Kitabı oku: «Im Eissturm der Amsel»
Im Eissturm der Amsel
Historischer Roman
von
Kerstin Groeper

Impressum
Im Eissturm der Amsel, Kerstin Groeper
TraumFänger Verlag Hohenthann, 2020
1. Auflage eBook Mai 2021
eBook ISBN 978-3-941485-97-6
Lektorat: Michael Krämer
Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag
Datenkonvertierung: Bookwire
Titelbild: James Ayers
Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,
Hohenthann
Printed in Germany
Inhalt
Fort Raymond
Mato-wea
Wambli-luta
Yellowstone
Ree
Fort Lisa
Sheheke shote
Rache
Missouri
Pär
Apsalooke
Three Forks
Dachbitche-hisshi
Marie Dorion
Slim Buttes
Anpao-win
Claire
Ree
Bighorn-Berge
Blackfeet
Kriegszug
Plains
Flucht
Kanghi-win
Mato-win
Frieden
Tetschichila
St. Louis
Beglichene Schulden
Konflikte
Sonnentanz
Sacajawea
Hemdträger
Omaha
Verbündete
Louise
Dakota
Fort Shelby
Prairie du Chien
Begegnungen
Epilog
Nachwort

Fort Raymond
Louisiana Territorium im Winter 1808/1809
Pierre DuMont lag in seinem Versteck zwischen den tiefhängenden Ästen einer Fichte und beobachtete die beiden Indianer, die ganz in seiner Nähe vorbeischlichen. Er sah schwarz und rot bemalte Gesichter, Hauben mit hoch aufgerichteten Adlerfedern und nach unten hängenden Hermelinstreifen, hemdenähnliche einfache Gewänder mit langen Fransen und griffbereite Waffen. Sie hatten ihre Bisonroben abgelegt, um für den Kampf beweglicher zu sein. Pekuni! Er wusste, dass sie – verteufelt noch mal – etwas gegen seine Anwesenheit hier hatten. Die Pekuni waren erbitterte Feinde der Trapper oder auch Waldläufer, die es wagten, den Missouri entlang in ihre Jagdgründe vorzustoßen. Pierre zog ein Tuch vor seinen Mund, damit die Rothäute nicht die Atemwölkchen sahen, die in der klirrenden Kälte von seiner Nase aufstiegen. Zur Sicherheit nahm er Schnee in den Mund, um den Atem zu kühlen. In den Händen hielt er sein Gewehr. Es war geladen, aber Pierre wusste, dass allein das Klicken, wenn er den Hahn spannte, in der Wildnis weit zu hören sein würde. Obwohl die Kälte langsam in seine Glieder kroch, sammelte sich auf seiner Stirn der Schweiß. Mit einer langsamen Bewegung schob er die Biberfellmütze etwas nach oben und wischte sich die Stirn trocken. Er konnte unmöglich einen genauen Schuss abfeuern, wenn ihm der Schweiß in die Augen lief. Sein braunes lockiges Haar klebte am Haaransatz und juckte unangenehm. Eine Schweißperle lief an der Nase entlang und sammelte sich an seinem gestutzten Oberlippenbart. Mit seiner Zunge leckte er sie weg, mehr Bewegung wagte er nicht. Die beiden Indianer unterhielten sich leise in ihrer Sprache und folgten einem Pfad zum Ufer des schmalen Baches. Pierre atmete tief durch. Dort hatte er noch keine Spuren hinterlassen! Er war über den Hügel gekommen und hatte den Bach, eigentlich ein kleiner Nebenarm des breiten Yellowstone-Flusses, noch nicht erreicht. Das war vielleicht sein Glück, denn im Schnee konnte man seine Spuren nicht verwischen. Unter der Fichte lag kaum Schnee, sodass die ledernen Leggins und der warme Mantel aus dem Wollstoff der Hudson‘s Bay Company ihn etwas vor dem Frost schützten, der vom Boden aufstieg. Der Mantel war weiß und hatte im unteren Bereich und an den Ärmeln einen breiten roten Streifen. Er hatte ihn von einem französischen Trapper eingetauscht, der sonst weiter im Norden Handel mit den Assiniboine trieb. Im Moment wurden der untere Streifen verdeckt, weil er auf ihm lag, aber die Ärmel hätten ihn verraten können. Er hielt die Arme tief und hoffte, dass die Injuns das Rot nicht sahen. Mit seinen dunkelbraunen Augen beobachtete er die Indianer, dabei flogen seine Gedanken. Als fast mittelloser Sohn eines französischen Farmers in St. Louis hatte er mit sechzehn die Chance ergriffen, sich einer Brigade Trapper anzuschließen. Anfangs war ihm alles wie ein großes Abenteuer erschienen, doch das Leben hatte ihm gezeigt, dass das Fallenstellen seine Tücken hatte: Indianer und unberechenbare Wildnis. Inzwischen war er vierundzwanzig, und irgendwie hatte er noch immer keine Reichtümer ansammeln können. Er war ein Voyageur, ein Angestellter, der vertragsmäßig für einen Pelzhandelsposten arbeitete. Dieses Mal war er von Manuel Lisa, einem spanischen Bourgeois, wie die Bosse genannt wurden, angeheuert worden, der den Pelzhandel am Oberen Missouri etablieren wollte. Lisa finanzierte das Unternehmen und hatte Voyageure, Führer, aber auch erfahrene Soldaten angeworben, um in der Wildnis Handelsposten zu errichten. Der Pelzhandel brachte viel ein! Pierre schickte das meiste Geld seinen Eltern, die inzwischen außerhalb von St. Louis eine größere Farm bewirtschafteten, die er mal übernehmen sollte. Im Moment hoffte er nur, dass er hier lebend wieder rauskam. Vielleicht hätte er doch auf seine Mutter hören sollen, die ihn gebeten hatte, endlich sesshaft zu werden.
Die Stimmen kamen wieder näher, und Pierre wusste, dass er dem Kampf nicht ausweichen konnte. Mit seiner Hand tastete er an die Seite seines Gürtels und zog das Beil hervor. Er hatte vielleicht noch den Vorteil der Überraschung! Er legte das Beil griffbereit und schob vorsichtig das Gewehr an seine Schulter. Wenn er mit dem ersten Schuss traf, hätte er gegen den zweiten Mann eine Chance. Zum Laden der Pistole blieb keine Zeit mehr. Jede weitere Bewegung, jedes Aufblitzen des Metalls oder Spannen würde ihn nur verraten. Merde! Wo kamen die beiden überhaupt her? Waren vielleicht noch mehr Rothäute in der Umgebung? Dann stand es schlecht um ihn. Die Pekuni waren nicht zimperlich, wenn sie einen weißen Trapper erwischten. Oft genug wurde aus den armen Kerlen Wolfsfutter gemacht. Pierre knirschte mit den Zähnen, als er kurz die Lage einschätzte. War das Pulver trocken? Würde das Gewehr schießen? Bisher hatte er sich auf seine „Dicky“, wie er seine Dickert Rifle liebevoll nannte, verlassen können. Es regnete nicht, und es blies auch kein heftiger Wind, der den Schuss hätte beeinflussen können. Die Waffe war in gutem Zustand. Er brauchte nur ein wenig Glück!
Die beiden Indianer näherten sich langsam den Fichten, unter denen Pierre in Deckung gegangen war. Spätestens jetzt würden sie seine Spuren sehen! Er wusste, dass der Moment der Überraschung gleich vorbei wäre. Mit einem Satz richtete er sich in eine kniende Stellung auf, spannte den Hahn und drückte den Abzug. Der Hahn schlug auf die Pfanne, Funken stoben und in die Stille dröhnte ein ohrenbetäubender Knall. Rauch stieg auf, und für einen winzigen Moment konnte Pierre nichts mehr erkennen. Er ließ das Gewehr fallen, das ihm nun nichts mehr nützte, griff nach dem Beil, rollte sich zur Seite und sprang auf. Erst jetzt konnte er erkennen, dass er einen der Indianer getroffen hatte. Stöhnend wälzte sich dieser im Schnee, während der andere überrascht, aber durchaus schnell, zu seinen Waffen griff. Auch er hatte ein Gewehr in den Händen, das er nun zum Schuss anhob. Pierre hechtete zur Seite, fühlte einen Luftzug an seinem Kopf, dann rollte bereits das Echo des zweiten Schusses durch das Tal. Ehe der Indianer zum Denken kam, ging Pierre mit erhobenen Beil auf ihn los. Rücksichtslos hieb er auf den Kopf des Mannes ein und spaltete ihm den Schädel. Blut spritzte in den Schnee und traf auch Pierre, der mitleidlos zusah, wie der Mann zusammenbrach. Das Beil steckte so fest, dass er es stecken ließ und lieber seinen Dolch zog. Mit gezückter Klinge ging er zu dem verletzten Indianer, setzte ihm das blanke Metall an die Kehle und schnitt sie durch. Der Mann gurgelte und fasste sich mit den Händen an den Hals, während sein Blick die Augen von Pierre traf. Er erwartete kein Mitleid, so wie er selbst kein Mitleid empfunden hätte. Der weiße Trapper hatte ihm den Tod gebracht. Seine Augen brachen, als der Körper kraftlos in den Schnee sackte.
Pierre richtete sich auf, zog das Tuch von seinem Mund und atmete tief durch. Sein Blut rauschte, und er hörte das Herz in seiner Brust pochen. Kurz ließ er seinen Blick durch das Tal schweifen, doch bis auf ein paar aufgeschreckte Krähen blieb es still. Er wartete, bis die schwarzen Vögel sich wieder in den Wipfeln der Bäume niedergelassen hatten, dann sammelte er seine Waffen ein und wischte das Blut ab. Er nahm sich die Zeit, sein Gewehr nachzuladen, ehe er sich den beiden Körpern zuwandte, die regungslos im Schnee lagen. Dieses Mal zog er sein Messer und nahm ihnen die Skalpe. Dann schleifte er die Körper unter die Zweige der Fichten, brach einige Äste ab und legte sie über die Leichen. Wolfsfutter!
Zufrieden barg er das Gewehr des Indianers und sammelte die anderen Habseligkeiten ein. Er fand einen Köcher mit Pfeilen und einem Bogen, zwei schöne Messerscheiden samt Messern, Proviantbeutel und eine kleine Tasche mit Munition. Kaltblütig kehrte er zu den Leichen zurück und holte sich noch das Pulverhorn des einen Mannes. Er konnte sich Verschwendung nicht leisten. Dann überlegte er, wie die beiden hierhergekommen waren. Vielleicht fand er Pferde, wenn er die Spuren zurückverfolgte? Er musste vorsichtig sein, denn die alte Regel hieß: Wo ein Indianer war, konnten die anderen nicht weit sein!
Wachsam machte er sich an die Verfolgung der Spuren. Es beunruhigte ihn, dass die Rothäute aus der Richtung des Forts gekommen waren. Es stand an der Mündung des Bighorn in den Yellowstone-Fluss, wo es von Manuel Lisa, erbaut worden war. Sie trieben dort Handel mit den Apsalooke, den Crow-Indianern, die den Weißen gegenüber wohlgesonnen waren, doch die Pekuni-Blackfeet machten ihnen das Leben schwer. Sie hatten schon mehrmals das Fort angegriffen und lauerten den Trappern auf, die in der einsamen Wildnis ihre Fallen aufstellten. Lisa zahlte die Männer nicht schlecht, wobei ein großer Teil des Verdienstes dazu verwendet wurde, die Schulden zu tilgen und neue Ausrüstung zu überhöhten Preisen einzukaufen. Pierre liebte das Abenteuer, aber irgendwann wollte er als gemachter Mann in die Zivilisation zurückkehren. Auf jeden Fall wollte er sich nicht von Indianern massakrieren lassen. Es war nur eine Gruppe von dreißig Männern über den Winter im Fort geblieben. Doch nach den vielen Angriffen waren die Männer mürbe geworden und hofften auf die Verstärkung im Frühjahr.
Vorsichtig stapfte Pierre durch den Schnee und fluchte über die Schneeverwehungen, die manchmal über ruhendem Wasser lagen, sodass man plötzlich in eiskaltes Wasser trat. Das war gut für die Jagd, weil man Biber nur jagen konnte, solange die Flüsse nicht zugefroren waren, aber schlecht für die Ausrüstung. Es dauerte ewig, Stiefel oder gefütterte Mokassins zu trocknen. Der Blick über das Tal war frei, und Pierre erkannte, dass die beiden Indianer wohl allein gekommen waren. Er fand auch keine weiteren Spuren. Er selbst musste sich darüber keine Gedanken mehr machen, denn die Lage des Forts war bekannt. Es hatte keinen Sinn, etwa zu verbergen, was alle Welt inzwischen kannte. Abgesehen davon, dass das Fort ja gerade diesen Zweck hatte: mit den hiesigen Indianern Handel zu treiben. Pierre verließ die Spur, die die Pekuni hinterlassen hatten, und kürzte den Weg zum Fort ab. Aus der Ferne war leichtes Donnergrollen zu hören, ganz wie ein entferntes Gewitter, doch Pierre wusste, dass es sich um Gewehrfeuer handelte. Das Fort lag unter Beschuss!
Er hastete über den sanften Hügel und warf sich zu Boden, um sich einen Überblick zu verschaffen. Der Handelsposten, auch Factory genannt, lag in einer Biegung des Bighorn-Flusses, kurz ehe er in den Yellowstone mündete. Auf einigen sanften Anhöhen wuchsen dunkle Fichten, doch im weiteren Umkreis um die Gebäude bis zum Ufer des Flusses standen nur wenige dürre Laubbäume, deren kahle Zweige sich gespenstisch in den Himmel erhoben. Der Handelsposten stand somit auf der großen Lichtung, die durch das Abholzen der Bäume zum Bau der Gebäude und Palisaden entstanden war. Ein größeres Gebäude diente als Handelsraum; die anderen Hütten waren für die Trapper und Händler bestimmt. Die Lage war günstig, weil der Posten von fast drei Seiten durch den Fluss geschützt war, der sich dort wie eine Schlange durch das Land wand. Jetzt stieg Qualm aus den Schießscharten der Palisade auf, hinter der sich die Bewohner dem Kampf stellten. Pierre schätzte, dass vielleicht zwanzig Indianer mit wütenden Kriegsrufen gegen das Fort zogen. Er brauchte kein Fachmann zu sein, um sie als Pekuni zu identifizieren. Merde! Er fluchte leise vor sich hin.
Pierre überlegte, wie er seine Kumpel unterstützen konnte, ohne dass er selbst in Gefahr geriet. Er blickte auf die Gewehre und grinste. Beide waren Waffen für die Jagd und daher gut geeignet, Schüsse aus der Distanz abzugeben. Problematisch war nur, dass er seine Position verriet, sobald er schoss. Außerdem kannte er die erbeutete Waffe nicht. Sie hatte einen kürzeren Lauf als seine Rifle und schien neuwertig zu sein. Wahrscheinlich hatte dieser Sous-Merde, dieser Haufen Scheiße, wie er die Hudson‘s Bay Company im Norden verächtlich nannte, die Stämme mit neuen Waffen ausgestattet und sie gegen die Amerikaner aufgehetzt. Seit die Amerikaner das Louisiana Territorium und somit auch den Oberlauf des Missouri von den Franzosen abgekauft hatten, schien sich die britische Regierung nicht damit abfinden zu können, dass sich hier nun amerikanische Händler niederließen.
Pierre musterte kurz das neue Gewehr. Wahrscheinlich würde es zuverlässig schießen; nur die Treffsicherheit wäre fraglich. Aber mit seiner Pistole käme ein weiteres Überraschungsmoment hinzu. Pierre hatte wenig Lust, ein zweites Mal an diesem Tag einen Kampf durchzustehen, aber er konnte seine Freunde auch nicht im Stich lassen. Wenn die Männer im Fort Unterstützung von außerhalb bekamen, würde das die Angreifer verwirren. Außerdem konnten diese nicht wissen, um wie viele Männer es sich handelte. Wenn er die Position wechselte, dann würden sie glauben, dass mehrere Trapper zurückkamen, um ihren Freunden zu helfen. Methodisch prüfte Pierre die beiden Gewehre, lud die Pistole und schaute sich dann das Gelände an, um zu entscheiden, wo er verschwinden und wieder zuschlagen würde. Die Gegend war zerklüftet und bot ausreichend Möglichkeiten, um unterzutauchen. Leider lag Schnee, sodass man seine Bewegungen nachverfolgen konnte. Das musste er einkalkulieren. Wieder war Gewehrfeuer zu hören, und die Indianer antworteten mit wütendem Gebrüll. Pierre konnte sehen, wie sie sich im Schutz einiger Felsen und größerer Steine der Palisade näherten. Sie griffen nicht blindlings an, sondern nutzten geschickt die Deckung des Geländes.
Auch Pierre näherte sich dem Fort, um eine bessere Schussposition zu haben. Er wählte eine kleine Anhöhe, kroch dort unter die Fichten und suchte sich sein Ziel. Geduldig wartete er auf die beste Möglichkeit: einen Krieger, der hinter einem Stein hockte und sich nicht bewegte. Pierre zielte auf den Körper, weil der das größte Ziel bot. Der Schuss wäre vielleicht nicht tödlich, würde den Mann aber kampfunfähig machen. Der Oberkörper war nackt und dick mit Fett eingeschmiert, um für den Kampf mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Der Knall des Schusses rollte über das Tal, und der Mann sackte zusammen. Pierre wartete nicht ab, ob und wie schwer er den Mann getroffen hatte. Flink rutschte er außer Sichtweite, rannte im Windschatten der Felsen in südöstlicher Richtung – froh darum, dass hier nicht viel Schnee lag – und stürzte sich dann schnaufend unter einige Fichten. Vorsichtig kroch er bis an den Rand der Anhöhe und besah sich den Schaden, den er angerichtet hatte.
Wagh! Drei Indianer bewegten sich auf die Stelle zu, wo der Pulverdampf immer noch in der Luft schwebte. Je näher sie kamen, desto deutlicher waren ihre Gesichter zu erkennen: Männer mit grimmigen Mienen, die unter der schwarzen und roten Kriegsbemalung noch furchterregender wirkten. Auch sie hatten die Kleidung abgelegt und sich mit Fett eingeschmiert; ob noch mehr Indianer in der unmittelbaren Nähe waren, konnte er nicht erkennen. Dazu blieb auch keine Zeit, denn die Krieger hatten den Platz erreicht, erkannten, dass er verlassen war und machten sich auf die Suche nach dem Feind. Im Tal ging der Angriff indessen weiter: Zwei Krieger versuchten die Palisade zu überwinden, doch ein Pistolenschuss verhinderte dies im letzten Moment. Einer der Krieger stürzte innerhalb der Palisade stöhnend zu Boden, während der andere die Flucht ergriff. Von drinnen war triumphierendes Geschrei zu hören – dann krachte ein weiterer Schuss, und alle wussten, was dies zu bedeuten hatte. Die Blackfeet schrien wütend, während die Stimmen hinter den Palisaden nun zuversichtlicher wurden. „Hey, ihr Rothäute! Kommt nur her, wenn ihr euch traut!“
Pierre grinste schief, als er dies hörte. Anscheinend funktionierte sein Ablenkungsmanöver. Vorsichtig schob er sich an den Fichten entlang und wartete auf den nächsten Feind. Er hatte sein Gewehr inzwischen nachgeladen, sodass ihm wieder drei Schüsse zur Verfügung standen. Die Chancen standen nicht schlecht. Aus der sicheren Deckung nahm er den ersten Krieger, der witternd wie ein Wolf seiner Spur folgte, ins Visier. Er zögerte keine Sekunde, sondern schoss, sobald er freie Sicht hatte. Der Krieger griff sich erschrocken an die Brust und stürzte dann nach vorn. Die beiden anderen Krieger gingen sofort zum Angriff über. Wahrscheinlich dachten sie, dass der weiße Mann nun Zeit brauchte, um sein Gewehr zu laden. Weit gefehlt! Pierre riss das andere Gewehr hoch, zielte und schoss.
Die Kugel pfiff an dem Angreifer vorbei, der jedoch völlig verwirrt war und kurz inne hielt. Pierre fackelte nicht lange. Er ließ das Gewehr fallen, riss die Pistole hoch und gab einen zweiten Schuss auf den Mann ab. Dieses Mal traf er ihn in den Kopf. Das Gesicht platzte auf, und der Mann wurde durch den Schuss rückwärts zu Boden geworfen. Der dritte Mann hechtete zur Seite und entschloss sich zur Flucht. Ein Mann, der dreimal schießen konnte, war ihm wohl zu gefährlich. Pierre wechselte sofort seine Position und rannte geduckt zur nächsten Anhöhe. Wachsam sah er sich um, dann kniete er sich hin und lud seine Waffen nach. Der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter und tropfte von seiner Stirn. Er nahm die Mütze ab, wischte sich die Stirn trocken und wechselte wieder die Position. Im Dauerlauf umrundete er einen kleinen Hügel und ging dann hinter zwei Birkenstämmen in Deckung. Wieder legte er seine Rifle an und wartete in Ruhe ab. Er war im Vorteil, denn er bestimmte, wo der Kampf ausgetragen wurde. Dann wurde es ruhig. Weder vom Fort noch aus der näheren Umgebung waren irgendwelche Geräusche zu hören. Am Himmel kreisten ein paar Krähen, ließen sich dann auf einigen kahlen Ästen nieder und stießen ihre krächzenden Rufe aus.
Pierre DuMont wartete gute zwanzig Minuten, dann wagte er sein Glück: Im Dauerlauf rannte er einen Pfad entlang in Richtung des Forts, rief schon von weitem, dass er ein Freund sei, und änderte dann seinen Lauf in einen Zickzackkurs. „Ami, Ami!“, rief er mit überschnappender Stimme. „Ouvrez la porte!“
Keuchend erreichte er das Tor, das sich einen Spalt breit öffnete, und quetschte sich hindurch. Sein zweites Gewehr blieb hängen, doch eine Hand griff danach und zerrte es ebenfalls hindurch, während zwei andere Hände ihn packten, nach innen zogen und ihn sofort aus dem Schussfeld in Sicherheit hinter dem Palisadenzaun schubsten.
„Êtes-vous complètement dans l‘erreur? “ – Bist du völlig irre? Pierre blickte in die wütenden Augen von Louis, einem der französischen Trapper im Fort. Dann fing er aus vollem Hals an zu lachen. „Aber nein …!“, keuchte er nach Atem schnappend. „Ich glaube, die Injuns sind weg! Habe bestimmt vier von denen erwischt. Die sind über alle Berge!“
„Vraiment?“ Louis drehte sich zu den anderen Männern um und winkte ihnen zu. „Les Indians sont partis!“
Aus mehreren Ecken des Forts schauten ein paar Gesichter hervor, doch eine scharfe Stimme hielt sie zurück. „Jeder bleibt auf seinem Posten! Kann auch eine Finte sein!“ Es war „Colonel“ Menard, ein erfahrener Trapper und gleichzeitig unangefochtener Anführer, solange der Boss nicht da war. Er sprach die Sprache der Apsalooke und war somit von unschätzbarem Wert. Er war als „Guide“, als Führer, angeheuert worden, da er die Gegend von früheren Expeditionen her kannte. Vom Aussehen unterschieden sich die Männer kaum. Gleichgültig, welchen Rang sie bekleideten, trugen alle indianische Leggins, gefütterte Mokassins oder Stiefel und die warmen Mäntel der Hudson‘s-Bay-Company. Ihre Köpfe waren entweder mit roten Wollmützen oder Biberfellmützen bedeckt, und alle hielten ihre Rifles schussbereit in den Händen. Die Männer waren meist zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, doch das Leben in der Wildnis hatte sich bereits in die Gesichtszüge eingebrannt. Einige trugen kurze Bärte, die anderen hatten kurze Stoppeln, was auf ein regelmäßiges Rasieren hindeutete. Das war auch besser so, denn gegen Nissen und Läuse gab es nur ein Mittel: Haare und Bärte abschneiden.
Pierre richtete sich auf und atmete tief durch. „Mann, das war knapp!“ Er sprach „Bungee“, ein Gemisch aus Französisch, Englisch und Spanisch, das hier alle verstanden. Wenn nichts mehr half, dann wechselte man in die Zeichensprache der Indianer. Mit Händen und Füßen konnte man irgendwie alles ausdrücken.
„Bist du sicher, dass die Injuns weg sind?“, vergewisserte sich Arnel, ein junger Trapper mit hellbraunen Augen, die in dem braungebrannten Gesicht deutlich hervorstachen. Er war ein Halbblut und so wurde er wegen seiner Kenntnisse als „Guide“ oder als einfacher Engagé, als angeheuerter Arbeiter, eingesetzt.
„Ich glaube schon. Ich habe zwei in den Hügeln erwischt und zwei weitere hinten am Yellowstone. Sie waren wohl auch auf dem Weg hierher.“ Pierre zuckte gelassen mit den Schultern. „Was ist denn in die gefahren? Wollen die Pekuni keinen Handel?“
Menard näherte sich und stemmte die Hände in die Hüften. „So ein Scheiß! Mit jedem Toten wird es schwieriger, die Factory zu halten!“
Pierre schnaufte empört. „Was soll ich denn machen, wenn ich angegriffen werde?“
Menard hob begütigend die Hände. „War kein Vorwurf! Hier haben diese miesen Blackfeet ja auch angegriffen! Einfach so …! Zum Glück hatten wir Wachen aufgestellt, sonst wären sie im Fort gewesen, ohne dass wir etwas gemerkt hätten. Augen auf und Kehle durch …!“
Pierre nickte betreten. Sie hatten Glück gehabt! Immer wieder hatten die Männer gemurrt, wenn Menard auf den Wachdienst bestanden hatte.
„Hier ist doch alles friedlich!“, hatte es geheißen. Doch Menard traute dem Frieden nicht. Er hatte schon öfter erlebt, dass Verbündete plötzlich die Seiten wechselten oder Freunde über Nacht zu Feinden wurden. „Injuns kann man nicht trauen!“
Menard grinste freundlich und schlug Pierre auf die Schulter. „Komm erst einmal ins Warme! Du musst ja halb erfroren sein!“
Pierre nickte ergeben. „Eher verschwitzt. Puh, das war knapp. Mon dieu!“
Er ließ sich zum großen Handelsraum führen, der wie immer beheizt war. Ein Mann stand am Feuer und bereitete das Essen zu. Er war der Einzige, der nicht an der Palisade gekämpft hatte – wohl auch, um ein mögliches Feuer zu melden, falls die Indianer Brandpfeile schossen.
Menard deutete auf die Haare von Pierre, die über dem Ohr etwas versengt waren. „Was ist denn hier passiert?“
Pierre fasste sich an die Schläfe und riss erstaunt die Augen auf. „Wagh, das war aber knapp! Da hätte mich die Rothaut fast erwischt!“ Dann schaute er an seinen blutbefleckten Mantel hinunter. „Merde, den muss ich wohl waschen!“
Der Koch schüttelte den Kopf. „Die Flecken kriegst du nicht mehr raus. Brauchst wohl einen neuen!“
„Mist!“ Pierre blickte enttäuscht an sich herunter. Er hätte doch die Mäntel der Pekuni mitnehmen sollen. Aber da waren ja auch Blutflecken dran. „Ich versuch’s trotzdem!“, meinte er entschlossen.
„Nimm kaltes Wasser“, schlug der Koch vor und grinste breit. Das braune Gesicht seiner wohl spanischen Herkunft wirkte wie ein lederner Ball, der zu lange in Wind und Wetter gelegen hatte. „Ist ohnehin egal … dein Mantel steht vor Dreck, und du sorgst dich um ein paar Blutflecken!“
Pierre lächelte freundlich. „Hast du jetzt endlich was zu essen für mich?“
„Klar!“ Der Koch schöpfte eine große Schüssel Eintopf aus dem Kessel und stellte sie Pierre vor die Nase. „Bon Appetit!“
„Merci!“, knurrte Pierre dankbar. Dann schlürfte er die heiße Suppe von einem Löffel, der auch gut als Schöpflöffel hätte durchgehen können. Mit etwas Warmem im Bauch sah die Welt schon wieder besser aus.
Nach dem Essen verließ Pierre das Fort und half den anderen beim Aufräumen. Sie suchten nach toten Indianern, doch die Indianer hatten ihre Toten geborgen und mitgenommen. Pierre fand seine Biberfellmütze und setzte sie mit einem Seufzen auf. Die Stelle, wo seine Haare versengt worden waren, juckte leicht, und er kratzte sich. Dann kehrte er ins Fort zurück und versuchte die Flecken zu entfernen. Er war da ein bisschen heikel … es war nicht sein eigenes Blut, und er ekelte sich davor. Bei Tieren machte es ihm nichts aus … aber bei Menschen. Geduldig weichte er die blutbefleckten Stellen seines Mantels in Wasser ein und rubbelte das Blut heraus. Es ging ganz gut. Bis auf ein paar leicht bräunliche Flecken war nichts mehr zu sehen. Pierre hängte den Mantel in der Nähe des Feuers auf und ging dann in den hinteren Raum, wo mehrere Betten standen. Auch hier stand ein kleiner Ofen, der den Raum notdürftig wärmte. Aber es war besser als nichts. An den Wänden glitzerten die Tautropfen, die zeigten, dass der Frost sogar die Innenwand erreicht hatte. Der Raum war dunkel und rauchig, und es roch nach feuchtem Leder und den Ausdünstungen der Männer. Wer hier lebte, hatte keine Ansprüche. Die anderen Hütten standen im Moment leer, weil es einfacher war, nur das Haupthaus zu beheizen. Manche Trapper blieben ohnehin in der Wildnis bei ihren kleinen Hütten oder Zelten, weil sie ihre Fallen nicht alleine lassen wollten. Manche waren so weit weg, dass es zu viel Zeit kostete, jeden Abend ins Fort zurückzukehren. Pierre warf sich auf eine Pritsche und dachte an die armen Teufel, die jetzt vielleicht allein in der Wildnis saßen und keine Ahnung hatten, dass kriegerische Pekuni unterwegs waren.
Neben ihm lag Arnel, der sich auf den Ellbogen stützte. „So ein Mist! Was machen wir, wenn noch mehr solche kriegerische Injuns hier auftauchen?“ Seine braunen Augen richteten sich sorgenvoll auf seinen Freund. Er hatte immer noch die schlaksige Figur eines Jugendlichen und wirkte naiv und unerfahren. Er strich sich eine Strähne seines schwarzen Haars, das bis auf seine Schultern fiel, nach hinten.
Pierre runzelte die Stirn. „Keine Ahnung! Als Lewis und Clark hier unterwegs waren, dachten sie eigentlich, dass man hier friedlich Handel treiben kann. Ich weiß auch nicht, warum diese Pekuni so aufgebracht sind. Jedenfalls möchte ich ihnen nicht lebend in die Hände fallen.“
„Oje!“ Arnel schluckte schwer. Er war ein Abenteurer, ein Tausendsassa, der schon mit vierzehn Jahren von seinem Zuhause ausgebüxt war. Hier bei den Trappern hatte er gefunden, was er schon immer gesucht hatte: eine freie Gemeinschaft, die keine Fragen stellte, welche Herkunft jemand hatte. Arnel war ein Halbblut, und in zivilisierteren Gegenden war das ein Makel. Seine Mutter war eine Dakota-Frau der Yankton gewesen. Sie war früh gestorben, und so war Arnel mit seinem Vater, einem trunksüchtigen Händler, unterwegs gewesen, der den Jungen hart arbeiten ließ. Irgendwann hatte Arnel die Beschimpfungen und Misshandlungen nicht mehr ausgehalten und war bei Nacht und Nebel verschwunden. Trotz seiner Jugend war er bereits ein geschickter Jäger, und so war er von den Pelzhändlern aufgenommen worden. Pierre hatte ihn unter seine Fittiche genommen, wobei die Beziehung auch für ihn Vorteile hatte: Durch Arnel sprach er inzwischen ein ganz passables Englisch.
Mato-wea
Dorf der Mandan am Knife-Fluss
Mato-wea, was Bärenfrau bedeutete, stand außerhalb der Palisaden ihres Dorfes und besuchte den heiligen Schädelkreis ihrer Vorfahren. Irgendwo hier lagen auch die Schädel ihrer Mutter und ihres Vaters, aber die waren schon vor einiger Zeit gestorben, sodass die Erinnerung an sie verblasste. Ihr Vater war vor zwei Wintern gestorben und so, wie es Sitte war, von den männlichen Angehörigen der Sippe aufgebahrt worden. Inzwischen war das Gerüst verfallen, der Körper verwest, und man hatte den Schädel in den Kreis der Ahnen gelegt. Der Schädelkreis war heilig, und sie wagte sich dort nicht hin. Aber es war schön, in der Nähe zu stehen und seine Gedanken an die „Große Alte“ zu schicken. Sie wickelte das Bisonfell fester um ihren schmalen Leib und trotzte dem eisigen Wind, der um die Palisaden pfiff. „Große Alte!“, murmelte sie liebevoll. „Ich muss dir etwas erzählen.“
So begann sie stets das Gespräch mit den Geistern. Hier konnte sie all ihre Sorgen und geheimen Gedanken hintragen. „Ich bin zur Frau gereift, und Onkel wird nun einen guten Mann für mich suchen.“ Sie seufzte tief, und nur der Wind konnte ahnen, ob aus Sorge oder Vorfreude. Mato-wea knabberte an ihren Lippen. War sie schon bereit für einen Mann? Zu gerne erinnerte sie sich an das Gelächter, wenn sie von den anderen Mädchen mit dem Bisonfell hochgeworfen wurde. Sie war gut darin! Zehnmal war es ihr gelungen, das Gleichgewicht zu halten. Sie kicherte bei dieser Erinnerung. Es hatte so viel Spaß gemacht, mit ihren Freundinnen das alte Spiel zu spielen: Die Mädchen nahmen ein großes Bisonfell, schoben stabile Äste durch die Löcher, die entstanden, wenn man das Fell zum Gerben spannte, und erhielten so einfache Griffe. Die Mädchen hielten das Fell an den Griffen, ein Mädchen kletterte hinauf und wurde von den anderen Mädchen hochgeworfen. Wenn sie mit den Füßen aufkam, wurde sie wieder hochgefedert. Wenn sie stürzte, wurde sie von dem weichen Fell und einen riesigen Haufen Gras, der darunter aufgeschüttet worden war, weich aufgefangen. Es gab immer viel Gelächter, wenn die Mädchen „Hochwerfen“ spielten. Mato-wea hatte damals schon die langen Zöpfe gehabt, und nicht mehr die kurze Frisur mit den beiden Büscheln über den Ohren, die kleine Kinder vor Gefahren schützen sollte.
