Kitabı oku: «Seelenfreunde»

Natural Horse
Das Magazin über den achtsamen Umgang mit Pferden
Für Pferdefreunde, die mehr als reiten wollen.
• Natural Horse bietet Beschäftigungsideen für Pferd und Mensch von kompetenten Autoren und gibt Hilfestellungen für ein besseres und schonendes Reiten sowie Tipps für die natürliche und ganzheitliche Gesunderhaltung der Pferde.
• Natural Horse hilft, eine tiefere Bindung zu Pferden aufzubauen und „pferdisch” zu denken.
• Natural Horse setzt sich für artgerechte Haltung und Fütterung ein.

www.naturalhorse.de
Seelenfreunde
Was Pferde uns lehren können
KATRIN EHRLICH
Seelenfreunde
Was Pferde uns lehren können
Haftungsausschluss
Autorin und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.
Copyright © 2016 by Crystal Verlag, Wentorf
Gestaltung und Satz: Johanna Böhm, Dassendorf
Titelfoto: Bettina Niedermayr, www.bilderbettina.com Fotos im Innenteil: Katrin Ehrlich, Patrick Heil, Stefanie Köhler, Carmen Krebs, Wilhelm Lutzenberger, Conny Schönewald, Christiane Slawik Lektorat: Martina Kiss Druck: Westermann Druck Zwickau GmbH, Zwickau
Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten.
Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.
ISBN: 978-3-95847-015-6
Inhalt
TEIL 1 Pferde und Menschen in einer modernen Welt
Mein Leben mit Pferden
Leidenschaft erlebten wir nur in der Freiheit unserer Gefühle
Leidenschaft kennt keine Grenzen
Echte Leidenschaft lässt alles andere vergessen
Die Kehrseite der Medaille
Das Pferd im Wandel unserer Zeit
Sie dienen bis zum Umfallen
Wir formen unsere Tiere nach unseren Wünschen
Die bunte Welt der Rassen
Über Fast Food und Führmaschinen
Von Hochleistungsdenken zur Partnerschaft
Leistungsdruck in unserer Wegwerf-Gesellschaft – Oder: Wohin wollen wir tatsächlich?
Stress macht krank – Erkenntnis ohne Folgen?
Pferde unter Druck – im Menschensystem funktionieren
Burn-out beim Pferd? - Körperliche Schmerzen als Auslöser für Arbeitsverweigerung
Der letzte Ausweg?
Druck erzeugt immer Gegendruck
Pferde zeigen uns den Weg
Erfolg und Leistung durch Wohlgefühl
Reiten lehrt uns feinste Kommunikation
TEIL 2 Von der Pferdesprache zu Pferdepersönlichkeiten
Die Sprache der Pferde
Verlässlichkeit
Viele Köche verderben den Brei
Feinste Wahrnehmung von Gefühlen
Rasdani – Sprich deutlich!
Krümel – Schaffe Wohlgefühl!
Farredah – Vermittle Sicherheit!
Santiago – Setze kleine Ziele!
Carlson – Denke schneller als Dein Pferd!
Brego – Verändere das Umfeld zum Besten!
Dancer – Sorge für Beschäftigung!
Carpi – Vermeide Überforderungen!
Espadon – Führe mit Charme!
Shaila – Bleibe stark und gerecht!
Geronimo – Lasse los!
TEIL 3 Sehnsucht nach Verbundenheit
Horseship – Partnersuche heute
Partnerschaft ist entwicklung
Beziehungsprobleme erkennen und lösen
Die Verbindung zweier Seelen
TEIL 4 Am Ende steht immer ein Anfang
Mut zu Veränderungen
Der Mensch ist der Schlüssel
Verantwortung
Danke


Wir können erst dann Leidenschaft spüren, wenn wir uns erlauben, ganz und gar auf unser Herz zu hören. Wie wir unsere Tiere behandeln, so sind wir zu uns selbst, zu unseren Kindern und zur ganzen Welt.
(Foto: Christiane Slawik)
Pferde und Menschen in einer modernen Welt
Mein Leben mit Pferden
B is heute wächst diese große Liebe, und ich glaube allmählich zu verstehen, was sie uns zu sagen haben. Ein Leben reicht manchmal nicht aus, um die Lebensaufgabe zu finden. Ich bin dankbar, meinen Weg endlich deutlich zu erkennen, ihn zu akzeptieren und mit ganzem Herzen dieser zentralen Leidenschaft meines Lebens zu folgen. Nicht immer wurde mir das leicht gemacht.
Es begann früh. Nicht wirklich anerkannt von meiner Familie, setzte ich meinen einzigen Berufswunsch mit 16 Jahren in die Realität um. Ich packte meine Koffer und begann etwa 200 Kilometer entfernt von meiner Heimat eine Ausbildung als Pferdewirtin.
Pferde faszinieren durch ihre unbändige Leidenschaft für Freiheit.
Schon viele Jahre vorher sah und fühlte ich, neben der schönen Seite des Pferdesports, das große Leid, das diesen wunderbaren Tieren tagtäglich zugefügt wurde. Mit zehn Jahren stand ich weinend in der Reithalle, weil ich es absolut nicht verstand, warum mein Lieblingspferd Furo wieder einmal heftig mit der Gerte geschlagen wurde. Sein Kopf war mit einem kurzen Stoßzügel festgebunden, wenn er an einem Samstag seine vierte Reitstunde hintereinander absolvieren musste. Dieses scheinbar „normale Leben“, das viele Reitschulpferde erdulden müssen, konnte ich schon damals nicht mitansehen.
