Kitabı oku: «Wilde Zeiten – Wie du deinen Sohn gelassen durch die Pubertät begleitest.»
Wilde Zeiten
Wie du deinen Sohn gelassen durch die Pubertät begleitest. So bleibt ihr in Kontakt, wenn sich alles verändert.
1. Auflage
Copyright © 2021 – Katharina Meinhold
Alle Rechte vorbehalten.
Die Rechte des hier verwendeten Textmaterials liegen ausdrücklich beim Verfasser. Eine Verbreitung oder Verwendung des Materials ist untersagt und bedarf in Ausnahmefällen der eindeutigen Zustimmung des Verfassers.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Ängste der Eltern vor der Pubertät
Erwartungen, Herausforderungen und Realität
Die eigene Geschichte
Kommunikation in der Familie
Vom Wandel
Achtsamkeit als Prinzip
Familienverhältnisse als Rahmen
Vertrauen auf dem Prüfstand
Erziehung ist keine Einbahnstraße
So schwer es auch manchmal fällt – positiv bleiben
Worauf zu achten ist
Pubertät – was ist das eigentlich?
Körperliche Veränderungen – geistiger Ausnahmezustand
Was läuft anders bei Jungs?
Wachstum als Problem
Vom zarten Flaum zum Bart
Breite Schultern oder lang und dünn?
Fettiges Haar und erste Pickel
Und plötzlich kippt die Stimme weg
Erster Samenerguss
Leben mit einem neuen Körper
Worauf zu achten ist
Gehirn im Ausnahmezustand
Umbau im Kopf
Verlust und Aufbau
Gray matter ade!
Ziel: Effizienz
Alles Amygdala: ständig auf Abwehr!
Empathie? Under Construction!
Raue Schale – sensible Phase
Starke Eindrücke mit prägender Wirkung
Höchstleistungen an Kreativität und Intelligenz
Worauf zu achten ist
Hormongesteuert? Zur psychosozialen Entwicklung
Testosteron im Überschuss und was es mit Jungen macht
Gefühlschaos – zwischen Sehnsucht und Aggression
Demontage der Eltern
Auf der Suche nach neuen Vorbildern
Sich neu (er)finden
Vom besten Freund bis zur Gang – Gruppendenken und Gefühle
Sexuelle Orientierung: Alles ist möglich!
Feste Freundin oder Frauenheld?
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt …
Worauf zu achten ist
Schule – zwischen Bildungsnotstand und Versagensängsten
Zu hoher Druck oder anspruchslos?
Welche Schule ist die richtige?
Mut zur Alternative
Underachiever – vom Umgang mit Schulverweigerern
Motivation in der Pubertät
Rollenspiel mit Klassenclown, Anführer und Sonnyboy
Außenseiter?
Mobbing und Bullying
Kampf um den Abschluss – Noten mit System auf der Zielgeraden
Worauf zu achten ist
Perspektiven entwickeln
Berufswahl oder Berufung?
Praktika und Reisen
Erfahrungen sammeln
Nicht für die Schule, für das Leben …
Angstfrei und mit Vertrauen
Eigene Fähigkeiten entdecken
Studium? Ausbildung? Oder beides?
Ziele formulieren und korrigieren
Elternwunsch und Selbstständigkeit
Worauf zu achten ist
Schöne neue Medienwelt
Social Media
Jugendschutz im Netz
Permanent online
Stress durch Handy und PC
Zocken rund um die Uhr
Konditionierung oder Sucht?
Selbstständigkeit im Internet
Medienschule in der Pubertät
Nutzungsverhalten und Regeln
Worauf zu achten ist
(Sehn)Sucht nach Erfahrung
Diversität hat viele Seiten
Ausprobieren
Lust auf Neues
Die erste Zigarette – ein Must-have?
Partydroge Alkohol
Drogen: Ist Prävention möglich?
Alternativen entwickeln
Gesunder Lebensstil als Trend
Was tun? Von Rechtsfragen bis zu professioneller Hilfe
Worauf zu achten ist
Schlaf, Struktur und Ernährung
Wenn aus Lerchen Eulen werden
Was passiert im Schlaf?
Wunder Melatonin
Den eigenen Rhythmus finden
Tagesstrukturen neu definieren
Systemische Zusammenhänge begreifen
Gesunde Ernährung als Basis
Essstörungen bei Jungen?
Vorbildwirkung und Orientierung
Worauf zu achten ist
Verantwortung – für sich selbst und für andere
Zusammen-Leben neu gestalten
Aufgaben, Pflichten und Rechte
Gemeinsam Regeln definieren
Ab wann zu Club und Party?
Engagement und Risiko
Fairness und Teamgeist: Sport
Grenzen schrittweise erweitern
Ist Disziplin out?
Von einem, der auszog …
Worauf zu achten ist
Vielen Dank
Impressum
Vorwort
Die Pubertät gilt als schwierige Phase, sie stellt für Eltern, Lehrer und Kinder eine Herausforderung dar. Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen ist eine der entscheidenden Phasen im Leben. Hier werden meist die Weichen gestellt, wird mit dem Ausbildungsweg die berufliche Laufbahn bestimmt. Gleichzeitig finden sexuelle Orientierung, die Übernahme von Verantwortung und ein gewaltiger Umbau statt. Gerade Jungen gelten als gefährdet. Sie neigen verstärkt zum Risiko, wirken oft aggressiv und angriffslustig.