„Große Alte, bin ich denn schon bereit? Onkel sagt, dass ich ein gutes Mädchen bin und ein Ehemann bestimmt Gefallen an mir finden wird.“ Sie senkte den Blick und bohrte mit dem Mokassin im weichen Pulverschnee, der sich über das Land gelegt hatte. „Onkel ist sehr gut zu mir“, fuhr sie fort. „Und Tante auch …! Aber sie wollen mich vielleicht einem dieser Trapper zur Frau geben. Onkel möchte eine dieser Donnerwaffen haben.“
Sie zögerte, denn sie wollte nicht ungehorsam sein. „Onkel sagt, dass die weißen Männer sehr großzügig zu ihren Frauen sind. Ich könnte froh sein, wenn ich so eine wichtige Aufgabe bekomme. Der Handel mit den Weißen ist wichtig.“
Sie warf einen Blick zum Dorf zurück und senkte dann ihre Stimme zu einem Flüstern. „Aber ich kenne doch die Weißen nicht. Was, wenn ich ihre Sprache nicht spreche? Oder wenn sie böse Geister mitbringen? Die Älteren reden noch von der Zeit, als so viele Menschen wegen einer geheimnisvollen Krankheit gehen mussten. Was, wenn diese Weißen wieder Tod und Verderben bringen? Darf ich diese Sorgen mit meinem Onkel teilen?“
Hoffnungsvoll blickte sie in den Himmel, doch sie konnte kein Zeichen erkennen. Langsam hob sie die Hände und streckte sie der „Alten Frau“ entgegen. „Wache über mich! Lass mich bereit und eine gute Ehefrau sein!“
Sie erhob sich und lief wieder zum Dorf zurück. Sie huschte durch das Tor und wandte sich dem Erdhaus zu, in dem ihre Sippe lebte. Vor dem Eingang hing ein schweres Fell, das sie beiseiteschob, um durch den engen Eingangstunnel ins Innere zu treten. Das Erdhaus war aus vier starken Stützpfosten errichtet, auf denen weitere Balken das Gerüst stellten. Gedeckt war die Hütte aus Ästen und Zweigen, auf denen Schichten von Grassoden und Erde verteilt wurden. Das schützte vor Regen und Kälte. In der Mitte brannte das Feuer, dessen Rauch durch eine Öffnung in der Decke abziehen konnte. Es war ziemlich dunkel im Inneren. Eine Frau saß am Feuer und schnitt Fleisch in einen Topf. Im hinteren Bereich war der erhöhte Bereich des Onkels. Er war verlassen. Wahrscheinlich traf sich der Onkel mit anderen Männern. An den Seiten der Hütte standen erhöhte Betten, die mit Fellen belegt waren. Die Hütte war so groß, dass leicht zehn bis zwölf Menschen Platz hatten. Mato-wea wunderte sich, wo die anderen Familienmitglieder waren. Die Tante hatte eine Tochter, die etwas jünger als Mato-wea war, und noch zwei kleinere Kinder. Außerdem lebten eine Großmutter und eine verwitwete Cousine mit ihrem Sohn bei ihnen. Mato-wea fragte nicht, sondern setzte sich zu ihrer Tante ans Feuer. Sie zog ihr Messer und half der Tante, das Fleisch zu schneiden. Die Tante lächelte freundlich und nickte in Richtung einiger Körbe. „Bringe mir noch etwas Kürbis und Zwiebeln. Dann schmeckt es besser.“
Mato-wea erhob sich und holte das Gemüse. Sie hatten viele Vorräte, und es schien, als würde das Volk gut über den Winter kommen. Die Ernte des letzten Jahres war gut gewesen. Trotzdem war das Leben schwerer geworden. Normalerweise bezogen die Menschen im Winter kleine Hütten, die leichter zu beheizen waren, doch anhaltende Angriffe der Cha-rúwak, wie die Tituwan Suane von ihnen genannt wurden, zwangen sie auch im Winter, in ihren befestigten Dörfern zu bleiben. Cha-rúwak bedeutete Gras-Leute, denn wenn die Tituwan angriffen und dann von den Mandan verfolgt wurden, verschwanden sie einfach im hohen Gras. Seit dem Großen Sterben vor gut 25 Wintern war ihr Volk dezimiert worden und machte es den Feinden leichter, über sie herzufallen. Sie nannten sich die Numahkahke – die Mandan. Ihr Dorf hieß Mitutanka und war erst vor einigen Wintern an der Mündung des Knife-Flusses in den Missouri auf einer Anhöhe errichtet worden. Hier gab es wenig Holz, sodass die Frauen weite Wege gehen mussten oder angeschwemmtes Holz sammelten. Ihr Häuptling Sheheke shote war vor drei Wintern mit den weißen Händlern aufgebrochen, um den Großen Vater der Weißen zu treffen. Noch immer war er nicht zurückgekehrt, und das führte zu Unruhen unter den anderen Häuptlingen. Die Mandan wollten ihre Position als Handelspartner stärken und suchten damit den friedlichen Kontakt zu den Weißen. So, wie sie es in der Vergangenheit nicht nur zu Weißen, sondern auch zu anderen Stämmen schon erfolgreich getan hatten.
„Holst du mir Holz?“, fragte die Tante. Sie hieß Hohes-Wasser und hatte ihre Blütezeit schon lange überschritten. Die drei Geburten und die harten Winter hatten sie schnell altern lassen. Der Onkel hieß Shut-haska, was Puma bedeutete, und auch er war schon älter. Der Name war eindrucksvoll und zeigte, dass er mal ein gewandter Krieger gewesen war. Doch diese Zeiten waren vorbei. Sie nannte die beiden Mutter und Vater – aus Respekt, aber auch, weil sie es nie anders gekannt hatte.
Mato-wea nickte gehorsam und erhob sich. Sie legte sich wieder die Robe um die Schultern und nahm ein Beil, um Äste und Stämme zu einem handlichen Bündel hacken zu können. Die Tante gab ihr noch ein geflochtenes Seil aus gedrehter Bisonwolle mit, mit dem sie das Bündel schultern konnte. „Nimm deine Schwester mit, wenn du sie siehst!“
Mato-wea lächelte verschmitzt. Tante nannte die Cousine immer „Schwester“ – so wie sie die Nichte mit „Tochter“ anredete. Seit dem Tod der Mutter hatte sie die Mutterrolle übernommen, und Mato-wea war dankbar dafür. Sisohe-wea, Falkenfrau, war etwas jünger als sie und spielte vermutlich in einer anderen Hütte mit ihren Freundinnen.
„Ich nehme sie mit!“, versprach sie. Auch Sisohe-wea ließ ihre Haare inzwischen wachsen und musste sich auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiten. Doch sie entwischte nur allzu gerne ihren Pflichten und verließ sich darauf, dass die ältere Schwester die Arbeiten erledigte. Mehrfach hatte Mato-wea ihre Schwester im Herbst ermahnen müssen, die Arbeit auf den Maisfeldern nicht zu vernachlässigen. „Die Krähen fressen uns den ganzen Mais weg, wenn wir sie nicht verjagen!“, hatte sie geschimpft. Aber wenn Sisohe-wea sie mit großen braunen Augen anhimmelte, dann konnte sie nie wirklich böse sein.
Mato-wea sah sich in dem Dorf um, dessen Hütten um einen großen freien Platz gebaut waren. Die Dächer waren mit Schnee bedeckt, und aus den Rauchlöchern stiegen feine Säulen in den Himmel. Niemand hockte auf den Dächern, weil es einfach zu kalt war. Nur in der Richtung zum Fluss stand einsam eine Wache auf einem Dach und lehnte schläfrig gegen einen langen Ast gestützt. Besonders aufmerksam sah er nicht aus. Mato-wea schlüpfte in das Erdhaus einer benachbarten Familie und fand ihre Schwester bei einem Würfelspiel mit anderen Mädchen. „Wir brauchen Holz!“, bat sie auffordernd.
„Hohch!“, stöhnte das Mädchen und erntete einen überraschten Blick der Matrone dieses Hauses. Nichts war schlimmer als ein faules Mädchen! Sofort bemerkte Sisohe-wea ihr ungezogenes Betragen und legte die Spielsteine beiseite. „Spielen wir nachher weiter?“, hoffte sie.
Die anderen Mädchen kicherten und erhoben sich ebenfalls. „Wir gehen mit! Unsere Mütter brauchen sicherlich auch Holz!“
Sisohe-wea klatschte in die Hände vor Begeisterung. „Ja, das ist schön! Und dann wärmen wir uns wieder auf.“ Sie glühte vor Stolz, als sie den wohlwollenden Blick der Matrone sah. Sie hatte ihre unbedachte Gemütsäußerung wieder ausgemerzt.
Mato-wea lächelte ebenfalls. So würde es viel mehr Spaß machen! Sie wartete, bis sich alle Mädchen in ihre warmen Umhänge gewickelt hatten, und führte sie dann in Richtung des breiten Flusses. Dort gab es immer Schwemmholz, das man neben dem Feuer trocknen und dann verwenden konnte. Der Fluss war noch nicht ganz zugefroren, und so musste man auch an den Stellen, die mit Eis bedeckt waren, gut aufpassen, wenn man sie betrat. Zwei Kinder waren beim Spielen bereits eingebrochen und wären fast unter die Eisdecke geraten. Es war ein seltsamer und gefährlicher Winter.
Die Mädchen gingen am Ufer entlang und plauderten kichernd über die letzten Neuigkeiten. Mato-wea erfuhr, dass eine junge Frau wohl ihr erstes Baby erwartete und es Streit zwischen zwei Eheleuten gegeben hatte. „Stellt euch vor“, erzählte Waschbären-Frau, „Guter-Habicht“ wohnt jetzt bei einem Freund. Seine Frau hat ihn einfach vor die Tür gesetzt.“
„Warum?“, wollte Mao-wea wissen.
„Er hat eine jüngere Frau als zweite Frau zu sich genommen, und nun ist seine erste Ehefrau wohl eifersüchtig.“
Mato-wea schüttelte den Kopf. „Hat er sie denn nicht gefragt?“
Waschbären-Frau zuckte mit den Schultern. „Anscheinend nicht.“
Mato-wea sah sie unsicher an. „Aber es ist doch gut, wenn sie Unterstützung bekommt.“
Waschbären-Frau wechselte einen wissenden Blick mit den anderen Mädchen und musterte Mato-wea dann streng. „Aber doch nicht, wenn er nur noch Augen für die Jüngere hat!“
„Hmh!“ Mato-wea runzelte die Stirn. Da hatte sie natürlich recht. Die Mädchen fanden schließlich einen großen Haufen angetriebenes Holz und machten sich daran, die Äste und Stämme auseinanderzuziehen. Mit ihren Beilen hackten sie das Holz in armlange Stücke und banden es zu tragbaren Bündeln zusammen. Ein eisiger Wind wehte, der ihnen die Arbeit erschwerte. Sie hatten keine Handschuhe an und machten immer wieder Pause, um die Hände unter dem Umhang zu wärmen. „Huh, kalt!“, rief Mato-wea vor Kälte zitternd.
Auch die anderen sahen auf und schienen für heute genug zu haben. „Lasst uns zurückkehren! Die Sonne geht schon unter!“, schlug Sisohe-wea vor.
Mato-wea nickte nur, denn auch sie fror. Sie schulterte ihr Bündel und trat dann in die Spur, die sie auf dem Hinweg hinterlassen hatten. Es war einfacher, dem kleinen Trampelpfad zu folgen, den sie in den Schnee getreten hatten. Es ging den Hügel wieder hinauf, und es war rutschig. Als sie die Ebene erreicht hatten, konnten sie schemenhaft den Palisadenzaun sehen und darüber den Wächter, der immer noch seinen Blick über das Land schweifen ließ. Hier und da lugte ein Dach über die Palisaden empor, sonst war von dem Dorf dahinter nichts zu sehen. Stattdessen standen westlich davon einige Totengerüste, und an der Seite des Flusses – dort, wo im Sommer die Felder zu sehen waren – standen die kleinen Plattformen, auf denen die Kinder und Mädchen saßen, um die Vögel zu vertreiben. Mato-wea beugte sich gegen den Wind, der nun von Westen her blies. Ein Warnruf schreckte sie auf, und sie verharrte, um nach dem Grund zu sehen. Oben auf dem Dach winkte der Wächter mit dem Speer hin und her und stieß Warnrufe aus. „Wiradar!“- Feinde! Ganz deutlich war das Wort über die Entfernung zu hören. Mato-wea ließ vor Schreck das Holz fallen und sah sich um. Tatsächlich! Über die Ebene galoppierte eine Gruppe feindlicher Krieger genau auf sie zu. Sie erkannte bei einigen bemalte Gesichter, die auf keine freundlichen Absichten hindeuteten. „Lauft!“, schrie sie den Mädchen zu. „Lasst das Holz liegen und lauft!“
Die anderen Mädchen waren vor Schreck wie versteinert. Mit weit aufgerissenen Augen blickten sie auf das Unheil, das dort auf gescheckten Ponys auf sie zu galoppiert kam. Energisch schob Mato-wea die Mädchen vor sich her. „Nun lauft doch endlich!“, schrie sie aus Leibeskräften. Sie konnte erkennen, dass sich vom Dorf her bewaffnete Männer aufmachten, die ihnen helfen wollten.
„Schneller!“, herrschte sie die Mädchen an. Sie ließen die Bündel fallen, wickelten sich aus ihren Roben und rannten mit fliegenden Zöpfen in Richtung des Dorfes. Ihnen kam zugute, dass sie jung waren. Einige Pfeile zischten knapp an ihnen vorbei, sodass die Mädchen ins Stocken gerieten und vor Angst schrien. „Weiter!“, herrschte Mato-wea sie an. Verzweifelt rafften sie sich auf und rannten weiter. Einige Reiter versuchten ihnen bereits den Rückweg zum Dorf abzuschneiden.
Mato-wea lief als Letzte und erkannte, dass sie es nicht schaffen würde. Der erste Krieger hatte sie fast erreicht, und so sauste sie einen Abhang hinunter und wich auf die Felder aus. Ihre Lungen brannten bereits von der Kälte, und ihre Knie waren weich vor Furcht. Im letzten Moment rutschte sie unter eine Plattform, während der Krieger sein Pferd parieren musste, wenn er nicht in das Gerüst preschen wollte. Schnaubend stieg das Pferd in die Höhe, und Mato-wea konnte den Mann kurz erkennen: Schwarze Augen in einem bemalten Gesicht, schwarze Zöpfe, eine einfache Robe und mit roten Streifen verzierte Beinkleider. Er grinste übermütig, als er seine Beute unter dem Gerüst hocken sah. Mato-wea wusste, dass er sie gleich als Gefangene mitzerren würde und entschloss sich zu einem verzweifelten Schritt. Kurz konnte sie erkennen, dass die anderen Krieger abgedreht hatten, als die Mandan wie aufgeschreckte Hornissen aus dem Tor strömten. Die anderen Mädchen hatten das Dorf inzwischen sicher erreicht und schrien erschrocken, als sie sahen, in welcher Gefahr Matowea schwebte.
Mato-wea hechtete mit einem Schrei unter dem Gerüst hervor, packte den Mann am Arm und zog ihn mit einem Ruck herunter. Völlig überrumpelt stürzte der junge Mann in den Schnee, und ehe er sich hochrappeln konnte, rannte Mato-wea davon. Sie war schnell! Aber sie wusste, dass er sie vermutlich einholen würde, sobald er sich von dem Schreck erholte. Stolpernd und keuchend erklomm sie die Böschung, dann hatte sie die Ebene wieder erreicht und hastete weiter. Sie rechnete jeden Augenblick damit, dass sein Totschläger sie treffen würde. Ihre Sprünge waren weit vor Angst, als sie in Richtung des Dorfes hechtete. Aber nichts geschah. Als sie die Männer erreicht hatte und sich umdrehte, stand der Krieger immer noch neben seinem Pferd und starrte ihr mit seinen dunklen Augen hinterher. Dann grinste er, hob grüßend sein Kriegsbeil und sprang mit einem eleganten Satz auf sein Pferd. Herausfordernd ließ er das Pferd steigen und tänzeln und forderte damit die Mandan zum Kampf heraus. Sein Kriegsschrei hallte über die Ebene und ließ Mato-wea frösteln. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie von ihren Freundinnen umringt wurde, die sie in ihre Mitte nahmen und ins Dorf zurückzerrten. „Du bist so mutig!“, schwärmte Sisohe-wea. „Ohne dich hätten wir es nicht geschafft!“
Mato-wea klapperten so die Zähne aufeinander, dass sie keine Antwort geben konnte. Sie war nicht mutig gewesen! Sie hatte einfach keine andere Wahl gehabt. Willenlos ließ sie sich in ihre Hütte ziehen, während im Hintergrund das Geschrei der Männer leiser wurde. Anscheinend hatten die Tituwan ihren Angriff abgebrochen und zogen sich zurück. Mato-wea brach am Feuer fast zusammen, und die Tante legte ihr einen Umhang um den zitternden Körper. „Was ist denn geschehen?“, erkundigte sie sich besorgt.
„Feinde haben uns aufgelauert, und Mato-wea hat uns alle gerettet!“, erzählte Sisohe-wea aufgeregt.
„Wirklich?“ Die Tante blickte entsetzt auf ihre Töchter.
Sisohe-wea nickte heftig. „Sie hätten uns fast erwischt, aber Mato-wea hat einen von ihnen vom Pferd gezogen!“
Die Tante maß die Nichte mit anderen Augen. „Du hast was?“
„Wirklich!“, beteuerte Sisohe-wea. „Sie hat ihn einfach vom Pferd gezogen und ist dann weggerannt.“ Plötzlich musste sie laut kichern, als die Anspannung von ihr abfiel. „Der war so erschrocken, dass er ihr nicht einmal gefolgt ist!“
Das Fell vor dem Eingang wurde geöffnet, und der Onkel trat ein. Er war ein stattlicher Krieger mittleren Alters, der sich nun auf seinen Ehrenplatz setzte. Aufmerksam musterte er seine Nichte. „Du warst tapfer!“, sagte er bewundernd. „Du hast deine Schwester und die anderen Mädchen gerettet! Ohne dich hätten sie das Dorf wahrscheinlich nicht erreicht und wären entführt worden.“
Mato-wea machte eine verlegene Handbewegung. „Ich bin eigentlich nur weggerannt!“
Der Onkel lächelte. „Nein, es war eine Ablenkung. Der Krieger ist dir gefolgt und nicht den anderen. Ich dachte, dass er dich rauben würde, aber du hast ihn besiegt!“
Mato-wea senkte verlegen den Blick. Sie hatte sich gewehrt. Das war alles. Immer noch klopfte ihr Herz, und sie legte die Hand auf ihre Brust, um es zu beruhigen. „Ich habe meine Robe fallen lassen!“, merkte sie an.
Der Onkel brach in Gelächter aus. „Zum Glück! Sonst hätte dieser Krieger dich nämlich erwischt. Lasst uns gehen und die Umhänge und das Holz bergen! Aber dieses Mal begleiten wir euch.“ Die Tante wehrte dies energisch ab. „Lass das Kind am Feuer sitzen! Ich werde gehen und die Sachen holen. Ich sage den anderen Müttern Bescheid, ehe es zu dunkel wird, und es wäre wirklich gut, wenn uns ein paar Männer begleiten würden. Man kann ja nie wissen, ob diese Halsabschneider nicht noch mehr Beute wollen.“
Ohne Widerspruch erhob sich der Onkel, nahm seine Waffen und machte sich auf, auch die anderen zum Mitgehen zu bewegen. Kurze Zeit später kehrten er und die Tante mit den geborgenen Sachen zurück. Sorgsam hing die Tante den Umhang neben Mato-weas Bett und legte dann das Holz zum Trocknen neben das Feuer. Dann schenkte sie die warme Suppe in Schüsseln aus und reichte sie ihrem Mann und anschließend den beiden Mädchen. Hungrig schlürfte Mato-wea die leckere Suppe und seufzte genießerisch. „Danke!“ Sie hatte noch nie in ihrem Leben so einen Hunger gehabt!
Neugierig näherten sich die beiden kleineren Kinder und ließen sich die Geschichte erzählen, wie Mato-wea den feindlichen Krieger besiegt hatte. Sisohe-wea schmückte die Geschichte aus, sodass es Mato-wea bald peinlich war. „Ich habe ihn nur vom Pferd gezogen!“, meinte sie bescheiden.
„Ja, und er war so überrascht, dass er dir nicht gefolgt ist“, prahlte die Schwester.
„Wirklich?“ Die Augen der Kinder hingen an Mato-weas Lippen. Mato-wea senkte ratlos den Blick. „Er hätte mir leicht folgen können, aber er hat es nicht getan. Ich weiß nicht, warum!“
„Haha! Weil er Angst vor dir hatte!“ In Sisohe-weas Stimme klang Bewunderung.
„Sicher nicht!“ Mato-wea dachte an die funkelnden schwarzen Augen, die fast übermütig auf sie heruntergesehen hatten. Angst hatte dieser Krieger ganz bestimmt nicht gehabt!
In der Nacht wälzte sie sich ruhelos hin und her. Immer wieder sah sie das Gesicht des Mannes vor sich, der sie fast niedergeritten hatte. Dann fuhr sie schweißgebadet hoch, sah sich um und erkannte, dass sie nur geträumt hatte. Zweimal stand sie auf und legte Scheite ins Feuer, weil sie die Dunkelheit nicht aushielt. Die anderen Bewohner lagen in ihren Betten und schliefen tief und fest. Der Onkel schnarchte leise und hatte sich an seine Frau gekuschelt. Es sah friedlich aus. Ob auch sie einst so einen liebevollen Ehemann bekam? Mato-wea hoffte, dass ihr Onkel einen guten Ehemann für sie suchte. Ihre Wünsche hatten sich ein wenig verändert: Nach dem heutigen Tag wollte sie einen Ehemann, der sie auch beschützen konnte!
Wambli-luta
Dorf der Tituwan am Heart-Fluss
Als Wambli-luta, der Rote-Adler, nach zwei Tagen wieder das Winterdorf erreichte, war er froh, im warmen Tipi seiner Eltern verschwinden zu können. Ihr Einzug, angekündigt von einem Späher, war eindrucksvoll gewesen. Sie hatten sich geschmückt und mit ihren Farben bemalt und waren in einer Parade durch das Dorf geritten. Sie hatten keine Toten zu beklagen, sodass der Raubzug ein voller Erfolg gewesen war.
Ihr Dorf lag in diesem Winter weiter im Norden als üblich. Sie hatten einen klaren Fluss gefunden, den sie Canté Wakpa, Herz-Fluss, nannten, an dessen Lauf in der sonst eher öden Gegend viele Bäume und Büsche wuchsen. Im Sommer hatten sie auf der Ebene zusammen mit den Gruppen der Sihasapa und Itazipco Bisons gejagt, doch für die Wintermonate war es leichter, in kleineren Gruppen geeignete Lagerstellen zu suchen, damit die Gegend nicht überjagt wurde oder das Holz ausging. Ihre Gruppe nannte sich die „Tinazipe Sica“, die Schlechten Bögen, eine Untergruppe der Hunkpapa, und ihr Häuptling war Mato-ska-cikala, Kleiner-Weißer Bär. Wambli-luta gehörte zu seinem Tiyospaye, denn Mato-ska-cikala war als jüngster Bruder der Großmutter sein Großonkel. Tatsächlich nannte er ihn aber „Lekshi“ – Onkel.
Wambli-luta hängte den Bogen und den Schild an eine Tipistange, zog die Mokassins von den Füßen und ließ sich von seiner Mutter eine Schale Essen geben. Seufzend hockte er sich auf sein Backrest, eine Lehne aus Weidenzweigen, und streckte die nackten Füße in Richtung des Feuers, das in der Mitte des Zeltes brannte. Noch hatte er das mit Fransen besetzte Lederhemd an, das ihn gegen die Kälte schützte. Im Haar trug er noch die Federn, die ihn als Krieger und Späher auszeichneten. Kurz strich er sich fahrig einige Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus seinen Zöpfen gelöst hatten. Er wirkte müde, und seine Gesichtszüge zeigten die Anstrengung der letzten Tage. Seine Lippen waren schmal und seine Augen leicht zusammengekniffen. Er seufzte tief, als er seine langen Beine ausstreckte und sich langsam entspannte. An ihm war kein Gramm Fett zu viel. Er war jung, und sein Körper zeigte die Spannkraft eines Menschen, der zu Fuß oder zu Pferd weite Strecken zurücklegte. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, als er seiner Schwester einen liebevollen Blick zuwarf. Die Augen zeigten ein lustiges Blitzen, und kleine Grübchen um die Augen verschönerten sein ernstes Gesicht. Er grinste seine Schwester an, die auf ihrem Lager saß und an etwas stickte, und futterte hungrig das Essen. Er wurde wieder ernst, als sein Vater sich ihm gegenüber setzte und höflich wartete, bis sein Sohn seinen Hunger gestillt hatte, ehe er ihn mit einer Handbewegung einlud, über seinen Raubzug zu sprechen. „Habt ihr viel Beute gemacht?“
Wambli-luta nickte erfreut. „Wir fanden ein Dorf der Miwatani und raubten ihnen ein paar Pferde.“ Er lachte vor Begeisterung. „Wir erschreckten ein paar Mädchen, während einige andere sich die Pferde holten. Es war ein guter Coup!“
„Und niemand wurde verletzt?“, erkundigte sich der Vater.
„Niemand!“, betonte der junge Mann. „Die Miwatani schwärmten aus ihrem Dorf heraus, um den Mädchen zu helfen, aber folgten uns nicht. Wir haben ein paar Pfeile verschossen und sie auch. Einige hatten sogar Gewehre, aber sie kamen nicht dazu, auf uns zu schießen; so schnell waren wir wieder weg.“
„Und die Mädchen?“, erkundigte sich die Mutter aus dem Hintergrund.
Wambli-luta machte eine verächtliche Handbewegung. „Ich habe nur ihre langen, dürren Beine gesehen, als sie weggerannt sind.“
Die Schwester kicherte hinter ihrer vorgehaltenen Hand, während die Mutter den Kopf schüttelte. „Dürre Beine! Die konntest du doch gar nicht sehen.“
„Doch! Ganz genau! Sie hatten die Kleider hochgezogen, um schneller zu rennen. Und ihre Roben haben sie auch fallen lassen. Ich hätte ganz einfach eins von ihnen rauben können.“
„Und warum hast du es nicht? Solange du bei Mädchen nur dürre Beine siehst, wirst du nie eine Ehefrau finden.“ Deutlich war der Vorwurf zu hören.
„Hohch. Ein Mädchen hätte ich fast erwischt. Sie versteckte sich unter einem seltsamen Gerüst. Es sah aus wie ein Gestell, das wir für unsere Toten bauen, aber es stand inmitten ihrer Felder.“
„Dort vertreiben sie die Vögel, wenn die Ernte naht“, erklärte der Vater. Dann blinzelte er belustigt. „Und was hat das Mädchen dort gemacht?“
„Nichts!“ Der junge Mann verschwieg, dass die Frau mutig genug gewesen war, um ihn anzugreifen und vom Pferd zu ziehen. Das war wohl die unrühmlichste Situation in seinem ganzen Leben gewesen! Er hoffte, dass niemand seiner Freunde es gesehen hatte.
„Nichts?“, wunderte sich der Vater.
Wambli-luta nickte. „Nichts. Ihre Leute kamen, und ich ließ sie laufen. Sie war sehr hübsch.“
„Ahhh, also doch nicht nur dürre Beine!“, meinte die Mutter triumphierend.
„Nein!“, gab Wambli-luta offenherzig zu. „Das nächste Mal hole ich sie mir!“ Seine Stimme klang entschlossen.
Die Eltern lachten über diesen Scherz, ahnten aber, dass ihr Sohn vielleicht erneut dorthin gehen würde. So ein hübsches Miwatani-Mädchen spukte ihm offensichtlich im Kopf herum.
„Wo sind die Pferde, die ihr erbeutet habt?“
Mit seinen Lippen, die er mit dem typischen „Entengesicht“ vorschob, deutete Wambli-luta auf den Eingang des Zeltes. „In der Mitte des Dorfes. Wir entscheiden später, wer sie erhält.“ Der junge Mann beugte sich vor und knetete seine Füße durch. Dann schlüpfte er in die warmen Mokassins. Gedankenverloren begann er damit, seine Haare zu entflechten. Es wurde Zeit, sich für den Abend herzurichten. Die Mutter nahm eine Bürste aus dem Schwanz des Stachelschweins und bürstete vorsichtig durch das lange Haar, dann legte sie es in drei Zöpfe. Zwei davon flocht sie seitlich am Kopf und umwickelte sie mit Otterfellstreifen. Den dritten, der über den Scheitel des Mannes gebunden wurde, fiel einfach hinten in den Nacken. Stolz musterte sie ihre Kinder. Wambli-luta zählte um die achtzehn Winter, während seine Schwester höchstens zwölf Winter zählte. Auch sie war hochgewachsen und schlank und ihre schwarzen Augen hatten einen weichen Schein. Ihr Bruder hatte ein markantes Kinn, das er gerne trotzig vorstreckte, und eine leicht gebogene Nase.
Seine Schwester hatte ein weicheres Gesicht, das eindeutig nach der Mutter geriet, nur dass bei dem jungen Mädchen die vielen Runzeln fehlten. Einst musste die Mutter eine wahre Schönheit gewesen sein, aber die vielen Hungerwinter hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Mutter hieß Phazu-washté-win, Hübsche-Nase, und die Tochter Anpao-win, Morgendämmerung. Der Vater zählte bereits über fünfzig Winter und wurde Wahukheza-ksaheya, Gebrochene-Lanze, genannt. Er trug eine kleine Narbe unter dem rechten Auge, sodass sein Gesicht immer leicht zusammengekniffen wirkte. Viele Lachfalten deuteten aber auf ein freundliches Wesen hin. Gebrochene-Lanze lachte gern und viel. Die Zeit der Kriegszüge war für ihn vorbei, und so saß er gern mit den anderen Männern bei einem Wettspiel beisammen. Er war von den Häuptlingen als Wakincun gewählt worden, einer von vier Männern, denen die Verwaltung des Dorfes unterlag. Er hatte also eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Fast täglich saß er mit den anderen im Tipi, beriet über anstehende Maßnahmen und ließ die Entscheidungen über einen Herold verkünden.
Wambli-luta erhob sich und verließ das Tipi. Seine Eltern, die Großmutter und die Schwester folgten ihm. Sie hatten schöne Kleidung angelegt, um die siegreiche Rückkehr gebührend zu feiern. Eine gewisse Aufregung machte sich bei allen bemerkbar. In der Mitte des Dorfes hatten sich schon viele Menschen versammelt. Frauen standen in ihre Roben gehüllt in einem weiten Kreis, dazwischen huschten Kinder hin und her. Zwei Akicitas der Canté-tinza-Gesellschaft, die mit der Ordnungsfunktion über das Dorf betraut waren, hielten die Neugierigen zurück und ließen genügend Platz für die folgende Darbietung. Wambli-luta stellte sich zu den anderen Kriegern, die prächtig geschmückt darauf warteten, ihre Heldentaten zu erzählen. Sie hatten niemanden getötet, also verzichteten sie auf die schwarze Bemalung und den Waktegli, den Siegestanz. Stattdessen wurden die erbeuteten Pferde in den Kreis geführt. Thimahel-okile, Den-man-im-Zeltsucht, ein bewährter Krieger und Anführer des Kriegstrupps, machte eine große Geste mit der Hand. „Seht, was wir erbeutet haben! Die Miwatani haben sich in ihren Hütten verkrochen wie Feiglinge. Erst als wir ihre Pferde raubten, kamen sie aus ihren Löchern hervor. Sie schossen auf uns, doch unsere Medizin war stärker! Nun besitzen wir ihre Pferde!“ Stolz saß er auf seinem Pferd, ganz und gar der Anführer und Krieger. Er zählte dreimal zehn und fünf Winter, und sein Körper war sehnig und kraftvoll. Er hatte eine hohe Stirn mit tiefliegenden Augen, und sein Gesicht wurde dominiert von einer Nase, die wie der Schnabel des Adlers gebogen war. Er flößte schon durch sein Aussehen Respekt ein, doch jetzt – im vollem Kriegsschmuck und mit den Federn, die hinten im Haar hingen, wirkte er geradezu respekteinflößend.
Die Frauen antworteten mit einem hohen Trällern auf die kleine Schmährede, während die Männer und Jungen laut jubelten. „Ich habe entschieden, wer diese Pferde erhält!“, fuhr Thimahel-okile mit der natürlichen Autorität des Anführers fort. Er nahm zwei Pferde an ihren Stricken und führte sie zu einem einfach gekleideten Mann. „Diese sind für die Ohunkeshni – für unsere Alten und Schwachen, die nicht mehr für sich selbst sorgen können. Bestimme du, wer sie am nötigsten braucht.“ Zum ersten Mal lächelte er kurz, und sein Antlitz zeigte nun ein ausgeglichenes Gemüt und wahre Zuneigung zu den Menschen, die er beschützte.
Ein wohlwollendes Gemurmel folgte dieser Großzügigkeit. Der angesprochene Mann nickte bescheiden und nahm die beiden Pferde in seine Obhut. Er sah sich kurz um und trat dann zu einer Frau mittleren Alters, deren kurz geschnittene Haare darauf hindeuteten, dass sie erst vor kurzem ihren Mann verloren hatte. An ihrer Seite standen ein Junge von vielleicht zwölf Wintern und ein kleineres Mädchen. Ohne Worte drückte er der Frau den Strick in die Hand, die sich mit einem Nicken bedankte und dann mit dem Pferd verschwand. Das andere Pferd gab er einem älteren Krieger, der ein lahmes Bein hatte und mit einem Stock gehen musste. Wieder antwortete ein beifälliges Murmeln, dann wandte sich die Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen zu. Thimahel-okile zerrte ein weiteres Pferd herbei, das nervös tänzelte. Es war eine hübsche, junge Stute.
„Dieses Pferd ähnelt einem mutigen Mädchen, auf das einer unserer Krieger stieß. Sie hätte ihn fast überrumpelt.“
Wambli-luta ahnte, was ihm blühte, und senkte machtlos den Blick. Wahrscheinlich würde das ganze Volk in Zukunft über ihn spotten. Er trug es mit Fassung und zuckte mit einem schiefen Grinsen mit den Schultern.
Thimahel-okile aber empfand Wohlwollen mit dem jungen Mann, denn er wandte sich mit erhobener Stimme an ihn. „Wambli-luta hat Mitleid gezeigt und das Mädchen laufen lassen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie mitzunehmen, denn er würde sie ganz sicher besser beschützen als diese Erdlochbewohner! Also gebe ich ihm diese Stute, damit er in Zukunft ein hübsches Mädchen mitbringen kann!“
Wambli-luta warf dem Redner einen Blick tiefster Dankbarkeit zu. Erhobenen Hauptes, sodass niemand seine Erleichterung bemerkte, schritt er in den Kreis und nahm das Pferd in Empfang. Seine Ohren rauschten immer noch, als er sich an den Rand stellte, dem Pferd beruhigend den Hals klopfte und dann die Zeremonie verfolgte. Alle Krieger wurden erwähnt und ihre Taten mit blumigen Worten gepriesen. Auch Krummes-Bein, ein guter Freund von Wambli-luta und entfernter Cousin, wurde für seine Tapferkeit geehrt. Er zählte etwa so viele Winter wie Wambli-luta, war aber von gedrungenem Körperbau. Er hatte einen leichten Bauchansatz, was für junge Männer eher ungewöhnlich war. Sein Gesicht war rund wie der Vollmond, und er hatte geschwungene fleischige Lippen. Er hatte meist ein ausgeglichenes Wesen und liebte es, seine Freunde zu necken und darüber zu lachen. Seine Augen blitzten meist lustig. Diese Anerkennung freute Wambliluta besonders, denn eine Verletzung hatte dem jungen Mann schwer zu schaffen gemacht. Es war gut, dass Krummes-Bein seine Kraft wiedergefunden hatte! Ein Pferd nach dem anderen wurde verteilt, bis zum Schluss nur noch zwei Pferde übrig blieben, die Thimahel-okile für sich behielt. Das war ausgesprochen großzügig, und die Beliebtheit dieses Kriegers stieg. Als Sohn eines der Häuptlinge würde er wohl in dessen Fußstapfen treten, und alle vermuteten, dass er ebenfalls zum Häuptling ernannt werden würde.
Als es dunkel wurde, verschwanden die Menschen in ihren Zelten, wo bereits ein gutes Essen auf sie wartete. Geschichten wurden erzählt, und Wambli-luta musste mehrmals von seinem Abenteuer berichten. Er schmückte es etwas aus und verschwieg, dass dieses Mädchen ihn vom Pferd gezogen hatte. Aber irgendwo kam die Geschichte auf, dass er vom Pferd gesprungen war und sie mit seinem Beil fast getötet hätte. Anscheinend hatte man ihn doch beobachtet, aber nicht gesehen, dass er nicht ganz freiwillig vom Pferderücken abgestiegen war. Auch gut! Er hütete sich, etwas zu sagen, denn dass er nun als großzügig dastand, war ihm nur recht.
Die Zeit des Winters war hart, und so brach niemand mehr zu einem Raubzug auf. In den Zelten wurden Geschichten erzählt, die Waffen erneuert und neue Kleidung hergestellt. Die Männer, Frauen und Kinder erfreuten sich an Wettspielen, und so mancher Wetteinsatz wechselte den Besitzer. Auch Wambli-luta blieb im Zelt, obwohl er darauf brannte, seinen Mut zu beweisen. Manchmal zog er seine Schneeschuhe über und brach auf, um seinen Eltern ein wenig frisches Fleisch zu bringen. Die Tiere hatten ihr dichtes Winterfell, das gerne für Umhänge, Mützen und einfache Handschuhe verwendet wurde. Kinder bauten sich Schlitten aus Knochen und rutschten die vereisten Hänge am Flussufer hinunter oder balgten sich in Schneeballschlachten.
