Kitabı oku: «Life is not a fu***ing Lovesong»
Kelly Stevens
Bimini Songs
erotischer Roman

www.Elysion-Books.com
Kelly Stevens studierte in England Literatur und Kreatives Schreiben und arbeitete in Deutschland in verschiedenen Jobs im Medienbereich.
Sie schreibt Erotic Romance in allen möglichen Längen und Variationen, von Kurzgeschichte bis Roman.
Als Kelly Stevens veröffentlicht sie bei Verlagen wie Bastei-Lübbe, Droemer Knaur und Elysion-Books, als Indie-Autorin ist sie als K.C. Stevens unterwegs.
Bei Elysion-Books sind bisher »Singapore Nights« und »Bimini Songs« von ihr erschienen, außerdem eine Kurzgeschichte in »Statt Blumen«. Weitere Projekte sind in Planung.
Kelly Stevens
Bimini Songs
Ein erotischer Roman

www.Elysion-Books.com
ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH
Auflage: Juli 2015 (Bimini-Songs)
Auflage: 2 Juli 2016 (Life is not a fucking Lovesong)
Achtung! Dasselbe Buch, zwei Titel/Cover
VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2015 BY ELYSION BOOKS GMBH, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Nadine Will
www.nawillart-coverdesign.de
LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig
www.imaginary-world.de
PRINTED IN POLAND
ISBN Druck (Bimini-Songs): 978-3-945163-57-3
ISBN eBook (Life is not a fucking Lovesong): 978-3-96000-044-0
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Inhalt
Schietwetter
Das Interview
Der Deal
Erwachen
Vorstellung
Alex’ Spezial
Verlängerung
Dahinsegeln
Stars …
… & Sternchen
Instrumente
Dinner
Erkenntnisse
Wettkampf
Ausflug
Privates
Casino
Abschied
Stalker
Das Konzert
Danksagung

Schietwetter
»Al Bad macht ein Soloalbum.«
Ich schaue von meinem Mac auf. Trish, unsere studentische Aushilfe, hält mir mit verträumtem Augenaufschlag ihr iPad hin. Darauf prangt die Meldung einer Presseagentur und darunter ein winziges Foto, das ich von meinem Stuhl aus nicht erkennen kann. »Wer ist Al Bad?«
»Rebecca, sag bloß, den kennst du nicht!« Trish wischt über ihr iPad und zeigt mir ein größeres Bild: Ein verschwitzter, schlanker Mann mit glänzenden schwarzen Locken, die ihm bis über die Schultern hängen, schwarz geschminkten Augen und einem schwarzen Hemd, das offen über der schwarzen Lederhose hängt. Dazu ein Mikrofon so dicht vor dem halb geöffneten Mund, dass es aussieht, als würde er gleich reinbeißen. »Sieht er nicht umwerfend aus?«
»Aus welcher Gruft ist der denn entsprungen?«, entfährt es mir.
Trish hält sich das iPad vor die Brust, schüttelt ihre kurzen, schreiend rot gefärbten Haare, und sieht mich mitleidig an. »Das Bild stammt aus der Zeit von All Bad.«
»Was?«
»Na, Al Bad aus der Band All Bad, du weißt schon«, betont Trish extra langsam und deutlich, als wäre ich eine Idiotin. »Der Punkrockband«, fügt sie hinzu, als ich sie weiterhin fragend ansehe.
»Nicht meine Musik«, entgegne ich kurz und wende mich wieder meinem Mac zu, doch Trish ist noch lange nicht fertig.
»Das war das erste Konzert, auf das ich gegangen bin! Sie haben in Frankfurt gespielt, und ich bin extra hingetrampt und habe vor der Halle campiert, um in die erste Reihe zu kommen.«
»Und was haben deine Eltern dazu gesagt?«, entgegne ich nur.
»Die haben’s erst im Nachhinein erfahren. Aber die Strafe war’s allemal wert.« Sie seufzt theatralisch. »Stell dir mal vor, ich dürfte den interviewen! Das wäre das Geilste überhaupt!«
»Na, dann wünsche ich dir viel Erfolg«, entgegne ich nur. »Mein Typ wäre er nicht. Und mit Punkrock kannst du mich echt jagen.«

In der nächsten Redaktionskonferenz von RockStar, der monatlich erscheinenden Musikzeitschrift, bei der ich seit acht Monaten Jungredakteurin bin, poppt das Thema zu meinem Erstaunen wieder hoch. Margie, unsere Chefin, spricht es persönlich an: »Al Bad, der Sänger der Punkrockband All Bad, die sich vor einigen Monaten getrennt hat, will eine Solokarriere starten. Momentan nimmt er sein erstes Album auf. Ich will ein Exklusivinterview.«
Trish springt vor Begeisterung von ihrem Stuhl und fuchtelt mit den Händen in der Luft herum. »Ich, ich, ich mach’s!«
Margie übersieht sie geflissentlich. »Sein Management schuldet mir noch einen Gefallen und hat eingewilligt, dass wir zwei Stunden bekommen. Er ist normalerweise ein bisschen zickig, was Interviews betrifft, aber anscheinend haben sie ihm eingetrichtert, dass er die Publicity braucht.«
»Bitte, ich tue alles, wenn ich’s machen darf!«
»Setz dich, Trish, ein durchgeknallter Fan ist das Letzte, was wir brauchen.« Margies Stimme hat an Schärfe zugenommen. Sie sieht uns der Reihe nach an, bevor ihr Blick an mir hängen bleibt. »Rebecca, was weißt du über All Bad?«
»Äh – nichts?« Damit sollte ich aus der Schusslinie sein. Margie würde niemals ein unvorbereitetes Greenhorn zu einem Star schicken.
»Gut. Ich will jemanden, der unvoreingenommen an das Thema rangeht. Du hast den Job. Nächste Woche Freitag.«
»Nein!« Ich starre sie entsetzt an. Ab nächster Woche Donnerstag habe ich Urlaub – meinen ersten und wahrscheinlich einzigen in diesem Jahr – und wollte meine Studienfreundin Sandy besuchen, die seit einem Jahr in Miami lebt. »Da bin ich in Florida!«
»Perfekt.« Zu spät erkenne ich, dass Margie von meinen Urlaubsplänen gewusst hatte und mir nun gar keine Wahl lässt. »Gib mir deine Flugdaten. Das Studio ist auf den Bahamas, da kannst du ab Miami rüberfliegen. Lies dich ein, und sprich deine Fragen vorher mit mir ab. Finn wird dich begleiten.«

»Dass Margie ausgerechnet dich auf die Bahamas schickt, obwohl du dich gar nicht für ihn interessierst … Das Leben kann so ungerecht sein!«
Trish sitzt auf meinem Schreibtisch, baumelt mit den Beinen und schmollt. Letzteres kann sie ausgesprochen gut.
»Hey, ich habe mich nicht um den Job gerissen, ganz im Gegenteil. Das passt mir gerade überhaupt nicht.« Seufzend schaue ich erst aus dem Fenster und dann auf meinen Kalender. Draußen ist es kalt, stürmisch und regnerisch. Echtes Hamburger Schietwetter, dem ich nur zu gerne für eine Weile entkommen möchte.
Ich habe zweieinhalb Wochen Urlaub. Donnerstagabend wollte ich fliegen, so dass ich Freitagmorgen in Miami ankommen würde. Sandy wollte sich den Tag frei nehmen und mich am Flughafen abholen. Dann wären wir zusammen übers Wochenende auf die Florida Keys gefahren, und die darauffolgende Woche wäre ich bei Sandy in Miami geblieben. Die zweite Woche meines Urlaubs wollte ich zu Hause verbringen, um meine Küche zu streichen und mich um einen neuen Pflegeplatz für meine Mutter zu kümmern. Jetzt muss ich umplanen und Sandy sagen, dass ich erst Freitagabend ankommen werde. Die Keys werden wir wohl streichen müssen, da Sandy in der folgenden Woche und am nächsten Wochenende arbeiten muss.
»Na, wie ein durchgeknallter Fan klingst du echt nicht.« Trish schnieft.
»Ach, das hat Margie bestimmt nicht so gemeint«, sage ich halbherzig. Dabei wissen wir beide, dass für Margie Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen ein Fremdwort ist.
Trish sieht mich mit Dackelblick an. »Kann ich dir wenigstens bei den Vorbereitungen helfen? Ich weiß alles über Al Bad.«
»Wie heißt er eigentlich richtig?«
»Das weiß ich nicht.« Sie grinst spitzbübisch. »Vielleicht was ganz fürchterlich Spießiges, wie Alan oder Alwin oder so? Aber abgesehen davon weiß ich echt alles. Kannst mich gerne ausfragen. Was sein erfolgreichster Song war, mit wie vielen Frauen er schon was hatte, mit wem er gerade liiert ist …«
»Aber nur, was das Musikalische angeht«, warne ich sie, denn manchmal habe ich den Eindruck, als wüsste Trish mehr über das Privatleben mancher Stars als diese selbst. »Die Bettgeschichten interessieren mich nicht.«
»Die sind doch das Spannendste! Besonders bei Al, der Typ ist so was von heiß!« Trish hopst vom Schreibtisch und umarmt mich ungestüm.
Ich zucke instinktiv zurück und schiebe sie von mir. »Ganz ruhig. Das ist nur ein Interview.«
»Du bist ja wirklich eiskalt«, mault Trish. »Nun lass mich mich doch wenigstens für dich freuen, wenn du es schon nicht tust.«
»Ich mache nur meinen Job«, entgegne ich und denke im Stillen, dass Trish allmählich gelernt haben sollte, es genauso zu machen. »Du kannst damit anfangen, mir die letzten Pressemitteilungen rauszusuchen, und Kopien sämtlicher Artikel zu besorgen, die wir jemals über All Bad geschrieben haben.«

