Kitabı oku: «Selamlik»

Yazı tipi:

SELAMLIK

KHALED ALESMAEL

SELAMLIK

ROMAN

Übersetzt von Christine Battermann

und Joachim Bartholomae


Der Originaltitel des Romans lautet Selamlik.

Der Originaltext wurde teils auf Arabisch (Kapitel 3, 6 bis 12), teils auf

Englisch (Kapitel 1, 2, 4, 5) verfasst und bisher lediglich in schwedischer

Übersetzung (ebenfalls unter dem Titel Selamlik) veröffentlicht.

© Khaled Alesmael 2018

Die Gedichte des Schriftstellers Khalil Gibran werden zitiert nach

der deutschen Ausgabe Sämtliche Werke, herausgegeben und übersetzt

von Ursula und S. Yussuf Assaf, erschienen im Patmos Verlag, Düsseldorf

2003 (bis auf die dort nicht enthaltene zweite Strophe auf S. 131/132).

Die Zitate aus dem Koran entstammen der Übertragung von

Hartmut Bobzin, München 2010

1. Auflage

© 2020 Albino Verlag

Salzgeber Buchverlage GmbH

Prinzessinnenstraße 29, 10969 Berlin

info@albino-verlag.de

Aus dem Arabischen von Christine Battermann,

aus dem Englischen von Joachim Bartholomae.

Umschlaggestaltung und Satz: Robert Schulze

Umschlagabbildung: Tammam Azzam

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-302-9

Mehr über unsere Bücher und Autoren:

www.albino-verlag.de

Dem Andenken an meine Mutter,

die mich lehrte, unabhängig

und stark zu sein.

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Glossar

KAPITEL 1
IM ZIMMER MEINER SCHWESTER

Aleppo, das Haus meiner Schwester. Ich stand mitten in ihrem Schlafzimmer, das in mildem Halbschatten lag. Die klapprigen Fensterläden waren geschlossen, um die Nachmittagshitze abzuwehren, doch sie hatte die Fenster geöffnet, und eine warme Brise wehte sanft herein. Der Wind blähte die durchsichtigen Vorhänge, bevor er meinen nackten Körper streifte. Nach der kalten Dusche glitzerte meine Haut, und mein Nacken war feucht von Schweiß. Ich zitterte beim Gedanken an das, was vielleicht bald geschehen würde. Das weiße Handtuch lag zwischen meinen Füßen auf dem feuchten Boden. Ich hob es auf und versuchte, meinen Körper noch einmal damit abzutrocknen; dabei ließ ich den Blick durch den vertrauten Raum schweifen. Das Doppelbett mit reich verziertem Kopfende war ordentlich gemacht und mit einem goldenen Dammasttuch bedeckt. Darüber hing ein großer Kristallleuchter. Auf dem Schminktisch standen zahllose kleine Parfumflakons und Cremetöpfchen; unter den vielen Lippenstiften, Feuchtigkeitscremes und anderen Accessoires meiner Schwester suchte ich nach der Pinzette. Erregt näherte ich mich dem großen Drehspiegel, der die Silhouette meiner Nacktheit reflektierte. Ein neunzehnjähriger Junge, glatt und jungfräulich.

Hinter mir auf dem Boden lag meine Sporttasche. Ich kniete mich hin und durchwühlte die Sachen auf der Suche nach den Unterhosen. Dann stellte ich mich wieder vor den Spiegel und streichelte meine bebenden Muskeln. Ich hob und senkte mehrmals den Unterarm, ging in die Kniebeuge und drückte die Finger in die Achselhöhle; das junge Fleisch dehnte sich elastisch. Ich beschloss, die blau-weiße Hose aus Trikotstoff anzuziehen, es war die schickste Unterhose, die ich damals besaß. Mein Cousin hatte sie mir zur Feier meines ersten Studienjahres an der Universität von Aleppo geschenkt. Dann zog ich mein weißes T-Shirt und kurze Jeans an. Ein Tropfen Wasser oder Schweiß fiel von meiner rechten Armbeuge und lief den Oberkörper hinunter, ich spürte ein leichtes Kitzeln.

Ich nahm die Tasche und meine Turnschuhe und ging langsam ins Wohnzimmer, wo es kühler war. Im Fernsehen lief eine Dokumentationssendung von National Geographic; in der Ecke des Bildschirms wurden Datum und Uhrzeit in digitalen Ziffern angezeigt, 10/06/2000 04:45 pm. Ich setzte mich aufs Sofa; von dort konnte ich meine Schwester in der Küche sehen. Sie bereitete die Lunchbox vor, die ich mit ins Studentenwohnheim nehmen sollte.

Meine Schwester Miriam ist die älteste von uns sechs Geschwistern und das einzige Mädchen. Sie ist fünfzehn Jahre älter als ich. In dem Jahr, in dem ich geboren wurde, zog sie von Deir ez-Zor nach Aleppo. Sie verließ unser Zuhause, um an der Universität von Aleppo Elektrotechnik zu studieren, und verliebte sich dort in einen Kollegen. Er war der älteste Sohn eines der bekanntesten und reichsten Pistazienhändler in Aleppo. Sie heirateten noch während des Studiums. Ich erinnere mich nicht an ihre Hochzeit, aber sie kostete ein Vermögen. Der berühmte syrische Sänger Sabah Fakhri sang auf der Hochzeitsfeier. Ich war ungefähr fünf Jahre alt. Meine Mutter sagte immer, durch Miriams Hochzeit wurde unser Haus ein Selamlik *; das ist türkisch und bedeutet Palast der Männer, denn meine Mutter stammt aus der Türkei. Meine Schwester und ihr Mann machten ihre Examen und zogen in ein schickes Haus in der König-Faisal-Straße, wo sie ihre gerahmten Diplome an die Wand hängten. Ihr Mann arbeitet für seinen Vater, und meine Schwester wurde eine verwöhnte Ehefrau. Sie hat zwei Haushaltshilfen, doch das Essen für ihren Ehemann kocht sie selbst.

Plötzlich wurde die Fernsehsendung unterbrochen, und das bekannte Gesicht eines Geistlichen erschien auf dem Bildschirm. Sein rundes Gesicht mit den dicken Backen war jeden Freitagmorgen im Fernsehen zu sehen, ich kannte es, seit ich ein kleines Kind war. Er starrte in die Kamera, und sein grauer Schnurrbart schien die Worte, die aus seinem Mund kamen, zu bürsten. Doch jetzt zitterte er wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Seine sonst heisere Stimme war ein unverständliches Piepsen geworden.

Meine Schwester kam mit der Lunchbox ins Wohnzimmer. Sie blieb mitten im Raum stehen und flüsterte: «Hafiz al-Assad ist tot.» Ich nahm die Fernbedienung und stellte den Ton lauter.

«Syrer und Araber! Heute ist unser mächtiger Führer von uns gegangen, der stets das Recht unserer Nation und unseres Landes verteidigt hat! Der Führer ist von uns gegangen … er, der all unsere Werte und Ideale verkörperte! Der Führer ist von uns gegangen!» Seine Stimme brach. «Der Führer ist von uns gegangen – er, der mehr als ein halbes Jahrhundert für die Einheit der Araber und ihr Ansehen in der Welt gekämpft hat, für ihre Freiheit und ihre Rechte! Er, der die Hurrikans besiegte!»

Erschrocken und verwirrt begann mein Körper wieder zu schwitzen. In der linken Hand hielt ich einen Schuh, und in meinem Kopf brodelten die verschiedensten Gedanken. Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, denn dies war das Ende von dreißig Jahren Unterdrückung, doch ich machte ein enttäuschtes Gesicht. Meine Schwester spürte das und fragte mich, ob ich traurig sei. Ich sagte nichts; im wirbelnden Durcheinander in meinem Schädel quälte mich vor allem der Gedanke, was für ein Pech ich hatte: «Verdammt, warum muss er ausgerechnet heute sterben?»

Ich schüttelte den Kopf und verließ den Raum, ging im Flur auf und ab wie ein Tier im Käfig und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich trug nur einen Schuh, den anderen hielt ich noch immer in der Hand. Schließlich ging ich ins Badezimmer und schloss mich ein. Die Stimme des Geistlichen verfolgte mich: «Heute ist ein Tag der Traurigkeit in jedem syrischen Heim, jeder Schule, Universität, Fabrik, jedem Bau-ernhof und jedem Laden», rief er. «Alle Herzen sind voll Trauer, gleich ob Mann, Frau oder Kind. Der Gewaltige, der uns verlassen hat, war ein Stück unseres Herzens.»

Zurück im Wohnzimmer. Mein Schwager leistete meiner Schwester schweigend Gesellschaft, beide verfolgten die Übertragungen zum Ende der dreißigjährigen Präsidentschaft von Hafiz al-Assad. Die Nachrichten wurden unablässig wiederholt; das immer gleiche Mantra würde in den nächsten fünf Tagen zu jeder vollen Stunde zu hören sein.

Der Geistliche schluchzte wie ein Kind. Er trocknete seine Tränen und blickte in die Kamera: «Wir schalten nun zur Volksversammlung nach Damaskus.»

Dann verschwand er.

