Kitabı oku: «Call me Baby»
Katharina B. Gross
Call me Baby
Roman
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Nalinee SC – shutterstock.com
© Tony Marturano – shutterstock.com
komplett überarbeitete Neuauflage
ISBN 978-3-96089-462-9
ISBN 978-3-96089-463-6 (epub)
Inhalt:
Tobias hatte stets Pech in der Liebe, bis er durch einen Zufall auf Niklas trifft, der ihn sofort in seinen Bann zieht und sein Herz vom ersten Moment an höherschlagen lässt. Blöd nur, dass sich Tobi schon mit Kevin, dem Bruder seines Arbeitskollegen, trifft. Je länger er Kontakt zu beiden Männern hat und je stärker seine Gefühle werden, desto verzwickter wird die Situation. Denn Tobi weiß nicht, wie er zwischen Niklas und Kevin wählen soll, ohne dass einer von ihnen verletzt wird. Kann man sich in zwei Männer gleichzeitig verlieben, die unterschiedlicher nicht sein können? Aber auch Kevin und Niklas teilen ein Geheimnis, von dem Tobias nichts ahnt.
Kapitel 1
-Tobias-
»Service Center der CA Media Allstar AG, Sie sprechen mit Tobias Schmidt, was kann ich für Sie tun?«
»Bin ich da richtig beim Tierschutzverein Dackelblick? Mir ist eine Katze zugelaufen«, höre ich eine ältere Dame am anderen Ende der Leitung. Schon wieder. Ich seufze. Wieso landen neunzig Prozent aller Fehlanrufe in meiner Leitung?
»Nein. Sie sind hier bei der CA Media Allstar AG. Für den Tierschutz müssen Sie eine andere Rufnummer wählen«, erkläre ich der Frau so freundlich wie möglich. Die Gute kann nichts dafür, dass ich mittlerweile nur noch genervt davon bin, ständig Leuten weiterzuhelfen, die sich verwählen und eigentlich gar nicht mit mir sprechen wollen.
»Aber hier steht’s doch.« Ich höre Papier rascheln. Vermutlich blättert sie in einem Telefonbuch. Dass diese Dinger im Zeitalter des Internets überhaupt noch produziert werden, verstehe ich nicht. Heutzutage gibt es doch für alles eine App.
»Hier steht es«, sagt sie. Anscheinend hat sie die Nummer gefunden. »55465 …«
»Richtig. Sie haben sich verwählt. Unsere Rufnummer ist die 55466.« Ich höre noch ein überraschtes »Oh!«, dann ist die Leitung tot. Genervt setze ich das Headset ab, das ich zum Annehmen der Gespräche nutze.
»Hey, was war das denn wieder?«, fragt Michael neugierig, lehnt sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück und schaut hinter der Trennwand zwischen unseren Arbeitsplätzen hervor.
»Wieder verwählt«, brumme ich und tippe einige Daten ein. Es ist halb neun. Für heute ist meine Schicht zum Glück vorüber. Michael und ich sind sowieso schon die Letzten hier. Das Großraumbüro hat sich stetig geleert. Auch mein Kollege verabschiedet sich nun von mir.
Neben meinem Informatikstudium arbeite ich aushilfsweise als Telefonagent in der Kundenbetreuungsabteilung eines riesigen Elektronikversandhandels. Ich bin hier für Inbound-Calls zuständig. Bei mir landen am häufigsten Beschwerden über nicht gelieferte Produkte sowie Reklamationen. Die Nummer ist eine wirklich leicht zu merkende Kombination, die bei Vertippern eine Vielzahl anderer Rufnummern ergibt., weshalb es nicht selten zu Fehlanrufen kommt. Die Firma ist so groß, dass sie ein eigenes Callcenter besitzt, in dem über fünfzig Angestellte täglich mit verschiedenen Kunden telefonieren. Sobald ich nach Feierabend in die Stille meiner Zweizimmerwohnung komme, höre ich das Klingeln immer noch in meinen Ohren.
Glücklicherweise muss ich das nicht den Rest meines Lebens machen, sondern nur rund drei Stunden am Tag, je drei Abende die Woche, und manchmal auch am Wochenende, denn mehr wäre neben dem Studium wirklich nicht drin. Meine Schicht geht abends von fünf bis halb neun, sodass ich noch genügend Zeit habe, mich auf mein Studium zu konzentrieren. Die flexiblen Arbeitszeiten sind super, sodass ich die fehlenden Stunden, die ich zum Lernen brauche, in der vorlesungsfreien Zeit nachholen kann. Außerdem ist die Bezahlung echt ganz gut. Deshalb macht es mir auch überhaupt nichts aus zu einer Zeit beim Job zu sein, in der meine Freunde alle frei haben.
Nach Feierabend will ich meine Sachen gerade zusammenpacken und das Großraumbüro verlassen, als es erneut klingelt. Erst überlege ich, es einfach klingeln zu lassen und abzuhauen, schließlich bin ich heute schon wieder der Letzte hier, entscheide mich jedoch dagegen und setze das Headset wieder auf. Bevor ich allerdings meinen Spruch aufsagen kann, stöhnt mir eine tiefe, männliche Stimme ins Ohr. Vor Schreck bleibt mir beinahe das Herz stehen.
»Ich habe mich schon vorbereitet, du kannst also gleich loslegen, Baby«, keucht der Mann in den Hörer.
»Äh …« Diese Begrüßung verschlägt mir buchstäblich die Sprache. Das passiert mir wirklich nicht oft, denn eigentlich bin ich sonst nicht auf den Mund gefallen. Was zur Hölle wird das hier? Da hat sich der Kerl ganz bestimmt verwählt!
In Gedanken gehe ich alle Nummern durch, die mir einfallen. So, wie der Kerl drauf ist, wollte er ganz sicher nicht zum Tierschutzverein. Und ich dachte wirklich, die Sache mit der Sextoysbestellung letzten Montag war schon krass. Das toppt eindeutig alles, was ich hier bis jetzt gehört habe. So lustvoll hat mir noch keiner in den Hörer gestöhnt. Nicht einmal live, denn meine letzte Beziehung liegt schon einige Monate zurück und war alles andere als rosig. Beziehung konnte man diese paar Mal Sex mit Patrick ohnehin nicht wirklich nennen.
»Nicht so schüchtern«, flüstert der Mann am anderen Ende, »bestimmt machst du das nicht zum ersten Mal.«
Doch, das mache ich sehr wohl. Gott! Das hier ist ganz sicher keine Sexhotline! Sein Keuchen irritiert mich zunehmend und eigentlich sollte ich sofort auflegen, doch irgendwie gelingt es mir nicht auf Anhieb.
»Also … ich glaube … Sie sind hier falsch«, versuche ich dem Fremden zu erklären. Als Antwort bekomme ich ein raues Stöhnen. Krass, der Typ ist wohl schon voll bei der Sache. Ob er mitbekommen hat, dass er mit einem Mann spricht? Sein Atem geht nur noch stoßweise. Scheiße, der holt sich tatsächlich einen runter, während ich ihm zuhöre! Völlig überrumpelt lausche ich seiner lustvollen Stimme. Sie macht es mir unmöglich einfach aufzulegen. Langsam wird mir heiß und meine Fingerspitzen kribbeln.
»Also …«, starte ich einen neuen Versuch, um mich irgendwie aus der Affäre zu ziehen. »Sie haben sich verwählt.«
Der Mann antwortet nicht, ich höre nur sein stetig lauteres Keuchen. Er ist vollkommen in seiner Lust gefangen, vermutlich ist ihm echt egal, wer dabei zuhört. Das raue Stöhnen verfehlt seine Wirkung auf meinen Körper jedoch nicht. Meine Reaktion macht mir Sorgen, immerhin weiß ich gar nicht, mit wem ich spreche. Zwar gaukelt mein Hirn mir vor, es ist ein superheißer Typ, dem diese sexy Stimme gehört, doch es könnte genauso gut auch ein alter Kerl sein, der seine besten Tage bereits hinter sich hat. Leider komme ich nicht gegen das plötzliche Verlangen in meinem Körper an, denn je länger ich ihm zuhöre, desto mehr erregt es mich. Vor allem, weil mich sein raues Stöhnen echt heiß macht. Spätestens jetzt sollte ich auflegen, bevor es peinlich wird, doch mein Körper sieht das wohl ganz anders.
Bei der Vorstellung, was der Fremde gerade macht, entweicht mir ein Keuchen.
»Ah … mh … na bitte, geht doch«, brummt der Fremde zufrieden, als er mein Keuchen wahrnimmt. Mist, glaubt er jetzt ernsthaft, ich würde mitmachen? Mein Körper steht jedoch bereits völlig unter Strom. Es fehlt nicht mehr viel, bis ich mir tatsächlich in die Hose fasse. Sein Stöhnen wird lauter und nach einem Ächzen ist es plötzlich still. Mein Herz hämmert wie verrückt gegen meinen Brustkorb. Unruhig lausche ich in die Stille hinein. Hat er etwa einfach aufgelegt?
»Hallo?«, krächze ich ins Headset.
»Puh, hätte echt nicht gedacht, dass es so gut wird. Danke«, antwortet der Fremde und legt auf, ehe ich das Missverständnis aufklären kann. Nur langsam setze ich das Headset ab, mein Herz rast immer noch und das Blut rauscht noch in meinen Ohren. Dieses Gespräch kommt mir so unwirklich vor … Allein mein halbsteifer Schwanz verrät, dass ich es mir nicht eingebildet habe.
»Hey, was machst du denn noch hier?«, fragt plötzlich jemand hinter mir. Erschrocken springe ich vom Stuhl auf und drehe mich blitzschnell um. Michael steht vor mir und mustert mich mit hochgezogenen Brauen.
»Ähm … ich … ein Kunde«, erkläre ich stammelnd und mit glühenden Wangen. Hoffentlich glaubt er mir, denn ich bin noch nie ein guter Lügner gewesen. »Ein Kunde hat noch angerufen. Eine Beschwerde wegen einer kaputten Waschmaschine.«
»Ach so.« Michael zuckt bloß mit den Schultern, scheint jedoch nicht weiter auf das Thema eingehen zu wollen. »Wir sollten langsam gehen. Ich hätte beinahe die Bürotür verschlossen, wenn ich das Licht nicht gesehen hätte. Du hast Glück, dass ich noch mal zur Toilette musste und umgekehrt bin.«
»Das macht ja nichts, immerhin habe ich ebenfalls einen Schlüssel«, entgegne ich. Gemeinsam verlassen wir das Großraumbüro, das Michael hinter uns abschließt. Dann gehen wir aus dem Gebäude.
***
»Hey, Tobi. Hattest du gestern noch einen netten Abend?«, fragt mich Michael, als ich mich am nächsten Abend auf den Platz neben ihn fallen lasse und den Rechner hochfahre. Er ist bester Laune, was man von mir nicht gerade behaupten kann.
»Ja, ganz wunderbar«, antworte ich ironisch und verdrehe die Augen. Dieser blöde Telefonanruf gestern Abend hat mich doch ziemlich verwirrt zurückgelassen. Ich stand immer noch unter Strom und konnte einfach an nichts anderes denken, als ich von der Arbeit nach Hause gekommen bin. Selbst als ich bereits im Bett la, hallte das Stöhnen des Fremden immer noch in meinen Ohren.
»Klingt nicht gerade vielversprechend. Aber na ja, viel vom Feierabend hat man ja sowieso nicht, wenn man so spät nach Hause kommt. Ich bin auch immer froh, wenn die Kids dann schon im Bett sind und nicht noch laut tobend durchs Haus rennen.« Mein Kollege zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder seinem Monitor zu. Ich bin froh, dass er mich nicht noch weiter über die gestrige Situation ausfragt, denn sollte ihm doch etwas wegen des seltsamen Sextelefonats aufgefallen sein, wäre es superpeinlich!
Als mein Telefon klingelt, zucke ich erschrocken zusammen. Sogleich beschleunigt sich mein Puls und mein Herz schlägt einen Takt schneller. Ob es wieder der Typ von gestern ist? Das Telefon klingelt unaufhörlich, während ich hastig das Headset aufsetze. Zögernd schwebt die Mausanzeige über dem Button, das Gespräch entgegenzunehmen.
»Was ist denn mit dir los heute? Angst vor dem Telefon, oder was?«, fragt Michael erstaunt, der sich ein wenig zu mir rüber gelehnt hat. Ich schüttele den Kopf und nehme das Gespräch entgegen.
»Hallo?«, frage ich aufgeregter als sonst.
»Hallo?«, entgegnet eine Frauenstimme. »Wo bin ich denn gelandet?«
Irritiert versucht mein Hirn zu verarbeiten, was hier gerade vor sich geht. Es ist gar nicht der Mann von gestern, sondern nur eine Kundin. Plötzlich macht sich Enttäuschung in mir breit. Ich habe tatsächlich gehofft, wieder seine Stimme zu hören. Aber er hat sich bloß verwählt. Wäre also echt ein Zufall, wenn er noch mal hier landen sollte.
»Ähm … also … Sie sind hier bei der CA Media Allstar AG«, beginne ich meinen Spruch aufzusagen, werde von der Frau jedoch harsch unterbrochen.
»Erst lässt man mich endlos lange in der Leitung warten und dann werde ich nicht mal anständig begrüßt! Was ist das nur für ein Service?« Tja, und dann geht es tatsächlich um eine kaputte Waschmaschine …
***
Der Rest meiner Schicht verläuft ereignislos. Ich nehme Beschwerden entgegen, leite sie weiter, wenn sich das Problem nicht sofort lösen lässt, und bearbeite ein paar Reklamationen. Es ist recht viel los, sodass mir keine Zeit bleibt, an das gestrige Telefonat zu denken.
»Tobi, hast du vielleicht Lust, am Samstagabend bei uns vorbeizuschauen? Meine Frau hat Geburtstag und wir feiern ein wenig. Wie wär’s?« fragt mich Michael nach Feierabend. »Bei dieser Gelegenheit könnte ich dir auch meinen Bruder Kevin vorstellen.«
Ich überlege kurz. Warum eigentlich nicht? Ich war schon lange nicht mehr unter Leuten, da ich wegen der Arbeit und der Uni in letzter Zeit viel um die Ohren habe. Mein Kollege weiß schon eine ganze Weile, dass ich schwul bin. Ich habe es einmal erwähnt, als er mir von seinem jüngeren Bruder erzählt hat, der sich vor Kurzem von seinem langjährigen Freund getrennt hat. Dementsprechend wundert es mich auch nicht, dass er diesen Kevin direkt zur Sprache bringt.
»Sehr gerne«, sage ich nach kurzem Überlegen. Obwohl Michael fast fünfzehn Jahre älter ist, verstehe ich mich echt gut mit ihm. Und wenn sein Bruder nur halb so sympathisch ist, könnte ein kurzer Blick auf ihn nicht schaden.
Michael verabschiedet sich von mir. Heute bin ich wieder der Letzte im Büro. Ich fahre meinen Rechner herunter, schalte das Licht aus und verlasse den Raum. Kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, höre ich ein leises Klingeln. Habe ich mich verhört? Verwirrt öffne ich die Tür wieder einen Spalt und spähe in die Dunkelheit hinein, horche in den Raum und versuche zu erahnen, woher das Geräusch kommt. Tatsächlich kommt das Klingeln von meinem Arbeitsplatz ganz hinten am Fenster. Mit wild pochendem Herzen gehe ich zurück an meinen Schreibtisch und greife nach dem Headset.
»Hallo?«, rufe ich aufgeregt, vergesse komplett meine gewohnte Begrüßung aufzusagen, weil ich verwirrt bin, dass jetzt noch jemand hier anruft. Insgeheim hoffe ich, dass es der Fremde von gestern Abend ist.
»Oh, so stürmisch?«, entgegnet eine tiefe Stimme am anderen Ende. Sein leises Lachen lässt mich unweigerlich erschaudern.
»Ähm … ja …« Ich weiß gar nicht, was ich ihm sagen soll. Vielleicht einfach das Missverständnis aufklären, dass dies hier keine Sexhotline ist? Ich zögere einen Moment zu lange.
»Okay. Wir können gleich loslegen, Baby. Warte, ich mach’s mir nur etwas bequemer. So, bin so weit.«
Ich lasse mich auf den Stuhl sinken und presse den Kopfhörer des Headsets dicht an mein Ohr. Was erwartet er jetzt von mir? Dirty Talk? Ich bin ein wenig überfordert und habe keine Ahnung, was ich sagen oder tun soll. Mein Kopf ist wie leergefegt, meine Hände fangen an zu schwitzen, sodass ich meine Finger in meine Jeans kralle.
»Ähm, soll ich schon mal anfangen … und du steigst dann ein?«, hakt der Mann etwas zögerlich nach. Seine Stimme wirkt belegt und rau, bebt ein wenig. Ich kann erahnen, dass Erregung darin mitschwingt. Die Vorstellung, dass der Fremde sich vermutlich gerade nackt in einem großen Bett rekelt, bringt mein Blut in Wallung. Dennoch habe ich ein mieses Gefühl bei dem, was ich hier tue. Ich kann von Glück reden, allein im Büro zu sein. Gestern wurde ich nicht erwischt und heute sollte ich es wirklich nicht drauf ankommen lassen, auch wenn mich der Typ am anderen Ende der Leitung total neugierig macht. Trotzdem wäre es besser, die Sache zu beenden, damit ich ruhig schlafen kann, ohne diese Angst im Nacken, wegen dieser Geschichte gekündigt zu werden.
»Also, ich …«, krächze ich nervös und muss mich räuspern, um meine Stimme fester klingen zu lassen. »Ich glaube, du hast dich verwählt. Hier ist das Service Center der CA Media Allstar AG – und wenn du nicht gerade eine Waschmaschine oder einen Staubsauger kaufen willst, glaube ich, dass wir dieses Gespräch besser beenden sollten.«
Mit angehaltenem Atem warte ich auf eine Antwort. Zwei, drei Herzschläge lang geschieht gar nichts, ich höre nur mein eigenes lautes Atmen, dann knackt es und die Leitung ist plötzlich tot. Die Anspannung fällt von mir ab und ich sacke auf dem Stuhl in mich zusammen. Irgendwie weiß ich jetzt nicht, ob ich erleichtert darüber sein soll oder enttäuscht, weil ich dieses seltsame Missverständnis geklärt habe, denn der Fremde hatte etwas in mir ausgelöst, das ich ewig nicht mehr gespürt habe. Kribbelnde Aufregung und körperliches Verlangen.