Als ich spätabends das Redaktionsgebäude verlasse, laufe ich Suzannah über den Weg. Ausgerechnet Suzannah, Kollegin von einem Lifestyle-Magazin und meine ehemals beste Freundin. Obwohl wir im selben Redaktionsgebäude arbeiten, haben wir es in den letzten Monaten erfolgreich geschafft, uns aus dem Weg zu gehen.
Das letzte Mal, als ich sie sah, saß sie gerade auf meinem damaligen Lebenspartner. Die Szene ist noch immer so präsent, als wäre sie gerade erst passiert: Wie ich früher als geplant in seine Wohnung gekommen bin, weil es im Sportstudio über Nacht einen Wasserrohrbruch gegeben hatte und der Fitnesskurs, den ich geben sollte, ausfallen musste. Wie ich, seine Wohnungsschlüssel noch in der Hand, vom Flur aus direkt ins Schlafzimmer sehen konnte. Wie das Sonnenlicht aufs Laminat fiel, als wollte es mir extra noch den Weg weisen. Wie Suzannahs Brüste im Rhythmus ihrer Bewegungen hüpften, während sie sich wie selbstvergessen mit geschlossenen Augen auf meinem Freund bewegte. Wie das Bett bebte, wie es bei uns nie gebebt hatte. Wie Henrik nur »ach du Scheiße!«, rief, als er mich wie angewurzelt im Türrahmen stehen sah. Wie Suzannah mich in den nächsten Tagen mit Anrufen, Mails und internen Nachrichten bombardierte, die ich allesamt ignorierte, bis sie mich in Ruhe ließ.
Noch hat sie mich nicht gesehen. Ich trete hinter eine der Säulen im Eingangsbereich und warte, bis sie das Gebäude verlässt. Durch die Glastür kann ich sehen, wie sie auf einen Mann zugeht. Er küsst sie zur Begrüßung. Einen Moment bin ich wie erstarrt, dann realisiere ich: Es ist nicht Henrik.

