Kitabı oku: «Gemeinsame Zeit am Boden»
LUKAS UMBACH KATI WESTENDORF
Gemeinsame Zeit am Boden
Bodenarbeit ist mehr als nur Pferdeausbildung – Dialoge eröffnen und Vertrauen schaffen –

Haftungsausschluss
Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.
Copyright © 2019 by Crystal Verlag, Wentorf
Gestaltung und Satz: jb:design, Johanna Böhm, Dassendorf
Fotos: Janine Ulbrich
Lektorat: Almut Schmidt
Druck: Westermann, Zwickau
Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme
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Printed in Germany
ISBN 978-3-95847-022-4
eISBN 978-3-95847-722-3

In Erinnerung an Galaxy, die während der letzten Zeilen dieses Buches ihre letzte Reise angetreten hat.

Was Du in diesem Buch findest

Vorwort
Die verschiedenen Facetten der Bodenarbeit
Was fällt alles unter Bodenarbeit?
Welche unterschiedlichen Trainingsansätze gibt es?
Die eigene Intention formt die Art der Bodenarbeit
Positive Effekte für Pferd und Mensch
Wozu „arbeite“ ich eigentlich am Boden?
Wann „arbeite“ ich am Boden?
Verantwortung übernehmen – Grundausbildung in Bezug aufs Reiten
Exkurs: Muss jedes Pferd ein Reitpferd sein?

Gemeinsam am Boden in die gleiche Richtung
Beziehungs- und Vertrauensaufbau aus unserer Sicht
Entwicklung einer gemeinsamen Kommunikation
Entwicklung einer gemeinsamen Motivation
Das Selbstbewusstsein des Pferdes
Wie kann Bodenarbeit das Selbstbewusstsein des Pferdes stärken?
Welche Vorteile bringt das mit sich?
Exkurs: Selbstbewusster Mensch
Was macht uns Spaß?
Wie erkenne ich die individuelle Neigung meines Pferdes?
Wie fördere ich die Talente und Vorlieben?
Motivation als Schlüssel
Wer ist Lehrer und wer ist Schüler?
Die Beziehung unter die Lupe nehmen
Authentische Führungsqualität und Teamfähigkeit
Aufbau eigener Rituale
Wie könnten Rituale aussehen und wie etabliere ich sie in die gemeinsame Zeit?
Wozu sind gemeinsame Rituale gut?
Exkurs in die Pferdemassage
Massage als Zugangsweg
Massagetechniken
Massage in den Alltag und die Arbeit integrieren
Ein Wort zum Schluss

Vorwort
Mit diesem Buch laden wir dich ein, eine Brücke zu überqueren. Die Brücke, die wir mit dem Inhalt dieses Buches bauen möchten, führt zu einem unserer Herzensthemen: der Bodenarbeit mit all ihren Facetten und wie sie unser Zusammensein mit Pferden bereichert. Der von uns vermittelte Weg ist dabei weder besser noch richtiger als andere, sondern einfach an manchen Stellen etwas unkonventioneller, als du es womöglich bisher kanntest und gewohnt warst.

Kati und ihre Begleiter Toby und Gavião genießen die gemeinsame Zeit. Ihre Verbindung durfte über Jahre wachsen.
Wir erheben dabei auf keinen Fall einen Anspruch auf Vollständigkeit und hoffen darauf, in den nächsten Jahren noch viele weitere Lernerfahrungen machen zu dürfen, gemeinsam mit unseren eigenen Pferden und den Pferden an der Seite ihrer Menschen, denen wir Tag für Tag begegnen. Da wir hier über einige sehr persönliche, intime und tief gehende Themen schreiben, halten wir es für angemessen und zeitgemäß, dich als Leser mit „Du“ anzusprechen.
Wir laden dich also ein, mit uns in die Welt der Bodenarbeit einzutauchen und dieses Buch als Inspirationsquelle für dich zu nutzen, während wir dich zugleich bitten, jede Zeile, jede These und jeden Vorschlag kritisch zu hinterfragen und mit deiner persönlichen Wahrheit und deinem Weg abzugleichen. Denn Bodenarbeit in ihrer schönsten Form soll vor allem eines sein – authentisch.
Mit den hier vermittelten Inhalten möchten wir dir kein „System“ vermitteln, mit dem du im Sinne eines Kochrezepts ein fertiges Gericht zubereiten kannst. Vielmehr ist es unser Anliegen, dir ein paar neue Zutaten, Zubereitungsschritte und „Geheimtipps“ ans Herz zu legen, mit denen du deine „Küche“ zukünftig bereichern kannst. Du darfst, sollst und kannst alle Impulse in deine bisherige Bodenarbeit einfließen lassen, ohne zu vergessen, was dir bisher besonders gut geschmeckt hat.
Gern kannst du schon im Vorfeld Zettel und Stift zur Hand nehmen, um die Fragen zu beantworten, die dir in diesem Buch begegnen werden. Diese interaktive Leseerfahrung bietet dir die Möglichkeit, die besagte Brücke zu überqueren, neue Abzweigungen auf deinem bisherigen Weg einzuschlagen, vielleicht erneut umzudrehen oder sogar ganz neue Wege für dich zu entdecken, an die du zuvor noch nicht gedacht hast, weil du sie nicht gesehen hast. Vielleicht magst du gleich zu Beginn überlegen, welches innere Fragezeichen dich animiert hat, dieses Buch in die Hand zu nehmen? Was wünschst du dir für dich? Was wünschst du dir für dein Pferd?
Du bist vermutlich schon mittendrin in deinem persönlichen Prozess, weshalb wir dir an dieser Stelle nur noch danken möchten, dass wir dich in dieser Form dabei begleiten dürfen. Jeder Mensch hat mit seinem Pferd eine individuelle Vorgeschichte und somit auch individuelle Vorerfahrungen, die wir aus der Ferne nicht beurteilen können. Deshalb an dieser Stelle der Hinweis: Bitte beachte die Reaktionen (Gestik und Mimik) deines Pferdes während der gesamten Einheiten über. Kannst du schon erkennen, was ein bestimmter Gesichtsausdruck deines Pferdes bedeutet? Weißt du, wie es wann reagiert?
Von Herzen viel Freude an den folgenden Zeilen, mögest du Inspiration oder gar Antworten auf deine inneren Fragezeichen finden.
Lukas Umbach und Katrin Westendorf

