Kitabı oku: «Pine Ridge statt Pina Colada»

Yazı tipi:

Pine Ridge statt Pina Colada

Roman

von

Katja Etzkorn


Impressum

Pine Ridge statt Pina Colada, Katja Etzkorn

TraumFänger Verlag Hohenthann, 2018

1. Auflage eBook April 2021

eBook ISBN 978-3-948878-12-2

Lektorat: Michael Krämer

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: Adobe Stock

© ginettigino (Pferde), © Erica Guilane-Nachez (Inuit)

Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,

Hohenthann

Printed in Germany

Inhalt

Licht am Ende des Tunnels

Gerüchteküche

Cowboys und Kuhfladen

Schlangen und Fohlen

Reisefieber

Eisberg voraus

Tauwetter

Märchenstunde

Schlaflos

Erkenntnisse

Schweigen

Brot und Spiele

Luftschlösser

Donnervogel

Geduld ist eine Tugend

Tyler

Geister der Vergangenheit

Büffel und Maisbrei

Klapperschlangen küsst man nicht

Am seidenen Faden

Elch

Taté Sápa

Powwow

Micínkshi

Abschiede

Tiwáhe mitáwa kin

Frisch gefallener Schnee

O du fröhliche

Zukunft

Nomen est omen

Countdown

Alles oder nichts

Anyu

Die siebte Generation

Epilog

Licht am Ende des Tunnels

Frustriert zog sich Sannah die OP-Mütze vom Kopf. In den letzten drei Stunden hatte sie darum gekämpft, das Leben eines jungen Motorradfahrers zu retten, der nach einer wilden Hasenjagd auf der Autobahn an der Leitplanke gelandet war. Vergebens. Seine Verletzungen waren zu schwer gewesen, der Blutverlust zu hoch. Das Team hatte alles Menschenmögliche versucht, doch nun endete ein junges Leben hier auf ihrem OP-Tisch. „Shit“, fluchte Sannah. „Zeitpunkt des Todes zehn Uhr fünfzig“, verkündete der Anästhesist. Die OP-Schwester schaltete den enervierenden Dauerton, der den Herzstillstand des Patienten signalisierte, ab. Sannah warf ihr einen dankbaren Blick zu. Sie zog die Gummihandschuhe aus und überließ es dem Assistenzarzt, die Wunde zu schließen. Die Handschuhe warf sie in einen Eimer und drückte dann die Tür zum Vorraum auf. Eigentlich hatte sie schon seit drei Stunden Feierabend, aber danach fragte nicht mal sie selbst, geschweige denn jemand anders. Im Umkleideraum zog sie den OP-Kittel aus und warf ihn samt Mütze in einen Sammelbehälter.

Sannah riss den Mundschutz ab und begann sich Hände und Arme zu waschen. Sie schöpfte sich Wasser ins Gesicht und blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Eine widerspenstige Strähne ihres schwarzen Haars fiel in ihr schmales, ebenmäßiges Gesicht. Ihre dunkelbraunen, mandelförmigen Augen waren groß und nach dem Nachtdienst mit dunklen Ringen umrandet. Die geraden Augenbrauen und die hohen Wangenknochen ließen ihr Gesicht ernst, fast streng wirken. Nur die vollen Lippen milderten diesen Eindruck ein wenig ab. Alles ein Erbe ihres Großvaters, einem Kalaaleq, den es seinerzeit von Grönland über Dänemark nach Hamburg verschlagen hatte. Sannah stützte sich mit den Händen auf das Waschbecken und ließ den Kopf hängen. Sie hatte im Laufe ihres Berufslebens als Unfallchirurgin gelernt, emotional Abstand zu halten und nicht alles an sich heranzulassen, aber gerade bei jungen Menschen fiel es ihr immer noch schwer. Nicht zuletzt, weil es ihr die eigene Vergänglichkeit vor Augen führte. Der Patient war jünger als sie gewesen, und nun war sein Leben vorbei.

„Raus hier!“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Nur schnell raus hier.“ Sannah schlüpfte aus den Gummilatschen, in denen man Schweißfüße bekam, und zog Hemd und Hose aus. Die Tür flog auf, und Jonas, der Anästhesist, kam herein. Er hatte ein bemerkenswertes Talent dafür entwickelt, immer dann im Umkleideraum zu erscheinen, wenn Sannah in Unterwäsche dastand. Sie warf ihm einen genervten Blick zu. Er hob die Hände, um seine Unschuld zu beteuern, und grinste jungenhaft. Während er selbst begann sich aus seinen OP-Klamotten zu schälen, beeilte Sannah sich Jeans und Pulli anzuziehen. Als sie auch ihre Schuhe anhatte, trat sie wütend gegen den Schrank.

„Hey“, sagte Jonas tröstend. „Nimm es nicht so schwer. Bei diesem massiven Trauma war nichts mehr zu machen, das weißt du so gut wie ich. Wir sind eben nur Halbgötter“, beendete er sarkastisch seinen Satz.

„Ich denke über eine Umschulung nach. Kennst du einen Job, der Spaß macht?“, fragte sie desillusioniert.

„Klar!“ Wieder blitzte dieses jungenhafte Grinsen über sein Gesicht. „Weihnachtsmann. Einen Tag arbeiten, dreihundert vierundsechzig Tage frei und der Chef weit weg.“ Sannah rang sich zu einem halbherzigen Lächeln durch.

„Also nichts für mich. Ich bin eine Frau.“

Jonas machte ein erstauntes Gesicht. „Ehrlich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“

Sie warf ihm mit gespielter Entrüstung ihr Handtuch an den Kopf und musste nun doch schmunzeln. Das Leben ging weiter. Sie mochte seinen Humor und seine lockere Art. Gerade in solchen Augenblicken wie diesem. Trotzdem ignorierte sie seinen Hundeblick. Kollegen waren für Sannah tabu, und das wusste auch er. Der kurze Augenblick verging, und sie informierte den wartenden Beamten über den Tod des jungen Mannes. Bisher hatte man noch keine Angehörigen ausfindig machen können, und so blieb die traurige Pflicht an ihm, den Angehörigen die Nachricht zu überbringen. Sannah war erleichtert darüber.

Auf dem Weg zum Auto genoss sie die ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings auf der Haut und verfluchte gleichzeitig ihren Dienstplan. Es versprach ein schöner Tag zu werden, und sie konnte ihn nicht nutzen. Nach ihrem Nachtdienst war sie völlig ausgelaugt und brauchte Schlaf. Während der Fahrt nach Hause grübelte Sannah über ihr Leben nach. Der Dauerfrust der letzten beiden Jahre machte ihr zu schaffen. Sie liebte ihren Beruf, aber an Tagen wie diesem wurde ihr manchmal alles zu viel. Schon als Kind war sie ehrgeizig gewesen und hatte sich selbst hohe Ziele gesteckt. Unterstützt von ihren Eltern und Lehrern hatte sie zwei Klassen übersprungen und fand sich als „Baby“ auf dem Gymnasium wieder. Trotzdem war die Schule die Hölle für Sannah gewesen. Bedingt durch den Altersunterschied fand sie keine Freunde in ihrer Klasse. Niemand wollte mit dem jüngeren, aber altklugen Mädchen etwas zu tun haben. Die Hänseleien waren verletzend gewesen, und so zog sie den Stoff nur um so verbissener durch. Abitur mit siebzehn und Bestnoten. Das Studium und die Facharztausbildung absolvierte sie in Minimalzeit. Nun war sie neunundzwanzig und steckte in einer Sackgasse. Sie hatte alles erreicht. Oder fehlten ihr einfach nur neue Herausforderungen? Aber welche?

„Du brauchst dringend einen Mann!“, dozierte Annegret, ihre Freundin aus Studienzeiten, immer, wenn die beiden Zeit fanden sich auf ein Glas Wein zu treffen. „Oder wenigstens hin und wieder mal Sex!“

Sannah verdrehte im Geiste die Augen, wenn dieser Spruch kam. Sollte sie etwa den erstbesten Kerl an der Krawatte ins Schlafzimmer zerren? Ihr limbisches System, zuständig für das Mixen von aphrodisierenden Hormoncocktails und die damit verbundene geistige Umnachtung in puncto Männer, lag schockgefrostet als Eismumie in ihrem Oberstübchen. Eine Tür weiter, im präfrontalen Kortex, hatte Fräulein Rottenmeier das Zepter an sich gerissen und regierte mit eiserner Selbstdisziplin, Askese und verkniffenen Mundwinkeln. Eine baldige Änderung dieses Zustandes war nicht in Sicht. Sannah verbrachte den Großteil des Tages in der Klinik. Abends hatte sie dann keine Lust mehr, sich in Schale zu schmeißen und auszugehen. Und alleine schon mal gar nicht. Sie kam sich dann immer vor wie bestellt und nicht abgeholt. Männer und alles, was mit ihnen zusammenhing, waren nicht die Lösung, sondern das Problem. Ein Kollege kam auch nicht in Frage. Ihre letzte Beziehung mit einem Kollegen endete in einer hässlichen Scheidung. Das Trennungsjahr eingerechnet hatte ihre Ehe gerade mal drei Jahre gedauert.

‚So viel zum Bund fürs Leben‘, dachte sie bitter. Wieder Sackgasse, oder war das alles nur Jammern auf hohem Niveau? Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, um auf andere Gedanken zu kommen. Sannah parkte vor ihrer kleinen Jugendstilvilla in einem der teuren Randbezirke Hamburgs mit Blick auf die Elbe. Nach den heutigen Immobilienpreisen war das Haus ein Vermögen wert, aber für Sannah noch viel kostbarer. Es war ihr Elternhaus. Hier war sie aufgewachsen und bis zum Unfalltod ihrer Eltern immer glücklich gewesen. Hierher war sie nach dem Scheitern ihrer Ehe geflüchtet und hatte sich eingeigelt. Sie besaß alles, was man sich nur wünschen konnte, aber dafür hatte sie einen hohen Preis zahlen müssen.

Sie stieg aus dem Auto und lief die kleine Treppe hoch, fischte die Post aus dem Briefkasten und schloss die Tür auf. Im Flur legte sie ihre Jacke auf einen Stuhl und nahm die Post mit in die Küche. Sie setzte Wasser für einen Tee auf und sah flüchtig die Briefe durch. Eine Karte von Annegret war dabei aus irgendeinem Allinclusive-Club samt Spa am Mittelmeer mit dem etwas protzig klingenden Namen Villa Palma. Sannah grinste. Ihre Freundin ließ es mal wieder krachen! Nächste Woche würde sie sich von Annes Urlaubseroberungen berichten lassen. Ein Brief von dem Förderverein, für den sie monatlich spendete, fiel ihr ins Auge. Es ging um ein Horsemanship-Projekt für Kinder und Jugendliche in der Pine Ridge Reservation in South Dakota. Alkohol und Drogenmissbrauch waren dort ein großes Problem. Durch den Umgang mit Pferden versuchte man, die Kinder von Drogen fernzuhalten und sie gleichzeitig ihrer alten Kultur wieder näherzubringen. Sannah wusste aus eigener Erfahrung, wie positiv sich Pferde auf die Entwicklung von Kindern auswirkten. Wenn man etwas von diesen schönen Tieren lernen konnte, dann Respekt, Verantwortung und Geduld. Geduld und noch mal Geduld. Mal abgesehen davon, dass man dann sowieso keine Zeit mehr hatte, auf dumme Ideen zu kommen. Der Verein suchte jemanden, der drei Monate Zeit erübrigen konnte, um die Arbeit dort zu dokumentieren. Man wollte den Spendern gern zeigen, wofür die Spenden verwendet wurden, und sie an den Fortschritten der Kinder teilhaben lassen. Eine Unterbringung auf der Ranch sei kein Problem, die Kosten dafür musste man allerdings selber tragen.

Sannah war fasziniert von dieser Idee. Sie liebte Pferde, es wäre eine Art von Urlaub, in dem sie sich nicht wie bestellt und nicht abgeholt fühlen würde. Sie hätte eine sinnvolle Aufgabe, und es wäre der Tapetenwechsel, den sie so dringend brauchte. Aber drei Monate waren eine verdammt lange Zeit. Sie schlürfte ihren Tee und öffnete einen Brief von der Personalabteilung. Man machte sie darauf aufmerksam, dass ihr Resturlaub aus dem Vorjahr bald verfallen würde. Sannah war wie elektrisiert. Mit dem Resturlaub, den angehäuften Überstunden und einem Teil ihres diesjährigen Urlaubsanspruches könnte sie drei Monate zusammenbekommen. Blieb nur die Frage, ob man ihr das auch bewilligen würde. Entschlossen griff sie zum Telefon und rief die Personalabteilung an. Angespannt lauschte sie dem Klingelton und wartete darauf, dass sich jemand am anderen Ende an den Hörer bequemte.

„Personalabteilung, Jansen“, ertönte es mit einem unfreundlichen Unterton.

„Susannah Hammeken, guten Tag, Herr Jansen. Ich habe gerade Ihr Schreiben bezüglich meines Resturlaubs erhalten.“

„Dr. Hammeken“, antwortete Jansen nun bedeutend freundlicher – bei den Ärzten wurde immer geschleimt. „Worum geht es denn?“

Sannah zögerte einen Moment. „Das kommt jetzt etwas aus heiterem Himmel“, begann sie. „Ich würde gerne meinen Resturlaub, die Überstunden und einen Teil meines diesjährigen Urlaubs zusammenlegen und am Stück nehmen.“ Die Stille am anderen Ende der Leitung ließ nichts Gutes erahnen. Offenbar sammelte „Feldwebel“ Jansen gerade seine Truppen in Form von Vorschriften und Dienstanweisungen. Sannahs Kampfbereitschaft stieg. „Von wie viel Urlaub sprechen wir denn da?“, kam es schließlich misstrauisch von Jansen zurück. Sannah verdrehte die Augen. Sie hasste Jansens überhebliche Art, in der ersten Person Plural zu sprechen. Sie fragte ihre Patienten schließlich auch nicht: Wie geht es uns denn? Haben wir heute schon Stuhlgang gehabt?

„Drei Monate“, antwortete sie höflich, aber bestimmt. Sie wollte nicht kampflos vor Feldwebel Jansen die Waffen strecken. Der Stuhlgang der ersten Person Plural folgte prompt.

„Drei Monate?“, tönte Jansen nun deutlich lauter durch den Hörer, damit auch alle in der Abteilung mitbekamen, wie dekadent diese Halbgötter waren. „Na, wenn wir uns das denn leisten können.“ Jansen lief zur Höchstform auf. „ Aber ich kann Ihnen sagen, Frau Dr. Hammeken“, er machte eine Pause, um sicherzugehen, dass auch alle den Namen verstanden hatten. „Ein derart langer Urlaub ist bei uns nicht üblich. Das müssten Sie schon mit dem Chefarzt besprechen. Sollte sich Dr. Schröder damit einverstanden erklären, werden wir Ihren Urlaubsanspruch prüfen.“ Jansens Stimme triefte nur so von Schadenfreude.

Sannah kochte vor Wut, ließ sich aber nichts anmerken. Die erste Runde ging an den Papier fressenden Amtsschimmel.

Sie nahm noch einen Schluck Tee, rief im Büro ihres Chefs an und vereinbarte einen Termin für den nächsten Tag. Als sie abends unter der Dusche stand, ließ sie sich das heiße Wasser wohlig über die Schultern laufen und legte sich einen Schlachtplan für das bevorstehende Gespräch mit ihrem Chef zurecht. Priv. Doz. Dr. Dr. Hartmut Schröder, Chefarzt der Chirurgie. Er verlangte viel, auch von sich selbst, schätzte Einsatzbereitschaft und Professionalität und sah sich gern als väterlichen Förderer, solange niemand Mist baute. Was allerdings manchmal dazu führte, dass er seine ganze Abteilung behandelte wie einen Haufen unmündiger Teenager.

Sannah beschloss, genau dort anzusetzen. Sachliche Argumente, eine kleine Portion Kindchenschema und einen winzigen Hauch Sexappeal. Zufrieden drehte sie das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Nach dem Abtrocknen fiel sie in ihr Bett. ‚Endlich Licht am Ende des Tunnels‘, dachte sie und schlief ein.

Am nächsten Morgen erwachte Sannah zum ersten Mal seit langem ausgeruht und frisch, hatte von Pferden geträumt und fühlte sich geradezu euphorisch. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihre spontan getroffene Entscheidung die richtige war. Das bevorstehende Gespräch mit Dr. Schröder versetzte ihr nur einen mäßigen Dämpfer. Entspannt gönnte sie sich ein ausgiebiges Frühstück und genoss das Gezwitscher der Vögel in ihrem Garten. Nach dem Nachtdienst hatte sie einen Tag frei, und der Termin war erst am Nachmittag; sie konnte sich also Zeit lassen. Was wohl Anne von ihren Reiseplänen halten würde? Sannah erschrak, sie machte Pläne und hatte vor lauter Begeisterung darüber noch nicht einmal mit dem Verein telefoniert. Was, wenn ihr jemand zuvorgekommen war? Sie griff zum Telefon. Nach dem Gespräch lehnte sie sich beruhigt zurück. Es hatte sich bisher noch niemand gemeldet, und die Dame am Telefon war erfreut zu hören, dass sich nun doch jemand finden würde. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Sannah am späten Nachmittag noch einmal anrufen sollte. Ein paar Vorabinformationen hatte sie auch schon bekommen. Die Ranch, auf der alles stattfinden sollte, lebte von Pferdezucht und der Ausbildung von Jungpferden. Reitunterricht fand, wegen der strengen Winter in South Dakota, nur in den Sommermonaten statt. Sie würde ein Zimmer im Wohnhaus beziehen und dort auch verpflegt werden. Das Ganze für dreißig Dollar pro Tag. ‚Selbstkostenpreis‘, dachte Sannah. Dafür bekam man hier gerade mal ein Abendessen. Sie gönnte sich eine weitere Tasse Kaffee und träumte ein wenig vor sich hin.

Am frühen Nachmittag lief sie die Treppe hinauf und durchforstete ihren Kleiderschrank nach einem passenden Outfit. Sie entschied sich für ein dunkelblaues Etuikleid mit dazugehörendem Gehrock. Erzkonservativ. High-Heels sorgten für den winzigen Hauch Sexappeal und betonten ihre schlanken Beine. Ein Paar für den hanseatischen Stil obligatorische Perlenohrringe rundeten das Bild ab. Fertig war die Karriere-Barbie. Zufrieden betrachtete sie ihre Auswahl. Sannah konnte umwerfend aussehen, für den täglichen Weg zur Arbeit machte sie sich diese Mühe allerdings nicht. Aber heute ging es um die Wurst. Es galt ein Bündnis mit „General“ Schröder zu schmieden um dann mit fliegenden Fahnen die Personalabteilung zu stürmen. Sie schlüpfte in ihr Kleid und legte etwas Make-up auf. Eine helle Tagescreme ließ ihren dunklen Teint etwas blasser erscheinen, brauner Lidschatten und Mascara betonten ihre ohnehin schon ausdrucksvollen Augen, und ein farbloses Lippgloss vervollständigte die Kriegsbemalung. Ihr knapp schulterlanges Haar umrahmte ihr Gesicht. Zufrieden betrachtete sie ihr Spiegelbild. ‚Das würde Schröder gefallen‘, dachte Sannah. Sie suchte ihre Überstundenabrechnung aus einem Ordner und machte sich auf den Weg in die Klinik.

Vor Dr. Schröders Büro atmete sie noch mal tief durch und straffte die Schultern, bevor sie anklopfte. Sie betrat das Vorzimmer des Chefs. Es roch nach Kaffee und seinem markanten Aftershave.

„Hallo, Dr. Hammeken“, wurde sie von der Sekretärin begrüßt.

„Sie können gleich hineingehen, der Chef ist schon da.“

Sannah lächelte dankbar und klopfte pro forma noch mal am Türrahmen zu Schröders Büro.

„Susannah, kommen Sie rein.“ Schröder hatte sich hinter seinem Schreibtisch, dem Bollwerk der Macht, verschanzt und lehnte selbstzufrieden in seinem Sessel. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte er lächelnd und deutete auf einen Stuhl.

Während Sannah auf dem angebotenen Stuhl Platz nahm, glitt sein Blick wohlwollend über ihre schlanke Gestalt.

„Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen“, begann sie.

„Ich will Sie auch nicht lange aufhalten. Wie Sie sicher wissen, hatte ich in den letzten zwei Jahren einige persönliche Schicksalsschläge zu bewältigen.“

Schröder nickte und wurde ernst. Das war ihm nicht entgangen. Erst die Scheidung von ihrem gewalttätigen Ehemann und kurze Zeit später der Verlust ihrer Eltern. Er hatte damals befürchtet, sie würde unter dieser Belastung zusammenbrechen. Aber sie hatte durchgehalten und sich zurück an die Oberfläche gekämpft. Dafür zollte er ihr Respekt und Hochachtung.

„Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, um nicht darüber nachdenken zu müssen“, fuhr sie fort. „Das hat mir bislang auch geholfen, aber jetzt brauche ich dringend eine Auszeit, um durchzuatmen und den Kopf freizubekommen.“

Schröders Gesichtsausdruck wurde nun besorgt, er unterbrach sie aber nicht.

„Die Personalabteilung forderte mich auf, meinen Resturlaub des vergangenen Jahres zu nehmen, und ich würde gern noch meine Überstunden und einen Teil meines diesjährigen Urlaubsanspruches dranhängen. Kurz: ich hätte gern drei Monate Urlaub.“ ‚So, nun war es raus‘, dachte sie erleichtert.

Dr. Schröder entspannte sich sichtlich und lachte kurz auf. „Jagen Sie mir nie wieder so einen Schrecken ein, Susannah. Ich hatte gerade befürchtet, Sie würden mir gleich Ihre Kündigung auf den Tisch legen.“

Sannah lächelte verlegen. „Tut mir leid, wenn ich diesen Eindruck vermittelt habe. Nach dem Gespräch mit Herrn Jansen war ich etwas angespannt.“

Schröder nickte und verdrehte dabei die Augen. Feldwebel Jansen war im ganzen Haus berüchtigt. „Nehmen Sie sich so viel Urlaub wie nötig“, sagte er mit dem üblichen väterlichen Unterton. „Aber tun Sie mir noch einen Gefallen. Nächste Woche fängt ein neuer Kollege an, und es wäre mir sehr wichtig, dass Sie ihn noch einarbeiten, bevor Sie in den Flieger steigen. Halten Sie noch einen Monat durch?“

Sannah machte eine beruhigende Handbewegung und nickte eifrig. „Natürlich, kein Problem“, versicherte sie.

Schröder erhob sich von seinem Sessel und begleitete Sannah ins Vorzimmer.

„Den Jansen überlassen Sie mal getrost mir. Um den werden wir uns schon kümmern“, äffte er den Personalchef nach.

„Vielen Dank für Ihr Verständnis“, sagte sie und schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

„Lassen Sie noch Ihre Überstundenabrechnung hier“, meinte Schröder und bat seine Sekretärin, bei Jansen anzurufen.

„Wo soll´s überhaupt hingehen?“, fragte er Sannah.

„Nach South Dakota“, antwortete sie.

„Was in aller Welt wollen Sie da denn? Da gibt es doch nur Gras und Himmel.“

Sie strahlte ihren Chef an. „Genau! Ist das nicht toll?“ Auf dem Weg nach Hause jubelte Sannah. Nicht nur, dass ihren Plänen nun nichts mehr im Wege stand, Dr. Schröder hatte ihr auch die Schlacht mit Jansen abgenommen. Das war mehr als sie gehofft hatte. Zu Hause angekommen, gab sie dem Verein grünes Licht und man einigte sich schnell auf einen Reisetermin. Alle weiteren Einzelheiten würde man ihr per Post zusenden. Sie bestellte sich ein Abendessen beim Chinesen, schließlich musste der Triumph gefeiert werden. Während Sannah auf das Essen wartete, suchte sie im Internet die passenden Flugverbindungen raus, füllte das ESTA Online-Formular für ein Touristenvisum aus und buchte die Flüge. Fertig, nun gab es kein Zurück mehr. Sie brauchte nur noch den Koffer packen.

Gerüchteküche

Die nächste Woche verlief recht ereignislos. Der neue Kollege war nett und kompetent, so dass seine Einarbeitung gute Fortschritte machte. Sannah traf in der Kantine auf Jonas, der sein überladenes Tablett in ihre Richtung balancierte und sich neben ihr auf einen Stuhl fallen ließ. „Hallo Gasmann. Gab es bei euch mal wieder nichts zu essen?“, begrüßte sie ihn fröhlich. Jonas lebte immer noch in seiner alten Studenten-WG. Der Immobilienmarkt in Hamburg war katastrophal, bezahlbare Wohnungen kaum zu bekommen. Da er weder Lust noch Zeit hatte, einen Maklertermin mit fünfzig anderen Interessenten zu absolvieren, war er einfach in seiner WG geblieben und mittlerweile der amtierende Dinosaurier.

Jonas sah sie überrascht an. „Machst du jetzt doch die Umschulung zum Weihnachtsmann, oder haben sie dir nur neue Batterien eingebaut?“, fragte er und grinste mit seinem jungenhaften Charme. „Letzte Woche hast du noch Trübsal geblasen, und jetzt strahlst du wie ein Honigkuchenpferd.“

„Ich habe bald Urlaub“, erklärte sie erfreut.

Jonas begann sich mit seinem Nudelauflauf zu beschäftigen. Er kaute mit vollen Backen.

„Deswegen habe ich auch einen Anschlag auf dich vor“, kündigte sie an.

„Ich soll mit?“, nuschelte er und zwinkerte ihr zu.

Sie grinste schief. „Nein, du sollst bei mir einziehen“, konterte sie.

Jonas verschluckte sich fast und grinste sie breit an. „Einziehen? Weißt du, Süße, ich wollte dich ja erst mal zum Essen einladen und abwarten, wie es sich so zwischen uns entwickelt. Aber wenn du es so eilig hast, dass ich zu dir ziehe, bitte!“ Er hob ergeben seine Hände. „Verfüge über mich!“

Jetzt war es Sannah, die sich fast verschluckte. Fürsorglich klopfte ihr Jonas auf den Rücken und registrierte amüsiert, dass ihr Gespräch etliche neugierige Zuhörer gefunden hatte. Binnen einer halben Stunde würde die Gerüchteküche brodeln.

Er stopfte sich unbeeindruckt die nächste Ladung Auflauf in den Mund.

„Du wohnst doch immer noch in deinem kleinen WG-Zimmer“, fuhr Sannah fort. „Ich dachte, du passt ein bisschen auf mein Häuschen auf, gießt die Blumen und machst den Briefkasten leer. Dafür hättest du endlich mal genug Auslauf und ab und an ein Vollbad“, entgegnete sie mit einem kleinen boshaften Lächeln.

Jonas nahm nun den Nachtisch in Angriff. Vanillecreme, eine Krönung der chemischen Lebensmittelindustrie. Die Konsistenz erinnerte Sannah stark an Bauschaum. Zwischen zwei vollen Löffeln antwortete er: „Deine Topfpflanzen und ich werden in den drei Wochen viel Spaß haben.“

„Drei Monate“, verbesserte Sannah.

„Drei Monate?“, fragte er erstaunt. „Wo willst du denn hin? Zum Nordpol?“

Sie lachte. „Nein, auf eine Ranch in South Dakota. Heißt das also ja? Du spielst den Housesitter?“

„Na klar!“, meinte Jonas. „Wer weiß, ob ich je wieder die Gelegenheit erhalten werde, deine heiligen Hallen zu betreten. Außerdem bin ich es ja gewohnt, dass du meine Illusionen zerstörst“, jammerte er mit gespielter Leidensmiene.

Sie sah ihn erstaunt an. „Was denn für Illusionen?“

„Nun“, erläuterte Jonas sein Kopfkino. „Als du Urlaub gesagt hast, stellte ich mir vor, dass du deinen Luxuskörper in einen knappen Bikini steckst und dich lasziv an irgendeinem Tropenstrand aalst. Stattdessen habe ich jetzt das Bild von dir in derben Stiefeln und Kuhfladen vor meinem geistigen Auge. Bikini gefiel mir besser!“ Er grinste anzüglich.

Sannah stand auf und musterte ihn mit leichter Missbilligung. Dann beugte sie sich zu ihm herunter. „Bei mir läuft auch gerade Kopfkino. Dein muskulöser Body in einer eng anliegenden Badehose.“ Sie machte eine künstlerische Pause und schnurrte verführerisch: „Am Nordpol!“ Lachend verließ sie die Kantine und ließ Jonas frierend zurück.

Nach Dienstschluss beeilte sich Sannah noch, zum nahegelegenen Supermarkt zu fahren. Annegret war aus dem Urlaub zurück, und Sannah freute sich auf einen Mädelsabend. Vorher musste sie allerdings noch dringend ihre Weinvorräte aufstocken und etwas zu essen besorgen. Es war Freitagabend, und es konnte durchaus eine lange Nacht werden, je nachdem, was Anne so alles zu berichten hatte. Von ihren eigenen neuen Plänen ganz zu schweigen. Sie lief durch die Gänge und lud eine Kiste Rotwein in ihren Einkaufswagen, dazu noch Käse, Baguettes, Oliven und Knabberkram. Als sie an der Tiefkühltheke stand, dachte sie über Eiscreme nach.

„Nein“, entschied sie. Eiscreme gab es traditionell nur bei Liebeskummer, und der stand zum Glück nicht an.

„Ich mag Walnuss“, tönte es über ihre Schulter. Es war Jonas. Er stand, beladen mit einer Wochenration Pizza, hinter ihr und warf erleichtert seinen Einkauf in ihren Wagen. „Hatte keinen Euro für den Wagen, und meine Hände frieren gleich ab“, erklärte er.

„Und ich dachte, du akklimatisierst dich schon mal für die Arktis“, gab Sannah zurück.

Er warf ihr wieder seinen Dackelblick zu. „Bin ich auch zu deiner Party eingeladen?“, fragte er, nachdem sein Blick über ihre Einkäufe geschweift war.

„Sollte zwar ein Mädelsabend werden, aber warum nicht? Dann lernst du auch mal Anne kennen“, stimmte sie zu.

Jonas strahlte sie an. Gemeinsam zogen sie weiter durch die Gänge, und Jonas komplettierte seinen Einkauf noch mit einer üppigen Auswahl an Süßigkeiten.

„Für die WG!“, versicherte er, als er ihren Blick sah.

Als sie sich in Richtung Kasse begaben, lief ihnen eine der OP-Schwestern über den Weg. Sie sah die beiden mit wissendem Blick an und grüßte eine Spur zu freundlich. Die Gerüchteküche hatte Überstunden gemacht. Auch Sannah waren die Zuhörer in der Kantine nicht entgangen.

„Wieso habe ich gerade das Gefühl, einen Kinderwagen zu schieben?“, murmelte sie Jonas zu und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.

„Weil am Montag unsere Verlobungsanzeige am schwarzen Brett hängt“, raunte er zurück. Er legte ihr demonstrativ den Arm um die Schultern und fragte laut und deutlich: „Ob die hier auch Ringe verkaufen, Schatz?“

Um Sannahs Fassung war es geschehen. Sie schüttelte sich vor Lachen, und die Schwester verschwand schnell um die Ecke des nächsten Gangs. Spätestens morgen früh würden in der Gerüchteküche die Sicherungen herausknallen.

Auf dem Parkplatz luden sie ihre Einkäufe gutgelaunt in Sannahs Auto. Jonas, der wie üblich zu Fuß unterwegs war, setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Wann kommt denn Annegret?“, wollte Jonas wissen.

„Ich denke so gegen acht“, sagte Sannah. „Sie ist heute erst aus dem Urlaub zurückgekommen und hat sich bestimmt noch ein bisschen hingelegt.“

„Und dann schmeißt ihr noch am gleichen Tag eine Party?“, fragte Jonas erstaunt.

„Na klar!“, bestätigte sie. „Urlaubserinnerungen müssen erzählt werden, solange sie frisch sind.“ Die pikanten Details würden allerdings erst zur Sprache kommen, wenn Jonas wieder weg war. Das behielt sie aber für sich.

„Dann nehme ich mir für deine Urlaubsparty wohl besser gleich eine ganze Woche frei“, stellte Jonas fest. „Wie bist du eigentlich auf den Ranch-Aufenthalt gekommen?“

Sannah winkte ab. „Erzähle ich euch nachher! Anne weiß noch nichts davon. Sie wird mich heute sicher noch ins Kreuzverhör nehmen und mir den Prozess machen.“

„Anwältin?“, fragte Jonas.

Sie nickte. „Für Familien- und Eherecht, war damals echt hilfreich“, meinte sie verbittert.

