Kitabı oku: «Der Schneckenreiter»

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1. Auflage März 2017

Copyright © 2016 by Edition Roter Drache

Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

© Titelbild & alle Bilder: Joerg Schlonies. www.dojoerch.de

© Text: Katharina F. Bode

Buch- & Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache

Lektorat: Daniel Huster

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-944180-86-1

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

I. Es tickt nicht richtig

1. Der verbo(r)gene Schlüssel zum Königreich

II. Meuterei in Riechweite

2. Razzles Bibliothek der Wunder

III. Schwesterchen Angst und Brüderchen Mut

3. Der Waldtroll & die blaue Borke

IV. Auf dem Pfad der Geschichte

4. Der Goldkobold

V. Das Geschick, ein Blatt zu wenden… … man drehe es einfach um

5. Guinees Gastgeschichte

VI. Nach dem Bevor-Dessert

6. Sir Pigham und seine Schinkenschweine

VII. Wurmsitting für Dünnbrettbohrer

7. Kleiner Drache Naseweis

VIII. Sir Sedrick Blake R. – Lord Admiral Ihrer Majestät

8. Sir Sedricks Zeitreisetrick

IX. Expedition ins Zeitreich

9. Der Elventarnplan

X. Luftnot, Teigflut und Verstopfung

10. Mein Ticktacktanz für Königin Mab

Epilog: Das Ende vom Anfang

Danksagung der Autorin

Die Autorin

Der Künstler

Weitere Bücher


Die Gräser wogten so hoch, dass sie den einsamen Reiter beinahe gänzlich verschluckten. Lediglich der Zipfel einer Mütze ragte aus den weiten Feldern empor. Der Rittwind ließ die Halme rascheln, und das Gespann hätte wohl bald einen jeden davon hinter sich gelassen, doch der Reiter und sein Tier hatten es nicht eilig.

Die Rennschnecke glitt über den trockenen Acker hinweg und benetzte ihn mit einem Sekret, das ihn besser nähren würde als jeder Regenguss. Der Schneckenreiter saß in seinem gepolsterten Sattel und las ihr im hellen Schein der Sonne aus seinen Aufzeichnungen vor. „Spannender als jede Streckbank, was, mein Junge? Globoli? Hörst du mir überhaupt zu?“

Globoli verdrehte die Augen, so dass sich seine Tentakel umeinander wickelten. Schließlich hatte er den Reiter treu und loyal in jedes dieser Abenteuer begleitet, was ihn jedoch nicht davon abhielt, ihm alles noch einmal zu erzählen.

Immerhin wirkte sich das sanfte Grollen seiner Stimme in Vibrationen durch die Schale ihres Hauses hindurch mild massierend auf ihren Rücken aus.

„Einst war das alles hier noch karge Fläche, bis starke Winde über die Berge fegten …“ Der bärtige Reiter wies auf die Hügellandschaft in ihrem Rücken. „… und Samen in ihren Taschen mit sich führten.“

Nicht schon wieder die Entstehungsgeschichte der Windhosen, dachte die Schnecke. Sie schmatzte, als sie in nicht allzu ferner, nun ja, Entfernung eben eine schiefe Backsteinmauer ausmachte, die in einem weiten Kreis ihr Ziel umschloss: Clockville, die Stadt der Uhren.

Sollte der alte Mann nur weiter vor sich hin schwelgen, sie würde jetzt ihrer Art alle Ehre machen und einen Zahn zulegen. Und das, obwohl sie selbst über keinen einzigen verfügte.

Die Schnecke gluckste und beschleunigte, dass es dem Reiter fast die Mütze vom weißen Haar geweht hätte. Es bauschte sich um seine Schläfen wie Zuckerwatte, während ihn sein Untersatz in Schneckeseile immer näher an ein großes hölzernes Stadttor heranbrachte. Im Rittwind schaukelte der Duft von vollem Korn und einer Prise Sonnenstrahl dahin. Er kitzelte die beiden in den Nasen, bis die Schnecke vor dem Tor stoppte. Mit Mühe unterdrückte sie ein Niesen.

Der Reiter stieg vom Sattel in die klimpernden Bügel und schließlich vollends ab. Er strich sich über den bauschigen Bart, griff nach seinem Wanderstab und blickte sich um. Unter seinen Lederstiefeln knirschte der sandige Boden, als er einen Schritt vortrat und sich noch einmal wie ein Kreisel um sich selber drehte. Er machte einen weiteren Schritt auf das Tor zu und pochte mit dem Wurzelknauf des Stabs dagegen. Das Pochen klang dumpf, bevor der angelehnte linke Flügel knarzend einen Spaltbreit nach innen schwang.

Wieder griff sich der Schneckenführer in den Bart, rollte seine Mützenkrempe auf und schob den Kopf so weit durch den Torspalt, dass er gerade eben um die geschlossene Seite herum spähen konnte. „Seltsam.“

Der Alte schnalzte mit der Zunge, und Globoli folgte schleimend.

Das vertraute Schmatzen im Rücken raffte der Reiter seine Röcke und schlüpfte in die Stadt hinein. Er sah in die leerstehenden Wachhäuschen links und rechts und schüttelte den Kopf. „Sehr, sehr seltsam.“

Unter seinen Füßen veränderte sich die Konsistenz des Bodens von sandig-erdig zu kopfsteingepflastert und ließ ihn jede raue Kante durch die Sohlen seiner Stiefel spüren. Der Schnecke musste es bei ihrem nackten Bauch ganz ähnlich gehen.

Als die beiden ihre Augen hoben, entrollten sich vor ihnen leicht ansteigende, krumme Pfade, die sich zwischen den verwinkelten Fassaden der Stadt hindurch schlängelten und in sämtliche Richtungen abzuzweigen schienen. Hinter mancher Ecke erhoben sich zudem Uhren jeglicher Form und Farbe. Manche hingen anstelle von Glocken in Türmen, waren golden und schwer. Andere sahen wie überdimensionale, hölzerne Kuckucksuhren aus und ließen träge ihre Pendel hängen.

„Wirklich mehr als merkwürdig“, murmelte der Schneckenreiter. Und tatsächlich schien es sonderbar still und leblos in der Stadt zu sein. Trotz all der Uhren ringsum erfüllte nicht das kleinste Ticken die Sträßchen.

Da spitzte Globoli die Innenohren. Unter Anstrengung versuchte er es noch ein wenig stärker und meinte beinahe die Organe nach außen klappen zu spüren, als er endlich begann etwas zu hören. Zumindest nahm er es an. Er wiederholte das Prozedere, bis er glaubte jeden Tentakelblick platzen zu müssen. Da war doch eindeutig ein Laut. Mehrere sogar. Er bog einen Tentakel treppenstufenförmig und deutete damit um eine Ecke voraus.

Ein heiseres Scheppern und Poltern stahl sich nun auch an das gealterte Gehör seines Begleiters und wurde immer deutlicher vernehmbar, je mehr sich dieser darauf konzentrierte. Der zum Wanderer verwandelte Reiter setzte sich wieder in Bewegung und lenkte seine Schritte dem leisen Lärm entgegen, der schon bald nicht mehr ganz so leise klingen wollte.

Sie folgten den Geräuschen immer der zunehmenden Lautstärke nach durch die Schlingen und Windungen der Wege. Schiefe Häuser säumten sie zu beiden Seiten. Teils handelte es sich um strohgedeckte Fachwerkhäuser, teils schienen sie in ihrer Steinbauweise noch deutlich älteren Epochen zu entspringen. Eine Gemeinsamkeit bestand jedoch in den Holzzierleisten, die eine Vielzahl von ihnen aufwies. Stellenweise erweckte es den Eindruck, als seien verschiedene Behausungen einfach übereinander gestapelt worden. In schiefen Türmen unterschiedlicher Stilrichtung schraubten sie sich wie aufrecht stehende Flickenteppiche dem Himmel entgegen. So stand es jedenfalls zu vermuten, denn die zusammengewürfelten Wohnhäuser wuchsen so hoch und beugten sich derart weit über die Straßen, dass sie beinahe aneinander stießen und vom Himmel kaum etwas zu sehen ließen. Genauso wenig konnten Reiter und Schnecke daher ahnen, wohin sie ihr Weg letztendlich führen würde.

Sie folgten dem Poltern und Summen wie von einem gewaltigen Bienenschwarm weiter in Serpentinen durch Clockville und ließen ihre Blicke aufmerksam links und rechts an den Fassaden entlang schweifen. Manchem Turm entwuchs hier und da ein hölzerner Übergang mit geschnitztem Geländer. Nicht selten war er in sich verdreht, wackelte, knarzte unbehaglich oder endete bereits auf halber Strecke zum nächsten Turm. Die Rennschnecke blubberte, und ihr Reiter zögerte nicht zu antworten.

„Den Rest des Weges zum anderen Turm müssen sich die Bewohner an jenem alten Uhrpendel dort über den Abgrund schwingen.“ Er deutete mit einem knochigen Finger darauf, und Globolis Augen weiteten sich schlagartig.

„Jaja, das ist nicht ganz ungefährlich“, stimmte der Schneckenreiter zu und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Aber überaus typisch für die Ortsansässigen. Du musst wissen, dass sie nach einem strengen Zeitplan leben. Aufschub wird nicht geduldet, und wenn etwas eben nicht zeitgemäß fertig wird, belässt man es wie es ist und fährt dem Plan folgend mit der nächsten Aufgabe fort. Ihr Zeitplan ist genauso lückenlos wie die Stadtbebauung.“

Er stützte sich auf den Stock und ging weiter. Die Schnecke schüttelte den Kopf und betrachtete noch ein Weilchen das angelaufene Pendel an der halben Brücke, bevor sie ihrem Reiter hinterherrobbte.

In die Lücken zwischen den Häusern drängten sich immer wieder Kleinkunstläden, allen voran Uhrmachergeschäfte und Werkstätten. Sie schmiegten sich in jede erdenkliche Nische, ward sie auch noch so klein. Und wo sich tatsächlich einmal kein Gebäude erhob, standen knorrige Bäume, deren Äste teils zum einen Fenster hinein und aus einem anderen wieder hinauswuchsen. Ranken schlängelten sich über das Gestein der Wände und durchbrachen mancherorts das Kopfsteinpflaster.

Dafür gab es keine einzige Bäckerei, wie Globoli mit entsetztem Schmatzen feststellen musste. Er verrenkte sich beinahe die Augtentakel, während er danach Ausschau hielt, immer in der Hoffnung in irgendeinem Winkel doch noch eine zu erkennen. Stattdessen erblindete er fast, wenn plötzlich ein ungefilterter Sonnenstrahl durch die Schatten fiel und den Stein unter seinem Leib erwärmte. Ein Prickeln durchlief seinen Körper, bis er weiter über die kühleren Steine schleimte.

Obwohl der Geräuschpegel stetig zunahm, begegneten sie noch immer keinem einzigen Bewohner auf der Straße. Immerhin näherte sich die Steigung offenbar ihrem höchsten Punkt, denn die Gasse vor ihnen verlief zwar nach wie vor kurvig, doch wenigstens halbwegs eben, wenn davon bei dem holprigen Boden auch kaum die Rede sein konnte.

Als sie um die nächste Häuserecke des nächsten Uhrenladens bogen, schwoll der Lärm noch einmal an und begann sich in seine Bestandteile zu zerlegen, während sich das Sträßchen vor ihnen zu einem weiten Platz öffnete. Das dumpfe Poltern verwandelte sich in deutlich erkennbares Klopfen, und das Summen entpuppte sich als Gemisch aus Schreien, Rufen und Massenmurren eines heillosen Haufen Durcheinanders, das über den Markplatz brandete. Schnecke und Reiter erblickten endlich … die Uhrlinge. Und zwar in riesigem Auflauf alle auf einmal.

