Kitabı oku: «Wolken klingen rosa»

Yazı tipi:

Katrin Meyer

Wolken klingen rosa

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Inhaltsverzeichnis

Titel

All you can feel

Für dich eine Brise, für mich ein Orkan

Merle

Nichts geht mehr

Sonne, Mond und Berge

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Von Märchenprinzen und Pferdeschwanzfrauen

Unglück mit Ausblick

Frühlingssinfonie

Von der Schlossallee in die Badstraße

Nicht aus jeder Wolke fällt Regen

Schachmatt

Alte Schmerzen, neue Wege

Impressum neobooks

All you can feel

Wolken klingen rosa

Katrin Meyer

Sie hat mich angelächelt. Die Kassiererin an der Tankstelle hat mir heute den Tag gerettet. Viel Freundlichkeit bin ich bisher noch nicht begegnet. Üblicherweise wird an der grünen Ampel aggressiv gehupt, wenn man sich nicht innerhalb der nächsten zehntel Sekunde auflöst um den schnellen Porschefahrer vorbei zu lassen. Wahrscheinlich bekommt man dann noch den Stinkefinger gezeigt. Wenn nicht, hatte man entweder Glück – oder der Porschefahrer einen guten Tag.

Der Klügere gibt nach, heißt es. Ich mache grundsätzlich jedem heranrasenden Fahrzeug Platz, wenn der vorhanden ist, manchmal fahre ich auch gerne ein paar Meter rückwärts um es meinen gehetzten Mitmenschen so bequem wie möglich zu machen und deute freundlich mit der Hand. Oft bräuchte es nur ein paar Zentimeter um in die nächste Parklücke einzuscheren… egal! Ein kurzes dankbares Erwidern meiner Handbewegung wäre natürlich zu viel verlangt. Ein Lächeln erst recht. Stur wird geradeaus gefahren – ein Toastbrot hat meines Erachtens mehr Charme.

“Mann, sieh´ zu!”, echauffiert sich ein Mann mittleren Alters, weil eine Radfahrerin, vollbepackt mit Einkaufskörben, ein wenig vom Fahrradweg abweicht und sichtlich geschockt dreinblickt, weil sie gerade noch einen Sturz abwenden konnte. Ich überlege kurz, ob es Menschen auch in “nett” gibt, dann muss ich mich selber in Sicherheit bringen. Eine wild gewordene Halbwüchsige mit Stöpseln in den Ohren und Handy vor der Nase scheint derart erbost über ihren Gesprächspartner zu sein, dass sie gar nicht mitbekommt, dass hier auch noch andere Leute unterwegs sind. Energisch steuert sie auf mich zu.

In was für Zeiten leben wir eigentlich? Muss man sich heutzutage mit dem Lächeln der Kassiererin an der Tankstelle zufriedengeben? Oder mache ich mir nur wieder zu viele Gedanken? In der Regel mache ich mir über alles und jeden Gedanken. Aber bevor ich mich wieder vollständig in dem Wirrwarr meines Kopfes verliere, holt mich ein Polizeiwagen wieder ins Hier und Jetzt zurück. Selbstverständlich brüllt das Martinshorn genau in dem Moment los, als das Fahrzeug nur wenige Meter von mir entfernt in die nächste Seitenstraße abbiegt. Mein Herz schlägt einen Salto, meine Beine werden weich wie gut durchgegarte Spaghetti und der Aggregatzustand meines Blutes wird kaum mehr messbar sein.

Ich muss nach Hause. Sofort! Das alles überfordert mich derart und was ich nun brauche, sind erst einmal ein paar Stunden absolute Ruhe

Das Telefon klingelt:” Hi Alex, hier ist Merle! Hast du Lust auf einen kleinen Abendspaziergang?”

“Merle, Liebes! Sei mir nicht böse. Ich hatte einen anstrengenden Tag,” sage ich.

Aber ich meine: Lass´ mich bloß in Ruhe!!! Es ist bereits neunzehn Uhr durch und ich will heute niemanden mehr hören und sehen!!! Dann knalle ich in Gedanken den Telefonhörer auf.

Merle scheint tiefenentspannt zu sein und gerade Lust auf Smalltalk zu haben.

“Magst du reden?”

NEIN!!! Absolut nicht!!!

“Ach, das ist lieb gemeint. Geht schon,” flöte ich ins Telefon und hoffe, dass sie mir weitere Fragen erspart. Warum habe ich das Gespräch bloß angenommen? Eigentlich bin ich doch ein erwachsener mündiger Bürger, der die Freiheit hat zu entscheiden, ob er gerade gesprächsbereit ist oder nicht.

Zum Glück erkennt Merle, dass ich es gerade nicht bin und wünscht mir noch einen erholsamen Abend. Mit Mühe schaffe ich es, das Gespräch respektvoll zu beenden.

Ich lebe nach dem Motto “all you can feel”. Mir ist alles zu laut oder zu leise, zu schnell oder zu langsam, zu hoch oder zu tief, zu aufregend oder zu trist. Ein gesundes Mittelmaß gibt es für mich nicht. Mein Kopf ist ein mentaler Spaghetti-Teller und der Kellner in meinem Oberstübchen hat gerade eine besonders große Portion serviert. Danke dafür!

Ich überlege, ob ich Merle nicht eben zu unfreundlich abgewürgt habe. Bestimmt hätte sie gerne noch eine Weile mit mir geplaudert und nun ist sie beleidigt, dass ich nicht darauf eingegangen bin. Ich stelle mir vor, wie sie jetzt ganz traurig auf dem Sofa sitzt und sich fragt, ob diese Freundschaft überhaupt noch einen Sinn macht. Ich könnte das sogar verstehen, denn wirklich einfach ist es nicht mit mir. Vielleicht sollte ich sie noch einmal zurückrufen und mich entschuldigen. Aber dazu fehlt mir jetzt die Kraft und sicher werde ich nicht die richtigen Worte finden.

Mit der ersehnten Ruhe, die ich mir eigentlich gönnen wollte, ist es nun vorbei. Ich verliere mich nahezu in der Vorstellung, wie es meiner Freundin jetzt wohl geht und ich fühle mich erbärmlich. Unfähig, überhaupt eine zwischenmenschliche Beziehung einzugehen.

Eine ganze Weile schreien sich die Hauptdarsteller in meinem selbst inszenierten Drama noch an, dann muss ich wohl doch eingeschlafen sein. Mein Freund Sascha weckt mich mit einem sanften Kuss.

Für dich eine Brise, für mich ein Orkan

Wann es anfing mit dem Gefühl in jeder Brise des Lebens einen Orkan zu sehen, weiß ich nicht. Schon früh gehörten Stille und Rückzug zu meinen essenziellen Grundbedürfnissen und ich brauchte immer viel Zeit um Situationen zu bewerten, Erlebnisse zu verarbeiten und Zusammenhänge in Dingen zu erkennen. Meine Mitschüler habe ich als zu wild und zu laut empfunden und in den Pausen habe ich mir immer eine ruhige Ecke gesucht, in die ich mich zurückziehen konnte, um alleine zu sein. Ich machte den Fehler zu glauben, dass die breite Masse so dachte, wie ich.

