Kitabı oku: «Ende gut, alles gut»
Kay Rivers
Katja Freeh
u.a.
ENDE GUT, ALLES GUT
Romantische Weihnachtsgeschichten
© 2020
édition el!es
www.elles.de info@elles.de
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-336-4
Coverfoto:
iStock.com/cdwheatley
Coverillustration:
iStock.com/Nastco
Abbildung »Marktpyramide« ist eine Abwandlung des Fotos »Ortspyramide Annaberg-Buchholz« von Yvonne Bentele, CC BY-SA 4.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2009-12_Ortspyramide_Annaberg-B.jpg
Kay Rivers
Kastanien im Feuer
1
»An Weihnachten ist hier die Hölle los!«, erklärte Michelle ungehalten. »Da kommt ganz Amerika zu uns nach Disneyland. Und der halbe Rest der Welt auch noch. Da kann ich nicht privat Weihnachten feiern! Dafür habe ich gar keine Zeit.«
Cindy betrachtete sie nachdenklich. Sie wusste, dass sie jetzt nicht weiter über das Thema sprechen konnte, wenn Michelle in so einer Stimmung war. Wahrscheinlich hatte sie noch nie richtig Weihnachten gefeiert, da sie ja auch keine Familie hatte, aber Cindy war der Meinung, Weihnachten zu feiern gehörte einfach dazu. In ihrer Familie war es immer so üblich gewesen, und sie erinnerte sich gern daran.
»Du musst dich auch einmal ausruhen«, versuchte sie, Michelle zu beruhigen, weil sie sich meist immer noch mehr aufregte, wenn sie einmal am Drehen war.
»Aber doch nicht zu Weihnachten!« Michelle blitzte sie an. »Das ist eine der wichtigsten Geschäftszeiten im Jahr. Wenn nicht die wichtigste überhaupt. Die Umsatzzahlen erreichen wir sonst praktisch nie.«
Ja, das Geschäft. Der Umsatz . . . Cindy seufzte innerlich. Man hätte meinen können, Disney gehörte Michelle persönlich, so, wie sie sich für den Geschäftsgang einsetzte. »Natürlich«, sagte sie besänftigend. »Das weiß ich.«
»Aber du verstehst es offensichtlich nicht.« Auch Michelle versuchte anscheinend, sich zu beruhigen und nicht mehr so gereizt mit Cindy zu sprechen, wie sie es zuvor getan hatte. Sie begann sogar entschuldigend zu lächeln und trat auf Cindy zu, legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute ihr tief in die Augen. »Wir können das nachholen. Nach Weihnachten. Wenn es hier wieder ruhiger ist«, sagte sie leise, und ihre Stimme klang jetzt eher warm als gereizt. »Aber direkt an Weihnachten Weihnachten feiern . . . Das geht einfach nicht. Da muss ich fast vierundzwanzig Stunden am Tag hier sein und arbeiten.«
An Weihnachten Weihnachten feiern geht nicht. Cindy fragte sich, ob sie je so etwas Widersinniges gehört hatte. Vermutlich gab es eine ganze Menge Leute, die an Weihnachten arbeiten mussten, aber darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Allerdings hatte sie ja auch noch nie durchgehend außerhalb der Uni gearbeitet, höchstens in den Semesterferien. Ganz sicher aber nicht an Weihnachten. Die Tage gehörten ihrer Familie. Bisher ihrer Familie in Florida, aber jetzt war ihre Familie hier in Kalifornien, bei Michelle. Mit Michelle.
»Du meinst nicht . . . Wenigstens ein paar Stunden . . .?« Sie verstand ja, dass Michelle für den Park sehr eingespannt war, wenn viele Leute kamen. Und das war an Weihnachten nun einmal der Fall. Aber das konnte doch nicht bedeuten, dass es für sie beide überhaupt kein Weihnachtsfest geben würde. Ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest überhaupt.
Entschieden schüttelte Michelle den Kopf. »Nein. Noch nicht einmal ein paar Stunden.« Sie lächelte Cindy um Verzeihung bittend an und verzog ein wenig das Gesicht. »Danach können wir nach Colorado fliegen und ein bisschen Skifahren oder was immer du willst«, bot sie als Entschädigung an. »Aber Weihnachten ist Arbeitszeit. Hochsaison. Keine Zeit, um zu feiern.«
Das hatte Cindy bisher immer anders gesehen. Aber sie konnte an Michelles Einstellung im Moment wohl nichts ändern. Für sie war das seit vielen Jahren die Realität, das Normale. Wahrscheinlich konnte sie es sich gar nicht anders vorstellen.
»Flieg doch zu deiner Mutter«, schlug Michelle jetzt vor, während sie schon zu ihrem Schreibtisch zurückging, von dem sie sich nur widerwillig für eine Minute getrennt hatte, um mit Cindy zu reden. »Sie erwartet dich doch bestimmt zu Weihnachten. Dann könnt ihr dort ein schönes Fest feiern, und danach feiern wir in Colorado.« Sie lächelte leicht geistesabwesend zu Cindy herüber, weil ihr Blick bereits wieder von irgendwelchen Vorgängen auf ihrem Bildschirm gefangen war.
Voller ungläubigem Entsetzen, das sie nicht verstecken konnte, auch wenn sie das gewollt hätte, schaute Cindy sie an, als sie sich vorstellte, was die Konsequenzen dieser Entscheidung wären. »Ich wäre dann zu Weihnachten in Florida und du hier in Kalifornien?« Was schlug Michelle ihr da vor?
»Du wärst bei deiner Mutter«, hielt Michelle dagegen. »Da würde ich ja sowieso nur stören.«
Protestierend schüttelte Cindy den Kopf. »Wie kommst du denn darauf? Meine Mutter würde sich sehr freuen, wenn du kommst. Wenn sie endlich einmal wieder ein richtiges Familienfest zu Weihnachten hat.«
Skeptisch blickte Michelle sie an. »Ich weiß, euch bedeutet Familie sehr viel. Aber für mich . . .« Sie zuckte die Schultern »Ich weiß nicht, was das ist. Ich kenne das alles nicht.«
»Aber deshalb wäre es doch schön, wenn du es einmal kennenlernen würdest.« Mittlerweile war Cindy schon ziemlich verzweifelt.
Die Alternativen waren also entweder: Sie flog nach Florida und war dort zwar mit ihrer Mutter zusammen, aber trotzdem in gewisser Weise allein, weil Michelle nicht da war. Oder sie blieb hier bei Michelle, sah sie vermutlich so gut wie gar nicht, sah ihre Mutter auch nicht, und hatte vielleicht sogar ein noch einsameres Weihnachtsfest.
Das hatte sie sich ein bisschen anders vorgestellt, als sie Michelle geheiratet hatte. Sie wünschte sich ein Familienleben, wie es andere Leute hatten. Aber das war mit Michelle so gut wie nicht möglich.
»Gut«, seufzte sie. »Dann werde ich wohl meine Mutter anrufen. Mal sehen, was sie sagt.«
»Ja, tu das.« Michelle antwortete nur abwesend murmelnd, denn ihre Augen hingen jetzt endgültig am Bildschirm ihres Computers, wo sie irgendwelche Tabellen überprüfte, und sie hatte wahrscheinlich fast schon vergessen, dass Cindy überhaupt da war.
2
»S»o etwas hatte ich fast schon ein bisschen befürchtet.« Cindys Mutter Lindsay Ann seufzte. »Sie ist nun einmal so. Normalerweise kennt man das ja eher von Männern, aber sie . . .«, tief holte sie Luft, »ist eben eine besondere Frau.«
»Sie ist meine Frau, Mum«, erwiderte Cindy etwas gereizt. »Auch wenn du das vielleicht nicht verstehst.«
»Aber ich verstehe dich doch.« Lindsay Ann Claybourne lachte. »Wieso sollte ich nicht? Sie ist eine sehr schöne Frau, eine sehr erfolgreiche Frau und außerdem die Frau, die du liebst. Ich mag sie ja auch. Wie kommst du darauf, das wäre nicht so?«
»Sie liebt mich auch.« Das musste Cindy noch erwähnen, denn das hatte ihre Mutter in der Aufzählung vergessen. »Aber ihr Job ist eben . . .« Beinah schicksalsergeben atmete sie durch. »Den kennt sie schon länger als mich. Viel länger.«
»Und deshalb hat er ältere Rechte, meinst du? Nein, nein.« Ihre Mutter schüttelte heftig den Kopf, was Cindy auf dem Bildschirm ihres Smartphones sah. »So funktioniert das nicht. Wenn man verheiratet ist, dann gibt es einfach Tage, die gehören der Familie. So war es immer.«
»Sie hatte nie eine Familie«, wandte Cindy Michelle in Schutz nehmend ein. »Sie kennt das nicht.«
»Das ist keine Entschuldigung.« In so etwas verstand Lindsay Ann keinen Spaß. »Mag ja sein, dass sie nie eine hatte, aber jetzt hat sie eine. Zumindest dich. Wenn sie mich nicht dazuzählt. Und John.«
»Ich glaube schon, dass sie dich dazuzählt«, sagte Cindy. »Aber das Wort Mutter hat für sie nicht direkt eine Bedeutung. Jedenfalls keine positive.«
»Ich weiß.« Lindsay Ann nickte. »Aber ich bin nicht ihre Mutter, nur ihre Schwiegermutter. Ich habe noch nie von ihr verlangt, dass sie Mutter zu mir sagt. Dennoch gehört es sich einfach, dass man Weihnachten mit der Familie verbringt. Ist ja nicht so, dass sie Flaschen sammeln müsste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie verdient genug. Und du hast auch dein Auskommen. Mehr als das. Also gibt es keinen Grund, an einem Feiertag zu arbeiten. Vor allem nicht an diesem Feiertag.«
»Aber was soll ich machen, wenn sie nicht will?«, fragte Cindy und biss sich auf die Unterlippe.
Kurz schien ihre Mutter zu überlegen. »Ich glaube, sie hat Angst«, sagte sie dann.
»Michelle? Angst?« Verblüfft lachte Cindy auf. »Höchstens die, ihren Job zu verlieren«, ergänzte sie in Erinnerung an all das, was geschehen war. »Und die Gefahr besteht nicht mehr. Seit wir das mit dem Brand damals geklärt haben, sitzt sie sehr fest im Sattel.«
Lindsay Ann schüttelte den Kopf. »Auch wenn ihr Job immer ihr Leben war, aber ich glaube nicht, dass das das ist, was ihr am meisten Angst macht im Leben«, sagte sie. »Nach allem, was du mir erzählt hast, hat sie vor allem Angst vor Gefühlen. Und da ist Weihnachten natürlich ganz besonders gefährlich.«
Nachdem sie sich das kurz hatte durch den Kopf gehen lassen, nickte Cindy nachdenklich. »Damit könntest du recht haben. Es ist jedes Mal ein Kampf mit ihr, wenn es um Gefühle geht. Obwohl sie sie hat.« Um Verständnis flehend schaute sie ihre Mutter an. »Sie hat sie. Ganz bestimmt, Mum. Das hat sie mir schon oft gezeigt. Aber wenn andere Leute dabei sind . . .«
»Und ich bin natürlich andere Leute. Für sie.« Scheinbar resigniert atmete Lindsay Ann durch. »Da muss man mal überlegen . . .«
Cindy kannte ihre Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie sich nie so schnell geschlagen geben würde. Nicht, wenn es um die Familie ging. »Warum?«, fragte sie deshalb vorsichtig. »Was hast du vor?« Sie wartete kurz auf eine Antwort, die nicht kam. »Was denkst du gerade?«, fügte sie aus diesem Grund jetzt doch etwas alarmiert hinzu.
»Oh, mir geht so einiges durch den Kopf.« Lindsay Ann tat ziemlich harmlos, aber Cindy wusste, dass nichts, was jetzt in ihrem Kopf vor sich ging, harmlos war. Nicht für Michelle.
»Bitte, Mum . . .« Cindy fühlte sich hin und her gerissen, denn sie wusste, dass alles, was ihre Mutter jetzt dachte, darauf hinauslief, doch noch ein schönes Weihnachtsfest zu haben. Mit Michelle.
Gleichzeitig wusste sie, dass Michelle einen Wutanfall kriegen würde, wenn sie herausfand, dass sie manipuliert worden war. Das liebte sie gar nicht. Nein, das war zu schwach ausgedrückt. Sie hasste es.