Das Interview
Im Gegensatz zu mir schläft Finn, unser Fotograf, auf dem Nachtflug von Hamburg nach Miami tief und fest. Entsprechend fit und ausgeruht steigt er aus dem Flieger, während ich gähnend hinter ihm herstolpere und ab und zu unauffällig versuche, meine dank der unbequemen Economy-Sitze verspannten Schulter- und Nackenmuskeln zu lockern.
Nachdem wir meine Reisetasche vom Gepäckband geholt haben – Finn hat fast nur seine Fotoausrüstung dabei, da er abends wieder zurückfliegen wird – und durch die Einreisekontrolle durch sind, suchen wir unseren Anschlussflug nach Bimini.
Die Maschine ist klein, der Flug kurz. Von oben erhasche ich einen ersten Blick auf die Insel: Ein schmaler Strich mit einer Lagune. Als wir tiefer gehen, erkenne ich Häuser, viel Grün und eine winzig aussehende Landebahn. Der Pilot landet trotzdem sicher auf der Asphaltpiste und rollt zu einem kleinen Gebäude, vor dem er den Motor ausstellt. Wir klettern aus dem Flieger, ich ergreife meine Reisetasche – eigentlich blöd, sie mitzunehmen, aber ich hatte am Flughafen Miami keine Schließfächer gefunden – und folge Finn und den anderen Passagieren in das Gebäude. Diesmal dauern die Einreiseformalitäten nur wenige Minuten, und erst jetzt wird mir klar, dass ich die USA, kaum gelandet, schon wieder verlassen habe.
Vor dem Flughafengebäude empfängt uns warmer, feuchter Bahamas-Wind. Ich fange augenblicklich an zu schwitzen. In Miami habe ich mein sportliches, wärmendes Fleeceshirt gegen eine weiße Bluse getauscht, trage aber immer noch die gleiche cremefarbene Leinenhose, die ich schon während des Nachtflugs anhatte. Beides ist inzwischen ziemlich zerknittert. Ich suche in meiner Tasche nach einem Haargummi und binde meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Trotzdem rinnt mir bereits jetzt der Schweiß vom Nacken den Rücken herunter.
Ein muskelbepackter Hüne, der sich als Trevor vorstellt, holt uns ab. Dankbar klettere ich neben Finn auf den Sitz des klimatisierten Vans, während Trevor unser Gepäck im Kofferraum verstaut.
Nach einer kurzen Fahrt hält er an einem Anleger, von wo aus es, wie er uns erklärt, per Boot weitergeht. Tatsächlich legt gerade ein kleineres Motorboot an. Hinter dem Steuer steht ein Junge, der so klein ist, dass er, obwohl er auf Zehenspitzen steht, kaum über das Lenkrad sehen kann. Hilfreiche Hände von Mitpassagieren strecken sich uns und unserem Gepäck entgegen und helfen uns an Bord, dann legt der Junge direkt wieder ab. Der Fahrtwind ist angenehm, aber bevor ich mich abkühlen kann, haben wir schon das andere Ufer erreicht.
Am Kai steuert Trevor auf einen uralt aussehenden Pickup Truck zu, ein krasser Gegensatz zu dem modernen Van, mit dem wir den ersten Teil der Strecke zurückgelegt haben. Der Fahrersitz befindet sich auf der rechten Seite – anscheinend fährt man auf den Bahamas links. Das hatte ich vorhin gar nicht gemerkt.
Ich muss mich zwischen Trevor, Finn und die Gangschaltung auf die Vorderbank quetschen. Deshalb bin ich froh, als wir nach ein paar Minuten über eine holprige, schmale Straße vor einem Haus halten, von dem man vor lauter Blumen und Sträuchern nicht viel sehen kann.
Während Finn und ich unsere Sachen zusammensuchen und aussteigen, schließt Trevor hinter uns das Tor. Dann führt er uns ums Haus herum. Ich sehe einen Garten, noch mehr Blumen und direkt am Ende des Gartens das Meer, ein Streifen dunkles Türkis.
»Soll das Interview etwa hier stattfinden?«, zische ich Finn zu, der aber nur mit den Schultern zuckt. Offenbar hat Nele, Margies Assistentin, ihn genausowenig wie mich über Details unserer Reise informiert.
Ich hätte alles Mögliche erwartet – ein Fünf-Sterne-Hotel, eine Bar, ein Tonstudio, Backstage in einer Konzerthalle, alles typische Locations, in denen Interviews stattfinden – aber diese Holzvilla sieht alt aus und versprüht einen leicht abgewrackten Charme. Sie hat eine Veranda wie in alten Südstaaten-Filmen, auf der ein Schaukelstuhl steht. Das Gebäude selbst ist gelb gestrichen, Fensterrahmen und Veranda braun, die Tür pink. »Relax, you’re on Bimini« steht über der Eingangstür. Es ist ein Haus, das ich zwar mit Karibik, aber auf keinen Fall mit Punkmusik assoziiere.
»Al wartet im Salon auf euch.«
Nachdem Trevor bisher fast nur geschwiegen hat, wundere ich mich etwas, dass er jetzt spricht.
»Gäbe es eventuell die Möglichkeit, sich vorher kurz frisch zu machen?«, frage ich.
Trevor zieht seine Schuhe aus und nach kurzem Zögern tun Finn und ich es ihm gleich, bevor er uns ins Innere des Hauses führt und mir eine Tür zeigt, hinter der sich ein Badezimmer befindet. Schnell checke ich mein Aussehen im Spiegel. Wie ich befürchtet habe: Die schlaflose Nacht hat Spuren hinterlassen. Ich befeuchte die Ecke eines Handtuchs und wische damit über Gesicht, Hals und Nacken, bevor ich Puder und Lipgloss auffrische. Mehr Make-Up trage ich selten und habe es deshalb auch nicht mitgenommen. Schnell kämme ich meine Haare – dunkelbraun, glatt, lang, nichts Besonderes – und zwänge sie mit Hilfe des Haargummis wieder in einen Pferdeschwanz. Auch nichts Besonderes, aber bei der Hitze bin ich einfach nur froh, sie aus dem Gesicht zu haben. Eine komplizierte Hochsteckfrisur würde sicher besser aussehen, aber dafür habe ich weder Zeit noch Nerven.
Meine Bluse klebt an mir. Mental gehe ich den Inhalt meiner Reisetasche durch, aber außer T-Shirts und einem Kleid habe ich nichts dabei, was ich stattdessen anziehen könnte. Es wird schon gehen. Braucht sich Al Bad auch nicht einzubilden, dass ich mich für ihn schön gemacht habe. Nach dem, was Trish mir natürlich doch noch brühwarm aus der Klatschpresse gefischt hat, ist er sowieso mit einer Schauspielerin aus einer amerikanischen Soap zusammen. Blond und kurvig, das genaue Gegenteil von mir. Also bin ich für ihn beuteschemamäßig wahrscheinlich eh Luft. Umso besser.
Als ich den Salon betrete, ist Finn bereits in ein Gespräch mit zwei Männern vertieft. Einer von beiden ist Trevor, der andere wendet mir den Rücken zu. Sie scherzen und lachen, und einen Moment komme ich mir wie ein Fremdkörper vor. Taktisch war es sicher nicht clever, nicht gleichzeitig mit Finn vorgestellt zu werden.
Während ich noch unschlüssig an der Tür stehe, hat Trevor mich gesehen und winkt mich herein. »Al, das ist Rebecca Henderson von RockStar.«
Der Mann, der mir bisher den Rücken zugewandt hat, dreht sich um. Obwohl ich für eine Frau ziemlich groß bin, überragt er mich um einen halben Kopf. In seinen grünen Augen liegt ein halb spöttischer, halb arroganter Ausdruck, während er mich mustert. Ich tue das Gleiche mit ihm: dunkle Locken, die ihm bis zu den Schultern hängen, relativ scharf geschnittene Gesichtszüge, volle Lippen, ein cremefarbenes Hemd, dessen Ärmel er über gebräunte Unterarme hochgerollt hat, verwaschene Blue Jeans mit einem Loch am linken Knie, barfuß. Er ist auffallend schlank. In natura und ungeschminkt sieht er besser aus als auf den Fotos, weniger vampirmäßig. Ich lasse meinen Blick wieder hoch wandern und sehe ihn herausfordernd an. Er erwidert meinen Blick. »Müsst ihr schon die Models auf mich ansetzen?«
Ich drehe mich um, aber hinter mir steht niemand. »Wie bitte?«
Er zuckt mit den Schultern, macht zwei, drei Schritte auf mich zu und reicht mir die Hand. Sein Griff ist fest und nicht unangenehm. »Becca.«
»Rebecca«, korrigiere ich, entziehe ihm meine Hand und mache einen Schritt zurück. »Und wie soll ich Sie nennen, Al?«
»Du kannst mich Al nennen oder Alex oder Alexander oder was du auch immer magst, Schätzchen.«
Von Becca zu Schätzchen degradiert zu werden gefällt mir schon mal gar nicht. Ich setze meinen arrogantesten Gesichtsausdruck auf, den, mit dem ich noch jeden Mann auf Distanz gehalten, wenn nicht sogar in die Flucht geschlagen habe. Leider scheint er auf ihn nicht den geringsten Eindruck zu machen, deshalb wende ich mich Finn zu. »Sind wir soweit?«
»Licht passt, haben wir schon gecheckt. Al wird sich in den Sessel dort am Fenster setzen. Du sitzt auf dem Sofa ihm gegenüber.«
Sowohl Sessel als auch Sofa sehen wie Antiquitäten aus. Vorsichtig nehme ich Platz und lege Aufnahmegerät, Block, Stift und meinen Ausdruck mit den Fragen vor mich auf einen niedrigen Couchtisch.
Al lässt sich in den Sessel fallen und nimmt von Trevor eine Dose Cola entgegen. Sie muss sehr kalt sein, denn an der Außenseite haben sich kleine Tröpfchen gebildet. Ihn scheint das nicht zu stören, denn er reißt mit geübtem Griff den Verschluss auf und trinkt in großen Schlucken. Ich beobachte fasziniert, wie sich seine Kehle bewegt. Danach wischt er mit der feuchten Hand über seine Stirn, bevor er die Dose auf seinem Brustbein absetzt.
Wie in der Werbung, denke ich unwillkürlich, wo alle Frauen auf den sexy Typen mit der Cola starren. Das macht er doch mit Absicht! Aber ich bin immun. Gegen Musiker und gegen Männer. Deshalb bin ich auch so gut in meinem Job, weil ich es immer schaffe, eine professionelle Distanz zu wahren.
Finn setzt sich neben mich, aber ich weiß aus Erfahrung, dass er im Laufe des Interviews herumgehen und fotografieren wird. So bekommt er oft bessere Bilder, als wenn er im Nachhinein gestellte Fotos schießt. Finn ist definitiv der beste Fotograf, der für RockStar arbeitet; seine Bilder schaffen es immer, die besondere Atmosphäre des Augenblicks einzufangen. Außerdem ist er ein netter Kerl, deshalb bin ich froh, ihn bei mir zu haben.
Trevor hat sich in eine hintere Ecke des Raumes gesetzt. Vermutlich ist er entweder Bodyguard oder Security oder Management oder alles zusammen – auf jeden Fall jemand, dem Al vertraut.
Ich lehne mich vor und gieße mir ein Glas Wasser ein. Der Kaffee im Flieger vor einigen Stunden hat mich nicht wirklich wach gemacht, aber bei der Hitze will ich nichts Warmes trinken. Unauffällig schaue ich mich im Raum um: Keine Klimaanlage, nur ein Deckenventilator, der sich nicht dreht. Durch das halb geöffnete Fenster weht ab und zu eine Mini-Brise vom Meer. Ich nehme einen Schluck und blicke auf. »Können wir?«
»Schätzchen, wir warten nur auf dich.«
Ich werfe Al einen irritierten Blick zu, der ihn nicht im Geringsten beeindruckt.
»Alex, denke ich.« Aha, das gibt doch eine Reaktion: Er zieht eine Augenbraue hoch. »Ich werde Sie Alex nennen.« Irgendwie passt der Name besser zu ihm als »Al«.
»Okay, Schätzchen. Dann lass mal hören.«
»Keine privaten Fragen«, warnt Trevor vom anderen Ende des Raums.
Ich nicke, weil ich diese Info schon in der Pressemappe gelesen habe, und stelle das Aufnahmegerät an. Margie hatte mich gewarnt, dass die Band diverse Male Journalisten verklagt hat; durch den Mitschnitt fühlt sich unsere Rechtsabteilung besser abgesichert, und ich kann mich auf das Interview anstatt aufs Mitschreiben konzentrieren.
Entschlossen ergreife ich die Blätter mit meinen Fragen. »Stimmt es, dass Sie hier an Ihrem ersten Soloalbum arbeiten wollen?«
»Ja.«
Ich verfluche mich für die Frage. Was soll er darauf schon antworten außer ja oder nein. »Warum?«, setze ich nach.
»Private Gründe.« Alex schaut erst durchs Fenster aufs Meer, dann mich an. Obwohl ich einige Sekunden warte, sagt er nichts weiter.
»Warum hat sich All Bad getrennt?«
»Schätzchen, das stand alles schon rauf und runter in den Zeitungen. Offen gesagt, die Frage langweilt mich.«
Die Frage kam von Margie. Ich werfe einen verzweifelten Blick auf meine Liste. »Warum wollen Sie ein Soloalbum aufnehmen?«
»Warum nicht?«
In diesem Stil geht es weiter. Jede Frage, die ich stelle, pariert er mit einer Gegenfrage. Ich bekomme keine einzige brauchbare Antwort. Selbst die Pop-Queens, die ich in den letzten Monaten interviewt habe, haben sich nicht so zickig angestellt. Zugegeben, ich bin übermüdet und deshalb geistig nicht ganz fit, aber ich bekomme das Gefühl, er lässt mich mit Absicht auflaufen. »Hören Sie, selbst wenn Sie keine Lust haben, Fragen zu beantworten, Ihr Management hat uns den Termin mit Ihnen verschafft, damit Sie Ihr neues Album promoten können.«
»Na und?«
»Na, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich hier meinen Job machen ließen, umso schneller sind wir wieder weg.« Und umso schneller bin ich auf dem Weg zu Sandy, um endlich ein paar freie Tage genießen zu können, mit jemandem reden zu können, und den ganzen Ballast, den ich mit mir rumschleppe, für ein paar Tage vergessen zu können.
Alex fläzt sich in seinem Sessel. »Das will das Management, aber ich nicht.«
»Okay, was wollen Sie denn, Alex?« Überrascht stelle ich fest, dass meine Stimme weicher klingt als sonst. Vielleicht, weil ich in Gedanken schon bei Sandy in Miami war.
»Du willst wissen, was ich will? Also schön.« Alex dreht sich zu mir und streckt seine langen Beine aus. »Nach neun Jahren, sechs Alben und über tausend Konzerten, einige davon vor über hunderttausend Zuschauern, will ich einfach nur meine Ruhe.«
»Das sagen alle Musiker, dass sie sich zur Ruhe setzen wollen, obwohl sie in Wahrheit zu alt für die Bühne geworden sind«, schieße ich zurück, ohne über meine Worte nachzudenken.
»Schätzchen, ich bin nicht alt. Ich bin auch nicht müde. Das haben schon alle anderen geschrieben. Denk dir was Neues aus.«
Ich bin eine professionelle Journalistin, ich habe schon ganz andere Leute zum Reden gebracht. Letztendlich bekommt man sie alle über ihr Ego. Alle Musiker scheinen zu denken, sie seien Gott. Ich schenke mir selbst ein Lächeln.
»Denken Sie, Sie verdienen den Ruhm? Dass Ihnen Millionen von Fans zu Füßen liegen?«
Alex zuckt die Schultern. »Warum nicht?«
Na also! »Obwohl Sie fast keine Texte haben und die dann auch noch schreien statt singen?«
Falls ich ihn beleidigt habe, lässt er sich nichts anmerken. »Schätzchen, das ist Punk Rock. Der Musikstil entstand, bevor du geboren wurdest. Du solltest dich erst mal informieren, bevor du hier unqualifizierte Bemerkungen machst.«
Touché. Wenn ich nicht langsam einen Zugang zu ihm finde, habe ich nichts, worüber ich schreiben kann. Margie wollte ein Exklusivinterview. Wenn ich diese Chance vermassele, stehen meine Chancen auf Verlängerung meines befristeten Vertrages schlecht. Vielleicht lässt er sich mit Provokation aus seiner Reserve locken?
»Sind Sie deshalb Musiker geworden, wegen der Frauen? Fans? Groupies?«
Aus Trevors Ecke höre ich ein warnendes Räuspern.
»Bist du deshalb Journalistin geworden, wegen der Musiker?«, kontert Alex.
»Ganz bestimmt nicht!« Aus den Augenwinkeln bekomme ich mit, dass Finn wie wild Fotos macht. Ich frage mich, warum, denn sowohl Alex als auch ich blicken uns über den Couchtisch hinweg finster an. »Kleine Jungs mit großen Egos, die sich mit Drogen die letzten vorhandenen Gehirnzellen abtöten und jedes willige Weibchen abschleppen, das nicht bei drei auf den Bäumen ist, kotzen mich echt an.«
Trevor und Finn husten simultan. Alex hingegen fängt schallend an zu lachen. »Siehst du mich so, als kleinen Junkie auf dem Ego-Trip?«
Ich sollte mich für mein unprofessionelles Verhalten entschuldigen. Aber ich will nicht. Weil ich das Gefühl habe, dass Alex nur darauf wartet. Immerhin habe ich jetzt seine volle Aufmerksamkeit. Er hat die nackten Füße auf den Boden gestellt, alte Holzdielen, die von einem orientalisch aussehenden Teppich bedeckt sind, und sitzt mir mit geöffneten Beinen gegenüber.
»Magst du, was du siehst?«
Idiot! Ich greife nach meinem Wasser, trinke hastig und schütte mir dabei versehentlich den halben Glasinhalt ins Gesicht, von wo aus er in meinen Ausschnitt rinnt. Innerhalb von Sekunden ist meine Bluse kalt und nass.
»Siehst du, das ist das Problem.« Alex beugt sich vor, Ellenbogen auf seinen Knien, und schaut mich dabei ruhig an. »Jeder Mensch hat bestimmte Erwartungen an mich. Dass ich Songs schreibe, die sofort auf dem Index landen, dass ich jeden Abend auf der Bühne stehe und eine tolle Show abliefere, dass ich Backstage Groupies vögel, dass ich Drogen nehme, dass ich wilde Parties feiere, dass ich Hotelzimmer verwüste und vor allem, dass ich viel Geld verdiene. Welche Erwartungen hast du, Becca?«
Ich schüttele den Kopf. So effektiv bin ich noch nie in meine Schranken gewiesen worden. Hilfesuchend blicke ich zu Finn, der mir mit einer Hand Zeichen macht, von denen ich nicht sicher bin, ob er mir den Hals abschneiden will oder ob ich das Interview beenden soll, obwohl unsere Zeit noch lange nicht um sein kann.
»Wie wird der Stil des neuen Albums?«, frage ich, um überhaupt noch etwas zu fragen.
Alex sieht fast ein bisschen enttäuscht aus. »Das wird man erfahren, wenn es auf den Markt kommt.«