“Mit der stimmt was nicht...”

“Die ist aber empfindlich...”

“Spielverderber!”

All das waren noch harmlose Angriffe auf meine Dünnhäutigkeit.

Ich habe es mitbekommen, was hinter meinem Rücken getuschelt wurde, wie sie gelacht haben über mich.

Dass es mir weh tat und ich langsam anfing an mir zu zweifeln hat aber niemand bemerkt. Ich habe immer viel gespürt aber nie was gesagt. Ich war schon früh eine Meisterin des Aushaltens.

Und nun, viele Jahre später, liege ich hier auf dem Sofa, und kann nicht aufhören daran zu denken, wie es meiner Freundin wohl gerade geht. Dass ich überhaupt eine Freundin gefunden habe und so einen liebevollen Partner.

“Dein Tag scheint ja ganz schön anstrengend gewesen zu sein, du schläfst doch sonst nicht um diese Zeit hier ein,” flüstert mir Sascha behutsam ins Ohr.

“Ach,” seufze ich,” ich bin einfach nur müde.”

Am nächsten Tag reihe ich mich wieder ein in das Verkehrschaos der Großstadt. Einer Stadt, in der die Menschen hart arbeiten, viel Geld für andere machen, in eine Welt des Konsums und der ewig im Vordergrund stehenden Gewinnmaximierung. So zermürbend alltäglich, dass sich mein Kopf anfühlt wie aus Watte. Ich bin ein Teil von ihnen. Und ich habe doch gar nicht das Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Ich befinde mich auf dem schmalen Grat zwischen Anpassung und dem dringenden Wunsch ein Individuum zu sein. Ich möchte nicht überschüttet werden mit Meinungen und Ratschlägen von Menschen die ich nicht darum gebeten habe. Sie denken doch sowieso von mir was sie denken wollen. Sie hören doch sowieso nur das was sie hören wollen. Warum bin ich so besessen von dem Gedanken, es jedem recht machen zu wollen? Ich kann manchmal gar nicht mehr zwischen ihnen und mir unterscheiden. Ihre Emotionen sind auch meine, ihr Druck ist auch meiner, ihre Ansprüche sind auch meine. Ich verschwinde regelrecht in ihnen.

Und heute Abend wird es das gleiche sein. Alle Ameisen krabbeln zurück in ihren Bau, nur um am nächsten Tag wieder die gleiche harte Arbeit zu tun.

`Du wolltest noch Merle zurückrufen und denk´ dran heute noch ein Geburtstagsgeschenk für sie zu kaufen. Wie lange weißt du eigentlich schon, dass sie am Samstag Geburtstag hat??? Es ist wie Weihnachten! Weihnachten kommt ja auch immer ganz plötzlich! ´

Ich bin noch keine zwei Minuten wach, bekomme kaum die Augen auf, aber mein innerer Antreiber hat den Dienst schon längst wieder aufgenommen. Er scheint mal wieder richtig gut in Form zu sein.

`Halt´ die Klappe´, denke ich und schleppe mich ins Bad wie jeden Morgen. Und doch fühlt es sich heute befremdlicher an. Dunkler, enger. Als würde sich eine Veränderung in meinem Leben anbahnen.

Sascha hat sich, wie jeden Morgen, schon einen Kaffee aufgebrüht und mir meinen Lieblingstee in meiner Lieblingstasse in den dezenten Farben bereitgestellt. Es ist ein liebgewonnenes Ritual geworden, auf das ich nicht mehr verzichten möchte. An frisch gemahlenem Kaffee riechen zu dürfen, ist für mich immer eine ganz besondere Freude, aber nachdem ich einmal davon gekostet hatte, bin ich doch lieber auf Tee umgestiegen. Ich lief den ganzen Tag auf Hochtouren und auch mein Magen nahm mir diesen Fauxpas, im wahrsten Sinne des Wortes, übel.

Die eiskalte Morgenluft veranlasst mich, meine Jacke noch fester zu schließen und mir meinen kuschelig orangefarbenen Schal über die Nase zu ziehen. Der Winter und ich sind keine Freunde.

WUMMS! Der Dauerfrost hat der Straße übel zugesetzt. Das wird im nächsten Jahr wieder für viele Baustellen sorgen und noch mehr Arbeit für überforderte Mitarbeiter in den Autowerkstätten. Im Prinzip müsste man Slalom fahren um den vielen, teilweise sehr tiefen Schlaglöchern auszuweichen. Ich konnte so schnell nicht reagieren. Geblendet vom Licht des Gegenverkehrs und abgelenkt durch die aufdringliche Werbung im Radio ist mein Stresslevel schon wieder so hoch wie die chinesische Mauer lang ist.

`Das musst du heute Abend Sascha zeigen, vielleicht ist eine Achse gebrochen, katastrophisiert mein Kopf und mahnt mich zur Eile, weil ich schon spät dran bin.

`Dann könnte ich wohl kaum noch fahren´, mutmaße ich, aber ich habe jetzt keine Lust in einen Dialog zu treten, bei dem ich nicht das letzte Wort haben werde.

Am nächsten Tag betrete ich erneut die Showbühne des Berufsalltags. Willkommen beim Festival der Stimmungen! Patricia begrüßt mich stürmisch und scheint mal wieder übereifrig, Jonas ist gereizt, Holger betrübt, Larissa unternehmungslustig, Sebastian möchte wieder witzig sein und Claudia versucht ihre Unsicherheit durch ein Dauerlächeln zu überspielen. Marco scheint gar nicht da zu sein. Er sitzt an seinem Schreibtisch und versteckt sich hinter einem Stapel von Akten. Und ich? Fühle mich für alles und jeden verantwortlich.

Irgendwie gelingt es mir dann doch, den Arbeitstag mit all seinen Anforderungen durchzustehen. Mich auf ein neues Computerprogramm einzustellen, nachdem ich mich gerade an das alte gewöhnt hatte, am Telefon freundlich zu lächeln, obwohl mir gar nicht danach zumute ist und im Meeting eine professionelle Haltung einzunehmen, wobei ich schon das Wort “Meeting” zutiefst verabscheue. Diese blöden Anglizismen!