»Du musst das verstehen . . .«, setzte sie erneut vorsichtig an.
Aber sofort wurde sie von ihrer Mutter unterbrochen. »Ich verstehe das durchaus.« Lindsay Ann schürzte die Lippen. »Aber ich unterstütze so etwas nicht. Manche Leute müssen eben zu ihrem Glück gezwungen werden. Und ich denke, Michelle gehört dazu.« Leicht bedauernd verzog sie das Gesicht. »Weil sie anscheinend immer noch nicht wirklich weiß, was Glück ist.« Gleich darauf wandelte sich ihr Gesichtsausdruck jedoch wieder und wurde geradezu spitzbübisch. »In der Beziehung ist sie glaube ich tatsächlich wie ein Mann. Die muss man auch manchmal in die richtige Richtung schubsen. Sie dürfen es nur nicht merken.« Sie grinste fast wie ein Teenager, der sich einen Streich ausgedacht hat.
Ablehnend schüttelte Cindy den Kopf. »Ich will nicht unehrlich zu ihr sein, Mum. Das verträgt sie nicht. Ganz und gar nicht.« Sie holte tief durchatmend Luft. »Man weiß nie, was dann passiert.«
Kurz schaute ihre Mutter besorgt, doch dann lachte sie. »Sie hat dich schon ziemlich gut erzogen, hm? Du bemühst dich immer, sie wie ein rohes Ei zu behandeln. Aber glaub mir, das ist nicht nötig. Sie hat eine ganz schön harte Schale. Auch wenn das Innere butterweich ist.« Ihre Mundwinkel zuckten. »Kommt öfter vor. Du bist nicht die erste Frau, die damit zu kämpfen hat. Aber auf die Dauer ist es ziemlich anstrengend, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen und so einen Eiertanz aufzuführen. Deshalb solltest du da jetzt schon einen Riegel vorschieben. Sonst hast du in deiner ganzen Ehe damit zu tun. Und das ist nicht schön.«
Cindy schnappte nach Luft. »Du willst mir doch nicht etwa erzählen, dass Dad –?«
Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, nicht dein Dad. Aber ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass dein Vater nicht der einzige Mann war, den ich näher gekannt habe?«
»Mum!« Der Ausruf entfuhr Cindy unvermittelt, ohne dass sie es wollte.
Gespielt missbilligend schüttelte Lindsay Ann den Kopf. »Ts, ts. Ihr Kinder immer . . . Selbst die tollsten Sachen veranstalten, aber wir Eltern sollen die reinsten Engel gewesen sein, als wir jung waren? Findest du das nicht ein bisschen unlogisch?«
Das musste Cindy zwar zugeben, aber trotzdem konnte sie sich ihre Mutter nicht als eine wilde Peggy Sue vorstellen.
Lindsay Ann beobachtete ihr Gesicht und lachte dann ganz laut auf. »Du müsstest jetzt mal dein Gesicht sehen. Nein, ich habe kein ›kleines schwarzes Buch‹.« Sie schüttelte erneut den Kopf, wurde dabei jedoch wieder ernst. »Aber ich habe leider die eine oder andere Freundin, Bekannte, Nachbarin gehabt, die sich da sehr vertan hat. Und das hatte höchst unangenehme Folgen.« Besänftigend hob sie die Hände, als sie sah, wie Cindy die Lippen öffnete, um zu widersprechen. »Ich will ja gar nicht behaupten, dass Michelle so ist. Aber wie ich schon erwähnte, mein Rat ist: Wehret den Anfängen. Das ist immer das Beste.«
So grundsätzlich konnte Cindy dem kaum widersprechen. Das war eine immer gültige Wahrheit. »Ich möchte einfach nur ein schönes Weihnachtsfest haben«, murmelte sie etwas selbstvergessen vor sich hin. »Mit meiner Frau. Ist das denn zu viel verlangt?«
Lindsay Ann lachte. »Selbstverständlich ist das nicht zu viel verlangt.«
Cindy zuckte fast zusammen, weil sie mehr zu sich selbst gesprochen hatte als zu ihrer Mutter und jetzt beinah überrascht war, dass sie ihr antwortete. »Ich wusste, wie sie ist, als ich sie geheiratet habe«, seufzte sie. »Wenn ich ein Heimchen am Herd hätte haben wollen, hätte ich jemand anderen heiraten müssen.«
»Ihr habt schon so viel miteinander durchgemacht.« Lächelnd betrachtete Lindsay Ann ihre Tochter auf dem Bildschirm des PCs vor sich, an dem sie saß. »Da wird jetzt doch Weihnachten nicht das piece de resistance sein, das ihr nicht zusammen genießen könnt.«
»Ach Mum . . .« Bis jetzt hatte Cindy gestanden, während sie mit ihrer Mutter telefonierte, nun ließ sie sich auf die Couch fallen und hielt das Handy über sich in die Luft. »Vielleicht war ich doch zu . . . naiv.« Sie seufzte erneut. »Ich glaube, niemand, der nicht das durchgemacht hat, was sie in ihrer Kindheit durchgemacht hat, als sie aufgewachsen ist, kann das nachempfinden. Und ich bin nicht so aufgewachsen. Noch nicht mal ansatzweise. Ganz im Gegenteil.«
Ihre Mutter atmete tief durch. »Da bin ich natürlich auch überfragt. Ich weiß aber, dass das langwierige Folgen haben kann. Selbst wenn man so erfolgreich ist wie Michelle. So richtig bekommt man das wohl sein Leben lang nicht mehr los.«
»Sie tut immer so, als hätte sie alles im Griff, aber in Wirklichkeit ist sie glaube ich sehr . . . verunsichert«, stellte Cindy bedrückt fest. »Sie kämpft ständig dagegen an, und das kostet sie sehr viel Kraft. Die ihr dann in anderen Dingen fehlt.«
»In Gefühlsdingen zum Beispiel«, vermutete Lindsay Ann, ohne dass es eine Frage war.
Dazu konnte Cindy noch nicht einmal etwas sagen, denn plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. »Ich liebe sie so, Mum«, brachte sie dann tränenerstickt hervor. »Und ich bin glücklich mit ihr. Sie ist alles, was ich will. Aber manchmal habe ich das Gefühl –« Sie brach ab, sonst hätte sie ein Schluchzen nicht mehr zurückhalten können.
Ihre Mutter verstand sie sofort. »Manchmal hast du das Gefühl, dass du nicht alles bist, was sie will«, setzte sie den Satz mit einem mitfühlenden Nicken fort. »Sie würde für dich niemals ihren Job aufgeben. Das ist es doch, nicht wahr? Während du damit wahrscheinlich keine Probleme hättest. Obwohl du das gern tust, was du tust.«
»Das würde ich doch niemals von ihr verlangen.« Cindy schüttelte den Kopf. »Ich weiß, wie wichtig das für sie ist. Wie hart sie dafür gearbeitet hat. Immer noch arbeitet. Sie hat diesen Job mehr als verdient.«
Ein verdächtiges Zucken bildete sich um Lindsay Anns Mundwinkel. »Aber nicht an Weihnachten. An Weihnachten willst du sie für dich haben.«
Eine Weile sagte Cindy nichts, denn sie musste zugeben, dass ihre Mutter recht hatte. Michelles Wünsche hin oder her, an Weihnachten wollte Cindy das haben, was sie sich wünschte. Aber das konnte sie nicht. Sie seufzte zum dritten Mal in dieser Unterhaltung, und diesmal klang es resigniert. »Ja, das ist wirklich zu viel verlangt, Mum«, sagte sie leise. »Ich sehe es ein. Ich bin unvernünftig. Ich habe mir dieses Leben mit ihr ausgesucht, und nun muss ich auch dazu stehen.«
Das versteckte Lächeln auf Lindsay Anns Gesicht verwandelte sich in ein fast jugendliches Grinsen. »Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte sie lebenserfahren. »Du musst nur einen Weg finden, das, was du machen willst, zu etwas zu machen, das ihr beide wollt. Es hat keinen Sinn, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Das bringt nie etwas. Aber wenn Michelle denkt, sie würde etwas verpassen, wenn sie Weihnachten nicht mit dir verbringt, könnte sie sich vielleicht selbst dafür entscheiden, ein paar Stunden für dich abzuzweigen.«
»Und was könnte das wohl sein, was sie nicht verpassen will?«, fragte Cindy, richtete sich wieder leicht auf und saß nun mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa. Sie verzog die Lippen. »Und das nicht den Namen Disney quer über die Stirn tätowiert trägt?«
Ihre Mutter machte eine kurze Pause, in der sie sie nur ansah. »Wie wäre es, wenn wir das hier in Florida besprechen würden? Nicht mit einem Bildschirm zwischen uns?«
Cindy stutzte. »Du meinst, ich soll . . .«, stammelte sie etwas überrumpelt, »jetzt schon zu dir kommen? Nicht erst zu Weihnachten?«
»Das ist schon in einer Woche.« Lindsay Ann zuckte die Schultern. »Die paar Tage mehr oder weniger . . .«
Nun machte Cindy eine kurze Pause. »Ah, ich verstehe«, nickte sie dann schmunzelnd. »Ich soll sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Vielleicht vermisst sie mich und kommt nach. Rechtzeitig zur gemeinsamen Weihnachtsfeier.«
Lindsay Ann schüttelte den Kopf. »Darauf allein würde ich nicht wetten. Schließlich habt ihr euch schon oft tagelang nicht gesehen. Sie ist das gewöhnt. Und ihre Arbeit läuft einfach weiter. Ohne dass du sie störst.« Etwas bedauernd hob sie die Augenbrauen. »Das könnte sie sogar noch mehr vergessen lassen, dass es neben dem geschäftlichen Weihnachten auch noch ein privates Weihnachten gibt. Aber ich würde mich freuen«, sie beugte sich vor, »wenn du nicht nur zwei Tage da wärst.«
Cindy lachte. »Das ist also ganz egoistisch? Ich war doch erst an Thanksgiving da, wie üblich.«
»Thanksgiving ist schon ewig her«, winkte Lindsay Ann ab. »Und außerdem warst du da allein hier. Weil sie . . .«, diese Pause jetzt war eine bedeutungsvolle, »natürlich wieder mal keine Zeit hatte.«
»Du darfst ihr das nicht –«, setzte Cindy schon an, Michelle zu entschuldigen wie immer. Aber dann brach sie den Satz selbst ab. »Nein, diesmal nicht«, fügte sie stattdessen entschlossen hinzu. »Du darfst ihr das übelnehmen. Die Zeiten haben sich geändert. Sie ist jetzt eine verheiratete Frau und hat eine Familie. Das muss sie jetzt einfach mal akzeptieren.«
Vergnügt warf Lindsay Ann den Kopf zurück und lachte laut auf. »So gefällst du mir. Wesentlich besser als vorher. So kenne ich meine Tochter.« Sie beugte sich wieder vor. »Dann kommst du?«
Cindy nickte heftig. »Ja. Ich setze mich ins nächste Flugzeug.«
3
Ihr privates Handy klingelte. Obwohl Michelle nicht gestört werden wollte, hatte sie wohl vergessen, es stummzuschalten. Eigentlich kannte ja auch kaum jemand die Nummer.
Cindy natürlich. Seit sie in Florida war, hatte sie schon mehrmals angerufen. Aber sie telefonierten normalerweise abends, denn Cindy wusste, wie sehr Michelle es hasste, unerwartet aus der Arbeit gerissen zu werden, wenn es nicht um etwas Geschäftliches ging.
»Soll ich Ihnen das abnehmen?«, fragte Mrs. Lebowski und trat einen Schritt zur Tür von Michelles Büro herein, als Michelle das Gespräch nicht annahm.