Die verschiedenen Facetten der Bodenarbeit
Die Bodenarbeit, so wie wir sie verstehen und praktizieren, stellt ein unerschöpfliches und facettenreiches Feld für dich und dein Pferd dar. Um dir einen Überblick zu verschaffen, werden wir in diesem Kapitel auf die verschiedenen Bodenarbeitsweisen und Lernformen eingehen. Wir zeigen dir hier unsere Wahrheit und unseren Fokus, der natürlich nicht alle existierenden Möglichkeiten für dich und dein Pferd umfassen kann und einschließen möchte. Dennoch wirst du auf ein buntes und vielfältiges Potpourri an Inspirationen stoßen, das sicher an der ein oder anderen Stelle dazu führt, dass du Dinge hinterfragst, von einer anderen Seite betrachtest und dein Horizont sich dadurch weiter ausdehnt.
Letztlich kann man unserer Auffassung nach jede Form des Zusammenseins mit deinem Pferd am Boden unter den weitläufigen Begriff „Bodenarbeit“ fassen, unabhängig davon, wie geplant oder ungeplant, energiereich oder ruhig dieses Zusammensein auch gestaltet ist. Wir möchten bereits an dieser Stelle erwähnen, dass für uns sowohl der Vertrauensaufbau, die Beziehungspflege, die gymnastizierende Unterstützung und sämtliche losgelassenen Freudenmomente im Spiel zur Bodenarbeit gehören und einen wichtigen Raum darin einnehmen.

Masun und Lukas im freien Spiel, bei dem gerade Freude und wilde Energie im Vordergrund stehen.
Das absichtslose gemeinsame Sein in der Herde eröffnet einen tiefen Einblick in den Charakter der einzelnen Pferde.
Es geht uns also nicht um ein spezielles Konzept oder eine Lehre, die wir strikt verfolgen und im Rahmen dieses Buches vermitteln möchten, sondern darum, dich anzuregen und darin zu bestärken, dass du die Bodenarbeit für dein Pferd und dich ganz individuell gestaltest und dabei eure Talente, Träume und offenen Themen mit in diesen dynamischen Prozess einfließen lässt; ihr dürft kreativ werden. Bodenarbeit „funktioniert“ unserer Auffassung nach nicht nach einem Punkteplan, den man in einer strikten Reihenfolge abarbeitet – was aber nicht bedeutet, dass es keine aufeinander aufbauenden Übungen oder sinnvolle Reihenfolgen beim Erarbeiten von Übungen gibt. Wie gefällt dir das Bild eines großen Koffers voller verschiedener Möglichkeiten, aus dem dein Pferd und du nach Lust und Laune eine Auswahl trefft? Oder wie wäre es hiermit: Das Feld der Bodenarbeit kann für euch beide ein Regal voller verschiedenartiger Spiele sein; dein Pferd und du, ihr entscheidet gemeinsam, welches Spiel davon ihr wann und wie häufig aus dem Regal zieht. Ihr entscheidet im Umkehrschluss auch darüber, welches Spiel einfach nicht euer Ding ist, nachdem ihr es vielleicht probeweise mal gespielt und ihm eine Chance gegeben habt.
Unabhängig davon, wie wir die Zeit mit unserem Pferd gestalten, geht es uns allen doch um eine tiefe und aufrichtige Verbindung zu unserem vierbeinigen Freund, die in all ihren Farben weit über eine rein technische Ausführung von Lektionen hinausgeht. Deshalb ist Bodenarbeit für uns vor allem eins: individuell.
Wir laden dich mit diesem Buch in unsere Welt ein, die an manchen Stellen von Magie durchzogen scheint, da wir Körper, Geist und Seele von Pferd und Mensch in einer symbiotischen Verbundenheit sehen, aus der wundervolle Dinge entstehen können. Das Band der Freundschaft, unsere Intuition und die Demut gegenüber unseren Vierbeinern begleiten uns durch alle Ebenen dieser Verbundenheit und formen das kreative und erfüllende Zusammensein zwischen Pferd und Mensch.

Bodenarbeit stärkt das Vertrauen ineinander und erzeugt das Gefühl von Geborgenheit.