In der Pause versuche ich Smalltalk mit den Kollegen zu halten, was ich außerordentlich anstrengend finde und um siebzehn Uhr lasse ich alles fallen. Nur nicht mich. Ich muss ja noch ein Geschenk für Merle besorgen. So hat es der innere Antreiber mir heute morgen befohlen. Jetzt aber noch in ein Einkaufszentrum zu gehen, unter Menschen, die nicht zur Ruhe kommen, an Geschäften vorbei, aus denen die unterschiedlichsten Gerüche dringen, beschallt von Musik, die mir ein leichtes Lebensgefühl und Spaß am Kaufen vermitteln soll, erscheint mir als eine so maßlose Herausforderung, die ich heute nicht mehr würde bewältigen können. Ein kleines Geschäft mit einer netten Beratung könnte ich vielleicht noch akzeptieren, aber die gibt es ja kaum noch. Ich habe nicht mal mehr die Kraft, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. In meinem Körper herrscht eine solche Schwere und Antriebslosigkeit, wie ich sie noch nie empfunden habe. Wie ferngesteuert begebe ich mich ins Parkhaus, finde mein Auto intuitiv und fahre sicher nach Hause, ohne jedoch konzentriert und aufmerksam an diesem Vorgang beteiligt zu sein. Ohne jede Mimik oder eine freundliche Geste begrüße ich meinen Freund und verschwinde im Badezimmer. Ruhe, einfach nur Ruhe. Atmen, einfach nur Atmen und langsam wieder bei mir ankommen. Ich lasse angenehm kühles Leitungswasser über mein Handgelenk fließen um mich wieder zu spüren und alles Belastende von mir abzuwaschen.

Allmählich bemerke ich, dass ich wieder bereit bin, mich auf meinen Freund einzulassen. Ihn in den Arm zu nehmen und für einen Augenblick nur die Berührung zu genießen. Nicht zu sprechen, einfach nur da zu sein. Sonst nichts.

Ist das die Veränderung, die sich gestern so verheißungsvoll ankündigte? Ich könnte im Moment nichts dagegensetzen, aber es fühlt sich beunruhigend an.

In dieser Nacht finde ich keinen erholsamen Schlaf. Ich schrecke immer wieder hoch, mit dem Gedanken, noch kein Geburtstagsgeschenk für Merle zu haben. Ich würde ihr Zeit schenken. Nichts Materielles, was vielleicht für ein paar Tage Freude bereitet um dann langsam, immer blasser werdend aus der Erinnerung und schließlich zwischen dem ganzen anderen bedeutungslosen Zeug zu verschwinden. Eine Einladung zum Essen müsste diesmal reichen. Sie dürfte entscheiden, wo wir hingehen und ich würde mich an diesem Abend ganz und gar auf sie einlassen. Ja, das fühlt sich gut an. Es würde genug sein.

Der Schlaf kommt trotzdem nicht. Ich jage ihm nach, wie eine Katze ihrer Beute, aber ich hole ihn nicht ein.

Die Melancholie am nächsten Morgen erschreckt mich. Ich habe irgendein diffuses Gefühl von Angst, das ich nicht greifen kann. Aber mein Bestreben, Dinge gut zu machen treibt mich wieder an meinen Arbeitsplatz. Jeden neuen Tag verlange ich Höchstleistungen von mir selber ab, gehe gewissenhaft meinen Verpflichtungen nach, plane, organisiere und beurteile und halte es aus, wenn ich durch andauerndes Telefonklingeln immer wieder aus meiner Konzentration gerissen werde. Jedes Anliegen eines Arbeitskollegen wird als besonders dringlich auf meine immer länger werdende To-Do Liste gesetzt und ich ignoriere völlig, dass sich mein Körper langsam auf einen Streik vorbereitet.

Merle

Der Abend, der nur meiner Freundin Merle und mir gehören sollte, beginnt mit trüber Stimmung. Ich bin viel zu müde, daran wird auch sicher die Kälte und das klare Licht des Vollmondes nichts ändern. Eigentlich liebe ich diese mystische Stimmung. Sie ist rätselhaft und hat gleichzeitig etwas Heilendes. Sie hat mich bisher immer mitgenommen in eine andere Welt, in die ich mich zurückziehen konnte, wenn mir die reale zu überwältigend vorkam. Aber heute Abend wird es keine Möglichkeit zum Rückzug geben. Ich werde mich hineinstürzen in ein Universum von Fülle und Überforderung. Was ist nur passiert, dass ich mich nicht mehr auf ein paar unbeschwerte Stunden mit meiner Freundin freuen kann? Hat der Alltag mich so verändert, dass ich nicht mehr genießen kann oder bin ich im Grunde genommen niemals bereit gewesen zu genießen? Ich sortiere meine Gedanken nach Farben und muss feststellen, dass nur die ganz dunklen des Winters von mir Besitz ergriffen haben. Werde ich es schaffen, das Helle, das Freundliche, das Lebendige wieder zuzulassen?

Meine Freundin ist, wie immer, pünktlich. Als ich sie sehe, keimt tatsächlich ein Fünkchen Freude auf.

Ich begegnete Merle an einem Tag, der mir schon morgens vorkam wie ein nicht bezwingbarer Berg. Völlig orientierungslos trudelte ich durch mein persönliches All und hatte viele Fragen an das Leben. Irgendwie schien es, dass die Welt von und für die Lauten gemacht war. Es bereitete mir große Schwierigkeiten, mich darin zurecht zu finden.

Nach einem anstrengenden Arbeitstag mit fordernden Kunden und Kollegen, die hektisch zwischen Telefon und Aktenordnen umherirrten, scheinbar eine Art Konkurrenzkampf zwischen einander ausfechtend, entschied ich mich, in einem kleinen Café die ganze Anspannung hinunterzuspülen. Die Unruhe in mir und der Lärm der Großstadt draußen formierten sich zu einer immer bedrohlicher heranwachsenden Lawine, die mich mit sich fortreißen würde, wenn ich nicht schnell genug gegensteuerte.

Hektisch wühlte ich in meiner Handtasche nach dem Portemonnaie um zu bezahlen, als plötzlich eine junge Frau mit ihrem Hund das Café betrat, der sich scheinbar mächtig über den Mann am Nebentisch freute.

“Na Maggi? Wieder gut gelaunt heute?”

Ich bemerkte, dass der jungen Frau das Verhalten ihres Vierbeiners unangenehm war.

“Entschuldigen Sie bitte, mein Hund ist manchmal etwas ungestüm. Stört es Sie, wenn wir uns neben Sie setzen? “ fragte sie mich sichtlich verlegen.

“Nein, ich wollte sowieso gerade gehen, “erwiderte ich freundlich.

Ich war amüsiert über diesen kleinen Dackel, über den Namen, der so wunderbar zu dieser kleinen, dunkelbraunen Fellnase passte und über diese pure unerschrockene Art von Lebensfreude. Außerdem war ich angenehm überrascht von diesem ausgeprägten Maß an Rücksichtnahme.

Jetzt wäre ich am liebsten doch noch etwas länger geblieben um die Szenerie zu beobachten. Das Leben schien mich gerade zu einem Glücksmoment einzuladen. Warum sollte ich sie nicht annehmen?

Ich war neugierig, in welcher Beziehung die junge Frau zu dem Mann stand, dessen Alter ich auf ungefähr fünfzig Jahre schätzte, und wie der Hund sich weiter verhalten würde.