Wambli-luta war froh, als die ersten warmen Winde den Schnee schmelzen ließen und die Zugvögel in ihrer Formation nach Norden flogen. Gänse, Enten, selbst Kraniche und Kormorane kehrten zurück und bauten ihre Nester. Längst waren die gepunkteten Prärieläufer zu sehen, die in dem weiten Grasland ihre Nester im Gras versteckten, oder Blauhäher, die mit frechem Kreischen auf andere Vögel losgingen. Die Hunkpapa wollten südwärts bis zum Inyan-wakachapi-Wakpa, dem Cannonball-Fluss, ziehen. Ihre Abreise hatte sich verzögert, denn ein später Eissturm hatte sie überrascht. Anschließend mussten erst einige Tipis geflickt und neue Stangen geschlagen werden, weil einige durch den Sturm zu Bruch gegangen waren. Die Jahreszeiten konnten in diesem Land tückisch sein. Bald darauf brachen die Familien auf und zogen nach Süden, um sich mit den anderen Gruppen zu treffen. Das Dorf wurde größer, als immer mehr Gruppen eintrafen und sich die Familien gegenseitig begrüßten. In der Mitte des Dorfes wurde ein Ratstipi aufgeschlagen, und im Umkreis standen die Tipis der Kriegergesellschaften. Überall wimmelte es von Menschen und dazwischen kläfften die Hunde, bis sie sich schließlich zu einer großen Meute vereinten. Interessiert beobachtete Wambli-luta, wie auch die Tokala-Gesellschaft in der Dorfmitte ihr Zelt aufschlug und eine Gruppe ihrer Mitglieder von Zelt zu Zelt ging und um Material für die Instandsetzung ihrer Regalia bat. Bei manchen Zelten, in denen ein kleines Kind lebte, das sie mochten, riefen sie ihr Sprüchlein: „Enkelkind, ich möchte etwas ausbessern, aber ich habe die Materialien nicht. Kannst du uns etwas geben?“ Es war selbstverständlich, dass die Eltern das Kind dann mit dem, was sie entbehren konnten, zum Zelt der Tokala schickten. Manchmal waren es gefärbte Stachelschweinborsten, Messingteile zum Verzieren, Sehnen zum Nähen, Felle oder anderes Zierrat. Manche Familien waren aber auch so großzügig, dass sie ein Pferd stifteten. Nur einem Kind war es gestattet, das Zelt der Tokala zu betreten. Für erwachsene Nicht-Angehörige war es tabu.
Die Gruppe der Männer kam auch am Zelt von Gebrochene-Lanze vorbei, und die Mutter suchte einige Dinge heraus, die für die Männer von Wert sein könnten. Sie fand einige Otterfelle, die benutzt wurden, um die Tokala-Lanzen, die Banner der Gesellschaft, einzuwickeln. Sie gab die Geschenke ihrer Tochter, die eifrig zum Zelt der Tokala lief, um sie dort abzugeben. Sie galt als Kind, weil sie ihre Pubertätsriten noch nicht erfahren hatte.
Wambli-luta wusste, dass die Tokala-Gesellschaft die Zeit im Frühjahr nutzte, um die Mitglieder in Versammlungen einzuberufen und auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Er war noch von keiner Gesellschaft eingeladen worden, und so versuchte er, tapfere Taten zu vollbringen, um von ihnen endlich wahrgenommen zu werden. Auch der Angriff auf das Miwatani-Dorf war ein solcher Versuch gewesen. Er war immerhin der Erste gewesen, der auf das Dorf zugeprescht war. Es war sein Glück gewesen, dass die Verteidiger so überrascht gewesen waren, dass sie nicht gefeuert hatten. Thimahel-okile hatte seinen Mut lobend erwähnt. Ob das jemanden beeindruckt hatte?
Manchmal saß Wambli-luta an der Außenseite des Tipis, nutzte die Wand als Rückenlehne, schnitzte an einem neuen Pfeil und beobachtete heimlich das Treiben im Dorf. Jungen übten mit ihren Kinderbögen das Zielen auf rollende Reifen aus Weidenzweigen, kleine Mädchen verschwanden an den Händen ihrer Mütter zum Holzsammeln, Krieger übten mit ihren Pferden, Männer und Jungen kehrten mit Fischen vom Fluss zurück oder hatten die ersten Gänse erlegt. Wenn das Wetter es zuließ, verbrachte man die Zeit außerhalb des Tipis. Selbst die Kochstellen wurden nach draußen verlegt. Wambli-luta beobachtete, wie die Mutter zusammen mit der Tochter die Felle ausschüttelte und über einem Busch ausklopfte. Es staubte, und die beiden husteten unter Kichern.
Einige Tage später hielten die Tokala ihre erste Versammlung ab. Zwei Tipis wurden zusammengelegt, sodass ein großes Versammlungstipi entstand, in dem alle Mitglieder Platz fanden. Diese wurden zusammengerufen, und Wambli-luta beobachtete voller Sehnsucht, wie die Männer in ihrer Regalia herbeiströmten. Viele trugen ein Fuchsfell um die Schultern, sodass der Kopf nach vorne und der Schwanz nach hinten fiel. Manche hatten das erste Drittel eines Fuchskiefers mit einem Band aus Otterfell an der Stirn befestigt. Am Hinterkopf trugen die Männer einige Krähenfedern, die nach unten hingen, und zwei aufrecht stehende Adlerfedern. Aus dem Zelt klang die zeremonielle Trommel, und die Lieder der Gesellschaft wurden gesungen. Dann erklang leises Gemurmel, als über wichtige Dinge gesprochen wurde. Nach einer gefühlten Ewigkeit verließen schließlich zwei Peitschenträger das Zelt und sahen sich suchend um. Wambli-luta stockte der Atem, als er sah, wie die beiden auf ihn zukamen. Unsicher erhob er sich von seiner Position und blickte den beiden entgegen. Die beiden Peitschenträger blieben vor ihm stehen und nickten ihm zu. „Die Tokala laden dich ein!“
Wambli-luta schluckte schwer. Endlich! Endlich würde er ein Mitglied dieses Bundes werden. Es gab auch andere Bünde, aber sein Herz schlug nur für diese Kriegergesellschaft. Seit er Knabe war, hatte er sich zuerst in den Jugendgesellschaften hervorgetan, war als Wasserträger mitgeritten und hatte seine ersten Kämpfe bestanden. Er war nicht unbekannt, und nun wurde seine Geduld belohnt.
Die beiden Peitschenträger nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn zum Versammlungszelt. Auch seine Eltern nahmen nun wahr, dass etwas Besonderes geschah, und folgten ihrem Sohn. In der Nähe des Zeltes versammelten sich immer mehr Schaulustige, die darauf warteten, welcher Kandidat nun eingeführt wurde. Frauen trällerten ihre Zustimmung, als sie Wambli-luta erblickten. Dieser hob stolz das Haupt, als er langsam und feierlich zu dem Zelt geleitet wurde. Er würde sich dieser Ehre würdig erweisen. Dann duckte er sich und betrat das Versammlungszelt. Alle Mitglieder der Gesellschaft waren bereits anwesend: die beiden Anführer, unter ihnen Thimahel-okile, zwei Männer, die das Essen verteilten, ein Pfeifenträger, die vier Lanzenträger, ein Herold, vier Männer an der Trommel und dahinter vier Sängerinnen sowie ungefähr zwanzig weitere Mitglieder, unter ihnen Krummes-Bein. Die beiden Peitschenträger blieben hinter ihm stehen, als müssten sie verhindern, dass er aus dem Zelt flüchtete. Im Zelt erhob sich der Pfeifenträger, musterte ihn von oben bis unten und erhob schließlich seine Stimme. „Ich sehe hier einen mutigen jungen Mann, den wir als Tokala aufnehmen wollen. Unsere Ziele und Tugenden, die wir von unseren Mitgliedern fordern, sind hoch gesteckt. Wir weichen niemals zurück und stellen uns zwischen den Feind und unsere Angehörigen. Wir haben erlebt, dass auch du diese Anforderungen erfüllst; deshalb nehmen wir dich als einen der Unseren auf.“
Wambli-luta blieb still. Sein Blut rauschte vor Aufregung, und er fühlte sich, als würde er erneut gegen dieses Dorf reiten. Dann blinzelte er, denn mit der Ehre kam auch die Verantwortung. Man erwartete von ihm, dass er ohne zu zögern sein Leben gab, wenn es die Situation erforderte. Er senkte den Blick und hörte auf die Stimme des Herolds, der laut seine Vorzüge und bisherigen Heldentaten aufzählte. Er hatte sie fast vergessen: Wie er todesmutig sein Dorf verteidigt hatte, als er noch im Knabenalter gewesen war; wie er einige Bisons von den Frauen weggetrieben hatte, die der Herde beim Beerensammeln in die Quere gekommen waren; wie er mit anderen Männern ein Gegenfeuer gelegt hatte, als ein Präriefeuer ausgerechnet auf das Dorf zuraste. Dann erzählte der Herold, wie er todesmutig gegen die Miwatani geritten war und es seinen Kampfgefährten ermöglicht hatte, die Pferde zu stehlen. Wambli-luta staunte, dass der Herold so genau über ihn Bescheid wusste! Dann lauschte er aufmerksam, als der Herold von den tapferen Taten der anderen Männer erzählte. Viele von ihnen waren bereits im Kampf gefallen, ganz so, wie es ihre Bestimmung gewesen war. War es auch seine Bestimmung, sein Leben zu geben? Er war so in Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, wie der Pfeifenträger ihn ansah und auf eine Antwort wartete. „Hast du gehört, was ich gesagt habe?“, wiederholte der Mann.
„Ja!“, antwortete Wambli-luta mit belegter Stimme. „Ich werde all dies befolgen. Ich bin ein Tokala!“
„Waho!“, riefen die Mitglieder zufrieden. „He washtélo!“
Der Pfeifenträger trat hervor und flehte um Beistand:
„Tunkashila, hilf mir bei meinem Unterfangen.
Steh mir bei, bei allem, was ich vorhabe!
Habe Mitleid mit mir und sei mir gnädig.
Hilf mir, meine Feinde zu besiegen.“
Einer der Essensverteiler trat hinzu und hob einen Beutel mit gelber Farbe hoch. Sorgsam begann er, das Gesicht von Wambli-luta zu bemalen, während der Pfeifenträger den Anwärter über seine Pflichten aufklärte: „Wir erwarten von dir, dass du in allen Situationen Mut zeigst! Ein Tokala ist stets großzügig und teilt seine Habseligkeiten mit den Armen. Wir stehen immer füreinander ein! Vergiss das nie. Du sollst niemals die Frau eines anderen Mitglieds nehmen, ohne ihn vorher gefragt zu haben. Wir erwarten von dir, dass du gut zu deinen Frauen bist und sie stets gleich behandelst, auch wenn es eine Gefangene von einem anderen Stamm ist. Es ist deine Pflicht, die Witwe eines Tokala vor Unheil zu bewahren und ihr deinen Schutz zu gewähren, bis sie wieder einen Mann gefunden hat, der für sie sorgt. Ebenso solltest du einem Tokala, der keine Frau hat, eine deiner Frauen abgeben, wenn du mehr als eine hast. Du darfst nicht stehlen – es sei denn, von deinen Feinden. Hast du das verstanden?”
Wambli-luta nickte. Es waren Selbstverständlichkeiten, die von ihm gefordert wurden. Einzig die Tatsache, dass er fortan an erster Stelle in den Kampf reiten sollte und als Letzter den Kampfplatz verlassen durfte, war hart. Dafür würden sie Lieder über ihn singen! Das allein war wichtig. Das Leben war kurz, und er wollte es in Ehren verbringen. Voller Stolz sang er zum ersten Mal das Lied, das ihn nun bis an sein Lebensende begleiten würde:
„Ich bin ein Fuchs.
Es ist meine Bestimmung zu sterben.
Wenn es irgendetwas gibt, das schwierig ist,
wenn es irgendetwas gibt, das gefährlich ist,
liegt es an mir, es zu tun.“
Die Trommel setzte ein, und die Männer sangen weitere Lieder, die nur den Tokala vorbehalten waren. Dahinter saßen zwei Männer, die einen fast kahlgeschorenen Kopf hatten, mit ihren Rasseln. Auch diese Männer waren mit gelber Farbe bemalt. Sie hatten sich diesen „Tokala-Haarschnitt“ als Gelübde rasieren lassen, sodass nur am Scheitel ein Büschel Haare stehen blieb. Manche ließen sich die Haare auch auszupfen, sodass die Kopfhaut ganz wund war. Hinter den Männern fielen die vier Frauen mit ihren hohen Stimmen in den Gesang ein. Wambli-luta war so stolz, dass er tief einatmen musste, um die Emotionen zu kontrollieren, die über ihn hereinstürzten. Dann kamen die beiden Peitschenträger und trieben ihn mit Schlägen an, seinen Tanz zu zeigen. Wambli-luta machte es ihnen nicht so leicht, sodass die beiden ziemlich fest zuschlagen mussten, um ihn zum Tanzen zu bringen. Wambli-luta bewegte sich mit kräftigen, wohlgesetzten Schritten, die zeigen sollten, dass er auch im Kampf seine volle Kraft einsetzen würde. Schwer atmend durfte er sich anschließend wieder zu den anderen stellen. Die zwei Männer, die die Ehre hatten, das Essen zu verteilen, brachten den beiden Anführern zwei Löffel der Suppe, die herangeschleppt wurde. Die Tokala hatten nicht selbst gekocht, sondern zwei Mitglieder waren durch das Dorf gegangen und hatten einfach einen kleinen Stock an die Tipis von wohlhabenden Familien gesteckt. „Die Tokala sind hungrig! Bringt uns Essen!“, hatten sie gerufen. Es wurde als Ehre angesehen, für die Kriegergesellschaften kochen zu dürfen. Das Essen wurde verteilt und auch an die Zuschauer, die vor dem Zelt standen, ausgegeben. Gerade ärmere Familien freuten sich, dass sie sich endlich einmal sattessen konnten. Die Familie von Wambli-luta verteilte großzügige Geschenke an die Umstehenden, um die Aufnahme ihres Sohnes in den Kriegerbund zu feiern. Kleider, Mokassins, Felle und Vorräte wurden an Bedürftige verteilt, während ihr Sohn immer noch bei den anderen Mitgliedern stand und mit ihnen die Lieder sang. Seine Stimme stach unter den anderen hervor, als er mit Inbrunst die Lieder sang, die er schon so oft gehört hatte. Nun durfte auch er sie endlich singen! Nun gehörte er dazu. Dankbar musterte er die beiden Anführer, ließ dann seinen Blick über die anderen schweifen: ein Pfeifenbewahrer, der die heilige Pfeife der Tokala hütete; vier Lanzenträger, zwei Peitschenträger, ein Herold, zwei Essensverteiler, vier Trommler und vier Frauen, die als Schwestern gesehen wurden; den Hüter der Trommel und zwei Männer, die den seltsamen Haarschnitt der Tokala trugen, und ungefähr zwanzig weitere Mitglieder, darunter auch drei Knaben von vierzehn Wintern, die als Wasserträger und Pferdehirten fungierten. Das war jetzt seine Gemeinschaft! Hier gehörte er dazu! Die Männer begannen zu tanzen, und die beiden Peitschenträger stießen auch die Letzten an, damit niemand faul auf den Fellen sitzen blieb.
Es war mitten in der Nacht, als ein müder und erschöpfter Mann zu seinen Eltern zurückkehrte. Die Schwester schlief bereits, doch die Eltern saßen am glimmenden Feuer und sahen ihm voller Stolz entgegen. „Mein Sohn“, murmelte der Vater.
„Vater!“, antwortete Wambli-luta und setzte sich vor ihm hin. Er hielt still, als der Vater ihm die Hand auf die Schulter legte.
„Lebe deine Vision!“, mahnte der Vater eindringlich.
Wambli-luta nickte voller Ernst. Vor einigen Wintern hatte sein Vater ihn in die Einsamkeit mitgenommen, damit die Geister ihm eine Vision schicken würden, die ihn vor kommenden Gefahren schützte. Als junger Krieger, der sich bewähren wollte, brauchte er diesen Schutz umso mehr. Damals hatten die Geister ihm einen merkwürdigen Traum geschickt: Ein Fuchs hatte einen Hasen gerissen, doch dann war ein Adler hinabgestiegen und hatte ebenfalls den Hasen gepackt. Der Fuchs wollte nicht aufgeben und biss sich weiter in dem Hasen fest. Dabei wurde er immer höher in die Lüfte gehoben, bis er im Horst des Adlers landete, in dem zwei Junge saßen. Die Adlermutter gab ihnen den Hasen und erblickte dann den Fuchs. „Was machst du hier?“, fragte sie verblüfft.
„Wenn du mein Fressen stiehlst, fresse ich eben deine Jungen!“, antwortete der Fuchs.
Das Adlerweibchen plusterte sich auf und starrte den Fuchs mit zornigen Augen an. „Wie kannst du es wagen! Ich werde auch dich gleich packen!“
Der Fuchs hüpfte schnell davon und versteckte sich in einem Felsenloch. „Und ich warte hier, bist du wieder zur Jagd aufbrichst!“, drohte er.
Der Adler kam näher, aber das Loch war zu klein, und so konnte sie den Fuchs nicht herausziehen. „Du wirst verhungern, wenn du dich hier versteckst!“
Der Fuchs lachte nur. „Nicht so schnell wie deine Jungen, wenn du sie nicht fütterst. Ich halte es hier eine ganze Weile aus.“
Der Adler legte den Kopf schief. „Und was schlägst du nun vor?“
Der Fuchs überlegte eine Weile. „Du fängst mir einen weiteren Hasen und legst ihn mir dort unten an die Felsen. Wenn du ihn gefangen hast, klettere ich hinunter und du hast deinen Frieden.“ „Nein!“, sagte das Weibchen. „In dieser Zeit könntest du meine Brut fressen.“
„Hohch, ich lege mich doch nicht mit einem Adler an!“
Der Adler überlegte eine Weile und stimmte dann zu. „Gut, ich hole dir deinen Hasen.“ Mit tüchtigen Schlägen erhob sich das Weibchen in die Lüfte und machte sich auf die Suche nach Beute.
Schnell kam der Fuchs heraus und fraß das Kaninchen. Dann blickte er auf die Brut. „Eure Mutter sollte besser lernen, dass der Fuchs klüger ist!“
„Frisst du uns jetzt?“, fragten die zwei Adlerjungen.
„Aber nein!“, versicherte der Fuchs großmütig. „Zwei Hasen an einem Tag reichen mir. Aber ihr passt besser auf, dass ihr nicht eines Tages einem Fuchs das Essen stehlt!“
Der Fuchs blickte in den Himmel und sah, wie das Adlerweibchen gerade den Hasen auf die Felsen legte. Hurtig sprang er die Felsen hinunter und freute sich über die leckere Beute. Oben am Himmel aber schwebte das Adlerweibchen. Und immer, wenn der Fuchs Hunger hatte, brachte sie auch ihm von der Beute. Der Fuchs lachte, denn seine Großzügigkeit wurde gut belohnt!
Der Medizinmann hatte Wambli-luta sein Ohr zugewandt, als er dessen Erzählung lauschte, dann hatte er die Augen zusammengekniffen und über die Bedeutung des Traumes nachgedacht. Nach einer Weile hatte er eine Eingebung gehabt. „Ich denke, dass der Fuchs dein Schutzgeist ist. Er ist schlau und mutig! Aber du musst so sein wie er! Du musst großzügig sein, dann wird dich der Fuchs beschützen!“
„Und der Adler?“
Der Medizinmann wackelte mit dem Kopf hin und her. „Ich glaube, dass die Jungen in diesem Traum wichtiger sind. Kinder sind ‚wakan‘ … etwas Heiliges. Das gilt vielleicht auch für Tiere. Du solltest keine jungen Tiere töten.“
„Auch keine Bisonkälber?“, wunderte sich Wambli-luta. Bisonkälber waren eine Delikatesse.
„Nein!“ Die Stimme des Medizinmannes wurde ungewohnt scharf.
Wambli-luta hatte sich diese Worte gemerkt und sich seither an die Warnung gehalten. So einige Hirschkälber und Bisonkälber waren auf diese Weise schon seinen Pfeilen entgangen. Auch eine Schwarzbärenmutter mit ihren Jungen hatte er ziehen lassen. Es gab anderes Wild, das er jagen konnte. Irgendwie passte es zu seinem Traum, dass die Tokala ihn in ihren Bund aufgenommen hatten. Sie kannten seine Vision! Er trug das Fuchsfell, und als Visionstier schützte ihn der Geist des Fuchses. Das war starke Medizin!
Yellowstone
Frühjahr 1809 am Yellowstone-Fluss
Pierre DuMont schob gerade Wache, als gegen Mittag ein Reiter mit zwei Packpferden im Schlepptau auftauchte. Er gab ein Signal, um die anderen zu informieren, und öffnete das Tor, als er den Reiter erkannte: John Colter, dieser lebensmüde Entdecker, kehrte endlich zurück! Auch er war als erfahrener „Guide“ angeworben worden und hatte den Auftrag erhalten, die hiesigen Stämme aufzusuchen und zum Handeln einzuladen.
„Allors!“, grüßte Pierre überschwänglich. „Wo hast du denn gesteckt?“
Colter ließ die Zügel fallen, mit denen er die Packpferde gezogen hatte, und ließ sich aus dem Sattel plumpsen. „Puh! Lange Geschichte! Lass mich erst einmal absatteln!“
Er grinste schief, als die anderen Männer hinzutraten und ihn begrüßten. „Na, Jungs! Alles klar?“
Menard schlug Colter mit seiner Pranke auf die Schulter, sodass der Trapper fast in die Knie ging. „Willkommen, du Halunke. Hier ist gar nichts klar. Hatten andauernd Ärger mit den Blackfeet. Zwei von uns wurden von denen abgemurkst, als sie nach ihren Fallen sehen wollten.“
„Scheiße! Das tut mir leid!“ Colter verging das Grinsen. „Wer?“
„Huey und Jordan. Sie haben es nicht geschafft. Haben sich gewehrt, so gut es ging. Aber wir fanden nur noch ihre Leichen … übel zugerichtet.“
Colter kniff die Lippen zusammen. Er nahm seine Mütze ab und senkte traurig den Blick. Dann raffte er sich zusammen. „Helft ihr mir beim Abladen?“
„Mais oui!“, grunzte Pierre. „Was hast du mitgebracht?“
Colter machte eine vage Handbewegung. „Ach, ein paar Felle. Ich habe mit den Stämmen in den Bergen getauscht. Der Schnee schmilzt, und ich wollte her, ehe es zu sumpfig wird. In den nächsten Tagen werden wohl die Apsalooke, also diese Crow-Indianer, zum Handeln kommen.“
„Wir hatten hier schon viele Apsalooke. Sie sind gute Geschäftspartner und nicht so blutrünstig wie die Pekuni.“
„Ich habe ihre Dörfer in den Bergen gefunden. Ihr Häuptling hat gesagt, dass sie zum Handeln kommen würden.“
Menard nickte zufrieden. „Dann wird es doch noch ein gutes Geschäft!“
Die Männer packten mit an und brachten die Bündel in einer Hütte unter. Kurze Zeit später saßen sie im großen Handelsraum und lauschten den Erzählungen des Trappers. Colter war für seine Lügengeschichten bekannt – er hatte vor zwei Wintern eine monatelange Exkursion in die Berge gemacht und kam mit den tollsten Geschichten zurück. Er hatte sogar Geysire und warme Quellen entdeckt und sprach von einem Gebiet mit Vulkanen. Die Männer wollten ihm das einfach nicht glauben und nannten es „Colters Hölle“. Der Trapper war bereits bei der Expedition von Lewis und Clark als Soldat dabeigewesen und hatte anschließend um seinen Abschied gebeten, um als Fallensteller an den Yellowstone zurückzukehren. Seine Kenntnisse waren überaus wertvoll für alle weiteren Expeditionen. Er kannte die besten Jagdgründe und die geeigneten Orte für mögliche Handelsposten. Auch Manuel Lisa setzte auf ihn und hatte ihn mit dem Aufsuchen der Stämme beauftragt, was manchmal nicht so friedlich verlief.
„Hattest du sonst noch Begegnungen mit Indianern?“, erkundigte sich Menard mit einem Stirnrunzeln.
„Jede Menge! Ich war mit den Apsalooke, aber auch mit den Flathead unterwegs, die uns sehr gewogen sind. Sie erhoffen sich natürlich, dass wir mit ihnen auch Waffen tauschen. Die Blackfeet setzen denen ganz schön zu!“
Menard grunzte. „Uns auch!“
„Habe ich schon gehört!“ Colter zuckte traurig mit den Schultern. „Ich war dabei, als Hunderte von Blackfeet gegen Apsalooke und Flathead gezogen sind. Und ich mittendrin. Jetzt glauben sie natürlich, dass wir mit den Apsalooke und Flathead verbündet sind … das ist Mist! Aber ich konnte es nicht ändern.“
„Deswegen haben sie vermutlich unser Fort angegriffen!“, vermutete Menard unglücklich. „Den Handel mit den Pekuni-Blackfeet können wir vergessen.“
Colter nickte. „Wobei sie grundsätzlich nicht wollen, dass wir in ihren Jagdgründen jagen! Habe ich am eigenen Leib erfahren!“ Er verstummte, als er sich an den Herbst erinnerte, in dem sein Freund Potts umgekommen war und er selbst nur knapp diesen Indianern entkommen war. Halbnackt, nur mit einer Decke bekleidet, hatte er sich 500 Kilometer durch feindliches Gebiet geschleppt, eher er wieder hier im Fort eingetroffen war. Die Blackfeet hatten ihn erwischt und um sein Leben rennen lassen. Sein Freund hatte nicht so viel Glück gehabt. Er hatte sich geweigert, das Kanu an Land zu setzen, und stattdessen einen Blackfoot getötet. Daraufhin hatten sie ihn an Land gezerrt und zerstückelt. Colter hatte es nur geschafft, weil er sich in der Nacht in einen Biberbau versteckt hatte und am nächsten Tag in die Berge geflohen war. Niemand glaubte ihm die Geschichte, denn sie klang genauso abenteuerlich wie die Beschreibungen von Geysiren und Vulkanen.
„Hast du deine Fallen wiedergefunden?“, fragte Pierre neugierig. Colter hatte sie im Herbst einfach versenkt, als die Blackfeet ihn angegriffen hatten.
Colter schüttelte den Kopf. „Nein! Sie haben mich fast erwischt, als ich sie bergen wollte. Bin denen wieder nur mit knapper Not entkommen!“
„Aha, war wieder der ganze Stamm hinter dir her?“ In Pierres Stimme lag ein Hauch von Unglauben.
„Sozusagen!“ Colter zuckte mit den Schultern. Jedermann konnte glauben, was ihm beliebte. „Im Winter sollten wir den Yellowstone entlang in die Berge. Dort liegt das wahre Geld! Biber, so viele, dass ihr euch das gar nicht vorstellen könnt!“
Einige Männer murmelten zustimmend. Selbst, wenn sie einige Geschichten nicht ganz glauben konnten, wussten sie, dass Colter ein guter Trapper war. Der Koch legte sein runzliges Gesicht in noch mehr Runzeln, als er Colter ein wenig neckte. „Na, hast du wieder in deinen warmen Quellen gebadet?“
Colter grinste breit und nahm erst einmal einen Schluck Tee. Whiskey wäre ihm lieber gewesen, aber der war leider aus. Es wurde Zeit, dass der Nachschub eintraf. „Klar!“, bestätigte er.
„Klar! Ich habe mir die Knochen gewärmt. Ich sage euch: Nichts ist besser als ein heißes Bad!“
Die Männer grölten vor Unglauben und forderten ihn auf, noch mehr solcher Geschichten zu erzählen. „Hast du auch Zwerge und Drachen gesehen?“
Colter drohte ihnen mit erhobenem Zeigefinger. „Lacht ihr nur! Ich habe tatsächlich Spuren eines Wilden Mannes gesehen! Eines übergroßen Menschen! Die Indianer erzählen, dass er völlig behaart ist, aber ansonsten wie ein riesiger Mensch aussieht.“ Er zeigte mit den Händen an, wie groß die Spuren waren, die er angeblich gesehen hatte. „So groß waren die Fußabdrücke!“
Die Männer schüttelten die Köpfe über so viel Unsinn. Doch Colter verteidigte seine Behauptung. „Doch! Ich habe sie wirklich gesehen! Sie kamen aus dem Wald, und ich verfolgte die Spur eine Weile, bis ich sie an einer Steilwand wieder verloren habe. Es waren riesige Abdrücke eines Fußes.“
„So ein Blödsinn! Das war sicherlich ein Grizzly!“, wandte Pierre ein.
Colter maß ihn mit einem festen Blick. „Ich kann ganz sicher eine Grizzlyspur von einer anderen Spur unterscheiden, mon ami! Es war eher ein Abdruck eines großen breiten Fußes.“
„Ein Affe?“, überlegte Menard. „Aber ich habe noch nie gehört, dass es hier Affen gibt.“
Die wenigsten hatten je einen Affen gesehen, und so zuckten sie verständnislos mit den Schultern.
Colter riss verblüfft die Augen auf. „Könnte sein. Sah tatsächlich so aus wie ein großer Fuß.“ Er wirkte todernst, fiel dann aber in das Gelächter der anderen ein. „Wirklich! Die Indianer in den Bergen erzählen viele solcher Legenden!“, gab er schließlich zu. „Ich habe Gegenden gesehen, die könnt ihr euch überhaupt nicht vorstellen. Und ich habe Täler voller Biber und anderem Wild gefunden. Da gibt es viel mehr zu holen als hier.“
Das glaubten die Trapper sofort. Trotzdem wackelten sie nachdenklich mit ihren Köpfen.
Einige Tage später wurden endlich die langersehnten Kielboote und einige Barkassen von Manuel Lisa gesichtet. Insgesamt erschienen nacheinander sieben Boote mit Besatzung. Grüßend und jubelnd liefen die Männer ans Ufer des Bighorn und schwenkten ihre Mützen. Schnell wurden Planken gelegt, an denen die Ankömmlinge trockenen Fußes an Land gehen konnten. Zu ihrer Überraschung war nicht nur Manuel Lisa selbst mit seiner Mannschaft an Bord, sondern weitere bekannte Persönlichkeiten, die sich zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen hatten: Benito Vazquez, Manuel Lisa und andere hatten die Missouri-Fur-Company gegründet. In Abwesenheit war auch „Colonel Menard“ als Teilhaber eingetragen worden. Sie hatten die Lizenz zum Handel mit den Indianern erhalten und sollten am Oberen Missouri Handelsposten, sogenannte Factories, errichten. Die Strategie war neu: Indem man Handelsposten errichtete, sollten die Indianer gezwungen werden, nur dort Handel zu treiben – und dies zu festgesetzten Preisen. Der Plan sah vor, die Wilden zu zivilisieren, an feste Wohnorte zu binden und so das Land freizubekommen für die Besiedelung. Das war anders als unter spanischer oder französischer Herrschaft, die die Eingeborenen als souveräne Nationen ansahen und lediglich Handel mit ihnen treiben wollten. Zudem waren in dieser Gegend schon seit hundert Jahren französische, spanische und britische Trapper und Händler unterwegs, die nicht einsahen, dass es nun illegal war, auf eigene Faust Fallen aufzustellen oder zu handeln. Wichtigster Teilhaber war wahrscheinlich William Clark, der von St. Louis aus die Geschäfte organisieren sollte. Nach der berühmten „Lewis & Clark“ Expedition galt es nun, das neu gewonnene Land zu erkunden und zu besiedeln.
Die Ankömmlinge grüßten Menard und gaben dann Befehl, die Boote zu vertäuen und Wachen aufzustellen. Im Nu schwärmten über 300 Männer in Richtung des Forts aus, und der sonst so ruhige Ort verwandelte sich in einen Bienenschwarm. Hütten wurden bezogen, Feuerholz herangeschleppt, Bündel von den Booten geholt – und überall erschallte Gelächter, wenn alte Freunde sich begrüßten.
Am Abend saßen Vazquez und Lisa im Handelsraum und ließen sich von Menard und Colter einen Überblick geben. Sie wurden nachdenklich, als ihnen klar wurde, dass die Lage des Forts vielleicht nicht die günstigste war.
„Glaubt ihr, dass die Blackfeet wieder angreifen werden?“, erkundigte sich Lisa. Er war ein Diplomat und Forscher, der stets versuchte, gute Beziehungen zu den Stämmen zu unterhalten. Er war an die vierzig Jahre alt und wirkte auch hier in der Wildnis sehr gepflegt. Er trug einen warmen Gehrock mit elegantem Schal, knappe Hosen und elegante hohe Stiefel. Seine braunen Augen waren warm und strahlten Intelligenz aus. Er war spanischer Herkunft und hatte damit eine dunklere Gesichtsfärbung.
„Nur eine Frage der Zeit!“, bestätigte Colter. „Und die sind nicht zimperlich!“
Lisa kniff besorgt die Lippen zusammen. Seine hohe Stirn legte sich in Falten, und er musterte Colter mit einem tiefen Blick. „Du sprichst ja aus reiflicher Erfahrung!“
Colter zuckte mit den Schultern. „Ich hatte mehrere Zwischenfälle mit diesen Teufeln. Potts wurde von denen zerstückelt! … Habe es mit eigenen Augen gesehen!“
„Ja, weil er geschossen hat!“ Ein leichter Vorwurf war in der Stimme von Lisa zu hören. Wie sollte man friedlichen Handel etablieren, wenn es zu solch dummen Zwischenfällen kam?
Colter hatte das Bedürfnis, seinen Freund zu verteidigen. „Potts wollte sich halt nicht ergeben. Er hat denen einfach nicht vertraut. Sir, die wollen einfach nicht, dass wir in ihrem Gebiet jagen. So ist das!“
„Hmh!“ Lisa runzelte immer noch die Stirn. „Wie dem auch sei. Damit ist die ganze Operation hier gefährdet.“
Colter stemmte die Hände in die Hüften, und seine Stimme wurde bissig. „Das war sie schon, als die Apsalooke sich mit den Blackfeet geprügelt hatten. Da konnten wir auch nichts dafür. Wir wurden hier einfach in die Kriegshandlungen zwischen zwei Stämmen hineingezogen.“
Manuel Lisa wechselte einen Blick mit Vasquez und sah dann auf die umstehenden Trapper. „Und was meint ihr?“
Es war Pierre, der sich zu Wort meldete. „Ich hatte auch eine reichlich gefährliche Begegnung mit diesen Injuns. Mein Skalp juckt immer noch! Ich habe keine Lust, mich hier abmurksen zu lassen. Dieses Fort ist im nächsten Winter nicht zu halten, wenn wir nicht wenigstens hundert Männer haben. Colter sagt ja, dass über 100 Blackfeet gegen die Apsalooke gezogen sind. Stellt euch mal vor, die tauchen hier auf! Dann sind wir Fischfutter.“
Colonel Menard brachte es auf den Punkt: „Warum handeln wir nicht mit Stämmen, die uns gewogen sind? Die Hidatsa und Mandan sind doch sehr freundlich.“
„Auf der Herfahrt haben wir dort mehrere Tage Rast gemacht“, erzählte Vazquez in seinem lustigen Gemisch aus Englisch und Spanisch. Er war bestimmt dreißig Jahre älter als Lisa, trotzdem hatte ihn das Leben als Abenteurer und Trapper gestählt. „Der ganze Handel wird mal über den Oberen Missouri laufen. Da macht es Sinn, dort eine feste Handelsstation aufzubauen.“
Auch Manuel Lisa stimmte dem zu. „Für das Territorium ist es von Vorteil, wenn wir an den Hauptströmen unsere Forts haben. Was nützt uns der Yellowstone, wenn noch nicht einmal der Missouri gesichert ist. Ein Schritt nach dem anderen. Ich meine … wir sollten den Posten mit entsprechender Besatzung ausstatten und uns gleichzeitig nach anderen Möglichkeiten umsehen. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass der Gewinn erst in St. Louis erzielt wird.“
„Und Gewinn nützt niemandem etwas, wenn der Skalp am Gürtel eines Indianers hängt“, fügte Menard grimmig hinzu.
Pierre konnte dem nur beipflichten. „Ich habe nach der Auseinandersetzung mit den Pekuni die Nase voll. Ich suche mir ein hübsches Indianermädchen, befreunde mich mit einem friedlichen Stamm und stelle dort meine Fallen auf!“
Colter rümpfte etwas die Nase. „Warum kommst du nicht mit mir den Yellowstone aufwärts? Nach zwei Wintern hast du genug, um dich zur Ruhe zu setzen!“
Pierre legte den Kopf schief. „Vielleicht tue ich das. Aber zuerst will ich hören, was die Bosse entscheiden. Schließlich habe ich mit denen einen Vertrag.“
Ein Murmeln antwortete ihm auf diese Feststellung. So ein Unterfangen war immer besser zu realisieren, wenn man aus einer Position der Stärke heraus handelte. Im Winter waren sie geschwächt gewesen. Niemand hatte Lust, noch einmal so einen Winter zu erleben.