Sämtliche Bewohner Clockvilles hatten sich auf dem uhrigen Platz versammelt, in ihrem Zentrum die große Uhr, die als einzige schwieg. Dafür wurde von drei Seiten mit kleinen Meißeln auf sie eingehämmert, nur immer wieder davon unterbrochen, dass einer der Hammermeister die anderen anbrüllte.

„Das tickt doch nicht richtig“, schrie er soeben einem anderen der drei Uhrlinge in schwarzen Latzhosen zu.

„Hör auf mich zu beleidigen“, brüllte der prompt zurück und hämmerte noch fester auf den Uhrkasten ein.

Der erste verdrehte die Augen. „Ich habe vom Uhrwerk gesprochen.“ Ein Brummeln kam zur Antwort aus dem Kasten, in dem der dritte Latzhosenträger und Hammermeister kopfüber bis zum Bauch feststeckte.

„Es tickt einfach nicht richtig“, kam es dumpf daraus hervor.

„Nichts anderes habe ich gesagt.“

„Meine Worte!“

„Die gehören dir längst nicht, nur weil du meinst, sie als Erster ausgesprochen zu haben“, fiel der Dritte ein und schwang seinen Meißel über dem Kopf.

Ein weiterer Kopf löste sich aus der Menge und rief: „Probiert doch mal am Zeiger zu ziehen!“

Der Dritte ließ über die Bemerkung glatt seinen Meißel fallen und klatschte sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Und dann auch noch umgeben von Dummlingen! Am Zeiger ziehen, am Zeiger ziehen“, zeterte er noch, während er sein Werkzeug wieder aufklaubte, und ihm der nächste Uhrling einen Rat zurief. Die Schaulustigen schauten, traten von einem Fuß auf den anderen, einige drehten sich sogar im Kreis. Sie klackerten mit ihren Fingern gegen die Gehäuse ihrer stillen Taschenuhren, sahen nervös über ihre Schultern und redeten wahlweise wild durcheinander oder auf die drei Latzhosenträger ein. Ein Uhrling stand bloß da, putzte permanent seine Taschenuhr, steckte sie in die Tasche zurück, zog sie erneut hervor, putzte sie und wiederholte die ganze Prozedur, immer wieder dieselben Worte intonierend. Mit wehklagendem Wimmern im Abgang. „Uneinholbar. Verloren.“ Wimmer. „Uneinholbar. Verloren.“ Wimmer.

Die Kinder der Uhrlinge – oder Kuhrlinge wie sie der Zeitersparnis wegen genannt wurden – hingen zappelnd in den Armen einiger Fruhrlinge (Koseform der Frauen-Uhrlinge oder Frohnaturen, wie sie es selbst lieber betrachteten), tollten und krabbelten um deren Beine oder hingen wie erstarrt an für sie erreichbaren, herabhängenden Körperteilen, zumeist Händen, der elterlichen Bewohner. Die Uhralten starrten unterdessen wie gelähmt und mit geweiteten Augen auf das große Uhrwerk, nur ihre Kiefer bewegten sich, wenn sie Stammeleien vom finsteren Kuchenzeitalter und verbranntem Teig vor sich hin brabbelten. Vereinzelt wiegten sie dabei ihre Oberkörper vor und zurück, bis sie wieder in ihre Schockstarren zurücksanken, die Gesichter weiß wie Wachs oder noch schlimmer … Mehl.

Der Schneckenreiter hatte das Treiben lang genug beobachtet. Nun wechselte er einen Blick mit Globoli, nickte und entschied vorzutreten. Er tat einen Schritt in die gewünschte Richtung. Dann noch einen. Diese Prozedur wiederholte er, bis die aufgewühlte Menge sich in angenehmer Nähe befand, um gemütlich mitschreien zu können. Stattdessen räusperte er sich. „Hmmhrrmm.“

Das Murren verstummte. Zwar nicht sofort, aber mit Verzögerung registrierten die Uhrlinge, dass jemand Fremdes, respekteinflößend Bärtiges sich ganz in ihrer Nähe geräuspert hatte. Als die Erkenntnis schließlich in ihrer Wahrnehmung aufflammte, verebbten Gemurre, Gemurmel und Gezeter. Die Menge teilte sich, um einen einzelnen unter ihnen freizugeben. Ein Bart so spitz wie seine Ohren ließ ihn elfenhaft anmuten, allerdings in einer kleinen dicken Version. Zudem hatte es sich eine beschlagene Bauklotzbrille auf seiner knubbeligen Nase bequem gemacht.

Das Männlein, von der Kleidung beinahe ein typischer Muhrling, wackelte bei jedem Schritt leicht von einer Seite zur anderen, ganz dem Sekundentakt einer tickenden Uhr folgend, nur dass derzeit keine tickte. Ebenso wie alle Muhrlinge trug er eine Latzhose nebst Hut, in seinem Fall beides in butterblumengelb. Darüber hinaus jedoch zierten ihn zusätzlich Frack und Fliege. Besagte Fliege begann sogleich sich zu winden und zu surren. Sofort langte er an die Flügelschlaufen und zog den Brummer wieder fest, bevor er selbst den Mund öffnete.

„Seid gegrüßt, Fremder! Verzeiht bitte, aber könntet Ihr uns wohl verraten, wann wir haben?“

Der Schneckenreiter sah in die Runde von einer Kette zur nächsten, die an jeder Uhrlings Latzhose hinunterbaumelte und eindeutig zu Uhren in den Taschen führte. Schließlich runzelte er die Stirn. „Sagtet Ihr Wann?“

„Jawohl, das war meine Frage. Wir hatten ein kleines … Zeitunglück. Alle Uhren sind stehen geblieben, und nun wissen wir einfach nicht mehr, wann wir haben. Ich hatte gehofft, Ihr könntet es uns vielleicht mitteilen.“

Ringsum blickte der Reiter in hoffnungsvoll glänzende Augen. „Nein“, brummte er indes, „nein, tut mir außerordentlich leid. Ich reise stets zeitlos.“

Sofort erschlafften die Muskeln der Umstehenden, und sämtliche Uhrlinge ließen synchron die Schultern hängen.

„Dafür …“, hob der Schneckenreiter wieder an.

„Ja?“ Sofort trat wieder rosiger Schimmer auf die Wangen des Fragenden.

„… will ich euch verraten, wer ich bin. Ein Fremder nämlich ganz gewiss nicht.“

„Oh, natürlich, wie unhöflich von mir. Nur zu.“

„Mein Name ist Seymour Schneckenreiter, und mir zur Seite steht wie stets Globoli, die schnellste Schnecke diesseits der Komischen Koboldhügel.“

Globoli schmatzte und wackelte erfreut mit den Augtakeln.

Oh, lieber Buhrgermeister der Stadt. Willy Bold, du wirst uns doch wohl nicht vergessen haben?“ Mit den Worten beugte der Schneckenreiter leicht den alten Rücken und lüpfte seine Zipfelmütze.

„Seymour, alter Freund?“, änderte sich die Tonlage des befrackten Uhrlings. Er nahm die beschlagene Brille von der Nase, wischte sie an der Latzhose sauber und setzte sie wieder auf. „Seymour Schneckenreiter, aber natürlich. Jetzt erkenne ich dich auch. Willkommen!“ Willy Bold eilte seiner Natur getreu wackelnd auf den Reiter zu und schloss ihn herzlich in die Arme. Am ganzen Leib zitternd trat er wieder zurück. Es tut uns aufrichtig leid, dir in diesen überaus schlechten Zeiten oder vielmehr Zeitlosigkeiten keinen gemesseneren Empfang bereiten zu können.“

Die drei schwarzbelatzten Uhrlinge beäugten die Neuankömmlinge mit Skepsis, Argwohn und nervösem Zucken des jeweils linken Augenlids. „Gemessener Empfang, pah! Können ja momentan nicht mal die Uhrzeit messen“, murmelte der erste von Ihnen unüberhörbar.

„Jaja, das ist wahr, das große Uhrwerk steht seit … keiner kann mehr sagen wie lange schon still und mit ihm alle anderen in ganz Clockville. Unsere Lebensplanung ist hinüber, weil keiner mehr weiß, wann und somit wo er ist, geschweige denn sein sollte oder was er gerade tun müsste. Es ist schrecklich.“

„Das Ende“, wisperte eine der Uhrältesten. „Der Teig geht auf, die Flut rückt nahe.“ Ihre mysteriöse Prophezeiung verstanden die übrigen Uhrlinge wohl als Anstoß dafür, ins neue alte Muster zu verfallen. Ringsum schwoll der Lärmpegel wieder an. Es wurde gemotzt, gepöbelt und allem voran gepanikt.

„Wir sind jetzt schon im Rückstand“, schrie einer.

„Unaufholbar!“, stimmte der nächste ein.

„Was soll nur werden?“, fragte ein anderer.

„Der sekundiöse Ablauf ist gestört!“

„Vielleicht ist der Zeit selbst etwas zugestoßen“, jammerten alle durcheinander.

Der Schneckenreiter grübelte, wie er den Tumult bändigen und die verzweifelten Uhrlinge beschwichtigen konnte, da sauste ein Licht durch die Windungen seines alten Verstandes, und er begann sich an ein bestimmtes Ereignis zu erinnern, das sich womöglich als hilfreich erweisen mochte. Ein breites Lächeln spaltete seinen buschigen Bart wie ein Beil das Feuerholz. Keiner schien Notiz davon zu nehmen. Genauso wenig wie von dem Blitzen in seinen Augen. Keiner? Nun ja, mit Ausnahme eines kleinen Uhrlingsmädchens auf dem Arm einer korpulenten Fruhrling. Seinen großen Kulleraugen war nichts davon entgangen und es begann sofort am Ärmel seiner Mutter zu zupfen. Kaum hatte die Fruhrling ihren Griff um das Kind gelockert, hüpfte das Mädchen schon mit wippenden Flechtzöpfen vom Arm herab und rannte auf den Schneckenreiter zu.

Ohne ein Wort ergriff es seine runzelige Hand und führte ihn durch die Schneise in der Menge zum Uhrenkasten. Dort angekommen bat es den Reiter gestikulierend auf einem großen hölzernen Werkzeugkasten Platz zu nehmen.

„Seid alle ruhig!“, schrie das Mächen in die Menge, die von alledem wieder einmal nichts mitbekommen hatte und sich nun wunderte, von wo aus die helle Stimme ertönte, die keinen Widerspruch duldete. Von ihrem Buhrgermeister ganz gewiss nicht. Die Mutter der Kuhrling wusste es jedoch sofort und drehte sich um. „Guinee“, seufzte sie und konnte doch ein Lächeln nicht verbergen.

Ihrem Beispiel folgend, wandten sich auch alle anderen wieder der großen Uhr und damit dem Schneckenreiter und dem schwarzen Schopf an seiner Seite zu. Das Mädchen mit der Stupsnase und dem Fransenpony trat von einem Fuß auf den anderen, als es jeden Blick der Stadt auf sich ruhen sah. Es fasste sich ein Herz. „Ich habe gesehen, wie jener Herr Schneckenreiter eine Idee hatte und ich würde sie gern hören. Ich bin dafür, wir lassen ihn sprechen. Wer schließt sich mir an?“, stachelte Guinee die Menge an.

Verwirrte Blicke machten die Runde, und vereinzelt reckten sich Hände in die Höhe.