Erwartungsfrei gemeinsam Zeit verbringen wird leichter, wenn man es als Freundschaftspflege betrachtet und sich gegenseitig guttut.
Was fällt alles unter Bodenarbeit?
Bereits in der Einleitung dieses Kapitels haben wir durchklingen lassen, dass die Bodenarbeit beziehungsweise die gemeinsam am Boden verbrachte Zeit so individuell sein darf, wie du und dein Pferd es sind. Jetzt schreiben wir es noch einmal ganz deutlich, weil es uns ein wichtiges Anliegen ist: Eure Einzigartigkeit ist das Wunder, das ihr in die Welt bringt. Traut euch und seid es euch selbst wert, diese Individualität zu leben. Die Summe eures Seins – eure Stärken, Schwächen und Vorlieben – ist, gemeinsam mit eurer eigenen Geschichte, die größte „Superkraft“, die ihr je erfahren werdet. Ihr selbst bestimmt gemeinsam, was Bodenarbeit für euch ist.
Hast du zum jetzigen Zeitpunkt bereits eine Definition von Bodenarbeit für dich? Welche Bereiche umfasst sie deiner persönlichen Auffassung nach? Welche leben dein Pferd und du bereits aus und von welchen träumt ihr noch? Überschneiden sich eure Träume dabei? Wo genau liegt die Schnittmenge?
Nachdem du dir vielleicht die Zeit genommen hast, dir zu den gestellten Fragen einige Gedanken zu machen, möchten wir dir nun unsere Definition von Bodenarbeit vorstellen: Die Bodenarbeit umfasst den Kommunikationsaufbau sowie die Beziehungsentwicklung und -pflege, worauf wir im Verlauf des Buches noch genauer eingehen werden. Diese Aspekte stellen aus unserer Sicht die absolute Basis für alles Weitere dar. Unabhängig davon, wo euer Schwerpunkt zukünftig liegen wird, ob du von einem wilden Fangenspiel auf der Weide träumst, eine ausdrucksvolle und schwierige Lektion aus dem Bereich der klassischen Handarbeit anstrebst oder beides miteinander vereinen möchtest, die Beziehung zu deinem Pferd und das, was ihr voneinander haltet, sollte immer im Vordergrund stehen. Mit anderen Worten: Das „Wie“ ist immer wichtiger als das „Was“. Es ist aus unserer Sicht so viel wichtiger, den gemeinsamen Weg mit Freude und voller Spaß zu gehen, anstatt nur das Ziel zu sehen und die Art des Weges dabei zu vergessen oder ihr keine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Der Weg ist also das Ziel.
Zur Bodenarbeit zählt für uns jegliche Zeit mit dem Pferd, die der Mensch mit den Füßen auf dem Boden verbringt. So schließen wir gemütliche Spaziergänge genauso mit ein wie die gymnastizierende Bodenarbeit, das Longieren, das Fahren am Boden, Arbeit aus verschiedenen Führpositionen, die Ausbildung an der Doppellonge, das Erlernen von Tricks, die Zirzensik, die Freiarbeit und Arbeit mit Materialien wie etwa im Trail oder bei der Horse-Agility.
Wir möchten uns in diesem Buch dabei auf die Trainingsprinzipien fokussieren, die unseren Pferden und uns selbst in der Praxis wirklich Freude bereiten. Nur diese wollen und können wir mit dir teilen und dir von Herzen nahebringen, da wir auch nur diese authentisch vertreten können. Wie wichtig Authentizität im Zusammensein mit Pferden ist, wirst du zu einem späteren Zeitpunkt noch lesen. Gern darfst du auch für dich überprüfen, welche der oben genannten Facetten der Bodenarbeit sich für dich und dein Pferd authentisch und passend anfühlen.

Eine gemeinsame Dynamik kann nur entstehen, wenn Pferd und Mensch Raum bekommen, sich zu entfalten.

Pferdefreundliche Arbeit ist immer an der Psyche des jeweiligen Pferdes orientiert.
Nichtsdestotrotz möchten wir ein paar Zeilen dazu schreiben, woran man aus unserer Sicht pferdefreundliche Arbeit erkennen kann, und daraus ableiten, warum wir einige Trainingsmethoden aus unserem Repertoire ausklammern. Ein wenig mehr dazu findest du im nächsten Kapitel über die verschiedenen Methoden, wo wir das Ganze noch etwas genauer aufschlüsseln werden.
Pferdefreundliche Arbeit am Boden ist immer an der Psyche des jeweiligen Pferdes und seinen individuellen Neigungen orientiert. Pferde und Mensch kommunizieren dabei im Sinne eines Dialogs, wobei besonderer Wert auf den Austausch untereinander gelegt wird. Das Senden und Empfangen von Botschaften steht im Vordergrund, und dem Pferd wird die Möglichkeit gegeben, sein Innenleben zum Ausdruck zu bringen. Jede Äußerung des Pferdes dient uns Menschen als wertvoller Indikator für unser weiteres Handeln. Viel zu häufig geschieht genau dies in der Praxis nicht, und Pferde bekommen keinen Raum, eine eigene Meinung zu äußern.
Bodenarbeit sollte nie so ausgelegt sein, dass das Pferd unter massivem körperlichen Druck in eine Nachgiebigkeit gezwungen wird, damit das vom Menschen gewünschte Verhalten erreicht wird. Schöne Bodenarbeit ähnelt einem Tanz, mal einem ruhigen Walzer und mal einem energiegeladenen Tango, nie aber wirkt sie von außen betrachtet wie ein Ringkampf, bei dem das Prinzip von Gewinnen und Verlieren herrscht. Bodenarbeit impliziert für uns also immer die ganzheitliche Würdigung des Pferdes. Es ist für uns selbstverständlich, die körperlichen, mentalen und psychischen Grenzen eines jeden Pferdes zu wahren und dessen Meinung mit einzubeziehen.
Bevor wir im nächsten Abschnitt über die möglichen Trainingsmethoden sprechen, möchten wir uns in diesem Zusammenhang vorab die unterschiedlichen Zugangswege anschauen und sie beleuchten. Wie bereits angeschnitten, gehören für uns die Ebenen Körper, Geist und Seele als eine Art Gesamtkunstwerk zusammen. Der Zustand jeder einzelnen Ebene beeinflusst die jeweils anderen. Genau wie wir Menschen haben auch Pferde ihre Persönlichkeit, ihre individuellen Bedürfnisse und ihre eigene Geschichte. Ein Teil der Persönlichkeit liegt in der vorgeburtlichen Anlage, ein anderer Teil wurde im Verlauf des Lebens durch die Umwelt geprägt. Dementsprechend weisen die Tiere unterschiedliche Präferenzen auf, wie sie sich gern präsentieren und ihre Zeit mit dem Menschen verbringen. Darin liegt einer der Gründe, warum wir der Auffassung sind, dass ein starres System nicht von einem Pferd-Mensch-Paar auf ein anderes übertragbar ist, eben weil wir es mit lebendigen und einzigartigen Individuen zu tun haben. Diese Individualität wird vor allem durch den wertfreien Vergleich mit anderen Pferden und Menschen sichtbar. Unsere eigenen Pferde haben uns hierzu vieles gelehrt, denn jedes einzelne fragt nach einer anderen Form der Zuwendung und Aufmerksamkeit, jeweils passend zu seiner Individualität.