Die nächsten Tage blieben friedlich. Eine große Abordnung Apsalooke kam zum Fort, und der Handelsraum war gut besucht. Immer einer der Teilhaber sowie ein Dolmetscher und zwei Wachleute saßen Häuptlingen und Kriegern gegenüber, rauchten die Pfeife und ließen sich die Pelze zeigen, die von den Indianern gebracht wurden. Wolldecken, eiserne Pfannen und Töpfe, Messer, Pfeilspitzen, Stoffe, Spiegel und Perlen wurden im Tausch über den Tresen gereicht. Am interessiertesten waren die Indianer an Waffen, doch Lisa hielt nicht viel davon, die Indianer mit Waffen auszurüsten. Auch den Handel mit Alkohol lehnte er strikt ab. Seine Partner sahen das nicht so streng, hielten sich aber an diese Anweisung. Einmal ließ Lisa einen Mann mit zwanzig Peitschenhieben bestrafen, der eine Flasche Rum gegen ein paar Pelze getauscht hatte. Die Männer standen in seinem Sold, und ein Missachten seiner Anweisungen wurde hart geahndet.
Lisa und Vazquez machten sich die Entscheidung nicht leicht, aber als sie es dann taten, dann mit aller Konsequenz: Ein Großteil der Ausrüstung des Forts, samt Öfen und Inventar, sofern man es zerlegen konnte, wurden auf die Boote verladen. Vor allen Dingen die Felle und Pelze, aber auch persönliches Eigentum wurden in Bündel gepackt und über die Planken auf die Boote transportiert. Zum Schluss blieben nur ein paar Hütten und die Palisaden des Forts stehen. Menard blieb als Kommandant, als „Clerk“, mit gut vierzig Mann zurück, die das Fort über den Winter halten wollten, um weiter mit den Apsalooke zu tauschen. Eine Saison wollten sie es noch versuchen. Sie erhielten Tauschgüter und jede Menge Munition, außerdem einen großen Vorrat an Mehl, Kaffee und Rum. Colter dagegen stieg auf eines der Boote, um dann im Winter mit neuen Trappern zurückzukehren. Er hatte vor, in der Gegend der Three Forks einen Posten zu bauen. Er hoffte, dass ihnen dort die Blackfeet nicht so zusetzen würden.
Als die Boote schließlich ablegten, klangen Abschiedsrufe und gute Wünsche über das Wasser. „Macht es gut, ihr Halunken!“, schrie Colter mit überschnappender Stimme zum Ufer zurück.
„Pass auf dich auf, du Tausendsassa! Und grüße irgendwann mal deine heißen Quellen von uns!“
„Bla, bla!“, kam es zurück. „Irgendwann zeige ich sie dir! Und dann baden wir gemeinsam – damit du nicht mehr so stinkst, mon ami! Im Winter nehme ich dich dorthin mit!“
Menard stand am Ufer und lachte nur. Herausfordernd schwenkte er seine Mütze. „Kein Wunder, dass dich die Blackfeet nicht gefunden haben. Wahrscheinlich hast du genauso gestunken wie diese Biber, in deren Bau du dich verkrochen hast!“
„Genau!“
Die Stimmen am Ufer wurden leiser, als die Boote an Fahrt zulegten. Pierre wandte den Blick nach vorne und atmete tief ein. Hier auf dem Boot fühlte er sich halbwegs sicher. Die zwanzig Mann Besatzung waren eine gute Lebensversicherung. Er wusste noch nicht, ob er je hierher zurückkehrte. Der Angriff der Blackfeet steckte ihm noch in den Knochen. Irgendwie bewunderte er Colter, der nach all diesen überstandenen Gefahren immer noch den Mut hatte, im Winter wieder in die Wildnis zu gehen und dort seine Fallen aufzustellen. Ob er wohl vorhatte, an den Fluss zurückzukehren, in dem seine Biberfallen lagen? Colter hatte zwar neue Fallen erhalten, aber Pierre wusste, dass es den Trapper in der Ehre kränkte, sie den Blackfeet überlassen zu haben. „Wenn du im Winter wieder nach Westen ziehst, holst du dann vorher deine Fallen?“, fragte er.
Colter zuckte mit den Schultern. „Ich habe es schon vor … weiß aber nicht, ob es durchführbar ist. Ich heuere erst einmal im Auftrag der Company neue Männer an, und dann ziehe ich den Yellowstone wieder hinauf. Ich will reich werden, aber nicht unbedingt mein Leben verlieren. Kalkuliertes Risiko!“
Pierre schmunzelte. „Kalkuliertes Risiko?“
„Ja … die Blackfeet sind im Winter eher faul. Wenn wir es bis zu den Three Forks schaffen, können wir dort erst einmal in Ruhe jagen. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, hole ich mir meine Fallen … wenn nicht … dann halt nicht. Fallen kann man ersetzen … das Leben hat man nur einmal.“
Pierre konnte dem nur zustimmen. Fürs Erste kümmerte er sich um den Proviant für das neue Fort. Dann würde er weitersehen.
Pierre war immer noch ein Engagé von Manuel Lisa. Er überlegte sich, ob er in Zukunft mit der neuen Company arbeiten würde. Wenn sie ihn für den Yellowstone anheuern wollten, dann würde er es sich überlegen. Jetzt freute er sich erst einmal auf eine friedliche Passage. Manuel Lisa hatte ihn zum „Kapitän“ eines der Kielboote ernannt, eine reichlich hochtrabende Bezeichnung, und Pierre dankte es ihm mit Zuverlässigkeit und Treue. Er hatte schon auf der Herfahrt ein Boot befehligt und ohne Zwischenfälle den Missouri und Yellowstone stromaufwärts manövriert. Seine Männer legten sich in die Riemen, wenn er es verlangte, stakten das Boot mit langen Stangen vorwärts oder hissten das Segel, wenn der Wind günstig stand. Es ging flussabwärts, sodass sie gut vorankamen, obwohl sie bei jeder Biegung das Ufer wechseln mussten, um eine optimale Linie zu fahren. Die Männer gingen zu beiden Seiten des Aufbaus den schmalen Laufgang entlang und stießen das Boot mit den Stangen voran oder zogen es an Seilen vorwärts, indem sie am Ufer oder manchmal sogar im Fluss vorausgingen. Sie wurden für die harte Arbeit schlecht bezahlt: 100 Dollar im Jahr, eine Decke, zwei Hemden, ein Paar Stiefel und freies Essen. Pierre war besser gestellt, denn als Guide erhielt er fast das Dreifache.
Drei Tage später mussten die Männer eine unerwartete Pause einlegen. Der Yellowstone floss hier zwischen gelben Sandbänken und Felsen hindurch und hatte eine ziemliche Strömung. Nach der Schneeschmelze hatte der Fluss ohnehin Hochwasser, und immer wieder mussten die Männer mit langen Stangen verhindern, dass sich Treibholz an den Booten verkeilte. „Baum voraus!“, hieß es dann. Dieses Mal kam die Unbill der Natur in Form eines heftigen Eissturms. „Amselsturm“ wurde das Phänomen genannt, wenn es im späten Frühjahr noch einmal einen Kälteeinbruch gab. Schnee und Hagel prasselten auf die Männer nieder, sodass das Rudern oder Segeln der Kielboote nicht mehr möglich war. Innerhalb kürzester Zeit waren die Planken völlig vereist, sodass die Anführer Befehl gaben, den Schutz des Ufers zu suchen. Das war nicht leicht, denn die Strömung verhinderte, dass die Männer an Land gehen konnten. „Wo denn?“, schrie Pierre in den Sturm. Seine Finger brannten von der Kälte, und er hatte Angst, dass seine Hände am Ruder festfroren. „Merde!“, gebrauchte er sein Lieblingswort. Das Ufer trieb an ihm vorbei, und er konnte keinen Platz zum Landen entdecken. Arnel stand an seiner Seite und suchte ebenfalls das Ufer nach einer Stelle zum Anlegen ab. Er hatte sich ein Tuch um das Gesicht gebunden, sodass nur noch seine braunen Augen hervorschauten. Er schien nicht aufgeregt zu sein, sondern reagierte ruhig auf die Gefahr des Sturms. „Wir müssen an Land!“, sagte er ernst.
„Versuche ich doch, du Idiot!“, schrie Pierre in den Sturm.
Den anderen Booten erging es ebenso. Der Eisregen klatschte den Männern ins Gesicht und durchweichte ihre Kleidung. Pierres Wangen brannten, und er wünschte sich an ein warmes Feuer. Dunkle Wolken hatten das schlechte Wetter angekündigt, aber ein Regenschauer war noch lange kein Grund, die Fahrt zu unterbrechen. Dass daraus ein Hagelsturm wurde, hatte niemand geahnt. Die Ladung war sicher untergebracht, aber die Männer waren dem Sturm schutzlos ausgeliefert. Ihre Wangen gefroren, und das Eis setzte sich an den Augenlidern und Augenbrauen fest, sodass sie fast nichts mehr sehen konnten. Sie mussten hier raus!
Pierre übergab das Ruder an Arnel, lief rutschend an den Bug des Bootes und beobachtete erschrocken, wie eines der Boote plötzlich quer zur Strömung trieb. „Aufpassen!“, schrie er aus Leibeskräften.
Die Männer versuchten, mit langen Stangen die kleinere Barkasse wieder in die Strömung zu bekommen, doch es war schon zu spät. Mehrere Baumstämme trieben gegen die Wand, wurden aus den Fluten gerissen und kippten mit ihrer Kraft das Boot um. Schreiend fielen die Männer in die Fluten und ruderten mit ihren Armen.
Die Ladung rutschte ins Wasser, und die Barkasse begann sich im Kreis zu drehen. Es wurde nun für alle anderen Boote zur Gefahr. Pierre wollte den Männern zu Hilfe kommen, doch er hatte alle Hände voll zu tun, sein eigenes Boot in der Strömung zu halten. „Ausweichen!“, brüllte er, als er sah, dass sie auf das gekenterte Boot zutrieben. „Pass doch auf, Arnel!“
Mit einer langen Stange drückte er sich von dem Wrack weg und hielt dann die Luft an, als sie an dem Boot entlangglitten. Es knirschte und knarzte, als Holz an Holz vorbeischrammte. Seine Männer zogen rechtzeitig die Ruder ein und drückten damit das andere Boot von ihrer Wand weg. Dann waren sie vorbei und kämpften erneut gegen den Hagel und die reißende Strömung. „Aufpassen, Jungs … mehr nach links halten!“
Dann umrundeten sie eine Biegung, und Pierre entdeckte eine kleine Abzweigung, die wahrscheinlich ruhigeres Wasser führte. „Haltet darauf zu!“, brüllte er aus Leibeskräften. Er rannte nach hinten, schob Arnel zur Seite und steuerte nun selbst mit dem Ruder auf die Abzweigung zu. „Treibt das Schiff darauf zu!“, befahl er seinen Männern. „Staken! Schiebt diese Mistfähre da rüber!“
Dann winkte er dem Boot, das kurz hinter ihm war, ebenfalls zu. „Hierher! Hierher! Hier ist eine Abzweigung!“
Mit letzter Kraft schafften es seine Männer, das Boot in das ruhigere Wasser des Seitenarms zu staken. Schwer atmend sah Pierre sich um und registrierte, dass auch andere Boote seinem Ruf folgten. Nur das gekenterte Boot trieb weiter in der Strömung und verschwand aus seinem Sichtfeld. „Merde!“, murmelte er vor sich hin. Die Ladung war verloren! Hoffentlich hatten sich die Männer retten können!
Er ließ das Schiff am Ufer auflaufen und beobachtete, wie zwei Männer mit Tauen an Land sprangen und das Boot an zwei Bäumen sicherten. Es war eine Notlösung, denn es würde dauern, das Boot wieder freizubekommen. Inzwischen war er völlig durchnässt, und seine Zähne klapperten vor Kälte. Sie brauchten einen Unterstand und trockene Kleidung! Zwei Männer, die sich von dem gekenterten Boot hatten retten können, stiegen aus dem Wasser. Auch sie mussten sich dringend aufwärmen.
Erbarmungslos peitschte der Sturm auf die Männer ein, während ein Boot nach dem anderen in das seichtere Wasser fuhr und nach einem Anlegeplatz suchte. Kommandos wurden gebrüllt, nach Vermissten gesucht – und hier und da erklang der Ruf, dass ein Schiffbrüchiger gerettet worden sei. Aber wie sollte man über hundert Leute trocken bekommen? Der Laderaum war voll, und am Ufer standen keine Unterkünfte bereit. Die Bewegungen wurden bei dieser Kälte langsam und unkontrolliert.
„Ladet die Kisten ab!“, befahl Pierre mit ruhiger Stimme. „Macht ein bisschen Platz, und dann setzt euch in den Laderaum. Zieht die nassen Sachen aus und nehmt euch Wolldecken zum Aufwärmen.“ Pierre ging davon aus, dass die Mannschaften der anderen Boote es genauso machen würden. „Danke, Kapitän!“, murmelte einer der Männer. Auch er schlotterte vor Kälte. „Was Heißes zum Trinken wäre jetzt gut.“
„Wir warten, bis sich der Sturm gelegt hat. Dann machen wir Feuer!“, versprach Pierre. „Erst einmal müssen wir aus unseren nassen Klamotten raus.“
„Aye, Sir!“
Eilig luden die Männer ein paar Kisten aus und setzten sie auf den sandigen Strand. So entstand zumindest für die Besatzung genug Unterschlupf vor der Nässe. Kurz darauf saßen die Männer frierend im Laderaum und wickelten sich in die warmen Decken. Draußen tobte der Wind, und der Hagel verwandelte sich langsam in einen Regenschauer. Dicke Tropfen prasselten auf das Holz der Planken und auf das Dach des Laderaums. „Hört bald auf!“, brummte einer der Männer.
„Hoffentlich! Ich möchte wissen, welcher Schaden entstanden ist. Hoffentlich sind nicht noch mehr Boote gekentert.“ Pierre stieß ein Seufzen aus.
„Ich hoffe, dass keine Blackfeet in der Nähe sind. Wir liegen hier auf der Seite wie lahme Enten. Da wären wir leichte Beute!“ Es war Colter, der sofort ihre Verwundbarkeit festgestellt hatte.
Pierres Lippen wurden zu einem Strich. Da hatte der Mann nur allzu recht! „Rede das Unheil nicht herbei!“, schimpfte er leise.
Es wurde still, denn alle waren abergläubisch, und so bedachten sie Colter, der die unbedachte Äußerung gemacht hatte, mit bösen Blicken. „Ich will nur überleben!“, verteidigte sich der.
Am Abend ließ der Sturm endlich nach, und die Männer verließen die Boote und bauten ein provisorisches Lager auf. Sie fällten einige Stämme und bauten aus Leinenplanen einfache Lodges. Der Boden war nass, und so legten sie ihn mit Fichtenzweigen aus. Darauf kamen dann Felle und Decken. Feuer wurden entzündet und die feuchte Kleidung zum Trocknen aufgehängt. Lisa ließ die einzelnen Boote überprüfen und schickte einige Männer, die nach Überlebenden des gekenterten Bootes suchen sollten. Fünf Männer hatten sich auf verschiedene Boote retten können, doch zwölf Männer wurden noch vermisst. Wenn überhaupt, hatten sie sich am Hauptarm des Yellowstone ans Ufer retten können. Also machte es Sinn, dort mit der Suche anzufangen. Mit Decken bewaffnet machten sich einige Trapper auf den Weg, allerdings ohne große Hoffnung. Das Wasser war eisig kalt, und bereits nach wenigen Minuten wäre das Schwimmen unmöglich geworden.
Pierre blieb am warmen Feuer und sorgte dafür, dass seine Männer eine warme Suppe aus Mais, Fleisch und Zwiebeln erhielten. Dann setzte er sich zu den Anführern der Expedition, die mit ernsten Mienen über ihre Situation berieten. Lisa sah auf, als Pierre hinzutrat. „Gut, dass Sie den Seitenarm gesehen haben! Sonst hätten wir vielleicht noch mehr Menschen und Ladung verloren.“
Pierre nickte nur und wartete dann ab, was Lisa und die anderen entscheiden würden. Vazquez wedelte ungeduldig mit der Hand. „Die Feuer sind gut zu sehen! Wir müssen unbedingt Wachen aufstellen! Außerdem sollte jede Mannschaft in der Nähe ihres Bootes bleiben – für den Fall, dass wir angegriffen werden. Im Moment wären wir leichte Beute.“
„Die Feuer brauchen wir aber, um uns aufzuwärmen!“, wandte Manuel Lisa ein. „Ich gehe rum und sag den Jungs Bescheid, dass sie aufpassen sollen! Bei dem Scheißwetter werden sich auch die Indianer hier nicht herumtreiben. Die sind ja nicht lebensmüde.“
Vasquez nickte. „Und morgen sehen wir nach, ob wir stromabwärts etwas von der verlorengegangenen Ladung bergen können. Hoffentlich findet der Suchtrupp noch Überlebende.“ Seine Augen blickten sorgenvoll in die Runde.
„So ein Sauwetter!“, brachte es Pierre auf den Punkt.
„War so nicht vorhersehbar“, meinte Vasquez auf seine ruhige Art. Er lebte lange genug in der Wildnis, um solche Zeichen zu deuten, aber manchmal wurde auch er von den Wetterkapriolen überrascht. „Kam wohl von den Bergen runter. Dabei hätten mich meine Narben eigentlich vor dem kalten Wetter warnen müssen. Sie jucken sonst immer, wenn Schnee kommt.“
Lisa lächelte kurz und wurde dann wieder ernst. Er hatte lange genug Expeditionen geleitet, um sich durch einen späten Wintereinbruch aus dem Konzept bringen zu lassen. „Wir warten ab, wie es morgen wird und setzen dann unsere Fahrt fort!“, sagte er leidenschaftslos. „Ich will den Missouri erreichen und die Blackfeet hinter uns lassen.“
Pierre legte leicht den Kopf schief. „… glaube nicht, dass wir da in Sicherheit sind. Da müssen wir schon noch ein paar Meilen mehr zurücklegen.“
Manuel Lisa gab ihm grinsend recht. „Das meine ich auch! Ich dachte an die Mandan! Dort haben wir schon mehrfach Rast gemacht. Sie mögen unsere Handelswaren und sind treue Freunde. Wahrscheinlich wäre es gut, dort einen Handelsposten zu eröffnen.“
Vasquez nickte beipflichtend. „Ich dachte eigentlich an eine Stelle, wo der Yellowstone in den Missouri mündet. Dort wäre es günstig, ein Fort zu bauen. Aber wahrscheinlich hast du recht, dass dies noch zu nahe bei den Blackfeet ist. Weiter stromabwärts gibt es viele Möglichkeiten. Die Hidatsa, Mandan, selbst die Arikara und Pawnee, wollen den friedlichen Handel mit uns. Versuchen wir es erst einmal dort!“
„Sheheke shote, ein Häuptling der Mandan, ist sogar bis nach Washington gereist, um den Präsidenten zu treffen. Er hilft uns bestimmt.“
„Ach, wahrscheinlich sind die anderen Häuptlinge eher eifersüchtig auf ihn. Darauf würde ich mich nicht verlassen“, wandte Vasquez ein.
Lisa zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen, wie viel Macht er tatsächlich hat, wenn er zurückkehrt.“
Pierre ging zu seinem Lagerplatz zurück und blickte auf die Männer, die auf einigen Kisten saßen. Sie hatten die Ladung einfach um das Feuer gestellt und freuten sich über die trockenen Sitzplätze. Grinsend setzte sich Pierre ebenfalls auf eine Kiste und ließ sich eine Schüssel von der Suppe geben. „Habt ihr auch Kaffee?“, fragte er mit einem Seufzen. Nichts half besser gegen Kälte und Gliederschmerzen als eine heiße Tasse Kaffee. „Mais oui!“, meinte einer der Voyageure und reichte ihm einen Zinnbecher mit der dampfenden Flüssigkeit. Pierre nahm einen tiefen Schluck und sah dann prüfend in den Himmel, an dem erste Sterne zu sehen waren. Es klarte also auf! Als wäre nichts gewesen, hatten sich die Wolken verzogen.
Es verging eine Weile, in der alle mit Essen beschäftigt waren oder sich um ihre Ausrüstung kümmerten. Dann brach Unruhe aus, als einige der Trapper mit Überlebenden zurückkehrten. Die Männer liefen zusammen und versammelten sich um die Geretteten. Insgesamt sechs Männer konnten sich ans Ufer retten und waren nun froh, sich an den warmen Feuern aufwärmen zu können. Hilfsbereite Hände reichten ihnen Schüsseln mit Suppe, die gierig gegessen wurde. Die Männer waren froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, und gedachten derer, die nicht so viel Glück gehabt hatten. „Vielleicht finden wir morgen noch Überlebende?“, hoffte Lisa. Jeder Verlust schwächte die Expedition.
Einer der Männer schüttelte den Kopf. „Wir haben nach ihnen gerufen, aber keine Antwort bekommen.“
„Vielleicht sind sie weiter stromabwärts an Land gegangen?“
„Dann sind sie tot. Es war viel zu kalt. Ich konnte fast nicht an Land schwimmen, so langsam wurden meine Bewegungen. Ich hätte keine Minute länger durchgehalten.“
Es wurde still nach dieser Bemerkung. Alle wussten, dass die Einschätzung wohl richtig war. „Und das Boot?“, erkundigte sich Pierre.
Einer der Männer zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Der Fluss ist ja nicht tief. Das Wrack wird schon irgendwo liegen.“
„Dann können wir vielleicht noch einen Teil der Ladung bergen!“, hoffte Lisa.
Der Mann zuckte mit den Schultern, und sein Ton wurde aggressiv. „Mich kriegst du jedenfalls nicht mehr ins Wasser!“ Leises Gelächter antwortete ihm, und niemand nahm ihm die Äußerung übel. Gebadet hatte dieser Mann jedenfalls genug.
Ree
Frühjahr und Sommer am Cannonball- und Grand-Fluss
Wambli-luta blickte auf das riesige Dorf, das sich vor ihm ausbreitete. Er kam gerade von einem Erkundungsritt zurück, und er freute sich auf seine Freunde. Hunkpapa, Sihasapa und Itazipco hatten sich für die große Sommerjagd zusammengefunden und ihre Dörfer in einigen großen Kreisen aufgeschlagen, die lose miteinander verbunden waren. In der Mitte standen die Zelte der Kriegergesellschaften, und fast jeden Abend gab es Tänze und Festessen. Ansonsten hatten die Krieger der einzelnen Gesellschaften ihre Tipis in den vier Himmelsrichtungen am Rand der Dörfer aufgestellt, um bei einem Angriff schnellstmöglich die Verteidigung zu gewährleisten. Als Akicitas waren wieder vier Krieger der Canté-tinza, der Strong-Heart Gesellschaft, gerufen worden, die nun über die Ordnung im Dorf der Hunkpapa wachten und weitere Männer ihrer Society als Helfer erwählten. Sie hatten alle Hände voll zu tun, denn einige Jungen machten in ihrem Eifer die Männergesellschaften nach und wollten nun ebenfalls die Bisons jagen. Sie hatten sich Ponys geholt, waren einer kleinen Herde gefolgt und hatten zwei Kälber isoliert, um sie mit ihren Kinderbögen zu erlegen. Die Mutterkühe fanden das wohl nicht so lustig und gingen mit gesenkten Häuptern auf die Jungen los. Die Kinder hieben den Ponys die Fersen in den Bauch, doch eine aufgebrachte Bisonkuh war mindestens so schnell wie ein Pferd, und so gerieten die Kinder in Lebensgefahr. In ihrer Angst waren sie ins Dorf zurückgeprescht – leider mit den wütenden Bisons, die ihnen folgten. Nur durch das beherzte Eingreifen einiger dieser Männer konnte das Schlimmste verhindert werden. Die Kühe wurden verjagt, doch bei ihrer Flucht warfen sie Kochgestelle und Ausrüstung um.
Ein kleines Mädchen konnte nur im letzten Augenblick vor den donnernden Hufen in Sicherheit gebracht werden. Natürlich hatten die Menschen im Dorf mit so einer Gefahr gerechnet, denn Späher überwachten die weitere Umgebung, doch dass eine wütende Bisonkuh bis ins Dorf stürmte, war eine ziemliche Überraschung. Die Eltern der Knaben gaben großzügige Geschenke an die Familien der Geschädigten. Es wäre nicht nötig gewesen, da Knaben schon früh mit der Jagd vertraut gemacht wurden. Dass es dabei zu Unfällen kommen konnte, gehörte zum Leben. Die Familien aber freuten sich über die Großzügigkeit, und so war der Vorfall schnell vergessen.
Wambli-luta überließ sein Pferd einem Knaben, der vor Stolz platzte, als er das Pferd zur Herde reiten durfte. Hungrig und müde schlüpfte der Mann in das Tipi, das in der Gruppe der Tinazipe-Sica an der dritten Stelle des Kreises stand. Es war nicht weit vom Fluss entfernt. Für die Mutter war das praktisch, denn so hatte sie es nicht weit, um Wasser zu holen. Er ließ sich auf sein Lager plumpsen und wartete höflich ab, bis die Mutter ihm etwas zum Essen reichte. Der Vater saß vermutlich wieder im Zelt der Wakincun und beriet sich mit den anderen Ältesten. Wambli-luta sah auf, als die Mutter ihn fragte, ob er Bisons gesehen hätte.
„Hiya“, verneinte er mit ruhiger Stimme. Er machte sich noch keine Sorgen, denn die Bisons würden schon kommen.
Die Mutter dagegen konnte sich noch an Zeiten erinnern, als die Jagd schlecht gewesen war und sie sogar Mais bei den Ree oder Miwatani eintauschen mussten. „Ich hoffe, sie kommen bald?“
„Wir werden sie rufen!“, erklärte Wambli-luta zuversichtlich. Er wandte sich dem Essen zu und hing seinen Gedanken nach. Seine Mutter arbeitete still vor sich hin, und er wunderte sich, wo seine Schwester steckte. „Wo ist Anpao-win?“
Er lächelte leicht, denn er vermutete, dass sie im Zelt ihrer Freundin steckte. Trotzdem kam sie langsam in das Alter, in dem junge Männer ein Auge auf sie warfen und es besser war, wenn die Mutter oder Großmutter sie stets begleitete. Als älterer Bruder wurde von ihm erwartet, dass er auf die Tugendhaftigkeit der jüngeren Schwester achtete.
„Sie ist bei Unci und hilft ihr beim Beerensammeln“, erzählte die Mutter. „Ich habe mir den Fuß verstaucht und bleibe lieber im Tipi. In ein paar Tagen wird es besser sein. Dann kann ich sie wieder begleiten.“
„Es ist gut, dass sie Großmutter hilft. Die Beeren sind reif und schmecken bestimmt lecker zum Bisonfleisch.“ Er warf einen Blick auf ihr Bein. „Was ist passiert?“
„Ach, nichts!“, wehrte sie ab. „Ich bin am Ufer ausgerutscht und habe mir am Knöchel wehgetan.“
„Er ist nicht gebrochen?“
„Nein, nein … nur ein wenig geschwollen. Ich habe einen Stock, um das Bein etwas zu entlasten. Aber am besten ist es, wenn ich still halte. Ich habe eine Salbe aus Bärenfett, mit der ich den Knöchel einreibe.“
„Das ist gut!“
Wambli-luta verließ das Tipi und schlenderte zum Versammlungszelt der Tokala-Gesellschaft. Einige Männer waren mit Vorbereitungen für den Abend beschäftigt, und er half ihnen dabei, die Regalia herzurichten. Die Tage waren bereits lang, und viele Menschen waren noch unterwegs, um Beeren zu sammeln, zu jagen oder Holz zu holen. Er horchte auf, als weitere Reiter ins Dorf zurückkehrten und sich schnell die Kunde verbreitete, dass Ree in der Nähe waren. Mato-ska-cikala berichtete, dass er einen großen Trupp gesehen hätte, der wohl ebenfalls Bisons jagen wollte. Die Häuptlinge ließen sofort durch einen Herold das Dorf warnen, und einige Männer brachen auf, um die Frauen zurückzuholen, die noch in der Umgebung unterwegs waren. Auch Wambliluta holte seine Waffen und ritt los, um nach seiner Großmutter und Schwester zu suchen. Dabei stieß er auf weitere Frauen, die bereits von der Gefahr gehört hatten und zum Dorf zurückhasteten. „Habt ihr meine Schwester und Großmutter gesehen?“, fragte er besorgt.
Eine Frau wedelte mit der Hand in die Richtung weiter stromabwärts. „Dort vorne.“
„Hohch!“ Wambli-luta holte sicherheitshalber seinen Bogen aus dem Köcher, nahm einen Pfeil in den Mund, einen zweiten in die Bogenhand und trieb sein Pony zum Galopp an. Zwischen einigen Büschen entdeckte er schließlich die beiden und brachte sein Pony mit rutschenden Hufen zum Stehen. Erschrocken blickten die beiden Frauen auf und ließen die Zweige zurückschnellen, von denen sie gerade die Beeren zupften. „Toka he?“, fragte die Großmutter. Was ist los?
„Lauft schnell ins Dorf. Späher haben Ree in der Nähe entdeckt …“ Er brach ab, als erkannte, dass es zu spät war. Durch das Tal kam bereits eine größere Gruppe der Feinde. Vielleicht hatten sie hier nicht mit einem Dorf der Tituwan gerechnet, aber drei Feinde außerhalb des Schutzes eines Dorfes vorzufinden, war immer eine gute Gelegenheit. Unvermittelt gingen die Ree zum Angriff über.
Wambli-luta zögerte keinen Augenblick. Er rutschte vom Pferderücken und befahl mit harscher Stimme, dass die beiden Frauen aufsitzen sollten. Er hob die Schwester einfach auf den Pferderücken und hielt dann die verschränkten Hände hin, damit die Großmutter hinter dem Mädchen aufsitzen konnte. Er gab dem Pferd einen Klaps und sah kurz zu, wie es in Richtung des Dorfes jagte. Entschlossen steckte er ein paar Pfeile in den Boden und wartete auf das Unausweichliche. Er wusste, dass er gegen die gut zwanzig Männer keine Chance haben würde. Aber es war sein Schicksal. Er hoffte nur, dass er die Feinde lange genug aufhalten konnte, damit seine Familie es ins Dorf zurück schaffte. Er sah, wie zwei dieser Feinde sich von der Gruppe absetzten und dem Pferd mit den beiden Frauen hinterhergaloppierten. Sie stießen Kriegsrufe aus und hatten ihre Speere erhoben, um die Frauen vom Pferd zu stoßen. Wambli-luta überblickte die Situation, legte einen Pfeil auf und schickte ihn dem ersten Mann hinterher. Der Pfeil war gut geschossen, denn er traf dem Mann in die Schulter. Durch die Wucht des Aufpralls stürzte er kopfüber vom Pferd. Er rappelte sich wieder auf, war aber kampfunfähig. Der andere stutzte kurz und wandte sich dann mit einem Wutschrei gegen den Krieger. Wambli-luta wurde nun von zwei Seiten angegriffen. Wieder schnellte ein Pfeil von der Sehne, und er traf den Krieger, der ihn fast erreicht hatte. Mit einem Gurgeln stürzte dieser ins Gras, doch Wambli-luta wusste, dass er noch höchstens ein- oder zweimal schießen konnte, ehe die anderen ihn erreicht hätten. Er sprang kurz zur Seite, wich zwei Pfeilen aus, die ihn fast getroffen hätten, und zielte erneut. Ehe er schießen konnte, hatte der Trupp ihn erreicht. Schreiend drangen sie mit Keulen, Tomahawks und Lanzen auf ihn ein. Wambli-luta riss einen Mann vom Pferd, wich einem Lanzenstoß aus und konnte endlich seine Steinkeule ergreifen, die im Gürtel steckte. Er hatte sein Todeslied auf den Lippen und verhöhnte die Feinde, die in solcher Überzahl auf ihn einhieben. „Ihr feigen Aasfresser. Kämpft ihr nur gegen kleine Mädchen und alte Frauen? Kommt nur her! Ich habe keine Angst. Seht, wie ein Tokala kämpfen kann.“
Ein Tomahawk erwischte ihn am Arm und hinterließ eine tiefe Schramme. Der Schock traf ihn, sodass er den Schmerz nicht fühlte. Benommen kniff Wambli-luta die Augen zusammen, um sich wieder zu fangen. Gleich hatten sie ihn! Schweiß tropfte von seiner Stirn, als er herumwirbelte und sich den nächsten Angreifer vom Leibe hielt. Er hatte den Vorteil, dass die Krieger sich gegenseitig behinderten, als sie gegen ihn vorgingen. Jeder wollte den ersten Coup gegen ihn anbringen oder den wertvollen Skalp erbeuten. Vielleicht wollten sie den Sieg auch nur auskosten, denn sie stachen auf ihn ein, als wäre er ein wildes Tier, das man reizen konnte. Eine Lanze traf ihn seitlich gegen die Rippen und rutschte etwas ab, ohne größeren Schaden anzurichten. Die Feinde lachten höhnisch, als er sich den Schweiß aus den Augen wischte. Wambli-luta hoffte, dass es schnell gehen würde. Keinesfalls wollte er ihnen lebend in die Hände fallen! Ohne Vorwarnung ging er mit seiner Keule auf einen der Männer los, der nicht schnell genug zurückweichen konnte, weil ein Krieger hinter ihm stand. Wambli-luta hieb ihm die Keule auf den Schädel und beobachtete zufrieden, wie der Mann röchelnd in die Knie ging. Die anderen schrien ihren Zorn heraus und hieben nun ihrerseits auf den Feind ein. Wambli-luta wirbelte mit der Keule herum, sodass die Krieger nicht nahe genug an ihn herankamen. Einer hob seinen Speer, während zwei andere Pfeile auflegten. Einer hatte sogar ein Gewehr dabei, mit dem er nun auf den Feind zielte.
„Es ist vorbei!“, dachte Wambli-luta ohne Bedauern. Er war Tokala! Er würde tapfer im Kampf sterben, wie es seine Pflicht war. Er wunderte sich nur, warum der Krieger mit dem Gewehr nicht schoss. Stattdessen traf ihn ein Speerstoß gegen die Schulter. Der Schmerz explodierte so heftig, dass ihm kurz schwindelig wurde. Er taumelte rückwärts, was von einem höhnischen Lachen begleitet wurde. Blindlings ließ er die Keule kreisen, was jedoch keinen Schaden mehr anrichtete. Blut tropfte aus den Wunden und trieb die Schwäche in seine Glieder. Er kämpfte dagegen an, in die Knie zu gehen, obwohl seine Beine ihm nicht mehr gehorchen wollten. In seinen Ohren rauschte es, als würde der Regen gegen das Tipi prasseln, und die Gesichter der Feinde verschwammen vor seinen Augen. Wieder erhob er die Stimme, um sein Todeslied zu singen, doch außer einem heiseren Krächzen brachte er nichts mehr hinaus. Dann brach der Ring der Angreifer auf, als einige Krieger der Hunkpapa rücksichtslos in die Schar der Feinde ritten. Die Angreifer flogen auseinander und ließen verdutzt von Wambli-luta ab. Es waren nur vier Hunkpapa, aber schon wurde der Kampf ausgeglichener. Außerdem erschienen in der Ferne weitere Reiter.
Die Arikara, von den Lakota verächtlich nur Ree genannt, erkannten, dass die Situation sich zu ihren Ungunsten veränderte. Dieses Dorf würde sich in ein Hornissennest verwandeln! Sie stutzten kurz, doch dieses Zögern reichte einem der Hunkpapa, um nach Wambli-luta zu greifen und ihn auf ein Pferd zu ziehen. Vor den Augen der Feinde stießen die Krieger ihre Kriegsschreie aus, drohten mit ihren Waffen und galoppierten mit dem Verwundeten davon. Die Arikara antworteten ebenfalls mit Kriegsrufen, sprangen dann aber auf ihre Ponys und suchten das Weite. Eine größere Schar wütender Krieger hängte sich an ihre Fersen, während die vier Männer mit Wambli-luta ins Dorf zurückkehrten.
Wambli-luta krallte sich haltsuchend an den Schultern des Mannes fest, der ihn zu sich auf das Pferd gezogen hatte. Ihm schwindelte, und er brauchte all seine Kraft, um nicht wieder vom Pferd zu rutschen. Hoh! Erst langsam wurde ihm bewusst, dass seine Freunde im letzten Augenblick gekommen waren. Er erkannte seinen Freund Thimahel-okile, der die Gruppe angeführt hatte. Als sie das Dorf erreichten, war er es, der ihm vorsichtig vom Pferd half. Wambli-luta musste sich auf ihn stützen, sonst wäre er zu Boden gestürzt. Menschen liefen zusammen, und er erkannte auch seine Großmutter. Die Erleichterung ließ ihn erneut wanken. Die beiden hatten es also geschafft! „Takoza!“, rief die Großmutter bestürzt, als sie die schlimmen Wunden sah. Enkelsohn!
