Kitabı oku: «30 Minuten Hochsensibilität im Beruf»
Kathrin Sohst
30 Minuten
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Umschlaggestaltung: die imprimatur, Hainburg
Umschlagkonzept: Martin Zech Design, Bremen
Lektorat: Eva Gößwein, Berlin
Autorenfoto: Das Lichtbild Studio, Wohltorf
© 2017 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Das E-Book basiert auf dem 2017 erschienenen Buchtitel »30 Minuten Hochsensibilität im Beruf« von Kathrin Sohst, ©2017 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Hinweis:
Das Buch ist sorgfältig erarbeitet worden. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autorin noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gemachten Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.
ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-810-8
ISBN epub: 978-3-95623-547-4
In 30 Minuten wissen Sie mehr!
Dieses Buch ist so konzipiert, dass Sie in kurzer Zeit prägnante und fundierte Informationen aufnehmen können. Mithilfe eines Leitsystems werden Sie durch das Buch geführt. Es erlaubt Ihnen, innerhalb Ihres persönlichen Zeitkontingents (von 10 bis 30 Minuten) das Wesentliche zu erfassen.
Kurze Lesezeit
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Alle wichtigen Informationen sind blau gedruckt.
Zahlreiche Zusammenfassungen innerhalb der Kapitel erlauben das schnelle Querlesen. | |
Ein Fast Reader am Ende des Buches fasst alle wichtigen Aspekte zusammen.
Inhalt
Vorwort
1. Hochsensibilität
Hochsensibilität erkennen
Belastungen im Arbeitsumfeld
Ressource Hochsensibilität
2. Hochsensible Potenziale
Sensible Herausforderungen
Stärken und Fähigkeiten
Starkmacher bei der Arbeit
3. Stärkenorientierung im Beruf
Ausbildung und Berufswahl
Angestellt oder selbstständig?
Zwischen Beruf und Berufung
4. Hochsensibilität und Führung
Wertschätzendes Miteinander
Hochsensible Führungskräfte
Achtsame Selbstführung
Impulse für Beruf und Arbeitswelt
Fast Reader
Die Autorin
Weiterführende Literatur
Vorwort
Dieses Buch gibt einen kurzen und intensiven Einblick in das Thema Hochsensibilität in Arbeitswelt, Wirtschaft, Ausbildung und Beruf. Ob Sie als hochsensibler Mensch (HSM) studieren oder eine Ausbildung machen, angestellt, selbstständig oder freiberuflich arbeiten oder als Unternehmer, Führungskraft, Personalmanager, Kollege oder Kunde* mit HSM zu tun haben – die „Erkenntnis Hochsensibilität“ und das Wissen über ein Temperament, das nach aktuellem Forschungsstand 15 bis 20 Prozent der Menschen von Natur aus mit auf den Weg bekommen haben, macht einen bewussten und für alle gewinnbringenden Umgang mit dieser „Ressource“ möglich.
Hochsensibilität (Sensory Processing Sensitivity, kurz SPS) ist ein junges Forschungsfeld, das in der Praxis aktuell viele Blüten treibt – auch solche, die ich für wenig förderlich halte. Ich kann zustimmen, wenn es darum geht, Hochsensibilität als einen „besonderen“ Wesenszug zu bezeichnen. Ein ausdrückliches Nein bekommt von mir die Ansicht, Hochsensible seien die besseren Menschen. Denn es geht nur gemeinsam. Jeder Mensch bringt Fähigkeiten und Stärken mit. Und nur, wenn wir diese zusammenbringen, werden wir nachhaltige Ergebnisse erzielen.
Dennoch ist eine Erkenntnis sehr wichtig: Es braucht in der oft rauen Arbeits- und Wirtschaftswelt wieder ein Gespür für den Wert von Sensibilität. Sensible Menschen dürfen den Wert ihres Temperaments genauso erkennen wie diejenigen, denen es leichter fällt, Reize auszublenden. Prof. Dr. Elaine N. Aron, Hochsensibilitätsforscherin der ersten Stunde, spricht davon, dass es – vereinfacht betrachtet – immer schon zum einen die „Krieger“ und zum anderen die „Berater“ gegeben hat. Wir brauchen sowohl den „Wachstumsgedanken“ und die „Besser-schneller-höher-Kraft“ als auch das Bewusstsein für Zyklen, Nachhaltigkeit, Achtsamkeit, Pausen, Grenzen, Qualität, Wertschätzung, Heilung und Gesundheit.