Todesstille erfüllte den Parlamentssaal; die Abgeordneten vergruben sich in ihre Sessel und warteten. Niemand rührte sich. In der Totale eingefroren wurde die Kamera zum unwandelbaren Zeugen des feierlichen Szenarios. Ich stand vor dem Bildschirm und vertiefte mich in die Einzelheiten. Die Wände waren mit wundervollen Damaszener Ornamenten bedeckt, ein sorgfältig handgefertigtes, perfektes Mosaik. Den Boden bedeckte ein auffällig roter Teppich. Von zwei Beisitzern flankiert, verkündete der Vorsitzende der Volksversammlung in feierlicher Pose den Tod des Präsidenten, al-Assad, genannt der Löwe. Die Kamera schwenkte langsam nach rechts und zeigte andere Abgeordnete, ruhte dann auf den Ministern für Gesundheit und Wirtschaft; beide schienen zu weinen und bemühten sich, die heilige Stille nicht durch ihr Schluchzen zu stören. Ein alter Mann in traditioneller syrischer Kleidung stand hinter ihnen, in tiefste Trauer versunken. Der Vorsitzende rief: «Ich bitte um Ruhe!» Seine Stimme klang nun pompös und kräftig. Heute, siebzehn Jahre später, verstehe ich die bedrohliche Bedeutung seiner Mitteilung. «Ehrenwerte Abgeordnete, ich habe soeben die förmliche Petition von mehr als dreißig Prozent dieser Versammlung erhalten, den Artikel 83 * der Verfassung der Syrischen Arabischen Republik zu ändern. Ich bitte Sie deshalb um Zustimmung zu dieser Ergänzung, um sie im Protokoll der heutigen Sitzung niederzuschreiben. Stimmen Sie alle zu?», fragte der Vorsitzende.

Langsam hoben die Abgeordneten erst die gesenkten Köpfe und dann die Hände als Zeichen der Zustimmung. Erleichtert verkündete der Vorsitzende: «Nach Abschnitt 187 der Geschäftsordnung hat die Mehrheit des Präsidiums beschlossen, ein Komitee einzusetzen, um die Änderung der Verfassung vorzubereiten.» Er nannte einige Namen. Aus gutem Grund war ich furchtbar enttäuscht von diesen Nachrichten, die wahrscheinlich die Aussicht vereitelten, ihn heute wiederzusehen. Ich ging auf den Balkon, um frische Luft zu schnappen. Noch immer erregt, zog ich den Schlüssel aus der Tasche; das daran befestigte Schild trug die Nummer 333.

ZWISCHEN RAUM 334 UND 333

Der Tag zuvor, 9. Juni 2000, um drei Uhr nachmittags. Ich war in meinem Zimmer im Flügel der männlichen Medizinstudenten. Das Wohnheim war genau so, wie ich mir ein Selamlik immer vorgestellt hatte, ein Ort, an dem die Männer sich frei fühlen konnten, mit bloßem Oberkörper, nur in Unterwäsche oder mit einem Handtuch um die Hüften herumliefen und über ihre sexuellen Sehnsüchte und sogar die Größe ihrer Schwänze redeten.

Das Studentenwohnheim war neu, denn wir waren die ersten Studenten in diesem Jahr. Es lag in Furqan, einem der schicksten Stadtviertel im Westen Aleppos, wo die reichen Händler mit ihren Familien lebten. Eigentlich wollte ich nicht zur Universität von Aleppo, aber ich musste das erste Jahr dort studieren, bevor ich nach Damaskus ging.

Ich fühlte mich träge, verschwitzt und geil, wie ich so auf dem Bett lag. Für den Kurs über englische Literatur mussten wir Engel und Narren lesen, einen Roman des britischen Schriftstellers E. M. Forster, der die Geschichte einer englischen Dame erzählt, die sich auf einer Reise durch die Toskana in einen Italiener verliebt, der viel jünger ist als sie. Ich hatte mehrere Anläufe unternommen, das Buch zu lesen, doch es begann mich zu langweilen. Ich benutzte es nur noch als Fächer, um mir frische Luft zuzufächeln. Die Luft in dem winzigen Raum war bereits stickig, also öffnete ich das Fenster. Da hörte ich, wie die Tür zum Nachbarzimmer aufgeschlossen wurde, und unerwartet drang derselbe frische und scharfe Duft in meine Nase, den ich schon einmal gerochen hatte, als ich im Flur beinah mit meinem Zimmernachbarn zusammengestoßen war.

Ich hatte ihn schon oft gesehen und spürte, dass er einen besonderen Platz in meinem Leben einnehmen würde. Wie ich herausgefunden hatte, studierte er Dermatologie; seine Zimmernummer war 333.

Ich zog schnell die Shorts zurecht, schnappte mir das Buch und ging in den Flur; einige Studenten liefen lachend ohne Hemd herum, mit einem Handtuch über der Schulter unterwegs zu den Duschen, denn die Zimmer hatten keine Badezimmer. Auf die weiße Tür nebenan war die Nummer 333 gemalt. Ich hörte, wie meine Faust nervös gegen das Holz klopfte. In meinem Kopf überschlugen sich die Vorstellungen, wie er auf mein Eindringen reagieren würde; ich versuchte, mir die Worte zurechtzulegen, die ich sagen würde … die Tür öffnete sich.

Ich errötete bei seinem Anblick. Über den breiten Schultern das bärtige, dunkle Gesicht mit großen dunklen Augen unter buschigen Brauen – so anders als die anderen Medizinstudenten. Er knöpfte sein weißes Polohemd zu und sah mich erstaunt an. Mit einem schnellen Blick sah ich, dass er ein Handtuch und Seife in der Hand hielt. Ich stöhnte «Mir wird schlecht» und sank zu Boden.

Er beugte sich über mich, um mir aufzuhelfen. Ich klammerte mich an ihn, den Kopf auf seiner Schulter, und roch seinen verschwitzten Körper. Unwillkürlich reckte ich mich empor, bis meine Nase sein Ohr berührte. Seine Hände hielten meinen Oberkörper, und unsere Augen trafen sich. Ich war verlegen. Seit ich ihn das erste Mal in der Eingangshalle der Universität gesehen hatte, träumte ich von ihm. Ich spürte seine große Hand auf meiner Stirn. «Komm rein; hast du Fieber?» Er setzte mich auf sein Bett. Mein Herz schlug immer schneller. Ich klammerte mich mit einer Mischung aus Verlangen und Furcht an mein Buch. Er legte Handtuch und Seife auf den Tisch und ging hinaus, ließ mich allein zurück. Ich ertrank in meiner Sehnsucht, ihn zu küssen.

Im Zimmer standen zwei Einzelbetten, von denen nur das eine gemacht war. Auf dem anderen lag die nackte Matratze. In der Ecke stand ein kleiner, halb voller Koffer. Ich öffnete ihn und schaute vorsichtig hinein; seine Unterwäsche und Kleidung waren sorgfältig gepackt. Es war Donnerstag, der Tag, an dem die meisten Studenten zum Wochenende in die Heimat zu ihren Familien fuhren, und er war im Begriff aufzubrechen. Plötzlich wurde ich mir meines kindischen Verhaltens bewusst und ich schämte mich.

Er kam mit einem Glas Wasser zurück. Als er es mir gab, entschuldigte ich mich. Ich berührte seine Hand, die noch feucht war. Er drückte mich sanft zurück auf das Bett und forderte mich auf zu trinken. «Ich weiß nicht, was dieser Schmerz zu bedeuten hat. Mein Herz schlägt viel zu schnell und meine Brust krampft sich zusammen.» Er öffnete den Schrank und nahm die Arzttasche heraus. Er nahm das Stethoskop und versuchte mich zu beruhigen. «Leg das Buch zur Seite und zieh das Hemd aus, junger Mann.» Er klemmte sich mein Hemd unter den Arm. «Wie alt bist du?»

Dann kam er näher und drückte mir das kalte Metall auf die heiße Brust. Ich sah ihm zu, wie er das Blutdruckmessgerät an meinem Oberarm befestigte. Ich betete, das Gerät möge etwas finden, um meine Lügen zu rechtfertigen. Er lächelte und legte die Instrumente auf den Tisch. «Alles prima, kein Grund zur Sorge.» Er setzte sich zu mir aufs Bett und ließ die dicht behaarten Beine langsam hin und her pendeln. Jedes Mal, wenn sie mein Bein berührten, spürte ich einen Stromschlag. Ein paar Sekunden lang dachte ich, er würde mich küssen. Er nahm mein Buch und betrachtete den Umschlag. «Was für ein eigenartiger Titel.» Er schlug es irgendwo auf und las: «Tu nicht so geheimnisvoll, so viel Zeit haben wir nicht.» Er wandte sich zu mir und fragte erstaunt: «Liest du das selbst oder ist es für das Studium?» Dann ließ er die Beine wieder pendeln.

Meine Angst ließ nach und ich gestand, dass ich im ersten Jahr Englische Literatur studierte. Gegenstand dieses Semesters war die Erzählprosa. «Und wie ist das, einen Roman zu studieren?», fragte er und sah mich mit seinen braunen Augen neugierig an. «Inspirierend», sagte ich. «Es ist sehr inspirierend, von den Figuren in diesen Geschichten zu lernen, wie man sein eigenes Leben lebt.»