Jonas schluckte trocken. Sannahs Ehe war ein sehr sensibles Thema, das in der Klinik möglichst vermieden wurde. Sannahs Exmann Markus war ebenfalls ein Kollege gewesen. Selbstbewusst und egozentrisch hatte er die deutlich jüngere Sannah um den Finger gewickelt. Die Hochzeit folgte schnell, nicht zuletzt, weil er sich davon finanzielle Vorteile versprach. Ihr Vater war ein erfolgreicher Immobilienmakler für die oberen Zehntausend der Hamburger Gesellschaft. Mit der Treue nahm es Markus nicht so genau, aber davon bemerkte Sannah zunächst nichts und hatte sich wie ein Opferlamm zur Schlachtbank führen lassen. Anfangs war noch alles gut, aber nach und nach kochte auch hier die Gerüchteküche hoch. Markus hatte mehrere Affären, und zwar so offensichtlich, dass auch Sannah nicht mehr die Augen davor verschließen konnte. Immer häufiger kam sie verheult zum Dienst, und ihre Kollegen mutmaßten, dass er sie auch schlagen würde. Eines Abends wurde daraus traurige Gewissheit, als sie mit Hämatomen, Platzwunden und einer schweren Gehirnerschütterung in der Notaufnahme eingeliefert wurde. Die Klinikleitung hatte Markus daraufhin fristlos gekündigt, und Sannah reichte die Scheidung ein. Jonas konnte nur zu gut verstehen, dass sie seitdem nichts von Männern im Allgemeinen und Kollegen im Besonderen wissen wollte. Er hatte das immer respektiert und ihr hilfreich zur Seite gestanden.

Bei Sannah angekommen, sah Jonas zum ersten Mal ihre kleine Villa. Sie war alt, mit verspielten Details, Gauben und Bogenfenstern. Eine kurze Treppe führte zur Eingangstür mit Schnitzereien und geschliffenem Glaseinsatz. Rosensträucher säumten den Weg und einen Großteil des Gartens. Idyllisch unter Kastanien gelegen, wirkte sie wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen, das die Zeit verträumt hatte. Jonas lächelte, dieses Haus passte zu Sannah. Sie luden die Einkäufe aus dem Auto, und Jonas folgte ihr in die Küche. Sie deutete auf eine Tür, hinter der sich der Tiefkühler verbarg. Er räumte seine Pizzen ein, während sie den Teekessel auf den alten Gasherd stellte.

„Hast du Lust auf eine kleine Führung?“, bot sie an.

„Führung ist wohl der richtige Ausdruck“, meinte er fasziniert.

„Ich komme mir vor wie im Museum.“

Die Decken waren hoch, mit Stuck verziert. Die Böden bestanden aus Eichenholzdielen und in Flur, Küche und Bad aus weißen und schwarzen Steinfliesen. Die Badewanne hatte sogar noch Füße in Form von Löwenpfoten. Alle Räume waren liebevoll mit Antiquitäten möbliert. Jonas fühlte sich in eine andere Zeit versetzt. Im Wohnzimmer stand ein alter Flügel mit gedrechselten Beinen und geschnitzter Notenablage. Überall standen Tiffany-Lampen und tauchten die Räume in ein gedämpftes, behagliches Licht.

Jonas deutete auf den Flügel. „Darf ich?“, fragte er vorsichtig. Sannah nickte nur stumm und strich mit ihren Fingern zärtlich über den schwarzen Lack. Jonas setzte sich und begann zu spielen. Als die melancholische Melodie von Claire de Lune durch die Räume schwebte, stiegen Tränen in ihre Augen, die seltsam entrückt in die Ferne blickten. Der scharfe Pfiff des Wasserkessels riss Sannah aus ihren Erinnerungen.

Nachdem sie gemeinsam das Abendessen vorbereitet hatten, saßen sie mit einer Tasse Tee vor dem Kamin, der wohlige Wärme verbreitete. Sannah hatte zu ihrer fröhlichen Art zurückgefunden.

„Ich wusste gar nicht, das du so gut spielst“, sagte sie lächelnd. Jonas blickte betrübt zu Boden. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich dich damit zum Weinen bringe, hätte ich es gelassen.“

Sannah schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut. Der Flügel gehörte meiner Mutter. Seit ihrem Tod hat niemand mehr darauf gespielt. Es war schön, ihn wieder zu hören.“

Cowboys und Kuhfladen

Es klingelte an der Tür. „Jetzt geht es rund!“, rief sie gut gelaunt. Annegret stürmte, sonnengebräunt und eingehüllt in eine Wolke Parfum, durch die Tür. Annegret Marquardt, genannt Anne, war der Prototyp einer Karriere-Barbie: Groß, blond, attraktiv, erfolgreich, energisch und mit allen Wassern gewaschen, ließ sie sich kein X für ein U vormachen. Aber sie hatte auch eine verborgene Seite. Fürsorglich, mütterlich und stets besorgt wachte sie über die Menschen, die ihr lieb und teuer waren. Während Sannahs Scheidung hatte Annegret für sie gekämpft wie eine Löwenmutter um ihr Junges. Sie hatte Markus vor Gericht in der Luft zerfetzt und bluten lassen.

Stürmisch drückte sie Sannah an sich. „Ach, Süße, ist das schön dich zu sehen. Das nächste Mal musst du mitkommen. Es war todlangweilig. Nur Rentner und Quallen.“

„Nein, danke!“, wehrte Sannah lachend ab. „Ich habe andere Pläne.“

Annegret warf ihren Mantel auf den Stuhl und machte ein erstauntes Gesicht. „Habe ich in der kurzen Zeit etwas verpasst?“ In diesem Moment kam Jonas grinsend um die Ecke, und sie hob erstaunt die Augenbrauen.

„Wie es scheint, habe ich tatsächlich etwas verpasst“, stellte sie fest, lächelte gefährlich und musterte Jonas von oben bis unten. Er hielt ihrem Blick amüsiert stand.

„Das ist Jonas. Mein Kollege!“, sagte Sannah mit Nachdruck.

„Geht ihr doch schon mal ins Wohnzimmer! Ich hole das Essen.“

Während des Essens berichtete Annegret von ihren Urlaubserlebnissen. Schrill, bunt und wortgewandt schilderte sie ihre Kämpfe mit Quallen und älteren Herrschaften, die bereits morgens um sechs die Liegestühle am Pool mit Handtüchern besetzten. Sannah und Jonas lachten Tränen, als sie berichtete, wie sie den Handtüchern den Garaus bereitet hatte.

Nach dem Essen erklärte sich Jonas freiwillig bereit, den Abwasch zu machen, und verschwand in der Küche.

„Erklärst du mir jetzt mal, was hier los ist?“, fragte Annegret mit vielsagendem Blick.

Sannah machte ein unschuldiges Gesicht. „Nichts ist los. Jonas ist mir beim Einkaufen zugelaufen. Er war schon halb erfroren, da hab ich ihn mitgenommen“, schilderte sie kichernd und erntete einen strafenden Blick von ihrer Freundin.

„Er ist ein lieber Kollege“, fügte Sannah hinzu.

„Ist er Kollege McDreamy oder Kollege McSexy?“, hinterfragte Annegret mit einem vielsagenden Grinsen, schenkte Wein nach und lümmelte sich aufs Sofa.

„Weder noch“, antwortete Sannah bestimmt.

„Schade, ich hatte gehofft, du hättest endlich mal einen netten Kerl kennengelernt und würdest wieder anfangen zu leben“, resümierte Annegret enttäuscht.

Sannah verdrehte die Augen. Da war er wieder, der Spruch. Diesmal in der Variante Nr. 256.

Jonas war mit dem Abwasch fertig und kam mit einer Schüssel voll Schokolade und Toffees wieder ins Wohnzimmer. Sannah schenkte ihm ein dankbares Lächeln, nicht nur für die geleistete Hausarbeit, sondern vor allem, weil er sie davor bewahrte, dass Anne dieses leidige Thema noch weiter vertiefen konnte. Dafür ließ er die nächste Bombe platzen.

„Jetzt erzähl doch mal von deinen Urlaubsplänen!“, forderte er Sannah auf, während er anfing Schokolade zu futtern.

Annegret riss begeistert die Augen auf. „Du willst in Urlaub fahren? Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Endlich hörst du mal auf meinen Rat“, jubelte sie. „Wo willst du hin?“

Sannah nahm einen Schluck Wein. „Ich fahre für drei Monate auf eine Ranch in South Dakota.“

Annegret entgleisten die Gesichtszüge. Sie hatte Mühe sich wieder zu sammeln. „Aha, und ich nehme mal an, dieser charmante Mensch“, sie deutete auf Jonas, „ist dein behandelnder Ohrenarzt?“

„Wieso Ohrenarzt?“, fragte Sannah irritiert.

„Weil ich dir drei Wochen Villa Palma empfohlen habe und nicht drei Monate Valla Pampa!“

Jonas fing schallend an zu lachen und ließ dabei fast die Schüssel mit der Schokolade fallen. Annegret rettete sie mit beherztem Griff und machte sich über die Toffees her.

„Um die Handtuch-Brigade in ihre Schranken zu weisen?“, verteidigte sich Sannah. „Nein, danke! Du hast selber gesagt, es war langweilig. Nur Rentner und Quallen.“

Jonas rang nach Luft. „Kein großer Unterschied zu Cowboys und Kuhfladen“, bemerkte er lachend. Bei dem Wort „Cowboys“ wurde Annegret hellhörig. Sie kannte Sannahs Vorliebe für Pferdeställe. Während der Studienzeit hatte sie oft genug ihre liebe Not gehabt, Sannah vom Misthaufen wegzuzerren oder sie aus dem Sattel zu bekommen.

„Wenn man auf Dreck und Schweiß steht“, meinte sie und grinste schalkhaft in Sannahs Richtung.

Sannah betrachtete die beiden anderen auf dem Sofa. Da saß sie nun, die Rentner-auf-Qualle-Fraktion. Süßigkeiten futternd, mit der gleichen gespannten Haltung, gemeinsam die Schüssel haltend. Sie musste grinsen. Die zwei waren sich offensichtlich einig. „Was zum Teufel willst du da?“, fragte Jonas.

Annegret klopfte ihm zustimmend auf den Schenkel, was Jonas mit einem Lächeln quittierte.

‚Fehlt nur noch, dass er gleich Männchen macht‘, dachte Sannah amüsiert.

„McSweety und ich sind einer Meinung“, bestätigte Annegret.

„Was willst du da? Dort laufen lauter Hinterwäldler mit Waffen herum und schießen auf alles, was sich bewegt“, gab sie mit besorgter Miene zu bedenken.

„Ich werde in der Pine Ridge Reservation eine Fotodokumentation machen. Kann, mit ein bisschen Glück, ab und zu mal reiten und mir die Gegend ansehen, und wenn ich zurück bin, halte ich einen Vortrag für den Spendenverein“, erklärte Sannah sachlich.

„Mein Gott, Sannah, redest du etwa von einem Indianer-Reservat?“, rief Annegret entsetzt. „Weißt du überhaupt, was für katastrophale Zustände dort herrschen?“

„Natürlich weiß ich das“, erwiderte Sannah ruhig. „Die Arbeitslosenquote liegt bei rund achtzig Prozent, mehr als drei Viertel der Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Sie kämpfen mit Alkohol- und Drogenproblemen und leiden, bedingt durch billige und schlechte Nahrung, an Diabetes. Die Selbstmordrate ist viermal höher als der normale Durchschnitt, die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfzig Jahren und die Säuglingssterblichkeit ist ebenfalls deutlich höher als normal. Von den teilweise menschenunwürdigen Wohnbedingungen ganz zu schweigen. Immer wieder erfrieren in den harten Wintern einige Menschen, weil sie nicht genug Geld für das nötige Gas zum Heizen aufbringen können. Das ist nicht nur katastrophal, das ist auch beschämend für ein Land, das so arrogant ist, sich selbst die Nummer eins zu nennen“, ereiferte sie sich. „Ich würde nie in den USA einfach nur Urlaub machen wollen, aber dort in Pine Ridge kann ich meinen Beitrag leisten und etwas Sinnvolles tun.“

Annegret schwieg betroffen. Sannah wusste offensichtlich nur zu gut, worauf sie sich eingelassen hatte.

„Ist das dieses Horsemanship-Projekt, von dem du mal erzählt hast?“, brach Jonas das Schweigen.

Sannah nickte.

„Finde ich super! Ist genau dein Ding!“, meinte er.

Sannah lächelte ihn dankbar an.

Nach dem hitzigen Gespräch verabschiedete sich Jonas und rief sich ein Taxi.

„Jetzt schon?“, maulte Annegret enttäuscht.

Er nickte. „Ich habe Wochenenddienst. Wenn man seine Patienten wohlbehalten schlafen legen will, sollte man selbst ausgeschlafen sein.“ Er gab Sannah einen Kuss auf die Wange. „Danke für den schönen Abend, wir sehen uns am Montag.“ Dann gab er auch Annegret einen Kuss. „Hat mich sehr gefreut dich kennenzulernen. Wir sehen uns, wenn wir die junge Dame in ihren Flieger setzten.“ Jonas griff noch mal beherzt in die Schokoladenschüssel. „Wegzehrung!“ Er grinste und verschwand.

Nachdem Jonas gegangen war, machten es sich die Frauen gemütlich. Sie lümmelten vor dem Kamin und reduzierten die Bestände an Knabberkram und Wein. Ganz wie in alten Studentenzeiten. „Jetzt mal ehrlich“, bohrte Anne neugierig nach. „Da läuft wirklich nichts zwischen dir und ihm?“

Sannah warf ein paar Erdnüsse ein und schüttelte den Kopf. „Nein, da läuft gar nichts. Ich weiß, was du jetzt sagen willst, er ist lieb und süß, er sieht gut aus, hat Charme und Humor. Aber es funkt nicht bei mir. Ich bekomme keine weichen Knie. Er ist einfach nicht mein Typ.“

„Du hast doch überhaupt keinen Typ. Jedenfalls keinen klar erkennbaren“, stichelte Annegret.

Sannah schmiss ihr zur Strafe ein Kissen an den Kopf. „Dafür ist dein Typ umso klarer erkennbar. Eine Kreuzung aus Antonio Banderas und Schwarzenegger. Gern auch mit gut gefüllter Badehose und Brusthaar-Toupet mit eingewebtem Goldkettchen“, frotzelte Sannah lachend zurück.

„Besser als nichts!“, stellte Anne kichernd fest. „Du würdest deinen Ritter in glänzender Rüstung ja nicht mal erkennen, wenn er dir laut scheppernd vor die Füße fällt!“

Schlangen und Fohlen

Zur gleichen Zeit saß Joshua White Cloud auf seiner Veranda und trank Kaffee. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt und starrte missmutig auf seine Stiefel. Nachdem er die Post durchgesehen hatte, näherte sich seine Laune dem Gefrierpunkt. Sie würden eine Frau schicken. Ausgerechnet. Bald würde eine Susannah Sowieso auf der Ranch auftauchen und seinen Frieden stören. Insgeheim hatte er gehofft, dass niemand im vielbeschäftigten Deutschland Zeit und Mühe investieren würde, um hierher zu kommen. Doch da hatte Josh sich offenbar getäuscht. Susannah. Er assoziierte diesen Namen automatisch mit einer biederen Hausfrau Mitte fünfzig, blond und im doppelten Sinne blauäugig. Sie würde den ganzen Tag, mit Kamera bewaffnet und in ungeeigneten Schuhen, hinter ihm herrennen und ihn mit diesem schrecklichen Akzent nerven. Tolle Aussichten. Mal abgesehen davon, dass Frauen ohnehin nur Ärger mit sich brachten.

Josh klassifizierte Frauen in zwei Kategorien: in die rötlichen Kornnattern, die zwar harmlos waren, aber eine echte Plage werden konnten, und die zwar unauffälligeren, aber dafür umso gefährlicheren Klapperschlangen. Letztere schlugen erst gewaltigen Krach und bissen dann zu, wenn man dumm genug war, ihnen nicht aus dem Weg zu gehen. Ihr Gift verursachte unerträgliche Schmerzen und bleibende Narben. Beide Arten wollte er nicht im Haus haben. Am liebsten hätte er die ganze Sache abgeblasen, aber den Kindern zuliebe tat er es nicht. Er wollte die Spender nicht verärgern. Das Projekt, das er im Bereich Manderson White Horse Creek betreute, war auf die Spenden angewiesen. Er bot für die Horsemanship kostenlosen Reitunterricht an. Leider hatte er keine Reithalle, sodass dies nur in den schneefreien Monaten möglich war. Es gab mehrere solcher Zentren über die ganze Reservation verteilt. Im Winter bastelte er mit den Kindern oder lehrte sie die alten Traditionen seines Volkes. Er arbeitete gern mit den Kids, nicht nur weil er hoffte, sie damit von den Drogen fernhalten zu können, sondern auch, weil er etwas weitergeben wollte, das für seine Vorfahren selbstverständlich gewesen war: die Liebe zu Pferden. Früher waren Pferde aus dem traditionellen Leben der Lakota nicht wegzudenken gewesen. Sein Volk hatte sie als Packtier, für die Jagd und für den Krieg genutzt. Ein Krieger hatte eine enge Bindung zu seinem Pferd, es war ein Teil seiner Familie. Er musste sich in jeder Situation auf sein Pferd verlassen können, oder er war tot. Diese Bindung entstand durch jahrelange geduldige Arbeit. Nur so bildeten sich gegenseitiges Vertrauen und Respekt. Ein solches Pferd war kostbar. Heutzutage nannte man es Horsemanship. Viele wollten es lernen, doch nur sehr wenige beherrschten diese Kunst. Josh hatte sich über die Grenzen des Reservates hinweg einen Namen gemacht. Etliche Kunden von außerhalb brachten ihm ihre Tiere zur Ausbildung und nahmen nicht selten selbst Unterricht. Davon konnte er ganz gut leben und sich seinen Traum von der eigenen Pferdezucht erfüllen. Diese Tiere waren sein Leben, seine Arbeit und seine Familie. Mehr brauchte er nicht. Sein Blick wanderte von den Stiefeln hinüber zur Weide, wo die ersten Fohlen des Jahres zwischen ihren Müttern herumtollten. Sein Ärger verflog, und er lächelte.

Reisefieber

Die letzten drei Wochen vor Sannahs Abreise vergingen wie im Flug. Sie brauchte dringend noch neue Stiefel zum Reiten, ihre alten fielen fast auseinander. In ihrem Schlafzimmer stapelten sich die Sachen für den Koffer. Die Auswahl würde schwierig werden, sie durfte ja nur zwanzig Kilo mitnehmen. Sannah beschloss, auf alles zu verzichten, was sie auch vor Ort kaufen konnte. Im Internet hatte sie einen Sprachführer für Lakota entdeckt und bestellt. Sie bildete sich nicht ein, diese Sprache in so kurzer Zeit lernen zu können, aber für ein paar Höflichkeitsfloskeln würde es schon reichen. Praktischerweise enthielt das Buch auch ein paar Benimmregeln. Jonas würde sich am Vorabend einquartieren, damit sie ihm noch einige Dinge erklären konnte. Mit jedem Tag steigerte sich ihre Vorfreude, und sie konnte es gar nicht abwarten endlich aufzubrechen.

Als Jonas schließlich mit Sack und Pack vor der Tür stand, flatterte sie herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Er sah sich dieses Schauspiel eine Weile lang an, dann drückte er sie in ihren Sessel.

„Jetzt komm mal wieder runter, du benimmst dich ja schlimmer als meine Schwester vor ihrer Hochzeit“, mahnte er.

Sannah grinste schief. „Wenn das der Vorabend meiner Hochzeit wäre, säße ich jetzt im nächsten Flieger zum Südpol“, versicherte sie ihm glaubhaft.

„Wie wäre es mit Abendessen?“, wechselte er das Thema. „Mir hängt der Magen in den Kniekehlen.“

Sie kochten zusammen. Nach dem Abendessen hatte sich Sannahs Aufregung auf ein Normalmaß reduziert. Sie packte die restlichen Sachen in ihren Koffer, während Jonas sich im Gästezimmer häuslich einrichtete. Danach gönnten sie sich noch ein Glas Wein vor dem Kamin.

„Du wirst mir fehlen“, sagte Jonas.

„Und was genau wird dir fehlen? Meine Hektik oder meine schlechte Laune in den letzten Monaten?“, spottete sie.

„Alles“, antwortete er lakonisch. „Drei Monate sind eine lange Zeit.“

Fräulein Rottenmeier, die Stimme der Vernunft in ihrem Oberstübchen, prüfte mit kritischem Blick den Thermostaten der Kühlkammer nebenan. Alles im grünen Bereich, stellte sie beruhigt fest. „Es ist gut, dass ich hier rauskomme“, erklärte Sannah ernst. „Hier im Haus werde ich ständig an meine Eltern erinnert, und in der Klinik erinnert mich alles an Markus. Ist doch kein Wunder, dass ich kurz vorm Durchdrehen war. Ich konnte nie abschalten. Deswegen bin ich mir nicht mal sicher, ob drei Monate überhaupt reichen. Aber es ist ein Anfang. Ich muss endlich neu anfangen, wenn ich wieder auf die Füße kommen will, das ist mir jetzt erst klar geworden.“ Sie lächelte traurig. „Ihr werdet mir auch fehlen, du und Anne, aber drei Monate sind schnell vorbei und dann kann ich mich darauf freuen, euch wiederzusehen. Abgesehen davon, wird Anne schon dafür sorgen, dass dir nicht langweilig wird“, stellte sie lachend fest.

Jonas schmunzelte. „Sie ist ziemlich schräg“, meinte er.

„Manchmal“, erwiderte Sannah. „Aber sie ist auch einer der warmherzigsten Menschen, die ich kenne. Als ich damals mit dem Studium angefangen habe, fühlte ich mich völlig verloren in der Uni. Sie hat mich in der Mensa aufgelesen und unter ihre Fittiche genommen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“ Sannah konnte kaum noch die Augen offen halten.

„Ab ins Bett mit dir, junge Dame!“, befahl Jonas. „Du hast zwei anstrengende Tage vor dir.“

„Ja, Papa“, entgegnete sie schelmisch.

Am nächsten Morgen wurde es dann doch wieder hektisch. Annegret erschien zur verabredeten Zeit mit frischen Brötchen und werkelte in der Küche herum. Sannah lief kopflos durch das Haus und suchte ihre Handtasche, und Jonas hatte seine liebe Müh‘ und Not, den aufgeregten Hühnerstall in geordnete Bahnen zu lenken. Zu guter Letzt saßen dann doch alle Hühner abgefüttert, samt Handtasche und Koffer, im Auto. Vor Sannah lagen drei Flüge und zwei Reisetage. Hamburg – Frankfurt, Frankfurt – Denver, eine Übernachtung in Denver und von dort aus noch ein Flug nach Rapid City. Anschließend noch eine etwa zweistündige Fahrt mit dem Auto. Sannah hatte sich online am Flughafen in Rapid einen Langzeitmietwagen reservieren lassen. Irgendwann am späten Nachmittag Ortszeit würde sie dann ihr Ziel erreichen. Annegret nahm das zum Anlass, noch einmal darauf hinzuweisen, dass mehr Valla Pampa kaum noch möglich sei.

„Da ist man ja schneller am Amazonas!“, meckerte sie.

„Wenn du nicht gleich Ruhe gibst, setze ich dich vorher noch kurz da ab!“, drohte Jonas grinsend und erntete einen dankbaren Blick von Sannah im Spiegel. Als Kleinste war sie auf die Rückbank verbannt worden.

Am Flughafen Fuhlsbüttel angekommen, ging dann alles ziemlich schnell.

Begleitet von Annegrets Besorgnis – „Pass auf dich auf und tue nichts Unüberlegtes!“ – und begleitet von Jonas‘ unerschütterlichem Optimismus –„Viel Spaß beim Ausreiten!“ –, verschwand Sannah in der Abflughalle.

„Nun ist sie weg“, stellte Jonas fest.

Annegret trocknete ein paar Abschiedstränen. „Hoffentlich geht alles gut“, meinte sie seufzend.

Jonas legte tröstend einen Arm um ihre Schulter. „Na klar! Sie wird eine Menge Spaß haben und auf andere Gedanken kommen. Das wird ihr guttun. Mittagessen bei mir?“, fragte er und grinste wieder mit seinem jungenhaften Charme.

„Gern“, sagte Annegret.

Zwei Tage später erreichte Sannah Rapid City. In Denver hatte sie schon Geld umgetauscht und musste jetzt nur noch den Mietwagen abholen. Sie hatte sich für einen keinen Geländewagen entschieden, man konnte ja nie wissen. Der Papierkram war schnell erledigt, und sie verfrachtete ihr Gepäck in den Kofferraum. Straßenkarte und Wegbeschreibung legte sie sicherheitshalber auf den Beifahrersitz, für den Fall, dass das Navi den Dienst versagte. Sannah atmete noch mal tief durch und fuhr los. Rechts von ihr lagen die Black Hills, links konnte man in weiter Ferne die Badlands erahnen. Die weite Landschaft zog in großen, wellenförmigen Hügeln aus Gras an ihr vorbei. Immer wieder unterbrochen von schroffen Felsen und kleinen Baumgruppen. Nach einer Weile tauchte ein Diner am Straßenrand auf. Sannah war müde und beschloss einen Kaffee zu trinken. Das Diner sah etwas heruntergekommen aus, auf dem staubigen Parkplatz standen ein paar Autos, hauptsächlich die hier üblichen Trucks. Sie parkte und stieg aus. Das Diner bestand aus einem langgezogenen Raum. Vorne war eine Art Tresen, weiter hinten befanden sich Tische und gepolsterte Sitzbänke. Hinter dem Tresen stand eine ältere, rundliche Frau und lächelte Sannah freundlich an. Am anderen Ende des Tresens saßen zwei Männer mittleren Alters in schmuddeligen Jeans und mit der obligatorischen Baseballmütze auf dem Kopf. Einer von ihnen pfiff anzüglich, als Sannah den Raum betrat. Hillbillys mit einem IQ knapp über dem Gefrierpunkt, lautete ihr Urteil und würdigte die Typen keines Blickes.

„Hallo“, sagte sie zur Kellnerin. „Einen Kaffee, bitte.“ Sannahs Englisch war fließend und akzentfrei.

„Gern“, antwortete die Frau und goss den Kaffee in eine Tasse. Sie schob Sannah noch Milch und Zucker zu. „Bei Ihrer Figur können Sie sich das leisten“, meinte sie lächelnd.

„Oh ja, Baby. Das kann sie!“, grölte es vom andere Ende des Tresens herüber. Sannah reagierte sicherheitshalber nicht, stufte die Tresen-Bewohner aber um einige zehntausend Jahre zurück. ‚Neandertaler‘, dachte sie boshaft.

„Halt die Klappe, Jack!“, schimpfte die Kellnerin und hielt Sannah solidarisch die Hand hin. „Ich bin Molly“, stellte sie sich vor und lächelte. Sannah ergriff die angebotene Hand.

„Hallo Molly, ich bin Sannah“, erwiderte sie freundlich.

„Auf dem Weg nach Pine Ridge?“, wollte Molly nun wissen. Sannah schlürfte ihren Kaffee und nickte.

„Ja, noch etwa eineinhalb Stunden, dann hab ich es geschafft.“

„Muss hart sein, nach Hause zu kommen, wenn man es aus der Rez raus geschafft hat“, meinte Molly mit mitleidigem Blick.

Sannah sah sie irritiert an. Es dauerte einen Moment, bevor sie begriff. Ihre schwarzen Haare, die braunen Augen und ihr dunkler Teint. Molly hielt sie für eine Lakota. Eine, die es geschafft hatte, sich ein Leben außerhalb der Reservation aufzubauen. Da Sannah keine Lust hatte diesen Irrtum aufzuklären, weil das nur weitere Fragen nach sich gezogen hätte, antwortete sie ausweichend: „Ich freue mich darauf, endlich mal wieder zu reiten.“

Molly gab sich damit zufrieden. Sannah trank ihren Kaffee aus und zahlte. „Schönen Tag noch, Molly“, wünschte sie.

„Gute Fahrt“, grüßte Molly zurück.

„Die würde ich nicht von der Bettkante schubsen“, grölte einer der Neandertaler sabbernd. Sannah drehte die evolutionäre Schraube um eine weitere Milliarde zurück. ‚Einzeller‘, dachte sie jetzt und wendete sich zum Gehen.

Die andere Amöbe lachte. „Träum‘ weiter, Jack. Die Kerle von der Rez würden dich nicht mal in ihre Nähe lassen.“

Na, das ließ ja hoffen. Sannah beeilte sich, zum Auto zu kommen und war froh, dass die Einzeller ihr nicht folgten.

Kurze Zeit später passierte sie ein Schild mit der Aufschrift „ENTERING PINE RIDGE INDIAN RESERVATION LAND OF THE OGLALA SIOUX.“ Durch Kaffee und Amöben wieder hellwach, bewältigte Sannah den Rest der Fahrt problemlos. Nur die Zufahrt zur Ranch hätte sie um ein Haar verpasst. Unkraut und Schlaglöcher stritten um die besten Plätze auf der Schotterpiste. Sie war heilfroh über den Geländewagen. Die Zufahrt nahm und nahm kein Ende. Nur die Stromleitung, die neben der Zufahrt an verwitterten Holzmasten hing, verriet ihr, dass irgendwo in der Nähe ein Haus sein musste. In der Umgebung wand sich ein kleiner Creek mäanderförmig durch die Landschaft. Deswegen blieb ihr größtenteils die Sicht durch Bäume und Büsche versperrt. Hinter einer Anhöhe tauchten endlich ein paar Gebäude auf. Das musste die Ranch sein. Im Norden durch eine schroffe Felsformation begrenzt, im Osten und Süden durch die Büsche und Bäume, lag sie versteckt, wie in einer Senke. Nur nach Westen war der Blick frei auf die offene, wogende Graslandschaft. Das Wohnhaus war alt und verwittert. Die Farbe blätterte ab, aber es war allem Anschein nach heil, was hier nicht selbstverständlich war. Auch die große Veranda und der verwilderte Garten waren ungewöhnlich. Die meisten Häuser, die Sannah auf ihrer Fahrt gesehen hatte, waren sogenannte Mobile Homes oder recht baufällige Holzhäuser, die mit Autowracks umstellt waren statt Garten. Bei der Wasserknappheit im Hochsommer wuchs hier ohnehin nicht viel. Hin und wieder sah man einen kleinen Gemüsegarten oder ein Feld, das bewirtschaftet wurde. Neben dem Wohnhaus war ein Hofplatz, dahinter lagen Stallgebäude und ein eingezäunter Reitplatz. Die Stallgebäude waren jüngeren Datums, doch niemand hatte sich die Mühe gemacht sie zu streichen. Hinter den Gebäuden lagen, nach Westen gelegen, die Weiden, auf denen etliche Pferde in der Sonne standen und grasten. Beim Anblick der Pferde schlug Sannahs Herz schneller vor Freude. Bis auf die Pferde wirkte die Ranch allerdings wie ausgestorben. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Nur ein Truck parkte auf dem Hof. Sannah stellte ihr Auto daneben ab, stieg aus und sah sich um.

Eisberg voraus

Josh saß im Schatten seiner Veranda und beobachtete irritiert die junge Frau, die aus dem Wagen stieg. Das konnte unmöglich der angekündigte Besuch aus Deutschland sein. Aus der näheren Umgebung kam sie aber auch nicht. Er kannte hier jeden und hatte sie noch nie gesehen. Weil sich am Haus nichts rührte, ging die Frau erst einmal zu den Stallgebäuden.

„Mr. White Cloud?“, rief sie fragend. Kein Akzent. Josh konnte nun nicht länger in seiner dunklen Ecke sitzen bleiben und ging widerwillig auf sie zu.

Sannah hörte seine Schritte auf der Veranda und drehte sich um. Der Mann, der auf sie zukam, war gut und gern eins neunzig groß. Er trug Jeans, Stiefel und ein schmutziges Unterhemd. Die langen schwarzen Haare waren zum Zopf zusammengebunden, ein paar Strähnen wehten in sein schmales, kantiges Gesicht. Er bewegte sich mit der Eleganz einer Raubkatze auf sie zu und fixierte sie mit seinen schwarzen Augen. Sein Gesichtsausdruck war finster, und Sannah verspürte das Bedürfnis wegzulaufen. ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘, dachte sie und lächelte, als er vor ihr stehen blieb.

„Mr. White Cloud? Ich bin Sannah Hammeken.“ Die Worte blieben ihr fast im Halse stecken. Offensichtlich war sie diesem Eisberg nicht willkommen.

Josh musterte die Fremde skeptisch. Sie hatten ihm keine blonde Kornnatter geschickt, sondern eine dunkle Klapperschlange. Noch schlimmer. Nur mit den Schuhen hatte er recht behalten, stellte er fest, als sein Blick auf ihre weißen Turnschuhe fiel. „Josh“, sagte er knapp und drückte ebenso kurz, aber fest ihre Hand.