Was zum einen biologisch bestimmt ist, trifft zum anderen auf eine Welt, die sich immer schneller dreht und immer rascher verändert. Die stets neue Orientierung fällt selbst Erwachsenen schwer, Jugendliche können noch schneller vom Strudel ergriffen werden und sich womöglich darin verlieren. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber. Zwar glaubt man, sein Kind nicht mehr zu kennen, wenn es einem plötzlich ablehnend, launisch oder sogar aggressiv gegenübertritt. Man verzweifelt womöglich, wenn im entscheidenden Moment vor den Bewerbungen die Zensuren zu wünschen übrig lassen und die Schule völlig zur Nebensache wird. Man kann nur schwer verstehen, warum ein Teenager plötzlich bis mittags schläft und abends einfach nicht zur Ruhe kommt oder Handy und PC ohne Pause im Einsatz sind.
Wie geht man um mit Neuen Medien, die einem selbst noch nicht in ihrem ganzen Ausmaß vertraut sind? Wie erkennt man Sucht und wie wirkt man ihr entgegen? Treten Probleme mit Alkohol oder gar Drogenkonsum auf, stellt sich bei vielen Eltern Verzweiflung ein. Scham und Wut sind Emotionen, die niemandem fremd sind, der es mit einem „Problemkind“ in den eigenen vier Wänden zu tun hat. Doch die Fokussierung auf das womöglich Problematische allein bringt niemanden weiter.
Jugendliche müssen ihren Weg finden und dieser führt oft durch abseitiges Gelände. Sie müssen lernen, das Maß zu finden, um Grenzen zu überwinden und Grenzen zu akzeptieren. Dieser Weg ist für alle nicht leicht. Wir Eltern sehen uns in dem Dilemma, das Beste für unser Kind zu wollen. Wir sehen Gefahren, die junge Menschen nicht erkennen, sondern als Herausforderung oder aus Neugier bewusst für sich annehmen. Es fällt schwer, in solchen Momenten das richtige Maß zwischen Toleranz und Verbot zu wählen.
Mit der Pubertät wandeln sich nicht nur Jugendliche, sondern auch Eltern. Die gesamte Familie befindet sich in einem Umbauprozess. Aus dem behüteten Kind wird ein Jugendlicher, der seinen Platz in der Welt finden will und muss. Das Elternhaus wird zur Basisstation, die dem jungen Mann die möglichst besten Startbedingungen bieten sollte und tatsächlich wie bei einer Expedition auf jeden Ernstfall eingerichtet sein muss, ohne ein Klima der Angst zu verbreiten.
Wer furchtsam verweigert und verbietet, kommt nicht weit. Das Leben an sich ist gefährlich und benötigt Vertrauen. Damit soll nicht der Waghalsigkeit das Wort geredet werden. Doch es wäre falsch, Jugendlichen aus Vorsicht das Jungsein austreiben zu wollen. Die Reaktion wird dann womöglich nur umso heftiger sein. Es hilft manchmal, sich an die eigene Jugend zu erinnern und eine ehrliche Biografie-Schau zu halten: Schnell stellt man fest, dass man auch (und oft immer wieder) mit Orientierungsphasen zu kämpfen hat, wobei gerade die Pubertät zu den größten im Leben zählt. Toleranz, Gelassenheit und Selbstbewusstsein sind entscheidend, wenn man sich der eigenen Verantwortung als Eltern bewusst ist und seinem Sohn den liebevollen Hintergrund geben will, den er benötigt, um aufzubrechen und seinen eigenen Weg zu gehen.
Dieses Buch bietet einen Überblick über die wichtigsten Fragen der Pubertät bei Jungen und hilft mit praktischen Tipps und kleinen Übungen, die neue Situation besser zu verstehen und Lösungswege für den individuellen Gebrauch zu finden. So findet ihr euch im Dschungel der Pubertät mit eurem Sohn besser zurecht und könnt euch vielleicht sogar auf die wilden Jahre freuen, wie auf ein großes neues Abenteuer.
Gender-Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Unterscheidung verzichtet. Bei personenbezogenen Hauptwörtern sind selbstverständlich stets alle Geschlechter angesprochen.
Ängste der Eltern vor der Pubertät
Um die Pubertät wird viel gestritten: Sie gilt als eine Phase der Herausforderung auf allen Gebieten. Seit der Antike wird vor allem vor jungen Männern gewarnt, wird die Phase des Übergangs problematisiert. Eine Herausforderung ist sie zweifellos: vor allem für euren Jungen selbst, denn neben einem Wachstumsschub steht ein kompletter Umbau des Gehirns an.
Doch solltet ihr als Eltern nicht vorab in Panik verfallen, sondern Ruhe bewahren und eure individuelle Situation verantwortungsbewusst im Auge behalten. Vertraut auch auf das, was ihr bisher als Eltern geleistet habt, denn auch die Rahmenbedingungen zählen in dieser ereignisreichen Phase.
Erwartungen, Herausforderungen und Realität
In einer immer komplizierter werdenden Zeit erleben sich Eltern oft als überfordert. Sie stehen zwischen allen Fronten: Der Druck der Schule, die Angst vor der Zukunft, die täglich zunehmende Unsicherheit der eigenen Verhältnisse belasten sie, ihre Beziehung, das Verhältnis in der Familie. Diese Ängste übertragen sich auf die Kinder.
Die Pubertät wird dabei nicht selten zur Projektionsfläche. An sich ist sie keine Katastrophe. Es handelt sich um eine Übergangsphase, in der aus dem Mädchen eine Frau, aus dem Jungen ein Mann wird. Dabei spielen physiologische und psychologische Umbau- und Reifungsprozesse, die sich in einem bestimmten zeitlichen Rahmen vollziehen, eine Rolle. Wer in einem positiven Umfeld aufwächst und starke Erwachsene um sich hat, die gerne Mann und Frau sind und sich erfolgreich Herausforderungen stellen, der wird auch gerne teilhaben wollen und sich in dieser Phase auf das Erwachsenwerden vorbereiten. Wer in Verunsicherung lebt, wird es schwerer haben.
