Kitabı oku: «Europäische Regionalgeschichte»

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Martin Knoll / Katharina Scharf
Europäische Regionalgeschichte
Eine Einführung
BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN
Martin Knoll ist Universitätsprofessor für Europäische Regionalgeschichte an der Universität Salzburg.
Katharina Scharf ist Historikerin und lehrt am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg.
Mit 18 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.
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Umschlagabbildung: © Katharina Scharf
Korrektorat: Philipp Rissel, Wien
Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: büro mn, Bielefeld
EPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
UTB-Band-Nr. 5642 | ISBN 978-3-8252-5642-5 | eISBN 978-3-8463-5642-5
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Aktualität und Konjunktur von Region
1.2 Landesgeschichte oder Regionalgeschichte?
2. Region als Konzept und historischer Gegenstand
3. Regionalgeschichte: Gegenstände, Perspektiven, Herausforderungen
3.1 Regionalgeschichte als …
3.1.1. Politikgeschichte
3.1.2. Mikrogeschichte
3.1.3. Globale und Transterritoriale Geschichte
3.1.4. Wirtschafts- und Sozialgeschichte
3.1.5. Kulturgeschichte
3.1.6. Umweltgeschichte
3.1.7. Stadtgeschichte
3.1.8. Religions- und Konfessionsgeschichte
3.1.9. Tourismusgeschichte
3.1.10. Migrationsgeschichte
3.1.11. Geschichte von Einzel- und Gruppenbiografien
3.1.12. Frauen- und Geschlechtergeschichte
3.1.13. Aspekt im Schulunterricht
3.2 Regionalgeschichte und ihre offenen Fragen
4. Regionalgeschichte: Eine Bestandsaufnahme
4.1 Universitäre Verankerung und Wissenschaft
4.2 Außeruniversitäre Verankerung und Praxis
5. Verzeichnis
5.1 Abbildungen
5.2 Literatur, Quellen
5.3 Online-Ressourcen
5.4 Links zu Universitäten (Professuren, Lehrstühle)
6. Danksagung
7. Register
1. Einleitung
Eine gute Nachricht zum Einstieg: Es spielt keine Rolle, ob Sie an einer Universität Regionalgeschichte oder Landesgeschichte als Teil Ihres Curriculums studieren, ob Sie im außeruniversitären Kontext lokal- oder regionalgeschichtlich forschen, ob Sie die Niederschwelligkeit des „Grabens, wo man steht“ oder der „Geschichte vor Ort“ im Schulunterricht nutzen wollen. Diese Einführung bietet Ihnen einen möglichst breiten, aber auch einen programmatisch undogmatischen Zugang zu Perspektiven, Gegenständen und Methoden der „Geschichte in kleinen Räumen“ (Stauber 1994) und vermittelt dabei einen Eindruck vom Facettenreichtum der aktuellen regionalhistorischen Forschungslandschaft.
Regionalgeschichte: facettenreich und offen.
Den Entstehungskontext dieses Buches bildet die Universität Salzburg, an der die Autorin und der Autor in Forschung und Lehre des Kernfachs Europäische Regionalgeschichte aktiv sind. Innerhalb der aktuellen Salzburger Curricula stehen neben epochal gegliederten Modulen mit Lehrangeboten zur Alten Geschichte, Mittelalterlichen Geschichte, Neueren Geschichte und Zeitgeschichte Module zu „Räumen und Dimensionen“, in deren Rahmen das Fach Europäische Regionalgeschichte neben der Österreichischen Geschichte, der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte, der Außereuropäischen- und Globalgeschichte sowie der Kulturgeschichte steht. Europäische Regionalgeschichte wird dabei verstanden als Zugang der vergleichenden historischen Untersuchung von und in Regionen, der sich einem gesamteuropäischen Problemhorizont verpflichtet weiß.
Regionalgeschichte steht nie isoliert
Oder, um es etwas konkreter zu formulieren: Wer sich zum Beispiel mit der regionalen Prägekraft des Holzbedarfs des Salzburger Bergbaus in der Frühen Neuzeit beschäftigt oder mit den Transformationsprozessen, die der Tourismus des 19. und 20. Jahrhunderts in den alpinen Regionen Österreichs ausgelöst hat, der oder die tut gut daran, den gesellschaftlichen Energiekonsum und Ressourcenbedarf des vorfossilen Zeitalters oder den modernen Tourismus als historische Phänomene und Probleme von gesamteuropäischer Dimension zu erkennen. Auf dieser Erkenntnis kann eine Regionalgeschichtsschreibung aufbauen, die die Methode des Vergleichs mit anderen Regionen nutzbar macht, um die Befunde einer Region besser einordnen zu können. Es kann aber auch eine Geschichtsschreibung angeleitet werden, die den vielfältigen Verflechtungen und Transfers zwischen Regionen – seien sie politischer, demografischer, kultureller, ökonomischer oder sozialökologischer Natur – nachspürt und damit einem Geschichtsbild entgegenwirkt, das Regionen als statische, von ihrer Umgebung scharf abgegrenzte und gleichsam autark existierende Entitäten konzipiert.
Was will dieses Buch?
Dieses Studienbuch will in einem ersten Schritt grundlegende Begriffe und Konzepte klären, allen voran den Regionsbegriff selbst. In einem semantisch sehr weiten, oft positiv konnotierten Alltagsverständnis ist das Begriffspaar „Region“ / „regional“ allgegenwärtig. Gerade weil jede und jeder glaubt, diese Begriffe klar verorten zu können, ist besondere Aufmerksamkeit erforderlich – sowohl im Hinblick auf die historische Entwicklung der Begriffsbedeutung als auch auf den Regionsbegriff als Kategorie der Geschichtswissenschaft.
In einem zweiten Schritt gilt es dann kurz das Verhältnis zwischen Regionalgeschichte und Landesgeschichte zu diskutieren. Landesgeschichte als historische Teildisziplin stellt eine Besonderheit der geschichtswissenschaftlichen Forschungslandschaft im deutschsprachigen Raum dar. Was sie von der Regionalgeschichte unterscheidet und was sie mit dieser verbindet, das soll resümierend erörtert werden, ohne dass es hier sinnvoll wäre, alle Argumentationsstränge einer jahrzehntealten Fachdiskussion bis ins Detail nachzuverfolgen. Am Ende wird der Einschätzung des Münchener Landeshistorikers Ferdinand Kramer zuzustimmen sein, wonach sich die wissenschaftliche Debatte um Landesgeschichte und Regionalgeschichte weitgehend erschöpft habe und sich die beiden Ansätze in der Forschungspraxis kaum mehr voneinander trennen lassen (Kramer 2015, 213).
Im weiteren Programm dieser Einführung geht es um die Erschließung des historischen Gegenstandes und die verschiedenen Herangehensweisen der Regionalgeschichte an diesen. Der hierfür gewählte Weg führt über die Vorstellung verschiedener teildisziplinär geprägter Perspektiven in der Regionalgeschichte. Den eigentlichen Kern dieser Einführung bildet daher eine Reihe von Unterkapiteln, die dem Schema „Regionalgeschichte als …“ (z. B. Regionalgeschichte als Politikgeschichte oder als Wirtschafts- und Sozialgeschichte) folgen. Dafür wurden folgende Perspektiven ausgewählt: Politikgeschichte, Mikrogeschichte, Globale und Transterritoriale Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Kulturgeschichte, Umweltgeschichte, Stadtgeschichte, Religions- und Konfessionsgeschichte, Tourismusgeschichte, Migrationsgeschichte, Geschichte von Einzel- und Gruppenbiografien, Geschlechtergeschichte sowie die Regionalgeschichte im schulischen Kontext.
Dabei ist klar, dass diese Auswahl erstens nicht zwingend ist und die Breite der Regionalgeschichte nicht erschöpfend abbildet und es zweitens „Sortenreinheit“ dieser Blickwinkel in der regionalhistorischen Praxis oft nicht geben kann. Sinnvoll erscheint dieses Vorgehen trotzdem, arbeitet es doch zugespitzt heraus, welche historiografischen Herangehensweisen an Regionalgeschichte möglich und in der Praxis vorherrschend sind. Dabei muss auch ausgelotet werden, welchen offenen Fragen und ungelösten Problemen die Regionalgeschichte gegenübersteht.
Zum Wissenschaftsbetrieb gehört auch die Institutionalisierung. Eine kleine Bestandsaufnahme geht daher der Frage nach, wo und in welcher Form Regionalgeschichte im deutschsprachigen Raum an Universitäten und in universitären Curricula sowie in außeruniversitären Forschungseinrichtungen verankert ist. Aber auch Ausprägungen der „Geschichte vor Ort“, also die oft von Laien getragenen lokal- und regionalhistorischen Initiativen und Vereine, liefern ein facettenreiches Feld, das nicht außen vor bleiben sollte. Institutionalisierung von Wissenschaft äußert sich auch in der Etablierung und Arbeit von Publikationsorganen wie Zeitschriften, Buchreihen oder Online-Portalen. Und so vermittelt auch die einschlägige Medienlandschaft Eindrücke von den Entwicklungen des Fachs.
1.1 Aktualität und Konjunktur von Region
Der Begriff der Region ist allgegenwärtig. Eine Google-Suche im Frühjahr 2020 erbringt 4,6 Milliarden Treffer.
Der Regionsbegriff: beliebt, aber vieldeutig
In der Medienlandschaft und der Werbewirtschaft fungiert der Regionsbegriff irgendwo zwischen Zugpferd und Allzweckwaffe: Ob regionale Lebensmittel – wie auch immer deren Herkunftsradius im Einzelnen definiert sein mag –, ob touristisches Destinationsmarketing („Nationalparkregion“, „Genussregion“, „Sportregion“) oder regional zugeschnittene Medien: Stets transportiert der Regionsbegriff eine sehr positive Botschaft, ein Versprechen von Vertrautheit, Nähe, Kontrolle und Kohärenz.

Abb. 1 Supermarkt in Oberösterreich – „Wir sind regional“ (Quelle: Eigene Darstellung 2020)
Die Beliebtheit des Begriffs spiegelt freilich seine Polyvalenz wider. Ähnlich anderen „Gummiwörtern“ der öffentlichen Debatte (besonders prominent z. B. der Nachhaltigkeitsbegriff) ist er ungemein offen für eine Vielzahl semantischer Aufladungen bei gleichzeitiger Suggestion eines konsensualen Verständniskerns.
Dabei sind weder der Begriff selbst noch der mit ihm bezeichnete Wirklichkeitsbereich einfach zu fassen. Um ein Alltagsverständnis von „Region“ greifen zu können, lässt sich die deutschsprachige Wikipedia konsultieren. Dabei wird vorneweg zwischen einem geografischen, biologischen und technischen Kontext unterschieden. Im geografischen Kontext finden sich zwei Definitionsangebote, die beide im weiteren Verlauf dieses Buches relevant sind. Region wird hier erstens als Gebiet bezeichnet, „das geographisch, politisch, ökonomisch und/ oder administrativ eine Einheit bildet“. Zweitens wird hier auf die Maßstabsebenen geografischer Betrachtung zwischen den Extremen lokaler, kleinräumiger Bereiche der Erdoberfläche auf der einen und globaler, die gesamte Erde betreffender Interessenahme auf der anderen Seite hingewiesen (Wikipedia, Region, wikipedia.org). In letzterem Gefüge verortet sich Regionalität als grundsätzlich partikulare, je nach Definition aber als supra-nationale („Der globale Süden“) oder sub-nationale („Provinz“) Größe.
Regionalität in der Europäischen Union.
Welche Faktoren machen Regionalität aus? Eine mögliche Sondierung besteht im politischen und administrativen Konzept von Region, das im Kontext der Europäischen Union fassbar wird (Lottes 1992). Das viel beschworene Schlagwort eines „Europa der Regionen“, das freilich mit dem Wiedererstarken nationaler Grenzen seit 2015 viel an seiner Strahlkraft verloren hat, macht eine Suche an dieser Stelle plausibel. Konkret äußert sich der Bezug zwischen Europäischer Union und Region in verschiedenen Politikfeldern, besonders prominent im Feld der Kohäsionspolitik, also dem Zusammenhalt zwischen einzelnen Staaten und Regionen. Hier geht es um ein programmatisches Bestreben nach Stärkung des „wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalts, um eine harmonische Entwicklung der Union als Ganzes zu fördern“ (Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union Art. 174, Stand 09. 09. 2020). Die Union setzt sich dabei „insbesondere zum Ziel, die Unterschiede im Entwicklungsstand der verschiedenen Regionen und den Rückstand der am stärksten benachteiligten Gebiete zu verringern“ (Ebd.). Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei ländlichen Gebieten, Gebieten im (post-)industriellen Strukturwandel und „Gebieten mit schweren und dauerhaften natürlichen oder demografischen Nachteilen, wie den nördlichsten Regionen mit sehr geringer Bevölkerungsdichte sowie den Insel-, Grenz- und Bergregionen“ (Ebd.). Dementsprechend befasst sich die EU-Regionalpolitik mit der Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Stadt und Land sowie mit der Entwicklung ländlicher Räume, entwirft aber auch Strategien der Entwicklung makroregionaler Räume wie der Alpen (EU Strategy for the Alpine Region, EUSALP), des Donauraums (EU Strategy for the Danube Region, EUSDR), des Ostseeraumes (EU Strategy for the Baltic Sea Region, EUSBSR; Sea Basin Strategy: Baltic Sea) oder des Adriatischen und Ionischen Mittelmeerraumes (EU Strategy for the Adriatic and Ionian Region, EUSAIR; Sea Basin Strategies: Adriatic and Ionian Seas). EUProgramme fördern die Kooperation nationaler, regionaler und lokaler Akteurinnen und Akteure über innereuropäische Grenzen hinweg (INTERREG). Zusätzlich betreibt die EU eine regional fokussierte Politik an ihren Außengrenzen als Teil der Nachbarschaftspolitik im Verhältnis zu Nicht-EU-Staaten.
Als roter Faden durch die Vielfalt dieser regional fokussierten Politikfelder und Programme zieht sich ein Verständnis von Region, das Regionalität problemorientiert von geografischen, ökonomischen, sozialen, demografischen und sozialökologischen Spezifika ableitet, während die politisch-administrative Verfassung oder die nationalstaatliche Zuordnung der territorialen Fokuseinheiten eine untergeordnete Rolle spielt. Ganz anders präsentiert sich dies freilich in der Implementierung dieser Politik. Ein Beispiel: Im Rahmen des Förderprogrammes INTERREG V-A Österreich – Bayern 2014–2020 kooperieren ein deutsches (Bayern) und vier österreichische Bundesländer (Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg) bzw. 26 deutsche und 15 österreichische Nomenclatory Units of Territorial Statistics (NUTS) Level III, die ihrerseits weitgehend deckungsgleich mit je einem oder mehreren bayerischen Landkreisen oder österreichischen Bezirken sind. Das heißt, der Projektraum definiert sich klar über administrative Teileinheiten der beteiligten Nationalstaaten. Die NUTS wiederum, zunächst einmal ein Instrument, das geschaffen wurde, um der europäischen Statistikbehörde EUROSTAT mehr oder minder vergleichbare Erhebungseinheiten für die europäische Statistik bereitzustellen, reflektieren ihrerseits das spannungsreiche Zusammenspiel von europäischem Anliegen (europäischer Statistik) und nationalstaatlicher Institutionalisierung (Deckungsgleichheit der NUTS aller drei Level mit nationalstaatlichen (Teil-)Einheiten sowie Datenerhebung und -lieferung durch nationalstaatliche Behörden).
Regionale Identität: offen für Missverständnisse
Regionalität im Gefüge sozioökonomischer Realitäten, kultureller Identitäten, integrativer Marketingsprache, nationaler, supra- und subnationaler Politik ist kompliziert. Ein anekdotisches Beispiel mag als Andeutung genügen: Zur Feier der zweihundertjährigen Zugehörigkeit Salzburgs zu Österreich im Jahr 2016 veranstaltete das Bundesland Salzburg eine breite Palette an Festlichkeiten, u. a. eine Landesausstellung. Der Salzburger Landeshauptmann (was einem Ministerpräsidenten in Deutschland entspricht) wurde anlässlich einer Pressekonferenz zu den Vorbereitungen des Jubiläums mit folgenden Worten zitiert:
Salzburg hat 600 Jahre zu Bayern gehört und war 500 Jahre ein selbständiger Staat. Jetzt sind wir 200 Jahre bei Österreich – nur um die Relation etwas zurecht zu rücken (200 Jahre bei Österreich, sn.at).