Beim Anblick seiner Oberarme musste Sannah unweigerlich an Anne denken. Er war groß, dunkel und muskelbepackt bis zu den Ohren. Brusthaartoupet und Goldkettchen fehlten, aber das gab schlimmstenfalls Abzüge in der B-Note. Annes limbisches System würde Tango tanzen, Hormon-Cocktails mixen und einen spontanen Eisprung auslösen. Annes Ritter in glänzender Rüstung war ihr soeben, laut scheppernd, vor die Füße geknallt – nur halt im schmuddeligen Feinripp.

Sie verkniff sich ein Grinsen. Bevor das Schweigen peinlich wurde, deutete Josh mit vorgeschobener Unterlippe und Kinn auf das Wohnhaus. ‚Duckface‘, dachte sie, als sie seine merkwürdige Art, auf etwas zu zeigen, bemerkte.

„Dein Zimmer ist die Treppe hoch rechts. Ich muss jetzt die Pferde von der Weide holen“, stellte er fest, um einen Grund zu haben, ihr aus dem Weg zu gehen.

„Darf ich mit?“, bat sie mit großen Augen.

Er zögerte sichtlich. „Wenn du willst“, brummte er mürrisch. Dann und wann verirrten sich Touristen für eine Reitstunde auf seinen Hof und stellten meist die gleiche Frage. Die wenigsten schafften es überhaupt auf ein ungesatteltes Pferd und wenn doch, waren sie nach den ersten Galoppsprüngen wieder unten. Josh lief wortlos an ihr vorbei und verschwand im Stall. Als er wieder herauskam, drückte er ihr Zaumzeug in die Hand und deutete, wieder mit der Unterlippe, auf eine braune Stute, die auf der kleinen Weide direkt neben dem Stall stand.

Sannahs Enttäuschung über den eisigen Empfang wich der Vorfreude auf einen Ausritt. Sie kletterte unter dem Zaun durch und kraulte der Stute den Hals. Das Zaumzeug hielt sie locker mit zwei Fingern über den Kopf des Pferdes und wartete geduldig, bis die Stute freiwillig das metallene Mundstück ins Maul nahm. Danach streifte sie sanft das Kopfstück über die Ohren, legte die Zügel um den Hals und führte es zum Paddock.

Josh beobachtete sie dabei, und ihm gefiel, was er sah. Er schwang sich auf sein Pferd und fragte von oben herab: „Schaffst du es allein rauf?“

Sannah ärgerte sich über seine überhebliche Art. Sie hatte jahrelang auf diese Weise ihr eigenes Pferd von der Weide geholt und würde sich jetzt sicher keine Blöße geben. Sie antwortete ihm nicht, nahm Schwung und saß oben, nicht so elegant wie Josh, aber immerhin.

Josh wendete sein Pferd und jagte im Galopp davon. Die Weide war riesig, und die Herde stand am anderen Ende; als Josh in Sichtweite kam, stoppte er sein Pferd und drehte sich um. Er hatte nicht erwartet, Sannah hinter sich zu sehen, aber sie hatte aufgeholt und kam kurz hinter ihm zum Stehen. Sie war ganz offensichtlich in ihrem Element. Der Wind hatte ihr Haar zerzaust, die Wangen waren gerötet von dem scharfen Ritt, ihre großen Augen leuchteten und sie strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Anblick raubte Josh den Atem, und er sammelte sich für einen Moment. „Reite ruhig an die Herde heran“, erklärte er ihr. „Passe dich ihrem Tempo an, und flankiere sie nur. Wenn du hektisch wirst, werden sie es auch, und wir bekommen heute kein Pferd in den Paddock.“

Sannah nickte wortlos. Josh ritt langsam durch die Herde auf die andere Seite. Gemächlich setzten sich die Tiere in Bewegung. Zurück ging es nun deutlich langsamer. Sannah genoss das Bild, das sich ihr bot. Etwa zwanzig Pferde trotteten über einen Ozean aus Gras, der sich grenzenlos bis an den Horizont zu erstrecken schien. Der ewige Wind strich über die Plains, die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten, die auf dem wogenden Gras ein Eigenleben entwickelten. Postkartenkitsch. Sannah seufzte glücklich. Genau dafür war sie hergekommen. Sie sah hinüber zu Josh, der sie nicht weiter beachtete. Er saß völlig entspannt auf seinem Pferd und ließ die Beine baumeln. Seine Aufmerksamkeit galt den Pferden. Nach einer Weile erreichten sie den Paddock. Sannah ließ sich vom Pferd rutschen und klopfte der kleinen Stute den Hals.

„Wie heißt sie?“, wollte sie wissen.

„Kimimila“ – Schmetterling, kam es knapp zurück.

‚Wie redselig‘, dachte Sannah. Und zum Lachen geht er bestimmt in den Keller! Sie brachte Kimimila zurück auf die kleine Weide. Als sie das Zaumzeug in den Stall bringen wollte, nahm Josh es ihr ab und drückte ihr einen Schlauch in die Hand. Er deutete auf die Tränke, vor der sich die Pferde versammelt hatten.

„Sie haben Durst“, brummte er, und für einen Moment huschte die Andeutung eines Lächelns über sein Gesicht, als Sannah etwas entgeistert mit dem Schlauch zur Tränke stapfte. Josh hatte beschlossen, die kleine Klapperschlange ein bisschen zu ärgern. Während sie die Tränke füllte, kümmerte er sich um seine Pferde. Josh bewegte sich mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen den großen Tieren und sprach mit dunkler, sanfter Stimme zu ihnen. Es war fast, als würden sie ihm andächtig lauschen, während er die Hufe kontrollierte, ihnen die Augen sauberwischte und nach kleinen Blessuren sah. Jedes Pferd wartete geduldig, bis es an die Reihe kam, begrüßte ihn freudig und schnaubte zufrieden. Über allem lag eine unglaubliche Ruhe und Harmonie. Josh strahlte diese Ruhe aus.

Völlig gebannt starrte Sannah auf die Szene, die sich vor ihr abspielte. Sie begriff, dass dieser Mann vielleicht keine Menschen mochte, aber seine Tiere liebte er dafür umso mehr. Sannah füllte unaufgefordert auch die Tränke auf der kleinen Weide, brachte den Schlauch zurück und drehte das Wasser ab. Etwas unschlüssig, was nun zu tun sei, blieb sie am Stall stehen. Josh klopfte sich notdürftig den Dreck von der Hose und lief, wie üblich wortlos, an ihr vorbei in Richtung ihres Autos. Er knallte die Heckklappe auf, hob ihren Koffer heraus und trug ihn auf die Veranda. Dort blieb er mit missmutigem Gesicht stehen und wartete. Sannah beeilte sich hinterherzukommen. ‚Hellsehen stand nicht in der Stellenbeschreibung‘, dachte sie gereizt. Vor der Tür angekommen, hielt sie es für höflich, die dreckigen Schuhe auszuziehen, und erntete dafür prompt einen Rüffel von Josh.

„Wenn du deine Schuhe hier stehen lässt, solltest du sie morgen früh gründlich ausschütteln.“

„Warum?“, fragte sie ahnungslos.

„Wegen der Taranteln“, sagte er trocken. „Für Schlangen sind deine Schuhe zu klein“, fügte er hinzu, als er amüsiert ihren entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte. Er öffnete die Fliegengittertür, Sannah ging hinein und stand in der Küche, die nahtlos ins Wohnzimmer überging. Dort war sogar ein Kamin, aus Natursteinen gemauert.

Josh ließ ihr keine Zeit sich umzusehen. „Die Treppe hoch und dann rechts“, wiederholte er knapp seine Wegbeschreibung. Sie lief die Stufen hinauf, während er mit Kennerblick ihr Hinterteil begutachtete. Diamantklapperschlange, lautete sein Urteil, als sie oben angekommen waren. Er stellte ihren Koffer ins Zimmer.

„Danke“, sagte Sannah und versuchte es noch mal mit einem Lächeln, doch es verwandelte sich in Schneeflocken, noch ehe es den Eisberg erreicht hatte.

Josh deutete mit unbeweglicher Miene auf eine Tür neben ihrem Zimmer. „Dort ist das Bad. Wenn du duschen möchtest, mach es bitte jetzt. Ich werde das Essen in den Ofen schieben und würde nach dem Essen selbst gern duschen. Der Boiler braucht eine Weile, bis das Wasser wieder heiß ist.“

Sannah nickte.

Josh lief die Treppe hinunter und verschwand in der Küche. Die Tatsache, dass Josh sich um das Essen kümmerte, verriet ihr, dass wohl keine Mrs. White Cloud auftauchen würde, um die wortkarge Eiszeit etwas aufzutauen. Sie suchte sich ein Handtuch aus dem Koffer und kramte Duschgel und Shampoo-Fläschchen von dem Hotel in Denver aus der Handtasche. Im Badezimmer bestätigte sich ihre Vermutung. Auf der Ablage über dem Waschbecken befand sich Zahnpasta, eine Zahnbürste, Rasierschaum, Deo und ein Rasierer. In einem kleinen Regal lag noch eine Haarbürste. Kein Anzeichen eines weiblichen Wesens. Sie war allein mit diesem Eisberg. Beklommen schlüpfte Sannah aus ihren dreckigen Klamotten und drehte das Wasser auf.

Josh hatte unterdessen Tiefkühllasagne in den Ofen geschoben, saß nun auf der Veranda und trank kalten Kaffee vom Vormittag. Seine Laune hatte sich etwas gebessert. Sannah war nicht so schlimm, wie er anfangs befürchtet hatte. Dieser schreckliche Akzent war ihm erspart geblieben, außerdem redete sie ohnehin nicht viel. Beim Reiten hatte sie sich recht geschickt angestellt. Um ehrlich zu sein: Sie war die Erste, die es überhaupt geschafft hatte, beim gestreckten Galopp über die Weide oben zu bleiben. Aber trotz allem war sie eine Klapperschlange und keine Kornnatter, wenn auch nur eine kleine. Er grinste, „Sintéchla cik‘ala“ bedeutete „kleine Klapperschlange“ in der Sprache seines Volkes. Ein passender Spitzname. Ihr Anblick auf dem Pferd ging ihm durch den Kopf. Er beschloss, sie weiter auf Abstand zu halten. Schöne Klapperschlangen waren, seines Erachtens, besonders gefährlich.

Sannah öffnete die Tür des Badezimmers einen Spalt und prüfte, ob die Luft rein war. Sie wollte nicht, nur mit einem Handtuch bekleidet, Josh in die Arme laufen. Schnell huschte sie in ihr Zimmer und schloss die Tür. Nachdem sie sich angezogen hatte, räumte sie den Inhalt ihres Koffers in den kleinen Schrank und rubbelte sich die Haare trocken. Den Föhn hatte sie zu Hause gelassen. Als sie sich aufs Bett setzte, versank sie fast in der weichen Matratze. Das Zimmer war klein und gemütlich, die Möbel alt, aber gepflegt. Zwei Fenstergauben gingen nach Osten und Westen hinaus und boten zur einen Seite einen Blick auf die Bäume und Büsche an der Zufahrt zur Ranch, auf der anderen Seite einen atemberaubenden Blick über die Weiden. Der gemauerte Schornstein des Kamins zog sich vom Erdgeschoss an der Wand hoch zum Dach. Im Winter wäre es hier bestimmt mollig warm. Ein kleiner Tisch und ein Stuhl standen unter dem Ostfenster. Das Bett stand unter der Dachschräge. Mehrere Traumfänger hingen an der Wand, einige von ihnen sahen uralt aus – handgeknüpft, mit Perlen aus Knochen und Horn verziert und mit Rohhaut umwickelt. Nicht wie dieser billige, kunterbunte Kitsch für Touristen, den man an jeder Ecke kaufen konnte. Auf dem Bett lag ein farbenfroher Quilt, eine Patchwork-Decke, mit einem komplizierten und sehr aufwändigen Sternmuster. Ebenfalls Handarbeit. Sannah streckte sich auf dem Bett aus und merkte, wie müde sie war. Aber auch hungrig. Ihre letzte Mahlzeit hatte aus einem Sandwich am Flughafen von Rapid bestanden. Der verlockende Duft des Essens hatte ihr Zimmer erreicht, und so rappelte sie sich mühsam aus dem Bett und ging in die Küche.

Durch die Fliegentür erspähte sie Joshs Stiefel auf dem Tisch und ging hinaus. Josh saß entspannt, mit geschlossenen Augen auf der Holzbank neben der Tür. Sein Kopf lehnte an der Hauswand, die Füße lagen auf dem Tisch. Er war mit der Kaffeetasse in der Hand eingeschlafen. Sannah lächelte. Schlafend sah er richtig friedlich aus. Sie wollte gerade wieder auf Zehenspitzen ins Haus schleichen, als er brummte: „Mit den Dingern solltest du besser nicht hier draußen rumlaufen.“

Sie erschrak, weil er wider Erwarten wach war.

„Welche Dinger meinst du?“, fragte sie irritiert. Er hatte die Augen immer noch geschlossen.

„Na, die Plastik-Latschen.“

Sie blickte auf die Flipflops an ihren Füßen. Langsam wurde er ihr unheimlich. „Woher weißt du …?“

„Man hört das Schlappen durchs ganze Haus“, erklärte er. „Hast du keine anständigen Stiefel?“

„Doch“, antwortete sie betreten.

„Dann zieh sie an!“, erwiderte er schroff und öffnete die Augen. Sie wollte an ihm vorbei ins Haus flüchten, als er nach ihrer Hand griff und sie festhielt.

„Sannah!“ Er nannte sie zum ersten Mal bei ihrem Namen, und seine Stimme klang um einiges milder, als er bemerkte, dass er sie völlig aus der Fassung gebracht hatte. „Es ist wichtig, das du auf mich hörst. Wir sind hier nicht in Disneyland, sondern in der Wildnis. Hier draußen gibt es Taranteln und Schlangen. Sie kriechen überall hinein. In deine Schuhe, wenn du sie draußen stehen lässt, und auch ins Haus. Achte darauf, dass die Tür immer geschlossen ist. Egal, wie heiß es draußen ist, trage deine Stiefel. Greife niemals in dunkle Ecken oder unter Steine. Meide Erdlöcher und Sträucher, sie verstecken sich überall. Wenn du ein scharfes Rasseln hörst, mache einen großen Bogen drumherum. Du musst immer Augen und Ohren offenhalten. Der Biss einer Klapperschlange kann dich töten, wenn du das Gegengift nicht rechtzeitig bekommst.“

Josh sah sie ernst und eindringlich an, dann ließ er ihre Hand los.

Sannah setzte sich auf die gegenüberliegende Bank. Sie fühlte sich wie ein Kind, das gefährlichen Blödsinn angestellt hatte und nun zurechtgewiesen wurde. „Tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Ich hab mich benommen wie ein dummes Huhn.“

„Du musst dich nicht entschuldigen“, sagte er ruhig. „Gibt es bei dir zu Hause Giftschlangen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Dann bist du auch kein dummes Huhn“, lautete seine bestechend einfache Logik. In der Küche ratterte eine Eieruhr.

„Essen ist fertig“, verkündete Josh.

Während des Abendessens nahm Sannah ihn verstohlen etwas genauer in Augenschein. Er hatte eine hohe Stirn, gerade Augenbrauen und sanfte, mandelförmige Augen. Ähnlich wie ihre eigenen, nur noch dunkler, fast schwarz. Seine Oberlippe war voller als die Unterlippe. Eine lange Narbe zog sich vom Nasenflügel über die Lippen bis zum breiten, kantigen Kinn. Eine weitere Narbe lief über die halbe Stirn und endete rechtwinklig über dem Auge. Viele kleinere Narben waren über den Hals und seine breiten Schultern verteilt. Es sah aus, als wäre er kopfüber durch eine Glasscheibe geflogen. Sannahs berufliches Interesse war geweckt. In der plastischen Chirurgie gab es den Grundsatz: Je dunkler die Haut, desto stärker die Narbenbildung. Dem Kollegen, der diese Wunden behandelt hatte, war es gelungen, die Narbenbildung auf ein Minimum zu begrenzen. Es waren nur noch feine, helle Linien zu sehen, die Joshs Gesicht nicht entstellten. Am Anfang musste es allerdings schrecklich ausgesehen haben.

Josh schaufelte unterdessen unbeirrt die Lasagne in sich hinein. Und da man ja bekanntlich mit vollem Mund nicht spricht, fiel das Essen, wie erwartet, wortkarg aus. Sannah hatte sich nur die Hälfte ihres Anteils auf den Teller gefüllt und kämpfte trotzdem schon mit dem wachsenden Völlegefühl.

Josh deutete auf die verbliebene Hälfte in der Aluschale. „Isst du das nicht mehr?“

Sannah schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank. Ich platze gleich“, versicherte sie stöhnend.

Josh füllte sich den Rest auf seinen Teller und aß weiter. Als er fertig war, schob er seinen Teller beiseite und stand auf. „Kein Wunder, dass du so klein und schmal bist, wenn du die Hälfte stehen lässt.“

„Ich bin ein Mädchen, ich darf das“, protestierte sie.

Josh musterte sie von oben bis unten mit diesem seltsamen Blick aus Verwunderung und Misstrauen. „Ist mir auch schon aufgefallen“, bemerkte er mit einem gefährlichen Unterton. Da war es wieder: das Raubtier.

Sannah schluckte trocken. Er verschwand nach oben. Einige Augenblicke später hörte sie die Dusche rauschen. Da sie sich nicht recht nach oben traute, beschloss sie, den Abwasch zu machen und die Küche aufzuräumen. Nach einiger Zeit kam er mit nassen Haaren und in Jogginghose und Shirt wieder runter, setzte sich auf das alte Sofa mit einem etwas fadenscheinigen Bezug und schaltete den Fernseher an. Da er keinerlei Anstalten machte, sich mit ihr zu unterhalten, fragte Sannah nur: „Wann fängst du morgens an?“

„Um sechs“, brummte er zurück.

„Ich gehe schlafen, gute Nacht“, sagte sie, erhielt aber keine Antwort. Als sie wenig später im Bett lag, schwor sie sich, niemals mit diesem mürrischen Eisberg zu kollidieren.

Tauwetter

Am nächsten Morgen war Sannah, Jetlag sei Dank, um halb fünf wach. Hellwach. Da sie, um Gewicht zu sparen, keine Bücher dabei hatte, mit Ausnahme des Sprachführers, fiel Lesen aus. Wieder einschlafen klappte auch nicht. Also zog sie sich an, nahm ihre neuen Stiefel in die Hand und schlich die Treppe hinunter, um Josh nicht zu wecken. In der Küche suchte sie Kaffee und Filtertüten und schmiss die Kaffeemaschine an. Kurze Zeit später saß sie auf der Veranda und schlürfte genüsslich die erste Tasse Kaffee. Draußen herrschte eine himmlische Ruhe. Ein paar Vögel, die mit ihrem Gesang den anbrechenden Tag begrüßten, waren zu hören, ab und an schnaubte eines der Pferde drüben auf der Koppel und der ewige Wind der Great Plains raschelte in den Bäumen, sonst nichts. Kein menschliches Geräusch war zu vernehmen. Man konnte den Eindruck gewinnen, der einzige Mensch auf Erden zu sein. Zuhause fuhr immer irgendein Auto, oder man hörte die Sirenen von Polizei- oder Rettungswagen. Manchmal trug der Wind die Motorengeräusche der Schiffe auf der Elbe bis in ihren Garten. Es war nie wirklich still. Hier konnte man die Stille fast körperlich spüren. Sie liebte diese frühen Morgenstunden, wenn die Natur die Oberhand hatte und die hektische Welt da draußen noch schlief.

Heute wollte sie Josh fragen, wann die Kinder kommen würden. Beim Gedanken an Josh bekam sie wieder ein flaues Gefühl im Magen. Sie bewunderte seine Art, mit Pferden umzugehen, und seinen offenkundigen Sachverstand. Er war bestimmt auch ein guter Lehrer, sonst würden die Kinder nicht kommen. Aber seine deutliche Abneigung ihr gegenüber konnte sie sich nicht erklären. Sie kam sich vor wie ein Eindringling. Genau genommen war sie das ja auch. Er lebte hier draußen wie ein Eremit, kein Nachbar weit und breit. Er war bestimmt so alt wie sie selbst, hatte aber weder Frau noch Kinder. Sannah ging plötzlich auf, dass sie nicht viel anders lebte. Seit der Scheidung hatte sie sich zurückgezogen. Annegret und Jonas waren von dem ursprünglich großen Freundeskreis übrig geblieben. Das reichte ihr völlig. Vielleicht ging es Josh ja ähnlich? Sie beschloss, seine übellaunige Art nicht so ernst zu nehmen. Sie wollte hier eine ruhige und friedliche Zeit verbringen, also würde sie sich freundlich und höflich verhalten, wie es sich für einen Gast gehörte, und ihm ansonsten aus dem Weg gehen. Langsam, aber sicher knurrte ihr Magen. Sie ging in die Küche und durchforstete den Kühlschrank.

Schinken, Toastbrot, Majonäse, Eier, Milch und Cola. Ganz hinten in der Ecke fristeten ein paar Tomaten ein einsames Dasein. Im Küchenschrank entdeckte sie noch die obligatorische Packung Cornflakes. Den Bäcker um die Ecke würde sie hier wohl vergeblich suchen, und so überlegte sie, was Amerikaner, oder speziell amerikanische Ureinwohner, wohl zum Frühstück aßen. Halber Büffel auf Toast, schoss es ihr durch den Kopf und sie grinste. In Anbetracht der Lasagne-Berge vom Vorabend kam das mengenmäßig schon mal hin. In Ermangelung eines Büffels entschied sie sich dann doch für Eier mit Schinken, dazu Toast und Kaffee. Vielleicht würde ein Frühstück den Griesgram da oben etwas freundlicher stimmen.

Der Griesgram wälzte sich stöhnend in seinem Bett herum und schlug auf den wehrlosen Wecker ein. Josh war eine Nachteule, früh aufstehen gehörte nicht zu seinen bevorzugten Tätigkeiten. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, denn die Tiere mussten versorgt werden. Völlig verschlafen quälte er sich aus dem Bett und rieb mit den Händen über sein Gesicht. Noch schlaftrunken tappte er gewohnheitsmäßig die Treppe runter und blieb wie erstarrt in der Küche stehen. Er hatte Sintéchla tschik‘ala völlig vergessen. Sie stand am Herd und wendete ein Omelette, hatte den Tisch gedeckt und Kaffee gekocht.

Als sie ihn auf der Treppe hörte, sagte sie ohne vom Herd aufzusehen: „Guten Morgen, Frühstück ist …“, sie drehte sich zu ihm um, „ … fertig.“

Ihr Lächeln machte eine Vollbremsung und kippte vornüber. Josh hatte nicht nur die kleine Klapperschlange vergessen, sondern auch sich anzuziehen. Und so stand er, nur mit Unterhose bekleidet, in der Küche. Er drehte auf dem nicht vorhandenen Absatz um und ging zurück in sein Schlafzimmer.

‚Ups‘, dachte Sannah und rief sich selbst zur Ordnung. Sein Anblick in Shorts, mit Sixpack und offenen Haaren, die ihm bis auf die breite Brust fielen, hatte ihr limbisches System abrupt aus dem Winterschlaf gerissen. Es räkelte sich nun genüsslich auf der Satin-Bettwäsche in ihrem Oberstübchen und zückte Puderdose und Lippenstift.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst!“, schimpfte sie mit sich selbst. Die Rottenmeier konnte ihr da nur beipflichten und klopfte hektisch auf die Anzeige des Thermostaten, der jetzt mollige siebenunddreißig Grad anzeigte.

Einige Augenblicke später erschien Josh angezogen und mit Zopf wieder in der Küche. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte es ihm gründlich die Petersilie verhagelt. Notorischer Morgenmuffel, lautete Sannahs fachmännische Diagnose. Sie ließ sich nichts anmerken und stellte ihm wortlos das Omelette mit knusprigem Schinken vor die Nase und goss ihm frischen Kaffee ein. Er nahm einen Schluck Kaffee und fing an zu essen.

„Warum bist du schon auf?“, wollte er wissen. Josh konnte nicht verstehen, warum jemand freiwillig so früh aufstand.

„Jetlag“, erklärte sie. „Bei mir zu Hause ist es schon zwei Uhr Nachmittags.“

Er nickte nur, an die Zeitverschiebung hatte er nicht gedacht. Aber immerhin hatte er diesem Umstand ein gutes Frühstück zu verdanken, und das versöhnte ihn ein wenig mit der Szene in Unterhosen. Josh konnte sich nicht daran erinnern, wann ihm zuletzt jemand Frühstück gemacht hatte. War verdammt lang her. Der ungewohnt starke Kaffee ließ ihn langsam wach werden.

„Ich will gleich bei einigen Pferden die Hufe schneiden, danach den Stall ausmisten, und heute Nachmittag muss ich einkaufen. Du kannst ja solange deine Fotos machen.“

Er erläuterte ihr seine Pläne nur, weil er hoffte, dann für den Rest des Tages seine Ruhe vor ihr zu haben. Doch Josh machte seine Rechnung ohne die Wirtin.

„Nimmst du mich mit zum Einkaufen?“, fragte Sannah. „Ich brauche Duschgel und ein paar andere Sachen. Dann kenne ich auch den Weg, fürs nächste Mal“, fügte sie noch schnell hinzu, als sie sah, wie sich seine Miene verfinsterte.

Böse Falle! Der Supermarkt war im nächsten Ort und praktisch der Hauptumschlagplatz für Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch. Der Moccasin Telegraph sorgte dafür, dass jeder auf der Rez bestens über alles und jeden informiert war. Wenn er mit Sannah im Schlepptau dort auftauchte, würde am nächsten Tag ganz Pine Ridge darüber Bescheid wissen, und so wie sie aussah, würde ihm niemand glauben, dass sie aus Deutschland kam, um Fotos zu machen. Man würde ihm wissende Blicke zuwerfen und die wildesten Spekulationen anstellen. Monatelang. Ganz böse Falle! Er stöhnte im Geiste. Auf der anderen Seite würden am Mittwoch die Kinder kommen und spätestens dann dafür sorgen, dass niemandem der Gesprächsstoff ausging. Es war nur eine Frage der Zeit.

‚Was soll‘s‘, dachte Josh. Er nickte ihr zu und schob den Teller beiseite. Als er seine Stiefel anzog, fiel sein Blick auf Sannahs neue Stiefel. „Wie ich sehe, hast du meinen Rat angenommen.“

„Klar“, erwiderte sie grinsend. Er war schon auf der Veranda, als sie ein „Danke fürs Frühstück!“ hörte. Hoppla, da war doch nicht etwa ein Tröpfchen Tauwasser vom Eisberg gefallen? Oder gar zwei? Sannah grinste und betrachtete dann das Schlachtfeld in der Küche. Offenbar hatte Josh zum Ausgleich für die Eisschmelze eine neue Regel eingeführt: Einmal abwaschen, immer abwaschen.

Nachdem sie ihren Küchendienst geleistet hatte, ging Sannah vor die Tür. Josh hatte mit „einige“ fast alle Pferde gemeint. Er war immer noch damit beschäftigt, die Hufe zu schneiden, und etwa zehn Tiere warteten noch auf ihre Pediküre. Sie überschlug die Zeit, die es noch dauern würde, und beschloss, die Wartezeit bis zum Einkaufen zu verkürzen, indem sie den Stall ausmistete. Sie suchte sich eine Mistgabel und eine Schubkarre und fing mit den Boxen der Ausbildungspferde an. Karre um Karre füllte sich mit Mist und wurde auf dem Misthaufen ausgeleert. Da Sannah normalerweise unter sterilen Bedingungen in gekachelten Räumen mit Kunstlicht arbeitete, machte es ihr Spaß, zur Abwechslung mal im Dreck zu wühlen. Als sie mit den Boxen fertig war, machte sie im Laufstall weiter. Eine große Halle, in der sich die Tiere gemeinsam frei bewegen konnten. Sie war damit beschäftigt, Mist zu schaufeln, und merkte nicht, dass Josh sie beobachtete. Grinsend lehnte er am Türrahmen und kaute auf einem Strohhalm herum. Er kletterte auf ein paar aufgestapelte Strohballen, streckte die Beine aus und gönnte sich eine Pause.

‚Doch kein schlechter Tag‘, dachte er sich. Erst machte sie Frühstück und nun seine Arbeit. Daran könnte er sich gewöhnen. Sie erstaunte ihn schon wieder. Offenbar hatte sie nicht zum ersten Mal eine Mistgabel in der Hand, und sie scheute sich auch nicht, sich die Hände schmutzig zu machen. Die meisten Frauen, die er kennengelernt hatte, hätten den Stall nicht einmal betreten. Ausmisten? Undenkbar! Dabei könnte man sich die Fingernägel abbrechen. Blöde Weiber. Sannah hingegen schien auf so etwas wie Fingernägel keinen gesteigerten Wert zu legen. Auch auf die übliche Kriegsbemalung verzichtete sie. Der ganze Firlefanz, der Frauen normalerweise so wichtig war, fehlte bei ihr. Hatte sie auch nicht nötig. Sie war hübsch. Er legte den Kopf schief und nahm genauer Maß: sogar sehr viel mehr als nur hübsch. Josh lehnte sich zurück und genoss die „schöne Aussicht“.

Sannah wuchtete die schwere Schubkarre zum Ausgang. Als sie an den Strohballen vorbeikam, sprang Josh von seiner Aussichtsplattform und landete genau hinter ihr. Sie fuhr erschrocken zusammen.

„Oh, Gott!“, keuchte sie. „Mir ist fast das Herz stehengeblieben!“

Er nahm ihr die Schubkarre ab und raunte unheilvoll: „Ist eine gefährliche Gegend hier! Viele Indianer!“

Sie bewarf ihn mit Stroh. „Dann vergiss beim nächsten Mal dein Messer nicht!“, rief sie ihm lachend hinterher. „Vielleicht schreie ich dann hysterisch, das wirkt authentischer.“

Und Humor hatte sie auch, stellte er auf dem Weg zum Misthaufen fest – ein paar abgebrochene Eisschollen im Kielwasser.

Josh verfrachtete sie, so wie sie war, in seinen Truck.

„Ich bin dreckig und stinke!“, hatte Sannah protestiert, als sie auf dem Weg zum Supermarkt über die Zufahrt rumpelten.

„Stimmt!“, meinte er trocken. „Aber das stört da niemanden, außerdem wirkt das so authentischer“, äffte er sie nach. Insgeheim hatte er die Hoffnung, das die Gerüchte eine andere Richtung nehmen würden, wenn Sannah nach Arbeit aussah. Sie erreichten die Hauptstraße, und das Rumpeln hörte auf.

In einiger Entfernung entdeckte Sannah auf einer Anhöhe ein paar Tipis.

„Lebt da jemand?“, fragte sie ungläubig.

Josh nickte. „Ein paar Waschítschu vom Stamm der City Slicker.“

„Was sind Waschítschu?“, wollte sie wissen. Dieses Wort stand nicht in ihrem Sprachführer.

„Weiße“, erklärte er. Irgendwie wurde ihm nicht bewusst, dass Sannah auch eine Waschítschu war. „Für siebzig Dollar pro Nacht bekommen die Wannabes, die Möchtegern-Indianer, echtes Wild West Feeling geboten. Inklusive Frühstück, Taranteln und kalter Füße“, spottete Josh.

„Halber Büffel auf Toast?“, scherzte sie.

„So ungefähr“, erläuterte er feixend. „Aber dann kommst du mit siebzig Dollar nicht mehr aus. Büffelfleisch ist scheißteuer.“

Er bog auf den Parkplatz vor dem kleinen Supermarkt ab. Direkt neben Joshs Truck standen ein paar von den Tipi-Bewohnern und machten Erinnerungsfotos. Auf einer Bank neben dem Eingang saßen einige Einheimische und hielten ein Schwätzchen. ‚Moccasin Telegraph vollständig anwesend‘, dachte Josh genervt. Die weiblichen City Slicker starrten ihn mit offenem Mund an.

Sannah grinste, er war ganz offenbar nicht nur Annes Typ. Sannah indes wurde die volle Aufmerksamkeit der Truppe auf der Bank zuteil. Man musterte sie überaus gründlich.

Josh grüßte mit einem Kopfnicken und beeilte sich, sie samt Einkaufskorb möglichst schnell durch die Tür zu schieben, um dem üblichen Palaver zu entgehen. Drinnen war es allerdings auch nicht besser. Er grüßte wieder und ignorierte die neugierigen Blicke. Nach und nach füllte sich der Einkaufskorb.

Als Josh einige Fertiggerichte aus der Tiefkühltheke nehmen wollte, meinte Sannah: „Ich könnte doch was Frisches kochen. Wenn du einverstanden bist“, fügte sie noch hinzu, als sie seine finstere Miene sah. Seit dem Parkplatz spielte Joshs Laune wieder Verstecken im Keller, und sie wusste nicht, warum.

„Wenn du willst“, brummte er.

Sie zogen weiter durch die Gänge. Josh schmiss ein Paket Kaffee in den Korb, Sannah legte ihren heißgeliebten Tee dazu.

Er verzog angewidert das Gesicht.

