Kitabı oku: «Bis zum letzten Atemzug»

Yazı tipi:

Katica Fischer

Bis zum letzten Atemzug

Du kannst mir nicht entkommen

Thriller

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutsche Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten.

© 2014 Katica Fischer

www.katica-fischer.de

Covergestaltung: K. Fischer

Fotos: www.Clipdealer.de

Bereitstellung und Vertrieb:

Epubli (Neopubli GmbH, Berlin)

1

Das wiederholte, jedes Mal länger dauernde Hupen eines Autos löste bei Patrick einen gereizten Seufzer aus. Er war erst eine Viertelstunde zuvor nach Hause gekommen, weil er Überstunden machen musste, um einen dringenden Auftrag zu Ende zu bringen. Und weil er völlig verdreckt und verschwitzt gewesen war, hatte er sich zuallererst eine ausgiebige Dusche gegönnt. Doch nun blieb ihm noch nicht einmal Zeit genug, um sich zu rasieren, geschweige denn seinen Bärenhunger zu stillen.

Sein modisch kurz geschnittenes, immer noch feuchtes Haar kurz mit den Fingern durchkämmend, schlüpfte der groß gewachsene Mittzwanziger gleich darauf in die frische Kleidung, um anschließend in seine Schuhe zu steigen. Und sobald seine Schnürsenkel gebunden waren, ging er zum Fenster, um einen kurzen Blick auf die Straße hinabzuwerfen. Der Kerl war einfach unmöglich, grollte er. Eddy scherte sich offenbar den Teufel darum, dass sein Verhalten eine Zumutung für andere war. Also würde es wieder einmal Beschwerden vonseiten der genervten Nachbarn hageln, die sich durch den Lärm belästigt fühlten.

Trotz seiner zunehmenden Gereiztheit langte Patrick nach seinem Geldbeutel, um ihn in die Gesäßtasche seiner Jeans zu schieben. Gleich darauf griff er sich seine Jacke und verließ dann sein Apartment, um die Treppe hinunterzulaufen. Fast schon an der Haustür angelangt, hörte er den Mieter aus der ersten Etage hinter sich her schimpfen. Also schickte er umgehend eine Entschuldigung zurück, um den Mann zu beschwichtigen, der mit einem Anruf bei der Polizei gedroht hatte. Danach trat er eilig aus dem Haus, was ein weiteres Hupkonzert verhinderte.

„Hab’ ich dir nicht gesagt, dass du das lassen sollst?“, grollte er, sobald Eddys Sportcoupé erreicht und die Beifahrertür geöffnet war. „Ich hab’ keine Lust, vor die Tür gesetzt zu werden, nur weil es dir nicht schnell genug geht!“ Sein Golf stand mit defekter Lichtmaschine in der Werkstatt. Also stieg er nun in den Wagen seines Kumpels ein, wobei er sich immer noch darüber ärgerte, dass man ihn auf solch unverschämte Weise zur Eile getrieben hatte.

„Jetzt krieg dich mal wieder ein“, erwiderte der Getadelte im amüsierten und zugleich herablassend klingenden Tonfall. „So ’ne billige Bude passt eh nicht zu dir. Warum suchst du dir nicht was Besseres? Du weißt doch, wenn deine Kohle nicht reichen sollte, musst du nur was sagen.“ Damit startete er den Motor und fuhr umgehend los.

Patrick sparte sich eine entsprechende Erwiderung, wohl wissend, dass sie ohnehin nur zu einer fruchtlosen Diskussion führen würde. Sicher, seine Wohnung war im Vergleich zu Eddys Penthouse winzig. Und luxuriös konnte man sie schon gar nicht nennen. Aber sie war seine Festung! Eben ein richtiges Zuhause und kein angeberisches Vorzeigeobjekt. Außerdem dachte er nicht im Traum daran, sich von Eddy unter die Arme greifen zu lassen, weil er diesem nichts schuldig sein wollte.

„Können wir erst mal zu Francesco fahren?“, verlangte er. „Bin eben erst heimgekommen. Hab’ einen Mordshunger.“

„Dass du immer noch in diesen Saftladen gehst, um für einen Hungerlohn bis in die Nacht zu schuften, ist mir nach wie vor ein Rätsel.“ Vor einer roten Ampel stehend, bedachte Eddy seinen Freund mit einem mitleidig anmutenden Blick. „Wann wirst du endlich vernünftig?“

Der Gefragte presste bloß die Lippen aufeinander. Immer die gleiche Leier, dachte er genervt. Eddy konnte einfach nicht begreifen, dass man als Normalsterblicher arbeiten musste. Er brauchte sich ja um nichts zu kümmern, denn er war von Haus aus bestens versorgt.

„Ich hab’ Hunger“, beharrte er. „Wenn dir das mit der Pizzeria zu lange dauert, musst du mich halt bei Francesco absetzen und dann ohne mich ins Westside.“

„Westside ist ’n alter Hut“, winkte Eddy ab. „Die Jungs und ich haben nämlich vor drei Wochen was ganz Besonderes aufgetan. Wirst staunen, alter Junge. Und für deinen leeren Magen kriegst du da auch was.“

Patrick schwieg, denn er wusste nun, wo der Abend enden würde – nämlich in irgendeiner Diskothek, wo ein paar schöne Mädchen herumliefen, die, mehr oder weniger angezogen, die Getränke und vielleicht auch ein paar Snacks an den Kunden brachten. Er hatte sich fast vier Wochen lang erfolgreich davor drücken können, mitzugehen. Aber als Eddy am Nachmittag angerufen hatte, war es ihm einfach nicht gelungen, sein Nein unmissverständlich klarzumachen, weil sein Chef grundsätzlich darauf bestand, dass niemand während der Arbeitszeit telefonierte – es sei denn, es lag ein Notfall vor. Und da Eddy so penetrant gewesen war, hatte er sich auf die Schnelle eine Zusage abringen lassen, damit Ruhe war.

„Also, wohin?“, fragte er ergeben.

„Ins ehemalige Dancefloor“, antwortete Eddy.

Ein hässlicher Schuppen im Industriegebiet, schoss es Patrick daraufhin durch den Kopf. Den hatte man eigentlich schon vor einem Jahr abgehakt, weil es da bloß nervige Musik und schlecht gemixte Drinks gab, die meist zu viel minderwertigem Alkohol enthielten. Außerdem konnte er sich noch gut daran erinnern, wie blöd er sich jedes Mal vorgekommen war, sobald er sich der Gesichtskontrolle stellen musste, die von schrankbreiten, wie Schwerverbrecher aussehenden Türstehern durchgeführt wurde. Zudem hatte das Publikum im Dancefloor aus Leuten bestanden, die er nicht unbedingt näher kennen wollte. Also, wenn’s nach ihm gegangen wäre, dann hätte er jetzt liebend gern kehrt gemacht und den Abend zu Hause verbracht!

„Das Ding ist von ’nem neuen Mann übernommen und umbenannt worden“, schwatzte Eddy unterdessen weiter. „Wirst staunen, was der aus dem Laden gemacht hat.“

Bereits auf dem weitläufigen Parkplatz der Diskothek, die sich jetzt Playground nannte, wurde Patrick klar, dass der neue Inhaber in den vergangenen Monaten tatsächlich ein paar erfreuliche Veränderungen vorgenommen hatte. Die grellen Farben der ehedem weit sichtbaren Fassade waren einem neutralen Anstrich gewichen, sodass der Namenszug der Diskothek, der an drei Seiten des Bauwerks als fantasievolles Graffiti aufgebracht war, gut sichtbar zur Geltung kam. Auch der Eingangsbereich, der einem Treppenaufgang vorgelagert war, wirkte nun viel freundlicher.

Die Türsteher gab es immer noch. Allerdings waren es jetzt gänzlich andere Gesichter, die, nun direkt vor der schallgedämmten Tür zum eigentlichen Vergnügungstempel stehend, den Besuchern freundlich aber sehr wachsam entgegensahen. Hin und wieder musste ein Gast eine gründliche Durchsuchung seiner Taschen über sich ergehen lassen. Doch erfolgte dies offenbar aus begründetem Misstrauen, denn in den meisten Fällen kamen dabei Dinge zum Vorschein, die in einer Diskothek nichts zu suchen hatten.

„Wir gehen erst mal da rauf, bestimmte Eddy, indem er zur Treppe zeigte. „Der neue Inhaber hat da nämlich eine kleine aber feine Futterbude eingerichtet. Sozusagen als zweites Standbein. Musst du dir unbedingt ansehen.“

„Okay.“ Während er seinem Begleiter folgte, der nun im Eiltempo die Stufen hinauf stieg, überprüfte Patrick den Inhalt seines Geldbeutels.

„Komm schon“, befahl Eddy, dem es nicht schnell genug ging. „Schwing die Hufe, Mann!“

Der so Gedrängte gehorchte, auch wenn ihm das herrische Gebaren seines Kumpels entschieden gegen den Strich ging. Als er schließlich am Eingang des Restaurants ankam, blieb er wiederum stehen, um sich den Namenszug anzusehen, der über der Tür hing. Nun, Salt & Pepper war jetzt nicht unbedingt sehr originell, stellte er fest. Aber es kam ja nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf die Qualität des Essens und die Leute, die sich um das Wohl der Gäste kümmerten.

Das Restaurant selbst war in der Tat nicht besonders groß. Ungeachtet Eddys offenkundiger Ungeduld, warf Patrick einen kurzen Blick durch die halbhohe Pendeltür in die Küche hinein, um sich dann der Betrachtung der Einrichtung zu widmen, die hell und modern wirkte. Allein die Enge gefiel ihm nicht, denn er mochte es nicht besonders, wenn man ihm vom Nachbartisch aus auf den Teller glotzen konnte.

Endlich bei seinem Begleiter angelangt, ließ er sich auf einen der Stühle gleiten und griff gleichzeitig nach der ausgelegten Speisekarte. Er hatte die Auflistung kaum überflogen, da blieb auch schon eine Kellnerin an ihrem Tisch stehen.

„Ich nehme das Schweinesteak vom Grill“, sagte er, indem er die junge Frau kurz musterte, die anhand eines Order Mailers ihre Bestellung direkt an die Küche übermitteln wollte. „Dazu ein Mineralwasser.“ Das schlichte weiße Herrenhemd, samt Fliege unter dem Kinn, und die schmal geschnittene schwarze Hose standen ihr wirklich hervorragend, lobte er im Stillen. An einem breiten Gürtel um ihre schmale Taille hingen jeweils an einer festen Gliederkette ihr Aufnahmegerät sowie der große Geldbeutel. Und ihre Füße steckten in flachen Schnürschuhen, die auf Hochglanz poliert waren. Ihre Aufmachung ließ sie zwar größer erscheinen, aber mehr als einssiebzig konnte sie auf keinen Fall sein. Das vermutlich schulterlange Haar war streng nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem Zopf gebunden worden, was einen perfekt geformten Kopf sichtbar machte. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer kleinen geraden Nase über einem sinnlichen Mund schien in einer unverbindlich wirkenden Miene eingefroren. Allein die blaugrauen Augen, die durch ein modernes Brillengestell auf den Betrachter herabsahen, wirkten leicht amüsiert und wachsam zugleich.

„Für mich ein Lachs-Sandwich und eine Cola.“ Während er sprach, ließ sich auch Eddy lässig in seinem Stuhl zurücksinken, um die Bedienung ausgiebig zu mustern. „Muss ja nachher meinen Sportflitzer heil nach Hause bringen.“ Als sie daraufhin nur nickte und dann zum nächsten Tisch ging, presste er kurz die Lippen aufeinander. „Ist zwar niedlich, die Kleine, aber kalt wie ’n Fisch“, stellte er fest, indem er sich wieder seinem Begleiter zuwandte.

Patrick lächelte das sichtlich nervöser werdende Mädchen am Nachbartisch ein letztes Mal an, um sich anschließend wieder auf seinen Begleiter zu konzentrieren. Das waren ja ganz ungewohnte Töne von Eddy, dachte er überrascht. Der sonst scheinbar durch nichts zu erschütternde Macho wirkte ja fast so, als wäre er enttäuscht! Allein seine aufgesetzte Gleichgültigkeit, und der Vergleich mit dem kalten Fisch, sollten wohl darüber hinwegtäuschen, wie sehr ihn die desinteressierte Herablassung der Bedienung wurmte.

Nun, nicht alle Frauen ließen sich mit Geld oder luxuriösen Statussymbolen locken, dachte Patrick voller Schadenfreude, während er seinen Blick vom Gesicht seines Gegenübers zu der Bedienung fliegen ließ, die, jetzt ein beladenes Tablett vor sich her tragend, auf ihren Tisch zusteuerte. Es gab gottlob noch genügend andere, denen ihre Würde wichtiger war als ein teures Geschenk aus der Hand eines selbstherrlichen Lackaffen. Und so wie es aussah, war diese Kellnerin eine von ihnen.

Während man den Teller mit dem Besteck und sein bestelltes Getränk vor ihn hinstellte, hatte Patrick Gelegenheit, die langen, dichten Wimpern und den schön geformten Mund der jungen Frau zu bewundern.

„Ich will das Lachs-Sandwich nicht“, ließ Eddy hören, als sie sich schon wieder zum Gehen bereit machte. „Ein Toast vom Chefkoch wär’ mir lieber.“

Die Angesprochene verzog keine Miene. Sie nickte bloß und sandte die Bestelländerung sogleich in die Küche. Danach ging sie zum Nachbartisch, um abzukassieren.

„Du bist unmöglich“, zischte Patrick erbost. „Was soll das?“

„Ich bin Gast hier“, erwiderte Eddy im herablassenden Tonfall. „Und der Gast ist immer König. Also kann ich meine Meinung ändern, sooft ich das will. Schließlich steht nirgends geschrieben, dass ich mich sofort und unwiderruflich für etwas Bestimmtes entscheiden muss. Und wenn ich’s recht bedenke, dann habe ich gar keinen Hunger. Na ja, wird die Schnecke halt den Teller wieder in die Küche bringen und dem Koch erklären müssen, dass seine Kreation noch einige Wünsche offen lässt.“

Arroganter kleiner Scheißer, dachte Patrick. Allerdings verkniff er sich eine weitere laut geäußerte Kritik, weil er nicht riskieren wollte, dass sein Gegenüber wie eine Rakete hochging und in Gegenwart der anderen Gäste ausfallend wurde.

Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam die Bedienung mit dem Essen zurück. Zunächst den Teller vor Patrick abstellend, platzierte sie gleich darauf auch die andere Bestellung vor den sichtlich unzufriedenen Eddy.

„Sonst noch Wünsche?“ Ihre Miene war nach wie vor undurchdringlich. Doch der Blick, mit dem sie ihren Gast jetzt maß, war wachsam und voller Misstrauen.

Die Kellnerin stand so nahe bei ihm, dass Patrick meinte, die Wärme, die von ihr abstrahlte, an seiner Schulter spüren zu können. Zudem stieg ihm der Duft eines zarten Parfüms in die Nase, was ihn sogleich an eine bunte Sommerwiese erinnerte. Doch keine dieser beiden Wahrnehmungen war dafür verantwortlich, dass nun ein wohliger Schauer über seinen Rücken kroch. Vielmehr war es ihre dunkle, samtig weiche Stimme, die jedes Härchen seines Körpers in Hab-Acht-Stellung gehen ließ. So als wäre sie ein aufreizendes Streicheln, löste sie ein Kribbeln auf seiner Kopfhaut und in seiner Magengegend ein merkwürdiges Ziehen aus. Und da auch der Rest seines Körpers in höchst verräterischer Weise reagierte, sog er zischend den Atem ein. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wieso sprang er allein auf die Stimme einer völlig Fremden dermaßen heftig an? War es nicht vielleicht doch etwas anderes an ihr? Vielleicht ihr Parfüm? …

„Wünsche schon“, ließ Eddy unterdessen im süffisanten Tonfall hören. „Weiß nur nicht, ob du sie mir auch erfüllen würdest, wenn ich sie dir verriete.“ Damit erhob er sich von seinem Stuhl und stellte sich anschließend so hin, dass sie nicht an ihm vorbeikonnte. Seine ursprüngliche Absicht, sie schikanieren zu wollen, war längst wieder vergessen, weil jetzt etwas anderes in seinem Kopf herumspukte.

„Sorry.“ Die junge Frau kniff die Augenlider zu schmalen Schlitzen zusammen, um ihr Gegenüber mit plötzlich offen gezeigtem Widerwillen zu taxieren. „Wenn du mir nicht sagst, was du willst, kann ich nichts mehr für dich tun.“ Sie wollte rückwärtsgehend ausweichen und dann weiter, denn ein anderer Gast winkte nach ihr. Allerdings kam sie nicht von der Stelle, weil man sie unverhofft am Arm packte und so zurückhielt.

„Lass mich sofort wieder los“, zischte sie ungehalten.

„Warum so zickig?“ Eddy grinste ihr frech ins Gesicht. „Ich bin zahlender Kunde. Also musst du nett zu mir sein.“

„So? Muss ich das?“ Sie funkelte ihr dreistes Gegenüber zornig an. „Wer sagt das?“

„Ich sage das“, beharrte er, wobei er sie nach wie vor unverschämt angrinste. „Außerdem finde ich, dass du viel zu zugeknöpft bist.“

Patrick ahnte die Bewegung mehr, als dass er sie tatsächlich sah. Aber mit einem Mal lag die freie Hand seines Begleiters auf der Brust der Bedienung.

„Ist das alles echt? Oder ist da eine mobile Überraschung drin?“, wollte der aufdringliche Grapscher wissen.

„Ich hab’ nix zu verbergen“, zischte die Betatschte angriffslustig, indem sie ihrerseits die Hand auf den Brustkorb ihres Widersachers legte, sodass dessen Brustwarze genau zwischen ihrem Daumen und dem Zeigefinger lag. „Und du?“

Auf Patrick wirkten die beiden Gegner wie zwei gleich große Kampfhähne, die kurz davor standen, sich gegenseitig anzuspringen.

Und dann ging alles ganz schnell.

Die junge Frau, die man nach wie vor gegen ihren Willen am Arm festhielt, kniff mit aller Kraft in die Brust des Zudringlichen. Eddy indes stöhnte schmerzerfüllt auf und gab daraufhin den Arm der Kellnerin frei. Doch bevor er zu einem Vergeltungsschlag ausholen konnte, sprang Patrick auf und drängte sich zwischen die beiden Kontrahenten.

„Lass gut sein“, versuchte er den Aufgebrachten zu beschwichtigen. „Du hast es provoziert. Also wirst du sie nicht wieder anfassen! Okay?“

„Dieses Miststück! Das wird sie mir büßen!“ Eddys Gesicht war mittlerweile puterrot vor Wut. „Geh mir aus dem Weg“, verlangte er. „Sie hat ’ne Abreibung verdient!“

„Du wirst sie nicht noch einmal anfassen“, wiederholte der Angeblaffte unbeeindruckt, indem er mit eisernem Griff die Schulter seines Begleiters packte und ihn so an weiteren Aktivitäten hinderte.

„Was soll das, du Idiot?“ Eddy wähnte sich durch die wehrhafte Bedienung öffentlich blamiert und verübelte nun seinem Freund zutiefst, dass dieser die Rache-Aktion verhinderte, die ihm selbst Genugtuung verschaffen sollte. „Wieso schützt du die Schlampe, statt mir zu helfen?“ Seine Stimme drohte zu kippen, so aufgebracht war er.

„Dir helfen?“ Der Beschimpfte runzelte verwundert die Stirn. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich lasse zu, dass du eine Frau schlägst? Nur weil …“

„Gibt’s Probleme, meine Herren?“

Patrick schüttelte den Kopf, sah die groß gewachsene Person mit dem brünetten Haar jedoch nicht an, die soeben zu ihnen getreten war. Seine ganze Aufmerksamkeit galt allein seinem Kumpel, weil dieser sich vehement gegen den Griff wehrte, der ihn von seiner Gegnerin fernhalten sollte.

„Alles in Butter“, erklärte er beherrscht. „Er ist nur ein bisschen hibbelig, weil er heute ’nen Espressos zu viel hatte.“

„Wenn das so ist“, erwiderte die Brünette betont freundlich, „dann darf ich euch die Lady sicher entführen.“ Sie wandte sich an die Bedienung: „Luka, schau doch bitte mal nach, wo Nadja bleibt.“

Die fest geballten Fäuste langsam öffnend, ließ die Angesprochene zunächst ihrem zornigen Gegner einen kurzen aber höchst angewidert anmutenden Blick zukommen. Anschließend musterte sie dessen Begleiter von Kopf bis Fuß. Dabei machte sie den Eindruck, als wolle sie etwas sagen. Doch dann ging sie ohne ein Wort davon.

Patrick schaute ihr einen Augenblick lang fasziniert nach, wurde dann aber durch das heftige Zerren seines Begleiters wieder daran erinnert, dass er ihn immer noch festhielt.

