Kitabı oku: «Sterben mit oder ohne Gott?»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 4

Vorwort 5

Zu den Erfahrungsberichten 8

Beat S., 84 10

Niklaus K., 61 14

Selbstreflexion 1 16

„Ohne die Herzenswärme geht nichts“ 16

Beatrix, 18 20

Stefan B., 78 24

Anton S., 92 28

Edi, 27 35

Sebastian, 83 39

Carmela G., 85 44

Marthas Vater Christoph, 75 52

K. Spyrig, 57 61

Christina, 85 63

Tobias, 48 65

Paula, 80 67

Marie-Louise, 62 79

Selbstreflexion 2 82

„Sich Zeit nehmen“ 82

Ludwig R., 52 84

Selbstreflexion 3 86

„Der Eigenwille muss weg!“ 86

Anton C., 74 90

Selbstreflexion 4 92

„Stellvertretendes Gebet“ 92

Josefina, und ihr sterbender Mann B., 70 94

Sterbetheater 103

Der reformierte Pfarrer, 58 105

Selbstreflexion 5 106

„Die Angehörigen“ 106

Die Enkel 107

Margrith K., 90 109

Selbstreflexion 6 111

„Atmosphäre schaffen“ 111

Monika und ihr sterbender Vater K., 70 115

Selbstreflexion 7 120

„Die so kostbare Lebenszeit nutzen“ 120

Ruth und ihre sterbende Mutter E., 90 122

Selbstreflexion 8 124

„Seele und Geist wollen genährt werden“ 124

Peter St., 45 128

Saima, 22 131

Elisabeth, 97 133

Heinrich A., 65 135

Selbstreflexion 9 138

„Kann ich mit einer Krankheit fruchtbar umgehen lernen?“ 138

Markus und seine Frau Klara, 73 140

Luzia, 58 145

Selbstreflexion 10 154

„Der Geist des Gebetes kann alles wenden“ 154

Mirca-Silvia, 87 156

Selbstreflexion 11 158

„Sich in die Geborgenheit Gottes hineinfallen lassen“ 158

Hans-Jakob, 78 160

Selbstreflexion 12 164

„Die Situation des Todes“ 164

Anna-Maria, 54 168

Sr. Cornelia, 71 173

Selbstreflexion 13 175

„Es gibt wundervolle Tode“ 175

Schlusswort 177

Danksagung 184

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-903861-95-4

ISBN e-book: 978-3-903861-96-1

Lektorat: Tobias Keil

Umschlag- und Innenabbildungen: T. Sch.

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

Weiß ich, dass es ein Leben aus dem Geistigen/Ewigen gibt, das meine Seele nährt, führt und glücklich machen will? Oder kenne ich nur die materielle Welt, wie ich sie hier erfahre und lebe? Bin ich damit restlos zufrieden oder fehlt mir etwas, das ich im Augenblick vielleicht noch nicht benennen kann?

Damit wir diese Kernfrage beantworten können, müssen wir einmal wenigstens erlebt haben, was es mit uns macht, wenn wir tief im Herzen angerührt werden. Nicht bloß angerührt von der weltlichen Liebe und Freude, sondern angerührt von einer viel tieferen Herzenswärme, die man kaum in Worte fassen kann. Man kann sie nur erfahren.

Wir sind nicht andere in dem Moment, wenn unsere irdische Zeit abgelaufen sein wird. Wir werden alle einmal so ins Sterben hineinkommen, wie wir gelebt und miteinander umgegangen sind. Im Sterben kommt die Summe unseres Lebens zum Tragen. Das lehrt mich meine Erfahrung an den Sterbebetten.

Sterben hat viel mit Versöhnung zu tun. Nicht nur lässt sich ruhiger sterben mit einem guten, aufgeräumten Gewissen; es lässt sich auch viel freudiger leben, wenn wir mit unserem Schöpfer, unserem Umfeld und mit uns selbst in Frieden sind.

Ein guter und ehrlicher Mensch weiß, dass er sich trotz all seiner Bemühungen immer wieder schuldig macht. Es geht gar nicht anders, da wir nebst vielen guten Eigenschaften auch unzählige Mängel in uns tragen, die wir aus unserer Ahnenkette als Erbe in diese Welt mitgebracht oder die wir uns selbst angeeignet haben.

Glücklich der Mensch, der früher oder später in sich die Sehnsucht nach Umkehr verspürt! Das Thema der Versöhnung auf allen drei Ebenen (Gott – Mitmensch - sich selbst) wird ihm wichtig werden.

Wer es wagt, diesen Weg unter seine Füße zu nehmen, wird mit Freuden feststellen, dass er seine täglichen Arbeiten bewusster und auch liebevoller angeht und ein hörendes Ohr bekommt für die vielfältigen Anliegen der Mitmenschen. Unter vielen anderen Eigenschaften wird ihm echte Empathie heranwachsen.

Der arrogante Mensch hingegen sieht das anders. Er ist der festen Überzeugung, dass er alles gut und richtig macht. Er erkennt eigene Schuld kaum an und ist durch seine Arroganz dafür blind geworden. Er sucht den Fehler stets bei den anderen. Wir kennen dieses Verhalten, da die Arroganz mehr oder weniger leider auch Teil von uns allen ist.

Meine Begleitungen am Bett sterbender Menschen laufen parallel mit den Erfahrungen meiner ganzheitlichen Massage. Meine treue Freundin sagte mir vor 35 Jahren:

„Lehre die Menschen den Weg zu Gott, solange sie gesund sind! Wenn sie ins Sterben kommen, wird ihnen die Kraft für eine wahre Umkehr weitgehend fehlen.“

Ich nahm ihr Anliegen ernst. Sie werden das in meinem Erfahrungsbericht sehen.

Zu den Erfahrungsberichten

Vor mehr als 30 Jahren durfte ich die ersten schwerkranken Menschen ins Sterben begleiten. Vorab war ein Erlebnis auf meinem Heimweg, das mich tief beeindruckte: Ich war mit dem Auto unterwegs. Vor mir kam ein junger Mann auf seinem Motorrad daher geschleudert. Buchstäblich daher geschleudert kam er und lag danach regungslos auf der Strasse, sein defektes Motorrad ein gutes Stück von ihm entfernt. Ich parkierte am Strassenrand mein Auto und ging zu diesem verletzten Mann. Der Verkehr war nicht sonderlich gross, aber doch so, dass sich andere um die Ambulanz kümmern und den Verkehr regeln konnten.