Nach einer ausgiebigen Begrüßung legte er sich unter den Tisch und wartete geduldig. Er schien zufrieden zu sein und nur im Hier und Jetzt zu leben. Die Ruhe, die von der jungen Frau ausging, schien sich auf ihn zu übertragen. Sie hatte eine angenehm sanfte Stimme und ich merkte, dass auch ich langsam ruhiger wurde. Mein Portemonnaie hielt ich zwar immer noch in der Hand, aber nicht mehr so verkrampft. Ich blickte aus dem Fenster, bemerkte die Menschen auf der Straße, die abgeplatzte Farbe der Fensterbank, die dezente Dekoration auf dem Tisch und die leise Hintergrundmusik. Ich konnte für einen Augenblick loslassen und fand langsam zu meiner inneren Mitte zurück. Wie sehr ich das gerade brauchte und wie leicht es zu haben war!

Als ich bezahlt hatte, stand ich auf, hob den Stuhl, auf dem ich saß, an, und schob ihn vorsichtig unter den Tisch. Niemand sollte sich gestört fühlen. Langsam und mit einem inneren Lächeln verließ ich das Café und erreichte wenig später mein Auto. Gerade als ich die Autotür öffnen wollte, hörte ich ein durchdringendes Quietschen von Reifen, einen schmerzhaften Schrei und das markerschütternde Jaulen eines Hundes. MAGGI!!!

Ein Radfahrer hatte ihn angefahren. Ich eilte zurück um mir Gewissheit zu verschaffen, dass niemand ernsthaft verletzt war und um die zitternde junge Frau zu beruhigen, deren Bekannter nun ebenfalls, sichtlich geschockt, aus dem Café gelaufen kam. Aus Maggis Vorderpfote tropfte ein wenig Blut. “Kommen Sie!” rief ich, “ich fahre mit Ihnen zum Tierarzt! Mein Auto steht gleich dort drüben!”

“Vielen Dank!” rief sie bestürzt und hob ihren Hund vorsichtig hoch.

Kurz wendete sie sich ihrem Begleiter zu. “Ich rufe dich an!”

“Ja, sagte der Mann, “kümmere dich erstmal um Maggi!”

Aus seinem Gesichtsausdruck konnte man großes Entsetzen ablesen. Der Radfahrer entschuldigte sich mehrere Male. Auch ihm schien der Unfall einen großen Schrecken eingejagt zu haben.

“Vielen Dank! Ich heiße Merle!” stellte sich die junge Frau später im Auto vor. Ihre Stimme zitterte noch immer, während Maggi ruhig auf ihrem Schoß lag. Um seine Pfote hatte sie ein Taschentuch gewickelt.

“Ich könnte jetzt gar nicht fahren!”

“Machen Sie sich keine Sorgen,” versuchte ich sie zu beruhigen. “Das ist doch selbstverständlich.”

Sie wies mir den Weg zu ihrem Tierarzt, dessen Praxis zum Glück schnell zu erreichen war. Dann drückte ich ihr noch meine Telefonnummer in die Hand mit der Bitte, mich wissen zu lassen, wie es Maggi ging.

Wieder einmal reagierte ich in dieser Situation umsichtig und schnell. Erst später fingen auch meine Knie an zu zittern.

Merle rief mich am nächsten Tag an und berichtete erleichtert, dass eine Kralle an Maggis Vorderpfote leicht verletzt war. Der Tierarzt sicherte jedoch eine schnelle, unkomplizierte Heilung zu. Sie lud mich zum Dank auf einen Kaffee ein, was ich gerne annahm.

Später sollte ich erfahren, dass Merle Maggi aus einem Tierheim geholt hatte. Er half ihr, nach der Trennung von ihrem Freund, die sehr schmerzhaft für sie war, wieder Boden unter ihren Füßen zu spüren. Sie berichtete, dass Veränderungen in ihrem Leben immer mit starken Emotionen verbunden waren, und sie immer sehr lange bräuchte, Dinge zu verarbeiten. Das machte sie mir umso sympathischer, ich konnte das alles deutlich nachvollziehen.

Der Mann in dem Café sei ihr Onkel Marek gewesen, mit dem sie noch etwas für die Geburtstagsfeier ihrer Tante Ilona besprechen wollte.

Sie hätte eine sehr enge Beziehung zu ihren Verwandten, überhaupt würde die Familie ihr viel bedeuten.

Ich erkannte sie immer mehr als eine Art Seelenverwandte und fühlte mich in ihrer Anwesenheit ausgesprochen wohl.

Wir verabredeten uns hin und wieder zu Spaziergängen mit Maggi, die mir sehr guttaten. Ich bewegte mich gerne in der Natur. Wertschätzend und wahrnehmend. Im Wald konnte ich zu mir kommen und fühlte mich verbunden mit dem großen Ganzen.

Langsam entwickelte sich zwischen uns eine tiefe, verlässliche Freundschaft.

Wie viel mir diese Freundschaft bedeutet, wird mir an diesem Abend einmal mehr bewusst. Die Begrüßung ist herzlich, ich kann es zulassen, dass sie mich in den Arm nimmt. An manchen Tagen kann ich nicht mal die Berührung des Pullovers an meiner Haut ertragen.

Das Restaurant, das sie sich ausgesucht hat, strahlt eine warme, ruhige Atmosphäre aus. Es ist nicht zu laut und die frisch zubereiteten Speisen verströmen einen zarten, angenehmen Duft.

Wir unterhalten uns auf Augenhöhe. Immer finden wir Themen, die es zu besprechen gibt, niemals driftet das Gespräch in oberflächlichen Smalltalk ab, der uns beide nur langweilen und ermüden würde. Wir halten Blickkontakt, der niemals aufdringlich ist. Wir sind mit der Aufmerksamkeit ganz bei uns. Und selbst, wenn wir schweigen ist es niemals unangenehm. Keine von uns hat das Bedürfnis, die Stille zu stören, wenn sie gerade da sein will. Wir können das Schweigen aushalten.

Merle gelingt es auch an diesem Abend, mich für eine Weile von meinem Trübsinn abzulenken. So wie damals, als wir uns kennengelernt haben, überträgt sich ihre Ruhe auf mich und die Sanftheit ihrer Stimme streichelt meine Seele.

“Ich soll dich übrigens auch herzlich von Onkel Marek und Tante Ilona grüßen, sie passen heute auf Maggi auf.”

“Holst du ihn später noch ab, oder schläft er dort?”

“Nein, Maggi schläft am liebsten in seinem eigenen Körbchen. Ich bin auch ruhiger, wenn er zu Hause ist. Außerdem ist so gegen halb sechs Uhr morgens das erste Mal Gassi gehen angesagt. Das will ich den Beiden nicht zumuten.”

“Bitte richte den Beiden liebe Grüße von mir aus!”