Sie war wirklich wie eine Mutter, die immer wusste, was ihr Kind brauchte, dachte Michelle. Weit mehr als eine Sekretärin. »Nein, ist schon gut. Danke, Mrs. Lebowski.« Den Blick immer noch auf die Geschäftsunterlagen am Bildschirm gerichtet angelte Michelle geistesabwesend mit der linken Hand nach dem Smartphone, das auf dem Tisch lag. »Das ist bestimmt nur –« Ihre Augen öffneten sich erstaunt und sie brach ab, als sie endlich auf das Display sah. Cindy, hatte sie sagen wollen, aber was sie wirklich sagte, war: »Candice?«
»Hallo Michelle.« Die liebliche und für das Verkünden auch schlimmster Nachrichten perfekt ausgebildete Stimme von Candice drang zwischen ihren Lippen beziehungsweise aus dem Lautsprecher des Handys hervor. »Wie geht’s dir?«
»Gut«, antwortete Michelle automatisch. Obwohl sie noch nicht einmal wusste, ob das in der Tat so stimmte. Aber es war eben die mechanische Antwort, die man gab, wenn man so etwas gefragt wurde. »Und dir?«
»Oh, sehr gut.« Candice’ Mundwinkel schienen ein wenig zu zucken. »Cindy, Mel und ich haben schon das eine oder andere unternommen, seit Cindy hier ist.«
»Ach?« Michelles Augen wanderten von dem Display mit Candice’ schönem Gesicht zu ihrem PC-Bildschirm hinüber. Aber da sie nicht unhöflich sein wollte, schwenkte sie sie wieder zurück.
»Gut, dass sie allein hier ist«, bemerkte Candice in diesem Augenblick anzüglich.
Diesen Ton kannte sie doch. Michelle hob die Augenbrauen. »Sie ist verheiratet, Candice. Sie ist meine Frau.«
»Ich weiß. Schließlich war ich auf eurer Hochzeit.« Candice nickte locker und betrachtete dann ihre Fingernägel. »Aber du weißt, dass mich solche Bagatellen noch nie gestört haben.«
Von dieser ihr zwar bekannten, im Moment aber unerwartet ausgesprochenen Ansicht schwer auf dem falschen Fuß erwischt schnappte Michelle nach Luft, und gleichzeitig fiel ihr fast die Kinnlade herunter. »Candice!«
»Siehst du«, stellte Candice mit dem berauschenden Fernsehlächeln fest, das auch über den kleinen Bildschirm des Handys gut rüberkam. »So ist das. Früher hat dich das nie gestört, wenn ich dir von irgendwelchen Affären mit verheirateten Frauen oder Männern erzählt habe. Du fandst das ganz normal. Jetzt bist du verheiratet, und schon . . .«, sie machte eine wegwerfende Geste mit ihren perfekt lackierten langen Fingernägeln, sodass man sich fragte, was sie zuvor dort so prüfend betrachtet hatte, »legst du ganz andere Maßstäbe an. Kommst mir mit irgendeiner Moral. Das hat uns früher nie interessiert, als wir beide noch –« Sie brach genauso süffisant ab, wie sie begonnen hatte. »Also jedenfalls . . . diese Probe, die ich gesehen habe . . . in dem Lokal, wo deine Frau«, sie betonte das sehr, »gesungen hat –«
»Sie hat was?« Michelle fiel fast vom Stuhl. »Ich wusste nicht, dass sie singen kann.«
»Da kannst du mal sehen . . . Das ist doch ein Beweis dafür, dass du dich zu wenig um deine Frau kümmerst. Weshalb ich da jetzt ausgesprochen gern einspringe, wenn du keine Zeit dafür hast.« Candice’ Lächeln war nicht wirklich mehr ein Lächeln. Es war das, was sie sich in der Öffentlichkeit als Äußerstes in Richtung Grinsen erlaubte, um ihr Image nicht zu gefährden. »Denn ich kann dir sagen . . . dieses Kleid, das sie da trägt . . . mit diesem Schlitz bis zum Bauchnabel . . .«, fuhr sie genüsslich fort. »Und hauteng. Darin ist sie wirklich . . .«, sie führte ihre Fingerspitzen an die Lippen und machte ein Kussgeräusch, »absolute Sahne. Ich kann überhaupt nicht begreifen, wie du sie so vernachlässigen kannst.« Ihre Mundwinkel zuckten nun endgültig amüsiert. »Gut, dass sie jetzt hier ist. Und ich auch. Während du . . . lieber arbeitest.« Sie machte eine kleine, auf Wirkung angelegte Pause. Wie vor der Kamera, wenn sie die Zuschauer auf das, was jetzt kommen würde, neugierig machen wollte. »So ein Weihnachtsgeschenk kriegt man selten.«
»Weihnachtsgeschenk?« Michelle war baff. »Sie ist doch nicht –«
Candice ließ sie gar nicht erst ausreden, sondern hob nur die Hand, um die Verabschiedung einzuläuten. »Also dann . . . mach’s gut. Viel Spaß in Anaheim. Wir . . .«, sie blickte zur Seite, als wäre da etwas, das sie sehen konnte und worauf sie sich sehr freute, ihr Gesicht leuchtete geradezu auf, »werden hier bestimmt viel Spaß haben. Das kann ich dir versprechen. Kannst es dir ja dann von . . . deiner Frau erzählen lassen, wenn sie zurückkommt.« Sie machte eine kurze Pause. »Ich meine . . . wenn sie zurückkommt.« Der Bildschirm wurde dunkel.
Perplex sank Michelle wie ein nasser Sack in ihren Bürosessel zurück, denn sie hatte sich zuvor während des Gesprächs von Sekunde zu Sekunde angespannter aufgerichtet. Was war denn hier auf einmal los?
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte Mrs. Lebowski von der Tür her.
Es war eine Art stille Verabredung zwischen ihnen, dass sie Michelle jederzeit ansprechen konnte, wenn die Tür offenstand. Wollte Michelle das nicht, schloss sie die Tür.
Tief durchatmend schüttelte Michelle den Kopf. Wahrscheinlich sah das immer noch so fassungslos aus, wie sie sich fühlte. »Nein, danke, Mrs. Lebowski.« Sie richtete sich wieder auf und saß kerzengerade in ihrem Stuhl, wie ein braves Schulmädchen.
Dennoch trat Mrs. Lebowski einen Schritt ins Büro hinein. Ihre Miene wirkte besorgt. »Ist irgendetwas mit . . . Cindy?«
Könnte man vielleicht so sagen, dachte Michelle. Obwohl ich ja selbst noch nicht einmal genau weiß, was es ist. »Wussten Sie, dass sie singen kann?« Fragend wandte sie ihr Gesicht ihrer Vorzimmerdame zu.
»Ja.« Mrs. Lebowski nickte. »Sie hat eine sehr schöne Stimme. Sheryl und sie haben einmal Happy Birthday für mich gesungen.« Sie schmunzelte. »Ich weiß gar nicht, wie sie meine Tochter dazu gebracht hat. Sie macht so etwas normalerweise nicht.«
»Cindy kann«, Michelle räusperte sich, »sehr überzeugend sein.«
»Sie ist ja auch eine außergewöhnlich nette junge Frau«, antwortete Mrs. Lebowski lächelnd. »Aber das muss ich Ihnen ja nicht sagen. Sie kennen sie besser als ich.«
Da bin ich gar nicht mehr so sicher, dachte Michelle.
»Wie geht es ihr?«, kehrte Mrs. Lebowski wieder zu dem etwas besorgten Gesichtsausdruck zurück, mit dem sie hereingekommen war. »Ist in Florida etwas passiert?«
Wenn ich das nur wüsste. Michelle konnte sich immer noch keinen richtigen Reim auf das Gespräch mit Candice machen. Sie kannten sich schon sehr lange, und eigentlich war Candice nie jemand für Intrigen gewesen. Auch wenn sie in ihrem Job mehr als genug damit konfrontiert wurde. Sie ignorierte das einfach und beteiligte sich nicht daran. Intrigen machen Falten, sagte sie immer. Und die wollte sie natürlich nicht haben.
»Nein, es ist nichts passiert«, beruhigte sie Mrs. Lebowski mit einem weiteren Kopfschütteln. »Sie scheint sich dort unten sehr gut zu unterhalten.«
Mrs. Lebowskis Gesicht hellte sich auf. »Dann ist es ja gut. Heutzutage weiß man ja nie . . .«
»Nein, nein.« Michelle wusste nicht genau, was sie tun sollte. Das war ein Zustand, den sie zwar durchaus kannte, aber noch nicht sehr oft erlebt hatte. Und mögen tat sie ihn noch viel weniger. »Sie ist ja bei ihrer Mutter.« Warum hatte sie das gesagt? Sollte sie das jetzt beruhigen?
»Sie sollten auch runterfliegen. Zu Weihnachten bei der Familie sein. Das ist doch immer das Schönste.« Begütigend hob Mrs. Lebowski die Hände. »Ich weiß, ich weiß. Sie können hier nicht weg. Aber wenn ich alle meine fünf Kinder zu Weihnachten um mich habe inklusive Anhang und Enkelkinder, bin ich einfach glücklich. Eine andere Art Weihnachten kann ich mir nicht vorstellen.«
»Ich habe keine fünf Kinder«, erwiderte Michelle ziemlich brüsk. Was sie gar nicht hatte sein wollen, aber diese Situation überforderte sie etwas. Geschäftliche Situationen taten das nie, private jedoch oft. »Und schon gar keine Enkel.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden.« Mrs. Lebowski zwinkerte unbeeindruckt von Michelles Reaktion eindeutig herausfordernd. »Cindy ist ja noch jung.«
Das vertrieb die aus alter Gewohnheit so brüske Reaktion in Michelle und sie musste lachen. »Da trauen Sie ihr aber einiges zu. Dennoch ist es sehr nett von Ihnen, dass Sie wenigstens nicht davon ausgehen, dass ich die Kinder kriegen muss.«
»Erstens«, entgegnete Mrs. Lebowski trocken, »sind Sie«, sie hüstelte, »nicht mehr ganz so jung, und zweitens«, mit einem anerkennenden Blick musterte sie Michelle, »haben Sie hier eine Aufgabe, die sich schwer mit einer Schwangerschaft vereinbaren lässt. Und die kaum jemand anderer so gut erledigen könnte wie Sie.« Sie lächelte. »Ich bin froh, dass Sie da sind.« Damit drehte sie sich um und kehrte in ihr Vorzimmer zurück.
Woraufhin Michelle wieder mit ihren Gedanken allein war. Ihre Mundwinkel zuckten, dann lächelte sie leicht kopfschüttelnd. Mrs. Lebowski ließ manchmal so ganz nebenbei Sachen fallen . . . Oder die ganze Familie Lebowski. Ihre Tochter war ja genauso. Und vermutlich ihre restlichen Kinder auch. Die hatte Michelle noch nicht kennengelernt.
Normalerweise hätte sie sich jetzt einfach erneut ihrer Arbeit gewidmet, aber irgendwie erschien es ihr so, als wäre nichts an der aktuellen Situation normal. Also lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück und dachte darüber nach. Sollte sie Cindy anrufen, um sich zu vergewissern, was da los war? Es konnte doch nicht sein, dass das stimmte, was Candice da angedeutet hatte. Aber warum hatte sie es dann angedeutet? Das war nicht gerade typisch für Candice.
Sicher, sie war keine Kostverächterin. Eine schöne junge Frau wie Cindy wäre ihr jederzeit ins Auge gefallen und hätte ihr Interesse erweckt. Mit Ehefrauen hatte sie auch kein Problem, wie sie selbst richtig gesagt hatte. Wenn die eine Affäre wollten oder sich auf eine einließen, war das eindeutig ihr Problem, nicht das von Candice. Aber mit Cindy?
Michelle fühlte, wie sich wieder Spannung in ihr aufbaute. Sie konnte Cindy vertrauen, das wusste sie. Wusste sie das? Auf einmal erinnerte sie sich daran, wie enttäuscht Cindy gewesen war, als sie nicht mit ihr über ein gemeinsames Weihnachtsfest sprechen wollte. Sie hatte gar nicht weiter darüber nachgedacht. Es war so selbstverständlich für sie, dass Weihnachten Arbeit bedeutete, nicht Vergnügen. Jedenfalls nicht für sie selbst. Und schon gar nicht privat.
Und schließlich hatte sie Colorado angeboten nach Weihnachten. Oder nicht? Sie runzelte die Stirn. Wahrscheinlich hatte sie die Tatsache unterschätzt, dass manche Leute dachten, Weihnachten müsste genau an dem Tag stattfinden, der dafür im Kalender vorgesehen war.
»Michelle?« Fragend blickte Chris zur Tür herein, die noch immer offenstand. »Hast du gerade Zeit?«
Hier komme ich ja sowieso nicht weiter, seufzte Michelle innerlich. Ist wie ein Taubenschlag heute. »Ja, komm rein.« Sie winkte mit der Hand und schaute ihrer Sicherheitschefin entgegen.