Gavião ist ein extrovertierter, körperlicher Typ, der sich gern präsentiert und dafür bejubelt werden möchte.
Manche Pferde sind physisch stark und freuen sich über energetische Spiele und andere körperliche Arbeit. Meist sind sie extrovertiert, geschickt und haben einen großen Bewegungsdrang. Körperlicher Kontakt ist für sie in den allermeisten Fällen angenehm. Sie mögen es, gekrault zu werden, und im Spiel mit anderen Pferden rangeln sie gern. Manchmal empfinden Menschen sie als distanzlos, da sie den Körperkontakt mögen und ihr Gegenüber auch dazu auffordern.
Es gibt aber auch Individuen, die sich lieber geistig betätigen und nicht so viel Aktion in der gemeinsamen Zeit möchten. Diese Pferde sind oft intelligent und bemühen sich besonders, gestellte Aufgaben zu lösen. Viele von ihnen mögen es, wenn Materialien in die Arbeit eingebaut werden und sie auch visuelle Reize bekommen, die ihre grauen Zellen anregen.
Pferde, deren präferierter Zugangsweg die Seele ist, haben häufig ein schweres eigenes Gepäck zu tragen oder spüren das Befinden ihres Menschen noch sensibler, als Pferde es sowieso tun. Sie fragen nach achtsamer und ruhiger Zusammenarbeit. Meist sind sie eher introvertiert und oftmals anfänglich nicht bereit für einen körperlichen Kontakt. Ihr Energielevel ist sehr unterschiedlich. Manche wirken geerdet bis in sich gekehrt, andere scheinen hochsensibel und explosiv.
Die letzten Zeilen sollen auf keinen Fall Schubladen öffnen, wovon du dir eine aussuchst, in die dein Pferd am besten passt – das wäre für den Menschen viel zu einfach und würde keinem Pferd gerecht werden. Vielleicht versuchst du zum jetzigen Zeitpunkt bereits, dein eigenes Pferd in eine dieser „Kategorien“ zu stecken. Wir möchten dich an dieser Stelle bremsen und schon einmal darauf aufmerksam machen, dass wir Schubladen lieber auflösen, statt in diesen zu denken. Vielmehr möchten wir dir damit zeigen, auf welch unterschiedliche Art und Weise du einen Zugang zu deinem Pferd finden kannst, damit ihr beide euer volles Potenzial entfalten könnt. Pferde haben immer mehrere Anteile in sich, die sich in unterschiedlichen Situationen mehr oder weniger stark zeigen. Das ist genau wie bei uns Menschen auch. Die Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, prägen uns und somit auch unsere präferierten Zugangswege. Außerdem beeinflussen auch unsere aktuelle Stimmungslage und unser gesundheitliches Wohlbefinden, auf welche Weise wir gerade aktiv werden wollen.