„Den gibt es doch wohl hoffentlich nicht zum Frühstück?“, fragte er entsetzt und stellte bei der Gelegenheit gleich klar, wer in den nächsten Wochen für den Küchendienst zuständig war.

Sannah setzte ein beleidigtes Gesicht auf. „Nein, mein Tee ist nur für nette Leute!“ Sie ließ ihn stehen und verschwand im nächsten Gang.

‚Aber hallo! Die Kleine kann ja doch klappern‘, dachte Josh und grinste in sich hinein. „Ich bin nett!“, versicherte er ihr, als er sie eingeholt hatte.

„Aber nur, wenn gerade keiner hinsieht“, gab sie zurück und legte Seife und Shampoo in den Korb. Duschgel gab es nicht. Er griff nach einer Dose Rasierschaum, Marke Moschus brutal, matt schwarz, die Schrift in Blau metallic, mit futuristisch designtem Sprühkopf.

‚Typisch Mann‘, dachte Sannah, selbst Rasierschaum kam nicht ohne Heckspoiler und Alufelgen aus. Er wollte gerade etwas erwidern, als sie mit einem kleinen boshaften Lächeln eine Packung Tampons genau daneben legte und damit den Kampf der Geschlechter im Einkaufskorb eröffnete. Josh war das sichtlich peinlich. Nicht nur, dass er jetzt vor aller Augen mit Tampons durch den Supermarkt lief, ihm ging auch für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf, wo die Dinger landen würden. Er schluckte seinen Kommentar runter und maulte nun hauptamtlich vor sich hin. An der Kasse wurde Josh von der Kassiererin mit einem strahlenden Lächeln begrüßt. Die ältere Dame unterhielt sich mit ihm auf Lakota, während er seine Sachen auspackte. Sannah verstand kein Wort, aber der weiche, kehlige Singsang dieser Sprache gefiel ihr. Als Sannah an die Reihe kam und ihre Einkäufe auf den Tisch legte, schenkte die Kassiererin ihr ein wohlwollendes Lächeln. Sannah überließ es Josh, auch ihre Einkäufe einzupacken, und lächelte zurück. Als sie zahlte, sagte die ältere Dame: „Anpétu washté yuhá pe.“ – Habt einen schönen Tag. Sannah strahlte, das hatte sie, Sprachführer sei Dank, verstanden.

„Pilámaya ye, Tóksha aké“ – Danke, tschüss, bis bald, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen.

Josh knallte der Unterkiefer aufs Brustbein. Sie nahm eine der Tüten und ging Richtung Ausgang, er folgte ihr verblüfft mit dem Rest. Draußen wartete der Moccasin Telegraph schon auf die Neuigkeiten der Kassiererin. Persönliche Fragen zu stellen wäre unhöflich gewesen, und so blieben Josh und Sannah unbehelligt. Man begnügte sich damit, beide wieder gründlich zu mustern. Diesmal von hinten.

„Du sprichst Lakota, aber weißt nicht, was Washícu heißt?“, fragte er erstaunt, als sie im Auto saßen.

Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, ich kenne nur ein paar Höflichkeitsfloskeln aus einem Sprachführer.“

„Nicht schlecht!“, meinte er anerkennend.

Zurück auf der Ranch machte sich Sannah im Bad etwas frisch. Als sie wieder herunter kam, hatte Josh den Kühlschrank geplündert und kaute mit vollen Backen. Er drückte ihr ein Käsesandwich in die Hand.

„Iff waf!“, nuschelte er. Dann fischte er sich noch einen Apfel aus Sannahs neu angelegtem und sündhaft teuren Obstvorrat und verschwand nach draußen. Sie kochte sich einen Tee und setzte sich zum Essen auf die Veranda.

Josh führte gerade eins der Ausbildungspferde auf den Reitplatz – einen wunderschönen Appaloosa Wallach. Seine Grundfarbe war ein dunkles Kastanienbraun, die Kruppe war, für diese Rasse typisch, weiß mit schwarzen Sprenkeln, auch die Fesseln wiesen diese Einfärbung auf. Obwohl noch jung, war der Wallach schon stark bemuskelt und sah vom Gebäude her eher aus wie ein Quarter Horse – nur etwas größer und langbeiniger. Er hatte einen schönen, keilförmigen Kopf und ausdrucksvolle Augen. Ein echter Eyecatcher. Josh redete beruhigend auf das junge Pferd ein, kraulte ihm den Hals und klopfte sanft mit der Hand gegen den Bauch. Er stellte vorsichtig einen Fuß in den Steigbügel und zog sich langsam am Sattelhorn hoch. Allerdings setzte Josh sich nicht in den Sattel, sondern lehnte sich zunächst nur darüber und klopfte diesmal die andere Seite des Pferdes. Der junge Wallach blieb ruhig stehen und lauschte Joshs Stimme. Erst jetzt hob Josh das andere Bein über den Sattel und setzte sich. Er ließ das Pferd zum Aufwärmen Schritt laufen und nahm nur ein klein wenig die Zügel an.

‚Eine gute Gelegenheit für die ersten Fotos‘, überlegte Sannah. Sie lief in ihr Zimmer und holte die Kamera.

Wieder draußen, näherte sie sich vorsichtig dem Reitplatz, um das Pferd nicht zu erschrecken. Sie hob fragend die Kamera, und Josh nickte zustimmend. Sannah begann ihre Fotos zu schießen, während er mit dem Pferd arbeitete. Der Wallach hatte viel Temperament und versuchte seine Grenzen auszutesten. Er fing an, hektisch zu tänzeln und riss den Kopf hoch. Josh zeigte sich unbeeindruckt, ritt einfach weiter und korrigierte die Kopfhaltung. Nie wurde er wütend oder grob, obwohl das Pferd es ihm nicht leicht machte. Der Wallach fing an zu buckeln und versuchte seinen Reiter loszuwerden, doch Josh blieb ungerührt im Sattel kleben und ließ zu, dass das Pferd seine Kraft verschwendete. Der vierbeinige Temperamentsbolzen merkte, dass seine Gegenwehr keinen Erfolg hatte und beruhigte sich. Geduldig wiederholte Josh die Lektion, ließ das Pferd Fehler machen, um diese dann wieder sanft zu korrigieren.

Sannah war völlig fasziniert, nicht nur von Joshs Reitkunst, sondern vor allem von der Ruhe, die dabei von ihm ausging. Sie war selbst keine schlechte Reiterin, aber verglichen mit ihm kam sie sich vor wie eine Anfängerin.

Als das Pferd eine Übung fehlerfrei absolvierte, stieg Josh ab, lobte den Wallach überschwänglich und gab ihm den Rest des Apfels. Das Pferd war schweißgebadet, Josh nicht.

„Reitest du ihn trocken?“, fragte er. „Dann hab ich Zeit für das Nächste.“

Sannah schluckte. Ebenso gut hätte er ihr eine brennende Dynamitstange in die Hand drücken können, mit dem Kommentar: „Halt mal fest!“ Sie legte ihre Kamera beiseite und kroch zögernd unter dem Zaun durch. Er hielt das Pferd, während sie vorsichtig aufstieg. „Keine Sorge“, meinte Josh grinsend. „Der hat sein Pulver für heute verschossen.“

Sie sah ihn erstaunt an, konnte er jetzt auch Gedanken lesen? „Reite ihn einfach am langen Zügel, bis sich seine Atmung beruhigt hat“, wies er sie an und machte die Fender kürzer. Sie nickte und begann ihre Bahnen zu ziehen. Josh verschwand, um das nächste Pferd zu satteln.

Sannah wurde es etwas mulmig, als er sie allein ließ, aber der Wallach lief brav seine Runden, ließ entspannt den Kopf hängen und kaute zufrieden auf dem Gebiss. Sie beruhigte sich und genoss das Gefühl, wieder im Sattel zu sitzen. All die Jahre hatte sie es vermisst, ohne es zu merken. Kummer und Sorgen lösten sich hier oben in Luft auf, man konnte wieder frei atmen und einfach nur glücklich sein.

Josh schien es genauso zu gehen, seine Laune war wieder deutlich besser, seit er auf dem Pferd saß. Sannah lächelte, eigentlich waren sie gar nicht so verschieden.

Irgendwann kam Josh mit dem nächsten Pferd zurück. Sie stieg ab und brachte den Wallach nach dem Absatteln wieder auf die Weide. Dieses Prozedere wiederholte sich noch vier Mal. Sannah fotografierte, während Josh im Sattel saß, und ritt dann trocken, damit er das nächste Pferd holen konnte. Als alle Ausbildungspferde wieder auf ihrer kleinen Weide standen, sah Josh zufrieden auf seine Uhr. „Du hast mir heute eine Menge Arbeit abgenommen. Als Dankeschön lade ich dich beim nächsten Einkauf auf ein Eis ein.“

Sannah strahlte. „Hab ich gern gemacht. Hast du irgendwann mal Zeit, mir etwas Unterricht zu geben?“, fragte sie.

Er sah sie erstaunt an. „Klar! Aber du machst das doch gut“, stellte er fest.

Sannah schüttelte den Kopf. „Man lernt nie aus, und verglichen mit dir bin ich ein blutiger Anfänger.“

Josh lächelte, etwas verlegen über das Kompliment, das sie ihm gemacht hatte. „Ich hole jetzt die Herde von der Weide, möchtest du wieder mit?“, fragte er.

Sannah winkte ab. „Wenn du nachher was zu essen haben willst, sollte ich besser anfangen zu kochen“, sagte sie bedauernd.

„Selber schuld!“, meinte er.

Nach dem Abendessen saß Sannah am Küchentisch und speicherte die Fotos auf ihrem Laptop. Josh hatte geduscht und setzte sich dazu. Sein Haar war noch nass, und er roch nach Shampoo.

„Die sind gut geworden“, lobte er anerkennend und rückte noch ein bisschen näher, um besser sehen zu können. Sie schob den Computer ein wenig zu ihm rüber; ihn so dicht neben sich zu haben, machte sie plötzlich nervös. Die Wärme, die von ihm ausging, spürte sie so deutlich wie eine Berührung. Ein heißes Kribbeln lief ihr über den Nacken. Fahrig lud sie die letzten Fotos von der Kamera und überließ ihm den Laptop.

„Sieh sie dir in Ruhe an, ich geh solange duschen“, entschuldigte sie sich und flüchtete die Treppe hoch.

„Das Wasser ist noch kalt!“, rief er warnend hinterher.

‚Kalt ist gut‘, dachte Sannah.

Einen Augenblick später vernahm er grinsend ihren kurzen Schrei aus dem Bad. Das Wasser war offenbar noch sehr kalt. Es war ihm nicht entgangen, dass er sie nervös machte.

Nach dem ersten Kälteschock ließ Sannah sich das Wasser über das Gesicht laufen und fluchte. Normalerweise hatte sie nie Probleme damit gehabt, potentielle Verehrer in die Wüste zu schicken. Sie war fertig mit dem Thema Männer. ‚Ein für alle Mal‘, dachte sie grimmig. Abgesehen davon war Josh kein Verehrer. Er machte sich weder mit absurdem Balzverhalten noch mit postpubertärem Imponiergehabe lächerlich. Hatte er auch nicht nötig. Aber genau das war der springende Punkt. Kaum war ihr Annegrets Traumtyp vor die Füße geknallt, der zudem noch notorisch schlecht gelaunt war, sie ignorierte und ganz sicher nie auf die Idee käme, ausgerechnet an ihrer Türschwelle zu kratzen, bekam sie weiche Knie und Nervenflattern wie ein Teenager mit hormoneller Dysfunktion. Ihr limbisches System saß währenddessen auf dem Bett im Oberstübchen und feilte sich gutgelaunt die Fingernägel. Sannah führte ihre Reaktion auf einen rudimentären Urinstinkt zurück, der ihr signalisieren wollte: Starker Mann schwingt Keule und schleppt Mammut in Höhle. Heutzutage waren Frauen, dank der Erfindung der Tiefkühlpizza und des Aussterbens der Mammuts, nicht mehr darauf angewiesen, dass ein Keule schwingender Typ das Essen ranschaffte. Sannah erklärte Pizza zur Krönung der Emanzipation und sich selbst zum irrationalen Hormonopfer. Ihr limbisches System schüttelte missbilligend den Kopf und lackierte sich derweil die Fußnägel knallrot.

„Blöde Kuh!“, schimpfte Sannah. Bibbernd vor Kälte rubbelte sie sich trocken und wickelte sich in das Handtuch. Nach dem Zähneputzen war sie noch ganz in Gedanken, als sie die Tür öffnete und gegen Josh prallte. ‚Auch das noch‘, dachte Sannah.

‚Gleiches Recht für alle‘, dachte Josh.

„Morgen gibt es Pizza“, stammelte sie völlig aus dem Zusammenhang gerissen und flüchtete mit roten Ohren in ihr Zimmer. Er erhaschte noch einen Blick auf ihre nackten Beine und schüttelte grinsend den Kopf. Frauen verstehen zu wollen, war seiner Meinung nach reine Energieverschwendung.

Sannah biss sich auf die Lippe. Jetzt hatte sie sich auch benommen wie ein Teenager. Sie steckte noch mal den Kopf durch die Tür. „Gute Nacht“, sagte sie.

Josh drehte sich um. „Schlaf gut!“

Märchenstunde

Am Morgen wachte sie erst kurz vor sechs auf. Der Jetlag verzog sich langsam. In der Küche angekommen, erkannte sie an einer Schüssel mit Cornflakes-Resten, dass Josh ihr zuvorgekommen war. Mit einer Tasse Kaffee ging sie auf die Veranda. Die Herde war schon auf der Weide, und sein Truck war weg. Sannah nippte an ihrem Kaffee und verzog angewidert das Gesicht. „Bodensehkaffee“ mit einer gefühlten Temperatur von zwanzig Grad.

‚Aber über meinen Tee meckern‘, dachte sie spöttisch. Er musste schon länger weg sein. Josh war ihr keine Rechenschaft schuldig, wann er kam oder ging, aber ein bisschen komisch fand sie es schon. Sie machte sich ein Sandwich zum Frühstück, anschließend wollte sie ausmisten. Sannah vertrödelte den ganzen Vormittag mit Stallarbeit. Nach dem Ausmisten schrubbte sie gründlich die Tränken. Josh blieb verschwunden. Sie dachte darüber nach, die Gegend mit dem Auto zu erkunden, gab diesen Plan allerdings schnell wieder auf. Ohne Schlüssel für die Tür konnte sie nicht abschließen, und sie wollte das Haus nicht unbeaufsichtigt offenstehen lassen. Vor lauter Langeweile fegte sie die Fußböden und schob einen Kuchen in den Ofen. Am Nachmittag wurde Sannah langsam unruhig. Sie hatte eins von Joshs Büchern über Pferdezucht gelesen und nicht weiter auf die Uhr geachtet. Es wurde Zeit, die Herde von der großen Weide zu holen.

Unschlüssig, was sie nun tun sollte, wägte sie die Möglichkeiten ab. Warten, bis Josh da war, die Pferde auf der Weide lassen oder sie alleine holen? Da sie nicht wusste, wann Josh wiederkommen würde, und die Tiere Wasser brauchten, fasste sie sich ein Herz und sattelte Kimimila. Sie ritt über die große Weide und hielt Ausschau nach der Herde. Die Weite der Landschaft war atemberaubend. Dr. Schröders Worte fielen ihr wieder ein: Dort gibt es nur Gras und Himmel. Er hatte recht behalten. Dieser Ozean aus Gras vermittelte ihr ein nie gekanntes Gefühl von Freiheit. Kein Wunder, dass die Lakota so erbittert für diese Freiheit gekämpft hatten. In einiger Entfernung entdeckte sie die Herde und ritt langsam auf sie zu. Sannah umkreiste die Tiere, um sie in Bewegung zu setzen. Es klappte besser, als sie erwartet hatte. Im Zickzack ritt sie hinterher, um eventuelle Ausreißer in Schach halten zu können. Nach einer halben Stunde erreichten sie den Paddock. Sannah schloss das Gatter hinter den Pferden und war stolz wie Oskar. Sie brachte Kimimila zurück auf die kleine Weide und kraulte ihr den Hals. „Feines Mädchen, hast du gut gemacht.“ Die Stute blubberte zufrieden, als Sannah ihr noch eine Möhre ins Maul schob.

Sannah füllte gerade die Tränken, als ein Wagen der Tribal Police auf den Hof fuhr. Ihr Magen krampfte sich zusammen. ‚Hoffentlich ist nichts passiert‘, dachte sie entsetzt. Der Officer, der ausstieg, warf seine Mütze ins Auto und fuhr sich durch sein kurzes schwarzes Haar. Als er sie entdeckte, strahlte er und kam auf sie zu. Sannah entspannte sich. So sah niemand aus, der schlechte Nachrichten brachte. Er hatte ein freundliches Gesicht und stemmte beim Laufen die Hände in die Hüften. Sein Gang erinnerte sie an John Wayne. Ein Bauchansatz wölbte sich über den Bund seiner Uniformhose, ansonsten hatte er in etwa die gleiche Statur wie Josh.

„Hau, ich bin Sam, ein Freund von Josh“, stelle er sich vor.

Sie ergriff seine Hand. „Han, ich bin Sannah. Josh ist nicht da, und ich weiß leider auch nicht, wann er wiederkommt. Kann ich etwas ausrichten?“

Sam strahlte sie fröhlich an. „Eigentlich wollte ich nur mal auf einen Kaffee vorbeischauen und Hallo sagen.“

Sannah lächelte. „Kaffee ist kein Problem. Ich bin hier fertig, muss nur schnell die Kaffeemaschine anwerfen.“ Sie drehte das Wasser ab und räumte den Schlauch weg.

Sam fischte eine Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche seines Hemdes und zündete sich eine an. Während Sannah in die Küche ging um Kaffee aufzusetzen, wartete er auf der Veranda und schmunzelte vor sich hin. Der Moccasin Telegraph hatte nicht übertrieben. Sie war schön, höflich, freundlich und arbeitete offensichtlich hier. Sam war gekommen, um ein paar Einzelheiten zu erfahren. Sannah kam aus der Küche und stellte Tassen und einen Teller mit frischem Kuchen auf den Tisch. Sam bekam große Augen. „Wow!“, staunte er. „Kuchen hab ich hier noch nie bekommen.“

„Ich auch nicht. Milch und Zucker?“, bot sie an.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Schwarz wie meine Seele.“

„Schwarz ist er jedenfalls“, stellte sie fest.

„Wo treibt sich der Halunke denn herum?“, wollte Sam wissen und pustete in seine Tasse.

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, antwortete sie ratlos.

Kaum stand etwas Essbares auf dem Tisch, fuhr Josh wie bestellt auf den Hof. Er bemerkte erstaunt, dass die Pferde an der Tränke standen und die Stammespolizei da war. Breit lächelnd griff er nach einem Aktenordner und stieg aus dem Auto. Sannah starrte ihn sprachlos an. Er trug ein weißes Oberhemd, eine schwarze Jeans und einen geflochtenen Zopf. Sie hatte ihn bislang nur in Arbeitsklamotten gesehen und war gar nicht auf die Idee gekommen, dass er sich auch in Schale schmeißen konnte. In diesem Aufzug sah er noch beeindruckender aus. ‚Er hat eine Freundin‘, schoss es ihr durch den Kopf. Wäre aber auch sehr verwunderlich gewesen, wenn ein Mann wie Josh frei herumlief.

„Hau, Kola!“, begrüßte er Sam. „Hat Sannah dich gerufen, oder ist dir der Kaffee ausgegangen?“, fragte er lachend und brachte den Aktenordner ins Haus. Mit einer Tasse kam er wieder heraus und setzte sich neben Sannah. Er sah sie an und grinste frech. „Kaum bin ich einen halben Tag weg, steht der Knüppelträger auf dem Hof und bekommt Kaffee und Kuchen. Sollte mir das zu denken geben?“, frotzelte er gutgelaunt.

Sam fühlte sich irgendwie erwischt. „Ich kam zufällig vorbei und wollte mal sehen, wie es dir geht“, erklärte er mit Unschuldsmiene und trat die Zigarette aus.

Sannah machte sich über den Kuchen her und schlürfte genüsslich ihren Kaffee. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war. Die beiden Männer griffen auch zu, und für einen Moment herrschte gefräßiges Schweigen.

Josh spülte den Kuchen mit einem Schluck Kaffee hinunter. „Nun mal ehrlich, Sam, du fährst doch nicht den ganzen Weg zu mir raus, weil mein Kaffee so gut ist“, bohrte er weiter.

„Deiner nicht, aber ihrer!“, frotzelte Sam zurück.

Sannah dachte an den „Bodensehkaffee“ vom Morgen und kicherte. Dafür erntete sie ein schiefes Grinsen von Josh.

„Mir sind da ein paar Gerüchte zu Ohren gekommen, und nun wollte ich mal sehen, was an diesen Gerüchten so dran ist“, erklärte Sam weiter.

Josh verdrehte theatralisch die Augen. „Was würden wir alle nur ohne Moccasin Telegraph machen?“, stöhnte er genervt. „Ich sehe schon die Schlagzeilen in der Zeitung. Frauenraub am Wounded Knee Creek!“, proklamierte er mit großer Geste.

Sannah konnte sich kaum noch halten vor Lachen, wogegen Sam sein dienstliches Gesicht aufsetzte. „Frauenraub?“, fragte er ungläubig.

„Klar!“, erwiderte Josh hämisch. „Ich habe die alte Tradition unserer Vorfahren wiederbelebt und sie drüben, in Cheyenne River, aufs Pferd gezerrt. Jetzt muss sie hier arbeiten und meine Jeans flicken.“

Sam schüttelte lachend den Kopf und sah Sannah an. „Wie lautet denn deine Version?“

Sie lachte immer noch und rang mühsam nach Luft. „Ich bin der letzte Mohikaner und arbeite hier als Tellerwäscher.“ Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und griff nach einem weiteren Stück Kuchen.

Jetzt fing Josh schallend an zu lachen und drohte von der Bank zu rutschen. „Ich dachte, der ist von der Klippe gefallen? Fast so wie er hier.“ Sam deutete höhnisch mit den Lippen auf Josh. Wieder dieses Duckface.

Sannah winkte ab. „Hollywood“, sagte sie verächtlich und kicherte weiter vor sich hin.

Josh rappelte sich mühsam wieder hoch und nahm sich das letzte Stück Kuchen. „Der Kuchen ist gut, aber hattest du gestern nicht was von Pizza gesagt?“, fragte er mit einem anzüglichen Blick.

„Die gibt es nachher“, meinte sie knapp und stand auf, um Nachschub zu holen.

Josh machte keine Anstalten, ihr Platz zu machen, und grinste sie frech an. Sie kletterte umständlich über seine Beine. Sam beobachtete diese kleine Szene amüsiert. Sannah verschwand mit dem Kuchenteller um die Ecke.

„Sannah kommt aus Deutschland und ist Fotografin“, versuchte es Josh jetzt mit der Wahrheit.

Sam warf seinem Freund einen strafenden Blick zu. „Klar! Sieht man auf den ersten Blick. Und wir sind Schweden“, spottete er mit einem ironischen Grinsen.

Sannah kam mit Kaffee- und Kuchennachschub zurück und stellte den Teller demonstrativ auf Sams Seite des Tisches. Zur Strafe für diesen Verrat ließ Josh sie wieder über seine Beine klettern und amüsierte sich köstlich.

„Ich bin keine Fotografin“, korrigierte sie ihn. „Ich bin Unfallchirurgin.“

Josh sah sie erstaunt an. Im Gegensatz zu Sam glaubte er ihr.

„Das wird ja immer exotischer!“, rief Sam mit gespielter Entrüstung.

Mit Sannahs Fassung war es endgültig vorbei. Sie saß hier, mitten in der Valla Pampa eines Reservates, umringt von Taranteln und Giftschlangen, bei Kaffee und Kuchen mit zwei Lakota, und die fanden eine langweilige Touristin aus Deutschland exotisch. Das war für sie so paradox, dass sie Tränen lachte. Josh begriff, warum sie lachte, und konnte nun auch nicht mehr an sich halten.

Sam gab auf. Aus den beiden würde er heute kein vernünftiges Wort mehr herausbringen. Er beobachtete amüsiert die Szene, die sich ihm bot und freute sich ehrlich für Josh. Er hatte seinen Freund schon lange nicht mehr lachen sehen.

Josh beruhigte sich langsam. „Jetzt erzähl doch mal, was der Moccasin Telegraph denn für Gerüchte verbreitet“, forderte er Sam auf.

Auch Sannah wartete gespannt. Das konnte ja was werden!

Sam verdrückte genüsslich noch ein Stück Kuchen und ließ die beiden schmoren.

Als er fertig war, lehnte er sich zurück und sammelte die Fakten, als würde er in einem Fall ermitteln. „Mehrere Zeugen berichteten übereinstimmend, dass du kürzlich mit einer jungen Frau im Supermarkt aufgetaucht bist. Allein diese Tatsache erregte schon großes Aufsehen. Laut Aussagen der Zeugen trug sie eine schmutzige Jeans, genau wie du, und hatte Pferdemist an den Stiefeln.“ Sam zündete sich eine weitere Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, bevor er weiter erzählte. „Daraus schloss man, dass sie bei dir arbeitet. Ihr habt besprochen, was sie kochen soll, und hattet einen kleinen Streit über Tee zum Frühstück. Sie sorgt dafür, dass du Obst isst, und du packst ihre Einkäufe ein. Also lebt ihr zusammen. Aber noch nicht lange, da ihr getrennt bezahlt. Sie ist eine Lakota, dem Akzent nach aber nicht aus Pine Ridge. Ein Baby ist noch nicht unterwegs“, beendete Sam seine Ausführungen. „Für mich klingt das alles wesentlich glaubhafter als die Märchen, die ihr mir auftischt.“

Josh köchelte auf kleiner Flamme vor sich hin, und Sannah kicherte. Wenn die Hersteller von Tampons wüssten, welche Signalwirkung der Erwerb ihrer Produkte hatte, würden sie ihre Werbestrategie ändern.

Sam versuchte ein letztes Mal sein Glück. „Welche von diesen ganzen Geschichten stimmt denn nun?“

„Ich bin nicht schwanger“, bestätigte sie trocken.

Josh prustete in seinen Kaffee und wechselte hastig das Thema.

„Was ist jetzt mit der versprochenen Pizza? Ich habe Hunger“, quengelte er in Sannahs Richtung.

„Nach den Bergen von Kuchen?“, fragte sie entsetzt.

„Ich hatte heute morgen nur Cornflakes und seitdem nichts mehr“, stellte er nach Mitleid heischend fest.

‚Ah! Doch keine Freundin‘, dachte Sannah. Erstens fuhr Mann da abends hin und kam morgens wieder zurück. Nicht umgekehrt. Und zweitens hätte sie ihn nach geleisteten Diensten doch zumindest abgefüttert. Sie stand auf und blieb vor seinen ausgestreckten Beinen stehen. „Nur, wenn du mich diesmal durch lässt“, forderte sie.

„Wie heißt das Zauberwort?“, fragte Josh fordernd und erwartete ein „Bitte“, doch seine Erziehungsmethoden fielen bei Sannah nicht auf fruchtbaren Boden.

„Inajin ye!“ – Steh auf, scheuchte sie ihn resolut.

Beide Männer lachten, und Josh nahm seine Beine aus dem Weg.

„Isst du mit?“, fragte er Sam.

Der winkte ab. „Nein, danke! Hailey wartet bestimmt schon mit dem Essen auf mich. Kommt ihr am Sonntag zum Football?“

Sannah überließ Josh die Antwort und ging in die Küche.

„Ist das wieder diese unsportliche und schmerzhafte Fehde zwischen euch Knüppelträgern und den Jungs von der Feuerwehr?“, fragte Josh nach.

Sam nickte. „Gib dir einen Ruck und komm endlich aus deinem Schneckenhaus raus“, meinte Sam mit besorgtem Unterton. „Außerdem hat Stonefeather einen Büffel spendiert.“

„Na, wenn das so ist“, seufzte Josh. „Dann muss ich wohl.“

„Nimm Sannah mit, sonst kriegst du Ärger mit Hailey. Danke für den Kuchen“, rief Sam zu ihr hinüber und ging zu seinem Auto. Sannah winkte fröhlich durch die offene Küchentür.

In der Zentrale angekommen, tauschte Sam den Dienstwagen gegen sein eigenes Auto und fuhr nach Hause. Auf der Fahrt grübelte er über Josh nach. Er hatte seinen besten Freund schon lange nicht mehr so entspannt und gut gelaunt erlebt. Wer oder was Sannah auch immer sein mochte, ihre Gesellschaft tat ihm gut. Er war mit Josh aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie hatten sich gegenseitig geholfen und beigestanden, wenn es schwierig wurde. Sam war regelmäßig zu Josh und dessen Vater geflüchtet, wenn sein eigener Dad betrunken zu Hause randaliert und um sich geschlagen hatte. Eine Kindheit auf Pine Ridge war hart und mitunter auch gefährlich. Besonders freitags, wenn die Sozialhilfe-Schecks für Alkohol eingelöst wurden. Bei den White Clouds hatte er sich immer sicher und willkommen gefühlt. Joshs Vater Joseph hatte keinen Alkohol geduldet. Er vermittelte den Jungen die alten Werte ihres Volkes, die sieben Tugenden der Lakota: Mitleid, Geduld, Weisheit, Tapferkeit, Bescheidenheit, Großzügigkeit und Respekt. Aber Joseph lehrte sie nicht nur die alten Traditionen, sondern sorgte auch dafür, dass sie in der modernen Welt bestehen konnten. Beide Jungen machten ihren Highschool-Abschluss, was bei den jungen Männern im Reservat eher selten vorkam. Sam fing danach bei der Tribal Police an, Josh ging nach Aberdeen auf die Universität. Als er nach vier Jahren zurückkam, hatte er ein Mädchen im Schlepptau. Sam hatte Chloe nie gemocht, er hielt sie für eine falsche Schlange und er sollte recht behalten. Aber Josh war völlig vernarrt in sie gewesen. Sie versuchte, einen Keil zwischen die Männer zu treiben, und wollte mit der Gemeinschaft im Reservat nichts zu tun haben. Josh zog sich immer mehr zurück, ging nicht mehr auf Powwows, obwohl er das immer geliebt hatte und einer der besten H‘oká witscháscha – Sänger an der Trommel, war. Chloe hasste die Pferde und das Leben im Reservat. Sie träumte von einer schicken Wohnung in der Stadt. Als der alte Joseph starb, drängte sie Josh, die Ranch zu verkaufen, doch zum ersten Mal weigerte er sich. Als sie ihren Willen nicht bekam, war es mit dem Frieden auf der Ranch endgültig vorbei.

Sam fuhr auf die Einfahrt zu seinem Haus und parkte. Seine Frau Hailey wartete schon und begrüßte ihn an der Tür mit einem Kuss.

„Du bist spät, gab es Ärger?“

Sam legte ihr den Arm um die Taille und schüttelte den Kopf. „Nicht mehr als sonst, ich war nach Feierabend noch bei Josh.“ Hailey stellte das Abendessen auf den Tisch und setzte sich mit gespanntem Gesichtsausdruck.

„Stimmt es, was erzählt wird? Hat er endlich eine neue Freundin?“, fragte sie neugierig.

Sam begann zu essen und antwortete: „Es stimmt, dass eine junge Frau auf der Ranch arbeitet, aber ob sie seine Freundin ist, kann ich dir beim besten Willen nicht sagen. Aus den beiden war nichts rauszukriegen.“

„O nein!“, rief Hailey entsetzt. „Bitte nicht schon wieder so eine Hexe! Das hat Josh nicht verdient!“

„Ist sie nicht“, versicherte Sam. „Im Gegenteil, sie versorgte die Pferde, als ich kam, es gab Kaffee und selbstgebackenen Kuchen.“

Hailey machte große Augen. „Bei Chloe hättest du nicht mal ein Glas Wasser bekommen“, stellte sie bissig fest.

Sam gluckste. „Stimmt, aber vielleicht ein bisschen Rattengift.“

„Erzähl weiter!“, forderte sie ihren Mann auf.

„Sannah war mir sofort sympathisch. Sie hat Humor und bringt Josh zum Lachen.“

„Aber warum haben sie dir dann nicht erzählt, wer sie ist?“, fragte Hailey irritiert.

Sam grinste. „Die beiden haben mir nur Blödsinn aufgetischt – vom traditionellen Frauenraub über den letzten Mohikaner bis zur Chirurgin aus Deutschland. Fehlte nur die weiße Büffelkalb-Frau. Josh ist vor Lachen fast von seiner Holzbank gerutscht. So hab ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebt.“

„Klingt aber, als wären sich die beiden einig“, stellte Hailey zufrieden fest.

„Vielleicht erfahren wir am Sonntag mehr, ich habe sie zum Football eingeladen“, meinte er.

„Sehr gut, ich hatte schon befürchtet, ich müsste mir das Spiel ansehen“, stichelte sie gutmütig.

Sam grinste schief und widmete sich seinem Abendessen.