Aktuell setzen sich immer mehr Wissenschaftler und Praktiker stärkenorientiert mit dem Phänomen Hochsensibilität auseinander – eine gute Entwicklung, denn je mehr wir uns darüber klar werden, dass nicht alle Menschen unter den gleichen Arbeitsbedingungen gleiche Leistung bringen und dennoch jeder seine ureigenen Fähigkeiten als Stärke in die Gesellschaft einbringen kann, desto gesünder und nachhaltiger werden wir als Gemeinschaft in die Welt hineinwirken.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und gewinnbringende Impulse für Ihr Leben, Ihre Arbeit und Ihre persönlichen Lebensziele.
Herzlichst
Ihre Kathrin Sohst
*Auf die Verwendung der weiblichen Form wurde verzichtet, um das Kurzformat inhaltlich optimal zu nutzen.
1.Hochsensibilität
Ob in der Ausbildung, im Job oder im Privaten: Jeder macht die Erfahrung, dass seine Mitmenschen unterschiedlich sensibel auf Reize und Situationen reagieren. Das ist nicht nur eine Frage der Tagesform, sondern tatsächlich eine des natürlichen Temperaments, das ein Mensch mitbringt. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass ca. 15 bis 20 Prozent der Menschen ein hochsensibles Wesen, also eine überdurchschnittlich hohe Wahrnehmungsfähigkeit und höhere Reizoffenheit haben. Die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse und weiterführenden Studien basieren auf den Forschungsergebnissen der Psychotherapeutin und Universitätsprofessorin Prof. Dr. Elaine N. Aron aus den USA. Sie gab dem psychologischen Konstrukt Hochsensibilität seinen Namen. 2016 hat Dr. Sandra Konrad an der Helmut-Schmidt-Universität, der Universität der Bundeswehr in Hamburg, als erste Psychologin in Deutschland zum Thema Hochsensibilität promoviert.
1.1Hochsensibilität erkennen
Während viele Zeitgenossen über längere Zeit souverän eine Fülle an Reizen verarbeiten können, gibt es andere, die ihre Umwelt feiner, differenzierter und intensiver wahrnehmen, sich oft schon seit ihrer Kindheit irgendwie anders fühlen und für konzentrierte Arbeit eine ruhige Umgebung und Rückzugsräume brauchen.
In Deutschland hat sich für dieses Phänomen umgangssprachlich der Begriff „Hochsensibilität“ durchgesetzt. Er ist abgeleitet von der wissenschaftlichen Bezeichnung „sensory processing sensitivity“ (kurz: SPS; übersetzt: „sensorische Verarbeitungssensitivität“) und dem Begriff „high sensitivity“. Einige Fachleute sprechen auch von „Hochsensitivität“ oder „Hypersensibilität“. Oft werden hochsensible Menschen als HSM oder HSP (kurz für „highly sensitive person“) bezeichnet. Ein paar Fakten:
Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein Temperament bzw. Wesenszug.
HSM haben eine hohe und differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit.
Ca. 15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel.
70 Prozent der hochsensiblen Menschen gelten als introvertiert, 30 Prozent als extrovertiert.
Frauen und Männer sind hochsensibel.
Hochsensibilität gilt als erblicher Wesenszug.
Merkmale hochsensibler Menschen
Die Forschung beschreibt vier Hauptmerkmale von Hochsensibilität:
| Verarbeitungstiefe | leichteÜberreizung |
| emotionaleReaktivität+ Empathie | starkeWahrnehmungder Sinne |
Elaine N. Aron hat die Merkmale hochsensibler Menschen in ihrer DOES-Formel auf den Punkt gebracht:
1. Depth of processing – Verarbeitungstiefe
2. Easily Overstimulated – Leichte Überreizung
3. Emotionally reactive – Emotionale Reaktivität
4. Sensitivity to Subtle Stimuli – Sensitive Wahrnehmung von subtilen Reizen (Sinnessensibilität)
Damit Sie ein paar Beispiele an der Hand haben, gehe ich im Folgenden genauer auf vier Ebenen ein, auf denen sich die Hochsensibilität bemerkbar machen kann.