Wie wir über uns selbst und den anderen denken, ist unglaublich wichtig für die Farben der gemeinsamen Beziehung.
Natürlich darfst du trotzdem ein wenig reflektieren, in welcher Ebene du dich selbst und auch dein Pferd am ehesten wiederfinden kannst. Vielleicht ergibt sich hieraus schon eine kleine Erkenntnis für dich, die die Gestaltung eurer Bodenarbeit beeinflussen wird. Überlege dabei gern, wie du die Sätze „Ich bin …“ und „Mein Pferd ist …“ vervollständigen würdest. Du kannst dich hierzu auch im Alltag bei inneren Monologen oder in Gesprächen mit anderen beobachten. Häufig benutzen wir limitierende Adjektive, die sehr viel über das gesamte Sein von einem selbst oder dem eigenen Pferd aussagen. Schau genau hin, ob sich solch limitierende Adjektive wirklich richtig anfühlen oder ob du sie lieber mit konkreten Situationen verknüpfen möchtest.
Ein Beispiel wäre das Adjektiv „ängstlich“.
„Ich bin ängstlich“ trifft eine Aussage über eine Eigenschaft, die offenbar immer und ständig zum eigenen Sein gehört.
„Wenn es stürmt, fühle ich mich im Gelände ängstlich.“ Das ist eine Aussage, die das eigene Empfinden in einer bestimmten Situation schildert. Dadurch presst man sich selbst aber noch keinen limitierenden Stempel auf, sondern spricht lediglich über eine Situation, die man mit der Zeit verändern kann. Du öffnest dadurch keine der oben erwähnten Schubladen, sondern bleibst aktiver Gestalter deiner Realität.
Es kann sehr erhellend sein, einmal zu beobachten, ob und welche Eigenschaften man „so nebenbei“ sich selbst oder dem vierbeinigen Partner zuspricht und damit die eigenen Handlungsmöglichkeiten limitiert.
Falls dir eine Schublade begegnet, kannst du sie dir anschauen und überlegen, wie du die Eigenschaften ins Positive wandeln könntest. Aus „ängstlich“ könnte so vielleicht„wachsam“ werden. So wandelst du gedanklich eine vermeintliche Schwäche in eine Superpower.
In den folgenden Kapiteln wirst du weitere Anregungen zu deinen bisherigen Gedanken finden.
Wenn Bodenarbeit auf die Stärken sowie die körperlichen, mentalen und seelischen Themen von Pferd und Mensch ausgelegt ist, beeinflusst sie letztlich immer alle Ebenen positiv, sodass sich vieles mit der Zeit wandelt und man sich immer mehr gemeinsame Freiheiten schafft. Diese Freiheiten zeigen sich dann unter anderem darin, dass alle Zugangswege möglich und Grenzen gemeinsam aufgelöst werden können, wenn es an der Zeit dafür ist.
Daniyal wird von Kati angefeuert und wirkt sehr konzentriert. Lukas hingegen begleitet Masun liebevoll und läßt ihn die Pylone selbst erkunden.
Welche unterschiedlichen Trainingsansätze gibt es?
Nachdem wir uns die drei verschiedenen Ebenen in unser Bewusstsein gerufen haben, möchten wir nun auf das Wie der Bodenarbeit zu sprechen kommen. Im Zusammenhang mit der Arbeit am Boden werden Pferd und Mensch immer wieder mit dem Thema Lernen konfrontiert. Genau genommen lernt jedes Lebewesen in jeder Sekunde seines Lebens. Lernen findet immer und überall statt, nur sind wir uns dessen meist nicht bewusst. Wir oder unser Pferd nehmen einen Eindruck wahr, das Gehirn verarbeitet ihn, und „zack!“ haben wir wieder eine Information dazugewonnen und somit etwas gelernt.
Aus diesem Grund halten wir es für außerordentlich wichtig, sich auch mit dem Lernverhalten von Pferden auseinanderzusetzen, um ein möglichst guter pädagogischer Begleiter und Freund zu sein. Letzteres ist uns wichtig, denn wir möchten uns nicht über das Pferd stellen. Dennoch wollen wir in der Bodenarbeit Dinge zusammen erforschen und entdecken, die einen Lernprozess benötigen. Um Frustration und Stress vorzubeugen oder zu minimieren, sollten wir uns also überlegen, wie wir unserem Pferd die einzelnen Lernschritte näherbringen möchten.
Konditionierung ist in diesem Zusammenhang das Zauberwort, das sehr unterschiedliche Empfindungen hervorruft. Letztlich bedeutet es einfach nur, dass man einen Reiz mit einer Reaktion verknüpft (klassische Konditionierung) oder eine Verhaltensweise mit einer Konsequenz (operante Konditionierung).
Wenn wir mithilfe von Lob und Strafe arbeiten, sprechen wir also von operanter Konditionierung. Lob soll im Allgemeinen das vorherige Verhalten verstärken, also dazu führen, dass dieses in Zukunft häufiger gezeigt wird. Strafe bewirkt eine Hemmung des zuvor gezeigten Verhaltens. Was Lob und Strafe bedeuten, entscheidet letztlich das Pferd und wird in der Lernpsychologie daran gemessen, ob die zuvor erläuterte Verhaltensänderung tatsächlich stattfindet oder ausbleibt. Es kann also sein, dass ein Pferd eine Berührung, die du mit einer lobenden Intention ausführst, nicht als Lob empfindet oder es andersherum einen Tadel deinerseits unter Umständen lustig findet und als Spielaufforderung auslegt. Dazu später mehr.
Schauen wir ein bisschen genauer hin, begegnen uns die Begriffe der positiven und negativen Verstärkung und der Begriff der Strafe. Positiv und negativ sind hier mathematisch zu sehen,, im Sinne von hinzufügen und entfernen. Sie enthalten keine emotionale Wertung im Sinne von „positiv entspricht gut“ und „negativ entspricht schlecht“.
Positive Verstärkung meint also, dass ein angenehmer Reiz hinzugefügt wird und dass das Pferd in Erwartung dieses angenehmen Reizes das gewünschte Verhalten zeigt. Negative Verstärkung bedeutet das Wegnehmen eines unangenehmen Reizes, wenn das Pferd sich wie gewünscht verhält.
Das Training mit der positiven Verstärkung wird häufig mit dem Clickertraining gleichgesetzt, das im Prinzip eine Übertragung der allgemeingültigen lerntheoretischen Grundlagen in die Tierwelt, in unserem Fall die Welt der Pferde, darstellt. Es beruht üblicherweise auf der Basis der positiven Verstärkung. Dabei wird ein erwünschtes Verhalten des Pferdes belohnt (zum Beispiel durch Futter oder Kraulen), um es dadurch zu motivieren (es wird wahrscheinlich von unserem Pferd wieder gezeigt). Genau das ist, sehr verallgemeinert, der Schlüssel für diese Form des Trainings. Ein Satz, den du dir in diesem Zusammenhang unbedingt merken solltest: Ein Verhalten wird von seinen Konsequenzen bestimmt. So kann Clickertraining auch in Kombination mit negativer Verstärkung eingesetzt werden. Dann würde das Pferd aufgrund des unangenehmen Reizes, den wir häufig Druck nennen, das gewünschte Verhalten zeigen und man würde dieses Verhalten dann zusätzlich mit einem Click und Futter belohnen. Da das Pferd aber nicht in Erwartung des Futters (positiver Reiz) handelt, sondern dem unangenehmen Reiz entkommen möchte, spricht man von negativer Verstärkung in Kombination mit anschließendem Futterlob. Uns ist an dieser Stelle nur wichtig zu betonen, dass der Einsatz von Futter nicht immer mit positiver Verstärkung gleichzusetzen ist. Das Training auf Basis von positiver Verstärkung ist jedoch eine Methode, die wir sehr schätzen und dir ans Herz legen möchten.
Brauchst du dafür einen Clicker? Der Clicker ist im Prinzip nichts anderes als ein Knackfrosch, auf den man drückt, damit ein markantes „Click-clack“ ertönt, mit dem das Pferd nach kurzer Zeit die angenehme Konsequenz der Futtergabe assoziiert. Du musst nicht unbedingt einen Clicker benutzen, denn das Ganze funktioniert auch mit einem Zungenschnalzen, einem Pfiff oder einem kurzen und prägnanten Markerwort, wie zum Beispiel „Top, Yipp, Jo“ usw. Dabei ist es sehr wichtig, dass du dich für ein Wort entscheidest und bei diesem Wort bleibst, ansonsten sollte es nicht in eurem Alltag verwendet werden, denn es ist an ein Versprechen gebunden.
Neben den beiden vorgestellten Lobformen gibt es auch die Möglichkeit der Strafe, um ein gezeigtes Verhalten zu reduzieren. Positive Strafe meint das Hinzufügen eines unangenehmen Reizes (oder die „Androhung“ davon), um ein Verhalten zu reduzieren. Negative Strafe ist der Entzug eines angenehmen Reizes.