»Es geht um die besonderen Sicherheitsmaßnahmen für Weihnachten«, sagte Chris, kam auf Michelles Schreibtisch zu und legte ein Tablet darauf. »Hab’s noch nicht hochgeladen. Ich wollte erst, dass du es anschaust.«
»Ist das nicht dasselbe wie jedes Jahr?«, fragte Michelle, warf aber einen Blick auf den Bildschirm des Geräts.
Chris grinste. »Da bin ich in gewisser Weise überfragt. Ist mein erstes Weihnachten als Sicherheitschefin von Disneyland.«
»Ja natürlich.« Michelle nickte. »Das hatte ich schon fast vergessen.« Auf einmal hatte sie das Bedürfnis, Chris anzulächeln. Sie mochte sie wirklich sehr gern, auch wenn sie darüber nicht sprach. Aber Christine Stacey war die Art bodenständige Amerikanerin, die wie das Salz der amerikanischen Erde war, das diesem Land die Würze gab und die Stabilität. Man konnte sich immer auf sie verlassen, in jeder Situation. »Manchmal habe ich das Gefühl, du bist schon ewig da.«
»Nicht so lange wie du. Du bist ja schon fast eine Institution.« Freundlich lächelte Chris von ihrer muskulösen Höhe auf Michelle hinunter.
»Nicht in Disneyland.« Mit einer Art korrigierender Missbilligung hob Michelle die Augenbrauen. »In Disney World war ich ein paar Jahre.«
»Ist das so ein großer Unterschied?«, meinte Chris locker. »Dein Ruf ist dir vorausgeeilt.«
»Lassen wir das«, sagte Michelle, weil sie sich nicht ganz sicher war, was Chris mit diesem Ruf meinte, und nicht darüber diskutieren wollte. »Was ist nun mit den Sicherheitsmaßnahmen?«
»Wer wird hier übernehmen, solange du in Florida bist?« Chris beugte sich herunter und zeigte auf einen Punkt auf dem Bildschirm, als hätte er irgendetwas mit ihrer Frage zu tun.
»Solange ich in Florida bin?« Das war Michelle ja ganz neu. Wo kam denn diese Vermutung her?
»Na ja, Cindy ist ja schon unten. Und ihre Mutter lebt doch dort. Also . . . ihr seid doch . . . eine Familie.« Ganz erstaunt blickte Chris sie an. »Deshalb bin ich natürlich davon ausgegangen –«
Ungläubig schüttelte Michelle den Kopf. »Anscheinend geht jeder davon aus. Aber das habe ich nie gesagt. Ich bin immer bei der Arbeit an Weihnachten. Das war noch nie anders.«
»Du warst vorher aber auch noch nie verheiratet.« Diese nüchterne Feststellung machte Chris so, wie sie auch schon als Polizistin die Dinge immer von der Faktenseite her betrachtet hatte. Wenn es nicht gerade um Sheryl ging . . .
»Das scheint ein entscheidender Punkt zu sein.« Michelle seufzte.
»Siehst du das nicht so?« Nun runzelte Chris verständnislos die Stirn. »Willst du nicht mit Cindy zusammensein an Weihnachten?«
So hatte Michelle sich die Frage eigentlich noch nie gestellt. Ob sie das wollte. Nach ihren Wünschen ging es hier nicht. Es ging darum, was getan werden musste.
»Der Flug nach Miami ist eine Tagesreise«, sagte sie. »Einmal quer über den Kontinent von der Westküste in den äußersten Südosten.«
Chris zuckte mit einer einzelnen Augenbraue. »Soll das jetzt ein Argument sein?«
Nein, es war nur eine Ausrede, das wusste Michelle selbst. Aber das hätte sie nie laut gesagt. Sie war sich vieler Dinge bewusst, ohne sie auszusprechen. Auch wenn es keine Geheimnisse waren, behielt sie vieles lieber für sich. Eine alte Gewohnheit aus Kindertagen, als es ohnehin keinen Sinn gehabt hatte, etwas zu sagen, um etwas zu bitten oder sich zu beklagen.
Und ehrlich gesagt hatte ihr das im Geschäftsleben auch schon sehr oft geholfen. Je weniger das Gegenüber wusste, desto besser. Je weniger irgendjemand wusste . . .
Wutanfälle – ja, so konnte man seine Gefühle schon zeigen. Das schüchterte die Leute ein und brachte sie dazu, das zu tun, was man wollte. Was auch immer sie in so einem Wutanfall von sich gegeben hatte, das bedeutete gar nichts. Und das verriet auch nichts von ihren innersten Gefühlen. Von ihren wirklichen Gefühlen. Es war ungefährlich.
»Und wieder zurück«, setzte sie hinzu. »Das sind schon zwei Tage. Aber nur«, sie verzog das Gesicht, »wenn ich gleich wieder umkehre.«
»Das heißt, da ist die Weihnachtsfeier noch nicht drin.« Chris gab es auf, das Thema Sicherheitsmaßnahmen noch einmal auf den Tisch zu bringen, und stützte sich neben Michelle ab, um ihr in die Augen zu sehen. »Disneyland wird nicht zusammenbrechen, Boss, wenn du nicht hier bist.« Sie grinste. »Auch wenn du das denkst. Vertrau uns doch mal ein bisschen.«
»Uns?« Verständnislos hob Michelle die Augenbrauen.
»Sheryl und mir zuerst mal«, erklärte Chris geduldig. »Wir sind auf jeden Fall da und passen auf. Sheryl wird im Feuerwehrhaus schlafen, wenn es sein muss, das weißt du.«
»Dann habt ihr aber auch kein schönes Weihnachtsfest«, wandte Michelle ein.
»Ist das wichtig?« Chris richtete sich auf und schüttelte den Kopf. »Wir sind zusammen. Das ist alles, was zählt.« Sie schmunzelte. »Dann schlafe ich eben auch im Feuerwehrhaus.«
Auf einmal wurde Michelle misstrauisch. »Warum wollen mich alle hier weghaben?«, fragte sie.
Das brachte Chris dazu, die Augen zu rollen. »Niemand will dich hier weghaben«, widersprach sie. »Aber kannst du dich erinnern, was du mir damals gesagt hast, als wir dieses . . . Gespräch hatten?«
So taff sie war, die große Chris, sie wurde fast ein wenig rot. Solche ›Frauengespräche‹ lagen weder ihr noch Michelle, und doch war es damals nötig gewesen. Genauso wie Chris es offenbar jetzt für nötig befand, obwohl es ihr sichtlich peinlich war. Aber ein Feigling war sie nicht. Ganz im Gegenteil.
»Manchmal muss man über seinen Schatten springen«, fuhr sie deshalb fort. »Wo wäre ich jetzt, wenn ich damals nicht deinen Rat befolgt hätte? Ich weiß noch nicht einmal, ob ich je wieder mit Sheryl gesprochen hätte.« Sie ließ das so im Raum stehen, als wollte sie, dass Michelle darüber nachdachte und selbst zu dem für sie richtigen Schluss kam.
Statt etwas zu sagen, nahm Michelle jedoch nur das Tablet auf und betrachtete Chris’ Vorschläge. »Das ist gut so«, sagte sie dann. »Ich wüsste nicht, was man besser machen könnte.« Sie blickte zu Chris hoch und reichte ihr das Tablet. »Ich verlasse mich auf dich.«
Das war ein großer Vertrauensbeweis, und das wusste Chris auch. Sie zögerte noch kurz, dann nickte sie Michelle zu und ging hinaus.
4
Miami. Meine Lieblingsstadt. Mit einem innerlichen Grummeln biss Michelle die Zähne zusammen, als sie auf dem Flughafen in Miami ankam.
Früher hatte sie nie etwas gegen Miami gehabt, doch seit die Sache mit Cait passiert war . . . Aber Cait war nicht mehr hier. Jetzt war Miami die Stadt, in der Cindy war. Aus der sie stammte und in der ihre Mutter immer noch lebte, auf dem Familiensitz der Claybournes. Also sollte sie das Grummeln vielleicht vergessen.
Sie kannte den Club, von dem Candice gesprochen hatte. Es war der Club, in dem sie, Michelle, und Cindy sich kennengelernt hatten. Auch nicht gerade die beste Erinnerung . . . Bis auf die Tatsache an sich, dass Cindy und sie sich dort kennengelernt hatten. Sodass Cindy dann in Disney World auf Michelle zugekommen war, eben weil sie sich schon kannten. Auf eine intime Art, die dieser einen Begegnung auf keinen Fall entsprach. Michelle wollte lieber nicht daran denken, wie peinlich ihr das gewesen war. Nach dem, was vorher passiert war. Und alles nur wegen Cait . . . Nun biss sie doch noch einmal die Zähne zusammen.
Aber diese Zeiten waren vorbei. Cait war Vergangenheit. Cindy war die Gegenwart. Und die Zukunft.
Endlich konnte sie es nicht mehr verhindern zu lächeln. Obwohl sich ihre Stirn dann gleich wieder bewölkte. Würde Cindy sich überhaupt freuen, dass sie nun doch kam? Sie hatte ja sicher schon gar nicht mehr damit gerechnet, denn Michelle hatte sich nicht angekündigt. Vielleicht hatten Cindy und Candice tatsächlich schon –
Nein, das war unmöglich. Nicht Cindy. Aber so ganz sicher war sie sich trotzdem nicht. Vertrauen war für sie immer noch eine Art sehr fragiles Konstrukt.
Es stand für sie außer Frage, dass sie nicht in das Haus der Claybournes gehen würde. Lindsay Ann Claybourne war zwar jetzt ihre Schwiegermutter – daran konnte Michelle sich immer noch nicht gewöhnen, da sie altersmäßig gar nicht so weit auseinanderlagen –, aber genau das, diese selbstverständliche, freundliche Mütterlichkeit, konnte sie im Augenblick überhaupt nicht vertragen. Sie musste erst einmal allein hier ankommen.
Das würde Cindy wahrscheinlich nie verstehen. Für sie waren Menschen keine Bedrohung und auch keine Figuren auf einem Schachbrett, die man verschob oder in verschiedene Richtungen schickte, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Sie waren einfach . . . Menschen. Und Cindy nahm jeden Menschen so, wie er war. Egal, wie er auf sie zukam.
Wofür Michelle nur dankbar sein konnte. Denn so, wie sie das erste Mal auf Cindy zugekommen war . . . damals in jenem Hotelzimmer . . . das trieb ihr heute noch die Schamesröte ins Gesicht, obwohl sie überhaupt nicht dazu neigte, rot zu werden. Das wäre im Geschäftsleben äußerst schädlich gewesen. Da nahm einen kein Mann mehr ernst. Was sie ohnehin oft schon deshalb nicht taten, weil sie klein und zierlich war. Auch wenn die roten Haare es ein wenig wieder ausglichen.
Sie ging ganz automatisch auf den Taxistand zu und setzte sich in den ersten Wagen in der Reihe.
»Wohin, Lady?«, fragte der Taxifahrer nach ein paar Sekunden, weil sie nichts sagte, und blickte etwas ungeduldig in den Rückspiegel.
»In eine ruhige Ecke«, antwortete Michelle, als hätte ihr das jemand eingegeben.
»South Pointe Park?« Er hob die Augenbrauen und sah sie über den Spiegel an. »Oder nicht doch lieber Shopping? Ocean Drive?«
»Park klingt gut. Wenn es da ruhig ist«, gab Michelle zurück.
»Okay.« Er wandte seinen Blick in Richtung des Seitenspiegels, schaute nach hinten und fuhr los.
Während der Fahrt sah Michelle zwar durch das Fenster hinaus, aber in Wirklichkeit sah sie nichts. Und sie blickte auch nicht auf ihr Handy oder Tablet, wie sie es normalerweise tat, wenn ihre Chauffeurin sie fuhr oder sie in einer fremden Stadt in irgendeinem Taxi saß auf dem Weg zu einer geschäftlichen Konferenz oder Besprechung.
Nein, geschäftlich war das hier nicht. Es war eindeutig privat. Sehr privat.
Dieser private Teil ihres Lebens hatte massiv zugenommen, seit sie mit Cindy verheiratet war. Und er hatte schon vorher zugenommen, eigentlich fast schon seit dem Moment, als sie Cindy kennengelernt hatte. Spätestens aber, seit Cindy nach Disney World gekommen war. Erst jetzt erkannte sie, dass das ihr Leben praktisch auf den Kopf gestellt hatte. Weit mehr als jede von Keith’ Intrigen oder alle Angriffe, die sie beruflich hatte abwehren müssen.