1. Sensorische Ebene
Hier geht es um Sinneswahrnehmungen, ums Hören, Riechen, Schmecken, Sehen, Spüren und Tasten. Auch das Wärme-, Kälte- oder Schmerzempfinden, Druck oder Vibration zählen zu den sensorischen Wahrnehmungen. Während andere mit Bauarbeiten vor dem Bürogebäude oder dem Rattern von Maschinen über längere Zeit gut umgehen können, werden laute oder monotone Geräusche für HSM leichter zum Stressfaktor.
2. Emotionale Ebene
HSM erleben Emotionen intensiv und nehmen auch die Stimmungen und Bedürfnisse anderer Menschen stärker wahr – ob bewusst oder unbewusst. Die Herausforderung ist, die eigenen Emotionen von denen anderer Menschen zu trennen. Zugleich macht die hohe Empathie es möglich, wahrzunehmen, wie sich jemand fühlt, oder nachzuempfinden, aus welcher Perspektive er eine Situation betrachtet. HSM verstehen sich darauf, für Harmonie zu sorgen, und spüren, wenn es ihrem Gegenüber nicht gut geht. Sie können in Teams eine wertschätzende Atmosphäre schaffen, weil sie andere Menschen dort abholen können, wo sie sind.
3. Kognitive Ebene
Auf kognitiver Ebene spielen die differenzierte Wahrnehmung und die Verarbeitungstiefe eine Rolle. Erlebnisse und Informationen werden von hochsensiblen Menschen intensiver verarbeitet und reflektiert. Viele Hochsensible sind in der Lage, vernetzt und analytisch zu denken, logische Brüche zu erkennen und ganzheitliche Lösungen unter Einbeziehung vieler Aspekte zu finden.
4. Spirituelle Ebene
Auch wenn es in der westlichen Welt noch ungewohnt ist, in beruflichen Zusammenhängen über Spiritualität zu sprechen, möchte ich gerne auf die spirituelle Ebene eingehen. Es geht auf dieser Ebene um eine hohe Intuition der HSM, ihren ausgeprägten „sechsten Sinn“ sowie die Wahrnehmung feinster Nuancen (z. B. Mikromimik). Nicht hochsensible Menschen sind schnell irritiert, wenn ihr hochsensibles Gegenüber Dinge anspricht, die nicht an die Oberfläche kommen sollten. Versucht z. B. jemand, etwas zu vertuschen, wird er bei einem HSM schlechte Karten haben. Denn der bekommt mit, wenn etwas nicht stimmt. Bei einigen HSM geht die Wahrnehmung so weit, dass sie Vorahnungen oder Zugang zu Wissen haben, das für andere nicht zugänglich ist. So wenig haltbar das aus wissenschaftlicher Sicht erscheinen mag, so sehr wissen wir doch auch, dass es im Laufe der Geschichte immer wieder Menschen gegeben hat, die eine große spirituelle Kraft besaßen.
Test: Wie sensibel bin ich?
In Sachen Tests für Hochsensibilität hat Diplom-Psychologin Dr. Sandra Konrad jüngst mit ihrer Doktorarbeit eine validierte HSP-Skala für Deutschland vorgelegt. Die Tests, die bisher in Büchern oder im Internet existieren, basieren überwiegend auf dem englischsprachigen Fragebogen von Prof. Dr. Elaine N. Aron aus den USA. Für mein Buch Zart im Nehmen habe ich auf Basis der bisher existierenden Fragebögen einige Fragen entwickelt, die sich weniger an den psychologischen Items, sondern mehr an meiner stärken- und ressourcenorientierten Sicht und meinen Gesprächen und Recherchen zum Thema orientieren. Die Aussagen weisen somit lediglich auf Aspekte der Hochsensibilität hin. Für dieses Buch habe ich Fragen ausgewählt, die mir im Zusammenhang mit dem Berufsleben als relevant erscheinen. Entscheiden Sie bitte spontan und intuitiv, ob Sie einer Aussage zustimmen können oder nicht.
Leistungsfähigkeit & Arbeitsumgebung
Parfüms, Körpergerüche, klingelnde Telefone, das Rauschen der Computerlüftung, Zugluft, Hungergefühle und Co. stören meine Konzentration und stressen mich.
Ich brauche mehr Pausen und Rückzugszeiten als andere.
Arbeit in einem klassischen Großraumbüro kann ich mir nicht vorstellen bzw. ist für mich purer Stress und reduziert meine Leistungsfähigkeit.
In einer ruhigen Arbeitsatmosphäre leiste ich gerne etwas und erarbeite qualitativ hochwertige Ergebnisse.