Doch letztlich ist die Pubertät immer ein individueller Prozess. Eltern mit mehreren Kindern kennen das bereits: Ein Kind pubertiert stark, während andere die Phase beinahe problemlos überstehen. Bei einem ist es kaum auszumachen, wann die Pubertät stattgefunden hat, bei anderen dehnt sich der Prozess über Jahre hinweg. Das Erwachsenwerden erscheint ihnen wenig attraktiv. Physische Wandlung und psychische driften auseinander.
Gerade Jungen werden schnell zur Zielscheibe von Vorurteilen. Sie gelten rasch als Rabauken, Unruhestifter, Schulversager. Diese Zuschreibungen haben nicht selten Folgen und ein Junge verhält sich exakt so oder zieht sich tief verletzt zurück. Das kann bis zur Depression gehen oder sich in Suchtverhalten äußern. Wichtig ist es, sich als Erwachsener angstfrei und ohne Vorurteile auf die eigene, spezifische Situation in der Familie einzustellen und so dem Sohn die Möglichkeit zu geben, seine Pubertät zu durchleben.
Die eigene Geschichte
Während des Zusammenlebens mit eurem Sohn sind euch sicher bereits zwei Dinge aufgefallen: 1. Nichts geht unbedingt nach Lehrbuch und 2. die eigenen Prägungen haben einen großen Einfluss auf unser Verhalten dem Kind gegenüber. Unsere eigene Geschichte bestimmt unsere Beziehungen in vielfältiger Weise. Sie hat Einfluss auf unsere Kommunikation, unsere Art zu streiten, Freude zu zeigen, Kritik und Liebe zu äußern. Sie hat auch immensen Einfluss auf unser Geschlechterbild und die Erwartungen, die wir an einen Heranwachsenden stellen.
Wer sich bereits intensiv mit sich selbst befasst hat, die eigenen Stärken und Schwächen kennt, wer mit seinem Partner im Austausch steht, der reflektiert und korrigiert sein Verhalten, ohne an Authentizität zu verlieren. Er ist sich bewusst, dass die eigene Wahrnehmung nur eine durch seine eigene Geschichte geprägte Sicht ist. Hat dieser Prozess der Achtsamkeit sich selbst gegenüber bereits vor der Pubertät des eigenen Kindes eingesetzt, wird Verletzungen und Missverständnissen vorgebaut. Der Erwachsene kann dann souveräner mit der Situation umgehen und sich verantwortungsbewusst verhalten.
Stammen beide Elternteile selbst aus einem sicheren, liebevollen Familienumfeld, haben sie es deutlich leichter. Sie wissen intuitiv, wie man mit Herausforderungen und Streit umgeht. War das eigene Heranwachsen jedoch belastet, können sich diese Belastungen wiederum einstellen. Das ist keine magische Wiederholung, sondern einfach das Agieren in den erlernten Parametern (Vorgaben). Hat eine Mutter unter einem sehr dominanten oder sogar jähzornigen Vater gelitten, kann es sein, dass sie selbst aufbrausend reagiert oder Verhaltensweisen, die einen solchen Ausbruch bei ihrem Sohn auslösen könnten, vermeidet. Dem Jungen fehlt damit ein ausgeglichenes Gegenüber. Er wird nun seinerseits entweder aufbrausend oder geduckt reagieren. Die erwachsene Orientierungsperspektive fehlt.
Durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich können die individuelle Entwicklungsgeschichte begriffen und das eigene Verhalten korrigiert werden. Übermäßige Ängste, Aggressionen oder Ausweichhaltungen lassen sich dann rechtzeitig korrigieren.
Kommunikation in der Familie
Die eigenen Kindheitserfahrungen haben uns geprägt. Sie äußern sich vor allem auch in unserer Kommunikation. Was wir sagen und wie wir etwas verstehen, hängt auch davon ab, was wir sagen und wie wir etwas verstehen wollen. Wir hören und verstehen durch Filter. Dadurch kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Diese treten allgemein im Leben, in der Paarbeziehung und in dem Verhältnis der Eltern zu ihrem Sohn auf.
Bemüht man sich in der Familie um eine liebevolle, zugewandte Atmosphäre, ist gewaltfreie Kommunikation (nach Marshall B. Rosenberg) ein Handlungskonzept, das über den rein verbalen Bereich hinausgeht und die Bindung in der Familie stärkt. Während Tadel, Zurechtweisungen und Beschimpfungen demütigen, Widerspruch hervorrufen oder nachhaltige Schäden hinterlassen, ermöglicht gewaltfreie Kommunikation Entwicklung, Öffnung und das sachliche Lösen von Konflikten, ohne dass Familienmitgliedern die Rolle von Gewinnern oder Verlierern zugewiesen wird.
