte, war das Übersetzen einer toten Sprache eine mühselige Angelegenheit. Fast wie eine mathematische Knobelei. Ganz anders war es, wenn er Latein – in Versform eben – hören konnte. Wenn Pater Ignaz mit seiner Donnerstimme Vergil oder Horaz rezitierte, dann klang das in Gion-Gieris Ohren wie Musik. Besser gesagt, wie Sprechgesang. Wie Rapping. So war es: Lateinische Verse, Hexameter vor allem, musste man rappen. Nicht der Inhalt zog ihn in seinen Bann, sondern der Rhythmus. Gerade, dass Hexameter sich nicht reimen mussten, sondern dass allein der Rhythmus den Vers ausmachte, gefiel ihm. Er fand solchen Gefallen daran, dass er sich einen Jux daraus machte, Alltagssprache in hexametrische Versform zu giessen. Nach einiger Zeit hatte er so viel Übung, dass er auch spontan selbst gebastelte Hexameter aus dem Ärmel schütteln konnte.

«Hört doch, Professor: die Glock’ ist verklungen, die Stund’ ist zu Ende», konnte er zum Gaudi der Klasse vor sich hin rappen, wenn die Unterrichtsstunde kein Ende mehr nehmen wollte.

«Die dort, die eilenden Schrittes vorbeigeht, ist sie wohl lesbisch?», alberte er, rappend, mit Klassenkameraden auf dem Dorfplatz. Er deutete mit dem Kopf auf Johanna, die vorbeihastete, ohne die Burschen eines Blicks zu würdigen.

«Guido, du Quatschkopf, du Aff, leck mich am Arsch und verschwind!», rief er, diesmal im Versmass des Pentameters, seinem Freund im Zorn hinterher, als der ihn geärgert hatte.

Einen lateinischen Hexameter selber zu fabrizieren, fiel ihm nicht ein, aber er hatte einige Originale auf Lager, die er zitieren konnte, wenn es die Situation erforderte. So, als ein Klassenkamerad dem Lateinlehrer einen frechen Streich gespielt hatte und dieser eben zu einer Standpauke ansetzte.

«Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant», skandierte Phil laut und mit stoischer Miene – die Betonung auf sämtlichen i – und nahm damit Pater Ignaz den Wind aus dem Segel. Der lateinische Vers besagte so viel wie: Buben seien eben Buben und Buben täten nun mal Bubenzeug.

«Ita est», ja, so ist es, erwiderte der Pater bloss. Er konnte seine Befriedigung, mit einem seiner Schüler quasi lateinische Konversation zu treiben, kaum verhehlen.

Seidenbast war sprachlos. Sie hatten sich mittlerweile auf zwei Barhocker an die Holztheke gesetzt. Seidenbast hatte den Ellbogen aufgestützt, seinen Kopf in die Hand gelegt und betrachtete seinen Angestellten von der Seite. Mit einem Ausdruck, der ebenso gut Amüsement wie grenzenloses Erstaunen bedeuten konnte.

«Sie haben es ja faustdick hinter den Ohren», sagte er.

Phil nahm das als Kompliment.

«Erzählen Sie mir mehr von der Klosterschule», forderte Seidenbast ihn auf. «Das interessiert mich.»

Phil tauchte noch einmal in gymnasiale Erinnerungen ein. Seidenbast hörte aufmerksam zu, als er aus dem Internatsnähkästchen zu plaudern begann. Doch Phil wählte sorgfältig aus, welche von diesen Erinnerungen er seinem Boss erzählte und welche nicht.