Die Auswahl der Methoden hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welche unvergesslichen Momente ihr zukünftig sammeln könnt.

In einem hohen Energielevel kann Amadeo Futter eher als Lob empfinden als eine körperliche Berührung.
Anhand der negativen Strafe wird schnell deutlich, wieso das Pferd letztlich entscheidet, was Lob und was Strafe ist. Verbringt es äußerst gern Zeit mit dem Menschen und ist hoch motiviert, dann handelt es sich um eine wirksame Strafe, den Raum zu verlassen, wenn es zum Beispiel vor lauter Übermut aus menschlicher Sicht unhöflich wird. In dem recht unwahrscheinlichen Fall, dass das Pferd den Menschen sowieso lieber loswerden möchte, würde das Verlassen des Raums das vorherige Verhalten eher verstärken, also vom Pferd als Lob interpretiert werden. Auch die positive Verstärkung bietet ein gutes Beispiel für diese Individualität. Viele Pferde lassen sich nicht gern anfassen. Möchte der Mensch das Pferd nun für etwas loben und streichelt das Pferd, kann es passieren, dass das Pferd dies als unangenehm empfindet und daher kein Lob im lernpsychologischen Sinne stattfindet. Es ist daher sehr wichtig, dass wir die Umsetzung der Lerntheorie individuell an das jeweilige Pferd anpassen.
Auch für dich als Mensch sollte sich die gewählte Vorgehensweise authentisch und echt anfühlen. Kannst du dich mit ganzem Herzen freuen, wenn du loben möchtest?
Wie fühlst du dich, wenn du dein Pferd strafst? Könntest du beim nächsten Mal kleinschrittiger vorgehen, um diese Situation zu vermeiden?
An dieser Stelle sei erwähnt, dass Strafe zwar zur Lerntheorie gehört, jedoch immer eine Sackgasse für Verhalten darstellt und oftmals der Motivation im Wege steht, da häufiges Strafen dazu führen kann, dass das Pferd sein Selbstbewusstsein und seine Initiative verliert – schließlich bekommt es häufig gezeigt, dass es Dinge falsch macht. Wir möchten dich daher dazu einladen, deinen Fokus auf die Dinge zu richten, die gut laufen, und das auch immer authentisch zu würdigen. Man kann niemals zu oft „Danke“ sagen, und niemand wird je müde davon, wenn sich ein Nahestehender ehrlich über ihn freut. Auch dein Pferd wird sich gut dabei fühlen, einen Cheerleader in dir zu finden.
Trau dich, deine Freude zum Ausdruck zu bringen, und versuche, statt strafenden Sackgassen lieber alternative Verhaltensoptionen aufzuzeigen, damit dein Pferd sich wohlfühlen kann. Achte vor allem darauf, dass eure gewählten Wege zu euch passen und sich richtig anfühlen. Welche Intention steht hinter den Konsequenzen, die dein Pferd erwartet? Manchmal stecken wir Menschen in einem Thema, wie zum Beispiel Angst vor Kontrollverlust, und strafen unser Pferd für ein Verhalten, das wir mit mehr räumlicher Distanz als beeindruckend oder schön empfinden würden. Beachte, dass auch dein Pferd auf dein Verhalten reagiert, und begib dich immer wieder in die Situation des Lernenden, um weiterhin auf Augenhöhe zu agieren. Weiterführende Gedanken zu diesem Thema wirst du weiter hinten in dem Kapitel „Wer ist Lehrer und wer ist Schüler?“ finden.
Mit diesem Einblick in die Welt der Lerntheorie möchten wir dein Bewusstsein für dein Handeln im Umgang mit deinem Pferd verfeinern und dazu beitragen, dass dir bisher unter Umständen unbewusste Handlungsmuster mit der Zeit immer bewusster werden und du dir im Klaren darüber bist, welche Auswirkung Verstärkungen in ihren verschiedenen Formen haben. Schon an dieser Stelle möchten wir anmerken, dass die Umsetzung der Lerntheorie und die Arbeit mit bewusst eingesetzter Verstärkung einen wichtigen Teil der Kommunikation zwischen deinem Pferd und dir ausmachen. Sei dir darüber im Klaren, dass Lernen, Erziehen, Trainieren und eine gemeinsame Interaktion, etwas unromantisch ausgedrückt, immer einhergehen mit manuellem körperlichem Einwirken und Manipulation im Sinne der Konditionierung. Du entscheidest darüber, wie du die Arbeit für dein Pferd und dich gestaltest. Möchtest du eine Übung aufbauen, indem du dein Pferd durch Druck auf verschiedenen Ebenen in eine bestimmte Situation bringst, oder soll euer gemeinsamer Weg geprägt sein von Eigeninitiative und Selbsterfahrung auf beiden Seiten?