Dabei sollte man jedoch nicht in pseudo-positive Setzungen verfallen. Eine nur scheinbar gewaltfreie Sprache, die zwar Beschimpfungen und Zuweisungen vermeidet, jedoch Verachtung und Zurechtweisung transportiert, wird von Jugendlichen schnell entlarvt und beschädigt das Vertrauen langfristig. Ärger lässt sich als Ärger äußern, wenn deutliche Ich-Botschaften gesandt werden. Damit zeigen wir, dass wir ein Problem haben und geben anderen die Möglichkeit, uns zu unterstützen und eine Lösung zu finden. Bei einer Du-Botschaft schieben wir dem anderen das Problem zu, identifizieren ihn vollkommen damit und lassen ihn mit der Herausforderung allein. Statt auf eine Problemlösung fokussieren wir auf eine Schuldzuweisung und bringen das Kind zwangsweise in die Situation, sich wegzuducken oder sich zu verteidigen. Ziel sollten immer ein lösungsorientiertes Handeln und ein respektvoller Umgang miteinander sein. Lebt ein Paar diese Art der Kommunikation vor, übernehmen Kinder die gewaltfreie Art zu kommunizieren und sind auch während der Pubertät mit den Kriterien einer achtungsvollen Auseinandersetzung vertraut.
Vom Wandel
Menschliche Beziehungen verändern sich. Sie sind nicht statisch verankert, sondern in Bewegung. In der Familie sollten diese Veränderungen auf Basis der Verbindlichkeit Raum zur freien Entfaltung bekommen. Verbindlich bleibt die Beziehung als Familie, die sich liebe- und vertrauensvoll zugewandt ist. Dennoch können sich auch die Beziehungen innerhalb der Familie wandeln.
Verschiedene Ebenen können dabei betrachtet werden:
Zum einen ist es die Beziehung des Paares zueinander. Ihr habt bereits erlebt, wie ihr aus einem auf sich bezogenen Paar zu Eltern wurdet und mit eurem Kind eine Familie gebildet habt. Ihr seid in diesem Prozess gewachsen.
Mit der Entwicklung des Kindes verändert sich auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Vielleicht sind vorab bereits Geschwister dazugekommen oder euer Sohn hat schon eine ältere Schwester. Auch in dieser Beziehung werdet ihr Wandel bemerken – mal sind sich die Geschwister näher, mal entfernen sie sich voneinander. Dabei spielen verschiedene Faktoren wie das Alter eine Rolle.
Wenn wir Familie als eine systemische Verbindung betrachten, die aus einem Geflecht von Beziehungen versteht, erkennen wir das Lebendige dieser Form, das sich dem Wandel gar nicht verschließen kann. Geht es einem Familienmitglied nicht gut, sind die anderen betroffen. Stehen die Eltern vor Herausforderungen, trifft es auch die Kinder. Ändert ein Familienmitglied seinen Status entscheidend, indem es in den Kindergarten, in die Schule oder eben in die Pubertät kommt, sind auch die anderen betroffen und werden in irgendeiner Form mit einbezogen.
Achtsamkeit als Prinzip
Die Pubertät kann mit extremen Stimmungsschwankungen verbunden sein. Ähnlich wie in der Schwangerschaft übernehmen zeitweise die Hormone die Regie. Eltern und Geschwister sehen sich auf eine harte Probe gestellt. Eigene Befindlichkeiten und Tagesform kommen hinzu. Nicht immer versteht die kleine Schwester, warum der große Bruder aufbraust oder der Vater fast die Nerven verliert. Nicht immer ist die Mutter ausgeglichen und gut gelaunt.
Ein achtsamer Umgang miteinander (wie ihn auch die gewaltfreie Kommunikation empfiehlt), ist hier wichtig. Damit das in der Familie klappt, muss man auch auf die eigenen Ressourcen achten. Dazu gehört es, regelmäßig Pausen zu machen und Auszeiten zu nehmen, für Entspannung und Ausgeglichenheit zu sorgen. Damit sendet ihr gleichzeitig Signale an euren Sohn und wirkt als Vorbild. Wenn er erlebt, wie ihr selbst regelmäßig Yoga praktiziert oder Achtsamkeitsmeditationen in euren Alltag einbaut, wie ihr selbst Stress durch Jogging oder Spaziergänge abbaut, kann er sich daran orientieren.
Der Umgang den, Eltern mit sich selbst pflegen, wirkt ebenfalls prägend. Das bedeutet nicht, zu einem Wellnessurlaub aufzubrechen, wenn zu Hause die Wände wackeln oder egoistisch auf einer Vorzugsbehandlung zu bestehen, sondern es zeigt, wie man die eigenen Kräfte einteilt und sich dadurch physisch und psychisch so fit hält, dass man für die anderen da sein kann. Eine Mutter, die hier alles geben will, kann das nur, wenn sie selbst gesund und ausgeruht ist. Ein Vater, der sich hier mit ganzer Kraft einsetzen will, schafft das nur, wenn er gelernt hat, sich auch zu entspannen und gut zu sich selbst zu sein.
Familienverhältnisse als Rahmen
Familien sind unterschiedlich – heute noch mehr als in früheren Zeiten. Es gibt die klassische Kleinfamilie mit oder ohne Trauschein, alleinerziehende Frauen und Männer mit einem oder mehreren Kindern, gleichgeschlechtliche Paare oder Großfamilien mit vielen Kindern und mehreren Generationen in der unmittelbaren Umgebung. Es gibt Stieffamilien, bei denen ein Verlust im Hintergrund steht und kunterbunte Patchwork-Formen. Familie muss nicht qua Geburt legitimiert sein, sondern kann auch in frei gewählter Form als langfristiger Verbund existieren.
Entscheidend für eine gute Ausgangsbasis ist die Stabilität. Diese kann im Alleinerziehenden-Haushalt ebenso gegeben sein wie im Mehrgenerationenverbund. Sie kann aber auch anfällig sein. Ein Jugendlicher kann sich in einem Öko-Dorf ebenso unverstanden fühlen wie in einer 1-1/2-Zimmer-Wohnung in einer Großstadt in prekären Verhältnissen.