Heimlich brachte ich Furo so manches Mal auf eine Koppel, damit er seine Freiheit für wenige Minuten genießen konnte. Dort tanzte er los, seinen Schweif hielt er stolz in die Höhe, reckte den Hals und drehte voller Glück seine Runden in einem Tempo, das ich ihm nie zugetraut hätte. Voller Respekt beobachtete ich den im Reitschuleinerlei langsamen, müden Gaul, wie er seine Freiheit auf der Koppel genoss. Wie er sich in wenigen Augenblicken in das Tier verwandelte, als das er eigentlich geschaffen war. Kraftvoll, edel, freiheitsliebend und empfindsam. Temperamentvoll, wenn er nicht in Zwängen steckte, die er still erduldete. Er gehörte zu jenen sanften Charakteren, die sich eher zurückziehen, als dass sie sich wehren. Auf der Koppel durfte ich sein wildes Pferdeherz spüren, diese ungebremste Leidenschaft erkennen, die das Pferd ausmachen – wenn wir sie zulassen. Wenn wir ihnen Freiheit und Raum geben, um sich zu entfalten. Ich fühlte mich Furo damals so nah wie nie einem Lebewesen zuvor. Heute weiß ich, warum.

(Foto: Carmen Krebs)
Leidenschaft erlebten wir nur in der Freiheit unserer Gefühle
Wenn ich ihn dann in seinen Ständer zurückbrachte, in dem er angebunden bis zur nächsten Reitstunde warten musste, brach es mir regelmäßig das Herz.
Auch Furo wurde irgendwann „entsorgt“. Schon mit 14 Jahren wurde er als nicht mehr leistungsfähig zum Schlachter gefahren, nach jahrelangem treuen Dienen. Ich selbst war 15 Jahre jung, als ich nach über fünf Jahren Freundschaft von seinem Ende erfuhr. Diesen Tag vergesse ich nie, hätte ich doch damals mein Leben für ihn gegeben.
Furo hat mich geprägt. Er hat meine nicht einfache Jugend begleitet und schöner gemacht. Er war da mit seiner Sanftheit, ließ mich auf seinem Rücken reiten. Auch wenn ich manche schwer verdiente Reitstunde einfach von der 10er-Karte abstreichen ließ, damit er eine Stunde grasen oder frei laufen durfte. Er hat mir so viel Liebe und Vertrauen gezeigt, dass mein eigenes Leben dadurch um vieles leichter wurde. Seine Gefangenschaft einerseits und im Gegenzug seine Leidenschaft in Freiheit ließen mich meine eigenen Gefühle besser verstehen.
Es liegt an jedem selbst, welchen Weg er für sich wählt.
Sehr viele Pferdegeschichten folgten. Oft geriet ich auf Irrwege, die zum Weiterkommen dazugehören. Als Berufsreiterin, in den verschiedensten Ausbildungsstätten unterwegs, lernte ich viele Menschen und Pferde kennen. Das war wertvoll. Auf meinem weiteren Lebensweg als Tierheilpraktikerin und im Tierschutz lernte ich, immer genauer hinzuschauen, immer feiner wahrzunehmen und sorgsam zu hinterfragen; diese Erfahrungen bestimmten meinen Weg.
Pferde sind Seelenfreunde, die uns zu besseren Menschen machen.
Heute weiß ich, dass ich von den Pferden unendlich viel lernen durfte. Einige der ganz besonderen Persönlichkeiten werde ich Ihnen in diesem Buch vorstellen. Sie formten mich zu dem Menschen, der ich heute bin, wie ich fühle und lebe. Dafür bin ich sehr dankbar. An all dem möchte ich Sie teilhaben lassen, möchte Ihnen Bilder zeigen und Ihnen vermitteln, wie diese wunderbare Verbundenheit zwischen Mensch und Pferd uns auch das Leben als Menschen miteinander erleichtert. Pferde spiegeln so genau unsere Seele, unser ganzes Sein mit seinen verborgenen Seiten, dass es ein faszinierendes Abenteuer ist, sich selbst im Zusammensein mit ihnen zu erkunden. Ich freue mich deshalb, Sie einzuladen, mich auf einer überaus erfüllenden Reise ins Land der Pferde zu begleiten. Sie werden dadurch Ihre eigenen Pferd-Mensch-Begegnungen plötzlich mit anderen Augen betrachten können, um unendlich viel daraus zu lernen. Unsere Pferde sind die besten Lehrer, die wir haben können; wir dürfen uns glücklich schätzen, dass sie zu unserem Leben gehören und dass sie sich immer wieder auf uns einlassen. Folgen Sie Ihrem Herzen! Gemeinsam können wir die Welt ein kleines Stückchen zum Guten verändern!
Leidenschaft kennt keine Grenzen
Die Jungs in meiner Klasse nannten mich als pubertierendes Mädchen „Das Pferd“. Heute bin ich stolz darauf. Damals war ich einfach anders als die anderen. Eher komisch.

(Foto: Christiane Slawik)
Endlich ist diese verfluchte Schule aus. Nie fühlte ich mich dort wohl. Verstanden erst recht nicht. Doch es ist Mittwoch, einer der goldenen Tage in der Woche, an denen ich zu meinen Pferden darf. Zu Hause angekommen, esse ich eine Kleinigkeit, die meine Mutter für mich zum Aufwärmen bereitgestellt hat. Während des minimalistischen Pflichtprogramms an Hausaufgaben war ich in Gedanken schon lange im Stall, schaute zwischendurch verträumt auf die Bilder um mich herum und malte mir die schönsten Dinge in meinen Träumen aus. Dann kam endlich meine Zeit – rein in die geliebten Reithosen und Stiefel, auf ging es in meine kleine eigene Wohlfühlwelt. Schnell holte ich aus dem unteren Stockwerk des Hauses mein blaues Fahrrad, was sich sofort in mein Reitpferd verwandelte. Immer begrüßte ich es mit einem Streicheln. Dann schaffte ich es liebevoll über die vielen Treppen nach draußen. Es war windig und regnete. Rasch – ich bat es zu warten – lief ich in die Wohnung zurück, um meine Regenjacke zu holen. Mit einem Dankeschön fürs Warten setzte ich mich auf mein Drahtross und spornte es an. Wir genossen den Galopp bergab.