Auf der Ranch schob Josh seinen Teller beiseite und hielt sich stöhnend den Bauch. Die Pizza war wirklich ein bisschen zu viel gewesen. Er lächelte Sannah an. „Du hast ganz allein die Pferde geholt?“

„Nicht ganz allein“, erwiderte sie. „Kimimila hat mir geholfen. Ich wusste ja nicht, wann du wieder da bist.“

Josh wurde ein wenig verlegen. Er hatte sie den ganzen Tag alleingelassen und eigentlich damit gerechnet, dass sie sauer sein würde. Stattdessen hatte sie die ganze Arbeit allein gemacht, war so mutig gewesen, die Pferde zu holen, und fragte jetzt nicht einmal danach, wo er gewesen war. Dafür hatte sie sich mehr als nur ein Eis verdient.

„Sannah, ich möchte nicht, dass du denkst, dass du hier arbeiten musst. Ich habe heute erst deine Überweisung auf meinem Konto entdeckt und war sehr erschrocken. Nicht nur über die hohe Summe, sondern auch, dass es von dir kam. Ich bin davon ausgegangen, dass der Verein eine Fotografin engagiert hat und natürlich auch dafür zahlt.“

Sannah schüttelte den Kopf. „Der Verein zahlt nichts davon. Schließlich sind die Spenden für das Projekt und nicht für die Reisespesen von Mitgliedern. Sie haben mir geschrieben, dass Kost und Logis dreißig Dollar pro Tag kosten, und deine Kontonummer angegeben. Ich finde das mehr als fair, wenn man bedenkt, dass die Touristen deutlich mehr bezahlen und nicht mal ein Klo in ihrem Tipi haben.“ Sie grinste. „Ich weiß, dass ich hier nicht arbeiten muss. Es macht mir ganz einfach Spaß. Ich stehe normalerweise den ganzen Tag im OP, deswegen genieße ich es, an der frischen Luft zu sein. Früher habe ich meine komplette Freizeit im Stall verbracht, bis mein Quarter vor ein paar Jahren an Altersschwäche starb. Ich habe vor lauter Ärger und Kummer gar nicht gemerkt, wie sehr mir das alles gefehlt hat.“ Josh lächelte, sie liebte es genauso sehr wie er.

„Eins weiß ich sicher“, sagte sie. „Wenn ich zuhause bin, kaufe ich mir ein Pferd. Darauf will ich nie wieder verzichten.“

„Du kannst ja eins aus meiner Zucht kaufen, dann hast du eine bleibende Erinnerung“, schlug er vor und beobachtete fasziniert, wie die Sonne in ihrem Gesicht aufging.

„Wirklich?“, fragte sie erfreut und strahlte. „Das wäre wundervoll!“

Josh stand auf und räumte die Teller vom Tisch. „Ich habe jetzt nur ein Problem“, sagte er, während er die halbe Pizza auf Sannahs Teller betrachtete. „Ich habe absolut keine Ahnung, wie ich Essen im Wert von dreißig Dollar in dich rein stopfen soll.“

„Gib dir keine Mühe!“, erwiderte sie lachend. „Das schaffst du nicht!“

Er stellte die Teller auf die Spüle und stand jetzt hinter ihr. „Was war eigentlich gestern Abend mit dir los?“, fragte Josh mit sanfter Stimme. „War das Wasser zu kalt?“

Sannah fühlte sich eiskalt erwischt. Er hatte es bemerkt. „Nichts, ich war nur müde“, antwortete sie fahrig.

Er strich ihr Haar aus dem Nacken und spürte, wie sie zitterte. Ihr wurde heiß, und ihr Herz schlug bis zum Hals, als er sich zu ihr herunterbeugte und seine Lippen ihr Ohr berührten.

„Du lügst“, flüsterte er.

Schlaflos

Völlig übermüdet und schlecht gelaunt schmiss Sannah am nächsten Morgen die Kaffeemaschine an. Ihr limbisches System hatte die halbe Nacht eine wilde Hormon-Cocktail-Party in ihrem Oberstübchen gefeiert und lag jetzt verkatert im Bett. Nachdem die Bässe ihres Herzschlags leiser geworden waren, weil sich schon die Nachbarn beschwert hatten, war ein Gewitter aufgezogen und hatte sie mit Blitz und Donner wieder aus dem Schlaf gerissen. Mutter Natur hatte sich in jeder Hinsicht gegen sie verschworen.

Sie goss sich einen Kaffee ein, nahm ein Stück kalte Pizza und schlurfte auf die Veranda. Draußen roch es nach feuchter Erde und wildem Salbei. Die Vögel wetteiferten nach dem Regen mit ihrem Gesang. Sannah genoss die Ruhe, die sie längst wie ein Zauber in ihren Bann gezogen hatte. Dunstschwaden waberten über die Weiden und ließen die Pferde im fahlen Licht des Morgens wie Geister aus einer längst vergangenen Zeit erscheinen. Tautropfen glitzerten wie Edelsteine in ein paar Spinnennetzen unter dem Dach der Veranda. Sannah schloss die Augen und atmete die klare Luft und den wunderbaren Duft ein, den der Regen hinterlassen hatte. Wenn das Leben doch nur immer so sein könnte wie in diesem Moment.

Ein Poltern auf der Treppe holte sie zurück in die Realität. Einen Augenblick später ließ sich Josh neben ihr auf die Bank fallen und inhalierte seinen Kaffee.

„Wie viele Löffel knallst du da immer rein?“, brummte er schlaftrunken. „Da fliegt einem ja das Hirn aus dem Schädel.“

Sannah hatte, genau wie Josh, die Augen geschlossen und grinste schadenfroh. Zufrieden darüber, dass in seinem Oberstübchen auch nicht alles zum Besten stand. Auch wenn es nur ein Loch in der Decke war.

„Das, was ihr hier Kaffee nennt, serviert man in Europa bestenfalls im Altenheim“, hielt sie dagegen.

Josh registrierte die Übellaunigkeit in ihrem Tonfall, den er bislang noch nicht von ihr kannte.

„Den Morgenmuffel habe ich abonniert, der steht dir nicht zu!“, stellte er trocken fest und döste weiter vor sich hin.

Sannah war nicht gewillt, sich von Josh das Muffeln verbieten zu lassen, schließlich war er der Grund für ihre Schlaflosigkeit gewesen.

„Lieb sein!“, rüffelte sie drohend. „Sonst gibt es Cornflakes statt Pfannkuchen!“

Josh warf ihr einen prüfenden Seitenblick zu, wog Pro und Contra ab und sein Magen gab schließlich klein bei.

„Für Pfannkuchen darfst du auch ein bisschen muffeln“, gestand er ihr zu.

„Geht doch!“, meinte sie lakonisch. Sie dösten noch eine Weile schweigend, als Joshs Magen knurrend gegen den Schlendrian protestierte.

„Ich geh ja schon“, murrte Sannah im Halbschlaf und stand auf.

„Geht doch!“, sagte Josh schmunzelnd. Er machte wieder keinerlei Anstalten sie durchzulassen.

Sannah versuchte es erneut mit dem Zauberwort: „Inajin ye!“

Daraufhin legte Josh beide Füße auf den Tisch und sah sie herausfordernd an. Sie schenkte ihm ein betörendes Lächeln, legte die Hände auf seine Schultern und schwang ein Bein rittlings über ihn. Der Ausschnitt ihres Shirts war gefährlich nah vor seinem Gesicht, als sie sich zu ihm herunterbeugte und verführerisch schnurrte: „Ich verzeihe dir.“

Sie sah, wie er die Luft anhielt. Dann schwang sie das andere Bein über ihn und verschwand in der Küche. Er hatte es so gewollt, sollte ihm doch zur Abwechslung auch mal heiß werden.

Josh blieb zum Abkühlen draußen sitzen. Er brauchte eine Weile, bis er Atmung, Herzschlag und Blutdruck wieder unter Kontrolle hatte. Die kleine Klapperschlange hatte ohne Vorwarnung zugebissen, und ihr Gift brannte wie Feuer in seinen Adern. Er hatte sie ein bisschen aufziehen wollen, als er gemerkt hatte, dass er sie nervös machte. Schließlich war er auch nur ein Mann aus Fleisch und Blut und stellte zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass er nicht vergessen hatte, wie man Spielchen spielte. Aber er hatte sie unterschätzt. Sie war kein junges Mädchen, das nur rot wurde, wenn man mit ihr flirtete. Sie war eine Frau, mit der man tunlichst keine Spielchen spielen sollte, wollte man sich nicht die Finger verbrennen. Nun hatte sie ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen und ihm einen Satz heiße Ohren verpasst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er war sich nicht sicher, ob er dieses gefährliche Spiel weiter spielen sollte, und so legte sich das Raubtier, das Sannah geweckt hatte, auf die Lauer und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Erst als das Frühstück fertig war, traute sich Josh in die Küche. Er ließ sich die Pfannkuchen mit Ahornsirup schmecken, während Sannah leise vor sich hin schmunzelte.

Seine Reaktion war auch ihr nicht entgangen. Was wohl ein männliches limbisches System im Oberstübchen so machte? ‚Wahrscheinlich das Loch in der Decke mit Brettern vernageln‘, dachte sie.

Mit vollem Magen hatte Josh dann wieder Oberwasser. „Wenn du weiter so kochst, werde ich den Frauenraub in die Tat umsetzten und dich einfach hierbehalten. Alte Traditionen sollte man pflegen“, zog er sie breit grinsend auf. Es machte ihm, trotz der heißen Ohren, einfach zu viel Spaß, sie auf die Schippe zu nehmen.

„Das würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen!“, warnte sie. „Dann taucht meine Sippe hier auf und schwört Blutrache.“

„Wenn du der letzte Mohikaner bist, können ja nicht allzu viele kommen“, stellte er gelassen fest.

„Die vielleicht nicht, aber Annegret, und das reicht vollkommen.“

„Wer ist Anneg…?“ Der Name überforderte ihn.

„Meine beste Freundin, und sollte sie sich gezwungen sehen, hierher zu fahren, weil du alte Traditionen aufleben lässt, wird sie dermaßen pissed off sein, dass sogar die Klapperschlangen die Taranteln in den Koffer packen und nach Kanada auswandern. Glaub mir!“ Sannah grinste, die Vorstellung von Annegret mit High Heels in der Valla Pampa war wirklich absurd.

Josh stand auf und verkündete mit stolzgeschwellter Brust: „Ein Lakota fürchtet nichts!“

Hah! Er kannte Annegret nicht. Sannah begann mit dem Abwasch, und Josh wandte sich zum Gehen.

Schon fast draußen, steckte er noch mal den Kopf zur Tür rein. „Die Jeans zum Flicken liegen auf dem Sofa“, erklärte er unverschämt und schaffte es gerade noch, dem nassen Schwamm auszuweichen, der ihm entgegenflog. Laut lachend verschwand er in Richtung Weide.

Nachmittags kamen die Kinder, teilweise zu Pferd, und einige wurden mit dem Auto gebracht. Fröhlich schnatternd scharten sie sich um Josh, der Pferde an diejenigen verteilte, die ohne gekommen waren. Sie tuschelten und warfen Sannah verstohlene Blicke zu. Neuigkeiten blieben auf der Rez auch den Kindern nicht verborgen.

Josh hatte schon damit gerechnet und stellte sie vor: „Das ist Sannah. Sie wird in den nächsten Wochen Fotos von uns machen.“

„Warum?“, wollte eines der Mädchen wissen.

„Damit ich den Leuten, die für dieses Projekt spenden, zeigen kann, was für tolle Sachen ihr hier lernt“, erklärte Sannah. „Aber nur, wenn ihr einverstanden seid“, fügte sie noch hinzu.

„Dann musst du aber mit uns reiten“, sagte einer der älteren Jungen. „Damit du auch etwas lernst.“ Er grinste verschmitzt.

Sie sah ihn fasziniert an, denn dieses Grinsen kam ihr nur allzu bekannt vor. Das schmale Gesicht, die Augen und Mundpartie, sogar die langen Haare, er sah aus wie die jüngere Ausgabe von Josh.

„Setz dich auf dein Pferd, Tyler!“, mischte Josh sich ein. „Sannah reitet bestimmt gerne mit.“

„Klar, aber ihr fangt jetzt erst einmal an, und ich mache Fotos“, antwortete sie.

Tyler nickte zufrieden und stieg auf sein Pferd. Der Wind wehte ihm die Haare ins Gesicht.

„Binde deine Haare zusammen, Ty!“, ermahnte ihn Josh.

„Ich bin doch kein Mädchen!“, protestierte der Junge widerwillig.

Josh stemmte die Hände in die Hüften und streckte das Kinn vor. „Sehe ich etwa aus wie ein Mädchen?“, fragte er herausfordernd. Sannah biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen, und die Kinder kicherten.

„Nein“, erwiderte Tyler kleinlaut. Verlegen blickte er auf seine Schuhe.

Josh kramte in seiner Hosentasche und hielt Tyler ein Lederband hin. „Dann binde deine Mähne zusammen, oder ich flechte dir Zöpfe!“ ‚Das klang doch sehr väterlich‘, dachte Sannah irritiert. Aber das konnte nicht sein, dafür war der Junge zu alt. Er war groß, fast so groß wie sie selbst. Sie schätzte ihn auf mindestens dreizehn, eher vierzehn. Oder etwa doch?

Josh ließ die Truppe zum Aufwärmen erst einmal traben. Er achtete dabei auf den Sitz der Kinder ebenso wie auf die Haltung der Pferde. Wieder war er ruhig und bewies unendliche Geduld. Sannah lächelte, denn Josh war wirklich ein guter Lehrer. Nach dem Aufwärmen nahm er den Pferden das Zaumzeug ab. Die Kinder sollten nur durch das Verlagern ihres Gewichtes und das Drehen des Oberkörpers ihre Pferde in eine bestimme Richtung dirigieren.

„Früher mussten unsere Krieger beide Hände frei haben, um den Bogen zu spannen. Die Pferde reagierten auf die kleinste Bewegung des Oberkörpers. Dreht euch in die Richtung, in die ihr möchtet, und verlagert euer Gewicht auf diese Seite. Euer Pferd wendet dann ab“, erklärte er ihnen.

Sannah schoss fleißig Fotos, und Josh winkte sie zu sich heran.

„Bleib hier stehen, die Kids sollen um uns herumreiten“, bat er.

Sie nickte, und er stellte sich ein paar Meter weiter weg.

„Fangt erst mal im Schritt an“, rief Josh den Kindern zu. Einzeln ritten die Kinder, in Form einer Acht um sie herum. Sannah hatte Probleme, gleichzeitig zu fotografieren und dabei die Pferde im Auge zu behalten, damit sie nicht über den Haufen geritten wurde. Tyler wollte sich beweisen und ritt eine saubere Acht, inklusive Wechsel, im Galopp.

„Sehr gut, Tyler, aber ich sagte Schritt!“, rief Josh ihm zu.

Tyler grinste verwegen. Mit Zopf und auf dem galoppierenden Pferd sah er Josh noch ähnlicher, stellte Sannah fest.

Es dauerte eine Weile, bis alle Kinder diese Übung absolviert hatten, dann gab Josh ihnen das Zaumzeug zurück.

„Hast du genug Fotos für heute?“, fragte er Sannah. „Dann hab bitte ein Auge auf die Kinder, während ich dir ein Pferd hole“, meinte er, ohne ihre Antwort abzuwarten. „Tut, was Sannah euch sagt!“, rief er den Kindern zu. „Sie wirft sonst mit Schwämmen!“

Die Kinder lachten, Josh zog den Kopf ein und lief in Richtung Weide. Sannah ließ die Kinder noch ein paar Runden auf dem Platz drehen und versuchte, sich an verschiedene Übungen aus ihrem eigenen Reitunterricht zu erinnern.

Als Josh wiederkam, rutschte ihr das Herz in die Hose. Er hatte die fleischgewordene Stange Dynamit am Zügel. Er hielt ihr die Zügel hin und streckte die Hand aus. „Kamera gegen Pferd?“, schlug er vor.

Sannah schluckte trocken. „Wozu der Tausch? Wenn der mit mir fertig ist, gehört dir beides“, prophezeite sie düster.

„Ich möchte ein paar Fotos von dir machen“, meinte er ruhig.

„Das ist gut, dann muss der Pathologe nicht so lange nach der Todesursache suchen“, spottete sie fatalistisch und zog vorsichtig den Sattelgurt nach.

„Vertrau mir!“, sagte er leise und legte seine Hand auf ihre. „Ich würde ihn dir nicht geben, wenn ich nicht sicher wäre, dass du das schaffst.“

Er hielt das Pferd fest, während sie behutsam aufstieg. Sie atmete tief durch und konzentrierte sich nun völlig auf die Handgranate unter ihr. Anfangs lief noch alles gut, der vierbeinige Jungspund fühlte sich unter den anderen Pferden wohl und zockelte artig hinterher. Sannah entspannte sich etwas. Josh machte Fotos und strahlte.

‚Na ja‘, dachte sie. Wenn ich das hier nicht überlebe, hat er wenigstens ein neues Hobby. Im Trab wurde es schon etwas brenzliger. Der Wallach riss wieder den Kopf hoch und fing an zu tänzeln. Sie versuchte, ruhig zu bleiben, korrigierte die Kopfhaltung und ritt weiter. Bei Josh hatte das leichter ausgesehen. Sannah bekam den Wildfang in den Griff, und Josh drückte weiter auf den Auslöser.

„Die letzten Runden im Galopp“, rief er und lehnte sich in der Ecke des Platzes an den Zaun. Bislang hatte sie das Temperament des vierbeinigen Rebellen noch zügeln können, aber als die ersten Pferde galoppierten, brach es aus ihm heraus. Er raste Runde um Runde über den Platz. Sannah stemmte sich zwischen Steigbügeln und Cantle fest und versuchte, das Pferd wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Kinder hatten sich mitsamt ihrer Pferde an der kurzen Seite des Platzes in Sicherheit gebracht. Josh blieb gelassen am Zaun stehen und hob gelegentlich die Kamera wie ein Kriegsberichterstatter im Urlaub. Sannah war mittlerweile sauer auf diesen Macho unter ihr. Sein ganzes Verhalten war nichts weiter als Imponiergehabe und Angeberei. Der Wallach war nicht bösartig, er benahm sich nur wie ein sechshundert Kilo schwerer, pubertierender Teenager. Er wollte gerade laut schnaubend und mit hoch erhobenem Kopf seine Showeinlage beenden, als sie ihn weitertrieb.

„Wenn du rennen willst, bitte! Aber ich sage, wann Schluss ist!“, sagte sie zu dem Pferd. Sie galoppierte ihn weiter, korrigierte immer wieder die Kopfhaltung und ließ ihm seine Sperenzien nicht mehr durchgehen. Irgendwann wurde er langsamer und begann sich zu benehmen. Er senkte den Kopf und gab nach. Sannah parierte durch zum Schritt und lobte ihn. Der Wallach schnaubte und kaute zufrieden auf seinem Gebiss.

Die Kinder verließen ihre Ecke und ritten auch noch ein paar Runden im Schritt mit. Tyler gesellte sich zu Sannah und meinte anerkennend: „Nicht schlecht!“

„Habe ich für heute genug gelernt?“, fragte sie ihn, völlig außer Atem.

Er nickte stumm. Sie sah rüber zu Josh, der immer noch entspannt am Zaun lehnte und lächelte. Er hängte die Kamera an den Zaunpfahl und ging in die Mitte des Platzes. „Schluss für heute“, rief er. „Samstag machen wir einen Ausritt.“ Die Kinder jubelten. Sannah stieg mit zitternden Knien vom Pferd.

Josh stand neben ihr. „Wenn alle blutigen Anfänger so gut reiten würden, wäre ich arbeitslos“, stellte er fest.

Sie lockerte den Sattelgurt. „Gut nennst du das?“, erwiderte sie. Er stemmte seine Hände links und rechts neben ihr auf den Sattel. Sie drehte sich zu ihm um und war nun gefangen zwischen seinen Armen und dem Pferd im Rücken. Er sah sie mit seinen dunklen, sanften Augen an, und ihre Knie verwandelten sich endgültig in Pudding.

„Das war sogar sehr gut“, sagte er ernsthaft.

“Warum hast du mir nicht geholfen?“, fragte sie mit einem kleinen Vorwurf in der Stimme.

Josh lächelte. „Weil du meine Hilfe nicht gebraucht hast. Du bist ganz allein mit ihm fertig geworden und mit deiner Angst. Hätte ich dir geholfen, würdest du immer noch an dir zweifeln. Diese Lektion musstest du heute lernen. Beim nächsten Mal hast du keine Angst mehr vor ihm.“

Sannah schluckte, aber er hatte recht. Seine besonnene weise Art, die Dinge zu betrachten und allem etwas Positives abzugewinnen, erstaunte sie immer wieder. Josh strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, sie umgab ihn wie ein Energiefeld. In diesem Moment empfand sie ein tiefes Gefühl von Geborgenheit und nahm nicht mehr wahr, was um sie herum geschah. Die Kinder kicherten. Josh ließ die Arme sinken und wendete sich dem Pferd zu. Der Zauber war vorbei, das Gefühl von Geborgenheit blieb.

Nach dem Abendessen kochte sich Sannah einen Tee und setzte sich steifbeinig auf die Veranda. Nach der ungewohnten Anstrengung im Sattel fühlte sie sich wie handgeschnitzt. ‚Morgen ist das ein veritabler Muskelkater‘, dachte sie. Sie legte die Füße auf den Tisch und entspannte sich.

Josh erschien frisch rasiert und geduscht und entgegen seiner sonstigen Gewohnheit in Jeans statt in Jogginghose.

„Hast du noch ein Date?“, rutschte es ihr raus.

Er lächelte sie erstaunt an, persönliche Fragen hatte sie bisher noch nie gestellt. „Wie kommst du darauf?“, fragte er amüsiert und setzte ich neben sie.

„Da, wo ich herkomme, rasieren sich die Herren der Schöpfung am Abend nur, wenn sie noch verabredet sind: außerdem trägst du eine Jeans, da dachte ich, du willst noch weg. Warum auch nicht?“, antwortete sie.

„Willst du alle schmutzigen Details wissen?“, flüsterte er verschwörerisch.

Sie nickte neugierig.

„Die Jogginghose ist in der Wäsche, und ich bin morgens zu müde zum Rasieren“, hauchte er ihr zu.

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so eine romantische Ader hast“, seufzte sie theatralisch und kicherte.

„Man tut, was man kann“, gab er schmunzelnd zurück. „Und ich hatte keine Ahnung, dass du noch schlimmer bist als unser lokaler Nachrichtendienst.“

„Reine Übungssache. Klatsch und Tratsch sind bei uns in der Klinik an der Tagesordnung, wenn ich da einen Kollegen beim Einkaufen treffe, bin ich am nächsten Tag verlobt“, spottete Sannah.

Josh lachte. „Wann ist die Hochzeit?“

Sie hob abwehrend die Hände. „Na, hoffentlich gar nicht. Einmal reicht!“, stellte sie entschlossen fest.

Josh entgleisten die Gesichtszüge. „Du bist verheiratet?“, fragte er entgeistert. Die Hemmschwelle der persönlichen Fragen war nun endgültig überwunden.

Sannah griff nach ihrer Teetasse und nahm einen Schluck. „Nicht mehr, nachdem er seine Finger nicht von anderen Frauen lassen konnte und mich krankenhausreif geschlagen hat.“

Er starrte sie fassungslos an. Sie wirkte so klein und zerbrechlich neben ihm. Es war für ihn unvorstellbar, dass ein Mann dazu imstande war, sie zu schlagen. Er verachtete Männer, die sich nicht im Griff hatten. Josh widerstand nur schwer dem Impuls, sie in den Arm zu nehmen, und knurrte stattdessen: „Dreckschwein!“ Sannah lächelte über seine indirekte Sympathiebekundung. „Du hast es erfasst!“, bestätigte sie boshaft.

Josh nahm ihr die Tasse aus der Hand und nippte an ihrem Tee. „Gar nicht mal so schlecht!“, stellte er erstaunt fest. Als sie danach griff, hielt er die Tasse mit der anderen Hand zur Seite und damit außerhalb ihrer Reichweite.

„Erst über meinen Tee die Nase rümpfen und ihn mir dann wegtrinken, ist aber nicht die feine englische Art“, protestierte sie lachend.

„Könnte daran liegen, dass ich kein Engländer bin. Ich bin Lakota, und wir teilen alles. Sogar Tee“, bemerkte er, nahm einen großen Schluck und starrte nachdenklich in die Tasse. „Als man mir mitteilte, dass du hier auftauchen würdest, habe ich ja auch die Nase gerümpft“, gestand er.

„Warum?“

„Der Name Susannah ist hier ziemlich altmodisch. Ich dachte, es käme eine Mittfünfzigerin, blond und blauäugig, die den ganzen Tag hinter mir herrennt und mich mit diesem schrecklichen Akzent nervt. Deutschland heißt bei uns Iyáschitscha makchótsche, Schlecht-Sprecher-Land“, erklärte er.

„Das passt!“, stimmte sie zu und kicherte.

„Stattdessen bist du aus dem Auto gestiegen und hast mich eines Besseren belehrt, nicht nur was den Akzent angeht. Du hast so ziemlich all meine Klischees über den Haufen geworfen. Mittlerweile gefällt es mir, dass du da bist. Daran könnte ich mich gewöhnen, genauso wie an dieses Zeug hier“, fügte er scherzhaft hinzu und leerte die Tasse.

„Danke“, sagte sie nur, gerührt über das Kompliment, das er ihr gemacht hatte. „Als du am ersten Tag auf mich zugekommen bist, wollte ich weglaufen“, gab sie zu.

Josh sah sie erstaunt an und wartete auf eine Erklärung.

„Du hast ein Gesicht gemacht, als wolltest du mich gleich fressen.

Jetzt weiß ich auch, warum“, sagte sie.

„Hatte ich auch vor“, räumte er ein und grinste hämisch. „Aber an dir ist ja nichts dran!“

„Oh, ein Feinschmecker! An mir ist genug dran!“, widersprach sie empört.

‚Das weiß ich jetzt auch‘, dachte Josh und hatte den Anblick, oder besser den Einblick, vom Morgen wieder vor Augen. Er sammelte sich für einen Moment, aber es gelang ihm nicht recht.

Er klopfte ihr auf den Oberschenkel und sagte: „Inajjn yo!“ – Steh auf! „Zeit zum Schlafengehen.“

Sannah versuchte, die Füße vom Tisch zu nehmen, und verzog schmerzhaft das Gesicht.

„Was ist?“, fragte Josh.

„Muskelkater“, jammerte sie.

Josh stand auf und hob sie einfach hoch. „Dann muss ich dich wohl ins Bett tragen“, stellte er mit einem anzüglichen Lächeln fest.

Sannah kreischte leise. „Wie gut, dass an mir nichts dran ist“, zitierte sie ihm schnippisch zu.

„Meinst du zum Tragen oder fürs Bett?“, konterte er.

Jetzt war es an ihr, rote Ohren zu bekommen. Er trug sie amüsiert die Treppe hoch und stellte sie artig vor ihrer Zimmertür ab. „Den Rest schaffst du allein“, versuchte er möglichst neutral zu sagen.

„Danke dir. Schlaf gut.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln und humpelte in ihr Zimmer.

Josh fand keinen Schlaf. Die Tatsache, dass Sannah von ihrem Ex verprügelt worden war, hatte seinen Beschützerinstinkt geweckt und machte ihn wütend. Er hatte nicht übel Lust, diesem Kerl den Hals umzudrehen. Die Tatsache, dass er wütend wurde, beunruhigte ihn wiederum. Sie war erst knappe zwei Wochen da, hatte sein Leben auf den Kopf gestellt, und überraschenderweise gefiel es ihm. Er mochte die abendlichen Gespräche auf der Veranda und die kleinen humorvollen Wortgefechte am Morgen. Sannah war so, wie er sich Chloe gewünscht hätte. Er hatte Chloe geliebt, jedenfalls dachte er das damals. Aber Chloe war ein Apple. Außen rot, innen weiß. Sie wollte ein „weißes“ Leben führen, in irgendeiner großen Stadt mit Shopping Center, Kinos und Clubs. Weit weg von alten Traditionen und dem Elend im Reservat. Sie verleugnete ihre Herkunft und ihre Familie. Chloe hasste die Pferde, die Ranch, die Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie hatte ihn verspottet für seine Art zu leben, seine Werte, die Powwows und seine traditionellen Ansichten. Sogar für seine langen Haare. Irgendwann hatte sie ihre Sachen gepackt und war verschwunden. Und das war gut so, aber er hatte lange gebraucht, um das einzusehen.

Sannah war ganz anders. Sie liebte die Pferde, strahlte von innen heraus, wenn sie im Sattel saß. Sie genoss die Ruhe, engagierte sich für soziale Projekte und behandelte jeden mit Respekt. Von dem Geld, das sie ihm gezahlt hatte, hätte sie sich einen Luxusurlaub leisten können, stattdessen war sie hier und mistete den Stall aus. Aber auch Sannah würde wieder gehen, denn sie gehörte trotz allem ebenso wenig hierher wie Chloe.

Er wälzte sich in seinem Bett herum und fluchte. Warum geriet er immer an Klapperschlangen? Sam hatte recht. Es wurde Zeit, endlich aus dem Schneckenhaus rauszukommen. Seine selbstgewählte Einsamkeit hatte aus ihm einen Außenseiter gemacht, und es wurde langsam Zeit, sich nach einer Kornnatter umzusehen. Aber besonders reizvoll fand er diesen Gedanken nicht. Er grübelte noch lange darüber nach, was er eigentlich wollte, kam aber zu keinem Ergebnis.

Erkenntnisse

Sannah machte Frühstück und wunderte sich, dass Josh noch nicht aufgestanden war. Seinen mörderisch lauten Wecker hatte sie auch noch nicht gehört. Dafür klingelte das Telefon. Oben rührte sich nichts, also nahm sie das Gespräch an.

„Bei White Cloud?“ Es entstand eine kurze Pause, bis der Anrufer sich meldete.

„Mark Thompson hier, endlich erreiche ich Sie; ich versuche schon seit einer Woche, Josh zu sprechen. Ist er da?“

‚Blöde Frage‘, dachte Sannah, es war kurz nach sechs Uhr morgens. „Ich hole ihn, bleiben Sie bitte kurz dran, Sir“, antwortete sie stattdessen höflich.

„Danke!“, sagte Thompson erleichtert.

Sie legte den Hörer beiseite und lief etwas steifbeinig die Treppe hinauf. Der Muskelkater hatte sie voll im Griff. Auf ihr mehrfaches Klopfen reagierte Josh nicht, also öffnete sie die Tür einen Spalt breit.

„Josh? Telefon!“ Nichts. ‚Nie hat man eine Handgranate, wenn man eine braucht‘, dachte Sannah schmunzelnd. Sie ging zu seinem Bett und rüttelte ihn sacht an der Schulter. „Josh? Wach auf! Telefon für dich!“

„Mitten in der Nacht?“, brummte er ungehalten.

„Es ist Viertel nach sechs, du hast verschlafen. Ein Mr. Thompson möchte dich sprechen, scheint dringend zu sein.“

Josh öffnete mühsam die Augen und quälte sich aus dem Bett. „Shit, den hab ich völlig vergessen“, murmelte er zerknautscht und stapfte an ihr vorbei die Treppe runter. Dieses Mal wenigstens in Pyjamahose.

Sannah lief hinterher und kümmerte sich weiter ums Frühstück während er telefonierte. Ein paar Minuten später sank Josh schlaftrunken auf den Küchenstuhl und rieb sich die Augen.

„Ich brauche jetzt ganz dringend eine von deinen Koffein-Bomben“, stöhnte er und stützte seinen Kopf auf die Hände.

Sie stellte ihm eine Tasse vor die Nase. „Schlecht geschlafen?“, erkundigte sie sich.

Er schlürfte seinen Kaffee mit geschlossenen Augen. „Ich konnte nicht einschlafen, mir ging so viel im Kopf herum“, antwortete Josh ehrlich.

Sannah stellte French Toast auf den Tisch, setzte sich und sah ihn nur fragend an. Er machte sich nicht, wie gewohnt, über das Frühstück her, sondern starrte nachdenklich in seine Tasse. „Kennst du das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken, aber du hast keine Ahnung, wie du da wieder rauskommst?“

„Oh ja“, versicherte sie lächelnd. „Das kenne ich nur zu gut.“

„Und was hast du dagegen gemacht?“, wollte er wissen.

Sannah lachte kurz auf. „Ich bin, zum Entsetzen von dir und Annegret, in den Flieger gestiegen und hierher gekommen.“

„Hat es dir geholfen, hier zu sein?“, fragte er.

„Für den Moment, ja“, meinte sie. „Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das immer noch so sein wird, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich brauche einen Neuanfang, und ich fürchte mich ein bisschen davor, dass ich zu Hause wieder da ankomme, wo ich aufgehört habe. Ich hoffe, dass mir in diesen drei Monaten klar wird, was ich will. Bis dahin habe ich wenigstens meine Ruhe vor Annegrets gutgemeinten Ratschlägen.“

„Wieso war sie entsetzt darüber, dass du hierher kommst?“, fragte er erstaunt.