Marek und Ilona sind mir während der Freundschaft zu Merle regelrecht ans Herz gewachsen. Überhaupt ist ihre ganze Familie so herzlich, so offen und bodenständig, dass ich schon manchmal gedacht habe, ich gehöre irgendwie dazu. Mit dem Temperament von Ilona hatte ich zwar anfangs so meine Schwierigkeiten, sie ist schon sehr energiegeladen, und ich habe sie eigentlich noch nie schlecht gelaunt erlebt. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Nichts geht mehr

Umweltkatastrophen, Lebensmittelskandale, Terror, Machtkämpfe in Politik und Wirtschaft, Betrüger, die das System ausnutzen, was letztendlich die wohlmeinenden, ehrlichen Menschen ausbaden müssen - jeden Tag erreichen uns Meldungen, die unsere Gelassenheit auf eine harte Probe stellen. Und doch scheint es Menschen zu geben, die sich durch all diese Nachrichten nicht beeindrucken lassen. Mich bringt es schon aus der Fassung, wenn unser Nachbar mal wieder bei laufendem Motor und in aller Seelenruhe sein nächstes Ziel in das Navigationsgerät eingibt. Es passt nicht in mein starkes inneres Wertesystem, dass er scheinbar nicht verstanden hat, wie es um den Zustand unserer Umwelt bestellt ist.

Und damit hat mich die Tragik wenige Tage nach dem schönen Abend mit meiner Freundin Merle bereits wieder eingeholt. Menschen strengen mich an, der Alltag strengt mich an, ICH strenge mich an.

Ich wühle in meiner Handtasche nach dem Autoschlüssel. Ich finde mein Handy, ein paar angebrochene Packungen Taschentücher, ein kleines Notizbüchlein, ein Fläschchen Desinfektionsmittel und einen Handspiegel. Gleich werde ich den Einkaufswagen - Chip und meine Bonuskarte suchen, aber erst muss ich den Startbildschirm meines Handydisplays entsperren um mich vom häuslichen W-lan Router abzukoppeln. Ich werde gefragt werden, ob ich ein Sicherheits- Update machen will, und wenn ja, jetzt gleich oder heute Nacht. Danach werde ich mich über die Menschen aufregen, die ihre Einkaufswagen so kraftvoll aus der Reihe der anderen abgestellten Wagen reißen, dass man das Scheppern noch in den angrenzenden Stadtteilen hört, ihr Obst und Gemüse in Plastiktüten stecken und über die gestresste Kassiererin, die in Schallgeschwindigkeit die Ware über den Scanner zieht, während die Kollegin sie über die Angebote der nächsten Woche informiert und die Kundin laut vorrechnet, dass acht mal vier zweiunddreißig ergibt und nicht vierunddreißig. In solchen Momenten ist es mir fast peinlich, dass auch ich sie noch mit meinem Einkauf behellige und vermeide es, das passende Kleingeld aus meinem immer schwerer werdenden Portemonnaie zu sammeln, damit ich hier so schnell wie möglich verschwinden kann. Kurze Zeit später werde ich in mein Auto einsteigen und mich fragen, welchen Beitrag ich eigentlich leiste um der Umwelt nicht zu schaden. Reicht es, auf Flugreisen zu verzichten? Ist es wirklich nachhaltig, Fleisch beim Biobauern zu kaufen und keinen Weichspüler zu benutzen? Ich habe darauf keine Antwort. Vielleicht sollte ich mich einer Naturschutzorganisation anschließen. Ich könnte mich auch ehrenamtlich in einem Tierheim engagieren oder wenigstens einen Vortrag zum Thema Ressourcenknappheit besuchen. Ich möchte in dieser Welt gerne Spuren hinterlassen.

Aber wie soll mir das gelingen, wenn es mir schon schwerfällt, die alltäglichen kleinen Dinge zu verrichten?

Heute ist ein guter Tag um all diese Fragen ruhen zu lassen. Ich werde ein entspannendes Bad nehmen und der Duft von Melisse und Lavendel wird mir sicher helfen, dem Alltag zu entfliehen. Ich werde mir selbst mal wieder Zeit schenken und ganz zur Ruhe kommen. Doch das, was sich so schön denkt, ist in Wirklichkeit gar nicht so einfach in die Tat umzusetzen, wenn man ausgebrannt und leer ist. Müde beobachte ich, wie das Wasser in die Badewanne fließt. Wie sehr wünsche ich mir, dass es alles Schwere, alles Trübe und Belastende fortspült.

Wieder komme ich in der Nacht nicht zur Ruhe. Die Stille, die mir sonst heilig ist, bedrückt mich plötzlich. Ich höre kein vertrautes Geräusch. Keine Stimmen aus der Nachbarschaft, kein Hupen, nicht mal ein vorbeifahrendes Auto lenkt mich von meinen quälenden Gedanken ab. Sie ergeben keinen Sinn, ich kann sie nicht einmal benennen, aber ich halte sie trotzdem fest und bewege sie immer und immer wieder im Kreis.

Die Erschöpfung am nächsten Morgen ist grenzenlos. Ich kann mich nicht bewegen, alles in mir fühlt sich taub und steif an. Als wäre ich ein Luftballon, aus dem man die Luft herausgelassen hat. Nur ohne Knall. Es passierte ganz leise. Ich scheine vergessen zu haben, wie Leben geht.

Sonne, Mond und Berge

Als der Zug die Stadt verlässt, geht langsam die Sonne auf. In meinem Abteil bin ich alleine und ich blicke aus dem Fenster um diese faszinierende Stimmung einzuatmen. Noch gleitet der Zug langsam über die Schienen, hier und da knackt es, es ruckelt ein wenig. Schemenhaft kann ich die Skyline der Stadt und die Kräne im Hafen erkennen, bis die Lichter immer weiter in die Ferne rücken. Der Zugführer begrüßt die Fahrgäste, seine Stimme ist tief und warm. Vor mir liegen etwa acht Stunden Fahrt, ich freue mich auf das was kommt, auf die Zeit für mich, die Ruhe, die Erholung.

Der Zusammenbruch traf mich mit voller Wucht. Es musste so kommen, es konnte so nicht weitergehen. Wie lange braucht es, bis der Körper die Notbremse zieht? Wie lange hält die Seele es aus, beiseitegeschoben zu werden?

Der Arzt hat mich für zehn Tage krankgeschrieben. In dieser Zeit sollte ich mal zur Ruhe kommen, ganz an mich denken und mir etwas Gutes tun. Vielleicht mal in ein Café setzen oder ein gutes Buch lesen. Aber das hier war mehr als ein gutes Buch zu lesen. Ich kann das Gefühl nicht in Worte fassen. Diese Leere, diese Kraftlosigkeit. Es war als wäre ich in der Tiefe der Erschöpfung ertrunken. Unfähig, mich daraus zu befreien.

Und nun kann ich wieder atmen, habe wieder einen Zugang zu meiner inneren Kraft gefunden und ein leises Gefühl von Hoffnung. Ich würde es behutsam in der Hand halten wie ein Küken, das gerade geschlüpft war. Ich würde es aufpäppeln und ihm die Gewissheit geben, gut aufzupassen, wohl wissend um seine Zerbrechlichkeit.