Doch der Weg war weit für eine Elfjährige. Den Weg abwärts durch das Dorf nahmen wir schnell, den Weg bergauf schafften wir dieses Mal nicht ganz bis zur kleinen Kirche. Dort musste ich immer absteigen und den restlichen Hang schieben. Mein Pferd und ich kämpften uns bergauf gegen den Regen. Gemeinsam schafften wir es, bis ich wieder auf ihm sitzen durfte. Im langsamen Trab schwitzte ich, musste viel treiben, bis wir aus dem Dorf hinaus waren. Es blitzte und donnerte, als ich endlich an der Kreuzung bei den Aussiedlerhöfen ankam. Ich verlor an Kraft, der Sturm tobte, ich musste absteigen. Ganz fest hielt ich dieses liebe blaue Fahrrad, wir mussten es gemeinsam schaffen. Doch es ging nicht weiter. Die Angst hielt mich fest. Der Sturm tobte, und ich wünschte mir nur, dass er mich nicht wegbläst. Ob es das gibt, über die Felder zu fliegen? Wo würde ich dann landen? Nein, ich klammerte mich, geschüttelt von Kälte und Angst, an mein Blechross und versuchte zu atmen. Ich lebte. Mein Ziel lag nicht weit entfernt. Ich werde nicht weggeblasen! Zwischen zwei Böen schob ich weiter, immer weiter, Meter für Meter. Der Weg war noch nie so lang. Irgendwann, nach gefühlten Stunden, erreichte ich meine ersehnte Heimat. Ein bekannter Geruch stieg auf, und ich rettete mich in den Stall. Alles war gut. Angekommen.
Echte Leidenschaft lässt alles andere vergessen
Viele Jahre lang konnten mich kein Schnee, kein Regen, keine Hitze davon abbringen, in mein eigentliches Zuhause zu fliehen. Den Stall, wo meine wirklichen Freunde wohnten. Oftmals glich der Weg einem kleinen Lebenskampf. Doch ich wurde immer belohnt von den weichen Augen meines Lieblingspferdes, von der Wärme seiner Haut und dem Geruch nach Heu und warmem Mist. Alle Sorgen waren vergessen. Hier ging es nicht um Noten, nicht um Familienstreit, sondern nur um eins: die Pferde.
So entwickelte sich eine tiefe Leidenschaft. Und ich durfte sie schon in ganz jungen Jahren fühlen. Heute lebe ich sie immer noch, und dafür bin ich dankbar. Meine Kinder leben in einer anderen Zeit, werden bei jedem Regen mit dem Auto gefahren und müssen für manches vielleicht weniger kämpfen. Ich lernte, unter schwierigen Bedingungen für meine Ziele alles zu geben; diese unerschöpfliche Leidenschaft trieb mich an, denn bei den Pferden fand ich Zuwendung, Vertrauen, Verlässlichkeit. Niemals ging und geht es hier um Geld oder Erfolg. Sondern einfach nur um Liebe.
Die Kehrseite der Medaille
Pferde dienen bis zum Umfallen – früher in Schlachten, im Krieg, heute durch Hochleistungen für Sport und Spaß der Menschen.
Im Lauf der Jahre lernte ich die andere Seite der Pferdeszene kennen. Die der Ungerechtigkeit diesen treu Dienenden gegenüber. Die Seite des Schmerzes, der Freiheitsberaubung, der Qualen und des fehlenden Verständnisses der Pferdebesitzer. Immer wieder setzte ich mich für den Pferdeschutz ein und bewahrte viele Pferde vor dem Gang ins Schlachthaus oder auch vor dem frühzeitigen Verkauf. Es ist eine Lebensaufgabe. Das Kämpfen dafür lernte ich bereits in jungen Jahren.

(Foto: Christiane Slawik)
Nun möchte ich die Menschen, die es nicht besser wissen, niemals nur verurteilen, sondern auffordern, hinzuschauen und etwas zu verändern. Jeder, wie er kann. Dann wäre schon viel gewonnen. Und es gäbe viel mehr gesunde und glückliche Menschen und Pferde, denn wir brauchen sie und sie brauchen uns. Früher, und heute umso mehr, denn Pferde sind Fenster zur Natur und somit zu unseren Wurzeln, die uns in dieser Welt noch bleiben.
Das Pferd im Wandel unserer Zeit
Sie dienen bis zum Umfallen
Seit Menschengedenken spielt das Pferd eine sehr wichtige Rolle im Dasein der Menschen. Es half im täglichen Leben, arbeitete in vielen Einsatzgebieten und diente zur Fortbewegung – auch unter schlimmsten Bedingungen. Als Beispiel schauen wir auf das Kriegsende im Winter 1945: die Flucht der Ostpreußen in den Westen. Unglaublich viele Pferde mussten dabei ihr Leben lassen, um Menschen zu retten. Egal, ob tragende Stuten oder Jungtiere, alles wurde genommen, um zu fliehen. Viele der edlen Trakehner Pferde brachen auf dem Eis vor der Kutsche sterbend zusammen, die wenigsten überlebten diesen langen Weg in schlimmster Kälte und unter härtesten Bedingungen.
Mehrere Millionen Pferde starben im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Sie dienten in früheren Zeiten in Schlachten, im Krieg, als Arbeitspferde und gingen bis in den Tod – aus Vertrauen zu ihrem Herrn. Nach dem Krieg lebten in Deutschland nur noch um die 30 000 Pferde. Innerhalb von 50 Jahren stieg ihre Zahl in Deutschland wieder auf über eine Million.
Heute übernehmen Pferde jedoch nicht nur als Partner der Menschen die unterschiedlichsten Aufgaben. Geschätzte 70 000 Stuten werden in Farmen Amerikas zeitlebens angebunden und trächtig gehalten, um ein Wechseljahrhormon für die Menschen zu produzieren. Die Pferde wurden damals wie heute gebraucht und gezüchtet für den jeweiligen Anspruch des Menschen. Neue Aufgaben veränderten ihre weitere Entwicklung enorm.
Wir formen unsere Tiere nach unseren Wünschen
Unsere Tiere bekommen unsere Krankheiten, weil sie durch uns und mit uns leben.