Ich blieb bei diesem jungen Mann, als gäbe es nur ihn auf dieser Welt. Als ich sah, dass er noch atmete, sprach ich ihm gut zu und blieb ruhig bei ihm, bis die Ambulanz eintraf und ich sah, dass er in guten Händen war. Danach begleitete ich ihn im Gebet. Wochen später suchte mich seine Mutter auf und erzählte mir, dass ihr Sohn auf dem Weg der Besserung sei. Er brauche jetzt viel Geduld und Ausdauer in der Physiotherapie. Aber die Ärzte meinen, alles werde gut kommen.

Dieser Unfall war für mich wegweisend. Da wurde in mir eine Gabe angerührt, die ich so vorher an mir nicht kannte.

Ein halbes Jahr später vernahm ich, dass ein Einführungskurs für Begleitungen schwerkranker und sterbender Menschen ausgeschrieben war. Ich meldete mich, ohne vorher zu überlegen, ob ich dazu die nötige Reife mitbringen werde.

In diesem halben Jahr des Wartens wurde mir klar, dass ich tiefere Wurzeln in den Glauben zu schlagen hatte. Verunsichert wie ich damals war, lebte ich wie viele andere im Helfersyndrom, ohne es zu merken. Die Gefahr, andern zu helfen, um dadurch den eigenen Problemen auszuweichen, kannte ich damals noch nicht wirklich. Bald aber spürte ich, dass es nicht reichte, so oberflächlich und scheinbar zufrieden mit dieser Welt, wie sie sich mir anbot, Menschen ins Sterben zu begleiten.

Es begann für mich eine Zeit des Suchens. Das war anfänglich recht schwierig, denn während dieser Zeit suchte ich am falschen Ort: außen statt innen. Ich las unzählige Bücher zum Thema Sterben, fand darin aber die Antwort nicht, nach der ich mich sehnte und hungerte.

Es war meine Rettung, dass für mich die ersten paar Nachteinsätze in der Klinik sehr herausfordernd waren, denn dadurch wurde mir klar, dass ich an mir zu arbeiten hatte.

Beat S., 84

Beim ersten Einsatz kam ich zu einem betagten Mann, der tief im Sterben lag. Seine Arme und Beine waren mangelnder Durchblutung bereits schwarz. Sein Hörgerät lag auf dem Nachttisch. Er trug eine Brille mit schweren Gläsern. Unbeweglich lag er im Bett, als wäre er schon verstorben.

Die Nachtpflegefachfrau sagte mir:

„Hören tut er nichts. Eine Kommunikation wird nicht möglich sein.“

So kam ich damals mit viel Unsicherheit an Beat’s Bett. Er öffnete für einen kurzen Augenblick seine müden Augen. Ich nickte ihm wortlos zu und setzte mich nahe an sein Bett.

Vom Sterben hatte ich damals keine grosse Ahnung. Wir wurden wohl im Vorbereitungskurs zum Sterben hingeführt, aber niemals so, wie ich nach all diesen Begleitungen meine, es müsste geschehen.

Aus dem „Tibetanischen Buch vom Leben und Sterben“ von Sogyl Rimpoche wusste ich, dass das Ohr lange über den Tod hinaus Worte aufnehmen kann. Also sagte ich diesem sterbenden Mann, dass wir nun zusammen versuchen wollen, sein Leben Gott zurückzugeben mit allem, was in seiner langen irdischen Zeit geschehen war, und dass ich die ganze Nacht bei ihm bleiben werde, falls er das wünschte. Nur leise sagte ich das, um zu beobachten, ob Beat trotz seiner Schwerhörigkeit verstand.

Zu meinem großen Erstaunen reagierte Beat. Er nickte mir jedes Mal zu. Ich gab mit wenigen Worten sein Leben dem Schöpfer zurück und bat ihn, so gut es ihm möglich sei, das nachzuvollziehen. Wieder nickte Beat. Nur flüsternd sprach ich diese paar Sätze, nur für ihn und für mich. Ein Gebet aber war es nicht.

Es war eine warme und innige Atmosphäre damals beim Beat, aber ich wagte nicht, mit ihm zu beten. Meine Unbeholfenheit war groß, denn ich war damals im Gebet viel zu wenig verwurzelt, als dass ich mit einem Sterbenden hätte beten können. Zudem war ich berührt zu merken, dass dieser Patient trotz seiner Schwerhörigkeit mein leises Sprechen verstand.

Gegen 04.00 Uhr morgens hauchte Beat sein irdisches Leben aus. Sanft verliess er diese Welt. Ein letztes Mal öffnete er seine schweren Augenlider, als möchte er sich verabschieden. Dann löschte sein irdisches Dasein aus.

Eine unbeschreibliche Atmosphäre war im Zimmer. Am ehesten kann ich sie vergleichen mit der Herzenswärme. Das ganze Zimmer war erfüllt davon. Lange saß ich beim Beat, ohne die Pflegefachfrau zu rufen. Dieser heilige Augenblick war für uns beide ein Geschenk.

Ein tiefes Glücksgefühl überkam mich in dieser Nacht, welches ich so vorher nicht kannte. Beat nahm mich offensichtlich ein Stück weit mit in sein Hineinsterben.

Als seine betagte Frau das sanfte Hineinsterben vernahm, war sie erleichtert. Nach einigen Wochen suchte ich sie in ihrer einfachen Wohnung auf. Vor ihr lag das Kirchengesangbuch. Sie fragte mich:

„Wie kann ich jetzt für meinen Mann beten? Er hat doch jetzt für sein Leben geradezustehen. Sind es die Psalmen, die ihm jetzt weiterhelfen?“

Eine wahre Sterbebegleiterin ist sie also gewesen!

Erst viel später wurde mir bewusst, dass dieser sterbende Beat S. und seine betagte Frau mir damals zeigten, in welche Richtung ich weiter zu suchen hatte.

Frau S. hat mich auf den wohl markantesten Unterschied zu landesüblicher Sterbebegleitung hingewiesen: Ist nämlich in einem Spital der Patient tot, also kein Patient mehr, sondern tot, dann ist es geschafft, die Arbeit ist getan.