Er war überrascht, dass ich in dem Flügel des Wohnheims wohnte, der Medizinstudenten vorbehalten ist. Ich sagte ihm, dass mein Onkel in den Siebzigern Bürgermeister von Aleppo war und noch immer großen Einfluss hatte. Er hatte mir dieses Zimmer besorgt, damit ich mich ungestört auf die Prüfungen vorbereiten konnte. Ich schwieg und sah ihn an, mein Gesicht glühte noch immer. Er sagte: «Ich bin Ali aus Tartus.»

Nach seinem Familiennamen zu urteilen gehörte er vielleicht zu einem mächtigen Alawiten-Clan; später erzählte er mir, sein Vater habe eine hohe Stellung in der Regierung. Kinder aus solchen Familien wuchsen ohne Einschränkungen auf, sie konnten zelten, auf Partys gehen und sogar verreisen. Die Mädchen kommandierten beim Friseur die Angestellten herum und drohten, sie dem Besitzer zu melden, wenn sie ihnen die Fingernägel nicht makellos polierten. Die flegelhaften Jungs lernten früh vom Egoismus ihrer Väter und behandelten die Lehrer mit geradezu unglaublicher Arroganz. Auf dem Spielplatz verschütteten sie Saft und ließen Muffins zu Boden fallen, ohne den Dreck selbst wegzumachen. In der Mittelstufe hatte ich einen frechen Mitschüler, dessen Vater Kommandant der Militärpolizei in der Bergregion war, aus der auch Ali stammte. Überall im Land versuchte jeder, von seiner beruflichen Position zu profitieren, genau wie mein Onkel, der mich im besten Teil des Studentenwohnheims unterbrachte.

Ali unterbrach meine Gedanken und bot mir ein heißes Getränk an, Mate. Ich nickte, weil ich ihm mit allen Mitteln gefallen wollte, bedauerte es aber sofort. Der erdige Geruch stieg mir in die Nase, doch er konnte die Erinnerung an meinen Widerwillen gegen den bitteren Nachgeschmack nicht verdrängen, den ich das einzige Mal, das ich Mate getrunken hatte, empfunden hatte. «Ich glaube, es geht mir besser», sagte ich und rieb mir den Bauch. «Du wolltest gerade verreisen, stimmt’s? Ich will nicht, dass du zu spät zum Zug kommst.» Ich nahm mein Hemd vom Bett und spürte seine Hand auf meiner Schulter. «Ich mag dich und möchte dich als Zimmergenossen», sagte er und kam näher heran. «Sonst quartieren sie hier noch irgend so ein Arschloch ein.» Er zeigte auf das freie Bett. «Das ist für dich, aber beeil dich, es bleibt nicht ewig frei.» Bevor ich antworten konnte, nahm er die Schlüssel aus der Tasche. «Sprich mit dem Hausmeister und bring deine Sachen herüber; ich möchte, dass du hier bist, wenn ich morgen Abend zurückkomme», sagte er und nahm meine Hand in seine, die noch immer feucht war. «Und jetzt geh ich duschen.»

DER WEG ZU RAUM 333

«Bleib doch heute Abend noch hier. Das Erziehungsministerium hat für eine Woche alle Prüfungen ausgesetzt; du musst also nicht ins Wohnheim, Habibi *!» Meine Schwester stand hinter mir. «Ich bin sicher, die Muhabarat * sind unterwegs und kontrollieren, wie die Menschen auf die Nachrichten reagieren und ob sich jemand verdächtig benimmt.» Ich zog den Schlüssel aus der Tasche. «Ich habe die Schlüssel für unser Zimmer; mein Mitbewohner kommt heute Abend zurück.» Sie wirkte nicht sehr überzeugt. «Ich verstehe dich nicht.»

Schließlich konnte ich nicht anders und lief eilig davon. Im Bus war jeder schweigend mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ich schloss die Augen und versuchte, alles andere auszublenden. Das alte Radio übertrug Lesungen aus dem Koran, um den großen Verlust für das Land zu betonen. Die Suren wurden alle fünf Minuten vom monotonen Geräusch der Türen unterbrochen, wenn Passagiere ein- oder ausstiegen.

«Universität!» Der Busfahrer rief den Namen der Haltestelle. Ich stieg aus und folgte einem anderen Studenten.

Mein Schritt wurde schneller, nachdem ich das Tor zur Universität passiert hatte. Niemand war zu sehen. Der Platz, der sonst voller Lachen und lauter Gespräche ist, war verlassen. Ich hatte nur einen Wunsch, anzukommen und die Tür zu öffnen, den Duft zu riechen, der noch immer den Raum erfüllte. Ich war ganz in Gedanken vertieft und achtete auf nichts um mich her. Hier war ein stiller Ort, weit weg vom Spektakel der Trauer, die das ganze Land erfasst hatte.

IN RAUM 333, TEIL 1

Ich stellte die Tasche auf den Boden. Sein Bett war nicht gemacht; das Matepulver im Glas war getrocknet und ein markanter Geruch entströmte der Teekanne. Auf der Kommode lagen Medikamentenschachteln und der Sessel war übersät mit Papieren. Ich wischte den Tisch ab und räumte die Medikamente und CDs zur Seite. Dann nahm ich meine Sachen aus der Tasche, eine lange und zwei kurze Hosen, mein blaues Hemd und ein paar Unterhosen. Ich hängte alles in den Schrank neben meinem Bett. Die zwei Bücher, die ich gekauft hatte, einen englischen Roman und einen Band Theaterstücke, stellte ich auf den Tisch neben seine dermatologischen Fachbücher. Er hatte einen CD-Player und eine CD von Mustafa Yuzbaschi. Ich hatte noch nie von dem Sänger gehört, also nahm ich die CD und las die Titel der Songs: Ich sehne mich nach deinen dunklen Augen, Weshalb hat dein Herz mich verlassen? und Erlöse mich, eins von Alis Lieblingsliedern, wie ich später erfahren sollte. Ich wollte die CD gerade abspielen, als mich der Gedanke durchfuhr: «Heute ist al-Assads Trauertag, es ist verboten, Musik zu hören oder Filme zu schauen.» Ich hielt die CD in der Hand, fragte mich, was für eine Art von Musik sie wohl enthielt und stellte mir vor, wie Ali sie sich anhörte.

Es mag zwei Uhr morgens gewesen sein; ich saß auf dem Sessel und hatte die Fenster weit geöffnet. Eine ungewöhnliche Stille erfüllte die Nacht, aber aus irgendeinem Grund spürte ich, dass sich am Morgen alles ändern würde. Eine Zeit der Ungewissheit würde anbrechen, in der Hafiz’ allgegenwärtiges Gesicht nicht mehr an den Wänden der Unterrichtsräume von Schulen, Colleges und Universitäten überall im Land hängen würde. Doch wie würde es weitergehen, jetzt, wo er fort war? Der Staat war es schon so lange gewohnt, unter seiner Knute zu stehen, dass man sich nichts anderes mehr vorstellen konnte. Ich zog mich aus und legte mich auf Alis Bett, stellte mir vor, wie er meine Hand hielt. Ich rief die Erinnerung wach, wie er mich berührt hatte und ein Stromschlag von Kopf bis Fuß durch mich hindurchgefahren war. Schließlich gewann die Müdigkeit die Oberhand und ich fiel in tiefen Schlaf.

Fahrgeräusche weckten mich. Das Sonnenlicht füllte bereits den Raum. Ich drehte mich um, um nach der Uhr zu greifen. Mein Rücken war nass vom Schweiß, meine Brust, die Arme und das Laken waren so nass, als ob ich die ganze Nacht Sex gehabt hätte. Ich zog die Shorts an und öffnete die Tür. Einige Studenten, die die Nacht hier verbracht hatten, gingen mit ihren Taschen schnell den Flur entlang. Auf dem Weg zum Waschraum ging ich an ihnen vorbei. Der Waschraum war leer, aber ich hörte die Stimmen der Studenten, die draußen für den Bus Schlange standen. «Woher stammst du?» Ich drehte mich um. Ein mittelalter Typ, klein und stämmig, war aus dem Nichts aufgetaucht. Er betrachtete mich verstohlen aus einer Ecke des Waschraums. An seinem verwuschelten Haar sah man, dass er gerade erst aufgewacht war. Seine Brille rutschte ihm fast von der großen Nase. «Ich komme aus Deir ez-Zor», erwiderte ich. Er stellte sich als Doktor Omar vor. «Sieht so aus, als gingen die meisten der alawitischen Studenten zurück in ihre Dörfer in den Bergen.» Er grinste. «Sie sind traurig, dass ihr unsterblicher Held gestorben ist, und haben Angst vor dem, was jetzt passieren könnte. Es ist sicherer, die Stadt erst einmal zu verlassen, meinst du nicht auch?» Wegen seines starken Akzents nahm ich an, dass er aus der Provinz Idlib stammte. Was er sagte, klang verdächtig nach Muhabarat, deshalb schlich ich mich davon, ohne zu antworten.

Ich zog mich in mein Zimmer zurück. Die zufällige Begegnung mit einem Fremden machte mir klar, dass sich Gefahr und Anspannung im gesamten Gebäude ausbreiteten.