Davon bestärkt, fuhr sie fort. „Alle streiten sich, keiner kann sich beruhigen. Wir wissen nicht weiter, nicht einmal Raffnuss, Rufus und Rohfuß tun das.“ Damit deutete sie auf die drei Uhrmeister in den schwarzen Latzhosen, die das Uhrwerk vormals ausgiebig traktiert hatten.

„Nun ja … öhm“, murmelte Rohfuß, während die anderen beiden die Arme verschränkten.

„Was schadet es demnach ihm zuzuhören? Schlimmer kann es nicht werden“, schloss Guinee ihren Vortrag ab und wandte sich mit wehendem Pony dem Schneckenreiter zu. „Bitte erzählen Sie! Was schwebt Ihnen vor?“

Der Schneckenreiter holte tief Luft, was Globoli die Gelegenheit bot, das Mädchen eingehend zu mustern. Außer der kurzen Latzhose trug sie bestickte Strumpfhosen und Pluderbluse mit mechanischen Gerätschaften von A wie Aufzugkrone bis Z wie Zahnrad darauf. Aus ihren seitlich geflochtenen Zöpfen hatten sich passend zum Fransenpony einige Strähnen gelöst und fielen locker um ihre spitzen Ohren. Dann wurde Globolis Blick von den Schleifen, die den Rest des Geflochtenen zusammenhielten, angezogen und blieb prompt daran hängen. Na nu, das waren ja überhaupt keine Schleifen. Er blinzelte, rieb seine Tentakelaugen aneinander, fuhr sie soweit aus wie er konnte, ohne eine Tentakelzerrung zu riskieren, reckte sie noch ein wenig weiter vor und betrachtete die Schleifen, die keine waren, noch einmal genauer. Ja, in der Tat, da gab es kein Vertun. Schlafende aber davon nicht weniger lebendige Minifledermäuse umkrallten kopfüber hängend die Zopfenden des kleinen Mädchens. Die Rennschnecke schmatzte und konzentrierte sich wieder auf ihren Begleiter, der endlich genug Luft in seinen Lungen hatte, um erzählen zu können.


„Nun denn“, hob er an, „die Situation eurer Stadt erinnert mich an meine Zeit in den Landen Widewestwingtons.“

In Guinees Ohren klang die tiefe Stimme des Schneckenreiters wie sanftes Grollen, das sich tief aus dem Inneren schneebedeckter Gebirge erhob und sie wohlig frösteln ließ. Sie klang nach Abenteuer und roch nach Erfahrung. Abgestandener Erfahrung … obwohl das auch auf die Schnecke zurückzuführen sein konnte. Guinee kräuselte die Nase und schenkte dem Tier einen Seitenblick, während sie weiter den Worten des Reiters lauschte.

„Dort erzählte man sich bald, wann immer es zu Zwistigkeiten zwischen sich streitenden Geschwistrigkeiten kam, das Geheimnis hinter dem Schutz der Heimat, später dem sogenannten Heimatschutz.“

„Und was hat das mit uns zu tun?“, verlangte Raffnuss zu wissen.

Guinee stampfte mit einem ihrer Stiefel auf, der nicht unähnlich derer von Weihnachtswichteln schien. „Für gewöhnlich erfährt man das am Ende einer Geschichte, Raffnuss!“

„Genauso ungeduldig wie immer“, pflichtete Rufus ihr sofort bei. „Es ist sowieso deine Schuld, dass die Uhr steht.“ Damit stupste er Raffnuss.

„Von wegen“, stupste der zurück. „Wenn dann, hast du sie kaputt gemacht du ungehobelter …“

„Nananana! Das geht doch auch anders. Ihr seid schließlich Freunde. Genauso wie einst Yeti, Zwerg und Kobold. Auch wenn das nicht immer so war.“

„Was ist passiert?“, fragte Guinee mit süßer Stimme.

„Ja, was?“, fragte nun auch Willy Bolds Sohn und lugte hinter den Beinen seines Vaters hervor.

„Erzähl uns die Geschichte, Schneckenreiter!“, forderten sie.

„Ja, bitteeee“, fielen sofort sämtliche Kuhrlinge mit ein, kamen um die Beine der Erwachsenen herum und ließen sich im Schneidersitz auf den belatzten Hosenböden nieder.

Eine echte Stachelbeere dieses Mädchen, dachte der Schneckenreiter, schmunzelte erneut und kratzte sich am Kopf. „Hmmm, wie war das noch? Ach ja, so muss es gewesen sein.“

Er legte seinen Stab auf die knochigen Knie und beschwor mit seinen Händen die Bilder einer Erzählung herauf. „Eine meiner zahllosen Schneckenreisen führte mich in das verborgene Königreich Widewestwington und …“

Während die erwachsenen Uhrlinge noch unruhig hin und her rutschten oder von einem Bein aufs andere traten als müssten sie dringend … ihre Sohlen wechseln, hingen die Kinder bereits mit großen Augen an den bebenden Bartzipfeln des Schneckenreiters. Bei jedem Wort, das seine Lippen formten, wippten die buschigen Enden seicht auf und ab, kitzelten leicht seine Wangen und fesselten nach und nach auch den letzten umstehenden Muhr- wie Fruhrling. Selbst Raffnuss, Rufus und Rohfuß wurden nach einem strengen Zischen Guinees still und lauschten. Globoli lächelte und bettete den Kopf auf einen – so schien es ihm – eigens dafür hervorstehenden Kopfstein. Der Name sprach da doch für sich. Er rollte die Augtakel ein und schmatzte zufrieden.

„… dort erzählte man sich folgende Sage. Es ist ein Brauch, an dessen Entstehung ich gestehen muss, nicht ganz unschuldig gewesen zu sein.“ Der Reiter schmunzelte.

„Es begab sich denn, dass drei Wächter eine Pforte aus purem Gold hüteten. Doch der wahre Wert jener kostbaren Tür lag nicht etwa in ihrem Material oder der glitzernden Art, in der ihre Beschläge das Sonnenlicht reflektierten, oh nein! Ihr wahrer Wert lag dahinter. In dem verborgenen Königreich, das sie beschützte.

Unsere Geschichte handelt dessen ungeachtet nicht von diesem verblüffend königlichen Reich selbst und wie dort Zwerge, Trolle, Feen und sogar Aufmüpfe friedlich miteinander lebten, nein, weit gefehlt! Unsere Erzählung spielte sich davor ab, vor der goldenen Pforte, und begann so überhaupt nicht friedvoll.“

Der Schneckenreiter warf unter seinen buschigen Brauen einen Blick auf die drei Raufbolde, ehe er fortfuhr.


1.
Der verbo(r)gene Schlüssel zum Königreich

„Damals vor der großen Pforte Widewestwingtons fiel die Aufgabe ihrer Bewachung mehreren Wächtern zu. Ihrer Zahl drei, um genau zu sein. Man hatte sie erst kürzlich dazu auserkoren, weshalb sie einander nicht besonders gut kannten, geschweige denn leiden mochten. Umso schwerer fiel es ihnen folglich, sich auf eine Taktik der Bewachung zu verständigen. Von Einigung konnte gar nicht erst die Rede sein. Sie hätten nicht weiter davon entfernt sein können.

‚Ich sage, wir vergraben den Schlüssel und das Tor ist sicher.‘

‚Soso, und wer bist du, das zu sagen?‘

Der angesprochene Zwerg legte die Hand aufs Herz. ‚Nimrod Scriveldish, meines Zeichens oberster Schlüsselhüter.‘ Er griff an seine Rocktaschen und ließ sie gewichtig klimpern.

Der schnauzbärtige Kobold, der die Frage gestellt hatte, zog eine Grimasse und äffte ihn nach: ‚Oberster Blablabla. Und wenn du König Keksmeister von Marzipanien wärst, die Taschen voller Finkenfutter! Von einem Zwerg lasse ich mir gar nichts sagen! Pfeifen wir auf das krumme alte Klimperding!‘

Er beäugte den Schlüssel, auf den sich der Zwerg stützte und der etwa die Hälfte seiner Körpergröße maß. ‚Mein Schwert wird jeden Feind längst niedergestreckt haben, bevor der auch nur daran denken kann nach deinem Schlüssel zu greifen.‘

Das handelsübliche Kurzschwert, das er in die Luft reckte, überragte den strammen Schnauzbart um eine ganze Klingenlänge, und machte es somit bei der eigenen Körperkürze zu einem Überlangschwert. Nichtsdestotrotz wusste er es erstaunlich geschickt zu handhaben. Es fiel ihm nur ein einziges Mal herunter. Vor den folgenden zwei Malen jedenfalls.

‚Ach ja?‘, fragte der Zwerg und machte einen Schritt auf den Kobold zu, der seinerseits nun wieder gar nicht daran dachte zurückzuweichen. Schon standen sie einander Stirn an Stirn und Schlüssel an Schwert gegenüber.

‚Ja! So wahr ich Hogelgard heiße‘, grunzte Hogelgard.

‚Duuu!‘

Der Erdboden erbebte, als sich den Streitbolden von hinten schwere Schritte näherten. Große, haarige Arme schlossen sich um die beiden und drückten sie so fest aneinander, dass ihnen die Luft entwich, die Rippen knacksten und ihre Köpfe kirschreifrot anliefen. Sie strampelten mit den Beinen und versuchten sich bei Leibeskräften zu wehren, um sich aufeinander stürzen zu können, doch der Erdbebenverursacher wiegte sie in aller Ruhe hin und her und summte mit sonorer Stimme eine Schlafmelodie dazu.

Nach und nach erloschen ihre Kräfte und mit ihnen auch der Widerstand, den sie zu leisten vermochten. In dem Moment setzte sie der zottelige Yeti wieder ab. ‚Na bitte, ihr habt euch beruhigt. So ist’s recht. Seid eins mit den Krumen des Gerölls und atmet seinen Staub.‘

Beide verdrehten die Augen, wandten einander den Rücken zu und verschränkten ihre Arme vor der Brust. Dann schielten sie aus dem Augenwinkel zu dem Riesen. Mit einem weiteren Beben ließ der sich auf sein Hinterteil plumpsen und formte mit seinem gurkenlangen Zeige- und Mittelfinger ein V. ‚Hi! Ich bin Padalupwe.‘

‚Pfft‘, zischte der Zwerg.

‚Pah, was is’n das für’n beknackter Name?‘, grummelte Hogelgard.

Die Augen des Yetis weiteten sich und wurden glasig. ‚Das ist der Name meiner Mutter. Paps hat mich nach ihr benannt‘, sprach der gegen einen Kloß im Hals an.

‚Oh, Verzeihung.‘ Hogelgards grimmige Miene glättete sich. So eilig ihn die kurzen krummen Beine trugen, stapfte er zu dem Yeti, um dessen muskulösen Unterarm zu tätscheln.

Nimrod schüttelte den Kopf und gestikulierte wild, dass das als Entschuldigung nicht ausreichte.

Hogelgard zuckte die Schultern und rang um weitere Worte. ‚Ich … ich meine, das ist natürlich ein außerordentlich ge… geschmackvoller Name. Habe ich beknackt gesagt? Also, du musst wissen‘, stammelte er, als ihm plötzlich ein Licht aufging, das in Form eines Lächelns über sein Gesicht huschte. ‚Also, beknackt heißt bei uns Kobolden gut: Du bist ja total beknackt! Das sagt man so. Ein größeres Kompliment gibt es gar nicht.‘

Stolz nickte er über seinen eigenen Einfall.

‚Ach, echt?‘, fragte Padalupwe, wischte sich die Schniefnase und zückte einen gigantischen Schnabelbecher.