Fertig ist gar kein Ausdruck. Während Finn sein Kameraequipment zusammenpackt, schalte ich das Aufnahmegerät aus und gebe es ihm. Er wird es mit in die Redaktion nehmen und dort hoffentlich an einem sicheren Ort aufbewahren. Nicht auszudenken, wenn Margie es in die Finger bekommen sollte, bevor ich eine Chance habe, mit ihr darüber zu reden.
Es gibt Probleme, die braucht niemand. Bei mir kommen die Katastrophen gerne im Dreierpack. Erst meine Mutter, die einen neuen Pflegeplatz braucht, jetzt das total vermasselte Interview. Fehlt eigentlich nur noch, dass irgendwas mit Sandy dazwischenkommt, und ich in Florida strande.
Am besten wird sein, mich erst nach meiner Rückkehr wieder mit dem Thema Al Bad zu befassen. In zwei Wochen ist noch früh genug für eine weitere Katastrophe in meinem Leben. Von so einem dahergelaufenen Punkrocker lasse ich mir meinen Urlaub nicht verderben!
Ich bin zu erschöpft, um Small Talk zu betreiben, und froh, als Alex aufsteht. Zum Abschied schüttelt er Finn die Hand, woraufhin ich meine ebenfalls hinhalte. Alex ergreift sie und zieht mich überraschend nah an sich. Weil ich seinem Blick ausweiche, bekomme ich nicht mit, was er vorhat – im ersten Moment denke ich, dass er mir einen Luftkuss geben will, Küsschen links, Küsschen rechts. Stattdessen spüre ich seine andere Hand im Nacken und seine Lippen auf meinen. Sie sind fest und warm.
So kurz sein Kuss auch ist, es ist ein Statement. Als er mich loslässt, wische ich mir demonstrativ mit dem Handrücken über die Lippen und drehe mich zu Finn. »Lass uns gehen.«

Aus den Augenwinkeln betrachte ich die Frau, die fahrig ihre Sachen zusammensucht. Sie ist jünger, als ich erwartet habe – normalerweise schickt RockStar eine mittelalte Schreckschraube mit Haaren auf den Zähnen. Dieses junge Ding hingegen versteckt sich hinter ihren langen Haaren, die sich gelöst haben und wie ein Vorhang vor ihrem Gesicht hängen. Eben noch hat sie mich verbal angegriffen, jetzt sieht sie fast verletzlich aus, als könne sie es gar nicht erwarten, wegzukommen.
Wie kommt jemand wie sie, die keine Ahnung von der Branche hat, dazu, ausgerechnet für ein Rockmagazin zu arbeiten?
Sie hat sich nicht von dem beeindrucken lassen, was andere in mir sehen. Sie hat mich gesehen, nicht Al, den Star. Warum habe ich ihr nicht gefallen?
Einen kurzen Moment, als ich sie küsste, hatte ich gehofft, dass sie eine Reaktion zeigen würde. Irgendeine Reaktion. Normalerweise stürzen sich die Frauen auf mich und betteln regelrecht um einen Kuss. Oder auch um mehr. Als wäre Sex eine verdammte Trophäe. Als wäre ich eine verdammte Trophäe. Selbst wenn sie mir eine runtergehauen hätte, es wäre immerhin eine Reaktion gewesen. Stattdessen – nichts.
Sie beißt sich immer wieder auf die Lippen. Ich stelle mir vor, wie es wohl wäre, wenn ihre Lippen stattdessen meinen Schwanz umschließen würden. Nicht so starr und verkrampft wie gerade, sondern weich, heiß, feucht und gierig.
Der Jäger in mir sagt, dass ich kein Mitleid mit meiner Beute haben sollte. Zu Fall bringen, auffressen, weiterziehen.
Während sie draußen vor der Tür wartet, nehme ich Trev beiseite und gebe ihm kurze, aber sehr präzise Anweisungen.