Wambli-luta machte eine beruhigende Handbewegung. „Es ist nichts!“
Die umstehenden Männer fanden ihren Humor wieder. „Woh, seht diesen jungen Krieger! Er hat sich gegen zwanzig Feinde gestellt! Seht seinen Mut!“ Die Frauen trällerten ihr hohes Lililil und einige Jungen drängten näher heran, um den tapferen Krieger zu sehen.
Wambli-luta dagegen kämpfte mit seiner Schwäche, aber auch seiner Erleichterung. „Hoh, gut, dass ihr rechtzeitig gekommen seid!“, meinte er dankbar.
Thimahel-okile winkte großzügig ab. „Deine Großmutter meinte, dass du Ärger hast und vielleicht unsere Hilfe brauchst.“ Seine tiefliegenden Augen schmunzelten vergnügt.
„Ärger?“ Wambli-lutas Stimme wurde hoch vor Empörung. Nach Ärger hatte das nicht ausgesehen!
Thimahel-okile grinste amüsiert. „Anders kann man die Ree kaum bezeichnen!“
Oh, da hatte er natürlich recht. Wambli-luta nickte bestätigend und ließ sich dann von seinem Freund in sein Zelt führen. Erst als er aus den Augen der anderen war, zeigte er seine Erschöpfung und ließ sich auf sein Lager plumpsen. „Hohch!“, stöhnte er unterdrückt. Sofort beugte sich die Großmutter über ihn und begutachtete die Wunden. „Hunhunhe!“, äußerte sie besorgt. „Das sieht schlecht aus! Wir holen besser den Pezuta-Wakan.“
Wambli-luta schloss die Augen und überließ sich den fürsorglichen Händen der Großmutter. Er sah nicht, wie auch sein Vater sich neben ihn setzte und die Mutter erschrocken die Hand vor den Mund hielt. „Wo ist meine Schwester?“, flüsterte er matt.
Die Schwester näherte sich aus dem Hintergrund des Tipis und strich ihrem Bruder ganz kurz über die Wange. „Ich bin hier!“, flüsterte sie leise.
Wambli-luta lächelte, ohne die Augen zu öffnen. „Das ist gut!“ Dann verließen ihn die Sinne. Seine Träume waren wirr und manchmal auch schweißtreibend. Immer wieder tauchten der Fuchs und der Adler aus seiner Vision auf, die um das Kaninchen stritten. Dann schreckte er auf, als wilde Krieger mit seltsamen Zeichnungen im Gesicht auf ihn einstürmten und ihn mit ihren Messern verletzten. Am wildesten waren jedoch die Träume, die ein Mädchen der Miwatani ihm schickte: Sie starrte ihn aus schwarzen Augen an, hob dann abwehrend die Hand und schleuderte ihm plötzlich einen Blitz entgegen.
Wambli-luta schlief fast zwei Tage, ehe er wieder orientierungslos die Augen öffnete. Das Einzige, woran er sich erinnerte, war ein greller Blitz, der seine Augen geblendet hatte, aber er hatte nichts mit dem tatsächlichen Geschehen zu tun. Seine Wunden waren gut versorgt, ohne dass er wusste, wer sich darum gekümmert hatte. Der Speerstich pulsierte unangenehm, obwohl die anderen Wunden gut zu heilen schienen. Die Mutter saß bei ihm und sah ihn mit großen Augen an. „Bist du wieder bei uns?“
Wambli-lutas Stimme krächzte etwas, als er antwortete. „Ich bin bei euch.“
„Das ist gut. Wir dachten schon, dass die Geister dich holen würden. Du hast mit ihnen gesprochen.“ Ihre Stimme klang hell und ängstlich.
Er machte mit der Hand ein Zeichen, dass er Durst hatte, und sie führte eine Schale mit Wasser an seine Lippen. Sogleich führte er sich besser und versuchte sich aufzurichten. Die Mutter stoppte diesen Versuch mit einer energischen Handbewegung. „Bleib liegen. Die Wunden sind schwer!“
„Hohch!“ Er stöhnte unwillig. Er war doch kein Baby, das man in der Trage festband. „Ich will sitzen!“, murrte er uneinsichtig.
„Dann roll dich auf die Seite und richte dich etwas auf. Du darfst die Rippen nicht anstrengen!“, sagte die Mutter streng. „Sonst geht die Wunder wieder auf. Der Pezuta-Wakan musste sie nähen.“
„Hohch! Ich bin doch kein Fell, das man zunähen kann.“
Zum ersten Mal kicherte die Mutter erleichtert. Wenn ihr Sohn dermaßen meckern konnte, dann musste es ihm besser gehen. „Doch!“, widersprach sie forsch. „Du hast so eine lange Narbe!“ Mit ihren Händen zeigte sie die Länge der Verwundung. Dann holte sie sein Backrest, damit er sich dagegenlehnen konnte. Stöhnend fiel der Körper des Sohnes dagegen und er schloss die Augen, um das Schwindelgefühl zu vertreiben. „Huh!“, meinte er kurzatmig.
Die Mutter wartete einen Augenblick, dann reichte sie ihm eine Schüssel mit Essen. Hungrig löffelte der junge Mann das Essen in sich hinein, und die beiden schwiegen. Nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, erkundigte er sich nach den feindlichen Kriegern. „Habt ihr diese Hunde erwischt?“
Die Mutter senkte traurig den Blick. „Es waren viele! Sie hatten sich in mehrere Gruppen aufgeteilt“, erzählte sie. „Unsere Krieger haben sie verfolgt, dabei wurden Schneller-Dachs und Hohes-Pferd getötet. Die Ree hatten es auf unsere Pferde abgesehen. Sie haben viele Pferde geraubt und dabei zwei Jungen getötet.“
„Hunhunhe!“ Wambli-luta senkte traurig den Blick. „Wen haben sie getötet?“
„Graue-Wolke und Rennt-immer. Springender Büffelstier konnte gerade noch entkommen. Sein Vater Thimahel-okile hat die beiden getöteten Jungen gefunden. Die Familien sind in großer Trauer!“
Wambli-luta schluckte schwer. Springender-Büffelstier war keine neun Winter alt! Seine Freunde waren etwas älter, aber viel zu jung, um von Feinden getötet zu werden. Sie hatten noch nie eine Bisonjagd oder einen Kriegszug begleiten dürfen. Er fühlte Hass in sich aufsteigen, als er an die Kinder dachte. „Wir werden sie rächen!“, schwor er mit bitterem Herzen.
„Thimahel-okile will einen großen Kriegszug gegen die Ree anführen“, erzählte Hübsche-Nase. „Sie wollen sich die Pferde zurückholen und die Gefallenen rächen.“
Wambli-luta nickte. „Wir werden sie finden!“, meinte er kaltblütig. „Wir wissen, wo ihre Dörfer sind, und unsere Pfeile werden in ihren Körpern stecken.“
„Erst musst du genesen!“, warnte die Mutter. „Und die Ältesten sagen, dass wir zuerst die Bisons jagen sollten. Dann sei Zeit für den Kampf.“
Wambli-luta schloss die Augen. Bisons! Im Moment würde er diese Aufgabe wohl dem Vater überlassen müssen. Er konnte weder den Bogen spannen noch sein Pony mit den Schenkeln lenken.
Es dauerte einige Tage, ehe er in der Lage war, wieder an den Versammlungen der Tokala teilzunehmen. Seine Freunde hatten ihn regelmäßig besucht und sich nach seinem Befinden erkundigt. Sein Mut hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, und die Tokala waren stolz, einen solchen Krieger unter sich zu wissen. Er hatte ohne zu zögern sein Leben gegeben, um seine Großmutter und Schwester zu retten, und alle wussten, dass er diesen Einsatz auch bei allen anderen gezeigt hätte. Als er wieder laufen konnte, wurde ihm zu Ehren ein Festessen gegeben, und der Herold verkündete seine Heldentaten. Wambli-luta nahm die Ehrung gelassen hin, denn er hatte tatsächlich ohne groß zu überlegen gehandelt. Seine Dankbarkeit galt den Tokala und Thimahel-okile, die ihn ebenso wagemutig gerettet hatten.
Als dann endlich der Bisontanz getanzt wurde, um die großen Verwandten zu rufen, ging es ihm bereits wieder so gut, dass er reiten konnte. Kundschafter wurden in alle Richtungen ausgesandt, um die Ankunft der Bisons zu melden und damit den Beginn der Jagd zu verkünden. Die Zeremonien hatten etwas warten müssen, weil die Familien vier Tage um die Getöteten trauern mussten. Die herzerweichenden Schreie der Verwandten drangen durch das Dorf und erinnerten die Lebenden daran, wie schnell der Tod einen ereilen konnte. Die Leichen wurden aufgebahrt, und nach vier Tagen fanden sie ihre letzte Ruhestätte in den Hügeln und wurden mit Steinen bedeckt.
Schließlich versammelten sich die Männer, um die Wana-sapa, die traditionelle Bisonjagd, durchzuführen. Eine riesige Herde war gesichtet worden und die Akicitas verhinderten mit eiserner Disziplin, dass jemand das Dorf vorzeitig verließ. Der gesamte Jagderfolg wurde gefährdet, wenn jemand gegen diese Regeln verstieß, und so waren die Akicitas nicht zimperlich. Besonders einige Knaben, die trotz aller Warnungen ihren Mut beweisen wollten, wurden von ihren Peitschen getroffen und in die Zelte der Eltern zurückgeführt. Obwohl die Jungen noch um ihre Freunde trauerten, schien der Angriff der Arikara schon vergessen zu sein.
Wambli-luta versuchte indessen, seinen Bogen zu spannen, und musste einsehen, dass ihm dazu noch die Kraft fehlte. Also blieb es dem Vater überlassen, genügend Bisons für seine Familie zu schießen. Gebrochene-Lanze war zwar Wakincun, aber immer noch jung genug, die Waffe zu heben. Er hatte ein Gewehr, zog es jedoch vor, mit dem Bogen zur Bisonjagd zu gehen. Er setzte sich zu seinem Sohn, der bedrückt zu sein schien, weil er nicht teilnehmen konnte. „Du bist Tokala! Deine Aufgabe ist es, das Volk zu beschützen. Du bist der Erste im Kampf und der Letzte, der sich zurückzieht. Deshalb wurdest du verwundet! Das ist eine Ehre! Sorge dafür, dass du bald wieder kämpfen kannst, und ich sorge dafür, dass wir im Winter alle satt werden.“
Wambli-luta nickte einsichtig. „Ich schütze das Volk!“ Er sah seinem Vater nach, der – nur mit einem Lendenschurz bekleidet – das Tipi verließ. Trotzdem wurmte es Wambli-luta, bei den Frauen, Kindern und alten Leuten bleiben zu müssen. Er massierte den verletzten Muskel am Arm und hoffte, dass er bald seine Stärke wiederfinden würde.
Die nächsten Tage verbrachte er damit, zumindest über die Frauen und Mädchen zu wachen, die überall in der Nähe des Flusses an den Fellen arbeiteten, die sie am Boden festgepflockt hatten. Der Sommer war heiß, obwohl stets eine leichte Brise wehte. Die Jagd war gut gewesen, und überall standen Gerüste, an denen das Fleisch trocknete. Darunter brannten schwelende Feuer, um die Fliegen zu vertreiben. Der ewige Wind fegte über das Land und trocknete Fleisch und Beeren in kurzer Zeit. Auch der Vater hatte zwei junge Bisonkühe, einen Stier und ein Kälbchen geschossen, sodass die Familie gut versorgt war.
Die Mutter wollte die Häute nutzen, um später das Tipi auszubessern und einige Rohhauttaschen herzustellen, die sie mit bunter Farbe bemalen würde.
Als es Wambli-luta besser ging, schoss auch er noch zwei Weißwedelhirsche, sodass die Mutter aus den Häuten ein schönes Kleid für Anpao-win nähen konnte. Das Hirschfleisch war ein besonderer Genuss nach all dem Bisonfleisch, und so kamen oft Freunde, um an dem Essen teilzunehmen. Hübsche-Nase kochte es mit wilden Zwiebeln, Prärierüben und Beeren, die sie tagsüber sammelten und trockneten. Die Natur zeigte sich großzügig gegenüber den Menschen. Überall reiften Kirschen, Beeren, wilde Zwiebeln, selbst Kürbisse und Bohnen, die von den Frauen gesammelt wurden. Nur Maisfelder legten die Tituwan keine an. Vor einigen Jahren, als die Zeit der Hungerwinter gekommen war, hatten sie es versucht, doch dann wieder aufgegeben. Sie folgten lieber den Herden der Bisons.
Fort Lisa
Am Missouri-Fluss im Frühjahr und Sommer 1809
Am Morgen nach dem verheerenden Eissturm der Amsel im späten Frühjahr näherte sich die nächste Katastrophe: Kriegerisch bemalte Gestalten schlichen sich an die Gestrandeten heran, die in den Booten oder am Ufer des Yellowstone Unterschlupf gesucht hatten, und wenn die Anführer nicht in weiser Voraussicht Wachen aufgestellt hätten, wäre es schlimm um die Expedition bestellt gewesen. Der Warnruf riss auch den letzten Abenteurer aus dem Schlaf, und im Nu hatten die Männer hinter Kisten und Bäumen Deckung gesucht. Keine Sekunde zu früh, denn ein Pfeilhagel prasselte auf die Männer nieder. „Nur schießen, wenn ihr ein Ziel vor Augen habt!“, schrie Vazquez. Nach dem ersten Pfeilhagel hechteten einige Männer auf die Boote und gingen hinter dem Aufbau in Deckung. So wollten sie verhindern, dass die Indianer die Boote enterten. Sie hatten es mit Sicherheit auf die Ladung abgesehen. Wieder schlugen Pfeile in das Holz der Kisten und Boote ein und die Männer duckten sich tiefer. Dann erklang ohrenbetäubendes Kriegsgeschrei. „Was für Indianer sind das?“, fragte Pierre, der ebenfalls auf sein Boot geklettert war.
„Scheißegal!“, knurrte ein Trapper. „Ich habe die Schnauze voll von denen!“
Einige Krieger lösten sich aus der Deckung von Büschen und Bäumen und kamen auf Pierres Boot zugerannt. „Achtung, Leute! Sie kommen!“ Er sah, wie einige Männer ihre Gewehre hochrissen, auf das Dach des Laderaumes legten und die Angreifer ins Visier nahmen. „Wartet, bis sie nahe genug sind“, warnte Pierre die Männer.
„Wie nahe denn?“, zischte ein Voyageur. „Die haben uns ja gleich.“
Pierre wartete, bis die Krieger die Planken erreicht hatten, und gab den Befehl zum Schießen. „Feuer!“ Auch von den anderen Booten stieg der Rauch der Salven auf. Gleichzeitig feuerten die Männer, die an Land geblieben waren. Stöhnen und Schmerzensschreie waren zu hören, als mehrere Indianer sich am Boden wälzten. Offensichtlich hatten sie nicht mit einer derartigen Kampfkraft gerechnet. Krieger, die noch laufen konnten, traten den Rückzug an, doch einige blieben am Ufer liegen oder fielen ins Wasser. Pierre fackelte nicht lange. Mit seiner Pistole kletterte er an Land und gab einem Feind mit einem gezielten Schuss den Rest. „Nachladen!“, befahl er gleichzeitig mit überschnappender Stimme. Mit einem Sprung hechtete er in die Deckung einer Kiste am Ufer – gerade noch rechtzeitig, ehe die nächsten Pfeile neben ihm einschlugen.
Dieses Mal waren die Indianer vorsichtiger. Sie nutzten die Deckung und versuchten es mit Ablenkungsmanövern. Ein Indianer zeigte sich kurz und hechtete dann sofort wieder in Deckung, während einige andere versuchten, den Bug des Bootes zu erreichen. Sie wateten durch das Wasser und schossen auf die Männer, die hinter den Aufbauten saßen. „Sie kommen von der Seite!“, schrie Pierre gerade noch rechtzeitig. Mehrere Schüsse dröhnten über das Wasser, und Pierre sah, wie die Indianer wegtauchten. Mit grimmigem Gesicht beobachtete er, wie zwei Männer von einem anderen Boot die Krieger unter Beschuss nahmen. Ihre Köpfe tauchten aus dem Wasser auf, und die Trapper trafen sie mit wohlgezielten Schüssen. Der Rauch des Schwarzpulvers sammelte sich über den Booten, sodass die Männer mit ihren Gewehren kaum noch zu erkennen waren. Auch am Ufer stieg Qualm auf, sodass Menschen, Ausrüstung und Bäume miteinander verschwammen. Jetzt hieß es aufpassen, wenn man nicht die eigenen Leute erwischen wollte. „Alle Mann auf die Boote!“, erschallte nun der Befehl. Pierre kniff die Lippen zusammen, denn damit gaben sie die Ausrüstung preis. Aber wahrscheinlich war es besser, auf ein paar Planen und Kisten zu verzichten, als eigene Leute zu opfern.
„Rückzug auf die Boote!“, gab auch Pierre den Befehl. „Nehmt ein paar Kisten mit!“
Einige Männer, die hinter den Kisten in Deckung gegangen waren, griffen nach den Transportschlaufen und liefen über die Planke auf das Boot zurück. Dann ließen sie die Kisten einfach fallen und hechteten in Deckung. Mehrere Pfeile schlugen ein, und zum ersten Mal pfiffen auch Kugeln über das Wasser. Einige Indianer hatten offensichtlich Gewehre. Eine Salve aus den Gewehren der Trapper antwortete ihnen. Am Mündungsfeuer hatten die Männer erkannt, wo die Indianer sich versteckten, und daraufhin gezielt in diese Richtung geschossen. Niemand konnte sehen, ob sein Schuss irgendwelchen Schaden angerichtet hatte, denn es wurde plötzlich still. Auch bei den anderen Booten kehrte Ruhe ein. „Was ist jetzt los?“, wunderte sich Pierre.
Ein Trapper richtete sich etwas auf und blickte vorsichtig über den Rand des Daches. „Alles still!“, meldete er.
Pierre nickte. „Okay, wir geben Feuerschutz und ihr holt noch ein paar Kisten!“, ordnete er an.
Die Voyageure schüttelten die Köpfe. „No, no … wir sind doch keine Zielscheiben!“
„Jetzt habt euch nicht so. Bisher haben die Pfeile kaum Schaden angerichtet!“
„Ja, weil wir hübsch in Deckung geblieben sind! Wir sind doch nicht lebensmüde! Geh doch selbst, wenn dir das Zeug so wichtig ist.“
Pierre kniff die Augen zusammen und gab zwei weiteren Trappern das Zeichen, ihm zu folgen. „Alors!“, murmelte er. „Wir rennen zu der Ausrüstung dort, gehen in Deckung – und wenn die Luft rein ist, dann treten wir den Rückzug an.“
Die beiden nickten nur und machten sich bereit, ihm zu folgen. „Und passt auf, dass ihr niemanden erwischt, der zu uns gehört.“ Die drei warteten einen Augenblick, doch am Ufer blieb alles ruhig. „Jetzt!“, flüsterte Pierre, richtete sich auf und rannte über die Planke zum Ufer. Schwer atmend ging er hinter einer Kiste in Deckung. Schon hockten die anderen ebenfalls am Ufer. Nichts rührte sich, und so sahen sie sich verwundert an.
„Sind die weg?“
„Scheint so!“
„Okay, nehmt die Ladung und geht zurück. Ich gebe euch Deckung.“
Die beiden Männer schnappten sich die Kiste und trugen sie auf das Boot zurück. Alles blieb ruhig, und so kamen nun mehr Männer an Land und bargen die Ladung. Auch bei den anderen Booten trauten sich die Männer von Bord. Langsam verzogen sich die Rauchschwaden und gaben den Blick auf die Umgebung frei.
„Gibt es Verletzte?“, erschallte der Ruf von den anderen Booten.
„Hier … niemand!“, gab Pierre zurück.
„Bei uns sind zwei verwundet!“, kam es von einem Boot weiter stromabwärts.
„Wir haben einen Toten!“
Nach und nach kamen die Meldungen, und es schien, als wären sie mit einem blauen Auge davongekommen. Die Indianer hatten einige Kisten gestohlen, mehrere Männer verletzt und einen getötet. Doch dann hatten sie den Angriff abgebrochen. Vielleicht hatten sie zu viele Verluste erlitten oder wollten warten, bis Verstärkung eingetroffen war.
„Wer waren diese Rothäute?“, fragte ein Voyageur, der wohl zum ersten Mal auf so einer Expedition dabei war.
„Pekuni-Blackfeet!“ antwortete Pierre tonlos. Er hatte es langsam satt, gegen diesen Stamm zu kämpfen. „Ausgeburten des Teufels.“
„Nicht schon wieder!“, schimpfte der junge Mann, der von den anderen nur „Shorty“ genannt wurde. Er war eigentlich ziemlich groß und hager, sodass keiner wirklich wusste, woher er diesen Spitznamen hatte. Vielleicht lag es an dem Gewehr, das kürzer war als die Rifles, die die anderen Trapper besaßen.
„Die sind schlimmer als Grizzlys!“, fluchte Pierre. „… Wird Zeit, dass wir in friedlichere Gewässer gelangen.“
Sie bereiteten dem Toten ein würdiges Begräbnis und standen traurig um das kleine Holzkreuz, das ein Voyageur gebastelt hatte. Immerhin konnten sie diesen Mann beerdigen, während andere ihre letzte Ruhe vermutlich bei den Fischen gefunden hatten. Manuel Lisa sprach ein Gebet, und alle murmelten „Amen“.
Dann ließen Lisa und Vasquez die Ladung wieder verladen und gaben den Befehl zum Aufbruch. Mit Stangen stießen sie die Boote in die tiefere Rinne des Flussarms und nahmen ihre Fahrt wieder auf. Nach zwei Meilen vereinigte sich der Arm wieder mit dem Yellowstone, und die Männer manövrierten die Boote in die Mitte des Flusses. Wachsam behielten sie die Ufer im Auge. Sie waren immer noch in Schussweite. Pierre ließ die Kisten im Laderaum verstauen und gab dann Befehl, dass die Trapper mit geladenen Waffen Ausschau nach Indianern halten sollten, während die Voyageure wieder an den Stangen standen und das Boot vorwärts bewegten. Die Barkassen hatten keinen Aufbau und wurden von den Männern gerudert.
Gegen Mittag trieben sie an dem gekenterten Boot vorbei. Es war auf eine Sandbank aufgelaufen, und die Männer konnten sehen, dass es leer war. Entweder hatte es die Ladung verloren, oder die Indianer hatten es geplündert. Vorsichtig manövrierten sie ihre Boote um die Sandbank herum und blickten schweigend auf das gekenterte Boot. Immer noch fehlten sechs Mann der Besatzung. Dann wurde das Schweigen zum Entsetzen, als sie sahen, dass am Aufbau einer ihrer Trapper festgenagelt worden war. Er hing dort nackt, mit ausgestreckten Armen, und teilweise war ihm die Haut abgezogen worden. Sein Kopfhaar fehlte, und Pfeile ragten aus dem Körper hervor. Es war eine Warnung: Kommt nicht mehr zurück, oder euch passiert das Gleiche!
„Armer Teufel!“, flüsterte Shorty. „Ob sie die anderen auch erwischt haben?“
„Hoffentlich nicht. Gott sei ihren armen Seelen gnädig!“
„Wollen wir ihn nicht begraben?“ Unsicher blickten einige Männer ihren Kapitän an. Dieser schüttelte nur stumm den Kopf, wandte den Blick von dem Misshandelten ab und konzentrierte sich wieder auf den Fluss. Das war wahrscheinlich nur ein Trick, um die Männer näher ans Ufer zu locken. Der arme Teufel war tot. Es hatte keinen Sinn, das Leben der anderen zu gefährden. Auch die anderen Boote setzten die Fahrt fort, ohne sich in die Falle locken zu lassen. Am Ufer blieb es still. Entweder waren die Indianer schlau genug, sich zu verstecken, oder sie waren wirklich verschwunden. Pierre hoffte, dass ihnen niemand mehr in die Hände gefallen war. Aber wenn die Blackfeet die anderen erwischt hatten, würden sie es die Weißen garantiert wissen lassen. Arnel stellte sich neben ihn und sah ihn vorwurfsvoll an. „Findest du das richtig?“
Pierre ignorierte seinen Blick. „Vasquez und Lisa halten ja auch nicht an … weil sie genau wissen, dass es eine Falle ist.“
Arnel nickte unglücklich. „Diese dreckigen Injuns!“ Aus seinem Mund klang das irgendwie seltsam, und Pierre sah ihn verblüfft an.
„Wirklich!“, rechtfertigte sich Arnel. „Meine Mutter war eine Yankton … die sind friedlich!“
„Behauptest du!“, brummte Pierre.
Dann horchte er auf, als sich plötzlich am Ufer ein völlig nackter Mann aufrichtete, der mit Winken auf sich aufmerksam machte. Auch auf den anderen Booten sichtete man den Mann und forderte ihn mit Rufen auf, zu ihnen zu schwimmen. Der Mann zögerte kurz, sah sich um und watete dann ins Wasser. Mit einem Satz tauchte er unter und verschwand kurz aus dem Blickfeld der anderen. Keine Sekunde zu früh, denn am Ufer tauchten wie aus dem Nichts Blackfeet auf, die mit Pfeilen auf die Stelle schossen, an der der Mann zuletzt gestanden hatte.
Sofort wurden sie von den Männern an Bord unter Beschuss genommen, sodass sie sich unter Geschrei zurückziehen mussten. Kurz tauchte der Kopf des Mannes auf, dann tauchte er wieder unter. Wieder fielen Pfeile ins Wasser, und die Männer erkannten, dass die Indianer sich einen Spaß daraus machten, den Weißen vor sich her zu hetzen.
„Hierher!“, schrien sie, als der Kopf wieder aus den Fluten auftauchte. Mit letzter Kraft erreichte der Mann ein Boot und klammerte sich an der Bordwand fest. Ihm fehlte jedoch die Kraft, sich hochzuziehen. Wieder flogen Pfeile, und einer traf den Mann am Arm.
„Helft mir!“, brüllte dieser verzweifelt. Eine Salve nahm die Indianer am Ufer unter Beschuss, die sich lieber in Deckung begaben. Sie lachten höhnisch und machten Drohgebärden. Sie sprangen auf ihre Pferde und galoppierten am Ufer entlang. Von dort schossen sie weiter mit Pfeilen auf die Boote. „Helft mir doch!“, rief der Mann. „Ich rutsche ab!“
Zwei Mann nahmen sich schließlich ein Herz: Sie verließen die Deckung, beugten sich über die Bordwand und zogen den Mann mit einem Ruck ins Boot.
Dann ließen sie sich platt auf den Boden fallen, als weitere Pfeile in ihre Richtung flogen. Einer der Männer hielt eine Plane hoch und lenkte so einen Pfeil ab, der ihn sonst getroffen hätte.
Pierre schnaufte durch, als er erkannte, dass der Mann es geschafft hatte. Wie er die kalte Nacht überlebt hatte, wäre eine spannende Geschichte! Ein Mann mehr, der gerettet werden konnte. Dann wurde sein Gesicht grau vor Entsetzen, als sie an einem weiteren Mann vorbeitrieben, der auf entsetzliche Weise entstellt und an einem Baum gefesselt zur Schau gestellt wurde. Fehlten noch drei! Er betete, dass es ihnen nicht ähnlich ergangen war. Immer wieder schaute er zu den Ufern auf beiden Seiten und hoffte, dass dort jemand auftauchte und durch Winken zu verstehen gab, dass es ihm gutging.
An diesem Tag geschah weder das eine noch das andere. Die Indianer blieben unsichtbar, und von den drei Vermissten gab es kein Lebenszeichen. Entweder waren sie ertrunken, oder die Indianer hatten sie erwischt. „Merde!“, fluchte Pierre zwischen den Zähnen hindurch.
Am Abend legten sie an einer der vielen Inseln an, die dadurch entstanden waren, dass der Fluss Nebenarme bildete. Sie waren vollständig vom Wasser umschlossen und konnten so gut verteidigt werden, weil Angreifer erst den Fluss überwinden mussten, und sich nicht im Schutz von Büschen und Bäumen anschleichen konnten. Die Männer verzichteten darauf, Lodges aufzubauen, da der Himmel klar war. Es blies immer noch ein kalter Wind, sodass die Männer sich gern um die Feuer setzten und aufwärmten. Kaffee wurde ausgeschenkt und dann die warme Suppe verteilt. Jeder hatte seine Tasse und seine Schüssel dabei und sorgte selbst dafür, dass sie gesäubert wurde. Dann wurden die Läufe der Waffen mit dem Ladestock sorgfältig gereinigt. Das Überleben hing davon ab, dass die Vorderlader reibungslos funktionierten, und so nahmen sich die Männer hierfür Zeit. Auch die Pistolen hatten Steinschlösser, die regelmäßig geputzt werden mussten. Nach dem Kampf mit den Indianern waren die Läufe verrußt, und auch die Mechanik des Hahns musste überprüft werden. Leises Gemurmel erhob sich über dem Wasser, als die Männer über die letzten Tage sprachen. Ihre Gedanken galten den Freunden, die nicht heimkehren würden.
Pierre saß mit Arnel und Shorty zusammen, die nachdenklich ins Feuer starrten. Sie hielten ihre Waffen in den Händen, obwohl sie mit der Reinigung schon fertig waren. Wie oft hatten sie mit den anderen gesungen und Karten gespielt? Sie dachten an Huey, der so gerne beim Kartenspielen geschummelt hatte, oder an Louis, der zuhause eine Frau und zwei Kinder hinterließ. Manuel Lisa wollte die Familien benachrichtigen und ihnen den Lohn auszahlen. Sie beneideten den Mann nicht, denn traurige Nachrichten zu überbringen, war niemals leicht. „Scheiß Injuns!“, meinte Shorty ernüchtert.
Arnel zuckte etwas zusammen. „Pass auf, was du sagst!“
„Ich meine ja nicht dich!“, entschuldigte sich Shorty. „Du bist ein guter Indianer!“
Arnel presste traurig die Lippen zusammen. „Na ja … nur zur Hälfte. Aber es stimmt schon … es gibt halt solche und solche.“
Pierre schüttete den Kopf. „Es gibt solche und Blackfeet!“, betonte er.
Die beiden nickten wortlos. Kurz breitete sich Schweigen aus, dann schenkte Pierre erneut Kaffee aus. Shorty tat mindestens drei Löffel Zucker hinein und leckte sich die Lippen. „Gutes Zeug!“, lobte er gedankenverloren. „Der weckt Tote auf.“
„Nicht Louis und Huey oder die anderen armen Teufel.“
„Non!“, stimmte Pierre ihm zu. „Hoffen wir auf bessere Beziehungen zu den Mandan und Arikara.“
„Hmh!“, grunzten Arnel und Shorty.
Nach weiteren zwei Wochen, die ohne Zwischenfälle verliefen, erreichten die Boote schließlich die Mündung des Yellowstone in den Missouri. Der Yellowstone hatte unendlich viele Biegungen, sodass sie immer wieder hatten kreuzen müssen, um die optimale Linie zu fahren. Das hatte Zeit gekostet. In der Vogelfluglinie waren es nur 250 Meilen, doch mit den vielen Windungen verdoppelte sich die Entfernung. Sie waren ohne weitere Probleme vorangekommen und blickten nun auf den beeindruckenden Zusammenfluss, der sich vor ihnen öffnete. Auch hier wäre ein geeigneter Ort für einen Handelsposten gewesen, aber nach dem Geschmack der Teilhaber war er noch zu nah an den kriegerischen Blackfeet oder Assiniboine. Also trieben sie weiter den Strom flussabwärts. Hier wurde die Fahrt leichter, denn der Missouri hatte etwas mehr Tiefgang und weniger Windungen. Die Umgebung war hügelig, teilweise mit Gras, teilweise mit Fichten bewachsen. An den Ufern lagen oft Treibholz und angeschwemmte Kadaver. Hin und wieder sahen sie in der Ferne Jagdgruppen von vorbeiziehenden Indianern, die jedoch nicht näher kamen. Am Ufer standen oft Gabelbockantilopen, und einmal sahen sie sogar einen Elch. Die Ufer des Flusses und seiner Nebenarme war inzwischen wieder von Enten, Gänsen und Reihern bevölkert, die dort ihre Nester bauten. Die Männer suchten abends nach den Eiern und erlegten die eine oder andere Ente.
Nach weiteren zehn Tagen kamen sie an der Mündung des Little Missouri vorbei. Hier hatte Manuel Lisa bereits gute Erfahrungen mit den Stämmen gemacht, und so gab er Befehl, nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau zu halten. Die Gegend war zerklüftet, mit vielen Tälern und kargen Hügeln. Der Fluss war hier breit, manchmal mit Untiefen und dann wieder mit Sandbänken, auf die man auflaufen konnte, wenn man nicht aufpasste. Viele kleine Bäche mündeten in den Fluss, doch wenn eine Barkasse den Bach näher in Augenschein nahm, war es oft nur eine Ausbuchtung des Missouri mit schlammigem Boden. Die Hochwasserlinie an den Felsen und Ufern zeigte, dass das Gebiet weiträumig überschwemmt wurde und es daher nicht ratsam war, ein Fort zu bauen. Sie wollten ihren Stützpunkt aber auch nicht zu weit weg vom Wasser errichten, da sonst alles über eine weite Entfernung geschleppt werden musste.
Sie fanden schließlich eine Stelle, die zumindest einen langen Strand hatte, an dem die Boote anlegen konnten. Im Hinterland gab es viele Bäume und die Umgebung war flach genug, dass es nicht möglich war, von oben unter Beschuss genommen zu werden. Ein Boot nach dem anderen rutschte auf das sandige Ufer, und die Männer sprangen an Land. Einige Springmäuse suchten das Weite, und eine Familie Stinktiere verschwand erhobenen Schwanzes. Sofort brachen einige Trapper auf, um die Umgebung gegen Überfälle zu sichern. Sie besetzten zwei kleinere Hügel in der Ferne und gaben dann mit Winken zu verstehen, dass alles ruhig war. Erst einmal wurde nur die Ausrüstung für ein kleines Nachtlager ausgeladen, weil man prüfen wollte, ob der Standort wirklich geeignet war. Es wurde inzwischen sommerlich warm, sodass die Männer keine Lodges aufbauten, sondern nur ihre Decken am Boden ausbreiteten. Es hatte seit Tagen nicht mehr geregnet, und so war der Lagerplatz trocken. Schnell wurden Feuer entzündet, Kessel darübergehängt, Wasser vom Fluss geholt und Essen gekocht.
Vazquez und Lisa waren bereits unterwegs, um noch ein wenig die Umgebung zu erkunden. Ihr erster Eindruck war nicht schlecht. Der Boden stieg schnell an, und die Wasserlinie zeigte, dass das höher gelegene Gelände nicht überflutet wurde. In der Umgebung gab es genug Holz, sodass ein Fort samt Häusern und Palisaden errichtet werden konnte. Für den Handel mit den Indianern war das optimal. In der näheren Umgebung fanden die Trapper keine Spuren von Bibern, aber in den vielen Buchten wären bestimmt welche zu finden.
In den nächsten Tagen waren die Männer emsig damit beschäftigt, Holz für das Fort zu schlagen. Die Voyageure entluden die Schiffe und stapelten die Waren unter den Planen, die über einfache Gerüste gezogen wurden. Erste Indianer trafen ein, die sich neugierig dem entstehenden Handelsposten näherten. Lisa verteilte großzügig Geschenke, um die Kunde verbreiten zu lassen, dass hier ein Handelsposten entstand. Sehr zufrieden rückten die Indianer ab und versprachen, mit Pelzen zurückzukehren.
Pierre besuchte bei seinen Erkundungen ein befestigtes Dorf der Hidatsa, die von William Clark seit seiner Expedition „Minnitari des Missouri“ genannt wurden. Sie lebten in Erdhütten wie die Mandan, sprachen aber eine andere Sprache. Die Frauen befanden sich bereits auf den Feldern, um den Mais anzubauen. Kinder rannten herum und beobachteten ihn mit ihren schwarzen Augen. Obwohl es noch recht frisch war, liefen sie fast nackt herum. Einige Männer saßen auf den Erdhütten in der Sonne und unterhielten sich.
Pierre hatte ein besonderes Anliegen, konnte sich aber in dieser Sprache nur mit Gesten verständlich machen. Er rauchte mit einigen Männern eine Pfeife und tauschte harmlose Neuigkeiten aus, ehe er mit seinem wahren Anliegen herausrückte. „Ich möchte eine Frau eintauschen!“, zeigte er in Zeichensprache, was die Männer aber kaum beeindruckte. Entweder gab es hier keine Mädchen im heiratsfähigen Alter, oder dieses Volk sah es nicht so gerne, wenn ihre Frauen weiße Trapper heirateten. Pierre war enttäuscht, denn für den Winter wünschte er sich eine Squaw an seiner Seite. Sie waren fleißig und wärmten einem im Winter das Bett. Er hatte nicht vor, sie eines Tages in die Zivilisation mitzunehmen, sondern wollte sie ihrem Volk zurückgeben, wenn er erst genug verdient hatte. Er hatte das schon bei anderen Trappern erlebt und empfand es als eine gute Sache. Ein Handel auf Zeit.