Ein Jahr lang war er der Trottel, der Tgutg, aus dem Seitental gewesen, von fast zuhinterst. Er hatte kaum mehr als seinen Hof, sein Dorf und das Nachbardorf gesehen, in dem er zur Sekundarschule ging. Einmal im Monat hatte er den alten Caduff ins Tal oder nach Ilanz begleitet, je nachdem, wo gerade Markt oder Viehmarkt war. Er sprach Rätoromanisch – seine Muttersprache, das Holländische, hatte er vergessen –, lernte in der Primar- und Sekundarschule ohne Schwierigkeiten Deutsch und verleibte sich nebenbei den Bündner Dialekt ein. Von der weiten Welt und von den Mädchen wusste er nichts, er fürchtete beide bloss ein bisschen. Das Internat war deshalb eine Offenbarung: So also konnte das Leben sein!, das hatte er nicht gewusst. Für andere mochte es ein Albtraum sein, weit weg von zuhause, fern von Mutter und Vater, ein ungewohnt geregeltes und kontrolliertes Leben führen zu müssen. Für ihn war es ein Privileg. Dass er sein Zimmer mit Guido teilen musste, war kein Problem, sondern ein Geschenk. Denn Freunde kannte er bis anhin ebenso wenig wie Mädchen. Guido war ein unkomplizierter Kerl. Er frotzelte Gion-Gieri ständig ein bisschen, und Gion-Gieri musste rasch die Spielregeln des Frotzelns lernen. Einmal entstand daraus ein handfester Streit. Auch das war etwas Neues gewesen: dass man sich streiten konnte, ohne dreinzuschlagen oder geschlagen zu werden. Eine kleine Keilerei, ein kräftiger Schubs, das war alles gewesen. Nein, mit dem Zimmerteilen hatte er keine Mühe. Zuhause im Lugnez hatte er auch kein eigenes Zimmer gehabt. Besser gesagt, überhaupt keines, nicht einmal ein eigenes Bett. Als Mutter nicht mehr da war, in deren Bett er hatte schlafen dürfen, schlug der alte Caduff im Zorn mit der Axt ihre Bettstatt auseinander und verbrannte das Holz im Ofen. Gion-Gieri hatte, wenn der Alte ihn nicht im Suff in seinem Bett haben wollte, auf der Ofenbank oder im Heu geschlafen.

Im nächsten Schuljahr blühte Gion-Gieri auf. Seine Klassenkameraden begannen sich für ihn zu interessieren, er hatte keine Ahnung wieso. Da er keine Eltern mehr hatte – das sagte er aber keinem –, begleitete er einige von ihnen an den Wochenenden nach Hause. So lernte er andere Dörfer, aber auch Städte kennen: Chur, Bellinzona, Rapperswil und Zürich. Von Zürich hatte er nur das Schlimmste gehört, das musste ein dunkler, stinkender Moloch sein, mit Strassenschluchten, in denen man sich hoffnungslos verirrte, voll von Autos, höllischem Lärm, rauchenden Fabrikschloten und hässlichen Hochhäusern. Als er an einem wunderbaren Sommertag den See und in der Ferne die Schneeberge sah, die Kirchtürme und die vielen Bäume rundum, die Seepromenade erlebte und die Strassencafés, da wusste er, dass er hier einmal leben würde.

Im dritten Internatsjahr begann man um ihn zu buhlen. Die Mädchen, aber auch die Burschen. Und die Lehrer ebenfalls. Ein Bursche hatte als Erster Erfolg. Er war ein Jahr älter und hiess Raffi. Eine Sportskanone, die Mädchen schwärmten für ihn, aber sie blitzten alle ab. Raffi versuchte, Gion-Gieri dafür zu gewinnen, mit ihm zu trainieren. So lange, bis er schliesslich mitmachte: intensives Training, ihre Muskeln schwollen, ihre Oberkörper glänzten vor Schweiss. Gemeinsames Duschen verstand sich da von selbst. Dass Raffi sich für ihn interessierte, schmeichelte Gion-Gieri. Dass Raffi ihn auch begehrte, schmeichelte ihm noch viel mehr. Er wurde sich auf einmal bewusst, dass er gut, sogar unverschämt gut aussah. Jetzt traute er sich endlich, auf die Mädchen zuzugehen. Vorerst aber ging es mit Raffi noch eine Weile weiter: ungenierter Körperkontakt, in aller Öffentlichkeit, sie waren ja Sportler. Zärtlichkeiten, aber nur in Raffis Zimmer, ein Plaisir à deux mit jeweils spritzigem Ende. Für Gion-Gieri eine prickelnde Erfahrung, die rein nichts zu tun hatte mit den widerlichen Dingen, die er mit dem alten Caduff erlebt hatte.