Sie ist nicht restlos getan, jedenfalls für mich nicht, wie ich später lernen durfte. Diejenigen, die uns Kompetentes über die Verstorbenen zu sagen haben, lehren, dass, wenn Sterbende diese Welt verlassen, sie aus dem Bereich des eigenen Willens heraus sind und sich nicht mehr selbst helfen können.

Einstweilen war das für mich Theorie. Damals wusste ich nicht, was das für mich als Begleiterin in der Praxis hieß oder heißen konnte. Ich hatte es unterlassen, diesen Mann über längere Zeit in der Stille meines Herzens zu begleiten. Erst viel später merkte ich, dass Verstorbene unser liebendes Beten brauchen und es wohl auch zu meiner Aufgabe gehörte.

Niklaus K., 61

Nach vielen anderen Nachteinsätzen, ein gutes Jahr später, wurde ich wachgerüttelt. Da lag Niklaus mittleren Alters im Sterben. Er war gesprächig, aber unglaublich geschwächt. Eine innere Unruhe plagte ihn. In keiner Stellung war es ihm wohl. Ich schüttelte ihm das Kissen, legte ihm einen kühlen Waschlappen auf die Stirn, öffnete ein wenig das Fenster, genauso, wie wir es im Vorbereitungskurs gelernt wurden; aber sein ganzer Leib blieb ein einziges Feuer. Mit tieftrauriger Stimme sagte mir Niklaus:

„Ich weiß, es gäbe in meinem Leben einiges, bei dem ich mich zu versöhnen hätte, aber jetzt fehlt mir die Kraft dazu.“

Es berührte mich sehr, dass Niklaus mir dieses offene Geständnis machte. Weshalb mir? Doch ich wusste damals nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Immer wieder schlief er für zwei Minuten ein, um dann wieder erneut von seiner Unruhe gepackt zu sein. Er streckte mir seine Hand entgegen, als würde er einen Halt suchen. Damals meinte ich, meine Hand wäre ihm Hilfe genug, denn so ähnlich sind wir es gelehrt worden.

„Ich weiß, ich hätte mich zu versöhnen gehabt, aber jetzt fehlt mir die Kraft dazu“, hatte Niklaus aber gesagt.

Das also stand ihm im Weg, dass er die Kraft nicht mehr hatte. Hätte ich nach der Schuld gefragt, hätte er vielleicht zu sprechen gewagt. Mir, einer Unbekannten, hätte er vielleicht seine Schuld herausgesagt. Denn Versöhnung ist schwieriger zwischen den streitenden Parteien, da emotionale Verknüpfungen bestehen. Versöhnung geschieht sehr oft durch die Hilfe eines Dritten, wie wir später im Hineinsterben mit Marthas Vater sehen werden.

Verstrittene Vergangenheit dauert oft bis zum letzten Augenblick, und bis zum letzten Augenblick dauern oft auch die Schuldgefühle, die sich im Verlauf der Jahre angehäuft haben.

Heute weiß ich, dass ich Niklaus tatkräftig hätte helfen sollen, seine Schuld vor den Schöpfer zu tragen. Ich hätte mit ihm wenigstens das „Vaterunser“ beten können; langsam und mit ihm zusammen hätte ich doch erspüren sollen, was zwischen dem Schöpfer und seiner Seele im Wege stand, dass Versöhnung nicht geschehen konnte. Ich habe es nicht getan. Ich habe es unterlassen, weil ich selbst im Glauben viel zu wenig verwurzelt war. Gebete waren für mich damals erst gesprochene Worte, also noch nichts Gelebtes.

Selbstreflexion 1

„Ohne die Herzenswärme geht nichts“

Eines wurde mir klar:

Ich hatte meine Art des Begleitens selbst zu entdecken.

Nirgends habe ich damals in den Büchern gelesen, wie ich das zu tun hatte. Ich las über die verschiedenen Zustände, in denen Sterbende drin sein können – Phasen der Auflehnung und Phasen der Verzweiflung. Aber über die Liebesgeschichte zwischen dem Schöpfer und unserer Seele las ich nichts. Das hatte ich Schritt für Schritt selbst zu entdecken. Das musste erst in mir heranreifen wie ein Apfel, der durch die Wärme der Sonne über lange Zeit heranreift.

Es sind die Sterbenden, die durch viele Nächte hindurch meine Lehrmeister geworden sind. Sie haben mich in die Liebesschule geschickt, ohne dass sie darum gewusst hatten. Sie haben mich wortlos davor gewarnt, den Zeitpunkt meiner Umkehr auch nur einen Tag hinauszuschieben. Jetzt gilt es, richtig zu leben, und jetzt gilt es, verantwortungsvoll das mir anvertraute und geschenkte Leben in die richtige Ausrichtung zu bringen.

Leben und Sterben sind eng miteinander verbunden und verwoben. Nur wenn ich lerne, die Liebe unseres Schöpfers schrittweise aufzunehmen und mich bemühe, sie mehr und mehr zu beantworten, kann ich Ihm einmal in Freude entgegensterben. Exakt dies haben mich die vielen Sterbenden gelehrt, ohne dass sie es wussten.

Denn verweigere ich diese göttliche Liebe und will ich mich von ihr nicht anrühren lassen, verschließe mich also, weil ich alles aus meinem Eigenwillen heraus meine zu wissen und zu können, dann, ja dann kann es sehr wohl im Sterben schwierig werden. Viele Patienten haben mir das vorgelebt.

Ohne die Herzenswärme geht also nichts.

Kann es doch sein, dass unser sterbender Freund oder unsere Nachbarin schulmeisterliche Eltern gehabt und bloß einfältige Sexualität erlebt haben; und es ist jetzt ganz am Schluss, dass sie durch uns das andere erleben: Wir legen ihnen ein feuchtes Tüchlein auf die Stirn und zupfen ihnen das Kopfkissen zurecht. Wir machen ihnen das so, dass es nicht mehr nur um das Tüchlein und das Kissen geht, nicht mehr um Vorhänge zu oder Vorhänge auf, nicht mehr um die Blumen auf dem Tisch und Carmelas Apfelstücke, worüber Sie später hören werden, sondern es ist jetzt liebevoll und zärtlich. Das ist jetzt unsere Mitteilung:

die Herzenswärme und die Zartheit.