In den letzten 50 Jahren veränderte sich vieles. Die Reiterei erfuhr in Deutschland einen Einbruch in der Nachkriegszeit, doch in den1970er-Jahren erlebte sie diesen unglaublichen Aufschwung. Das Pferd wurde zum beliebten Freizeitpartner, der Pferdesport blühte wieder auf. Pferde wurden für die neuen Ansprüche an eine moderne Pferdegeneration gezüchtet. Sportpferde wurden um 10 bis 20 Zentimeter größer gezüchtet, Mischungen aus den unterschiedlichsten Rassen lassen jeden Reitertraum wahr werden. Ex- und Importe aus allen Ländern der Erde wurden durch leichtere Transportwege selbstverständlich.
Nichts ist unmöglich geworden. Neue Pferderassen entstehen, das Pony aus dem Norden wird gekreuzt mit dem Vollblüter aus der Wüste. Evolutionstechnisch wäre niemals passiert, was heute für den Menschen ein leichtes Spiel ist. Künstliche Besamungen wurden in den letzten Jahren zur üblichen Methode, Nachwuchs zu zeugen. Dabei spielt die Sympathie und die damit verbundene instinktive Auswahl für das passende Gegenstück zum Rasseerhalt schon lange keine Rolle mehr. Durch die von Menschenhand immer unterschiedlicher vermischten Tiere entstanden neue Erkrankungen. Degenerationserscheinungen im Bewegungsapparat schon in jungen Jahren, Fehlstellungen der Beine sind Antworten auf moderne Zuchtgeschichte und die dazugehörende Umwelt.

(Foto: Christiane Slawik)
Vergleichen wir die Pferderassen mit den Menschen ihres Landes, wo sie sich seit Jahrhunderten formten zu dem, was sie heute sind, werden wir große Ähnlichkeiten entdecken.
Die bunte Welt der Rassen
Zu beobachten ist auch, dass extreme Mischungen, wie zum Beispiel Kreuzungen zwischen Vollblütern mit Ponyrassen, in manchen Fällen charakterlich im Ungleichgewicht scheinen. Wen wundert es, wenn über Jahrhunderte entstandene Arten, die sich mit ihren Menschen langsam entwickelten, sich plötzlich miteinander verpaaren? Es ist interessant, aber nicht immer ohne Überraschung, in welche Richtung der Nachwuchs schlägt.
So entsteht – inmitten der Vielzahl an Menschen – eine bunte Rassevielfalt in den Reitställen, insbesondere bei Freizeitreitern. Man sieht Friesen neben Spaniern, Haflinger, Westernpferde neben Warmblütern, Arabern, Ponys, auch die buntesten Mischungen aus allem.
Multikulturell erscheint das Leben in den Reitställen, schaut man die Herkunft der Pferde an. Selbst wenn sie alle eine Sprache sprechen, so sind die Pferde dennoch durch ihre Rasseeigenschaften verschieden – nicht nur im Aussehen, sondern eben auch in ihren Charaktereigenschaften.
Über Fast Food und Führmaschinen
Wenn wir wahrnehmen, was wirklich fehlt, erst dann fangen wir an, neue Wege zu suchen.
Wo früher die Pferde tagaus und tagein durch ihre Arbeiten in der Landwirtschaft, beim Militär oder als wertvolles Transportmittel beschäftigt wurden, war ein Bewegungsmangel durch die damals eher engen Stallungen kein Problem. Heute sieht das anders aus. Die Aufgaben der Pferde entwickeln sich mit unseren Ansprüchen und Lebensformen zeitgleich mit. Pferde sind der Lebensmittelpunkt vieler Menschen und bekommen somit deren Probleme ab. Von ihrem natürlichen Leben entfernt sich das immer weiter.
Vergleichen Sie sie wieder mit uns Menschen, werden Sie Parallelen feststellen. Unsere heutige Zeit fordert ihren Tribut in allen Lebensbereichen.
Die Freizeit der Menschen, mit den vielen Möglichkeiten und voller Aktivitäten, ist – unter ständigem Termindruck – heutzutage begrenzt. Zeit ist Mangelware.
Darunter leiden unsere Pferde, die hauptsächlich als Freizeitpartner dienen. Lebensraum ist nicht nur für Menschen teuer, auch in der Pferdehaltung zählt jeder Quadratmeter. Oft leben die Pferde in Ställen, wo der Lebensraum mit einem Huhn in einer Legebatterie durchaus zu vergleichen ist, weit weg von seinen frei lebenden Artgenossen im natürlichen Lebensraum. Es fehlt vor allem an der für das Pferd lebenswichtigen Bewegung. Die Spirale dreht sich weiter. Um die mit Bewegungsmangel verbundenen Erkrankungen zu therapieren oder das Pferd in dieser künstlichen Welt gesund zu erhalten, erschließen sich neue (mehr oder weniger sinnvolle) Alternativen und neue Berufszweige. Mancher Terminkalender eines Pferdes ähnelt dem seines Besitzers. Training auf dem Laufband oder in der Führmaschine, Phy- siotherapeuten-Termine, Zahnbehandlungen und Solariumsbesuche gehören zum Alltag vieler der wertvollen Rösser.
Unterforderung, ob in der Bewegung oder in sozialer Beschäftigung, verbunden mit Überforderung durch Aufgaben der modernen Welt, machen Mensch wie Tier krank.
Dabei benötigt unser großer Freund vor allem gutes Raufutter und ausgesuchte Gräser, Kräuter. Aber auch Laub und Zweige stehen auf dem natürlichen Speiseplan unserer Pferde. Während sie Nahrung zu sich nehmen, sind sie in Bewegung und ständig untereinander im Austausch. Sie fressen in ihrem natürlichen Lebensraum bis zu 18 Stunden am Tag und zwischendurch gehen sie immer ein Stück. Diese regelmäßige Bewegung in Freiheit unter Artgenossen ist für Kopf und Körper mindestens genauso wichtig wie eine gute Ernährung. Pferde sind dafür gebaut, miteinander ständig beschäftigt zu sein. Alles andere macht sie krank – psychisch und physisch.