Nun zeigt genau dieses Zitat, wie anfällig für Missverständnisse die Konstruktion von Regionalität ist. Im Manuskript der Rede für Salzburg, die der Schriftsteller Karl-Markus Gauß zu eben demselben 2016er-Jubiläum gehalten hat, heißt es:
Als der letzte geistliche Herr Salzburgs aus der Stadt floh, ging in Wirren und Kriegen, mit Besatzungen und Plünderungen eine Epoche zu Ende. Dreimal wurde das Land jetzt von französischen Truppen besetzt, auf eine erste österreichische Ära folgten sechs Jahre, in denen Salzburg unter bayrische Herrschaft gestellt war; sechs Jahre, von denen ich kürzlich aus einer Sendung im deutschen Fernsehen erfuhr, sie hätten nicht weniger als sechshundert Jahre gedauert. Bis 1816 wäre Salzburg ununterbrochen sechs Jahrhunderte lang ein Teil Bayerns gewesen, zwei Jahrhunderte gehöre es nun zu Österreich, deswegen hegten viele Salzburger noch heute eine heftige Abneigung gegen Wien, während sie sich einen sentimentalen Hang zu München bewahrt hätten: Solches erfuhr die bildungshungrige deutsche Fernsehnation, was uns nicht zu ärgern, nicht einmal zu wundern braucht. Schließlich leben wir in Zeiten einer historischen General-Amnesie, in der etliche europäische Staaten, die periodisch Hunderttausende ihrer Bürger in die Flucht zwangen, in Panik geraten, wenn sie einmal in ihrer Geschichte nicht Menschen vertreiben, sondern selber ein paar Tausend Vertriebener aufnehmen sollen; und in Zeiten, in denen überhaupt die größte Konfusion darüber herrscht, was die Europäer in der fundamentalen europäischen Krise von heute eigentlich damit meinen, wenn sie von Europa sprechen und die europäischen Werte beschwören (Gauß 15. 01. 2016).
Interessant am Gauß-Zitat ist an dieser Stelle nicht das Leiden des Autors am traurigen Zustand des Gegenwarts-Europas – auch wenn er hier mit gutem Grund leidet. Interessant ist sein Hinweis auf die Rezeption des Salzburger Jubiläums im deutschen Fernsehen. Ohne die Sendung zu kennen, auf die Gauß sich bezieht und die behauptet habe, vor 1816 habe Salzburg über sechshundert Jahre zu Bayern gehört, drängt sich der Verdacht auf, wie die deutschen Fernsehleute auf diese Lesart gekommen sein mögen: Sie könnten jenes denkwürdige Zitat des Landeshauptmannes einfach gründlich in den falschen Hals bekommen haben. Sie mögen nicht gut zugehört haben – und etwas geschichtsvergessen werden sie wohl gewesen sein. Aber das Missverständnis hat – wenn man so will – doch auch Salzburger Wurzeln. Und: Karl-Markus Gauß setzt auf ein Missverständnis noch ein weiteres drauf. Denn ohne es zu wollen, reduziert er ein Thema regionaler Identität auf eine nationalstaatliche Lesart, wenn er hier das Agieren deutscher Medienmacherinnen und -macher stereotyp über einen Kamm schert.
Regionale Identitäten sind komplex. Darüber hinaus wird ein Detail in diesem anekdotischen Beispiel weder von den deutschen Fernsehleuten angesprochen noch von Gauß: Es gab im Verfassungsorganismus des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, dessen Kaiser die meiste Zeit in Wien saß, die Ebene der Reichskreise, eine Zwischenebene zwischen den einzelnen Fürstentümern und dem Reich. Und Salzburg gehörte über Jahrhunderte hinweg und bis 1803 zum Bayrischen Reichskreis. Wer Salzburg in der berühmten Topographia Germaniae sucht, einer Sammlung von illustrierten Landesbeschreibungen des Verlegers Matthäus Merian des Älteren (1593–1650)1 aus dem 17. Jahrhundert, wird nicht im Band mit dem Titel Topographia Provinciarum Austriacarum, der Österreich-Topografie, sondern im Band mit dem Titel Topographia Bavariae, der Bayern-Topografie, fündig.
Historikerinnen und Historiker, die regionalhistorisch arbeiten, aber auch diejenigen, die sich als Landeshistorikerinnen und -historiker verstehen, eint, dass es ihnen einigen Spaß bereitet, solche alltäglichen Gegenwartsbefunde in ihrer historischen Dimension aufzuschlüsseln und zu deuten.
Spatial Turn
Beide können sich eines Umstandes sicher sein: Der sogenannte Spatial Turn in den Kulturwissenschaften, die Rückkehr des Raumes – auch in der Geschichtswissenschaft – hat den Gegenständen und Diskussionen der landeshistorischen und der regionalhistorischen Forschung neue Aufmerksamkeit, aber auch neue Impulse beschert. Im Raume lesen wir die Zeit, so lautet ein vielzitierter Buchtitel des Historikers Karl Schlögel (2003). „Was lesen wir im Raume?“, lautet die titelgebende Gegenfrage des Literaturwissenschaftlers Jörg Döring und des Geografen Tristan Thielmann in der Einleitung ihres Sammelbandes (Döring & Thielmann 2009) zum Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Der Raum (Günzel 2020) und seine Lektüren hatten lange einen schweren Stand. Im Zeichen von Globalisierung und Digitalisierung glaubten die Kulturwissenschaften an ein Schrumpfen oder gar ein Verschwinden des physischen Raumes und an eine Entmaterialisierung und Deterritorialisierung von Kommunikation. Zugleich war – nicht zuletzt in der Geschichtswissenschaft – ein geografischer Materialismus, wie ihn Friedrich Ratzel (1844–1904) geprägt und Karl Haushofer (1869–1946) geopolitisch ausgedeutet und in die völkisch-nationalsozialistische Raumforschung eingespeist hatte, gründlich diskreditiert. Dass freilich die Raumkategorie nie komplett vom Radar der Geschichtswissenschaft verschwand, dafür liefert nicht zuletzt die geografisch informierte Geschichtsschreibung der französischen Annales-Schule (Burguière 2009; Schöttler 2015) ein beredtes Beispiel. In der jüngeren, durch den Spatial Turn geprägten Diskussion wurden nun verstärkt Inputs aus der Sozialgeografie, wie das handlungstheoretische Regionalisierungsverständnis von Benno Werlen (2017), oder aus der Soziologie, wie die relational argumentierende Raumsoziologie von Martina Löw (2017), rezipiert und diskutiert.
Was noch in der aufklärerischen Universalgeschichte des 18. Jahrhunderts außer Frage stand, dass sich nämlich – in den Worten Reinhart Kosellecks (1923–2006) – das Verhältnis zwischen Raum und Geschichte zwischen den Polen der „Naturvorgegebenheit jeder menschlichen Geschichte“ und den Räumen bewegt, „die sich der Mensch selber schafft,“ wurde nun auch in der Geschichte verstärkt zum Thema – und damit auch die räumliche Skalierung von Territorialität (Koselleck 2000, zitiert nach Piltz 2009, 78). Auf das historiografische Verständnis von Regionen gemünzt haben dies die Wirtschafts- und Sozialhistoriker Peter Ainsworth und Tom Scott einmal auf den griffigen Nenner gebracht, „that regions may be seen as the product both of reality (or nature) and of imagination (or human agency)“ (Ainsworth & Scott 2000, 19).
1.2 Landesgeschichte oder Regionalgeschichte?
Doch ein entscheidender Unterschied bleibt: die Landesgeschichte ist an die politischen Grenzen des Raumes gebunden; die Regionalgeschichte schafft sich ihre Grenzen durch ihre Fragestellung selbst (Hanisch 2000/2001, 47).
Über das Für und Wider der einen oder anderen Perspektive wurde schon viel geschrieben. Ebenso vielstimmig ist mittlerweile der Chor derjenigen, die die Diskussion über Landesgeschichte und Regionalgeschichte als Alternativen für überwunden halten. Der Historiker Ernst Hinrichs (1937–2009) hatte bereits 1985 auf die Vielfalt der Traditionen und Ansätze hingewiesen, die aus seiner Sicht Landesgeschichte ausmachten und daraus die Forderung einer „offenen Landesgeschichte“ abgeleitet, die sowohl selbstreflexiv als auch relational denke und sich durch ihre methodische Offenheit neues Terrain erobere. „Dann“, so Hinrichs, werde „es auch müßig sein darüber zu streiten, ob man sie Regionalgeschichte nennen sollte oder ob man bei der alten Bezeichnung bleibt“ (Hinrichs 1985, 18). Auch bei der Lektüre von Winfried Speitkamps Gedanken zum „Dilemma der Landesgeschichte“ (Speitkamp 2015) kommt das Projekt einer solchen als zeitgemäße „historische Regionalwissenschaft“ (Ebd., 85) zum Vorschein. Diese interessiert sich weniger für die Kategorie „Land“ als einen (vermeintlich) ontologischen Raum, denn für die Region als eine historisch wandelbare, vernetzte und durch unterschiedliche politische, wirtschaftlich-soziale, ökologische und kulturelle Faktoren konstituierte Kategorie.
„Problem“ Landesgeschichte
Landesgeschichte und Regionalgeschichte also alles eins in Wohlgefallen? Nicht ganz. Zum einen bezeugt schon der Umstand an sich, dass es Institutionen und Publikationsorgane gibt, die sich der einen oder anderen Ausrichtung verschreiben, den Verbleib von Unterschieden. Zum anderen wird die Landesgeschichte auch als Problemgeschichte beschrieben. So kommentiert der Historiker Wolfgang Schieder polemisch:
Die Landesgeschichte war ein politisch gezeugtes Kind der Weimarer Republik, sie verdankte ihre Entstehung dem Versailler Vertrag, durch den das Deutsche Reich im Osten (Westpreußen, Danzig, Oberschlesien), im Norden (Nordschleswig) und Westen (Elsaß-Lothringen, Eupen-Malmedy, Saarland) erhebliche Gebietsverluste hinnehmen mußte, denen solche in der Republik Österreich (Südtirol, sowie Gebiete in Kärnten und Steiermark) entsprachen. Den Österreichern wurde überdies von den Alliierten bekanntlich der Anschluß an das Deutsche Reich verboten (Schieder 2014, 151–152).
Die daraus in beiden Ländern resultierenden „fundamentalen Identitätskrisen“ hätten dabei Pate gestanden, dass historische, geografische und volkskundliche Forschungen in Deutschland und Österreich sich mit massiver politischer und finanzieller Unterstützung des Staates daran gemacht hätten, „die durch die Friedensverträge von 1919 festgelegten Grenzen durch wissenschaftliche Forschung kulturell zu überwinden und die historische ‚Einheit‘ der Deutschen (und auch der Österreicher) virtuell wiederherzustellen“ (Ebd., 152). Dabei habe man sich nicht an den Grenzen vor dem Ersten Weltkrieg orientiert, sondern nach einer überstaatlich gedachten, „imaginären ‚völkischen‘ Einheit aller Deutschen“ gesucht. „Man konstruierte sogenannte Kulturräume, welche die 1919 gesetzten staatlichen Grenzen bewußt ignorierten“ (Ebd.). Schieders zentraler Vorwurf lautet, dass die Landesgeschichte und die interdisziplinäre Geschichtliche Landeskunde „ihrer historischen Entstehung nach in diesen politischen Zusammenhang völkischer Geschichtswissenschaft“ gehörten und deren führende Protagonisten wie die Historiker Hermann Aubin (1885–1969), Franz Petri (1903–1993) oder Otto Brunner (1898–1982) diesen Weg unter „Verkennung des radikal imperialistischen Expansionsstrebens des Nationalsozialismus, in der Zeit des ‚Dritten Reiches‘“ fortgesetzt hätten. Regionalgeschichtliche Forschung der Gegenwart müsse sich dem stellen. Gegenwartsdiskussionen dürften sich nicht darauf beschränken, methodische Unterschiede zwischen Landesgeschichte und Regionalgeschichte zu reflektieren, sondern müssten sich (selbst) kritisch zu der „Tradition der politisch fehlgeleiteten Landesgeschichte“ verhalten (Ebd.).
Nun lässt sich Schieders Periodisierung im Detail kritisieren und mit gutem Recht auf ältere Wurzeln der Landesgeschichte weit vor den Friedensverträgen von Versailles und St. Germain verweisen. Doch im Kern wird seinem Monitum zuzustimmen sein: Eine postnationale Europäische Regionalgeschichte muss sich – gerade, wenn sie in Deutschland oder Österreich betrieben wird – auch ihrer problematischen Traditionsstränge in der völkischen Wissenschaft, sei es in der Landesgeschichte, sei es in der volksgeschichtlich grundierten Sozialgeschichte, bewusst sein. Letztlich wird dieser Anspruch aber in der aktuellen Fachdiskussion ohnehin nicht mehr negiert (Freitag 2018; Werner 2018). Werner Freitag etwa stellt in seinen Reflexionen zur „disziplinären Matrix der Landesgeschichte“ fest, dass in den landesgeschichtlichen Publikationen der Zwischenkriegszeit die unbewältigte Niederlage des Ersten Weltkrieges mit Händen zu greifen sei und dass nach 1945 die Landesgeschichte als „ein Kind der unbewältigten nationalsozialistischen Zeit und Spiegelbild restaurativer Tendenzen“ (Freitag 2015, 8) zu fassen sei. Detailliert zeichnet er die personellen Kontinuitäten und deren retardierende Wirkung auf die demokratische Neuformatierung der Landesgeschichte nach: „Auch nach 1945 blieben das deutsche Volk und seine Stämme Zielprojektionen der Landeshistoriker, allerdings verschwand der nationalistisch-chauvinistische, auf Korrektur der Grenzen abzielende Tenor“ (Ebd., 9).
Öffnung, Abgrenzung, Auszehrung
Ob die Entwicklung der Landesgeschichte in den danach folgenden Jahrzehnten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eher als Prozess der Öffnung oder Auszehrung gelesen werden kann, liegt letztendlich im Auge der Betrachterin oder des Betrachters. Festzuhalten bleibt, dass zwar die Präsenz der Vokabeln (und nachgelagerten Konzepte) von „Volk“ und „Stamm“ zunehmend schwand, dass aber ein stark verfassungsgeschichtlich und mediävistisch ausgerichteter Fokus der Landesgeschichte die Anknüpfungspunkte zu der sich zunächst sozial- und später kulturwissenschaftlich erweiternden
Neuzeitgeschichte reduzierte. Die Entwicklungen von Landes- und Regionalgeschichte waren auch Kinder des Kalten Krieges, dies insofern, als in den Warschauer-Pakt-Staaten Regionalgeschichte als marxistischer Gegenentwurf zu einer als bürgerlich-konservativ diskreditierten Geschichtsschreibung auftrat. In der DDR geschah dies speziell im Bezug zur Landesgeschichte, Hand in Hand mit einer später stückweise revidierten Abwertung der historischen Länder. Eine simple Binarität „alte“ Landesgeschichte versus „neue“ Regionalgeschichte wurde und wird den disziplinären Entwicklungen sicher nicht gerecht, selbst wenn manch zur Schau getragener Gestus theoriefernen Beharrens auf der einen und des gesellschaftswissenschaftlichen Aufbruchs auf der anderen Seite geeignet waren, diesen Eindruck zu erwecken.
Reiches Repertoire
Der bereits eingangs zitierte Ernst Hinrichs begründete sein Konzept einer „offenen Landesgeschichte“ mit der enormen Breite wissenschaftsgeschichtlicher Vorstufen, (inter-)disziplinärer Kontexte und theoretischer Ansätze, aus denen heraus regional orientierte Geschichtsschreibung schöpfen konnte und kann. Die von ihm entworfene Matrix (Abb. 2) ist deshalb auch heute noch geeignet, um die Regionalgeschichte zu verorten.