Unverrichteter Dinge kehrte er zum Fort zurück, bei dem immerhin schon die Palisaden standen. Manuel Lisa nannte es stolz „Fort Lisa“. Inzwischen waren die Männer dabei, das Haupthaus mit dem Handelsraum zu bauen. Es hatte zwei Stockwerke: unten den Handelsraum und oben mehrere Kammern, in denen die Anführer und einige der Trapper schliefen. Gleichzeitig entstanden weitere Hütten, in denen die anderen Männer untergebracht wurden. Das Schlagen der Äxte hallte durch das Tal und kehrte als Echo von den umliegenden Hügeln zurück.
Die Wochen vergingen schnell, und Pierre bekam den Auftrag, mit einigen Trappern zur Jagd zu gehen und die Vorräte aufzufüllen. Er nahm Shorty und Arnel, deren Gesellschaft er sehr schätzte. Der jungen Männer redeten nicht viel und taten, was man ihnen sagte. Schweigend machte sich der Trupp am frühen Morgen auf, um die Umgebung nach Wild zu erkunden. Als sie bis zum Mittag immer noch nichts gefunden hatten, runzelte Pierre sorgenvoll die Stirn. Keine Spuren von Hirschen oder Bisons. Selbst Weißwedelhirsche und Gabelbockantilopen ließen sich nicht sehen. Es war nicht gut, wenn sie einzig und allein auf die Lieferungen von Indianern angewiesen waren. „Wir sollten ein paar Pferde eintauschen!“, stellte er fest.
„Vielleicht haben die Injuns hier alles weggejagt?“, überlegte Arnel.
Pierre nickte gedankenverloren. „Kann sein. Hier sind ja einige ihrer Dörfer. Aber ich wundere mich, dass hier keine Bisons sind.“
„Die kommen vielleicht später!“
Shorty spuckte einen Priem Kautabak auf den Boden. Er hatte eigentlich immer etwas im Mund. Wenn er keinen Priem in der Backe hatte, dann kaute er Jerky oder knabberte an einem Grashalm.
Pierre ließ seinen Blick über das Land schweifen und stützte sich auf seine Rifle. „Zum Fallenstellen müssen wir wohl ein ganzes Stück stromaufwärts und dort die kleinen Nebenflüsse absuchen.“
„Yep!“
„Lass uns zum Missouri zurückkehren, da erwischen wir wenigstens ein paar Enten.” Pierre raufte sich müde die Haare.
„Davon werden wir aber nicht satt! Wenn wir nicht auf ein paar Bisons stoßen, müssen wir Fleisch von den Indianern tauschen.” Für den schweigsamen Shorty war dies eine ziemlich lange Äußerung.
„Mit Pferden wird es besser!”, versprach Pierre. „Solange müssen wir halt angeln.” Es sollte wie ein Scherz klingen, aber in seiner Stimme lag eine gewisse Anspannung. Er wusste, dass die dreihundert Mann bald alle mitgebrachten Vorräte aufgebraucht hätten. Das war schlecht, denn die Expedition sah vor, dass sie sich selbst versorgten und Mehl und Mais erst im Winter erhielten. Hin und wieder schoss ein Trapper einen Hirsch, aber das reichte nicht für all die hungrigen Mäuler.
Sie kehrten tatsächlich ohne Jagdbeute zurück und berichteten über ihre Erfahrungen. „Wir sollten Pferde eintauschen, dann decken wir eine größere Umgebung ab.”
Lisa machte sich keine Sorgen. „Ach, bald kommen die Bisons, dann haben wir Fleisch genug! Ich schicke morgen einige Männer los, die Fleisch und Pferde von den Indianern eintauschen. Weiter südlich befindet sich ein Dorf der Minnitari des Südens – es wäre gut, wenn du sie begleitest!”
Pierre wackelte mit dem Kopf hin und her. „Warum tauschen wir nicht mit den Mandan? Wir könnten mit einer Barkasse dorthin fahren. Die waren uns doch bei der Herfahrt wohlgesonnen.”
Lisa lächelte. „Gute Idee. Ihr fahrt dort mit einer Barkasse hin, tauscht Fleisch und Vorräte und kommt dann wieder zurück.”
„Und die Pferde?”
„Ich verhandle mit dem Häuptling der Minnitari des Missouri. Wir werden schon ein paar Pferde bekommen.” Er machte eine beruhigende Handbewegung. „Alles klar?”, erkundigte er sich.
Pierre grinste. „Alles klar!”, antwortete er enthusiastisch. Er freute sich über den Auftrag, denn er kam seinen Wünschen entgegen: Er wollte noch etwas ganz anderes eintauschen! Er hoffte darauf, dass die Mandan seinen Wünschen eher entgegenkamen. „Vielleicht kommen ja auch bis dahin die Bisons“, meinte er, um von seinen wahren Gedanken abzulenken.
Lisa nickte. „Das wäre gut!
Sheheke shote
Spätsommer 1809 im Dorf der Mandan
Mato-wea erntete zusammen mit der Tante den Mais ihres kleinen Feldes. Auch auf den anderen Feldern waren Frauen zu sehen. Sie hatten den Maistanz getanzt und der Frau, die niemals stirbt und für alles Wachstum verantwortlich ist, für eine gute Ernte gedankt. Es war ein guter Sommer gewesen. Die erste Bisonjagd im Frühsommer hatte gutes Fleisch gebracht, und die Vorratsgruben waren schon gefüllt mit Bohnen und Kürbis; auch Beeren, wilde Zwiebeln und Prärierüben hatten die Frauen schon gesammelt. Der Mais würde ebenfalls helfen, den langen Winter gut zu überstehen. Mato-wea trug einen Korb aus Weiden am Rücken, in den sie die Kolben warf, die sie von den Stängeln brach. Ihre Cousine Sisohe-wea hütete im Dorf die Kinder. Es war zu gefährlich, die Kinder auf die Felder mitzunehmen. Zu leicht wären sie Opfer der vielen Überfälle der Feinde geworden. Zweimal waren sie schon angegriffen worden, sodass nun stets einige Krieger in der Nähe der Frauen blieben. Mato-wea schmerzte der Rücken, und sie streckte sich mit einem Seufzen.
Sie wollte gerade den nächsten Kolben brechen, als ein Wächter einen lauten Warnruf ausstieß. Sofort ließen die Frauen die Körbe vom Rücken rutschen und rannten zum Dorf zurück. Auch andere Frauen verließen fluchtartig die Felder. Dann blieben sie erstaunt stehen, als die Männer den Schutz der Palisaden verließen und in Richtung des Flusses schritten. Einige hatten ihre Waffen dabei, die anderen holten ihre Pferde und galoppierten sogar zum Wasser. Sie stießen laute Rufe aus und schienen jemanden begrüßen zu wollen.
Mato-wea folgte der Tante, die nun ebenfalls neugierig zum Ufer des Missouri ging. Dann blieb sie blinzelnd stehen, als die Sonne vom Wasser reflektiert wurde. Was sie dort sah, erstaunte sie zutiefst. Mehrere große Boote der weißen Händler näherten sich dem Ufer, und auf dem ersten stand aufrecht und in voller Pracht ihr Anführer, der vor drei Wintern mit den Weißen gegangen war, um den Großen Weißen Vater weit im Osten des Landes zu treffen. Sheheke shote, Weißer Kojote, war endlich zurückgekehrt! Er hatte immer noch seine langen Haare, aber ansonsten trug er den Anzug eines weißen Mannes. Stolz stand er da, hob grüßend sein Gewehr und genoss augenscheinlich die Aufregung, die seine Ankunft auslöste. Im Hintergrund des Häuptlings standen dessen Frau Gelber-Mais und sein Sohn, die beide ebenso die Kleidung der Weißen trugen.
Mato-wea schlug vor Staunen die Hand vor den Mund. Alle hatten geglaubt, dass Sheheke shote von Feinden getötet worden war. Ihn nun hier unversehrt zu sehen, bewies, dass er mächtige Schutzgeister hatte, die ihn beschützten. Gespannt verfolgte sie, wie die Boote anlegten und die Weißen an Land sprangen. Sie hatte dies schon einmal miterlebt, als vor drei Wintern der Mann, der sich „Clark“ nannte, zu ihnen gekommen war. Damals war sie noch ein Kind gewesen und hatte nur aus weiter Entfernung die Fremden beobachtet. Der Anblick dieser Männer war immer noch ungewohnt. Ihre fremdartige Kleidung, ihre Gesichter, ihr ungepflegtes Äußeres erschienen ihr eher abstoßend. Die Männer und Frauen der Mandan legten großen Wert auf ihr Erscheinungsbild. Die Haare waren gekämmt, und die Krieger schmückten sich ohnehin mit allerlei Zierrat und Federn. Die Weißen dagegen hatten strubbelige Haare, und manche trugen sogar Haare im Gesicht. Ihre Kleidung wirkte alt und zerschlissen, nur die Waffen schienen im guten Zustand zu sein. Was Mato-wea aber am meisten erstaunte, war die Tatsache, dass diese Männer stets ohne Frauen reisten. Wer flickte ihre Kleidung? Es war ja kein Wunder, wenn sie so zerrupft aussahen, denn wahrscheinlich mussten sie es selber tun. Überhaupt schienen nur die Anführer einen ordentlichen Eindruck zu vermitteln. Sie erkannte einen Mann, der ähnliche Kleidung trug wie damals Clark, der neben Sheheke shote stand. Auch er hatte einen seltsamen Hut auf dem Kopf. Seine Füße steckten in hohen Mokassins, und er hatte knappe Leggins an. Sie wusste inzwischen, dass die Weißen so etwas „Hosen“ nannten. Sie kicherte leicht, denn sie fand das Kleidungsstück sehr unpraktisch. Wie sollte denn der Mann sein Geschäft verrichten? Dazu musste er die Hose ja jedes Mal ausziehen.
„Warum lachst du?“, wunderte sich die Tante.
„Sieh mal, diese seltsamen Beinkleider … er muss sich ja immer entblößen, wenn sein Bauch ihn drückt.“
„Hasch!“, schimpfte die Tante. „Sei still. Was weißt du schon, was für diese Männer Sinn macht? Sie haben bestimmt ganz andere Sitten, und keiner weiß, welche Medizin sie schützt.“
Mato-wea verstummte und beobachtete, was weiter geschah. Einige Krieger waren an Bord der Boote geklettert und sahen sich dort neugierig um. Niemand hinderte sie daran, und die Krieger hoben stolz ihre Waffen, als hätten sie die großen Boote erobert. Ihre braunen Körper glänzten in der Sonne, und sie vermittelten einen kampfbereiten Eindruck. Die Voyageure waren an Bord geblieben und bemühten sich um ein ruhiges Auftreten, ebenso die mitgereisten Trapper. Nur der Anführer mit seinen Soldaten hatte sich von Bord begeben. Währenddessen erreichte die Prozession das Dorf und wurde dort von Kleine-Krähe, dem Kriegshäuptling, begrüßt. Er freute sich sichtlich, einen so angesehen Krieger wiederzusehen. Alle verschwanden in der großen Behausung des Anführers, die von dessen jüngerem Bruder gehütet worden war. Auch der lächelte, obwohl ihm anzusehen war, dass er nicht ganz daran geglaubt hatte, seinen Bruder je wiederzusehen. Mit natürlicher Autorität forderte Sheke shote seine Rolle als Führer und angesehener Sprecher des Dorfes zurück. Der Anführer der Weißen trat mit einigen Männern hinein, während die anderen Männer draußen warteten. Es gefiel Mato-wea nicht, wie diese die Frauen und Kinder mit unverschämten Blicken musterten. Hatten sie denn nicht gelernt, den Blick höflich zu senken?
Einige Kinder kletterten auf das Dach der Hütte und versuchten durch den Rauchabzug zu erhaschen, was da vor sich ging. „Sie rauchen die Pfeife!“, signalisierten sie. Dann hieß es: „Sie essen!“
Geduldig warteten die Menschen darauf, dass der Heimkehrer zu ihnen sprechen würde. Es dauerte eine ganze Weile, doch dann trat Sheheke shote aus dem Erdhaus und richtete seine Worte an die Umstehenden. „Ich habe den Großen Weißen Vater im Osten des Landes besucht! Er sieht uns als seine Kinder, die er vor allem Bösen beschützen will. Ich habe viele Dinge gesehen, die so erstaunlich sind, dass ich sie kaum zu beschreiben vermag. Es kommen neue Zeiten auf uns zu, und es ist gut, wenn wir starke Verbündete haben. Ich verlasse mich auf das Wort des Großen Weißen Vaters, der Jefferson heißt. Er hat dafür gesorgt, dass ich wohlbehalten wieder zu meinem Volk zurückkehren konnte. Seht! All diese Krieger wurden geschickt, damit ich den langen Weg durch das Gebiet unserer Feinde machen kann. Einmal mussten wir schon umkehren, und viele ihrer Männer sind gefallen, als sie mich verteidigten. Ich sage euch: Das sind gute Menschen! Sie haben ihr Wort gehalten. Jean Chouteau und Andrew Henry sind nun meine Freunde, denn sie haben die Reise hierher geleitet. Es wird gut sein, in Zukunft mit ihnen Handel zu treiben.“
Beifälliges Gemurmel antwortete ihm. Die Augen der Menschen blitzten erwartungsvoll, denn sie hofften auf interessante Geschichten. Sheheke shote winkte seine Frau heran, die einen seltsamen Behälter herbeischleppte. „Seht, was die Weißen mir gegeben haben!“
Unter den staunenden Augen packte der Häuptling die seltsamsten Dinge aus: eine flache Scheibe, so klar wie das Wasser des Sees, in der man sein Antlitz sehen konnte; ein seltsamer Gegenstand, in dem ein kleiner Pfeil tickend auf Wanderschaft ging; Ketten aus seltsamem Material, die wunderschön glitzerten; eine Dose, aus der eine fremde Melodie erklang, wenn man sie öffnete. Stolz zeigte der Häuptling ihnen Decken, Stoffe, Kleidung, scharfe Messer und Beile; aber auch seltsame Mokassins – und ein Rohr, das immer länger wurde, wenn man daran zog.
Einige Menschen wichen zurück, denn es erschien ihnen wohl wie Zauberei. Der Häuptling schien sich darüber zu amüsieren, denn er schwenkte den Gegenstand vor ihren Augen hin und her. „Das ist keine schlechte Medizin! Die Weißen vermögen Dinge zu vollbringen, die auch uns helfen werden. Sie schmieden Waffen in heißem Feuer, und sie haben Boote, die so groß sind wie ein ganzes Dorf!“
Ungläubiges Gemurmel war zu hören, dann lachten einige Männer und schüttelten die Köpfe. Boote, so groß wie ein Dorf! So etwas konnten sie sich einfach nicht vorstellen. Alle warteten darauf, dass der Häuptling die Geschenke verteilen würde, doch Sheheke shote packte die Dinge wieder ein und ließ sie in die Hütte zurücktragen. Eisige Stille breitete sich aus, denn das war gegen die Tradition. Viele waren entsetzt, wie der Häuptling sich verändert hatte und schlugen einen Umhang vor ihr Gesicht.
„Er wurde von den Weißen vergiftet!“, flüsterte die Tante. „Er weiß nicht mehr, was unsere Vorfahren uns gelehrt haben.“ Sie nickte ihrer Nichte zu, ihr zu folgen, und Mato-wea gehorchte schweigend.
Auf dem Rückweg zu ihrer Hütte schloss sich auch Sisohe-wea an. „Hast du die Weißen gesehen?“, fragte sie aufgeregt.
Mato-wea nickte leicht. „Ich habe sie gesehen. Warum?“ Sisohe-wea kicherte. „Ihre Kleidung!“
Mato-wea fiel in das Lachen ein. „Ja, ich habe auch schon lachen müssen. Aber es ist nicht an uns, darüber zu urteilen. Wir sollten lieber zu den Feldern zurückgehen und den Mais ernten. Kommst du mit?“
Sisohe-wea schüttelte den Kopf „Die Kleinen sind zuhause. Ich muss zurück!“ Hurtig machte sie sich auf den Weg und rannte ihrer Mutter voraus, als würde ihr mit Schrecken einfallen, dass sie vielleicht ihre Aufgaben vernachlässigt hatte. Die Mutter folgte ihr und erreichte fast gleichzeitig mit der Tochter das Erdhaus. Dort saßen die beiden Kinder brav auf ihren Schlafdecken und sahen ihnen mit großen Augen entgegen. Sie hatten wohl geschlafen und waren gerade eben erst wieder aufgewacht. Matowea setzte sich zu ihnen und ließ sich ebenfalls etwas zu essen geben. Sie hatte Hunger und wollte erst etwas essen, ehe sie auf das Feld ging.
Die Großmutter setzte sich hinzu und nickte dem älteren Enkelkind auffordernd zu. „Ich achte auf die Kleinen, dann könnt ihr alle den Mais ernten.“
Sisohe-wea nickte gehorsam, obwohl sie sichtlich zögerte. Sie war nicht faul, aber nach dem Angriff der Tituwan hatte sie Angst, das Dorf zu verlassen.
Mato-wea drückte sie tröstend an sich. „Die Wächter passen doch auf. Keine Sorge!“
„Ach, ich möchte so gern hören, was der Häuptling zu erzählen hat!“
„Das wirst du! Heute Abend, wenn die Feuer brennen, wirst du die Geschichten hören. Sicherlich hat seine Frau auch viel zu erzählen. Warte nur, bis die Frauen zusammensitzen.“
Schon leuchteten die Augen von Sisohe-wea wieder. „Ob sie auch von diesen riesigen Booten erzählt?“
Mato-wea sah sie unsicher an. „Glaubst du, dass es so etwas gibt?“
„Warum sollte er es sonst erzählen?“ Sisohe-wea blickte die Cousine verblüfft an. „Niemand denkt sich so etwas aus.“ Sie wedelte aufgeregt mit der Hand. „Stell dir vor, wir hätten solche Boote. Oder so eins, mit dem die Weißen hierhergekommen sind. Da wäre es leichter, das Treibholz aus dem Fluss zu ziehen.“
Da musste ihr Mato-wea recht geben. Es war nicht ungefährlich, im Frühjahr, wenn das Hochwasser die entwurzelten Stämme brachte, mit ihren runden Bullbooten in den Fluss zu paddeln, um die Stämme ans Ufer zu ziehen und als Feuerholz zu trocknen. Ihre Boote waren ein Gerüst aus stabilen Zweigen, über die ein Bisonfell gezogen wurde. Sie waren weder wendig noch besonders sicher. Wenn eine größere Welle kam, kippten sie manchmal um oder liefen voll. Für die Jungen war es ein großer Spaß, doch immer wieder kam es vor, dass ein Junge in das Treibgut geriet und ertrank.
Mato-wea schwieg, als sie an einem Stück Fleisch kaute. Ja, so ein großes Boot wäre keine schlechte Sache! Sie stand auf und folgte den beiden wieder auf das Feld. Jede Familie hatte ihr eigenes Feld, und so hatten sie bis zum Abend allen Mais abgeerntet und in das Erdhaus zurückgetragen. Ein Teil wurde am Kolben gelassen und getrocknet. Andere Körner wurden getrocknet und zu Mehl gemahlen. Das war schwere Arbeit, denn die Körner auf einem flachen Stein zu mahlen erforderte Geduld. All diese Arbeiten aber waren notwendig und wurden ohne zu klagen getan.
Manchmal schlenderte einer der Soldaten oder Trapper vorbei, doch die Frauen ignorierten die Fremden. Die Männer blieben auf Abstand, denn offensichtlich hatte Jean Chouteau ihnen untersagt, die Frauen zu belästigen. Der Anführer der Soldaten begleitete den Häuptling, als dieser am Nachmittag die anderen Dörfer besuchte. Die Krieger hatten dem Häuptling sein bestes Pferd gebracht, und Sheheke shote hatte es mit wertvollem Zaumzeug und prächtigen Satteldecken geschmückt. Er sah aus wie bei einer Parade, als er all die Häuptlinge zu den bevorstehenden Verhandlungen einlud. Selbst Pose-cop-sa-he, was übersetzt ungefähr „Schwarze-Katze“ bedeutete, der Häuptling des Dorfes auf der anderen Seite des Missouri, war zugegen, um über die Handelsbeziehungen zu sprechen. Das Dorf hieß Roop-tarhee, und Lewis und Clark hatten es bereits vor Jahren besucht. Wahrscheinlich stammte der Name „Schwarze-Katze“ von einem Übersetzungsfehler, und sollte eher „Schwarzer-Puma“ heißen, oder irgendein Händler hatte schon früher den Mandan ein Kätzchen geschenkt.
Die beiden Häuptlinge stritten um die Vormachtstellung und mochten sich nicht besonders. Durch die lange Abwesenheit von Sheheke shote sah nun Schwarze-Katze seine Position als angesehener Sprecher und Anführer gefährdet.
Sheheke shote, als Sprecher von Mitutanka, ignorierte diese Ansprüche. Die Weißen hatten ihn zum Häuptling erklärt, nicht wissend, dass es diese Führungsrolle so nicht gab. Sie lösten damit Rivalitäten und Kämpfe um die Vormachtsstellung aus. Jeder wollte beweisen, dass er die besseren Beziehungen zu den Weißen hatte. Auch Schwarze-Katze hatte bereits Verhandlungen mit den Hidatsa und Arikara aufgenommen, weil er Lewis und Clark beim Aufbau eines amerikanischen Handelsnetzwerks helfen wollte. Ihre Feinde, besonders die Ojibwe, Cree und Tituwan handelten mit der Hudson‘s Bay Company – also war es gut, neue Verbündete zu finden.
Als die Menschen sich am Abend an dem großen Platz einfanden, saßen die Häuptlinge bereits mit Chouteau und Henry zusammen. Ein Métis-Händler stand aufmerksam neben den Sprechern, um zu übersetzen. Gespannt saßen die Männer in zwei großen Kreisen auf ihren Decken, während sich die Frauen und Kinder dahinter einfanden. Zuerst erzählte Sheheke shote von seinen Erlebnissen auf der langen Reise. „Der Große Weiße Vater in Washington hat mich zum Essen eingeladen. Er lebt in einem Haus, das viele Male größer als unsere Hütten ist, und es ist so gebaut, dass drei Hütten übereinander stehen, die man über Stufen erreicht! Von diesem Haus führen Wege aus Stein wie die Strahlen des Morgensterns in alle Richtungen.“
Ein ungläubiges Raunen ging durch die Menge, und die Menschen schüttelten die Köpfe. Drei Hütten konnte man nicht übereinander bauen. Das wusste doch jeder!
Unbeirrt sprach Sheheke shote weiter: „Ich durfte mit einer Kutsche fahren. Das ist ein seltsames Ding, das vier große Reifen aus festem Holz hat und von Pferden gezogen wird. Es ist sehr seltsam, darin zu reisen, denn man sitzt nicht am Boden.“
Die Menschen schwiegen verunsichert und zeigten kaum eine Reaktion. Zu fremd waren die Dinge, die er beschrieb. „Die Weißen bauen viele dieser großen Hütten. Sie haben Dörfer und Wege aus Stein, und sie sind so zahlreich, dass man sie nicht zählen kann. Ihre Dörfer und Felder bedecken den Boden, und sie arbeiten mit Werkzeugen aus Eisen. Es ist gut, wenn wir von ihnen lernen können. Ich habe so viel gesehen, was ich vorher noch nie erblickt habe! Es wird viele Abende dauern, davon zu berichten. Die Amerikaner sind ein mächtiges Volk, viel mächtiger als die Briten im Norden. Sie wollen mit uns Handel treiben und suchen den Frieden mit uns. Doch hört selbst die Worte unserer Freunde!“ Er machte eine großzügige Handbewegung und gab das Wort an Jean Chouteau weiter.
Das Gesicht von Schwarze-Katze blieb ausdruckslos, obwohl es eine klare Herabsetzung war. Chouteau merkte davon nichts und trat in seiner eindrucksvollen Uniform vor. Mit salbungsvollen Worte, die von dem Méti übersetzt wurden, sprach er von einem ewig währenden Frieden. „Wir sind Verbündete, und als Verbündete werden wir euch im Kampf gegen eure Feinde unterstützen!“, versprach er zum Schluss.
Zum ersten Mal erhob sich Schwarze-Katze. „Und wie sieht diese Unterstützung aus?“, fragte er. Wieder ging ein Raunen durch die Menge, denn die Frage klang eher nach einer Herausforderung.
Chouteau ließ sich nicht beirren. „Wir bringen euch Waffen, damit ihr euch besser verteidigen könnt. Wir werden ein Papier aufsetzen, das euch zu Freunden der Amerikaner macht. Seht das Zeichen unseres Bündnisses!“ Er wickelte eine amerikanische Flagge aus und überreichte sie Sheheke shote. Dann ließ er eine weitere Flagge kommen und übergab sie Schwarze-Katze. „Wenn dieses Symbol über euren Dörfern weht, dann wissen alle Stämme, dass ihr mit uns verbündet seid! Sie werden zum Handeln kommen, und ihr werdet wichtige Partner sein.“
Schwarze-Katze machte eine abfällige Handbewegung. „Es kamen schon vorher Menschen, die uns diese Fahnen brachten und uns den Handel versprachen. Die Hidatsa und Arikara werden kommen, aber die Tituwan werden ihr räuberisches Leben fortsetzen.“
Chouteau wartete auf die Übersetzung und nickte dann voller Verständnis. „Es wird Zeit brauchen, aber eines Tages werden auch diese Stämme merken, dass es besser ist, sich mit uns zu verbünden.“
Schwarze-Katze kniff die Lippen zusammen. „Wir werden sehen.“
Am nächsten Tag ließ sich Schwarze-Katze über den Fluss rudern, was eher ein schlechtes Zeichen war. Die Weißen verluden frische Vorräte und machten sich für den Aufbruch bereit. Sie wollten noch vor dem Winter weiter den Strom hinauf und einen guten Platz für einen Handelsposten finden.
Mato-wea beobachtete diese Tätigkeiten mit Genugtuung. Die vielen fremden Menschen verunsicherten sie. Sie wollte mit der Tante noch Pilze und letzte Beeren sammeln, doch die Frauen trauten sich ohne Begleitung nicht aus dem Dorf. Die fremden Männer boten den Mädchen hübsche Sachen an und verschwanden dann mit ihnen hinter irgendwelchen Büschen. Es war nicht verboten, aber Mato-wea verstand nicht, warum die Männer nicht wirklich um ein Mädchen warben. Sie wollte nicht angesprochen werden, weil sie nicht wusste, wie sie sich verständlich machen konnte. Selbst das Baden am Morgen erschien ihr lästig, denn die Weißen respektierten offensichtlich die Badeplätze der Frauen nicht und stellten sich ungeniert dazu, um sie zu beobachten.
Mato-wea hüllte sich stets in eine Decke und zeigte so, dass sie kein Interesse hatte.
Ihre Cousine zeigte sich da unbesorgter, aber sie galt ja auch noch als Kind. Mato-wea nahm sie und die beiden Kinder stets zum Baden mit, weil ihr das am sichersten erschien. Sie wusch die beiden Nackedeis, kämmte ihnen die kurzen Haare, legte ihrer Cousine die Haare in ordentliche Zöpfe und kehrte dann schnell mit ihnen ins Dorf zurück. In Begleitung der Kinder erschien sie diesen Fremden offensichtlich nicht begehrenswert.
Kurz vor der Abreise der Expedition erschallte erneut der Warnruf durch das Dorf und kündigte ein weiteres Boot an. Es war ein kleineres Boot, das von einigen Weißen gerudert wurde und keinen Aufbau hatte. Es kam aus westlicher Richtung stromabwärts, also aus der anderen Richtung als die Boote der Expedition von Chouteau und Henry.
Laute Rufe klangen über das Wasser, als die Weißen sich schon aus einiger Entfernung begrüßten. Mato-wea stand da und beobachtete verwundert, wie das Boot anlegte und die Männer sich um den Hals fielen und manchmal sogar auf beide Wangen küssten. So etwas hatte sie noch nie gesehen! Immer mehr Menschen trafen ein und schauten sich das Spektakel an, das dort stattfand. Ein junger Mann mit lockigem braunen Haar und einem leichten Bart schien der Anführer zu sein. Er reichte dem anderen Anführer die Hand, und die beiden gingen an Bord eines der größeren Boote. Es war unhöflich, denn eigentlich hätte der Ankömmling zuerst mit dem Häuptling sprechen müssen. Sheheke shote stand bereits vor dem Dorf und versammelte die Männer hinter sich. Schweigend standen nun alle da und warteten mit ausdruckslosen Gesichtern auf die Begrüßung. Die anderen Männer, die an Land gesprungen waren, stellten sich ihnen gegenüber, und eine gewisse Spannung entstand.
Mato-wea gesellte sich zu den Frauen und wartete ab, was nun geschehen würde. Flüsternd spekulierten sie über die Absichten der Fremden. „Ob diese da auch handeln wollen?“, fragte Sisohewea leise.
„Da sind keine Soldaten dabei!“, stellte Mato-wea fest. Es stimmte. Während die Expedition von Chouteau aus Soldaten, Voyageuren und Trappern bestand, steckten die Ankömmlinge nur in praktischer Lederkleidung. Mato-wea dagegen fand die Uniformen der Soldaten, die aus blauen Jacken und hellen Hosen bestand, viel schöner. Sie dachte, dass jeder einzelne ein Anführer wäre.
Der Anführer der Trapper kam nun in Begleitung von Jean Chouteau, Andrew Henry und dem Méti wieder von Bord. Gemeinsam schritten sie zum Häuptling und begrüßten ihn in der Sprache der Mandan. Der Méti entschuldigte sich für die Unhöflichkeit, erst untereinander gesprochen zu haben, und erklärte es damit, dass die beiden Anführer nach ihm gesucht hätten, damit ihre Worte sogleich übersetzt wurden. Sheheke shote lächelte verbindlich und nickte erfreut. „Es ist gut, wenn unsere Worte verstanden werden!“
Mit einer Handbewegung lud er die drei ein, ihm ins Dorf zu folgen. „Lasst uns rauchen und dann sprechen.“ Er sagte nichts zu den anderen, sodass diese am Ufer stehen blieben und sich erst einmal nicht ins Dorf trauten. Etwas verdattert schauten sie ihrem Anführer nach, der sich kurz umdrehte und mit Handzeichen das Signal gab, dass sie sich nicht rühren sollten.
Mato-wea kicherte leicht und blieb ebenfalls stehen, um die Trapper weiter zu beobachten. So eine seltsame Begrüßung hatte sie noch nie erlebt. Es war, als würde eine Klapperschlange vor einer Maus sitzen und nicht wissen, ob sie zubeißen sollte. Genauso wie die Maus nicht wusste, ob sie lieber weglaufen sollte. Beide Parteien belauerten sich, ohne sich zu rühren. Erst nach einer ganzen Weile kam Sheheke shote mit seinen Gästen wieder heraus. Er wirkte sehr zufrieden und wandte sich nun an die Männer. „Die weißen Händler wollen Vorräte eintauschen. Nördlich von hier wird ein Handelsposten errichtet, zu dem wir kommen können, um Pelze zu tauschen. Diese Männer hier sind Freunde von Chouteau und Henry. Der Handelsposten wird von Manuel Lisa geführt, den wir alle kennen und mögen. Es sind ehrliche, gute Menschen!“
Die Menschen entspannten sich bei diesen guten Neuigkeiten. Die Frauen sahen zu, wie die Männer einige Ballen von Bord holten, um sie gegen Vorräte zu tauschen. Die Weißen wollten Bisonfleisch, und das hatten die Mandan zur Genüge. Einige Kinder kamen näher und wurden eingeladen, das Boot zu besichtigen. Vergnügt kletterten sie über die Ruder, tasteten nach den Tauen und Seilen und inspizierten das Innere des Bootes. Die Frauen näherten sich den Waren, die auf Decken angeboten wurden und gegen Fleisch und Mais eingetauscht werden sollten. Nachdem die Frauen den Mais selbst gepflanzt und geerntet hatten, bestimmten sie selbst, was sie dafür haben wollten. Energisch schickte die Tante Mato-wea los, um einen Korb zu holen. „Sieh nur, was es hier für schöne Dinge gibt!“, schwärmte sie.
Auch der Onkel kam, um sich an dem Tausch zu beteiligen. Er bot getrocknetes Fleisch an, für das er Pfeilspitzen, ein Messer und ein Beil erhielt. Die Tante suchte sich für den Mais einen bunten Schal und Perlen aus, mit denen sie ihr Kleid verzieren wollte. Sie waren auf Ketten gezogen, sodass man die Perlen auch als Kette tragen konnte, solange man sie nicht zum Sticken brauchte. „Sind die nicht schön?!“, freute sie sich. Sie kicherte leicht, als sie von dem Trapper auch noch einen kleinen Spiegel erhielt. Der Trapper schien das nicht ohne Hintergedanken zu machen, denn immer wieder streifte er Mato-wea mit einem flüchtigen Blick. Manchmal lächelte er sie auch an.
Mato-wea blickte dann immer zu Boden, denn diese Blicke waren ihr unangenehm. Was wollte dieser Mann von ihr? Er sprach ein paar Brocken Mandan und machte sogar Scherze. Es wirkte harmlos, denn inzwischen brachten mehr Menschen ihre Vorräte und tauschten sie gegen Kessel und manchmal sogar Waffen. Dann blieb ihr Herz stehen, als der Trapper einen besonderen Wunsch äußerte: Er wollte eine Frau eintauschen! Er kannte das richtige Wort nicht und behalf sich mit der Zeichensprache. Da war es eindeutig: Er suchte nach einer Frau! Der Onkel war sichtlich überrascht und hob verneinend die Hand. Er schien es für einen Scherz zu halten, doch der Trapper gab nicht auf. Wieder deutete er auf Mato-wea und wiederholte sein Angebot. Er lächelte freundlich und legte ein Gewehr auf die Decke – ein unglaublich wertvolles Geschenk!
Der Onkel konnte die Gier in seinen Augen kaum verbergen. Ein Donnerstock war ein Angebot, das kaum auszuschlagen war. Trotzdem legte er den Kopf schief und taxierte den Mann aus seinen schwarzen Augen. Würde dieser Mann seine Frau auch gut behandeln? Ein Gewehr war immerhin wertvoll genug, dass er die Nichte auch zurücknehmen würde, wenn sie den Mann verließ, aber er wollte trotzdem prüfen, ob der Mann großzügig war. „Was gibst du ihr?“, fragte er herausfordernd.
Der Trapper lächelte wieder und zog einen Kessel und eine schöne Decke hervor. Beides übergab er Mato-wea, die hilflos neben ihrer Tante stand, als der Handel besiegelt wurde. Die Tante nahm die Geschenke entgegen und lobte den Händler. „Sieh nur, was er dir schenkt!“
Mato-wea pochte das Herz. Sie bekam keine Luft, als ihr klar wurde, dass sie gerade mit dem Fremden verheiratet wurde. Ja, ihr Onkel hatte davon gesprochen, einen Mann für sie zu suchen, vielleicht sogar einen Weißen, aber dass es nun so schnell ging, erschütterte sie. Ihr Onkel kannte doch diesen Weißen gar nicht! Woher wollte er wissen, ob sie in gute Hände kam? Andererseits waren es wirklich wertvolle Geschenke, die zeigten, dass dieser Weiße sie gut versorgen würde. Ob er sie auf diesen Boot mitnahm? Würde er ihr noch mehr von diesen hübschen Stoffen und Perlen geben? Der weiße Trapper war jung und hatte ein nettes Lächeln, das zeigte, dass er vielleicht ein guter Ehemann wäre. Sie schluckte schwer, denn auch bei einem Ehemann der Mandan würde ihr Onkel entscheiden und auf ihre Gefühle wenig Rücksicht nehmen. Dieser Weiße war vielleicht keine schlechte Wahl, denn er schien ausgeglichen und freundlich zu sein.
Der Onkel machte das Zeichen für einen Vertrag, was die Heirat besiegelte. Er nahm das Gewehr und hielt es prüfend vor die Augen, dann sah er den Mann wohlwollend an. „Heute bist du mein Gast, und morgen wird Mato-wea mit dir gehen!“
„Bien!“, meinte der Trapper strahlend vor Freude. Er winkte einen Mann herbei, der weiter mit den Wartenden handeln sollte, während er sich dem Onkel anschloss, der ihn zu seiner Hütte führte.