„Verflucht noch mal!“ Eddy schien vor lauter Wut nicht zu wissen, was er als Nächstes machen sollte. „Was fällt dir eigentlich ein, du Arsch? Mach das ja nicht noch mal! Kapiert?“ Seine Schulter gewaltsam befreiend, schob er anschließend seine Kleidung wieder in die richtige Lage zurück. „Ich lass mich doch nicht wie einen Deppen behandeln“, schimpfte er. „Von niemandem!“

„Du solltest deinem Freund dankbar sein, dass er dich zurückgehalten hat.“ Der Mund der Brünetten lächelte zwar, doch war an ihren leicht zusammengekniffenen Augen deutlich erkennbar, dass sie verärgert war. „Unsere Mädchen verdienen Respekt, verstehst du! Sie arbeiten hier ziemlich hart, um die Gäste zufriedenzustellen. Aber sie müssen sich körperliche Zudringlichkeiten nicht gefallen lassen, auch wenn Leute, wie du, meinen, dies gehöre zum Service.“

Die Stimme der Frau, die offenbar Chefin des Restaurants war, hatte einen eigenartigen Klang, was Patricks Interesse weckte. Also musterte er die gepflegte, ungewöhnlich große Erscheinung unauffällig von der Seite. Sie war sehr schlank, und in gleicher Weise wie ihre Angestellten gekleidet. Allerdings hatte sie auch noch einen schwarzen, knielangen Gehrock an, an dessen Revers eine rote, seidene Rose befestigt war. Auch sie hatte ihr kastanienbraunes, langes Haar im Nacken zusammengebunden. Allerdings war es bei ihr bis zur Zopfspitze mit einem schwarzen Band umflochten. Allein das Make-up erschien ihm ein wenig übertrieben. Etwas weniger Rouge und Lippenstift hätten es auch getan! Trotzdem fand er sie sympathisch, denn ihr vorangegangener Einsatz für ihre Angestellte ließ erkennen, dass ihr die Menschen, die für sie arbeiteten, tatsächlich wichtig waren.

„Keine Sorge“, versuchte er nun zu beschwichtigen, „Es wird nicht wieder vorkommen. Mein Kumpel hat sich nur einen dummen Scherz erlaubt.“

„Scherz?“, knirschte Eddy dazwischen. „Wenn ich die Mistkröte in die Finger kriege, dann kann sie was erleben!“

„Wenn das so ist, meine Herren, dann will ich mal Klartext reden. Du …“ Die Brünette tippte Eddy mit dem Zeigefinger ans Brustbein, wobei sie sich so nah zu ihm hin beugte, dass ihre Nasenspitze nur noch zwei Handbreit von der seinen entfernt war. „Du bist hier schon ein paar Mal unangenehm aufgefallen. Wenn ich dich nicht jetzt gleich vor die Tür setzen und mit mindestens einem halben Jahr Hausverbot belegen soll, dann benimmst du dich ab sofort anständig. Haben wir uns verstanden?“

Die Empörung des Zurechtgewiesenen war beinahe mit Händen greifbar. Dennoch sagte er nicht ein Wort mehr. Stattdessen warf er sich herum und stürmte mit langen Schritten davon.

Patrick indes stand immer noch auf der Stelle und sah dem Davoneilenden überrascht nach. Eddy ließ sich normalerweise von keiner Frau etwas sagen, geschweige denn vorschreiben! Wieso kuschte er jetzt plötzlich, ganz so, als hätte er es mit jemandem zu tun, der ihm tatsächlich befehlen durfte? Warum wollte er unbedingt vermeiden, dass man ihn hinauswarf?

Weil er auf seine Fragen keine vernünftige Antwort fand, wandte sich Patrick erneut der Restaurant-Chefin zu, um sich noch einmal für den peinlichen Vorfall zu entschuldigen. Anschließend setzte er sich wieder hin und aß sein mittlerweile nur noch lauwarmes Fleisch. Danach vertilgte er auch noch das völlig vergessene Toaste. Als er schließlich seinen Hunger gestillt und die Rechnung bezahlt hatte, kreiste der Zwischenfall immer noch in seinem Kopf herum. Und so überdachte er zum x-ten Mal sein Verhältnis zu seinem ehemaligen Schulkameraden, während er sich gleichzeitig auf den Weg ins Erdgeschoss machte. Er war sich mittlerweile selbst nicht ganz sicher, was sein Jugendfreund wirklich für ihn war. Die anderen betrachteten sie schon seit ihrer Kinderzeit als unzertrennliches Duo. Auch Eddy ging offenbar davon aus, dass sich nichts zwischen ihnen geändert hatte. Aber er selbst legte nicht mehr den geringsten Wert darauf, von Eddy „mein bester Kumpel“ gerufen zu werden, weil ihre Auffassung von Freundschaft ziemlich unterschiedlich war. Zudem besaß jeder von ihnen eine völlig andere Lebenseinstellung, was in letzter Zeit zu einigen Spannungen geführt hatte. Es würde also vermutlich nicht mehr lange dauern, bis sie sich tatsächlich ernsthaft in die Haare gerieten. Vielleicht … Nein, nicht heute Abend! Er hatte heute schon genug Ärger mit seinem Chef gehabt, der mit der geleisteten Arbeit nicht zufrieden gewesen war. Da brauchte er nicht auch noch eine Auseinandersetzung mit Eddy, die bestimmt richtig fies werden würde, sobald dieser begriff, dass man sich schon lange nicht mehr zu seinen Gefolgsleuten zugehörig fühlte.

Als Patrick hörte, wie viel er bezahlen sollte, um in die Diskothek eingelassen zu werden, schluckte er erst einmal. Weil er jetzt aber doch neugierig war, wie es wohl im Inneren aussehen mochte, legte er die verlangte Summe zähneknirschend auf die offene Handfläche eines Türstehers. Ja, dachte er, während einer der anderen Aufpasser einen fluoreszierenden Stempelabdruck auf seinem Unterarm platzierte, so konnte man auch dafür sorgen, dass das Lokal nur von gut betuchtem Publikum frequentiert wurde. Ein Normalsterblicher überlegte es sich nämlich zweimal, ob er wirklich so viel investieren wollte, nur um hineingelassen und so zu einem vermeintlich exklusiven Kreis dazu gezählt zu werden.

Obwohl er in der Vergangenheit oft da gewesen war, erschien Patrick das Innere der Disco auf den ersten Blick völlig fremd. Die Tanzhalle wirkte jetzt um einiges größer und heller, obwohl die Einrichtung immer noch aus dunklem Holz bestand. Allein die vielen überdimensionalen Spiegel, die man in die Wand-Vertäfelungen eingelassen hatte, gaukelten einem jetzt eine Weite vor, die nicht wirklich vorhanden war. Nun, Halle war nicht unbedingt das richtige Wort, denn der ebenerdige Bereich wurde von einer breiten und rundum laufenden Galerie eingerahmt, zu welcher zwei geschwungene Treppenaufgänge hinaufführten. Allein die Decke schien neu gemacht, denn da waren keine Disco-Kugeln und auch keine sichtbaren Scheinwerfer mehr.

Patrick verharrte für einen Moment auf der Stelle, um den Kopf in den Nacken zu legen und hinaufzuschauen. Dabei bekam er plötzlich den Eindruck, er stünde in einem überdachten Amphitheater, dessen vermeintlich durchsichtige Kuppel so real wirkte, als wäre da tatsächlich ein nachtschwarzer Himmel mit hell blinkenden Sternen. Später sollte er erfahren, dass man allerlei elektrische Spielereien sowie notwendige Beleuchtungseinheiten in die neue Deckenkonstruktion integriert hatte, um genau diesen Eindruck hervorrufen zu können.

Die ehedem aus allen Richtungen frei zugängliche Galerie bestand jetzt aus zwei Bereichen, stellte Patrick bei näherem Hinsehen fest. Der Großteil war nach wie vor mit Sitzgelegenheiten und niedrigen Beistelltischen vollgestellt, was schon zu Dancefloor-Zeiten für die Besucher gedacht gewesen war, die sich nicht stundenlang im Gedränge der Massen herumschubsen lassen wollten. Aber aus dem Teil, der sich über dem Eingangsbereich der Tanzhalle befand, hatte man offenbar so etwas wie eine komplett durch Trennwände separierte Bühne geschaffen, die man durch eine transparente Balustrade hindurch bis zum letzten Winkel einsehen konnte. Und genau dort hatte der DJ seinen neuen Platz erhalten. Wozu er so viel Raum benötigte, war allerdings nicht nachvollziehbar, denn der hyperaktive Typ brauchte, trotz seines Gekaspers und dem umfangreich scheinenden Equipment, maximal eine Fläche von acht Quadratmetern. Doch länger darüber nachzudenken, schien ihm müßig, weil er davon ausging, dass diese Maßnahme bestimmt einen Grund hatte, den er schon bald erfahren würde. Also sah er sich weiter neugierig um, denn da gab es noch einiges zu entdecken.

Patricks Blick blieb für ein paar Sekunden an einer auffällig gestylten Blondine mit Cocktail-Glas in der Hand hängen, die nur ein paar Schritte entfernt von ihm scheinbar gelangweilt an der Theke der ellenlangen Bar lehnte. Da sie jedoch für seinen Geschmack zu stark geschminkt und zudem schon ziemlich angetrunken war, schaute er sich die nächste Schöne an. Und das war wiederum eine Kellnerin im bis zum Kinn zugeknöpften Outfit. Wie es den anderen Jungs ging, wusste er nicht. Aber ihm schien die aufmerksam und zugleich distanziert wirkende junge Frau weitaus interessanter als die Mädchen, welche vor einem Jahr im extravaganten Minimum-Look – also wirklich nur mit dem Allernotwendigsten am Leibe – ihren Dienst verrichtet hatten. Nur eines war nicht geändert worden, stellte er ein bisschen enttäuscht fest, sobald ihm aufging, zu welchem Zweck die frei gebliebenen Flächen auf dem DJ-Balkon dienten. Auch der neue Manager wollte offenbar nicht darauf verzichten, sein Publikum durch Animateurinnen anheizen zu lassen. Gut, die Mädchen, die jetzt links und rechts des Platten-Auflegers in Position gingen, waren bei Weitem nicht so entblößt, wie ihre Vorgängerinnen, denn statt knapper Hotpants und Bikini-Tops trugen sie silbergraue lange Hosen und hüftlange Tunika, was an die futuristischen Uniformen von All-Reisenden erinnerte. Dennoch wirkten sie auf ihn ziemlich albern, wie sie da im sorgsam einstudierten Einklang ihre Choreografie abspulten.

Seinen Blick von den Tänzerinnen abwendend, entdeckte Patrick seinen Begleiter am entgegengesetzten Ende der Bar, wo dieser sich gerade einen Cocktail nach eigenen Wünschen mixen ließ. Im Grunde hatte er gar keine Lust, noch länger zu bleiben, denn es gab nichts Neues mehr zu sehen. Selbst die Möglichkeit einer neuen Eroberung reizte ihn nicht, weil die Mädchen, die ohne Begleitung da waren, allesamt nicht seinen Erwartungen entsprachen. Dennoch bestellte er sich ein Gin-Tonic und ging dann langsam in die Richtung, wo Eddy stand. Blöd, dachte er dabei für sich, dass er nicht mit dem eigenen Wagen da war. Na ja, sobald er ausgetrunken hatte, würde er sich verabschieden und dann zusehen, dass er einen Bus erwischte, der in seine Richtung fuhr. Und falls das nicht klappte, gab es auch noch Taxis.

„Du Verräter“, zischte Eddy böse, sobald er seinen Freund bemerkte. „Das hätte ich echt nicht von dir erwartet!“

„Was denn?“ Patrick war sich keiner Schuld bewusst. „Hätte ich vielleicht zulassen sollen, dass du dich an einem schwachen Mädchen vergreifst, nur weil es sich nicht befummeln lassen wollte? Außerdem: Wär’ ich nicht dazwischengegangen, wärst du jetzt nicht mehr hier drin!“

Da war was Wahres dran, musste sich Eddy eingestehen. Sein bester Kumpel hatte wirklich verhindert, dass man ihn auf höchst peinliche Weise rausschmiss. Dennoch wühlte der Zorn immer noch so heftig in seinem Bauch, dass er unbedingt ein Ventil brauchte, um sich abzureagieren.

„Diese elende Tunte!“ Das neue Ziel seiner Wut, in Gestalt der brünetten Frau aus dem Restaurant, stand gerade ein paar Schritte entfernt und unterhielt sich mit einem der Gäste. „Auch wenn ihm der Laden gehört, kann er nicht so mit mir umspringen! Der wird noch sein blaues Wunder erleben!“ Er hatte das letzte Wort kaum ausgesprochen, da registrierte er die Verständnislosigkeit im Gesicht seines Gesprächspartners, und lachte daraufhin schallend los. „Hast du das etwa nicht mitgekriegt?“, japste er schließlich. „Die Lady da drüben“, er deutete mit dem Zeigefinger auf die Person, die er meinte. „Das ist ein Kerl! Genauso wie einige seiner Lakaien! Jetzt guck nicht so doof. Ist doch ein offenes Geheimnis hier! Deshalb hab’ ich auch bei der Kleinen im Salt & Pepper mal nachgefühlt. Wollte einfach nur wissen, was sie wirklich ist.“

Patrick schluckte erst einmal kräftig, denn die Tatsache, dass man es geschafft hatte, ihn derart gründlich hinters Licht zu führen, überraschte ihn selbst am meisten. Er besaß doch sonst so ein gutes Auge für das schöne Geschlecht! Ja, er bildete sich sogar ein, sofort erkennen zu können, was bei einer Frau echt oder was ein künstlich erzeugter Eye-Catcher war! Also: Warum war ihm nicht gleich aufgefallen, dass die Gestalt im Gehrock keine typisch weibliche Stimme besaß? Wieso … Na ja, bei Luka klang sie ja auch ziemlich tief. … Aber die war auf jeden Fall weiblich! Ja, da war er sich absolut und hundertprozentig sicher!

Dem Manager, der sich nun durch die Tanzenden schlängelte, einen langen Blick nachschickend, grinste Patrick mit einem Mal über das ganze Gesicht. Das war also der besondere Kick in diesem Laden! Es waren vermutlich nicht nur die Kellnerinnen, die das Publikum darüber rätseln ließen, mit welchem Geschlecht man es nun wirklich zu tun hatte. Vielmehr war davon auszugehen, dass sich in der Menge auch einige Gäste tummelten, die man sonst nur in Travestie-Shows oder speziellen Clubs fand. Zugegeben, Männer in Frauenkleidern waren nicht unbedingt sein Ding. Aber er hatte auch nichts dagegen, wenn abseits der Norm veranlagte oder experimentierfreudige Menschen ihre Fantasien auslebten. Vorausgesetzt, es wurde niemandem etwas gegen seinen Willen aufgezwungen!

„Wir sollten uns zu den Jungs setzen“, unterbrach Eddy die Überlegungen seines Freundes. „Die Show fängt gleich an.“ Damit nahm er seinen fertigen Drink und machte sich anschließend auf den Weg zur Galerie. Oben angekommen, steuerte er sogleich eine der Sitzgruppen an, die in der Nähe der Abtrennung zur Bühne stand. Dabei sah er sich immer wieder nach seinem Begleiter um, um so sicherzustellen, dass dieser ihm auch wirklich folgte.

Obwohl ihm der Rest der Clique ziemlich zuwider war, folgte Patrick seinem Vordermann auf den Fuß. Na ja, er konnte nichts Konkretes beweisen, gestand er sich ein. Aber die Gestalten, die sein ehemaliger Schulkamerad seit einiger Zeit um sich scharte, waren allesamt irgendwie schräg drauf. Sie taten entweder sehr herzlich miteinander, oder sie gingen sich gegenseitig an die Gurgel. Nun, heute Abend würde er zum letzten Mal mit ihnen an einem Tisch sitzen, schwor er sich. Und das auch nur, weil er zum einen sein Gin-Tonic in Ruhe austrinken und zum anderen herausfinden wollte, warum Eddy so erpicht darauf war, die nächste Vorführung zu sehen.

„Geht gleich los“, versprach dieser, indem er seinen besten Freund zu sich auf den Zweisitzer zog, den man in aller Eile für ihn freigemacht hatte. „Pass auf, gleich wirst du was sehen, was dich garantiert aus den Schuhen haut.“

Der Angesprochene hatte keine Gelegenheit mehr, eine Frage zu stellen oder eine Bemerkung zu machen, denn in diesem Augenblick wurde die ohnehin gedämpfte Beleuchtung der Diskothek um eine weitere Stufe herunter gedimmt. Gleich darauf richteten sich mehrere kleine Scheinwerfer auf einen bestimmten Punkt rechts neben dem DJ-Platz, wobei ihr Licht wie silberner Regen wirkte. Und so schien es tatsächlich so, als habe sich die Gestalt, die im nächsten Moment wie aus dem Nichts dort auftauchte, buchstäblich aus den unzähligen Lichtpunkten materialisiert.

Im Gegensatz zu den beiden Mädchen, die sich vor ihr gezeigt hatten, trug die schwarzhaarige Solotänzerin kein sonderlich farbenfrohes Make-up. Dafür aber ein knöchellanges, beidseits geschlitztes Kleid aus dunkelroter schwerer Seide, welches ihren Körper locker umspielte. Dünne Spaghettiträger ließen golden schimmernde Haut an Armen und Schultern sehen, während die Konturen von Brust, Taille und Hüften durch die wechselnden Schatten auf dem leicht glänzenden Stoff mal verschwommen und mal ganz deutlich zu erkennen waren. Die Beine, die seitlich aus den Schlitzen des Kleides hervorblitzten, wirkten dadurch ungewöhnlich lang. Und die Füße steckten in schwarzen Riemchen-Sandaletten, deren hohe Absätze dafür sorgten, dass sich die gesamte Frauengestalt sehr aufrecht hielt.

Der Moment der Stille war beabsichtigt und führte wie erwartet dazu, dass die Aufmerksamkeit der Leute auf die Sonder-Darbietung gerichtet wurde. Als die Musik dann in gewohnter Lautstärke wieder einsetzte, zuckten einige leicht zusammen, wandten jedoch den Blick nicht ab.

Es war ein relativ langsames Stück, das entfernt an sphärische Entspannungsmusik erinnerte. Auch die Bewegungen der Tänzerin waren langsam und fließend, so als zelebriere sie ein besonderes Beschwörungsritual. Allein ihre enorme Gelenkigkeit entlockte dem einen oder anderen Zuschauer ein anerkennendes Murmeln. Es war nichts Aufreizendes und schon gar nichts Vulgäres an der Darbietung. Und doch waren die männlichen Beobachter allesamt wie gebannt, nicht fähig und auch nicht willens, die Solokünstlerin aus den Augen zu lassen.

Auch Patrick schaute einen Moment lang fasziniert zu, um seinen Blick schließlich über die Zuschauer wandern zu lassen, die in seiner Nähe saßen. Was in den einzelnen Köpfen vorging, konnte er nur ahnen. Allerdings glaubte er, genau zu wissen, was im Hirn des einen oder anderen vor sich ging, denn auch seine Fantasie hatte kurz zuvor einen Tagtraum produziert, der sich nur schwer wieder verscheuchen ließ. Sicher, die Tänzerin war weit davon entfernt, dem Typ Frau zu entsprechen, den er sonst bevorzugte. Dennoch gefiel sie ihm fast so gut wie die Kellnerin aus dem Restaurant. Und das nicht nur wegen ihrer gekonnt dargebotenen Show!

„Die muss ich haben“, murmelte Eddy, als die Musik endete und die Frau in Rot genauso schnell und spektakulär verschwand, wie sie aufgetaucht war.

Patrick hatte seinen ehemaligen Schulkameraden nie zuvor so verklärt grinsen gesehen. Doch die Vermutung, die mit seiner letzten Wahrnehmung einherging, schien ihm so absurd, dass er den Kopf schüttelte, ganz so, als müsse er eine lästige Fliege verscheuchen.

„Wie meinst du das?“ Er hatte eigentlich nicht fragen wollen, weil er ja bereits wusste, welche Antwort er erhalten würde. Dennoch waren ihm die Worte entschlüpft, ohne dass er sie zurückhalten konnte.

„Ich will sie haben!“ Die Stimme des Sprechers klang belegt, was deutlich machte, wie aufgewühlt er war. „Egal, wie viel es mich kostet!“

„Du willst sie kaufen?“ Patrick erinnerte sich, dass sein Sitznachbar oft teure Geschenke verteilte, um sich damit die Aufmerksamkeit und Zuwendung zu sichern, die er sich wünschte. Aber Sex für Geld war eigentlich noch nie infrage gekommen, weil dies nicht zu seinem Glauben passte, er sei ein Kerl, den eigentlich die Frauen für seine Mühe bezahlen müsste!