Anstrengende Aufgaben fallen leichter, wenn das Pferd sich bestaunt fühlt; sein Selbstbewusstsein führt zu besonders schönen Bewegungen.

Das Hüfttarget als Basis für ein späteres Kruppeherein. Auch gymnastizierende Lektionen lassen sich in kleine Lernschritte zerlegen.
Last but not least möchten wir das Training mit der positiven Verstärkung mit seinen Vor- und Nachteilen betrachten. Grundsätzlich ist es eine sehr motivierende Methode für Pferd und Mensch, denn sie macht beiden Parteien Spaß. Das Pferd lernt dabei, quasi zu lernen, und wird zum aktiven Partner. Der Mensch entwickelt eine viel genauere Vorstellung davon, was und vor allem wie (kleinschrittig) er dem Pferd etwas vermitteln kann und wann genau ein Lernschritt stattfindet.
Wenn die Methode korrekt angewendet wird, lernen Pferde dabei ohne Angst, denn sie können nichts falsch machen. Dadurch ist echtes und entspanntes Lernen möglich, und die Pferde können sich voll und ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren. Das Training nach der positiven Verstärkung ist eine für jeden Menschen recht einfach zu erlernende und trotzdem sehr effektive Methode, die anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung gut belegt ist. Jedoch setzt sie voraus, dass man sich selbst intensiv mit den theoretischen Grundlagen beschäftigt und an die Spielregeln hält. Aber auch die positive Verstärkung ist eben „nur“ eine Methode. Zu einer guten Verbindung zu seinem Pferd gehört aus unserer Sicht noch viel mehr. Es besteht unserer Erfahrung nach die Gefahr, „zu technisch“ zu werden. Häufig erleben wir Pferde, die auf diese Art trainiert werden, als sehr emotionslos und ihre Menschen als sehr verkopft. Neben dem theoretischen Grundwissen sind Freude, echte Emotionen und Bauchgefühl für uns wichtige Komponenten in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd. So sehen wir das Wissen um die Lerntheorie als eine Teilkomponente im Sein mit den Pferden.
Im Zusammenhang mit der individuellen Neigung deines Pferdes werden wir in einem späteren Teil des Buchs noch genauer auf die verschiedenen Lerntypen kommen, die die Arbeitsweise beeinflussen. So ist es theoretisch möglich, dein Pferd in großen Teilen über Targettraining auszubilden. Targets sind Hilfsmittel, die dem Pferd eine Idee davon geben, wie es welchen Körperteil bewegen soll, indem es das Target mit diesem Körperteil berührt. Generell kann im Verlauf des Trainings jeder verschiedene Körperteil mit einem Target besetzt werden (Nase, Kopf, Ohren, Hüfte, Schweif, Knie …) Die verschiedenen Targets lassen sich im Verlauf der Ausbildung gut in die Bewegung übertragen, wodurch man zum Beispiel eine Dehnungshaltung am Nasentarget beim Longieren abfragen kann oder ein Kruppeherein mit einem Hüfttarget entwickeln kann. Als Targets eignen sich beispielsweise ein Tennisball auf einem Stock, eine Fliegenklatsche, eine Poolnudel, eine mit Watte gefüllte Socke an der Spitze einer Gerte, ein Staubwedel an einer alten Autoantenne oder auch deine Handfläche, du darfst gern kreativ sein. Es gibt auch fertige Targets zu kaufen. Wenn dein Pferd im Vorfeld lange konventionell gearbeitet worden ist, wird es vermutlich gelernt haben, dass es der Gerte zu weichen hat (negative Verstärkung). Es kann also sein, dass dein Pferd eine Weile braucht, um dem Target gegenüber aufgeschlossen zu reagieren und den neuen Ansatz zu erkennen. Du kannst deine Gerte auch weiterhin zur negativen Verstärkung benutzen, jedoch raten wir dir dann, zwei verschiedene Gerten zu verwenden, die sich optisch für dein Pferd unterscheiden. So weiß es nach einiger Zeit, welche Gerte wofür gemeint ist. Beispiel: Die schwarze Gerte bedeutet „weichen“ und die gelbe Gerte mit der Socke an der Spitze ist mein Target und bedeutet „berühren“. Wichtig ist, dass sich dein eigener Fokus und deine Intention bei der jeweiligen Verwendung unterscheiden, da Pferde sehr stark darauf reagieren. Ein Beispiel für eine Übung, die sich gut mit einem Target erlernen lässt, ist der spanische Schritt. Hierbei lernt das Pferd nicht, das Bein auf das Touchieren der Gerte zu heben, sondern aktiv von sich aus das vorgehaltene Target mit dem Bein zu berühren.