Heftig schüttele ich den Kopf und setze das Headset ab. Gott, wenn ich wirklich so nötig Sex brauche, dann kann ich genauso gut in einen Schwulenclub gehen und auf einen Quicki im Darkroom hoffen, statt mir von einem fremden Kerl an meinem Arbeitsplatz ins Ohr stöhnen zu lassen. Das ist wirklich erbärmlich. Der letzte Sex war mit meinem Ex, was bereits ewig zurückliegt. Auf One-Night-Stands war ich sonst nie aus. Woher kommen dann diese Gedanken?
Um mich endlich von diesem Durcheinander in meinem Kopf zu befreien, verlasse ich das Gebäude so schnell wie möglich.
***
Samstagabend stehe ich pünktlich um zwanzig Uhr vor Michaels Einfamilienhaus am Stadtrand. Die Gegend ist echt hübsch. So viel Grün habe ich hier gar nicht vermutet. Mit der Straßenbahn hat es ein bisschen gedauert, hierher zu kommen, aber das ist okay. Ich bin tatsächlich froh über Michaels Einladung und neugierig darauf, seinen Bruder kennen zu lernen. Denn seit diesem seltsamen Gespräch mit dem Fremden vor ein paar Tagen, geistert dessen Stimme in meinem Kopf herum, was mich total wahnsinnig macht. Da wird es sicher helfen, unter Leute zu kommen.
Anlässlich der Party habe ich mein T-Shirt gegen ein ordentlich gebügeltes Hemd ausgetauscht. Sogar Blumen habe ich besorgt, schließlich hat die Dame des Hauses Geburtstag. Auf mein Klingeln öffnet mir ein etwa sechsjähriges Mädchen die Tür. Sie schaut kurz fragend zu mir auf, dann eilt sie mit einem lauten »Mamaaaa!« davon. Etwas unsicher trete ich ein und werde von einer Frau in Empfang genommen, die gerade in den Flur kommt.
»Hallo. Du musst Tobias sein. Komm rein, fühl dich wie zu Hause«, begrüßt sie mich und sieht auf den Blumenstrauß in meinen Händen. »Oh, sind die für mich? Danke, wäre doch gar nicht nötig gewesen.« Sie nimmt mir den Strauß ab und führt mich ins Wohnzimmer, aus dem ich Musik und Stimmen höre. Dort haben sich bereits einige Geburtstagsgäste versammelt. Von wegen kleine Feier. Hier sind beinahe fünfzig Leute, verteilt auf Wohnzimmer und angrenzender Terrasse. Ein paar kenne ich von der Arbeit, der Rest ist mir fremd. Etwas verloren bleibe ich im Türrahmen stehen, ohne auf mich aufmerksam zu machen.
»Tobi! Da bist du ja endlich. Komm her, nicht so schüchtern«, höre ich meinen Kollegen rufen, der mich als Erster entdeckt. Er steht inmitten einer kleinen Gruppe von Männern und winkt mich zu sich rüber. Ich geselle mich zu ihnen.
»Kevin. Das ist Tobi, von dem ich dir schon erzählt hatte«, stellt mich Michael zwinkernd einem großen blonden Mann vor. Er hält einen kleinen Jungen auf dem Arm, der mich neugierig mustert. Lächelnd streckt Kevin mir seine freie Hand entgegen.
»Hallo. Freut mich wirklich, dich endlich persönlich kennenzulernen«, meint er mit einem Zwinkern. »Michael hat mir bereits einiges über dich erzählt.«
»Ich hoffe doch, nur Gutes.« Kevin hat einen festen Händedruck, auch sein Lächeln gefällt mir. Er wirkt sympathisch und wäre normalerweise genau der Typ Mann, mit dem ich mir eine feste Beziehung vorstellen könnte. Er lässt meine Hand viel zu schnell los, doch seine blauen Augen ruhen weiterhin auf meinem Gesicht. Ich erkenne Interesse in seinem Blick.
»So, junger Mann. Jetzt aber runter von mir«, sagt er dann zu dem kleinen Jungen und lässt ihn zu Boden. »Geh und spiel eine Runde mit deiner Schwester, okay? Ich werde mich ein wenig mit Tobias unterhalten.« Dann wendet er sich wieder mir zu. »Willst du vielleicht etwas trinken?«
»Klar, gerne«, antworte ich und folge Kevin in die Küche, in der er Bier aus dem Kühlschrank holt und mir eine der Flaschen reicht.
»Dann Prost. Darauf, dass wir uns endlich kennenlernen.« Wir öffnen die Flaschen mit einem lauten Plopp. Kevin hält seine Flasche hoch und ich stoße mit ihm an. Lässig lehnt er sich gegen die Arbeitsplatte der Küchenzeile und lächelt, nachdem er die Bierflasche wieder abgesetzt hat. »Dann sag mal, Tobias, was machst du so, wenn du nicht gerade arbeitest?«
Ich zucke mit den Schultern, denn viel gibt es nicht über mich zu erzählen. »Eigentlich nicht so viel. Neben meinem Informatikstudium habe ich wenig Zeit. Mit Freunden weggehen, Fußball …«
»Fußball?« Kevins Augen beginnen zu leuchten. »Spielst du?«
»Hab ich mal. Aber das ist wirklich schon ewig her.« Das letzte Mal, als ich selbst hinter einem Ball hinterhergerannt bin, war ich zehn und in der Fußballmannschaft meines Heimatortes.
»Ich habe auch gespielt. War sogar echt gut. Aber das war bevor ich mit der Ausbildung angefangen habe. Also ebenfalls vor einer ganzen Weile. Na ja, meine Kumpels fanden es jedoch nicht so klasse, einen schwulen Spieler unter sich zu haben, als es rauskam, dass ich plötzlich einen festen Freund habe.« Ein bitterer Zug zeichnet sich um seinen Mund ab. Aus dem Lächeln von eben wird eine ausdruckslose Maske. Es muss schlimm für ihn gewesen sein muss, wegen seiner Homosexualität von seinen Freunden ausgegrenzt zu werden. Ich selbst hatte nie Probleme damit, bin schon immer offen damit umgegangen, auf Männer zu stehen. Niemand hat mich deshalb in der Schule verurteilt, auch meine Mutter hat mein Coming-out als selbstverständlich angenommen und mich darin bestärkt, zu mir selbst zu stehen.
»Das war auch einer der Gründe, warum ich hierher zu Michael gezogen bin. Ich hab’s daheim nicht mehr ausgehalten. Auf welchen Verein stehst du?«, fragt Kevin dann weiter und lächelt erneut. Ich stelle fest, dass mir sein Lächeln gefällt. Keine Ahnung, was er nach seinem Coming-out durchmachen musste, doch das ist kein Thema, das man mit einem fremden Mann in der Küche ausdiskutieren sollte.
»BVB«, sage ich also, um seine Frage zu beantworten. Ich bin zwar nicht der größte Fan, aber die wichtigsten Spiele sehe ich mir schon im Fernsehen an.
»Echt? Sorry, aber da kann ich nicht mitgehen. Ich bin Bayern-Fan.« Er löst sich von der Arbeitsplatte und kommt näher zu mir, ehe er mir dann kumpelhaft seinen Arm um die Schulter legt. »Tobi, du solltest dir wirklich mal überlegen, den Verein zu wechseln. Hast du nicht das letzte Spiel gesehen, wo Bayern deine Dortmunder abgezogen hat? Die hatten kaum eine Chance!«
Ein angenehmes Kribbeln breitet sich in mir aus. Die Wärme seines Körpers dringt durch meine Kleidung und lässt mich erschaudern. Sogleich beschleunigt sich mein Puls. Michael hat nicht zu viel versprochen, als er meinte, ich würde mich sicher gut mit seinem Bruder verstehen. Kevin wirkt vom ersten Moment sehr sympathisch auf mich. Er ist die Sorte Mensch, die gleich offen auf andere zugeht. Im Gegenteil zu mir. Ich beobachte lieber zuerst, denn bevor ich den ersten Schritt wage, brauche immer ein wenig mehr Zeit. Ich will schon zu einer Erwiderung ansetzen, warum der BVB dennoch verdammt gute Chancen auf eine gute Platzierung in der Tabelle hat, als Kevin mit seiner Bierflasche gegen meine stößt, aus der ich bisher kaum getrunken habe.
»Komm, ich zeig dir das Haus. Es ist doch langweilig, hier in der Küche rumzustehen. Wir können auch gleich raus in den Garten gehen. Michael hat dort seinen Grill aufgebaut. Hast du Hunger?« Ohne eine Antwort abzuwarten, drückt er mir noch ein Bier in die Hand, obwohl meine erste Flasche noch voll ist, und führt mich auch schon aus der Küche.
Der Arm um meine Schulter bleibt, rutscht im Laufe des Abends immer wieder ein wenig tiefer über meinen Rücken, was mich gar nicht stört, je mehr Alkohol ich trinke. Dank Kevins Gesellschaft und seiner offenen Art, amüsiere ich mich prächtig auf der Party. Michaels Bruder entpuppt sich als wirklich toller Gesprächspartner. Super nett, witzig, zudem auch noch sehr attraktiv und das Wichtigste: Er scheint mich echt zu mögen. Kevin ist vier Jahre älter als ich und arbeitet als Kfz-Mechatroniker in der Stadt, unweit meiner Wohnung, wie er mir erzählt. Wir reden über Fußball, über seinen Job und seine Leidenschaft für Autos, sowie über mein Studium. Nach einigen Flaschen Bier wechseln wir zu Wodka und meine Laune bessert sich mit jedem Glas.
***
»Ah … Scheiße …«, stöhne ich gequält, als ich mich aufrichte. Mein Schädel dröhnt und alles dreht sich um mich wie im Schleudergang einer Waschmaschine. Eindeutig zu viel Alkohol. Mir wird von dem Karussell in meinem Kopf schwindelig. Außerdem ist mir kotzübel. Stöhnend sinke ich wieder in die Kissen zurück. Langsam öffne ich ein Auge und sehe an die Zimmerdecke, die so gar nicht aussieht wie die in meinem Schlafzimmer. Mist, wo bin ich hier überhaupt und wie bin ich in dieses Bett gekommen? Dass es nicht meins ist, kann ich spüren, denn die Matratze ist viel weicher und auch die Bettwäsche fühlt sich ganz anders an.
Ächzend drehe ich mich auf die Seite. Meine Hand berührt warme Haut, was mich erschrocken zusammenzucken lässt. Blitzschnell ziehe ich die Hand weg, als habe ich mich verbrannt. Da liegt jemand leise schnarchend neben mir. Als erstes hebe ich die Decke ein Stück an und schaue an mir herunter, ohne den Fremden näher zu betrachten. Bis auf meine Shorts bin ich nackt. Auch der Mann neben mir trägt nichts weiter als enganliegende Pants, die sich um seine beachtliche Morgenlatte spannen. O Gott! Was ist hier gestern Nacht passiert? Ich schlucke hart bei diesem Anblick und traue mich kaum, ihm ins Gesicht zu schauen. Mein Blick haftet wie hypnotisiert auf der Beule zwischen seinen Beinen.
Erneut versuche ich, mich im Bett aufzusetzen. Ein dumpfer Schmerz pocht hinter meinen Schläfen. Meine Kehle ist trocken, die Zunge ein pelziges Etwas. Zudem habe ich schrecklichen Durst.
»Wasser …«, krächze ich. Der Mann neben mir regt sich, dreht sich weg und tastet mit einer Hand neben dem Bett herum, bis er mir eine angebrochene Flasche Wasser reicht. Ich greife nach ihr und leere sie in wenigen Zügen.
»Guten Morgen«, brummt er dann und richtet sich ebenfalls auf, das Gesicht mir zugewandt. Jetzt erkenne ich, dass es Kevin ist. Entgeistert starre ich ihn an. Ich habe keinen blassen Schimmer, was wir hier gestern Nacht getrieben haben. Wir haben nicht wenig Alkohol getrunken und Kevin hat mir das Haus gezeigt … Und dann? Egal wie sehr ich mein Hirn anstrenge, ich habe einen totalen Filmriss, was die gestrige Nacht betrifft. Was ist zwischen uns passiert? Hatten wir vermutlich sogar Sex? Wir tragen zwar beide noch unsere Unterwäsche, aber wer weiß? In meinem Kopf herrscht gähnende Leere und ich kann mich einfach nicht erinnern, was passiert ist. Oh, Scheiße, Scheiße, Scheiße! Eigentlich bin ich überhaupt nicht der Typ für One-Night-Stands, denn bis auf diese seltsame Telefonsexsache letzte Woche ist jeglicher intimer Kontakt mit Männern immer mit einer festen Beziehung verbunden gewesen.
»Na, so schlimm sehe ich doch wirklich nicht aus, dass du so entsetzt dreinblicken musst, oder? Gestern schien es so, als könntest du mich noch ganz gut leiden.« Kevin schmunzelt und fährt sich mit den Händen übers Gesicht, um den Schlaf zu vertreiben. Seine blonden Haare stehen ihm wirr vom Kopf ab. Er gähnt herzhaft und streckt sich dabei, sodass ich in den Genuss komme, seinen nackten Oberkörper zu begutachten. Er wirkt ziemlich gelassen und im Gegensatz zu mir geht es ihm wohl gar nicht so schlecht nach der Party.
»Was … also … was haben wir … gemacht?«, presse ich stockend hervor, weil ich diese Ungewissheit nicht länger ertrage.
Kevin mustert mich überrascht, dann lacht er auf. »Du kannst dich echt nicht erinnern?«
Ich schüttele den Kopf. Verdammt, wie viel Alkohol muss ich getrunken haben, dass ich so einen Totalblackout habe?
»Du willst wissen, ob wir Sex hatten, richtig?«, mutmaßt er und trifft damit genau ins Schwarze. Ich nicke mit hochrotem Kopf, etwas Anderes bringe ich im Moment nicht zustande. Ein freches Grinsen umspielt Kevins Lippen, er nähert sich mir, dann legt er seine Hand auf die Bettdecke, an die Stelle, an der er wohl meinen Oberschenkel vermutet.
»Keine Sorge, es ist nicht viel zwischen uns gelaufen, auch wenn ich nicht abgeneigt war, muss ich gestehen. Du kannst verdammt gut blasen.«
Erschrocken starre ich ihn an. Ich habe Kevin einen geblasen? Daran müsste ich mich doch erinnern können! Kevins Lachen wird immer lauter, während ich angestrengt versuche, mich an vergangene Nacht zu erinnern. Leider klingelt gar nichts bei mir.
»Spaß, Mann. Ich mach doch nur Spaß.« Kevin lacht sich über meinen Gesichtsausdruck halbtot. »Ich hab dich nur verarscht. Du musst mal dein Gesicht sehen, Tobi. Als ob es so schlimm wäre, mir einen zu blasen. Also echt. Darüber hat sich mein Ex auch nie beschwert. Ich habe einen ziemlich tollen Schwanz, kannst dich gerne davon überzeugen.«
Erleichtert atme ich aus.
»Bist du bescheuert? Mir ist vor Schreck beinahe das Herz stehengeblieben, Mann«, entgegne ich mit einem bösen Blick auf Kevin. Der hat ja echt Nerven mir so früh am Morgen einen Schrecken einzujagen. Vor allem dann, wenn ich an fürchterlichen Kopfschmerzen leide. Natürlich finde ich Kevin sexy … aber ich kenne ihn gerade mal ein paar Stunden, sodass ich nicht richtig einschätzen kann, was er über mich denkt. Aber okay, diesen Fremden am Telefon – den kenne ich noch weniger und muss gestehen, dass ich seine Stimme ziemlich anziehend finde, weshalb sie mir nicht aus dem Kopf geht. Aber Kevin ist real, er sitzt halbnackt neben mir und lacht mich an. Da sollte ich nicht an einen anderen Mann denken müssen, der mir einmal sexy ins Ohr gestöhnt hat.
Kevins Lachen verklingt und er wird wieder ernst. Seine blauen Augen fixieren mich.
»Tobi, mal ehrlich? Es ist wirklich nichts gelaufen zwischen uns. Du warst gestern Abend ziemlich hinüber. Hast ständig von so einem Kerl geredet, mit dem du Telefonsex hattest. In diesem Zustand hätte ich dich nicht angerührt, schließlich habe auch ich meinen Stolz.«
Oje, das auch noch! Ich habe mich wohl wirklich nicht gerade beliebt gemacht bei Kevin.
»Außerdem wolltest du in deinem Zustand noch alleine nach Hause fahren. Zum Glück konnte Michael dich zum Bleiben überreden«, klärt er mich auf und rückt etwas näher zu mir, um mich in seinen Arm zu ziehen. »Und ich konnte die Situation doch nicht einfach so ausnutzen, dass du vom ganzen Alkohol nicht mehr wusstest, was du eigentlich tust. So einer bin ich nicht, auch wenn ich zugeben muss, dass du mir gefällst.« Ohne groß darüber nachzudenken schmiege ich mich an ihn. Die Wärme seines Körpers ist angenehm und sein Geständnis lässt mein Herz einen Takt höherschlagen.
»Nachdem ich dich in mein Zimmer geführt habe, bist du auf dem Bett direkt eingeschlafen. Ich habe dich ausgezogen und einfach schlafen lassen«, ergänzt er und streicht mir durchs Haar.
Mit geschlossenen Augen genieße ich diesen Moment der Ruhe. Nicht jeder Mann hätte so cool reagiert wie Kevin, sondern meine missliche Lage sicher ausgenutzt …
Kapitel 2
-Kevin-
Tobias ist gegangen. Dass er mir sofort geglaubt hat, wir hätten es gestern Nacht getrieben, musste ich einfach ausnutzen, um ihn ein bisschen zu ärgern, was er mir zum Glück nicht krummgenommen hat. So konnte er mir wenigstens für einen kurzen Moment die Leere aus meinem Herzen vertreiben, die ich seit der Trennung von meinem Freund empfinde. Und, Scheiße, Tobias hat mich in diesem Moment an ihn erinnert, als er mich so verwirrt angesehen hat, die schokobraunen Haare vom Schlafen zerzaust und der Blick noch etwas müde.