Die Morgensonne steht bereits hoch am blauen Himmel als der Zug die erste Haltestelle erreicht. Inzwischen haben sich ein paar zarte, strahlend weiße Wolken formiert. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Das, was mir zuhause in der letzten Zeit nicht gelungen ist, erreiche ich nun mühelos.

Ich bin hingerissen von diesem wunderschönen Naturschauspiel. Im Abteil ist es mittlerweile angenehm warm, ich ziehe meine Jacke aus. Einige Fahrgäste verlassen den Zug, nur wenige steigen zu. Eine junge Frau öffnet die Tür zum Abteil und sinkt erschöpft auf einen der freien Plätze. Sie hat eine angenehme Ausstrahlung, wirkt aber müde. Wir lächeln uns kurz an, ich frage, ob ich ihr mit ihrem Gepäck behilflich sein kann. Dankend nimmt sie mein Angebot an, der Koffer ist groß und schwer. Ihr Handgepäck stellt sie auf dem Sitz zwischen uns ab, jedoch nicht ohne sich vorher zu vergewissern, ob ich mich dadurch auch nicht gestört fühle. Ich muss an Merle denken und stelle erleichtert fest, dass man doch immer wieder auf diese rücksichtsvollen Menschen trifft, für die Höflichkeit anscheinend kein Fremdwort ist.

Ob sie darauf wartet, dass ich ein Gespräch mit ihr beginne? Möchte sie überhaupt reden? Oder doch lieber in Ruhe gelassen werden? Was für einen Eindruck mache ich auf sie? Unnahbar? Sympathisch? Arrogant?

Wenige Minuten später ertönt das Signal des Schaffners am Bahnsteig, dann rollt der Zug sanft wieder an.

Je weiter wir Richtung Süden kommen, desto stiller wird es in mir. Ich blicke einfach nur aus dem Fenster und lasse die Landschaft vorüberziehen. Das Band, das mich mit allem verbindet, was meinen Alltag ausmacht, scheint langsam zu zerreißen. Ich halte nicht daran fest. Ich fühle mich frei.

Mich findet man in der Regel nicht in Freizeitparks, auf Partys oder an Samstagen zu ausgedehnten Shopping Touren in der Innenstadt. Ich reise gerne alleine und habe nicht die Absicht, Menschen kennenzulernen, es sei denn, sie interessieren mich. Und nun stehe ich am Münchener Bahnhof! Inmitten quengelnder Kinder an der Hand genervter Mütter. Geschäftsreisende drängeln sich durch die Masse ankommender Fahrgäste um ihre Anschlusszüge zu erreichen und aus den Imbissbuden wabert der Geruch ranzigen Fettes. Undeutliche Durchsagen an den Bahnsteigen und das Gewicht des eigenen Gepäcks führen dazu, dass ich mich sofort wieder überfordert fühle und alles wird von meinem Gehirn als besonders bedrohlich interpretiert. Jetzt heißt es, Ruhe bewahren. Auch ich muss meinen Anschluss erreichen um nicht stundenlang auf den nächsten warten zu müssen, aber zuvor muss ich mich erst einmal orientieren, wo ich überhaupt angekommen bin.

Zum Glück habe ich genügend Zeit, das Gleis zu wechseln. Mühelos erreiche ich die Regionalbahn und finde auch schnell einen Sitzplatz. Zügig verstaue ich mein Gepäck um weitere Fahrgäste nicht zu behindern. Ein paar tiefe Atemzüge, ein Blick aus dem Fenster und ein Schluck Wasser. Das müsste reichen um den Alarmzustand in meinem Körper wieder herunter zu regeln.

In der Ferne kann ich bereits schemenhaft den Umriss der Berge erkennen. Wieder spüre ich das Herz in meiner Brust. Dieses Mal aber vor Freude. Ich kann es kaum erwarten anzukommen und ich spüre, wie sich in jeder meiner Zellen ein Lächeln formt.

Um diesen malerischen Anblick ein wenig zu unterstreichen, setze ich meine Kopfhörer auf und stelle leise Musik an. Leider wird dieser wunderbare Moment durch eine ankommende WhatsApp Nachricht unterbrochen:

“Hsllo Svhatz! wo bist du? Geht es dit gut” Typisch Sascha! Offensichtlich schreibt er die Nachricht wieder multitasking. Beim Anblick der Worte muss ich schmunzeln.

“Danke Schatz, mir geht es gut. Ich bin gerade in München umgestiegen und abgesehen von meinem durchgesessenen Hintern freue ich mich auf die erste zünftige bayerische Mahlzeit!” Ich füge noch ein lächelndes Smiley hinzu und drücke auf senden.

Da Sascha online ist, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten.

“Meib spatzl in der grossen weitwn welt!”

Wieder amüsiere ich mich über die grauenhafte Rechtschreibung, dann antworte ich ihm noch kurz, dass ich mich melden werde, sobald ich angekommen bin.

“Bussi!”

“Bussi!”

Sascha liebt seine Freiheit. Genauso wie ich. Vielleicht ist das der Grund, warum er sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Seitdem ich ihn kenne, liebt er es, Modellflugzeuge zu bauen. Fliegen sei für ihn der Inbegriff der Freiheit, sagte er einmal. Und jetzt schraubt er mit derselben Leidenschaft an echten Flugzeugen herum und träumt davon, irgendwann einmal in leitender Position zu sein. Immer wenn wir einen gemeinsamen Spaziergang im Naturschutzgebiet am Rande des Hamburger Flughafens machen, schaut er sehnsüchtig startenden Flugzeugen nach und manchmal, wenn einer seiner “Patienten”, wie er sie liebevoll nennt, über unseren Köpfen gen Himmel klettert, erklärt er mir ganz aufgeregt, dass er bei der Inspektion des Leit – und Steuerwerks dabei war. Selbstverständlich zählt er mir bis ins kleinste Detail alle Daten der Maschine auf, bis mir ganz schwindelig wird vor lauter Informationen.

Während es für ihn immer selbstverständlich war, in einem Team zu arbeiten und er nach Feierabend noch gerne mit seinen Kollegen ein Bier trinken geht, brauche ich nach einem anstrengenden Arbeitstag etwas zu Essen und meine absolute Ruhe. Dass ich mir ein paar Tage Auszeit genommen habe, gab uns beiden nie einen Anlass zur Diskussion. Er gönnt mir meine Freiheit ebenso wie ich ih

Bad Reichenhall empfängt mich mit Sonnenschein. Es ist kühl aber nicht zu leugnen, dass endlich der Frühling im Anmarsch ist.