Hinrichs Matrix ist zweifach chronologisch gegliedert. Drei verschiedene „Schichten“, also Forschungszugänge, sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden: erstens die staatlich-herrschaftliche Schicht (A), die die Kategorie Land als politischen Raum konzipiert, zweitens die geografisch-landeskundliche Schicht (B), die Land als geografischen Raum versteht, und schließlich drittens die sozialwissenschaftlich-anthropologische Schicht (C), die Land als sozialen Raum behandelt. Auch innerhalb dieser Schichten gliedert er (von links nach rechts) Ansätze unterschiedlichen Alters. In Hinrichs Darstellung wird dreierlei sichtbar: Zunächst verweist er auf die alten Vorläufer der herrschaftlich-politischen Landesgeschichtsschreibung in der spätmittelalterlichen Chronistik, in der genealogisch-staatsrechtlichen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts und der ökonomischstatistisch-topografischen Landesbeschreibung der Aufklärungszeit. Übrigens sind genau dieser epochale Kontext und diese Literaturkorpora auch zu adressieren, wenn es um die zweite von Hinrichs benannte Schicht, die der „geographisch-landeskundlichen“ Zugänge, geht. Die Nähe zur Geografie ist ein Konstituens von Landesgeschichte und Regionalgeschichte. Schließlich ist in der dritten „sozialwissenschaftlich-anthropologischen“ Schicht die für die Regionalgeschichte charakteristische Nähe zu sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Ansätzen, darunter die der französischen Annales-Schule, zu greifen, genau wie zu jüngeren kulturalistischen Zugängen aus dem Bereich der Neuen Kulturgeschichte, Historischen Anthropologie und Alltagsgeschichte.

Abb. 2 Konstitutionselemente von Landesgeschichte in der Gegenwart (Quelle: Hinrichs 1985, 5)
Landesgeschichte und/ oder Regionalgeschichte
Doch, um auf die zu Beginn des Kapitels zitierten Stimmen zurückzukommen, die die Unterscheidung zwischen Regionalgeschichte und Landesgeschichte in der aktuellen Wissenschaftspraxis für mehr oder minder obsolet halten, stellt sich die Frage, was an Trennendem bleibt, wenn es so viel Verbindendes gibt. Eine Antwort fällt schwer. Vielleicht muss sie offen bleiben. Andreas Rutz (2018) wählt in seinem Forschungsüberblick über landes- und regionalgeschichtliche Forschung in Europa den perspektivischen Kniff, einfach alle Formen regional orientierter Historiografie als „Landesgeschichte“ zu etikettieren. Er propagiert die Europäisierung der Landesgeschichte, ganz ähnlich wie Ferdinand Kramer (2011) dies unter Hinweis auf die Kleinräumigkeit des europäischen Kontinents tut. Kramer leitet das Potenzial der Landesgeschichte aus der historiografischen Bearbeitung der regionalen Dimension europäischer Geschichte ab. Und die Unterschiede? Die epochal starke Konzentration der landesgeschichtlichen Forschung auf das Mittelalter ist – wie bereits erwähnt – aufgebrochen. Mit der Öffnung zur neuzeitlichen Geschichte hat Landesgeschichte gerade in den föderal verfassten Staaten der Bundesrepublik Deutschland und der Zweiten Österreichischen Republik an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen, weil sie das Bedürfnis nach „Bundeslandgeschichte(n)“ bedient. Die Schweizergeschichte wird, offensichtlich aufgrund des kleinräumig strukturierten und kantonal organisierten Föderalismus der Schweiz, weniger als Landes- denn als Regionalgeschichte verstanden und betrieben (Sonderegger 2011). Walter Rummel (2015) sieht nach wie vor markante Unterschiede zwischen Landes- und Regionalgeschichte und er kritisiert sogar, dass diese „leider durch die bisweilen nicht mehr beachtete, begriffsgeschichtliche korrekte Verwendung der Begriffe verwischt werden“ (Ebd., 31). Zum Kern verbliebener Unterschiede führt er aus:
So geht die Landesgeschichte in der Regel von einem administrativ vorgegebenen Raum aus, selbst wenn dieser nicht mehr existiert […]. Im Vordergrund darauf bezogener Forschungen stehen historische Verhältnisse, Entwicklungen, Erscheinungen, Personen und Ereignisse, die stark vom administrativen Gefüge des Raumes geprägt sind oder es zu sein scheinen und die ihrerseits in die Räume zurückwirkten. Für die Regionalgeschichte hingegen erschließt sich der Raum nicht durch Grenzen, sondern erst durch eine auf Prozesse und Strukturen bezogene Fragestellung. So betrachtet ist der Raum sekundär und konkret erst ein Ergebnis der Forschungen. Es sind daher jeweilige sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtliche Prozesse und Strukturen, die jeweilige Räume überhaupt erst ausprägten (Ebd.).
Dieses Zitat erinnert an jenes vom Kapitelbeginn. Das ist kein Zufall, denn im Kern adressiert es eben denselben Unterschied zwischen beiden Perspektiven, den auch bereits Ernst Hanisch ansprach.
Europäische Regionalgesichte
Verkompliziert wird die Verortung der Regionalgeschichte noch durch das Adjektiv „europäisch“, das in jüngerer Zeit die regionalgeschichtliche Denomination zu dem erweitert hat, was auch in dieser Einführung vertreten wird: eine am europäischen Problemhorizont orientierte, vergleichende historische Regionalforschung. Dass der europäische Horizont großes analytisches Potenzial für regionalhistorische Forschung besitzt, wird sich in zahlreichen Beispielen der Folgekapitel zeigen. Zum innovativen Charakter der Regionalgeschichte erscheint freilich noch ein relativierender Hinweis aus der Feder des Regionalhistorikers Miloš Řezník erwähnenswert. Er hält den Umstand, dass in den 1990er-Jahren Regionalgeschichte oft mit damals innovativen Zugängen wie Alltagsgeschichte und Mikrogeschichte identifiziert wurde, für ein Missverständnis. Denn die Anwendung alltags- oder mikrogeschichtlicher, historisch-anthropologischer oder historisch-demografischer Zugänge sei zwar meist, forschungspragmatischen Motiven folgend, im Rahmen von Regionalstudien angewandt worden, jedoch:
Soweit unter der Regionalgeschichte die Geschichte von konkreten Regionen verstanden wird, bleibt der regionalhistorische Wert dieser allgemeinhistorischen Forschungen im Grunde ein – gleichwohl bedeutendes – Nebenprodukt (Řezník 2019, 29–30).
Nebenprodukt oder nicht – die Offenheit der Regionalgeschichte für diverse historiografische Zugänge der Allgemeingeschichte gehört zu ihren großen Potenzialen. Diese Offenheit wird in Kapitel 3 anhand verschiedener Beispiele ausgelotet.
Drei Zugänge zur Regionalgeschichte
Für den Moment soll es nun genügen, eine annäherungsweise Definition dessen zu versuchen, was eine regionalhistorische Perspektive ausmacht. Stephen Jacobson et al. haben hierzu eine dreigliedrige Unterscheidung vorgeschlagen. Im Feld regional orientierter Geschichtsschreibung lassen sich demnach drei unterschiedliche Methodologien unterscheiden: erstens ein materialistischer, zweitens ein konstruktivistischer und drittens ein juridisch-institutioneller Ansatz (Jacobson et al. 2011, 15–16). Der materialistische Ansatz setzt im Gefolge der regionalhistorischen Agenda der französischen Annales-Schule in Regionalstudien die historische Entwicklung mensch licher Gesellschaften in Beziehung zu ihrer materiellen Umwelt. Dieser Weg sei – trotz der Konzentration vieler Werke der früheren Annales-Schule auf die Vormoderne – auch einflussreich für wirtschafts- und sozialhistorische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, z. B. für die Untersuchung regionaler Muster der industriellen Entwicklung und Unterentwicklung. Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte stehen in einem Naheverhältnis zueinander.
Ein zweiter, konstruktivistischer Zugang richtet seine Aufmerksamkeit auf die Konstruktion ethnischer, religiöser und nationaler Identitäten. Das Verhältnis zwischen den Entwicklungen regionaler und nationaler Identitäten steht hier ebenso zur Debatte wie regionale Erinnerungskulturen und z. B. die Erfindung von Traditionen (Hobsbawm & Ranger 1983; Küster 2002).
Im Rahmen eines dritten, juridisch-institutionellen Ansatzes findet das Adjektiv „juridisch“ auf private, öffentliche, zivil- und kirchenrechtliche Rechtsordnungen Anwendung. Die Kategorie des Institutionellen wird hier auf politische und kirchliche Körperschaften angewendet. Beide waren in der Geschichte Europas wichtige Akteure der politischen Definition von Regionalität: Die italienischen Stadtrepubliken, die Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, die mehreren hundert geistlichen und weltlichen Träger von Grund- oder Landesherrschaft sind – auch – notwendiger Bezugspunkt regionalhistorischer Forschung.
Literaturtipps
Ellis, S. G. & Michailidis, I. (Hg.). (2011). Regional and Transnational History in Europe. Cliohworld readers: Bd. 8. PLUS-Pisa University Press.
Freitag, W., Kißener, M., Reinle, C. & Ullmann, S. (Hg.). (2018). Handbuch Landesgeschichte. De Gruyter Oldenbourg.
Hinrichs, E. (1985). Zum gegenwärtigen Standort der Landesgeschichte. Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte: Neue Folge der „Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen“, 57, 1–18.
Hirbodian, S., Jörg, C. & Klapp, S. (Hg.). (2015). Methoden und Wege der Landesgeschichte. Landesgeschichte: Bd. 1. Jan Thorbecke Verlag.
1Anm.: Die Lebensdaten bereits verstorbener Personen werden bei der erstmaligen Nennung in Klammern angeführt.
2. Region als Konzept und historischer Gegenstand
In der aktuellsten historischen Literatur fehlt es nicht an Beispielen eines ratlosen Umgangs mit der Regionskategorie, der sich oft damit zufrieden geben muss, die Unschärfe des Terminus zu konstatieren und auf mögliche Funktionskontexte zu verweisen (Řezník 2019, 30).
Wer sich mit Region als Konzept und historischem Gegenstand beschäftigt, wird in Quellensprache und Forschungsliteratur des deutschsprachigen Raumes vor allem auf zwei Begriffe stoßen: Land und Region. Der lateinische Regionsbegriff wurde schon in der Antike in Bezug auf geografische Einheiten verwendet und bedeutete „Richtung“, „Lage“, „Grenze“, „Gegend“, „Landschaft“ oder auch „Stadtbezirk“ (Stauber 2009, 858; Stowasser 1997, 434). Zunächst wurde der Terminus insbesondere auf die Stadtviertel Roms bezogen, dann auf die Binnenlandschaften Italiens. Als Beispiel für eine solche geografische Verwendung heißt es bei Julius Caesar (100 v. Chr.– 44 v. Chr.) etwa:
Auximo Caesar progressus omnem agrum Picenum percurrit. cunctae earum regionum praefecturae libentissimis animis eum recipient exercitumque eius omnibus rebus iuvant. […] item ex finitimis regionibus quas potest contrahit cohortes ex dilectibus Pompeianis (Caesar 2014, Liber I, 15, 26–29).2
Řezník weist in seinen Reflexionen zu Regionalität als historischer Kategorie darauf hin, dass die Frequenz des Regionsbegriffs in der deutschen Sprache einer bemerkenswerten Entwicklungskurve folgt.
Das „Digitale Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart“ (DWDS) ist ein für Historikerinnen und Historiker immens hilfreiches Tool aus den digitalen Geisteswissenschaften bzw. Digital Humanities. Im Falle des Suchwortes „Region“ zeigt es den interessanten Befund auf, dass der Begriff im Deutschen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein keine Rolle spielt, dass seine Verwendung Mitte des 19. Jahrhunderts einen ersten Peak erreicht und dass die eigentliche Karriere des Substantivs „Region“ im Deutschen mit dem Zweiten Weltkrieg beginnt.

Abb. 3 Wortverlaufskurve „Region“ im DWDS (Quelle: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache 2020, dwds.de)
Um diese quantifizierende Feststellung durch einen qualifizierendhermeneutischen Zugang zu ergänzen, um ins 18. Jahrhundert, also die Zeit des ersten merklichen Aufkommens des Begriffs, vorzustoßen, bieten sich die monumentalen enzyklopädischen Werke der Zeit an, in denen immense Bestände zeitgenössischen Wissens gesammelt und dokumentiert wurden.
Historische Lexika als Quellen
Wenn solche Nachschlagewerke herangezogen werden, ergeben sich unterschiedliche Befunde. Johann Heinrich Zedlers (1706–1751) Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste (Johann Heinrich Zedlers Universal-Lexicon Online, zedler-lexikon.de), ein Mammutwerk, zwischen 1731 und 1754 in mehr als 60 Bänden verlegt, widmet der Kategorie „Region“ keinen eigenen Artikel. Aber im 1737 erschienenen sechzehnten Band wird dem Begriff „Land“ ein Beitrag gewidmet. Land wird hier sowohl mit dem lateinischen terra als auch regio übersetzt.
Land – Regio – Terra
Dominant ist in diesem Lemma eine geografische Definition im Sinne geomorphologischer und klimatischer Bedingungen, die bestimmte Landnutzungen erlauben. Allerdings nimmt der Artikel eine Zweiteilung vor. Er unterscheidet zwischen dem natürlichen und dem politischen Status eines Landes. Ersterer beinhaltet die bereits genannten „natürlichen“ Bedingungen, Letzterer Faktoren wie den Bevölkerungsreichtum, Lage und Ausstattung von Siedlungen sowie Militärisches.
Ein weiteres, breit rezipiertes lexikalisches Großunternehmen des deutschen Sprachraumes wurde von Johann Georg Krünitz (1728–1796) begründet und erschien zwischen 1773 und 1858 in 242 Bänden (Oeconomische Encyclopädie Online, kruenitz1.uni-trier.de). Die Oekonomische Encyclopädie oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirthschaft widmet dem Regionsbegriff ein eigenes, wenngleich sehr kurzes, Lemma (Bd.121/1812, 646).
Naturwissenschaftlicher Regionsbegriff
Region wird hier naturwissenschaftlich konzipiert als „1) Kreis, als Luftregion; 2) eine gewisse Gegend, der Erde, des Himmels, wie auch des menschlichen Körpers“ (Ebd.). Auf verschiedene Zusammenhänge (Atmosphäre, Erdoberfläche, Körper) angewendet, wird hier also vor allem der partikulare Charakter der Kategorie greifbar. Wesentlich ergiebiger ist auch im Krünitz das Lemma „Land“ (Bd. 59/1793, 396–404).
Land als Festland
Land wird definitorisch zunächst in drei Grundkategorien differenziert: Erstens Land als Festland im Gegensatz zu dem mit Wasser bedeckten Teil der Erdoberfläche im Sinne von lateinisch aridum, littus, terra, aber auch continens, im Französischen terre, continent. Zweitens als Festlands-Erdoberfläche in Abhängigkeit von der Landnutzung.
Landnutzung
Hier werden landwirtschaftlich nutzbares und ackerbaulich fruchtbares Land (lat. ager, arvum, fundus, solum; franz. terre), das Land im Gegensatz zur Stadt (lat. ager, campus, rus; franz. campagne, pays) sowie flaches Land im Gegensatz zum Gebirge unterschieden.
Herrschaft
Die dritte Grundkategorie repräsentiert einen politischen Landesbegriff, den eines durch herrschaftliches Wirken abgegrenzten Teils der Erdoberfläche. Land wird hier verstanden als ein „von einer ganzen großen Völkerschaft bewohnter und einem Ober=Herrn unterworfener Theil der Erdfläche, Lat. Provincia, Regio, Principatus, Regnum, Territorium; Fr. Contrée, Païs, Terre“ (Ebd., 398). Für die Leserinnen und Leser unserer Einführung ist der Befund nicht ohne Ironie, dass der Regionsbegriff in Form der lateinischen regio just hier erscheint, Region mithin einen politischen Landesbegriff repräsentiert, der die Kategorie Herrschaft (regio, regnum, rex, regis) in den Vordergrund rückt. Gerade die Regionalgeschichte, die nach eigenem Selbstverständnis Regionalität bevorzugt nach sozioökonomischen, sozialökologischen und kulturellen Kriterien konzipiert, verwendet einen Begriff, der dem Politischen entspringt.
Wie dem auch sei, das Lemma „Land“ der Krünitz’schen Enzyklopädie bietet interessante Lesefrüchte und es schließt mit einem Merkspruch für das Land, der auch für die Definition von Regionalität dienlich ist. Die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Land, sind in folgende Zeilen zusammengebracht:
Wo der Schiffer fährt ans Land, littus.
Wo zum Feldbau fettes Land, solum.
Wo der Bauer baut sein Land, agrum.
Wo der Bürger liebt sein Land, patriam.