Dass auch Pater Alois, der Klassenlehrer, seine Nähe suchte, blieb ihm nicht verborgen. Der Pater beugte sich etwas weiter über ihn herab als über andere, wenn er hinter ihm stand, um ihm bei einer schwierigen Aufgabe zu helfen. Manchmal hatte Gion-Gieri den Eindruck, der Pater rieche dabei an seinem Haar. Das eine oder andere Mal stützte Pater Alois sich auf seine Schulter oder legte die Hand auf seinen Rücken oder seinen nackten Unterarm. Einmal fuhr er ihm mit der Hand durch den Haarschopf, zog sie aber blitzschnell wieder zurück, als habe er sich die Finger verbrannt. Bei solchen Berührungen fuhr ein Schauer, und gar kein unangenehmer, durch Gion-Gieri hindurch. Pater Alois rief ihn mehr als andere in sein Büro, um zu erfahren, wie es ihm gehe und ob irgendwelche Schwierigkeiten bestünden. All das störte Gion-Gieri kein bisschen. Im Gegenteil, er gab oftmals dem ihm selbst nicht ganz verständlichen Bedürfnis nach, dem Pater eine Freude zu machen, indem er ihn auch dann um Hilfe bei der Lösung einer Aufgabe bat, wenn er sie gar nicht unbedingt brauchte. Oder indem er sich ohne grössere Not zu einer Unterredung in seinem Büro meldete und ihm dann, ohne es selbst voll und ganz zu merken, schöne Augen machte. Ausser Raffi, der den Blick dafür hatte, nahm niemand an diesen diskreten Vorgängen Anstoss. Sie blieben auch ohne Folgen, wenn man von den möglichen inneren Nöten eines Paters einmal absah.

Im letzten Jahr war Raffi nicht mehr da, er hatte seine Matura ein Jahr früher abgelegt. Jetzt waren es nur noch die Mädchen, die um Gion-Gieri warben. Oder besser gesagt um Pippo, wie sie ihn im letzten Schuljahr nannten. Und er um sie, soweit das überhaupt nötig war. Mit einem Mal war er, wenn auch nicht zum alleinigen Star, so doch zu einem von denen in der Abschlussklasse geworden, die im Mittelpunkt standen. Einer, den man sah und auf den man hörte. Seine Klassenkameraden mochten und respektierten ihn, sie missgönnten ihm weder seine guten Noten noch seine Erfolge bei den Mädchen. Abblitzen liess er kaum eine. Die Lehrer gaben ihm zu verstehen, dass sie ihm fast alles zutrauten und dass sie keinen Anlass sahen, sich um seine Zukunft zu sorgen.

Gion-Gieris Angewohnheit, es mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen, war niemandem aufgefallen. Das Muster, auf eine Frage mit einem Geflunker, einer Halbwahrheit oder einer faustdicken Lüge zu antworten, oder auch ungefragt eine solche aufzutischen, hatte er sich unter dem Regime des alten Caduff angewöhnt. «Wo warst du?», war eine häufige Frage des Alten gewesen. «Im Stall», Gion-Gieris stereotype Antwort, um sich vor Schlägen zu schützen, dabei war er bei der Tante gewesen. «Warst du das?» – «Nein», sagte er reflexartig, selbst wenn ein Ja gar keine Sanktionen, sondern ein Lob nach sich gezogen hätte. «Wer hat das gesagt?» – «Der Lehrer», auch wenn es der Pfarrer gewesen war. «Wo ist der Schlüssel?» – «Weiss nicht», dabei hatte er ihn im Hosensack. «Liebst du Tante Senta?» – «Es geht.» Ein Nein hätte Schläge bedeutet, ein Ja ebenfalls, denn der Alte liebte seine Schwester nicht. Er hasste sie, weil er in ihrer Schuld stand. Die Antwort setzte gleichwohl eine Tracht Prügel ab. In der Klosterschule waren es dann andere Fragen. «Hast du auf die Matheprüfung gebüffelt?» – «Nein», war die Antwort, wenn er gebüffelt, «Ja», wenn er nicht gebüffelt hatte. «Was ist dein Vater?» – «Posthalter.» Posthalter war sein Vormund, Casanova, der Vorgesetzte des mittlerweile verstorbenen Postboten Wexler. «Und deine Mutter?» – «Kunstmalerin. Sie kommt aus Russland.» Der Gemeindeschreiber des Nachbardorfs hatte eine russische Kunstmalerin im Internet kennen gelernt und dann aus ihrer Heimat zu sich ins Tal geholt; das hatte sich herumgesprochen und ihm hatte es imponiert. «Ohne Scheiss?! Dann kannst du Russisch?» – «Ähm, nein, sie ist taubstumm.» Er musste lernen, seinen Kopf rasch mit einer zweiten Lüge aus der Schlinge zu ziehen, wenn die erste aufzufliegen drohte. Das erforderte eine Portion Geistesgegenwart, die hatte er, und Unverfrorenheit, die eignete er sich an. Die Gefahr, dass er eine Antwort vergass und sich später selber entlarvte, war gering, denn auch seine eigenen Worte waren in seinem Kopf gespeichert, nachdem er sie einmal ausgesprochen und also selber gehört hatte. Oft spürte Gion-Gieri auch heraus, was der andere hören wollte, und gab genau dies zur Antwort. «Gefällt dir der Schlager, Pippo?» – «Super», dabei fand er ihn kitschig. «Du hast gestern mit Vanessa geknutscht, stimmts?» – «Nicht geknutscht, ich hab sie getröstet.» – «Liebst du mich?» – «Ja, klar.» Das war dann gar nicht unbedingt gelogen. Nur hätte eine andere die gleiche Antwort bekommen.