Seufzend drehe ich mich auf die Seite und vergrabe mein Gesicht in dem Kissen, auf dem Tobias geschlafen hat. Atme seinen Geruch ein, der noch schwach an dem Stoff haftet. Schon wieder muss ich an meinen Ex denken. An den Tag vor zwei Jahren, an dem wir uns kennen gelernt haben. Gott, wie sehr er mich bei unserer ersten Begegnung in seinen Bann gezogen hat. Die Wärme in seinem Blick, das schüchterne Lächeln auf seinen Lippen. Unser erster Kuss. Es tut immer noch weh, an ihn zu denken, auch wenn die Trennung bald zwei Monate zurückliegt. Trotzdem ist er mir immer noch nah, obwohl ich derjenige gewesen bin, der Schluss gemacht hat. Aber so ging es einfach nicht mehr weiter. Ich durfte ihn nicht noch mehr verletzen.
Mit einem Seufzen schlage ich die Decke zurück und schwinge meine Beine aus dem Bett. Langsam sollte ich wirklich aufstehen. Es ist sicher schon spät, was mir mein Magen nun ebenfalls bestätigt. Das Frühstück ist längst überfällig. Schnell ziehe ich mir eine Jogginghose und ein T-Shirt über, dann begebe ich mich in die Küche. Doch die Gedanken an meinen Ex schwirren immer noch in meinem Kopf umher, ohne dass ich es verhindern kann.
Niklas hat am Morgen nach unserem One-Night-Stand, der nun schon so lange zurückliegt, ähnlich erschrocken reagiert wie Tobias vorhin. Nicht, weil er den Sex vermutlich bereute, denn ich glaube kaum, dass er so etwas Spontanes zum ersten Mal getan hatte. Sondern wegen der Tatsache, in einem fremden Bett erwacht zu sein. Vermutlich überraschte es ihn, dass ich ihn mit zu mir nach Hause nahm, statt ihn in einem billigen Hotel zu ficken. Glücklicherweise konnte ich ihm damals noch seine Handynummer entlocken, bevor er Hals über Kopf das Haus verließ. Dass ich ihn wiedersehen wollte, stand für mich fest.
Meine Schwägerin Maria steht am Herd und rührt in einem Topf, aus dem es herrlich nach Milchreis duftet. Der Tisch ist bereits gedeckt, obwohl sich noch nicht alle Mitglieder der Familie versammelt haben. Michael muss sicher noch mit Lara im Bad sein, denn sie weigert sich stets, allein ihre Zähne zu putzen, sodass mein Bruder immer mit ihr diskutieren muss.
Ich setze mich dem beinahe dreijährigen Jungen gegenüber an den Küchentisch, schnappe mir ein Brötchen aus dem Brotkorb und bestreiche es dick mit Nutella. Felix lacht mich an, wartet dabei geduldig auf sein Frühstück.
»Kevin, was hast du denn mit Tobi angestellt?«, will Maria von mir wissen. Ihre Stimme klingt vorwurfsvoll. »Der arme Junge ist Hals über Kopf von hier geflüchtet, ohne auch nur einen Bissen zu essen.« Sie füllt eine Portion von dem Milchreis in ein Schälchen und stellt es vor ihrem Sohn ab, der erwartungsvoll zum Löffel greift, ehe sie sich ebenfalls an den Tisch setzt. Ich zucke bloß mit den Schultern und beiße in mein Brötchen.
»Ich war ausnahmsweise ganz brav heute Nacht. Hab ihn nicht angerührt«, beteuere ich mit unschuldigem Augenaufschlag. Maria verdreht die Augen.
»Anscheinend hast du es deinem unwiderstehlichen Charme zu verdanken, dass die Männer alle Reißaus vor dir nehmen«, neckt sie mich frech. Ich weiß ja, dass sie es nicht böse meint, doch mein Herz zieht sich bei ihren Worten trotzdem zusammen. Eher bin ich es wohl, der die Männer von sich stößt. Aber ist es nicht besser, einen Schlussstrich zu ziehen, als sich immer weiter zu verletzen?
»Sag mal, wann suchst du dir endlich eine neue Bleibe? Du willst doch nicht ewig in unserem Gästezimmer hausen, oder?«, meint Maria nachdenklich. »Ist doch auch nicht so schön, wenn du deine Bekanntschaften immer in ein fremdes Haus mitbringen musst.«
»Ich bringe doch keine Bekanntschaften mehr mit.« Ich seufze schwer. Seit nunmehr fast zwei Monaten lebe ich wieder bei meinem Bruder, weil ich es nach dem Streit mit Niklas nicht mehr in der WG ausgehalten habe. Ich konnte seine Tränen nicht länger ertragen, weil ich es war, der ihm das Herz gebrochen hat. Es war einfach zu viel für mich. Auch mein eigener Schmerz war unerträglich. Genau aus diesem Grund habe ich mich bisher von Männern ferngehalten – bis Tobias gestern hier aufgetaucht ist.
»Liebe Maria. Sag bloß, dir gefällt meine Kinderbetreuung nicht mehr? Immerhin kannst du so ohne Weiteres nachmittags arbeiten gehen, ohne einen Babysitter zu organisieren. Bis Felix in den Kindergarten kommt, dauert es noch ein halbes Jahr«, erwidere ich kauend. Nachdem ich mein Brötchen verputzt habe, lecke ich mir das Nutella aus den Mundwinkeln.
»Natürlich ist es schön, dass du auf die Kleinen aufpasst. Aber ich mache mir Sorgen um dich. Willst du dich denn nicht wieder mit Niklas vertragen? Seit zwei Monaten läufst du hier mit einer Trauermiene durch die Gegend, wenn du glaubst, keiner würde zusehen. Glaub nicht, dass es uns nicht aufgefallen ist.« Sie legt ihre Hand auf meine, doch ich lasse diese Berührung nur kurz zu. Mich mit ihm vertragen? Wie gern würde ich es tun. Doch das kann ich nicht. Ich habe ihn verletzt und er ist ohne mich einfach viel besser dran.
»Oder du versuchst, jemand Neues kennenzulernen«, ertönt die Stimme meines Bruders von der Tür. Er betritt die Küche, streicht Felix kurz über den Kopf und setzt sich dann mir gegenüber. Lara kommt ebenfalls herein und zieht einen der Küchenstühle mit voller Wucht zurück, sodass die Stuhlbeine auf den Fliesen quietschen.
»Wie wär’s denn mit Tobi? Er ist echt ein lieber Kerl«, fragt er mich, das stürmische Verhalten seiner Tochter ignorierend. Da hat Michael recht. Ich habe mich gestern in seiner Gegenwart sehr wohl gefühlt. Vielleicht sollte ich wirklich einen Schlussstrich ziehen und neu beginnen? Mit Tobias könnte ich mir etwas Längerfristiges durchaus vorstellen, sollte er ebenfalls Interesse haben. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, doch die Anziehungskraft zwischen uns habe ich deutlich gespürt. Er ist echt sympathisch, sieht gut aus und hat eine angenehm ruhige Art. Auch wenn er gestern alles andere als ruhig war nach dem ganzen Alkohol.
»Du könntest ihn ja mal anrufen«, schlägt mir mein Bruder zwinkernd vor. Ich nicke nachdenklich. Vielleicht sollte ich das tun …
Kapitel 3
-Kevin-
Zwei Jahre zuvor
Es war damals noch nicht so lange her, dass ich aus unserem kleinen Dörfchen in der Nähe von Leipzig nach Berlin zu meinem Bruder gezogen war. Hier hatte sich für mich die Chance ergeben, als Geselle in einer größeren Kfz-Werkstatt neu anzufangen. Michael hatte mir vorerst Asyl in seinem Haus gewährt, doch bald würde ich mich um eine eigene Wohnung kümmern müssen, um die Gastfreundschaft seiner Familie nicht überzustrapazieren. Für Maria war es schon stressig genug mit den beiden Kindern, da musste sie sich nicht auch noch um einen zusätzlichen Gast kümmern.
Außer meinem Bruder und seiner Frau kannte ich noch niemanden in der Stadt, also nahmen mich meine Kollegen von der Autowerkstatt unter ihre Fittiche. Ich verstand mich auf Anhieb prima mit den Jungs und es schien für sie kein Problem zu sein, dass ich mich nicht für hübsche Blondinen mit großen Brüsten erwärmen konnte, sondern auf Männer stand.
»So bist du wenigstens aus dem Rennen und es bleibt mehr Beute für uns«, erklärte Peter mir, als wir eines Samstagabends mit den anderen durch die Stadt zogen. Peter war ein typischer Weiberheld, aber eigentlich ganz in Ordnung. Ich war wirklich heilfroh, dass meine sexuelle Orientierung nicht meine Arbeit beeinflusste. Außerdem fühlte ich mich hier total wohl, die Arbeit machte Spaß und die Stadt hatte etwas Pulsierendes, das mich wie magisch anzog. Vor allem das Nachtleben war aufregend.
Meine Kollegen nahmen mich auch an diesem Abend wieder mit zum Feiern. Wir waren alle ungefähr im selben Alter und hatten viel Spaß zusammen. Ich hatte schon reichlich mit den Jungs in einer Kneipe vorgetrunken.
»Leute, wollen wir noch weiterziehen und bei bisschen tanzen?«, fragte Peter in die Runde, nachdem wir unsere Getränke gezahlt hatten.
»Hoffst du wieder darauf eine abzuschleppen, du Weiberheld?«, entgegnete Klaus mit einem frechen Grinsen. Auch ich musste schmunzeln, denn mittlerweile kannte ich Peter. Natürlich hoffte er auf einen One-Night-Stand. Ich machte mir da keine großen Hoffnungen, denn es war unwahrscheinlich, in einem Club auf einen schwulen Kerl zu treffen, solange ich mit meinen Kollegen unterwegs war. Außerdem glaubte ich kaum, dass mir mein Traumprinz in einer Disco über den Weg laufen würde. Zwar hatte ich überhaupt nichts gegen gelegentliche One-Night-Stands einzuwenden, aber eigentlich war ich schon auf der Suche nach etwas Festem.
Einstimmig beschlossen wir, Peters Vorschlag anzunehmen, denn der Abend war noch jung und wir bereits gut angetrunken. Ein bisschen Tanzen würde da auf jeden Fall nicht schaden. Als wir lachend durch die Straßen zogen, in der sich Bars und Clubs aneinanderreihten, bemerkte ich einen Mann, der meinen Blick sofort auf sich lenkte. Er stand nur wenige Meter von mir entfernt vor dem Eingang eines Clubs und unterhielt sich mit einem anderen Mann, der mir den Rücken zuwandte. Der Fremde war groß und schlank, mit braunen Haaren, die ihm zerzaust vom Kopf abstanden. Der Dreitagebart ließ ihn verwegen aussehen. Wie vom Blitz getroffen blieb ich mitten auf dem Gehweg stehen und starrte ihn an. Unsere Blicke trafen sich für einen kurzen Moment und ich glaubte, ein Lächeln in seinem schönen Gesicht zu erkennen, ehe er mit seiner Begleitung im Club verschwand.
»Hey, Mann. Wo bleibst du denn?«, wollte Klaus wissen, als er sich nach mir umsah. Mir war klar, dass die Jungs woanders hingehen wollten. Da vor dem Eingang, in dem der Fremde verschwunden war, fast ausschließlich Männer auf den Einlass warteten, musst es sich um einen Schwulenclub handeln.
»Ich denke, ich klinke mich für heute aus. Zieht ihr ruhig weiter, ich würde nämlich gerne hier rein«, antwortete ich und zeigte auf den Clubeingang. Klaus überlegte kurz, dann zuckte er mit den Schultern. Auch Peter schien damit einverstanden, nun getrennte Wege zu gehen. Nachdem ich mich von den beiden verabschiedet hatte, reihte ich mich in die Schlange der Wartenden ein. Große Hoffnungen, dem Fremden nochmals über den Weg zu laufen, hatte ich zwar nicht, doch ich könnte mich dennoch ein wenig umsehen, um Spaß zu haben.
Bereits nach Betreten des Clubs drängten sich viele Besucher an mir vorbei, die von der lauten Musik angetrieben wurden. Der große Mainroom war gerammelt voll mit tanzenden, halbnackten Männern, die sich ungeniert aneinander rieben. Mit Blicken suchte ich die Menge ab, konnte den Mann jedoch nicht ausfindig machen. Also beschloss ich, mich vorerst an die Bar zu setzen und die Lage zu checken, bevor ich mich auf die Tanzfläche wagte. An der Bar bestellte ich einen Tequila-Shot und schaute mich noch einmal um.
»Du siehst aus, als hättest du jemanden verloren«, bemerkte der Barkeeper, als er mir einen weiteren Drink reichte. »Vielleicht kann ich helfen?«
»Hier ist eben so ein großer, braunhaariger Mann in einem weißen Shirt reingegangen. Vielleicht etwas größer als ich. Seine Begleitung war blond«, erklärte ich dem Barkeeper, in der Hoffnung, er hätte den Fremden gesehen. Der Barkeeper lachte auf.
»Nun, diese Beschreibung trifft auf so gut wie jeden zweiten hier zu, Hübscher. Da wirst du vermutlich lange suchen müssen.« Mit diesen Worten widmete er sich den anderen Gästen an der Bar und ließ mich mit meinem Tequila allein.
Keine Ahnung, wie lange ich dort saß, doch ich war schon gut angetrunken, als sich irgendwann jemand auf den freien Hocker neben mir setzte.
»Alleine trinken macht doch gar keinen Spaß«, sagte ein Mann an mich gewandt. Als ich zu ihm hinüber sah, traute ich meinen Augen kaum. Es war der Fremde, den ich am Eingang gesehen und hier nicht mehr gefunden hatte! Mein Herz reagierte sofort. Wild schlug es in meiner Brust Purzelbäume, als er mich anlächelte und sich als Niklas vorstellte. Dann bestellte er eine weitere Runde Tequila für uns beide. Mir gefiel sein Lächeln, mit dem er mich die ganze Zeit ansah. Der Alkohol brannte in meiner Kehle, als ich ihn hinunterkippte. Auch Niklas verzog kurz das Gesicht, dann biss er in die bereitgelegte Zitrone.
»Ich habe dich hier noch nie gesehen«, begann er das Gespräch. Ich schmunzelte. Irgendwie war es eine typische Anmache, die ich selbst schon zu oft genutzt hatte. Doch in seinem Blick lag Neugier, soweit ich das erkennen konnte. Ob ich ihm ebenfalls draußen am Eingang aufgefallen war? Sonst hätte er mich doch kaum einfach angesprochen, oder?
»Wohne hier noch nicht so lange«, sagte ich also wahrheitsgemäß, »und bin nur zufällig hier vorbeigekommen.«
»Ist mir aufgefallen. Deine Freunde wollten wohl nicht mitkommen?«
Das bunte Licht der Discoleuchten zuckte durch den Raum, ließ Niklas’ Gesicht mal blau, mal rot aufleuchten. Er lächelte immer noch und da er noch nicht wieder zu seinem Begleiter gegangen war, nahm ich an, dass er ein gewisses Interesse an meiner Gesellschaft hatte.
»Sie stehen auf Frauen, deshalb sind sie weitergezogen«, entgegnete ich schulterzuckend, nahm einen weiteren Shot vom Tresen und hielt ihn ihm hin. Für einen kurzen Augenblick berührten sich unsere Finger. Die Berührung war wirklich nur kurz und wahrscheinlich hatte Niklas es nicht einmal gespürt, doch mir ging sie durchs Mark. Ein Kribbeln breitete sich in mir aus. Es mochte am Alkohol liegen, den ich bereits zu Genüge intus hatte, doch seine Nähe löste etwas in mir aus, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Eigentlich wollte ich bloß Spaß haben und war an diesem Abend überhaupt nicht darauf vorbereitet gewesen, einen Mann zu treffen, der mein Herz plötzlich zum Beben brachte.
»Verstehe.« Niklas setzte das Glas an seine Lippen und trank. Wie gebannt starrte ich auf seinen Mund. Ich trank ebenfalls, dann bewegte ich meine Beine so unauffällig wie möglich zur Seite, bis sich unsere Knie berührten. Niklas zog sein Bein nicht weg, saß einfach lässig auf dem Hocker. Er hatte sein Gesicht in die rechte Hand abgestützt, während er mich weiterhin interessiert musterte.
»Was ist denn aus deinem Begleiter geworden?«, fragte ich ganz beiläufig, um schon mal nachzuhorchen, ob Niklas in festen Händen war oder nicht.
»Ach, du meinst sicher Max. Keine Ahnung, er lässt sich vermutlich von irgendeinem Kerl im Darkroom vögeln«, meinte er lässig und trank den Shot in einem Zug aus. Erleichterung breitete sich in mir aus und mein Herzklopfen wurde stärker, als sich seine Hand auf meine legte. Er schien Interesse zu haben. Ob er dabei bloß auf einen One-Night-Stand aus war, konnte ich nicht beurteilen, doch ich freute mich gerade wirklich, den Abend etwas länger mit Niklas verbringen zu können.
»Magst du tanzen?«, fragte er mich. Zwar tanzte ich nicht wirklich gut, doch diese Gelegenheit, seinen Körper eng an meinem zu spüren, wollte ich mir ganz sicher nicht entgehen lassen. Der Alkohol in meinem Blut machte mich mutiger, also nickte ich zustimmend. Niklas zog mich auf die Tanzfläche, legte besitzergreifend die Arme um meine Taille und zog mich fest an sich. Es fühlte sich gut an. Wir bewegten uns im Takt der Musik und ich nahm kaum noch etwas Anderes wahr als seine dunklen Augen, die mich intensiv ansahen. Die sexuelle Anziehung zwischen uns war deutlich spürbar. Zudem pochte mein Herz vor Aufregung wie wild, sobald wir uns berührten.
Die Musik änderte sich, wurde schneller. Niklas ließ mich los, blieb jedoch dicht vor mir. Tanzte ausgelassen und schwang die Hüfte hin und her, was verdammt sexy aussah. Ich macht es ihm nach, wedelte wie wild mit den Armen über meinem Kopf und sprang auf und ab, als der Beat der Musik mich durchdrang. Niklas lachte über meine albernen Tanzversuche, doch das machte mir nichts aus, denn ich fühlte mich in seiner Gegenwart großartig. Schon lange hatte ich mit einem Kerl nicht so viel Spaß gehabt. Dann spürte ich, wie sich jemand von hinten an mich drängte. Ich wurde von hinten umarmt, sodass ich in meinem Tanz innehalten musste.