‚Ja, ja, wirklich.‘ Hogelgard blickte hilfesuchend zu Nimrod, den nun auch Padalupwe fragend anglotzte.

Der Zwerg zog eine Augenbraue hoch, seufzte und gesellte sich dann näher zu den beiden. ‚Mhm, ja, das hab ich auch schon gehört. Die Kobolde sind eben ein … außergewöhnliches Völkchen.‘

Hogelgard kniff die Augen zusammen, blieb aber still.

‚Einen schönen Hammer hast du da, mein zotteliger Freund‘, lenkte Nimrod ab. ‚Mit dem könntest du Angreifern sicherlich ordentlich eins überbraten.‘

Wieder weiteten sich die Augen des Yetis. ‚Ich bin Pazifist. Das Hammerwerfen dient nur der Abschreckung. Hört mal!‘

Padalupwe schwang den Hammer über seinem Schädel, ließ ihn sirren, swooshen, zischen und schmoschen.

‚Beeindruckend‘, musste Nimrod gestehen.

Auch Hogelgard nickte. ‚Du bist ja ein Wahnsinnskerl, Padalumpur … Padaradauz … Pada …‘

‚… lupwe‘, beendete Nimrod den Satz des Kobolds und fing sich beinahe einen Fausthieb ein. Im letzten Moment konnte er ihm noch ausweichen und ballte nun seinerseits die Fäuste.

‚Nanana!‘ Wieder streckte der Yeti die Arme nach den beiden aus, doch als diese sie wie zwei behaarte Keulen auf sich zukommen sahen, hoben sie beschwichtigend die Hände.

‚Schon gut, schon gut, alles gut. Siehst du? Ich bin ganz ruhig‘, sagte Nimrod.

‚Die Ausgeglichenheit in Person‘, pflichtete Hogelgard ihm bei. ‚Aber dir verpassen wir vielleicht lieber einen Spitznamen. Wie wäre es mit … Shmosh?‘

‚Hmm, ja‘, nickte Nimrod, ‚klingt gut.‘

‚Klingt nach einem Hammer, der durch die Luft saust‘, korrigierte Hogelgard.

Padalupwe, fortan genannt Shmosh, lächelte und nahm einen großen Schluck Honigharz aus seinem Schnabelbecher. ‚Punkt eins hätten wir geklärt, bliebe da nur noch das Problem mit der Pforte und wie wir sie am besten verteidigen.‘

‚Kleinigkeit‘, seufzte Hogelgard und ließ sich auf einem Stein nieder. Shmosh reichte ihm den Becher, den der Kobold gerade so mit beiden Händen umklammern konnte.

Dann ließ auch Nimrod sich nieder und sah mit den anderen beiden dabei zu, wie sich das Sonnenlicht in dem Gold des Tores spiegelte und flirrend zurückgeworfen wurde, während er den Honigtrunk entgegen nahm.

Am nächsten Morgen erwachten Hogelgard und Shmosh beinahe zeitgleich, nur um festzustellen, dass der verbogene Schlüssel samt seines Hüters verschwunden war.

‚Ha, wusst’ ich’s doch! Der Zwerg hat uns ausgetrickst‘, schimpfte der Kobold sogleich und wirbelte so schnell mit seinem Schwert herum, dass kein Auge ihm folgen konnte.

Shmosh gähnte. ‚Und was, wenn ihm etwas passiert ist? Wir sollten ihn suchen.‘ Er rieb sich die Augen.

‚Und unseren Posten verlassen? Das will er doch nur, dieser durchtriebene …‘

Ein Liedchen pfeifend, trat Nimrod hinter einem Gebüsch hervor und zog seinen Gürtel straff. ‚Na? Gut geschlafen?‘

‚Was hast du mit dem Schlüssel gemacht?‘ Hogelgard drückte ihm die Schwertklinge gegen die Kehle, noch ehe Nimrod sie kommen sah.

‚Ruhig Blut. Ich habe ihn vergraben. An einer sicheren Stelle.‘

‚Ich sagte doch, das würde nicht nötig sein‘, erwiderte Hogelgard und ließ widerstrebend die Klinge sinken, als er Shmoshs schockierten Gesichtsausdruck bemerkte.

‚Und ich gehe lieber auf Nummer sicher‘, antwortete der Zwerg.

‚Sicher, was soll das überhaupt heißen? Ist sie etwa unter dem Gebüsch.‘ Der Kobold ruckte mit dem Kopf in die Richtung, aus der Nimrod zuvor erschienen war.

Der schürzte die Lippen und sah in die Luft. ‚Wer weiß?!‘

‚Also ist sie dort. Ist ja lächerlich. Sicher.‘

‚Von wegen. Ich geb’ dir gleich lächerlich.‘ Aus seinem Stiefel beförderte Nimrod einen länglichen Gegenstand hervor. Seinem Glänzen zufolge musste er aus Metall sein. Er zog ihn auseinander wie ein Fernrohr und deutete schließlich mit der verlängerten Spitze auf Hogelgards Hals. Zumindest hatte er dorthin gezielt, aber wieder einmal die fixen Bewegungen des Kobolds mit seinem Schwert unterschätzt. Statt auf ihn zu deuten, steckte der Gegenstand nun mit der Spitze voran im sandigen Boden. Nimrod starrte noch auf seine leeren Hände, während Hogelgard laut lachte. ‚Eine Klapplanze! Nicht dein ernst! Die sind so von gestern! Die Qualität taugt auch nichts. Typisch Zwerg.‘

In Nimrods Augen loderte Zorn. ‚Wenn mich nicht alles täuscht, stammt deine Klinge ebenfalls aus Zwergenschmieden. Als wäre ein ritterlich mittelalterliches Schwert der neueste Schrei unter den Waffen.‘

Hogelgard ließ die Knöchel knacken, bis sie weiß anliefen und taub wurden. Zwischen zusammengebissenen Zähnen zischte er hervor: ‚Nimm deine schäbige Rostlanze und stell dich dem Duell, von Zwerg zu Kobold.‘

‚Jungs‘, versuchte Shmosh sich einzumischen.

Nimrod zog die Lanze aus dem Sand und ging in Angriffsposition. ‚Irgendwelche letzten Worte, Hogelbart?‘

‚Ich heiße Hogelgard!‘

‚Juhungs!‘

Nimrod machte eine wegwerfende Handbewegung. ‚Morgen wird dein Name ohnehin vergangen sein. Vom Sande verweht!‘

‚Grrr. Nein, deiner!‘

‚Also Jungs, bitte, wenn ihr …‘

‚Das wollen wir ja mal sehen.‘

Die beiden begannen sich zu umkreisen wie Wespen im Bikini bei einem Ringerduell, als der Yeti jeden von ihnen mit jeweils einer Hand packte und von der Pforte fort in Richtung Horizont drehte. ‚Jungs, wir bekommen Besuch, und der wirkt reichlich unerfreut auf mich. Bestimmt hat ihm seine Mutter niemals Kekse zum Geburtstag gebacken.‘

‚Ja, das wird’s sein‘, knirschten Hogelgard und Nimrod. Sie verstärkten den Griff um ihre Waffen und wappneten sich für den Kampf, während die Staubwolke unaufhörlich näher rückte. Einige Lanzenlängen entfernt verlangsamte sie sich und blieb unvermittelt stehen. Nachdem sich der Staub gelegt hatte, erkannten die Wächter endlich, was sich ihnen näherte. Das, was da auf spindeldürren Beinen auf die drei zuwankte, sah aus wie eine Mischung aus Stabheuschrecke und zerlumpter Steppdecke.

‚Ich glaub es nicht! Eine Steppschrecke‘, flüsterte Nimrod, und die drei Wachen rückten enger zusammen.

Ihr reichlich ramponierter Aufzug erklärte sich hauptsächlich aus Brandlöchern und jeder Menge loser Fäden, die von vielen vergangenen Kämpfen kündeten. Einer der Fäden diente zudem als Leine für das blutrünstigste Wesen aller Königreiche. Ein … weißes Kaninchen. Die Steppschrecke musste ein Magier sein! Nur jene wagten es diese Wesen mit ihrem Alltag unter einen Hut zu bringen. Das Kaninchen zog und zerrte an der Leine um seinen Hals und entblößte seine mümmelnden Schneidezähne. Sein Herr warf ihm zwei Möhren vor und die Wächter mussten mit ansehen, wie das Kaninchen das arme Gemüse binnen Sekunden zu Tode raspelte. Ein Tropfen Möhrensaft triefte von seiner weißen Schnauzen. Orange funkelte er in der steigenden Sonne.

Schließlich ertönte eine dumpfe Stimme aus den Eingeweiden der Steppdecke. Sie klang als habe der Sprecher sich ein Kissen auf die Zunge gelegt und Wattebäuschen in die Nase gestopft.

‚Schrecklich! Grauenvoll!‘, bibberte Shmosh und versuchte hinter dem winzigen Hogelgard in Deckung zu gehen, den Hammer vor die Augen gehoben.

‚Ich bin Ma Gier!‘

Hogelgard schnaubte und stieß Nimrod den Ellenbogen in die Seite. ‚Kein besonders einfallsreicher Name für einen Magier, oder?‘ Nur mit Mühe unterdrückte er ein Lachen.

‚Und ich komme“, fuhr Ma Gier fort, „die Herrschaft über das verborgene Königreich zu beanspruchen. Zunächst die Gewalt über das goldene Tor!‘

Shmosh vernahm eines seiner Stichworte und reagierte sofort. ‚Hey, Meister, Gewalt is’ nicht. Niemand tut dem Tor weh!‘

‚So, meinst du?‘, nuschelte Ma Gier zwischen ausgespuckten Flusen, beugte sich vor und ließ das Kaninchen von der Leine.

Vor Schreck verharrten die Wächter einen Moment lang wie gelähmt. Erst als sie das plüschige Tier mit seinem Puschelschwänzchen rasend auf sich zu hoppeln sahen, kam wieder Bewegung in ihre Glieder.

Nimrod reagierte als erster und präsentierte dem Kaninchen die Klapplanze, doch Ma Gier entriss sie ihm blitzartig wie ein Peitschenhieb mit einem seiner losen Fäden. ‚Wo ist der Schlüssel?‘, wisperte er halb erstickt.

‚Verrat es ihm nicht!‘, brüllte Hogelgard. ‚Alles, was er sieht, kann er mit den fiesen Fäden schnappen! Die sind verdammt wendig.‘

‚Was du nicht sagst‘, schrie Nimrod zurück und flüchtete vor dem Kaninchen einen Baum hinauf, der eher ein Beerenstrauch war und sich unter dem Zwergengewicht gefährlich durchbog. Mümmelnd und mit der Nase wackelnd drehte das Kaninchen seine Runden um den dürren Ast, starrte mit seinem bohrenden Hasenblick zu ihm herauf und hielt ihn so in Schach.

‚Einen Wächter hätten wir. Wer ist der nächste?‘, versuchte Ma Gier zu kreischen, verschluckte sich aber an den Daunenfedern, die aus einem der Brandlöcher quollen.

Ohne Vorwarnung rannte ihm Hogelgard entgegen. Das Schwert wirbelte in seiner Hand ungesehen von links nach rechts und wieder zurück. Ein loses Fadenende der Steppschrecke bekam es dennoch zu fassen, worauf ein erbitterter Kampf entbrannte. So schnell Ma Gier dem Kobold auch die Waffe entriss, so schnell zauberte der sein Ersatzschwert hervor, und während ein weiterer Faden nun nach jenem schnappte, sauste der Kobold nach vorn und holte sein altes zurück. Wieder schnappte ein Faden danach, bekam es zu fassen und zog es zu sich. Schon hatte Hogelgard wieder das vorherige in Händen. Die Gegner umwirbelten einander, bis wieder eine dichte Staubwolke aufwallte und sie vollständig vor den Blicken der anderen verbarg. Nur Stöhnen, Ächzen und Klirren in reger Abwechslung verrieten, dass beide noch lebten und weitere Schläge austauschten.