„Nadja ist doch keine Nutte!“ Eddy ärgerte sich, weil man ihn offenbar mit Absicht missverstand. „Ich will sie aus der Nähe sehen und mit ihr reden. Und wenn wir uns dann besser kennen, will ich auch andere Sachen mit ihr machen. Was ist daran so schwer zu begreifen?“

„Wo ist das Problem?“, wunderte sich Patrick.

„Das Scheiß Problem ist, dass ich gar nicht erst an sie herankomme, um sie selbst nach einem Date zu fragen“, erwiderte Eddy böse. „Hab’ schon ein paarmal versucht, mit ihr in Kontakt zu kommen. Aber man hat mich immer wieder mit einer albernen Ausrede abgespeist. Angeblich weiß keiner, wohin sie nach ihrem Auftritt verschwindet. Und ihre Telefonnummer hat auch keiner. Aber irgendwann, glaub mir, irgendwann krieg ich sie zu fassen! Ich schwör’ dir, ich finde heraus, wo ich sie finden kann. Und dann …“

Patrick hörte schon gar nicht mehr hin, denn die Fantasien und Pläne seines Nebenmannes interessierten ihn nicht wirklich.

„Ich bin erledigt.“ Er stand bereits auf den Füßen und sah auf seinen ehemaligen Schulkameraden hinunter. „Ihr könnt ja ohne mich weitermachen.“

„Spielverderber!“ Eddy schien schon wieder vergessen zu haben, dass er gerade noch wütend gewesen war, denn er lachte breit. „Dabei wollten wir jetzt weiter ins Westside. Willst du die Kleine vom letzten Mal wirklich umsonst warten lassen? Wenn ich mich nicht irre, war die ziemlich scharf auf dich!“

„Wir haben nur ein paar Mal zusammen getanzt, weil ihr Freund keine Lust dazu hatte“, erwiderte Patrick gleichmütig. „Und das ist jetzt schon vier Wochen her. Sie hat mich längst vergessen. Also, wenn jemand auf mich wartet, dann ist das meine Matratze zu Hause.“ Damit ging er.

2

In Gedanken versunken ging Tim die Straße entlang. Doch mit einem Mal fühlte er sich verfolgt, sodass er schnell über die Schulter zurücksah, um zu prüfen, wer oder was ihm da hinterherlief.

„Na du kleiner Streber.“ Tobi war nur noch ein paar Schritte entfernt, holte aber beständig auf. „Hast ja wieder mal ’nen tollen Auftritt gehabt.“

Der Gerufene indes dachte nicht im Traum daran, stehenzubleiben, um auf seinen Klassenkameraden zu warten. Ganz im Gegenteil wurde er jetzt immer schneller, sodass sich der Abstand zwischen ihnen wieder ein bisschen vergrößerte. Dabei bedauerte er, dass er sich nicht wie gewohnt versteckt hatte, bis sein Erzfeind an ihm vorbei war, was ihm die nun bevorstehende Auseinandersetzung erspart hätte. Sein Verfolger war genauso alt wie er selbst. Aber er war um eine gute Kopflänge größer. Außerdem schien Tobi wieder einmal ziemlich scharf darauf zu sein, seine Fäuste fliegen zu lassen. Der Grund dafür war diesmal das Ergebnis der Deutscharbeit, welches kurz vor Schulschluss von ihrer Klassenlehrerin bekannt gegeben wurde. Na ja, der Vergleich zwischen dem besten und dem schlechtesten Schüler hatte beim Rest der Klasse nicht nur Schadenfreude, sondern auch hämisches Lachen hervorgerufen, obwohl dies ganz sicher nicht die Absicht von Frau Dietrich gewesen war. Und Tobi, das großmäulige Mitglied einer schlagfreudigen Bande von Schulversagern, hatte dies als weitere Beleidigung aufgefasst, was seine Wut nur noch angestachelt hatte. Es lag also auf der Hand, dass er sich für die angebliche Erniedrigung rächen wollte. Das Problem war nur, dass er selbst so gar keine Lust darauf verspürte, als Box-Sack herzuhalten, damit sich der andere wieder besser fühlen konnte.

„He, Streber! Bleib endlich stehen“, schrie Tobi. „Du kannst mir eh nicht davonlaufen! Ich krieg dich ja doch!“

Obwohl Tim wusste, dass es im Grunde wirklich keine Chance für ihn gab, ungeschoren davonzukommen, begann er dennoch zu rennen. Der vollgepackte Schul-Rucksack auf seinem Rücken hüpfte dabei im Rhythmus seiner Schritte auf und ab, wobei er jedes Mal schmerzhaft in sein Kreuz schlug. Schon konnte er die Straßenecke sehen, an welcher er die Autowerkstatt wusste, in die er sich notfalls retten und hinter einem der Wagen verstecken konnte. Nur noch ein paar Schritte, dann wäre er in Sicherheit!

Japsend vor Anstrengung rannte der Verfolgte den Bürgersteig entlang. Doch dann tauchte in einiger Entfernung eine Hürde auf, die ihn zunächst ratlos machte, weil er nicht auf Anhieb wusste, wie er sie am besten meistern sollte.

Der Besitzer eines kleinen Schreibwarenladens hatte am Vormittag direkt neben seinem Ladeneingang mehrere Stapel alter Kartons für die Müllabfuhr bereitgestellt. Unglücklicherweise nahmen diese Abfallpakete fast die gesamte Breite des Trottoirs ein, sodass kaum noch Platz für die Fußgänger blieb. Man konnte zwar auf die Fahrbahn ausweichen, um das Hindernis zu umgehen, doch war das nicht ungefährlich, denn dort herrschte reger Verkehr.

Tim versuchte trotz seiner Eile auf dem Fußweg zu bleiben und den aufeinandergestapelten Kartons so gut es ging auszuweichen. Er war schon fast vorbei, da kam er doch noch ins Stolpern und fiel der Länge nach hin. Gleich darauf fühlte er sich gepackt und wieder auf die Füße gezerrt.

„Ich hab’ dir doch gesagt, du kannst mir nicht abhauen“, keuchte Tobi, während er seinen Gegner wie einen alten Mehlsack zu schütteln begann. „Jetzt kannst du was erleben, du Pfeife! Nur weil du nicht auf mich gewartet hast, hab’ ich meine Tasche in den Dreck schmeißen müssen!“ Mit einer Faust mehrmals gegen Tims Unterarme boxend, mit welchen dieser seinen Kopf schützen wollte, hielt er ihn mit der anderen Hand weiterhin am Schultergurt seines Rucksacks fest. „Du wirst jetzt gefälligst mitkommen und meine Tasche sauber machen. Und danach machst du meine Aufgaben. Hast du mich verstanden? Erst wenn du das gemacht hast, lass ich dich vielleicht zu Mami nach Hause gehen.“

Tims abwehrende Armhaltung konnte nicht verhindern, dass ihn der nächste Faustschlag schmerzhaft am Kinn traf. Und nur einen Augenblick später blieb ihm buchstäblich die Luft weg, weil man ihn mit aller Kraft in den Magen boxte. Also schlang er seine Arme um seine Mitte und krümmte sich vor Schmerz. Doch damit gab er den Schutz seines Kopfes auf, was umgehend ausgenutzt wurde. Tränen des Zorns und der Hilflosigkeit trübten seinen Blick. Dennoch traute er sich nicht, irgendeine Gegenwehr zu zeigen, aus Angst, sein Widersacher könnte dann noch brutaler werden.

Der Misshandelte meinte schon, sein Peiniger wolle gar nicht mehr aufhören, da wurde er plötzlich losgelassen. Für ein oder zwei Sekunden unschlüssig, ob er es wagen könne, den Kopf zu heben, stellte er sich dann doch gerade hin, um sich verwundert umzuschauen. Allerdings schien ihm das, was er nun zu sehen bekam, so unwirklich, dass er zunächst glaubte, es handele sich um einen Traum oder eine Wunschfantasie. Hatte Tobi bis eben noch ihn festgehalten und geboxt, wurde er nun selbst am Kragen gehalten und wie ein junger, ungehorsamer Hund durchgeschüttelt. Woher der Mann in der schwarzen Jeans und dem hellblauen Polohemd gekommen war, konnte er nicht nachvollziehen. Aber er war höchst dankbar dafür, dass der jetzt den aggressiven Schläger in der Mangel hatte!

„Elender Feigling!“ Der Unbekannte ließ das Schütteln endlich sein. Stattdessen stellte er den offenkundig zutiefst schockierten Jungen so vor sich hin, dass er ihm in die Augen sehen konnte. „Legst dich mit Schwächeren an, weil du dich nicht an deinesgleichen herantraust, ja? Wie armselig!“ Er hob einen Arm, ganz so, als wolle er zu einer Ohrfeige ausholen. Aber er griff sich bloß das linke Ohr seines Gegenübers und zog einmal kurz daran. „Hau bloß ab, du blöde Arschgeige“, schimpfte er. „Und komm ja nicht noch mal auf die Idee, meinen Freund anzufassen. Haben wir uns verstanden?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er den immer noch vor Schreck ganz starren Tobi grob an dessen Schulter herum und schubste ihn weg. „Mach schon“, befahl er im strengen Tonfall. „Hau endlich ab!“

Tim sah seinen gefürchteten Erzfeind flüchten, so als wäre eine ganze Horde wilder Affen hinter ihm her, und hätte am liebsten gelacht. Doch die aufgerissene Unterlippe machte dies völlig unmöglich. Also musterte er seinen Retter mit einem vorsichtigen Grinsen. Doch nicht so groß, wie er zuerst gedacht hatte, stellte er überrascht fest. Aber das war nicht weiter wichtig. Immerhin war er ja stark genug gewesen, um den Schläger wegzujagen! Er hatte rotblonde Haare und blaue Augen. Und seine Nase sah ein bisschen schief aus. Na ja, vielleicht hatte er ja auch mal gegen einen Tobi kämpfen müssen und sich dabei den Riechkolben verbogen!

„D… Danke“, brachte er endlich heraus.

„Was wollte der denn von dir?“, fragte der Fremde, indem er sich die Hände an seiner Jeans abrieb, so als wären sie schmutzig oder feucht.

„Weiß nich’“, erwiderte der Gefragte mit einem scheinbar gleichmütigen Schulterzucken. „Vielleicht nur seinen Spaß haben. Macht der öfter. Nur so aus Jux.“

„Und du wehrst dich nicht?“, wunderte sich sein Retter.

„Nö“, entgegnete Tim. „Hat keinen Sinn. Wenn ich es täte, würde es wahrscheinlich noch viel schlimmer werden.“

„Hast du denn keine Freunde, die dir helfen könnten?“, fragte sein Gegenüber.

„Nö.“ Tim fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog, und hoffte insgeheim, dass man ihm nicht ansah, wie sehr er darunter litt, dass man ihn wie einen Aussätzigen behandelte. Tobi war nur einer von vielen, die ihn nicht leiden konnten! „Die wollen alle nichts mit mir zu tun haben.“ Bewusst eine gelangweilt-gleichgültige Miene zur Schau tragend, versuchte er erneut, ein Grinsen zustande zu bringen. „Sie können nicht verstehen, warum ich bei ihren albernen Streichen nicht mitmachen will. Aber das ist alles blöder Kinderkram, verstehen Sie. Außerdem mag ich auch gar nicht zu ihnen gehören. Ich bin gern allein.“ Eine Lüge, ja. Aber das musste der Fremde ja nicht wissen!

„Was dagegen, wenn ich dein Freund werde?“ Der Mann streckte die Hand aus. „Ich bin Eddy. Und wie heißt du?“

„Nein, ich … Tim. Mein Name ist Tim.“ Er zögerte kurz, bevor er die Hand seines Gegenübers ergriff, um sie kurz zu drücken. „Alle nennen mich bloß Tim“, fügte er erklärend hinzu. „Aber eigentlich heiße ich Tillmann.“

„In Ordnung, Tim.“ Eddy grinste befriedigt, denn er fühlte sich äußerst wohl in seiner Haut. Er wusste genau, wie es in dem Jungen aussah. Schließlich hatte er während seiner Grundschulzeit ähnliche Erfahrungen machen müssen, wie sein schmächtiger Schützling heute. Und die Tatsache, dass er nun wie ein unbesiegbarer Held verehrt wurde, bescherte ihm ein schier grenzenloses Hochgefühl. „Da wir nun Freunde sind, bringe ich dich auch nach Hause. Wo wohnst du denn?“

„Das … Ich …“ Tim erinnerte sich mit einem Mal an alle Ermahnungen und Ratschläge, die seine Mutter immer wieder herunterbetete. Dennoch wollte er seinen Retter nicht vor den Kopf stoßen, indem er rundweg Nein sagte. „Ich wohne gar nicht weit von hier“, versuchte er sich herauszureden.

„Muss nur noch um die nächste Straßenecke, dann bin ich schon da.“

„Hast du etwa Angst, ich könnte dich entführen, um dich an Kinderhändler zu verkaufen?“ Eddy sah den Jungen mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an, wobei seine amüsierte Miene deutlich verriet, dass er sich keineswegs beleidigt fühlte.

„Ne, ich … Also, so war das ganz bestimmt nicht gemeint“, wehrte sich Tim. „Sie haben …“

„Du“, unterbrach Eddy.

„Was? Ich …“ Tim stand irgendwie auf der Leitung. „Was meinen Sie?“

„Freunde duzen sich“, erklärte Eddy im bewusst geduldigen Tonfall. „Wir haben unsere Freundschaft doch eben erst mit einem Handschlag besiegelt. Weißt du nicht mehr? Freunde duzen sich nicht nur, sie haben auch Vertrauen zueinander. Oder liege ich da falsch?“

Der Zurechtgewiesene biss sich auf die Unterlippe, was ihn sogleich vor Schmerz zusammenfahren ließ. Er wusste, dass man ihn für feige und undankbar halten würde, wenn er sich weiterhin weigerte, in ein Auto einzusteigen, welches von einem hilfsbereiten Menschen gefahren wurde. Aber so ohne Weiteres nachgeben wollte er trotzdem nicht, denn Eddy war doch nach wie vor ein völlig fremder Mann für ihn!

„Es ist wirklich nicht weit“, brachte er schließlich heraus. „Ich wohne in der Bahnhofstraße drei. Sie, äh … Du hast doch bestimmt Wichtigeres zu tun, als mich nach Hause zu chauffieren. “

„Okay.“ Eddy hatte keine Lust, sein Angebot noch einmal zu wiederholen. Im Grunde war er sogar ganz froh, dass er nun auf direktem Weg zu Patrick in die Werkstatt fahren konnte, um die anstehende Inspektion durchführen zu lassen. „Man sieht sich.“ Damit machte er auf dem Absatz kehrt und ging dann in die Richtung seines Autos, welches er am Straßenrand abgestellt hatte.

Tim stand unterdessen mit weit aufgerissenen Augen immer noch auf dem gleichen Fleck und bekam den Mund nicht mehr zu. Das war ja ein Hammerteil! Ein Mercedes-S-65-AMG in schwarz metallic! Boah! Ein Wagen, der laut Tacho-Skala locker an die dreihundertsechzig Sachen fahren konnte! Technik und Ausstattung vom Allerfeinsten! AMG-Schmiede-Räder im Vielspeichen-Design und Zweihundertfünfundfünfziger Schlappen vorne drauf! Ein Teil wie ein Traum! Und er hatte die Gelegenheit verpennt, wenigstens einmal in so einem Wahnsinnsauto mitzufahren!

„Na?“ Eddy war schon an der Fahrertür angelangt, da fiel ihm endlich auf, dass der Junge noch nicht gegangen war. Und weil der Kleine in der Tat hin und weg zu sein schien, angesichts des tollen Wagens, entschied er spontan, dass er sich noch ein bisschen in dessen Bewunderung sonnen wolle. „Vielleicht denkst du noch einmal über mein Angebot nach?“

„Ich … Das …“ Tim hatte keineswegs vergessen, was ihm blühen könnte, falls sich seine neue Bekanntschaft am Ende doch als ein schräger Vogel entpuppte. Aber die Verlockung war einfach zu groß! „Aber nur wenn’s keine Umstände macht.“

„Na dann komm“, forderte Eddy ihn auf.

Das ließ sich Tim nicht noch einmal sagen. Fast rannte er, um zu dem Wagen zu kommen, den er bisher nur aus der Ferne oder in Zeitschriften bewundert hatte. Dass er sich jetzt wirklich und wahrhaftig in so einen Wahnsinnsschlitten hineinsetzen durfte, machte ihn sprachlos vor Glück. Und so schob er sich mit vor Ehrfurcht weit aufgerissenen Augen auf das rote Leder des Beifahrersitzes, um von dort aus alle Einzelheiten des Innenraumes genau zu studieren. Da steckte wirklich viel Geld drin. Oh ja. Er kannte sich mit den Automarken und deren speziellen Eigenheiten gut aus, denn das waren Themen, mit denen er sich stundenlang beschäftigen konnte. Für ihn stand nämlich schon lange fest, dass er, wenn er mal mit der Schule fertig war, Automechaniker werden wollte. Am liebsten so einer, der in einem berühmten Rennstall für einen wie Sebastian Vettel arbeitete und mit seinem Team um die Welt reiste.

„Die Kiste gefällt dir wohl?“, fragte Eddy, sobald sie beide im Auto saßen.

Tim nickte bloß.

„Hab’ ich mir selbst erarbeitet“, verkündete Eddy stolz, indem er den Motor startete. „Wenn du mal größer bist, zeige ich dir, wie man so was macht. Ist gar nicht so schwer. Man muss nur einen guten Riecher für bestimmte Geschäfte haben, dann läuft die Sache fast von selbst.“ Da er schon kurz nach dem Start an einer roten Ampel stehen bleiben musste, nutzte er die Gelegenheit, um seinen Beifahrer ausgiebig zu mustern. Hellbraunes Haar, graublaue Augen und eine ziemlich schwächlich anmutende Statur, stellte er fest. Im Grunde nichts Besonderes. Dennoch – Irgendwie gefiel ihm der Kleine. „Wie alt bist du eigentlich?“, wollte er wissen.

„Dreizehn.“ Tim hatte das Wort kaum ausgesprochen, da bemerkte er die Überraschung im Gesicht seines Chauffeurs. „Ich weiß, ich seh’ nicht so aus“, beeilte er sich zu erklären. „Aber es stimmt. Bin halt ein bisschen klein geraten. Na ja, vielleicht ändert sich das mal. Aber eigentlich ist mir das ziemlich egal.“ Wieder eine Lüge, dachte er bekümmert. Es war ihm nicht egal. Aber das musste man ja nicht gleich jedem erzählen.

Eddy indes hörte gar nicht mehr richtig zu, denn seine Aufmerksamkeit wurde von einer schwarzhaarigen jungen Frau abgelenkt, die gerade vor seinem Auto über die Straße rannte, weil die Fußgängerampel schon wieder auf Rot umgesprungen war.

„Scharfes Teil, oder?“ Ein breites Grinsen auf den Lippen sah er Beifall heischend zu seinem Beifahrer hinüber. Als er jedoch dessen verständnislosen Blick auffing, fiel ihm jäh wieder ein, dass er es gerade mit einem Jungen zu tun hatte, der vermutlich noch nicht einmal richtig aufgeklärt war. „Die Tussi da meine ich“, versuchte er zu verdeutlichen, indem er mit dem Zeigefinger seiner Rechten auf das Mädchen deutete, welches mittlerweile auf der anderen Straßenseite angelangt war. Ein ultrakurzer Rock ließ lange Beine in kniehohen Stiefeln sehen, während ihr Busen die Jacke zu sprengen drohte, die knapp über ihrer Taille endete.

„Das ist Lisa“, stellte Tim daraufhin völlig unbeeindruckt fest. „Die kenn’ ich aus der Schule.“

„Ne, oder?“ Eddy schaute sich sichtlich verblüfft nach dem Mädchen um, während er langsam anfuhr.

„Doch“, beharrte Tim. „Sie ist fünfzehn und geht in die achte Klasse auf meinem Gymnasium.“

„Hm.“ Was raffiniert aufgetragene Schminke und sexy Klamotten doch ausmachten, dachte Eddy mit widerwilliger Anerkennung. Nun, man war offenbar gut beraten, wenn man seine nächste Eroberung zuerst nach ihrem Alter fragte, bevor man mit ihr in die Kiste stieg. Wär’ nämlich hirnverbrannt, in den Knast zu wandern, nur weil man einem knackigen Hintern nicht widerstehen konnte, der einer Minderjährigen gehörte. „Trotzdem scharfes Teil“, beharrte er. „Findest du nicht?“

„Nö.“ Tim konnte das Mädchen tatsächlich nicht leiden, weil er es für eingebildet hielt und zudem genau wusste, dass sie seinen Lieblings-Lehrer durch eine absichtliche Lüge fast um seinen Job gebracht hätte. „Ich finde Autos toll. Und Videospiele.“

„Ach ja?“ In Eddys Hinterkopf flammte sogleich eine Idee auf. „Hast du denn welche?“, wollte er wissen.