Etwas völlig Neues, für diese Schwerkranken womöglich kaum je Gehabtes. Und diese neue Zartheit macht den Sterbenden die Herzenstüre auf!

Sehen Sie, ganz merkwürdig ist das, wie menschliche Zärtlichkeit der göttlichen Hilfe Zutritt verschafft. Es ist eine Vermittlerrolle, die wir da übernehmen, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Es ist jetzt anders geworden im Krankenzimmer.

Es ist, wie es ein Leben lang vielleicht nie war für den Sterbenden. Und dafür sind wir da am Bett eines schwerkranken Menschen. Gerade wir Frauen können das.

„Neuwerden“ heißt es in der hl. Schrift; eine Situation also gänzlich umdeuten mittels kleiner Gesten.

Wir werden später hören, wie die pflegebedürftige Carmela Faktisches gefordert und sich dabei aber nach Zuwendung gesehnt hat; und wie sie von all den weltlichen Tätigkeiten immer mehr gefordert hat, gleichzeitig aber von den Pflegenden immer weniger Zuwendung bekommen hat. Denn ihre Pflegerinnen damals haben draußen auf dem Korridor des Heimes getuschelt und zueinander gesagt:

„Die Frau Carmela ist wieder schrecklich, sie ist nicht zum Aushalten heute!“ Und dann sagen sie zu mir, wenn ich abends um 19.00 Uhr komme: „Wenn Sie da gewesen sind, ist sie danach ganz anders; wie machen Sie das bloß?“

Diese Pflegefachfrauen wussten von diesem „Geheimnis“ nichts, noch nichts. Sie gaben weltlich ihr Bestes, doch dass es darüber hinaus mehr braucht, das war ihnen – wie mir anfänglich auch - verschlossen. Wir müssen zuerst davon selbst angerührt werden. Nur so kann uns nach und nach aufgehen, dass es darüber hinaus noch was anderes gibt. Das ist ein langer, oft auch steiniger Weg, aber es lohnt sich, ihn zu entdecken und zu gehen!

Beatrix, 18

Beatrix war eine junge Frau von der Gasse. Sie lag eines Nachts im Sterben. Gepackt von einer inneren Unruhe, war sie die ganze Nacht wach. Ein bisschen skeptisch war sie schon, als sie mich sah. Vermutlich erinnerte ich sie an ihre Mutter. Ich stellte meinen Stuhl so hin, dass reichlich Platz war zwischen ihr und mir. Ich wartete auf ein Zeichen.

„Ach, ich kann nicht schlafen, mir tut alles weh“, klagte Beatrix nach einer Weile.

Ihr Leib war gezeichnet von der Magersucht, ihre dünnen Arme zerstochen, Zeichen von der Gasse. Verzweifelte junge Frau. Achtzehn Jahre erst.

Wir begannen miteinander zu reden. Beatrix wurde immer wacher, ihre Leibschmerzen standen nicht mehr im Vordergrund. Vordergründig war nun ihr missratenes Leben, das vor Jahren unwiderruflich auf eine schiefe Bahn geraten war.

Beatrix erzählte von der Lieblosigkeit zu Hause und von den jungen Leuten, bei denen sie sich angenommen wusste, Drogenleute.

„Besser diese geschwächte Gruppe als mauseallein“, sagte sie.

Sie tat mir leid, diese junge Frau, furchtbar leid. Ihr Leben ging in schnellen Schritten dem Ende entgegen. Ich sah ihr das an. Sie wusste es von sich selbst. Sie wusste auch, dass ich es wusste. Es war etwas in dem Zimmer, das hieß: Bald wird mein irdisches Leben zu Ende sein!

Wenn wir Sterbende begleiten, werden wir erleben, wie sich jemand des unmittelbar bevorstehenden Todes bewusst ist, auch wenn die Besucher oft unüberlegt sagen: „Morgen geht es dir sicher wieder besser!“ Dumme Sprüche sind das, die den leidenden Menschen oft tief verletzen.

Noch blieb uns eine ganze, lange Nacht. Zwei fast leblose Augen, die um Hilfe schrien, schauten mich stundenlang an. In diesen Augen war eine abgrundtiefe Einsamkeit sichtbar, die mich sehr nachdenklich stimmte.

Gegen Morgen setzte sich Beatrix an den Bettrand, senkte ihren Kopf und sagte:

„Hätte ich das alles gewusst, was wir jetzt miteinander gesprochen haben, wäre mein Leben nicht so verschissen herausgekommen!“

Ich wusste damals schon, dass wahre Reue und Umkehr bis zum letzten Atemzug möglich sind. Ich meine das nicht als ein Müssen oder Sollen: „Du sollst bereuen!“ Ich meine etwas anderes. Ich habe erlebt, wie Friede kam kurz vor dem Tod, vollständiger, endgültiger Friede. Es geht in allem und jedem um die Anwesenheit Gottes hier bei uns; und dieser wahre Friede ist die Form Seiner Anwesenheit.

Sie sollen eines wissen: Der Friede, dieser gelöste Friede, der eine Seligkeit ist, welche nichts Altes, Verkrümmtes mehr stehen lässt, ist nur durch Gottes Anwesenheit unter uns landläufigen Menschen möglich.

Habe ich’s doch gewusst, dass Reue und Umkehr bis zum letzten Atemzug möglich sind. Aber diese junge Beatrix wollte nicht. Sie hätte noch die Kraft gehabt. Aber sie wollte nicht. Ihre Enttäuschung vom Leben war zu groß. In aller Verzweiflung legte sie sich zurück aufs Bett, wendete sich ab und zog sich wie ein Embryo zusammen. Zusammengekauert und apathisch lag sie da, als wäre sie schon verstorben.

Unzählige Male versuchte ich in dieser langen Nacht, diese junge Frau aus ihrem Eingesperrt-sein herauszulocken, denn sie war wach. Aber es gelang mir nicht. Beatrix wollte nicht. Sie blieb in ihrer Verweigerung und schloss sich darin ein. Fünf Stunden später war sie tot.

Es ist für mich wohl die schwierigste Nacht in diesen zweiundzwanzig Jahren gewesen.