Wo viel Viehzucht auf dem Land, ruri.
Wo der Herr beschützt sein Land, regionem.
Das erfreuet Stadt und Land, incolas (Bd. 59/1793, 404).
Den deutschen Sprachraum verlassend, sollte ein weiteres sehr wichtiges Lexikon des 18. Jahrhunderts erwähnt werden. Die Encyclopédie von Denis Diderot (1713–1784) und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert (1717–1783) widmet der Region einen sehr umfangreichen Artikel. Auch hier findet zunächst ein naturwissenschaftlicher Wortgebrauch
Anwendung, zum einen in Bezug auf Höhenschichten der Atmosphäre, zum anderen auf die menschliche Anatomie, nämlich die Unterscheidung verschiedener Körpergegenden. Aber in der zweiten Hälfte des Artikels wird es für die hier angestrebte Regionsdefinition noch interessanter. Zum einen wird der äquivalente Gebrauch des Begriffs in verschiedenen europäischen Sprachen verdeutlicht: Für das Deutsche werden die Begriffe „Landschaft“ und „Land“ angeführt. Zum anderen findet sich hier eine im weitesten Sinne geografisch-politische Erklärung: Bezogen auf die Erde bezeichne der Begriff Region einen Ausschnitt, der von verschiedenen Völkern unter dem Dach einer Nation bewohnt werde. Dieser habe wiederum seine eigenen Grenzen und sei üblicherweise einem Monarchen oder Despoten unterstellt. Große Regionen könnten wiederum in kleine Regionen und diese wiederum in kleinste Regionen unterteilt werden – je nach dem Volk, das dort wohne [ethnische Definition]. Eine weitere Unterscheidung argumentiert geo- bzw. hydromorphologisch entlang von Flussläufen oder bezogen auf Gebirge. Demnach unterscheiden die Bezeichnungen haut / bas (hoch/nieder) die Lage einer Gegend am Ober- oder Unterlauf eines Flusses bzw. im Gebirge (Diderot & d’Alembert 1765, 16–17). Noch heute übrigens manifestiert sich diese Logik in den Namen mehrerer französischer Départements (z. B. Haute-Loire, Haute-Marne, Haut-Rhin, Bas-Rhin, Haute-Saône, Haute-Savoie, Alpes-de-Haute-Provence, Hautes-Alpes, Hautes-Pyrénées). Auch die Gegensatzpaare ultérieur / citérieur (jenseits / diesseits) bezogen auf Flüsse oder Gebirge – analog den habsburgischen Reichsteilen Trans- und Cisleithanien – und intérieur / extérieur bezogen auf (De-)Zentralität z. B. zu einer bedeutenden Stadt, sowie die Qualifizierung nach Himmelsrichtungen finden hier Erwähnung.
Insgesamt betrachtet, dokumentieren die hier sondierten Lexika des 18. und 19. Jahrhunderts bereits eine sehr ausdifferenzierte Konzeption von Regionalität, die als Substrat des rezenten wissenschaftlichen Regionsverständnisses gelesen werden kann. Gleichwohl entsteht nicht selten der Eindruck, dass im gegenwärtigen kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschungsbetrieb nicht immer besonders präzise mit dem Regionsbegriff verfahren wird. Das wiederum führt zu der Frage, wie die Geschichtswissenschaft der Gegenwart sich zu diesem verhält.
Region in der Geschichtswissenschaft
Ganz allgemein lässt sich Region ähnlich abstecken, wie dies auch die Regionalwissenschaft und die Raumplanung tun, das heißt, dass eine gewisse Homogenität struktureller Merkmale in Bezug zu gesellschaftlichen Funktionen und Praktiken gesetzt wird. Bei jedem Raum, so heißt es bei dem Historiker Jürgen Osterhammel, stelle sich „die zentrale Frage nach den Faktoren, die seine Einheit begründen und die es erlauben, von einem integrierten Raumzusammenhang zu reden“ (Osterhammel 2009, 156).
Gesellschaftliche Integration und politische Raumgestaltung
Es sind Faktoren wie zum Beispiel der Verkehr, die Kommunikation, die Migration und der Handel, die diese Integration leisten. Reinhard Stauber grenzt dazu die Herstellung eines politischen Territoriums als eine Folge bewusster herrschaftlicher oder staatlicher Raum-Gestaltung ab. Hier sei das „aktive Eingreifen eines zentralen Gestaltungswissens bei Grenzfeststellung, Kartierung, Zuweisung von Tätigkeitsräumen für Institutionen o. Ä.“ Voraussetzung (Stauber 2009, 858). Genau besehen lässt sich dieses herrschaftliche bzw. staatliche Wirken aber ebenso unter das oben genannte Faktorenbündel subsummieren. Auch Herrschaftspraktiken sind gesellschaftliche Praktiken und lassen sich von diesen nicht trennen.
Ein Exempel hierfür sind frühneuzeitliche Bergbauregionen. Natürlich sind das Vorkommen bestimmter Bodenschätze, die Kenntnis der Lagerstätten durch den Menschen, technologische Fähigkeiten in der Gesellschaft zu deren Abbau und gesellschaftliche Arbeitsteilung erforderlich, die die Versorgung eines Bevölkerungsteils gewährleistet, der selbst nicht in der Landwirtschaft tätig ist. Aber meist ist es ja die Herrschaft, die diese Ressourcenvorkommen kontrolliert und die diese Arbeitsteilung organisiert. Das österreichische Salzkammergut, genauer die beiden frühneuzeitlichen Salzwirtschaftsregionen des oberösterreichischen und des steirischen Salzkammerguts, waren politisch definierte wirtschaftliche Sonderzonen und als solche den landesherrlichen Verwaltungen des Landes ob der Enns und der Steiermark entzogen.
Historische Landschaft und Geschichtsregion
Weitere Stichworte, die bei der Sichtung geschichtswissenschaftlichen Verständnisses von Regionalität zu erörtern sind, sind das der „historischen Landschaft“ und das der „Geschichtsregion“ (Kap. 3.1.3). Der Osteuropahistoriker Stefan Troebst hat sogenannte Geschichtsregionen einmal wie folgt definiert:
Ein vorläufiger Definitionsvorschlag dafür, was unter einer geschichtsregionalen Konzeption zu verstehen ist, könnte lauten, dass es sich um eine geschichtswissenschaftliche Methode transnational-vergleichender Art mit dem Potential zu einer Theorie mittlerer Reichweite handelt, um eine Forschungsstrategie, in die Kontrollmechanismen mittels Quellenbiß und Komparation gleichsam eingebaut sind. Der kulturwissenschaftliche Untersuchungsrahmen „Geschichtsregion“ ist dabei ein heuristischer Kunstgriff, mittels dessen nicht-territorialisierte, aber epochal eingegrenzte historische Mesoregionen staaten-, gesellschaften-, nationen- oder gar zivilisationenübergreifender Art zur Arbeitshypothese komparativer Forschung genommen werden, um spezifische Cluster von Strukturmerkmalen langer Dauer zu ermitteln und voneinander abzugrenzen. Nicht die einzelnen Merkmale sind dabei einzigartig und somit clusterspezifisch, sondern ihre jeweilige Kombination. Großflächige, indes epochengebundene Cluster dieser Art können als Geschichtsregionen bezeichnet werden. Diese sind dabei, wie Arno Strohmeyer hervorgehoben hat, „fluktuierende Zonen mit fließenden Übergängen“, die in sich entsprechend in Zentren und Peripherien gegliedert werden können. Und auch hier ist das Spezifische nicht ohne ein Umfeld denkbar, ist die eine Geschichtsregion nur im Kontext anderer zu fassen. Entsprechend sind also Relationalität und Beziehungshaftigkeit komplementär zur Binnenstruktur einer Geschichtsregion (Troebst 2013, 406–407).
An diesen vergleichsweise komplexen Sätzen und der schieren Länge dieser Definition offenbart sich, dass sich der Autor hier nicht leicht damit tut, den Begriff „Geschichtsregion“ zu definieren. Die zentralen Kriterien seien noch einmal herausgegriffen:
Erstens, es handelt sich um nichts Ontologisches, so in der Welt Vorhandenes, sondern um eine Methode, einen „kulturwissenschaftlichen Untersuchungsrahmen“.
Zweitens werden Gebiete untersucht, die nicht einem (politischen) Territorium zugeordnet, aber epochal, das heißt zeitlich, abgegrenzt werden. Sie erstrecken sich über die Grenzen von Staaten, Nationen, Zivilisationen hinweg.
Drittens sollen mittels Vergleich spezifische Cluster struktureller Merkmale von langer Dauer herausgearbeitet werden. Ein Beispiel für eine solche Geschichtsregion – und quasi „Mutter aller Geschichtsregionen“ ist der Begriff oder das Konzept „Ostmitteleuropa“.
Es gibt namentlich in der Forschung zur Osteuropa-Geschichte eine breite Diskussion zur Tragweite des Konzepts der Geschichtsregion, auf die hier nicht näher eingegangen wird. Aus Sicht der Regionalgeschichte, der Landesgeschichte und der historischen Landeskunde ist auf die älteren Wurzeln des Begriffs in der Geografie hinzuweisen. Im späten 19. Jahrhundert hatte der deutsche Geograf Friedrich Ratzel (1898), wenn er von einer „historischen“ oder „geschichtlichen“ Landschaft sprach, durchaus das historische Zusammenspiel von materieller Welt und menschlicher Aktivität im Sinn (Faber 1979, 7). Sein auch für die Geschichtswissenschaft einflussreicher französischer Kollege Paul Vidal de la Blache (1845–1918) unterschied zwischen région naturelle und région politique (Ebd., 9).
Stauber (1994) unternimmt eine weite Definition von Region mit konstitutiven Kriterien. Region ist demnach ein relativ selbstständiges Teilelement eines größeren Ganzen. Sie ist abgrenzbar. Ihre Landschaftsgebundenheit ist nicht als geodeterministische Einbahnstraße zu sehen, sondern konzediert auch eine Determinierung durch den Menschen und seine Tätigkeit. Es besteht Entwicklungsoffenheit, Vernetzung in einer komplexen Struktur unter- und übergeordneter Einheiten, Eigenständigkeit der historischen Entwicklung und des historischen Bewusstseins der Bewohnerinnen und Bewohner. Als alternative Kriterienkataloge unterscheidet Stauber Homogenitätskriterien (Sprache, Konfession, Recht, Wirtschaftsinteressen etc.) und Bewusstseinskriterien (Zusammengehörigkeitsgefühl, gleichgerichtete Außenbeziehungen, gemeinsame Sozialisation, Kommunikation und Erfahrung).
Konstruktivismus
Nunmehr schon seit einem guten Vierteljahrhundert betont die regionalhistorische Forschung den konstruktiven Charakter von Region. Gerald Wood und Andrea Komlosy bringen dies so auf den Punkt:
Selbst der Wissenschaftler, der diesen Begriff nutzt, kann nicht hoffen, im weiten Feld der Empirie eine quasi „naturwüchsige“ Region zu finden, die abseits jeglichen menschlichen Tuns gewissermaßen eine eigenständige Existenz fristet und nun des Menschen harrt, der sie entdecken und anderen davon Kunde bringen möge. Dieses naive Regionsverständnis war übrigens lange Zeit verbindlicher und zentraler Gegenstand im Gedankengebäude der Geographie (auch und gerade als Hochschuldisziplin). Ein solcher positivistischer Regionsbegriff ist natürlich ebenso ein gesellschaftliches Konstrukt wie alle anderen auch […] (Wood & Komlosy 1997).
Die Anschlussfähigkeit mit konstruktivistischen Perspektiven in der jüngeren Sozialgeografie ist offensichtlich. Der Geograf Anssi Paasi sieht diese Konstruktion im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen und Machtgefügen. Regionale Identität als regionales Bewusstsein von Menschen, die innerhalb oder außerhalb einer Region leben, wird Paasi zufolge in einem dialektischen gesellschaftlichen Prozess von einer Vielzahl beteiligter Akteurinnen und Akteure ausgehandelt. Dabei wirken zwei tendenziell gegensätzliche, aber miteinander verwobene Kräftefelder, eines „von oben“ – also politische Kontrolle, Regierung und Verwaltung – und eines „von unten“ – also Akzeptanz bzw. Identifikation mit einem Territorium oder Widerstand dagegen. Oder anders formuliert: Egal wie eine Region „von oben“ definiert wird, wenn keiner mitmacht, gibt es diese Region nicht (Paasi 2003).
Region und „Heimat“: top-down und bottom-up konstruiert
Anders herum stehen, wie Wilfried Müller und Martina Steber zeigen, die meisten vermeintlich bottom-up gewachsenen, unter dem Signet von „Heimat“ und „Heimatschutz“ seit dem 19. Jahrhundert inszenierten, regionalen Identitäten für die eminent enge Bindung solcher Identitätsangebote an die Entwicklung von Staatlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert. „Das bayerische Schwaben“, so Steber, „ist ein Kind der Moderne“ (Müller & Steber 2018, 660; Steber 2010).
Der Landeshistoriker Ferdinand Kramer schlägt drei Perspektiven vor, um die durch die Begriffe Region und Regionsbildung sowie „die damit assoziierten Räume, Landschaften, Territorien, Herrschaften etc.“ definitorisch fassen zu können:
Drei Perspektiven auf die Definition von Region und Regionsbildung
Erstens ist eine mehr oder weniger herrschaftsfreie Perspektive zu nennen, die geographische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Spezifika, Sprache und Kultur als Identifikations- und Unterscheidungsmerkmale kennt. Zum zweiten ist in einem Kontext von Herrschaft die Perspektive der Regierenden auf die von ihnen beherrschten und in verschiedenen Regionen verwalteten Räume zu sehen, was in der Regel mit dem Begriff der „Provinz“ belegt wurde. Zum dritten ist die Perspektive eigener, autochthoner oder erworbener autonomer Rechte, Macht und Herrschaft zu beachten, wie dies etwa durch die Erblichkeit in zahlreichen Adelsherrschaften oder durch Republiken, Stadtstaaten in Norditalien, in der Schweiz oder im Reich, durch geistliche Territorien oder Kommunen möglich wurde (Kramer 2011, 2–3).
In Summe bewegt er sich mit diesem Vorschlag weitgehend innerhalb eines politikgeschichtlichen Paradigmas. Damit steht er auch in der regionalhistorischen Szene nicht alleine da. Jacobson et al. distanzieren sich zum Beispiel von einem Regionsverständnis, das entweder rein geografisch oder ökonomisch argumentiert oder das Region nur als konstruierte Identität aus Erinnerung und Kultur herleitet:
The region is not only a geographically defined zone of work and production. It is not only a popular repository for language, traditions, folklore, and religion. The region is also defined by the existence of juridical, political, ecclesiastical, and administrative structures that have affected the lives of people over centuries through a plethora of rules and practices which range from marriage to divorce, from crime to taxation, from legitimacy to inheritance, from education to health, from voting to minority rights (Jacobson et al. 2011, 55).
Es bleibt ein letzter in der Geschichtswissenschaft beheimateter Regionsbegriff anzusprechen. Es handelt sich um das „Land“ in der „Landesgeschichte“.
Das Land der Landesgeschichte
Die fachliche Diskussion der letzten dreißig Jahre, die darum kreist, welches Verständnis von Land die landesgeschichtliche Forschung hat, dokumentiert viele divergente Positionen, Perspektiven und forschungspraktische Entscheidungen, die zu diskutieren hier zu weit führt. Etwas verkürzt formuliert kann die Sache wie folgt auf den Punkt gebracht werden: Es gibt die Traditionslinie, die auf die historische Geografie und die historische Landeskunde zurückführt, und damit auf Namen wie den schon angesprochenen Friedrich Ratzel oder Rudolf Kötzschke (1867–1949) mit einem sehr differenzierten sozionaturalen Landesbegriff, der in mancher Hinsicht auf eine Art Umweltgeschichte avant la lettre hinausläuft. Und es gibt eine stärker politisch-herrschaftsgeschichtliche Orientierung, die sich entweder an historischen Territorien orientiert, wie den vielen Fürstentümern des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, oder die ganz pragmatisch – und oft ohne dies kritisch zu reflektieren – einfach „Bundeslandgeschichte“ (Freitag 2003, 60) betreibt. Das heißt, der hier untersuchte Bezugsrahmen ist diejenige unternationale Ebene, die in Österreich und Deutschland in Form des Bundeslandes besteht.