Der Deal
»Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als er dich geküsst hat!«
»Halt die Klappe, Finn.« Ich werfe meine Reisetasche in den Truck, klettere hinein und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen, bevor ich lauthals fluche. Trevor, der direkt neben mir sitzt, schaut stoisch geradeaus, obwohl er vermutlich anhand meines Tonfalls weiß, worum es geht und wie ich mich gerade fühle. Ich will nur noch nach Miami und endlich Sandy sehen, mich mit irgendwelchen Cocktails abschießen und den heutigen Tag aus meinem Gedächtnis streichen.
Bevor ich es richtig mitbekomme, sind wir schon am Flughafen. Trevor begleitet uns zum Check-In. Die Abflughalle ist ein winziger Raum mit zwei Tischen als Counter und ein paar Plastikstühlen für die Wartenden. Die Flüge stehen handgeschrieben auf einem Whiteboard. Ich komme mir vor wie in einer anderen Welt.
Finns Stimme holt mich in die Abflughalle zurück. Er diskutiert lautstark mit der Frau hinter dem Counter. Trevor wirft mir einen abschätzenden Blick zu. Will er sicherstellen, dass ich auch tatsächlich in die Maschine einsteige?
»Was ist denn los?«
»Rebecca, du musst mir einen ganz, ganz großen Gefallen tun.« Finn zieht mich zur Seite. »Es gibt nur noch einen freien Platz, und ich muss meinen Anschlussflug bekommen.«
»Aber wir haben doch gültige Tickets«, sage ich, ohne die Tragweite der Information zu erfassen.
»Schon, aber sie sind überbucht.«
»Wie können sie überbucht sein, Nele hat die Flüge doch bestätigt. Oder?«, setze ich vorsichtig hinzu.
Finn fährt sich verzweifelt mit den Fingern durchs Haar, tritt unruhig auf der Stelle, zuckt mit den Schultern und weicht gleichzeitig meinen Blick aus. Was Körpersprache angeht, sendet er gerade alle möglichen Signale wild durcheinander. »Keine Ahnung, was da schief gegangen ist. Karibik eben.«
Ich schnaufe abfällig. »Was für ein Chaos. Können die nicht jemand anderen abladen?« Jemand, der nicht in Miami von Sandy erwartet wird. Jemand, der nicht ich ist.
»Haben wir schon versucht, hat nicht funktioniert.« Jetzt bin ich mir sicher, dass Finn meinem Blick bewusst ausweicht. »Rebecca, ich muss den Abendflug nach London erwischen, weil da morgen ein Open Air Festival ist, von dem ich Bilder liefern muss. Margie killt mich, wenn ich nicht rechtzeitig dort bin.«
Der Gedanke an Margie stoppt mich. »Versprichst du mir hoch und heilig, Margie nichts von dem Interview zu erzählen? Vielleicht bekomm ich’s doch noch so geschrieben, dass man einen Artikel draus machen kann.« Selbst wenn ich meinen Urlaub dafür opfern muss!
Finn ist nicht blöd, er war dabei und weiß, dass ich das Interview vermasselt habe. Immerhin rechne ich es ihm hoch an, dass er mich mit diesem Wissen nicht erpresst. Zumindest nicht direkt. Jetzt endlich guckt er auf, sein schlechtes Gewissen deutlich sichtbar. »Deal.«
»Okay«, sage ich seufzend. Nicht, weil Finn so verzweifelt aussieht, sondern weil ich weiß, dass er mich in der Hand hat. »Ich nehme den nächsten Flieger. Im Gegenzug sagst du Margie nichts über mein Desaster.«
»Du bist ein Schatz, Rebecca.« Finn nimmt seinen Pass entgegen, winkt mir kurz zu und steigt in das Flugzeug, das direkt hinter dem Gebäude steht. Hinter ihm schließen sich die Türen und die Maschine rollt los.
Ich drehe mich zu der Frau hinter dem Counter um, die gerade ihre Sachen zusammen packt. »Entschuldigen Sie, wann geht der nächste Flug?«
»Frühestens morgen.« Sie schließt eine Schublade, dann wischt sie die Tafel ab und sagt noch etwas von einem Sturm, bevor sie ihre Jacke anzieht, ihre Handtasche nimmt und den Raum verlässt. Ich sehe ihr sprachlos hinterher. Wo bin ich hier gelandet? Und vor allem: Wie komme ich hier wieder weg?