„Nö.“ Tim biss sich auf die malträtierte Unterlippe, was ihn ein weiteres Mal vor Schmerz zusammenfahren ließ. „Die Dinger sind sauteuer, weißt du. Und wir haben … Also …“ Jetzt ärgerte er sich darüber, dass er überhaupt davon angefangen hatte. „Es gibt Wichtigeres.“ Den Blick starr geradeaus gerichtet, hoffte er im Stillen, sein Chauffeur würde nicht weiter bohren, denn er wollte einem Fremden nicht unbedingt auf die Nase binden, wie angespannt die finanzielle Situation seiner Familie war.

„Ich hab’ ein paar zu Hause, die ich nicht mehr brauche.“ Eddy besaß in der Tat noch eine technisch überholte Spielkonsole samt dazugehörigen Spielen, die er eigentlich für die Mülltonne vorgesehen hatte. Aber nun tat sich eine weitere Möglichkeit auf, um Pluspunkte zu sammeln. „Die kannst du haben, wenn du willst“, bot er an.

„Und was müsste ich dafür tun?“ Tim war beileibe nicht auf den Kopf gefallen. Niemand verschenkte solche Sachen einfach so. Schon gar nicht an jemanden, den man noch gar nicht richtig kannte.

„Na hör mal.“ Eddy war ehrlich empört, denn die beabsichtigte Schenkung war in der Tat völlig uneigennützig offeriert worden. „Was denkst du denn von mir?“ Die plötzlich hochroten Wangen seines jugendlichen Beifahrers ließen nicht nur seine Verärgerung gleich wieder abflauen, sondern auch einen Gedanken durch seinen Kopf geistern, den er jedoch gleich wieder beiseiteschob. „Ich dachte nur, bevor ich sie wegwerfe, geb’ ich sie lieber jemandem, der noch was damit anfangen kann.“

„Okay.“ Tim war immer noch nicht ganz wohl bei der Sache. Dennoch wollte er nicht riskieren, dass sich sein neuer Freund aufgrund seiner kindischen Sturheit gleich wieder von ihm lossagte.

„Gut.“ Eddy war jetzt wieder bester Laune, denn die Vorstellung, mit was für einem Gesicht der Kleine am nächsten Tag sein Geschenk betrachten würde, erfüllte ihn mit freudiger Erwartung. „Ich hole dich morgen Mittag von der Schule ab. Einverstanden?“

„Okay.“ Tim hasste es zwar, sich wie ein Papagei zu wiederholen, hatte aber keine andere Antwort parat.

3

Die Stufen zum Büro des Managers eilig hinaufsteigend, versuchte Luisa, die von ihren Freunden allgemein nur Luk oder Luka genannt wurde, zu erraten, was ihr Boss von ihr wollen könnte. Er hatte schon vor zehn Minuten nach ihr geschickt, erinnerte sie sich. Aber sie war bis jetzt nicht dazu gekommen, der Aufforderung zu folgen. Nein, Angst vor einer Strafpredigt oder gar einer Kündigung hatte sie nicht. Warum auch, wo sie doch allein durch ihre Arbeit in der Disco aufgehalten wurde. Dennoch wollte sie ihren Chef nicht noch länger warten lassen, weil sie genau wusste, wie unausstehlich dieser werden konnte, wenn ihm etwas zu lange dauerte. Wie eine Diva, dachte sie grinsend. Roxy, alias Rolf Wegener, spielte seine Rolle stets konsequent und absolut überzeugend, sodass es immer schwerer fiel, sich daran zu erinnern, dass er gar keine Frau war!

„Na endlich!“ Die groß gewachsene Gestalt im obligatorischen Gehrock vollführte eine ungeduldige Wink-Bewegung, sobald sich die Tür weit genug geöffnet hatte, um den Neuankömmling sehen zu lassen. „Wurde ja auch langsam Zeit. Wo hast du denn bloß gesteckt?“

Die Angesprochene wollte gerade zu einer ironischen Antwort ansetzen, da bemerkte sie den Fremden, der bisher neben Rolfs Schreibtisch gesessen hatte, der jetzt aber aufstand, um ihr erwartungsvoll entgegenzuschauen. Ein Durchschnittstyp, urteilte sie spontan. Nicht viel größer als sie selbst, aber von gedrungenem Körperbau. Er besaß ein Dutzendgesicht, welches von silbergrauem, sehr sorgfältig geschnittenem Haar sowie einem gleichfarbigen Vollbart umrahmt wurde. Allein der unverwandte Blick seiner grauen Augen weckte ein unangenehmes Gefühl in ihr, denn er schien sie wie eine Ware zu taxieren, die es vor dem Kauf sorgsam zu prüfen galt.

„Nu steh doch nicht wie ein Ölgötze da!“ Rolf fuchtelte immer noch mit den sorgfältig manikürten Händen herum, so als könne er seine Angestellte dadurch schneller herbeiholen. „Komm her und sag meinem Freund Hallo.“

„Guten Abend.“ Mittlerweile am Schreibtisch angelangt, übersah Luisa mit voller Absicht die ausgestreckte Hand, die man ihr zum Gruß reichte.

„Ich hab’ keine ansteckende Krankheit, falls Sie sich davor fürchten“, stellte der Fremde daraufhin mit einem ironischen Lächeln fest.

„Das hat nichts mit Ihnen zu tun“, wehrte sie sich. „Ich habe nur grundsätzlich etwas gegen Körperkontakt mit Fremden.“

„Okay.“ Er zog seine Hand zurück. „Mein Name ist Benno Hoffmann. Schön, Sie kennenzulernen, Frau Kant.“

Da ihr Gegenüber nun schwieg, sah sie ihn fragend an, denn sie erwartete eine Erklärung dafür, wieso sie so dringend ins Büro kommen sollte. Allerdings schienen weder Benno noch ihr Chef gewillt, diese Aufgabe von sich aus zu übernehmen.

„Okay.“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nun ausschließlich auf Rolfs Freund. „Wenn Sie ein Foto von mir haben wollen, hätten Sie eine Kamera mitbringen sollen.“ Sie wählte bewusst einen angriffslustigen Ton, um ihren Ärger über sein unhöfliches Starren deutlich zu machen. „Erzählen Sie mir jetzt endlich, was Sie von mir wollen. Wenn nicht, gehe ich wieder. Schließlich macht sich meine Arbeit nicht von selbst.“

Statt wie ein ertappter Sünder den Blick abzuwenden, lachte Benno bloß erheitert auf, während er ihre Erscheinung ein weiteres Mal von Kopf bis Fuß begutachtete.

„Ich bin vor ihrem Mundwerk gewarnt worden“, begann er schließlich. „Aber dass Sie so direkt sind, damit hab’ ich nicht gerechnet. Nun gut. Sie sollen für mich vermitteln.“ Das amüsierte Lächeln schwand, um einer geschäftsmäßig ernsten Miene Platz zu machen. „Ich möchte nämlich Ihrer Freundin Nadja ein sehr lukratives Angebot machen.“

„Wenn Sie ein Betthäschen suchen, hätten Sie sich besser in der Warteschlange vor dem Eingang umgesehen. Nadja ist Tänzerin, keine …“

„Das reicht jetzt, Luka“, unterbrach Rolf mit strenger Stimme. „Wo bleibt deine gute Erziehung, meine Liebe?“ Den Arm seiner Angestellten so fest umfassend, dass sie sich nicht befreien konnte, zog er sie gleich darauf mit sich zu der Sitzgruppe, welche eine der Ecken in dem weitläufigen und mehreren Zwecken dienenden Raum einnahm. „Benno hat mir ein Geschäft vorgeschlagen“, erklärte er dabei. „Und ich denke, ich sollte darauf eingehen. Jetzt muss ich nur noch wissen, ob ich auf Nadja zählen kann.“

Luisa konnte sich immer noch keinen Reim darauf machen, was sie mit der ganzen Sache zu tun haben sollte. Sicher, sie wurde für ihre Arbeit als Kellnerin von Rolf bezahlt – und das genauso fair wie alle anderen auch. Außerdem waren sie schon seit mehreren Jahren befreundet. Nichtsdestotrotz hatte ihr Boss bisher noch nie mit ihr über geschäftliche Angelegenheiten gesprochen! Wieso jetzt auf einmal?

Zwischenzeitlich direkt vor einem der Sessel angekommen, entdeckte Luisa zwei große Koffer. Aber erst, nachdem ihr Chef die beiden Deckel geöffnet hatte, begriff sie, worum es tatsächlich ging.

„Das kannst du vergessen!“ Ihre Miene drückte zunächst nur bestürzte Überraschung aus. Doch gleich darauf sanken ihre Mundwinkel herab, was deutlich machte, wie sie über den Inhalt der Koffer dachte. „Nadja ist keine Stangenakrobatin! Sie wird auf gar keinen Fall eines dieser Fummel anziehen, um die Kerle im Saal anzuheizen!“ Sie wollte sich abwenden, um den Raum wieder zu verlassen. Doch kam sie nicht weit, weil man erneut ihren Arm umklammerte, um sie so zum Bleiben zu zwingen.

„Jetzt halt’ einfach mal die Klappe und hör gefälligst zu!“ Rolf war sichtlich verstimmt. „Niemand verlangt von Nadja, dass sie an einer Stange herumturnen soll. Sie soll nur beim Tanzen diese Sachen anziehen, um sie dem Publikum vorzustellen. Ist ja auch gar nichts dabei, verstehst du. Sie wäre sozusagen ein Mannequin, das die Modelle vorführt, die man im Laden meines Freundes kaufen kann.“

„Na klar“, stieß Luisa verächtlich hervor. „Ein Mannequin mit ein paar Stoffstreifen am Leib, wobei Busen und Hintern besonders gut zur Geltung kommen, weil sie sorgfältig ausgespart sind! Für wie bescheuert hältst du mich eigentlich?“ Der jetzt einsetzende und stetig wachsende Ärger brachte ihre Augen zum Blitzen. „Nadja wird sich auf diesen Deal garantiert nicht einlassen!“ Die Hand ihres Vorgesetzten gewaltsam von ihrem Arm lösend, trat sie anschließend zwei Schritte zurück, um sich so aus seiner Reichweite zu bringen. „Hast du etwa vergessen, was du ihr versprochen hast? Nur tanzen! Nicht mehr!“ Zu ihrer Wut gesellte sich nun auch die Enttäuschung darüber, dass man ihre Freundschaft offenbar auf übelste Weise missbrauchen wollte. Und das bewirkte, dass ihr kurzfristig die Worte fehlten. Doch dann straffte sie sich. „Auf eines kannst du Gift nehmen, mein Lieber“, erklärte sie mit dumpfer Stimme. „Ich werde nicht zulassen, dass man Nadja auf diese Weise benutzt! Du hast sie zur Solonummer in deinem Laden gemacht, weil sie angeblich nicht so durchschnittlich ist, wie die anderen Mädchen. Aber wenn du es drauf anlegst, werde ich ihr raten, zu kündigen. Jawohl! Sie soll sich eine andere Stelle suchen, denn hier wird sie bloß verheizt! Wenn sie sich auf diese Weise hätte produzieren wollen, wär’ sie jetzt nicht bei dir angestellt, sondern in einem der Häuser, wo man keine falschen Versprechungen macht.“

„Bevor ihr euch an die Gurgel geht“, schaltete sich nun Benno ein, „möchte ich etwas klarstellen.“ Während er redete, ging er hin, um ein paar Stücke aus einem der Koffer zu heben. „Es handelt sich keineswegs um Reizwäsche im herkömmlichen Sinne“, erklärte er in die Richtung der jungen Frau, die jetzt mit verschränkten Armen und abweisendem Gesicht zwischen Schreibtisch und Ausgangstür stand. „Es sind Einzelstücke, die nur in ihrer Form gezeigt werden sollen, aber später individuell für den Kunden angefertigt werden. Außerdem. Wenn Sie genau hinsehen würden, Frau Kant, dann würden Sie feststellen, dass die Teile wirklich nicht vulgär sind.“ Um seine Worte zu beweisen, drapierte er eines der Bekleidungsstücke über einem der Sessel. „Ein bisschen freizügig, ja“, gab er zu. „Aber nicht ordinär. Sehen Sie! Es betont die jeweiligen Vorzüge der Trägerin oder des Trägers. Aber es hat wirklich nichts mit den Sachen zu tun, die man bei Pornostars oder in Bordellen zu sehen bekommt.“ Seine Hand strich ein paar Falten glatt, um die Geschmeidigkeit des Materials zu verdeutlichen. „Darin kann man sogar ein wenig besser aussehen als in normalen Sachen“, dozierte er. „Es formt und stützt zugleich, wobei man nie das Gefühl bekommt, in einem Korsett festzustecken.“

Allein um nicht als kleinkarierte Zicke angesehen zu werden, betrachtete Luisa das Kleid. Dabei biss sie sich auf die Unterlippe, um so eine weitere spontane Äußerung ihres Unwillens schon im Keime zur ersticken. Na ja, vielleicht hatte sie sich doch getäuscht, gestand sie sich insgeheim ein. Auf den ersten Blick hätte man in der Tat meinen können, das Teil bestünde aus weich fließender Seide. Aber der Schein trog! Der Latex war unter äußerster Sorgfalt verarbeitet worden, wobei die Oberfläche wie eingeölt wirkte und zudem einen metallenen Schimmer aufwies. Und Benno hatte nicht gelogen, als er sagte, da wäre nichts Ordinäres bei. Auch wenn das Kleidungsstück den Körper des Modells hauteng umschließen würde, wäre die Trägerin doch komplett bekleidet, was ihre eigenen Befürchtungen und Vorwürfe völlig unsinnig machte. Dennoch mochte sie sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass das Wunsch-Mannequin der beiden Männer wie ein Lustobjekt präsentiert werden sollte.

„Nadja wäre trotzdem so gut wie nackt“, begehrte sie auf, wobei dieser Einwand bei Weitem nicht mehr so ablehnend klang, wie ihre erste Reaktion. Gleich darauf sah sie, wie Rolf und Benno einen erleichterten Blick tauschten, was eine neue Zornwelle in ihr aufsteigen ließ. „Und sie würde die Kerle trotzdem heiß machen, auch wenn ihr euch dessen nicht bewusst seid, oder es einfach nicht wahrhaben wollt!“

„Nadja macht die Kerle selbst in einer uralten Jeans und einem durchlöcherten Pullover kirre“, erklärte Rolf im geduldig-nachsichtigen Tonfall. „Also reg’ dich ab und hör dir erst mal an, wie viel deine holde Freundin dabei verdienen kann. Sie soll die Outfits nämlich gar nicht kostenlos vorführen. Wenn sie mitmacht, bekommt sie zu der Gage als Tänzerin einen zusätzlichen Bonus von Benno. Also. Rede mit ihr. Sie hört doch immer auf dich.“

„Ja“, klinkte sich nun auch Benno wieder ein. „Wenn sie mitmacht, kann ich nämlich auf ein gutes Geschäft hoffen, weil die Leute, die ich eigentlich zu meinen Kunden zählen möchte, hier ein und ausgehen. Hier kann ich sie direkt erreichen und ihnen meine Kollektion vorführen, was man anhand von Zeitungs- oder Internetwerbung unmöglich bewerkstelligen kann. Auf Bildern sehen die Sachen nämlich lange nicht so gut aus, als wenn sie von einer schönen Frau vorgeführt werden.“

„Warum machen Sie nicht einfach eine Modenschau?“ Luisas Argwohn war nun ein wenig besänftigt, denn die Anfrage der beiden Männer schien in der Tat kein unmoralisches Angebot zu sein. Dennoch klang ihre Stimme gereizt. „So was macht man doch normalerweise, wenn man etwas vorführen und somit zum Kauf anbieten will.“

„Gute Frage. Wirklich!“ Die Augenbrauen hochgezogen, lächelte Benno sie mit unverhohlener Anerkennung an. „Das Gleiche hätte ich an Ihrer Stelle auch angemerkt. Nun, ich will Ihnen sagen, warum ich das Ganze hier präsentieren möchte. Mein Laden ist für eine Schau viel zu klein, denn er besteht zum Großteil aus meinem Schneideratelier, dem sich ein winziger Verkaufsraum anschließt. Na ja, ich könnte extra Räume für eine Vorführung anmieten. Aber das ist mir, ehrlich gesagt, zu aufwendig. Außerdem bräuchte ich dann auch noch weitere Mannequins, die ich teuer bezahlen müsste. Zudem wäre eine Modenschau bloß eine einmalige Gelegenheit, die von den Leuten schnell wieder vergessen wird. Sie wissen ja, aus den Augen, aus dem Sinn! Also hab’ ich mir gedacht, ich seh’ mich nach einer anderen Möglichkeit um. Und nun stehe ich hier, weil Rolf mir angeboten hat, ich könnte hier pro Abend jeweils ein Modell vorführen lassen. Und Ihre Freundin Nadja wäre dafür ideal, weil sie ja ohnehin als Star des Abends gilt und somit garantiert mehr Aufmerksamkeit genießt als die anderen Mädchen.“ Er lächelte nach wie vor. Doch war seine Miene nun die eines Geschäftsmannes, der auf den positiven Abschluss eines Vertrages hoffte. „Sie können mir glauben, ich bin nicht geizig, wenn ich mich gut vertreten fühle. Es wäre mir einiges Wert, eine so wunderschöne Frau für mich arbeiten zu sehen.“

Schleimer, dachte Luisa leicht angewidert. Natürlich würde er einiges hinblättern, um sich einen ansehnlichen Frauenkörper zu sichern, der aufreizend genug war, um seine potenziellen Kunden anzulocken! Dennoch kam sie nicht umhin, über die Vorteile nachzudenken, die sich aus solch einer Gelegenheit ergaben.

„Ich müsste erst einmal mit Nadja reden“, rang sie sich schließlich ab. „Aber vielleicht können Sie mir ja sagen, wie hoch der Bonus sein soll.“

Bennos Gesicht leuchtete erfreut auf, denn er wähnte sich bereits am Ziel seiner Wünsche.

„Wenn ihr fünfzig pro Auftritt zu wenig sein sollten“, erklärte er lächelnd, „bin ich bereit, mit mir reden zu lassen.“

Luisa nickte bloß. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass ihr Vorgesetzter vielsagend auf seine Armbanduhr blickte.

„Gut.“ Sie war schon an der Tür, da blieb sie noch einmal kurz stehen, um die beiden Zurückbleibenden mit einem durchdringenden Blick zu mustern. „Sobald ich mit Nadja gesprochen habe, wird Ihnen Rolf Bescheid sagen“, wandte sie sich an den Besucher. „Kann sein, dass sie einverstanden ist. Ist aber auch möglich, dass sie Nein sagt.“ Die Augen auf ihren Vorgesetzten richtend, fuhr sie fort: „Ich hoffe doch, dass ein Nein nicht dazu führt, dass sie gefeuert wird. Immerhin tut sie schon seit einem halben Jahr ihr Bestes, damit du zufrieden bist.“ Damit ging sie.

„Sehr hübsch, die Kleine“, meinte Benno, sobald die Tür wieder geschlossen war. „Vielleicht hätte ich sie mal fragen sollen. Würde sich in meinen Sachen bestimmt auch gut machen.“

„Vergiss es“, winkte Rolf ab. „Bevor sich Luka in eine deiner Kreationen zwängt, macht sie lieber einen freihändigen Kopfstand auf unserer Theke. Sie ist zwar aufgeschlossen und emanzipiert, würde sich aber niemals so freizügig auf der Bühne präsentieren, wie es einige andere Mädchen tun. Da ist sie ziemlich eigen. Nadja ist da schon ein wenig schmerzfreier, obwohl sie auch Grenzen setzt, die man nicht überschreiten sollte. Also musst du dir genau überlegen, was du ihr zumuten möchtest. Wie Luka schon sagte. Nadja ist Tänzerin, nichts anderes.“

4

Auch wenn Patrick stets darauf bedacht war, Eddy und dessen Clique nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen, stieß er bei seinen nächsten Besuchen im Playground immer wieder mal auf die Gruppe, denn sein ehemaliger Schulkamerad ließ sich keine einzige Show seiner „Traumfrau“ entgehen. Da sie nicht im Streit lagen, und er sich auch noch nicht offen von seinem Jugendfreund distanziert hatte, sah er sich gezwungen, zumindest Hallo zu sagen, bevor er sich nach einem gemeinsamen Drink unauffällig zurückzog, um seiner eigenen Wege zu gehen.