Ich übernehme schnell Verantwortung und muss darauf achten, dass ich Aufgaben oder Anfragen nur annehme, wenn meine Ressourcen das zulassen.
Werte & Sinn
Wertschätzung und ein Arbeitsumfeld, das meinen Werten entspricht, sind für mich sehr wichtig.
Richtig wohl fühle ich mich bei der Arbeit nur, wenn sie Sinn stiftet und ich meine Stärken einsetzen kann/darf.
Wenn Menschen nicht im Einklang mit meinen Werten handeln und/oder meine Erwartungen nicht erfüllen, muss ich darauf achten, nicht vorschnell über sie zu urteilen.
Schon seit meiner Kindheit habe ich das Gefühl, irgendwie anders zu sein.
Ich habe das starke innere Bedürfnis, meine Lebensaufgabe/Berufung zu finden, und wünsche mir, sie leben zu können, bzw. habe sie bereits gefunden und in mein Leben integriert.
Fähigkeiten & Herausforderungen
Ich denke differenziert, vernetzt, lösungsorientiert und ganzheitlich.
Ich nehme wahr, wie es anderen Menschen geht, und manchmal verschwimmt die Grenze zwischen meinen eigenen Gefühlen und den Stimmungen anderer.
Andere schätzen an mir sowohl meine differenzierte Betrachtungsweise als auch meinen Blick für das Ganze.
Oft nehme ich wahr, dass jemand etwas anderes sagt, als er denkt, was sich im weiteren Verlauf der Beziehung/Situation meist bestätigt.
Ich habe eine ausgeprägte Intuition und ein gutes Gespür für Risiken, Fehler, Feinheiten, Trends und Entwicklungen.
Hochsensibilität – eine starke Erkenntnis
Je mehr Aussagen Sie angekreuzt haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie zu den 15 bis 20 Prozent der hochsensiblen Menschen gehören. Sie nehmen Reize und Informationen stärker wahr und verarbeiten diese intensiver als andere Menschen.
Tipp: Nehmen Sie sich Zeit, um die folgenden Fragen für sich zu beantworten:
Worauf weist Sie Ihre hohe Sensibilität hin?
Was können Sie tun, damit Sie Ihre Sensibilität nicht als „Schwäche“ empfinden bzw. erleben?
Wie können Sie Ihre Sensibilität als Stärke nutzen?
Einige HSM haben auf Anhieb ein starkes Aha-Erlebnis und finden sich mit ihren Eigenarten und Fähigkeiten sofort im Konzept Hochsensibilität wieder. Sie finden Antworten auf Fragen, die sie schon ihr Leben lang begleitet haben. Andere sind skeptischer, was durchaus nachvollziehbar ist, und brauchen Zeit, um die eigene Wahrnehmung zu reflektieren und von den Negativberichten über Hochsensibilität getrennt zu betrachten. Warum auch sollte sich jemand einem problembehafteten Thema nähern, der bisher gut mit seiner hohen Wahrnehmungsfähigkeit klargekommen ist, sie für seinen Beruf nutzt und sich nur ab und an die Frage stellt, warum die meisten Menschen irgendwie anders ticken?
Aufklärung eines hochsensiblen Irrtums
Hochsensibilität ist nicht in erster Linie ein Leiden, sondern eine von der Natur gegebene Fähigkeit, äußere und innere Reize intensiver wahrzunehmen und gründlicher zu verarbeiten. Die vielen Medienberichte über hochsensible Menschen, die aufgrund dauerhafter Überreizung und chronischen Stresses unter ihrer hohen Sensibilität massiv leiden, zeichnen kein vollständiges Bild. Nicht jeder HSM erlebt seine hohe Wahrnehmung als Last und schon gar nicht dauerhaft! Dennoch kann sie zum Klotz am Bein werden – vor allem wenn man bedenkt, dass Bildungssysteme, Wirtschaft, Politik und andere gesellschaftliche Systeme von der Masse geprägt sind. Und die ist nicht hochsensibel.