„Ich glaube, sie hat befürchtet, dass ich von irgendwem aufs Pferd gezerrt und verschleppt werde“, frotzelte Sannah mit einem Augenzwinkern. Sie wollte die katastrophalen Lebensumstände im Reservat nicht erwähnen, zumal es Josh deutlich besser ging, als dem Durchschnitt hier. „Annegret plädierte für Mittelmeer-Urlaub, Cocktails am Strand und braungebrannte Typen in engen Badehosen. Aber das ist ihre Vorstellung von Entspannung, nicht meine.“

Josh lachte und fing an zu essen. „Was hast du gegen braungebrannte Typen in Badehosen einzuwenden?“ Der Schalk blitzte in seinen Augen.

Sie durchschaute ihn. „Fragte der braungebrannte Typ in Pyjamahose“, gab sie zurück und grinste breit.

Josh warf ihr einen unschuldigen Blick zu. „Ich bin nicht braungebrannt, bei mir ist das Standard“, beteuerte er.

„Bei mir auch“, erwiderte sie, als ließe sie diese Ausrede nicht gelten, und nahm sich noch ein Toast „Ich habe nichts gegen braungebrannte Typen“, erklärte sie schmunzelnd. „Aber würdest du dich an einem überfüllten Strand, mit einem halben Eimer Alkohol in der Birne und lauter notgeilen Bikinimädchen um dich herum wohlfühlen?“

„Nein!“, antwortete er ohne zu zögern. „Aber an einem Strand wäre ich trotzdem gern mal. Ich war noch nie am Meer.“

„Es ist wunderschön“, erzählte sie schwärmerisch.

„Deine Freundin scheint dich aber nicht besonders gut zu kennen“, stellte er fest. „Ich kenne dich erst seit kurzem und weiß trotzdem, dass du nur im Sattel wirklich glücklich bist.“ Er lächelte und hatte wieder das Bild vom ersten Abend vor Augen.

„Genau wie du. Das können nur Menschen nachvollziehen, die mit dem Pferdevirus infiziert sind“, stimmte sie ihm zu und strahlte.

Josh liebte diesen Ausdruck in ihrem Gesicht. Für ihn war es jedes mal wie ein zweiter Sonnenaufgang.

„Manchmal muss man etwas riskieren und neu anfangen“, sagte Sannah nun ernst. „Auch wenn man Angst davor hat.“

Josh schluckte; es war ihm anzusehen, was ihn beschäftigte, oder meinte sie sich selbst? Er wechselte sicherheitshalber das Thema. „Ich muss mir wohl oder übel ein Cellphone zulegen, damit ich erreichbar bin. Verstehst du was von den Dingern?“

„Geht so“, sagte sie. „Ein Experte bin ich nicht, aber ich weiß halbwegs, worauf es ankommt.“

„Das reicht schon“, meinte Josh. „Und wenn wir sowieso in Pine sind, können wir auch gleich noch einkaufen. Ich möchte am Samstag mit den Kids ein Picknick machen, und für das Football-Spiel am Sonntag brauchen wir auch noch was zum Mitbringen.“ „Was bringt man denn da so mit?“, erkundigte sich Sannah.

„Einen Salat oder Frybread. Es gibt Büffel. Mike Stonefeather hat einen spendiert“, antwortete er und nahm sich noch einen Kaffee. „Einen ganzen Büffel?“, fragte sie erstaunt. „Hast du nicht gesagt, dass Büffelfleisch so teuer ist?“

„Er züchtet Büffel, außerdem ist das hier so üblich, wenn man heiratet, Vater geworden ist oder ein gutes Jahr hatte. Wir schenken allen anderen etwas, um damit unsere Dankbarkeit zu zeigen und etwas zurückzugeben. Wir nennen das Wóotuh‘an, Give away“, erklärte Josh.

Sie lächelte. „Das ist ein schöner Brauch. Ist er denn Vater geworden?“

Josh schlürfte seinen Kaffee und nickte mit einem verzückten Lächeln. „Mike hat endlich seine langersehnte Tochter bekommen. Tashina. Eine süße kleine Maus. Sie wickelt ihren Vater jetzt schon um den Finger“, schwärmte er.

Sannah hatte noch nie erlebt, dass ein Mann derart hingerissen von einem Neugeborenen sprach, erst recht nicht, wenn es nicht sein eigenes war. Mittlerweile hatte sie ihr vorschnelles Urteil über ihn revidiert. Er war weder ein Eisberg noch ein Griesgram, ganz im Gegenteil. Sie lächelte ihn versonnen an, irgendein Knoten war gestern geplatzt, sie waren sich nicht mehr so fremd.

Josh stand auf. „Ich sollte mich endlich mal anziehen, die Pferde müssen raus“, schalt er sich selbst.

„Keine Panik“, beruhigte ihn Sannah. „Die sind schon draußen.“ Er beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Womit habe ich den verdient?“, fragte sie lächelnd.

„Für deine Hilfe“, meinte er. „Ich halte das nicht für selbstverständlich. Außerdem hast du mir vorhin einen meiner besten Kunden gerettet. Er kommt morgen, um eins meiner Pferde zu kaufen, und bringt ein weiteres zur Ausbildung. Bis dahin habe ich noch einen Haufen Arbeit zu erledigen.“

Der Vormittag verging schnell mit den üblichen Arbeiten. Josh war schweigsamer als sonst und grübelte immer noch vor sich hin, während er die Pferde, die für den Verkauf bestimmt waren wusch und Mähne und Schweif gründlich bürstete.

Sannah half ihm dabei; sie ahnte nicht, was ihn beschäftigte, aber sie respektierte, dass er nicht reden wollte. Er würde schon von allein damit anfangen, wenn er so weit war, und so arbeiteten sie schweigend Seite an Seite. Ab und an warf er ihr einen neugierigen Blick zu. Er schätzte ihr Feingefühl und ihre Zurückhaltung.

Es war ein heißer Tag, die Temperaturen waren schlagartig in die Höhe geschnellt und die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel. In ihren schwarzen Jeans wurde es fast unerträglich heiß, und Sannah beneidete Josh um den Job, die Pferde zu waschen. Sie ließ die Bürste sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Josh hatte von vornherein auf ein T-Shirt verzichtet und war beim Waschen nicht darauf bedacht gewesen, trocken zu bleiben. Sie ging zu ihm und bat um den Schlauch.

„Dir ist doch nicht etwa warm?“, fragte er grinsend.

Noch bevor sie ihm antworten konnte, drückte er den Schlauch mit dem Daumen zusammen und hielt ihn über ihren Kopf. Ein Schwall kalten Wassers ergoss sich über sie. Sannah kreischte und versuchte, Josh den Schlauch abzunehmen. Doch er hielt ihn einfach hoch, und sie reichte nicht heran. Sie hätte ebenso gut versuchen können, eine Burgmauer zu stürmen. Er schlang den anderen Arm um ihre Taille und hinderte sie an der Flucht, während er unablässig Wasser über sie laufen ließ. Josh lachte über ihre kraftlosen Versuche, sich aus seiner Umklammerung zu winden, und drückte sie nur noch fester an sich. Das Wasser spritzte in alle Richtungen. Mit ihren Händen stemmte Sannah sich gegen seine Brust und prustete vor Lachen. Sie hatte längst begriffen, dass sie gegen ihn keine Chance hatte. Sie balgten weiter unbeschwert wie Kinder, bis sie keuchend um Gnade flehte.

„Was bekomme ich dafür?“, fragte er herausfordernd und ließ den Schlauch sinken, ohne jedoch seine Umarmung zu lockern. In seinen schwarzen Augen konnte Sannah lesen, woran er jetzt dachte. Das Raubtier war erwacht, und er konnte es nur mit Mühe im Zaum halten.

„Ich backe dir einen Kuchen“, versuchte sie die Situation zu entschärfen.

Sein Griff verstärkte sich nur. „So billig kommst du mir nicht davon“, sagte er lachend, doch es war ihm ernst.

Sie sah ihn nur an, zog ihn zu sich herunter und gab ihm einen unschuldigen Kuss auf den Mund.

„Darf ich mir jetzt was Trockenes anziehen, oder muss ich diesmal nass zum Einkaufen?“, fragte sie ihn lächelnd, noch ehe er wieder ganz zur Besinnung gekommen war.

Sein Arm glitt von ihrer Taille, und er ließ sie gehen. Das Grübeln hatte ein Ende. Josh war gerade klargeworden, was er wollte.

Sannah lief patschnass zum Haus und zog auf der Veranda ihre nassen Sachen aus, während Limbisia, ihr limbisches System, schon mal shoppen ging. Damenunterwäsche und Dessous, erstes Obergeschoss, links hinterm Grabbeltisch. In besagter Unterwäsche lief sie die Treppe hoch in ihr Zimmer und trocknete sich ab. Sie versuchte vergeblich, sich etwas zu beruhigen. Er hatte es wieder herausgefordert, aber sie war diejenige, die zu weit gegangen war. Ein Kuss auf die Wange hätte auch gereicht, stattdessen hatte sie der Versuchung nicht widerstehen können. Sie zweifelte daran, das sie jemals würde widerstehen können, sollte er es wieder versuchen, und das würde er, dessen war sie sich sicher. Ihr Herz klopfte bis zum Hals.

Sannah schlüpfte in eine Shorts und ein Top. Es war noch nicht ganz Mittag und würde sicher noch heißer werden. Vom Fenster aus konnte sie sehen, wie Josh das letzte Pferd zurück auf die kleine Weide brachte und den Schlauch zusammenrollte. Ihr limbisches System verfiel in einen wahren Kaufrausch und wühlte sich durch halterlose Seidenstrümpfe und Push-up-BHs.

„Selber schuld!“, hallte es per Lautsprecherdurchsage durch das Kaufhaus im Oberstübchen. Limbisia zuckte nur kurz zusammen und widmete sich dann enthusiastisch den Tangas.

Einige Augenblicke später hörte Sannah, wie Josh die Treppe heraufkam. Sie wartete einen Moment, schnappte sich die Flipflops und verließ ihr Zimmer. Seine Zimmertür war geschlossen. Sie ging in die Küche, gönnte sich eine kalte Cola und hielt sich das Glas an die Schläfe. Josh kam ebenfalls in trockenen Klamotten die Treppe runter. Sannah hielt die Flipflops hoch. „Sind die okay für den Supermarkt, oder gibt es da auch Schlangen?“, fragte sie ohne darüber nachzudenken, um ja kein peinliches Schweigen entstehen zu lassen.

„Da gibt es auch Schlangen“, meinte er trocken. „Die längsten vor der Kasse.“ Er grinste schief. „Was hast du gegen deine Stiefel?“ „Es ist so heiß, und die Stiefel sind nass“, quengelte sie. „Außerdem sehen Shorts und Stiefel zusammen bescheuert aus“, fügte sie noch hinzu.

Josh schwieg.

„Was soll‘s, ich bin ja nicht auf einem Model Contest“, meinte sie kleinlaut, als er nichts erwiderte.

Sein Blick wanderte genüsslich über die Shorts und ihre langen Beine. „Da passt du auch nicht hin“, bemerkte er knapp und tippte sacht mit seinem Finger an ihre Stirn. „Zu viel Hirn“, stellte er fest.

„Danke für die Blumen“, erwiderte sie und war erleichtert darüber, dass er den Kuss nicht erwähnte.

Kurze Zeit später rumpelten sie wieder über die Zufahrt in Richtung Supermarkt. Sannah wackelte in ihren Flipflops zufrieden mit den Zehen. Josh wirkte entspannter als noch am Vormittag, allerdings schien er jetzt über etwas anderes nachzudenken. Er schwieg während der ganzen Fahrt. Sannah kaute auf ihrer Unterlippe. ‚Das hätte nicht passieren dürfen‘, dachte sie, während sie aus dem Fenster starrte und die Landschaft an sich vorbeiziehen ließ. Sein Schweigen sprach Bände, und diesmal war ihr ziemlich klar, was ihn beschäftigte. Die Straße zum Ort Pine Ridge führte an Wounded Knee vorbei. Auf einer Anhöhe lag der Friedhof mit den Opfern des Massakers vom 29. Dezember 1890. An diesem Tag nahm der Freiheitskampf der Sioux ein tragisches Ende, von dem sie sich bis heute nicht erholt hatten. Rund dreihundert wehrlose Männer, Frauen und Kinder wurden hier vom 7. Kavallerieregiment der US-Armee niedergemetzelt. Sannah erinnerte sich noch gut an das Foto des getöteten Häuptlings Spotted Elk, von den Soldaten abfällig Big Foot genannt. Es war das erste Foto eines Toten, das sie als Kind im Geschichtsunterricht zu Gesicht bekommen hatte. Sie fand es damals schon entwürdigend. Heute sah sie darin mehr eine stumme Anklage, stellvertretend für alle Gräueltaten die an den Ureinwohnern verübt worden waren.

Josh bog ab und fuhr die Anhöhe hinauf. Sannah schnürte es die Kehle zu. Sie fühlte sich gerade nicht dazu in der Lage, sich diesem Kapitel der Geschichte zu stellen. Oben angekommen parkte er den Wagen und öffnete das Handschuhfach. Er nahm zwei Zigaretten aus einer Schachtel und reichte ihr eine davon. Sie fragte nicht, sondern nahm sie nur an. Als er ausstieg, wehten seine langen Haare im Wind. Er hatte sie nach der Wasserschlacht offen gelassen, damit sie schneller trockneten. Sannah folgte ihm zögernd und sah sich um. Der Eingang zum Friedhof war ein großes Portal aus rotem Backstein und weißem Putz. Ein Bogen aus Metall spannte sich über den steinernen Pfosten und wurde von einem Kreuz gekrönt. Dahinter lag, eingezäunt von einem Maschendrahtzaun, das Massengrab, in dem die Opfer damals bestattet worden waren. Viele bunte Bänder und Schnüre mit kleinen Tabakbeuteln waren von Besuchern daran befestigt worden, die jetzt im ewigen Wind der Great Plains flatterten. Ein paar Touristen wanderten umher und machten Fotos.

Sannah folgte Josh zum Mahnmal, das an der langen Seite des Grabes aufgestellt worden war. Damals in der Schule hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie eines Tages am Grab des Mannes stehen würde, dessen Foto und Schicksal sie so entsetzt hatte. Sie konnte spüren, wie die grausamen Ereignisse dieses kalten Dezembertages plötzlich wieder lebendig wurden. Josh fing an zu beten. Es war kein christliches Gebet, sondern ein altes Gebet seines Volkes.

„Mein Freund, ich sende meine Stimme zu dir, erhöre mich“, sang er leise. Sannah verstand ihn nicht, denn er sprach sein Gebet auf Lakota. Aber es klang wunderschön und traurig. Er wendete sich nach Westen und hob die Arme zum Himmel. Dem alten Glauben der Lakota zufolge reisten die Geister der Verstorbenen zurück zu den Sternen, um eines Tages wiedergeboren zu werden. Alles war ein immerwährender Kreislauf. Josh betete weiter und wendete sich in alle vier Windrichtungen, zum Himmel und zum Boden. Wieder schnürte sich Sannahs Kehle zu, und sein Anblick trieb ihr die Tränen in die Augen. Er stand mit wehenden Haaren und erhobenen Armen am Grab seiner Ahnen und ehrte die Toten. Ihr war fast, als könne sie die verzweifelten Schreie der Menschen, die hier gestorben waren, hören.

Die Touristen waren auf ihn aufmerksam geworden und hoben ihre Kameras, um diese Szene festzuhalten. Sannah warf ihnen einen vernichtenden Blick zu. Betroffen ließen sie die Fotoapperate sinken, als wäre ihnen jetzt erst bewusst geworden, wo sie sich befanden. Josh hatte sein Gebet beendet und ließ den Tabak der Zigarette vom Wind davontragen. Sie folgte seinem Beispiel. Als er sie ansah, bemerkte er die Tränen in ihren Augen und streichelte ihr zärtlich über die Wange.

„Eigentlich müsste ich dich trösten“, sagte sie mit zitternder Stimme.

Er nahm sie in die Arme und murmelte leise: „Das tust du gerade.“ Sie standen noch einen Moment lang schweigend am Gedenkstein, immer noch beobachtet von den Touristen. Josh ging ein Stück weiter, an den Rand des Friedhofs, wo sich einzelne Gräber befanden. Ein kleiner Trampelpfad führte dorthin. Dort stand ein einfacher Stein, ohne Kreuz, mit einer schlichten Inschrift: Joseph White Cloud.

Sannah blieb abseits stehen, um Josh nicht zu stören. Der Gedenkstein war öffentlich, das Grab seines Vaters jedoch war etwas sehr Persönliches. Josh hockte sich davor und entfernte ein paar trockene Blätter, legte Salbei und Tabak vor den Stein und hielt stumme Zwiesprache. „Iyótancila“ – Hab dich lieb, flüsterte er seinem Vater zu.

Sie wartete geduldig, bis er zurückkam.

Er legte ihr den Arm um die Schulter. „Danke“, sagte er nur, und sie gingen langsam zurück zum Auto.

Sannah brauchte den restlichen Weg nach Pine Ridge, um ihre Fassung zurückzugewinnen. Erst der Anblick von genauso erschütternden, maroden Wohnhäusern holte sie zurück in die Gegenwart. Mitten im Herzen der USA fand sie sich in der Dritten Welt wieder. Man hatte diesen Menschen alles genommen. Ihr Land, die Büffel, ihre Kultur und Sprache und nicht zuletzt auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Alles, was geblieben war, war Trostlosigkeit und Resignation. Gemessen an dem, was sie hier sah, war Josh ein reicher Mann. Er verfügte über einen Stromanschluss und fließendes Wasser und musste auch nicht fürchten, dass sein Haus beim nächsten Sturm über ihm zusammenbrechen würde. Das bisschen abgeblätterte Farbe war da bestenfalls nur ein kleiner Schönheitsfehler.

Sannah kannte die Statistik, aber es mit eigenen Augen zu sehen, erschütterte sie bis ins Mark.

Josh parkte vor einem Laden für Handys, Computer und ähnlichen technischen Schnickschnack. „Was empfiehlst du mir?“, fragte er und riss sie damit aus ihren Gedanken.

„Irgendein robustes Outdoor-Modell, wasserdicht, mit Gorilla-Glas und nicht zu groß, damit es in die Hosentasche passt“, riet sie ihm.

Josh nickte. „Klingt vernünftig“, sagte er und stieg aus.

Drinnen erlebte Sannah einen kleinen Kulturschock. Der Unterschied vom Elend draußen und der blau-weißen Hightech-Glitzerwelt im Laden erschien ihr geradezu obszön. Hinter dem Tresen stand ein weißer, pickeliger Jung-Yuppie und taxierte seine Kundschaft auf die zu erwartende Provision.

„Hi!“, begrüßte er die beiden. „Mein Name ist Frank McDonald, Sie sind sicher an den neuesten Modellen unserer Smartphones interessiert.“

„Nein“, meinte Josh knapp und brachte damit die Verkaufsstrategie des Yuppies gewaltig ins Wanken.

Sannah grinste in sich hinein. Die gleiche Masche hatte auch sie am Anfang völlig verunsichert. Josh unterbreitete seine Wünsche und der Yuppie machte ein enttäuschtes Gesicht, als er Josh ein paar Modelle zeigte. Nach einem unauffälligen Seitenblick zu Sannah, die ihm zunickte, entschied er sich für ein handliches und solides Gerät der mittleren Preiskategorie.

„Das kostet mit Prepaid-Karte zweihundertneunundvierzig Dollar“, erklärte McDonald. „Wenn Sie allerdings einen Vertrag mit zwei Jahren Laufzeit abschließen, gibt es das Gerät gratis.“

Das Wort „gratis“ erweckte, im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, bei Josh Misstrauen. Der Yuppie legte den Vertrag auf den Tresen und hielt Josh einen Kugelschreiber hin. „Eine Unterschrift, und Sie sind jederzeit und überall erreichbar“, leierte er sein Sprüchlein herunter.

Josh nahm den Kugelschreiber, legte ihn demonstrativ beiseite und begann den Vertrag zu lesen. Er konzentrierte sich gezielt auf das Kleingedruckte. McDonald wurde sichtlich nervös. Als Josh fertig war, stemmte er seine Hände auf den Tresen. Nun war er mit seiner Statur ohnehin schon beeindruckend genug, da er aber wegen der frühsommerlichen Hitze nur ein Unterhemd trug, war das Spiel seiner Oberarmmuskulatur nur schwerlich zu übersehen.

„Sie mögen mich vielleicht für einen Hinterwäldler halten, Sir“, lächelte Josh süffisant. „Aber ich bin Geschäftsmann. Also tun Sie mir und sich selbst doch den Gefallen und lassen diesen Knebelvertrag ganz schnell unter dem Tisch verschwinden. Entweder machen Sie mir ein akzeptables Angebot, oder ich sehe mich gezwungen, zur Konkurrenz nach Rapid zu fahren.“

Der Yuppie schluckte trocken und nestelte an seinem Schlips herum.

„Das ist doch kein Knebelvertrag, Sir“, versuchte er zu widersprechen, was er allerdings gleich danach bereute.

Josh hob eine Augenbraue, und sein Gesichtsausdruck wurde eine Spur unfreundlicher. „Ach nein? Eine Preissteigerung von einhundert Prozent nach einem Jahr, auf die Sie mich nicht hingewiesen haben, nenne ich sogar Betrug! Haben Sie also ein anderes Angebot?“, fragte Josh betont freundlich.

Sannah hatte ein diebisches Vergnügen daran, zu sehen, wie Josh den kleinen Möchtegern-Betrüger souverän und mit ausgesuchter Höflichkeit an die Wand nagelte. McDonald beeilte sich, einen anderen Vertrag auf den Tisch zu legen. Josh las diesen wieder aufmerksam durch und griff anschließend zum Kugelschreiber.

„Warum nicht gleich so?“, fragte er zufrieden.

„Möchten Sie, dass ich ihnen das Gerät gleich einrichte?“, bot der kleine Wicht nervös an.

„Nein, danke!“, antwortete Josh. „Das erledige ich allein.“

„Aber für geschätzte Vertragskunden gibt es doch sicherlich noch eine Wunschnummer und ein passendes Etui gratis?“, mischte Sannah sich ein.

„Aber natürlich!“, presste McDonald hervor, während Josh den Vertrag ausfüllte und grinste. Sie kaufte sich noch einen Internet-Stick für ihren Laptop, um ein paar E-Mails schicken zu können.

Als sie den Laden verließen, freute Sannah sich diebisch. „Der macht heute Abend noch einen Termin bei seinem Therapeuten. Nur gut, dass du das Kleingedruckte gelesen hast. Ich wäre glatt darauf hereingefallen“, gab sie zu.

Josh grinste boshaft.

„Genau darauf spekulieren diese Geschäftemacher. Mit dem Wort Gratis wird der Kunde angelockt, und dann schnappt die Falle zu. Dass er im Endeffekt fast doppelt so viel bezahlt hat, merkt er erst hinterher. Immer das gleiche Scheißspiel. Mit miesen Verträgen kennen wir uns mittlerweile aus“, sagte er spöttisch.

„Woher kennst du dich damit so gut aus?“, fragte Sannah.

„Ich habe Betriebswirtschaft studiert. Da lernst du schon im ersten Semester, die Leute zu betrügen. Lass uns was essen gehen, ich habe Hunger“, antwortete er.

„Du hast immer Hunger“, stellte sie fest.

Nach einem Taco gegenüber vom Sioux Nation Shopping Center, erledigten sie die restlichen Einkäufe. Das Shopping Center war deutlich größer als der kleine Tante-Emma-Laden im Nachbarort. Aber auch hier waren die Preise gesalzen. „Warum ist das hier überall so verdammt teuer?“, wollte sie wissen.

„Ganz einfach“, erklärte Josh. „Angebot und Nachfrage. Es gibt auf der ganzen Rez nur diesen einen großen Supermarkt. Viele Leute haben kein Auto oder können sich die weite Fahrt nach Rapid nicht leisten. Sie sind also darauf angewiesen, hier einzukaufen. In den kleinen Läden bekommt man nur das Nötigste, aber längst nicht alles. Also werden hier die Preise hochgeschraubt, weil es keine Konkurrenz gibt. Und den Einwohnern bleibt nichts anderes übrig, als zähneknirschend zu bezahlen. Das war schon immer so und wird sich wohl auch nicht ändern.“

Sannah war fassungslos. Das Reservat war von der Fläche her etwa halb so groß wie das Bundesland Rheinland-Pfalz und hatte etwa vierzigtausend Einwohner; ein Supermarkt deckte nicht mal ansatzweise den Bedarf.

In ihr kochte die Wut hoch. Die Not anderer auszunutzen, um auch noch den letzten Cent aus ihnen herauszupressen, war in ihren Augen einfach nur widerwärtig.

„Hast du eine Idee, was wir zum Picknick mit den Kids mitnehmen?“, wechselte Josh das Thema.

„Wie wäre es mit Stockbrot und Würstchen?“, schlug sie vor.

„Was ist Stockbrot?“, fragte er erstaunt.

„Du nimmst Bambusstäbe oder schneidest Weidenruten, wickelst den Brotteig drumherum und röstest den langsam über dem Feuer, die Würstchen auch. Schmeckt klasse und macht riesigen Spaß. Ich habe das als Kind immer geliebt. Wir saßen am Feuer, haben gegessen und uns Geschichten erzählt.“

Josh stellte sich Sannah als kleines Mädchen vor und lächelte. „Klingt gut, den Kids wird das bestimmt gefallen“, stimmte er zu und steuerte die Fleischtheke an.

Auch im Supermarkt stellte Sannah fest, dass die meisten Leute mit diesem eigenartigen Duckface auf etwas deuteten, statt mit dem Finger darauf zu zeigen.

„Man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Menschen!“, hatte ihre Großmutter sie immer ermahnt. Wie es aussah, war man im Reservat sogar noch höflicher und zeigte mit dem Finger nicht einmal auf nackte Würstchen. Sannah schmunzelte. Das ergab zumindest mehr Sinn als diese dämlichen Selfie-Grimassen. Ihrer Großmutter hätte das jedenfalls gefallen.

Eine halbe Stunde später machten sie sich auf den Weg nach Hause. Sannah war froh, wieder im Auto zu sitzen. Der Tag hatte sie aufgewühlt, und sie sehnte sich nach der Ruhe und Abgeschiedenheit der Ranch.

„Was hast du heute noch zu tun?“, fragte sie Josh.

„Ich muss gleich noch die Ausbildungspferde bewegen und mein Telefon einrichten, was auch immer das bedeutet“, führte er aus und grinste etwas hilflos. „Hilfst du mir?“

„Na klar!“, meinte sie.

Auf der Ranch angekommen, teilten sie sich wieder die Arbeit mit den jungen Pferden und holten auch zusammen die Herde von der Weide. Beim Abendessen fielen Josh fast die Augen zu.

„Du solltest lieber gleich schlafen gehen“, meinte Sannah. „Um dein Telefon können wir uns auch morgen kümmern.“

Er nickte nur, zu müde, um noch einen klaren Gedanken zu fassen. Nach dem Essen schlurfte er die Treppe hoch und fiel ins Bett. Sannah kochte sich einen Tee und genoss die abendliche Ruhe auf der Veranda. Es war ungewohnt, allein hier draußen zu sitzen, und trotzdem seltsam vertraut. Sie stellte erstaunt fest, dass ihr Hamburg nicht fehlte, sie die Ranch aber schmerzlich vermissen werden würde. Nicht nur die Ranch, sondern vor allem Josh. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Um sich abzulenken holte sie ihr Laptop, schrieb Annegret und Jonas eine Mail und speicherte die Fotos vom Reitunterricht der Kinder ab. Dabei entdeckte sie dann auch die Fotos, die Josh gemacht hatte. Sie waren gut geworden, bemerkenswert war allerdings, dass auf vielen davon nichts vom Pferd zu sehen war. Es waren fast nur Aufnahmen von ihr.

In Deutschland stand Annegret am Morgen vor Sannahs Haus in Blankenese und klingelte Sturm. Sie war mit Jonas zum Frühstück verabredet, aber der lag scheinbar noch im Bett. Endlich öffnete sich die Tür.

„Ist ja gut, ich bin doch schon da“, beschwerte sich Jonas über das Klingelinferno.

„Schon ist gut“, bemerkte Annegret schnippisch und rauschte mit einer großen Tüte vom Bäcker an ihm vorbei. „Hast du verschlafen?“, fragte sie.

Er grinste sie mit seinem jungenhaften Lächeln an. „Nein, um ehrlich zu sein, hatte ich vergessen, dass du kommst. Ich war gerade im Garten.“ Sie bedachte ihn mit einem empörten Blick. Eine Annegret Marquardt vergaß Mann nicht ungestraft. „Soll das heißen, es gibt nichts zum Frühstück?“, zeterte sie hinter ihm her, während er gelassen wieder in den Garten ging.

Ihr Blick fiel auf den Esstisch, wo sich nur ein Haufen Fachliteratur stapelte. Sie stöckelte in ihren High-Heels hinter ihm her. Als sie die Terrasse betrat, verrauchte ihre Empörung schlagartig. Jonas hatte die Gartenmöbel auf den Rasen gestellt, der Tisch war gedeckt und mit frischen Rosen dekoriert, eine Flasche Sekt stand in einem alten, silbernen Sektkühler. Bleikristall funkelte in der Morgensonne. Auf Tellern und in kleinen Schüsseln waren diverse Leckereien angerichtet und warteten nur auf Annegrets frische Brötchen.

„Wenn du mit Meckern fertig bist, zieh die Mordinstrumente aus und setz dich. Ich hole den Kaffee“, konterte Jonas schmunzelnd. Annegret war sprachlos, und das passierte wirklich ausgesprochen selten. Sie zog ihre Schuhe aus und lief barfuß über den Rasen. „Womit habe ich das verdient?“, fragte sie, als Jonas mit der Kaffeekanne zurückkam.

„Na, mit Meckern jedenfalls nicht! Genau genommen hast du es dir noch gar nicht verdient. Das sind Vorschusslorbeeren. Aber ich bin mir sicher, deinem hübschen Köpfchen fällt noch etwas Schönes ein“, sagte er breit grinsend und stupste ihr mit der Fingerspitze an die Nase.

Ihr blieb der Mund offen stehen, sie war es gewöhnt, dass ihr die Männer zu Füßen lagen. Vielleicht war das auch der Grund, warum sie die meisten davon nicht sonderlich ernst nahm. Männer waren Spielzeug, wenn sie langweilig wurden, tauschte man sie aus.

Jonas war anders, er brachte sie in die Defensive, noch bevor sie überhaupt ihr Netz gesponnen hatte. Er dachte nicht im Traum daran, ihr zu Füßen zu liegen, sondern begegnete ihr auf Augenhöhe. Das war eine völlig neue und dementsprechend reizvolle Erfahrung für sie. Auch wenn Jonas so gar nicht ihrem Typ entsprach. Mit seinen blonden Haaren, dem rötlichen Vollbart und den grünen Augen hatte er absolut nichts Südländisches an sich. Viel eher sah er aus wie Hägar, der Wikinger, fehlte nur die Streitaxt. Sein Selbstbewusstsein war allerdings auch ohne Axt mehr als groß. Annegret schmunzelte. Er hatte sie herausgefordert und sie war mehr als bereit den Fehdehandschuh aufzunehmen.

„Vorsicht, mein Lieber, überlege dir genau, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen!“, drohte sie geheimnisvoll und glaubte sich wieder vorn.

„Ich wünsche mir gar nichts. Ich bin nur gespannt darauf, ob du es schaffst, mich zu überraschen“, nahm er ihr den Wind aus den Segeln.

Annegret wollte etwas erwidern, aber Jonas kam ihr zuvor. „Fang an zu essen, das Frühstück wird welk!“, mahnte er und deutete lachend auf den Spargelsalat.

Annegret zerpflückte ein Croissant und ließ Honig darauflaufen. „Was Sannah wohl macht? Mittlerweile mache ich mir Sorgen, sie hat sich immer noch nicht gemeldet“, sagte sie beunruhigt.

„Hast du deine E-Mails noch nicht gelesen?“, fragte Jonas überrascht. „Heute Morgen hat sie eine geschickt, und ein paar Fotos sind auch dabei. Hauptsächlich von Pferden, etlichen Kindern und einem Mann.“ Er griente verschwörerisch.

„Ein Mann?“, rief Annegret und fing an, hektisch ihre Handtasche nach dem Handy zu durchwühlen.

„Allerdings. Und ein ziemlich auffallender dazu, jedenfalls für hiesige Verhältnisse“, stellte Jonas fest und amüsierte sich über ihre Hektik. Sannah hatte recht, Annegret war wirklich wie eine fürsorgliche Glucke. Sie hatte endlich das Handy gefunden und rief fieberhaft ihre Mails auf. Bei der Durchsicht der von Sannah mitgeschickten Fotos bekam sie große Augen.