Unterdessen bog sich der Hauptzweig des Strauchs immer weiter unter Nimrods Last durch und knackte verdächtig. Der Schlüsselhüter zog die Füße ein, um den schnappenden Kiefern des Kaninchens zu entgehen.

Es hätte wohl ewig derartig weiterlaufen können – Decke gegen Kobold, Zwerg auf Zweig, Kaninchen geifernd darunter – oder zumindest solange, bis der Zweig des Zwerges endgültig brach, da spitzte das Kaninchen plötzlich die Löffel und wandte sich ab. Nimrod atmete auf, stutzte jedoch mittendrin und verschluckte sich beinahe am eigenen Atem.

Shmosh versuchte seinen Hammer über dem Kopf ins Schwingen zu bringen, doch das Sirren und Swooshen hatte die Aufmerksamkeit des weißen Ungetüms geweckt und seine mümmelnden Zähne auf den Plan gerufen. Es setzte zu einem weiten Hoppelhüpfer an, als sich Nimrod einem kleinen Schlüsselbund in seiner Tasche entsann.

Die eine Hand fest um den Zweig geschlungen, fummelte er es mit der anderen heraus und klimperte damit. Wieder drehte sich der Kopf des Kaninchens, und es hoppelte zu ihm zurück.

‚Gut, es funktioniert! Oh je, es funktioniert.‘

In diesem Moment gab der Strauch mit einem Knacken unter ihm auf und Nimrod fiel zu Boden. Jetzt war Schnelligkeit gefragt. Seine Hirnwindungen ratterten. Das Kaninchen war nahe, die rot glühenden Augen hielt es starr auf den Schlüsselbund gerichtet. Schlüssel, ja richtig, das musste funktionieren, überlegte der Zwerg noch, als sein Arm bereits ausholte. Nimrod warf den Schlüsselbund in hohem Bogen von sich und schrie: ‚Hol‘ das Schlüsselchen! Sei ein braves, Ninchen, na los! Hol’s!‘

Das Kaninchen hoppelte hinterher. Seine Schneidezähne schlugen gegen das Metall, und es kehrte um.

‚Oh nein, es kommt zurück.‘ Nimrod begann erneut zu rennen, doch das Kaninchen war schneller. Kaum hatte es ihn erreicht, ließ es den Schlüsselbund vor seine Füße klimpern, setzte sich auf die Hinterbollen und wackelte mit dem Stummelschwänzchen. Nimrods Augenbrauen wanderten nach oben. Zitternd streckte er eine Hand an der Kaninchennase vorbei, griff nach den Schlüsseln und schleuderte sie noch weiter fort. Wieder hoppelte das Kaninchen hintendrein.

Shmosh hatte die Ablenkung genutzt, um den Hammer in Schwung zu bringen. Nun ließ er ihn über seinem Kopf kreisen und stimmte im Takt des Stöhnens und Ächzens der Kontrahenten im Staub ein Schlaflied an. Er schmetterte aus voller Kehle, während der Hammer munter summte. Auf halber Strecke zurück zu Nimrod kippte das Kaninchen um und fiel auf die Seite. Die Schlüssel schepperten zu Boden. Auch das Ächzen und Stöhnen verstummte schlagartig. Stattdessen drang ein Schnarchen aus der Staubwolke, die sich allmählich legte und eine zusammengerollte Steppdecke mit gekräuselten Fäden und Fühlern enthüllte. Hogelgard war über und über von einer Dreckschicht bedeckt. Den Bart braun verfärbt wie vom Wetter gegerbt, stand er achsel- wie schwertzuckend neben der schlummernden Steppschrecke. ‚Sie muss vor lauter Erschöpfung umgefallen sein‘, sagte er mit knirschenden Sandpartikeln zwischen den Zähnen und spuckte staubigen Belag aus.

Doch Nimrod widersprach sogleich. ‚Damit hattest du nichts zu tun. Ausnahmsweise.‘

Er deutete auf Shmosh, doch sein Blick glitt an jenem vorbei zum Tor. Im Sand davor lag ein schlafender Hirschkäfer, der im Traum ab und an ein Grunzen vernehmen ließ. Nimrod eilte sofort darauf zu. Bei dem Insekt angekommen, begann er die Pforte in Augenschein zu nehmen und begutachtete jeden Millimeter. Am Schloss entdeckte er schließlich, wonach er gesucht hatte: Kratzspuren. Er nahm den Käfer auf die Hand. ‚Seht euch das an, natürlich eingebaute Knackwerkzeuge. Ma Gier, Das Kaninchen; alles ein Ablenkungsmanöver für ihren dritten … Mann, wenn man so möchte.‘

Shmoshs Stimme bebte. ‚Puh, dann war’s aber ganz schön knapp.‘

‚Wir haben ihn nicht mal bemerkt‘, brummte Hogelgard.

‚So sollte es ja auch sein.‘ Nimrod rieb sich die Nase. ‚Wenn Shmosh nicht …‘

‚Ich weiß.‘ Hogelgard legte Nimrod eine Hand auf die Schulter, die jener dankbar ergriff. Als sie die Nähe bemerkten, rückten sie voneinander ab und blickten verlegen zu Boden.

‚Ähm‘, druckste Nimrod, als ihm eine Ablenkung einfiel. ‚Schlussendlich war es doch gut, dass ich den Schlüssel vergraben habe, nicht wahr?‘, stichelte er.

‚Ja‘, stimmte Hogelgard knurrend zu. ‚Der wäre sonst sofort in den Fäden gelandet.‘

Nimrod nickte zufrieden.

‚Aber es war auch gut, dass ich mein Schwert so …‘, er fuchtelte damit herum, ‚… behände und fix gebrauchen kann.‘

‚Ja, in der Tat‘, musste nun wiederum Nimrod zugeben. ‚Das ist wahr.‘

Dann sahen die beiden einander an. ‚Aber ohne Shmoshs Schlaflied begleitet vom singenden Hammer hätten wir ganz schön alt ausgesehen‘, sprachen sie wie aus einem Munde.

Shmosh grinste breit. Eine Träne im Augenwinkel funkelnd, drückte er die beiden Wächter an sich, und dieses Mal strampelten sie nicht. Ein jeder drückte den Yeti so fest zurück wie er konnte, auch wenn sie das vor einander niemals zugeben würden.

Plötzlich prustete Hogelgard. ‚Kriege … keine … Nuft.‘

‚Oh, Verzeihung.‘ Shmosh ließ Zwerg und Kobold wieder frei.

‚Warum sind wir eigentlich nicht eingeschlafen?‘, fragte der Kobold und rieb sich die Rippen.

‚Beim Staub des Gerölls, ihr habt in friedlicher Verbundenheit von meinem Honigharz der Wildwaldwiesen gekostet und seid damit immun.‘

Sie nickten, aber irgendetwas stimmte nicht. Es erschien den drei Wächtern auf einmal so still um sie herum. Etwas schien zu fehlen, auch wenn ihnen im ersten Moment nicht klar war, was. Dann fiel es ihnen wie Schuppen von gegrillten Fischen. Das Schnarchen hatte ausgesetzt. Genau wie das Grunzen.

‚Sie werden wieder wach‘, rief Nimrod aus.

‚Na, warte! Gezähmtes Spürkaninchen, dressierter Einbrecherkäfer, faselnde Steppdecke …‘

‚Meinst du nicht fasernd?‘, verbesserte Nimrod.

‚Auch das. Jedenfalls hab ich genug für heute.‘ Damit sammelte Hogelgard Käfer und Kaninchen ein, legte sie neben die Steppschrecke und wickelte alle drei in die losen Fäden, deren Enden er sorgfältig miteinander verknotete. Dann rieb er sich die Hände. ‚So, das Paket wäre fachmännisch verschnürt. Shmosh nutz deinen Hammer doch mal, um Hilfe herbeizusingen. Die soll das Pack abtransportieren.‘

Nimrod Scriveldish hielt sich den Bauch.

‚Das ist gut, ein sirrender Hammer als … Sirene.‘

Hogelgard rollte mit den Augen und zuckte die Achseln, während der Yeti seine Muskeln spannte. Als er sich wieder unter Kontrolle hatte, schniefte Nimrod und wischte sich Tränen aus den Augen. ‚Schade eigentlich. An das Ninchen hätte ich mich gewöhnen können. Vielleicht behalten wir es.‘ Er griff nach dem Schlüsselbund und steckte ihn wieder in die Tasche.

‚Ist das Kritik an mir? Fängst du schon wieder einen Streit an? Soll ich meine Löffel wetzen?‘

‚Solange es nur deine sind, würd’ ich’s gern sehen, aber du hast recht, für heute reicht es.‘

Schlussendlich konnten die drei Wächter das Königreich bewahren. Nicht zum letzten Mal, aber immer gemeinsam.“

* * *


Die Fruhr- wie Kuhrlinge klatschten, während die Muhrlinge so taten, als klatschten sie nicht und einander verstohlene Blicke zuwarfen.

„Die drei Typen waren aber ganz schön schräg, so verbogen wie der komische Schlüssel“, warf Rohfuß ein.

„Manchmal trennt eben nur ein kleines R verbogen von verborgen“, sagte Guinee. „Und es ist ja wohl klar, worin hier eigentlich der verborgene Schlüssel bestand.“

Sie stand auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Oder etwa nicht?“ Sie warf einen Blick in die Runde. „Der Schneckenreiter hat es sogar selbst gesagt.“

„Aahhh“, rief da Raffnuss aus. „Jetzt verstehe ich. Es ist egal, wer von uns die Uhr kaputt gemacht hat. Vielleicht trifft auch niemanden die Schuld.“

Ein zustimmendes Raunen ging durch die Menge der Zuhörerschaft, die während der Erzählung noch weiter angewachsen war und folglich nun nebst der ganzen Stadt auch sämtliche Vögel der umgebenden Nistkreise umfasste. „Hauptsache“, fuhr Raffnuss fort, „wir sind uns einig …“

Der Schneckenreiter zwinkerte Guinee zu und die lächelte zurück.

„… einig, dass ich der Erste bin, der sie reparieren darf.“ Ob seiner brillanten Schlussfolgerung strahlte Raffnuss in die Runde und kassierte von Rufus prompt einen Stupser mit dem Schraubenschlüssel.

„Also wenn einer der Erste ist, dann jawohl ich! Das geht doch eindeutig aus der Geschichte hervor. Ich bin der Schlüsselträger!“ Er hob den Schraubenschlüssel über den Kopf und begann das Gehäuse der großen Uhr zu erklimmen.

Dem Schneckenreiter blieb nichts anderes übrig als zu seufzen. Er strich sich durch den Bart. Guinee schüttelte bloß den Kopf, während das Kabbeln und Raufen der drei Uhrwerker in eine neue Runde ging.



Die letzten Sonnenstrahlen lagen längst in tiefem Schlummer, als es dem Schneckenreiter endlich gelang den letzten überdrehten, verängstigten und hibbeligen Uhrling ins Bett zu bugsieren.