Damals, in jener Nacht, ist mir gezeigt worden, dass die Herzenswärme der Schlüssel zum Leben und Sterben ist. Und dass die Herzenswärme also auch der Schlüssel zu Ihrem und meinem Leben ist.

Wir wissen das alle schon längst. Die Frage ist doch: Trifft es auch unser Herz, so dass wir es leben?

Stefan B., 78

Es war vor langer Zeit, da wurde ich zu Stefan B. gerufen. Leidend lag er da, nackt, der Leib verstellt mit einer kindskopfgroßen Geschwulst, nur in Windeln gewickelt, ganz armselig. Der Anblick war traurig und auch unschön.

Stefan sprach kein Wort. Konnte er nicht mehr, oder wollte er nicht? Sprach ich ihn an, gab er mir kein Zeichen. Wie nur konnte ich herausfinden, was er brauchte? Sein Gesicht war sterbend. Grau und fahl mit einer spitzigen Nase. Sein Atem äusserst mühsam.

Die Pflegerin hatte keine Ahnung, ob er ein gläubiger Mann war. Auf seiner Karteikarte sei nichts erwähnt, meinte sie teilnahmslos. Mich trifft solches immer wieder, ist doch das Religiöse das Fundament eines jeden Lebens. Wie will einer ein gutes Leben haben ohne Rückbindung zum Schöpfer? Wie will sich ein leitender Berufsmann oder eine Berufsfrau, bestens ausgebildet, ein Leben lang um Menschen kümmern, wenn ihnen diese Ebene verschlossen ist?

Solche und viele ähnliche Fragen gingen mir am Anfang dieser Nacht durch den Kopf. Ich wurde hilflos, innerlich sogar leicht aufgebracht. Sollen sie doch alle leiden, dachte ich! Solch freche und ungehaltene Gedanken stiegen mir auf, und ich schämte mich tief.

Sachte deckte ich Stefan mit dem Leintuch zu, mehr weil ich diesen nackten sterbenden Anblick nicht aushielt. Aber er strampelte das Leintuch augenblicklich wieder weg. Solches Verhalten traf ich immer wieder an; oft leidet nämlich der Leib so entsetzlich, dass sogar das sanfte Berühren eines Leintuchs brennenden Schmerz auf der Haut auslösen kann. Ich setzte mich am Fußende des Bettes auf einem Stuhl.

Also wird Stefan nun die ganze Nacht durch nackt und in Windeln eingepackt vor mir liegen? Selbst nach vielen Wachenächten war es für mich nicht einfach, diesen Anblick stundenlang auszuhalten. Dann die Geschwulst am Kopf.

Wir schwiegen beide ein bisschen in die Nacht hinein. Es ist schwierig, in solchen Situationen nicht müde zu werden und sich nicht ablenken zu lassen von tausend Dingen.

Gegen Mitternacht nahm ich den „Akathistos“-Hymnus aus meinem Korb hervor. Er gehört zu jenen Kleinigkeiten, die mich stets begleiten, wenn ich in eine Sterbe-Nacht gehe. Vierundzwanzig Strophen sind’s, ein Loblied auf die Muttergottes und auf Christus. Über Jahrhunderte wurde er in den östlichen Klöstern gesungen. Neunzehn Strophen hatte ich zu Hause gelassen, fünf aber waren da. Ich begann zaghaft und leise zu summen und beobachtete Stefans Gesicht. Sein Atem wurde ruhiger, sanfter.

Als ich nach einer Weile diesen Hymnus leise mit Worten sang, stellte ich fest, dass sich der leidende Leib von Stefan entspannte. Alles an ihm wurde weicher. Ich sang und sang, eine Stunde, zwei Stunden lang und mehr. Nach und nach wandelte sich sein Klinikzimmer in eine Kapelle, erfüllt vom Geiste Christi und Mariens.

Da, plötzlich füllten sich seine sterbenden Augen mit Wasser. Eine Träne rann ihm über die Schläfe aufs Kissen. Eine zweite folgte, und daraus gab’s einen ganzen Bach.

Sachte ging ich an sein Bett. Wortlos trocknete ich Stefan sein Gesicht. Er, der stumm schien, begann zu reden:

„Singen Sie weiter, das ist so schön! Das ist genau, was ich nun brauche.“

Und also sang ich so lange wie mich meine Stimme trug, immer wieder Strophe eins bis fünf; und was in mir geschah, überraschte mich: Ich hielt den nackten, leidenden Leib von Stefan mühelos aus. Keine Abscheu mehr und keinen Widerstand, obwohl die Krankheit ihn ganz verstellte.

Wochen darauf traf ich eine Sitzwach-Kollegin einer anderen Gruppe. Jung und dynamisch war sie. Sie erzählte mir von der Nacht darauf, wie Stefan einsam und traurig gestorben war.

Ob sie mit ihm auch gebetet oder ihm gesungen habe, fragte ich scheu.

„Ah nein, solches tue ich nie“, gab sie spontan und eher unbeteiligt zur Antwort. „Ich nehme immer Kreuzworträtsel mit, damit ich nicht einschlafe.“

Mich erschütterte ihre Reaktion. Es versetzte mir einen Stich. Diese Sitzwachkollegin hatte keine Ahnung, was ich mit Stefan nachts zuvor erlebt hatte.

Anton S., 92

Die Pflegerin, die Nachtdienst hat, meint, Herr S. sei sehr verwirrt und stets nachtaktiv. Sie wüsste bald nicht mehr, was mit ihm machen, so mühsam sei er; wegen einer Lungenentzündung sei er hier, er verhalte sich aber unmöglich, nichts könne man ihm recht machen. Unruhig liege er da, schlafe nachts nicht und döse den ganzen Tag vor sich hin.

Ich versuche, mich im kühlwirkenden Zimmer zu installieren, bete wie so oft als Einstieg in die Nacht ganz im Stillen den Barmherzigkeits-Rosenkranz der Sr. Faustina Kowalska aus Polen (1905–1938; im Jahr 2000 heiliggesprochen). Sie ist meine treue Begleiterin in den Sterbenächten. Ich glaube, sie lässt mich mit dem leidenden Menschen nie allein.

Er ist nicht gesprächig, der Herr S., er mag gar nicht, und in seiner Haut ist es ihm nicht wohl. Ich habe keine Ahnung, was ihn bedrückt. Sicher ist es nicht allein die Lungenentzündung.