Meine Tasche stand noch mitten im Raum und starrte mich an. Ich spürte das Bedürfnis, sofort abzureisen. Mich erotischen Fantasien über einen Mann wie Ali hinzugeben war äußerst gefährlich. Er kam aus einer berühmten Alawitenfamilie und könnte mich und meine Familie in den Fokus der Geheimpolizei bringen. Ich ging hastig die Treppen hinunter und hinüber zur Telefonzelle am Eingang, in der linken Hand fest umklammert mein Buch. Die Sonnenstrahlen trafen erbarmungslos jeden, der sich ihnen aussetzte, mein Kopf begann wieder zu schwitzen. Ich hob das Buch, um mich vor ihnen zu schützen. In der Telefonzelle stand ein riesiger bärtiger Mann und rief: «Der Löwe ist tot, hast du verstanden, du Hurensohn? Bist du jetzt glücklich? Wir werden dich schon kriegen!» Er warf den Hörer auf die Gabel, knallte die Tür zu und stieg schnell in den Bus.

«Schön, dich zu sehen!» Ali lächelte breit. Die Sonne brannte, ich konnte kaum die Augen öffnen. Er hatte sich zwei Tage lang nicht rasiert und sah noch männlicher aus. «Lass uns wieder reingehen, hier ist es zu heiß», flüsterte er. Er trug ein hellgraues Shirt und eine dunkelgraue Hose. Ich hatte Angst davor, mich der Gefahr auszusetzen, die er jetzt darstellte, aber das Verlangen nach ihm war stärker.

Unser Raum war wirklich sehr klein, ohne Badezimmer und mit nur einem Sessel unter dem offenen Fenster, durch das warme Luft hereinkam. Ali zog die Jalousie hinunter. «Bei dieser Hitze machen wir sie lieber zu, okay?» Bei den Worten fing er an, sein Hemd aufzuknöpfen. Die letzten beiden Tage waren für mich eine Achterbahn der Gefühle gewesen; die Vorstellung, mit ihm allein zu sein, hatte mich erregt, aber jetzt schämte ich mich, weil er merken könnte, dass ich in seinem Bett geschlafen hatte. Er zog das Hemd aus; sein muskulöser Körper und die braune Haut waren eine enorme Versuchung. «Du bist solch ein schöner Junge», sagte er und ging zum Schrank, um sein Hemd aufzuhängen. Ich blickte starr auf meine Reisetasche; mein Verlangen zu bleiben war stärker als der Wunsch, aus Furcht wegzulaufen. Ich hatte das Buch in der Hand zusammengerollt; meine verkrampften Finger pulsierten in elektrischen Zuckungen, aus Furcht, mich meinem sexuellen Verlangen hinzugeben. Bevor ich etwas sagen konnte, nahm Ali meine Hand und zog mich zum Bett. Instinktiv wich ich zurück, aber er hielt meine Handgelenke fest im Griff; seine warmen Lippen küssten meinen Nacken. Seine behaarte Brust rieb sich an meinem Rücken, und mit der linken Hand streichelte er mir den Kopf. Als sein Atem heftiger wurde, schloss ich fest die Augen. Er zog mich an den Haaren und fuhr mit dem Bart über meine Lippen, wie ein Tier, das seine Beute begutachtet, bevor es sie verschlingt. Mein Körper zitterte bei dem Gedanken, dass das, was wir taten, äußerst gefährlich war. Er führte meine Hand an seine Leiste und gab mir mit dem Kopf das Zeichen, ihm den Reißverschluss zu öffnen. Meine Hand war erstarrt und mein Verstand kurz davor zu implodieren; alles sträubte sich dagegen, die Grenze zum unbekannten Territorium der Lust zu überschreiten. Ich legte die Hand auf seine Hüfte. Er schob mich zum Bett und flüsterte: «Hab keine Angst.» Dann öffnete er selbst den Reißverschluss. «Nur zu, fass ihn an.»

Unsere nackten Körper lagen auf dem Bett, bedeckt mit Samen und Schweiß. Meine Schulter berührte Alis Rücken, braun und glatt. Er schlief, doch sein ruhiger Atem konnte meinen Verstand nicht davon abbringen zu denken, dass das, was wir gerade getan hatten, haram * war. Der Roman lag auf dem Boden, er war aus dem Bett gefallen, als Ali mir die Shorts ausgezogen hatte. Ich fragte mich, ob Gott nach dem, was ich getan hatte, meine Literaturprüfung segnen würde. Plötzlich nahm Ali meine Hand und legte sie auf seine Brust. «Ich habe immer davon geträumt, einen Zimmergenossen wie dich zu haben.»

«Meinst du, sie würden uns einsperren?», fragte ich. Er stand auf und ging zum Tisch, nahm die Teekanne und schüttelte sie. «Zieh dich an und hol Wasser, damit ich Mate kochen kann.» Ich drehte mich im Bett nach ihm um. «Ich meine das ernst, meinst du, sie würden uns einsperren?» Er stellte die Teekanne wieder auf den Tisch. «Wenn du die Geheimpolizei meinst, die sind so dumm, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, zwei Männer könnten Sex haben. Sie verfolgen heterosexuelle Männer, die Frauen belästigen.» Er lachte und fuhr fort: «Wusstest du das? Ich habe gehört, dass Studenten sich Burkas angezogen haben, um sich in den Mädchenflügel zu schleichen und dort Sex zu haben.»

Ich fragte ihn nach Gott. Er meinte: «Welcher Gott würde dich bestrafen, weil du Liebe gefunden hast?» Ich nahm die Teekanne und ging in die Küche.

Am Nachmittag schoben wir die beiden Einzelbetten zusammen. Ali merkte, wie ich ihn beobachtete, als er die Matratze und die Kopfkissen bezog. Ich spürte, dass er der Mann war, den ich wollte. Das Zimmer fühlte sich plötzlich wie ein Zuhause an, obwohl kaum Möbel darin standen. All meine Ängste waren verflogen, doch ich bat ihn, keine Musik zu spielen und die Staatstrauer zu respektieren. «Ich hoffe, du sagst das nicht, weil du weißt, dass ich zur selben Konfession gehöre wie die Familie al-Assad. Aber ich werde mein Lieblingslied spielen.» Er drehte die Lautstärke des CD-Players so weit hinunter, dass wir fast nichts mehr hören konnten. Wir lachten beide über die absurde Situation, hielten uns aber die Hand vor den Mund, damit uns niemand hörte. Ich holte meine Kopfhörer und wir setzten uns nebeneinander auf das schmale Bett, um Erlöse mich zu hören. Ali summte mit und küsste mich sanft auf die Stirn.

IN RAUM 333, TEIL 2

Nachts um elf ging ich mit bloßem Oberkörper zum Fens-ter und schaute hinaus. Unten in der Amir-al-Schuaraa-Straße stand ein junger Mann unter einer Laterne, wie es viele Studenten in den warmen Nächten vor den Sommerferien taten. Das Licht der Laterne fiel in den dunklen Raum, denn wir hatten das Licht ausgeschaltet. Ich hörte, wie die Tür geöffnet wurde, und sah Alis Silhouette den Raum betreten. Er zog sich aus und kam auf mich zu. Ich spürte seinen warmen, nackten Körper an meinem Rücken. Ich schloss das Fenster und gab mich ihm hin.

Das Quietschen des Betts beim Ritual des Sex war so laut, dass man es bestimmt noch im Nachbarzimmer hören konnte. Ali hielt ein und gab mir ein Zeichen, die Matratze auf den Boden zu legen. Ich erlebte den ersten Sex auf einer schmalen Matratze auf dem Boden im orange flackernden Licht einer Laterne. Er war sehr erfahren und reagierte behutsam, als er spürte, dass ich nicht wusste, wie ich mich bei diesem Initiationsritus verhalten sollte.

Ein Klappern auf dem Flur ließ uns erstarren. Ali drehte sich zum Nachttisch, um auf die Uhr zu sehen, es war drei Uhr morgens. Der eigenartige Lärm wurde immer lauter und verstummte plötzlich direkt vor unserem Zimmer; durch den Spalt unter der Tür sahen wir einen Schatten. Der Gedanke, jemand könnte uns erwischen, versetzte mich in Panik. Zum ersten Mal verzog sich Alis schöner Mund zu einer Grimasse. Draußen bearbeitete jemand heftig die Zimmertür. Ich hielt die Luft an, vor Angst, er könnte die Tür aufbrechen. Plötzlich verstummte der Lärm.

Ich atmete auf.

Schweigend stand ich auf und legte meine Matratze wieder auf das Bettgestell; dann zog ich die Hose an. Danach zog auch Ali sich an. Er kam zu mir und gab mir einen sanften Kuss, aber ich sah die Angst in seinem erschrockenen Gesicht. Wir lagen jeder in seinem Bett und versuchten, ein wenig zu schlafen. Von den Moscheen erklang der Aufruf zum al-Fadschr *. Von einem Minarett auf dem Hügel, auf dem sich das Studentenwohnheim befand, hörten wir die tiefe Stimme des Muezzin: As-salat chairun min an-naum *. Die Worte flogen über die Dächer der Villen davon. Ich starrte mit offenen Augen an die Decke, die von den Straßenlaternen erhellt war; ein eigenartiger Impuls überkam mich, ich sprang auf, wusch mich und betete. Nach dem Adhan * rief der Muezzin: «Betet für al-Assads Seele.»

Der Ruf war beendet, und ich hörte Ali schnarchen. Ich kroch unter das Laken und versuchte zu schlafen.

Es mochte gegen sieben Uhr am Morgen sein, als jemand an die Tür klopfte und etwas rief. Ali war schon wach; er flüsterte: «Keine Angst, er soll uns nur wecken.» Er kam zu meinem Bett und setzte sich zu mir. Der Mann draußen ging weiter und klopfte an alle Türen. «Aufwachen, aufwachen, kommt zur Übertragung der Trauerfeier!»