Das Haus sieht noch genauso aus wie vor knapp zwei Stunden, als wir es verlassen hatten. Mit dem kleinen Unterschied, dass es inzwischen dämmert.
Trevor parkt den Truck, und ich klettere deutlich unwilliger als noch heute Nachmittag heraus. Nach einem kurzen Telefonat hatte er mir seine Hilfe angeboten. Aber alle meine Fragen nach alternativen Flügen, Hotels, Pensionen oder Ähnlichem wurden von ihm abschlägig beantwortet: Ein Hurrikan hat Kurs auf die Bahamas genommen, Flüge und Fähren zum Festland sind bis auf Weiteres eingestellt, alle Übernachtungsmöglichkeiten ausgebucht. Selbst mein Handy hat kein Netz, so dass ich Sandy nur kurz mit Trevors Smartphone anrufen und über meine missliche Lage in Kenntnis setzen konnte.
»Hurrikan? Was für ein Hurrikan?«, hatte Sandy besorgt gefragt. »Liebes, wenn es eine Hurrikanwarnung für Florida und die Bahamas gäbe, wüsste ich davon.«
Ich konnte nur wiederholen, was Trevor mir gesagt hatte, mich dafür entschuldigen, dass unser Ausflug auf die Keys jetzt endgültig ins Wasser fallen würde, und versprechen, mich zu melden, sobald ich mehr wüsste.
Hatte ich vorhin nicht noch gedacht, dass Katastrophen bei mir gerne im Dreierpack auftreten? Das war ja eine sich sehr schnell selbst erfüllende Prophezeiung!
Trevor greift sich eine von mehreren Vorratskisten von der Ladefläche des Trucks, die er am Flughafen abgeholt hatte. Ich ziehe meine Reisetasche aus dem Führerhaus und folge ihm langsam zur Rückseite des Hauses. Kaum habe ich mich gebückt, um meine Schuhe auszuziehen, als auch schon zwei nackte Füße in verwaschenen Blue Jeans in meinem Blickfeld auftauchen.
»Hallo, Miss Wet-T-Shirt.«
Ich richte mich so schnell auf, dass mir schwindelig wird. »Was?«
»Du trägst immer noch den cremefarbenen BH mit kleinen hellblauen Blümchen.«
Während ein Teil meines Gehirns mental abhakt, dass er Recht hat, hat der andere wohl gerade Pause. Es dauert einige Sekunden, bis mir klar wird, woher er diese Information hat. Dann bücke ich mich so schnell, dass er hoffentlich denkt, dass mein Kopf rot ist, weil ich meine Schuhe ausziehe.
»Komm rein.« Er tritt einen Schritt zurück und hält mir die Tür auf. Links geht es in eine große Küche, in der ich eine dunkelhäutige Frau und Trevor sehe. Alex geht nach rechts in den Salon, in dem vorhin auch das Interview stattgefunden hat. Ich folge ihm und lasse meine Reisetasche neben der Tür fallen.
»Trevor hat gesagt, dass ihr einen Hurrikan erwartet.« Tatsächlich war es auf dem Rückweg schon ziemlich windig.
»So, hat er das gesagt?« Alex sieht mich abschätzend an.
»Danke, dass ich in deinem Haus bleiben kann.«
»Das ist nicht meins, das gehört Stevie, unserem Producer.«
»Trotzdem danke.« Ich sehe mich im Raum um. »Trevor sagte was von einem Gästezimmer -«
»Ich habe eine bessere Idee.« Alex hat die Distanz zwischen uns so schnell überbrückt, dass ich unwillkürlich einen Schritt zurück mache. Mehr geht nicht, denn leider steht hinter mir das Sofa. Obwohl er mich nicht berührt, spüre ich so etwas wie einen elektrischen Schlag, der mir vom Kopf bis in die Zehen geht, als er weiterspricht: »Mein Bett. Du und ich. Jede Menge Sex.«
Unwillkürlich halte ich die Luft an. Habe ich gerade richtig gehört? Sein Englisch hat einen leicht amerikanischen Akzent, aber vorhin konnte ich das, was er sagte – oder vielmehr, nicht sagte – auch gut verstehen. Spielen mir meine Ohren gerade einen Streich?
»Bist du sexsüchtig?«
»Nein, interessiert. Du?«
»Ich bin keins deiner willigen Weibchen.«
»Aber du bist auch noch nicht auf dem Baum. Im Gegenteil, du bist zurückgekommen.«
Das Zimmer scheint immer enger zu werden. Wie komme ich unauffällig hier heraus, ohne dass es wie eine Flucht aussieht? Ich beäuge das Bücherregal und überlege gerade, ob es meinem Gewicht wohl standhalten würde wenn ich dort hochklettern würde, und ob er mein Statement überhaupt verstehen würde, als er weiterspricht: »Also, was ist jetzt? Seid ihr Journalistinnen nicht immer mehr auf pikante Storys aus als auf Musik-Storys?«
Trish würde sich ihm sofort an den Hals werfen – so denn sie es nicht schon viel früher getan hätte. Aber so bin ich nicht drauf. Ich springe nicht mit einem dahergelaufenen Typen ins Bett, vor allem nicht, wenn er anderweitig liiert ist und nur auf One-Night-Stands aus ist. Der Raum beginnt, sich um mich zu drehen. »Ich kann dich noch nicht mal ausstehen«, flüstere ich.
»Dein Körper mag mich.«
Meinen Körper mag ich erst recht nicht. »Ich hasse dich. Wegen dir muss ich mir einen neuen Job suchen.«
»Du könntest in den nächsten Tagen versuchen, ob du doch noch Antworten aus mir herausbekommst.«
Tage. Plural. Und das aus dem Mund von Mister One-Night-Stand höchstpersönlich.
Ich schlucke. »Ein potentieller Interviewpartner mit gewissen Vorzügen?«
Einen Sekundenbruchteil leuchtet etwas in Alex’ Augen auf und ist genauso schnell wieder verschwunden. Langsam kommt der Raum um mich wieder zum Stillstand. »Habe ich eine Wahl?«
Ich erwarte, dass er nein sagt. Stattdessen antwortet er: »Du hast immer eine Wahl, Becca«, und öffnet eine Tür, die direkt auf die Veranda führt. Draußen ist es stürmisch, dunkel und regnet, ein tropischer Regen, der in solch dicken Tropfen und solchen Mengen fällt, dass man in Sekunden durchnässt wäre. Trevor hatte am Flughafen meinen Pass, mein Flugticket und mein Handy an sich genommen und mir noch nicht wieder zurückgegeben. Wo könnte ich in einem Hurrikan schon hingehen? Ich kenne niemanden auf der Insel, habe keine Bahama-Dollar dabei und bin so übermüdet, dass ich nicht mehr klar denken kann.
Die letzten Jahre waren wirklich nicht einfach. Das Letzte, was ich brauche, ist ein Rockstar, der mich in sein Bett bekommen will. Andererseits lockt das Interview. Ich kann mir nicht leisten, meinen Job zu verlieren, ich habe Verpflichtungen, nicht nur finanzieller Art. Unwillkürlich denke ich an meine Mutter, meine Wohnung, meine Krankenversicherung. Die Frage ist nur: Könnte ich mich selbst noch im Spiegel ansehen, wenn ich so einfach alle meine Prinzipien über den Haufen werfe? Verdammt, wie konnte ich nur in solch eine Situation geraten? Der Hurrikan ist schuld. Der Hurrikan und mein Jetlag.
»Falls ich mich wirklich darauf einlassen sollte -«, ich stoppe seinen Einwand mit einer Handbewegung, »gibst du mir dein Wort, dass du alle meine Fragen vernünftig, wahr und ausführlich beantworten wirst?«
»Nein.« Sein Gesicht nimmt einen recht interessanten Ausdruck an, wenn ich ihn denn deuten könnte. »Ich hasse Journalistinnen, die sich an mich ranschmeißen, um eine Story zu bekommen.«
Zu der Sorte gehöre ich ganz sicher nicht. Spätestens jetzt sollte ich gehen. Aber ich tue es nicht. Irgendetwas hat Alex. Hinter der Fassade des arroganten Arschlochs, der Reporterinnen erpresst, um Sex zu bekommen, steckt noch jemand anders. Ich will ihn knacken. Selbst wenn ich keine Ahnung habe, worauf ich mich einlasse.
Trotzdem nicke ich. »Okay.«
Fast scheint er überrascht, nickt aber auch. »Deal.«
»Aber ich bin kein Groupie«, sage ich, um das letzte Wort zu haben. Wenn ich mich schon auf diese Kamikaze-Mission einlasse, dann wenigstens nicht als ein weiteres namenloses Sexspielzeug. Selbst wenn der Gedanke für mich einfacher erträglich wäre.
»Natürlich nicht«, entgegnet Alex und betont jedes einzelne Wort des nächsten Satzes: »Dich werde ich natürlich heiraten.«

Kurz darauf, beim Abendessen, stellt Alex mich als »Rebecca, kein Groupie« vor.
Der Tisch ist, trotz des Regens, auf der überdachten Veranda gedeckt. Wir sind eine überraschend große Gruppe. Die Frau, die ich mit Trevor in der Küche gesehen habe, ist eine rundliche Einheimische mit ansteckend guter Laune, die gekocht hat. Neben Trevor sitzt Stevie, der Producer, ein Amerikaner um die Fünfzig mit Glatze und Brille. Außerdem ein blonder, schlanker Mann, vom Akzent her ebenfalls Amerikaner, der sich als »Hal, Gitarre« vorstellt. Dann gibt es noch »Pete, Drums, aus Kanada«, der klein und stämmig ist und seine Haare so militärisch kurz geschnitten hat, dass man die Farbe nicht erahnen kann, sowie »Barney, Bass, England«, ein schlaksiger Typ mit heller Haut und langen schwarzen Dreadlocks, neben dem eine giggelnde, sehr junge Einheimische sitzt, die ich erst für seine Eroberung halte, bis sich herausstellt, dass sie Stevies Nachbarstochter ist. Während ich Hal und Pete etwa auf Alex’ Alter – Anfang dreißig – schätze, sieht Barney wie höchstens zwanzig aus.
Die Köchin, Edda, hat einen Eintopf zubereitet, irgendetwas Scharfes mit Gemüse und Kokosmilch. Sie setzt sich zum Essen zu uns, und es dauert bestimmt eine halbe Stunde, bis ich zufällig mitbekomme, dass sie mit Stevie verheiratet und Kochen ihre große Leidenschaft ist.
Das Adrenalin, dass aufgrund meiner bizarren Situation – ich will eigentlich nur weg, während Millionen von Frauen wahrscheinlich sofort mit mir tauschen würden – durch meinen Körper schießt, hält mich das Essen über wach. An der Unterhaltung beteilige ich mich fast gar nicht; einerseits weil ich verunsichert bin, wie meine Anwesenheit hier aufgenommen werden könnte, andererseits, weil ich vor lauter Jetlag kaum weiß, wo oben und unten ist. Ich frage mich, ob ich die Einzige bin, die die Spannung zwischen Alex und mir spürt.
»Du schläfst ja gleich im Sitzen ein«, sagt Alex nach einem Seitenblick, und leiser, so dass nur ich es hören kann: »Lass uns ins Bett gehen.«
Seine Worte klingen wie eine Drohung, sein Tonfall wie ein Versprechen. Wie in Trance verabschiede ich mich und folge ihm die Treppe hinauf in den ersten Stock. Vor dem Essen hatte ich sein – unser – Zimmer schon kurz gesehen, um meine Reisetasche hochzubringen und mir ein frisches T-Shirt anzuziehen. Das Zimmer befindet sich über der Küche, mit Blick aufs Meer. Es ist groß und hell und mit einigen wenigen, überwiegend antiken Holzmöbeln eingerichtet: Eine Kommode, ein Ohrensessel, ein großes Bett. Nicht luxuriös, aber sauber und gemütlich. Es gibt eine Tür, die zu einem Badezimmer führt, hell gefliest mit einer bodentiefen Dusche. Gegenüber ist die Fensterfront mit großen Holztüren, die wahrscheinlich auf den Balkon über der Veranda führen. Die Türen sind halb geöffnet; undeutlich kann ich Stimmen von unten hören.
Jetzt habe ich den Puffer der anderen um mich herum nicht mehr. Jetzt bin ich mit Alex alleine.
»Komm zu mir.« Alex, immer noch barfuß, steht vor dem Bett und breitet seine Arme aus. Widerwillig gehe ich auf ihn zu. Er legt die Arme um mich, sehr vorsichtig. Ich verspanne mich sofort. Er seufzt. »Du nimmst das alles viel zu ernst. Man darf im Leben auch mal Spaß haben.«
Ich schnaufe verächtlich, um meine Nervosität zu verbergen.
»Gibt es irgendetwas, das ich wissen sollte?«
Am besten schrecke ich ihn direkt ab. Genüsslich zähle ich an den Fingern auf: »Ich bin ein Kontrollfreak. Ich brauche täglich meinen Sport. Versuche morgens nie mit mir zu diskutieren, bevor ich nicht die erste Tasse Kaffee getrunken habe. Wenn ich in die Ecke gedrängt werde, ergreife ich die Flucht oder kämpfe gnadenlos. Also glaub bloß nicht, dass du leichtes Spiel mit mir hast.«
»Eigentlich hatte ich mehr an sexuelle Präferenzen und Abneigungen gedacht«, antwortet Alex sarkastisch.
Weil es mir die Sprache verschlagen hat, zucke ich gespielt nonchalant mit den Schultern und schaue ihn fragend an. Seine grünen Augen funkeln belustigt. »Oh, ich bin easy. Ich liebe Sex, je mehr, desto besser, und in so ziemlich allen Variationen.«
»Ja, so was in der Art hatte ich schon gelesen.« Darüber hatte Trish mir jedenfalls mehr Artikel herausgesucht als über seine Musik. Ich sehe ihn herausfordernd an. Cool bleiben, ermahne ich mich selbst. »Aber ich nicht. Ich scheine eine Abneigung gegen Sex zu haben.« Nicht, dass er zu viel erwartet und ich ihn enttäusche. Verglichen mit seinen ganzen Groupies und Affären bin ich quasi eine Nonne.
»Sagt wer?«
»Mein Ex erzählte das.« Ich blicke auf den Boden. »Meiner damaligen besten Freundin, mit der ich ihn in unserem Bett erwischt hatte.«
»Aha.« Er klingt nicht überzeugt, eher amüsiert. »Na, solange deine Abneigung nur gegen Sex und nicht gegen mich besteht …?«
Was dann?, will ich fragen, sehe ihn aber nur wachsam an. Bietet er mir gerade ein Schlupfloch?
Doch der Moment ist schnell vorbei, und gleich darauf wird Alex ganz geschäftsmäßig. »Okay, ein paar Regeln: Keine Fotos, keine Videos, keine Tonmitschnitte, keine Fragen über mein Privatleben. Das Studio ist tabu – wenn ich Songs schreibe oder aufnehme, will ich auf keinen Fall gestört werden. Außerhalb des Studios können wir es von mir aus Tag und Nacht treiben, aber du fasst mich nicht an. Niemals.«
Zu sagen, dass ich verwirrt bin, wäre noch zu mild ausgedrückt. »Ich soll dich nicht anfassen?«
»Genau.«
Ich überlege, ob ich nach dem Grund fragen soll, lasse es aber bleiben, als mir einfällt, dass Alex mir hier gerade – aus welchem Grund auch immer – ungeplant die Lösung meines Problems präsentiert hat: Wenn er nicht erwartet, dass ich aktiv werde, dürfte ihm auch nicht auffallen, wie unerfahren und schlecht ich im Bett bin. Perfekt.
»Und du küsst mich nicht. Niemals«, setze ich noch einen drauf.
»Autsch«, knurrt er. »Du glaubst wohl nicht an Betäubung vor der Operation am offenen Herzen.«
Ein paar Sekunden starren wir uns grimmig an.
»Das wird nie und nimmer funktionieren«, sage ich überzeugt. »Spätestens morgen schmeißt du mich raus oder bringst mich um.«
»Du bist ja noch durchgeknallter als ich«, sagt er.
»Ich gehe jetzt duschen«, entgegne ich. Das letzte, was ich von ihm sehe, ist, wie er auf dem Bett sitzt und sich die Haare rauft.