Patrice Wyrsch, Doktorand am Institut für Organisation und Personal der Universität Bern mit Forschungsschwerpunkt Hochsensibilität in der Arbeitswelt, beschrieb den größten Irrtum bezüglich Hochsensibilität in einem persönlichen Telefonat, das ich mit ihm geführt habe, so: „Viele Menschen denken, dass die chronische Überstimulation, die entstehen kann, die Hochsensibilität ist. Doch die Hochsensibilität ist nicht gleichzusetzen mit Dauerstress und Leiden. Hochsensible, die dauerhaft überreizt sind, haben Stress, und das kann zu Krankheit und Leid führen – genauso wie bei durchschnittlich sensiblen Menschen auch. Aber kein hochsensibler Mensch ist grundsätzlich überstimuliert.“
Ulrike Hensel beschreibt in ihrem Artikel „Starke Sensible“ (managerSeminare, Juni 2016) gleich eine ganze Kette von Missverständnissen: Es handelt sich bei HSM weder um „unnormale“ Menschen noch um Mimosen. Sie brauchen keine Extrawurst, sondern einfach andere Bedingungen, die nicht nur für HSM besser sind, sondern für viele andere Menschen auch. Anzunehmen, dass alle HSM „gleich“ wären, ist ein Trugschluss, und inzwischen ist Hochsensibilität zwar ein junges, aber ernst zu nehmendes Forschungsfeld und keine „Küchenpsychologie“ mehr.
Lastenträger – Sinnsucher – Performer
Hochsensibilität ist eine angeborene, aber dennoch veränderliche Disposition. Erkenntnisse aus Forschung und Praxis zeigen, dass die Ausprägung sowie die Art des Umgangs mit dem hochsensiblen Temperament sehr unterschiedlich sein können und auch mit biografischen Details wie der Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Freunden und anderen Bezugspersonen, dem Maß der Anerkennung für den sensiblen Wesenszug sowie einschneidenden Erlebnissen bzw. Traumata zu tun haben. Die Veranlagung bringt ein Mensch mit, aber wie er sich entwickelt und damit umgeht, kann sehr verschieden sein. Es gibt folglich nicht „den“ Hochsensiblen. Auf der Suche nach einer modellhaften Typisierung sind mir drei verschiedene Arten von HSM aufgefallen: Lastenträger, Sinnsucher und Performer. Ich habe diese drei Begriffe gewählt, um zu verdeutlichen, wie unterschiedlich die Wege und Situationen von HSM sein können:
1. Die Lastenträger haben einen hohen Leidensdruck, viele haben mit ihrer Gesundheit zu kämpfen, zeigen aber oft mit einer ausgeprägten Lebenskraft einen starken Willen zur positiven Veränderung.
2. Die Sinnsucher leben ihr Potenzial bereits teilweise, sind aber auf der Suche nach Erklärungen bezüglich ihrer Art, die Welt wahrzunehmen, und nach ihrer Rolle in der Welt. Viele wechseln häufiger ihren Job oder sehnen sich nach neuen Perspektiven.
3. Die Performer haben ihren Platz in der beruflichen Welt gefunden und gehen entweder intuitiv oder bewusst konstruktiv mit ihren sensiblen Bedürfnissen um. Sie sorgen gut für sich und gestalten ihr Berufsund Privatleben nachhaltig. HSM, die zum Typ „Performer“ gehören, aber nichts von ihrer Hochsensibilität wissen, dürfte dennoch ab und an die Frage nach ihrer ungewöhnlichen Feinfühligkeit auf der Seele brennen.
Aus Lastenträgern können Performer werden und Performer können sich plötzlich durch einen Schicksalsschlag auf der Seite der Lastenträger wiederfinden und sich dann wieder auf die Suche nach dem „Sinn“ des Daseins machen.
Tipp: Damit Sie die hochsensible Wahrnehmung konstruktiv in Ihre Persönlichkeitsstruktur integrieren und in verschiedenen Lebensphasen bewusst damit umgehen können, möchte ich Ihnen zwei Hinweise mit auf den Weg geben:
1. Setzen Sie sich gut mit dem Phänomen Hochsensibilität auseinander, denn es handelt sich um eine Disposition, die in alle Lebensbereiche hineinwirkt.