Eddy indes versuchte nach wie vor, Nadja persönlich zu treffen. Allerdings war er bisher erfolglos geblieben, weil die Schöne nach ihrem Auftritt wie vom Erdboden verschluckt schien.

„Kannst du mir nicht helfen?“, wollte er an einem Freitagabend von seinem, seiner Meinung nach immer noch besten Kumpel wissen.

„Ich wüsste nicht, wie“, erwiderte der Gefragte gleichmütig.

„Na, du drückst dich doch dauernd bei den Kellnerinnen herum“, beharrte Eddy. „Frag die doch mal. Vielleicht sagt dir die eine oder andere etwas. Sie sollen ja auch nicht umsonst plappern. Bin ja bereit, für jede Information zu zahlen.“

Der Möchtegern-Don-Juan hatte nie zuvor so viel Geduld und Ausdauer bewiesen, stellte Patrick daraufhin nicht nur abfällig, sondern auch wirklich staunend fest. Dabei war Nadja gar nichts Besonderes, wenn man einmal von der Tatsache absah, dass sie sich außergewöhnlich gut bewegen konnte. Ja, ihresgleichen gab es an jeder Ecke! Und doch hatte Eddy nur Augen für sie, so als sähe er die anderen Mädchen gar nicht. Ob er sich wohl ernsthaft verliebt hatte? … Nein, wischte er seine letzte Vermutung gleich wieder beiseite. Es war wohl eher Geltungssucht, die Eddy bei der Stange bleiben ließ. Hätte er gleich klein beigegeben, der Spott der anderen wäre ihm sicher gewesen. Also würde er erst dann Ruhe geben, wenn man ihm seinen Wunsch erfüllte. Nun, er musste sich gar nicht über Eddy lustig machen, ermahnte er sich selbst. Immerhin war er aus einem ähnlichen Grund da! Ja, auch er scheute weder Kosten noch Mühe, um die Frau wiederzusehen, die ihm seit der ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf ging. Und auch er hatte bisher keine Gelegenheit bekommen, ein privates Wort an sie zu richten. Na, vielleicht ergab sich ja bald eine Möglichkeit, sie nach einem privaten Treffen zu fragen!

Am folgenden Abend wollte Patrick gerade das Restaurant betreten, da rannte ihm die Gesuchte förmlich in die Arme.

„Sorry“, stieß Luisa gehetzt hervor, wobei sie sich auch schon aus der unfreiwilligen Umarmung befreite. „Hoffe, du bist noch heil.“ Damit umging sie ihren Unfallgegner und lief davon.

Zunächst ein bisschen verdattert, weil alles so rasend schnell gegangen war, schaute Patrick ihr über die Schulter hinweg nach. Doch dann machte er kehrt, um ihr zu folgen. Dass mittlerweile einer der Türsteher am Treppenaufgang zur zweiten Etage Posten bezogen hatte, sah er wohl. Doch dachte er nicht über den Grund nach, weil er es eilig hatte, die Entschwundenen einzuholen. Er hatte bereits den Fuß auf die unterste Stufe gesetzt, da fühlte er sich am Ärmel seiner Jacke gepackt und wieder zurückgezogen.

„Du kannst da nicht rauf“, gab ihm der Aufpasser gleich darauf mit strenger Miene zu verstehen. „Da oben sind ausschließlich Privaträume. Und Gäste haben in diesem Bereich nichts zu suchen.“

Patrick fand sich von einem gleich großen, aber ziemlich muskulös wirkenden Security-Mann im schwarzen Anzug gestellt, und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Da er nichts Unrechtes getan hatte, verspürte er auch keine Angst vor dem Aufpasser. Dennoch fand er es angebracht, ein gewisses Maß an Respekt zu zeigen, denn er wollte keinen Ärger mit dem finster dreinschauenden Hünen.

„Ich wollte doch bloß mit Luka sprechen“, erklärte er.

„Luka hat jetzt bestimmt keine Zeit für dich“, erwiderte der Security-Mann. „Ihre Pause ist ihr nämlich heilig. Da will sie von keinem gestört werden. Wenn du ihr also was zu sagen hast, dann tu das später.“

„Aber …“ Weil sein Gesprächspartner in einschüchternder Weise einen Schritt näher an ihn heranrückte, machte sich Patrick mit leicht erhobenen Händen auf den Rückzug. „Schon kapiert.“ Er grinste schief. „Ich bin schon wieder weg.“ Er hatte seine Drehung jedoch kaum zur Hälfte ausgeführt, da schaute er noch einmal über die Schulter zurück. „Kannst du mir vielleicht sagen, wie ich Nadja erreichen kann? Ist wichtig.“

„Für wen?“, fragte der Security-Mann mit undurchdringlicher Miene.

„Für einen Bekannten.“ Patrick konnte nicht glauben, dass er an Eddys Stelle tat, was dieser eigentlich selbst hätte erledigen sollen. Nichtsdestotrotz fuhr er fort: „Der Kerl hat sich nämlich unsterblich in sie verliebt und kann darum keine Nacht mehr ruhig schlafen.“

Der Muskelmann stand daraufhin eine geraume Weile bloß schweigend da und nagte dabei unschlüssig an seiner Unterlippe herum. Doch dann nickte er leicht, so als wolle er sich selbst bestätigen, dass seine gerade gefällte Entscheidung richtig war.

„Frag Luka“, empfahl er. „Sie ist nämlich die Einzige, die dir vielleicht weiterhelfen kann.“

Auch gut, dachte Patrick zufrieden, indem er seinen zuvor eingeschlagenen Weg wieder aufnahm. Damit hatte er schon mal eine Möglichkeit, das Gespräch zu beginnen, ohne gleich auf seine eigentliche Absicht eingehen zu müssen. Na ja, er war eigentlich nicht schüchtern und auch nicht auf den Mund gefallen, wenn es darum ging, ein Mädchen anzusprechen und nach einem Date zu fragen. Aber Luka … Sie machte ihn nicht nur sprachlos. Nein, allein ihr Anblick bewirkte so einiges bei ihm, was er in solcher Intensität noch nicht erlebt hatte!

„Sieh mal einer an! Auch hier?“

Dass er direkt auf Eddy zugelaufen war, indem er die Bar ansteuerte, wurde Patrick erst bewusst, als er sich direkt vor seinem Jugendfreund wiederfand. Für einen unbemerkten Rückzug war es nun zu spät. Also nickte er bloß, insgeheim hoffend, dass Nadjas Auftritt nicht mehr allzu lange auf sich warten ließ, denn danach würde die gesamte Clique verschwinden und er wieder seine Ruhe haben.

„Wieso gehst du nicht an dein Scheiß Handy, wenn ich dich anrufe?“, fragte Eddy im vorwurfsvoll klingenden Tonfall. „Hätt’ ich gewusst, dass du heute Abend Zeit hast, hätt’ ich dich abgeholt.“

„Du weißt doch. Mein Boss erlaubt keine Telefonate während der Arbeitszeit“, erklärte Patrick nun schon zum x-ten Mal, um sich dann eine Cola zu bestellen. „Außerdem war ich mir bis vor einer halben Stunde noch nicht sicher, ob ich überhaupt noch mal aus dem Haus gehe.“ Eine bewusste Lüge, ja. Aber er hatte im Moment wirklich absolut keine Lust darauf, darüber zu besprechen, was er tat oder was er sein ließ.

„Na dann.“ Eddy nahm sein Cocktail-Glas in eine Hand, während er mit der anderen den Ellenbogen seines Freundes packte, in der Absicht, ihn mit sich ziehen zu wollen. „Komm mit“, verlangte er zusätzlich. „Die Jungs werden sich freuen, dich zu sehen.“

Das bezweifelte Patrick doch sehr stark, während er sich aus Eddys Griff befreite, um sein Getränk bezahlen zu können. Anschließend folgte er seinem Jugendfreund auf die Galerie hinauf, um sich dort auf den Zweisitzer zu werfen, der eigentlich allein für den Cliquen-Anführer reserviert war. Dass er dabei einen von Eddys Kumpel gegen das Schienbein trat, interessierte ihn wenig. Auch dessen böser Blick und der unterdrückte Fluch beeindruckten ihn nicht. Aufreizend freundlich grinste er den Getroffenen an und führte dabei in aller Seelenruhe sein Glas zum Mund. Weil aber just in diesem Moment jemand an ihm vorbeiging und dabei seinen Arm rammte, bekleckerte er sein helles Hemd, was nun seinerseits einen verärgerten Ausbruch auslöste.

„Halt’ die Klappe“, befahl Eddy daraufhin. „Es geht los.“ Obwohl kaum Platz für ihn übrig war, quetschte er sich neben seinen Freund, um voller Erwartung zu der Stelle zu schauen, an welcher Nadja auftauchen würde.

Patrick sparte sich nicht nur eine unwirsche Entgegnung, die ohnehin nicht beachtet worden wäre. Er rückte auch ein bisschen zur Seite, damit ihm sein Sitznachbar nicht mehr so nahe war. Allerdings mied er den Blick zur sogenannten Bühne, denn die Show, die jetzt dort stattfand, hatte er bereits mehrfach gesehen.

„Wow! Sie hat sich was Neues einfallen lassen!“

Eddys Stimme klang mit einem Mal so atemlos vor Begeisterung, dass Patrick entgegen seiner ursprünglichen Absicht doch zu Nadja hinsah. Allerdings hatte er ihre Gestalt kaum ausgemacht, da zogen sich seine Augenbrauen so eng zusammen, dass eine tiefe Steilfalte auf seiner Stirn entstand. Nein, dachte er, das war jetzt wirklich nicht mehr schön. Sicher, sie war weit davon entfernt, wie eine Professionelle auszusehen, während sie ihren Auftritt abspulte. Aber die täuschend echt wirkende Kunstpelz-Stola, die sie beim Tanzen lässig von einer Schulter hinab baumeln ließ, und der Anzug aus bernsteinfarbenem, seidig schimmerndem Gewebe, der sie vom Hals abwärts wie eine zweite Haut umschloss, erinnerten ihn sehr stark an das Outfit einer Bordsteinschwalbe.

Warum er auf einmal so negativ auf Nadjas Show reagierte, verstand Patrick selbst nicht, denn er war im Grunde auch nur ein Mann, dem der Anblick einer aufreizend herausgeputzten Frau gefiel. Aber das, was er momentan zu sehen bekam, stieß ihn einfach nur ab.

Während die Tänzerin eine ihrer akrobatischen Einlagen zeigte, erklangen aus dem Publikum Gejohle und Pfiffe, sodass sich Patrick unvermittelt umsah. Als er jedoch bei etlichen der Lärmenden dieselbe Mimik entdeckte, die er schon von Eddy her kannte, schwor er sich, dass er sich diese spezielle Darbietung in Zukunft ersparen würde. Nadjas Show war Spielerei, wenn auch eine, die ihm nicht besonders gefiel. Aber die Reaktionen im Publikum, die sie durch ihre provokante Selbstdarstellung auslöste, waren einfach … Er sollte wirklich gehen! Auf der Stelle!

„Ich muss sie haben“, ließ Eddy wieder einmal verlauten.

„Du wirst gar nicht erst an sie herankommen“, quetschte Patrick zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, indem er sich auf die vordere Kante des Zweisitzers schob, um besser aufstehen zu können. „Du hast nämlich die einzige Person attackiert und damit zutiefst beleidigt, mit der sie sich hier abgibt.“ Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da bemerkte er den verständnislosen Blick seines Sitznachbarn und schnaubte schadenfroh. „Du erinnerst dich? Die Kellnerin, die du vor drei Wochen im Salt & Pepper angetatscht hast? Die heißt Luka. Und Luka ist die Einzige, die weiß, wo und wann man mit Nadja in Kontakt kommen kann.“

„Dann wirst du mal mit dieser Luka reden“, verlangte Eddy im Befehlston, während er seinen Nebenmann an der Schulter zurückhielt, sodass dieser sich nicht aufrichten konnte. „Schließlich bist du doch mein bester Freund. Also wirst du Nadjas Freundin fragen, ob sie nicht doch ein Date für mich organisieren kann. Sie soll’s auch nicht umsonst tun.“ Er rieb seinen rechten Daumen gegen seinen Zeigefinger, was seine Aussage zusätzlich verdeutlichen sollte. „Du weißt, ich bin nicht gerade kleinlich, wenn man mir einen Freundschaftsdienst erweist.“

Patrick wollte sich befreien. Doch Eddy ließ sich nicht abschütteln.

„Vielleicht sollte ich über Luka auch ein entsprechendes Angebot an Nadja übermitteln lassen“, überlegte er laut.

„Könnte doch sein, dass sie es sich dann doch anders überlegt!“

„Möglich ist alles“, presste Patrick hervor, indem er sich gewaltsam losriss, um aufstehen zu können. Er konnte die Gegenwart seines ehemaligen Schulkameraden nicht mehr ertragen. Ebenso wie dessen widerliches Gebaren. Mochten die anderen auch eine gegenteilige Meinung haben, er glaubte nun doch daran, dass Geld den Charakter verdarb. Wer glaubte, alles und jeden kaufen zu können, war nicht wirklich bereit, einem anderen den Respekt entgegenzubringen, der notwendig war, um eine ehrliche und gute Beziehung zu führen. Und genau das war Eddys Problem! Er war gar nicht in der Lage, eine Frau, die etwas auf sich gab, an seiner Seite zu halten, weil sich jede aus dem Staub machte, sobald sie begriff, wie egoistisch und verkommen der Kerl war!

5

Tim war überglücklich, denn er besaß nun endlich einen echten Freund. Und nicht nur das! Eddy war auch so etwas wie ein väterlicher Beschützer für ihn. Außerdem erwies er sich immer wieder als äußerst großzügig, ohne je eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Doch das neueste Geschenk – ein nagelneues, mit allem möglichen technischen Schnickschnack versehenes Rennrad – erschien ihm dann doch übertrieben, weil er genau wusste, dass so ein Markenrad seinen Preis hatte.

„Na, was sagst du?“ Eddy war sehr zufrieden mit sich selbst. „Gefällt es dir? Wenn nicht, können wir es jederzeit umtauschen. Du sollst ja schließlich genau das haben, was dir gefällt!“

„Nein!“ Der Junge rang sichtlich um Fassung. „Ich meine … Es … Es ist toll! Wirklich! Ich würde gar kein anderes wollen! Aber … Ich … Das kann ich nicht annehmen. Das ist doch … Nein. Das kann ich wirklich nicht annehmen.“

Als hätte jemand anhand eines Schalters seine gute Laune einfach ausgeknipst, fühlte Eddy von jetzt auf gleich ungeduldige Gereiztheit in sich aufsteigen. Sollte all die Mühe vergebens gewesen sein? Sicher, anfangs hatte er den Kleinen aus purer Langeweile von der Schule abgeholt, weil er um diese Tageszeit ohnehin nichts anderes zu tun hatte, als mit seinem Auto spazieren zu fahren. Außerdem hatte er das befriedigende Gefühl genossen, endlich einmal als Wohltäter angesehen zu werden, dessen Geldbeutel völlig unwichtig war. Aber nach ein paar Tagen war ihm plötzlich aufgegangen, dass er sich im Grunde völlig lächerlich verhielt. Also hatte er beschlossen, dass er nun genug Zeit vergeudet habe, und dass sein kleiner Freund ruhig etwas für die Aufmerksamkeit tun sollte, die man ihm schenkte. Aber jetzt schien es so, als wolle der Bengel nicht mehr so mitspielen, wie er eigentlich sollte. Und dem musste schleunigst ein Riegel vorgeschoben werden!

„Du willst mich wohl beleidigen?“ Eine zutiefst gekränkt anmutende Miene zur Schau tragend, sah er nun auf den schmächtigen Teenager hinunter.

„N… Nein!“ Tim dachte nicht im Traum daran, irgendetwas zu tun, was seinen Freund verletzten könnte. „Ich weiß einfach nur nicht, wie ich das je wieder gutmachen soll. Schließlich kann ich dir doch im Gegenzug gar nichts anbieten. Und das geht einfach nicht! Ich würde mich schämen, weil du so viel Geld für mich ausgibst, und ich kann es dir nicht vergelten.“

Okay, ein Missverständnis seinerseits! Insgeheim tief durchatmend, zwang Eddy sich zu einem erleichtert wirkenden Lächeln, als er seinen kleinen Freund an der Schulter fasste, um diese kurz zu drücken.

„Vielleicht hat das Rad ja einen gewissen Grund“, legte er den Köder aus. „Vielleicht kannst du ja doch was für mich tun.“ Weil das Gesicht des Jungen nun erfreut aufleuchtete, sah er den richtigen Zeitpunkt gekommen, um den nächsten Schritt seines Planes in Angriff zu nehmen. „Wenn man nämlich als Fahrradkurier arbeitet, muss man doch einen anständigen Bock unter dem Hintern haben“, erklärte er. „Oder nicht?“

„Ich soll …“ Tim schluckte erst einmal kräftig. „Ich soll für dich arbeiten?“

„Aber nur, wenn du es wirklich willst“, erwiderte Eddy. „Ich könnte nämlich deine Hilfe wirklich gut gebrauchen“, versicherte er gleich darauf. „Manchmal hab’ ich wichtige Sachen zu verschicken, weißt du, die nicht auf die Post warten können. Und ich hab’ weiß Gott Besseres zu tun, als in der Weltgeschichte herumzugondeln und die Päckchen selbst abzuliefern. Sind nämlich meist kleine Terminsachen.“

„Aber das hättest du doch gleich sagen können“, tadelte der Junge gönnerhaft. „Schließlich bin ich doch dein Freund. Und Freunde helfen sich gegenseitig. Immer!“

„Ich wusste doch gleich, dass ich mich auf dich verlassen kann“, lobte Eddy. „So, und jetzt gehen wir eine Pizza essen.“

„Geht nicht“, lehnte Tim bedauernd ab. „Ich muss nach Hause. Meine Schwester wird schon auf mich warten. Und wenn ich zu spät komme, gibt’s einen ätzenden Aufstand. Tut mir leid.“ Er wollte sich schon auf das Fahrrad schwingen, da fiel ihm noch was ein. „Wann soll ich denn anfangen?“, wollte er wissen.

„Was?“ Eddy war mit seinen Überlegungen beschäftigt gewesen und hatte darum nicht zugehört. Allerdings brauchte er nicht lange, um zu begreifen, was gemeint war. „Ach so! Ich sag dir Bescheid, wenn ich dich brauche“, versprach er.

Gleich nach seiner Heimkehr deponierte Tim seinen neuesten Besitz im hintersten Winkel des Kellerraumes. Aber nicht, weil er es vor Mutter und Schwester verheimlichen wollte. Ihm schien bloß der richtige Augenblick noch nicht gekommen, um ihnen von Eddy zu erzählen.

Beim Gedanken an die Schwester fühlte Tim eine seltsame Traurigkeit in seinem Herzen. Sie war in der Schule eine richtig gute Sportlerin gewesen und hatte erfolgreich an vielen Wettkämpfen teilgenommen, erinnerte er sich. Aber dann hatte sich die Situation zu Hause von heute auf morgen geändert, sodass sie nach der zehnten Klasse abgegangen und auch aus dem Sportverein ausgetreten war, weil sie keine Zeit mehr dafür hatte. Sicher, sie besaß gute Freunde, von denen sie oft und gerne erzählte. Aber sie verabredete sich nie mit jemandem nur so zum Spaß. … Vielleicht … Wenn er wirklich einen Job bekam, den er nach der Schule erledigen konnte, dann würde er den beiden Frauen vielleicht helfen können. Nein, er war nicht so naiv, zu glauben, er könnte so viel verdienen, dass sie dann ihre Arbeit ganz aufgeben konnten. Aber er hoffte von Herzen, wenigstens so viel beisteuern zu können, dass zumindest seine Mutter entlastet wurde, denn die war ohnehin nur noch ein Strich in der Landschaft.

6

Das Salt & Pepper war zum Bersten voll, sodass den Kellnerinnen kaum eine Sekunde zum Ausruhen blieb.

Freitagabends war es immer besonders schlimm, dachte Luisa einmal gereizt. Keiner konnte schnell genug bedient werden. Und niemand schien Zeit genug zu haben, sein Essen in Ruhe zu sich zu nehmen. Offenbar hatten sie alle Angst, sie könnten etwas versäumen, wenn sie sich allzu lange an einem Ort aufhielten! Sie waren zwar körperlich anwesend, doch geistig schienen sie in anderen Galaxien herumzuschwirren. Und so vergaßen sie nicht selten, zu erwähnen, dass sie bestimmte Sachen nicht auf ihren Tellern haben wollte, um später dann darüber zu meckern, dass der Koch genau das drauf getan hatte!

Das Tablett mit den zurückgewiesenen Speisen fest im Griff wollte Luisa wieder in die Küche. Allerdings wurde sie kurz vor dem Ziel aufgehalten.