«Ich glaube, ich wäre auch gern in ein Internat gegangen», sagte Seidenbast, als Phil mit seiner Erzählung zu Ende war. «Wenn ich Sie so erzählen höre, werde ich fast melancholisch.» Er sah Phil lange an. Dann gab er sich einen Ruck und schickte seinen Mitarbeiter in den Feierabend.

11.

«Was ist bloss los mit dir? So kenne ich dich nicht», meinte Zangger. Er lächelte schwach. Er war selber auch nicht in der besten Verfassung.

Seidenbast hatte ihn für den Abend zu einem Imbiss eingeladen, um ihn über Tinas überstürzte Abreise hinwegzutrösten und ihm in seinem Strohwitwerdasein beizustehen. Ein Imbiss, das war in aller Regel ein ausgewachsener Fünfgänger mit kalter und warmer Vorspeise, gefolgt von einer Pièce de Résistance, einem Käseplättchen und einem Zangger zuliebe extra süssen Dessert. Jeder einzelne Gang begleitet von einem passenden Wein. Zum heutigen Abend hatte Seidenbast aus dem Laden sechs angebrochene Flaschen mitgebracht, die von der Österreich-Degustation am Nachmittag übrig geblieben waren. Der Wein war denn auch wie immer hervorragend. Das Essen aber war eine Enttäuschung oder, laut Seidenbast, eine Katastrophe. Selbst Zangger musste zugeben, dass das kalte Paradeisersüppchen nach gar nichts schmeckte, dass der gebratene Zander zwar in Ordnung, das Gemüsebett, auf dem er angerichtet war, aber verkocht und der Tafelspitz rot und trocken und somit missraten war. Selbst der Apfelkren, den Seidenbast als klassische Beilage reichte, war nicht nach seinem Geschmack: zu süss, zu wenig pikant. Den Weichkäse hatte er im Kühlschrank vergessen, sodass er ihn unmöglich schon auftischen konnte. Und für die Füllung des Palatschinkens, auf den sich Zangger am allermeisten gefreut hatte, hatte er sage und schreibe ins Salz- statt ins Zuckerfass gegriffen. Seidenbast schmiss die ungeniessbare Nachspeise vor Zanggers Augen in den Müll. Das hatte es noch nie gegeben.

«Schwamm drüber», sagte Seidenbast. «Schluss mit Österreich! Ich backe eine schöne Baguette auf, und wenn der Käse so weit ist, öffnen wir eine Flasche Veuve Clicquot.» Er schnitt eine Grimasse und hob entschuldigend die Hände.

«Nun sag schon, Marius, was ist los mit dir?», wiederholte Zangger.

«Sag du, Lukas. Was ist mit dir los? Mit Tina und dir?»

«Nein, sag du», insistierte Zangger.

«Du zuerst», beharrte Seidenbast. «Das ist schliesslich der Zweck des Abends.»

Zangger gab nach und packte aus.