Daniyal antwortet auf Lukas’ Anfrage mit dem Gertentarget, indem er es mit dem Bein berührt.

Alf antwortet auf Luka’ Signal und folgt dem Handtarget (Schweiftarget) im Rückwärtsgang auf die Hand zu.
Auch das Rückwärtsgehen auf den Menschen zu lässt sich im Rahmen des Targettrainings aufbauen. Dabei lernt das Pferd, dass die Berührung der Hand des Menschen am Schweifansatz positiv ist und verstärkt wird. Sobald es dies verstanden hat, hält der Mensch die Hand ein paar Zentimeter vom Schweif entfernt hinter das Pferd. Die Lernaufgabe des Pferdes besteht nun darin, zu überlegen, wie es den Kontakt mit der Hand herstellen kann. Die Lösung ist anfänglich eine Verlagerung des Körpergewichts nach hinten, später ein ganzer Schritt rückwärts. Nach und nach wird dieses Verhalten auf Distanz übertragen. Die Targetarbeit steht wie erwähnt dem Weichen gegenüber. So kann man beispielsweise das Rückwärtsgehen auch darüber erarbeiten, dass man durch die eigene Körpersprache einen sanften Druck in Richtung des Pferdes aufbaut, um es einen Schritt weichen zu lassen. Beim Weichen arbeitet man also von der Hilfe weg. Gerade die konventionellen Hilfen in der Bodenarbeit und auch beim Reiten beruhen häufig auf diesem System. Auch hier möchten wir dich dazu anregen, in kleinen Teilschritten zu arbeiten und deinem Pferd Zeit zu geben, die Aufgaben zu verstehen.
Ein Beispiel aus der konventionellen Hilfengebung kannst du hier in Form des äußeren Zügels sehen. Ziel ist es, die Vorhand auf die Zirkellinie zu wenden, also vor der Gertenhilfe weichen zu lassen. Hilfreich sind hier auch eine wegweisende Kappzaumhilfe und die Körpersprache. Du könntest dein Pferd sogar mit einem Handtarget unterstützen, um die Richtung vorzugeben und so schrittweise die von sich wegweisende Hilfe des äußeren Zügels zu erklären. Du kannst dir die Targetarbeit also auch beim Weichen zunutze machen. Wie du siehst, sind deiner Kreativität zugunsten der kleinen Lernschritte keine Grenzen gesetzt.
Die eigene Intention formt die Art der Bodenarbeit
Die drei verschiedenen Zugangswege über Körper, Geist und Seele eröffnen uns für die gemeinsame Zeit am Boden eine unfassbare Menge an Möglichkeiten. Denn auch innerhalb der einzelnen Ebenen gibt es viele verschiedene Arten, wie wir die zuvor thematisierten Bodenarbeitsweisen (Longieren, Handarbeit, Zirkus etc.) mit Leben füllen können. Letztlich geht es vor allem darum, sich selbst und seinen vierbeinigen Begleiter dabei mit der Zeit so genau wie möglich kennenzulernen. Wenn wir einordnen können, wo wir stehen, was uns ausmacht und wovon wir träumen, finden wir auch unseren persönlichen roten Faden in diesem Meer von Möglichkeiten. Und wenn wir uns dann noch der gemeinsamen Kommunikation, der Lerntheorie, der Zugangswege und unserer Stärken und Themen bewusst werden, verschwimmen die Grenzen zwischen Freiarbeit, Gymnastizierung und Spiel ab einem gewissen Zeitpunkt. Methode und damit einhergehendes Wissen werden zu gelebtem Wissen, das in Gefühl übergeht. Dann begeben wir uns irgendwann in einen ganz individuellen Flow, der der Bodenarbeit eine völlig einzigartige Bedeutung und Leichtigkeit gibt. Du darfst dir also gern die Zeit geben, deine eigene Intention zu hinterfragen, um zu schauen, an welcher Stelle du ansetzen möchtest. Wozu möchtest du Bodenarbeit machen? Welche Stärken machen dich und dein Pferd jetzt schon aus? Wo siehst du noch Themen in eurer gemeinsamen Verbindung? Möchtet ihr zum Beispiel noch mehr Vertrauen gewinnen und eure Beziehung festigen? Ist es an der Zeit, alte Muster abzulegen? Oder liegt euer Fokus momentan mehr auf neuen körperlichen Erfahrungen? Hat dein Fokus sich im Verlauf der Zeit bereits verändert? Wie möchtest du deinem Pferd vermitteln, welche Verhaltensweisen du besonders gern beobachtest? Und um in diesem Zusammenhang noch mal zur Individualität zu kommen: Wer seid ihr, wenn ihr gemeinsam am Boden arbeitet, und wer wollt ihr zusammen sein?

Besonders ältere Pferde profitieren sehr davon, Körper, Geist und Seele durch die Bodenarbeit fit zu halten.
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