„Kann ich dich mal sprechen?“ Patrick hatte die junge Frau am Ellenbogen gefasst, um sie so auf sich aufmerksam zu machen. Allerdings ließ er sie gleich wieder los, als er ihre abweisende Miene und den ärgerlichen Blick registrierte, mit dem sie auf seine Hand hinab sah.

„Ich bin gleich da“, quetschte sie gehetzt hervor.

Patrick indes sah sie davoneilen und faltete geistesabwesend eine Papierserviette zu einem winzigen Päckchen. Er hätte wirklich einen besseren Zeitpunkt wählen sollen, tadelte er sich im Stillen. Trotzdem … Jetzt war er heilfroh darüber, endlich den ersten Schritt getan zu haben! Auch wenn er sich sehr kurzfassen musste, weil sie wahrscheinlich gleich wieder gehen wollte, würde er nun die entscheidende Frage stellen, nahm er sich vor.

„Was soll’s denn sein?“ Den Order Mailer in der einen Hand, den dazugehörigen Stift in der anderen, baute sich Luisa nur eine Minute später in abwartender Positur neben ihrem Kunden auf.

„Ich wollte nur mit dir reden“, begann er.

„Wenn du nichts bestellen willst, kann ich leider nichts für dich tun.“ Sie wandte sich schon wieder zum Gehen. „Du siehst ja, was hier los ist.“

„Es muss ja nicht gleich sein“, erklärte er. „Später vielleicht, wenn es nicht mehr so voll ist. Okay?“

Luisa wollte nicht unhöflich sein, zumal sie ihren Gesprächspartner sympathisch fand. Also ließ sie ein zustimmendes Nicken sehen. Anschließend eilte sie weiter, um die Bestellungen abzuarbeiten, die noch auf sie warteten. Dabei ließ sie ihrem geduldig bei einer Cola wartenden Gast hin und wieder einen kurzen Blick zukommen, insgeheim fest damit rechnend, dass er irgendwann aufstehen und gehen würde, weil es ihm zu lange dauerte. Als sie schließlich sicher war, dass man sie für ein paar Minuten unbehelligt lassen würde, machte sie sich endlich auf den Weg zu seinem Tisch. Er war ziemlich groß, stellte sie zum wiederholten Male fest. Außerdem schien er entweder Sportler oder Handwerker zu sein, denn seine Schultern und Oberarme wirkten ziemlich muskulös.

„So, dann schieß mal los“, forderte sie ihn auf, sobald sie bei ihm anlangte.

Patrick war für einen Moment ein wenig perplex, weil sie vom ihm unbemerkt an seiner Seite angekommen war und nun in der Tat wie aus dem Boden gewachsen schien. Und so brachte er zunächst keinen Ton hervor.

„Willst … Möchtest du dich nicht setzen“, stotterte er schließlich. „Ich meine … Es ist vielleicht angenehmer.“

Mit dem Zeigefinger ihrer Rechten die Brille zurückschiebend, die ein wenig in die Richtung ihrer Nasenspitze hinab gerutscht war, musterte Luisa ihren Gast kurz, aber sehr aufmerksam. Danach setzte sie sich schnell auf den Stuhl, welcher auf der gegenüberliegenden Seite seines Tisches stand. Eindeutig Handwerker, schoss es ihr durch den Sinn, als ihr Blick kurzfristig an seinen Händen hängen blieb. Die Haut war zwar sauber geschrubbt aber rot und teilweise rissig, was darauf hindeutete, dass er häufig mit starken Verschmutzungen und Haut schädigenden Flüssigkeiten zu tun hatte. Sein sorgfältig geschnittener Schopf wies die Farbe reifer Kastanien auf. Und seine Augen hatten die Farbe von poliertem Stahl. Sein Anliegen musste wichtig sein, denn sonst hätte er sicher nicht so lange ausgeharrt. Außerdem schien er jetzt sehr nervös zu sein, was ziemlich merkwürdig war, wo er doch eben noch völlig ruhig erscheinend dagesessen hatte.

„Was gibt’s denn?“, versuchte sie ihm zu helfen, als er nicht gleich zu reden begann. „Du wolltest mit mir sprechen. Also, jetzt bin ich da.“ Er war doch überhaupt nicht der schüchterne Typ. Eher im Gegenteil! Nein, er war keiner von diesen Schönlingen, die sich für den Nabel der Welt hielten. Aber er wusste ganz sicher um seine Wirkung auf Frauen, und musste seine Nächte darum garantiert nicht allzu oft allein verbringen. … Nun, das waren Dinge, die sie nicht wirklich etwas angingen, ermahnte sie sich.

„Ich wollte dich fragen, wann du mal Zeit für mich hast“, begann Patrick endlich.

„Wozu?“, parierte sie lächelnd. „Willst du mir etwa was verkaufen?“ Sie ahnte zwar, worauf er hinaus wollte, war sich jedoch noch nicht ganz sicher, wie sie darauf reagieren sollte. Er war beileibe nicht der erste Mann, der auf eine Verabredung mit ihr aus war. Allerdings wollte sie ihn nicht so kaltschnäuzig abblitzen lassen, wie sie es mit seinen Vorgängern getan hatte, weil es ihr merkwürdigerweise wichtig war, dass er hinterher nicht schlecht über sie dachte.

„Ne“, winkte Patrick ab, wobei seine Mundwinkel nun endlich ein bisschen höher kletterten. „Ich möchte dich bloß besser kennenlernen, und hab’ mir gedacht, wir könnten vielleicht mal zusammen um die Häuser ziehen.“

Für einen kurzen Moment war Luisa versucht, den einzigen Abend zu nennen, an dem sie freihatte. Doch dann fiel ihr gerade noch rechtzeitig ein, dass auch dieser bereits verplant war, weil eine Familienfeier anstand.

„Tut mir leid“, ließ sie im bedauernden Tonfall hören, während sie bereits Anstalten machte, sich wieder zu erheben. „Ich arbeite hier fünfmal die Woche bis zum Morgengrauen, verstehst du. Außerdem habe ich noch einen zweiten Job, sodass mir nur wenig Freizeit bleibt.“

„Oh.“ Wenn das mal keine Abfuhr gewesen war! „Schade.“ Die Unterlippe kurz zwischen die Zahnreihen klemmend, stand er auf. „Na, da kann man nichts machen.“ Weil er das Geld für sein Getränk aus seiner Brieftasche holen musste, ließ er für einen Moment das Gesicht seines Gegenübers aus den Augen. Doch dann suchte er erneut Blickkontakt. „Darf ich dich noch was fragen?“

„Wenn’s nicht allzu lange dauert.“ Luisa stand nun abwartend neben dem Tisch, insgeheim bedauernd, keine andere Antwort formuliert zu haben. Sicher, ihre Freizeit war wirklich sehr knapp bemessen. Aber sie hätte …

„Würdest du mir vielleicht die Telefonnummer von Nadja geben?“ Die Worte waren kaum heraus, da hätte sich Patrick am liebsten selbst in den Hintern getreten. Wieso, zur Hölle, fing er jetzt ausgerechnet damit an? Hatte er sich nicht geschworen, dass er sich nicht mehr um Eddys Angelegenheiten kümmern wollte? Und überhaupt! Was würde Luka jetzt wohl von ihm denken? Selbst wenn ihre vorangegangene Zurückweisung nicht wirklich ernst gemeint gewesen sein sollte, würde sie sich die Sache jetzt bestimmt nicht mehr anders überlegen! „Ich … Das … Vergiss am besten, was ich gerade gesagt hab“, bat er betreten. „Ist eh nicht wichtig.“

„Warum sollte ich?“ Luisas Gesicht war mit einem Mal eine ganz und gar unbewegliche Maske. Allein ihre blaugrauen Augen glichen nun funkelnden Eiskristallen. „Jetzt hab’ ich nämlich verstanden, worum es in Wirklichkeit geht. Du wolltest gar nicht mit mir um die Häuser ziehen. Dir geht’s nämlich ganz allein um Nadja.“ Sie hätte schreien mögen, auch wenn sie nicht genau wusste, warum eigentlich. „Aber da bist du bei mir verkehrt, verstehst du! Ich schwatze nicht über meine Kolleginnen. Und schon gar nicht mit Fremden!“ Sie wollte sich wegdrehen und gehen, wurde jedoch unversehens am Handgelenk gepackt und zurückgehalten. Weil ihr diese Berührung aber wie ein Feuerstrahl vorkommen wollte, der nicht nur ihre Haut, sondern auch ihr Inneres zum Glühen brachte, schüttelte sie die kräftigen Finger mit einer hastigen Bewegung ab. „Wenn ich dir nicht den Sicherheitsdienst auf den Hals hetzen soll, dann fasst du mich nicht mehr an, okay!“

„Aber es ist wirklich nicht so, wie du denkst“, versuchte Patrick seinen Fehler wieder gutzumachen. „Ich hab’ doch nur …“

„Ich will nichts mehr hören“, unterbrach sie. „Verschwinde einfach und lass mich zufrieden.“

Aber genau das wollte er nicht. Er wollte nicht gehen, bevor das Missverständnis nicht aufgeklärt war. Sie sollte ihn nicht für einen Trieb gesteuerten Aufreißer halten, dem es egal war, mit welcher Frau er die Nacht verbrachte, solange sie sich nur willig zeigte!

„So hör mir doch mal zu“, verlangte er, indem er erneut nach ihrer Hand langte. „Mir geht es doch gar nicht um Nadja. Es ist nur so, dass mein Freund alles dafür geben würde, um einmal mit ihr persönlich zu reden.“

„Ach so“, stieß Luisa verächtlich hervor. „Du bist bloß ein Laufbursche, den man geschickt hat, weil man selbst nicht mehr weiter kommt! Ja?“ Seine Finger ein weiteres Mal abschüttelnd, trat sie gleichzeitig einen Schritt zurück, damit er nicht mehr an sie herankam. „Eine ziemlich bescheuerte Masche, wenn du mich fragst!“ Zutiefst empört über die offenkundige Annahme, sie sei eine von denen, die weder das Vertrauen noch die Loyalität ihrer Freunde wertschätzten, maß sie ihr Gegenüber mit einem vernichtenden Blick. „Hätte nicht gedacht, dass du dich für so was hergibst.“ Als wäre es gerade erst geschehen, stand ihr plötzlich eine Begebenheit vor Augen, bei welcher er sich zwar ihr gegenüber als Gentleman gezeigt, gleichzeitig aber auch die Unverschämtheit seines Freundes als harmlosen Spaß dargestellt hatte. Blind! Wieso hatte sie nicht gleich geschaltet? „Ich sag dir jetzt mal was“, zischte sie böse. „Ihr könnt gar nicht so viel Geld auftreiben, um mich oder Nadja kaufen zu können!“ Sie fühlte ihr Herz bis zu ihrer Kehle hinauf schlagen. Zudem konnte sie kaum noch atmen, denn ein Gefühl bodenloser Enttäuschung und noch etwas anderes, nicht Definierbares, schien ihr plötzlich die Luft abzuschnüren. Also drehte sie sich abrupt um und floh vor der unerfreulichen Situation und den eigenen Emotionen.

Verdammter Idiot, schimpfte Patrick unterdessen mit sich selbst. Wie konnte man nur so gehirnamputiert sein? Da wollte er ihr klarmachen, dass er sie absolut toll fand, und quatschte ihr dabei die Ohren mit hirnrissigem Zeug voll. Blödmann! Stümper. Er hatte sich benommen wie ein Anfänger, der sich nicht sicher war, wie er die Frau seiner Träume endlich herumkriegen sollte. Nein, stellte er es gleich richtig. Nicht einfach herumkriegen. Es ging hier um viel mehr. Sie war ihm sehr wichtig, nicht nur als mögliche Spielgefährtin für ein paar angenehme Stunden. Er wollte sie richtig kennenlernen. Wollte sich ihre Ängste und Sorgen anhören, ihr helfen, sie beschützen, und vor allem wollte er sie in seiner Nähe haben. Nicht nur für ein paar lustvolle Augenblicke …

Beim letzten Gedanken und der damit einhergehenden Erkenntnis angelangt, meinte Patrick, jemand habe ihm gerade einen Eimer voll eiskalten Wassers über den Schädel gekippt. Das war ja Liebe, erkannte er fassungslos. Er hatte sich rettungs- und bedingungslos in ein Mädchen verliebt, das er gar nicht kannte. … Nun, vielleicht gab es doch noch eine Chance für ihn, dachte er in einem Anflug verzweifelter Hoffnung. Er würde ein paar Tage abwarten und dann einen neuen Versuch starten. Möglicherweise war sie dann nicht mehr so verärgert und würde zumindest zuhören, wenn sie schon nicht mit ihm sprechen wollte.

7

Sobald Luisas Wecker rappelte, sprang sie aus dem Bett, um sich nach einem kurzen Frühstück ihren täglichen Pflichten zu widmen. Von klein auf zur peniblen Ordnung und Sauberkeit erzogen, brachte sie nun die kleine Dreizimmerwohnung fast täglich auf Hochglanz, damit es die Mutter nicht tun musste, wenn sie von der Arbeit kam. Allein das Zimmer ihres Bruders sah trotzdem immer so aus, als hause darin ein Höhlenmensch, der weder die Funktion von Schränken noch die Notwendigkeit des Wäsche-Sortierens kannte. Also machte sie nun schon zum x-ten Mal daran, das Chaos zu beseitigen.

Bereits getragene und noch saubere Kleidung voneinander trennend, um sie entsprechend behandeln zu können, schüttelte sie gleichzeitig den Kopf über die Schulsachen, die kreuz und quer über dem Bett und dem Schreibtisch des Jungen verteilt lagen. Dabei konnte er auch anders, stellte sie bei Anblick der umfangreichen Sammlung seiner Comichefte fest, die fein säuberlich in Zeitschriften-Boxen einsortiert auf einem Regal stand.

„Ein Tornado könnte nicht schlimmer wüten“, grollte sie, während sie die sauberen Kleidungsstücke zusammen faltete, mit der Absicht, sie später in den Kleiderschrank legen zu wollen. Als sie jedoch ein paar Minuten später die Türen des Möbelstückes öffnete, blieb sie wie vom Blitz getroffen stehen und starrte für einen Moment völlig fassungslos auf den Inhalt. Allerdings bekam sie nicht genügend Zeit, alle Einzelheiten zu erkennen, weil man sie unverhofft von der Seite her attackierte und durch einen rücksichtslosen Knuff vom Schrank wegschubste.

„Seit wann spionierst du in meinen Sachen herum?“ Die Stimme des Dreizehnjährigen kippte vor Aufregung. „Es geht dich gar nichts an, was ich hier drin hab’! Kümmere dich gefälligst um deinen eigenen Kram!“ Die Türen des Möbelstückes mit einem lauten Knall schließend, drückte er sich gleich darauf mit dem Rücken dagegen, um so zusätzlich deutlich zu machen, dass er keine weitere Einsicht erlauben wollte. „Was willst du überhaupt in meinem Zimmer, hä? Wohl noch nie was von Privatsphäre geh …“ Weiter kam er nicht, weil ihm in diesem Moment der Handrücken seiner Schwester schmerzhaft auf den Mund klatschte.

Luisa hatte nicht mitbekommen, wann genau der Bruder ins Zimmer gekommen war. Doch sein eindeutig schuldbewusstes Verhalten und seine unverschämte Redeweise hatten sogleich einen Verdacht geweckt, der so ungeheuerlich war, dass es ihr für einen Atemzug lang die Sprache verschlug. Und so packte sie ihn nach dem Schlag am Frontteil seines T-Shirts, um ihn ein wenig näher zu sich heranzuziehen, damit sie ihm in die Augen schauen konnte.

„Du verdammtes kleines Aas“, zischte sie böse. „Wo hast du die Sachen her?“ Weil er nicht gleich antwortete, setzte sie zornig nach: „Aus welchem Laden hast du sie?“ Sie schüttelte ihn einmal mehr, um ihn dann angewidert von sich zu stoßen. Dabei war es ihr völlig egal, dass er haltlos zurücktaumelte und am Ende sehr unsanft gegen seinen Schreibtisch knallte. Gleich darauf baute sie sich breitbeinig vor ihm auf, um ihn aus zusammengekniffenen Augenlidern anzusehen. „Du bist ein nichtsnutziger kleiner Tagedieb, genau wie dein Vater!“ Außer sich vor Wut, musste sie nun auch noch gegen die Tränen der Enttäuschung ankämpfen, die ihr in den Augen brannten. „Ihr nehmt euch einfach alles, was ihr haben wollt, ohne dafür zu bezahlen!“ Sie schluckte hart. „Was glaubst du, wird Mama dazu sagen? Vaters Schandtaten sind wohl nicht genug? Jetzt zerrst du uns auch noch in den Dreck! Du … Sind dir Spiele wirklich wichtiger als unser Ansehen?“

Dem anklagenden Blick der Schwester tunlichst ausweichend, was gar nicht so leicht war, wo sie doch fast ihre Nase an die seine drückte, stand Tim mit hängenden Armen da und ließ ihre Vorwürfe einfach über sich ergehen. Als ihm jedoch klar wurde, was genau sie ihm da unterstellte, straffte sich seine schmächtige Statur.

„Ich hab’ die Sachen nicht geklaut“, stieß er trotzig hervor.

„Versuch bloß nicht, dich mit irgendeiner Lüge herauswinden zu wollen“, herrschte sie ihn aufgebracht an. „Das Zeug ist garantiert nicht durch übernatürliche Kräfte in deinen Schrank geschafft worden! Also? Wo hast du’s her?“

„Ich hab’s nicht geklaut!“ Er war weder ein Lügner, noch war er ein Dieb! Aber um das zu beweisen, musste er jetzt endlich die Karten auf den Tisch legen, gestand er sich ein. „Eddy hat mir die Spiele geschenkt, weil er sie selbst nicht mehr braucht! Ist das denn so schlimm?“

„Wer ist Eddy?“, wollte sie sogleich wissen.

„Er ist mein Freund.“ Der erste Schock, angesichts der schwesterlichen Unterstellung, war mittlerweile überwunden. Dafür lebte nun so etwas wie Stolz in ihm auf, weil er endlich eine erfreuliche Nachricht zu verkünden hatte. „Er ist schon erwachsen, weißt du. Aber er ist trotzdem mein Freund.“

Bei dem Wort „erwachsen“ meinte Luisa, jemand würde ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. Dass der Bruder bezüglich der Spielkonsole und dem Zubehör die Wahrheit sagte, glaubte sie ihm, denn er hatte sie bisher noch nie bewusst belogen, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Aber der Verdacht, der nun in ihrem Kopf kreiste, ließ eine angstvolle Gänsehaut an ihrem Rücken hinauf kriechen.

„Und er fährt einen super schicken Sportwagen“, plapperte Tim unterdessen weiter. „Er hat mich ein paar Mal von der Schule abgeholt und heimgefahren. Aber das braucht er jetzt nicht mehr. Ich hab’ nämlich ein Rennrad von ihm bekommen. Mit dem bin in fünf Minuten zu Hause. Ich hab’ nur bisher nichts gesagt, weil du ihn erst kennenlernen solltest, bevor ich von den Sachen anfange. Eddy ist schwer in Ordnung. Wirklich! Ist ’n ganz cooler Typ.“

Luisa hörte sich das alles schweigend an, nicht wissend, was sie sagen sollte. Sie war beileibe nicht weltfremd, denn dafür hatte sie schon zu viel gesehen und erlebt. Sie war auch nicht voreingenommen, wenn es um Sexualität ging, weil ihrer Meinung nach jeder selbst entscheiden musste, was ihn glücklich machte. Dass sich aber ein erwachsener Mann an ein Kind heranmachte und dieses mit Geschenken gefügig machen wollte, fand sie ganz und gar nicht in Ordnung! Allerdings verzichtete sie in diesem Augenblick darauf, ihre Gedanken laut auszusprechen oder gar klar definierte Beschuldigungen gegen den Mann zu äußern, wohl wissend, dass sie damit bloß den Trotz des Jungen und schlimmstenfalls genau das Gegenteil von dem erreichen würde, was sie eigentlich wollte.

„Was hat er dafür verlangt?“, fragte sie stattdessen mit belegter Stimme, krampfhaft darum bemüht, sich so zu geben, als hätte sie nicht gerade eine furchtbare Entdeckung gemacht.