Leise singe ich den „Introitus“ der klösterlichen Stundengebete, mal deutsch, dann wieder lateinisch. Herr S. reagiert nicht, wehrt aber auch nicht ab. Es ist ihm einerlei, ob ich etwas mit ihm tue oder ob ich mich zurückziehe. So oder so ist er enttäuscht vom Leben, sein Zustand ist wie die letzte Glut eines Feuers, die am Auslöschen ist.



Nicht immer gelingt es, die Ursache des Traurig-Seins eines Patienten herauszufinden. Manchmal wird es einem geschenkt, manches Mal eben nicht. Geht es, so ist es Sein Werk – geht es nicht, so hat man sich in Geduld und Demut zu üben.

Also, ich habe Zeit.

Es ist für mich immer dieselbe Frage: Wie kann ich zwischen Himmel und Erde Brücke sein, damit der Schwerkranke seine Seele für Gott öffnen mag?

In diesen vielen Nächten habe ich nämlich unzählige Male erlebt, dass die Patienten nicht mehr deprimiert waren, wenn sie es zuliessen, dass sich ihre Seele für Gott öffnen konnte.

Also bestürme ich die Sr. Faustina und die Muttergottes in der Stille meines Herzens, uns beiden jetzt beizustehen.

Gegen halb zwölf frage ich Herrn S.:

„Möchten Sie, dass wir miteinander beten?“

Ich weiß nicht eigentlich, warum ich in letzter Zeit so direkt frage. Er schaut mich mit seinen Schlitzaugen an und sagt:

„Wir können ja – vielleicht schadet es nichts!“

Herr S. setzt sich auf den Bettrand, eine mollige jahrzehntealte Strickjacke trägt er. Seine dick geschwollenen Füße berühren den Boden nicht. Seine Beine sind zu kurz. Da ich um 22.00 Uhr, als ich eintraf, nur Negatives von der Pflegerin vernahm, habe ich mich nahe vor Herrn S. hingesetzt, um ihn notfalls, wenn er vornüberkippen würde, auffangen zu können.

„Tagsüber müssen wir ihn anbinden, so unruhig und verwirrt ist er“, hat mir nämlich die Pflegefachfrau etwas spitz gesagt.

Ich beginne mit dem „Vaterunser“.

Er: „Das kann ich schon. Ich möchte das Glaubensbekenntnis beten, das kann ich nicht mehr.“

Also beginne ich damit; sehr langsam und sehr gesammelt versuche ich das zu tun, im Wissen, dass es nur gelingt, wenn das Einwirken des Himmels mit dabei ist und ich all meine Wünsche beiseitelasse. Herr S. spricht Wort für Wort nach. Er will dieses Gebet lernen. Man muss sich das vorstellen: Wie in der Schule will er in seinem hohen Alter etwas auswendig lernen. Er gibt nicht nach. Und sobald er beim Wiederholen stolpert, beginnt er wieder von vorne.

Plötzlich beginnt Herr S. zu schluchzen. Es schüttelt ihn. Ich halte ihn an den Knien und sage kein Wort. Tiefe Tränen kommen da, ein Schluchzen mit 92 und nicht etwa bloß ein leises Weinen.

Nach einiger Zeit frage ich:

„Was bedeuten Ihre tiefen Tränen? Möchten Sie darüber sprechen?“

Natürlich ist das eine dumme Frage, denn ich habe schon geahnt, warum er so tief weinte, ging es doch dem Ende entgegen, wo alles auf den Tisch kommt: Das gelebte und das verpasste Leben.

Und also erzählt Herr S.:

„Als ich jung war, meinte ich, eine Berufung für einen Einsatz in der Drittwelt zu spüren. Ich komme aus einem tiefgläubigen Elternhaus. Dann aber stand ich vor der Wahl, meine jetzige Frau zu heiraten oder für einen Einsatz nach Afrika zu gehen. Nach langem Abwägen entschied ich mich zu heiraten. Ich weiß nicht, ob ich damals einen Fehler machte.

In den ersten Jahren wohnten wir in Zürich. Ich war Schneider und bekam in einer Fabrik einen Sitzplatz, was damals nicht selbstverständlich war. Für diesen Sitzplatz an der Nähmaschine hatte ich Fr. 1.50 pro Tag zu bezahlen. Ich arbeitete von 06.00–22.00 Uhr und machte in dieser Zeit zwei Sportjacken. Ich verdiente täglich Fr. 10.– minus 1.50 für den Sitzplatz. Das war eine harte Arbeit. Aber es blieb mir nichts anderes übrig.

In den Anfängen gingen wir zusammen in die Exerzitien und sonntags zur Messe. Meine Frau kam mit, zwar etwas widerwillig, aber sie kam mit. Nach wenigen Jahren schon kamen ihr die Widerstände, und sie blieb zu Hause. Ich ging allein. Aber nicht mehr sehr lange. Bald gab ich alles auf, dem Frieden zuliebe. Ich mochte ihre Bemerkungen nicht mehr hören, obwohl ich gerne weiter zur Kirche gegangen wäre.

… und jetzt, wo Sie mit mir das ‚Glaubensbekenntnis‘ beten, merke ich, wie schäbig es von mir war, dass ich kaum je mehr gebetet habe. Jetzt, wo ich am Ende meines irdischen Lebens bin, merke ich, dass ich zu viel mehr fähig gewesen wäre, da ich von meinen Eltern das rechte Vorleben hatte. Mir wird jetzt bewusst: Ich habe den Herrgott richtig im Stich gelassen.“

Herr S. sitzt noch immer auf dem Bettrand, gar nicht mehr aussehend wie ein 92-jähriger Sterbender. Sein Sprechen ist sehr deutlich und ausgewählt, auch seine Überlegungen sind haarscharf und kein bisschen verlangsamt. Ich denke zurück, als mir die Pflegefachfrau sagte, er sei verwirrt …

Weiter erzählt er:

„Ich zog dann mit der Familie in eine andere Stadt und bekam in einer Großschneiderei eine Anstellung und verdiente sehr gut. Da wir sehr einfach lebten, konnte ich viel sparen und kaufte dann ein eigenes Familienhaus.