»Süßer, hast du Lust auf eine schnelle Nummer?«, raunte mir eine tiefe Stimme ins Ohr. Der heiße Atem des Mannes streifte meine Wange und ließ mich erschaudern. Es war mir zwar nicht unangenehm, doch Niklas’ Berührungen fühlten sich um einiges besser an. Gerade stand mir nicht der Sinn danach, meine Aufmerksamkeit jemand anderem zu widmen, weshalb ich mich von dem Kerl loszumachen versuchte. Ehe ich mich jedoch zu ihm umdrehen und ihm eine Abfuhr erteilen konnte, griff Niklas ein.
»Sorry, aber er ist mit mir hier. Such dir deinen Spaß bei jemand anderem«, sagte er mit fester Stimme und zog mich besitzergreifend in seine Arme. Gegen diesen Körperkontakt hatte ich nichts einzuwenden. Der Fremde brummte verstimmt, verschwand jedoch wieder so schnell er gekommen war.
Der erste Kuss ging von mir aus und war noch etwas unbeholfen, da ich doch etwas zu viel getrunken hatte. Niklas ging sogleich auf meine Annäherung ein, was das Verlangen in mir immer mehr entfachte. Seine Zunge schob sich zwischen meine Lippen in meinen Mund, tastete nach meiner und ließ mich leise keuchen. Ich genoss den Kuss, die Leidenschaft, die von Niklas ausging und mich ebenfalls erfasste. Die Bedenken, er würde sich nicht weiter auf mich einlassen, zerstreuten sich augenblicklich, als seine Hand ungeniert meinen Hintern knetete.
»Zu dir?«, fragte ich ihn zwischen einigen Küssen, hoffte, die Geste richtig gedeutet zu haben.
Niklas schüttelte den Kopf. Schien ihm wohl etwas peinlich, einen One-Night-Stand mit in seine Wohnung zu nehmen. Auf einen Fick im Darkroom hatte ich keine Lust, dafür reagierte ich viel zu sehr auf Niklas und das nicht nur mit meinem Schwanz, der durch die Knutscherei bereits so hart war wie lange nicht mehr. Mein Herz schlug doppelt so schnell, wenn er mich nur aus diesen wunderschönen Augen ansah. Also nahm ich ihn kurzerhand mit zu meinem Bruder.
Wie wir nach Hause gekommen waren, weiß ich bis heute nicht. Ich war zu betrunken und zu abgelenkt von dem attraktiven Mann, der an meinen Lippen hing, als wäre er dort festgewachsen. Dieser Umstand kam mir mehr als gelegen, denn auch ich wollte mich keinen Moment länger als nötig von seinen unbeschreiblich sinnlichen Lippen trennen. Niklas küsste wie ein Gott! Wir konnten nicht schnell genug unsere Klamotten loswerden, so sehr wollten wir einander berühren.
Knutschend fielen wir aufs Bett, konnten kaum die Finger voneinander lassen. Begierig saugte ich an seiner Unterlippe, während er sein Becken fest gegen meins presste und seine Hände in meinen Hintern krallte. Ich begrub Niklas unter mir, leckte über seinen Hals hinab zu seinen harten Nippeln und biss hinein. Sein raues Stöhnen war Musik in meinen Ohren und stachelte mich noch weiter an, sodass ich nicht lange fackelte. Ich wollte Sex und Niklas sah es anscheinend ganz genauso.
Er begnügte sich damit, auf dem Rücken liegen zu bleiben und meine Schultern zu streicheln, als ich mich seinen Oberkörper hinabküsste. Dann spürte ich seine Hand in meinem Haar, die mich immer tiefer dirigierte. Einen Moment gab ich seinem Drängen nach, ließ mich führen, doch als ich seinen harten Schwanz an meiner Wange spürte, ruckte mein Kopf wieder hoch. Ich sah ihm ins Gesicht, eine Frage lag in seinem lustverhangenen Blick, die ich nicht deuten konnte. Mein eigenes Verlangen hielt mich gefangen.
»Willst du es von vorne oder von hinten tun?«, fragte ich stattdessen, überging seine stumme Frage. Jetzt war nicht die Zeit für ein ausgiebiges Vorspiel, denn ich war kurz davor zu kommen. Niklas machte mich heiß, sein Geruch, der mir in die Nase stieg, verstärkte diese Tatsache umso mehr. Sein Körper war ebenfalls zum Bersten gespannt, und wenn wir noch lange fackelten, würden wir zu schnell zum Schuss kommen.
Niklas versteifte sich unter mir und sofort dachte ich, etwas wäre nicht in Ordnung, doch dann spreizte er einladend die Beine für mich. Dennoch wartete ich einen Moment, musterte ihn noch einmal prüfend. Hatte ich vielleicht etwas übersehen?
»Hey, ist alles okay? Du wirkst auf einmal so verspannt«, murmelte ich, versuchte meiner Stimme einen sanften Ton zu verleihen, um ihn zum Reden zu bewegen. Niklas schüttelte den Kopf.
»Alles okay. Ich halte es nur nicht länger aus«, entgegnete er und die Lust kehrte ich sein Gesicht zurück. Mit einem Lächeln rutschte ich zwischen seine Beine, bliebt jedoch einfach auf ihm liegen und begann erneut, ihn zu küssen. Hungrig erwiderte Niklas meine Küsse, stachelte mein Verlangen damit noch weiter an. Blind tastete ich mit einer Hand zum Nachttisch, wo ich ein Kondom und Gleitgel aus der Schublade herausfischte. Leider musste ich nun von Niklas’ unwiderstehlichen Lippen ablassen, was er mit einem ungeduldigen Brummen quittierte. Die Unsicherheit, die ich für einen Moment empfunden hatte, verflog sofort. Auch Niklas’ Anspannung löste sich nach unserem Kuss in Luft auf.
Mit einem gelbenetzten Finger drang ich in ihn ein und Niklas kam mir gleich entgegen, was mir deutlich machte, wie sehr er mich wollte. Und ich wollte ihn. So sehr, dass sich jeder klare Gedanke in meinem Kopf verflüchtigte.
»Lass mich nicht so lange zappeln«, kam es von Niklas. Er sah mir mit geröteten Wangen und feuchten Lippen fest ins Gesicht. Also zog ich meinen Finger heraus, streifte das Kondom über und drang in ihn ein. Zu Beginn versuchte ich mich noch zu beherrschen, langsam zu machen, damit er sich an mich gewöhnte. Doch Niklas ließ sich nicht beirren, drückte sich fest an mich und umschlang meine Hüfte mit seinen Beinen, sodass ich mit einem Ruck in ihn glitt. Stöhnend warf ich den Kopf in den Nacken und sank auf ihn.
»Geht’s?«, wollte ich wissen, weil ich ihm nur ungern wehtun wollte. Auch wenn wir so scharf auf einander waren, dass wir kaum einen Moment verharren konnten, spürte ich das Herz in meiner Brust immer schneller galoppieren. Nicht, weil es bloß Lust war, die sich in meinem Inneren breitmachte. Da war auch etwas Anderes, etwas Neues und Unbekanntes, das ich empfand, während ich in Niklas’ Augen sah. Nicht nur die körperliche Nähe sorgte für dieses wilde Herzklopfen, da war ich mir plötzlich sicher.
»Oh, ja!«, presste er atemlos hervor und zog mein Gesicht nah an seins heran. »Es ist unglaublich gut … und intensiv.«
Seine Worte bestärkten mich darin, weiterzumachen und immer fester in ihn zu stoßen. Niklas küsste mich immer leidenschaftlicher, erstickte damit mein heiseres Stöhnen. Dazwischen flüsterte er immer wieder meinen Namen. Mit einer Hand packte ich seinen Schwanz, massierte ihn im Rhythmus meiner Stöße und trieb uns beide binnen weniger Minuten zum Höhepunkt.
Kapitel 4
-Tobias-
Es ist Donnerstagabend und ich bin wieder der Letzte im Büro, als das Telefon noch einmal klingelt. Ich lausche in die Stille des Großraumbüros und versuche, den Anrufer auszumachen. Es muss sicher irgendwo drüben bei Heike klingeln oder an Sebastians Platz. Weil ich meinen Rechner noch nicht heruntergefahren habe, nehme ich das Gespräch sicherheitshalber entgegen. Nachdem ich meinen Spruch aufgesagt habe, höre ich ein leise geflüstertes »Baby« durch die Kopfhörer meines Headsets. Mein Herz schlägt sogleich einen Takt höher und ein angenehm warmes Gefühl breitet sich in meinem Inneren aus. Obwohl ich dem Mann vor einiger Zeit deutlich zu verstehen gegeben habe, dass es sich hier nicht um eine Sexhotline handelt, habe ich irgendwie trotzdem gehofft, dass er sich erneut meldet …
»Sorry, ich … ähm …« Der Mann räuspert sich geräuschvoll. »Ich wollte bloß kurz deine Stimme hören. Wir sehen uns dann.«
»Ähm … ja … okay«, gebe ich irritiert zurück. Bevor ich noch etwas sagen kann, legt er auf. Verwirrt nehme ich das Headset ab und fahre meinen Computer runter. Wir sehen uns? Ich glaube, da hat er sich vertan. Und überhaupt – was war das eben für ein seltsames Gespräch? Wieso ruft er nochmals hier an mit dem Risiko, bei einem meiner Kollegen zu landen und legt nach nur wenigen Worten wieder auf? Ich bin zwar froh, dass er angerufen hat, doch irgendwie enttäuscht mich diese kurze Unterhaltung ein bisschen. Mit hängenden Schultern verlasse ich das Bürogebäude.
Draußen ist es bereits dunkel und ein frischer Wind weht durch die großen Bäume auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich schlinge mir die Arme um den Oberkörper und will mich gerade auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle machen, als mir aus dem Augenwinkel auffällt, wie sich eine Gestalt aus dem Schatten des Gebäudes löst und auf mich zukommt.
»Hey, Baby.«
Erschrocken zucke ich zusammen, drehe mich dabei langsam um. Diese Begrüßung beschleunigt meinen Puls. Das kann doch jetzt nicht wahr sein … oder? Da steht er. Das fahle Licht einer Straßenlaterne umgibt ihn. Braune Haare, braune Augen, Dreitagebart. Es könnte jeder x-beliebige Mann sein, der hier vor mir steht und mich ein wenig verlegen anlächelt. Aber ich weiß, dass er es ist. Der Fremde mit einer Vorliebe für Telefonsex.
Mit wild klopfendem Herzen stehe ich wie angewurzelt vor ihm, die Augen weit aufgerissen, und bekomme keinen Ton heraus. Warum ist er plötzlich hier? Und wie hat er mich überhaupt gefunden? Sollte ich jetzt vielleicht weglaufen, bevor es zu einem blöden Missverständnis kommt? Angst beschleicht mich und ich taste nach meinem Smartphone in der Jackentasche, um notfalls die Polizei rufen zu können.
Der Mann kommt näher, bemerkt meine Unsicherheit und bleibt in einigem Abstand zu mir stehen. Ich erkenne ein entschuldigendes Lächeln auf seinem Gesicht.
»Hör mal, ich wollte dir nicht auflauern und dich wirklich nicht erschrecken. Die Telefonsexsache tut mir wahnsinnig leid, glaub mir. Du musst mich sicher für einen perversen Spinner halten, wegen dem, was ich abgezogen habe«, entschuldigt er sich reumütig und macht noch einen Schritt auf mich zu. »Die Situation ist mir wirklich peinlich und … na ja, ich hätte auch einfach die Sache verdrängen und mich nicht mehr melden können, aber … ich würde gerne mit dir reden und dir alles erklären, okay? Dann werde ich dich auch nicht weiter belästigen, versprochen.« Seine tiefe Stimme geht mir unter die Haut. Ich nicke zaghaft und kann deutlich hören, wie der Fremde erleichtert ausatmet. Die Anspannung fällt von ihm ab, und auch ich fühle mich nicht mehr so unsicher wie noch vor wenigen Sekunden. Der kurze Anflug von Panik verschwindet, je länger er mich anlächelt.
»Danke. Gott, ich habe schon befürchtet, dass du mich wütend zum Teufel jagst. Ich musste echt lange mit mir hadern, ob ich mich dir zu erkennen gebe oder nicht. Aber ich wollte mich wenigstens bei dir entschuldigen, damit du mich nicht für einen Perversen hältst, der andere Leute auf der Arbeit belästigt. Das kann ich irgendwie nicht auf mir sitzen lassen.« Er grinst schief und fährt sich nervös mit der Hand durchs Haar. »Wollen wir vielleicht irgendwohin gehen, wo wir uns in Ruhe unterhalten können, und vielleicht … einen Kaffee trinken?«
»Hier in der Nähe gibt es eine nette Kneipe«, entgegne ich, nachdem ich meine Stimme endlich wiedergefunden habe. »Für Kaffee ist es mir persönlich ein bisschen zu spät. Aber ein Bier könnte ich jetzt echt gebrauchen.«
***
Knapp zehn Minuten später sitzen wir uns in der Kneipe zwei Straßen weiter gegenüber und trinken Bier. Diese Situation ist so verrückt, dass ich mich über gar nichts mehr wundere. Erst verwählt sich ein Mann und landet aus Versehen bei mir, weil er Telefonsex haben will, und nun haben wir quasi so etwas wie ein Date.
Mein Unbekannter hat sich als Niklas vorgestellt. Er arbeitet als Finanzberater bei einer Privatbank und wohnt mit seinem Kumpel, den er schon seit Kindertagen kennt, in einer WG hier in der Stadt.
»Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, dass ich dich angerufen habe. Ehrlich. Ich hatte echt keine Ahnung, dass ich so doof war und mich verwählt habe. Aber diese Telefonnummer … Das ist mir erst aufgefallen, nachdem du es mir gesagt hast. Ich hatte da wohl einen Zahlendreher, den ich nicht bemerkt habe. Hättest du das Missverständnis nicht so schnell aufgeklärt, vermutlich hätte ich immer wieder angerufen. Ich meine, was musst du von mir denken? « Die Worte sprudeln nur so aus Niklas heraus, kaum, dass er einen Schluck von seinem Bier getrunken hat. So selbstsicher wie am Telefon kommt er nicht mehr rüber. Er wirkt ehrlich zerknirscht über sein Missgeschick, was ihn irgendwie total sympathischer für mich macht. Bisher hat mich seine Stimme fasziniert, aber jetzt gefällt mir sein ganzes Auftreten, von seinem Aussehen hin bis zu seinem verlegenen Lächeln.
»Schon gut. Ist ja nichts weiter passiert. Ich hätte die ganze Sache schließlich sofort aufklären oder einfach auflegen können«, entgegne ich mit roten Wangen. Zum Glück ist der Raum nur schwach beleuchtet, sodass er es hoffentlich nicht bemerkt. »Also bin ich auch irgendwie schuld, weil ich mitgemacht habe. Du hast mich beim ersten Mal nur so sehr überrascht, dass ich selbst kaum reagieren konnte …«
»Kann ich verstehen. Mich würde es auch irritieren, wenn mir jemand einfach so ins Ohr stöhnt, während ich bei der Arbeit sitze.« Nun grinst er schelmisch, was ihm echt gut steht. Irgendwie finde ich ihn dadurch noch attraktiver. »Mann, ich hätte dich wohl ewig weiter in dem Glauben angerufen, bei einer Sexhotline für Schwule gelandet zu sein, wenn du nichts gesagt hättest.« Eindringlich sieht er mich an. Seine Augen wirken noch dunkler und ein Schatten liegt auf seinem Gesicht.
Dann grinst er wieder und nimmt einen großen Schluck von seinem Bier. Die Stimmung lockert sich, was vermutlich auch an dem Alkohol liegt, denn mein Bier ist bereits zur Hälfte leer. Die Schmetterlinge in meinem Bauch verbreiten sich nach Niklas’ Geständnis immer mehr und je länger wir uns unterhalten, desto heftiger klopft mein Herz. Mein Körper kribbelt angenehm, wenn ich ihn ansehe. Das ist kein perverser Kerl, der bloß eine schnelle Nummer gesucht hat, sondern ein wirklich sympathischer und attraktiver Mann, der hier vor mir sitzt und verzweifelt versucht, mir diese peinliche Situation zu erklären. Das Bier in meinem Blut lässt mich mutiger werden. Ich bin verdammt neugierig, was er wohl von mir als seinen Telefonsexpartner gehalten hat, denn sonst hätte er vermutlich kein zweites Mal angerufen.
»War ich denn … nun, genauso gut wie die Anderen?«, frage ich nicht ohne eine Spur von Nervosität.
»Welche anderen?«, will er verwirrt wissen. Vermutlich hat er nicht mehr damit gerechnet, dass ich das Thema erneut aufgreifen würde.
»Na ja … ich dachte … du klangst so, als hättest du das schon mal gemacht. Also Telefonsex, meine ich. Das sind doch alles Profis, oder? Da muss ich doch wie jemand geklungen haben, der absolut keine Ahnung hat.«
Niklas’ Augen weiten sich überrascht, dann vergräbt er sein Gesicht in den Händen. Anscheinend habe ich ihn mit dieser Frage total überrumpelt.
»Scheiße«, murmelt er, »ich habe das noch nie zuvor gemacht. Musste ich nie.« Dann sieht er mich wieder an. »Ich habe geglaubt, dass ich es mit einem Profi zu tun habe, und mir wirklich Mühe gegeben, nicht wie ein blutiger Anfänger zu klingen. Mir war das Ganze so schon peinlich genug. Hast du dir etwa gemerkt, was ich alles gesagt habe?«
Ich nicke stumm. Natürlich. Jedes Wort. Und vor allem sein Stöhnen geht mir seit dem Abend nicht mehr aus dem Kopf. Keine Ahnung, was Niklas von mir hält, jetzt, da wir uns tatsächlich begegnet sind. Ich für meinen Teil finde nicht nur seine Stimme verdammt sexy. Der ganze Mann ist einfach zum Anbeißen! Für ihn könnte ich doch tatsächlich all meine Prinzipien, was One-Night-Stands betrifft, vergessen. Gerade jetzt spüre ich die Anziehung zwischen uns und das Kribbeln, das sich von meinen Haarspitzen bis zu den Fußsohlen in meinem ganzen Körper ausbreitet. Er macht mich wirklich neugierig. Umso interessanter ist es, wie er mich so schnell gefunden hat. Es überrascht mich, dass er nach dieser Nummer überhaupt bei mir aufgetaucht ist. Wäre mir so ein Missverständnis passiert, ich hätte mich ganz sicher nicht zu erkennen gegeben.