Denn so sehr sie sich innerlich auch gewehrt hatte, sich auf eine private Beziehung, die über reinen Sex hinausging, einzulassen, äußerlich hatte es keinen Grund gegeben, Cindy abzuwehren. Sie war viel zu sanft und verständnisvoll, um so etwas herauszufordern.
Ja, es hatte Momente gegeben . . . Damals mit LaVerne McNamara zum Beispiel . . . Aber das war etwas anderes gewesen. Immer, wenn es um sie beide gegangen war, hatte Cindy eine unendliche Geduld bewiesen.
»Wir sind da, Lady.« Der Taxifahrer blickte erst in den Spiegel, dann drehte er sich über die Schulter zu Michelle um, als sie nicht reagierte. »Hey. Wir sind da. Hier wollten Sie doch hin. South Pointe Park. Oder jetzt doch nicht?«
»Doch. Natürlich.« Er hatte sie so aus ihren Gedanken gerissen, dass sie ihm nur ihre Kreditkarte reichte und ausstieg.
»Hey! Soll ich die behalten?« Er ließ das Fenster herunterfahren und streckte seinen Arm hinaus.
Sie schüttelte den Kopf, ging wieder zum Wagen zurück und nahm die Karte. »Zwanzig Prozent Trinkgeld haben Sie schon mit eingezogen?«
»Nope.« Er streckte seine Hand wieder aus, nahm die Karte erneut und reichte sie Michelle kurz darauf wieder hinaus. »Danke, Lady.« Das erste Mal wirkte er etwas freundlicher. »Schönen Tag noch. Und . . . Frohe Weihnachten.« Die Seitenscheibe fuhr noch hoch, um die Kühle der Klimaanlage im Innenraum zu halten, während er sich schon auf die Straße einfädelte.
»Frohe Weihnachten«, murmelte Michelle auch, aber das konnte er selbstverständlich nicht mehr hören.
Zwar betrug die Lufttemperatur 26 Grad, wie sie an den hier aufgestellten Säulen ablesen konnte, die Wassertemperatur jedoch nur 22. Ein bisschen kalt zum Baden. Aber deshalb war sie ja auch nicht hergekommen. Obwohl sich einige Touristen, die aus Europa wahrscheinlich kälteres Wetter um diese Jahreszeit gewöhnt waren, johlend im Wasser tummelten.
Es waren jedoch so wenige, dass der Lärm nicht störte. Aus dieser Entfernung wirkte er fast nur wie ein mildes, kaum zu identifizierendes Hintergrundrauschen. Der Taxifahrer hatte ihren Wunsch beachtet und sie tatsächlich an eine ruhige Ecke gebracht. Schon indem sie ein paar Schritte in den Park hineinging, quer über den grünen Rasen und unter den Palmen hindurch, merkte sie das.
Es war selten, dass sie Zeit hatte, sich ihren Gedanken zu widmen. Ihren privaten Gedanken wiederum, denn im geschäftlichen Bereich nahm sie sich die Zeit. Einfach, weil es sein musste. Man musste Lösungen finden für Probleme, die sich jeden Tag stellten. Zehntausende von Mitarbeitern und Millionen von Besuchern sorgten dafür, dass sich das nie änderte.
Deshalb war diese plötzliche Ruhe ungewohnt. Sie wurde fast nervös davon. Langsam schlenderte sie weiter und blieb dann an einer Art Aussichtspunkt stehen, von wo man den Strand, ankommende und abfahrende Schiffe und dahinter das weite Meer in all seiner Unendlichkeit sehen konnte. Das Meer hatte sie in Kalifornien auch, aber sie stellte wieder einmal fest, dass es hier an der Ostküste und zudem noch im Süden, nur einen Katzensprung entfernt von den Bahamas, völlig anders war als im vom Smog erdrückten Los Angeles.
Das ergab sich jedoch schon aus der Natur der Sache, denn Kalifornien grenzte an den Pazifik, den sogenannten Stillen Ozean, und Florida an den Atlantik. Dennoch war es in Kalifornien nicht still und hier nicht wilder. Wenn nicht gerade ein Hurricane tobte. Im Gegenteil, in diesem Moment kam sie sich so vor, als wäre sie im Auge des Sturms gelandet, in dem es absolut ruhig war.
Es gab jedoch gar keinen Sturm und demgemäß auch kein Auge, jedenfalls nicht, wenn man die äußeren Wetterbedingungen betrachtete. Die Wetterbedingungen in ihrem Inneren – das war eine ganz andere Geschichte. Sich mit ihren Gefühlen zu beschäftigen war ihr immer noch fremd. Lösungen für Probleme zu finden war ihr wesentlich vertrauter. Und da fühlte sie sich auch mehr auf der sicheren Seite, denn damit kannte sie sich aus.
Zudem gab es auch immer eine Lösung, man musste sie nur finden. In Gefühlsdingen war das nicht unbedingt der Fall. Dort konnte es auch einfach nur darum gehen, darüber zu reden. Ohne dass man nach einer Stunde – oder auch nach vier Stunden – auch nur einen Schritt weiter war. Merkwürdigerweise befriedigte das die meisten Frauen durchaus.
Michelle war aber nicht so. Was hatte sie also hierhergetrieben? Was erwartete sie überhaupt davon, dass sie hergekommen war? Wäre es nicht besser gewesen, einfach zu akzeptieren, dass Cindy und sie unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie man Weihnachten feierte – beziehungsweise nicht feierte? Sich also darüber zu einigen, dass man sich nicht einig war?
Sie atmete tief durch und sog die feuchte Meeresluft wie ein Lebenselixier, das sie jetzt unbedingt brauchte, in ihre Lungen ein. Ihr war ganz klar, sie suchte immer noch nach einer Lösung, und dabei konnte sie noch nicht einmal so richtig das Problem benennen. Sicherlich, sie hatte bis jetzt noch nicht viel Erfahrung als Ehefrau. Aber musste eine Ehe es nicht auch einmal aushalten, dass man verschiedener Meinung war?
Eine Weile starrte sie übers Meer, und als ob sich dadurch, dass der Himmel blau und klar über ihr schwebte, auch in ihrem Inneren etwas klärte, kamen ihr plötzlich Gedanken, die sie so noch nie gehabt hatte. Zum Beispiel dieser: Sie hatte Cindy nicht zugehört.
Ihre Stirn runzelte sich ganz von selbst, als sie das dachte. Langsam kam ihr zumindest ein Teil des Problems zu Bewusstsein. Statt den Vorschlag ihrer eigenen Frau sofort abzuschmettern, weil er nicht zu ihrer üblichen Routine passte, zu dem, was sie gewöhnt war und auch für notwendig hielt, hätte sie mit Cindy darüber reden sollen. Vielleicht hätten sie dann eine Lösung gefunden, die zu ihnen beiden passte.
Aber das wäre auf jeden Fall ein Kompromiss gewesen. Und sie hasste Kompromisse.
Da sie es sich nicht hatte nehmen lassen, am Morgen – oder eher halb in der Nacht, bis die Sonne kaum aufgegangen war – noch ein paar Stunden im Büro zu verbringen und erst danach abgeflogen war, neigte sich der Tag nun bereits seinem Ende zu. Der Sonnenuntergang fand um diese Jahreszeit immer so gegen halb sechs statt, das wusste sie noch sehr gut aus ihrer Zeit in Orlando. In Los Angeles ging die Sonne noch früher unter, und so hatte sie durch ihren Flug nach Südosten sogar eine gute Dreiviertelstunde mehr Sonnenlicht gewonnen.
Woran ihr im Moment allerdings nicht sehr viel lag. Die wenigen Menschen, die sich bis vor kurzem noch im Wasser getummelt hatten, und auch die paar, die hier mit einem Segway durch den Park gefahren oder eher lautlos geglitten waren, schienen wie auf einen Schlag verschwunden. Auf einmal herrschte eine fast gespenstische Ruhe, als wäre dies hier wirklich das Ende der Welt, das niemand erreichen konnte.
Der Sonnenuntergang war fantastisch, aber das bekam sie kaum mit, weil sie immer noch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt war. Es war noch zu früh, um in den Club zu gehen. Da würde jetzt noch nichts los sein. Wahrscheinlich war er noch nicht einmal auf.
Was sie sich jedoch fragte, war: Was würde später los sein? Sie kannte den Club nur von jenem einen Besuch mit Cait an jenem schicksalsträchtigen Abend, an dem das ganze Drama, dem Cindy später zum Opfer gefallen war, seinen Anfang genommen hatte. Freiwillig wäre sie niemals wieder dorthin zurückgekehrt.
Aber um Freiwilligkeit ging es jetzt wohl nicht. Sie musste mit Cindy sprechen. Sie musste sehen, was sie . . . tat.
Warum rufst du sie nicht an?
Na, dich kenne ich ja schon gar nicht mehr.
Michelle war überrascht, dass ihre innere Stimme sich meldete. So deutlich meldete, wie es schon seit langem nicht mehr der Fall gewesen war.
Natürlich hatte sie schon zuvor daran gedacht, Cindy anzurufen. Spätestens, seit sie hier gelandet war. Und doch hatte sie es nicht getan. Dabei hätte sie es schon im Taxi tun können. Warum alles nicht ganz normal ablaufen lassen? Vielleicht verzichtete Cindy dann auf diesen . . . Auftritt, den Michelle sich sowieso nicht so richtig vorstellen konnte. Ein hautenges Kleid mit einem Schlitz bis zum Bauchnabel? Sie wusste gar nicht, dass Cindy so etwas besaß. Oder hatte Candice da geflunkert? Cindy das Kleid sogar geliehen? Um Michelle eifersüchtig zu machen? Eines von ihren, Candice’, Kleidern, denn sie besaß so etwas definitiv.
Aber warum? Warum sollte sie Michelle eifersüchtig machen wollen? Sie liebte Cindy. Ja, das tat sie, auch wenn sie das lange Zeit nicht hatte zugeben wollen. Mittlerweile hatte sie jedoch keinen Zweifel mehr daran. Und sie betrog sie auch nicht. Sie wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen. Es gab also gar keinen Grund für Eifersucht von Cindys Seite her, für den Michelle eine Art Bestrafung verdient gehabt hätte.
Kurz blitzte in ihrem Kopf ein Bild auf, wie sie sich mit ausgebreiteten Armen vor die Tür des Clubs stellte und Cindy gar nicht erst hereinließ. Wenn sie nicht drin war, konnte sie auch nicht singen.
Singen. Wieso überhaupt singen? Wieso auf einer Bühne auftreten? Und dann auch noch in einem so sexy Outfit? So etwas hatte Cindy bisher noch nie getan. Und auch nie ein Interesse dafür bekundet. Vielleicht sollte sie sie wirklich anrufen und fragen, was ihr da eigentlich in den Sinn gekommen war.
Doch kaum hatte sie ihr Smartphone in der Hand, da meldete es sich auch schon. Cindys Bild erschien auf dem Display. Eine lächelnde Cindy, deren freundliche Augen Michelle liebevoll betrachteten.
Sie nahm den Anruf an. »Ja?«
»Störe ich dich?« Cindys Stimme klang entschuldigend. »Tut mir leid, ich weiß, es ist noch früh, und du bist sicher noch im Büro . . .«
Jetzt hätte sie die Chance gehabt, die Wahrheit zu sagen. Hatte sie das nicht eben noch tun wollen? Und normalerweise log sie auch nicht. Aber etwas verschweigen war nicht lügen, oder?
»Hm«, meinte sie unbestimmt. »Ist schon okay.«
Sie war froh, dass Cindy sie nur anrief und keine Videoverbindung angefordert hatte, denn dann hätte sie diese Frage sicher nicht gestellt, weil sie die Palmen im Hintergrund hätte sehen können, auch wenn sie sich im schwachen Dämmerlicht nur noch wie Schattenrisse vom Himmel abzeichneten. Nun ja, auch in LA gab es Palmen . . .
»Ich vermisse dich so«, flüsterte Cindy. »Aber ich weiß ja, wir fliegen nach Weihnachten nach Colorado . . . Damit versuche ich mich zu trösten.«
Michelle schluckte. Sie schämte sich jetzt fast dafür, dass sie Colorado vorgeschlagen hatte. Denn aus Cindys Mund klang es wie Eiseskälte in der Hölle.