„O mein Gott!“, entfuhr es ihr, und sie starrte völlig fasziniert auf ihr Handy.

Jonas war sich sicher, dass ihr Interesse nicht den Pferden galt. „Machst du dir jetzt mehr oder weniger Sorgen?“, fragte er sie.

„Wenn ich das nur wüsste“, seufzte sie schwärmerisch. „So, wie ich Sannah kenne, hat sie noch nicht bemerkt, dass er ein Mann ist. Himmel, und was für einer! Falls doch, ignoriert sie es. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist.“

„Das ist fies, Annegret! Sie ist doch kein Trottel! Wäre er denn ihr Typ?“, fragte er neugierig.

„Sannah hat keinen Typ, aber er sitzt auf einem Pferd, das reicht, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken“, stellte sie fest. Sie las noch mal die Mail durch. „Hat sie dir geschrieben, wer das ist? In meiner Mail steht nichts.“

„Nein, auf die Beantwortung dieser Frage müssen wir wohl warten, bis sie wieder da ist“, bemerkte Jonas schelmisch, der ganz genau wusste, dass Warten nicht zu Annegrets Stärken gehörte. Er traute Sannah durchaus zu, dass sie gerade dieses Foto nur geschickt hatte, um ihre Freundin auf die Folter zu spannen. Als kleine, perfide Rache für Annegrets Lästerei über die Valla Pampa. Bester Laune machte er sich an den frischen Spargel.

Schweigen

Ein Klopfen weckte Sannah. Noch bevor sie reagieren konnte, steckte Josh seinen Kopf durch die Tür. Hecktisch zog sie das dünne Laken hoch. Sie hatte nichts an, weil es in dem kleinen Zimmer unter dem Dach so heiß war. „Aufstehen, du Schlafmütze!“, sagte er und ging mit einem zufriedenen Grinsen die Treppe hinunter. Sie stand auf, zog sich an und sah auf die Uhr. Kurz vor sechs. Josh war ganz offenbar aus dem Bett gefallen. Aus der Küche duftete es nach Eiern mit Speck und Kaffee. „Wer bist du, und was hast du mit Josh gemacht?“, fragte sie, als sie die Treppe herunterkam.

Josh schenkte ihr einen Kaffee ein. „Ich habe tatsächlich ausgeschlafen“, gab er gut gelaunt zurück.

Sie setzte sich und schlürfte ihren Kaffee. Er stellte das Frühstück auf den Tisch und fing an zu essen. Josh als strahlende Hausfrau irritierte sie völlig. Als Jonas den Abwasch gemacht hatte, fand sie das normal, Josh hingegen wirkte auf sie gerade wie die Parodie von Freddie Mercury in dem Video „I want to break free“, fehlte nur die Küchenschürze und der Schnauzer. Sannah grinste vor sich hin, während sie die Rühreier vertilgte.

„Vielleicht sollte ich öfter mal früher schlafen gehen“, stellte er fest.

„Ach nein!“, protestierte Sannah. „Ich finde den Morgenmuffel mittlerweile ganz charmant, außerdem ist es langweilig, abends alleine draußen zu sitzen.“

„Du hast mich also vermisst“, stellte Josh breit grinsend fest.

Sannah wechselte lieber das Thema, sie hatte sich gestern schon zu weit aus dem Fenster gelehnt. „Hast du dein Smartphone schon aufgeladen?“

Er nickte mit vollem Mund und kaute zu Ende. „Wäre mir auch ganz lieb, wenn wir das gleich noch in Betrieb nehmen könnten, damit ich nachher Thompson meine Nummer geben kann.“

„Dauert nur ein paar Minuten“, versicherte sie.

„Was hast du gestern Abend denn ohne mich noch gemacht?“, griff Josh das Thema wieder auf.

„Ich habe Jonas und Annegret noch E-Mails geschrieben, hätte ich schon viel eher machen sollen. Die haben sich bestimmt schon Sorgen gemacht“, sagte sie mit schlechtem Gewissen. Sie hatte sich zuletzt von Denver aus gemeldet und seit dem kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Gerade Annegret nahm das sicher krumm, Jonas war da entspannter.

Josh spülte den letzten Bissen mit Kaffee runter. Der Name Jonas versetzte ihm einen Schlag in die Magengrube, er ließ sich aber nichts anmerken und stocherte in seinem Essen herum. Seine bislang gute Laune war schlagartig verflogen. „Kann ich mit dem Smartphone auch E-Mails empfangen?“, fragte er ernüchtert.

„Sicher!“, bestätigte Sannah, die seinem Stimmungsumschwung noch nicht bemerkt hatte.

„Vielleicht schreibst du mir dann auch mal, wenn du endlich wieder zu Hause bist“, sagte er verbittert und stand auf.

Sie sah verwirrt von ihrem Teller auf. Josh sah sie nicht an und ging raus zum Stall. Seine Worte hatten ihr einen Stich versetzt. Gekränkt blieb sie sitzen und fragte sich, was so urplötzlich in ihn gefahren war.

Josh fing an, seine Verkaufspferde auf Hochglanz zu polieren. Er war auf sich selbst wütend. Wie hatte er so naiv sein können, anzunehmen, dass eine Frau wie sie allein lebte. Natürlich tat sie das nicht. Sie war jung, wunderschön und sprühte vor Leben. Sicher gab es einen Mann, und der hieß Jonas. Er war aber auch enttäuscht von Sannah. Warum hatte sie ihn geküsst, wenn zu Hause jemand auf sie wartete? Ihm hatte der Kuss etwas bedeutet, ihr offenbar nicht. Mieses Spielchen, und er war darauf hereingefallen. Verbissen putzte er weiter. Er hatte seine eigenen Vorsätze über den Haufen geworfen und war ihr nicht aus dem Weg gegangen, jetzt bekam er die Quittung dafür. Er war nur froh, dass ihm die Augen rechtzeitig aufgegangen waren. Außer diesem Kuss war nichts passiert, was er hätte bereuen müssen. Ab sofort wollte er sich an seine Prinzipien halten. Frauen machten nichts als Ärger. Das erste Pferd war fertig, und Josh brachte es in den Laufstall; als er das nächste von der Weide holte, hörte er, wie ihr Wagen davonfuhr.

Sannah hatte wie betäubt in der Küche gesessen. „Wenn du endlich wieder zu Hause bist“ … und der Tonfall in seiner Stimme. Als könnte er es nicht erwarten, dass sie ging. Nach all den Gesprächen und der Freundschaft, die zwischen ihnen entstanden war, verwandelte er sich ohne ersichtlichen Grund wieder in einen Eisberg. Wollte er ihr damit zu verstehen geben, dass sie zu weit gegangen war? Je länger sie darüber nachdachte, um so mehr tat es weh.

Kopflos lief sie in ihr Zimmer und griff nach ihrer Brieftasche und dem Autoschlüssel, der seit ihrer Ankunft unangetastet auf dem kleinen Tisch lag. Sie überlegte, ob sie mit ihm reden sollte, aber sein Gesichtsausdruck beim Rausgehen war mehr als deutlich gewesen. Er würde nicht reden. Also lief sie zum Auto und fuhr los. Einfach nur weg, wohin, war ihr egal. Nach der holprigen Zufahrt bog sie rechts ab auf die Hauptstraße. Auf der ebenen Straße musste sie sich nicht mehr so konzentrieren. Sannah verfiel in dumpfes Brüten. Was hatte sie nur gesagt oder getan, dass er so reagierte? Wenn der Kuss für ihn unangemessen gewesen wäre, hätte er ihn doch wohl kaum erwidert. Sie war an dem Tag zu weit gegangen, so viel war sicher, aber sie hatte nicht den Eindruck gehabt, dass er das genauso sah. Er war verblüfft gewesen, nicht verärgert, außerdem hatte er es herausgefordert. Es konnte auch kaum daran liegen, dass sie E-Mails an Freunde geschrieben hatte.

Sannah drehte das Radio auf. Der Sendersuchlauf startete automatisch und blieb bei Kili Radio hängen. Eine Frauenstimme sprach auf Lakota, anschließend folgte traditionelle Musik. Sie schaltete wieder ab. Momentan wollte sie nicht auch noch vom Radio daran erinnert werden, wo sie sich befand. Kurze Zeit später fuhr sie an Wounded Knee vorbei und spürte wieder diesen Stich in der Brust. Gestern hatte Josh sie dort oben in die Arme genommen, und sie hatte die Welt um sich herum vergessen. Noch nie hatte sie sich so geborgen gefühlt wie in diesem Moment. Der Stich bohrte sich tiefer, als ihr bewusst wurde, dass sie genau das wollte. Das Gefühl von Geborgenheit in seinen Armen. Wieder schnürte sich ihre Kehle schmerzhaft zu. Sannah rang um ihre Fassung und landete eine Viertelstunde später in Pine Ridge. Da sie keine Ahnung hatte, was sie hier hätte machen können, fuhr sie zum Shoppingcenter. Schokolade und Eiscreme waren immer noch das bewährte Mittel als Seelentröster und Nervennahrung. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr Wagen der einzige auf dem Parkplatz war. Der Laden öffnete erst um acht. Sie fuhr zu einem Sandwich-Laden zwei Blocks weiter. Ein paar Autos auf dem Parkplatz verrieten ihr, dass man hier um diese Uhrzeit schon etwas bekam. ‚Wenigstens etwas‘, dachte sie und stieg aus. Drinnen kaufte sie sich einen Kaffee und einen Schoko-Cookie und setzte sich in die hinterste Ecke. Der Kaffee war ganz okay und der Cookie klebrig und süß. Genau das brauchte sie jetzt. Sie starrte aus dem Fenster und beobachtete das Treiben auf der Hauptstraße, als ein Wagen der Tribal Police genau neben ihrem hielt. Sam stieg aus, schaute noch mal auf ihr Nummernschild und ging dann in den Laden.

„Hi, Sam“, begrüßte ihn der junge Mann hinter dem Tresen. „Das Übliche?“

Sam nickte freundlich und rieb sich mit einer Hand über die Augen. Er sah sich im Gastraum um, und als er Sannah entdeckte, lächelte er und setzte sich zu ihr an den Tisch.

„Hey, hab ich deinen Wagen doch richtig in Erinnerung“, stellte er fest und grinste fröhlich.

„Hallo, Sam“, grüßte sie zurück und versuchte, ein möglichst neutrales Gesicht zu machen. Sie wollte nicht, dass er merkte, was mit ihr los war.

„Was machst du denn hier, um diese Uhrzeit?“, fragte er erstaunt.

„Ich wollte nur schnell was einkaufen, bin aber zu früh dran“, antwortete sie.

Der junge Mann vom Tresen brachte das Sandwich und den Kaffee an den Tisch.

„Stimmt so, Luke“, sagte Sam und drückte ihm Geld in die Hand.

„Und wo ist Josh?“, erkundigte sich Sam, bevor er seinen Kaffee trank.

„Der putzt die Pferde, denke ich“, sagte sie arglos.

Sam sah sie entgeistert an. „Er lässt dich alleine hierher fahren?“

„Ich habe ihn nicht um Erlaubnis gefragt, warum sollte ich?“, konterte Sannah etwas irritiert.

Luke spitzte hinter seinem Tresen die Ohren. Sie bemerkte das Interesse und ahnte schon, dass der Moccasin Telegraph wirklich überall war.

„Das ist ein freies Land“, erklärte sie trotzig. „Ich kann fahren, wohin ich will.“ Langsam verwandelte sich ihre Niedergeschlagenheit in Zorn. Das wäre ja noch schöner, wenn er ihr vorschreiben würde, was sie tun oder lassen darf.

„Weil es gefährlich ist, Sannah“, entgegnete Sam in der gleichen ruhigen Art wie Josh. „ Abends lassen sich viele drüben in White Clay volllaufen und fahren dann in den frühen Morgenstunden sturzbetrunken nach Hause. Frühmorgens ist immer die Zeit mit den meisten schweren Autounfällen. Heute Nacht waren es zwei allein hier in Pine Ridge. Du bist wirklich nicht von hier“, stellte er sachlich fest. „Was ist los bei euch, habt ihr Zoff?“, hakte er mit dem untrüglichen Gespür eines Cops nach.

Sannah beschloss ehrlich zu sein. „Zoff bedeutet, dass man sich streitet, aber Josh streitet nicht. Er ist sauer auf mich und mault herum. Und ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum. Also hab ich mich ins Auto gesetzt und bin einfach weggefahren. Abgesehen davon ist alles bestens. Ich bin ja schließlich nur zu Besuch da. Ab Mitte August hat er dann wieder seine Ruhe vor mir. Ich wette, er zählt schon die Tage.“ Es klang resigniert.

Sam schüttelte nur den Kopf. Das war wieder typisch Josh. Er hatte gehofft, dass Josh durch Sannah zur Besinnung kommen würde. Vor ein paar Tagen hatte ja auch alles danach ausgesehen, aber ganz offenbar saß White Cloud jetzt wieder in der hintersten Windung seines Schneckenhauses und schmollte. „Dann stimmt die exotische Variante also?“, fragte er mit einem kleinen Grinsen.

Sie nickte. „Ist mir zwar ein Rätsel, was daran exotisch ist, aber ja.“

„Mir gefiel die Variante vom Moccasin Telegraph besser“, meinte Sam ehrlich. „Ich bin sein bester Freund und deswegen kann ich dir keine Einzelheiten erzählen, aber gib ihm ein bisschen Zeit, er kriegt sich schon wieder ein. Er mag dich, und du tust ihm gut, Sannah.“

„Das glaube ich nicht, Sam. Am Anfang hat er mich angesehen wie etwas, in das man tunlichst nicht reintreten will. Abgesehen davon ist es ohnehin egal“, antwortete sie.

Sam fing an zu lachen. „Du bist eine Klapperschlange!“

„Bitte?“, fragte sie jetzt völlig irritiert.

Sam lachte immer noch. „Für Josh gibt es nur zwei Arten von Frauen: Kornnattern und Klapperschlangen. Kornnattern beachtet er nicht, weil sie ihm nicht gefährlich werden können. Klapperschlangen dagegen lassen ihn nicht kalt, sie können ihm gefährlich werden, und darum geht er ihnen aus dem Weg. Jedenfalls versucht er das. Dir kann er aber nicht aus dem Weg gehen. Ich denke, du hast ihn schon gebissen, und jetzt leckt er seine Wunden.“ Sam verspeiste die Reste seines Sandwichs und amüsierte sich weiter. Sein Funkgerät an der Schulter gab krächzende Geräusche von sich, und er meldete sich. Ein unverständliches Krächzen folgte als Antwort.

„Ich muss los, die Arbeit ruft. Wir sehen uns beim Football. Nicht vergessen!“, verabschiedete er sich, schnappte sich seinen Kaffee, lief zum Auto und fuhr los.

Sannah war es durch die fröhliche Art von Sam ein bisschen leichter ums Herz. Seine Erklärung klang zumindest plausibel. Sie trank ihren Kaffee aus und ging ebenfalls. Im Supermarkt plünderte sie die Süßigkeitenabteilung und legte sich einen Vorrat Seelentröster an. Für den Fall, dass Joshs miese Laune länger anhalten würde. An der Fleischtheke waren Hähnchen im Angebot. ‚Chlorhuhn macht weiße Zähne‘, dachte sie boshaft und grinste. Kaufte dann aber doch eins. Sie hatte Appetit auf ihr Leibgericht bekommen. Hähnchen Ragout-Fin. In der Gemüseabteilung suchte sie noch die restlichen Zutaten zusammen und kaufte noch zwei Bücher, um gegebenenfalls die Zeit totschlagen zu können. Übelste Liebesschnulzen, aber das war ihr egal.

Um diese frühe Uhrzeit waren noch nicht viele Kunden da, und so war sie kurze Zeit später wieder auf dem Rückweg. Durch Sams Warnung aufmerksam geworden, fuhr sie vorsichtiger, aber es war nichts los. Wahrscheinlich hatten die Schnapsdrosseln alle schon nach Hause gefunden.

Als sie auf den Hof fuhr, parkte dort ein riesengroßer protziger Trailer, wie man ihn meist nur in den USA sieht. Eine Kombination aus Wohnmobil und Pferdetransporter. Mark Thompson war da. Er sah aus wie ein typischer Rancher aus dem Mittleren Westen. Angegraute Schläfen, leichter Bierbauch, Hemd mit Weste, Jeans, teure Stiefel und der nicht wegzudenkende Stetson-Hut auf dem Kopf. Neben ihm, genauer betrachtet neben Josh, eine lebende Silikon-Barbie, augenscheinlich die Tochter. Ihr Anblick erinnerte Sannah an eine gut sortierte deutsche Metzgerei. Eine prall gefüllte Fleischauslage, spärlich dekoriert mit Salatblättern aus Plastik. Die Dekoration im Gesicht der künstlichen Blondine war dafür umso üppiger. Mit dieser Menge an Konservierungsmitteln hätten die ägyptischen Mumien heute ausgesehen wie just verblichen. Sannah nannte diese Krönung der kosmetischen Industrie der Einfachheit halber Barbie.

Barbie hatte Josh offensichtlich zu ihrem Ken auserkoren und streifte um ihn herum wie eine rollige Katze. Josh war, angesichts der zur Schau gestellten Fleischauslage, zum Vegetarier mutiert, hatte die Hände in den Hosentaschen versenkt und die Schultern hochgezogen.

Trotz seiner eindeutigen Körperhaltung schoss Sannah augenblicklich ein anderes Gefühl durch den Magen: Eifersucht oder zumindest die Gift spritzende Vorstufe davon. Aus eigener schmerzlicher Erfahrung wusste sie nur zu gut, dass die Kerle früher oder später doch anfingen, die Steaks auf den Grill zu hauen. Auf einmal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie hatte Jonas erwähnt, als Josh heute Morgen seine Show abgezogen hatte. Er war eifersüchtig oder befand sich zumindest in der besagten Vorstufe. Sie grinste boshaft.

‚Erwischt‘, dachte sie. Gestärkt durch diese Erkenntnis, hatte sie nun wieder Oberwasser und stieg, mit der großen Tüte voller Einkäufe bepackt, aus dem Auto. Da Sannah eine gute Kinderstube genossen hatte, ging sie auf die Gruppe zu, um guten Tag zu sagen.

Thompson strahlte sie mit einem breiten, freundlichen Lächeln an. „Wir haben bestimmt gestern Früh telefoniert“, stellte er fest. Sannah schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und antwortete höflich: „Ganz genau, Sir, freut mich Sie kennenzulernen.“

„Nennen Sie mich Mark“, bot er unkompliziert an.

„Ich bin Sannah“, sagte sie und ergriff seine Hand.

„Das ist meine Tochter Pippa“, stellte er die Barbie vor. Der britische Vorname verlieh ihr auch nicht mehr Stil, stellte Sannah im Geiste fest. Da Püppi, nein, Pippa, neben Josh stand, musste sie sich umdrehen, um ihr ebenfalls die Hand zu geben. Sannah hatte einen festen Händedruck, zugegebenermaßen vielleicht ein bisschen zu fest, als sie Pippa dabei mit einem eisigen Blick bedachte, zuckte diese leicht zusammen. Josh sah zuerst die Einkaufstüte vom Shoppingcenter, dann Sannah konsterniert an. Sie ignorierte ihn komplett und wendete sich nun wieder Thompson zu.

„Bitte, entschuldigen Sie mich. Das muss dringend in den Kühlschrank“, erklärte sie, deutete mit dem Kopf auf die Einkäufe und verschwand in Richtung Haus. Sie lächelte hämisch über das ganze Gesicht. „Klapperschlange? Kann ich!“, murmelte sie leise vor sich hin.

Nachdem sie die Einkäufe in den Kühlschrank verfrachtet hatte, warf sie noch einen Blick nach draußen. Da die Küchentür im Schatten der Veranda lag, konnte man sie vom Hof aus nicht sehen. Püppi hatte sich schmollend zu ihrem Daddy verzogen, und Josh hatte eine etwas entspannter wirkende Körperhaltung angenommen. Offenbar war die Verabschiedung in vollem Gange, als Josh auf die Küchentür zuging. Sannah zog sich zurück und suchte einen großen Topf für das Huhn aus dem Schrank. Er kam rein und schrieb die Telefonnummer seines Handys vom Karton ab. Sie würdigte ihn keines Blickes. Er sollte zur Strafe im eigenen Saft schmoren, bis er gar war, hatte sie beschlossen. Josh lief wieder nach draußen und drückte Thompson den Zettel in die Hand. Püppi saß schon im Barbiemobil. Einen Moment später rollte das Gefährt vom Hof.

Mittlerweile war es fast Mittag, und Sannah hatte begonnen, das Gemüse zu putzen und in kleine Würfel zu schneiden. Josh stand etwas unschlüssig auf dem Hof und wusste nicht so recht, was er nun machen sollte. Ihm war nicht entgangen, dass sie stinksauer war, und mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Verletzt oder traurig, ja. Aber stattdessen kochte sie vor Wut. Sein Hunger siegte über seinen Stolz. Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und warf ihr einen vorsichtigen Blick zu. Sannah köpfte mit einem gezielten Schlag des Messers eine Stange Lauch. Er zuckte leicht zusammen. Das war deutlich! Er machte sich ein Sandwich und verzog sich damit auf die Veranda. So mussten sich seine Vorväter gefühlt haben, wenn ihnen die Frauen das Sattelzeug vor das Tipi gestellt hatten. Drinnen herrschte eisiges Schweigen, und Mann saß vor der Tür. Er aß sein Sandwich auf und ging mit dem neuen Ausbildungspferd eine Runde spazieren. Mittlerweile war er zu der Erkenntnis gelangt, dass seine Reaktion am Morgen wohl etwas zu heftig gewesen war. Vielleicht war dieser Jonas auch einfach nur ihr Bruder. Jedenfalls war er sich sicher, dass sie genau wusste, worum es ging. Sannah war weder dumm noch unsensibel. Wenn Chloe wütend gewesen war, hatte sie getobt und gezetert. Er hatte sie dann einfach stehen lassen und sich zu Sam verzogen, manchmal auch über Nacht. Sannah benahm sich dagegen wie eine echte Lakota. Sie drehte ihm den Rücken zu, würdigte ihn keines Blickes und schwieg. Sie zeigte ihm nicht nur deutlich ihre Missbilligung, sondern bewahrte sich auch Würde und Stolz. Damit konnte er nicht umgehen, weil er es nicht gewöhnt war. Ihr Verhalten brachte ihn in Zugzwang, denn so wie er Sannah einschätzte, war sie noch sturer als er selbst und würde das tagelang durchhalten. Aber er nicht. Ihre Energie war derart groß, dass man sie fast mit Händen greifen konnte. Frauen sind stärker als Männer, hatte sein Vater ihm immer gepredigt. Als Teenager hatte er das nicht begriffen. Mädchen waren in seinen Augen klein und schwächlich. Genaugenommen fing er jetzt erst an zu verstehen, was sein Vater gemeint hatte. Ein Volk ist erst besiegt, wenn die Herzen der Frauen im Staub liegen. So lautete ein altes Sprichwort der Cheyenne. Sie hatten alle recht. Trotzdem beschloss er, noch eine Weile zu warten, bis Sannahs Feuer weiter runtergebrannt war und sich der Rauch verzogen hatte. Er wollte sich nicht mehr Brandblasen einhandeln als unbedingt nötig.

Sannah verbrachte fast den ganzen Nachmittag in der Küche. Ragout-Fin brauchte Zeit. Als sie damit fertig war, bereitete sie noch den Teig für das Stockbrot vor. Josh war inzwischen von seinem Spaziergang zurück und ritt auf dem Platz, unter anderem auch die Dynamitstange. Sannah beseitigte das Chaos in der Küche und ging anschließend duschen. Als sie aus dem Bad kam, öffnete sie die Fenster in ihrem Zimmer, in der Hoffnung, einen kühlen Luftzug einfangen zu können. Mit Buch und Schokolade bewaffnet lümmelte sie sich aufs Bett und fing an zu schmökern. Das Buch war besser, als das Cover hatte erwarten lassen, und so merkte sie nicht, wie die Zeit verging. Erst als sie durch das geöffnete Fenster hörte, dass die Herde zur Tränke kam, wurde ihr klar, dass sie den restlichen Nachmittag mit Lesen vertrödelt hatte. Von der Schokolade war auch kaum noch was übrig. Sie legte das Buch beiseite und blickte aus dem Fenster.

Josh stieg gerade von der Dynamitstange und lobte das Pferd überschwänglich. Sie wollte sich lieber gar nicht vorstellen, welche Geschwindigkeit der Jungspund entwickelte, wenn man ihn machen ließ. Aber es musste gut gewesen sein, denn Josh strahlte übers ganze Gesicht. Er musste ihren Blick gespürt haben, oder es war Zufall, aber Josh sah zu ihrem Fenster hinauf und entdeckte sie. Das Strahlen verschwand augenblicklich von seinem Gesicht, und er wendete sich wieder dem Pferd zu. Beim Anblick der Pferde und durch das Buch abgelenkt, hatte sie die dicke Luft, die zwischen ihnen herrschte, fast schon vergessen. Jetzt wurde ihr schlagartig wieder klar, dass ihnen die Auseinandersetzung noch bevorstand. Sie gönnte sich den Rest der Schokolade und las weiter.

Eine Stunde später erschien Josh in der Küche, wusch sich die Hände und holte die Cola aus dem Kühlschrank. Um die Wogen etwas zu glätten, stellte er zwei Gläser auf den Tisch. Sannah füllte das Essen auf die Teller und stellte es Josh wortlos vor die Nase. Sie setzte sich und fing an zu essen, ohne ihm Beachtung zu schenken. Den ganzen Tag hatte sie sich auf das Ragout gefreut. Zuhause machte sie es meist nur, wenn Besuch anstand. Für sich allein war ihr der Aufwand zu groß. Josh machte sich mit großem Appetit über seine Portion her und entspannte sich etwas. Das Feuer war anscheinend heruntergebrannt, also wagte er einen Versuch. „Das ist gut“, stellte er fest. „Was ist das?“

„Klapperschlangen-Ragout“, antwortete sie schnippisch.

Er sah sie entgeistert an, das konnte sie unmöglich wissen. Oder hatte er sich mal verplappert? Er schluckte und machte sich auf gewaltige Brandblasen gefasst.

Das weitere Abendessen verlief wortlos. Danach kochte Sannah sich einen Tee und ging damit nach draußen. Josh blieb noch in der Küche sitzen und versuchte, den nötigen Mut zusammenzukratzen. Er stand auf und ging ihr hinterher. Sie hatte sich nicht wie üblich auf die Bank gesetzt, sondern vorn auf die oberste Stufe der Verandatreppe, und sah hinüber zu den Pferden. Er fasste sich ein Herz und setzte sich direkt hinter sie, so dass sie sich zwischen seinen Knien wiederfand. Sannah schwieg weiter, machte aber auch keine Anstalten aufzustehen. Josh sah das als Zeichen, dass sie bereit war ihm zuzuhören. Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich heran.

„Lakota entschuldigen sich nicht. Unbedachte Worte oder Taten lassen sich dadurch nicht ungeschehen machen. Ich hätte heute Morgen besser schweigen sollen.“

Sannah erwiderte nichts, sondern dachte über seine Worte nach. Er hatte völlig recht. Es war sogar viel sinnvoller als die verlogenen Umgangsformen der heutigen Gesellschaft. Alle logen, betrogen und verletzten sich gegenseitig und glaubten, mit einem geheuchelten Sorry oder einer Beichte wäre das Sündenkonto dann wieder auf Null. Doch dem war nicht so. Die anderen blieben mit Wunden zurück, und manche davon heilten nie. Stattdessen sollte man vorher darüber nachdenken, was man sagt. Für Sannah war das besser als jede Entschuldigung. Sie stellte ihre Tasse beiseite, drehte sich ein wenig zu ihm um und legte ihre Hände auf seine.

„Jonas ist ein Kollege von mir, der so nett ist, auf mein Haus aufzupassen. Er mäht den Rasen, gießt die Blumen und macht den Briefkasten leer. Dafür hat er hin und wieder eine Mail verdient, finde ich. Das nächste Mal schweigst du nicht, sondern fragst mich einfach.“

Josh zog sie noch dichter an sich und küsste sie auf den Hals.

„Danke.“

„Wofür?“, fragte sie.

„Für deine Großzügigkeit. Ich hatte mich im Geiste schon auf Brandblasen und blaue Flecke eingestellt“, gestand er.

Sannah lachte. „Du kannst von Glück reden, dass die Baseball-Schläger in Pine Ridge ausverkauft waren“, frotzelte sie.

„Mach das bitte nicht noch mal. Ich hab mir Sorgen gemacht.“

Sie nickte und gab den kläglichen Rest ihres Widerstandes auf. Josh fing an, sie ganz sacht hin und her zu wiegen. Sannah schloss die Augen und schlief fast ein vor Wonne. Sie saßen eine ganze Weile so auf der Veranda und genossen die Nähe des anderen.

Irgendwann murmelte Josh in ihr Ohr: „Ich hätte noch eine Frage.“

„Hm“, brummelte Sannah schläfrig.

„Schläfst du eigentlich immer nackt?“, flüsterte er anzüglich. Sannah war schlagartig wieder hellwach. Offenbar hatte sie das Laken am Morgen nicht schnell genug hochgezogen.

„Das wüsstest du wohl gern“, antwortete sie verschmitzt.

Josh strich sanft eine Strähne aus ihrem Gesicht. „Ja, das wüsste ich gern“, sagte er leise.

Sie schälte sich langsam aus seiner Umarmung. „Ich werde es dir aber nicht verraten. Gute Nacht und träume was Schönes, was auch immer.“ Sie lächelte zweideutig, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, stand auf und ging ins Haus. Auf dem Weg in ihr Zimmer startete ihr limbisches System eine wütende Demonstration und protestierte lautstark gegen ihren Rückzug.

„Klappe!“, flüsterte Sannah energisch. Sie wollte sich nicht zu noch größeren Dummheiten hinreißen lassen. Die Versuchung war zugegebenermaßen groß, allerdings waren die daraus resultierenden Konsequenzen noch größer. Sie war schon viel zu weit gegangen. Limbisia zuckte zusammen, ließ ihr Protestschild sinken und schmollte, während die Rottenmeier mit einem selbstgefälligen Lächeln am Schreibtisch saß und Papiere abheftete.

Josh aber blieb noch einen Moment draußen, beobachtete die Pferde und versuchte vergeblich, sein Kopfkino abzustellen.

Brot und Spiele

Sannah kletterte mit geradezu ekelhaft guter Laune aus dem Bett. Der kindische Streit war aus der Welt geschafft, sie freute sich auf den Ausritt mit den Kindern, und vom Brotteig war mehr als genug da, um noch frische Brötchen zu backen und endlich mal wieder „richtig“ zu frühstücken.

Obwohl es noch früh am Morgen war, war es schon recht warm, und so entschied sie sich für ein Frühstück auf der Veranda. Es war schließlich Wochenende, auch wenn das am Arbeitspensum auf der Ranch nichts änderte. Sie zog ihre Stiefel an, um als Erstes die Pferde zu tränken und auf die Weide zu lassen, danach machte sie sich an die Brötchen.

Bei Josh war auch Wochenende. Mit offenen Haaren und barfuß kam er die Treppe runter, verschlafen wie immer.

„Gott sei Dank, der Morgenmuffel ist wieder da“, bemerkte Sannah grinsend. „Als gut gelaunte Hausfrau warst du mir unheimlich.“

Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern. „Danke für die Blumen!“, knurrte er scherzhaft. „Was riecht hier so gut?“

„Brötchen“, sagte sie auf Deutsch.

„Was für‘n Ding?“

„Wirst du schon sehen, Frühstück gibt‘s draußen“, meinte sie, schnappte sich die Kaffeekanne und schob ihn vor die Tür.

Josh sah auf den gedeckten Tisch und dann hinüber zur Weide. „Betrachte dich hiermit offiziell als geraubt“, verkündete er breit grinsend und setzte sich an den Tisch.

„Hört, hört, White Cloud hat gesprochen!“, rief sie im Originalton der Fünfziger-Jahre-Western.

„Ho, hécetu welo!“ – Nun, so sei es, sagte er und griff nach einem Brötchen. „Aber das mit dem Jeansflicken, das üben wir noch mal!“ Er lachte.

„Das mit dem Smartphone-Einrichten auch“, frotzelte sie zurück.