»Umso schlimmer«, seufzt er und kratzt sich verlegen am Kopf. Ihm ist sein Verhalten wirklich peinlich, was ich irgendwie süß finde.
»Es ist ja nichts weiter passiert und wir konnten die Sache klären, also Schwamm drüber«, sage ich zu ihn. »Wie hast du mich eigentlich gefunden? Ich meine … du hattest doch keine Ahnung, wer ich bin.« Mein Bier ist mittlerweile leer, während er seins kaum angerührt hat. Kurzerhand bestelle ich mir ein weiteres bei der Bedienung, die gerade mein leeres Glas einsammelt.
»Du hast ja selbst gesagt, wo ich gelandet bin. nachdem ich erschrocken aufgelegt habe, musste ich diese Media AG sofort googlen. Und weil du so spät noch ans Telefon gegangen bist, obwohl die offiziellen Sprechzeiten schon vorbei waren, habe ich einfach gehofft, dich wieder sprechen zu können. Natürlich hätte auch jemand ganz anderes rangehen können, da hatte ich vermutlich Glück. Wie du aussiehst, wusste ich nicht, ich konnte nur raten, dass du es bist, der heute Abend so spät das Gebäude verlässt.« Niklas hebt sein Bier an die Lippen und nimmt einen langen Schluck. Der Schaum hinterlässt eine Spur auf seiner Oberlippe. Seine Zunge schnellt vor und leckt den Schaum weg. Wir gebannt starre ich auf seinen Mund.
»Keine Ahnung, was du jetzt über mich denkst, aber das mit dem Telefonsex war eine total schwachsinnige Idee«, meint er nach einer längeren Pause.
»Wie kamst du da überhaupt drauf?«
»Diese ganze Telefonsexsache ist auf den Mist von meinem Mitbewohner gewachsen.« Niklas trinkt sein Bier aus und schiebt das Glas zur Seite. »Na ja, Max war eben davon überzeugt, dass es mir guttun könnte …«
»Und dann wolltest du es auch mal ausprobieren?«, mutmaße ich mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Nein, so war es gar nicht. Bisher habe ich mich von Telefonsex oder One-Night-Stands ferngehalten, weil ich in einer festen Beziehung gewesen bin. Doch nach der Trennung von meinem Freund war ich einsam. Also habe ich es auf Max’ Zureden mal mit Telefonsex probiert, statt für einen Quickie in den nächstbesten Club zu rennen oder mich in einschlägigen Onlineportalen anzumelden. Und am Telefon wäre ja alles ganz unverbindlich. Niemand sieht einen dabei. Und wenn es nicht geht, sofort auflegen. Klang leicht, wie Max er formuliert hatte.« Er lacht und kratzt sich verlegen am Kopf. »Wenn ich Trottel mich bloß nicht verwählt hätte … Ich war einfach viel zu nervös.«
»Dann hätten wir uns vermutlich gar nicht kennengelernt und säßen jetzt nicht hier«, entgegne ich und proste ihm mit meinem Bier zu.
»Ja. Max sei Dank, würde ich mal sagen. Da habe ich wohl Glück gehabt, direkt die richtige Filiale eures Callcenters erwischt zu haben und …«, er sieht mir tief in die Augen, »dass du dich als so ein angenehmer Gesprächspartner entpuppt hast.«
Als er mich so offen anlächelt, kann ich einfach nicht anders. Mein Körper reagiert wie von selbst. Ich beuge mich über den Tisch und küsse ihn einfach, ohne über mein Handeln nachzudenken.
Niklas zuckt vor Überraschung zusammen, weicht jedoch nicht zurück. Dadurch ermutigt, verstärke ich den Druck auf seinen Mund. Meine Lippen streichen erst zögernd über seine, dann intensiviere ich den Kuss. Vorsichtig tastet sich meine Zunge vor und erkundet seine Konturen. Sein Dreitagebart kitzelt ein wenig. Niklas hat nicht nur wahnsinnig schöne Lippen, sie fühlen sich auch noch unglaublich toll an beim Küssen.
Er öffnet breitwillig seinen Mund, um mir Einlass zu gewähren. Seine Zunge kommt mir bereits entgegen. Jetzt ist von seiner anfänglichen Zurückhaltung gar nichts mehr zu spüren. Hungrig erwidert er den Kuss. Mit den Händen umfasst er mein Gesicht und zieht mich noch ein Stück weiter über den Tisch zu sich. Ein leises Stöhnen kommt über meine Lippen. Scheiße, kann der Kerl gut küssen!
Dieser Kuss bringt mich um den Verstand. Es ist ewig her, seit mich ein Mann so leidenschaftlich geküsst hat. Und ihn scheint es nicht einmal zu stören, dass wir uns gerade in einer Kneipe befinden. Hier ist zwar nicht so viel los, dennoch sind wir nicht allein hier. Aber das ist auch mir egal, denn mein Kopf ist wie leergefegt.
Ich stütze mich mit den Händen auf dem Tisch ab, um den Kuss nicht unterbrechen zu müssen, denn diese Position wird langsam etwas unangenehm für mich. Deshalb lehne ich mich noch weiter vor und verlagere mein Gewicht auf dem Ellenbogen, als ich es plötzlich laut neben uns scheppern höre. Erschrocken fahren wir auseinander.
»Scheiße!«, flucht Niklas. Ich blinzle verwirrt und versuche, die Situation zu erfassen. Mein Hirn ist immer noch etwas benebelt von der plötzlichen Leidenschaft, die durch den Kuss in mir ausgelöst wurde. Hat mein Körper so eindeutig auf Niklas reagiert, weil ich schon so lange mit niemanden intim gewesen bin? Schon möglich … Aber es war eben nicht nur Verlangen, das ich während des Kusses gespürt habe.
Niklas springt von seinem Stuhl aufn und reibt sich mit einer Serviette über die Hose, während die Bedienung am Boden neben unserem Tisch kniet und Scherben einsammelt. Jetzt bemerke ich erst, dass mein Bierglas zerbrochen auf dem Boden liegt. Das Bier hat sich in einer Pfütze über den Tisch ausgebreitet und einen großen Fleck auf Niklas’ heller Jeans hinterlassen. Durch unsere wilde Knutschaktion habe ich gar nicht bemerkt, wie ich das Glas mit dem Arm umgestoßen habe.
»Sorry, das wollte ich nicht«, entschuldige ich mich mit geröteten Wangen und gehe um den Tisch herum zu ihm.
»Ja … ist schon okay. Trocknet sicher gleich wieder«, antwortet Niklas, nachdem er sich von dem Schreck erholt hat. Er grinst mich schief an und in meinem Bauch geht es erneut drunter und drüber. Zu den Schmetterlingen von vorhin hat sich zusätzlich eine wilde Horde Ameisen gesellt.
»Sollen wir vielleicht … Also wir könnten zu mir und …«, schlage ich ihm vor. »Du könntest dich umziehen.« Sobald ich diesen Vorschlag gemacht habe, merke ich, wie bescheuert diese Idee eigentlich ist. Niklas ist gut einen Kopf größer als ich, da werden ihm meine Hosen gar nicht passen.
Ich will mein Angebot bereits zurückziehen, doch Niklas nickt nach kurzem Überlegen. Sein intensiver Blick in meine Augen lässt mich erahnen, dass er den Vorschlag mit dem Umziehen als vorgeschoben enttarnt hat. Mir wird ganz schwindelig vor lauter Herzklopfen, denn mir selbst ist die Zweideutigkeit in meinen Worten gar nicht aufgefallen.
Niklas wendet sich dann an die Kellnerin, die gerade mit den Glasscherben auf ihrem Tablett an uns vorbeigeht, um die Getränke zu bezahlen. Dann verlassen wir gemeinsam die Kneipe. Es ist verdammt frisch draußen, doch Niklas vertreibt die Kälte aus meinem Körper, als er mich gegen die nächstbeste Hauswand presst und meine Lippen erneut erobert. Sein Kuss raubt mir den Atem. Knutschend taumeln wir durch die Dunkelheit. Zwar hatte er eben gesagt, dass er sich nicht so oft auf One-Night-Stands einlässt, doch gerade scheint er anders drauf zu sein. Und auch ich kann es eigentlich ungeachtet meiner Prinzipien kaum erwarten, mit ihm Sex zu haben. Unsere leidenschaftlichen Küsse machen deutlich, worauf die Situation hinauslaufen könnte.
Es dauert nicht so lange, bis wir endlich vor dem Wohnkomplex stehen, in dem meine Wohnung liegt. Niklas’ Lippen liebkosen meinen Nacken, während ich die Haustür aufschließe. Ich taste mit der Hand nach dem Lichtschalter im Flur, den ich nach einigen glücklosen Versuchen finde. Sirrend springt die Deckenlampe an und erhellt das Treppenhaus.
»Ich wohne ganz oben«, presse ich kaum hörbar hervor. Meine Atmung geht nur noch stoßweise, von meinem Puls will ich gar nicht erst reden. Wir stolpern mehr die Treppe hinauf, als dass wir gehen. Niklas drückt mich auf halbem Weg gegen das Geländer und küsst mich so hart auf den Mund, dass unsere Zähne aufeinandertreffen. Ich stöhne auf, bin so erregt, dass ich mir am liebsten jetzt und hier die Klamotten vom Leib reißen würde. Niklas drängt sich näher an mich, schiebt sein Knie zwischen meine Beine. Als ich die leichte Reibung gegen meinen Schritt spüre, entweicht mir ein Keuchen. Verrückt, wie sehr mein Körper auf ihn reagiert.
Meine Hände zerren wie von selbst an seiner Jacke. Ich öffne den Reißverschluss und schiebe ihm das störende Kleidungsstück halb von den Schultern, um ihn besser berühren zu können. Meine Finger schlüpfen unter seinen Pullover, während wir uns immer wieder wie wild küssen. Ein wohliger Schauer jagt über meinen Rücken, als ich endlich seine festen Bauchmuskeln unter meinen Handflächen spüre. Auch Niklas’ Finger haben sich mittlerweile ihren Weg unter meine Kleidung gebahnt. Seine rechte Hand liegt fest auf meinem Hintern, während die linke über meinen Rücken streicht. Wenn ich schon jetzt vor Verlangen vergehe, wie wird das erst sein, wenn wir beide gleich nackt sind?
Meine Gedanken überschlagen sich. Niklas hat den Kuss gelöst, um mit dem Mund meinen Hals zu erkunden. Er neckt mich mit Lippen und Zähnen, was mir ein unkontrolliertes Wimmern entlockt. Niklas’ Zunge leckt heiß über die empfindliche Haut an meinem Hals und ich kann mir gerade noch so ein Stöhnen verkneifen. Um zu zeigen, wie sehr ich ihn will, schiebe ich ihm mein Becken entgegen, als plötzlich ein Klingeln die Stille des Treppenhauses durchbricht. Erst leise, dann dringt der Ton immer lauter zu mir durch. Verwirrt konzentriere ich mich darauf, während Niklas unbeirrt weiter an meinem Hals saugt und dort vermutlich einen Knutschfleck hinterlässt.
»Da ist wohl jemand heiß begehrt, was?«, murmelt Niklas, lässt seine Lippen wenige Millimeter über meinem Hals schweben, lässt jedoch nicht von mir ab.
Genervt ziehe ich das Smartphone heraus und schaue aufs Display. Es ist Kevin. Auf der Party hatten wir gleich Nummern ausgetauscht. Das war, bevor ich mich so elegant habe volllaufen lassen. Ist mir immer noch irgendwie ein bisschen peinlich. Ich drücke ihn weg, aber als es dann erneut klingelt, gehe ich doch ran. Trotz meiner offensichtlichen Erregung ist da auch noch ein Funke Neugier, was Kevin auf einmal von mir will.
»Ja?«, brumme ich ein wenig außer Atem.
»Hey, Tobias. Wie geht’s dir so? Hast du Zeit, oder störe ich gerade?«
»Es … mh … ist gerade etwas ungünstig«, murmele ich, unterdrücke nur mit Mühe ein weiteres Stöhnen, weil Niklas mir gerade einen Knutschleck verpasst.
»Schade.« Kevin wirkt geknickt. »Ich wollte mich nur noch mal mit dir unterhalten und nachhorchen, ob zwischen uns alles okay ist. Schließlich bist du Sonntag so schnell abgehauen, dass ich mir nun Gedanken mache. Kann ich dich wieder anrufen? Morgen vielleicht?«
»Ja … morgen … alles klar. Tschüss, Kevin«, verabschiede ich mich schnell. Zwar tut es mir leid, ihn einfach so abzuwimmeln, doch gerade habe ich wirklich andere Dinge im Kopf, als mich über vergangenen Sonntag zu unterhalten.
Niklas hat sich mittlerweile von mir gelöst und sieht mich nun mit einem durchdringenden, ein wenig wehmütigen Ausdruck in den Augen an.
»Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe, Tobias«, sagt er leise und senkt den Blick. Etwas Trauriges liegt in seinem Gesicht, was das Verlangen augenblicklich aus meinem Körper vertreibt. Er darf nicht gehen. Ich wollte doch … Ich lege meine Hand auf seine Schulter.
»Bitte … geh noch nicht.«
Niklas schüttelt jedoch den Kopf.
»Es ist bloß schon spät und ich muss morgen früh wieder ins Büro«, entschuldigt er sich und jetzt erscheint wieder ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht. »Darf ich dich auch mal privat anrufen?«
Röte steigt in meine Wangen. Ich nicke. Natürlich darf er mich anrufen. Jederzeit. Ich reiche ihm mein Smartphone, damit er seine Nummer eintippen kann. Dann klingele ich ihn an. Als ich die leise Melodie aus seiner Jackentasche vernehmen kann, grinse ich.
»In Ordnung. Ich melde mich bei dir.« Niklas gibt mir noch einen sanften Kuss zum Abschied, von dem mir die Knie weich werden. »Ach, bevor ich es vergesse.« Seine Lippen nähern sich meinem Ohr. »Du hast eine verdammt sexy Telefonstimme«, flüstert er mir zu, bevor er mich stehen lässt.
Kapitel 5
-Niklas-
»Hey, Alter, wo hast du dich denn so lange rumgetrieben?«, ruft Max mir aus dem Wohnzimmer aus zu, als ich die Wohnungstür aufschließe. Es ist bereits kurz vor Mitternacht. Dabei kam mir die Zeit mit Tobias gar nicht so lange vor.
»Ich musste da so eine Sache klären«, entgegne ich, als ich meine Schuhe abstreife und die Jacke an die Garderobe hänge. Dann gehe ich zu ihm rüber. Max ist Krankenpfleger und hat immer wechselnde Schichten im Krankenhaus. Wenn er von seiner Spätschicht gegen halb elf nach Hause kommt, sieht er immer noch eine Weile fern, um runterzukommen. Direkt einschlafen kann er nie.
»Um diese Uhrzeit kann es sich nur um einen Mann handeln, mit dem du dich getroffen hast«, meint mein Kumpel mit einem Grinsen. Dann wird sein Blick wieder ernst. »War es Kevin?«
Seufzend schüttele ich den Kopf. Kevin reagiert nicht auf meine Nachrichten und mittlerweile habe ich es aufgegeben, ihm zu schreiben. Vielleicht brauchen wir beide einfach mehr Zeit, um gründlich über unsere Beziehung – oder vielmehr unsere Trennung – nachzudenken. Trotzdem vermisse ich ihn so schrecklich, fühle mich jede Nacht furchtbar einsam allein in meinem Bett.
Nachdem wir uns damals über unsere Gefühle klar wurden, stand schnell fest, dass er zu Max und mir in die WG ziehen würde. Ein Zimmer war frei und da wir sowieso fast ausschließlich zusammen waren, bot sich das Ganze an. Obwohl Kevin sein eigenes Zimmer bekam, schliefen wir jede Nacht bei mir. Sein Zimmer bewohnte er nur sporadisch und nutzte es eher als Abstellkammer für sein Zeug.
»Nein. Er heißt Tobias«, sage ich möglichst beiläufig, während ich an Max vorbei in unsere Wohnküche gehe und den Kühlschrank öffne. »Auch ein Bier?«, frage ich meinen Kumpel, der immer noch auf dem Sofa hockt und durch die Sender zappt.
»Klar.«
Ich nehme zwei Flaschen Becks heraus, öffne sie und gehe zu ihm zurück.
»Jetzt erzähl mal von deinem Date«, fordert mich Max neugierig auf, als ich mich neben ihm aufs Sofa fallen lasse. »Wie war er so? Wo habt ihr euch kennengelernt? Ich hatte wirklich gedacht, du würdest Kevin noch ewig hinterhertrauern, so, wie es zu Beginn aussah.«
»Es war kein Date«, murmele ich und nippe an meinem Bier. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Aber das war es mit Kevin damals ja auch nicht. Eigentlich wollte ich bloß mein schlechtes Gewissen beruhigen und mich bei Tobias entschuldigen. Dass er mich wie aus heiterem Himmel in dieser Kneipe geküsst hat, hat mich völlig überrascht und mich all meine guten Vorsätze vergessen lassen. Tobias’ Verhalten vorhin hat mich zu sehr an meinen Ex erinnert … Bei meiner ersten Begegnung mit Kevin ging alles ebenso schnell. Nicht, dass Tobi irgendwelche charakterlichen Ähnlichkeiten zu Kevin aufweisen würde, das kann ich kaum beurteilen, da ich ihn nicht kenne. Doch diese ganze Situation … Dass er mich mitgenommen hat und dass ich mich einfach nicht zurückhalten konnte und seinen Kuss ebenso leidenschaftlich erwidert habe … Viel hätte nicht gefehlt und ich wäre tatsächlich mit Tobias im Bett gelandet. Diese Anziehung war sofort da, genau wie bei Kevin. Ihm konnte ich mich bei unserem ersten Treffen damals vor zwei Jahren ebenso wenig entziehen wie Tobias vorhin.