So schlimm konnte es doch nicht sein. Oder doch? Sie war immer noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem sie Cindy hundertprozentig verstand. Vielleicht hatte sie sie überhaupt noch nie richtig verstanden. Es war doch alles sehr schnell gegangen, und sie waren immer von irgendwelchen Katastrophen abgelenkt gewesen, sodass sie sehr wenig Zeit für sich selbst und ihre Beziehung gehabt hatten. So richtig war Michelle das noch nie aufgefallen, denn das war überhaupt nicht ihr Thema.
Aber es war Cindys Thema. Das merkte sie jetzt deutlicher und deutlicher. Obwohl sie es natürlich auch vorher schon gewusst hatte. Doch vielleicht hatte sie es gar nicht so richtig wissen wollen. Cindy hatte dafür gesorgt, dass es diese Beziehung überhaupt gab, und dann dafür, dass sie weiterhin Bestand hatte, dass sie wuchs und sogar in eine Ehe mündete. Michelle war sich absolut dessen bewusst, dass nichts davon ihr Verdienst war.
»Hast du was?«, fragte Cindy mit einem besorgten Tonfall in der Stimme, weil Michelle nichts sagte. »Bitte, nicht böse sein. Ich weiß, ich hätte Colorado nicht erwähnen sollen. Oder Weihnachten. Aber . . .«, wahrscheinlich schluckte sie jetzt so, wie Michelle zuvor geschluckt hatte, »ich hatte mir das so schön vorgestellt.«
»Ich könnte ja noch kommen.« Auf einmal flossen diese Worte aus Michelle heraus, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich losgelassen zu werden.
Sie hörte, wie Cindy heftig nach Luft schnappte. »Du würdest kommen? Jetzt? Zu mir?«
»Ich glaube, es war falsch, dass ich das sofort abgelehnt habe«, sagte Michelle. »Mittlerweile habe ich mir so meine Gedanken darüber gemacht. Und ehrlich gesagt hat sogar Chris mich darauf hingewiesen. Obwohl sie, wie du ja weißt, nicht gerade sentimental ist.«
»Chris?« Michelle konnte richtig sehen, wie Cindy jetzt die Stirn runzelte. »Was hat Chris denn damit zu tun?«
»Gar nichts«, beruhigte Michelle sie und musste gleichzeitig lächeln. Es gab nicht den geringsten Grund für Cindy, auf Chris eifersüchtig zu sein, aber sie glaubte so etwas aus ihrer Stimme herauszuhören.
Warum hatte sie ganz selbstverständlich angenommen, dass es nie Eifersucht zwischen ihnen geben würde? Doch nur, weil ihre vorherigen Beziehungen nie so tief gegangen waren, dass dieses Thema überhaupt hätte aufkommen können. Candice und sie hatten sich beispielsweise nie Treue versprochen. Das wäre überhaupt nicht gegangen. Bei Candice nicht und bei ihr selbst auch nicht.
»Oh Michelle . . . Liebling . . .«, hauchte Cindy mit tränenerstickter Stimme. »Dann kannst du ja morgen schon da sein. Meine Mutter wird sich so freuen . . .«
»Nur deine Mutter?«, fragte Michelle schmunzelnd.
Anscheinend hatte Cindy sich wieder gefasst und lachte jetzt auf. »Wenn ich meiner eigenen Frau sagen muss, dass ich mich freue, sie zu sehen, und sie das nicht von selbst weiß, dann ist aber irgendetwas nicht in Ordnung.«
»Da hast du wohl recht.« Michelle murmelte es nur, weil es eigentlich an sie selbst gerichtet war und nicht so an Cindy.
»Wenn du mir sagst, wann du ankommst«, fuhr Cindy ziemlich aufgeregt fort, »hole ich dich am Flugplatz ab.«
Michelle schüttelte den Kopf. »Ich weiß noch nicht, wann ich fliege, das kommt darauf an.«
Kurz sagte Cindy nichts, dann akzeptierte sie offenbar das, was Michelle angedeutet hatte, nämlich dass sie sich nicht festlegen wollte. »Ist gut«, seufzte sie etwas enttäuscht. »Dann sehe ich dich eben, wenn du da bist.«
Warum fragte sie jetzt nicht nach Candice? Aber das tat Michelle nicht. Sie wollte es gar nicht wissen.
Eifersucht war eben keine Einbahnstraße. Sie wunderte sich, warum Cindy bei der Erwähnung von Chris auf einmal misstrauisch wurde, obwohl es dazu keinen Anlass gab und Cindy das auch wissen musste, aber umgekehrt? Ja, Candice hatte gesagt, dass es ihr nichts ausmachte, ob eine Frau verheiratet war oder nicht. Das wusste Michelle nur zu gut, denn Candice hatte mehr als einmal etwas mit jemandem gehabt, der diesen speziellen Ring am Finger trug. Aber auch wenn Cindy eine verheiratete Frau war, das musste doch nicht heißen . . . Dazu gehörten doch immer zwei. Und Cindy würde so etwas nie tun.
Und doch war Vertrauen etwas sehr, sehr Neues für Michelle. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gelernt, dass man keinem Menschen vertrauen konnte. Bei ihrer Mutter angefangen. Vor Cindy hatte es nie jemanden gegeben, der diese ihre Einschätzung widerlegt hätte. Wenn man jemandem vertraute, ging man immer das Risiko ein, belogen und betrogen zu werden. Da konnte sie sich jetzt nicht so schnell umstellen. Vertrauen war immer noch mehr ein Wort für sie als ein Gefühl, als etwas, das tief in ihr verankert war. Es hing nur lose an einem seidenen Faden.
»Ja, dann siehst du mich, wenn ich da bin. Ich melde mich, wenn ich gelandet bin«, wiederholte sie noch einmal das, von dem sie wusste, dass es so gar nicht mehr geschehen konnte. Denn sie war ja schon hier.
»Nicht erst, wenn du gelandet bist. Melde dich, wenn du abfliegst«, bat Cindy. »Bitte . . .« Sie schluckte hörbar. »Dann bist du zwar noch nicht da, aber ich weiß, dass du wenigstens in der Luft bist. Auf dem Weg zu mir.«
»Traust du mir nicht?« Michelle reagierte, als hätte Cindy ihr etwas ganz Unglaubliches unterstellt. Und dabei stand sie hier, in einem Park in Miami, und schwindelte Cindy vor, sie wäre noch in Anaheim.
Na ja, sie schwindelte nicht wirklich. Selbst die Aussage, dass sie nicht wusste, wann sie fliegen würde, war nicht falsch, denn sie würde ja gar nicht fliegen, also konnte sie auch nicht wissen, wann. Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass das Haarspalterei war. Etwas, das sie sich in langen Jahren im Geschäftsleben hatte angewöhnen müssen und eigentlich nie gemocht hatte.
Sie wusste, dass sie Cindy durchaus hätte die Wahrheit sagen können, ohne etwas zu verschweigen, und dass sie es nicht tat. Vielleicht ging sie deshalb so in die Luft. Weil sie eigentlich Schuldgefühle hatte. Denn sie wusste noch nicht einmal, warum sie Cindy die Tatsache, dass sie bereits hier war, verschwieg. Sie wusste nur, dass etwas tief in ihr drin das verlangte, ohne ihr eine Erklärung abzugeben.
»Nein, natürlich traue ich dir«, widersprach Cindy sofort vehement. »Ich . . . ähm . . .«, auf einmal schien es, als wäre sie abgelenkt, »muss jetzt auflegen.«
Candice? dachte Michelle. Aber selbstverständlich sagte sie es nicht. Sie hätte auch fragen können, wo Cindy jetzt war. Vielleicht war sie schon im Club, zog sich bereits für ihren Auftritt um . . .
Nein, darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Was, wenn Cindy sich jetzt gerade vor Candice splitterfasernackt auszog, um das hautenge Kleid anzuziehen? Ohne Unterwäsche, denn so trug Candice diese hautengen Kleider auch immer. Das ging gar nicht anders, weil sich bei dieser Art Bekleidung sonst selbst das textilärmste Höschen abzeichnete.
»Tschüss, mein Liebling«, rief Cindy offenbar schon im Gehen. »Bis morgen dann!«
Michelle war froh, dass sie dieses morgen nicht auch noch bestätigen musste, denn danach war die Verbindung gekappt und Cindys Bild vom Display verschwunden.
Dennoch starrte sie noch eine Weile darauf, als würde sie erwarten, dass Cindys Gesicht wieder erscheinen würde. Aber sie hatte keinen Grund, noch einmal anzurufen. Warum sollte sie?
Mit einer Bewegung, als würde sie damit ein Kapitel beenden, steckte sie das Handy wieder in ihre Tasche.
Jetzt musste sie eine Entscheidung treffen, ob sie wollte oder nicht.
5
S ieht immer noch genauso aus wie damals.
Als Michelle das Lokal betrat, war es wie ein Déjà-vu, das keine guten Gefühle in ihr auslöste. Doch es war kein Déjà-vu, denn sie war ja tatsächlich schon einmal hiergewesen. Ein einziges Mal. Und das hatte sie verdrängt, soweit sie konnte.
Den Flügel und die Bühne im Hintergrund hatte sie damals gar nicht so richtig wahrgenommen. Sie war auf etwas anderes konzentriert gewesen. Auf Cait. Automatisch pressten ihre Kiefer sich aufeinander.
»Guten Abend.« Eine junge Frau, die zur Begrüßung der Gäste am Eingang stand, lächelte sie freundlich an. »Eine Person?«
Michelle nickte, während ihr Blick noch immer durch den langgestreckten Raum schweifte. Die Tische im Vordergrund waren schon recht gut besetzt. Ein paar Personen aßen bereits, die meisten unterhielten sich jedoch nur, lachten und erwarteten offensichtlich einen schönen Abend. Oder hatten ihn schon. Mit der Frau, die ihnen gegenübersaß.
»Haben Sie eine Reservierung?«, fragte die junge Frau jetzt.
»Nein.« Michelle schüttelte den Kopf. »Ich habe mich spontan entschieden herzukommen.«
Wie merkwürdig das klang. Normalerweise war sie überhaupt nicht spontan. Sie liebte Überraschungen nicht, egal, ob man sie ihr bereitete oder sie sie anderen bereiten sollte. Planung war ihre Devise. Nur so erreichte man die Ergebnisse, die man erreichen wollte.
»Die Tische an der Bühne sind alle reserviert.« Das Gesicht, das von halblangen dunklen Haaren eingerahmt wurde, schaute sie bedauernd an. »Wir haben heute Open Mic Night. Da sind die immer sehr begehrt.«
Open Mic Night. Das hieß also, Cindy war heute Abend nicht die einzige, die auf dieser Bühne auftreten würde. Michelle hatte sich schon gefragt, wie es zu diesem Auftritt gekommen war. Schließlich war Cindy keine professionelle Entertainerin. Noch nicht einmal eine Hobby-Entertainerin. Sie war gar keine Entertainerin. Warum sie sich plötzlich dazu entschlossen hatte, daran etwas zu ändern, konnte Michelle sich nicht erklären.
Es sei denn, Candice hatte etwas damit zu tun und sie dazu überredet. Candice stand immer im Rampenlicht. Das war für sie nichts Besonderes, sondern ihr normales Leben. Vielleicht hatte sie Cindy davon überzeugt, dass es auch ihr normales Leben werden sollte. Oder zumindest ein Teil davon. Weil Michelle sich nicht genug um sie kümmerte?
»Würden Sie mir bitte folgen?« Die junge Frau nahm eine Menükarte und ging Michelle voran ein paar Schritte in den Raum hinein.
Mechanisch folgte Michelle ihr, auch wenn sie einmal fast stolperte, weil ihr Blick immer noch auf die Bühne gerichtet war, die leer auf den Auftritt der ersten Person, die sich an diesem Abend dem offenen Mikrofon stellen wollte, wartete. Würde das Cindy sein?