Und jetzt sind wir im Altersheim. Meine Frau ist auch 92. Sie hat sehr abgebaut, ist auf dem Weg des Vergessens, seit ich in der Klinik bin. Das war ihr zu viel.“

Auf dem Nachttisch von Herrn S. liegt eine Schachtel mit Kirschstängeln. Er sucht einige für mich heraus und steckt ein paar selbst in seinen Mund. Er sagt:

„Können wir einander du sagen? Ich bin Anton! Können wir jetzt nochmals zusammen das ‚Glaubensbekenntnis‘ beten? Danach werde ich schlafen.“

Es ist inzwischen 05.00 Uhr. Anton legt sich zufrieden und dankbar hin und sagt erleichtert:

„Ich habe jetzt mit dir richtig sprechen können und habe dir Dinge aus meinem Leben anvertraut, die ich bis heute keinem Menschen gesagt habe. Das tut mir richtig gut.“

Wenn ich beschreiben müsste, was der Friede des Herrn ist, würde ich sagen, das, was ich mit Anton in dieser einen Nacht erlebt habe. Es war eine Lebensbeichte, die Anton direkt in Gottes Hände ablegte.

Edi, 27

Ein junger heroinsüchtiger Mann, Edi, ist wegen Lungenentzündung im Spital. Er ist gezeichnet von der Sucht.

Wohl hat er immer wieder auf der Gasse gelebt. Jetzt liegt er da im frisch angezogenen Klinikbett, wo er sich nicht daheim fühlt. Edi liegt kraftlos da, aber nicht nur kraftlos im Körper, nein, auch seine Seele scheint auf dem tiefsten Punkt zu sein.

Edi schaut mich an. Nicht skeptisch, aber doch ein wenig kritisch und sehr unsicher. Ich setze mich an sein Bett und gebe ihm zu erkennen, dass mir der Stress der süchtigen Menschen ein Stück weit bekannt ist aus früherer Zeit, wo ich Praktika machte in der Gassenküche, der Notschlafstelle und dem Fixerraum. So wurde das Eis zwischen uns beiden rasch gebrochen.

Darauf berichtet Edi:

„Ja, ich habe immer wieder auf der Gasse gelebt. Man wollte mir verschiedentlich helfen, doch ich meinte, es besser zu wissen.

Angefangen hat es, als mir ein Kollege anbot, mir einen Schuss in den Arm zu machen. Da es mir damals sehr schlecht ging, – ich war noch ein Schuljunge – brauchte es wenig, und ich sagte zu. In dem Moment war mir nicht klar, was mit mir geschehen war. Ich war für kurze Zeit in einer anderen Welt, wo ich meine Sorgen vergessen konnte.

Als ich wieder auf den Boden der Realität zurückkam, war mein Elend noch größer. Schnell merkte ich, dass durch diesen ersten Schuss in mir der Wunsch nach Wiederholung angerührt wurde. Und da begann der Stress: nicht zu wissen, wie man zu Stoff kommt, wie das dazu nötige Geld zu beschaffen ist und obendrein in mieser Gesellschaft zu sein, wo die Leute nicht mehr zu sich schauen konnten.

Schon nach wenigen Tagen hatte ich mein Leben nicht mehr in der Hand. Ich wurde noch labiler, als ich ohnehin schon war.“

Ich frage Edi:

„Warum waren Sie so entkräftet, dass Sie sich zum ersten Schuss überreden ließen?“

„Meine Mutter starb damals. Obwohl ich kein gutes Verhältnis zu ihr hatte, liebte ich sie doch. Und als sie starb, war mir der Boden unter den Füßen weg. Ich hatte niemanden mehr, bei dem ich ein und aus konnte. Meine Mutter hielt zu mir, auch wenn sie mich mit ihren Ratschlägen oft nervte. Ich wusste, sie würde mir die Tür immer öffnen, selbst wenn ich ganz verladen war.

Aber jetzt, jetzt ist alles anders. Ich habe zwei Brüder, aber die gehen mir wo immer möglich aus dem Weg. Die schämen sich meiner. Mit ihnen kann ich nicht reden, sie wenden sich augenblicklich von mir ab. Mit meinem Vater habe ich keinen Kontakt. Er ging von der Mutter weg, weil er eine Freundin hatte. Ich weiß nicht, was ein Vater ist.

Und so wird man älter, entkräftet sich stets mehr und kommt durchs Heroin vom wirklichen Leben immer weiter weg. Ich habe die Kraft längst nicht mehr, von dieser Sucht wegzukommen. Dazu bräuchte ich einen Willen, den habe ich nie gehabt. Durch die Sucht wird einem das bisschen, was man noch hat, genommen.

Verschiedentlich wollte man mir Methadon geben. Aber das ging bei mir nicht, denn die Sucht besteht auch aus dem Beschaffen des Geldes. Das klingt abstrus, doch das ist so.“

Lange und vieles hat Edi in dieser Nacht aus seinem traurigen kleinen Leben erzählt. Seine Worte waren nicht klar artikuliert, sein Herz tief betrübt. Es ist für mich nicht einfach, bei solchen Menschen zu wachen. Ihre Lebenssituationen brechen mir fast das Herz.

Gegen Morgen schläft Edi ein. Ein trostloser Scherbenhaufen liegt da. Was nun? Der junge Pfleger aus Kroatien hat Nachtwache. Kaum ist Edi eingeschlafen, kommt er ins Zimmer. Wir sprechen lange über Edis Situation:

„Weißt du“, meint der junge Pfleger, „wir können jetzt schon alles tun, damit Edi es gut hat bei uns und wieder ein wenig Vertrauen gewinnt. Aber wir machen die Erfahrung, dass süchtige Menschen plötzlich ihr Klinikzimmer verlassen und in die Stadt zurückkehren, natürlich längst, bevor sie vom Infekt in der Lunge auch nur annähernd geheilt sind. Und wir Pflegende? Wir bleiben zurück, ohne unsere Aufgabe zu Ende geführt zu haben.“

Der Pfleger geht wieder zurück zu seiner Arbeit und schließt die Tür. Es ist halb vier in der Nacht. Mit all meiner kleinen Kraft und Herzenswärme, über die ich um diese Zeit noch verfüge, schreie ich in meinem Innern zum Himmel. Ich bin hilflos und erschüttert. Was ich kann, ist stellvertretend für Edi zu Gott zu schreien, in der Hoffnung, dass er eines Tages doch die so dringend nötige Hilfe annehmen kann, die ihm angeboten wird und die seiner Seele den Weg in ein anderes Leben ebnen könnte.