(Foto: Christiane Slawik)
Die Umstellung der Haltung, etwa durch die Einrichtung von Offenställen und durch artgerechte Bedingungen, geht nur langsam voran. Es fehlt an Platz für die vielen Pferde, die, nicht ausgelastet, in zu engen Ställen ihr Dasein fristen, bis ihr Besitzer einmal Zeit hat, ihnen Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen. Leider bedeutet das in unserer vielfach künstlichen Welt nicht immer, dass die Pferde sich nach eigenem Bedürfnis austoben und freudig mit Artgenossen zusammen sein können. Wieder sollen sie nur die Erwartungen des Menschen erfüllen.
Bewusst leben heißt Verantwortung übernehmen – für sich selbst und für die neben uns.
Das Pferd wird sich immer den Haltungsumständen anpassen. Kann es das nicht mehr, fangen Schwierigkeiten an, die sich leider nicht durch ein Spe-zialfutter für gute Nerven wegzaubern lassen.
Unserem Pferd stabilen Kontakt zu Artgenossen, ausreichende Bewegung und Platz sowie eine möglichst natürliche Ernährung zu ermöglichen, liegt in unserer Verantwortung.
Von Hochleistungsdenken zur Partnerschaft
Leistungsdruck in unserer Wegwerfgesellschaft – Oder: Wohin wollen wir tatsächlich?
Wir Menschen sind klug, denn wir planen. Ohne Ziele, die uns anspornen, wäre das Leben langweilig. Viele Aufgaben, die wir uns selbst stellen, geben Energie und Kraft. Doch wir müssen aufpassen, wenn die Ansprüche zu groß werden. Wir verlieren dann aus den Augen, was uns guttut, und funktionieren nur unter Druck. Ein zentrales Thema dieser Zeit, die mit wachsendem Lebensstandard immer schnelllebiger wird.
Wir Menschen bewegen uns in einer Hochleistungsgesellschaft, sind diszipliniert und bekommen von klein auf beigebracht, in diesem System zu funktionieren. Doch das hat seinen Preis, wenn der Stress zu groß wird. Burn-out und Depressionen sind die Folgen, sowohl für uns Menschen als auch für unsere Pferde. Leistungsdruck zerstört vieles, was wir suchen, wonach wir uns tief im Innern sehnen: Ruhe und Zeit, Verständnis für- und miteinander.
Unsere – selbst und von außen – gesetzten Anforderungen übersteigen oft das, was wir tatsächlich zu leisten vermögen. Die Wohnung, das Auto, der Job, aber vor allem die Familie, unsere Kinder und unser Pferd benötigen Zeit. Dabei gerät schnell alles aus den Fugen, wenn das System, das wir um uns herum aufgebaut haben, Lücken bekommt, Pläne nicht mehr aufgehen, wir unter Stress nicht mehr hinhören, nicht mehr mitempfinden können und uns gegenseitig nicht mehr verstehen.
Familienstreitigkeiten und Krankheiten können schnell jene Existenz gefährden, für die man das ganze Leben hart gearbeitet hat. Ruhe für die Seele hatte da selten Raum, wir agieren nur noch im Vorwärts. Und doch bleibt das nagende Gefühl, nie anzukommen. Der Preis für unseren Komfort ist hoch.

(Foto: Christiane Slawik)
Stress macht krank – Erkenntnis ohne Folgen?
Lernen wir, wieder zu sehen, was unser Herz braucht, welche Schätze wir um uns herum vorfinden, anstatt immer nur hektisch zu suchen, was uns an Materiellem fehlt.
Unsere Werte und Aufgaben haben sich verändert. Am wichtigsten scheint heute die Leistungsfähigkeit zu sein. Bei den Kindern geht das im Allgemeinen spätestens nach Schulbeginn los – Wertigkeiten der Person werden durch Schulnoten festgelegt, fernab von jeder Suche nach Talenten und Förderung der persönlichen oder sozialen Fähigkeiten. So ist unsere Gesellschaft reich an Wohlstand, jedoch ärmer an sozialen Kompetenzen geworden.
Die meisten Menschen arbeiten hart, unter anderem für ihre Gesundheitsvorsorge und ihre Rente. Dadurch kommen sie oft an ihr Limit und werden krank. Dabei wissen wir doch längst, dass die Ursache vieler heutiger Krankheiten Stress ist. Wir stehen unter Druck, damit bringen wir unsere Seele und letztendlich unseren Körper in einen dauerhaften Ausnahmezustand.
Wer in diesem System aus der Reihe tanzt, dabei den Anschluss in der Schule oder im Job versäumt, hat es in unserer Gesellschaft schwer. Zeit und Platz für die nötige Selbstfindung gibt es für diejenigen nicht, die sich in dieser Abwärtsspirale drehen. Psychische und physische Störungen sind die Antworten.
Die Familien werden kleiner, soziale Netzwerke ersetzen die früheren Großfamilien mit dem entlastenden Austausch untereinander. Das gemeinsame Tischgespräch zu festgelegten Essenszeiten erscheint in manchen Familien schon fast altertümlich. Eltern und Großeltern leben nicht mehr zusammen, sondern sind über weite Entfernungen verstreut. Dadurch fehlt es an Stabilität und vor allem an sozialem Lernen, das früher in Großfamilien von Kindesbeinen an selbstverständlich war. Dazu gehörte auch, die jeweilige Persönlichkeit wahrzunehmen, die Fähigkeit, das Potenzial eines jeden zu erkennen und dieses zu nutzen. Denn jeder hat eine Aufgabe und sollte tun, was er am besten vermag, um für die Gesellschaft von Nutzen zu sein.
Allerdings sind unsere Chancen für die individuelle Selbstverwirklichung heutzutage größer als je zuvor. Zu keiner Zeit hatten wir so viel Freizeit, verbunden mit einem durchaus komfortablen Leben voller Möglichkeiten.
Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit besteht darin, wieder das zu finden, was uns guttut, und zu wählen, wie wir unsere wertvolle Lebenszeit verbringen möchten. Nur in dieser täglich neu zu treffenden Entscheidung liegt echte Freiheit.