»Bitte.« Mit einem einladenden Lächeln wies die sehr junge Frau – sie war höchstens Anfang zwanzig, vielleicht eine Studentin, für die das hier ihr Nebenjob war – auf einen kleinen Tisch, der in einer Ecke stand. »Mein Name ist Taylor, und ich bin heute ihre Kellnerin.« Sie machte eine kleine Pause, damit Michelle sich setzen konnte, bevor sie fragte: »Wissen Sie schon, was Sie trinken möchten?«
»Bourbon«, sagte Michelle automatisch. »On the rocks. Und seien Sie vorsichtig mit dem Soda.«
Taylor nickte, legte die Menükarte vor Michelle hin und drehte sich um.
Obwohl Michelle ihr hinterherschaute, als sie sich nun zur Theke begab, sah sie sie nicht wirklich. Sie war nur ein Teil dieses Raumes, der vor ihrem Blick verschwamm. Sie erinnerte sich. Sie wollte es nicht tun, aber sie konnte es nicht verhindern.
Als sie damals hier hereingekommen waren, Cait und sie, hatte sie sich nicht sehr intensiv umgeschaut. Es war Caits Aufgabe gewesen, sich um sie zu kümmern, so wie es ihre, Michelles Aufgabe gewesen war, sich in Orlando um Cait zu kümmern. Hier in Miami hatte sie nicht die Verantwortung.
Im Nachhinein war dieses Lokal ihr wie ein dunkler Vorhof zur Hölle erschienen, aber jetzt stellte sie fest, dass es gar nicht so dunkel war. Es war keine Schmusekneipe, die mit schummrigem Licht dazu einlud, hier das Vorspiel für spätere Sexgelage abzuziehen. Es war in erster Linie ein Restaurant, in dem Frauen allein unter Frauen sein konnten, für einen schönen Abend zu zweit.
»Haben Sie sich schon entschieden?« Taylor kehrte zurück, stellte den Bourbon vor Michelle hin und blickte sie fragend an.
Michelle schüttelte den Kopf »Ich glaube, ich will nichts essen. Ich habe keinen Hunger.« Das war eindeutig die Wahrheit, denn jeglicher Appetit, den sie eventuell hätte haben können, war ihr schon längst vergangen. »Später vielleicht.« Sie lächelte kurz, aber das Lächeln verschwand sofort wieder von ihren Lippen.
Taylor nickte berufsmäßig lächelnd, wie sie es auch getan hätte, wenn Michelle etwas bestellt hätte, und verschwand an die Tür zurück, um weitere Gäste zu begrüßen. Sie würde in kurzen Abständen wiederkommen, um entweder Michelles Glas aufzufüllen oder ihre Bestellung fürs Essen aufzunehmen, sobald Michelle Lust dazu hatte.
Anscheinend sollte die Open Mic Night nun beginnen, denn das Bühnenlicht strahlte auf, und der Raum wurde leicht verdunkelt. Eine etwas ältere Frau – möglicherweise die Besitzerin dieses Lokals – betrat die Bühne, nahm das Mikrofon und begrüßte die Gäste mit einem Scherz, der das Publikum zum Lachen brachte.
Michelle nicht, aber sie hatte auch gar nicht richtig zugehört. Aufregung machte sich in ihr breit. Sie spürte die Anspannung, die ihre Finger sich fester um ihr Bourbonglas legen ließen.
Wie üblich waren die meisten, die sich für dieses Event angemeldet hatten, Stand-up Comedians. Eine ältere Frau begann den Reigen, und offenbar war sie vielen der Anwesenden schon bekannt, denn begeisterter Applaus begrüßte sie, als sie die Bühne betrat. So, wie die Besitzerin, die gleichzeitig die Bühne verließ, kurz ihre Hand liebevoll über die Hüfte der Künstlerin gleiten ließ, konnte man vermuten, dass sie wahrscheinlich ein Paar waren.
Nach diesem ersten Auftritt, der das Publikum richtig angeheizt hatte, erschien eine junge Frau mit einer Gitarre auf der Bühne, die ziemlich schüchtern wirkte. Durch das bereits freundlich gestimmte Publikum nahm ihre Schüchternheit jedoch schnell ab, nachdem sie die ersten Akkorde angeschlagen hatte und die ersten Liedzeilen des Countrysongs, den sie sang, von ihren Lippen geflossen waren.
Danach übernahmen die Stand-up Comedians wieder das Ruder, nur unterbrochen von einer Frau, die selbstgeschriebene Gedichte vortrug, bis Michelle bei ihrem dritten Bourbon angekommen war.
»Und jetzt kommt etwas ganz Besonderes«, kündigte nach dem Abgang einer Komikerin, die nicht mehr als freundlichen Applaus aus dem Publikum hatte herausholen können, die Besitzerin, die offensichtlich auch die Moderatorin des Abends war, mit einem Augenzwinkern an. »Eine Künstlerin, die neu auf dieser Bühne ist. Mit etwas, das man an Christmas Eve vielleicht nicht so erwartet.«
Das Publikum war mit jedem ihrer Worte leiser geworden, weil sie schon allein mit ihrer Stimme eine Atmosphäre erzeugt hatte, als wollte sie ein Geheimnis verraten. Wenn alle ganz genau zuhörten.
Michelle saß kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie hielt sich kaum noch darauf. Wenn das jetzt Cindy war . . .
Und tatsächlich, sie war es, denn die Conférencière lüftete das Geheimnis schon. »Lockt sie bitte mit einem Applaus heraus.« Sie begann leise in die Hände zu klatschen. »Ich präsentiere euch . . . Cindy Claybourne!«
Atemlose Stille wurde von erwartungsvoll klatschenden Händen abgelöst, verwandelte sich aber sofort wieder in atemlose Stille, als Cindy die Bühne betrat. Gleich darauf ertönte von einem Tisch eine Art Johlen und dann sogar ein Pfeifen. Das von einigen anderen aufgenommen wurde.
Michelle hätte gar nicht mehr die Luft gehabt zu pfeifen – wenn sie das überhaupt hätte tun wollen –, denn Cindys Outfit raubte ihr das letzte bisschen Atem, das sie noch zur Verfügung gehabt hatte. Sie hatte es ja gewusst, Candice hatte es ausführlich genug angekündigt, aber etwas zu wissen und etwas zu sehen waren immer noch zwei verschiedene Dinge.
Das schulterfreie weiße Kleid, das wirklich wie eine zweite Haut saß, ging fast bis zum Boden, aber als Cindy einen Schritt auf den Flügel zumachte, öffnete es sich mit einem langen Schlitz, der Cindys Bein wie eine lockende Versuchung herausblitzen ließ. So einen Schlitz hatte Michelle selbst bei Frauen wie Candice selten gesehen. Es schien, als wäre das Kleid noch einmal extra nach oben geöffnet worden.
Sie hörte, wie einige im Publikum nach Luft schnappten, als Cindy nun weiterging. Hatte sie immer schon so schwingende Hüften beim Gehen gehabt? Mittlerweile hatte sich eine Frau im Smoking an den Flügel gesetzt und blickte Cindy entgegen.
Cindy ging lächelnd auf sie zu, nickte und lehnte sich dann ziemlich lasziv an den Flügel, das Bein vorgestellt, das der Schlitz frei sehen ließ. Das Mikrofon stand direkt vor ihr, und mit ihrer melodischen Stimme kündigte sie an: »Ihr kennt dieses Lied alle. Es ist das einzige Weihnachtslied, das keinen eigenen Titel braucht. Es heißt einfach nur . . .«, sie machte eine Kunstpause, »The Christmas Song.«
Die Frauen im Saal klatschten begeistert, und Cindy und ihre Begleiterin am Klavier warteten ab, bis sie sich wieder beruhigt hatten, dann schlug die Pianistin die ersten Akkorde an, entwickelte die Melodie ins Intro, und auf einmal erklang Cindys Stimme. »Chestnuts roasting on an open fire . . .«
Tat sie das extra? Michelle lief es abwechselnd heiß und kalt den Rücken herunter. Sie hatte immer schon gewusst, dass Cindy eine sehr melodische Sprechstimme hatte, aber ihre Singstimme war . . . mehr als melodisch. Sie war verführerisch, hauchte manche Noten nur, sang andere, als wäre sie in einer Kirche, und dann wieder, als wollte sie sämtliche hier anwesenden Frauen gleich vernaschen. Wenn ihr Outfit schon sexy war, aber wie sie dieses Lied sang, das war fast schon . . . mehr als erotisch.
»Na, gefällt es dir?« Das war eine andere Stimme da fast direkt an ihrem Ohr.
Nachdem sie zusammengezuckt war, drehte Michelle sich zu Candice um, die hinter ihr stand und ihr ins Ohr geflüstert hatte. Sie musste sich von der Küchentür herangeschlichen haben, denn sonst hätte Michelle sie gesehen.
»Hast du schon jemals solche heißen Kastanien aus dem Feuer holen müssen?«, fuhr Candice sie aufziehend fort und wies mit ihrem Kinn auf Cindy auf der Bühne.
»Du bist dafür verantwortlich, oder?«, fragte Michelle endlich, nachdem sie sich halbwegs wieder gefasst hatte, und drehte ihr Gesicht zur Bühne zurück, wo Cindy sich zwischenzeitlich ein wenig auf den Flügel gelegt hatte und sich dort räkelte. Zudem streichelte sie ihn bei jeder Silbe, die sie sang, mit sanften Fingern, als wäre es kein Flügel, sondern etwas anderes. Jemand anderes.
»Nein, du«, sagte Candice und ließ sich neben ihr am Tisch nieder. »Wenn du dich nicht so blöd angestellt hättest mit Weihnachten, wäre das nicht nötig gewesen.«
Das konnte Michelle so nicht akzeptieren, aber sie konnte auch nicht antworten, weil sie ihre Augen nicht von Cindy nehmen konnte und das eine Kurzatmigkeit bei ihr verursachte, die sich fast so anhörte, als hätte sie ihr Leben lang geraucht.
»Nun geh schon nach vorn«, forderte Candice sie ungeduldig auf. »Für mich macht sie das nicht, was sie da oben veranstaltet.«
Normalerweise ließ Michelle sich keine Befehle erteilen, aber jetzt stand sie fast wie in Trance auf und durchquerte das Lokal, ging an den Tischen vorbei, als wäre sie durch ein unsichtbares Band mit der Bühne verbunden und würde mit aller Kraft herangezogen.
So dunkel war es im Raum nicht, dass Cindy sie nicht sehen konnte, als sie bei den vorderen Tischen angekommen war, und es schien fast, als würde sie kurz stutzen, aber sie unterbrach ihren Vortrag nicht. Auch nicht die lasziven Bewegungen auf dem Flügel, bei denen man annehmen musste, dass sich seine Farbe gleich von Schwarz in Rot verwandeln würde.
Cindys Augen ließen Michelle nicht los, als sie nun zum Ende des Liedes kam. Scheinbar war sie davon so abgelenkt, dass sie, als sie gerade »Merry Christmas to . . .« hauchte, als ob das eine Aufforderung zum Sex wäre, auf einmal das Gleichgewicht verlor, von der glatten Oberfläche des Flügels nicht gehalten werden konnte und herunterfiel. Sie fiel nicht nur auf die Bühne, sondern rutschte wie auf einer Eisbahn bis an den Rand – und dann darüber.
Auch wenn Michelle noch nie so etwas getan hatte, öffnete sie sofort ihre Arme, griff nach Cindy und fing sie auf.
». . . youuu!«, hauchte Cindy mit dem letzten Ton des Liedes, lag in Michelles Armen, als ob sie da nie wieder aufstehen wollte, zog ihren Kopf zu sich herunter und versank in einen tiefen Kuss mit ihr.
Das Publikum johlte, schrie, pfiff, stand auf und klatschte. Es war eine Bombenstimmung.
Aber davon bekam Michelle nichts mit. Sie hielt Cindy im Arm und wusste auf einmal, dass sie nichts anderes tun wollte. Alles, was sie sich vorgestellt hatte, hatte nur in ihrer Fantasie existiert.
Das hier war Weihnachten, wie es sein musste.
»Ich bin so froh, dass du da bist«, flüsterte Cindy ihr mit strahlenden Augen zu, als der Kuss endete. »Frohe Weihnachten.«
Und auf Michelles Gesicht breitete sich genau das Lächeln aus, das man normalerweise nur beim Weihnachtsmann sah, wenn er Geschenke verteilte. Oder bei den Kindern, die sie erhielten.