Diese leidenschaftliche Art ähnelt der von Kevin. Genau wie sein Äußeres, vor allem der etwas verträumte Blick aus seinen blauen Augen. Tobias ist ein Stück kleiner als ich und von der Statur auch eher schmal, genau wie Kevin.
Seufzend lehne ich den Kopf nach hinten gegen die Rückenlehne des Sofas. Max rückt näher an mich heran.
»Kein Date? Und trotzdem kommst du so spät heim?« Sein Blick sagt mir, dass er mir diese Geschichte nicht so recht abkaufen will. Aber was soll ich ihm sagen? Dass ich kurz davor war, mich auf einen One-Night-Stand einzulassen? Er weiß genau, wie es um meine Gefühle steht.
»Es war … na ja … wir haben nur geredet.«
Mein Kumpel hebt fragend eine Augenbraue. »Nur geredet?«
»Na gut, vielleicht ein bisschen mehr. Aber nicht das, was du jetzt denkst. Es ist nicht zum Sex gekommen. Vielleicht … vielleicht sehen wir uns wieder.« Mit den Händen streiche ich mir übers Gesicht und durch die Haare. Mit Kevin habe ich noch nicht wirklich abgeschlossen, obwohl wir schon seit fast zwei Monaten getrennte Wege gehen. Immer noch ist er zu präsent in meinem Kopf. Für ihn war die Trennung die einzige Chance, mich nicht länger zu verletzen. Oder sich selbst. Doch hat er mich überhaupt gefragt, was ich von seiner Schnapsidee halte? Nein! Sex ist doch nicht das Einzige, was eine Beziehung ausmacht! Zumindest nicht für mich. Sicher hätten wir besser auf unsere sexuellen Bedürfnisse eingehen können, wenn wir nur mehr miteinander geredet hätten … Wir hätten unsere Bedürfnisse klar formulieren sollen, statt aneinander vorbeizureden oder zu schweigen. Es war nicht nur seine Schuld, dass das, was wir hatten, in die Brüche gegangen ist. Ich habe einfach zu spät reagiert, statt von vornherein meine Wünsche zu äußern. Obwohl wir getrennt sind, ist Kevin immer noch in meinem Herzen und ich bereue wirklich, wie es mit uns zu Ende gegangen ist.
»Ach Niklas, das wird schon wieder. Glaub mir. Ehe du dich versiehst, vergisst du Kevin«, sagt Max und legt mir seine Hand aufs Knie. »Ich würde es dir echt gönnen. Eine neue Liebe, meine ich.«
Keine Ahnung, ob er recht hat, doch so schnell werde ich Kevin wohl nicht vergessen können, da er einfach viel zu tief in meinem Herzen festsitzt. Auch wenn die Begegnung mit Tobias dieses Gefühl für einen kurzen Moment überlagert hat.
»Niklas?« Max reißt mich aus meinen Gedanken. Ich drehe den Kopf zu ihm und sehe ihn fragend an. Seine Augen funkeln neugierig.
»Wer ist denn nun dieser geheimnisvolle Tobias? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Du weißt ganz genau, dass ich das nicht leiden kann. Ich werde die ganze Nacht kein Auge zu tun, wenn du mich noch weiter im Dunkeln tappen lässt.«
Ein Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht, als ich meinen Kumpel ansehe. Max ist Single aus Überzeugung und nutzt solche Dienste recht häufig. Sie geben ihm den nötigen Kick, wenn mal gerade niemand in der Nähe ist, dem er seinen Hintern entgegenstrecken kann. Einmal hatten wir Sex. Es ist verdammt lange her und wir waren beide ziemlich betrunken. Doch es hat mir kaum etwas bedeutet, Max ebenso wenig. Schnell rein und raus, keine Küsse, kein Kuscheln. Danach lief nichts mehr zwischen uns. Wir waren uns einig, dass wir kaum eine Beziehung miteinander führen können, denn Max ist mein bester Freund.
»Diese Telefonsexsache neulich. Na ja … anscheinend hatte ich mich verwählt und …«
Seine Augen werden größer. »Du hast also nicht mit Fabio …? An wen bist du denn dann geraten?«
Ich schüttele den Kopf.
»Tobias«, gestehe ich ihm. » Es war nicht Fabio, sondern Tobias, mit dem ich gesprochen habe.« Mein Kumpel starrt mich noch einen Moment lang fassungslos an, bis seine Mundwinkel zucken und er in Gelächter ausbricht.
»Krass! Du hast tatsächlich mit einem wildfremden Kerl … O Gott, Niklas! Der Arme ist sicher vor Scham im Boden versunken. Sorry, Mann. Ich weiß, es ist nicht lustig, aber … Ich stelle mir das gerade vor und …«
Ich boxe Max gegen den Oberarm. »War wirklich nicht besonders lustig, dieser Irrtum«, gebe ich verstimmt zu. Max hat mir diese Nummer gegeben, die ich dämlicher Idiot vor Aufregung nicht mal vernünftig in mein Handy eintippen konnte.
Die Begegnung mit Tobias heute Abend hat mich wirklich überrascht. Sofort spürte ich dieses seltsame Kribbeln in der Magengegend, das ist schon lange vermisst hatte. Vor allem, als er mich aus heiterem Himmel geküsst hat.
»Na ja, sieh es doch mal positiv: Der Kerl hat echt Mumm, wenn er sich nach diesem Missverständnis immer noch mit dir treffen will. Würde sicher nicht jeder tun. Das war dann wohl ein Wink des Schicksals, dass du bei diesem Tobias gelandet bist. Und jetzt komm, lass uns schlafen gehen. Ich für meinen Teil bin verdammt müde.« Max zwinkert mir zu und schaltet den Fernseher aus.
Ich erhebe mich von der Couch und gehe ich mein Schlafzimmer. Dort entkleide ich mich und mache es mir in meinem Bett gemütlich. Doch schlafen kann ich jetzt einfach nicht. Zu viel geht in meinem Kopf herum, obwohl es schon ziemlich spät ist und ich es sicherlich morgen früh bereuen werde, so spät schlafen gegangen zu sein. Seufzend drehe ich mich auf den Rücken und verschränke die Arme hinterm Kopf. Die Augen fest auf die Zimmerdecke gerichtet, versuche ich in der Dunkelheit die Flecken zu zählen, die kleine Sterne dort hinterlassen haben. Vor uns hat hier eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter gelebt, die zu ihrem neuen Freund gezogen ist Es hat mich wirklich viel Mühe gekostet, diese Sterne von der Decke zu kratzen, was leider nicht vollständig geklappt hat. Jetzt nutze ich die Klebereste immer, wenn ich nachdenken muss. Dann zähle ich sie und versuche so ein bisschen runter zu kommen, meinen Kopf freizumachen. Doch heute Nacht gelingt es mir nicht.
Meine Gedanken kreisen immer wieder um meine Begegnung mit Tobias … Verrückt, wie schnell er mich in seinen Bann gezogen hat. Ich konnte kaum an mich halten, musste einfach mit den Händen durch sein weiches Haar streichen, das vorne etwas zu lang ist und ihm frech in die Augen fiel. Ich war verdammt geil auf ihn und auch Tobias sah nicht so aus, als wollte er noch einen Rückzieher machen. Hätte sein Handy nicht geklingelt, dann wäre es passiert.
Doch mit dieser spontanen Unterbrechung kam die Ernüchterung. Vor allem dann, als er den Namen Kevin erwähnte. Mag sein, dass er auch jemanden mit diesem Namen kennt, immerhin gibt es in einer Stadt wie Berlin hunderte, die so heißen. Trotzdem hat mich der Name kurz ins Wanken gebracht, weil er mich an meinen Ex-Freund erinnert hat. Und dann bin ich gegangen.
Im Nachhinein war es nicht gerade nett von mir, Tobias einfach ohne eine weitere Erklärung stehen zu lassen, doch irgendwie schien es mir plötzlich falsch, mit ihm zu schlafen. Ich war zwar noch nie ein Kind von Traurigkeit, hatte früher nicht selten unverbindlichen Sex, bevor ich auf Kevin traf. Doch seit unserer gescheiterten Beziehung hatte ich keinen einzigen One-Night-Stand mehr und bis auf den Telefonsex kaum Bedürfnis danach.
Es wäre ein Fehler, Tobias dafür zu benutzen, mir einfach Erleichterung zu verschaffen. Dafür habe ich auch noch meine rechte Hand, die mir bisher gute Dienste geleistet hat. Tobias hingegen gefällt mir, auch wenn mir noch nicht ganz klar ist, was mich an ihm so fasziniert. Es war ein Funke, der von ihm auf mich überging. Bereits bei unseren Telefonaten hatte ich dieses seltsame Gefühl, dass da irgendwie mehr ist, was sich dann bei unserem Treffen verstärkte. Genau aus diesem Grund will ich es nicht noch einmal so überstürzen und den gleichen Fehler machen wie in meiner letzten Beziehung. Falls Tobias nach meinem Abgang immer noch Interesse an einem Treffen hat, wäre es mir lieber, ihn vorher ein wenig näher kennenzulernen, statt gleich mit ihm ins Bett zu gehen. Die Sache mit Kevin bin ich zu Beginn ganz falsch angegangen, habe zuerst mit dem Schwanz, statt mit dem Kopf gedacht und mir die Finger verbrannt. Das will ich nicht noch einmal riskieren.
Seufzend drehe ich mich auf die Seite und ziehe mir die Decke über den Kopf. Erneut ist es die Erinnerung an Kevin, die mich in den Schlaf begleitet.
Kapitel 6
-Niklas-
Zwei Jahre zuvor
»Schatz, du musst dir unbedingt ansehen, was ich gekauft habe!«, rief Kevin bereits durch den Flur, nachdem er die Wohnungstür aufgeschlossen hatte. Max war noch nicht zu Hause und ich gerade mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt. Eigentlich hatte Kevin schon viel eher zurück sein wollen, um mir zu helfen. Vermutlich hatte er sich wieder mal nach Feierabend mit seinen Kollegen verquatscht.
Ich trocknete mir die Hände am Handtuch ab und kam zu ihm in den Flur.
»Was ist es denn?«, fragte ich ihn neugierig, nachdem er mir einen kurzen Begrüßungskuss gegeben hatte. Wir wohnten nun schon seit gut einem Monat zusammen, weil in der WG noch ein Zimmer frei geworden war. Meinen Vorschlag, bei Max und mir einzuziehen, hatte Kevin sofort angenommen, nachdem wir einige Dates hatten. Normalerweise hätte ich die Sache nicht so überstürzt, doch mein Freund hatte öfter erwähnt, dass er seinem Bruder nicht länger zur Last fallen wollte, sodass sich diese Möglichkeit einfach anbot.
»Komm. Dafür musst du kurz mit rauskommen«, sagte er mit einem Funkeln in den Augen. Kevin konnte sich immer so sehr für Dinge begeistern wie ein kleines Kind. Das gefiel mir an ihm. Überhaupt hatte ich sehr schnell mein Herz an diesen Kerl verloren, was ich selbst ein wenig erschreckend fand. Meine vorherigen Beziehungen hatte ich langsamer angehen lassen, statt einfach kopfüber ins kalte Wasser zu springen. Ich zog mir Jacke und Schuhe über, dann folgte ich ihm die Treppe hinunter in den Hof. Bereits von Weitem konnte ich sehen, was seine Begeisterung hervorrief.
Es war ein schwarzes Motorrad. Ich verstand nicht viel von Autos und Motorrädern, doch Kevin war als Kfz-Mechaniker Feuer und Flamme. Für mich waren Fahrzeuge lediglich ein Mittel, um schnell von A nach B zu kommen.
»Sieht gut aus«, meinte ich, nachdem ich die Maschine umrundet hatte. Mein Freund runzelte die Stirn.
»Gut? Die Maschine ist der Hammer. Ein Glück, dass mein Chef sie von einem Kunden in Zahlung genommen hatte. Sie war nach einem Unfall ziemlich hinüber, doch ich habe sie repariert und zu einem echt fairen Preis abkaufen können. Wenn du willst, können wir jetzt gleich eine kleine Spritztour machen!«
»Ach, lass mal. Ich bin nicht so der Fan von schnellen Fahrzeugen.«
Ein enttäuschter Ausdruck zeigte sich auf Kevins Gesicht. »Ich würde auch extra langsam fahren, damit du keine Angst zu haben brauchst …«
»Schon gut. Du kannst ja vielleicht Max fragen, ob er eine Runde mit dir dreht. Er ist doch für jeden Spaß zu haben«, entgegnete ich mit einem entschuldigenden Lächeln und strich Kevin kurz über die stoppelige Wange. »Wir sollten besser wieder raufgehen. Ich habe die Lasagne noch im Ofen und will ungern, dass unser Abendessen ungenießbar wird.«
Schweigend folgte mir mein Freund zurück in die Wohnung. Es tat mir zwar leid, dass ich seine Begeisterung für dieses Motorrad nicht teilen konnte, aber das war wirklich nicht meine Welt. Kevin konnte am Wochenende stundenlang an irgendwelchen Autos herumbasteln, weil es ihm auf der Arbeit einfach nicht genug war. Er schraubte für sein Leben gern an allem herum, das einen Motor hatte. So hatte er auch meinen alten Golf wieder zum Laufen gebracht, obwohl ich ihn bereits abgeschrieben und nach einem neuen Auto gesucht hatte.
Ich hingegen nutzte meine Freizeit lieber mit einem guten Buch auf dem Sofa, denn ich liebte die Ruhe um mich herum, wenn ich in eine spannende Geschichte eintauchte. Nicht selten kam es jedoch vor, dass sich mein Freund zu mir ins Wohnzimmer gesellte und den Fernseher einschaltete, weil gerade ein Fußballspiel lief, das er ungern verpassen wollte. Ich konnte mit diesem Sport sehr wenig anfangen, obwohl ich gern ins Fitnessstudio ging. Doch für Fußball konnte ich mich nur schwer begeistern. Trotzdem war es irgendwie süß, wie mein Freund seinen Lieblingsverein anfeuerte. Als er einmal Karten für ein Heimspiel hatte, begleitete ihn Max.
»Schmeckt gut«, meinte Kevin kauend, nachdem wir uns am Küchentisch gegenübersaßen und die Lasagne aßen. »Sorry, dass ich dir nicht bei der Zubereitung geholfen habe. Ich habe einfach die Zeit vergessen.«
»Schon okay. Dann eben beim nächsten Mal.« Ich wusste zwar, dass er auch beim nächsten Mal eine Ausrede haben würde, aber das war nicht weiter schlimm. Ich kannte es bereits von Max, allein in der Küche zu stehen und für das Abendessen zu sorgen. Dafür erledigte Kevin immer die Einkäufe und den Abwasch.
»Sag mal, willst du später mit mir ausgehen? Vielleicht in einen Club und ein bisschen tanzen? Schließlich ist Freitag und wir sind schon ewig nicht mehr feiern gewesen«, schlug er vor, nachdem er seinen leeren Teller von sich geschoben hatte. Ich legte mein Besteck ebenfalls zur Seite.
»Muss das heute sein? Ich hatte dir doch bereits gesagt, dass ich morgen früh zu meinen Eltern fahre, um meinem Vater mit der Gartenarbeit zu helfen. Da wäre ich gerne ausgeschlafen für die lange Autofahrt.«
»Oh, war das schon morgen? Das hatte ich nicht mehr auf dem Schirm«, sagte er mit gesenktem Kopf. »Dann vielleicht morgen Abend?«
»Da gehe ich mit einer Kollegin ins Theater. Du weißt doch, sie hatte mir Karten angeboten und weil du keine Lust hast, mich zu begleiten, kommt sie nun selbst mit.«
Kevin grinste schief und kratze sich am Hinterkopf. »Na ja, du willst ja auch nicht, dass ich einfach mitten in der Vorstellung einschlafe und die Zuschauer mit meinem Schnarchen störe, oder? Hast du etwas dagegen, wenn ich Max frage, ob er mich in den Club begleiten würde?«
Ich schüttelte den Kopf. Es machte mir wenig aus, wenn mein Freund allein oder mit unserem Mitbewohner feiern ging. Ich vertraute beiden und wusste, dass Kevin mir treu war.
»Was ist mit mir?«, kam es von der Tür. Max stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt und grinste uns an. Dann fiel sein Blick auf die Lasagne in der Auflaufform auf dem Küchentisch. »Wow, du hast gekocht! Ich bin am Verhungern!« Mit diesen Worten schnappte er sich einen Teller aus dem Schrank und setzte sich zu uns.
Es war im Nachhinein betrachtet sowieso ein Wunder, dass Kevin und ich ein Paar wurden. Wir passten eigentlich nicht zusammen, meinte Max immer wieder. Womit er recht hatte, denn wir waren wirklich zu unterschiedlich, was unsere Interessen und Vorlieben betraf. Zogen sich Gegensätze nicht bekanntlich an? Auch wenn wir kaum gemeinsame Hobbys hatten, konnten wir nicht ohne einander sein. Spätestens, wenn er nach einer Party am frühen Morgen in mein Bett kroch, waren die Unterschiede unerheblich. Dann waren wir bloß zwei Männer, die in feuriger Leidenschaft vergingen. Nach einem leise geflüsterten ich liebe dich war die Welt für mich in Ordnung. Der Sex verband uns, auch wenn die Art, wie wir uns liebten, anders war, als ich es aus meinen früheren Beziehungen kannte. Kevin mochte es wild und stürmisch, ich hingegen konnte nach einem Blowjob lange mit meinem Partner kuscheln, bis ich in seinem Arm einschlief. Kevin hingegen wollte immer aufs Ganze gehen. Ich mochte es, mich von ihm nehmen zu lassen und es machte mir nur selten etwas aus, wenn er mich dominierte. Manchmal hätte ich schon gern die Rollen getauscht, denn auch ich war gern mal Top, aber sobald ich diesbezüglich eine Andeutung machte, ließ er sich nicht darauf ein, weshalb es bei der ursprünglichen Rollenverteilung blieb …
An diesem Abend ging ich schon früh ins Bett, nachdem Kevin und Max in den Club aufbrachen. Immerhin hatte ich meinen Wecker auf halb sieben in der Früh gestellt, um so zeitig wie möglich zu meinen Eltern aufzubrechen. Ich schlief schnell ein, erwachte jedoch wieder, als jemand die Bettdecke anhob und sich hinter mich schob. Müde lächelte ich. Kevin war bereits zurück.