Die Stimme war immer noch in der Ferne zu hören, als Ali sein Handtuch nahm und die Tür öffnete. Jemand hatte ein Plakat mit dem Porträt von Hafiz’ Sohn Baschar an die Tür geklebt; als Ali direkt daneben stand, sah es aus, als befände sich eine dritte Person zwischen uns beiden. Er witzelte: «Nein, wir machen keinen Dreier.» Ich trat in den Flur. Das Bild von Baschar al-Assad, umrahmt von der Nationalflagge, klebte auf jeder Tür. Ali sagte: «Geh wieder rein, wir sind hier, um uns zu lieben, nicht um zu trauern.» Dann schloss er hinter mir die Tür.

Ich verbrachte den ganzen Sommer mit Ali in Zimmer 333. Es war meine erste Liebesaffäre, bevor ich im September zurück nach Damaskus ging, um mein Studium fortzusetzen.

IM BUS

Einige dieser Ereignisse gingen mir jetzt wieder durch den Kopf. Es war der 10. Juni 2014, der Jahrestag von Hafiz al-Assads Tod und damit des Tages, an dem die «Ewigkeit» seiner Herrschaft endete. Ich saß mit anderen Asylsuchenden im Bus auf einer endlosen Fahrt nach Norden.

Ich verfolgte unsere Fahrt auf Google Maps und sah, wie der blaue Punkt einer gelben Linie folgte, hin zu unserem Ziel irgendwo in Südschweden. Im Bus saßen ungefähr zwanzig junge Leute, die sich fragten, wohin die Reise ging, aber der Fahrer blieb stumm. Der Bus hielt an einem großen See zwischen hohen Bäumen vor einem kleinen roten Haus. Ein Beamter der Migrationsbehörde stieg in den Bus und bat eine Frau mit Kindern auszusteigen. Sie weigerte sich und rief voller Angst: «Ich hasse Wasser, meine Kinder und ich haben genug davon.» Im Bus wurde es still. Der Beamte verstand nicht, was sie auf Arabisch gesagt hatte, und trug eines ihrer Kinder aus dem Bus. «Auf Wiedersehen», sagte die Frau. Die Fahrt ging weiter. Die Landschaft blieb immer gleich, wir fuhren zwischen hohen Bäumen und ich langweilte mich. Mit der Kamera in meinem Handy machte ich ein Selfie von mir in der letzten Reihe des Busses und schickte es meiner Schwester in Aleppo. Ich schrieb: «Alles in Ordnung. In Malmö hat man meinen Fingerabdruck genommen, und nun bringt uns der Bus der Migrationsbehörde in unsere Unterkunft. Ich halte dich auf dem Laufenden. Wünsch mir Glück.»

* Mit einem Sternchen gekennzeichnete Begriffe werden im Glossar am Ende des Buches erläutert.

KAPITEL 2
DER FRIEDHOF VON ÅSEDA

«Die Stadt heißt Åseda», sagte die Beamtin der Migrationsbehörde; wir waren zwei Stunden von Malmö hierhergefahren. Sie forderte mich auf, den Bus zu verlassen, und sprach dann mit dem Fahrer. Ich stand vor einem dreistöckigen Gebäude mit mehreren Balkonen, das hellgrün gestrichen war. Davor lagen hunderte von Zigarettenkippen auf dem Boden. Auf jedem Balkon sah man die dunklen Gesichter neugieriger Kinder, die durch die Stäbe des Geländers schauten. Die Männer und Frauen auf der Veranda starrten mich an. Ich blickte ihnen in die Gesichter und erkannte Menschen aus verschiedenen Ländern, von denen jeder eine Geschichte zu erzählen hatte. Im zweiten Stock sah ich einen einzelnen Mann und spürte, dass er Syrer war.

Die Beamtin gab mir einen Plastiksack, so strahlend blau wie der Himmel an diesem Tag. Aus dem Bus holte sie einen Karton, einen gewöhnlichen Pappkarton ohne besondere Merkmale. Das blasse Braun erinnerte mich an die karge Landschaft der endlosen Wüste wischen Deir ez-Zor und Damaskus. Ich nahm den Karton; er war nicht so schwer, wie ich vermutet hatte. Sie bat mich, ihr zu folgen, und als wir die Treppen emporstiegen, sah ich, dass sie einen Schlüsselbund in der Hand hatte. Wir betraten das Gebäude. Ein starker Duft nach Curry und Öl wehte durchs Treppenhaus, außerdem der vertraute Geruch eines arabischen Gerichts namens Muluchiya *. Die Mischung dieser starken Gerüche war abstoßend; um meine Verwirrung zu überwinden, drückte ich den Karton und den blauen Sack fest an die Brust und ging die Treppen hinauf.

Wir gingen in den zweiten Stock; die Beamtin schaute sich um, um sicherzugehen, dass dies die Wohnung war, die sie gesucht hatte. Ich stand ein kleines Stück hinter ihr und blickte auf ihren Rücken, mein Kopf war vollkommen leer. Sie klopfte mehrmals an die Tür und wartete. Von drinnen war nichts zu hören. Wir standen schweigend, während sie den richtigen Schlüssel suchte. Ich betrachtete die ungewohnte Umgebung und sah auf der Wand den schlecht gezeichneten Umriss einer Katze, die eine Ratte fing. Wahrscheinlich eine Warnung an die Bewohner, keinen Abfall im Treppenhaus liegen zu lassen. Nach mehreren Versuchen gelang es ihr, die Tür aufzuschließen, und wir gingen in die Wohnung. Der Flur war zugestellt mit Kartons und kaputten Möbeln. Ich sah in einer Ecke ein schmutziges Sofa und anderen aufgestapelten Müll. Die Beamtin der Migrationsbehörde war nicht überrascht von diesem Anblick. Sie führte mich in den Raum, in dem ich schlafen sollte, stieß die Tür mit dem Fuß auf und trat zur Seite, um mich eintreten zu lassen, während sie auf ihr Handy schaute. Wiederwillig betrat ich den Raum mit dem Karton und dem Plastiksack. Ich kam mir vor wie ein Gefangener.

Mit Ausnahme von zwei Bettgestellen ohne Matratzen war der Raum schmucklos und leer. Ein Bett stand unter einem großen Fenster mit einem quadratischen Stück schwarzer Baumwolle anstelle des Vorhangs.

«Dies ist Ihr Zimmer», sagte die Beamtin. «Hier bleiben Sie, bis Sie erfahren, was wir entschieden haben. In den nächsten Tagen wird jemand den Raum mit Ihnen teilen.»

Ich bat um einen Schlüssel für das Zimmer. «Asylsuchende haben nicht das Recht, ihre Türen abzuschließen», erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, und gab mir eine Mappe voller Papiere. Auf dem Deckel standen auf Arabisch die Worte «Willkommen in Schweden».

«Sie haben Glück, dass Sie im Sommer in Schweden eingetroffen sind», sagte die Beamtin und ging.

Ich starrte auf die Wände, die gelb von Nikotin waren, und eine Welle von Gefühlen schlug über mir zusammen. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis ich schließlich den Plastiksack öffnete, den ich bekommen hatte. Darin befanden sich eine Matratze, ein blaues Handtuch und Bettwäsche. Dann öffnete ich den Pappkarton und fand einen Kochtopf, einen weißen Plastikteller, einen Becher, eine Gabel, einen Löffel und ein gezacktes Küchenmesser. Instinktiv entschied ich mich für das Bett unter dem Fenster und schob den Karton mit dem Fuß unter das Bett. Ich rollte die Matratze aus und legte Kissen und Decke auf das Bett. Das Tuch vorm Fenster hing schief; es war nur teilweise an der Schiene befestigt und kaum länger als das Fenster selbst. Als ich es zurechtzog, stieg eine Staubwolke auf; ich musste husten und öffnete das Fenster, um frische Luft zu schnappen. Erstaunt blickte ich direkt auf einen Friedhof. In dem Moment wurde mir klar, welchen Titel die Geschichte über meinen Aufenthalt in diesem Raum tragen würde.

Beim Blick auf die Gräber ließ ich mutlos die Schultern sinken; schon wieder war der Tod mein Nachbar. Wusste die Frau von der Migrationsbehörde nicht, woher ich kam? Natürlich nicht. Wie sollte sie wissen, dass mein Weg nach Schweden mit Leichen gepflastert war? Ich war über Tote hinweggestiegen, hatte mich unter Leichen versteckt und neben ihnen geschlafen, das noch frische Blut gerochen, das aus ihren Mündern lief. Nein, die Beamtin wusste nichts über meine Begegnungen mit dem Tod, über mein Leben, bevor wir uns in der Migrationsbehörde getroffen hatten. Sie konnte nicht wissen, dass ich als Kind meinen Vater im Sarg gesehen hatte und dass ich meine Mutter behelfsmäßig in einem Park beerdigen musste. Auch meine Freunde hatte ich auf einem provisorischen Friedhof zurückgelassen. Mein Geist ist ein Friedhof voller Erinnerungen an die Toten, ihre Geister verfolgen mich, wohin ich auch gehe.