»Frohe Weihnachten«, flüsterte sie auch, während sie in Cindys zärtliche Augen sah und fühlte, dass ihre eigenen genauso viel Zärtlichkeit auf Cindy zurückstrahlen ließen. »Diesmal und ab jetzt in jedem Jahr.«
ENDE
Manuela Schopfer
Diebische Weihnachten
1
»Oje«, seufzte Romy. »Schon wieder?«
»Ja, leider«, stöhnte Paula im gleichen Tonfall. Das Glöckchen über der Tür klingelte noch, während sie zum Verkaufstresen kam, hinter dem Romy stand. »Ich kann es ja selbst kaum glauben, aber sie haben gestern Abend schon wieder zugeschlagen.« Ihren Blick auf den Tresen gesenkt, zog Paula sich die Mütze vom Kopf. »Wenn ich nur wüsste, wer dahintersteckt.«
Na ich! dachte Romy, verkniff es sich aber, es zu sagen. Bemüht, das Zucken in ihren Mundwinkeln zu unterdrücken, versuchte sie, ihrer Stimme einen niedergeschlagenen Tonfall zu verleihen. »Und was macht ihr jetzt?« Eigentlich war es ihr jedoch egal. Für sie zählte nur, dass ihre gestrige Diebestour genau den Erfolg gebracht hatte, den sie sich davon erhofft hatte. Nämlich, dass Paula jetzt hier bei ihr war.
Paula zuckte die Schultern, und ein paar der dicken Schneeflocken, die sie von draußen in Romys Laden hereingetragen hatte, purzelten herunter. »Bald ist Weihnachten, und der Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz ist ohne die Weihnachtsdeko einfach nur ein Tannenbaum.« Sie drehte die Mütze in ihren Händen. »Hast du noch ein paar Weihnachtskugeln übrig?«
Jaaa! schrie Romy beinahe laut heraus. Stattdessen nickte sie, schob ihre Hand über den Tresen und streichelte liebevoll über Paulas Hand. »Ich habe mir schon so was gedacht«, schmunzelte sie.
Den Blick auf ihre Hände gesenkt, spürte sie das feine Kribbeln in ihrer und wie es sich weiter über den Arm in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Auch wenn sie bis jetzt den Mut noch nicht aufgebracht hatte, der Wunsch, mehr von Paula zu spüren und ihr nahe zu sein, wuchs mit jedem Tag mehr und mehr.
»Komm«, sagte sie. Mit ihrem Kopf deutete sie nach hinten zu den Regalen, in denen sich die Weihnachtskugeln dicht neben dem Lametta und anderen Dekoartikeln stapelten. »Ich habe noch zwei, drei Kisten voll.«
Schweren Herzens löste Romy die Verbindung ihrer Hände und wandte sich ab, um nach hinten zu gehen. Glücklicherweise war gerade kein anderer Kunde im Laden. Sie unterdrückte das Lächeln, das sich auf ihre Lippen legen wollte. Schließlich hatte sie alles auf eine Karte gesetzt in der Hoffnung, dass ihr Plan aufgehen würde.
»Hilf mir bitte mal, sie nach vorn zu tragen«, rief sie Paula über die Schulter zu.
Augenblicklich blieb sie stehen, als sie sah, dass Paula immer noch wie angewachsen am Tresen stand und mit gesenktem Blick über genau die Stelle auf ihrer Hand streichelte, wo Romy sie noch vor ein paar Sekunden berührt hatte.
Ach, seufzte Romy innerlich, ich würde dich gern an ganz anderen Stellen streicheln . . . Sie gab sich einen Ruck. »Magst du mir helfen?«, bat sie erneut in der Hoffnung, Paula damit nach hinten und zu ihr zu locken.
»Ja, ja . . . natürlich«, stotterte Paula, während ihr Kopf hochschoss und eine feine Röte sich auf ihre Wangen legte. Schnell kam sie um den Tresen herum und gesellte sich zu ihr.
Noch während Paula sich ihr näherte, beugte sich Romy nach vorn und zog ein paar Kisten von unten aus dem Regal, hob den Deckel an und sah hinein. »Hier hätten wir noch ein paar, die von der Größe her passen dürften.« Sie blickte aber nur mit einem Auge auf die Weihnachtskugeln in der Kiste, denn Paula stand viel zu dicht neben ihr, als dass sie sich noch auf irgendwelche Weihnachtsdeko konzentrieren konnte.
Genüsslich schloss sie die Augen, und ihr Brustkorb hob sich mit einem tiefen Atemzug an. Obwohl von einem dicken Wintermantel eingehüllt, umspielte Paulas Duft ihre Sinne und ließ sie davon träumen, wie verlockend ihre Haut erst duften würde, wenn sie zärtliche Küsse darauf verteilte.
»Geht es dir gut?« Paulas strich mit der Hand sanft über Romys Rücken und löste kleine Hitzewellen aus, die sich bis in die hinterste Ecke ihres Körpers ausbreiteten.
»Ja«, krächzte Romy undeutlich. Schnell richtete sie sich wieder auf und räusperte sich. Aber der Blick in diese strahlenden grünen Augen, die sie fürsorglich zu betrachten schienen, verschlug ihr beinahe den Atem. »Es geht mir gut . . . danke«, fügte sie kaum hörbar hinzu. Ich würde dich nur gern küssen, dachte sie, während ihre Augen über die weichen Rundungen von Paulas Lippen glitten.
Zögernd trat sie einen Schritt näher an Paula heran und verringerte damit den Abstand zwischen ihnen. Ihre Hand legte sich wie von selbst auf Paulas Arm, strich über den Stoff entlang hinunter, bis sie den ausgefransten Rand des Ärmels erreicht hatte. In ihren Fingerkuppen kribbelte es. Sie konnte die Wärme von Paulas Hand bereits fühlen, es trennten sie nur noch wenige Zentimeter.
»Also diese drei«, sagte Paula in diesen beinah magischen Moment hinein. Sie trat einen Schritt zurück und wandte ihr Gesicht schnell ab. Ihr Finger zeigte auf die Kisten im Regal, die Romy vorhin ein Stück nach vorn gezogen hatte. Ohne auf eine Antwort zu warten, schnappte sie sich die erste Kiste und marschierte damit zwischen den Regalen hindurch nach vorn.
»Schade«, seufzte Romy.
Mit hängenden Schultern beobachtete sie Paula dabei, wie sie den Korridor entlangging. Der lange Wintermantel schmiegte sich wie eine zweite Haut an Paulas Körper. Auch wenn er etwas abgewetzt erschien, er betonte trotzdem bei jedem Schritt Paulas Hüften und ließ Romy nur zu gut erahnen, was für weiche Rundungen sich darunter befanden.
Schnell stellte Paula die Kiste auf den Tresen und trat den Rückweg zu Romy an. »Sind das die beiden anderen?«, fragte sie bereits auf halber Strecke.
Romy nickte nur stumm. Sie konnte ihre Augen nicht von Paulas Finger lösen, der die obersten Knöpfe des Mantels durch die Knopflöcher flutschen ließ.
Wie soll ich es nur anstellen? fragte sie sich. Sie trat einen Schritt näher an Paula heran, die sich gerade vorgebeugt hatte und eine Kiste auf die andere stellte. Zaghaft streckte Romy ihre Hand aus, und beinahe hätte sie Paula auch berührt, zog sie aber schnell wieder zurück, als Paula sich aufrichtete, die beiden Kisten anhob und mit ihnen nach vorn marschierte.
Romy seufzte wieder. Konnte Paula denn nicht spüren, wie sehr sie sich nach ihr sehnte? Sie folgte Paula zwischen den Regalen hindurch wieder nach vorn.
»Was schulde ich dir?«, fragte Paula sachlich und tastete ihre Manteltaschen ab, wohl auf der Suche nach ihrer Geldbörse.
»Nichts. Ich . . . Das ist eine Spende«, erwiderte Romy und strich mit einem Finger an der Kante der Verkaufstheke entlang. Schließlich war sie es, die die Weihnachtsdeko geklaut hatte, und das nur aus egoistischen Gründen. Da konnte sie doch jetzt für den Ersatz nicht auch noch Geld verlangen.
»Oh . . . Danke.« Paula beugte sich leicht über die Theke und legte ihre Hand auf Romys. »Das ist sehr nett von dir.« Ein kleines Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Sanft strich sie kurz über Romys Hand, bevor sie sie zurückzog und eilig die Knöpfe ihres Mantels wieder schloss.
Was? Nein, bleib doch noch hier! Beinahe hätte Romy es laut gesagt. Ihre Finger krallten sich in die Kante der Theke. Paula durfte doch jetzt nicht schon wieder gehen. Sie hatte ihr doch noch gar nicht gesagt, dass . . . dass . . . »Ich werde dir tragen helfen«, bot sie schnell an. Wenn Paula es wirklich so eilig hatte, dann würde sie sie eben begleiten.
»Das ist wirklich nicht nötig«, wehrte Paula ab. »Ich kann jetzt zwei Kisten mitnehmen und komme dann in ein paar Minuten zurück, um die dritte zu holen.«
Und wie nötig das ist! protestierte Romy innerlich. Schließlich hatte sie sich vergangene Nacht fast den Hintern abgefroren, als sie die Kugeln geklaut hatte. Die Frostbeulen durften nicht umsonst gewesen sein. Beinahe hätte sie mit der Faust auf die Theke gehauen, um ihrem Willen Nachdruck zu verleihen.
Stattdessen nahm sie kurzerhand ihren Wintermantel vom Haken und schlüpfte hastig hinein. »Das mach ich doch gern«, beteuerte sie. »Außerdem tut es mir gut, noch etwas an die frische Luft zu kommen«, fügte sie noch hinzu, in der Hoffnung, Paula würde sich davon überzeugen lassen.
»Und was ist mit deinem Laden?«, gab Paula zu bedenken. »Kannst du den einfach so alleinlassen?«
Kurz stutzte Romy. Da hat sie recht, musste sie zugeben. Aber wenn ich schon Weihnachtsdeko klaue, dann kann ich auch den Laden für ein paar Minuten schließen. »Ach«, winkte sie lässig ab, »ich häng einfach das Schild ran, dass ich gleich wieder da bin.« Jetzt bin ich schon so weit, jetzt zieh ich es durch, rechtfertigte sie ihre Entscheidung vor sich selbst. Schließlich stand ihr Entschluss fest: Diese Weihnacht würde sie mit Paula unter dem Weihnachtsbaum liegen und sie lieben. Jawohl!
»Schön«, freute Paula sich. Zumindest ließ das leichte Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielte, das erahnen.
Romys Blick glitt über die Theke. »Warte«, sagte sie.
»Ja?« Paula hielt in ihrer Bewegung inne. Die zwei Kisten vor sich haltend, sah sie Romy erwartungsvoll an.
»Du hast da noch was vergessen.« Romy nahm Paulas Mütze von der Theke und drehte sie in ihrer Hand. Langsam verringerte sie den Abstand zwischen ihnen beiden, hob ihre Arme und begann, Paula die Mütze vorsichtig über den Kopf zu ziehen. Ihr Herz klopfte dabei so laut in ihrer Brust, dass sie hätte schwören können, dass Paula es hören musste.
Behutsam zog sie Paula die Mütze weiter bis über die Ohren hinunter, und mit jeder Sekunde, die sie dabei in diese grünen Augen sah, spürte sie, wie das Flattern in ihrem Bauch immer heftiger wurde.
Der Saum der Mütze glitt zwischen ihren Fingern hindurch. Das hielt sie aber nicht davon ab, ihre Finger langsam weiter hinunter über Paulas Wangen gleiten zu lassen. Wie gern hätte sie sich jetzt nach vorn gebeugt und diese Lippen mit ihren berührt.
»Da. . . danke«, stammelte Paula leise. Sie senkte den Blick auf die Kisten in ihren Händen und trat von einem Bein auf das andere. »Ich denke . . . wir . . . wir sollten jetzt los.«
»Ja, das sollten wir«, hauchte Romy. Die feine Röte, die sich auf Paulas Wangen legte, war ihr nicht verborgen geblieben, auch wenn Paula das wohl zu verheimlichen versuchte, indem sie ihr Gesicht abwandte und zur Tür hinübersah. »Ich mach schon auf«, sagte sie.
»Danke«, murmelte Paula mit noch immer gesenktem Kopf. Schnell trat sie in die Kälte hinaus, und sofort legten sich die ersten Schneeflocken auf sie, als ob sie nur darauf gewartet hätten.
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