»Habe dich vermisst«, nuschelte er leise und küsste dabei meinen Nacken. Diese zärtliche Geste ließ mich erschaudern. Obwohl ich kaum die Augen offenhalten konnte, reagierte mein Körper sofort auf Kevin. Die Party war ja wirklich schnell vorbei, womit ich nicht gerechnet hatte.
»Das nächste Mal komme ich mit, versprochen«, murmelte ich leise und wollte mich zu ihm umdrehen, doch er umklammerte meine Taille und presste sich an meinen Rücken, sodass ich an Ort und Stelle liegen blieb. Seine Erektion drückte fest gegen meinen Hintern. Ich ahnte, was er vorhatte, denn seine Hand hatte sich bereits vorne in meine Boxershorts geschoben, um meinen Schwanz zu massieren. Da ich jedoch noch immer im Halbschlaf war, wurde ich nicht so schnell geil. Sacht zog ich seine Hand weg.
»Wollen wir das auf morgen verschieben? Ich möchte wirklich schlafen.« Kevin brummte etwas Unverständliches, bestand jedoch nicht weiter auf Sex. Nach einem weiteren kurzen Kuss in meinen Nacken, drehte er sich auf den Rücken und blieb reglos liegen. Einige Herzschläge lang lauschte ich in die Stille meines Zimmers, bis ich sein Schnarchen vernahm. Schmunzelnd drehte ich mich zu ihm, bettete meinen Kopf auf seine Brust und schlief kurz darauf ebenfalls ein.
Kapitel 7
-Tobias-
Samstagabend. Heute habe ich mich extra gestylt, weil ich mich mit Kevin verabredet habe. Ein wenig unwohl fühle ich mich schon in dem eng anliegenden Outfit, doch in den obligatorischen Jeans und dem Kapuzenpulli kann ich ja wohl kaum zu einem Date gehen. Es reicht schon, dass ich bei dem Treffen mit Niklas so unvorteilhaft angezogen war.
Nervös trete ich von einem Fuß auf den anderen, denn ich bin lange nicht mehr in einem Club gewesen. In letzter Zeit bin ich einfach nicht mehr ich selbst. Angefangen mit der Telefonsexnummer, die mir – seitdem ich Niklas getroffen habe – noch weniger aus dem Kopf geht als zuvor.
Niklas hat sich seit unserem Treffen am Donnerstag nicht mehr bei mir gemeldet. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, woran ich bei ihm nun bin, gefällt mir ganz und gar nicht. Es macht mich irgendwie nervös. War ich zu voreilig? Hat es ihn vielleicht doch abgeschreckt, dass ich so rangegangen bin? Doch er hat mich genauso leidenschaftlich zurück geküsst, also sollte ich mir da wohl weniger Gedanken machen.
Heute jedoch habe ich Kevins Einladung, mit ihm feiern zu gehen, angenommen, um nicht weiter an Niklas denken zu müssen. Kevin und ich haben vor ein paar Tagen noch mal miteinander telefoniert und dieses Treffen ausgemacht, um uns etwas besser kennenzulernen. Zwar habe ich ihm für den Anfang ein Treffen in einem netten Café vorgeschlagen, doch er wollte lieber feiern gehen, weil das seiner Meinung nach irgendwie unverbindlicher und lockerer ist.
Endlich erblicke ich Kevin auf der anderen Straßenseite.
»Hey, Tobias«, grüßt er mit einem Lächeln, als er vor mir steht. Kevin sieht richtig gut aus. Die schwarze Jeans sitzt eng an seinen Beinen, betont die straffen Muskeln. Dazu trägt er ein hautenges Hemd, das unter der geöffneten Lederjacke zum Vorschein kommt.
»Mensch, du hast dich ja rausgeputzt. Steht dir«, kommentiert Kevin mein Outfit mit einem anerkennenden Blick. Mir werden selten Komplimente über mein Aussehen gemacht. Und dann auch nicht gleich von zwei so attraktiven Männern binnen weniger Tage.
»Danke«, entgegne ich verlegen. Kevin schnappt mich am Arm.
»Wollen wir dann mal rein?« Ohne meine Antwort abzuwarten, schiebt er mich bereits in die Schlange der wartenden Clubbesucher. Wir geben unsere Jacken an der Garderobe ab und drängen uns durch die Menge zur nächstgelegenen Bar.
»Was willst du trinken?«, fragt Kevin mich über den Lärm der Musik hinweg und macht eine Geste mit der Hand, die ein Getränk symbolisieren soll. Ich verstehe ihn nur sehr schlecht wegen der lauten Musik, doch die Handbewegung ist eindeutig. Also beuge ich mich einfach über die Theke vor und bestelle uns zwei Bier.
»Du willst es wohl langsam angehen lassen«, meint Kevin mit einem Schmunzeln, als ich ihm eine der Flaschen reiche, und nimmt einen großen Schluck. Nun ist er mir so nah, dass ich ihn besser verstehen kann. Sein warmer Atem streift meine Wange und hinterlässt ein angenehmes Kribbeln in meinem Magen. Sein Aftershave steigt mir in die Nase. Das Gefühl von letzter Woche ist wieder da. Ich habe mich bereits auf der Geburtstagsparty sehr wohl in seiner Nähe gefühlt, obwohl ich ihn dort gerade erst kennengelernt hatte.
Es dauert nicht lange, bis wir unsere Flaschen geleert haben. Ich entspanne mich immer mehr in Kevins Gegenwart. Die Musik ist klasse mir und tut ihr Übriges, damit es mir in diesem Club gefällt, in dem ich bisher nicht gewesen bin. Kevin erzählt mir ein bisschen von seiner Arbeit, während ich bloß auf seine vollen Lippen starre. Bisher hat er noch keinen Versuch unternommen, mir näher zu kommen. Habe ich sein Interesse vom letzten Mal falsch gedeutet und er will vielleicht nur mit mir befreundet sein?
»Scheint dich nicht wirklich zu interessieren, wie ich die Honda getunt habe, was?« Kevin grinst mich an. Tatsächlich habe ich nur die Hälfte von dem verstanden, was er mir gerade erzählt hat. Es hatte irgendwas mit dem Umbau eines Motorrads zu tun.
»Sorry«, entgegne ich achselzuckend.
»Schon gut. Mein Ex-Freund hat sich auch nicht so sehr für meine Arbeit interessiert. Das macht mir nichts. Lass uns lieber noch etwas trinken.« Er winkt lässig ab und bestellt beim Barkeeper Wodka für uns beide, sowie ein Glas Cola. Als die Gläser vor uns stehen, reicht er mir eins davon.
»Prost.« Wir stoßen an und trinken. Der Wodka brennt in meiner Kehle. Schnell nehme ich einen Schluck Cola hinterher, ehe ich das Glas an Kevin weiterreiche. Er bestellt noch eine Runde, während ich mich verstohlen im Mainroom umsehe. Ich war schon lange nicht mehr tanzen und in einer Schwulendisco schon gar nicht, da ich nicht allein herkommen wollte. Meine Freunde aus der Uni akzeptieren mich zwar genau so, wie ich bin, in einen Schwulenclub wollten sie mich jedoch noch nie begleiten.
Mein Blick schweift über die Tanzfläche zu den teilweise halbnackten Männern, die sich engumschlungen im Takt der Musik wiegen.
»Bist du eigentlich oft hier?«, frage ich Kevin nach einer Weile. Er wendet sich mir zu, ein weiteres Glas Wodka in der Hand.
»Früher schon, in letzter Zeit eher weniger. Hier habe ich damals meinen Ex-Freund kennengelernt …« Eine peinliche Stille tritt ein, in der ich nicht weiß, was ich sagen soll. Kevin scheint noch an dem Mann zu hängen. Das zeigt mir sein trauriger Blick, den er wieder in die Ferne richtet. Dann kippt er den Wodka hinunter und springt vom Hocker.
»Ach, ich sollte nicht länger an die alten Geschichten denken, wenn ich doch so eine tolle Begleitung habe heute Abend. Wir sollten uns ein wenig amüsieren, dafür sind wir schließlich hier.« Er zwinkert mir zu und reicht mir seine Hand. »Tobi, tanzt du mit mir?«
Nickend ergreife ich die mir dargebotene Hand und lasse mich von ihm in Richtung der Tanzfläche führen. Der Beat der Musik durchdringt mich, lässt mein Herz im selben Rhythmus schlagen. Kevin legt seine Hände an meine Hüften und zieht mich ein wenig zu sich heran. Wie von selbst schmiege ich mich an seinen warmen Körper, fühle die Muskeln unter dem Hemd und ein schnell schlagendes Herz. Seins – oder ist es mein eigenes, das heftig gegen den Brustkorb hämmert, dass es in meinen Ohren dröhnt? Egal. Es fühlt sich gut an, mit ihm hier zu sein.
Kevin zieht mich noch etwas näher, als ein neuer Song gespielt wird. Der Beat ist wild und auch Kevin bewegt sich schnell. Sein Knie zwischen meine Beine geschoben, drängt er sich gegen mich, wirbelt mich herum, ohne sich dabei nur wenige Zentimeter von mir zu lösen. Ich schließe die Augen, genieße für einen Augenblick seine Nähe. Ich fühle mich wohl in seinen Armen, das lässt sich nicht leugnen. Unablässig streicheln seine Hände über meinen Rücken, jagen wohlige Schauer durch meinen Körper. Ich weiß nicht, ob es am Alkohol oder an der Musik liegt, doch Kevins Nähe gefällt mir immer besser, je länger wir uns engumschlungen zum Rhythmus der Musik bewegen. Ohne groß darüber nachzudenken, strecke ich mich ein wenig und presse meinen Mund auf Kevins Lippen. Sie sind weich und so ganz anders als die von Niklas … Sofort erwidert er meinen Kuss. Zwar erst zögerlich, doch dann ist da seine Zunge, die sich zwischen meine Lippen schiebt und neugierig meinen Mund erkundet.
»Oh … wow … Tobi«, keucht Kevin atemlos, als wir uns wieder voneinander lösen. Er klingt genauso überrascht. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du den ersten Schritt machst. Normalerweise bin ich es, der da etwas ungestüm rangeht.« Sein Lächeln nimmt mich gefangen. Er sieht gerade unglaublich gut aus, wie das bunte Discolicht auf seinem Gesicht tanzt. Liegt es am Alkohol, oder warum schlägt mein Herz immer schneller, je länger ich in Kevins blaue Augen sehe?
Abermals senkt er den Kopf, küsst mich nun von sich aus. Ich gebe mich der Leidenschaft hin, die meinen Körper wie eine Welle umspült. Seine Zunge erforscht meinen Mund, seine Zähne necken leicht meine Unterlippe. Seine Hände liegen erneut locker auf meiner Hüfte, seine Lippen wandern über meinen Kiefer und bahnen sich einen Weg über die empfindliche Haut meines Halses. Ich erschaudere, lege den Kopf etwas schief, damit noch mehr Haut freigelegt wird. Ein Keuchen entfährt mir, als er sanft in meinen Hals beißt. Das Blut sammelt sich zwischen meinen Beinen, was Kevin wegen der engen Umarmung sicher nicht entgeht.
»Das gefällt dir wohl«, flüstert er ganz dich an meinem Ohr.
»Mh …«
Kevins Hände schieben sich unter mein Shirt, streicheln meinen nackten Rücken, während ich mich an ihn klammere und versuche, mein wild pochendes Herz zu beruhigen. Mir wird noch heißer als zuvor. Und das liegt ganz sicher nicht an den vielen Menschen, die sich hier auf der Tanzfläche von allen Seiten an uns drängen. Kevins Hände wandern weiter hinab, legen sich nun besitzergreifend auf meinen Hintern. Er schmiegt sich nun seinerseits an mich und ich kann deutlich spüren, dass er mindestens so erregt ist wie ich. Seine Augen funkeln verlangend. Ich schließe meine, und sogleich sind da erneut Kevins Lippen auf meinem Mund. Seine flinke Zunge dringt zielsicher zwischen meine Lippen und raubt mir den Atem. Meine Knie zittern, werden zu Wackelpudding. Würde Kevin mich nicht festhalten, ich wäre sicher zu Boden gesunken. Ich blende meine Umgebung völlig aus und erwidere den Kuss mit derselben Intensität. Schlinge die Arme um seinen Hals, will ihm noch näher sein als ich es jetzt bin. Mir wird ganz schwindelig und das Verlangen übernimmt die Kontrolle über meinen Körper. In diesem Moment ist mir völlig egal, dass wir in einem überfüllten Club sind. Ich will nur noch Kevins Nähe spüren.
Kevins Kuss ist fordernd. Er drängt mich immer weiter zurück durch die Menschenmenge, ohne sich von mir zu lösen. Ich stolpere rückwärts, rempele jemanden mit der Schulter an, doch das ist mir ganz egal. Dann spüre ich auch schon eine Wand im Rücken. Kevin presst mich hart dagegen, schiebt sein Knie erneut zwischen meine Beine, wie er es auch schon beim Tanzen getan hat. In meinem Kopf fahren die Gedanken Achterbahn. Ich kann in diesem Moment an nichts Anderes mehr denken als an Sex. Genauso habe ich mich nach dem Kuss mit Niklas vor zwei Tagen gefühlt. Warum zur Hölle denke ich in letzter Zeit ständig nur an Sex? In all den Jahren davor hat sich meine Libido nur selten gemeldet, nur um jetzt völlig verrückt zu spielen.
Dieser Anziehungskraft zwischen uns kann ich einfach nicht widerstehen. Verdammt, Kevin macht mich gerade tierisch an. Wenn er jetzt mit mir im Darkroom verschwinden wollte, ich würde nicht nein sagen.
Doch zu meiner Enttäuschung löst Kevin den Kuss. Atemlos sehen wir uns in die Augen. Sein Blick ist dunkel und voller Verlangen. Ich versuche in ihm zu lesen, will wissen, was gerade in seinem Kopf vorgeht, doch mein Hirn ist zu benebelt vom Alkohol und meiner eigenen Erregung. Dann blinzelt er, bringt etwas Abstand zwischen uns und fährt sich mit den Händen durch die perfekt gestylten Haare. Nun kann ich neben dem Verlangen auch noch etwas Anderes in seinem Blick erkennen. Unsicherheit und Schmerz. Ähnlich wie bei Niklas, als er mich nach dem Kuss plötzlich allein im Flur hat stehen lassen.
»Tobi … ich … Sorry, ich wollte nicht so über dich herfallen«, entschuldigt sich Kevin. Verständnislos sehe ich ihn an. Ich war doch derjenige, der ihn zuerst geküsst hat. Erst ist er total scharf auf mich und dann macht er einen Rückzieher? Habe ich etwas falsch gemacht? Die Enttäuschung scheint mir buchstäblich ins Gesicht geschrieben zu sein, denn nun lächelt mich Kevin warm an. Die Musik um uns herum dringt nur noch gedämpft zu mir, sodass mir jetzt erst auffällt, wie Kevin mich in die Nähe des Ausgangs manövriert hat.
»Weißt du, Tobi, ich bin gerne mit dir zusammen. Dass du mich heiß machst, muss ich wohl nicht extra betonen. Doch ich sollte es dieses Mal lieber etwas langsamer angehen lassen und nicht gleich mit dir ins Bett steigen. Ich will dieses Mal kein Risiko eingehen und dich erst kennenlernen. Den Fehler, es zu überstürzen, möchte ich nicht noch einmal machen«, gesteht er mir und muss über seine eigenen Worte schmunzeln. »Gott, habe ich das gerade wirklich gesagt? Nicht zu fassen … Wollen wir es versuchen, Tobi? Wir könnten uns ja ganz unverbindlich treffen und dann schauen, wohin uns die Reise führt. Was hältst du davon?«
Ich kann nichts weiter tun, als stumm zu nicken. In meinem Kopf herrscht auf einmal ein völliges Durcheinander, denn sein Geständnis kommt mir irgendwie bekannt vor. Kevin scheint mich ehrlich zu mögen und auch er gefällt mir wirklich gut, das lässt sich nicht leugnen. Doch was ist mit Niklas?
***
Als ich am nächsten Morgen erwache, geht es mir nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Außerdem liege ich allein in meinem eigenen Bett, worüber ich dennoch ein wenig enttäuscht bin. Kevin wollte nicht bleiben, nachdem er mich in aller Frühe nach Hause begleitet hat. Nach seinem Rückzieher gestern haben wir noch einiges an Alkohol getrunken und weiter miteinander getanzt, doch er hat mich nicht mehr so nah an sich herangelassen. Ob er immer noch so sehr an seiner alten Beziehung zu knabbern hat? Er hatte ja bereits angedeutet, dass da einiges schief gelaufen ist …
Träge schlage ich die Bettdecke zurück und setze mich auf, vergrabe das Gesicht in den Händen. Es ist einfach noch viel zu früh am Morgen, als dass ich mir über meine Männergeschichten den Kopf zerbrechen sollte. Ich muss über mich selbst lachen. Männergeschichten … Ich meine, ich habe mich mit Niklas nur zufällig auf ein Bier getroffen und war mit Kevin tanzen. Außerdem habe ich beide geküsst, konnte einfach nicht anders, als es zu tun. Und ich bereue es nicht, denn die Küsse waren einfach unglaublich! Wenn ich mich entscheiden müsste, wer von den beiden besser küsst, ich könnte es nicht. Es war so anders als mit meinem Ex Patrick damals, für den ich bloß eine schnelle Nummer für zwischendurch gewesen bin. Ich war total verknallt, er hingegen wollte bloß seinen Spaß. Selbst mit meinem Schulfreund Daniel war es damals ganz anders. Wir haben ein wenig herumexperimentiert, als wir noch zur Schule gingen, ohne uns ernsthaft Gedanken über eine Beziehung zu machen. Zumindest, was Daniel betraf, der mir zu Beginn noch weißmachen wollte, nicht schwul oder bi zu sein. Doch welcher Mann lässt sich von seinem Kumpel den Schwanz lutschen, wenn er ausschließlich an Frauen interessiert ist? Mein erster Sex mit Daniel war zwar schön – genauso wie die anderen Male, wenn wir zusammen waren – aber solche Gefühle wie bei dem Kuss gestern hatte ich nie!