Das Umfeld eines Jugendlichen sollte Stabilität vermitteln und Rückzugsraum bieten. Es sollte ebenjene Basisstation sein, die ein Bergsteiger benötigt, wenn er zu einer Expedition aufbricht. Der Jugendliche muss wissen, dass er nach Hause kommen kann und dort immer alles findet, was er braucht. Er muss wissen, dass er bedingungslos geliebt wird.
Das bedeutet nicht, dass es keine Regeln gibt und das er im rechtsfreien Raum schwebend tun und lassen kann, was er will. Regeln, Grenzen und Sanktionen sind Teil einer stabilen Familienbeziehung. Sie sind nicht mit einem Liebesentzug gleichzusetzen, sondern notwendig, um Beziehungen zu regeln und Familie zu erhalten.
Dennoch ist immer im Einzelfall zu schauen, welche Belastungen mit der Familienkonstellation zusammenhängen können. Wer als gut verdienende Ärztin allein lebt, kann sich Unterstützung organisieren. Wer prekär am Rande der Gesellschaft existiert und jeden Tag unter Druck steht, hat es schwerer, mit dem Entgelt seines Jobs Betreuung oder Freizeitangebote zu organisieren. Wer mit Unterstützung nur halbtags tätig ist, materiell ausgesorgt und viel Zeit hat, kann womöglich perfekt mit der Situation umgehen.
Doch auch das Materielle allein ist nicht entscheidend, wenn es um ein Zuhause mit einem Pubertierenden geht: Wichtig sind Verständnis, Zuneigung und Regeln, an denen sich ein Heranwachsender orientieren kann.
Vertrauen auf dem Prüfstand
Während der Pubertät werden Regeln infrage gestellt und neu ausgehandelt. Der Heranwachsende erfährt durch seine körperliche und geistige Reife neue Möglichkeiten, die er für sich nutzen und ausprobieren will. Dieser plötzlich entgrenzte Raum kann (je nach bisherigem Erfahrungsumfeld) überwältigend sein. Die Erlebnisse müssen erst verarbeitet werden, um sie zu begreifen.
Das Austesten von Grenzen gehört zur Pubertät. Gerade männliche Jugendliche sind extrem risikofreudig und setzen sich ohne nachzudenken vermehrt Gefahren aus. Diese werden auch in der körperlichen Auseinandersetzung, in Drogenexperimenten und anderen Grenzerfahrungen gesucht. Der Hintergrund wurde lange allein in Hormonschüben, mangelnder Erfahrung und Spontaneität gesehen. Neuere Studien zeigen, dass Jugendliche sehr wohl Vor- und Nachteile von Handlungen abwägen, dies aber eher nach sozialen Maßgaben. So zeigten Untersuchungen, dass Jungen deutlich weniger Risiken eingingen, wenn ihre Mutter anwesend war und eher zu riskanten Handlungen neigten, wenn sie Freunden imponieren konnten. Gleichzeitig gibt es eine hohe Zahl an Jugendlichen, die sich vollkommen unauffällig verhält.
Es ist also nicht allein eine Frage des Glücks oder purer Zufall, ob ein Junge in der Pubertät gefährdet ist, sondern auch eine Frage des sozialen Umfelds und der Bindungen.
Gerade darum ist es wichtig, in der Familie an einer Basis zu arbeiten, die Vertrauen schafft. Dazu gehören das Einhalten von Regeln und auch das konsequente Sanktionieren, wenn Regeln verletzt werden.
Erziehung ist keine Einbahnstraße
Von der Idee, dass ausschließlich die Eltern ihre Kinder erziehen, habt ihr euch bestimmt bereits verabschiedet. Ein langer Weg liegt hinter euch, auf dem ihr gemeinsam mit eurem Sohn gewachsen seid. Auch ihr habt euch verändert und durch euer Kind gelernt. Zumal Erziehung nicht allein durch euch erfolgt. Großeltern, Verwandte und das Umfeld nehmen direkt oder indirekt Einfluss, Kita und Schule wirken in großem Maße auf euren Sohn ein. Mit der Erweiterung des Erlebnisraums wächst der Kreis, der ihn beeinflusst und auf den auch er wirkt. Beziehungen sind immer Wechselbeziehungen.
Mit dem Heranwachsen eures Sohnes ändert sich auch die Struktur eures Verhältnisses zueinander. Die weisende Haltung kann in dem Maße abnehmen, in dem das Verantwortungsgefühl auf der Seite eures Sohnes wächst. Das bedeutet nicht, dass ihr eure Rolle als Eltern vorzeitig aufgebt und euch selbst aus der Verantwortung entlasst oder nicht mehr für euren Sohn da seid. Allein rechtlich ist das nicht möglich.
Sehr individuell muss hier austariert und ausdiskutiert werden, was euer Sohn bereits schafft und für sich beanspruchen kann. Mehr Freiheit ist immer auch mit einem Mehr an Verantwortung verbunden und oft mit Pflichten gekoppelt. Ziel sind das verantwortungsbewusste, selbstständige Handeln und die Fähigkeit, alleine Entscheidungen für sich zu treffen und auch die Konsequenzen zu tragen.
Für uns als Eltern bedeutet das, loslassen zu können. Das sollte nicht abrupt erfolgen, sondern sich als Prozess schrittweise vollziehen, der von vielen Gesprächen und gemeinsamen Erfahrungen begleitet wird. Damit wird die Pubertät zu einer Übergangsphase für Eltern und Kind, die damit abschließt, dass aus dem Jungen ein Mann geworden ist. Aus der Erziehung wird eine Beziehung zwischen Erwachsenen.