Diese Entwicklung drängt uns in eine neue Form von Stress. Wir sollten entschleunigen, sollten die Überholspur immer wieder verlassen, um die wahren Werte des Menschseins und unsere tatsächliche Lebensaufgabe nicht zu vergessen.
Pferde unter Druck – im Menschensystem funktionieren
Wie wir selbst soll auch unser Pferd „funktionieren“. Es reist von Fohlenbeinen an weite Strecken, muss sich schnell umstellen und neu einfügen können. Neue Ställe oder auch Besitzerwechsel sind an der Tagesordnung. Dabei sollte es perfekt für unseren Sport einsetzbar sein, danach wird es gewertet und gehandelt. Der Leistungsverweigerer findet keinen Platz in diesem Denken. Ähnlich den Menschen muss auch das Pferd mit dem Druck fertigwerden, den wir ihm zumuten.
Es muss sich nach Wunsch reiten lassen, gut funktionieren. Als Reitschulpferd, Turniercrack, muss es seine Termine artig erfüllen. Einfach nur Pferd sein, in einem stabilen sozialen Umfeld, das sich Herde nennt, ist in vielen Gegenden nur schwer möglich.

(Foto: Christiane Slawik)
Pferde können nicht sprechen, sodass wir Menschen es eindeutig und unüberhörbar verstehen; ihnen fehlt ein Schmerzlaut, wenn ihnen die Umstände nicht passen oder sogar wehtun. Pferde erdulden lange. Dabei können sie durchaus depressiv werden; die Liste der Verhaltensstörungen und Degenerationserscheinungen in Gefangenschaft ist lang. Weggesperrt in kleinen Boxen müssen sie, wenn sie dann einmal herauskommen, sofort das tun, was sich Reiter für sie ausgedacht haben.
Die Starken sind da, um den Schwachen zu helfen.
Das Pferd muss funktionieren, auch bei dem Reiter, der es grob behandelt und nicht hinhört, wenn es sich auf seine Weise wehrt, erst vorsichtig, dann immer massiver. So sollte zum Beispiel ein Pferd ein Dressurpferd werden. Es wird jahrelang dahin getrieben, obwohl es überhaupt nicht geeignet ist. Die Vorstellungen und Ansprüche des Menschen bestimmen das Leben des Pferdes bis in den letzten Winkel seines Daseins – mit oft für beide erschreckenden Konsequenzen.
Es fehlen Zeit und Bewusstsein, oft auch einfach das Wissen, um genau hinzuhören, was unser Pferd uns sagen möchte. Missverständnisse und Überforderung sind also an der Tagesordnung. Eine Vollbremsung und eine Richtungsänderung erfolgen selten.
Dass Krankheit oder Widersetzlichkeit durch artfremde Lebensumstände und Stress hervorgerufen werden, für diese Einsicht ist im Denken der Pferdemenschen wenig Platz. Auch hier fehlt es an Zeit, Geduld und Geld, um nach Hintergründen zu suchen, sich fachliches Wissen zum komplexen Geschöpf Pferd und zum anspruchsvollen Reitsport anzueignen und in der Folge problematische Haltungs- und Umgangsformen zu verändern.
Also werden Pferde krank, wie ihre Menschen entwickeln sie Magengeschwüre und Allergien durch Stressfaktoren, wie einen Stallwechsel oder ähnliche Veränderungen. Dass Pferde unreitbar werden oder ihre Leistung nach einem Stall- oder auch Reiterwechsel einbricht, zeigen Beispiele auch aus dem großen Turniersport.
Die Schuld, warum plötzlich nichts mehr klappt, wird gern irgendwelchen Krankheiten zugeschoben. Mit den wahren Gründen möchte kaum einer etwas zu tun haben. Das Erkennen und vor allem das Annehmen der Bedürfnisse unseres Gegenübers, hier dem Pferd, fehlen oft gänzlich.
Unsere Pferde brauchen keine bunte Welt und jeden Tag etwas Neues. Sie zeigen uns, wie sie am glücklichsten sind: in einer stabilen Herde, mit genügend Bewegung und ausreichend gutem Futter. Aller sonstige Überfluss ist Erfindung der Menschen.

(Foto: Christiane Slawik)
Burn-out beim Pferd? – Körperliche Schmerzen als Auslöser für Arbeitsverweigerung
Es können sicherlich auch körperliche Probleme Gründe dafür sein, wenn ein Pferd sich nicht mehr reiten lässt oder Schwierigkeiten im Umgang auftreten. Antworten werden bei Experten gesucht. Pferdebesitzer geben heute sehr viel Geld für die verschiedensten Heilmethoden aus, um für ihre wertvollen Tiere Hilfe zu finden. Doch meistens kann der beste Therapeut für körperliche Leiden keine eindeutige Ursache finden, wenn die Pferde sich verweigern. Der Besitzer zahlt gern für Behandlungen, hat er doch die Verantwortung für das Problem abgewälzt. Denn Antworten werden gesucht in einem System, wo Fakten und Zahlen das Denken beherrschen. Dabei verlässt sich der Besitzer oftmals auf die Aussage des Tierarztes und blendet die eigene Aufgabe aus. Das Zutrauen in die eigene Wahrnehmung und der Mut für Veränderung wurden schon längst abtrainiert.
Der Unterschied zwischen dem domestizierten Tier und dem erwachsenen Menschen ist, dass Menschen für sich auswählen können, welche Entscheidungen sie treffen. Unsere Tiere können es nicht.
Die Ursachen für so manche Probleme werden schnell in dem ausgerenkten Wirbel oder der verspannten Schulter gesucht. Doch leider liegt in den meisten Fällen das Problem ganz woanders. Pferde wehren sich aus verschiedenen Gründen, die aber immer direkt mit einem Schmerz oder Unwohlsein in der entsprechenden Situation zu tun haben. Das bedeutet, auch wenn ein Pferd lahmt und dieser Schmerz sich nicht nur beim Reiten zeigt, wird das Pferd sich deshalb nicht gegen das Reiten wehren. Reißt jedoch der Reiter beim Reiten so fest am Zügel, dass es dem Pferd im Maul immer wieder Schmerzen bereitet, wird es – früher oder später – versuchen, sich der Situation zu entziehen – um sich selbst zu retten.