2. Sorgen Sie zugleich aber auch dafür, dass Sie sich nicht ausschließlich über Ihren hochsensiblen Wesenszug definieren, denn es handelt sich lediglich um einen Teil Ihrer Persönlichkeit.
| 15 bis 20 Prozent der Menschen gelten als hochsensibel. Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein angeborenes Temperament. Hochsensible Menschen haben sehr sensible Sinne, erleben ihre Emotionen intensiv, sind leichter überreizt und haben eine hohe Verarbeitungstiefe. | |
1.2Belastungen im Arbeitsumfeld
Ganz gleich, ob in einem kleinen Raum zu viele Arbeitsplätze untergebracht sind, ob es sich um ein riesiges, lärmendes Großraumbüro handelt, ob der Arbeitsplatz in einer Produktionshalle bzw. umgeben von lauten technischen Geräten oder Maschinen ist oder ob das Homeoffice durch eine Großbaustelle vor der Tür oder Renovierungsarbeiten im Haus gerade zur Falle wird – Fakt ist: Außenreize lenken alle Menschen ab und belasten. Die einen weniger, die anderen mehr.
Das Großraumbüro gehört wohl zu den meistdiskutierten Varianten im Arbeitsumfeld von Menschen und ist – wie Studien belegen – nicht nur für hochsensible Menschen eine gesundheitliche Belastung, sondern für alle, die dort arbeiten. Viele hochsensible Menschen machen die Erfahrung, dass es für sie gar nicht möglich ist, in einem Großraumbüro zu arbeiten, ohne stressbelastet zu sein. Für sie ist das Arbeiten in lauter, reizstarker Umgebung ohne Rückzugsräume und unter ständiger Beobachtung von anderen auf Dauer keine sinnvolle Option. Und zwar nicht, weil es ihnen an Bereitschaft fehlt, sich auf die Umgebung einzulassen, sondern weil es ihnen aufgrund ihrer natürlichen Veranlagung einfach nicht möglich ist. Selbst wenn sie es wollen, können sie ohne Rückzugsräume nicht nachhaltig, gesund und auf Dauer zeigen, was in ihnen steckt.
HSM und negativer Stress
Auch wenn ein Aufgabenfeld im Job Spaß macht, die Motivation stimmt, das Gehalt passt und der Wille da ist, sich für ein Unternehmen zu engagieren – HSM, die dauerhaft in einer reizstarken Umgebung ohne flexible Rückzugsmöglichkeiten arbeiten, erleben dies als hohe Belastung. Und das führt bei ihnen schneller zu Erschöpfung und dauerhafter Überreizung als bei anderen Menschen. Kommt dann noch die Forderung hinzu, mehr zu arbeiten, als die vertragliche Basis eigentlich vorsieht, schrumpft dadurch zudem noch die Zeit für Pausen, Reizverarbeitung und Regeneration. Wenn HSM sich durch zu viele Reize wiederholt in belastenden und überfordernden Situationen wiederfinden, in denen sie ihr Potenzial nicht abrufen können, und die Qualität ihrer Arbeitsergebnisse mehr und mehr leidet (was für die meisten HSM nur schwer zu ertragen ist), können über längere Zeit auch psychosomatische Folgeerscheinungen wie Verspannungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Depressionen oder Burn-out entstehen.
Belastungssituationen sind oft mit dem Gefühl verbunden, bestimmte Situationen oder sich selbst nicht unter Kontrolle zu haben, sich nicht entwickeln zu können, auf sich selbst gestellt zu sein und keine Hilfe erwarten zu können. Berücksichtigt man zusätzlich, dass viele HSM sich seit dem Kindesalter „anders“ fühlen, lässt sich nachvollziehen, warum sie schnell den Eindruck haben, nicht richtig dazuzugehören bzw. nicht verstanden zu werden. Beides – sowohl der Kontrollverlust als auch das ständige Gefühl, nicht richtig „integriert“ zu sein – fördert die Stressbelastung zusätzlich.
Beeinträchtigungen bei der Arbeit
Schon der Arbeitsweg kann eine Reizquelle sein, die hochsensible Menschen nicht unterschätzen sollten – ganz gleich, ob es der Weg ins Büro ist oder der „Weg“ ins Homeoffice, bei dem der Blick auf all die unerledigten Dinge im Haushalt und im Privatleben fällt. Ein „Zu-viel-auf-einmal“, Gespräche, Geräusche, Gerüche, Enge in öffentlichen Verkehrsmitteln und Verkehrslärm – all das kostet Kraft und Nerven. Angekommen am Arbeitsplatz, haben es immer mehr Menschen dann zu tun mit …
Zeitdruck, Kontrolle oder Kontrollverlust,
Multitasking, Arbeitsverdichtung, Angst vor Fehlern,
mangelnder Führung oder häufigen Führungswechseln,
häufigen Störungen und Meetingkultur,
Umstrukturierungen und Existenzängsten,
Überstunden oder Schichtarbeit,
starren Regeln und fehlenden Handlungsspielräumen,
mangelnder Zeit für genaue Absprachen und
einer Flut von E-Mails und Informationen.