„Hast du denn gestern ein Pferd verkauft?“, erkundigte sie sich. Josh nickte zufrieden.„Sogar zwei. Prinzessin konnte sich nicht entscheiden, und da hat Daddy tiefer in die Tasche gegriffen.“

Sannah prustete los. „Dich hätte sie am liebsten gleich mit eingepackt“, stellte sie lachend fest. „Frei nach dem Motto: Safe your horse, ride a cowboy.“

Er verzog angewidert das Gesicht. „Danke, verzichte! Vor dieser Kriegsbemalung hatte ich Angst!“

Sie kringelte sich vor Lachen. „Wo war denn da der furchtlose Lakota?“

„Der hatte gestern frei“, erklärte er beleidigt. „Deswegen musste ich ja auch die Schmach ertragen, mich von einer halben Portion wie dir retten zu lassen. Aber dein fieser Blick hat gesessen. Danach packte sie ihr Silikon ein und gab Ruhe.“

„Gern geschehen, aber die halbe Portion merke ich mir!“ Sie hob drohend ihren Zeigefinger.

„Dann solltest du vielleicht mal anfangen zu essen“, mahnte Josh und schwang dabei das Buttermesser.

Sie schmierte sich ein Brötchen und schlug ein Ei auf. Schmunzelnd fing sie an zu essen.

„Das letzte Mal gab es am Tag meiner Abreise Brötchen zum Frühstück. Vor lauter Aufregung hab ich kaum was runtergekriegt“, erzählte Sannah.

Josh lächelte und fragte: „Warum warst du aufgeregt?“

„Ich wusste ja nicht, was mich hier erwarten würde. Ich hatte mir irgendwie alles ganz anders vorgestellt. Ein älteres Ehepaar mit mindestens sieben Kindern, jede Menge Trubel und ich mittendrin.“

Josh fing an zu lachen.„Da wärst du bei meinem Freund Randall an der richtigen Adresse gewesen. Er leitet das Horsemanship-Projekt in Pine Ridge. Jede Menge Kinder und Enkel, aber er hätte Schwierigkeiten gehabt, dich unterzubringen, deswegen bist du jetzt bei mir. An den sieben Kindern muss ich aber noch arbeiten“, räumte er ein. „Bist du jetzt enttäuscht, dass du stattdessen bei einem einsamen knurrigen Wolf gelandet bist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ganz im Gegenteil. Ich liebe die Ruhe hier draußen und ich bin froh, dass ich noch was anderes zu tun habe als nur zuschauen und fotografieren. Außerdem bist du nicht knurrig. Jedenfalls meistens“, gab sie lachend zu.

Er starrte nachdenklich in seinen Kaffeebecher. „Na ja, jetzt ist Frühsommer, alles ist grün, und hier ist viel zu tun. Aber die Winter hier draußen sind hart und einsam. Manchmal kommt man tagelang nicht raus, weil alles zugeschneit ist, und die Blizzards sind lebensgefährlich. Im Winter würde es dir hier nicht mehr gefallen“, meinte er überzeugt. Schließlich konnte er nicht ahnen, dass es Sannah nie zu kalt sein konnte.

„Darf ich dich mal was Persönliches fragen?“, wollte sie wissen. Die Geschichte mit den Klapperschlangen und Kornnattern hatte sie neugierig gemacht. Josh nickte zustimmend.

„Warum lebst du ganz allein hier draußen?“

Josh atmete tief ein und senkte den Blick. Ihm war klar, dass sie sich mit einer kurzen Antwort nicht zufrieden geben würde. „Meine Mom ist abgehauen als ich fünf war, sie hat es hier nicht ausgehalten. Deswegen habe ich auch keine Geschwister. Dad hat mich allein großgezogen, wollte aber nie wieder heiraten. Er hat sein ganzes Leben lang gespart, um mich auf eine Universität außerhalb der Rez zu schicken, damit ich rauskomme und ein anderes Leben kennenlerne. Aber je länger ich dort war, desto mehr vermisste ich das Leben hier. An der Uni lief mir Chloe über den Weg. Mein Verstand setzte aus, und es dauerte Jahre, bis er wieder funktionierte. Sie hierher zu bringen, war dann der nächste Fehler. Ich wollte keinen Job in irgendeiner Stadt, dafür hätte ich mich zu sehr verbiegen müssen. Ich wollte aus mir keinen Apple machen lassen.“

„Was ist ein Apple?“, fragte Sannah irritiert.

„Außen rot, innen weiß. Chloe war ein Apple, ich habe das zu spät erkannt. Ich bin sehr traditionell aufgewachsen und stolz auf das, was ich bin. Ein Lakota. Ich will mich nicht schämen müssen, wenn ich einmal im Jahr zu Besuch auf die Rez fahre und mich ein zweites Mal schämen, wenn ich sie wieder verlasse. Das hier ist mein Land. Es war schon immer unser Land, und das gebe ich nicht auf. Sie hat das nie begriffen. Vor ein paar Jahren starb dann mein Vater, kurz danach ist Chloe auch abgehauen, genau wie meine Mutter. Seitdem bin ich hier allein. Als ich zehn war hatte meine Unci, meine Großmutter, einen Traum. Sie sagte, ich würde nie die richtige Frau finden, sie würde mich finden.“ Er lächelte, als er an seine Großmutter dachte. „Und dann sagte sie noch etwas, das ich bis heute nicht verstanden habe. Sie sagte, diese Frau käme aus dem ewigen Eis.“

Sannah erstarrte.

„Was auch immer sie damit gemeint haben mag, der erste Teil stimmt jedenfalls, ich habe die Suche aufgegeben“, beendete er seine Geschichte.

Sannah schwieg betroffen; sie konnte die Resignation in seiner Stimme hören, und es machte sie traurig.

Tröstend legte sie ihre Hand auf seine und meinte: „Wer weiß, vielleicht behält Unci ja recht.“ Dabei lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken, als hätte sie einen Geist gesehen.

Josh lächelte versonnen und machte sich an das nächste Brötchen. Er war froh, das Thema wechseln zu können. „Die Dinger sind sehr gut. Ich freue mich schon auf die Stockvariante. Aber wir machen das Feuer besser hier auf dem Hof. Ich will keinen Flächenbrand auslösen, sonst brauche ich mich beim Footballspiel gar nicht erst blicken zu lassen.“

„Was ist noch zu tun, bis die Kinder kommen?“

„Mein neues Spielzeug in Betrieb nehmen.“

„Machen wir gleich – und sonst?“, bohrte sie weiter.

„Nichts, heute faulenzen wir mal. Bei der Hitze könnten wir auch schwimmen gehen“, schlug er vor.

„Daraus wird leider nichts, ich habe keinen Badeanzug dabei“, meinte sie enttäuscht.

„Das stört mich nicht“, versicherte er frech.

„Dachte ich mir. Aber mich!“, stellte sie klar.

„Spielverderber!“, murrte Josh. „Ich muss demnächst noch mal nach Rapid, ich nehme dich mit und setzte dich für ein paar Stunden im Shoppingcenter aus, dann kaufst du dir einen knappen Bikini und ich erledige meinen Kram.“ Josh hatte ein verräterisches Funkeln in den Augen.

„Badeanzug!“, korrigierte sie ihn.

Er zog demonstrativ eine Flunsch und schmollte. „Du gönnst mir aber auch gar nichts.“

„Ich bin auch sehr traditionell aufgewachsen, und das bedeutete, dass ein Mädchen nicht zu viel zeigen sollte. Weihnachtsgeschenke wickelt man ja auch nicht in Klarsichtfolie.“

„Nein, aber die darf man auspacken“, hielt er lachend dagegen.

Dann stand er auf und holte sein Handy. Es dauerte keine fünf Minuten, und er saß zufrieden mit dem Ding auf der Bank und suchte sich den passenden Klingelton aus.

Sannah flüchtete vor dem Gedudel in ihr Zimmer und holte das Buch. Sie zeigte ihm noch, wie man seine Visitenkarte verschickt, und er begann damit, alle Telefonnummern abzuspeichern. Josh zauberte zwei alte Liegestühle aus dem Schuppen, und sie verbrachten den restlichen Vormittag faul im Schatten der Veranda. Mit einem skeptischen Blick schnappte er sich ihr Buch und verzog spöttisch das Gesicht. Er las ein paar Zeilen der Liebesschnulze und fing an zu lachen. „Du hattest schon lange keinen Freund mehr, oder?“

Sannah lief rot an. „Was anderes hatten sie im Supermarkt nicht“, verteidigte sie sich empört.

„Ausrede! Man muss echt verzweifelt sein, um das zu lesen“, frotzelte er weiter und amüsierte sich köstlich über ihren verkniffenen Gesichtsausdruck.

Gegen Mittag tauchte unvermittelt Tyler auf, zwei Stunden zu früh.

„Hey, Tyler, geht deine Uhr falsch?“, fragte Josh.

Tyler schüttelte den Kopf und erklärte: „Nein, mein Dad hat schlechte Laune, da hab ich mich lieber verzogen.“

Joshs Miene verfinsterte sich. Er wusste, was das bedeutete. Daryl war wieder betrunken.

Sannah sah die beiden verwirrt an. Sein Dad? Sie würde immer noch Stein und Bein schwören, dass Josh Tys Vater war.

Josh bemerkte ihren ratlosen Gesichtsausdruck. „Hast du heute schon was gegessen?“, fragte er den Jungen, um Sannahs Augenmerk auf etwas Anderes zu lenken. Wieder schüttelte Tyler den Kopf.

Sie reagierte, wie Josh es erwartet hatte: Sannah stand auf und schob Tyler vor sich her. „Komm, Ty. Du bekommst jetzt erst mal einen Eistee, und dann kannst du mir beim Tisch decken helfen, wenn du magst.“

Tyler lächelte dankbar und ging mit Sannah in die Küche.

Als die beiden um die Ecke verschwunden waren, ballte Josh die Fäuste und biss die Zähne aufeinander. Er kochte vor Wut.

Kurze Zeit später stand das Essen auf dem Tisch. Tyler futterte drauflos und strahlte. „Das ist lecker, was ist das?“

„Schlangenfraß“, blödelte Josh mit einem Augenzwinkern.

Tyler, der den Wortwitz nicht verstanden hatte, sah Josh empört an. „Das ist doch kein Fraß!“, protestierte er.

Sannah lächelte süffisant, solidarisierte sich mit Tyler und warf Josh einen pikierten Blick zu.

Der hob lachend die Hände und deutete auf Sannah. „Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen!“, beteuerte er unschuldig.

„Das ist Hähnchen-Ragout“, erklärte sie.

„Schön, dass ich das jetzt auch weiß“, stellte Josh grinsend fest. Sannah spendierte noch ein bisschen Schokolade zum Nachtisch. Normalerweise war sie kein Freund davon, Kinder mit Süßigkeiten vollzustopfen, aber bei Tyler hatte sie den Eindruck, dass er so etwas sonst nicht bekam. Er hatte sich ausgehungert aufs Essen gestürzt, seine Kleidung war alt und verschlissen, die Schuhe kaputt. Der Junge lebte unterhalb der Armutsgrenze, wie so viele im Reservat.

Nach dem Mittagessen klopfte Josh Tyler auf die Schulter. „Du kannst mir helfen, ich will vor unserem Ausritt noch den Wallach bewegen, damit er nachher nicht mit Sannah nach Nebraska rennt.“ Er grinste breit, und die Jungs ließen sie konsterniert zurück.

Sannah sah den beiden hinterher und räumte mit einem mulmigen Gefühl im Magen den Tisch ab. Den sechshundert Kilo schweren Kindskopf auf dem Platz zu reiten, war eine Sache. Im offenen Gelände sah das schon ganz anders aus. Deswegen hatte Josh ihn wohl auch gestern mit auf die Weide genommen, vermutete sie, um zu testen, ob sich das Pferd benehmen würde.

Als sie auf der kleinen Weide angekommen waren, grinste Tyler Josh an. „Sie ist echt nett, ist sie deine Freundin?“

„Nein“, antwortete Josh mit einem kleinen Lächeln im Gesicht.

„Schade!“, meinte Tyler, dem der leicht bedauernde Tonfall in Joshs Stimme nicht entgangen war. „Dann solltest du dich besser ranhalten, bevor ein anderer sie dir wegschnappt“, riet er altklug. Josh traute seinen Ohren kaum und sah Tyler verblüfft an. „So, so, und was macht dich zum Experten in puncto Frauen?“, fragte er schmunzelnd.

„Na, ich bin ja schließlich schon dreizehn und kein Baby mehr! In der Schule laufen mir alle Mädchen hinterher“, erklärte Tyler selbstbewusst.

Josh verkniff sich das Lachen und sah Tyler ernst an. „Lass dir aber noch ein paar Jahre Zeit, bevor du mit einem Mädchen ins Bett gehst, sonst hast du nämlich ganz schnell ein eigenes Baby!“ Tyler lief schlagartig rot an und nickte verlegen.

Josh drückte ihm ein Halfter in die Hand und schickte ihn los, den Wallach zu holen. Er grübelte vor sich hin, bis Tyler mit dem Pferd zurückkam.

Eine Stunde später setzte sich der ganze Trupp in Bewegung. Josh ritt voran, und Sannah bildete die Nachhut. Die Kinder hatten, trotz der Hitze, gute Laune und freuten sich auf einen schönen Nachmittag. Josh hatte ihnen noch nichts vom geplanten Lagerfeuer erzählt, das sollte eine Überraschung werden. Er sah immer wieder nach hinten, um sich zu vergewissern, dass Sannah mit der Dynamitstange zurecht kam. Aber das Pferd trottete vergnügt mit den anderen mit, und Sannah saß entspannt im Sattel und freute sich darüber, die Gegend zu erkunden. Die Gruppe ritt entlang des Baches und blieb daher meistens im Schatten der Büsche und Bäume.

Tyler ließ sein Pferd zurückfallen, bis er neben Sannah angelangt war. „Du bist mutig. Ich würde mit dem noch nicht ausreiten“, gab er offen zu, während er auf ihr Pferd deutete.

Sannah versuchte, ihr mulmiges Gefühl zu unterdrücken. „Josh hätte ihn mir nicht gegeben, wenn er sich nicht sicher wäre, dass ich das überlebe“, sagte sie und versuchte, möglichst überzeugt zu klingen.

Tyler warf ihr einen schelmischen Blick zu. „Du musst ihn sehr mögen, wenn du ihm dein Leben anvertraust.“

Ihr entging nicht sein neugieriger Gesichtsausdruck, aber sie wollte auch nicht lügen. „Ja, ich mag ihn“, erwiderte sie schmunzelnd und fragte sich, was der Junge wohl im Schilde führte.

Tyler lächelte zufrieden. „Er mag dich auch“, stellte er fest. „Zieh doch mal ein hübsches Kleid an, das würde ihm bestimmt auch gefallen.“

Sannah fing an zu lachen.

„Hast du noch mehr gute Ratschläge?“

Tyler schüttelte mit einem frechen Grinsen den Kopf. „Erst mal nicht, aber mir fällt bestimmt noch was ein.“

„Da bin ich mir sicher. Wohin reiten wir eigentlich?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

Tyler zog die Schultern hoch. „Keine Ahnung, ich kenne mich hier auch nicht aus.“

„Aber du wohnst doch hier?“, fragte sie erstaunt.

„Noch nicht lange. Wir sind erst im Winter von der Cheyenne River Reservation hierher gezogen. Erst wollte ich nicht, aber hier ist es besser. Ich muss nicht mehr so weit zur Schule laufen, und wir haben jetzt Strom und fließendes Wasser im Haus. Früher brauchte ich über eine Stunde zur Schule, und nachmittags musste ich Wasser holen. Jetzt habe ich Zeit für die Hausaufgaben und zum Reiten.“ Sannah versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie erschüttert sie war. Sie dachte an die Kinder zu Hause, die den halben Tag vor ihrem Computer saßen und sich gar nicht klar darüber waren, in welchem Luxus sie lebten. Für Tyler waren fließendes Wasser und Freizeit Luxus.

„Finde ich gut, dass dir die Schule wichtig ist“, lobte sie.

Er nickte. „Seit ich weiß, dass in Kyle ein College ist, will ich dahin. Ich weiß noch nicht, ob ich das schaffe, aber ich will es wenigstens versuchen.“

„Das schaffst du bestimmt, und ich bin sicher, dass Josh dir dabei hilft, wenn es mal schwierig wird“.

„Hat er auch schon gesagt, und ich darf immer auf die Ranch kommen, wenn Dad miese Laune hat. Früher bin ich dann immer draußen herumgelaufen, auch im Winter.“ Er schluckte den Kloß im Hals runter. „Willst du nicht nach vorne zu Josh reiten?“, schlug Tyler vor und deutete auf ihre Kamera, die Sannah sorgfältig am Sattel festgebunden hatte. „Dann kannst du wieder Fotos machen, wenn wir an dir vorbeireiten.“

„Gute Idee! Dann bleibst du aber hier hinten und passt auf, dass die Jüngeren nicht verlorengehen.“ Sie trieb ihr Pferd vorwärts, an den Kindern vorbei, bis sie Josh erreicht hatte.

„Alles in Ordnung?“, fragte er und strahlte sie an.

„Alles bestens. Ty hat vorgeschlagen, ein paar Fotos zu machen, während ihr an mir vorbeireitet.“

„Das kannst du nachher machen“, sagte er. „Jetzt wollen wir galoppieren.“

Sie hatten offenes Gelände erreicht, und das Grasland breitete sich scheinbar endlos, in sanften Wellen vor ihnen aus. Der Anblick war unbeschreiblich schön.

„Wir galoppieren jetzt, bis wir die Furt am Creek erreichen“, rief Josh den Kindern zu. „Bleibt möglichst zusammen.“ Er galoppierte an, hielt aber ein gemäßigtes Tempo.

Das ließ sich Sannahs Teenager auf vier Beinen nicht zweimal sagen. Beim Anblick der freien Fläche ging sein Temperament mit ihm durch. Josh sah sich gerade nach den Kindern um, als der Wallach Gas gab und über die Ebene auf den nächsten Hügel zu raste. Sannah geriet nicht in Panik, sondern ließ ihn laufen und versuchte gar nicht erst, ihn zurückhalten zu wollen. Sie wusste, er würde sich nicht bremsen lassen. Je schneller das Pferd wurde, desto flacher wurden die Bewegungen seines Rückens. Sie gab ihm mehr Zügel und ging in den leichten Sitz, um den Sattel zu entlasten. Der Wallach galoppierte fast ungebremst mit ihr den Hügel hinauf und verschwand hinter der Kuppe aus der Sichtweite der anderen.

Josh hatte erst im letzten Moment bemerkt, was los war, und wendete sich wieder nach vorn. Gerade noch rechtzeitig, um Sannah hinter dem Hügel verschwinden zu sehen. Panik erfasste ihn. „Ihr bleibt hier!“, schrie er laut. „Ty passt auf!“ Dann trieb Josh sein Pferd an und jagte ihr hinterher.

Sannah war wie im Rausch. Der Wind wehte ihr ins Gesicht und zerrte an ihrem Haar und der Mähne des Pferdes. Die Landschaft zog an ihr vorbei, und sie hörte nur noch das dumpfe Geräusch der Hufe auf dem Grasboden, wie einen Herzschlag, der sie regelrecht in Trance versetzte. Sie hatte das Gefühl zu fliegen, frei wie ein Vogel. Die schier unendliche Landschaft vor Augen, wollte sie am liebsten nie wieder anhalten. Ihr Pferd jagte den nächsten sanften Hügel hinauf.

Josh war gerade auf der Kuppe des ersten angekommen, als er sah, dass sie mit unverminderter Geschwindigkeit schon wieder drohte, aus seinem Blickfeld zu verschwinden. Wenigstens war das Pferd nicht gestürzt, und sie saß noch im Sattel. Einen Augenblick später war sie nicht mehr zu sehen. „Verdammt“, fluchte er und folgte ihr.

An der Furt holte er sie ein. Sannah hatte es geschafft, ihr Pferd vor dem Bach zum Stehen zu bringen, und sah völlig entrückt auf das glitzernde Wasser. Als sie Josh hinter sich hörte, wendete sie ihr Pferd und strahlte ihn an. Ihr Atem ging keuchend, das unbändige Gefühl von Freiheit stand ihr ins Gesicht geschrieben und ihre großen dunklen Augen funkelten wie die Wasseroberfläche des Bachs. Sie sprühte geradezu vor unerschöpflicher Lebensfreude.

„Das war himmlisch!“, rief sie übermütig.

Ihr Anblick raubte ihm den Verstand. Er stieg vom Pferd, zog sie aus dem Sattel und drückte sie an sich, unendlich erleichtert, dass ihr nichts passiert war. Allein die Vorstellung, er hätte Sannah am Boden liegend gefunden, jagte ihm Schauer des Entsetzens über den Rücken. Josh sah sie an und strich ihr sanft das zerzauste Haar aus dem Gesicht. „Ich hatte Angst um dich“, sagte er einfach, obwohl das längst nicht alles war, was in seinem Inneren an Gefühlen tobte.

Sannah war immer noch atemlos, und der Umstand, dass er sie im Arm hielt und sie mit seinen schwarzen Augen förmlich auffraß, trug auch nicht gerade dazu bei, dass sie sich beruhigte. Sie schluckte trocken.

„Wir sollten zurückreiten, die Kinder sind allein“, appellierte sie an sein Verantwortungsgefühl.

Josh löste nur zögernd seine Umarmung. „Du hast recht“, meinte er und steuerte auf Sannahs Pferd zu.

„Nichts da! Das ist meiner!“, protestierte sie energisch und schob ihn mit sanfter Gewalt von ihrem Pferd weg.

„Du willst da wieder drauf?“, fragte er freudig überrascht.

„Na klar!“, erwiderte sie, immer noch ganz euphorisch von dem wilden Ritt. „Wie hast du so schön gesagt? Der hat sein Pulver für heute verschossen. Außerdem war das besser als Sex!“ ‚Ups, an diesem Freudschen Versprecher hätte Sigmund seine wahre Freude gehabt‘, dachte sie und biss sich auf die Lippe.

Josh war für den Bruchteil einer Sekunde das Lächeln aus dem Gesicht gekippt und hatte dem Erstaunen Platz gemacht, bevor er anfing schallend zu lachen. Seine ganze Anspannung löste sich und schüttelte ihn derart durch, dass er kaum noch dazu fähig war, in den Sattel zu steigen.

Sannah saß mittlerweile wieder auf ihrem Pferd und strafte ihn mit einem missbilligenden Blick. „Nun krieg dich mal wieder ein. So lustig war das jetzt auch nicht.“ Mit einem Kopfschütteln setzte sie ihr Pferd in Bewegung.

Josh japste nach Luft und rang vergeblich um Fassung. „Doch!“ Er lachte und hangelte sich am Sattel hoch. „Erst recht nach deiner Moralpredigt über knappe Bikinis! Wenn ich auch nur geahnt hätte, was in deinem Kopf vorgeht, hätte ich dich eben geküsst und dir die Klamotten vom Leib gerissen!“

Sannah lief rot an, was ihn nur zu einer neuerlichen Lachsalve anfeuerte. Sie ritten den Hügel empor und waren fast schon oben angekommen, als sich sein Lachen in ein hämisches Grinsen verwandelte und das Raubtier mit einem riesigen Satz aus ihm herausbrach. „Aber das kann ich ja nachholen“, drohte er amüsiert. Sannah kreischte und floh im Galopp vor ihm davon.

Die Kinder hatten inzwischen auf der Hügelkuppe Position bezogen, um einen besseren Überblick zu haben, als sie sahen, wie Sannah kreischend auf die andere Kuppe galoppierte. Einen Moment später jagte Josh mit einem wilden Kriegsschrei hinter ihr her.

Sie raste den Hügel hinab, direkt auf die Kinder zu, und rief: „Ómakiya pe! Tóka! Ómakiya pe!“ – Helft mir! Ein Feind! Helft mir! Dabei deutete sie auf Josh.

Die Kinder johlten vor Vergnügen und galoppierten auf Josh zu, um ihn von Sannah abzudrängen. Sannahs Wallach war schneller, weil er weniger Gewicht zu tragen hatte, und so erreichte sie die wilde Horde der Kinder, die nun anfingen Josh zu verfolgen. Der hatte, angesichts der Übermacht, die Sannah mobilisiert hatte, abgedreht und schlug nun mit seinem Pferd Haken, die nur ein gut ausgebildetes Cutting-Pferd fertigbrachte, um Rinder einzufangen.

Die Kinder hefteten sich entschlossen an seine Fersen und begannen eine wilde Hetzjagd auf Josh. Sannah ließ sich ein wenig zurückfallen, um den Kids nicht in die Quere zu kommen. Außerdem konnte sie sich vor Lachen kaum noch im Sattel halten. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal so viel Spaß gehabt hatte. Die Kinder saßen ihm immer noch im Genick und trieben ihn, mit wildem Geschrei, über den Hügel. Sie beeilte sich hinterherzukommen. An der Furt hatten sie Josh umzingelt und zum Stehen gebracht. Sie stürzten sich begeistert auf ihn und zerrten ihn lachend vom Pferd. Er spielte amüsiert mit und ergab sich.

Sannah stieg aus dem Sattel und warf dem am Boden liegenden Josh einen verschmitzten Blick zu. Er konnte sich nur mit Mühe das Lachen verkneifen und spielte weiter den Gefangenen. Die Mädchen hatten mittlerweile einen Strick aus den langen Grashalmen geflochten und fesselten Josh kichernd die Handgelenke. „Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Tyler barsch. Seine Augen leuchteten vor Vergnügen.

„Wir machen hier Rast, bis sich die Pferde erholt haben, dann brechen wir auf und nehmen ihn mit in unser Lager. Dort werden wir am Feuer beraten, was mit dem feindlichen Krieger geschehen soll“, verkündete Sannah bierernst.

„Hécetu!“, stimmte Tyler zu.

„Kühlt euch ab und tränkt die Pferde“, sagte sie zu den Kindern. „Ich bewache ihn!“

Josh hatte sich hochgerappelt, und Sannah schob ihn vor sich her in den Schatten eines Baumes, während die Kinder vergnügt im Wasser planschten. Sie holte ihre Kamera und machte ein paar Fotos, unter anderem auch von Josh, der sich Mitleid heischend, mit gefesselten Händen hingesetzt und an den Stamm gelehnt hatte. Die Kinder schöpften Wasser in ihre Hände, kamen nun auf Josh zu und spritzten ihn damit voll.

„Hécunpi schni yo! – Tut das nicht, brüllte er grimmig und schlug die kichernden Kinder in die Flucht.

Sannah drückte lachend weiter auf den Auslöser und befestigte die Kamera dann wieder am Sattel. Ihr Wallach stand mittlerweile am Bach und löschte seinen Durst, und so kühlte sie sich auch ein bisschen ab und kehrte dann zu dem Gefangenen zurück. Sie setzte sich neben Josh unter den Baum, grinste frech und amüsierte sich köstlich bei diesem Spiel.

„Das wirst du mir heute Abend büßen!“, raunte er ihr schmunzelnd zu.

„Drohe mir lieber nicht, Machpíya-Ska!“, sagte sie und nannte seinen Namen, White Cloud, auf Lakota. „Du weißt nicht, wozu ich noch fähig bin“, drohte sie unheilvoll.

„Na, so langsam geht mir ein Licht auf, dass man kleine Mädchen nicht unterschätzen sollte. Jedenfalls ist dein Sprachführer bemerkenswert. Ich wusste gar nicht, dass „Helft mir, ein Feind!“ zu den Höflichkeitsfloskeln gehört.“

„Man muss für alles gewappnet sein, schließlich kann man ja nie wissen, ob das mal nützlich ist. Ich kann sogar nach dem Klo fragen“, versicherte sie stolz.

„Nur blöd, dass hier keins ist“, frotzelte er zurück.

Die Pferde zupften genüsslich das frische Grün am Bachufer, die Kinder hatten sich abgekühlt und lagen im Gras.

Josh sah auf seine Uhr. „Wir sollten allmählich zurück, sonst wird es für das Feuer ein bisschen spät.“

Sannah rief die Kinder zusammen und blies zum Aufbruch. Ein paar Minuten später setzte sich der Trupp in Bewegung. Tyler ritt voraus, Sannah und Josh bildeten das Schlusslicht. Er fummelte an seinen Fesseln aus Gras herum.

„Willst du dich befreien und flüchten?“, unterstellte Sannah.

Josh sah sie vorwurfsvoll an. „Hältst du mich für einen Feigling? Das hat sich vorhin schon in Wohlgefallen aufgelöst. Ich halte es nur fest, damit die Kids nachher nicht enttäuscht sind!“

Sie lächelte versonnen. „Der Ausritt erinnert mich an meine Kindheit. Ich habe mit den Kindern aus der Nachbarschaft immer Cowboy und Indianer gespielt, aber es hat mir noch nie so viel Spaß gemacht wie heute.“

„Liegt vielleicht daran, dass du heute mit echten Indianern gespielt hast und nicht ein Cowboy dabei war“, höhnte Josh lachend.

„Vielleicht“ sagte sie. „Echte Pferde hatten wir damals auch noch nicht.“

„Wer hat gewonnen?“, wollte Josh wissen.

„Die Indianer natürlich! Die Cowboys wurden am Marterpfahl festgebunden, und wir tanzten laut schreiend drumherum und haben unseren Sieg gefeiert. Hinterher hat mein Vater dann ein Feuer gemacht und es gab Stockbrot und Würstchen.“

Er fing an zu lachen und fragte ungläubig: „Marterpfahl?“

Sannah biss sich auf die Zunge und schalt sich selbst, weil sie den Fettnapf mal wieder zu spät erkannt hatte. „Entschuldige. Ich wollte nicht unhöflich sein. Wir waren Kinder! Alles, was ich über eure Kultur zu wissen glaubte, stammte aus Büchern von Karl May, und der hatte ja bekanntlich auch keine Ahnung!“

Josh lächelte versöhnlich. „Hab ich auch gelesen. Das Buch hat mir mal ein Tourist geschenkt. Ich konnte diesen weichgespülten Apachen nicht leiden. Er nannte uns die feigen Kröten der Ogallallahs. Oglala auch noch falsch geschrieben“, spottete er. „Was hast du denn gespielt, den Cowboy oder den Indianer?“

„Wir haben uns immer abgewechselt, jeder musste mal den bösen Cowboy spielen, aber ich hatte als kleines Mädchen langes Haar. Es reichte mir fast bis zum Hintern. Deswegen war ich immer ein Indianer, ganz einfach, weil ich wie einer aussah“, antwortete sie. „Tust du immer noch, ich bin auch darauf hereingefallen, als ich dich zum ersten Mal sah. Nur schade, dass du die langen Haare nicht mehr hast.“ Dabei versuchte er sich vorzustellen, wie sie wohl mit langen Haaren aussehen würde.

„Als ich meine Facharztausbildung begonnen hatte, habe ich sie abgeschnitten. Sie passten nicht unter die OP-Haube“, erklärte sie ein bisschen traurig.

„Scheiß Job!“, stellte Josh grinsend fest.

Kurze Zeit später erreichten sie die Ranch. Sannah spielte, zur Begeisterung der Kinder, das Spiel weiter.

„Der Gefangene soll Feuer machen! Zwei von euch bewachen ihn dabei, die anderen bringen die Pferde zurück auf die Weide, eure eigenen Pferde stellt ihr auf den Reitplatz“, verkündete sie und nahm die Kamera vom Sattel, um später noch Fotos vom Lagerfeuer zu machen.

„Wie soll ich Feuer machen, wenn meine Hände gefesselt sind?“, warf Josh ein. „Schneidet mich los! Oder habt ihr Angst vor mir?“, fragte er provozierend und streckte stolz das Kinn vor.

Tyler hatte ein Einsehen und riss die Graszöpfe von Joshs Handgelenken, ohne zu bemerken, dass Josh die losen Enden festhielt. Josh machte einen Satz auf die Kinder zu und brüllte wie ein Stier. Die Kinder rannten lachend und kreischend davon und kümmerten sich dann um die Pferde.

Josh begann mit Tyler und einem anderen Jungen Feuer zu machen. Er hatte den Grillplatz schon am Vorabend vorbereitet, und so fehlte nur ein Feuerzeug und ein bisschen Papier, um das aufgestapelte Holz in Brand zu setzten. Er klopfte vorher noch auf den Stapel, um sicher zu gehen, dass sich in der Zwischenzeit keine Schlange darunter verkrochen hatte. Niemand wollte sich beißen lassen, aber eine Schlange verletzen wollte er auch nicht. Sannah kümmerte sich indessen um das Essen. Sie lud Würstchen, Brotteig, Getränke und die Stöcke in einen großen Wäschekorb und trug alles zum Grillplatz.

Nach und nach trudelten die Kinder wieder ein und setzten sich auf die Stämme, die im Quadrat um das Feuer herum lagen. Ihre Augen blitzten vor Neugier, was als Nächstes geschehen würde. Sannah verteilte die Stöcke, erklärte, wie man am besten die Würstchen aufspießt, und half den Jüngeren dabei, den Teig um die Stöcke zu wickeln. Die Kinder strahlten, plapperten fröhlich durcheinander und freuten sich auf das ungewöhnliche Essen. Bald saßen alle gespannt am Feuer und drehten sorgfältig ihre Spieße, damit die Würstchen nicht verbrannten.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
682 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783948878122
Telif hakkı:
Bookwire
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