Ich schloss das Fenster, zog das Tuch davor und setzte mich in frischer Trauer auf mein Bett. Auf der Suche nach ein wenig Hoffnung strich ich mit der Hand über die Zimmerwand, dann rollte ich mich auf der neuen Matratze zusammen, um die Gedanken in meinem Kopf zu beruhigen. Immer wiederkehrende Albträume verwirrten mich, machten mich müde und hungrig. An der Zimmerdecke sah ich eine feuchte braune Stelle, sie sah aus wie eine Landkarte von Syrien. Ich starrte sie an, ohne zu merken, wie die Zeit verging. Schließlich vertrieb ich diese Halluzination.

In den nächsten Wochen verlor die Zeit ihre Bedeutung, Stunde um Stunde verging, in denen ich nutzlos herumsaß. Eines Morgens erwachte ich mit Magenschmerzen. Ich stand auf, trank etwas Wasser und verließ die Unterkunft für einen Spaziergang – nicht zum Vergnügen, sondern um die unendliche Langeweile zu bekämpfen. Nur wenn ich abends erschöpft war, konnte ich schlafen.

Ich schlenderte zum Friedhof auf der rechten Straßenseite. Gegenüber stand eine Ansammlung einstöckiger Häuser, die ich für ein Altenheim hielt. Ich fand es merkwürdig, dass die Regierung den älteren Dorfbewohnern den Weg zum Tod derart abkürzte. Ich ging den Hügel hinauf und bemerkte einige Holzhäuser, die in Pastellfarben gestrichen waren. Sie erinnerten mich an die Zeichentrickfilme, die ich als Kind gesehen hatte. Das Dorf selbst wirkte verlassen und leblos, wie versteinert. Wohin ich auch ging, alles sah wie ein Stillleben aus. Bei Wikipedia hatte ich gelesen, dass die Einwohnerzahl von Åseda 2430 betrug; ich hatte das merkwürdige Gefühl, das sie alle verstorben waren.

Ich ließ die letzten Häuser hinter mir zurück und ging in den Wald, in dem es geheimnisvoll ruhig war. Die tödliche Stille wurde nur durch meine Schritte und meinen Atem durchbrochen. Ein Fischadler drehte seine Kreise über dem Dach aus Koniferen; seine gleichmäßigen Bewegungen faszinierten mich. Wir waren beide aus demselben Grund hierher geflohen, zu diesem sicheren Hafen, einem schönen Ort mitten im Nirgendwo und ohne Bezug zur Welt. Selbst an diesem sonnigen Tag war der Boden feucht und dumpfig. Stundenlang streifte ich durch den Wald, ohne zu wissen, wo ich war, wie ein Kind auf der Suche nach dem Lebkuchenhaus. Von Zeit zu Zeit streifte eine sanfte Brise mein Gesicht und meine tropfende Nase. Diese Wanderung ließ mich das gespenstische Bild des Friedhofs vergessen. Als bei Sonnenuntergang der Tag zu Ende ging, kehrte ich zu meinem Bett zurück und legte den Kopf auf das Kissen, noch immer überwältigt von lebhaften Erinnerungen an mein früheres Leben, das unter all diesem Schutt begraben ist.

«Die Flitterwochen sind vorbei», hörte ich eine Stimme sagen. Ich stand draußen auf dem Küchenbalkon und sah hinab auf den leeren Spielplatz. Ich schaute mich um und sah Abu Halab, meinen Nachbarn, der eine Zigarette rauchte. Er erwartete keine Antwort; wir nahmen die Gegenwart des andern zur Kenntnis, lebten aber zurückgezogen in unseren inneren Welten. Er war Mitte zwanzig, trug einen schwarzen Bart und einen dicken Schnurrbart; er war nicht direkt schön, aber seine dicken Augenbrauen und langen Wimpern über den dunklen Augen ließen ihn attraktiv wirken. Obwohl er noch so jung war, verkörperte er eine spezielle Art männlicher Schönheit. Sein Kopf war rasiert wie bei vielen Männern hier, denn das Honorar des Friseurs betrug beinahe die Hälfte der Unterstützungszahlung für Asylbewerber. Abu Halab war einige Monate vor mir angekommen und erzählte mir, schon nach wenigen Wochen habe die schöne Landschaft begonnen, ihn zu langweilen. Zu Anfang fand er es aufregend, im Wald spazieren zu gehen und die Umgebung zu genießen. Doch seit einiger Zeit blieb er lieber in seinem Zimmer, lag im Bett, aß, masturbierte oder schlief. Schließlich bekam er die Erlaubnis, sich in Schweden niederzulassen, aber er fand keine Wohnung, um den Stall, wie er die Asylbewerberunterkunft nannte, verlassen und seine Frau aus Aleppo holen zu können.

Ich ging in die Küche, bereitete mir einen Tee und zog mich in mein Zimmer zurück; schloss den Vorhang und öffnete das Fenster. Mir wurde klar, dass Abu Halab recht hatte: Die Tage wiederholten sich monoton, die Schönheit verlor ihren Zauber, und die hässlichen und scheußlichen Dinge wurden vertraut. Der deprimierend dunkle Vorhang war jetzt praktisch, denn er schützte vor dem Licht der weißen Nächte. Der Friedhof kam mir nicht mehr unheimlich vor, ich sah die Grabsteine als kleine Statuen mit geometrischen Mustern. Ich schaute die Blumen an, die liebevoll vor jeden Grabstein gestellt wurden, und bald wartete ich geradezu auf das Eintreffen des Mannes mit Hut, der jeden Morgen mit seinem Jack-Russell-Terrier den Friedhof besuchte; wenn er einmal nicht kam, vermisste ich ihn. In Schweden sehen Friedhöfe wie Parks aus, in denen man spazieren geht, während in Syrien die Gärten und öffentlichen Parks zu behelfsmäßigen Friedhöfen geworden sind, weil sonst kein Platz ist, die Toten zu begraben.

Ich erwachte spät aus meinen Träumen, zitternd, zog den Vorhang zur Seite und sah, dass das Fenster an den Rändern von einem Spitzenmuster aus Raureif überzogen war. Ich schaute hinaus; das Laub der großen Eichen war gelb, rot und orange geworden und fiel zu Boden, ein Abschied vom Sommer. Die Blätter schwebten sanft zu Boden, ohne jedes Geräusch. Nur die immer noch grünen hielten sich stur an den Zweigen fest. Getrocknetes Laub bedeckte den Friedhof. Im Lauf der Nacht war die Temperatur abrupt gesunken, deshalb rückten die Toten zusammen und umarmten sich, um ihre Seelen zu wärmen. Im Herbstkostüm wirkte der Friedhof intimer. Eine sanfte Brise strich über die Gräber und fuhr unter die trockenen Blätter, dass es aussah, als würden sie an diesem kalten, aber sonnigen Morgen tanzen. Ich wandte mich vom Fenster ab und suchte nach jemandem, mit dem ich diesen flüchtigen Glücksmoment teilen könnte, aber ich sah niemanden. Alles war so ruhig, als würden die Bewohner noch schlafen. An der Wand der alten Kirche lehnte ein Fahrrad, die Kette hing hinab auf den Boden. Die Uhr oben am Turm zeigte immerzu Viertel nach zehn. Wie an jedem Morgen war nur eine kleine Gruppe von Enten auf der Straße unterwegs.

Ich zog meinen roten Mantel an und wickelte mir einen braunen Schal um den Hals. Die linke obere Ecke des Spiegels war abgebrochen, sodass ich nur mein halbes Gesicht sehen konnte. Als ich die Treppe hinabging, stellte ich mir vor, das ganze Haus würde nach dem Parfum duften, das ich nur zu besonderen Anlässen auflegte. Sobald ich draußen war, spürte ich die kalte Luft an den Fingerspitzen und Augen. Ich erinnerte mich, wie in Damaskus die Sonne auf das alte Haus schien, in dem ich wohnte. Ich konnte den Duft frisch gebackenen Brots am Morgen riechen und den würzigen Geruch von Geflügel mit Kichererbsen und Kumin. Ich drang immer tiefer in das Reich der Erinnerung ein und hörte Teelöffel und Teller beim Frühstück klappern. Das Gesicht meiner verstorbenen Mutter sah mich lächelnd an. Reisen in die Vergangenheit brauchen weder Pass noch Visum. Der Tagtraum war die einzige Hand, die sich mir zum Tanz entgegenstreckte.

Natürlich wusste ich, wo ich war; die Google Map auf meinem Smartphone zeigte einen Punkt «mitten im Nirgendwo», wie ein Freund sagte, als ich die Karte über Whats-App mit ihm teilte. Tatsächlich war ich in Småland, in der Provinz Kronoberg. Hier stand ich am Friedhof von Åseda, umgeben von einem bunten Teppich aus Herbstlaub. Plötzlich legte sich der Wind, und die Vögel verstummten. Alles um mich herum versank in Schweigen, wie auf einer Party, wenn alle Gäste ohne Abschied gegangen sind. Ich blieb lange stehen, während der Regen durch die Bäume niederfiel. Hinter den Grabsteinen hatte sich ein Rinnsal gebildet, über dem zwei Libellen um die Blumen flirrten. Als ich näher heranging, stieg vom feuchten Boden ein angenehmer Geruch auf. Im Gras neben einem Grabstein wuchsen Pilze; sie sahen aus wie die Zehen einer Leiche. Von Weitem zerstörte ein Rasenmäher den friedlichen Moment. Ich schlenderte zwischen den schwarzen Grabsteinen umher, auf denen Namen eingemeißelt waren wie die Signatur des Künstlers auf einer Statue. Mir fiel auf, dass die meisten Nachnamen auf «son» endeten; einer nach dem anderen, wie ein Museum der Geschichte des Todes. In der ersten Reihe schienen die ältesten Gräber zu liegen. Ihre Inschriften nannten Daten vor dem Ersten Weltkrieg, und die Todestage lagen nah beieinander, nach einem langen Leben. Zwischen diesen Toten fühlte ich mich wie ein Fremder; die meisten von ihnen lebten und starben, bevor ich geboren war.