„Wir wissen doch gar nicht, ob es jetzt Zeit dafür ist“, hatten sie bis zuletzt gejammert. Es hatte ihm sämtliche Tricks und Kniffe seiner über die Jahre perfektionierten Überredungskunst abverlangt. Wenigstens die Kuhrlinge waren nach der Erzählung abgelenkt und ruhig gewesen und sogar freiwillig in ihre Betten geschlüpft.

Als der Morgentau begann sich über die Uhrenzeiger der Stadt zu legen, hatte sich schließlich auch der Schneckenreiter selbst zurückziehen können. Er war durch den von einer schaukelnden Laterne in warmes Licht getunkten Seiteneingang in Globolis Gehäuse geschlüpft. Ging manches Wesen nie ohne Hut aus dem Haus, nahm die Schnecke ihres lieber gleich ganz überall hin mit. Stilvoll und geräumig hielt sie auf ihren Reisen stets ein Gästezimmerchen bereit.

So ein Schneckenhaus war von innen schließlich weitaus geräumiger als sich von außen erahnen ließ. Geparkt hatten sie, wenn man so wollte, ein Stück den Hang hinab, den sie gekommen waren. Was sich als weise herausstellen sollte, liebte man es nicht von einem Haufen zeitloser Uhrlinge aus viel zu kurzen Träumen gerissen zu werden.

Als der Schneckenreiter nach nächtlichem Nickerchen nun die Augen aufschlug und zum Fenster hinaussah, hatte er einen großen Tonkrug Tee vor der Nase, dessen Risse entweder davon kündeten, dass er aus verschiedenen, alten Krügen zusammengepuzzelt oder aber gesprungen und wieder geleimt worden war. So oder so, er stand auf dem Fenstersims des Schneckenhauses und lockte den Reiter mit einer einladend winkenden Dampffahne, die sich still daraus empor kräuselte.

Außerhalb des Schneckenhauses angelangt, den Krug gut verwahrt in einer Hand, stellte der Schneckenreiter sogleich fest, dass es nicht das kuriose Aussehen jenes Gefäßes war, das ihn an diesem Morgen störte, sondern ein Geruch, der seine Nasenlöcher reizte und ihm über die Haut kribbelte wie tausend kleine Käferbeinchen.

Ein Hauch von Vanille lag in der Luft, eine Note modriges Laub und zwei Prisen feuchten Rindenmulchs. Das war der Tee, eindeutig, aber immer noch nicht das, was ihn in Aufregung versetzte. In seinem Alter machte die Anspannung sich als Steißziepen bemerkbar, weshalb er sie nicht einfach auf sich sitzen lassen konnte. Er musste wissen, was es damit auf sich hatte.

Hinter ihm wälzte sich nun auch Globoli aus seinem Haus und bewies sogleich den richtigen Riecher. Schmatzend verkündete er dem Schneckenreiter, was dem die ganze Zeit auf der Zunge oder mehr noch in der Nase gelegen hatte.

„Es riecht nach Meuterei, für wahr! Globoli, du Blitz unter den Schnecken“, lobte der Reiter und leckte sich über die Lippen. Eindeutig, jetzt, da er es wusste, gab es keinen Zweifel mehr, der sauer-salzige Geschmack kündete von einem wortreichen Tag, der ihnen bevor stand. Also stärkte er zunächst seine Stimme an dem dampfenden Kräutertee.

„Uhum.“ Ein Huster bahnte sich seinen Weg in die Freiheit, als ihm der letzte Schluck quer den Hals runterflutschte. Hatte es bislang nur meuterisch gerochen, klang es nun zusätzlich danach. Klingeln und Dongen, Scheppern und grelle Stimmen brandeten wie eine Flutwelle Kopfschmerzen über ihn hinweg. Fast mutete es wie ein Deja-Vous an, doch er wusste es besser.

Schnurstracks sattelte er Globoli, und sie ritten die letzten Meter den Hang hinauf.

Auf dem Uhrplatz bot sich ihnen das vertraute und doch veränderte Bild.

„Schreibende Feder von Tintopolis, was ist denn in die gefahren?“, stieß der Schneckenreiter aus und zügelte Globoli.

Uhrlinge wuselten wild durcheinander, wobei sie offenbar von Raffnuss, Rufus und Rohfuß angetrieben wurden. Die drei erteilten Befehle, kommandierten die Uhrlinge herum. Die Einwände Willy Bolds ignorierten sie geflissentlich.

„Hey, geht das auch schneller?“, schrie Rohfuß soeben einen Uhralten mit gebeugtem Rücken an. Die altersfleckigen Arme des Greises zitterten bereits unter der schweren Last einer gewaltigen Spiralfeder, die er heranschleppen sollte. Als er sich nun bemühte dem neuerlichen Befehl nachzukommen, stolperte er über den herausragenden Kopfstein, mit dem Globoli am Vortag bereits Bekanntschaft geschlossen hatte, und ließ die Spule beinahe fallen.

Sofort war Raffnuss zur Stelle. „Kannst du nicht besser aufpassen?“, rief er. Eine helfende Hand reichte er dem Muhrling jedoch nicht.

„Ich weiß ja, dass Veränderung seine Zeit braucht, aber haben sie denn überhaupt nichts gelernt?“, murmelte der Schneckenreiter in seinen Bart. Globoli schluckte.

„Doch schon“, antwortete die Stimme Guinees. Das Mädchen hatte sich unbemerkt an seine Seite gestohlen. „Die drei streiten kaum noch untereinander“, gab sie Auskunft und strich sich die Zöpfe zurück. „Dafür behandeln sie die anderen wie Sklaven. Sie scheuchen sie schon seit dem Aufstehen herum, um Ersatzteile herbeizuschaffen. Immerhin sind sie sich darin einig.“

„Geht denn wenigstens die Reparatur voran?“, erkundigte sich der Schneckenreiter und beobachtete das Treiben.

„Nein. Die Sorge wächst …“

Guinee wurde unterbrochen, als eine neue Akteurin die Bildfläche betrat. Mit zorngeröteten Wangen marschierte eine Fruhrling auf das Befehlstrio zu. Ihr hinterher eilten weitere Fruhrlinge, von der jede mit Pfannenwender oder Kelle bewaffnet war.

„Oh je, meine Mama“, sagte Guinee leise und flitzte hinterher.

Der Schneckenreiter legte sich die Hand über die Augen.

Globoli blubberte verwundert. Erst das Mädchen und jetzt war auch noch mir nichts dir nichts der alte Laberkopf verschwunden. Er reckte seine Augtentakel, blickte hinter sich und um sich herum, verdrehte sie zu einem Knoten. Nein, er sah nur schwebende Hände. Die musste er von nahem betrachten. Fliegende Hände, cool!

Als der Schneckenreiter seine Finger einen Spalt breit öffnete, um hindurchzublinzeln, glotzte ihn Globoli aus unmittelbarer Nähe an. Froh, ihren Reiter wiedergefunden zu haben, leckte die Schnecke ihm über die Nase, lächelte verschämt und zog die Tentakel ein paar Zentimeter zurück.

„Hast du nach mir gesucht?“, fragte der Schneckenpostillion. Er hatte völlig vergessen, dass Globoli immer wieder auf diesen Kindertrick hereinfiel, senkte die Hand und tätschelte damit seinem Begleiter den leicht schleimigen Kopf. Den Schneckenschlabber streifte er am kratzigen Wollrock ab und spazierte an seinem Stock mitten in das Geschehen hinein, um der Fruhrling besser lauschen zu können.

„Hört auf euch wie Schafsköpfe zu benehmen und versucht es mal mit einer unserer Ideen! Eure Reparaturmaßnahmen haben nichts gebracht und wir dulden diese sture, herablassende Rumkommandiererei keine Sekunde länger.“

„Als wüsstest du jetzt noch wie lang eine Sekunde ist, Theorosa“, gab Rufus kleinlaut zurück.

„Oh, mein Lieber, das brauche ich gar nicht, ich habe noch die Rechnung in Kuchen gelernt!“

Bei Erwähnung des K-Wortes zuckten sämtliche Uhrlinge zusammen und eine der Uhralten trat vor, um eines ihrer mystischen Mantras abzuspulen.

„Wenn keine Wahl bleibt, Ofen an,

so er denn noch feuern kann.

Der Teig gequillt, der Teig geschlagen,

wie zuletzt in alten Tagen.“

Die Falten der Uhralten runzelten sich, während sie ihre grimmigen Gesichter neigten.

„Ach, Papperlapapp! Das ist ja Meuterei!“

„Na und ob“, stimmte Guinees Mutter zu. „Die ist längst überfällig.“

Doch Rufus widersprach. „Keiner von euch ist geschult genug für höhere denn unsere Dienerdienste. Wie sollte es besser gehen als unter unserem Drill?“

„Hmmhrrmm.“ Wie am Tag zuvor erklang ein Räuspern und dieses Mal erbrachte es sofort die gewünschte Wirkung. „Nun, vielleicht gäbe es da ja eine andere Möglichkeit“, äußerte der Schneckenreiter.

Er nahm auf der zum Stuhl umfunktionierten Werkzeugkiste vom Vortag Platz.

Guinee begriff sofort, pfiff auf ihren Fingern und folgte ihm, die vollständige Schar Kuhrlinge im Schlepptau. Die kleinsten aller Uhrlinge hatten vorgesorgt und breiteten nun eine fröhliche Ansammlung kleiner und großer, runder und eckiger, grauer und bunter Kissen im Halbkreis zu seinen Füßen aus. Sie riefen ihre Mütter herbei, bevor sie sich auf die Polster plumpsen ließen. Die nahmen ihre Küchenutensilien, trieben damit die Muhrlinge vor sich her und waren gewillt den weisen Worten des Besuchers erneut Gehör zu schenken. Auch Willy Bold gesellte sich hinzu und lehnte sich etwas abseits gegen eine, wie sollte es in Clockville auch anders sein, Uhr. Der sonnenerwärmte Uhrenkasten schmiegte sich perfekt an seine Rückenlinie. Nur das massierende Ticken blieb leider weiterhin aus. Er seufzte und spitzte die Ohren, in der Hoffnung, zwischen den Worten des Reiters eine Lösung für seine Stadt zu entdecken.


2.
Razzles Bibliothek der Wunder

Mister Razzle humpelte durch den rostigen Torbogen in seine Bibliothek. Sein runzliges Gesicht trug die gewohnt bittere Miene zur Schau, die nicht allein von der Zitronenschale rührte, auf der er gerade kaute. Während er die schwere Flügelpforte hinter sich schloss, sperrte er zugleich das Getuschel hinter seinem Rücken aus.

Entgegen ihres Glaubens war Mister Razzle sich durchaus im Klaren darüber, dass ihn die Markthallenhändler hinter mal mehr mal minder vorgehaltener Hand und Klaue den alten Irren nannten.

Für den Bibliotheksgnom bewies das dreierlei Dinge:

Erstens: Hier wurden eindeutig Zustände der Realität verkehrt. Ihn den alten Irren zu nennen, obwohl ein Großteil der Händler deutlich älter und vor allem verschrumpelter war als er selbst, bezeugte höchstens ihre eigene Senilität.

Punkt zwei: Nun, den hatte er vergessen, vermutlich ein vorrübergehendes Phänomen, war er sich schließlich sicher, dass es ihn gab und er bei Gelegenheit und Muße schon wieder auftauchen würde.

Zum dritten: Sollte doch allein die Tatsache, dass er sich völlig im Klaren darüber war, wie die Händler ihn nannten, zeigen, dass er so irre gar nicht sein konnte.

Jedenfalls hatte er selbst fest an seinen makellosen Verstand geglaubt, bis eines Tages jene Wolke über ihm aufgezogen war. Ein Umstand, den er allerdings kurzum als winziges Warnzeichen interpretiert hatte, künftig den Kauf einer neuen Brille zu erwägen.