Wenige Pferde verweigern ihre Arbeit gänzlich, auch wenn gerade irgendwas wehtut. Sie liefen früher in Kriegen, zogen Kutschen, bis sie zusammenbrachen, leisteten jeden Job auch unter Schmerzen.
Warum tun sie das? In ihrer Herde befolgen Pferde immer in der Rangreihenfolge die „Anweisungen“ des Ranghöheren. Das ist überlebenswichtig, denn funktionieren sie als Mitglied in ihrer Gemeinschaft nicht, werden sie verjagt; sie bringen als Störfaktor die Herde in Gefahr. Das ist sicherlich auch der Grund, warum sie im Lauf der Evolution keinen Schmerzlaut entwickelt haben. Würden sie als Beutetier schreien, wenn sie erlegt werden, würde auch das die ganze Herde in Gefahr bringen, denn es würde Feinde auf die Herde aufmerksam machen. Würden Pferde wegen Verletzungen oder Schmerzen der Herde nicht mehr folgen, könnten sie allein nicht lange überleben. Sie müssen folgen, sich bedingungslos anschließen und sich von einem Herdenführer – auch vom Menschen – dominieren lassen, nur dann ist ihnen Schutz sicher.

(Foto: Christiane Slawik)
Wir müssen Verantwortung übernehmen für unser Tun. Leiden zu erzeugen im Dienst unseres Luxuslebens, anderen Wesen zu schaden, um schnell unsere Bedürfnisse zu befriedigen, ist ein Unglück, das auf uns selbst zurückfällt.
So ist es zumindest in ihren Instinkten festgelegt. Leider ist es oft ein Fehlschluss, einem Menschen zu trauen. Denn er gibt nicht in jedem Fall Sicherheit, sondern verlangt Gehorsam, manchmal über alle Grenzen hinaus. Und so lässt sich unser starkes Pferd leicht zähmen und dominieren, auch wenn es dadurch Schmerzen erleiden und aushalten muss, denn es ist ein äußerst friedliches Wesen.
Arbeitsverweigerung oder andere Probleme, die nur in Gefangenschaft beim Pferd auftreten, haben ihre Ursache wohl am häufigsten in gegenseitigen Missverständnissen. Auch von Missbrauch darf die Rede sein. Ein Tier, das ursprünglich (oder von seiner Natur her) in Freiheit lebt, muss Dienste leisten, die bei ihm Stress auslösen, körperlich und psychisch. Der Tierarzt wird erst gerufen, wenn nichts mehr geht, dann der Physiotherapeut oder ein Heilpraktiker. Alle tun ihr Bestes und erstellen vielleicht auch körperliche Befunde. Oder der dritte neue Sattel muss angeschafft werden. Dabei wäre eine artgerechtere Haltung oder ein veränderter Umgang vonseiten der Menschen oder besseres Reiten oftmals die einzige erfolgreiche Therapie.
Es fehlt an spezialisierten Psychologen oder umfassend ausgebildeten Reitlehrern und Trainern für die Pferde, die sich professionell mit den Bedürfnissen der Tiere auseinandersetzen und zielgerichtet helfen können. Denn es gibt mehr psychische Probleme beim Pferd, als viele glauben. Unarten wie Koppen, Weben, Stangenschaben sind Beispiele dafür. Pferde widersetzen sich durch Bocken und Steigen, Treten, Beißen oder mit Arbeitsverweigerung. Pferde können wie wir unter Depressionen, Ängsten, Unwohlsein, Bewegungsmangel, Über- oder Unterforderung leiden. Der Weg zur Mitarbeit ist so einfach wie anspruchsvoll: Freude, Lob, artgerechte Haltung und ein vernünftiger Umgang mit diesem sensiblen Lebewesen.
Zusammenhänge mit unserer Lebensart, wie wir mit unseren Kindern und uns selbst umgehen, werden hier klar. Kinder werden schon in sehr frühen Jahren fremd, außerhalb der Familie, betreut. Eltern verlieren durch den gesellschaftlichen Druck und durch Mangel an Zeit ihr ureigenes Gefühl für das, was notwendig ist – das Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Stattdessen werden Experten zurate gezogen, diverse Therapeuten, Psychologen und Ärzte zur Kindererziehung befragt. Neueste Krankheiten wie ADHS werden er- oder gefunden und schlimmstenfalls noch medikamentös behandelt.
Egal, ob wir auf uns, unsere Kindern oder unsere Pferde schauen, wir sind am Limit und brauchen Hilfe. Doch wie können wir uns aus den Zwängen, die wir uns teils selbst-, teils fremdbestimmt geschaffen haben, befreien? Denn die Zeit ist reif für den Umkehrschwung in die Richtung, die uns und unseren Pferden guttut.
Der letzte Ausweg?
Wenn in den Augen des Besitzers keine bessere Lösung in Sicht ist, wird das Pferd abgegeben, gegen ein neues ausgetauscht oder es wird sogar ganz aus dem Verkehr gezogen. Viele landen beim Schlachter oder werden eingeschläfert. Andere wiederum gehen von Hand zu Hand, müssen zahlreiche Besitzerwechsel auf sich nehmen, das Pferd mehr als jedes andere Tier. Schnell werden diese stolzen Tiere zum Ballast, den man nicht vor der Tierheimtür entsorgen kann.
Druck erzeugt immer Gegendruck
Unsere Seele, unser wahres Sein finden wir nur in Ruhe, in den Pausen, im Innehalten. Dann erst können wir unsere Intuition wahrnehmen und lernen, ihr zu vertrauen.