Ich bin erschöpft aber glücklich, beseelt von dem Anblick der Berge, die nun zum Greifen nah scheinen. Ich sauge die frische Luft ein, trinke sie förmlich und brauche eine Weile um zu verstehen, dass ich wirklich hier bin. Vor mir liegen drei Wochen ganz für mich alleine. Ich werde viel schlafen, spazieren gehen, lesen und mich treiben lassen. Der Anblick dieser vollkommenen Schönheit der Natur wird mir jeden neuen Morgen die Erfüllung sein.

Das kleine Hotel liegt in unmittelbarer Nähe des Kurparks. Das Zimmer ist schlicht eingerichtet, aber gemütlich, sauber, hell und ruhig. Genauso wie ich es mag. Unruhige Muster von Tapeten oder grelle Farben würden mich wahrscheinlich wieder nur nervös machen. Am liebsten würde ich mich jetzt einfach auf das große Bett fallen lassen, prüfen ob es weich genug ist, und dann einfach nur schlafen. Ich habe nicht das Bedürfnis zu reden oder jemandem zu begegnen, aber ich habe versprochen, Sascha anzurufen, wenn ich angekommen bin. Dass es mich ein klein wenig Überwindung kostet, dies zu tun, löst sofort wieder einen Alarm in meinen Gedanken aus.

“Hallo Schatz, ich bin gut angekommen! Es ist soooo schön hier!”

Müsste jetzt nicht eigentlich kommen, wie schön es wäre, wenn er jetzt auch hier ist? Wäre das tatsächlich schön?

“Das freut mich, mein Spatzl,” versucht Sascha in einem gequälten bayerisch zu erwidern.

“Hast du die lange Fahrt gut überstanden?”

Jetzt fehlt nur noch, dass er mich nach der Wetterlage fragt und ob ich genügend warme Kleidung mitgenommen habe. Im Geiste verdrehe ich die Augen.

“Naja, es war schon anstrengend, aber in meinem Abteil war es schön leer, ich habe zwischendurch immer wieder geschlafen. In München war es hektisch, aber das habe ich ja schon erwartet. Großstadt eben...”

Ich ertappe mich dabei, wie ich tatsächlich mit den Augen rolle.

“Aber mein Anschluss ging pünktlich,“ füge ich noch schnell hinzu.

“Und jetzt bist du ganz fasziniert von der Landschaft, richtig?”

Warum hat er nicht “gell” gesagt?

“Und wie!” bestätige ich aufgeregt.

“Dann genieße deine Auszeit und erhol´ dich gut. Hast es verdient!”

Seiner sanften Stimme entnehme ich, dass er mir meine Pause vom Alltag wirklich gönnt und ich mich nun um mich selbst kümmern darf. Warum also dieser Anflug von schlechtem Gewissen? Als ich spüre, dass er mir nun doch ein klein wenig fehlt, bin ich erleichtert.

Wir versichern uns noch einige Male, dass wir uns liebhaben, dann legen wir auf.

Wieder muss ich dem Impuls, mich unter der Bettdecke zu verkriechen und zu schlafen, widerstehen, denn mein Magen meldet sich. Eine wirklich vernünftige Mahlzeit hatte ich heute auch noch nicht, und ich könnte mir gleich ein Bild von der Umgebung machen. Selbstverständlich nur ein kleines!

Nachdem ich mich ein wenig erfrischt und die Kleidung gewechselt habe, fühle ich mich gleich etwas wohler. Meine Sachen würde ich in Ruhe später auspacken. Mich beschleicht ein leises Gefühl von Gelassenheit. Zu Hause wäre ein Koffer mit lauter Zeug drinnen undenkbar. Ich spiele noch kurz mit dem Gedanken, ein paar Socken quer über dem Bett zu verteilen, aber das wäre für meinen Geschmack doch etwas zu übermütig.

Obwohl die Fußgängerzone im Ort noch gut besucht ist, verspüre ich keine Hektik. Weder in mir, noch in den Menschen. Die Uhren ticken hier anders. Ich weiß, warum ich dieses Ziel gewählt habe. Eine Woge der Freundlichkeit umspült mich und mir gelingt es, Blickkontakt mit den Passanten aufzunehmen. Eine Fähigkeit, die ich zu Hause an den wenigsten Tagen besitze. Meine Schritte werden immer langsamer, immer leichter und gelöster. Ich finde eine kleine, einladende Gaststube, habe aber noch gar nicht das Bedürfnis, einzukehren. Ich möchte am liebsten immer weiter gehen.

Vom Gradierhaus weht eine frische Brise Alpensole herüber, die an tausenden von Schwarzdornbündeln herabrieselt. Davor sprudelt ein prachtvoller Springbrunnen, dessen Anblick mich tief beeindruckt. Einen Moment lang bleibe ich stehen, schließe die Augen und atme die salzhaltige Luft in tiefen Zügen ein, bis ich ein klein wenig husten muss. Ich fühle mich so wohl, so geborgen, so in mir ruhend, dass ich weinen möchte. Wann ich das letzte Mal einen solchen Moment der absoluten Freiheit und Leichtigkeit in mir spürte, weiß ich nicht. Ich gehe ganz in ihm auf und möchte ihn am liebsten für immer festhalten.

Nachdem ich eine Weile dieses herrliche Gefühl ausgekostet habe, mache ich noch ein paar Fotos und schicke sie an Merle. Nicht, weil ich angeben möchte – nein – ich möchte sie an meiner Freude teilhaben lassen.

Das Knurren meines Magens unterbricht diese fast tranceartige Stimmung und ich entschließe mich, nun doch zu der kleinen, gemütlichen Gaststube zurück zu kehren. Draußen sind noch Tische und Stühle aufgestellt, da die Abendluft mir aber zu kühl ist, gehe ich hinein.

Als ich eintrete, nehme ich sofort ein lebendiges Treiben wahr und der Geruch frisch zubereiteter Speisen dringt in meine Nase. Der aufmerksame Kellner weist mir einen Tisch zu, der zum Glück etwas abgelegen steht. Erschöpft aber zufrieden lasse ich mich auf den Stuhl fallen. Fast alle anderen Plätze sind belegt, überwiegend mit Paaren oder geselligen Runden. Im Stimmgewirr fällt es mir etwas schwer, mich auf die Speisekarte zu konzentrieren, die ich wenige Minuten später gereicht bekomme.

Ich entscheide mich für Käsespätzle, einen Salat und ein Malzbier.

Das Letzte was ich jetzt tun sollte, ist, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was die anderen Gäste wohl von mir denken, wenn sie mich hier so alleine sitzen sehen. Und trotzdem kann ich mich diesen Gedanken nicht widersetzen. Ich versuche mir einzureden, dass sie mich doch gar nicht kennen, es ihnen gar nicht zusteht, über mich zu urteilen und wenn sie es doch täten, ich sowieso nichts dagegen tun könnte.

Warum also wieder in das alte Muster der Anspannung zurück verfallen? Wahrscheinlich denken die gar nichts über mich und ich habe mich wieder eines schönen Moments beraubt. In Wirklichkeit bin ich nämlich ganz froh, dass ich nicht reden muss, und niemand da ist, der meine Aufmerksamkeit fordert.