Seufzend schüttele ich den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Dann schleppe ich mich ins Badezimmer. Eine ausgiebige Dusche und ein schöner schwarzer Kaffee sind jetzt genau das Richtige. Erst danach kann ich mich wieder tiefsinnigeren Grübeleien, die mein Gefühlschaos betreffen, widmen.
Müde betrachte ich mein Spiegelbild im Badezimmerspiegel. Kein berauschender Anblick. Die Augen sind gerötet und dunkle Ringe zeichnen sich deutlich auf meiner hellen Haut ab. Die braunen Haare stehen mir so wirr vom Kopf ab, als hätte ich aus Versehen in eine Steckdose gefasst. Hätte gestern wohl doch nicht so viel Gel benutzen sollen. Um etwas zu mir zu kommen, beuge ich mich über das Waschbecken und spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Dann putze ich mir die Zähne, um den ekligen Geschmack auf meiner Zunge loszuwerden.
Träge schäle ich mich aus meinen Klamotten und steige in die Dusche. Der erste Schwall Wasser ist eiskalt und macht mich richtig wach, bevor es sich zu einer angenehmen Temperatur erwärmt. Das gleiche Spiel jeden Morgen. Aber ich bin es bereits gewohnt, schließlich wohne ich hier schon, seitdem ich mit dem Studium begonnen habe.
Warm prasselt das Wasser auf meinen Körper. Ich schließe die Augen und genieße für eine Weile dieses Gefühl, bevor ich nach dem Duschgel greife, um mich einzuseifen. Langsam verteile ich den Schaum auf meinem Körper. Der Duft von Zitrone umgibt mich. Als meine Hände über meinen Bauch wandern, beginnt es in meinem Inneren zu kribbeln. Das Blut rauscht durch meine Adern und sammelt sich in meiner Körpermitte. Die Erinnerung an Kevins Küsse kommt zurück und erregt mich unweigerlich aufs Neue. Ich streichele tiefer und berühre meinen Schwanz, der sich bereits zu voller Größe aufgerichtet hat und nach Aufmerksamkeit verlangt. Keuchend umschließe ich den Schaft und massiere ihn mit festem Griff. Mit dem Rücken lehne ich mich gegen die Wand. Die kühlen Fliesen bilden einen Kontrast zu meiner erhitzten Haut.
Mit geschlossenen Augen stehe ich da, lasse das warme Wasser auf mich niederprasseln und streichele mich mit gezielten Bewegungen dem Höhepunkt entgegen. Vor meinem inneren Auge taucht erneut Kevins Gesicht mit seinem einnehmenden Lächeln auf. Für einen Moment gebe ich mich diesem Gefühl hin, das sich bei dem Gedanken an ihn in meinem Körper ausbreitet. Es ist fast so, als würde ich erneut seine Berührungen und Küsse von gestern Nacht spüren können.
Mein Keuchen wird lauter, der Puls beschleunigt sich. Lange wird es nicht mehr dauern, das steht fest. Ich stelle mir vor, dass es nicht meine Hand ist, die meinen Schwanz verwöhnt, sondern Kevins.
Ich stöhne und meine Hand wird schneller. Mir knicken die Beine ein und ich muss mich mit der freien Hand an der Glasfront vor mir abstützen. Je näher ich dem Höhepunkt komme, desto mehr verändert sich das Bild in meinem Kopf. Plötzlich ist da nicht nur Kevin. Jetzt taucht auch noch Niklas in meinen Gedanken auf. O Gott! In meiner Vorstellung ist es nicht einer der beiden, der mich zum Höhepunkt bringt, sondern beide gleichzeitig! Die Gedanken manifestieren sich und werden so real, dass ich mich kaum noch beherrschen kann. Während ich mir vorstelle, wie Kevin mir einen bläst, sind Niklas’ Finger in meinem Arsch und verwöhnen mich.
Ich komme so heftig, dass meine Knie endgültig nachgeben und ich auf alle Viere sinke. Mein Herz hämmert so wild gegen meinen Brustkorb, dass ich schon glaube, es will herausspringen. Eine Weile verharre ich in dieser Position, versuche meine Atmung in den Griff zu bekommen und das Gedankenkarussell in meinem Kopf zu ordnen. Verwirrt starre ich auf die beschlagene Duschwand. Das, was eben in meinem Kopf vorging – es war wie ein Film, als wären diese Bilder nicht real. Doch leider kann ich nicht leugnen, dass ich gerade an zwei Männer gleichzeitig gedacht habe, während ich mich selbst befriedigt habe. So etwas ist mir bisher noch nie passiert. Ich habe mir noch nie vorgestellt, mit zwei Männern intim zu sein, weil diese Möglichkeit für mich bisher nie in Betracht gekommen ist. Es war für mich einfach unvorstellbar, gleichzeitig zwei Männer zu begehren. Doch jetzt … Seitdem ich Niklas und Kevin kenne, passiert mir genau das. Ich finde beide extrem anziehend und sexy. Ungläubig schüttele ich den Kopf, weil ich nicht begreifen kann, dass dieser Gedanke sich tatsächlich in meinem Hirn festgesetzt hat.
Nur sehr langsam rappele ich mich wieder auf, drehe das Wasser ab und steige aus der Dusche. Kaffee. Ich brauche dringend Kaffee. In Gedanken bediene ich bereits die Kaffeemaschine. Mit einem weichen Handtuch trockne ich mich ab, dann wickele ich es mir um die Hüften und begebe mich ins Schlafzimmer. Als ich das Tuch gerade lösen will, klingelt es an der Tür. Hastig krame ich nach Shorts und meiner Jogginghose, um sie schnell überzuziehen, schließlich will ich nicht nackt die Tür öffnen.
Mein Besucher ist ziemlich hartnäckig, denn das Klingeln hört nicht auf.
»Ja doch!« Genervt eile ich zur Wohnungstür und reiße sie schwungvoll auf. Ehe ich meinen Besucher genauer betrachten kann, fliegt er mir um den Hals, sodass ich beinahe das Gleichgewicht verliere und einige Schritte rückwärts taumele.
»Tobi, ich habe dich so vermisst!«, erklingt eine mir wohlbekannte Stimme ganz dicht an meinem Ohr. Meine Nackenhärchen stellen sich auf und ich bekomme eine Gänsehaut. Ist das etwa Daniel? Vorsichtig schiebe ich ihn von mir, um ihn genauer zu mustern. Tatsächlich. Daniel sieht freudestrahlend auf mich herunter. Er ist einen halben Kopf größer als ich, muskulöser und überhaupt viel attraktiver mit seinem rotblonden Haar und den unglaublich schönen grünen Augen. Wohl einer der Gründe, warum ich damals so sehr in ihn verknallt war.
»Was … was machst du denn hier?«, stammele ich überrascht. Ich kann nicht glauben, dass er wirklich vor mir steht. Unsere Wege haben sich nach dem Abitur getrennt. Daniel ist in die weite Welt hinaus gezogen, während ich mit dem Studium begonnen habe. Seitdem haben wir uns weder gesehen noch miteinander gesprochen. Zu tief saß der Schmerz, als er mich mit der Begründung verließ, dass es mit mir zwar schön war, er dennoch mehr auf Frauen stehe.
»Hey, begrüßt man so etwa einen alten Freund?« Fragend hebt Daniel eine Augenbraue und mustert mich genau. Sein Blick wandert über meinen Körper. »Aber … wirklich nette Aussicht.«
Jetzt erst wird mir klar, dass ich noch gar kein Shirt trage. Ich lasse Daniel einfach im Flur stehen und eile in mein Schlafzimmer zurück, um mich zu Ende anzukleiden.
»Mach’s dir doch im Wohnzimmer bequem. Ich komme gleich«, rufe ich ihm zu, während ich ein verwaschenes Shirt aus dem Schrank hole und es mir hastig über den Kopf ziehe. Daniels Schritte verklingen auf den Holzdielen, als er an meinem Zimmer vorbei in Richtung Wohnzimmer geht. Es ist quasi nicht zu verfehlen, da das Wohnzimmer direkt an den Flur grenzt. Mein Schlafzimmer geht rechts vom Flur ab. Daneben sind das Bad und auf der gegenüberliegenden Seite die Küche. Wirklich überschaubar.
Kurz schaue ich noch mal in den Spiegel, fahre mir mit den Händen durchs Haar, dann gehe ich zu Daniel zurück, der es sich mittlerweile auf dem Sofa bequem gemacht hat.
»Möchtest du auch einen Kaffee?«, frage ich ihn. Als mein alter Kumpel nickt, begebe ich mich in die kleine Küche und setze den Kaffee auf. Es dauert eine Weile, bis die dunkle Flüssigkeit in die Kanne läuft. In der Zwischenzeit hole ich zwei Tassen aus dem Schrank über der Spüle, fülle zwei Löffel Zucker in die von Daniel und gieße ein wenig Milch hinein. Seltsam, dass ich mich noch so genau daran erinnern kann, wie er seinen Kaffee am liebsten mag. Ich trinke das Zeug ausschließlich schwarz, damit es die volle Wirkung entfalten kann. Den täglichen Koffeinkick brauche ich dringend, um am Morgen überhaupt in Fahrt zu kommen.
»Willst du auch was frühstücken?«
Aus dem Wohnzimmer kann ich Daniels Lachen hören. »Frühstücken? Es ist fast halb zwei. Ich weiß ja nicht, was du bis jetzt getrieben hast, aber ich für meinen Teil hatte bereits Mittagessen.«
Der Kaffee ist fertig. Ich gieße ihn in die Tassen, dann schmiere ich mir schnell eine Scheibe Brot mit Nutella. Das muss erst mal reichen. Mit dem Brot zwischen den Zähnen und den beiden Tassen in den Händen gehe ich rüber ins Wohnzimmer, stelle seine Tasse vor ihm auf dem Couchtisch ab und setzte mich neben ihn. Eigenartig wie ruhig ich auf einmal in seiner Gegenwart bin, obwohl wir uns ewig nicht mehr gesehen haben. Es gab Zeiten, da konnte ich kaum atmen, wenn er mir so nah war. Mit jeder Faser habe ich mich damals nach ihm verzehrt, darum gebetet, er möge mich berühren. Und jetzt? Ich sehe ihn an, nippe an meinem Kaffee und kaue an dem Nutellabrot. Nichts. Kein Herzklopfen. Nicht mal ein klitzekleines bisschen.
»Was machst du hier? Und woher hast du überhaupt meine Adresse?«, frage ich neugierig. Ich kann mich nicht erinnern, sie ihm gegeben zu haben, als er mit dem Work-and-Travel begonnen hatte.
»Hab bei deiner Mutter angerufen und ihr gesagt, wie sehr ich dich vermisse. Anscheinend dachte sie, ich wäre einer deiner Verflossenen …«
»Was du ja auch bist«, werfe ich ein. Wir waren nicht richtig zusammen, eher war die Sache zwischen uns ein Experiment, obwohl ich tiefere Gefühle für meinen besten Freund gehegt habe, als ich mir eingestehen wollte.
»… und dann hat sie nur allzu gerne deine Adresse herausgerückt. Tadaaa – hier bin ich also«, schließt er seinen Bericht ab, ohne auf meinen Kommentar einzugehen. Schmunzelnd schüttele ich den Kopf. Es ist kein Geheimnis, dass ich schwul bin. Und meine Mutter hat darin auch noch nie ein großes Problem gesehen. Dass ich keine Mädchen mit nach Hause brachte, sondern eher von Jungs schwärmte, änderte nichts an ihrer Liebe. Ich bin wirklich froh, dass sie so verständnisvoll ist. Es gibt weitaus mehr Männer, die wegen ihrer Homosexualität von ihren Familien verstoßen werden oder sich aus Angst vor der Reaktion der Gesellschaft nie outen.
Zwar liebe ich meine Mutter, doch nach meiner Trennung von Daniel vor drei Jahren, versuchte sie mich oft genug an den Mann zu bringen. Sie tat es ganz unauffällig, wie sie glaubte, doch das ging mir auf die Nerven. Immer wieder fragte sie mich über meine Gefühle aus, ob ich denn nicht schon jemand Neues kennengelernt hätte oder zeigte mir Kontaktanzeigen von netten Männern aus dem Internet. Eine ihrer zahlreichen Freundinnen hatte auch einen schwulen Sohn, ein paar Jahre jünger als ich, mit dem sie mich zu gern verkuppelt hätte. Zu ihrem Pech ging ich nie darauf ein. Ich hatte nun mal Liebeskummer, na und? Das ist doch normal bei einem Jugendlichen. Früher oder später hätte ich mich wieder neu verliebt …
Ja … verliebt. Bin ich das vielleicht jetzt schon? Fühle ich deshalb nichts mehr in Daniels Nähe? Schweigend trinke ich meinen Kaffee, während mir mein Ex-Freund aus Jugendzeiten haarklein erzählt, was er in den letzten Jahren in Australien erlebt hat. Dass er überhaupt herkommt und so tut, als sei nichts gewesen, ärgert mich ein wenig. Schließlich hat er mich damals ohne große Erklärung verlassen. Er hätte sich ruhig ein paar Mal melden können. Dennoch kann ich mich seinem Charme auch jetzt nicht entziehen und ihm nicht wirklich böse sein, weil er nicht auf meine Mails geantwortet hatte, die ich ihm noch kurz nach seiner Abreise geschrieben habe.
In der Schule waren wir gute Freunde gewesen, bis ich irgendwann merkte, wie es für mich mehr wurde. Er war der erste Mann, der in mir diese unerfüllte Sehnsucht weckte. Daniel, der Weiberheld. Der Mädchenschwarm, der jeden Tag mit einer anderen knutschend auf dem Schulhof stand. Es war eher ein Zufall, dass ich ihm meine Gefühle gestand. Auf einer Party, auf der wir beide eingeladen waren. Ich war gerade zwanzig geworden. Schon damals vertrug ich nicht viel Alkohol. Wahrscheinlich hätte ich für immer geschwiegen und mich nie getraut, meine Gefühle zu offenbaren, wenn der Alkohol meine Zunge nicht gelockert hätte. Dann wäre ich vermutlich noch bis heute Jungfrau auf diesem Gebiet …
Daniel reagierte ganz anders als befürchtet. Er stieß mich nicht von sich, grinste bloß und meinte, wir könnten es ja versuchen. Mädchen wären auf Dauer langweilig und viel zu kompliziert.
Noch am selben Abend verlor ich an ihn meine Unschuld.
»Hast du mich gar nicht vermisst?«, fragt Daniel in die Stille hinein, die zwischen uns entstanden ist. »So, wie du mir zuhörst, sieht es nicht wirklich danach aus.«
»Klar … immerhin war ich damals total in dich verknallt«, gestehe ich ohne Umschweife. »Als du dich von mir mit der Begründung, Mädchen seien eher dein Ding, getrennt hast und einfach nach Australien verschwunden bist, brach es mir das Herz, Mann.« Statt wütend zu werden, schenke ich ihm ein schiefes Lächeln, denn ich bin längst über ihn hinweg.
Mein ehemaliger Kumpel sieht mich reumütig an. »Sorry«, murmelt er verlegen, »aber es war nun mal doch nicht das Richtige für mich. Und nach Australien wollte ich immer schon …«
Ich muss lachen. Bei seinem Anblick fühle ich keine Liebe mehr, sondern einfach kumpelhafte Zuneigung. Ich habe ihn wirklich vermisst, wenn auch auf eine andere Art. Gefühle ändern sich. Doch eine schöne Erinnerung wird die Zeit mit ihm trotzdem bleiben. Daniel zieht beleidigt seine Unterlippe zwischen die Zähne und kaut drauf herum, ohne mich anzusehen.
»Du warst der Einzige, ehrlich. Sonst waren es immer nur Frauen«, teilt er mir ein wenig verlegen mit.
»Da fühle ich mich aber geschmeichelt«, erwidere ich und lege meine Hand auf seinen Oberschenkel. »Lass uns nicht mehr über früher reden. Warum bist du hier? Nur Sehnsucht kann es wohl kaum gewesen sein.«
Daniel lächelt erleichtert. »Ich bin vor kurzem hergezogen, um zu studieren. Und da habe ich mir gedacht, es wäre doch toll, wenn wir wieder ein wenig mehr Zeit miteinander verbringen könnten. So wie früher.«
»Solange mein Hintern verschont bleibt«, scherze ich.
Daniel hebt abwehrend die Hände. »Keine Sorge. Du hast vor mir nichts zu befürchten. Ich stehe zurzeit ausschließlich auf Frauen. Außer du willst es natürlich … Ich konnte dir doch noch nie einen Wunsch abschlagen.«
Lachend boxe ich ihm gegen die Schulter. »Spinner! Sagtest du nicht eben, du stehst nur auf Frauen? Siehst du hier irgendwo Brüste?« Ich deute an mir herunter und Daniel lacht nun ebenfalls. Es tut gut, sich wieder mit ihm zu unterhalten und herumzualbern, ohne dass irgendwelche Gefühle im Weg sind. So wie in alten Zeiten.
Ich trinke meinen Kaffee aus und vertilge den letzten Bissen Brot. Langsam geht es mir besser. Die Kopfschmerzen haben deutlich nachgelassen. Daniel lehnt sich zurück und betrachtet mich, als ich aufstehe und die Tassen in die Küche bringe.
»Ich war echt ein Idiot damals … Dieser Hintern!«, ruft er mir hinterher.
Kopfschüttelnd räume ich die Tassen in die Spülmaschine, ehe ich zu ihm zurückkehre. Mit vor der Brust verschränkten Armen bleibe ich im Türrahmen stehen, lehne mich lässig dagegen und grinse Daniel an.
»Bereust du es? Deine Einsicht kommt eindeutig zu spät.«
»Ach, hast du etwa jemanden am Start?« Daniel grinst zurück und wackelt mit den Augenbrauen. Für einen kurzen Moment kehrt meine Unsicherheit und Verwirrung zurück. Ja … habe ich jemanden? In mir herrscht seit gestern Abend ein einziges Durcheinander. Kevin hat mir gestanden, dass er es sich mit mir durchaus vorstellen kann. Aber ich? Und was ist mit Niklas? Ich antworte nicht.
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