Zwanzig Minuten später – ich habe mich beeilt, weil ich die Ungewissheit noch unerträglicher finde als eine erneute Konfrontation mit ihm – komme ich mit Slip und einem langen T-Shirt bekleidet aus dem Bad. Um meine nassen Haare habe ich ein Handtuch geschlungen.
Alex sitzt noch immer auf dem Bett. Als er mich sieht, legt er sein Smartphone zur Seite. Auf dem Nachttisch liegt ein Roman und eine Handvoll Kondome. Ich fröstele, obwohl der Raum wirklich warm ist.
»Hast du es dir anders überlegt?«
Am liebsten würde ich ja sagen, aber stattdessen beiße ich mir auf die Unterlippe.
»Angst?«
»Niemals!«, antworte ich trotzig und viel zu schnell.
Er hebt einladend die Decke an.
Ich kann das. Millionen Frauen machen das – sich zurücklegen und an England denken. Oder an ihren Artikel.
»Entspann dich doch mal«, sagt er, als er mein Zögern bemerkt. »Keine Verpflichtungen, nur ein bisschen Spaß. Was auf Bimini passiert, bleibt auf Bimini.«
»Was würde denn ein Groupie jetzt machen?«, frage ich patzig.
»Sie würde innerhalb von ein paar Sekunden strippen und fragen, ob sie mir einen blasen soll oder ob ich Lust habe, sie und ihre Freundin gleichzeitig zu vögeln.«
Ich glaube, ich kann das doch nicht. »Das ist pervers. Lieber schmore ich in der Hölle.«
»Warst du schon mal da, dass du dir da so sicher bist?«
»Ich lebe jeden Tag darin«, antworte ich ruhig.
»Wir werden sehen«, sagt er nur.

Erwachen
Ich wache auf, weil es hell ist. Vögel zwitschern. Vorsichtig öffne ich ein Auge: Ich liege in der Mitte eines großen Bettes. Allein. Durch geöffnete Balkontüren sieht man ein Stück bedeckten Himmel.
Das letzte, an das ich mich erinnere, war, dass ich mich mit dem Rücken zu Alex am Bettrand zusammengerollt hatte und dass er noch mal schnell ins Bad wollte.
Dem Licht nach muss es inzwischen Morgen sein. Ich hatte nicht erwartet, dass ich nach den Ereignissen des gestrigen Tages einfach so einschlafen könnte, aber genau das scheint geschehen zu sein, denn ich trage immer noch meinen Slip und das lange T-Shirt, selbst wenn es inzwischen auf Taillenhöhe hochgerutscht ist. Automatisch ziehe ich es wieder herunter und richte mich auf. Vom Balkon sind Geräusche zu hören.
Ich schwinge die Beine über die Bettkante und gehe Richtung Fensterfront. Eine hölzerne Flügeltür führt auf den großen, überdachten Balkon, der über der Veranda liegt. Er hat an den Seiten halbhohe Trennwände und wirkt dadurch wie eine Privatloge.
Vom Fenster aus kann ich das Meer sehen. Und Alex, der auf dem Balkon Liegestütze macht. Er trägt nur eine dunkelgrüne Sporthose. Die Muskeln seiner Arme und Schultern treten deutlich hervor. Am linken Oberarm hat er ein Tattoo, ein Tribal. Seine Bewegungen sind geschmeidig und mühelos, obwohl ihm schon der Schweiß herunter rinnt. Er ist wirklich gut in Form.
»Wer spannt, kann auch mitmachen.«
Ich erschrecke. Alex wirkte so konzentriert, dass ich dachte, er hätte mich nicht bemerkt. »Nein, danke.«
»Komm schon, ein paar Dehn- und Kraftübungen?«
Die sexuelle Anspielung ist nicht zu überhören. Aber er wird sein blaues Wunder erleben, ich bin nämlich wirklich sportlich. »Okay, Liegestütze? Wer mehr schafft?«
Er sieht mich mit einem unergründlichen Ausdruck an, dann zuckt er mit den Schultern. »Von mir aus. Du gibst das Tempo vor.«
Ich nehme neben ihm Stellung ein und zähle. Nicht umsonst habe ich mein Studium als Trainerin in diversen Sportstudios verdient.
»Dreißig.« Inzwischen schwitze ich genauso stark wie er. Das muss an der Hitze liegen. Ich zähle weiter, die Zahlen mühsam zwischen den Zähnen herauspressend. Neben mir hält Alex scheinbar ohne Anstrengung mit.
»Vierzig.« So viel habe ich lange nicht mehr geschafft.
»Wenn’s dir zuviel wird, kannst du jederzeit aufhören.«
»Das gleiche gilt für dich!«, biete ich an, denn ich werde nicht aufgeben. Aus den Augenwinkeln sehe ich Alex’ nackten Oberkörper. Der Schweiß läuft ihm über den Brustkorb und tropft aufs Deck. Meine Arme zittern, meine Schultern schmerzen, aber mein Stolz zwingt mich, durchzuhalten.
»Fünfzig.« Ich bekomme kaum noch Luft.
»Wer gewinnt, liegt heute Nacht oben.«
Er lacht mich doch tatsächlich aus. Seine Worte geben mir den Rest. Ich kollabiere auf dem Holz.
Alex setzt sich auf. Mit Genugtuung merke ich, dass auch er heftig atmet. »Dich muss man bremsen, sonst tust du dir noch selbst weh«, sagt er ruhig.
»Ich hoffe, dass du genauso viel Muskelkater bekommst wie ich!«, fauche ich.
»Muse, dein Anblick, wie du ohne BH direkt neben mir Liegestütze machst, war es wert.«
Er geht duschen und lässt mich sprachlos zurück.