Die Tante nahm Mato-wea an der Hand und führte sie ebenfalls ins Dorf zurück. Vielleicht hatte sie Angst, dass ihre Nichte einfach davonlaufen würde.
Mato-wea folgte der Tante wie betäubt und setzte sich auf die Frauenseite des Erdhauses. Die beiden Kinder spielten dort und verkrochen sich dann, als sie den Trapper in ihrem Haus sahen. Auch Sisohe-wea versteckte sich lieber bei den Kindern. Der Händler lächelte ihr freundlich zu und sah sich dann vorsichtig um. Dabei streifte er seine Braut immer wieder mit einem flüchtigen Blick. Vielleicht konnte auch er nicht ganz glauben, dass sie bald ihm gehören würde.
„Pierre!“, stellte er sich höflich vor. „Ich heiße Pierre DuMont!“
„Pär!“, wiederholte der Onkel, und alle lachten fröhlich.
Der Weiße hatte alle Mühe, die Namen der Familienmitglieder auszusprechen, nur bei Mato-wea gab er sich sichtlich Mühe. „Mato-wea!“, flüsterte er ohne Akzent. „Was bedeutet das?“, erkundigte er sich.
„Bärenfrau!“, zeigte der Onkel in Zeichensprache. „Ihre Mutter war eine große Heilerin, daher der Name.“
Pierre war etwas irritiert. „Du bist nicht ihr Vater?“
„Nein, Bruder von Vater!“, erklärte der Onkel. „Vater starb vor zwei Wintern! Mutter starb vor vielen Wintern.“
„Oh!“ Der Weiße zeigte ehrliche Betroffenheit. „Das macht mein Herz schwer!“
Mato-wea senkte den Blick und wurde ruhiger. Es war eine nette Geste, und das zeigte ihr, dass dieser Mann wohl nicht brutal sein würde. Trotzdem fürchtete sie sich. Sie kannte ihn nicht und wusste nicht, wohin er sie führen würde. Bisher kannte sie nur dieses Dorf und wusste nichts von der Welt der Weißen. Sie blieb mit ihren Gedanken allein, denn Onkel und Tante ließen sich zu gerne mit weiteren kleinen Geschenken verführen. Es wurde spät, ehe der Mann zu seinem Boot zurückkehrte. „Morgen!“, freute er sich.
„Morgen!“, bestätigte der Onkel den Vertrag.
Die Tante aber setzte sich zu Mato-wea und begann, das Bündel für ihre Nichte zu packen. Sie plapperte dabei unentwegt und gab ihr gute Ratschläge. „Nimm warme Kleidung mit und ein warmes Fell. Und sieh nur, was der Weiße dir für Geschenke gemacht hat!“
Auch der Onkel setzte sich dazu und nahm ihre Hand in die seine. „Er wird dir ein guter Mann sein! Er ist großzügig und freundlich. Bei ihm wirst du gut versorgt sein. Sei freundlich zu ihm, so wie wir es dich gelehrt haben; sei fleißig und schenke ihm Kinder.“
Mato-wea nickte gehorsam und versuchte die Angst zu kontrollieren, die in ihr hochstieg. Mit fahrigen Bewegungen suchte auch sie nach Dingen, die sie mitnehmen wollte. Dabei drehten sich die Gedanken in ihrem Kopf, sodass sie ihre Tante hilflos ansah. Ihre Tante nahm es nur als Aufregung vor der bevorstehenden Hochzeit und kicherte leise. „Mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut werden. Dieser Weiße wird dir ein guter Ehemann sein, denn er will ja gute Beziehungen zu uns haben.“
Die Nichte nickte getröstet. Ja, sie war teuer bezahlt worden! Sie war jung und hübsch und zudem gut erzogen worden. Sie würde diesem Mann eine gute Ehefrau sein. Es gab also keinen Grund, sie schlecht zu behandeln. Mit mehr Mut packte sie ihre Habseligkeiten und staunte über die Großzügigkeit ihrer Tante: Sie gab ihr Sehnen und Ahlen mit, suchte ein paar Ersatzmokassins heraus und überreichte ihr noch ein schönes Kleid für den Winter. Auch die Cousine verabschiedete sich auf ihre Weise und suchte einen bestickten Gürtel heraus. Die beiden Kinder aber verstanden nicht so ganz, was da vor sich ging. Mit großen Augen sahen sie, wie Mato-wea ihre Bündel packte. „Wo gehst du denn hin?“, wollten sie wissen.
Die Mutter nahm ihrer Nichte die Antwort aus dem Mund: „Mato-wea ist nun eine Frau. Sie heiratet und zieht mit ihrem Mann fort.“
Das kleine Mädchen hatte Tränen in den Augen und steckte den Daumen in den Mund. „Kommst du denn wieder?“, wollte es wissen.
„Bestimmt!“, meinte die Tante. „Sie kommt uns bestimmt besuchen.“
Mato-wea sah sie mit seltsamen Augen an. Es klang, als wäre es ein Abschied für immer.
Rache
Herbst 1809 bei den Tituwan
Wambli-luta blickte auf das Dorf der Palani, wie die Arikara von den Tituwan abwertend genannt wurden. Es gab auch andere Schimpfnamen für dieses Volk: Ree, Maisfresser … oder Erdlochbewohner. Die Tituwan sahen da keinen Unterschied zu den Mandan. Das Dorf der Feinde lag am Großen Schlammfluss, und eine einfache Palisade schützte es zur Landseite hin. Geringschätzig verzog Wambli-luta die Mundwinkel. Seine Wunden waren gut verheilt, und er gierte danach, es diesen Maisfressern heimzuzahlen! Sein Gesicht war gelb bemalt, und er trug nur einen einfachen Lendenschurz.
Die Arikara lebten ebenso wie Miwatani in Erdhäusern, deren Dächer über den Wall gut zu sehen waren. Im Überschwemmungsgebiet des Missouri lagen die Felder mit dem Mais, der kurz vor der Ernte stand. Mädchen und Kinder verjagten die Vögel, die sich bereits auf das Korn stürzten. Panik brach unter ihnen aus, als sie die herannahenden Reiter sahen. Wambli-luta ignorierte sie. Er hatte nicht vor, kleine Mädchen zu erschrecken! Er wollte den Kampf mit den Männern! Er sah auf Thimahel-okile, der den Kriegszug anführte. Dieser teilte die Männer in zwei Gruppen auf: Eine große Anzahl sollte unter Wambli-luta das Dorf angreifen, während er selbst die anderen Krieger zur Pferdeherde führen wollte. Sofort lösten sich einige jüngere Krieger, um den Frauen und Mädchen, die von den Feldern flohen, den Weg abzuschneiden. Sie erwischten zwei, die auf den entlegenen Feldern gearbeitet hatten, und töteten sie mitleidlos.
Ein Krieger erwischte ein Mädchen, das mit fliegenden Zöpfen vor ihm hergerannt war, und zog es zu sich auf das Pferd. Als sie sich wehrte, schlug er sie mit der Faust gegen die Schläfe, sodass sie in sich zusammensackte und wie leblos vor ihm auf dem Widerrist des Pferdes lag. Mit einem triumphierenden Schrei kehrte der Krieger um und galoppierte davon. Wambli-luta grinste breit, denn den Feinden die Frauen zu rauben, war eine gute Sache. Es nahm ihnen die Medizin und die Kraft.
Thimahel-okile befahl den Angriff, und auch Wambli-luta hob seine Keule und begann seinen Ritt gegen das Dorf. An die fünfzig Krieger folgten ihm, als er im halsbrecherischen Galopp den Hügel hinunterpreschte und gegen die Palisade ritt. Qualm stieg auf, als die Ree mit einer Salve aus ihren Gewehren antworteten. Sie richtete nicht viel Schaden an, denn einen Mann auf einem sich schnell bewegenden Pferd zu treffen, war reine Glückssache. Zwei Männer erlitten leichte Verletzungen, was sie aber nicht hinderte, den Angriff fortzusetzen. Sie schienen eher noch entschlossener zu sein und hieben ihren Ponys die Fersen in die Flanken. Das war auch sinnvoll, denn das Nachladen dauerte einen Augenblick. Wieder blitzte es auf, und neben Wambli-luta wurde ein Pferd getroffen. Der Reiter rollte über den Boden, rappelte sich auf und setzte den Angriff zu Fuß fort. Mit langen Sätzen erreichte er den Wall, kletterte hinüber und hieb auf den ersten Palani ein. Wambli-lutas Pferd setzte zum Sprung an und flog mit einem gewaltigen Satz über eine provisorische Stelle in der Palisade. Sie war hier nicht hoch. Immer in einigen Abständen waren Pfosten in den Boden gegraben worden, die einfach in den Zwischenräumen mit Ästen und Zweigen verstärkt worden waren. So etwas hielt vielleicht ein wildes Tier ab, aber sicherlich keine zu allem entschlossenen Angreifer.
Wambli-luta hieb mit seiner Steinkeule auf einen Mann ein, der sich ihm tapfer in den Weg stellte. Blut spritzte nach allen Seiten, dann brach der Mann wie vom Blitz getroffen zusammen und fiel zu Boden. Wambli-luta setzte seinen Angriff fort und preschte in das Dorf, in dem nun Frauen und Kinder schreiend die Flucht ergriffen. Einige versteckten sich in den Hütten, doch die Angreifer folgten ihnen und erschlugen sie mit ihren Keulen. Manchmal ließen sie Gnade walten, wenn ein Kind sich unter den Fellen oder Bettgestellen versteckte. Aber Frauen, die sich mit ihren Messern verteidigten, wurden ausnahmslos getötet. Die Tituwan wollten Rache für ihre getöteten Kinder und Männer. Es war schrecklich und glich in keiner Weise den ruhmhaften Heldentaten, die Wambli-luta sich vorgestellt hatte. Er konnte es nicht ändern, denn jeder Krieger tat, was ihm beliebte. Er dagegen suchte sich tapfere Männer als Gegner und erlaubte es, dass Frauen und Kinder fliehen konnten. „Wir kämpfen gegen Männer!“, rief er herausfordernd.
Inzwischen war es den Arikara gelungen, eine Verteidigungslinie innerhalb des Dorfes zu errichten. Sie gingen hinter zwei Erdhäusern in Deckung und kämpften mit dem Mut der Verzweiflung, um die Flucht der Frauen und Kinder zu decken. Das half zwar nicht denjenigen, die in den Hütten Zuflucht gesucht hatten, die nun von den Tituwan verwüstet wurden, doch die anderen hatten inzwischen den Missouri erreicht und retteten sich in ihren Bullbooten oder schwimmend an das andere Ufer. Einige Krieger gingen dort in Stellung und verhinderten, dass die Tituwan ihnen über den Fluss folgten. Nicht alle schafften es, denn die Krieger erreichten eines der Boote und hieben auf die Menschen darin ein. Eine Frau schrie gellend, als ihr Baby ins Wasser fiel und fast unter die Hufe eines Pferdes kam. Zwei weitere Kinder kippten mit dem Boot um und trieben hilflos im Wasser. Die Krieger töteten die Frau, dann griff einer nach dem Baby und zog es aus dem Wasser. Nach einem prüfenden Blick galoppierte er mit dem Kind im Arm davon. Die beiden anderen Kinder tauchten immer wieder unter, als sie paddelnd versuchten, das andere Ufer zu erreichen. Es war weit, und dazwischen hatte der Missouri eine größere Strömung. Die Kinder wurden schneller und trieben weiter ab, sodass sie aus der Kampfzone getragen wurden. Immer wieder wurden sie unter Wasser gedrückt, bis sie schließlich ganz in den schlammigen Fluten verschwanden. Vom anderen Ufer stürzte sich schließlich ein Mann ins Wasser und versuchte von dort die Kinder zu erreichen. Er schaffte es, eines an die Wasseroberfläche zu ziehen, doch das andere Kind blieb verschwunden. Die Tituwan ritten herbei, doch ihre Pfeile und Schüsse richteten keinen Schaden mehr an. Sie riefen Schmährufe und Beleidigungen gegen die Männer auf der anderen Seite, die von ebensolchen Rufen beantwortet wurden.
Im Dorf ging der ungleiche Kampf weiter. Einige Hütten waren überrannt und die Menschen darin niedergemetzelt worden. Die meisten Hütten lagen völlig in der Hand der Tituwan, die diese Überlegenheit gänzlich ausnutzten. Aus einer drang Wehklagen, als ein Krieger ein junges Mädchen unter einigen Fellen hervorzerrte und schließlich mit gefesselten Händen hinausführte.Eine ältere Frau war vor ihren Augen erschlagen worden, sodass ihr Klagen geradezu hysterisch wurde. Die Augen des Mädchens waren groß vor Angst und Pein, als sie zu den anderen Gefangenen gestoßen wurde, die mit Schlägen und Tritten vorwärtsgetrieben wurden. Ein Krieger ritt heran und drückte einem Mädchen ein Kind in die Arme, das er wohl mitnehmen wollte. Zwei Männer trieben die Gefangenen zur Eile an und verließen mit ihnen das Dorf. Die Krieger der Palani machten verzweifelte Anstalten, ihre Angehörigen zu befreien, aber die Tituwan ließen sie nicht durch. Immer wieder fielen Schüsse, und die Kriegsschreie nahmen nicht ab. Jeder Krieger wollte sich nach dem Kampf mit seinen Taten brüsten, und so ging der Kampf mit rücksichtsloser Härte weiter.
Wambli-luta verließ mit einigen Kriegern das Dorf und wandte sich einem weiteren Ziel des Angriffs zu: der Pferdeherde. Die meisten Tituwan hatten das Dorf längst verlassen und sich weiter stromaufwärts begeben, wo sich die Pferdeherde befand. Dort war unter der Führung von Thimahel-okile ein heftiger Kampf entbrannt, denn die Arikara versuchten, die Herde in Sicherheit zu bringen. Ein Teil schwamm bereits über den Missouri, doch die anderen Tiere waren von der Herde abgeschnitten worden. Die Ree kämpften verzweifelt gegen die Übermacht, die über sie herfiel, dann versuchten sie ihr Heil in der Flucht. Unter den triumphierenden Rufen der Tituwan zogen sie sich zurück und überließen die restlichen Tiere den Feinden. Wambli-luta war einer der Letzten, die noch am Ufer standen und ihre Pfeile den Fliehenden hinterherschickten. Er traf einen Krieger in den Rücken, dann wendete er das Pferd und galoppierte neben den anderen Männern her. Mit Rufen und Schreien trieben sie die erbeuteten Tiere vor sich her, die mit angelegten Ohren und rollenden Augen über die Prärie jagten. Was für ein Raub!
Wambli-luta fühlte, wie sein Blut durch die Adern rauschte und er sich in dem Gefühl des Sieges sonnte. Hokahey! Was für ein Sieg! Die Tituwan würden noch lange Lieder über diesen Sieg singen! An seiner Seite sah er wieder Thimahel-okile, der ihm ein übermütiges Grinsen schenkte. „Wir haben gesiegt!“, schrie dieser mit überschnappender Stimme.
Wambli-luta gab den Siegesschrei zurück: „Wir haben gesiegt!“ Ja, sie hatten ihre Toten gerächt! Sie hatten die Ree besiegt! Zufrieden sah er auf die Frauen und Kinder, die klagend in die Gefangenschaft geführt wurden. Er schluckte Staub, als die geraubten Pferde vorbeigetrieben wurden. Ihre Kriegs-Medizin war gut gewesen! Er verschwendete keinen Gedanken daran, dass dieser Angriff wiederum Racheaktionen der Ree nach sich ziehen würde. Er war Tokala, und es war seine Pflicht, das Volk zu schützen. Wenn sie kamen, wäre er bereit! Er fühlte den Triumph des Sieges, der durch sein Blut rauschte, und es fühlte sich gut an. Nun galt es, ohne weitere Verluste nach Hause zurückzukehren und den Sieg auszukosten
Die Krieger trieben die Pferde über die hügelige Prärie und gönnten sich keine Pause. Sie befürchteten, dass die Palani sich sammeln und ihnen nachsetzen würden. Diese Sorge war nicht unbegründet, doch die Ree hatten so viele Verluste erlitten, dass sie vermutlich erst ihre Toten bestatten würden, ehe sie ihnen nachsetzen würden. Als es dunkel wurde, sammelten sich die Tituwan in einem Tal und hatten zum ersten Mal Zeit, ihre eigenen Verluste zu zählen. Zwei Männer waren verwundet, konnten aber noch reiten. Drei Männer wurden vermisst, und die Krieger gingen davon aus, dass sie getötet worden waren. Das minderte den Siegesrausch, denn man brachte Trauer zurück ins Dorf.
Thimahel-okile erkundigte sich, ob jemand gesehen hätte, dass die Männer gefallen waren. Ein Mann namens Gefleckter-Hund erzählte, dass er einen der Vermissten am Wasser gesehen hätte, als er das Baby herausgezogen hatte. „Ich sah, wie Krummes-Bein davongaloppiert ist. Vielleicht kommt er noch?“
„Er wurde nicht getroffen?“ Der Anführer sah den Krieger mit ernstem Gesicht an.
„Nein!“
Ein anderer Mann berichtete, dass einer seiner Freunde durch einem Schuss vom Pferd geworfen worden war. „Ich wollte zu ihm und ihm helfen, wurde aber von zwei Palani bedrängt. Dann habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
„Hohch!“, knurrte Thimahel-okile unterdrückt. „Vielleicht haben diese Maisfresser ihn erwischt und martern ihn nun über ihren Feuern.“
„Oder er konnte flüchten!“, hoffte Wambli-luta.
„Wir sollten zurückkehren und nach ihm sehen. Wir dürfen unsere Freunde nicht in den Händen der Palani lassen.“ Thimahelokile sah auffordernd von einem zum anderen. „Wer begleitet mich?“
Einige Krieger stimmten sofort zu. Auch Wambli-luta meldete sich sofort. Er war Tokala und es wurde von ihm erwartet. Außerdem machte er sich Sorgen um seinen Cousin. Krummes-Bein gehörte zu seinen besten Freunden, und er befürchtete, dass er gefallen sein könnte. Zehn weitere Krieger äußerten spontan, dass sie den Anführer erneut begleiten würden. Der Angriff war ein voller Erfolg gewesen, und sie vertrauten seiner guten Medizin. Schnell wurde beschlossen, dass ein Teil der Krieger die erbeuteten Pferde und die Gefangenen ins Dorf zurückbringen sollten, während die anderen am Morgen zurückreiten würden, um nach den Vermissten zu suchen.
„Vielleicht tauchen sie ja noch auf?“, hoffte Wambli-luta. Der Platz für ihr Nachtlager war bekannt und als Treffpunkt ausgemacht worden.
Die Nacht verlief unruhig, denn die Männer befanden sich noch im Rausch des Kampfes und konnten kaum die Augen schließen. Kurz vor der Morgendämmerung horchten die Krieger auf, denn sie konnten in der Ferne den Hufschlag eines Pferdes hören. Einige Wachposten gaben Entwarnung, und kurze Zeit später ritt ein reichlich müder Krieger mit einem schlafenden Baby im Arm in das Lager. Es war Krummes-Bein! Die anderen umringten ihn und nahmen ihm das Kind aus den Armen. „Wo warst du so lange?“, wollte Wambli-luta wissen. „Ich habe mir Sorgen gemacht!“ Krummes-Bein ließ sich vom Pferd gleiten und hob die Hände. „Ich musste mich verstecken, weil sie mich fast erwischt hätten. Ich konnte erst weiter, als es dunkel war.“
Thimahel-okile legte nachdenklich den Kopf schief. „Sind sie dir gefolgt?“
„Nein, ich habe nichts gehört. Sie sind im Dorf und trauern um ihre Toten!“
„Hast du gesehen, ob sie einen von uns gefangengenommen haben?“
Wieder schüttelte Krummes-Bein den Kopf. „Nein. Ich konnte das Dorf sehen. Sie haben ihre Wut an niemandem ausgelassen. Sie haben ihre Toten geholt und Trauergesänge gesungen. Haben auch wir Verluste erlitten?“ Der Mann sah sich mit großen Augen um.
Thimahel-okile kniff fragend die Augen zusammen. „Wir vermissen Habicht-der-am-Boden-geht und Guter-Bär. Hast du sie gesehen?“
Das Gesicht von Krummes-Bein verdüsterte sich. „Ja! Ich sah, wie Guter-Bär fiel. Er ist tot. Habicht-der-am-Boden-geht müsste auch bald kommen. Er hatte kein Pferd und machte sich zu Fuß auf den Weg. In der Dunkelheit sieht ihn bestimmt niemand! Wir sollten ihm einen Reiter entgegenschicken.“
Thimahel-okile nickte zustimmend und machte eine gebieterische Handbewegung, woraufhin zwei junge Krieger sich sofort mit ihren Pferden auf den Weg machten. Stille breitete sich aus, als die Männer an Guter-Bär dachten. Er war ein Lanzenträger der Tokala gewesen. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Wambli-luta schluckte schwer, denn Guter-Bär war einer seiner Freude gewesen. Er fühlte Wut in sich, aber auch eine tiefe Trauer. Der Sieg hatte nun einen bitteren Beigeschmack. Aber sein Freund hatte tapfer gekämpft und so war es ein guter Tod gewesen. Wambliluta richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Cousin, der sich das Kind geben ließ.
„Was hast du mit ihm vor?“, fragte Thimahel-okile.
„Es ist ein kleiner Junge. Ich gebe ihn einer Familie, die einen Verlust erlitten hat. Er wird einmal groß und stark werden, und unserem Volk zur Zierde gereichen.“
Etwas skeptisch musterten die Männer das Bündel, das einen eher hilflosen Eindruck vermittelte. Der kleine Junge, der noch keinen Winter zählte, war vor Erschöpfung eingeschlafen. Sein Gesicht war tränennass, und im Schlaf hatte er etwas Schluckauf, was die Männer zum Lachen reizte.
„Gib das Kind einer der Gefangenen!“, meinte Thimahel-okile. „Sie soll sich darum kümmern.“
Krummes-Bein humpelte zu den Frauen, die still in einem engen Kreis hockten und sich in ihr Schicksal ergeben hatte. Ein Mädchen sah auf, als er sich näherte, und rückte etwas weg, als wollte es vor ihm davonlaufen. Der Mann gab ihr zu verstehen, dass er ihr nichts tun würde, und drückte ihr das Kind in die Arme. „Du achtest auf ihn!“, befahl er mit Gesten. „Dann geschieht dir nichts!“ Mit diesen Worten humpelte er wieder zurück. Ein Bison hatte letzten Sommer sein Bein aufgeschlitzt und die Sehnen verletzt, sodass er seitdem ein Bein etwas nachzog. Es hinderte ihn jedoch nicht beim Reiten, und seine Kampfkraft wurde nach wie vor sehr geschätzt.
Am frühen Morgen kehrten die beiden Krieger, die nach Habichtder-am-Boden-geht sehen sollten, in Begleitung des Kriegers zurück. Er hatte eine Schussverletzung, die nur notdürftig versorgt worden war. „Hohch!“, stöhnte er, als er vom Pferd glitt. Sein Gesicht war grau vor Schmerzen. Sogleich kümmerte sich ein Mann um ihn, der Kenntnisse hatte, wie man solche Verletzungen behandelte. Die Wunde war sauber, aber tief. Zum Glück blutete sie nicht mehr, sodass der Heiler einige schmerzstillende Kräuter darauf presste und dann den Arm in eine Schlinge legte, um ihn ruhigzustellen. Mehr konnte man im Moment nicht tun. Die Krieger konnten auch keine große Rücksicht auf ihn nehmen, denn sie mussten aufbrechen, um einer möglichen Verfolgung vorzubeugen.
Die Gefangenen wurden hochgetrieben und auf Pferde gesetzt. Um eine Flucht zu verhindern, wurden ihnen die Beine unter den Bäuchen der Pferde zusammengebunden und die Hände gefesselt. Drei kleine Kinder wurden Knaben mitgegeben, die sonst die Aufgabe hatten, Wasser zu holen oder die Pferde anzutreiben. Die Kinder weinten leise, als die Jungen sie mit wenig Begeisterung vor sich auf dem Pferd hielten. Auch das Baby weinte leise, und konnte von dem jungen Mädchen kaum beruhigt werden.
Sie war nicht unerfahren, hatte aber nichts, um den Hunger des Kleinen zu stillen. Krummes-Bein ritt heran und drückte dem Mädchen etwas Trockenfleisch in die Hand, damit sie es weichkauen und dem Kind geben konnte. Außerdem gab er ihr eine Kalebasse mit Wasser, damit der Junge trinken konnte. Er war wohl noch die Brüste seiner Mutter gewöhnt, hatte aber so einen Durst, dass er gierig das Wasser trank, das sie ihm anbot. Krummes-Bein lächelte wohlwollend und gab auch dem Mädchen etwas zu essen. Sie wagte kaum, den Blick zu heben, so sehr fürchtete sie sich vor dem, was ihr wohl im Dorf der Feinde geschehen würde.
Krummes-Bein scherte sich nicht darum. Er verzichtete darauf, sie zu fesseln, damit sie sich um das Baby kümmern konnte, und zeigte ihr mit einer klaren Handbewegung gegen den Hals, was geschehen würde, wenn sie einen Fluchtversuch unternähme. Dann überließ er sie der Obhut der Knaben und folgte den anderen, als diese die geraubten Pferde in Bewegung setzten. Einige Krieger wurden zurückgeschickt, um die Bewegungen der Feinde zu beobachten. Dann ging es in westlicher Richtung über karge Hügel, die nur mit Präriegras bedeckt waren und oft genug nur den erodierten Fels zeigten. Der Wind blies kräftig und jagte weiße Wolkenfetzen über den strahlendblauen Himmel. Dann kehrten die Krieger zurück zu den vielen Windungen des Chanshushka-Flusses, des Grand-Flusses, an dessen Ufern immer wieder Laubbäume wuchsen. Der Name kam von dem süßen Saft der Bäume, der gerne von den Frauen gesammelt wurde, um das Fleisch und die Suppen zu süßen. Die bewaldeten Flussläufe waren nicht ganz ungefährlich, denn hier gab es nicht nur Biber, sondern auch Grizzlys.
Nach drei Tagen drehten sie nach Norden ab und folgten mehreren Bachläufen, die sich durch die Landschaft schlängelten. All die Zeit machten sie kaum Pausen, sodass die Gefangenen an den Rand der Erschöpfung kamen. Besonders dem Baby ging es schlecht. Das Mädchen hatte nichts, womit es das Kind warm halten konnte, und es hatte auch keine Zeit, ihm die Windel zu wechseln oder saugfähiges Material zu sammeln, was dazu führte, dass das Kind einen Hautausschlag bekam. Der kleine Junge greinte leise und kratzte sich den Kopf blutig, weil ihn die Moskitostiche plagten. Niemand kümmerte sich darum. Erst mussten alle in der Sicherheit des Dorfes sein. Auch dem Verwundeten ging es schlecht. Er hing nur noch auf seinem Pony, und die Männer überlegten, wann sie ihm wohl ein Schleppgerüst bauen mussten. Von den Ree war nichts zu sehen. Aber sie hatten so oft Flussläufe überquert oder felsige Passagen überwunden, dass sie vermutlich längst jede Spur verloren hatten.
Alle waren froh, als sie endlich an einem klaren Bach das große Sommerlager fanden. Die Gruppen hatten sich noch nicht getrennt, um in kleineren Verbänden den Winter zu überstehen. Sie hatten auf die Rückkehr der Krieger gewartet! Einige Jungen hatten die Heimkehrer inzwischen entdeckt und sprengten auf ihren Ponys ins Dorf zurück, um die frohe Kunde zu verbreiten. Frauen und Kinder liefen zusammen und stießen Jubelrufe aus, als sie die große Pferdeherde sahen, die von den Männern herbeigetrieben wurde. Die Krieger kehrten siegreich heim! Männer ritten ihnen entgegen und begrüßten Freunde und Familienangehörige. Die Stimmung wurde etwas gedrückt, als sie erfuhren, dass Guter-Bär nicht mehr unter ihnen weilte. Trotzdem war es ein überwältigender Sieg, sodass die Männer mit Trällern und Rufen begrüßt wurden. Einige Frauen kümmerten sich sofort um den Verletzten, der in sein Zelt getragen wurde. Andere Frauen hatten die Gefangenen entdeckt und gingen mit Steinen und Stöcken auf die Erbarmungswürdigen los. Die Knaben schnitten ihnen die Fesseln durch und trieben die Frauen und Kinder mit Peitschenhieben in die Mitte des Dorfes, wo sie verhöhnt und verspottet wurden. Man würde später entscheiden, was mit ihnen geschah.
Die siegreichen Männer aber bereiteten sich auf den Waktegli, den Siegestanz, vor. Sie hatten gekämpft und getötet, und nun sollte das Volk erfahren, welche Heldentaten jeder einzelne vollbracht hatte.
Die geraubten Pferde wurden in die Mitte des Dorfes getrieben und dort von den Anführern gerecht an die Krieger verteilt, wobei Habicht-der-am-Boden-geht ein Pferd mehr erhielt, weil er am schwersten verletzt worden war. Auch die Familie von Guter-Bär wurde bedacht, denn der Verlust des Sohnes war ein hoher Preis.
Als später die Feuer brannten und ein Festessen verteilt wurde, fanden sich die Menschen ein, um dem Waktegli zuzusehen, bei dem die Krieger über ihre Taten berichteten. Sie durften nur wahre Dinge erzählen, die von den anderen auch bezeugt wurden. Manche Dinge wurden dabei lieber nicht erzählt, denn Kinder vor den Augen der Mutter niederzumetzeln war auch in den Augen der Tituwan keine Heldentat. Die Krieger tanzten die Begebenheiten und stellten mit dramatischen Bewegungen und stampfenden Füßen ihre Erlebnisse dar.
Wambli-luta tanzte, wie er mit dem Pferd über den Wall gesprungen war und einem Feind den Schädel gespalten hatte. Dann führte er aus, wie er gegen einen anderen gekämpft hatte. Es war wahrhaft mutig gewesen, und die Menschen stießen bewundernde Rufe aus. Es war der Taten eines Tokala würdig. Er achtete er seine Vision, die ihm klar gesagt hatte, dass Kinder, egal welchen Volkes, heilig waren und geschont werden mussten.
Krummes-Bein trat vor und bestätigte seine Aussagen: „Ich sah, wie dieser Mann tapfer gekämpft hat. Seine Worte sind wahr!“
Auch die Geschichten der anderen fanden Bewunderung. Die Stimmung war aufgeheizt, sodass auch das Töten von Frauen und Kindern gewürdigt wurde, denn die Menschen fanden es gerecht, nachdem auch ihre eigenen Kinder getötet worden waren. Schließlich erinnerte man sich an die Gefangenen und zerrte sie herbei, um über deren Schicksal zu bestimmen. Zum ersten Mal jammerten die gefangenen Frauen, denn sie erkannten, dass es nun um sie ging. Ihre Augen flackerten furchtsam, als sie darauf warteten, was mit ihnen geschehen würde. Ihr Wehklagen besänftigte die Menschen, sodass die Stimmung nicht mehr so aggressiv war. Einige empfanden sogar eher Mitleid. Nur die Familie von Guter-Bär ließ ihren Gefühlen um den getöteten Sohn freien Lauf. Mit einem Messer in der Hand schritt die Mutter zu den Gefangenen und hackte wahllos auf sie ein. Die Kinder schrien vor Angst, und die Frauen hielten die Arme hoch, um sich vor der Attacke zu schützen. Niemand schritt ein. Niemand hielt die Frau zurück. Es war ihr gutes Recht. Dann hatte sie genug und ging wieder zu den anderen Frauen. Sie hatte niemanden getötet, sodass nun alle wieder auf die Gefangenen blickten und abwarteten, was geschehen würde.
Als Erster trat Krummes-Bein hervor, der das Baby für sich forderte. „Ich möchte ihn als Sohn adoptieren.“
Niemand fragte, wie er sich um ihn kümmern wollte, denn er hatte eine große Familie, die sich über das Kind freuen würde. Alle nickten zustimmend, nur der kleine Junge wehrte sich nach Kräften. Als Krummes-Bein vortrat, um ihn auf den Arm zu nehmen, zappelte er wie wild und klammerte sich an dem Mädchen fest. Auch das Mädchen drückte das Kind schützend an sich und weinte zum Herzerweichen. Ihr schmaler Körper schlotterte vor Angst und Entsetzen. Der Krieger stutzte kurz, doch anstatt zornig zu werden, lächelte er freundlich. Dieses Mädchen hatte sich gut um das Kind gekümmert! Es berührte sein Herz, und so traf er eine zweite Entscheidung. Mit seiner Hand deutete er auf das Ree-Mädchen und erhob seine Stimme. „Ich nehme dieses Mädchen zu meiner Frau. Sie hat sich gut um das Kind gekümmert, und so wird sie meinen zukünftigen Kindern eine gute Mutter sein. Sie ist jung genug, um zu lernen, was eine gute Lakota-Frau wissen muss, und meine Familie wird sie mit offenen Armen empfangen.“
Als niemand widersprach, führte Krummes-Bein die beiden in sein Zelt. Das Mädchen folgte ihm willig und schien froh zu sein, dass es nun irgendwo hingehörte. Sie hatte sicherlich nicht verstanden, dass der Krieger sie zu seiner Ehefrau erklärt hatte und sie damit dem Schutz seiner Familie unterstand. Es würde keine weiteren Misshandlungen mehr geben.
Die Familie von Guter-Bär trat nun vor und forderte ebenfalls einen kleinen Jungen für sich. „Unser Sohn wurde getötet. Nun soll dieses Kind unseren Verlust ersetzen.“
Auch diese Entscheidung war nicht ungewöhnlich, und so stimmten alle zu. Die anderen beiden Kinder fanden ebenfalls schnell Familien, die sie aufnehmen wollten. Schwieriger wurde es nun mit den letzten vier Frauen. Sie sahen ungepflegt und abgekämpft aus, waren vor Furcht wie gelähmt, sodass sie wenig begehrenswert erschienen. Die Männer, von denen sie gefangen genommen worden waren, wollten sie nicht und boten sie anderen an Zwei waren recht jung, sodass sich schließlich zwei Krieger bereitfanden, sie als Zweitfrauen zu nehmen. Ihre Ehefrauen schienen nicht so begeistert zu sein, denn sie schlugen auf die vermeintlichen Nebenbuhlerinnen ein, damit diese gleich wussten, dass sie nichts zu melden hatten. Eine Frau, die anscheinend ein Kind trug, wurde einem älteren Mann als Hilfe gegeben, der sich schon genüsslich die Lippen leckte und der Frau an die Hüften fasste. Alle lachten und machten Scherze, dass sein Samen die Frau wohl schon im Flug erfasst hatte.
Die letzte Frau wurde von Mato-ska-cikala gefordert, der sie auch geraubt hatte. Als Anführer und Häuptling eines Tiyoshpayes hatte er oft Gäste, die bewirtet werden mussten. Die Ree-Frau sollte der Frau von Mato-ska-cikala bei der schweren Arbeit helfen, denn diese hatte gerade ein Mädchen geboren und war mit dem Säugling beschäftigt. Außerdem lebte noch ein kleiner Junge im Zelt.
Die Frau des Häuptlings mit Namen Wasserlilie war froh über die Unterstützung und begrüßte die neue Frau freundlich. Sie zog sogleich ein einfaches, aber sauberes Kleid hervor und erlaubte der Frau, zum Fluss zu gehen und sich zu waschen. Danach wirkte die Frau wesentlich ansehnlicher und der Häuptling der Gruppe war mit der Entscheidung sehr zufrieden. Solange seine Frau den Säugling stillte, konnte er sich nicht zu ihr legen, da wäre die zweite Frau von Vorteil. Wasserlilie hatte wohl den gleichen Gedanken, denn sie sorgte dafür, dass die Gefangene gut behandelt wurde. Sie war jung und schien noch keine Kinder geboren zu haben. Es war zu früh, die Frau solche Dinge zu fragen, und so erkundigte sie sich nur nach dem Namen. „Pah-Sapat“, antworte die Frau schüchtern. „Mondfrau“, zeigte sie in Zeichensprache.
„Hanhepi-win!“, übersetzte Wasserlilie den Namen ins Lakota.
Sie würde dafür sorgen, dass die fremde Frau schnell die wahre Sprache lernte und eine gute Lakotafrau wurde.
Im Zelt von Krummes-Bein saß das Mädchen mit dem Baby auf dem Schoß an der Frauenseite des Zeltes und wartete voller Angst ab, was nun geschehen würde. Sie hatte die Schrecken nicht vergessen und fürchtete sich vor diesen Menschen. Eine ältere Frau, die wohl die Mutter des Kriegers war, schenkte dem Baby ein Lächeln und schäkerte mit ihm. Das Kind drückte das Gesicht in das Kleid des Mädchens und klagte leise.