Tina war vor zehn Tagen nach Maputo abgeflogen. Er hatte vier, fünf Tage Zeit gehabt, sich darauf einzustellen. Kein Vergleich mit dem, was Tina in derselben Zeit zu regeln und zu organisieren hatte: Sie brachte Haus und Garten in Ordnung, sorgte dafür, dass alle, die es anging, von ihrer bevorstehenden Abwesenheit erfuhren, erkundigte sich bei den erwachsenen Kindern, ob sie von ihr noch etwas brauchten, beschaffte Reisedokumente und Visa, liess sich vom Tropenarzt untersuchen und impfen, holte ihre Reisesachen hervor und kaufte, begleitet von Fabian und Tom, im Snow-n-Sand ein, was ihr noch fehlte, erstellte eine Liste mit allen wichtigen Daten und Adressen, die sie oder die Zuhausebleibenden im Notfall benötigten, regelte ihre Stellvertretung am Arbeitsplatz, erkundigte sich bei Zangger, ob er für seine Schottlandreise gerüstet sei, und drang darauf, dass er auch wirklich gehe, packte schliesslich ihre Siebensachen, verabschiedete sich von den Nachbarn und liess sich von Zangger und den Kindern zum Flughafen fahren. Am Flughafen herrschte eine befangene Stimmung. Zangger spürte genau, dass er der Befangene war, nicht Tina. Er brachte es einfach nicht fertig, ihr ohne Groll Adieu zu sagen. Er nahm es sich selbst übel, dass er nicht souveräner reagieren konnte. Dass sie ihn mehrere Wochen allein liess, ihn allein auf Schottlandreise schickte, störte ihn nicht. Allein zu sein oder allein zu reisen, war für ihn noch nie ein Problem gewesen. Nein, ihn störte bloss der kleinliche Gedanke, dass Tina ihn mit einer Afrikareise, auch wenn es eine berufliche war, im Grunde genommen ein bisschen betrog.

Sie umarmten sich, scheinbar wie immer. Aber etwas war anders. Tina drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. Nach einigen Augenblicken löste sie sich von ihm und sagte abrupt: «Nun gut, ich muss. Machs gut.» Vor der Passkontrolle drehte sie sich noch einmal um. Zangger war es, sie warte auf etwas. Ihre Augen flogen von ihm zu den vier erwachsenen Kindern, dann noch einmal zu ihm. «Pass auf dich auf», flüsterte sie. Zangger kamen die Tränen. «Du auch», sagte er. Aber mehr brachte er nicht hervor.

Was bin ich für ein Klotz, warf er sich später vor.

«Ein Schmock bist du, jawohl!», sagte Seidenbast. «Du hast sie mit schlechtem Gewissen abfliegen lassen. Wie konntest du nur! Das musst du wieder gutmachen. Aber sag, wie gehts jetzt weiter? Hast du Nachrichten von ihr?»

«Nein, nichts», sagte Zangger. «Nur ein SMS an Tom, nach der Landung in Maputo. Und seither zwei, drei weitere, dass alles in Ordnung sei.»

«An Tom?», Seidenbast runzelte die Stirn.

«Ich habe kein Handy, das solltest du doch wissen.»

«Ach ja, stimmt, du lebst ja noch weiter hinter dem Mond als ich. Dann habt ihr also keinen Kontakt?», fragte er besorgt. «Und wenn etwas passiert?»

Tina hatte ein Blatt mit allen Kontakten ausgedruckt, unter denen sie zu erreichen war. Das Schweizer Konsulat in Pretoria und die E-Mail-Adresse von Worldwide Women’s Net in Johannesburg standen darauf. Tina hatte aber nicht gewusst, ob sie in Maputo Internetanschluss hatte, und Tom hatte sie darauf vorbereitet, dass sie in Mosambik möglicherweise nur am Flughafen oder überhaupt keinen Handyempfang habe. Sie hatte versprochen, sich zu melden und wenigstens ihre Telefon- und Faxnummer zu übermitteln, sobald sie eingerichtet sei. Als Kontaktnummer in der Schweiz hatte Tina Seidenbasts Geschäft vorgeschlagen, da weder zuhause noch in Zanggers Praxis ein Faxgerät stand.

«Ist noch kein Fax gekommen?», fragte Zangger.

«Nein», sagte Seidenbast. «Sonst hätte ich dir das gleich gesagt. Aber ich melde mich sofort, wenn einer eintrifft.»

«Gut, danke. Und jetzt bist du an der Reihe», sagte Zangger. «Wie geht’s dir? Stimmt etwas nicht?»

«Warte, ich will noch etwas wissen», wich Seidenbast aus. «Fährst du jetzt nach Schottland oder nicht?»

Er fahre, gab Zangger zur Antwort. Grosse Lust verspüre er zwar nicht, aber er habe es Tina versprochen. Nur reise er nicht schon am kommenden Wochenende, wie ursprünglich vorgesehen, sondern etwas später. Den Laden, und damit meinte er seine Praxis samt der Schule für Psychotherapie im Götterquartier, mache er ab sofort dicht. Patienten und Studenten seien über die geplante Sommerpause informiert, das wolle er nicht widerrufen.

«Also vorerst mal zuhause entspannen, ja?»

Zangger nickte. Aber jetzt wollte er wissen, wie es seinem Freund ging. Dieser stand auf, holte die duftende Baguette, tischte den mittlerweile weich gewordenen Käse auf und entkorkte den Veuve Clicquot. Er füllte die Gläser.