Das jedenfalls ist bei weitem nicht Leben. Edi wird möglicherweise eines Tages sterben, ohne je gelebt zu haben. Er ist leblos, bevor er sterben wird. Wie trostlos, so eine Situation! Tief-traurig kehre ich nach dieser Nacht nach Hause zurück.

Sebastian, 83

Man sagt mir, er sei sehr aggressiv. Er hatte vor zwei Tagen eine immense Darmoperation. Alles ist verkrebst. Es fehlt ihm die Kraft, damit auch nur einigermaßen gut umzugehen.

Es ist 22.00 Uhr, und wir sind einander gegenüber, er im Bett und ich auf dem Stuhl. Lange hält Sebastian meine Hand und atmet nur oberflächlich, kaum hörbar:

„Es ist gut, dass ich diese Nacht nicht allein bin. Ich kann nicht schlafen, und so sind die Nächte endlos. Nichts für mich. Ich mag nicht mehr. Mich überkommt dann eine Angst, dass ich kaum mehr atmen kann.“

Sebastian verlangt Sauerstoff. Ich muss mich sehr konzentrieren, um sein hauchleises Sprechen zu verstehen. Erstmals kann ich mit einer Pflegerin nicht per Du sein, es gelingt mir einfach nicht. Sie ist so abweisend und gestresst.

Sebastian ist unleidig, seine Nerven liegen blank:

„Schauen Sie meinen Bauch an, alles ist kaputt. Jetzt habe ich einen künstlichen Darmausgang und in der Blase einen Katheter. Es brennt mich, und ich komme nicht zur Ruhe. Nicht nur wegen dieser Schmerzen, auch mein ganzes Leben verlief schwierig.“

Sebastian spricht verzweifelt weiter:

„Muss ich denn so mein irdisches Leben beenden? Ist das richtig, habe ich das verdient?“

Einstweilen spreche ich kein Wort. Ich höre Sebastian nur zu und beobachte während seines Klagens seine gebrechliche Gestik. Verzweifelt lässt er seine Arme auf die Bettdecke fallen. Ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit. Er möchte sich drehen, aber die Kraft dazu reicht nicht. An seinem Infusionsständer hängen sechs Flaschen, u.a. wird er künstlich ernährt.

Ich setze mich auf die Seite, wo seine Nachttischlampe brennt, denn irgendeinmal will ich den „Akathistos“-Hymnus singen, und dazu brauch ich Licht. Ich muss den Text einstweilen noch ablesen können.

„Kommen Sie auf die andere Seite“, sagt Sebastian, „ich möchte Sie sehen. Ich bin sonst so allein, und dann bricht wieder die Panik aus.“

Ob seine Aggressionen aus der Panik des Alleinseins kommen? Jedenfalls bin ich hellhörig darauf. Ich wage ihm nicht zu nahe zu kommen, denn bei aggressiven Patienten habe ich verschiedentlich gefährliche Situationen des Dreinschlagens erlebt. Schwerkranke Menschen können in ihrem Sterben eine unheimliche und unkontrollierte Kraft entwickeln.

Er streckt mir seine Hand entgegen:

„Halten Sie mich einen Augenblick, ich habe keine Orientierung mehr. Ich weiß nicht, wo mein Weg durchgeht.“

Nach fünf Minuten schläft Sebastian tief.

Ich stehe auf und betrachte das Zimmer. Ein wunderbarer Blumenstrauß steht auf dem Tisch. Keine Karte, keine Zeichnungen von Kindern. Das Zimmer wirkt kühl und reserviert. Kein Kreuz und kein Weihwassergefäss.

Die Nachtschwester kommt ins Zimmer. Jung und bodenständig ist sie. Sie macht nicht gerade leise. Natürlich wird Sebastian wach, und sein Stöhnen beginnt wieder von neuem. Nach getaner Arbeit, als sie das Zimmer wieder verlässt, ruft Sebastian ihr nach:

„Schwester, beten Sie für mich!“

Diese Gelegenheit benutze ich und frage, ob ich ihm ganz leise einen Hymnus singen solle, er sei eingeladen, sein Leben mit samt seiner Seele dem Herrn anzuvertrauen.

Etwas überrascht schaut er mich an:

„Ja, singen Sie, ich werde es dann versuchen.“

Zu Beginn des Singens ist meine Stimme immer etwas unsicher. Entweder singe ich zu hoch und finde dann die obersten Töne nicht, oder ich setze zu tief an. Es braucht jeweils ein wenig Zeit, bis es mir mühelos gelingt.

Während ich diesen Hymnus immer wieder von neuem singe, als wäre er endlos, bemerke ich, dass Sebastians Gesicht sich mehr und mehr entspannt. Er hört mit geschlossenen Augen zu. Ich meine, er würde längst schlafen. Aber dem ist nicht so. Als ich mein Singen beende, öffnet Sebastian seine Augen. Er kommt von weit her zurück und sagt:

„Wenn Sie wüssten, wie gut mir dieses Lied tut! So glücklich war ich schon lange nicht mehr.“

Er hat Tränen in den Augen, schüttelt den greisen, todmüden Kopf mit letzter Kraft und sagt vor sich hin:

„So schön also kann das Leben sein!“


Dann beginnt Sebastian weiter zu erzählen: „Ich habe meine Frau verloren, als unser zweites Kind siebenjährig war. Ich habe die beiden Kinder allein großgezogen. Es war viel, viel Arbeit. Kein Mensch weiß, warum meine Frau gestorben ist. Das bleibt ein Geheimnis.“

Es trifft mich jedes Mal neu, zu erleben, wie schwerkranke Menschen durch mein leises, so unprofessionelles Singen von geistlichen Liedern gewandelt werden. Da muss eine gewaltige Liebeskraft in solch uralten Hymnen sein! Das erstaunt nicht, denn sie sind über viele Jahrhunderte hindurch in den Klöstern von den Mönchen und Nonnen gesungen worden; die Steine der uralten Kirchen teilen uns das mit!

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