Als ich den Süden des Friedhofs erreichte, rief der Geruch eines vertrauten Gewürzes die Erinnerung an die kleine Statue der Schmerzhaften Mutter wach, die in einer Ecke der Ananias-Gasse in der Altstadt von Damaskus steht. Ich dachte, der Geruch käme von der Kirche im Norden des Friedhofs, aber ich hatte mich geirrt. Ich ging zu dem kleinen Grab, auf dem in einem Schälchen Weihrauch brannte und eine dünne Rauchsäule aufsteigen ließ, daneben ein Klumpen von hartem, staubigem Wachs und ein Strauß roter Rosen, den man auf den weißen Marmor gelegt hatte. Auf dem Grabstein war das Foto eines jungen Mannes zu sehen, mit blauen Augen und schönem Lächeln, und einer Matrosenmütze auf dem langen, blonden Haar – ein Bild jugendlicher Lebensfreude. Er war 1996 geboren worden und 2014 gestorben. Unter dem Datum war ein Epitaph in den Stein gemeißelt, das ich nicht verstehen konnte. Der Anblick löste ein inniges Gefühl in mir aus; dass der Tod soeben erst eingetreten war, weckte Erinnerungen an meine Träume, die der Krieg zerstört hatte und die ich seit Monaten zu unterdrücken versuchte.

Ich schaute über die Gräber hinweg hinauf zu meinem Schlafzimmer. Der schwarze Vorhang wehte durch das offene Fenster. Mir wurde klar, dass ich an dem Grab stand, das der Mann mit Hut jeden Tag besuchte.

Mit Tränen in den Augen ging ich fort.

Von jetzt an besuchte ich das Grab jeden Abend und entzündete eine Kerze. Von meinem Zimmer aus konnte ich dann das flackernde Licht in der Dunkelheit sehen. Merkwürdigerweise minderte der Anblick der kleinen Flamme den Kummer meiner einsamen Nächte. Eine Stimme in mir begann mit den Toten zu reden. Am Morgen, wenn ich meinen Kaffee trank, sah ich zu ihnen hinab und sprach von Dingen, die ich vor langer Zeit vergessen hatte. In ihren ordentlich aufgereihten Gräbern schienen sie mir respektvoll zu lauschen. Von Tag zu Tag wurden sie mir vertrauter, sie wurden Freunde, denen ich all meine Geheimnisse anvertrauen konnte. Wir lachten und weinten zusammen. Verstorbene sind aufmerksame Zuhörer, und das war alles, was ich brauchte, jemand, der mich beachtete.

Leider sind die guten Dinge oft nicht von Dauer. Gerüchte gingen um, dass alle Asylsuchenden in andere Unterkünfte verlegt werden sollten. Es hieß, die Bewohner des Altersheims gleich nebenan hätten sich über uns beschwert. Der Grund war anscheinend, dass wir lärmende Fledermäuse waren, die nachts aktiv wurden. Unsere Stimmen waren laut und störten sie besonders, wenn wir vor der Unterkunft telefonierten. Die Kinder waren zu lebhaft, sie schrien die ganze Zeit. Die Mülleimer neben dem Altenheim quollen über von unseren Abfällen, und die Luft war vom Qualm unserer Zigaretten verpestet. Ihr Leben war durch unsere Anwesenheit bedroht. Niemand wusste, ob diese Gerüchte auf Tatsachen beruhten, bis eines Morgens jeder von uns einen Brief erhielt, in dem uns mitgeteilt wurde, die Asylboende würde im November geschlossen werden. Es war beschlossen worden, uns auf verschiedene andere Unterkünfte in Kronoberg zu verteilen.

Bei meiner Ankunft war mir von der Beamten der Migrationsverket gesagt worden, ich würde diesen Ort erst dann verlassen, wenn mir eine Aufenthaltserlaubnis erteilt wurde, doch nun schien es so, als würde ich schon vorher gehen. In der folgenden Woche wurden wir gedrängt, uns darauf vorzubereiten, dass verschiedene Busse uns und unsere blauen Plastiksäcke an andere Orte bringen würden. Von meinem Fenster aus beobachtete ich, wie sich die Bewohner voneinander verabschiedeten. Ich blieb allein und trank einen letzten Kaffee mit meinen verstorbenen Freunden. Ich genoss den letzten Blick auf diejenigen, die meine neue Familie geworden waren.

«Du wirst mir fehlen», flüsterte ich meinem jungen Freund zu.

Die Zimmertür wurde aufgerissen, und die Beamtin kam herein. Sie wirkte verärgert, sagte aber nichts. Sie untersuchte den Fensterrahmen und schüttelte die Vorhänge; ich war mir sicher, dass sie mich im Verdacht hatte, etwas zu verstecken. Dann befahl sie mir, ihr zum Ausgang zu folgen. Ich trug denselben Sack und Karton wie bei meiner Ankunft, außerdem ein Schreibheft, das ich im ICA-Geschäft in Åseda gekauft hatte. Die Szene erinnerte mich an meine Ankunft vor einigen Monaten, nur dass es dieses Mal nicht nach Essen roch. Sobald wir draußen waren, forderte sie mich auf, in den Wagen zu steigen. Ein anderer Mann saß bereits auf der Rückbank; auch er hatte einen blauen Sack. Ich schwieg. Eine Digitaluhr zeigt 03:00 nachmittags, und das Autoradio übertrug einen Bericht auf Schwedisch. Dann stieg auch die Beamtin ein und setzte sich neben den Fahrer.

«Lenhovda», antwortete sie, als ich fragte, wohin wir fuhren.

Es begann stark zu regnen. Die Scheibenwischer zuckten hektisch von links nach rechts. Ich drehte mich um und warf einen letzten Blick auf meine toten Freunde. Friede sei mit euch, ihr Menschen in den Gräbern, ihr seid uns vorangegangen, und wir werden euch folgen … Der Wagen fuhr langsam um den Friedhof herum, ich konnte ihn noch durch das Rückfenster sehen. Der Regen trommelte auf das Autofenster; bald konnte ich die Gräber durch die regennasse Scheibe nicht mehr erkennen. Das Bild des Friedhofs würde in den nächsten Monaten neben vielen anderen Geschichten in meinem Geist fortbestehen. Mein Schreibheft fiel zu Boden; ich konnte es mit Mühe unter dem Vordersitz hervorziehen. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich, dass Abu Halab mich mit seinen weit geöffneten Augen ansah; sein Gesicht war ganz nah, ich konnte seinen warmen Atem auf den Lippen spüren.

KAPITEL 3
HUNDE IN MEINEM LEBEN
KRONOBERG

Ich suchte in der Blocket-App * auf meinem Handy nach Hunden, die zu verkaufen waren. Jedes Bild sah ich mir genau an, vergrößerte es, bis die Nase des Hundes das Display ausfüllte, und verkleinerte es allmählich wieder, um sein Gesicht vollständig vor Augen zu haben, als wäre mein Smartphone ein Ort, an dem er Zuflucht suchen könnte. Ich fühlte mich ihm nahe, lächelte ihn liebevoll an. Niemand schenkte mir so viel Energie und Hoffnung wie ein Hund. Mein ganzes Interesse galt dieser Blocket-Seite. Ich war süchtig danach, die Nachrichten über Käufe und Verkäufe zu verfolgen. Den Hunden ging es genau wie mir, alle suchten wir ein Asyl.

Der Kellner warf die Pizza vor mir auf den kalten Eisentisch und nahm mir damit erst mal die Freude am Betrachten der Welpengesichter. Der Tisch, der wie ein Flamingo auf einem einzigen Bein stand, wackelte, und mein Messer landete laut klirrend auf dem Betonboden. Der Kellner – der in Personalunion der Pizzabäcker war – wandte sich ohne ein Wort der Entschuldigung um, nicht einmal mein Dankeschön wartete er ab. Schnell bückte ich mich unter den Tisch und langte nach dem Messer. Graue Flusen blieben an meiner Hand kleben. Als ich den Kopf wieder hob, stieß ich mit dem Nasenbein an den Tischrand. Der heiße Dampf, der von der Pizza aufstieg, schlug mir ins Gesicht. Starker Geruch stieg mir in die Nase, wie nach geschmolzenem Plastik. Ich zog den Kopf ein, setzte mich wieder, ohne Messer und mit schmutziger Hand, und beobachtete, wie der Käse auf der Pizza brodelte, als wäre sie ein Vulkan. Ich hielt mir die Nase zu. Die Pizza sah aus wie ein leeres Gesicht. Von dem Gemüse, mit dem sie laut Speisekarte belegt sein sollte, keine Spur. «Die Pizza hier ist ganz anders als die in Abu Salams Restaurant unterhalb meiner Wohnung in Damaskus», dachte ich. «Abu Salams Pizzen sahen aus wie eine Schüssel frisches Gemüse auf einem Meer aus Schafskäse.» Der Käse hörte auf, Blasen zu werfen. Ein paar tote Zwiebelringe tauchten an seiner Oberfläche auf. Das Beste auf dem ganzen Tisch war das Bild des lächelnden Golden Retrievers auf meinem Handydisplay. Der Hund wurde für nur zweitausend Schwedische Kronen angeboten, er war sieben Jahre alt. Schande! Wie konnte man ein Familienmitglied verkaufen, mit dem man sieben Jahre zusammengelebt hatte?