„Gar nichts!“ Tim war ehrlich empört, weil man an der Selbstlosigkeit seines Freundes zweifelte. Als ihm jedoch die Frage in ihrer gesamten Tragweite verständlich wurde, starrte er die Schwester für einen Augenblick lang vollkommen ungläubig an. „Das … Ich … Du glaubst doch nicht …“, stammelte er schließlich völlig fassungslos. „Das kannst du nicht … Also das ist …“ Momentan nicht fähig, die richtigen Worte zu finden, um seine Empörung auszudrücken, ging er im nächsten auf sie los. Seine Fäuste trafen ihre Oberarme und ihren Bauch, bevor seine Hände auf ihre Wange und den Kopf klatschten. „Du bist widerlich!“, schrie er sie dabei an. „Wie kannst du nur so was denken? Er ist mein Freund! Verstehst du? Mein Freund! Ohne Hintergedanken oder Bedingungen! Er schenkt mir Sachen, weil er mich mag! Aber nicht so, wie du denkst!“

Luisa hatte Mühe, den aufgebrachten Jungen abzuwehren. Dann, endlich, bekam sie seine Hände zu fassen. Gleich darauf schleuderte sie ihn anhand einer geübten Bewegung herum, sodass er anschließend mit dem Rücken zu ihr zum Stehen kam. Und bevor er erkennen konnte, was sie vorhatte, unterband sie durch eine unnachgiebige Umklammerung jeden weiteren Angriff seinerseits.

Tim indes wollte sich partout nicht festhalten lassen und wehrte sich aus Leibeskräften.

„Ich finde es gemein von dir“, keuchte er dabei, „dass du so was überhaupt denken kannst. Warum kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ein Junge und ein Mann befreundet sein können, ohne dass da sonst was läuft?“ Endlich hatte er sich befreit und stand der Schwester nun vor Zorn bebend gegenüber.

„Weil die Umstände in diesem Fall sehr verdächtig sind.“ Sie atmete ein paar Mal tief durch, um so ihre innere Ruhe wiederzuerlangen. „In der heutigen Zeit verschenkt niemand etwas ohne einen Hintergedanken.“ Sich selbst zur Geduld und einer gemäßigten Wortwahl ermahnend, packte sie den Arm des Bruders und dirigierte ihn zu seinem Bett, um ihn dort mit einer unmissverständlichen Geste niederzudrücken. „Also“, begann sie ernst. „Was ist der wirkliche Grund? Wenn du mir nicht alles erzählst, muss ich wirklich denken, die Geschenke deines Freundes sollen einem bestimmten Zweck dienen.“

„Eddy ist kein Kinderf …“ Tim beendete das Wort bewusst nicht, weil er plötzlich das Gefühl hatte, das laute Aussprechen der obszönen Benennung würde die Unterstellung der Schwester nur noch bestärken. „Er ist sauber“, stellte er wütend fest, indem er ihre Hand abschüttelte. „Er hat mir bisher nur geholfen, verstehst du! Und das will er auch weiterhin machen. Er hat mir nämlich einen Job versprochen. Dafür bekomme ich sogar einen Lohn. Dann kann ich euch endlich helfen!“ Er schluckte sichtlich. „Glaub nur nicht, dass ich nicht weiß, was hier abgeht“, fuhr er ein wenig ruhiger fort. „Ich bin ja kein kleines Kind mehr. Ich seh’ doch, wie ihr euch abschuftet, und dass dabei kaum was übrig bleibt. Ich will doch nur helfen, damit ihr nicht alles allein machen müsst. Ich will auch einen Teil tun, damit Mama ein bisschen zur Ruhe kommt. Ich hör’ sie ja jede Nacht weinen, wenn du auf der Arbeit bist. Aber so kann es doch nicht weitergehen!“ Obwohl er sonst peinlichst darauf achtete, ja kein zärtliches Gefühl für sie zu zeigen, zog er die Schwester nun doch zu sich herunter und schlang die Arme um sie. „Ich hab’ doch nur euch“, wisperte er. „Wenn Mama was passiert, würde ich mir immer Vorwürfe machen, weil ich nichts unternommen hab, obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte. Und mit dir ist es genauso.“

Ohne die Umarmung des Bruders zu erwidern – hätte sie es getan, er wäre sicherlich sofort wieder von ihr abgerückt! – saß Luisa eine geraume Weile einfach nur da. Sie wusste, es hatte ihn sehr viel Überwindung gekostet, so offen über seine Gefühle und Ängste zu sprechen. Sie wusste auch, dass sie ungemein vorsichtig vorgehen musste, wollte sie noch mehr über die Hintergründe dieser ungewöhnlichen Freundschaft erfahren.

„Was soll denn das für ein Job sein?“, fragte sie endlich.

„Ich soll als Kurier arbeiten“, antwortete Tim bereitwillig, indem er sie losließ, um sich gerade hinsetzen zu können. „Deshalb auch das Rennrad, das im Keller steht. In der Kunsthandlung, wo Eddy arbeitet, fällt nämlich unheimlich viel Papierkram an. Also hat er mich gefragt, ob ich nicht ab und zu für ihn durch die Stadt düsen würde. Ist wirklich keine schwere Arbeit“, versicherte er, als er ihren skeptischen Blick auffing. „Schaff’ ich mit links. Außerdem werde ich durch das Radfahren richtig fit! Merk ich jetzt schon. Dabei hab’ ich ’s erst vorige Woche bekommen. Macht richtig Spaß.“ Und wenn er so weitermachte, bekam er bestimmt auch mehr körperliche Kraft! Dann konnte er sich allein gegen Tobi und dessen Gang wehren!

„Und der Lohn?“, fragte Luisa scheinbar interessiert.

„Ein Zehner pro Auftrag“, erklärte er. „Ist doch gut, nicht!“

„Und wieso schickt er seine Sachen nicht mit der Post?“, wollte sie wissen.

„Na, weil die zu langsam ist“, reagierte Tim unwirsch. „Sind meist eilige Terminsachen, die noch am selben Tag beim Empfänger ankommen sollen!“

Luisa nickte bloß, wobei sie gleichzeitig aufstand, um ihre ursprüngliche Arbeit wieder aufzunehmen. Möglich, dass die ganze Sache wirklich so harmlos war, wie sie sich anhörte. Und doch … Irgendetwas war da faul! Sie hätte zwar nicht auf Anhieb sagen können, was genau sie störte, aber sie spürte immer noch dieses ungute Gefühl in der Magengegend. … Na ja, jetzt war sie ja vorgewarnt. Sollte sie herausfinden, dass Tim für irgendeine krumme Sache missbraucht wurde, konnte dieser vermeintliche Menschenfreund namens Eddy was erleben!

Weil Tim nur wenig über seinen geheimnisvollen Gönner zu wissen schien – oder einfach nicht über ihn sprechen wollte! –, erkannte Luisa, dass sie selbst recherchieren musste, um mehr Informationen zu bekommen. Zum einen wollte sie genau wissen, mit was für einem Menschen es der Bruder zu tun hatte, damit sie beizeiten eingreifen konnte, falls es sich doch um einen Pädophilen handelte, der mit seinen Geschenken ein bestimmtes Ziel verfolgte. Zum anderen hielt sie es für wichtig, für alle Fälle beweisbare Fakten in der Hand zu haben, damit man sie nicht als Lügnerin bezeichnen konnte, die sich anhand gemeiner Gerüchte wichtigmachen wollte.

„Kennst du einen Eddy Kessler?“ Luisa war extra ein wenig früher gekommen, um ein paar Minuten mit Chris unter vier Augen sprechen zu können.

„Kennen wäre zu viel gesagt“, antwortete der Gefragte mit einem verwunderten Stirnrunzeln. „Ich seh’ ihn jeden Abend hier und hab’ ihn schon ein paar Mal zur Räson bringen müssen. Außerdem hab’ ich mich mal über ihn schlau gemacht, als er mir mit Anwalt und Klage wegen Beleidigung und Körperverletzung gedroht hat. Wieso?“

Damit man ihre Neugierde verstehen konnte, umriss Luisa nun in groben Zügen die Situation zu Hause, was die Miene ihres Freundes immer finsterer werden ließ.

„So ein verfluchter Bastard!“ Der Anzug tragende Muskelmann hatte sichtlich Mühe, Ruhe zu bewahren. „Dass er ein egoistisches Arschloch ist, wusste ich ja schon seit dem ersten Abend, als er hier aufgeschlagen ist und sich wie ein Prinz benommen hat. Aber das ist jetzt wirklich der Gipfel!“

„Du weißt also, wer das ist und wie er aussieht?“, fragte sie.

„Jap“, quetschte Chris böse hervor. „Das ist nämlich kein anderer als Nadjas hartnäckigster Verehrer!“

„Ne! Oder?“ Luisa konnte nicht fassen, dass es sich bei Tims Freund um den gleichen Mann handeln sollte. … Hatte der Kerl sich womöglich aus purer Berechnung an ihren Bruder herangemacht? Wollte er sich jetzt über den Jungen die gewünschten Informationen beschaffen? … Nun, wenn das der Fall sein sollte, dann ließ er sich sehr viel Zeit mit der Ausführung seines Planes. Ihr Bruder kannte Eddy jetzt schon eine geraume Weile, hatte aber noch nicht ein einziges Mal nach Nadja gefragt. Zumindest war von Tims Seite aus nie so etwas laut geworden. … Nein, Geduld war mit Sicherheit keine von Eddys Stärken! Es sah vielmehr danach aus, als hätte er Tim tatsächlich nur per Zufall kennengelernt und wollte gar nichts über die Familie seines jugendlichen Freundes wissen, weil ihm diese egal war. Und das bedeutete, dass der Junge für irgendetwas anderes benutzt werden sollte!

„Leider ja“, bekräftigte Chris unterdessen. „Edzard Kessler Junior ist der einzige Spross eines allseits geachteten, aber schon sehr früh verwitweten Kunsthändlers und politisch aktiven Bürgers. Außerdem heißt es, er habe nicht nur eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz, sondern auch Kohle zum Fressen. Na ja, sein Vater verdient nicht schlecht. Und seine Mutter stammte auch aus reichem Haus. …“

Dann waren seine Geschäfte also nur Zeitvertreib, schoss es Luisa durch den Sinn. Die Frage war bloß, womit genau er sich befasste. Nun, allein der Gedanke an ihn ließ ihre Fingerspitzen kribbeln. Ach, wie gerne hätte sie ihn ihre Nägel spüren lassen.

„… Er taucht wohl ab und an mal in der Galerie seines Vaters auf und tut so, als würde er dort arbeiten“, erzählte Chris unterdessen weiter. „Aber anstrengen muss er sich da bestimmt nicht. Wenn du’s genau wissen willst, musst du Tim fragen. Vielleicht weiß er mehr.“

„Das möchte ich bezweifeln“, winkte sie ab. „In den Augen meines Bruders ist der Kerl ein Held ohne Furcht und Tadel. Schon deshalb käme er nie auf die Idee, Eddy könnte Dreck am Stecken haben. Aber ich kann’s ja mal versuchen.“

Am Nachmittag des folgenden Tages bereitete Luisa einen süßen Nudelauflauf zu, wohl wissend, dass dieser von Tim nicht verschmäht werden würde. Als er schließlich so satt war, dass er keinen Bissen mehr herunterbekam, beschloss sie, dass die Gelegenheit nun günstig sei, um ihn ein wenig auszuhorchen.

„Was hast du denn heute so gemacht?“, fragte sie, indem sie das gebrauchte Geschirr zur Spüle trug, wo es später abgewaschen werden sollte.

„Ich hab’ einen Job für Eddy erledigt“, antwortete der Junge bereitwillig. „Guck mal!“ Er wedelte mit einem Geldschein vor ihrer Nase herum. „Hab’ ich heute verdient“, verkündete er stolz. „Musste dafür aber durch die halbe Stadt fahren, um das Päckchen abzuliefern.“

Luisa griff eher reflexartig als bewusst nach der Banknote und sog gleich darauf hörbar den Atem ein.

„So viel?“, fragte sie fassungslos. „Was hast du denn weggebracht?“

„Denkst du denn, ich guck in die Päckchen rein?“, reagierte er mit einer empörten Gegenfrage. „Geht mich doch gar nichts an! Außerdem ist es doch ganz egal, was darin war. Wichtig ist doch nur, dass es rechtzeitig am Ziel angekommen ist.“

Mit der Diskretion mochte er recht haben, stellte sie daraufhin fest. Dennoch hätte ihm klar sein müssen, dass man nicht mit einem Fünfziger entlohnt wurde, nur weil man sich als Bote betätigt hatte. Ja, da war irgendetwas verdammt faul! Aber das konnte sie dem Bruder schlecht begreiflich machen. Nein, ohne Beweise durfte nichts gegen Eddy vorgebracht werden, denn das würde bloß dazu führen, dass er hinterher auch noch mit dem Glorienschein eines Engels geschmückt wurde, den man aus reiner Boshaftigkeit verunglimpfte!

„Hier, nimm“, unterbrach Tim die Überlegungen der Schwester.

„Nein“, lehnte sie entschieden ab. „Es ist dein Geld.“ Allein das Wissen, dass der Euroschein in Eddys Hand gewesen war, erfüllte sie mit Widerwillen.

„Sei doch nicht so blöd!“, fuhr Tim auf. „Ich hab’ doch gesagt, dass ich euch helfen will. Und jetzt ist es endlich so weit. Eddy sagt, ich kann dreimal die Woche für sein Geschäft arbeiten. Also wird da ein stolzes Sümmchen zusammen kommen. Und weil ich schon alles hab, was ich brauche, tun wir das Geld in die Dose für die Bank. Was anderes kommt gar nicht infrage.“

Luisa gab sich scheinbar geschlagen, denn sie wollte dem Bruder die Genugtuung nicht nehmen, auch einen Beitrag geleistet zu haben, damit die Schulden der Familie weniger wurden. Also nahm sie den Fünfziger mit spitzen Fingern entgegen und deponierte ihn anschließend in der erwähnten Dose, die stets im hintersten Winkel des Küchenschrankes stand. Doch sollte das Geld keineswegs zur Schuldentilgung verwendet werden. Vielmehr wollte sie es auf das Sparbuch des Bruders einzahlen, von dem er erst am Tag seines Schulabschlusses erfahren sollte.

Sie war mit dem Abwasch fast fertig, da hielt Luisa mitten in der Bewegung inne. Musste sie die Mutter nicht einweihen? Sicherlich hatte diese ein Recht darauf, von den Vorgängen zu wissen. Andererseits. Sie würde sich wahrscheinlich nur noch mehr Sorgen um den Sohn machen und dann noch härter arbeiten, damit der Junge diesen Job aufgab. … Nein, sie würde nichts sagen, entschied Luisa nach reiflicher Überlegung. Zumindest so lange nicht, bis sie genau wusste, was zwischen Tim und Eddy ablief.

Sobald ihr Bruder aufbrach, um eine weitere Runde mit seinem Rennrad zu machen, durchsuchte Luisa sein Zimmer. Ein schlechtes Gewissen hatte sie dabei nicht, denn sie tat es ja aus reiner Sorge um ihn. Als sie dann tatsächlich einen kleinen Karton in seinem Schrank entdeckte, der weder Adresse noch Absender aufwies, dafür aber mit einer seltsamen Markierung versehen war, wusste sie nicht gleich, wie sie ihren Fund einordnen sollte. Das durchsichtige Klebeband betrachtend, mit welchem das Behältnis verschlossen war, überlegte sie einen Augenblick. Dann ging sie kurz entschlossen in die Küche, um sich zu vergewissern, dass dort identisches Klebeband vorhanden war. Erst danach öffnete sie vorsichtig das Päckchen, um neugierig hineinzuschauen.

„Bingo.“ Da waren mehrere kleine Beutel mit verschiedenfarbigen Pillen, aber keine, die Pulver enthalten hätten. Doch das musste nichts heißen. Das hier war nur eine Sendung, die Tim noch nicht weggebracht hatte. Wer wusste denn, ob die bereits ausgelieferten Kartons nicht einen anderen Inhalt gehabt hatten? Selbst wenn da auch nur Tabletten drin gewesen waren, war die ganze Sache kriminell. … Nun, jetzt wusste sie, womit sich Eddy sein Taschengeld aufbesserte. Aber helfen tat ihr das momentan herzlich wenig. Sie konnte ja noch nicht einmal beweisen, dass die Tabletten, die von den Konsumenten allgemein nur als Glücksbonbons bezeichnet wurden, tatsächlich rezeptpflichtige oder verbotene Substanzen enthielten, denn dafür hätte sie sie in einem Labor untersuchen lassen müssen. Und das ging gar nicht. Zum einen wären dafür Proben erforderlich, die sie sich aber nicht so einfach herausnehmen konnte, weil das bestimmt gleich auffallen würde, sobald der Käufer seine abgezählte Ware erhielt. Zum anderen müsste sie bestimmt nicht nur den Test bezahlen, sondern auch den Labor-Leuten erklären, woher sie die Pillen hatte. Das wiederum würde die Polizei auf den Plan rufen, was dann auch für Tim gefährlich werden könnte. Er wäre nicht der Erste, an dem man ein Exempel statuierte, um den anderen Kurieren vor Augen zu führen, was ihnen blühte, wenn sie nicht das taten, was von ihnen verlangt wurde. Und die Polizei … Die würde ihr auch nicht glauben, dass sie das Zeug auf der Straße gefunden hatte. … Nein, entschied sie frustriert. Momentan waren ihr einfach die Hände gebunden. Sie würde den Karton wieder so verschließen, dass ihre Schnüffelei nicht bemerkt werden konnte. Danach sollte er in seinem ursprünglichen Versteck darauf warten, von Tim weggebracht zu werden. Vielleicht ergab sich ja später eine Möglichkeit, irgendetwas zu tun.

8

Da er seinen besten Kumpel weder tagsüber noch abends ans Telefon oder gar zu Gesicht bekam, tauchte Eddy eines Nachmittags in der Werkstatt auf, wohl wissend, dass sich Patrick dort nicht verleugnen lassen oder tot stellen konnte, solange er selbst als gern gesehener Stammkunde auf die Hilfe des Spezialisten seiner Wahl pochte. Dennoch musste er einige Überzeugungsarbeit leisten, damit „die einzige Fachkraft seines Vertrauens“ von dessen eigentlicher Arbeit freigestellt wurde, um sich den „absoluten Notfall“ anzusehen.

„Hast du mit Luka gesprochen?“, wollte er wissen, sobald sie zusammen in seinem Mercedes saßen.

Der Gefragte war wegen des peinlichen Auftrittes, den sich sein ehemaliger Schulkamerad zuvor geleistet hatte, ziemlich gereizt und gab daher keine Antwort. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Musikanlage, welche merkwürdigerweise total verstellt war und darum nicht richtig funktionierte. Seine Finger flogen über die verschiedenen Tasten und brachten es schließlich fertig, ein Musikstück in einwandfreier Qualität ertönen zu lassen.

„Ich hab’ dich was gefragt“, grollte Eddy. „Rede gefälligst mit mir!“

„Ich bin nicht einer deiner Deppen“, fuhr Patrick verärgert auf. „Also achte auf deinen Ton!“ Die Spuren seiner Finger sorgfältig entfernend, ermahnte er sich erneut zur Zurückhaltung, wohl wissend, dass sein Boss eine lautstarke Auseinandersetzung mit einem Kunden nicht tolerieren würde.

„Du …“ Eddy erinnerte sich gerade noch rechtzeitig daran, dass er ja etwas von seinem Freund wollte und ihn darum nicht gegen sich aufbringen durfte. Also nahm er sich zusammen. „Seit drei Wochen warte ich jetzt schon darauf, dass du mir sagst, ob …“

„Ja, ich hab’ Luka gefragt“, unterbrach Patrick entnervt. „Aber sie redet nicht über Nadja.“

„Hast du ihr denn gesagt, dass sie nicht umsonst plappern soll?“ Eddy hatte Mühe, mit seiner Frustration fertig zu werden.

„Schon mal daran gedacht, dass nicht jeder käuflich ist?“ Patricks Stimme troff vor Ironie. „Es soll immer noch Leute geben, denen das Vertrauen ihrer Freunde wichtig ist.“ Die Fahrertür öffnend, blieb er dennoch sitzen, um seinen Gesprächspartner zum ersten Mal an diesem Tag voll anzusehen. „Gib auf“, empfahl er. „So, wie es aussieht, ist Nadja nicht interessiert.“ Er konnte erkennen, wie enttäuscht sein Gesprächspartner war. Statt jedoch Verständnis oder gar Mitleid zu empfinden, fühlte er nur Ärger und Widerwillen in sich rumoren. „Vielleicht ist sie ja schon in festen Händen“, gab er zu bedenken. „Würde mich schwer wundern, wenn eine Frau, wie sie, keinen Freund hätte.“

„Das ist mir egal“, knurrte Eddy. „Ich will sie ja nicht heiraten, sondern nur mit ihr reden.“ Das kaum merkliche Kopfschütteln des Freundes ließ seine schlechte Laune nur noch übler werden. „Fünfhundert“, stieß er hervor. „Du wirst noch mal mit dieser Luka reden und ihr sagen, dass ich bereit bin, fünf Hunderter hinzublättern, wenn ich dafür einen Abend mit Nadja verbringen kann.“ Dass man ihn auf diese Aussage hin vollkommen verblüfft anstarrte, kümmerte ihn nicht weiter. „Wenn sie dieses Angebot ablehnen sollte“, fuhr er im angriffslustigen Tonfall fort, „dann kannst du auch ein bisschen höher gehen. Ich will Nadja! Ganz egal, wie viel es mich kostet! Hast du das verstanden?“

Bekloppt, schoss es Patrick daraufhin durch den Sinn. So ein Riesentheater wegen einer Frau, die der selbst ernannte Casanova ohnehin nach ein paar Tagen wieder abschieben würde, weil der Reiz des Neuen verflogen war!