So schwer es auch manchmal fällt – positiv bleiben
Die Pubertät löst Stress bei Eltern aus. Doch dabei sollte genau hingeschaut werden: Sind die Ängste berechtigt oder macht euch die Idee Angst, dass euer Sohn erwachsen wird? Habt ihr wirklich Grund zur Sorge oder ist es die Angst vor dem, was alles passieren könnte (aber in Wirklichkeit in eurem speziellen Fall gerade gar nicht passiert).
Die Pubertät kann zu einer Phase der Herausforderung werden, in der es vermehrt zu Verletzungen, Rechtsstreitigkeiten und Auseinandersetzungen mit Grenzerfahrungen im Bereich von Alkohol und Drogen kommt, sie muss jedoch keine solche sein.
Setzt euren Sohn (und euch selbst) also nicht unter Druck, indem ihr ihn von vornherein unter Generalverdacht stellt und ihm damit das Leben schwer macht, sondern seht die Zeit als eine Phase des Abschlusses, in der etwas wunderbares Neues beginnt.
Unbenommen können aber auch extreme Ereignisse eintreten, mit denen wir als Eltern umgehen müssen. Ein eigenes Versinken in Aggression, Trauer oder Apathie hilft dann nicht. Steht die Polizei vor der Tür, müssen wir als Erwachsene handeln. Sich positiv zu verhalten bedeutet dann nicht, lächelnd alle Probleme zu negieren, sondern situationsspezifisch zu reagieren und gemeinsam mit eurem Sohn Lösungen zu finden. Schwänzt euer Kind die Schule, muss geschaut werden, was wirklich dahintersteckt und welche Alternativen es gibt. Prügelt sich euer Sohn, hilft es nichts, zu brüllen, sondern es müssen die Zusammenhänge aufgedeckt und Regularien gefunden werden.
Atmet auch immer einmal tief durch und nehmt euch Zeit für euch, um wieder Kraft zu tanken. Tretet innerlich einen Schritt zurück, um neue Möglichkeiten sehen zu können und auch das Positive nicht aus den Augen zu verlieren.
Worauf zu achten ist
Steht euch die Phase noch bevor, bewahrt Ruhe und bleibt gelassen: Die Pubertät kann, aber sie muss nicht zwangsläufig mit Extremerfahrungen verbunden sein. Schürt keine Ängste in euch, die ihr auf euren Sohn übertragt: Er steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden, spürt die Veränderung, hat mit Herausforderungen auf vielen verschiedenen Gebieten zu kämpfen und möchte aber auch das Leben und die Welt kennenlernen.
Um ihn zu unterstützen, hilft eine Familie, die zu ihm steht, ihn akzeptiert und ohne Bedingungen liebt. Damit Familie als Basislager für junge, hinausstrebende Forscher funktionieren kann, braucht ihr Familienregeln, die von allen akzeptiert und eingehalten werden. Setzt euch mit eurer eigenen Geschichte und dem Prozess der Pubertät auseinander, erhöht sich die Chance zu einer toleranten und dennoch konsequenten Haltung, an der sich euer Sohn orientieren kann.
In den folgenden Kapiteln wird es um Schule, Sexualität, Medienkonsum und Drogen gehen. Mit diesen Themen kann man angstbesetzt, offensiv oder beobachtend steuernd umgehen, es sollte uns Erwachsene jedoch nicht davon abhalten, den Selbstständigkeitsdrang unserer Kinder als etwas Positives zu erleben.
Pubertät – was ist das eigentlich?
Der letzte Abschnitt der Kindheit beschäftigt Menschen seit Langem. Das hat evolutionäre Gründe, denn der Nachwuchs sichert den Erhalt der Gruppe und in dieser letzten Phase vor dem Erwachsensein beweist sich, ob die Nachkommen dazu fähig sein werden. Schon immer wurde dabei männlichen Nachkommen neben der Fortpflanzung der Part zwischen Wehrhaftigkeit und Tätigkeit zum Unterhalt der Gruppe zugewiesen. Diesem Anspruch in modifizierter Form müssen sich Jungen heute auch stellen. Zunächst geht es jedoch um physische Veränderungen, die zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr auftreten und in der Geschlechtsreife (der pubertas) gipfeln.
Körperliche Veränderungen – geistiger Ausnahmezustand
Während der Pubertät verändert sich der Körper genetisch gesteuert unter dem Einfluss von Hormonen. Entscheidend sind nicht nur Längenwachstum und Gewichtszunahme, sondern das Eintreten der Geschlechtsreife. Gleichzeitig kommt es zu einem Umbau im Gehirn, der mit Stimmungsschwankungen, verstärktem Bewegungsdrang und einem vermehrt das Risiko suchenden Verhalten einhergehen kann.
Körperliche Veränderungen können mit Schmerzen einhergehen oder psychisch belasten. Diese Beunruhigung spiegelt sich im Verhalten. Jungen wirken verunsichert, ziehen sich zurück oder treten bewusst herausfordernd auf. Nicht selten tritt beides ein. Als Erwachsene können wir uns nur noch bedingt in diesen Zustand hineinfühlen, doch jeder weiß, wie es ist, wenn eine körperliche Veränderung eintritt, die einen beschäftigt oder wenn man sich nach einem Unfall temporär auf neue Bewegungsformen einstellen muss. Schon ein Pflaster an der rechten Hand kann einen ablenken und die Stimmung beeinträchtigen.