Dabei ist natürlich dem Hinweis des österreichischen Landeshistorikers Heinz Dopsch (1942–2014) zuzustimmen, dass die große territoriale Stabilität der meisten Bundesländer des heutigen Österreich einen landesgeschichtlichen Zugriff plausibel mache. Es gebe in Europa keinen Staat, so schrieb Dopsch (2011), dessen Länder ein derart hohes Alter und eine derart starke räumliche Konstanz aufwiesen wie Österreich (Kap. 3.1.1). So seien sowohl das heutige Niederösterreich als auch die Steiermark schon im 12. Jahrhundert voll ausgeprägte Länder gewesen.
Dass die Bayerische Landesgeschichte hier größere Probleme mit ihrem räumlichen Bezug hat, liegt auf der Hand, so ist sie ja nicht nur für das historische Altbayern zuständig, sondern auch für die vormals territorial zersplitterten Landesteile Schwaben und Franken. Nicht umsonst verfügt die Universität Augsburg über eine Professur für Europäische Regionalgeschichte, Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte, während man in Würzburg mit einer Professur für Fränkische Landesgeschichte aufwarten kann, in deren Denomination das Adjektiv „bayerisch“ gar nicht erst erscheint.
Die Region der Regionalgeschichte
Die Frage drängt sich auf, was nach den vielen Stimmen, die hier zu Wort gekommen sind, im Hinblick auf die Definition einer für die Regionalgeschichte brauchbaren Kategorie bleibt. Die gute Nachricht kommt von Řeznik (2019, 37): Gerade das „Wirrwarr“ der vielen verschiedenen funktional argumentierenden Regionsdefinitionen, die im Wissenschaftsbetrieb präsent sind, rege dazu an, „die historischen und kulturellen Formen und die Gründe dessen zu suchen und zu analysieren, was als Region fungiert“. Er selbst nimmt bei folgender Minimaldefinition seinen Ausganspunkt:
Definition Region
1) Regionen sind territoriale Einheiten, die sich aufgrund bestimmter Merkmale als relativ homogen definieren lassen.
2) Regionen sind daher abgrenzbar, obwohl die „Härte“, Eindeutigkeit und die kategoriale oder funktionale Grundlage der Grenzziehung unterschiedlich ist.
3) Region ist per definitionem keine holistische Kategorie; so lässt sich ein geschlossenes System nicht zugleich sinnvoll als Region beschreiben. Region lässt sich nicht für sich allein und aus sich selbst heraus bestimmen, sondern
4) Regionen sind nur denkbar als Teile von Systemen, in deren Rahmen sie funktional agieren, gedacht, konstruiert werden. Somit ist eine Region ein Teil eines Ganzen, ein Teil eines oder mehrerer Gefüge / Geflechte, wobei dann auch Regionen möglich erscheinen, die in der einen oder anderen Hinsicht grenzüberschreitend sind. Somit ist Region ein untergeordneter Teil eines übergeordneten Ganzen.
Mit Partikularität, Homogenität und Verflechtung sind hier Aspekte angesprochen, die wohl in der regionalhistorischen Forschung auf breiten Konsens stoßen.
Aus der hier vorgenommenen Sichtung historiografischer Zugänge zum Regionsbegriff lässt sich abschließend eine Arbeitsdefinition ableiten:
Region – Eine Arbeitsdefinition:
Eine Region ist zum einen ein erkenntnistheoretisches und historisch-soziales Konstrukt mit flexiblen Grenzziehungen, die es im jeweiligen Kontext genau zu definieren und argumentieren gilt, zum anderen aber verdankt sie sich konkreten räumlich-materiellen Faktoren, also einem Realsubstrat mit fassbaren Auswirkungen. Eine Region ist Teil eines übergeordneten geografischen, politischen, sozioökonomischen oder ökosystemaren Ganzen und mit ihrem Außen vielseitig verflochten.
Die räumliche Ausdehnung kann über nationale Grenzen hinausgehen (Makroregionen) und Räume unterhalb der Nation wie Bundesländer oder wesentlich kleinere Einheiten wie Städte oder Dörfer (Mikroregionen) betreffen.
Konstruiert, gestaltet, inszeniert, gepflegt und gelebt werden Regionen und regionale Identitäten aktiv und passiv von individuellen (z. B. Personen aus Politik, Journalismus, Wissenschaft, Kunst oder Werbung) und kollektiven (Massenmedien, Vereine, Institutionen, Parteien, Firmen etc.) Akteurinnen und Akteuren – dies geschieht etwa in Geschichten, Liedern, Bildern etc. und wird durch Museen, Ausstellungen und Ähnliches im kollektiven Gedächtnis verankert. Von wem, weshalb und auf welchem Wege Regionen gestaltet werden, ist kontextabhängig und mitunter eine Machtfrage.
Die folgende Grafik (Abb. 4) von Ernst Langthaler (2012) veranschaulicht ein Konzept von Region, das nicht mehr von einem absoluten Raumverständnis („Containerraum“), ausgeht, sondern Region relational im Sinne einer Summe von „Orten in Beziehung“ auffasst. Er veranschaulicht eine Loslösung vom überholten absolut(istisch)en Raumbegriff und eine Annäherung an ein relationales Verständnis von Raum. Damit kommt für den Raum- bzw. auch Regions-Begriff die zentrale Komponente von (Austausch-)Beziehungen im Verflechtungsraum zum Vorschein.

Abb. 4 Die Region: Vom Behälter- zum Verflechtungsraum (Quelle: Langthaler 2012, 33)
Literaturtipps
Jagodzinski, S., Kmak-Pamirska, A. & Řezník, M. (Hg.). (2018). Regionalität als historische Kategorie: Ostmitteleuropäische Perspektiven. Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau: Bd. 37. fibre.
Stauber, R. (2009). Regionalismus. In F. Jaeger (Hg.), Enzyklopädie der Neuzeit:
Band 10: Physiologie – Religiöses Epos (S. 858–869). J. B. Metzler.
Werlen, B. (2008). Sozialgeographie: Eine Einführung (3. Aufl.). UTB Geographie,
Sozialwissenschaften: Bd. 1911. Haupt; UTB.
2Übersetzung (Caesar 2014 – Reclam): Von Auximum aus drang Caesar weiter vor und durchquerte in Eilmärschen das ganze picenische Land. Alle Praefekturen dieses Gebietes nahmen ihn mit größter Bereitwilligkeit auf und unterstützten sein Heer mit allem Notwendigen. […] In gleicher Weise zog er, soweit er konnte, aus den umliegenden Gegenden Kohorten zusammen, die aufgrund der pompeianischen Aushebungen gebildet worden waren.
3. Regionalgeschichte: Gegenstände, Perspektiven, Herausforderungen
3.1 Regionalgeschichte als …
3.1.1. Politikgeschichte
Von Nationen, Regionen und Peripherien
„Bayerischer Frust: Passau will zu Oberösterreich“ – Das verkündete Der Standard im Jänner 2011 (Der Standard, 22./23. 01. 2011, 17). Im südostbayerischen Städtchen Passau schlugen um den Jahreswechsel 2010/11 die Emotionen hoch, als ein von der Landesregierung eingesetzter „Zukunftsrat“ vorschlug, Investitionen verstärkt auf die Ballungsräume bzw. „Leistungszentren“ zu konzentrieren. Periphere Regionen sollten sich dagegen ökonomisch umorientieren. Ein Passauer Landtagsabgeordneter schlug eine Kooperation mit Österreich vor. Dabei wurde auch historisch argumentiert, denn immerhin sei Passau über Jahrhunderte hinweg wechselnde Grenzverhältnisse gewohnt. Östlich der Landesgrenze sekundierte der ORF (Österreichscher Rundfunk) mit einer Umfrage, in der sich 88,73 Prozent der befragten Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher für eine Zugehörigkeit Passaus zu ihrem Bundesland aussprachen (ooev1.orf.at).
Das Passauer Beispiel lässt sich mit einigem Recht als provinzieller Sturm im Wasserglas abtun. Dessen struktureller Hintergrund aber ist ernst und weist auf drängende Probleme eines Europa der Regionen hin: Es sind Fragen nach der ökonomischen Existenzgrundlage peripherer Regionen im Zeichen des demografischen Wandels, es sind andernorts auch Fragen nach der Integrität von Nationalstaaten. Wie schnell regionale Separatismen Nationalstaaten bedrohlich werden können, lässt sich jüngst in Schottland oder Katalonien studieren. Die Aktivitäten der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung ließen manche Medien im Jahr 2017 gar einen „Aufstand der Regionen“ (Belgien: Katalanen zu Besuch, ardmediathek.de) befürchten – der 1967 von Robert Lafont (1923–2009) geprägte Begriff La révolution régionaliste wird immer wieder für verschiedene Kontexte aufgegriffen. Mithilfe der langen historischen Rückschau im Sinne des Münchner Historikers Ferdinand Kramer wird klar, dass sich immer wieder in der europäischen Geschichte regionale Kräfte von übergeordneter Herrschaft emanzipiert, territorial verselbstständigt und bisweilen gar imperiale Kraft entwickelt haben. Stichworte wären: der Aufstieg Roms, die Großreichbildung der Franken aus dem Pariser Becken heraus über ganz Europa oder Venedig, aber genauso die Aufstiege der Häuser Österreichs und Preußens (Kramer 2011, 3).
Nationalismus und Regionalismus
Nationen und Regionen müssen nicht unbedingt als konkurrierende Konzepte begriffen werden, auch wenn es diese Variante eines Konkurrenz- und Konfliktverhältnisses genauso gibt. In vielen Fällen wird nur eine Autonomie innerhalb des Staatsgefüges erzielt, nicht aber eine Selbstständigkeit. Peter Haslinger urteilt, „dass wir regionale und nationale Identifikation als kompatible integrative Konzepte begreifen können, die in den meisten Fällen aufeinander aufbauen“ (Haslinger 2003, 268). In dem Fall übertragen eine Region und ihre Repräsentantinnen und Repräsentanten „die Souveränitätsbehauptung an die Nation, erfahren jedoch im Gegenzug eine Anerkennung als konstitutiver Teil der Nation, und zwar in einem ‚nebenordnenden‘, ‚einordnenden‘ Sinn“ (Ebd.). Diese Konstellation wird aufgebrochen, wenn sich Bevölkerungsgruppen bzw. Regionen dem staatlichen Imperativ widersetzen und eine eigene Staatlichkeit einfordern.
Durch den staatsnationalen Fokus geraten europäische Klein- und Zwischenräume sowie (periphere) Regionen schnell aus dem Blickfeld (Ther 2003, XI). Die vermeintliche nationale Homogenität gerät aber bei einem Blick auf die Regionen, in denen sich die verschiedensten Einflüsse überkreuzen und vermischen, ins Wanken und liefert gänzlich andere Bilder. Philipp Ther bringt ein anschauliches Exempel:
„In den kartographischen Darstellungen Europas der gängigen historischen Atlanten wird das Problem, das sich damit verbindet, auf abstrakte Weise deutlich. Die modernen (National)Staaten sind in der Regel in einer Farbe verbildlicht, es wird also eine hohe sprachliche und ethnische Homogenität suggeriert“ (Ebd., IX).
Dabei konnte in zahlreichen Regionen und Rand- oder Grenzgebieten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein keine klare Zuweisung der Bevölkerung zu einer Nationalität vorgenommen werden.
Traditionelles Landesbewusstsein
Lange Traditionen, historisch gewachsene Identitäten oder Identitätszuschreibungen unterhalb der Nationsebene spielen prinzipiell eine große Rolle. Auch in Österreich beruft man sich, zum Beispiel, gerne auf eine lange Ländertradition, auf (Bundes)Länder, die – im Gegensatz zu Deutschland, wo die heutigen Bundesländer fast nirgends den historischen Ländern entsprechen – bis weit ins Mittelalter zurückreichen. So betonte der Landeshistoriker Heinz Dopsch im Jahr 2000: „Der fast unveränderte Bestand der österreichischen Länder vom Mittelalter bis in die Gegenwart hat zu einem ausgeprägten Landesbewusstsein geführt“ (Dopsch 2000/01, 75) (Kap. 2). Diesen starken Begriff der Länder einfach durch den Begriff der Regionen ersetzen zu wollen, erschien ihm zwar kontraproduktiv, doch verortete er andere, spezifische Typen von Regionen.
Regionstypen: Viertel, Gaue & Co.
Das sind zum Beispiel: die „Viertel“ (Mühl-, Inn-, Hausruck-, Wald- oder Weinviertel), die Salzburger Gaue (Flachgau, Tennengau, Lungau, Pongau, Pinzgau), Tourismusregionen wie das Salzkammergut, oder Grenzregionen (Innviertel–Bayern, Salzburg– Bayern etc.), Tallandschaften wie das Kärntner Lavanttal oder auch die traditionellen Gliederungen in „Ober-“ und „Unter-“ / „Nieder-“ (Ober- und Niederösterreich, Ober- und Unterkärnten, Ober-, Mittel- und Untersteiermark etc.) (Ebd., 75–76). Wenngleich sich die regionalhistorische Forschung keineswegs auf solche Typen alleine konzentrieren muss oder sollte, so bieten sie doch ein reiches Betätigungsfeld, vor allem auch für die von Dopsch geforderte Vergleichende Landesgeschichte.
Mit einem vergleichenden und regionalhistorischen Zugang und einer Anbindung an diese Tradition der Länder und Regionen lässt sich etwa auch die Geschichte der NS-Gaue untersuchen. Die nationalsozialistischen Gaue können dabei als „regionale Mittelinstanzen“ betrachtet und hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Funktionieren des Gesamtsystems der NS-Diktatur untersucht werden (John, Möller & Schaarschmidt 2007).
Klassische und Neue Politikgeschichte
Staaten, Großmächte, Regierungen
Anhand dieser Beispiele zeigt sich eine Tendenz der politikhistorischen Ausrichtung. Mit dem Begriff der Politikgeschichte sind vor allem Staaten, Großmächte, Regierungen und deren Repräsentantinnen und Repräsentanten sowie politische Ideen konnotiert. Natürlich gehören diese Aspekte zu einem Schwerpunkt der Disziplin, doch handelt es sich dabei nicht um das einzige Themenfeld. Die klassische Politikgeschichte der staatlichen Innen- und Außenpolitik und der „Männer, die Geschichte machten“, wurde seit den 1970er-/1980er-Jahren um vielseitige Perspektiven und Inhalte erweitert. So kamen etwa aus der feministischen Theorie und der Geschlechtergeschichte – welche die fehlende Berücksichtigung von Frauen im Politischen kritisierten – neue theoretische und methodische Ansätze, mithilfe derer Themen wie die Frauenbewegungen genauso inkludiert wurden wie Fragen nach einer geschlechtsspezifischen Logik der Politik (Frevert 2005, 13). Der „Raum“ des Politischen lässt sich aus regionalhistorischer Perspektive in seinen verschiedenen Bedeutungen in den Blick nehmen – sei es als Sozialraum, Machtraum, öffentlicher Raum etc. (Kap. 3.1.12).
Die Grenzen des Politischen sind keinesfalls so eindeutig, wie es zunächst den Anschein macht, sondern diese sind selbst einem historischen Verlauf unterworfen und abhängig von zeitgebundenen Deutungen.
Kulturgeschichte der Politik
Eine „Neue Politikgeschichte“ (Frevert & Haupt 2005) bezieht auch kulturgeschichtliche Ansätze ein, woraus etwa Thomas Mergel (2002) eine „Kulturgeschichte der Politik“ formuliert hat. Symbole und Rituale sind „genuine Dimensionen des Politischen“ (Frevert 2005, 20), auch auf der sogenannten Hinterbühne, sodass eine vermeintlich klare Trennung zwischen symbolischer und echter Politik nicht aufrechterhalten werden kann. Medien und Kommunikation sind Gesichtspunkte, die in der Politik und dem politischen Handeln eine genauso bedeutende Rolle spielen (können) wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Dabei fallen Aspekte von Macht sowie Inklusion und Exklusion auch in der kulturhistorisch orientierten Politikgeschichte ins Gewicht – wie sich bereits beim Regionalismus gezeigt hat. Die Rheinlandpolitik der 1920er-Jahre – um noch ein Beispiel zu nennen – war sowohl von geostrategischen und finanziellen als auch kulturpolitischen Argumentationen geprägt. Die These einer „kulturellen Zwischenstellung der Rheinländer“ zwischen Frankreich und Deutschland führte zu separatistischen Bestrebungen und der Idee einer „Rheinischen Republik“ (Blotevogel 2001, 63–64; Storm & Ullmann 2018).