Die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben, lehnte Patrick ein paar Stunden später mit dem Rücken an der Wand, und schaute dabei immer wieder die Treppe hinauf. Seine Traumfrau war ein paar Minuten zuvor die Stufen hinauf gelaufen, ohne sich um seine Anwesenheit zu kümmern. Allein der große, muskulöse Mann, der den Aufgang zur zweiten Etage bewachte, hatte ihn davon abgehalten, ihr in den Weg zu treten und sie damit aufzuhalten. Also wartete er und hoffte, dass sie irgendwann von sich aus ein Einsehen haben und wieder mit ihm sprechen würde.

„Du bist aber ziemlich hartnäckig“, sprach ihn der Security-Mann unverhofft an. „War keiner bisher so ausdauernd.“

„Manchmal hilft nur eiserne Geduld“, erwiderte Patrick mit einem schiefen Grinsen. „Es gibt nämlich Frauen, die lassen sich nicht anders davon überzeugen, dass man es ernst meint.“ Ja, tatsächlich, dachte er, und war dabei nicht zum ersten Mal über sich selbst verwundert. Ihm war es bitterernst. Hatte er eine Abfuhr bisher immer mit einem Schulterzucken quittiert, um sich dann der nächsten Schönen zuzuwenden, verschwendete er jetzt nicht einen einzigen Gedanken an all die hübschen Mädchen, die er im Handumdrehen hätte verführen können. Allabendlich wartete er bloß darauf, dass die Liebe seines Lebens ihm eine neue Chance einräumte, seine Gefühle und Absichten zu erklären. Dabei kam er sich absolut nicht lächerlich vor. Ganz im Gegenteil war er überzeugt davon, dass sich seine Ausdauer irgendwann auszahlen würde. Nein, er war nicht wie Eddy, der bloß das Geltungsbedürfnis seines Egos befriedigen wollte, indem er die begehrte Frau an seine Seite zu zwingen versuchte. Er war beseelt, nein, er war besessen von dem Wunsch, dieses wunderschöne aber kratzbürstige Wesen in seine Arme schließen zu dürfen, weil er nur dadurch seinen Seelenfrieden wiedererlangen konnte.

„Auf welche bist du denn aus?“, fragte der Aufpasser interessiert. „Die Helle oder die Dunkle?“ Weil man ihn auf diese Frage hin voller Unverständnis ansah, beeilte er sich, seine Frage anders zu formulieren: „Wartest du auf Luka oder auf Nadja?“

„Ich muss mit Luka sprechen“, erwiderte Patrick. „Ist sehr wichtig für mich.“

„Ist ein ganz nettes Ding“, stellte der Anzug tragende Muskelmann daraufhin fest. „Allerdings nicht ganz so aufregend, wie ihre Freundin. Die beiden sind wie Tag und Nacht, wobei ich mir sicher bin, dass man sich da auch sehr irren kann. Schließlich kann man jedem nur bis vor die Stirn gucken. Was sich dahinter abspielt, …“ Er zuckte die Schultern und ließ seinem Gesprächspartner einen vielsagenden Blick zukommen.

„Kennst du Nadja näher?“ Eigentlich interessierte es Patrick nicht im Geringsten, wer die junge Frau war. Er fragte nur, um das Gespräch weiter in Gang zu halten, denn das erschien ihm immer noch besser, als nur schweigend da zu stehen und darauf zu warten, dass ein Wunder geschah.

„Ne, eigentlich nicht“, antwortete der Security-Mann unterdessen scheinbar gleichgültig. „Sie ist komisch, verstehst du. Kommt immer erst kurz vor ihrem Auftritt hier an, spricht aber mit keinem. Und nach der Show rennt sie gleich zum Hinterausgang. Ich glaub’, da wartet schon einer auf sie. Hab’ nämlich ein paar Mal einen schwarzen BMW direkt vor der Tür parken sehen.“

„Und Luka?“ Dieses Thema interessierte Patrick viel mehr.

„Die ist auch ein bisschen komisch“, stellte der Gefragte merklich zögernd fest. „Aber das ist ein Typ Frau, mit dem man Pferde stehlen könnte. Luka ist schwer in Ordnung, weißt du. Auf Fremde wirkt sie zwar oft kalt wie ein Eisberg. Aber eigentlich ist sie der liebste und humorvollste Mensch, den ich kenne.“ Er entließ sein Gegenüber aus seinem Blick, um die Treppe hinabzuschauen, wo nun eine hochgewachsene Person sichtbar wurde.

„Hallo, Chris“, grüßte Rolf, sobald er auf gleicher Höhe mit den beiden Wartenden ankam. „Gibt’s Probleme?“

„Alles gut“, versicherte der Angesprochene. „Wir reden bloß.“ Er wartete, bis sein Chef weiterging, um sich dann wieder seinem vorherigen Gesprächspartner zuzuwenden. „Du hast meine Frage nicht beantwortet“, mahnte er. „Hell oder dunkel?“

„Hell.“ Patrick fand das Gespräch amüsant. Zugleich war er überzeugt, dass er dem Muskelmann getrost alles anvertrauen konnte, ohne dass dies weiter getratscht wurde. Woher er diese Sicherheit nahm, wusste er nicht. Aber er vertraute auch diesmal seinem Bauchgefühl, denn das hatte ihn im Grunde noch nie wirklich getäuscht. „Ich muss gestehen, ich mag Frauen, mit denen man Pferde stehlen könnte, weil die in der Regel genau wissen, was sie wollen, sodass man’s als Mann nicht mehr gar so schwer hat, seine Partnerin glücklich zu machen. Und du?“

„Ich?“ Chris gab sich überrascht, ganz so, als ob er in der Tat nicht damit gerechnet habe, solch eine persönliche Frage beantworten zu müssen. „Na ja … Also … Ich achte und bewundere Frauen aus vielen verschiedenen Gründen“, erklärte er schließlich im gleichmütigen Tonfall. „Aber eigentlich stehe ich mehr auf schmucke Jungs.“ Während er sprach, schaute er scheinbar aufmerksam um sich, verlor das Gesicht seines Gegenübers jedoch keine Sekunde lang aus den Augen. Warum er sich ausgerechnet diesem Fremden gegenüber so offen outete, wo er sich doch sonst eher so verschlossen wie eine Auster gab, war ihm selbst ein Rätsel. Dennoch hatte er es diesmal nicht fertiggebracht, einfach über die Frage hinwegzugehen oder gar zu lügen.

„Jeder nach seinem Geschmack.“ Patrick grinste breit, womit er zusätzlich klarmachen wollte, dass er keineswegs schockiert war. Zu einer weiteren Feststellung kam er jedoch nicht mehr, denn just in diesem Moment erklangen oberhalb der Treppe zwei gereizt klingende Stimmen, die einen kurzen aber heftigen Disput miteinander ausfochten.

„Ui, da ist aber jemand ganz schön geladen“, stellte Chris fest, indem er kurz auf seine Armbanduhr sah. „Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, dann sprichst du Luka besser nicht sofort an. Warte lieber, bis sie sich ein bisschen beruhigt hat.“ Damit machte er auf dem Absatz kehrt und lief dann eilig davon.

Patrick indes blieb auf der Stelle stehen, denn die eben Erwähnte kam nun die Stufen hinunter.

„Du bist ja immer noch da“, zischte Luisa verärgert, sobald sie den Wartenden bemerkte.

„Ich möchte dir was …“, begann er.

„Ich will nichts hören“, würgte sie ihn sogleich ab.

„Aber …“ Weiter kam er auch diesmal nicht, denn sie war schon an ihm vorbei und auf dem Weg ins Restaurant. Im ersten Moment versucht, ihr auf dem Fuß zu folgen, gab er diese Idee jedoch gleich wieder auf, weil sie ohnehin nicht gut war. Schließlich wusste er aus eigener Erfahrung, dass man während der Arbeit weder die Zeit noch die Muße für ein Gespräch unter vier Augen fand. Also vertröstete er sich auf den nächsten Abend, im Stillen hoffend, dass seine Schlafräuberin irgendwann bereit sein würde, ihre Pause in seiner Gesellschaft zu verbringen. Und … Na ja, vielleicht konnte er von Chris noch das eine oder andere über sie erfahren, denn der Muskelmann schien in der Tat ein Mitglied ihres engsten Freundeskreises zu sein.

Obwohl man ihm keinerlei Hoffnung machte, dass es irgendwann besser werden würde, stand Patrick stets pünktlich an der Treppe, wenn Luisa hinauf eilte, um ihre Pause zu machen. Er war noch nie zuvor so berechnend vorgegangen und schämte sich daher zutiefst dafür, dass er die Nähe des arglosen Aufpassers suchte, um ihn gezielt auszuhorchen. Doch schon bei ihrem dritten Gespräch wurde deutlich, dass sie weit mehr gemeinsame Interessen hatten als ursprünglich angenommen. Und so verabredeten sie sich spontan für den nächsten Tag zu einem privaten Treffen, dem weitere folgen sollten.

„Wär’ gut, wenn du morgen mal bei mir zu Hause vorbeikommen würdest“, bat Chris eines Abends. „Kai – das ist mein Partner – der meint nämlich, ich wolle mich von ihm trennen, weil ich einen neuen hätte.“

„Und jetzt soll er selbst sehen, dass er besser aussieht als ich und darum gar keine Angst zu haben braucht, ja?“, frotzelte Patrick gut gelaunt.

„So in etwa“, erwiderte Chris sichtlich erleichtert.

*

Die Sicherungskette vom Hinterrad ihres Fahrrades lösend, wurde sich Luisa plötzlich der Gegenwart eines anderen Menschen in ihrem Rücken bewusst. Allerdings beunruhigte sie das nicht sonderlich, denn sie meinte, Chris wolle wieder einmal prüfen, inwieweit sie darauf eingestellt war, einen aus dem Hinterhalt kommenden Angriff abzuwehren. Entsprechend gelassen drehte sie sich um.

„Du musst dir schon was Neues einfallen …“ Sie brach mitten im Satz ab, weil sie mittlerweile ihren Irrtum erkannt hatte. „Was willst du denn hier?“, herrschte sie ihr Gegenüber mit plötzlich schneidender Stimme an.

„Mit dir reden“, antwortete Patrick ruhig, indem er einen weiteren Schritt auf sie zu machte.

„Ich wüsste nicht, worüber wir uns unterhalten sollten“, schnappte sie angriffslustig. „Wenn du Nadja …“

„Nicht Nadja“, unterbrach er, wobei er nun direkt vor ihr stehen blieb, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn ansehen zu können. „Es geht ganz allein nur um uns beide.“

„Ach ja?“ Sie konnte nicht umhin, sich einzugestehen, dass sie ihn trotz allem sehr anziehend fand. Dennoch war das für sie beileibe noch kein Grund, ihn freundlich zu behandeln! „Was willst du von mir?“ Ihr Tonfall war angriffslustig, ja, beinahe schon feindselig.

„Einfach nur mit dir reden“, wiederholte er. „Ich weiß, es ist heute schon zu spät. Aber würdest du dich vielleicht morgen Nachmittag mit mir treffen? Wir könnten irgendwo einen Kaffee trinken oder etwas essen gehen.“

„Und wenn ich gar keine Lust auf Kaffee oder Essen habe?“ Da sie sich sicher war, dass er im Auftrag seines Freundes handelte, reagierte sie entsprechend abweisend.

„Wir könnten auch ins Kino gehen“, schlug er vor. „Oder …“

„Lass das Gequatsche“, unterbrach sie ungeduldig. „Was willst du wirklich?“

„Dich besser kennenlernen“, erwiderte er. „Ich denke, wir hatten keinen besonders guten Start. Deshalb möchte ich wieder bei null anfangen. Ich bin nämlich ganz anders, als du denkst. Nur konnte ich das bisher nicht beweisen, weil du …“

„Und da lauerst du mir in der Dunkelheit eines Hinterhofes auf, um mich zu überzeugen?“, unterbrach sie ihn ein weiteres Mal mit gereizter Ungeduld. „Miserables Timing, mein Lieber. Wenn ich nicht gedacht hätte, Chris stünde hinter mir, dann hättest du gleich dein blaues Wunder erlebt. Ich bin nämlich gar nicht so wehrlos, wie du vielleicht denkst.“ Sie bemerkte seine schuldbewusst anmutende Verunsicherung, was sie für einen kurzen Augenblick ungemein süß fand. Trotzdem war sie nicht bereit, ihre vorgefasste Meinung über ihn einfach über Bord zu werfen. „Meine Antwort ist Nein“, warf sie ihm an den Kopf. „Ich verzichte auf deine Gesellschaft. Ich bevorzuge nämlich Männer, die sich von ihren Freunden nicht herumkommandieren und dafür auch noch bezahlen lassen.“ Eigentlich sehr ungerecht und taktlos, tadelte sie sich gleich darauf selbst. Aber die einzige Möglichkeit, um sich vor den eigenen Gefühlen und Wünschen zu schützen. Nichts hielt einen Mann besser auf Abstand als kalte Arroganz und verletzende Worte!

„Ich lasse mich von niemandem herumkommandieren.“ Es war Patrick anzusehen, dass er sich ärgerte. Dennoch sprach er in einem solch gleichmütigen Tonfall, als wären ihre abfälligen Worte gar nicht gefallen. „Wenn ich jemandem helfe, dann geschieht das aus freien Stücken und ganz kostenlos, verstehst du. Aber das hat überhaupt nichts mit uns beiden zu tun. Ich finde dich toll und möchte dich besser kennenlernen. Warum willst du mich nicht verstehen?“

„Warum auf einmal ich?“ Auch wenn sich seine Erklärung glaubwürdig anhörte, wollte sie diese nicht ernst nehmen, denn sie war sich absolut sicher, dass alles bloß Berechnung war.

„Nicht auf einmal“, stellte er richtig. „Für mich stand von Anfang an fest, dass allein du die Frau bist, mit der ich zusammen sein möchte. Du geisterst ständig in meinem Kopf herum. Und in meinen Träumen …“

„Aus welchem Kitschroman hast du das denn?“ Ihr Auflachen klang selbst in ihren eigenen Ohren viel zu laut und zu grell. „Mit dieser Masche magst du zwar schon einige Mädels eingewickelt haben, aber bei mir wirkt so was nicht. Also. Ich hab’ keinen Bedarf. Und falls auch keine andere bereit ist, mit dir in die Kiste zu springen, versuch’s einfach mal mit einer kalten Dusche. Hab’ mir sagen lassen, das wirkt Wunder, wenn das beste Stück eines Mannes außer Kontrolle gerät.“

Sie stand ihm so nahe, dass er ihr Parfüm riechen konnte. Zudem lockte ihn ihr schöner Mund – auch wenn dieser nur Freches hervorbrachte. Unfähig, weiter zu widerstehen, streckte Patrick spontan eine Hand aus, mit der Absicht, seine Traumfrau an sich ziehen und mit einem Kuss überzeugen zu wollen, dass er seine Behauptung wirklich ernst meinte. Doch kam es nicht dazu, denn seine unverhoffte Bewegung reichte aus, um eine blitzartige Gegenreaktion auszulösen.

Im ersten Moment spürte der Attackierte bloß die Wucht des Knies, welches sich in seine Weichteile bohrte. Doch schon im nächsten meinte er, ein hinterhältiger Zwerg hätte einen riesigen Dolch in seinen Unterleib gerammt, so jäh setzte der Schmerz ein, der gleich darauf von seinem Unterbauch zu seinem Hirn hinauf schoss. Einen gepeinigten Seufzer ausstoßend, taumelte er augenblicklich zurück. Dabei presste er seine Hände auf die malträtierten Körperteile und krümmte sich, nicht fähig, die Tränen der Qual zurückzuhalten.

„Du solltest genauer zuhören“, beschied ihm Luisa unterdessen ungerührt. „Ich sagte doch, ich bin nicht hilflos. Ich hab’ mich in Selbstverteidigung ausbilden lassen und kenne zudem die Schwachstellen eines Mannes sehr genau, verstehst du. Und ich zögere nicht, dieses Wissen auch zu nutzen, wenn man mich angreift.“ Damit schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr davon, ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfen.

Der Zurückbleibende indes fluchte unterdrückt. Aber nicht etwa, weil er nicht zum Zuge gekommen war. Er ärgerte sich vielmehr darüber, dass er seiner Sehnsucht gestattet hatte, seine Beherrschung ins Wanken zu bringen.

„Kann ich dir helfen?“

Chris hatte Luisa wie jeden Abend zum Hinterausgang begleitet, um nicht Gefahr zu laufen, dass sie misstrauisch wurde. Statt jedoch nach dem Abschiedsgruß zu seinem Auto zu gehen und heimzufahren, war er noch einmal ins Gebäude gegangen, weil er angeblich etwas vergessen hatte. Allerdings war er gleich hinter der nur angelehnten Eisentür stehen geblieben, um zu lauschen. Doch nun stand er wieder auf dem Hof und schaute auf den gebeugten Rücken des Freundes hinunter. Dabei wirkte er jedoch nicht im Geringsten überrascht durch die Vorgänge, oder wirklich besorgt um das Wohlergehen des Attackierten.

„Nein, danke.“ Patrick richtete sich vorsichtig auf. „Im Moment kann mir keiner helfen. Außer vielleicht ein Eisbeutel. Sie hat nicht nur ein scharfes Mundwerk. Sie hat auch ziemlich spitze Knie.“ Langsam, wirklich sehr langsam, schlurfte er zu seinem Golf, wobei ihn Chris zwar begleitete, aber keinerlei Anstalten machte, tatsächlich zu helfen.

„Die Lady ist die Konsequenz in Person“, stellte der Türsteher heiter fest. „Wenn die einmal Nein sagt, ist sie kaum dazu zu bringen, ihre Meinung zu ändern.“

„Ist mir egal“, behauptete Patrick immer noch atemlos vor Schmerz. „Hab’ schon immer Spaß daran gehabt, widerspenstige Frauen zu zähmen. Also werde ich mich vor dem nächsten Treffen entsprechend gut vorbereiten, denn jetzt weiß ich ja, worauf ich mich einzustellen habe.“

„Na, dann mal viel Glück“, kicherte Chris.

Patrick nickte bloß, bevor er sich endgültig in seinen Wagen gleiten ließ, um sich vorsichtig zurechtzusetzen. Das brennende Stechen in seiner Mitte wütete ungebrochen. Doch ließ die Intensität jetzt langsam nach, sodass er sich wieder auf andere Dinge konzentrieren konnte.

„Du wärst nicht zufällig bereit, mir noch einmal zu helfen?“, fragte er über die Schulter hinweg.

„Als hätt’ ich geahnt, dass du danach verlangen würdest“, erwiderte Chris, indem er ein Stück Papier in das Wageninnere reichte.

„Aber …“ Patrick blickte etwas verwirrt von dem Zettel zum Gesicht seines Freundes hinauf. „Das ist doch nicht …“

„Doch, das ist sie“, unterbrach Chris. „Luka ist bloß ein Spitzname, den ich ihr verpasst hab, kurz nachdem sie mit ihrer Familie in unseren Block gezogen ist.“ Es war ihm bei Todesstrafe verboten, über private Angelegenheiten seiner besten Freundin zu sprechen, solange dies nicht von ihr selbst erlaubt wurde. Dennoch gab er nun ein paar Details preis, weil sie in der Tat völlig nichtig aber für seinen Gesprächspartner vielleicht von Interesse waren: „Ich war damals achtzehn und noch nicht sicher, ob ich Männlein oder Weiblein bin. Sie war zwölf und so dreist, mir unter die Nase zu reiben, dass ich mich gar nicht verstellen könne, weil man es schon auf den ersten Blick sehen würde, dass ich ein Homo sei. Also hab’ ich mich für ihre Frechheit revanchieren wollen, indem ich ihr einen Jungen-Namen verpasste. Damals dachte ich noch, sie wäre nicht anders als alle anderen Mädchen in dem Alter, die nichts anderes im Kopf hatten, als sich so weiblich wie möglich zu verkaufen. Aber sie lachte bloß und fand es super. Also ist es dabei geblieben. Und Rolf hat den Namen von mir übernommen, weil er meinte, ihr richtiger Vorname passe irgendwie nicht so richtig zu der kriegerischen Amazone in Männerkleidung.“

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
04 ağustos 2024
Hacim:
380 s.
ISBN:
9783754148587
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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