Das Frühstück ist eine eher informelle Angelegenheit, anscheinend, weil alle im Haus zu unterschiedlichen Zeiten aufstehen. Ich gieße mir einen Becher Kaffee ein, finde Milch im Kühlschrank und nehme ein Schüsselchen mit frischem Obstsalat mit auf die Veranda.
Alex hatte keine weiteren Anspielungen mehr gemacht, sondern sich im Bad angezogen und war dann direkt nach unten gegangen. Von wegen, wir würden es Tag und Nacht treiben. Was hat ihn zu diesem Sinneswandel veranlasst? Oder spielt er nur mit mir? Wie lange wird es dauern, bis der Hurrikan vorbeigezogen ist, ein oder zwei Tage? Ich muss zusehen, dass ich schnell mein Interview bekomme, Sandy anrufe, und mich um einen neuen Flug kümmere, sobald die Maschinen wieder starten können.
Der Mann, um den meine Gedanken kreisen, sitzt auf einer Mauer im Garten, den Rücken zum Haus, einen Becher neben sich, und spielt auf einer akustischen Gitarre. Es ist noch kein Lied, mehr einzelne kurze Melodien in verschiedenen Variationen. Ab und zu hält er inne und schreibt etwas in ein Notizbuch.
Ich setze mich in den Schaukelstuhl und nippe an meinem Kaffee. Der Himmel ist immer noch bedeckt, aber immerhin hat der Wind etwas nachgelassen. Eigentlich könnte es hier wirklich idyllisch sein, auf eine entspannte, bodenständige Art und Weise. Wenn da nur nicht …
Just in diesem Augenblick schaut Alex zum Haus, sieht mich, legt seine Gitarre beiseite und kommt zu mir. »Hey.«
»Hey.« Ich weiß nicht so richtig, was ich sonst sagen soll.
»Die anderen kommen gleich runter. Wir werden die nächsten Stunden im Studio verschwinden. Kommst du so lange alleine klar?«
Das klingt so, als habe er nicht vor, das Versäumte von gestern Abend so bald nachzuholen. Wieso schlägt dann das Gefühl von Erleichterung in mir so schnell in Enttäuschung um?
Ich nicke. »Ich würde gerne eine Runde Laufen gehen. Falls das trotz des Hurrikans okay ist?«
»Nimm Trev mit.«
Wegen dem Hurrikan oder als Aufpasser, um mich daran zu hindern, wegzulaufen?
Alex scheint meine Gedanken gelesen zu haben, wenn auch hoffentlich nur die unverfänglichen Teile. »Er kennt sich hier aus. Wenn du irgendetwas brauchst, sag ihm einfach Bescheid.«
Da Trevor just in diesem Moment auf der Veranda auftaucht, bespricht er gleich eine mögliche Laufroute mit ihm.
Eine knappe halbe Stunde später laufen wir in nördlicher Richtung los. Trevor mag die Muskeln eines Bodyguards haben, aber er wirkt topfit. Einen Moment überlege ich, ob ich einen Sprint einlegen und ihn abhängen könnte, aber wohin sollte ich? Meine Situation ist immer noch die gleiche wie gestern: Auf einer kleinen karibischen Insel mit einem exzentrischen sexbesessenen Rockstar und seiner Entourage, ohne Ticket, Geld oder Papiere. Und ohne Interview. Wenn ich weglaufen würde, dann vor allem vor mir selber.
»Die Insel ist lang und schmal, etwa elf Kilometer lang und zweihundert Meter breit. Die östliche Seite zeigt zur Lagune, die westliche zum offenen Meer«, erklärt Trevor, als wir zurückjoggen. »Wenn du dich jemals verläufst, halte einfach nach Wasser Ausschau, dann weißt du, in welche Richtung du musst.«
Das klingt jetzt nicht so, als wollten sie mich als Geisel im Haus behalten. Ich muss mich selbst ermahnen. Die anderen wissen hoffentlich nicht, auf was für einen Deal ich mich mit Alex eingelassen habe.
Als wir zurückkommen, werkelt Edda singend in der Küche vor sich hin. Auf dem Küchentisch stehen bereits verschiedene Salate und Brot. »So ist es am besten, man weiß nie, wann sie eine Pause machen«, erklärt sie auf meinen fragenden Blick. Dann fordert sie mich auf, mich zu bedienen, wann immer ich hungrig bin.
Zum Essen ist es mir noch zu früh, aber ich habe Lust auf Yoga. Auch, um meine schmerzenden Schultermuskeln zu entspannen. Trevor besorgt mir von irgendwoher eine Yogamatte, und ich praktiziere im Garten im Schatten eines Baumes mit Blick aufs Meer, die Geräusche der Wellen, der Möwen, eines vorbeifahrenden Schiffs und das Töpfeklappern aus Eddas Küche als Hintergrundmusik.
Alex kommt angeschlendert, als ich gerade meine letzten Asanas ausführe. Die letzte Dehnübung, die ich machen wollte, ist eine Hüftöffnung. Einen Moment überlege ich, sie ausfallen zu lassen, aber einen echten Yogi hält auch kein zuschauender Punkrocker von seiner Yogapraxis ab. Ich rolle mich auf den Rücken, winkele die Beine an und lasse die Knie nach außen fallen, bis sich nur noch die Fußsohlen berühren.
An Alex’ Gesichtsausdruck merke ich, dass er die Stellung für Absicht hält. Wahrscheinlich war es doch keine so gute Idee, mich mit gespreizten Beinen vor ihm auf den Rücken zu legen. Gerade will ich mich aufrichten, als seine Hand an meinem Knie mich stoppt.
»Hüftöffnungen soll man mindestens drei Minuten halten, besser fünf. Gut zum Lösen von Muskeln, Sehnen, Bändern, Gelenken und emotionalen Blockaden. Warte, ich helfe dir.« Er kniet sich vor mich und legt eine Hand auf jedes Knie, um die Dehnung zu verstärken.
Okay, das ist mir jetzt überhaupt nicht peinlich, behauptet meine innere Stimme und fährt fort: Woher kennt er sich überhaupt mit Yoga-Theorie aus? Atmen, Rebecca, ermahne ich mich selbst. Tief in den Bauch atmen. Vergiss einfach, dass er da ist.
»Nicht erschrecken.« Alex beugt sich vor und lehnt seine Knie gegen meine, was die Dehnung verstärkt. Ich atme in meine Leisten und versuche, sowohl den Schmerz als auch deren Verursacher auszublenden.
»Die Position gefällt mir. Ich kann es kaum erwarten, dass du unter mir liegst und deine Beine um mich schlingst.« Langsam beugt Alex sich vor, bis seine Hände neben meinen Schultern den Boden berühren. Dann senkt er seine Arme, bis er auf mir zu liegen kommt.
»Was ist eigentlich deine Lieblingsstellung?«
»Beim Yoga?« Ich habe plötzlich Schwierigkeiten zu sprechen. Ich habe sogar Schwierigkeiten zu atmen. Kein Wunder, wenn jemand auf meinen Lungenflügeln liegt!
Statt einer Antwort bewegt er sein Becken leicht von links nach rechts. Spätestens jetzt bekomme ich nicht nur keine Luft mehr, sondern kann auch nicht mehr denken.
»Zu schade, dass ich dich nicht küssen darf.«
Instinktiv drehe ich meinen Kopf noch ein Stückchen von ihm weg. Noch nie sind mir drei Minuten so lang vorgekommen. Obwohl meine Hüften sich allmählich entspannen – mein Körper unter Alex wird tatsächlich weich. Ganz im Gegensatz zu einem Teil seiner Anatomie, der sich an meinen Venushügel drückt. Wenn er beim geringsten Anblick einer Frau so reagiert, dann hat der Mann ein ernsthaftes Problem!
»Sag mir, was möchtest du alles mit mir ausprobieren?«, raunt Alex mir ins Ohr. »Bist du gerne oben? Unten? Magst du es von der Seite? Von hinten? Langsam oder schnell? Hart oder sanft? Im Liegen, Sitzen, Stehen …?«
Ich schnappe nach Luft. Jetzt ist wahrscheinlich nicht der richtige Zeitpunkt, ihm zu sagen, dass ich gerade mal mit zwei Männern Sex hatte, und mit beiden ausschließlich in der Missionarsstellung. Weshalb es mich umso mehr gefuchst hat, wie ich Henrik und Suzannah erwischt habe.
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