Regionale Politikgeschichte
Nun haben sich bereits einige Schnittmengen zwischen Politik und Region gezeigt. Um noch einmal etwas konkreter nachzufragen und aufzuzeigen, wie eine Verbindung aus Regional- und Politikgeschichte aussehen kann, sollen weitere Themen einer regionalen Politikgeschichte diskutiert werden.
Die Historische Friedens- und Konfliktforschung sowie die Diplomatiegeschichte (Goetze & Oetzel 2019) stellen adäquate Rahmen bereit, um sich mit den Ursachen und Auswirkungen von Krieg und Frieden auf regionaler Ebene zu befassen (Rohrschneider 2020), denn viele Konflikte und Kriege entspringen jeweils spezifischen regionalen Rahmenbedingungen. Auch die regionale Verzahnung von Friedenskongressen und den Kongressorten und die Rückwirkungen solcher Versammlungen auf das Sozial-, Wirtschafts- und Kulturleben der Kongressorte bzw. der gastgebenden Städte und Regionen ist ein spannendes Untersuchungsfeld (Duchhardt 1999; Windler 2016).
Gegenstände, die sich außerdem geradezu aufdrängen, sind etwa regionale Effekte oder Fokussierungen staatlicher Politik sowie Rückkopplungseffekte. Die thematische Vielseitigkeit reicht dabei von den Auswirkungen imperialistischer Politik auf die Gesellschaften vor Ort, oder der Grenzziehungen und künstlichen Schaffung von Grenzen auf regionale Identitäten, über das Zusammenspiel staatlicher und sozialer Macht in den lokalen Lebenswelten, bis zur „Staatsbildung von unten“ (statebuilding from below) oder gegenwartsbezogenen EU-Regionalpolitik.
Beispiel EURegionalpolitik
Andrej Werth zeigt etwa anhand der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino (ERT) auf, dass es sich bei „der Region“ um „einen dezidiert politischen oder politisch aufgeladenen Raum“ handelt (Werth 2011, 14). Im Fall der ERT treten die eigentlichen realpolitischen Agenden der ERT – in den Bereichen Verkehr, Tourismus, Bildung und Landwirtschaft – vor der geschichtspolitisch inszenierten „‚Wiedervereinigung‘ des historischen Tirols unter dem Dach der Europäischen Union“ indes in den Hintergrund. Werth urteilt, „dass von einer Landeseinheit nicht die Rede sein kann und eine ‚europaregionale Tirolität‘ in Wahrheit identitär nicht und politisch nur schwach vorhanden ist“ (Ebd., 267). „Die ERT befindet sich also im Spannungsfeld von aktuellen europäischen Entwicklungen, realpolitischen Notwendigkeiten, aber auch historischen Reminiszenzen […]“ (Ebd., 265).
Beispiel Umweltpolitik
Für die Umweltpolitik hält Joachim Radkau fest: „Effektive Umweltpolitik bleibt in der Essenz regional“ (Radkau 2011, 585). In vielen Fällen sind es nicht die auf höchster politischer Ebene verabschiedeten Abkommen und Agenden, die unmittelbare Veränderungen bewirken, sondern „Erfolgsgeschichten“ von lokalen Projekten und regionalen Umweltinitiativen – wie beispielsweise die Umsetzung der Local Agenda 21, ein Programm für Nachhaltigkeit auf lokaler Ebene und mit aktiver Bürgerbeteiligung, das 1992 auf der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro beschlossen wurde. „Auch in der Ära der scheinbar globalen Klimapolitik kommt es letztlich auf die nationalen und regionalen Umweltinitiativen an“ (Ebd., 608). Ein (inter)nationaler Blick auf die Umweltpolitik reicht alleine also nicht aus. Für ein vollständiges Bild braucht es genauso eine kleinräumige Betrachtungsebene.
Regional Governance
Eine lokal und regional gebundene Perspektive mit Berücksichtigung einer überregionalen Metaebene bietet der Forschungsansatz zur sogenannten Regional Governance. Der Ansatz der Global Governance Studies, im Deutschen die „Übernationale Gouvernanz-Forschung“, beschäftigt sich mit dem Regiert-Werden oder -Sein jenseits des Nationalstaates und inkludiert dabei auch die gesellschaftsübergreifende Regional Governance. Diese „richtet sich auf die Frage, wie Entwicklungsprozesse auf regionaler Ebene in einer zunehmend fragmentierten und sektoralisierten Welt verwirklicht werden können“ (Fürst 2007, 353). Es geht um ein kollektives, schwach institutionalisiertes Handeln von Akteurinnen und Akteuren, um gemeinschaftlich Lösungen zu finden. Ein mögliches Untersuchungsfeld sind Großschutzgebiete wie Biosphärenreservate (Lahner 2009) oder Naturparke. Sie sind aufschlussreiche Objekte für die Governance-Forschung, da sie auf verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen (supranational, national, regional, lokal, grenzüberschreitend) konzipiert sind und eine Zusammenarbeit von Akteurinnen und Akteuren aus verschiedensten Bereichen (Politik, Verwaltung, Vereine, Natur- und Landschaftsschutz, Land- und Forstwirtschaft, Raumplanung, Tourismus etc.) erfordern (Pütz & Job 2016). Eine regionalhistorische Perspektive ist darüber hinaus vielversprechend, da die historisch gewachsenen und mit Bedeutungsinhalten aufgeladenen (Kultur-)Landschaften nicht ahistorisch funktionieren, sondern auf Entwicklungspfaden und identitätsstiftenden Assoziationen beruhen. Für die Regional-Governance Prozesse ist es zuweilen entscheidend, dass der betreffende Raum für die Akteurinnen und Akteure eine besondere Bedeutung hat.
Politikerinnen und Politiker im regionalen Fokus
Diese räumliche Komponente der Politik lässt sich zudem auf individueller Ebene nachverfolgen – anhand von Biografien. Ob nun politische „Größen“ wie Otto von Bismarck (1815–1898), Margaret Thatcher (1925–2013), Richard Nixon (1913–1994) oder unbekanntere Personen aus der Lokalpolitik wie Bürgermeisterinnen, Bürgermeister oder Gemeinderätinnen und -räte, diese können als Nacherzählungen einer politischen Karriere inszeniert, oder aber auch als Lebensgeschichten in einen räumlichen Kontext eingebunden werden. Auf diese Kombination aus Raum und Biografie wird in Kap. 3.1.11 noch genauer eingegangen.
Nicht nur der biografische Zugang ist indes vielversprechend, sondern für die historische Bildforschung können beispielsweise „politische Ikonen“ in ihrer Bedeutung für räumliche Identitäten, deren Konstruktionen, Narrative und Bildwelten untersucht werden. Bernhard Löffler schreibt der „politischen Ikonographie“ mit deren „kanonisierten Kultbildern“ eine geradezu „mythologische Verweiskraft“ zu (Löffler 2018, 35–36). Eine Möglichkeit, „regionale Eigenheiten ikonisch zu verdichten, sind Visualisierungen bestimmter Personen, vornehmlich starker bzw. markanter Herrscherfiguren, die man als Personifikationen des Landes sieht“ (Ebd., 37). In den verschiedenartigen Porträtbildern – ob nun in Gemälden, Amtsbildern, Wahlwerbungen oder vermeintlichen Schnappschüssen – werden nicht nur Personen und Symbole, sondern mit ihnen ein Land und dessen Geschichte, Kultur und Identität visualisiert und zeitübergreifend identifiziert. Eine solche Zuschreibung – vor allem von außen – muss keinesfalls uneingeschränkt positiv sein, sondern kann durch politische Diffamierung eine negative Identifikation von Personen mit einer Nation, einem Land oder einer Region nach sich ziehen.
Fazit
Egal ob nun „große“ und „kleine“ Politikerinnen und Politiker, Nationen, Regierungen, staatliches Handeln, Institutionen oder politische Ideen – werden sie durch die regionale bzw. regionalhistorische Perspektive betrachtet, versprechen sie neue Erkenntnisse für die Politikgeschichte, für die Geschichtswissenschaft und vor allem auch für die politische Diskussion der Gegenwart. Bei drängenden aktuellen Fragen wie dem Verhältnis von Nation, Region und Peripherie – wie sich am Beispiel des Regionalismus gezeigt hat – oder bei hochaktuellen Fragen der Umweltpolitik müssen den (inter) nationalen und globalen unbedingt kleinräumige Betrachtungen anbei gestellt werden.
Von der Staats- bis zur Erinnerungspolitik
Der Begriff des Politischen reicht von der klassischen Staatspolitik bis zur kulturellen Erinnerungs-, Geschichts- und Vergangenheitspolitik. Immerhin ist Erinnern nicht nur ein subjektives Unterfangen, sondern hochgradig politisiert – man denke an Denkmäler, Gedenktage, Riten, Bilder, Schulunterricht usw. sowie die Erinnerung an und das Anerkennen von Großverbrechen des 20. Jahrhunderts, die nicht selten mit Reparationen einhergehen (François et al. 2013). Selbst die Wissenschaft war (und ist) nicht immer gänzlich frei von politischen Dimensionen – wenn es zum Beispiel um Landesidentitäten oder „Meistererzählungen“ geht (Reinle 2018).
Politikwissenschaftliche Fragen, wie „Wer entscheidet über die Auswahl öffentlich präsenter Gedächtniselemente, aus welchem Interesse werden bestimmte Erinnerungen wachgehalten und andere vergessen?“ (Kohlstruck 2004, 176), verlaufen insbesondere auf nationaler und regionaler Ebene.
Zum Abschluss noch ein Beispiel: Die Streitfrage, wie und von wem das sogenannte Hitlerhaus bzw. Hitler-Geburtshaus im oberösterreichischen Braunau am Inn genutzt werden sollte, war in den letzten Jahren nicht nur eine kontinuierliche Schlagzeile in den Medien, sondern ein nicht unerhebliches Politikum – von lokalem bis nationalem und parteipolitischem Interesse. Im Juni 2020 erfolgte die Entscheidung, die Polizei in das Gebäude einzuquartieren, den vor dem Haus positionierten Mahnstein ins Museum zu verlagern und das Haus somit zu „neutralisieren“. Nach wiederholten Protesten wurde schließlich aber entschieden, dass „der Stein bleibt“ und eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der NS-Opfer in Braunau angestrebt werden soll (Ebner, Hitler-Geburtshaus, ooe.orf.at; Der Stein bleibt, meinbezirk.at). Ob, wo und in welcher Form an Vergangenes offiziell erinnert wird, ist und bleibt politisch.
Literaturtipps
Cole, L. (Hg.). (2007). Different Paths to the Nation: Regional and National Identities in Central Europe and Italy, 1830–70. Palgrave Macmillan.
Huovinen, A. & Sáez-Arance, A. (2000). Integration der Regionen, Vernetzung der Eliten: Perspektiven der Regionalgeschichte in Spanien (1750–1850). In S. Brakensiek & A. Flügel (Hg.), Regionalgeschichte in Europa: Methoden und Erträge der Forschung zum 16. bis 19. Jahrhundert. Forschungen zur Regionalgeschichte: Bd. 34.Ferdinand Schöningh.
Werth, A. (2011). Raum – Region – Tirol: Die (De-)Konstruktion politischer Räume am Beispiel der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Marie Jahoda sozialwissenschaftliche Studien: Bd. 4. Peter Lang.
3.1.2. Mikrogeschichte
Für und Wider der Mikrogeschichte
Definition und Kritik
Der Historiker Stefan Jordan bietet in seiner UTB-Einführung Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft folgende Definition von Mikrogeschichte:
Als Mikrohistorie oder Mikrogeschichte bezeichnet man eine Konzeption von Geschichtswissenschaft, die ihr Interesse auf besonders kleine Forschungsgegenstände richtet (z. B. Geschichte eines einzigen alltäglichen Gerichtsprozesses, Geschichte eines gewöhnlichen Tags im Leben eines gewöhnlichen Menschen). Im Gegensatz zu einer Makroperspektive, die auf große geschichtliche Zusammenhänge blickt, konzentriert sie sich auf eng begrenzte Forschungsfelder, verfolgt jedoch damit ein ähnliches Ziel, indem sie aus der Betrachtung des Kleinen Aufschlüsse über die Gestalt des Großen zu gewinnen versucht (z. B. aus der Geschichte eines Gerichtsprozesses über einen Diebstahl generelle Aussagen über solche Delikte und Prozesse). Damit unterscheidet sie sich von der Geschichte kleiner Räume (z. B. Lokal- und Regionalgeschichte) (Jordan 2018, 157).
Davon, dass wir, die Autorin und der Autor dieses Buches, den letzten Satz dieser Definition nicht unterschreiben würden, handelt dieses Kapitel. In den folgenden Zeilen versuchen wir aufzuzeigen, dass wir zwar nicht dem bereits eingangs von Miloš Řezník adressierten Missverständnis (Kap. 1.2) einer vermeintlich selbsterklärenden Überschneidung zwischen Regionalgeschichte und Zugängen wie der Alltagsgeschichte und Mikrogeschichte aufsitzen, aber wir wollen zeigen, dass Mikrogeschichte als regionalhistorischer Zugang großes Potenzial verspricht, wenngleich sie für die Regionalgeschichte ihre ganz eigenen Fragen und Probleme aufwirft.
Beispiel Unterfinning
Der Historiker Rainer Beck publizierte 1986 die Studie Naturale Ökonomie. Unterfinning: Bäuerliche Wirtschaft in einem oberbayerischen Dorf des frühen 18. Jahrhunderts (Beck 1986). Einige Jahre später, 1993, veröffentliche er seine Forschungen noch einmal, nun etwas populärer und sprachlich gefälliger unter dem Titel Unterfinning. Ländliche Welt vor Anbruch der Moderne (Beck 1993). Beck stellt der Einleitung seiner Studie ein Zitat des französischen Historikers Fernand Braudel (1902–1985) voran: „Alltag ist gleichbedeutend mit winzigen Fakten, die räumlich und zeitlich kaum ins Gewicht fallen. Je enger der Blickwinkel, desto besser die Aussicht, in den eigentlichen Bereich des materiellen Lebens vorzustoßen“ (Zitiert nach Beck 1986, 9). Das ist durchaus programmatisch für Becks Vorgehen zu verstehen, in dem er einen sehr engen Blickwinkel wählt. Er sieht sich ein einziges Dorf an, Unterfinning, und das tut er sehr genau. Basierend auf der Auswertung einer archivalisch überlieferten Steuererhebung des Jahres 1721, einer Familienrekonstruktion aus den Kirchenbüchern für die Jahre 1671 bis 1850 und einer Besitzrekonstruktion für die Jahre 1721 bis 1820 kann er alle rund 250 Einwohnerinnen und Einwohner, 53 Häuser und über 1000 Flurparzellen nicht nur Besitzenden zuordnen, sondern er versucht möglichst genau zu rekonstruieren, wie das Dorf funktionierte, wie es wirtschaftete, wie es unter den Bedingungen der vormodernen sogenannten Subsistenz-Landwirtschaft überlebte, welche klimatischen Rahmenbedingungen die Situation bestimmten, welche Landnutzungsoptionen eingeschlagen wurden, welche Feldfrüchte angebaut wurden, welches Handwerk im Dorf prägend war usw.
Nun lässt sich fragen, was es de facto bringt, wenn so viele Informationen über ein kleines Dorf bekannt sind.
Was die Mikro-Perspektive bringt
Gerade in jüngerer Zeit wird die methodische Diskussion um die Regionalgeschichte verstärkt unter Einbeziehung einer in den vergangenen Jahrzehnten mitunter hitzigen Debatte um mikrohistorische Ansätze geführt (Kaiser 2000; Schulze 1994).
Im Zentrum steht die Frage, was schließlich das zentrale Charakteristikum mikrohistorischer Ansätze darstellt (Magnússon & Szijártó 2013). Giovanni Levi zufolge sieht die Antwort darauf folgendermaßen aus: „Microhistory as a practice is essentially based on the reduction of the scale of observation, on a microscopic analysis and an intensive study of the documentary material“ (Levi 2001, 99); oder mit den Worten Niels Grünes: die „drastische Verkleinerung des Untersuchungsobjekts bzw. Vergrößerung des Beobachtungsmaßstabs“ (Grüne 2014, 129). Das heißt, ein Dorf, ein Betrieb, eine Gruppe, ein Gebäude oder ein Individuum stehen im Fokus. „‚Mikro‘ ist das Auge, die Linse, mit denen man die Realität liest, der reduzierte Maßstab, mit dem man arbeitet, nicht der Gegenstand!“ – bekräftigt Levi (2017).