Zum ersten Mal fiel dem Mann auf, dass es dem Kind schlecht ging. Er redete mit seiner Mutter, die ein erschrockenes Gesicht machte. Behutsam setzte sie sich zu den beiden und ließ sich mit einem freundlichen Lächeln das Kind geben. Der kleine Junge wollte nicht zu der fremden Person und wehrte sich. Trotzdem konnte die Frau sehen, dass das Kind einen Ausschlag am Po hatte und von entzündeten Insektenstichen geplagt wurde. „Eieiei …“, schimpfte sie leise vor sich hin. „Und das soll nun mein Enkelsohn sein? Der ist ja nur noch Haut und Knochen. Und sieh nur dieses dürre Mädchen. Wie soll so ein Schatten meine Schwiegertochter sein?“
Krummes-Bein lachte gut gelaunt, als er auf die beiden blickte. Er wusste auch nicht so genau, warum er sie in sein Zelt genommen hatte. Er hatte sich schon lange einen Sohn gewünscht, doch mit seiner Verletzung hatte er es nicht gewagt, um ein Mädchen zu werben. Wie sollte er eine Familie versorgen, wenn das Bein lahm blieb? Doch inzwischen hatte er sein Selbstvertrauen wiedergefunden und konnte daran denken, eine Familie zu gründen. Das Schicksal hatte offensichtlich anderes mit ihm vor, denn die beiden Ree waren ihm einfach in den Schoß gefallen. Das Mädchen war noch jung und völlig verschreckt, aber mit etwas Geduld würde sie eine gute Ehefrau werden.
„Kümmere dich bitte um die beiden. Der Weg war lang und beschwerlich. Wir hatten keine Zeit, Rücksicht auf die Gefangenen zu nehmen.“
„Ist das Baby der Bruder des Mädchens?“, fragte die Mutter.
Krummes-Bein schüttelte den Kopf. „Nein, ich rettete ihn aus dem Wasser. Dann gab ich ihn dem Mädchen, damit sie auf ihn aufpasst. Sie war gut zu ihm, also habe ich beschlossen, sie auch in mein Zelt zu nehmen. Sie wird meinen Kindern eine gute Mutter sein.“
Die Mutter blickte etwas skeptisch auf das Mädchen und nörgelte leise vor sich. „Eieiei … nur Haut und Knochen. Der muss ich erst einmal das Fett in der Suppe geben, damit sie etwas auf die Hüften bekommt. Und wie soll ich mit ihr reden? Sohn, hast du dir das überlegt?“
Krummes-Bein warf ihr einen strengen Blick zu und brachte sie damit zum Schweigen. „Sei froh, dass du nun eine Schwiegertochter hast, die sich um dich kümmert! Sie ist jung und kräftig. Was willst du überhaupt?“
„Nichts, nichts!“, wehrte die Mutter besänftigend ab. „Ich hole schnell Salbe für den Jungen. Außerdem braucht er etwas zu essen.“
„Sehr gute Idee!“, lobte Krummes-Bein die Initiative seiner Mutter. „Behandle die beiden gut, damit sie das Geschehene bald vergessen.“
Er streifte das Mädchen noch mit einem letzten Blick und verließ das Zelt, um mit den anderen den Sieg zu feiern. Er fühlte sich stark und empfand wieder die alte Kraft und Zuversicht, mit denen er den anderen Männern entgegentrat. Von einem Tag auf den anderen konnte er sich mit einem Sohn und einer Ehefrau rühmen. Das fühlte sich gut an.
Wambli-luta grinste breit, als Krummes-Bein zu ihm ins Zelt schlüpfte. „Bleibst du nicht bei deiner jungen Ehefrau?“
Auch Gebrochene-Lanze und Hübsche-Nase blickten interessiert hoch, als der entfernte Neffe sich auf einen freien Platz setzte.
Krummes-Bein winkte ab. „Hohch. Sie ist vielleicht noch zu jung, um das Lager mit ihr zu teilen. Sie wurde geraubt und hierher verschleppt. Das muss sie erst verkraften. Ich habe Zeit.“
Dies war kein Gespräch in Anwesenheit von Frauen und Kindern, denn es zeigte die andere Seite des Krieges. Ja, sie lebten mit dieser Gefahr, aber man redete nicht gern darüber. Die Mutter wedelte abwehrend mit der Hand vor dem Mund und schickte die Tochter aus dem Zelt. „Tochter, hol noch ein bisschen Holz herein.“
Gehorsam stand Anpao-win auf und huschte aus dem Zelt.
Wambli-luta nickte Krummes-Bein zu, dass er weitersprechen konnte.
„Ich werde warten, bis die beiden sich eingelebt haben. Der kleine Junge hat sich bereits an das Mädchen gewöhnt. Sie wird ihm eine gute Mutter sein.“
„Und seine wahre Mutter?“
„Sie wurde getötet. Ich rettete das Kind aus dem Wasser, sonst wäre es ertrunken. Ich mag so etwas nicht. Kinder sind nicht meine Feinde.“ Er zögert kurz. „Und Frauen auch nicht!“, ergänzte er.
„Das ist gut!“, stimmte Wambli-luta zu. Ein kurzes Schweigen entstand, dann erkundigte sich Wambli-luta nach dem Kind. „Wie heißt der Junge denn?“
Krummes-Bein schaute verblüfft hoch. „Ich weiß nicht!“, erklärte er ehrlich.
„Wählst du keinen Namen für ihn? Er ist doch nun dein Sohn?“
„Du hast recht!“
Krummes-Bein legte belustigt die Stirn in Falten. Er hatte noch nicht über einen Namen nachgedacht. Wie sollte er dieses kleine Bündel eigentlich nennen? Sollte der Name daran erinnern, wie er das Kind gefunden hatte? Fisch-im-Wasser oder Fällt-ins-Wasser? Er schloss die Augen und stellte sich den Jungen vor. Er sah, wie er stets die Augen wegdrehte, wenn man ihn ansah, oder sein Gesicht versteckte und dabei den Daumen in den Mund nahm. Der Junge war ein Baby, und man konnte noch nicht wirklich sagen, welche Persönlichkeit er entwickelte. Also durfte der Name auch nichts vorwegnehmen.
„Ich nenne ihn Wakpa-Hokshila, der Junge vom Fluss!“, erklärte er kurzentschlossen.
„Das ist ein guter Name!“, stimmte Wambli-luta zu. „Und deine Frau?“
Krummes-Bein zuckte etwas zusammen, denn er hatte noch gar nicht nach ihrem Namen gefragt. Er hob etwas ratlos die Schultern. „Ich weiß nicht!“
„Dann wähle doch einen Namen für sie“, schlug Gebrochene-Lanze vor.
Krummes-Bein schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde sie fragen! Vielleicht gefällt mir ihr Name, dann muss ich ihr keinen suchen.“
„Hoh, die Ree haben seltsame Namen, die man sich nicht merken kann. Ihre Sprache ist ganz anders als unsere. Sie soll unsere Worte lernen, und nicht wir die ihren.“ Wambli-luta verzog verächtlich die Lippen. Für ihn käme es nicht in Frage, Worte in der anderen Sprache zu sprechen.
Krummes-Bein lächelte großzügig. „Vielleicht hat sie einen schönen Namen, für den es Worte in unserer Sprache gibt. Das werde ich ergründen.“
Alle lächelten freundlich, als Krummes-Bein aufstand und wieder in sein Tipi zurückging.
Die nächsten Tage fanden weitere Siegesfeiern statt. Die Menschen befanden sich in einem wahren Siegestaumel und fühlten sich unbesiegbar. Immer wieder mussten die Krieger von ihren Heldentaten berichten, und dabei wurden Unmengen an Essen verzehrt. Die Frauen tuschelten hinter der vorgehaltenen Hand über die einzelnen Krieger und warfen ihnen bewundernde Blicke zu. Abends fanden Tänze statt, an denen jeder sein prachtvollstes Gewand trug. Die Frauen standen meist am Rand der Tanzfläche und wippten auf und ab, um den Männern ihre Gunst zu zeigen. Sie trugen ihre Festgewänder und hatten sich die Gesichter und die Stirn mit roter Farbe bemalt. Auch die Männer hatten sich herausgeputzt und tanzten mit prachtvollen Federhauben oder anderem Schmuckwerk. Gelächter erfüllte das Lager und überall spielten Kinder die tapferen Taten der Krieger nach. Die Jugendlichen bauten ihr Lager auf und imitierten die Angriffe der Krieger. Sie lieferten sich wahre Schlachten mit Schlammkugeln und Knüppeln und stellten Wettbewerbe auf, wer am längsten ein Stück glühender Kohle auf der Haut aushalten konnte. Meist war die Haut der Verlierer.
Missouri
Herbst 1809
Pierre DuMont war sehr zufrieden, als er an diesem Abend zu seinen Leuten zurückkehrte. Der Tauschhandel war gut verlaufen, und die wertvollste Fracht würde morgen eintreffen: seine Squaw! Sie war jung und hübsch und würde keine Zicken machen. Squaws fügten sich dem Mann und waren harte Arbeit gewöhnt. Die erbeutete Waffe war ein gutes Tauschobjekt gewesen. Die kleinen Geschenke, die er der Familie gegeben hatte, waren kaum erwähnenswert. Und die Decke und den Kessel brachte das Mädchen als Hausstand wieder in die Ehe mit. Das zählte also nicht. Pierre war sehr zufrieden. Die Investition würde sich lohnen, und wenn er nach St. Louis zurückkehrte, konnte er die Squaw immer noch verkaufen und hätte dann einen Gewinn gemacht. Selbst in zwei oder drei Jahren wäre sie immer noch jung genug, sie einem anderen Trapper zu geben.
Pierre traf sich ein letztes Mal mit Chouteau, der nicht nur ein Partner der Company war, sondern aus einer der vornehmsten Familien stammte: Sein Vater René Auguste Chouteau war einer der Gründungsväter von St. Louis. Er hatte enormen Einfluss und saß im Komitee der Stadt. Sein Sohn war in dessen Fußstapfen getreten und hatte die Geschäfte übernommen, für die sein Vater langsam zu alt wurde.
Chouteau hatte nicht nur gute Nachrichten: „Meriwether Lewis hat der Fur Company viel Geld gegeben, um Sheheke shote zu seinem Volk zurückzubringen. Nachdem sein Bruder Reuben Lewis ebenfalls an der Company beteiligt ist, bleibt das Geld ja irgendwie in der Familie. Aber als Gouverneur des Louisiana Territoriums wird er da wohl Rede und Antwort stehen müssen.“ „Was hat es denn so teuer gemacht?“, erkundigte sich Pierre erstaunt.
„Die Arikara und Tituwan haben ihn beim ersten Mal nicht durchgelassen – obwohl Lewis Soldaten mitgeschickt hatte. Auch jetzt sind wir ja eine ziemlich starke Truppe. Das kostet richtig viel Geld. Thomas Jefferson war Sheheke shote jedoch wohlgesonnen und hat es sich was kosten lassen, den Chief bei Laune zu halten und seine Rückkehr anzuordnen, aber keiner weiß, ob der neue Präsident James Madison diese Summen absegnen wird. Er mag Lewis nicht.“
Pierres Augen wurden groß. „Warum nicht?“
Chouteaus Stimme wurde zu einem vertraulichen Flüstern. „Alkohol und zu viel Opium!“
„Schade!“ Pierre zuckte mit den Schultern. Dann wechselte er das Thema, denn Politik interessierte ihn nicht sonderlich. „Was habt ihr als nächstes vor?“
„Wir ziehen den Missouri aufwärts. Wir haben genug Ausrüstung für Forts und den Handel mit den Indianern dabei. Im Frühjahr wollen wir nach St. Louis zurückkehren und ordentlich Gewinn machen.“
Pierre nickte grinsend. „Bringen Biberfelle immer noch so viel ein?“
„Ah, die Preise sind etwas gefallen, aber bis zum Frühjahr erholen die sich schon wieder.“
Pierre genügte das. Er hatte ohnehin einen Vertrag mit der Company, und so würde ein Gewinn oder Verlust ihn nicht so sehr berühren. „Ich kehre zum Fort Lisa zurück. Das wäre auch für euch ein guter Stützpunkt. Von dort aus könnt ihr den Missouri hinauf. Es ist schon ziemlich spät im Jahr. Warum fahrt ihr nicht bis zum Bighorn und überwintert in Fort Raymond? Wir haben eine kleine Besatzung zurückgelassen. Die werden über Verstärkung froh sein! Dann seid ihr genug, um es gegen die Rothäute zu verteidigen. Letzten Winter waren wir reichlich unterbesetzt. Ich war ganz schön froh, als Lisa mit Verstärkung aufgetaucht ist.“
„Klingt nach einem guten Plan!“ Jean Chouteau legte nachdenklich die Stirn in Falten. „Aber eigentlich wollten wir lieber den Missouri hoch!“
Dann schlug er dem Trapper gutmütig auf die Schulter. „Komm doch mit uns, dann kannst du was erleben.“
Pierre zögerte einen Augenblick. „Ich überleg’s mir. Biber gibt es da schon. Ich wollte im Winter ohnehin wieder mehr in Richtung des Yellowstone … immerhin werde ich fürs Fallenstellen bezahlt … mal sehen.“
Pierre DuMont lächelte, als am Morgen die Familie der Squaw am Ufer auftauchte und in ihrer Mitte die Braut brachte. Sie trug einige Bündel, sodass er sich wohl keine Sorgen um Kleidung und dergleichen machen musste. Mit so einer Squaw an einer Seite würden die Wintermonate schnell vergehen. Einige Männer pfiffen bewundernd, und Pierre winkte ungeduldig ab. „Klappe halten!“, rief er energisch. „Die ist nichts für euch!“
„Uh, hat der Meister nun einen Bettwärmer?“, fragte einer anzüglich.
„Such dir selber eine!“, gab Pierre zurück.
Die Bemerkungen verstummten, und Pierre sprang an Land und nahm hilfsbereit die Bündel entgegen, ehe er der Frau auf das Boot half. Unsicher stand sie da und wusste nicht, wo sie sich hinbegeben sollte. Das Boot hatte nur einen kleinen Aufbau, wo nun die Vorräte untergebracht waren. Pierre räumte einige Kisten beiseite und schuf so einen kleinen Platz für die Braut. „Hier, setz dich her!“, sagte er zuvorkommend. Schweigend brachte Mato-wea ihre Bündel an den zugewiesenen Platz und setzte sich dann auf eine Kiste. Sie winkte nicht und rief auch keine Worte des Abschieds zu ihrer Familie. Sie saß nur da und sah zu, wie die Männer ablegten und das Dorf aus ihrem Sichtfeld verschwand. Pierre trat zu ihr und strich ihr sanft über die Wange. „Bon jour, meine kleine Mato-wea. Wir werden es schön haben!“
Mato-wea senkte scheu den Blick und musterte ihre Mokassins. Es war ihr anzusehen, dass sie sich unter all diesen Männern nicht wohl fühlte. Sie verstand die Sprache nicht, kannte deren Bräuche nicht, und sie konnte nur ahnen, was Pierre wohl von ihr verlangen würde. Sein anzügliches, freches Lächeln war ihr fremd. Auch die direkten Blicke, die sich in ihre Augen und in ihre Seele fraßen, waren ihr unangenehm. Es war, als wollte der Mann ihre Seele stehlen. Die anderen Männer waren zum Glück mit Rudern beschäftigt, sodass ihr weitere Blicke erspart blieben. In sich versunken blickte sie auf das Wasser, das ruhig an ihr vorbeiglitt. Manchmal flüchteten Enten in das Schilf am Ufer, während über ihnen freche Möwen hin und her sausten und darauf warteten, dass etwas ins Wasser fiel, das sie sich geschickt holen konnten.
Die Männer hatten ein großes Tuch gespannt und kreuzten auf dem Fluss hin und her. Zusätzlich hatten sie lange Ruder, mit denen sie das Schiff vorantrieben. Ihre Hände waren schwielig, und eine Hornhaut hatte sich gebildet, wo sie die Ruder in der Hand hielten. „Pull!“, erklang der eintönige Befehl. „Pull!“ Dann wurde die Strömung stärker, und die Männer sprangen von Bord, nahmen lange Seile und zogen das Boot stromaufwärts. Auch die anderen Boote verfuhren auf diese Weise. Mato-wea staunte über die körperliche Leistung, die die Männer bereit waren zu geben. Sie bemerkte auch, dass immer ein paar der Soldaten als Kundschafter vorausgingen und die Gegend sicherten. Die Männer waren gut organisiert.
Am Abend vertäuten die Männer die Boote am Ufer und bauten ein einfaches Lager auf. Essen wurde verteilt und Kaffee gekocht. Pierre brachte auch seiner Frau etwas zu essen und baute dann an Deck einen Lagerplatz für die Nacht. Er gab Mato-wea einen Becher mit Wasser, in das er etwas von dem Fusel mischte, den sie zum Tauschen mit den Indianern verwendeten. Er wollte, dass die Frau sich entspannte, denn schließlich war das hier seine Hochzeitsnacht. Er hatte mit einem Gewehr für sie bezahlt und wollte nun wissen, was er da gekauft hatte. Mato-wea schüttelte sich, als sie den seltsamen Geschmack im Mund hatte, doch Pierre zwang sie immer wieder, einen Schluck zunehmen. „Nun mach schon, meine Hübsche. Dann tut es nicht so weh!“
Mato-wea verstand nicht, was da mit ihr geschah. Das Getränk schmeckte seltsam, und sie wollte es daher nicht trinken. Sie tat es nur, um ihm zu gefallen, doch schnell wurde ihr schwindelig davon. Es fiel ihr schwer, die Augen offen zu halten, und so sackte sie bald auf das Fell, das er als Lager ausgebreitet hatte. Die Stimmen der anderen Männer am Ufer verschwammen, und eine tiefe Müdigkeit überfiel sie. Vielleicht war es gut so, denn so bekam sie nur im Halbschlaf mit, was er tat. Sie fühlte, wie der Mann sie entkleidete und unschicklich an die Brüste fasste. Sie wollte sich wehren, aber ihre Glieder waren so schwer. Sie hatte die Augen geschlossen, als er sich auf sie legte und nach ihrer Weiblichkeit tastete. Ihre Tante hatte ihr befohlen, still zu liegen und den Mann tun zu lassen, was er wollte. „Bald wird es dir gefallen, mein Kind!“, hatte sie gesagt. Willenlos ergab sie sich dem Geschehen, auch weil eine angenehme Müdigkeit von ihrem Körper Besitz ergriff. Irgendetwas tat kurz weh, doch dann spürte sie sein Geschlecht in sich. Davor hatte sie sich also gefürchtet!
Der Mann keuchte vor Lust und stieß sie mit rhythmischen Bewegungen. Ihr drehte sich der Kopf, und sie kämpfte mit der Übelkeit, die in ihr aufstieg. Während er sich nach kurzer Zeit zufrieden auf die Seite rollte, kroch sie an die Bordwand zur vom Land abgewandten Seite und übergab sich. Dann kniete sie dort, tauchte ihre Hand in das Wasser und versuchte, ihren heißen Kopf zu kühlen. Nie wieder würde sie dieses Wasser trinken!
Pierre dagegen war glücklich. Er hatte das letzte Mal vor zwei Jahren mit einer Frau geschlafen, und die aufgestaute Lust war geradezu im Leib seiner Squaw explodiert. Puh, nie wieder würde er so lange warten! Es gab bestimmt genug Weiber, zu denen er sich legen konnte. Er wischte sich über die Stirn und grinste. So ein hübsches Ding zu haben, war eine gute Entscheidung gewesen. Er hatte keine Lust auf irgendwelche fette Matronen, die ihn mal schnell drüberließen. Nein, er hatte eine Jungfrau gestochen, und das war ein unglaubliches Gefühl gewesen. Er stand auf, um nach ihr zu sehen und fand sie an der Bordwand. Wahrscheinlich hatte sie den Alkohol nicht vertragen. Auch nicht schlecht, dann konnte er den Fusel für sich selbst aufsparen. Er hob sie einfach hoch und trug sie zu der Decke zurück. „Das wird schon wieder!“, murmelte er freundlich.
Mato-wea erwachte am nächsten Morgen mit fürchterlichen Kopfschmerzen. Sie trank ein wenig Wasser, das Pär ihr reichte, und verweigerte das Essen. Sie konnte unmöglich irgendetwas zu sich nehmen. Immer noch fühlte sie die Übelkeit in sich. Teilnahmslos beobachtete sie, wie die Männer die Boote klarmachten und wieder mit langen Seilen durch das Wasser zogen. Die Sonne stach vom Himmel, trotzdem sangen die Männer ein seltsames Lied. Die schwere Arbeit schien ihnen nichts auszumachen. Ihr Ehemann gab zwischendurch Befehle, und es beruhigte sie, dass sie offensichtlich einen Häuptling der Fremden geheiratet hatte. Manchmal streifte er sie mit einem wohlwollenden Blick, und das beruhigte sie. Nur das seltsame Wasser wollte sie nie wieder trinken. Sie zog aus ihrem Bündel eine Näharbeit und vertiefte sich während des langen Tages in diese Tätigkeit. Alles schien ihr fremd zu sein und unter gesenkten Wimpern versuchte sie all die neuen Dinge zu begreifen. Sie fragte nie, sondern beobachtete das seltsame Treiben. Es wunderte sie, dass diese Männer all die Dinge erledigten, die sonst Frauen taten. Sie holten Wasser, kochten, gerbten, jagten, flickten und sammelten Holz. Warum hatten sie keine Frauen dabei? Es erschien ihr, als wären all diese Männer auf einem Kriegszug. Nur das würde erklären, warum sie diese Dinge taten. Würden am Ende der Reise ihre Frauen auf sie warten? Und warum legten die Männer überhaupt so große Entfernungen zurück, wenn es doch überall Biber und andere Tiere gab? Sie wäre lieber in der Nähe ihrer Familie geblieben. Hier und da schnappte sie einzelne Wörter auf, aber noch war sie zu schüchtern, sie zu benutzen. Wenn Pär das Wort an sie richtete, lächelte sie scheu und senkte stets den Blick. Noch war sie unsicher, was sie als seine Frau zu tun hatte. Nicht einmal das Kochen konnte sie erledigen, denn das taten die Männer mit großen Kesseln, aus denen auch sie sich die Suppe schöpfte. Pär meinte, dass dies nur während der Reise der Fall sei. „Warte ab!“, zeigte er in Zeichensprache. „Wenn wir unser Ziel erreicht haben, dann gibt es viel Arbeit für dich.“ Also wartete Mato-wea ab. Sie saß auf dem Boot und sah zu, wie die Landschaft an ihr vorüberglitt. Anscheinend reichte es ihrem Mann, wenn er sie nachts unter der Decke liebkosen konnte.
Nach einigen Tagen erreichten die Boote endlich Fort Lisa. Natürlich gab es einen Auflauf, als die Trapper auch die anderen Schiffe bemerkten, die Pierre DuMont gefolgt waren. Neuigkeiten wurden ausgetauscht und der Proviant abgeladen. Jean Chouteau und Andrew Henry begrüßten ihre Partner und ließen einen Teil der Tauschgüter da, ehe sie weiter stromaufwärts aufbrachen. Pierres junge Braut wurde von allen bestaunt, obwohl auch andere Trapper indianische Ehefrauen hatten. Charbonneau, der ebenfalls bei der Expedition von Lewis und Clark dabeigewesen war, traf mit zwei Frauen und Sohn ein. Er hatte für kurze Zeit in St. Louis gewohnt, wo er eine kleine Farm betreiben wollte. Doch er hatte sich entschieden, der Zivilisation den Rücken zu kehren und wieder bei den Hidatsa zu leben. Er sprach kein Englisch, obwohl er immer wieder Kontakt zu Engländern hatte, und sein Hidatsa war auch nicht überwältigend. Pierre wunderte sich, wie er sich mit seinen beiden indianischen Ehefrauen unterhielt. Sein kleiner Sohn dagegen schien sich in allen Sprachen unterhalten zu können. Er war vier Jahre alt und wurde von allen „Pomp“ genannt. Manuel Lisa hatte einen Narren an ihm gefressen und sorgte dafür, dass Charbonneau und seine Frauen eine kleine Hütte bekamen. Eine der Frauen war den Männern bestens bekannt, denn sie hatte bereits an der Expedition von Lewis und Clark teilgenommen. Sie hieß Sacaja-wea. Die andere Frau wurde Otterfrau gerufen. Charbonneau wollte wieder los, um seine Fallen aufzustellen. Als er hörte, dass Colter bis an die Stelle ziehen würde, die Three-Forks genannt wurde, war er jedoch nur verhalten begeistert. „Da gibt es viele Biber! Leider auch viele Grizzlys. Ich habe den Ort gesehen … gutes Gebiet zum Fallenstellen, aber für meinen Geschmack gibt es dort zu viele Blackfeet.“
Pierre DuMont unterhielt sich mit ihm und fragte nach, woher der seltsame Name „Three Forks“ kam. Charbonneau grinste leicht. „Das ist die Stelle, wo der Jefferson, Madison und Gallatin zusammenfließen und den Missouri bilden. Lewis und Clark haben die Namen gewählt: Jefferson nach unserem Präsidenten, Madison nach dessen Außenminister und inzwischen viertem Präsidenten. Der Kerl ist gerade erst gewählt worden. Und Gallatin zu Ehren des Finanzministers – ein bisschen viel der Ehre!“
„Na ja, jedenfalls kann man sich diese Namen leichter merken als Charbonneau.“ Die beiden sprachen in Französisch und lachten gut gelaunt.
„Und was machst du?“
Pierre kniff leicht die Augen zusammen. Er hatte gerade erst erfahren, dass er mit einer Barkasse zum Fort Raymond am Bighorn zurückkehren sollte. Colter hatte tatsächlich ein paar wagemutige Trapper gefunden und wollte mit seiner Expedition über Land bis nach Fort Raymond ziehen und von dort aus dann in die Berge bis zu den Three Forks aufbrechen. Leiter der Expedition sollte Andrew Henry sein, der die Expedition im Namen der Company finanzierte. Er wollte ebenfalls zu den Three Forks, wählte jedoch den Weg per Barkasse, um bis Fort Raymond zu gelangen. Erst dort wollte er sich Colter anschließen. Ein Teil der Ausrüstung wurde auf zwei Barkassen verladen, die Pierre und Henry nach Fort Raymond zurückführen sollten, der Rest wurde auf Pferde und Mulis verladen. Pierre wunderte sich, warum die angeheuerten Trapper nicht mit der Barkasse fuhren, doch Colter schüttelte den Kopf. „Auch der Yellowstone ist irgendwann schlecht zu befahren, und dann rüber zu den Three Forks ist mit einem Boot nicht zu schaffen. Wir nehmen Pferde und Maultiere und ziehen dann in die Berge. Komm doch mit uns! Dort oben gibt es so viele Biber, dass du nach einem Winter ein gemachter Mann bist.“
„Wenn mein Auftrag erfüllt ist, könnte ich vielleicht mit.“ Pierre fand die Idee, im Schutz einer Expedition vorzustoßen, gar nicht so schlecht.
„Klar!“, bot Colter an. „Schauen wir mal, wer schneller am Bighorn ankommt! Du mit dem Boot oder wir mit den Pferden!“ Colter lachte dröhnend. Dann verschwand er mit langen Schritten, um sich wieder um die Ausrüstung zu kümmern. Sie tauschten Pferde bei den Hidatsa, packten Vorräte ein und verstauten ihre Waren in den Packsätteln. Ein Teil war zwar auf der Barkasse, aber es blieben noch genug Handelswaren und Ausrüstung übrig, die über Land transportiert werden sollten.
Pierre DuMont und Andrew Henry erhielten von Lisa letzte Anweisungen für die Rückreise zum Fort Raymond, dann verabschiedeten sie sich von den Trappern, die in Fort Lisa blieben. Pierre fand es schade, dass Charbonneau sich nicht anschließen wollte, denn dann hätte Mato-wea von den beiden Frauen lernen können, was als Frau eines Trappers zu tun war.
Charbonneau schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Mach dir keine Sorgen! Deine Squaw weiß schon, was zu tun ist. Das muss ihr keiner zeigen.“
Pierre schaute ihn etwas zweifelnd an, und Charbonneau grinste. „Es reicht, wenn sie die Beine breit machen, wenn du es willst. Glaub mir!“
Pierre lachte, obwohl ihn die derbe Ausdrucksweise des Trappers etwas störte.
Charbonneau wurde wieder ernst. „Und was hast du vor, wenn du den Stützpunkt erreicht hast?“
„Ich werde wohl Colter und Henry auf ihrer Expedition begleiten!“, meinte Pierre zögernd. „Wenn es dort viele Biber gibt, wie Colter meint, dann kann ich gut verdienen. Außerdem habe ich keine Angst vor den Blackfeet. Ich habe ja meine Squaw dabei – die wird schon wissen, wie man mit den Indianern zurechtkommt.“
„Das glaube ich nicht!“, widersprach Charbonneau mit einem Kopfschütteln. „Sie ist nur hilfreich, wenn sie vom selben Volk stammt. Ansonsten hat sie Glück, wenn sie bei einem Angriff nicht getötet wird.“
Pierre runzelte die Stirn. „Wir sind ja eine große Truppe. Wird schon nicht so schlimm werden!“
Pierre hatte die nächsten Tage alle Hände voll zu tun, Vorbereitungen für die Abfahrt zu treffen. Manchmal beobachtete er, wie Charbonneau seine beiden Squaws behandelte, und war nun doch froh, dass dieser Grobian nicht mitkommen würde. Er sah keinen Grund, eine Frau zu schlagen, wenn sie willig war und gehorchte. Es wurde ziemlich kalt, und er frohlockte, als endlich die Zeit des Aufbruchs kam. Der Missouri hatte einen niedrigen Pegel und kaum Strömung, sodass es leicht gewesen wäre, stromaufwärts zu fahren. Er beobachtete, wie ein Boot in Richtung St. Louis aufbrach, in dem sich auch Manuel Lisa und Benito Vazquez befanden. Sie wollten sich in St. Louis um ihre Geschäfte kümmern. Pierre hatte Lisa einen Brief an seine Eltern mitgegeben, damit sie sich keine Sorgen machten. Es wäre das erste Lebenszeichen von ihm seit mindestens zwei Jahren. Er schrieb nur, dass die Geschäfte gut liefen und er sich bester Gesundheit erfreute. Mato-wea erwähnte er lieber nicht. Seine Eltern hätten da wenig Verständnis gehabt. Seine Mutter war gottesfürchtig und wäre mit einer Heidin und Wilden als Schwiegertochter kaum einverstanden gewesen. Manuel Lisa versprach, die Familie von Pierre aufzusuchen und den Brief zu übergeben. Auch er hatte Familie, die sich sicherlich nach ihm sehnen würde. Lisa hatte eine Ehefrau in St. Louis, die er nicht den ganzen Winter allein lassen wollte. Zum Erstaunen von Pierre hatte er den kleinen Jungen von Charbonneau dabei. Er sollte auf Wunsch von William Clark in St. Louis eine Schule besuchen.
Pierre hatte gesehen, wie die Indianerin sich von dem Kind verabschiedet hatte, und sich gewundert, wie ruhig und wenig sentimental dies vonstatten gegangen war. Vielleicht ahnte sie, dass der Junge es in der Obhut von Clark besser haben würde als bei seinem jähzornigen Vater. Der französische Trapper hatte keinen so guten Ruf. Außerdem schien Sacaja-wea nicht bei guter Gesundheit zu sein.
Auch Benito Vazquez, der alte Halunke, freute sich auf sein Zuhause. Er hatte eine Französin geheiratet und mit ihr elf Kinder gezeugt. Der Jüngste war gerade neun Jahre alt … für einen solchen Greis wie Benito eine starke Leistung. Er hatte sich einen hartnäckigen Husten zugezogen und hoffte, in St. Louis einen Arzt aufsuchen zu können. Als „Clerk“, der Leiter des Forts, blieb Reuben Lewis, der Bruder von Meriwether Lewis zurück.
Einen Tag später ließ Pierre endlich ablegen. Er hatte in der Kajüte einen kleinen Platz freigelassen, der Mato-wea vorbehalten war. Es wurde bereits kalt, und der Wind war unangenehm, sodass die Frau ganz froh war, einen geschützten Bereich zu haben. Er hatte ihr Nadel und Faden gegeben, damit sie sein Hemd flickte, und sie arbeitete eifrig daran. Sie hatte bereits einige Worte seiner Sprache gelernt, wobei sie wahllos Englisch und Französisch vermischte. Woher sollte sie auch wissen, dass es zwei Sprachen waren, die sie hörte? Er fand ihr Kauderwelsch ausgesprochen lustig und bestärkte sie darin, neue Worte zu lernen. Bisher hatte er sie noch nie schlagen müssen. Er war sich noch ein wenig unsicher, ob er sie mehr als Sklavin oder eher als Gefährtin sehen sollte, aber das machte hier draußen wohl kaum einen Unterschied. Charbonneau hatte seine Squaws ja auch als Ehefrauen bezeichnet. Er meinte, dass es bei den Indianern üblich sei, für seine Ehefrau zu bezahlen.
Die Reise ging flussaufwärts, wobei sie die Boote oft ziehen mussten. Es war beschwerlich und kostete enorm viel Zeit. Die Landschaft glitt an ihnen vorbei – manchmal Prärie, dann wieder lichte Wälder oder seltsame Gesteinsformationen. Sie sahen jede Menge Wild, das aber verschwand, als sich die Boote näherten. Manchmal schossen sie vom Boot aus auf Gabelbockantilopen, Weißwedelhirsche oder sogar Bären. Einmal erwischten sie eine Bärin mit ihren Jungen und freuten sich auf das leckere Fleisch. Pierre war froh, als sie nach Tagen die Mündung des Yellowstone erreichten, der hier tatsächlich breiter als der Missouri war. Ab hier mussten sie fast nur noch das Boot gegen die Strömung ziehen. Kein Wunder, dass Colter den Landweg genommen hatte. Wahrscheinlich hatte er das Fort schon längst erreicht. Schnee lag in der Luft, und Pierre runzelte besorgt die Stirn. Er hoffte, das Fort zu erreichen, ehe die Flüsse gefroren. Mit gerunzelter Stirn beobachtete er den grau verhangenen Himmel. Unvermittelt setzte der erste Schneesturm ein, und die Männer vertäuten die Boote am Ufer und warteten ab. Frierend bauten sie mehrere Unterschlupfe, entzündeten Feuer und hofften, dass das Wetter sich beruhigte. „So ein Mist“, murrte Andrew Henry. „Der Winter kommt dieses Jahr früh!“
Pierre seufzte tief. „Muss nicht sein. Manchmal klart das Wetter noch mal auf.“ Es war mehr Hoffnung als Wissen.
Henry grunzte abfällig. „Ich spür‘s in meinen Knochen! Der Winter kommt früh. Wir können froh sein, wenn wir es bis zum Fort schaffen.“ Misstrauisch blickte er in den Himmel, als würden dort noch die Schwärme der Zugvögel nach Süden ziehen.
Mato-wea hatte sich in ein warmes Fell gehüllt und saß ebenfalls beim Feuer. Ihr schien die Kälte nichts auszumachen. Sie trug gefütterte Mokassins, warme Leggins, ein langes Kleid, das über den Schultern mit zwei Trägern gehalten wurde, und darüber einen Poncho, der mit Stickerei verziert war. Ein warmes Fell lag locker über ihren Schultern, und erst, als der Wind stärker wurde, zog sie es über der Brust zusammen. Pierre grinste und reichte ihr einen Teller Suppe. Einen Becher Kaffee lehnte sie ab. Seit der Hochzeitsnacht hatte sie nichts mehr getrunken, was er ihr angeboten hatte, sondern lieber das Wasser des Flusses. Er zwang sie nicht mehr, denn nachts war sie willig und anschmiegsam.
Am nächsten Morgen hörte der Schneesturm auf, und der Himmel war wolkenlos blau. Am Ufer knirschte es, als das Eis unter den Tritten der Männer brach. Schnaufend und singend zogen die Voyageure die Boote vorwärts. Auch die Trapper halfen mit, denn jetzt zählte jeder Tag. Die Gegend war flach, sodass sie gut vorankamen. Einmal kamen sie an einer riesigen Herde Bisons vorbei und schossen zwei Kühe. Die Männer freuten sich über das zusätzliche Fleisch. In der Ferne sahen sie wieder Gabelbockantilopen, und eines Morgens schossen sie einen Wapiti-Hirsch, der nichtsahnend ans Wasser gekommen war. Einige Passagen konnten sie mit Rudern zurücklegen, doch je weiter sie stromaufwärts kamen, desto eher griffen sie auf das „Treideln“ zurück.
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