Ein berühmtes Dressurpferd ist das jüngste Beispiel dafür, dass gute Leistung nur dann stattfinden kann, wenn auch das Umfeld stimmt. Als Spitzensportler ließ er die Menschen voller Bewunderung staunen. Dann wurde er verkauft. Durch den Reiterwechsel und unter dem großen Druck, unter dem er und sein junger Reiter sich kennenlernten, funktionierte er plötzlich nicht mehr. Der Hengst fühlte sich nicht wohl und zeigte das deutlich; er rebellierte, konnte mit seinem Reiter keine Harmonie finden. Es fehlte an der nötigen Zeit und Ruhe, dass sich Pferd und Reiter richtig aufeinander einstellen konnten.
Dabei zeigt der Hengst uns, wie so viele andere Pferde auch, dass zu starkes Festhalten an den von Menschen aufgestellten Plänen und Aufgaben einen Rückschritt auslösen kann. Flexibilität und Ruhe sind oft der einzige Weg zu einer gelungenen Partnerschaft. Gutes Reiten ist ein Zusammenkommen zweier Seelen. Um uns richtig auszutauschen, benötigen wir Verbundenheit – von Pferd und Mensch wie von Mensch und Mensch. Und nur darum geht es im Leben.
Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, umgeben von Leistungsdruck. Scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten und exponentiell wachsendes Wissen bringen uns täglich an unsere Grenzen. Wir verlernen dabei das Gefühl für richtig und falsch; es fehlt Zeit zum Zuhören, wie es uns, unserem Umfeld und unserem Pferd am besten geht. In einem guten Leben steckt viel mehr, als Lektionen und Aufgaben auswendig zu lernen und diese perfekt zu beherrschen; es geht darum, Zeit und Ruhe für ein gutes Miteinander zu finden, damit wir uns besser verstehen. Nur so wird sich der ersehnte Erfolg von ganz allein einstellen.
Pferde zeigen uns den Weg
Jeder Reiter kennt eine solche Situation nur zu gut: Der junge Fuchswallach Watson scheut, er möchte unter keinen Umständen in diese gruselige Ecke der Reithalle laufen. Es riecht dort nach Monstern. Watson macht einen großen Bogen und scheut erneut. Doch der Mensch auf seinem Rücken kapiert es wieder nicht. Paul, sein Reiter, bekommt indes wertvolle Tipps vom Reitlehrer und von anwesenden Reitern. Allesamt kennen sie strenge Erziehungsmaßnahmen, die so gelehrt wurden. Nun wird alles ausprobiert, etliche Male. „Setz dich durch!“ – „Nimm die Gerte!“ – „Du bist der Chef!“ Doch es hilft nichts. Watson widersetzt sich immer heftiger. Er läuft rückwärts, steigt. Beim letzten Versuch macht er einen großen Satz zur Seite und Paul liegt im Sand. Schuld ist der verrückte Gaul. Mit welchem Gefühl das Paar nun den Reitplatz verlässt und wie sie sich zum nächsten Reiten wiederbegegnen, können wir nur erahnen.
So kämpfen wir gegen das Pferd, das aus seinen eigenen, für uns unerfindlichen Gründen, meistens aus Angst, verweigert. Zwingen wir jedoch das Pferd mit Gewalt, durch die verhasste Ecke zu laufen, wird dieser Platz, und vielleicht auch die Beziehung Pferd und Reiter, mit etwas Negativem behaftet bleiben und uns vermutlich immer wieder Schwierigkeiten bereiten.
Die meisten Reiter haben es so oder so ähnlich erlebt: Zu viel Druck, und das Pferd läuft rückwärts. Der Reiter schickt es mit Gerte und Sporen vorwärts. Das Pferd steigt, wehrt sich gegen den Zwang. Es hat Angst vor dem Reiter und vor dem imaginären Grund, warum es scheut. Alles ist durcheinander.
Doch zum Glück haben wir die Freiheit, einen anderen Weg zu finden, der uns die Situation erleichtert. Die neue leichte Form wäre, den Druck herauszunehmen: Wenn Watson nicht in diese schlimme Ecke mag, dann geht das aus seiner Sicht nicht. Paul sollte das für den Moment akzeptieren. Er ist der Reiter und möchte seinem Pferd etwas vermitteln: dass es sich nicht fürchten muss, dass es ihm als Reiter vertrauen kann.
Nachdem Watson in der Ecke scheute, reitet Paul gleich auf die gegenüberliegende Seite der Reithalle. Er lobt ihn für Übungen, die Watson ohnehin gut beherrscht, und gibt ihm somit Sicherheit. Wenn die beiden sich dann wieder miteinander wohlfühlen und Watson im Vertrauen freudig mitarbeitet, erst dann reiten die beiden vertrauensvoll langsam in die Nähe der „bösen“ Ecke und biegen rechtzeitig vorher ab. Paul führt ihn, ohne Watsons Grenzen zu übertreten.
Schließlich lässt er ihn leichte Übungen in der Nähe der Gruselecke wiederholen. Eine Volte auf dem Zirkelpunkt, dann wieder ganze Bahn. Bis Sicherheit zu spüren ist. Paul ist jetzt der gute „Leader“, er gibt Halt, gibt eine gangbare Richtung vor und sucht die Zusammenarbeit, keinen Streit. Er lobt Watson deutlich, mit klaren Worten, streichelt seinen Hals, dafür, dass Watson so brav mitarbeitet. Der ganze Stress ist plötzlich verflogen. Der Wallach ist damit beschäftigt, alles erwartungsgemäß zu machen, als sie wieder in die Nähe der Ecke kommen. Doch mit ein bisschen Stimme und Lob läuft er mit einem schrägen Blick durch, und alles ist gut.
Ein toller Erfolg. Paul schaffte das alles in nur zehn Minuten. Völlig ohne Druck. Watson vertraut ihm nun, und es wird in Zukunft viel weniger solcher Momente geben. Denn Paul führt sein Pferd so, dass es sich immer sicher fühlen kann. Und das ist für Pferde nun mal das Wichtigste – und für uns eigentlich doch auch.

(Foto: Christiane Slawik)
Geben wir souverän eine Lösung vor, mit der sich alle wohlfühlen, werden wir in Zukunft gern gefragt werden.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.