Als diese penetrante Wolke dann aber aus heiterem Himmel – na gut, so heiter konnte er in Anbetracht der Wolke nun auch nicht gewesen sein, wo wäre sie sonst hergekommen? Als sie jedenfalls damit anfing aus beinahe heiterem Himmel auch noch zu ihm zu sprechen, war das freundlich blinkende Warnzeichen eruptiv, zu einer schrillenden Alarmglocke herangewachsen.

Doch noch zu diesem Zeitpunkt schwor sich Mr. Razzle nicht aufzugeben und hatte bereits ein wirkungsvolles Gegenmittel zur Hand.

‚Nicht mit mir!‘ Die knorrigen Finger in die spitzen Ohren gestopft, setzte er sich in seinen Nasensessel und starrte angestrengt in das ledergebundene Buch auf seinem Schoß. Es war nicht etwa das Lesen an sich oder aber der Inhalt der dicken Schwarte, der ihm vor Anstrengung die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Nein, Herribert Obdendingel und sein Zyklus Aramemgnorikus war zwar keine leichte Lektüre, keine Schonkost sozusagen, aber für den scharfen Verstand des obersten und einzigen Bibliothekkobolds der Stadt nun wirklich keine Herausforderung.


Das, was ihn die Mühe kostete, seine Nerven aufzehrte und die Konzentrationsreserven bis zum letzten Überlastungskrümel plünderte, schwebte direkt über ihm und las über seiner Schulter Zeile für Zeile mit.

‚Öhö, öhö‘, bahnte sich ein Hüsteln den Weg unter seinen Fingern hindurch in den Gehörgang und ließ den angeschlagenen alten Kobold zusammenzucken. Das erste, was sich danach in sein Sichtfeld schob, war eine gigantisch große Nase. Sein blinzelnder Blick wanderte an ihr entlang und erkannte am hinteren Ende ein vertrautes Gesicht. Der Zinken gehörte einem seiner Bibliotheksnaslinge.

Mr. Razzle ließ die Finger wo sie waren, atmete jedoch erleichtert auf. Danach hatte er wieder genug Sauerstoff in seine Lungen gepumpt, um den kleinen Wicht aus Leibeskräften anzubrüllen. ‚Deinetwegen hätte ich beinahe den Abgang gemacht! Die Flatter! Am letzten Hafen angedockt! Den Skelettmann geküsst! Ins Gras gebissen! Die Radieschen von unten beäugt! Den Suppenlöffel abgegeben! Und am allerschlimmsten, meinen Büchern für immer gute Nacht gesagt!‘


Er blähte die Brust und keuchte. Es verlangte ihn danach das Buch mit vorsichtiger Wucht zuzuknallen. Wucht, der Symbolik wegen, damit der Nasling sein Stören verstand und doch vorsichtig genug, damit dem wertvollen Werk kein Schaden zugefügt wurde. Einziges Problem daran: er musste dazu die Finger aus den Ohren nehmen und riskieren eine Gewitterwolke sprechen zu hören. Wiederholt!


Mister Razzle versuchte unauffällig nach oben zu schauen. Dickköpfig hing das Ding noch immer an Ort und Stelle und schien sogar noch an Dichte zugelegt zu haben. Wuchs die Wolke etwa? Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Jetzt hatte er das Buch glatt automatisch zugeschlagen. Verdammt! Na ja, wenn die Finger schon mal draußen waren, konnte er es ebenso gut zurückstellen. Er schob den Bibliotheksnasling achtlos zur Seite und hinkte an etlichen Regalreihen vorbei.

Mit dem Finger strich er über Folianten, deren geprägte Rücken Titel zierten wie: Das U(h)rwerk, Zworkels Zeitenkunde, Funkelsteins Fabelhaftes Fantastikum, Das Koboldbuch der Gnome, Das Gnomenbuch der Kobolde, Rittlings Runkelreise oder Die Chroniken des Schneckenreiters.

Ein Regalbrett darüber fand er die Lücke, die das Werk in seiner Hand dort hinterlassen hatte, und die nun nur darauf wartete wieder geschlossen zu werden. Er reckte sich nach oben, um den Platz zu erreichen, streckte sich und zuckte zusammen. Es knackte und ein stechender Schmerz schoss durch seine Knochen. Ein zwickendes, zwackendes Ziehen im Rücken ließ ihn einige Sekunden in gekrümmter Stellung verharren, in der er nur mit Mühe das Buch festhalten konnte. Als er es mit letzter Kraft auf einen Beistelltisch gleiten ließ, segelten raschelnd ein paar Seiten heraus.

Der Bibliotheksnasling bückte sich danach, doch Mister Razzle stieß ihn beiseite, sammelte sie unter Anstrengung, die sich in Ächzen und Stöhnen artikulierte, selbst zusammen, faltete sie, streichelte darüber und steckte sie dann in die Brusttasche. Das Ganze ging schnell, doch nicht so schnell, als dass die Wolke nicht wenigstens ein paar Zeilen des Briefes hätte lesen können, genauer gesagt den Schluss:

In brüderlicher Verbundenheit, S!R

P.S.: Lemmy lässt grüßen.

Die Wolke grübelte und färbte sich dunkelblau.

‚Mach dich nützlich und hol mir die Leiter, du Doofnasling!‘, kommandierte Mister Razzle unterdessen die arme Zwergnase herum und presste sich eine Hand in den Rücken. Der Nasling neigte die Nase und eilte dann schwupps davon. Kurz darauf kam er schon mit einem seiner Geschwister zurück. Zwischen sich trugen sie die her befohlene Leiter.

Sie lehnten sie ans Regal, woraufhin sie Mister Razzle waghalsig erklomm. Das Buch hielt er fest in einer Hand, während er in etwa so stark ächzte wie die alte Leiter selbst. Ein paar Sprossen weiter bekam Razzle große Augen und wäre beinahe wieder heruntergefallen. ‚Diese elende Feuchtigkeit, verflucht!‘, grunzte er. ‚Schnell, trommelt alle von euch Pappnasen zusammen! Ein weiteres Regalbrett modert! Wofür habt ihr eigentlich diese Zinken, wenn ihr nicht mal den Schimmel erriecht? Meine schönen Bücher. Na, wird’s bald?! Holt mir die ganze Papierschnupftuchpackung von euch Zwergnaslingen her!‘

Der Kobold brachte die Bücher vom Gefahrenbrett in Sicherheit, rümpfte die Nase, während er mit dem Finger um das aufgequollene Holz fuhr. Er wartete schließlich gebeugt doch mit hochrotem Kopf auf die Ankunft seiner Lakaien. Prompt färbte sich die Wolke von Blau zu Miesepetergrau.

Als alle in der Bibliothek beheimateten Zwergnaslinge vor ihm versammelt schienen, zählte der Bibliothekskobold die Anwesenden durch und knirschte mit den Zähnen.

‚Da fehlt doch einer.‘

Schüchtern trat ein gelb bemützter Nasling vor, nahm die lange Zipfelmütze vom Haupt und knetete sie zwischen den Fingern. Dabei flüsterte er mehr als dass er sprach. ‚Genau, deshalb hatte ich Euch vorhin aufgesucht. Mehltrop hat wieder einen schlimmen Allergieschub. Der viele Staub hier verstopft ihm die Nase. Er sieht schon ganz verquollen aus.‘

‚Komm mir nicht mit verquollen! Das ist keine Entschuldigung! Was soll denn das Regalbrett sagen? Vielleicht muss der faule Mehltrop dann eben mal besser putzen und feudeln. Bring ihn her! Aber augenzackig!‘

Razzle tigerte auf der Stelle hin und her, humpelte dabei jedoch wie ein Raubtier mit verstauchter Pfote. Während er wartete, schob er sich eine neue Zitronenschale zwischen die Zähne und kaute darauf wie Westernhelden auf Tabak. Die umstehenden Zwergnasen standen wie angewurzelt da. Die Hände in den Pluderhosen starrten sie sich auf die eigenen Nasen und taten nicht den leisesten Mucks. Schließlich stand der gelbmützige Nasling wieder vor ihm, Mehltrop zu seiner Linken. Dessen Augen tränten rot angeschwollen, genau wie sein Riechorgan, das nun mehr einer aufgedunsenen Knolle mit Scharlach glich. Damit nicht genug, schniefte und nieste er immer zu.

‚Dass mir das nicht noch einmal vorkommt‘, stauchte ihn Razzle zusammen, dem es offenbar leicht fiel über die Probleme des geschundenen Mehltrops einfach hinwegzusehen.

‚Und nun rasch an die Arbeit mit euch allen! Ersetzt das Regalbrett, reibt die Umgebung trocken, räumt alles aus und sucht nach weiterem Moder! Haltet Ausschau nach der Stelle, an der die Feuchtigkeit eindringt. Sie muss hier irgendwo sein. Erst wenn ihr sicher seid, dass alles schön trocken ist, räumt ihr meine Schätze wieder ein. Ach ja, noch eines: wehe ihr trödelt herum, weil wieder einer niesen muss.‘

Die Zwergnaslinge wuselten los und ließen dabei ihre Köpfe so tief hängen, dass ihre großen Nasen bereits an die Bäuche stießen. Keiner beklagte sich oder widersprach. Über Razzles Kopf jedoch braute sich etwas zusammen. Die Wolke hatte sich zu einem tiefen Schwarz verdunkelt und ließ aus ihrem flauschigen Leib ein Grollen ertönen. Der Bibliothekskobold zuckte innerlich zusammen, schielte nach oben und überlegte, ob er dieses Mal vielleicht zu weit ging, nur um sich dann doch bloß wieder die Finger in die Ohren zu stopfen.

Während die Zwergnaslinge mit Leitern, Lappen und Staubfedern umhereilten, Bücher stapelten und in sämtliche Ritzen krochen, schleppte sich der alte Bibliothekskobold zu seinem Sessel zurück.

Die Wolke schwebte beharrlich über ihm, grollte und grübelte. Da vernahm sie ein Tuscheln von den Naslingen und wurde ganz Ohr. Und zwar im wahrsten Sinne ganz. Sie ballte ihre Gestalt einfach zu einem Ohr plus Trichter zusammen. Auf die Weise konnte sie hören, was unter den flinken Arbeitern gesprochen wurde. Ein statisches Knistern und ein Geistesblitz durchzuckte sie, bevor er durch die Bibliothek sauste. Die Naslinge kicherten heimlich und jagten den Blitz zwischen den Regalen, bis er in einem Funkenregen zerstob. Dann begaben sie sich wieder an die Arbeit und tuschelten. Die Wolke hingegen formte selbst wieder einen Mund und räusperte sich. ‚Mister Rätsel, Sir?‘

Mister Razzle wollte sie nicht beachten und ließ die Finger, wo sie waren. Prompt räusperte sich die Wolke ein wenig lauter. ‚Mister Rätsel, ich weiß genau, dass sie mich hören. Ihre Augenbrauen beben. Das tun sie immer, wenn Sie, Sir, mich zu ignorieren versuchen. Mister Rätsel?‘

Am liebsten hätte er sie weiter ignoriert, doch sich von einer Einbildung auch noch beleidigen zu lassen, ging eindeutig zu weit. ‚Razzle!‘, krächzte er daher.