Jugendliche fühlen sich in diesem Zwischenstadium verloren, nur dass die Pubertät kein Unfall ist, sondern das Anbrechen des erwachsenen Lebens bezeichnet und mit einem neuen Selbstbewusstsein verknüpft werden muss. Der häufige (oder zu seltene) Blick in den Spiegel ist nichts anderes als diese Selbstvergewisserung, die gebraucht wird, um Ich-Stärke zu entfalten.
Was läuft anders bei Jungs?
Während bei Mädchen die Eierstöcke vermehrt Östrogen abgeben, sich dadurch die Brust herausbildet, die Gebärmutter sich abschließend entwickelt und das Wachsen der Schamhaare einsetzt, erleben Jungen bereits wesentlich früher angeregt über Sexualhormone einen Anstieg des Testosterons. Einerseits kommt es dadurch zu einem erhöhten Wachstum des Körpers und der Muskeln, aber auch wesentlich früher zu einer Reifung der Geschlechtsorgane und oft schon vor der eigentlichen Pubertät zu einem erstmaligen Samenerguss durch das Hoden- und Peniswachstum zwischen dem 9. und 14. Lebensjahr.
Meist beginnt die lustvolle Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper bereits früher als bei Mädchen und wird während der gesamten Pubertät beibehalten. Gleichzeitig kann dies aber auch zu inneren und äußeren Konflikten führen. Neben dem Selbstverständnis spielen die Selbstdarstellung und die Bewertung von Sexualität durch das Umfeld eine Rolle.
Wachstum als Problem
Längenwachstum kann eine Herausforderung sein. Ähnlich wie Alice im Wunderland geht es auch Jungen, die plötzlich in die Höhe schießen und überall anecken. Während das Wachstum der Geschlechtsorgane und der Schambehaarung in der Regel mit dem 14. Lebensjahr abgeschlossen ist, kann sich das Längenwachstum bis zum 21. Lebensjahr hinziehen.
Jugendliche erleben sich daher in einem Zwischenstadium: Sie wirken körperlich noch wie kleine Jungs, haben aber bereits erste regelmäßige sexuelle Erfahrungen mit sich selbst gesammelt. An sie werden stereotypische Forderungen gestellt, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen.
Das Einleben in den neuen Körper sowie das Aushalten von Schwäche und Kraft sind Herausforderungen, bei denen wir Eltern unseren Jungen mit Toleranz, Achtsamkeit und Respekt unterstützen sollten. Denn nicht selten ist man plötzlich der Kleinste oder auch der Längste in der Klasse und muss seinen Platz erst wieder für sich und im Gruppenzusammenhang finden. Familie als sicherer Rückzugsort ist hier wichtig!
Vom zarten Flaum zum Bart
Das Wachsen der Haare im Schambereich beginnt heute oft bereits vor dem 10. Lebensjahr. Später setzt die Achselbehaarung meist parallel mit der Bildung eines Oberlippenflaums ein. Das Sprießen der Haare wird als unangenehm empfunden. Es juckt, die Haut ist gereizt und empfindlich. Erwachsene kennen den Vorgang vom Rasieren der Achsel- oder Beinhaare. Doch während hier der Vorgang bereits bekannt ist, überfällt er Jungen unverhofft und zum ersten Mal.
Nicht selten tauchen auch zuerst Fragen auf, ob man nicht krank sei oder Ähnliches. Erst mit der Aufklärung des Phänomens können Jungen gelassener damit umgehen und den Vorgang als lästig, aber natürlich hinnehmen. Wird aus dem ersten Flaum sukzessive ein Bart, wird dies sogar oft mit Stolz beobachtet. Ein erstes gemeinsames Rasieren unterstützt das Selbstbewusstsein. Wir Eltern sollten jedoch auch akzeptieren, wenn Jungen das Bartwachstum für sich ablehnen und ihre zugeschriebene Sexualität infrage stellen und hier ebenso mit Enthaarungsmöglichkeiten unterstützen.
Breite Schultern oder lang und dünn?
Die Veränderungen des eigenen Körpers durch das Wachstum können verschiedene Reaktionen auslösen, die widersprüchlich sein können. Wie im gesamten Prozess der Pubertät gibt es die Tendenz zum Verharren-Wollen in der Kindheit und zum lang ersehnten Aufbruch. Das Widersprüchliche spiegelt sich auch im Verhältnis zum Wachstum.
Einige Jungen wollen heute noch Kind sein und morgen schon ganz erwachsen. Einige geben sich großspurig gereift und sehen sich bereits im Bereich der Erwachsenen.
Das Selbstbewusstsein hält nicht unbedingt mit dem Wachsen des Körpers mit. Oft ist die scheinbare Selbstsicherheit gespielt. Wird unbeabsichtigt am Lack gekratzt, reagiert der Heranwachsende mit Trauer oder Zorn.
Wichtig ist es, den eigenen Sohn in diesem Prozess sensibel zu begleiten und die eigenen Erwartungen zurückzustellen. Mancher sportliche Vater wünscht sich einen dynamischen Recken an seiner Seite und schaut unbewusst auf seinen schmalbrüstigen Vierzehnjährigen herab. Das sollte nicht sein. Findet als Erwachsene eine tolerante, unterstützende Haltung eurem Sohn gegenüber. Sport kann stabilisierend wirken, ist aber auch nicht immer die optimale Lösung. Man sollte immer besonders achtsam und rücksichtsvoll mit einem heranwachsenden jungen Mann umgehen, um ihn nicht zu verletzten. Das Burschikose, mit dem das Bild eines Jungen oft verbunden wird, ist nicht immer geeignet, um in Phasen der Neufindung wirklich zu unterstützen.