Am nächsten Morgen werde ich von der Sonne wach geküsst. Ich habe tatsächlich die ganze Nacht durchgeschlafen. Die Uhr auf meinem Handy zeigt sieben Uhr zweiundzwanzig an und ich würde mich am liebsten noch einmal umdrehen, aber Sascha wünscht mir bereits einen schönen guten Morgen und einen angenehmen Tag. In Hamburg regnet es, Grund genug, gute Laune zu bekommen. Ich bin hier, die Sonne scheint und die Berge sind immer noch da. Ich habe nicht geträumt. Ich bin tatsächlich hier.

Einmal ausgiebig recken und strecken, ein herzhaftes Gähnen, dann bin ich auch schon bereit, in den Tag zu starten. Ich öffne die Fenster weit um mir einen tiefen Atemzug dieser herrlich frischen Bergluft zu genehmigen, die ich in jeden auch noch so kleinen Winkel meines Körpers strömen lasse.

Im Frühstücksraum geht es ebenso besonnen zu, wie im gesamten Haus. Ich werde freundlich begrüßt und grüße gut gelaunt zurück. Es duftet nach frischen Brötchen und Kaffee. Wie herrlich es ist, sich einfach nur an den Tisch zu setzen und aus lauter leckeren Speisen auszuwählen. Ein Gast scheint mein inneres Lächeln zu bemerken und wünscht mir einen guten Appetit. Er geht mit einem Teller voller Obst zu einem Tisch, unter dem ein außerordentlich drolliger Beagle geduldig wartet. Unglaublich! So etwas habe ich zu Hause noch nie erlebt. In der Kantine begegnet man meistens nur muffeligen Kollegen, die darauf bedacht sind den Arbeitstag möglichst schnell hinter sich zu bringen, oder hochwichtige Mitarbeiter aus der Chefetage, die am Handy ebenso hochwichtige Informationen austauschen, die keinen Aufschub dulden und die so ganz nebenbei ihr Frühstück hinunterwürgen.

Aber das hier ist zum Glück keine Kantine. Und der Mann scheint auch nicht in weiterer Begleitung zu sein. Er schiebt ein kleines Stückchen Käse unter den Tisch, welches von dem Hund vorsichtig aber mit Begeisterung aufgeschnappt wird. Selig leckt er sich die Schnauze.

Ich frage mich, warum ich die Beiden so verträumt beobachte und es mich interessiert, ob der Mann in weiterer Begleitung ist oder nicht. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich ihn attraktiv finde, mit seinem vollen, leicht lockigen dunkelbraunen Haar, dem Dreitagebart und der sportlichen Statur.

Heute möchte ich mir in aller Ruhe den Kurpark ansehen. Erste zarte Knospen haben sich bereits den Weg durch den Boden gebahnt und lassen erahnen, welch farbenprächtiger Blütenteppich sich hier bald ausrollen wird. Es riecht nach Frühling!

Dort hinten schlängelt sich ein Barfuß Weg durch den Park, ausgelegt mit Holzstäben, kleinen Steinchen, Torf und einer Art geschliffener Scherben in einem dunklen Blau, das herrlich in der Sonne leuchtet. Nebenan gibt es ein Kneippbecken, in dem einige Kurgäste wie die Störche ihre Runden ziehen. Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und spüre unter meinen Füssen das taufrische Gras. Es ist zwar noch etwas kühl, aber nachdem ich die verschiedenen Zonen des Weges passiert habe, kribbelt es angenehm warm. Diesem Gefühl möchte ich auf einer Bank noch etwas nachspüren. Wieder lasse ich meinen Blick über die Berge schweifen, die seit meiner Ankunft nichts von ihrem Zauber und ihrer Anziehungskraft verloren haben. Wie könnten sie auch? Sie sind so unerschütterlich, wie ich es nie sein werde.

Nach einer Weile setze ich meinen Spaziergang fort, noch immer kribbelt es unter meinen Füßen. Ich gelange zum Kurgastzentrum, in dem zahlreiche Kataloge und Informationen über den Ort und die Umgebung ausliegen. In einem Nebenraum hat ein Maler seine Werke ausgestellt. Die Bilder ziehen mich magisch an. Sie sehen so wahrheitsgetreu aus, dass man denken könnte, es seien Fotos. Besonders hingerissen bin ich von der Eule und dem Papagei. Doch dann bleibt mein Blick an einem Bild regelrecht haften. Es zeigt eine Gruppe von Delfinen, die vor einer großen Welle flüchten. Die Welle besteht aus Müll, Autoteilen, Fässern und Unmengen von Plastik. Ich kann meine Augen nicht davonlassen. Wie erstarrt bleibe ich stehen, meinen Mund leicht geöffnet. So ausdrucksstark kann nur ein wahrer Künstler malen. Ja, das ist für mich Kunst! Nicht dieser moderne Schnickschnack, der irgendwelche Kleckse zeigt, die angeblich eine Botschaft vermitteln sollen. Dieses Bild aber hat eine Botschaft! Noch immer stehe ich davor, total überwältigt. So malen können! Das, was sich tagtäglich in meinem Kopf abspielt zu Papier zu bringen, den Gedanken Farben geben, sie lebendig werden lassen! Das wär´s!

Als ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit von dem Bild abwenden kann, schaue ich mir den Veranstaltungskalender an. Vielleicht gibt es hier einen Malkurs, den ich besuchen könnte. Zeit genug hätte ich ja.

Langsamer. Stiller. Menschlicher. Drei Worte, die meine Begeisterung von den Bildern schlagartig in eine andere Richtung lenken.

“Du liebst Ruhe, bist gerne alleine und erlebst Dinge sehr intensiv?

Du bist sehr schreckhaft und reagierst empfindlich auf Lärm, Gerüche und den Stress dieser Zeit?

Kunst, Musik und die Natur berühren Dich tief?

Dann bist Du möglicherweise hochsensibel.

Was das ist und wie Du diese wertvolle Gabe für Dich nutzbar machen kannst, erfährst Du in meinem Workshop.

Ich freue mich auf Dich!”

Das, was so unscheinbar auf einem zart mintgrünen Flyer daherkommt, zeichnet ein exaktes Bild meines Selbst. Ich bin fassungslos, wie wenig Worte es braucht, genau das, was ich bin, zu beschreiben. Am kommenden Samstag von zehn bis siebzehn Uhr findet der Workshop im kleinen Saal des Kurgastzentrums statt. Ich werde da sein!

Die wenigen Tage bis dahin vergehen wie im Fluge. Ich vermisse nichts und niemanden, genieße die Ruhe und die Natur und bin mir selbst genug. Wenn ich abends im Bett liege, lasse ich mich vom Mondschein in den Schlaf begleiten und freue mich auf die kleinen Geschenke, die der neue Tag für mich bereithält.

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