‚Jawohl, Mister Rätsel, Sir.‘

‚Nicht Rät-sel‘, brauste er auf, so dass die Wolke dunkler wurde und weiter wuchs. ‚Razzle heiße ich! Mit ZZ wie das Summen einer Biene.‘

‚SSS‘, summte die Wolke und kicherte. ‚Was ich eigentlich sagen wollte, Meister Rätsel, Sir … Die Naslinge, nun, sie reden über Sie. Nicht schlecht, keineswegs. Ich verstehe zwar nicht, wieso, aber sie beklagen sich nicht. Allerdings könnte es hilfreich für Sie sein, Sir, ihnen, wenn schon keine Achtung, so doch Beachtung oder ganz wenigstens Ihr Gehör zu leihen. Die Burschen hätten da vielleicht eine Lösung … für alle.‘

‚Papperlapapp, ich rede mit keinen eingebildeten Wolken.‘ Razzle wäre am liebsten aufgesprungen vor Zorn. Doch allein der Gedanke daran, dass seine Füße mit Schwung auf den Boden schlugen, ließ ihn das Gesicht verziehen. ‚Oh, dieser Rücken und die ollen Knie…‘

Damit rollte er sich samt seiner morschen Knochen im Sessel herum, legte sein Bein auf ein gepolstertes Höckerchen und stopfte wieder die Finger in die Ohren.‘

Die Wolke seufzte und stütze das Kinn auf eine schnell geformte Faust. Vom Grübeln bildeten sich lauter Dellen auf ihr.

‚Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, hier schimmelt es noch irgendwo‘, nuschelte Mister Razzle, als er aus unruhigem Mittagsschlummer erwachte. Seine Knöchel pochten. Er hielt die Nase in die Luft, als wolle er die Witterung aufnehmen. Aber es hatte keinen Zweck, er war ja schließlich kein Feuchtigkeitsspürhund. Sein alter Zinken roch nur den Duft von Pergament und Leder. Dabei konnte es gar nichts Schlimmeres als diesen unriechbaren Feind geben. Er schadete dem Holz der Regale, und das, obwohl Razzle mit der Zeit selbst wie zu einem dieser alten Regale geworden war. Seine Knochen fühlten sich genauso brüchig an, seine Knöchel genauso aufgeschwemmt und geschwollen. Mit den Schmerzen hätte er leben können, aber seine heißgeliebten Bücher in dieser klammen Gefahr zu wissen, nicht zu schweigen von den kostspieligen Maßnahmen und den Scherereien, diese nichtsnutzigen Naslinge zu befehligen, das bereitete ihm Übelkeit. Über kurz oder lang würde er sich dadurch noch ein Magengeschwür oder gleich eine ganze Horde davon einhandeln. Solche Überlegungen rasten durch seinen Verstand wie Gift. So dachte er sich immer weiter in Unmut und Rage, während die Wolke über ihm wuchs und doch versuchte seine Aufmerksamkeit zu erregen. Sie schaukelte hin und her, wippte vor und zurück, um in sein Blickfeld zu gelangen, doch Razzles umwölkter Verstand verschloss sich weiter vor ihr. Schließlich hatte sie genug und beschloss lauthals zu singen.

‚Mister Rätsel, Sir, hör auf zu stänkern und lieber auf den Rat von mir! Mister Rätsel, Sir, hör auf zu plänkern und lieber auf nen Nasling von dir!‘

Sein nervöses Blinzeln verriet, dass der Angesprochene sie sehr wohl gehört hatte, aber keineswegs gewillt war darauf einzugehen. Auch seine Brauen zuckten wieder. Lieber stopfte er sich die Finger noch tiefer in die Gehörgänge, rappelte sich auf, hievte sich aus dem Sessel hoch und schlurfte nach nebenan zu seinem Bett.

Die Wolke gab sich vorerst geschlagen. Schweigend schwebte sie obendrein, feilte aber schon eifrig an ihrem nächsten Schritt.

Wieder wachte Mister Razzle auf. Es war Morgen. Er konnte die Vögel vor den geschlossenen Fenstern zwitschern hören. Es roch nach frischem Minzkaffee. Der Kobold ließ seine knotigen Finger über die weiche Decke streichen. Er öffnete die Augen und die Wolke war da. Sie begrüßte ihn strahlend bis über beide Pausbacken. Schnell nahm er den Daumen aus dem Mund und schob behutsam die Beine aus dem Bett. Sie blieb da. Er stand auf, zog sich an, putzte die Zähne, nahm die Zitronenscheibe in den Mund. Sie war da. Er schrie auf, rieb sich die Gelenke, scheuchte die Naslinge herum. Sie blieb wo sie war. Immer eine Nasenlänge über seinem Kopf. Zudem hörte er mittlerweile dauernd Mehltrop niesen und das Rascheln, wenn sämtliche anderen Naslinge ihm synchron ein Taschentuch anboten. So würden die Arbeiten noch ewig andauern.

Er schüttelte den Kopf, trank seinen Kaffee und ignorierte angestrengt die strahlend weiße Wolke über seinem Kopf. War das Einbildung oder war sie um die Mitte herum dicker geworden? Wolken konnten doch wohl nicht schwanger werden? Oder etwa doch? Nicht, dass er bald gleich zwei eingebildete Wolken um seinen Kopf schwirren hatte. Vielleicht hatten die Leute vom Markt doch recht mit ihm. Wurde er alt? Verrückt? Senil? Da zog er es vor, noch einen Schluck zu nehmen.

Als er am Abend wieder ins Bett humpelte, hing sie noch immer über ihm herum und hatte wie stets einen fröhlichen Spruch auf den Wattelippen.

‚Freie Tage für fleißige Naslinge und ne Zahnversicherung dazu, schon sind sie ratzfatz wieder fit, und Sie, Sir, gleichfalls wie im Nuuu!‘

Der Bibliothekskobold verzog sich unter ein Buch, verdrehte die Augen und grummelte.

So ging es fortan tagein tagaus. Die Wolke sang, Razzle brummelte. Die Wolke wuchs, Razzle schrumpelte zusammen. Von Tag zu Tag ging er gebeugter. Nachdem er lang genug gegangen war, zählte er Tag Acht des Wochenverlaufs und Mister Razzle fasste einen ungewöhnlichen Beschluss.

Wieder erwachte er und wieder war die Wolke dicker geworden. Da begann er sie zu beschimpfen.

‚Hau ab, du bist nicht echt!‘

Mit jedem seiner Worte wurde sie breiter. Er konnte ihr regelrecht beim Wachsen zusehen, doch er meckerte weiter. ‚Dampf ab! Verdünnisier dich!‘

Die Wolke quoll auf und reckte sich gar in die Höhe, während er schimpfte und stampfte, zeterte und miesepeterte. Sich eine Wolke einzubilden, war die eine Sache, an die er sich beinahe gewöhnt hatte. Aber sich auch noch einzubilden wie sie wuchs und wuchs, als würde er sie durchs bloße Zusehen mästen, war einfach zu viel des Guten. Unduldbar! Was bläst die sich eigentlich so auf, dachte er. Sein Knie schmerzte, und sie ballte sich drall, als ob nichts wäre. Nicht nur über seinem Kopf hing sie nunmehr, sondern war so breit geworden, dass sie schon die halbe Bibliothek ausfüllte, während er unter ihr über den Boden kriechen musste. Erneut ertappte er sich dabei, wie er über seinen geistigen Zustand spekulierte, sich zunehmend fragte, ob er doch alt und irre wurde – oder sogar bereits war? Dieses bauschige Elend sog ihm den Verstand heraus. Er konnte es schon in den Schläfen spüren. Nein, das durfte er unmöglich zulassen. Sie würde schon sehen, was sie davon hatte, sich in seinem Kopf auszubreiten. Er würde es ihr richtig ungemütlich machen. So beschimpfte er sie weiter. Und die Wolke? Sie wurde richtig heiter. ‚Verschwinde, du schlechte Badeschaumkopie! Oder ich ich ich … blase dich hinfort.‘ So pustete und prustete Razzle, bis ihn die Lungen schmerzten, doch die Wolke hielt plappernd dagegen.

‚Anstatt immer nur hinauszuschrein,

hör lieber in dich selbst hinein!

Schweigt deine innere Stimme jedoch,

hol einen Nasling aus seinem Moloch.

Er kann dir sagen,

was du nicht hörst,

bevor du dich unnötig weiter empörst.‘

‚Jetzt geht das wieder los.‘ Razzle rollte mit den Augen und schlug sich die Hand vor die Stirn. Er hatte sich heiser geschrien. Sein Atem ging schwer. Die Nerven flatterten wie tausend Schmetterlinge. Er musste sich vor lauter Erschöpfung setzen. ‚Wenn ich mir anhöre, was immer auch zu sagen ist, bist du dann still?‘

Ein Teil der Wolke nickte eifrig.

‚Gut.‘

Ruhe, das brauchte der Kobold wahrlich, Ruhe, keine Moralwolke, die Schlauheiten absonderte. Einfach nur Ruhe, danach sehnte sich jede gereizte Sehne seines hageren, gespannten Körpers. Die letzten Tage hatten ihm den Rest gegeben. Auf Schritt und Tritt Schmerz und niemals allein. Er fühlte sich wie gebrochen. Eine Änderung musste her, Er würde verändern. Was immer dazu nötig war. Razzle seufzte.

‚Na wunderfein, man schicke Mehltrop zu mir rein‘, krächzte Razzle noch immer in Pantoffel und Pyjama gekleidet. So erhob er sich schwerfällig, humpelte zu seiner Kommode und wickelte sich einen roten Morgenmantel um. Keine Minute später stolperte Mehltrop ins Zimmer. Unter so viel Schwung vom wiederholten niesen, dass er beinahe einen Überschlag machte.

‚Du hast heute frei‘, knöterte Razzle zwischen knirschenden Zähnen hindurch. ‚Geh zur Kräuterhexe vom Waldrand. Sie sollte heute auf dem Markplatz weilen. Die Alte bietet auch Tinkturen gegen deinen dauerverstopften Rüssel.‘

‚Ich habe frei?‘ Mehltrop traute seinen Ohren kaum. ‚Ich darf gehen?‘

Razzle deutete ein Nicken an.

‚Mein Herr, Ihr seid so gütig.‘

‚Papperlapapp!‘ Sichtlich errötend wandte sich der alte Kobold ab, und die Wolke formte eine Hand, um sie sich vor den kichernden Mund zu halten.

Razzle räusperte sich. ‚Ich … ich mag es bloß nicht, wenn du mir sämtliche Buchseiten mit deinen ausgeniesten Schleimabsonderungen und schmierigen Ausdünstungen verklebst. Husch husch, hinfort mit dir, bevor ich es mir anders überlege‘, ächzte der Bibliothekskobold, bevor er sich in seinem Bett zurücklehnte, die Knie massierte und schließlich hinwegdämmerte.

Mehltrop lächelte und, … ‚Hatschuuu‘, … nieste sich im Purzelbaum aus dem Zimmer.

Mister Razzles Mundwinkel verzogen sich. Das war doch wohl kein Lächeln, das die Wolke in seinem Gesicht ausmachte? Kurz darauf dämmerte er weg.

Dieses Mal erwachte Razzle von einem merkwürdigen Zupfen an seinem Ellbogen. Ziehen, Stechen, Pieksen. Ja, das alles kannte er von seinen morschen Knochen. Aber dass es an den Gelenken zupfte? Welche Ausgeburt des papierverbrennenden Höllenkreises war das nun wieder? Seine Lider flatterten, als er sie langsam öffnete. Neben dem Bett stand eine lange Nase, und direkt dahinter kam schon gleich ihr Besitzer. Mehltrop hörte augenblicklich auf an Razzles Ellenbogen zu zupfen, als dieser ihn anblinzelte.

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22 aralık 2023
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9783944180861
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