Das sind Stressoren, die alle Menschen beeinträchtigen und HSM ganz besonders. Andere Störfaktoren liegen auf sensorischer, emotionaler und kognitiver Ebene:
Belastungen auf sensorischer Ebene
Um aufzuzeigen, wie sich die intensivere Wahrnehmung über die Sinne bei hochsensiblen Menschen bei der Arbeit auswirkt, habe ich die möglichen Beeinträchtigungen zusammengefasst:
Geräusche: häufig klingelnde Telefone, Gespräche am Nachbartisch, Stimmengewirr, Radio, das Summen technischer Geräte, Klappern der Tastatur, Geräusche von Lichtquellen, Klimaanlage, Computerlüfter
Lichtverhältnisse: zu grell, zu dunkel, unnatürliche Lichtquellen, sonnengeblendete Arbeitsplätze, das blaue Licht der Bildschirme
Gerüche: Zigarettengeruch (auch wenn er nur in der Kleidung hängt), Essen, Parfüms, Schweiß, Abgase, Putzmittel, Möbel, Fußböden, Geruchsbelastungen durch Maschinen (Drucker und Co.)
Raumklima: stickige Luft, Dauerdilemma „Frischluft oder Zugluft?“, Temperatur
Ergonomie: Sitzposition, unpassende Möbel
Bürogestaltung: wenig Privatsphäre, keine Pflanzen und Bilder, „anstrengende“ Farben/Muster
Diese Liste zeigt nicht nur die Herausforderungen, mit denen HSM in Bezug auf die Sinne konfrontiert sind, sondern auch die Stellschrauben, an denen Unternehmen, hochsensible Mitarbeiter und auch selbstständig arbeitende HSM drehen können, um ihre Arbeitsatmosphäre zu verbessern.
Belastungen auf sozio-emotionaler Ebene
„Das hat doch gar nichts mit dir zu tun“ – ein Satz, den wohl jeder hochsensible Mensch schon einmal gehört hat. Wer intensiv fühlt, ein großes soziales Verständnis hat und in der Lage ist, die Menschen um sich herum und deren Bedürfnisse gut wahrzunehmen, geht möglicherweise davon aus, dass andere Menschen die gleichen Fähigkeiten besitzen und sich ähnlich verhalten müssten. Oft ergeben sich daraus Verletzungen und „Empfindsamkeitsmuster“, die HSM erst einmal durchschauen und erkennen müssen, damit aus Empathie und der Fähigkeit, eigene Emotionen und die anderer intensiv wahrzunehmen, eine wahre Stärke werden kann.
Belastungen auf kognitiver Ebene
Hochsensible Menschen denken verknüpft, haben oft eine starke Werteorientierung und wünschen sich, dass Themen ganzheitlich, nachhaltig und menschenfreundlich betrachtet werden. Wertschätzung und ein harmonischer Umgang sind ihnen wichtig. Deshalb belasten sie oft Aspekte, die anderen Menschen nicht auffallen bzw. nicht bewusst sind:
Gefühl der Sinnlosigkeit, wenn Regeln und Abläufe als nicht passend empfunden werden
Loyalitätskonflikte, wenn Werte nach außen kommuniziert, aber nicht nach innen gelebt werden
grundsätzliche Wertekonflikte in Bezug auf unstimmige Produkte, kritische Handlungen oder Fehler, die ein Unternehmen, Kunde, Partner begeht
Paart sich Hochsensibilität mit Viel- oder Hochbegabung, entsteht schnell zusätzlich zur sensorischen Überreizung und den sozio-emotionalen Herausforderungen eine Unterforderung im Job. Das ergibt eine schwierige Mischung, die zu Sinn- und Lebenskrisen führen kann, weil das vorhandene Potenzial sich nicht entfalten und nicht gelebt werden kann.
| Belastungen, die sich schon auf durchschnittlich sensible Menschen negativ auswirken, beeinträchtigen HSM stärker. Um konstruktiv mit dem Thema Hochsensibilität umgehen zu können, ist es wichtig, die sensorischen, emotionalen und kognitiven Herausforderungen von HSM im beruflichen Umfeld zu kennen. | |
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