Gleichzeitig wird aber stets ein dem Einzelfall übergeordnetes Erkenntnisinteresse betont. Levi’s vielzitierter Sinnspruch lautet: „Historians do not study villages, they study in villages“ (Levi 2001) [Auch: „Mikro-Historie, das heißt nicht, kleine Dinge anschauen, sondern im Kleinen schauen“ (Zitiert nach Medick 1994, 40)]. Dabei handelt es sich um eine Paraphrase von Clifford Geertz (1926–2006), der Ähnliches in seiner Schrift The Interpretation of Cultures (1973) festhielt: „Anthropologists don’t study villages (tribes, towns, neighborhoods…); they study in villages“ (Zitiert nach Levi 2001, 117).
Vom Kleinen ins Große und zurück
Wenn aber eine Mikrostudie nun über sich hinaus und damit auf generalisierbare übergeordnete Befunde verweisen möchte oder soll, dann müssen kleinräumige Befunde mit strukturgeschichtlichen System- und Verlaufsmodellen in Bezug gesetzt werden. Bei aller Heterogenität möglicher empirischer Vorgehensweisen sieht Grüne hier im Wesentlichen drei Optionen (Grüne 2014, 130–132):
Erstens, das Verfahren der „nominativen Quellenverknüpfung“, bei der Materialien unterschiedlicher Provenienz kombiniert werden (z. B. Kirchenbücher, Gerichtsakten, Steuerkataster etc.). Hierzu gehört auch die „mikrohistorische Quantifizierung“ oder „kliometrische Tiefenanalyse“. Das heißt, es wird versucht, unterschiedliche lokale Quellentypen methodisch sauber zu kombinieren und statistisch auszuwerten (z. B. demografische Familienrekonstruktion, „Prosopographie der Masse“ etc.). Hier geht es im Grunde um die Aggregierung von Daten, wie sie auch für die sozialwissenschaftliche Makroanalyse brauchbar sind.
In einem zweiten Zugriff, der in der mikrohistorischen Forschungslandschaft dominiert, wird versucht, die Dimension subjektiver Wahrnehmungs- und Deutungsmuster und daraus erwachsender Handlungsstrategien zu rekonstruieren. Es handelt sich also um einen kulturwissenschaftlichen Zugriff, um einen „ethnologischen Blick“. Hier liegt eine theoretische Orientierung am Subjekt vor – mit all ihren Problemen der analytischen Vereinbarkeit mit sozialwissenschaftlicher Analytik und anonymen Strukturfaktoren.
Die dritte Option versucht mikroskopisch gerade diejenigen lokalen Interaktionsräume und Interaktionsweisen zu analysieren, „in denen sich die (Re-)Produktion und der Wandel systemischer Zusammenhänge vollziehen“. Beispiele sind der Makrotrend der Veränderungen von politischen Milieus oder Wahlverhalten. Lokalstudien bringen hier eine Differenzierung bisheriger politik- und strukturgeschichtlicher Perspektiven, die mit ihrer top-down-Orientierung zu grobmaschig vorgehen.
Das Problem der Repräsentativität
Nun bleibt aber das bis heute ungelöste Kernproblem der Repräsentativität der „im Kleinen“ gewonnenen Einzelbefunde – das Verhältnis von lebensweltlichen Details zu Makroprozessen (Ammerer 2012; Schlumbohm & Gribaudi 2000; Ulbricht 2009) (Kap. 3.1.13). Es steht nach wie vor kein gesichertes Instrumentarium zur Verschaltung von Mikro- und Makroebene (Kap. 3.1.3) zur Verfügung, was in der Forschung mitunter zu dem Vorschlag führt, bewusst auf diese systematische Verknüpfung zu verzichten.
In der frühen mikrohistorischen Debatte um die Repräsentativität des Exzeptionellen betonten die federführenden mikrohistorischen Theoretiker Carlo Ginzburg und Carlo Poni (1927–2018) den Erkenntniswert des exzeptionellen Quellenzeugnisses:
Aber das „außergewöhnliche Normale“ kann noch eine andere Bedeutung haben. Wenn die Quellen die soziale Realität der subalternen Klassen systematisch verschweigen und/oder deformieren, kann ein außergewöhnliches (d. h. statistisch seltenes) Dokument sehr viel aussagekräftiger sein, als tausend stereotype Quellen (Ginzburg & Poni 1985, 51).
Was sind solche außergewöhnlichen Quellen?
Exzeptionelle Quellen
In Ginzburgs berühmter Studie Der Käse und die Würmer ist es das Verhörprotokoll eines Müllers in einem Hexenprozess um 1600, das lebensweltliche Zusammenhänge verschriftlicht, die für die Angehörigen der nicht privilegierten Bevölkerungsmehrheit in der Frühen Neuzeit ansonsten so nicht greifbar wären (Ginzburg 1979).
Der wohl renommierteste deutschsprachige Vertreter der Mikrogeschichte, Hans Medick, sieht das Bedeutsame im statistischen „Ausnahme- und Grenzfall […], der durch seine vertiefenden und kontextualisierenden Untersuchungen historischer Zusammenhänge jedoch Einblicke hinter die Oberfläche historischer Erscheinungen bietet und damit auch einen neuen Blick auf das in der Geschichte menschlich Mögliche gestattet“ (Medick 1994, 47).
Die sich oft gegenüberstehenden Extrempositionen zwischen der Absolutsetzung der Mikroperspektive auf der einen und der strukturgeschichtlichen Makroperspektive- auf der anderen Seite können und sollten durch eine vermittelnde Position, wie sie etwa Grüne einnimmt, überbrückt werden.
Methodisch kontrollierte Generalisierung
Dieser betont, dass die Regionalgeschichte als eine auf einer mittleren Ebene agierende Empirie die „Chancen zu methodisch kontrollierter Generalisierung“ (Grüne 2014, 145) biete:
Geht man von einem pragmatisch-funktionalen Regionsbegriff aus, der primär auf strukturelle Gemeinsamkeiten rekurriert, so kann auf lokaler Ebene akteurszentriert beobachtet werden, wie sich Individuen und Kollektive mit ihren sinnstiftenden sozialen Praktiken und Strategien innerhalb eines strukturellen Bedingungsfelds bewegten, das sie damit selbst wiederum prägten und veränderten (Ebd.).
Kurz gesagt wird hier dann weder das Individuum und seine individuelle Erfahrungswelt noch die anonyme soziale Struktur absolut gesetzt. Intentionales Handeln der historischen Akteurinnen und Akteure, die Formen ihrer Selbst- und Weltdeutung werden ebenso freigelegt wie strukturelle, oft nicht-intendierte Effekte individuellen oder kollektiven Handelns.
Lokale Spurensuchen mit (über)regionaler Verortung
Niels Grünes eigene Studien belegen eindrucksvoll das Korrekturpotenzial des mikrohistorischen Zugriffs gegenüber strukturhistorisch-makroskopisch- grundierten Lesarten.
Interkonfessionelles Zusammenleben
So macht er etwa für das interkonfessionelle Zusammenleben in der pfälzischen Provinz bemerkenswerte Funde. Im 19. Jahrhundert trugen kirchliche Hierarchien und Kirchenobere durchaus das Ihre dazu bei, dass diese Periode in der Forschung gemeinhin als Zeit von Rekonfessionalisierung und zunehmender interkonfessioneller Spannungen gilt. Gleichzeitig finden sich vor Ort Spuren gelebter Irenik, die vor diesem Hintergrund erstaunen. Im pfälzischen Dorf Käftertal teilte die katholische Kirchengemeinde im Jahr 1818/19 ihr Gotteshaus mit den Reformierten für die Dauer von deren eigenem Kirchenbau. Die Grundsteinlegung dazu am 11. März 1818 wurde als ökumenisches Fest unter reger Beteiligung Geistlicher und Gläubiger dreier Konfessionen inszeniert. Einem katholischen Hochamt folgte die Ansprache eines lutherischen Predigers, gefolgt von der Rede des reformierten Pfarrers Johannes Bähr (1767–1828), der den reformierten Kirchenbau als „Denkmal brüderlicher Liebe“ über die Konfessionsgrenzen hinweg rühmte und der „der geliebten katholischen Gemeinde“ „unauslöschliche[n] Herzensdank“ (Zitiert nach ebd., 140; Grüne 2011, 375) zollte.
Dichte Beschreibung der NSDAP in Schwanberg
Auch Markus Roschitz’ Forschungen stehen für einen Brückenschlag zwischen individueller Erfahrungswelt und anonymer Struktur, zwischen Makroperspektive- und der Rekonstruktion von Lebenswelt vor Ort. Roschitz hat kürzlich eine Mikrostudie- zur NSDAP in der weststeirischen historischen Region Schwanberg im Zeitraum 1930–1938 vorgelegt, in der er die Entwicklung der lokalen NSDAP, ihre „Wegbereiter und politischen Gegner“ mittels einer mikrohistorischen „dichten Beschreibung“ analysiert und in überregionale Ereignisse sowie wirtschaftsräumliche Gegebenheiten und Strukturen einbettet. Roschitz betont zur Relevanz mikrohistorischer Studien der NS-Geschichte, dass die NSDAP immerhin nicht „in einem luftleeren Raum“ entstand, sondern „in einem schon länger existenten, lediglich regional unterschiedlich stark ausgeprägten deutschnationalen Milieu“, und dass „die konkrete Ausgestaltung der NS-Herrschaftspraxis beispielsweise mit makrohistorischen Methoden nicht greifbar“ sei, „die Untersuchung eines Dorfes, einer Region auf diese Frage hin kann indes aufschlussreiche Ergebnisse erbringen“ (Roschitz 2020).
Weitere Schlaglichter auf lokale Spurensuchen mit regionaler und überregionaler Verortung sollen im Folgenden die Potenziale einer regionalperspektivisch ausgelegten Mikrogeschichte noch einmal veranschaulichen.
Mikrohistorischer Blick auf eine Person
Gunda Barth-Scalmani (1998) widmet sich der Verbindung einer akteurszentrierten Mikroperspektive mit strukturellen und regionalen Rahmenbedingungen am Beispiel der Salzburger Hebamme Theres Pfeiffer-Zierer (1781–1864). Dabei zeigt sie „Brüche und Verwerfungen mit den allgemeinen sozialgeschichtlichen Ergebnissen auf“ (Ebd., 111). Denn der mikrohistorische Blick auf ihre Person ergibt differenziertere Ergebnisse als allein amtliche Dokumente und so changiert Pfeiffer-Zierer im Wechsel zwischen verarmter städtischer Unterschicht und bürgerlicher Haushaltsführung sowie selbstständiger Kleinunternehmerin. Barth-Scalmani betont: „Nur dabei werden aber zugleich die Brüche eines weiblichen Lebens und die Widersprüche zu verallgemeinernden Konstruktionen von Weiblichkeit im 19. Jahrhundert sichtbar“ (Ebd., 112). Gleichzeitig wird das individuelle Handeln der Protagonistin erst durch die strukturelle und regionalspezifische Kontextualisierung fassbar – z. B. Berufsweg und gesellschaftliche Stellung in der Stadt Salzburg (Ebd., Ammerer 2012).
Innsbrucker Gebärhaus
Ein weiteres medizin- und geschlechterhistorisches Exempel zeigt die potenziellen Verschränkungen lokaler, regionaler und europäischer Forschungsperspektiven. Die Historikerin Marina Hilber (2012) bietet in ihrer Untersuchung Institutionalisierte Geburt eine mikrohistorische Erforschung des Innsbrucker Gebärhauses mit regionaler Verortung – zum Beispiel durch Einbeziehung der Herkunftsräume der Patientinnen. Mit ihrer Forschung fügt sie sich sowohl in die Stadtgeschichte von Innsbruck als auch die Tiroler Regionalgeschichte ein und verbindet die Ergebnisse der Mikrostudie mit Forschungen zur europäischen Gebäranstalten. Ihr Anspruch besteht darin „[…] die Geschichte des Innsbrucker Gebärhauses entlang institutionengeschichtlicher, politischer, sozialer und medizinhistorischer Leitlinien“ zu rekonstruieren und im Vergleich mit anderen Gebäranstalten „regionale Vorkommnisse in einen breiten Sinnzusammenhang zu stellen“ (Ebd., 12). Dabei zeigt sie zum Beispiel, dass das Innsbrucker Gebärhaus hinsichtlich der Klientel deutlich vom Trend in der Monarchie abwich, indem es ab 1881 für ein breites Publikum geöffnet wurde (Ebd., 321).
Mikrohistorische Tiefenbohrung
Christian Zumbrägel untersucht den sogenannten Staudammboom des Kaiserreichs bzw. dessen Vorgeschichte in Form einer „mikrohistorischen Tiefenbohrung“ (Zumbrägel 2020, 340) mit makrohistorischer Verortung. Eine solche Sicht sei, so Zumbrägel, zwingend notwendig, denn:
Das Talsperrenwesen begann klein und die frühen Speicherseen waren allein für die Wasserversorgung im lokalen Kontext bestimmt […]. Ihre langfristige Wirkung entfalteten diese kleinen Großbauten […] aber wiederum auf regionaler Ebene, nämlich für die Wasser- und Energiewirtschaft im gesamten Ruhrgebiet. Die ersten klein dimensionierten Talsperren legten überhaupt erst den Grundstein für das spätere Großwachstum dieser Anlagen (Zumbrägel 2020, 340).
Dieser Zusammenhang kann nur dann hervortreten, wenn eine Analyse über die „wortmächtigen Talsperrenplaner und Ingenieure“ hinausgeht und die „scheinbar stummen Bewohnerinnen und Bewohner der Mittelgebirge und ihre verdeckten Dammbauaktivitäten in den Blick nimmt“ (Ebd.). Wenn die Mikro-Makro-Verflechtungen in den Blick genommen werden, zeigt sich, wie diese Bewohnerinnen und Bewohner den westfälischen Staudammboom maßgeblich mitgestalteten, was in der Forschung zu diesem Thema vernachlässigt wird bzw. wurde (Ebd., 345).
Fazit
Die Regionalgeschichte bietet als eine auf einer mittleren Ebene agierende Empirie – um abschließend noch einmal Niels Grüne zu zitieren – die „Chancen zu methodisch kontrollierter Generalisierung“ (Grüne 2014, 145). Sie ermöglicht eine vielversprechende Verbindung zwischen akteurszentrierter und struktureller Perspektive, zwischen individueller Erfahrungswelt und sozialen Strukturen. Vieles ist erst durch regionalspezifische Untersuchungen greifbar und erbringt aufschlussreiche Ergebnisse. Über die forschungspragmatische Eingrenzung des Forschungsgegenstandes auf einen mehr oder weniger streng begrenzten Raum bzw. auf eine Region hinausgehend, bringt der regionale Zugang zur mikrohistorischen Betrachtung ganz eigene Fragen und Stärken, wenn der Faktor Raum als forschungsleitende Komponente und Frage eingebracht wird. Dieser Anspruch wird sich zum Beispiel auch noch im Kapitel zur Geschichte von Einzel- und Gruppenbiografien zeigen (Kap. 3.1.11).
Zuletzt sei das Konzept oder der Versuch einer „globalen Mikrogeschichte“ erwähnt. Diese gehört aktuell zu den meistdiskutierten Themen der zukünftigen Geschichtswissenschaft bzw. deren Entwicklungsmöglichkeiten. Die Idee, Global- und Mikrogeschichte zusammenzuführen, wird von manchen Beteiligten gar als „Renaissance“ bezeichnet (Ghobrial 2019; Medick 2016). Die Dichotomisierung zwischen „Mikro“ und „Makro“, zwischen „Global“ und „Regional“ oder „Lokal“ sowie Ideen der Verknüpfung, etwa in Form einer globalen Mikrogeschichte, werden im nächsten Kapitel genauer erörtert (Kap. 3.1.3 & 3.2).
Literaturtipps
Ghobrial, J.-P. A. (Hg.). (2019). Global History and Microhistory. Past and Present
Supplement: Bd. 14. Oxford University Press.
Hiebl, E. & Langthaler, E. (Hg.). (2012). Im Kleinen das Große suchen: Mikrogeschichte in Theorie und Praxis. Hanns Haas zum 70. Geburtstag. Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes. Studienverlag.