«Prosit», sagte Zangger. «Also?»

«Ahh!», machte Seidenbast und setzte sein Glas ab. «Nicht viel Neues», sagte er dann. «Mir geht’s gut.»

Nicht viel Neues?, dachte Zangger. Das klingt nach etwas Neuem.

«Und was ist das Neue?», hakte er nach.

«Ein Angestellter. IT-Fachmann, cleverer junger Typ. Der möbelt mir mein Geschäft auf. Computermässig, weisst du», berichtete Seidenbast leichthin.

Cleverer junger Typ? Zangger wurde hellhörig. Habe ich dem den versalzenen Palatschinken zu verdanken?

«Was ist es für einer?», fragte er arglos.

«Wie gesagt, ein cleverer Typ. In Sachen Computer Spitze, soweit ich das beurteilen kann. Mit einer kreativen Ader, das passt mir natürlich. Er wird mir eine Website aufbauen …», und wie Zangger es geahnt hatte, geriet Seidenbast ins Schwärmen. So kannte er seinen Freund von früher: ein hemmungsloser Schwärmer, wenn es um einen jungen Mann ging, der ihm gefiel. Um einen potenziellen Lover. Zangger machte die Probe aufs Exempel. Er stellte seine Schlüsselfragen, wie er und Tina es früher jeweils getan hatten, wenn sie herausfinden wollten, wie weit Seidenbasts Begeisterung ging. Nur wenn Seidenbast alle Fragen bejahte, hatte ein junger Mann bei ihm eine Chance. Wenn er aber alle bejahte, dann war es um ihn, um Seidenbast, früher oder später geschehen.

Dass er ein cleverer Typ war, wisse er schon. Ob er auch gebildet sei, wollte Zangger wissen. – Und ob!, schwärmte Seidenbast. Ehemaliger Klosterschüler. Und zwar einer, der nicht nur Mann und Musil lese, sondern auch Rimbaud, Proust und Byron. Einer, der heimlich Oscar Wilde verschlinge. – Donnerwetter. Und wie es sonst mit Sprachen stehe? – Latein. Er rezitiere Hexameter, dichte sogar selber welche, schüttle sie auf Deutsch aus dem Ärmel, es sei unglaublich. Englisch könne er sowieso, Französisch auch, Italienisch, Spanisch und, und, und, alles fliessend. – Beeindruckend, fand Zangger. Ob er denn auch Charme habe? – Das könne man wohl sagen, meinte Seidenbast. Einer, der sogar Frau Preisig um den Finger wickle. – Das wolle etwas heissen, meinte Zangger. Jung? – Nun ja, das sei relativ. Noch keine dreissig. – Aha. Gut aussehend? – Umwerfend sehe er aus! – Zangger kannte den Code: Umwerfend, das hiess ein eher männlicher Typ. Einem androgynen Schönen attestierte Seidenbast gewöhnlich, bildhübsch oder ein Adonis zu sein.

Zangger wusste genug. Es war nach seiner Einschätzung nur noch eine Frage der Zeit, bis Seidenbast vollends Feuer fing. Das freute ihn, er hatte schon lange darauf gehofft. Nun musste er bloss noch die Zusatzfrage stellen.

«Ist er schwul?»

«Was soll das? Er ist mein Mitarbeiter. Das hat doch …»

«Ich weiss, ich weiss. Ich frag ja nur. Sag schon», drängte Zangger mit gespielter Neugier, «ist er schwul? Tu nicht, als ob es dich nicht interessieren würde.»

«Hätte ich ihn fragen sollen? Etwa im Bewerbungsgespräch?», lachte Seidenbast. Dann, als ob er darüber nachdenken würde: «Ach. Ich weiss nicht. Vielleicht. Das heisst nein. Eher nicht.»

Das könnte schwierig werden, dachte Zangger.

«Schade, nicht wahr?», grinste er.

«Wieso? Ich bin doch kein Chauvinist. Homo oder hetero, Hauptsache, er macht seinen Job gut. Und er macht ihn sehr gut, sage ich dir. Ich kann es mir schon gar nicht mehr ohne ihn vorstellen.»

Eben, dachte Zangger. Es gab ihm einen Stich, denn für einen Augenblick verspürte er den Wunsch, nach Hause zu fahren und Tina die Neuigkeiten brühwarm aufzutischen. So wie früher.

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450 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783037600306
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