Fettiges Haar und erste Pickel
Durch die hormonelle Umstellung kommt es vermehrt zur Bildung von Fetten und einer Veränderung des Körpergeruchs. Pickel, Pusteln und Akne sind typisch für die Pubertät. Nicht nur Mädchen leiden unter fettigen Haaren und unreiner Haut. Auch Jungen empfinden diese Veränderungen als unschön und entwickeln Schamgefühle. Immer noch wird das äußere Erscheinungsbild von jungen Männern mit anderen Kriterien bewertet als das Bild junger heranwachsender Frauen.
Während hier eine ganze Kosmetikindustrie Mädchen mit Pflegeprodukten überschüttet (und unter Druck setzt), gibt es bei Jungen oft Vorbehalte. Um hier das richtige Maß und den richtigen Weg zu finden, solltet ihr euren Sohn genau im Blick haben und euch fragen, was er möchte. Das gilt auch beim Kauf von Pflegepräparaten. Wir können unser Kind unterstützen, eine solide Basis zur Gesundheitspflege und zum achtsamen Umgang mit sich selbst zu entwickeln, wenn wir die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Umstellung des Körpers und Hygiene darlegen und unserem Sohn helfen, ein positives Selbstbild zu entwickeln.
Und plötzlich kippt die Stimme weg
Der Stimmbruch erfolgt bei manchen Jungen fast unmerklich, andere erleben ihn als deutliche Herausforderung. Das Wegbrechen der Stimme kann bereits ab dem 11. Lebensjahr einsetzen. Die Stimme wird mit dem Hervortreten des Adamsapfels, dem Wachstum der Stimmlippen und der Verknorpelung um etwa eine Oktave tiefer.
Während der Absenkung kann es immer wieder zu einem spontanen Wegbrechen der Stimme kommen. Auch die Lautstärke kann sich dem bewussten Einsatz entziehen. Jungen empfinden es oft als peinlich, wenn dies im Gespräch oder auch bei Vorträgen in der Schule passiert.
Manche Jungen haben diese Phase in wenigen Monaten hinter sich gelassen, andere kämpfen etwa ein Jahr lang mit dem Stimmwechsel.
Auch hier ist Unterstützung gefragt. Keinesfalls sollte man die Situation ins Lächerliche ziehen, sondern sensibel auf die individuelle Situation eingehen.
Erster Samenerguss
Der erste Samenerguss kann einen Jungen erschrecken. Meist erfolgt er bereits vor dem 13. Lebensjahr nach dem Beginn der Pubertät. Der spontane Erguss resultiert aus dem Hodenwachstum und der beginnenden Spermienproduktion. Oft passiert es nachts und wird schamhaft mit spontanem Urinabgang gleichgesetzt.
Je informierter ein Junge ist, desto besser kann er mit der Situation umgehen. Herausforderungen entstehen nur, wenn die Ejakulation fälschlich als mögliches Symptom einer Krankheit gewertet oder mit einer falschen Scham als unmoralisch eingestuft wird.
Aufklärung schafft die Grundlage für ein Verständnis der natürlichen Vorgänge.
Um einen Jungen nicht zu bedrängen, sollte man ihm Fragen beantworten, doch keine Diskussionen aufzwingen. Herrscht ein offenes, verständnisvolles Klima in der Familie, das von gegenseitiger Achtung und Respekt getragen wird, gibt es Raum für vertrauensvolle Gespräche und auch Toleranz der eigenständigen Entwicklung gegenüber.
Ein Junge hat so die Möglichkeit, seine Orientierung selbst zu wählen und sich zu entscheiden, wer er selbst sein und wen er lieben möchte: Frauen, Männer oder beide.
Leben mit einem neuen Körper
Das „Eingewöhnen“ in den neuen Körper ist eine Herausforderung, die junge Menschen physisch und psychisch beschäftigt. Zum einen laufen die physischen Veränderungen nicht immer komplikationslos ab: Wachsen kann mit Schmerzen verbunden sein, der Kreislauf wird stärker beansprucht, der Schlaf-Wach-Zyklus ändert sich und auch die physische Leistungsfähigkeit schwankt. Zum anderen kommt es durch hormonelle Umstellungen zu Stimmungsschwankungen, die einen Jungen bedrücken können. Er fühlt sich schlapp oder reagiert besonders sensitiv mit Trauer oder Aggression.
Gleichzeitig wachsen die Anforderungen: Der Junge steht vor dem Abschluss, soll eine berufliche Laufbahn einsteigen und muss sich auch sozial verorten. Ein Erkennungszeichen ist das Äußere. Darum verwenden manche Jungen viel Zeit darauf, einen eigenen Stil zu finden, mit Kleidung die gewünschte Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren, für sich selbst ein schönes Äußeres zu schaffen, das sie bei ihrem Auftreten in der Welt unterstützt.
Als Erwachsene haben wir bereits Erfahrungen gesammelt und wissen, wie man sich zu kleiden und zu geben hat, damit man akzeptiert und anerkannt wird. Euer Sohn muss das erst lernen und für sich ausprobieren.
Ein weiterer Aspekt ist der Umgang mit physischer Stärke und Schwäche. Jungen müssen auch hier für sich verbindliche Entscheidungen treffen und sich positionieren. Das Beste, was ihr als Eltern tun könnt, ist, euren Sohn zu bestärken und ihm Rückhalt zu geben. Dadurch kann er Selbstsicherheit aufbauen, seine Ich-Kräfte stärken und an Selbstvertrauen gewinnen.
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