Konersmann, F. & Heinz, J. P. (Hg.). (2014). Landes-, Regional- und Mikrogeschichte: Perspektiven für die Pfalz und ihre Nachbargebiete. Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer: Bd. 112. Verlag der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer.
3.1.3. Globale und Transterritoriale Geschichte
Global vs. Regional
„Globalgeschichte ohne Regionalgeschichte ist leer, Regionalgeschichte ohne Globalgeschichte ist begrenzt“ (Schäbler 2014, 307). Birgit Schäbler bringt die Verbindung zwischen Global- und Regionalgeschichte mit diesem Statement auf den Punkt. Angelika Epple konstatiert: „Mikrogeschichte und Globalgeschichte – das scheinen auf den ersten Blick unüberwindliche Gegensätze zu sein“ (Epple 2012, 37). Doch bei zweitem Hinsehen verschwimmt diese vermeintlich klare Opposition. Eine Zusammenarbeit der beiden Fachgebiete bietet sich an: Die Globalgeschichte „kann mit quellengesättigten Mikrostudien ihrer Empirieferne und der Gefahr der Strukturfixierung begegnen“, die Mikrogeschichte kann ihre Quellen und ihre Akteurinnen und Akteure in einen globalen Zusammenhang einbinden. Es sollte weniger darum gehen, fortdauernd die Dichotomie zwischen Mikro und Makro gegenüberzustellen und verhärtete Fronten zu schaffen, sondern eine Verbindung der Bereiche aufzubauen und diese „auf ein theoretisch tragfähiges Gerüst zu stellen“ (Ebd.).
Denn zum einen ist klar, dass die verschiedenen Raumeinheiten zwangsläufig miteinander verbunden sind und auseinander erwachsen (Abb. 5 – oben), zum anderen, dass sich globale, regionale und lokale Räumlichkeiten wechselseitig beeinflussen (können) (Abb. 5 – unten). Diese Ebenen kommen in den „Regionalgeschichte als …“-Kapiteln durch verschiedenartige Themen immer wieder zum Ausdruck.

Abb. 5 Global – Regional – Lokal (Quelle: Eigene Darstellung 2020)
Die Idee, das vermeintliche Gegensatzpaar global / regional (bzw. global / lokal) oder makro / mikro zu verbinden, ist keineswegs neu und brachte in den letzten Jahren einige aufschlussreiche Konzepte in der Forschung hervor (Dejung & Lengwiler 2016). In diesem Zusammenhang spricht Angelika Epple von der „globalen Mikrogeschichte“ (Epple 2012), Andrea Komlosy von der „Welt, die im Kleinraum eingefangen wird“ (Komlosy 2011, 211) oder Ernst Langthaler von der „transterritorialen Mikrogeschichte“ (Langthaler 2012).
Globale Mikrogeschichte
In der „globalen Mikrogeschichte“ unterstreicht Epple die Bedeutung von Relationen: „Diese theoretische Voraussetzung besteht darin, den jeweiligen Untersuchungsgegenstand, sei es ein Akteur, sei es ein Dorf, eine Nation oder eine Weltregion, ausschließlich über seine jeweiligen Relationen zu begreifen und zu zeigen, wie er über die Relationen erzeugt wird“ (Epple 2012, 37). Die überholten Vorstellungen von geschlossenen Räumen weichen einer relationalen Betrachtung. Dieses Denken in Relationen stellt in der Geschlechtergeschichte bereits ein „theoretisches Grundaxiom“ (Ebd., 38) dar, immerhin ist der Begriff Gender in seiner Grundidee relational. Mit dem Spatial Turn ergibt sich daraus eine Möglichkeit zur Kombination von Mikro und Makro, bei der beide für sich und in Zusammenhang relational gedacht werden. So wusste der Salzburger Landeshauptmann Hugo Raimund Lamberg (1833–1884) bereits 1880 zu berichten:
Die Welt ist seit wenigen Decennien durch Dampf und Draht um vieles kleiner geworden. Konnte zuvor ein Gau vom Nachbargaue unabhängig wirthschaften und seine Gegenwart und Zukunft decken, so ist heute auch die kleinste Alpwirthschaft in marktliche Abhängigkeit auch von Amerika und Australien gerathen (Lamberg 06. 08. 1880, 2).
Angelika Epple setzt eine solche globale Mikrogeschichte in ihrer unternehmensgeschichtlichen Studie zum Schokoladenhersteller Stollwerck um, in deren Rahmen sie die globalen Vernetzungen und Wechselwirkungen der Schokoladenindustrie an die Mikrogeschichte des Kölner Unternehmens und der Familie Stollwerck bindet. Sie schafft damit die Verbindung zwischen dem mikrohistorisch kleinräumigen und personenzentrierten Blick einer Familie in ihrer lokalen und regionalen Verankerung und dem makrohistorisch globalen Blick eines Global Players. Im Jahr 1911 warb die Gebr. Stollwerck AG passenderweise mit dem Slogan „Stollwerck ‚Gold‘ beherrscht die Welt“ (Zitiert nach Epple 2010, 9).
Kleinräume
Andrea Komlosy betont, Globalgeschichte dürfe und könne nicht nur global vorgehen, denn „jede Frage, wie weit sie auch auf regionale, nationale oder internationale Ebenen wirkt, hat auch ihre lokale Verankerung“ (Komlosy 2011, 10). Der von ihr als mögliche Herangehensweise an die Globalgeschichte vorgeschlagene Kleinraum kann als „Einstiegsort in ein überregionales Geschehen“ begriffen werden sowie als „Schauplatz […], an dem sich verschiedene Ebenen des überregionalen Geschehens treffen, kreuzen, aufeinanderstoßen und mit den lokalen Gegebenheiten spezifische Verbindungen eingehen […]“ (Ebd., 211) – Stichwort „Glokalisierung“. Dieses „vage Raumkonstrukt unterschiedlicher Größe und Erstreckung“ (Ebd., 212) entspricht – so ließe sich anmerken – ganz einfach einem zeitgemäßen Regionsbegriff, wie er auch in diesem Einführungsband angewendet wird.
Komlosy spielt die unterschiedlichen Skalenebenen von Regionalität in ihren überregionalen bis globalen Bezügen anhand dreier substaatlicher Räume der ehemaligen Habsburgermonarchie durch: die Stadt Wien als politischer „Mittelpunktsort“, die Textilregion Waldviertel als wirtschaftskultureller Kleinraum und das Kronland Galizien als innere Peripherie (Ebd., 229–220). Sie zeigt auf, dass sich die Monarchie oder die Republik Österreich durchaus als Gegenstand von Globalgeschichte eignen (Judson 2017), obwohl sie vom Selbstverständnis der historischen Subdisziplinen nicht zur Globalgeschichte, sondern zur Österreichischen Geschichte gezählt werden. Entscheidend ist die Berücksichtigung überregionaler und globaler Verflechtungen – seien es die dynastischen (transatlantischen) Verbindungen der Monarchie oder die Einbindung der Republik Österreich in die staatenübergreifende Europäische Union. Die Habsburgermonarchie war „eine Weltwirtschaft im Kleinen […], die auf einem inneren Zentrum-Peripherie-Verhältnis beruhte“ (Komlosy 2011, 220), bei dem Länder und Regionen wie Galizien als Nahrungsmittel- und Rohstofflieferanten sowie Abnehmer der Erzeugnisse aus den Industrieregionen dienten. Allein daran zeigt sich die Relevanz einer überregionalen Einordnung.
Transterritoriale Mikrogeschichte
Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Ernst Langthaler zielt konzeptionell in eine ähnliche Richtung. Er schlägt eine „transterritoriale Mikrogeschichte“ vor, bei der einzelne Orte mit einem Verflechtungsraum in Verbindung gebracht werden. Durch eine transterritoriale Mikrogeschichte lassen sich Regional- und Globalgeschichte auf der Ebene der grenzüberschreitenden „trans“-Ansätze (translokal, -regional, -national) vereinen. Anhand des Beispiels agro-industrieller Nahrungsketten, konkret der Soja-Fleisch-Nahrungskette, verfolgt Langthaler globale Verflechtungsräume mit lokaler Verankerung:
„Der weltweit zunehmende Verzehr von Schweinefleisch bildet das Ende einer agro-industriellen Nahrungskette, an deren Anfang der Anbau von Futtermitteln für die mit vor- und nachgelagerten Industrien gekoppelte Viehmast steht. Entlang dieser Nahrungskette sind mehrere, auf mehrere Weltregionen verstreute und untereinander verflochtene Orte der Produktion, Distribution und Konsumtion aufgefädelt“ (Langthaler 2012, 36).
Transterritoriale (translokale, -regionale, -nationale) Geschichte Transregionale Studien bzw. die Transregional Studies konzentrieren sich auf Austauschbeziehungen, Verflechtungen und Interaktionen innerhalb und zwischen Regionen weltweit. In der transnationalen, transregionalen und translokalen Geschichte geht es darum, eine grenzüberschreitende „Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaates“ (Osterhammel 2003) zu entwerfen. Diese Aufgabe birgt mehr Sprengkraft und Hürden in sich, als es zunächst scheinen mag, denn nach wie vor herrscht selbst in den Wissenschaften eine starke Bindung an die jeweiligen Nationen und Nationalismen.
Von der Nation zur Region: Transnationalität und Transregionalität
Auch der Begriff der Transnationalität wird kritisiert. Die Frage steht im Raum, „ob nicht schon die Wahl des Begriffes dazu führe, die Nation, die durch die Vordertür entlassen wurde, durch die Hintertür wieder hereinzulassen“ (Pernau 2011, 18). Es erscheint daher sinnvoll, die Nation als nur eine von vielen Möglichkeiten der Raumordnung zu betrachten und einen verengten Blick zu vermeiden. Besonders im Fall jener Epochen und Regionen, in denen die Nation oder der Nationalstaat noch nicht als Ordnungsmuster vorhanden war, ist eine solche Lösung angebracht. Die Begriffe translokal und transregional und die mit ihnen verbundenen Ansätze und Konzepte bieten über die Nation hinausreichende, vielversprechende Einsichten (Freitag & von Oppen 2010; Middell 2018; Pernau 2011). Die verschiedenen
Termini bergen indes spezifische Implikationen und Konnotationen in sich, die nicht einfach übergangen und geglättet werden sollten. Der Begriff der Transnationalität verweist stärker auf die Überwindung oder Durchdringung nationalstaatlicher Grenzen und die Infragestellung der Kategorie Nation, wohingegen die Transregionalität mit flexibleren, transzendenten Grenzen jenseits der Nation konnotiert ist.
Transnational-vergleichende und transregionale Studien haben etwa zu einem großen Interesse und einem besseren Verständnis „Ost(mittel)europas“ sowie zur Auflösung von Stereotypen, zum Beispiel in Bezug auf den „Balkan“, beigetragen (Roth & Brunnbauer 2007; Todorova 2009). Besonders die geschichtswissenschaftliche, transregional-vergleichende Methode der sogenannten Geschichtsregion nach Stefan Troebst (Kap. 2) ermöglicht eine „staaten-, gesellschaften-, nationen- oder gar zivilisationen-übergreifende“ Analyse von Mesoregionen wie „Ostmitteleuropa“ oder „Südosteuropa“ (Troebst 2013, 407). Die verschiedenen Regionen werden besonders in ihrer Rolle als Verflechtungsräume in den Blick genommen.
Transregionale Forschungen konzentrieren sich auf Mobilitäten und Prozesse, die über traditionelle Grenzen hinausgehen. Das kann Formen der Mobilität und Migration von Menschen, Tieren und Dingen genauso betreffen wie die Verbreitung von Viren oder Epidemien (Forum Transregionale Studien, forum-transregionale-studien. de; Middell 2018; TRAFO, trafo.hypotheses.org).
Der Konstruktionscharakter von Regionen sollte stets bedacht werden. Die Gefahr eines Containerdenkens, wie es Ernst Langthaler mit dem „methodologischen Territorialismus“ bezeichnet (Langthaler 2012, 31), kann durch die Berücksichtigung des Konstruktionscharakters von Regionen und durch den Blick auf Prozesse der Verräumlichung aufgelöst werden. Insbesondere die transterritoriale Betrachtungsweise ermöglicht die Berücksichtigung und gleichzeitige Auflösung verschiedenster räumlicher Grenzziehungen.
Comparative Area Studies
Diese gegenwärtige, vor allem durch den Spatial Turn bedingte Forderung, über das einschränkende Denken in Container- bzw. Behälterräumen hinauszuwachsen und Grenzüberschreitungen, sowie flexible Grenzen zu berücksichtigen, wird mittlerweile auch in den – diesbezüglich vielfach kritisierten – Area Studies durch neue Zugänge wie die Comparative Area Studies aufgegriffen (Ahram, Köllner & Sil 2018).
Grenzüberschreitendes, vernetztes Europa
Die Globalgeschichte beansprucht nicht, die „ganze Welt“ (Weltgeschichte) im Blick zu haben, sondern versteht sich als Perspektive globaler Vernetzung, als Methode (Aust & Obertreis 2014; Komlosy 2011). Ähnlich verhält es sich mit der Regionalgeschichte, die die Vorstellung von begrenzten Containerräumen relativiert und die Konstruktion und (Re-)Produktion von Regionen methodisch und perspektivisch in den Mittelpunkt stellt und kritisch hinterfragt. Eine Europäische Regionalgeschichte bedeutet dabei keineswegs nur eine euro-zentristische Einschränkung, sondern eine Geschichtswissenschaft europäischer Verortung, die grenzüberschreitend und global gedacht werden kann.
Historische Netzwerkforschung
Ein Forschungsbereich, in dem eine solche europäische Geschichte mit transnationalem bzw. transregionalem oder globalem Blick umgesetzt wird, ist die Historische Netzwerkforschung (Düring et al. 2016; historicalnetworkresearch.org; Stegbauer & Häußling 2010). Dabei können Personennetzwerke auf individueller, kollektiver sowie institutioneller Ebene – z. B. Vereinsnetzwerke – in den Blick genommen und Transferprozesse eingebunden werden. Die weitreichenden Vernetzungen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Herrscherdynastien und deren Heiratspolitik bzw. Heiratsmigration bieten etwa aufschlussreiche Einblicke in die transregionalen und transnationalen Wirkungen familiärer Netzwerke (Hecht & Kägler 2018; Schönpflug 2013). Die Historikerin Christina Antenhofer hat am Beispiel der italienischen Gonzaga-Familie und deren Aufstieg von lokalen signori zu Mitgliedern des europäischen Hochadels im Laufe des 15. Jahrhunderts aufgezeigt, wie männliche und weibliche Familienmitglieder aktiv am Aufbau von Netzwerken beteiligt waren und dabei transregional (innerhalb Italiens) sowie transnational (über die italienischen Grenzen hinaus) agierten. Von Beginn an arrangierten die Gonzaga transnationale Ehen, bei denen die Gemahlinnen dazu bestimmt waren, eine politische Rolle zu spielen und den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie aufrechtzuerhalten. Die verwandtschaftlichen Netze wurden von Generation zu Generation geschickt aufgebaut und instrumentalisiert und aus der lokalen Machtbasis heraus ein dichtes, weitverzweigtes Netzwerk europäischer Player installiert (Antenhofer 2011, 55–74; Severidt 2002).
Die Leitfragen und Themenfelder der historiografischen Netzwerkansätze sind vielfältig, wenngleich ein starker Fokus auf der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte liegt. So werden etwa Netzwerke in Handelsbeziehungen bzw. im Fernhandel, ökonomische Personal- und Kapitalverflechtungen oder Unternehmensstrukturen untersucht. Neben diesen wirtschaftshistorischen Arbeiten richtet sich das Forschungsinteresse aber auch auf andere gesellschaftliche oder kulturelle Aspekte. Marten Düring verdeutlicht das Potenzial dieser Zugänge an der Untersuchung von weitreichenden Hilfsnetzwerken von Personen, die sich für Verfolgte und gegen das NS-Regime einsetzten (Düring 2015). Außerdem gibt es zahlreiche Netzwerkstudien zu migrantischen, familiären oder religiösen Gruppen (Davis, Manz & Schulte Beerbühl 2012; Fertig & Lanzinger 2016; Mitterauer 2013). Vor allem regionale und verwandtschaftliche Beziehungsnetze spielen dabei eine große Rolle.
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