Wie dem auch sei, das Essen in der Pizzeria hatte ich mir als Belohnung gönnen wollen, weil die gut tausend Kronen Geldleistung von der Einwanderungsbehörde auf meinem Konto eingegangen waren. «Toll, mein Einkommen reicht nicht einmal aus, um einem siebenjährigen Hund auf Blocket das Leben zu retten», dachte ich.

Ich griff mir mein Telefon und verließ die Pizzeria.

Die Temperatur draußen betrug vier Grad unter null. Ich stellte mich an die Bushaltestelle und zog wie eine Schildkröte den Kopf in den Mantelkragen. «Mein Schal hängt noch drinnen über dem Stuhl!» Aber lieber frieren, als noch einmal diese Plastikpizza sehen müssen. Ich zog mein Handy aus der Tasche. Bis der Bus nach Växjö kam, blieben noch drei lange Minuten. Wieder sah ich mir auf meinem eiskalten Handy den Hundemarkt an. Obwohl Haustiere in der Asylboende verboten waren, war ich besessen davon. Am Ortsrand stand ein großes, verlassenes Haus, das ich jeden Tag besuchte, um vor der Tür davon zu träumen, wie ich sämtliche zum Verkauf stehenden Hunde und Welpen adoptierte und mit ihnen dort wohnte.

Der Bus kam, ich stieg ein und setzte mich allein auf die mit samtartigem Stoff bezogene Rückbank. Im Bus war es warm. Nach weniger als einer Minute stieg eine Frau von gut sechzig zu. Ich sah nur ihr kurzgeschnittenes graues Haar; als sie auf die vorderste Bank sank, verschwand sie ganz aus meinem Blickfeld. Der Fahrer startete den Motor, der Bus fuhr los und ließ zwei junge Männer zurück, die winkend angerannt kamen – aus Richtung der Asylunterkunft. Der Bus verließ das Dorf und tauchte ein zwischen die hohen Bäume. Plötzlich stoppte er mitten im Wald. Ein wuchtiger Mann mit einer schwarzen Wollmütze, die er sich tief über beide Ohren gezogen hatte, stieg ein. Er trug einen schwarzen Overall mit hellgrünen Streifen. Unschlüssig, auf welchen der leeren Plätze er sich setzen sollte, ging er den Mittelgang entlang. Aus seinen Taschen ragten mehrere Schraubenzieher, ein Hammer, eine Zange und eine Taschenlampe. Schließlich warf er sich auf eine Sitzbank und war damit ebenfalls verschwunden. Der Bus sah aus wie ein leerer Kinosaal und die Fenster wie große Leinwände, auf denen ein Film lief, der an einem einzigen Ort spielte: in den Wäldern Smålands.

ASMAHAN

Eines Tages, als meine Mutter vom Einkaufen zurückkam, fand sie an unserem Gartentor einen sehr jungen hellbraunen Welpen, gerade einmal so groß wie ein Handteller. Die kleine Hündin suchte dort nach einem kühlen Plätzchen im Schatten, das sie vor der Sommerhölle in Deir ez-Zor schützte. Mitleidig nahm meine Mutter sie auf den Arm, obwohl ihr die schweren Plastiktüten voller Gemüse tief in die Finger schnitten. Sie kam durch die Küchentür ins Haus und rief: «Kommt mal her, Kinder, ich hab an unserem Tor einen Hund gefunden!» Die schweren Tüten rutschten ihr eine nach der anderen aus der Hand, und Tomaten und Äpfel kullerten über den Boden. Der Welpe jedoch hing noch auf ihrem Arm und sah uns erstaunt an. Meine vier Brüder und ich drängelten uns um sie herum und starrten ihn an wie ein Wunder. «Wir behalten ihn», sagte meine Mutter mit einem Strahlen im Gesicht. Mit der einen Hand drückte sie den Welpen an ihre Brust, mit der anderen zog sie sich das Tuch vom Kopf. Ihr langes und weiches kastanienbraunes Haar war so verschwitzt, dass es ihr an der Kopfhaut klebte. Sie warf das Tuch auf das glatte Marmorbord, und der fließende Stoff ergoss sich wie geschmolzenes Wachs auf den Boden. Als sie mit dem Hündchen ins Badezimmer ging, hüpften meine Geschwister und ich um sie herum wie ein Wurf Welpen um seine Mutter. Sie setzte die Kleine ins Waschbecken, drehte den Hahn auf und rieb sie zwischen ihren Händen wie ein Stück Seife. Behutsam wie ein Neugeborenes wusch sie sie unter den Achseln und zwischen den Beinen, wickelte sie anschließend in ein weißes Handtuch und übergab sie mir wie eine kleine Schwester, damit ich, der damals Zehnjährige, ihr einen Kuss gab. «Du bist nicht mehr der Jüngste im Haus», flüsterte mein älterer Bruder mir schadenfroh ins Ohr, als würde dieser Welpe nun dafür Rache nehmen, dass ich ihm seine Stellung als Nesthäkchen streitig gemacht hatte. Ohne mit uns darüber zu diskutieren, nannte meine Mutter das Hündchen Asmahan, nach der in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts so berühmten syrischen Sängerin, für die sie ein besonderes Faible hatte. «Wäre Asmahan nicht schon in der Blüte ihrer Jugend, ganz am Anfang ihrer künstlerischen Karriere gestorben», pflegte sie zu sagen, sobald das Gespräch auf das Thema Musik kam, «wäre sie zur Legende der arabischen Musik geworden und nicht Umm * Kulthum.» Das war ihre Meinung. Asmahans Aufnahme in unsere Familie hießen wir alle gut. Meine Mutter fütterte sie mit einem Brei aus gekochten Kartoffeln und Kaschkawal *, dann brachte sie sie zur Toilette und machte die Tür zu. Meine Geschwister und ich saßen derweil in der Küche und warteten, dass die beiden wieder herauskämen. Die Wände unserer glücklichen Küche reflektierten die Strahlen der Nachmittagssonne. Sie fielen auch auf die roten Stickblumen der kurzen Vorhänge vor den Wandregalen. Hinter diesen Vorhängen standen die Einmachgläser meiner Mutter aufgereiht. Sie enthielten lauter hausgemachte Lebensmittel: Konfitüren aus Aprikosen, aus grünen Walnüssen, Kirschen, Babyauberginen oder Damaszener Rosen, dazu mit Pistazien oder Walnüssen gefülltes Gebäck. Außerdem Gläser mit Makdus * und schwarzen Oliven sowie mit Schwarzkümmel bestreutem Akkawi-Käse.

Irgendwann kam meine Mutter mit Asmahan unter dem Arm zurück in die Küche. Der Welpe zappelte mit den Beinen in der Luft, als führe er Fahrrad. Behutsam stellte meine Mutter ihn auf den runden Küchentisch. «Ärgert sie nicht!», sagte sie warnend und begann, Kaffee zu kochen und dazu mit ihrer weichen Stimme ein Lied von Asmahan zu singen: «Ahwa … ana ahwa … aya min yaqulli ahwa asqihi bi Eidi Qahwa.»* Wir saßen um den Tisch herum und starrten Asmahan an wie eine frischgebackene Torte. Aus dem Stielkännchen meiner Mutter duftete es nach Kardamom. Die kleine Asmahan hatte ein rundes Gesicht wie ein Teddy und gutmütige schwarze Augen, ihr kurzes Fell war honigbraun. Sie gähnte herzhaft, ohne sich um den Gesang meiner Mutter oder den Radau um sie herum zu kümmern, und streckte dabei ihre zarte rosarote Zunge heraus. Dann schlief sie ein. Meine Mutter stellte ein rundes Stahltablett mit einem Jasminsträußchen, das sie in unserem Garten gepflückt hatte, einem durchsichtigen Wasserkrug mit Eiswürfeln, dem dampfenden, kupfernen Stielkännchen und drei weißen Tässchen auf den Tisch. Es waren ihre Lieblingstassen, die Tulpenbögen an den Rändern hatte sie selbst gemalt. Wenn das Tablett mit diesem Service auf den Tisch kam, hieß das, ihre engsten Freundinnen waren im Anmarsch. Meine Mutter besaß ein reges Sozialleben. Es kommt mir vor, als sei sie die einzige Frau aus Mardin gewesen, die sich in Deir ez-Zor integriert hatte. Beinahe täglich gab es in unserem Haus kleine Kaffeekränzchen, dazu einmal im Monat größere Einladungen, bei denen Mandelmilch und Kastanieneis gereicht wurden. Als Umm Salih die äußere Küchentür aufstieß, zogen sich meine Geschwister leise aus der Küche zurück. «Hallo zusammen!», grüßte sie und trat ein. Wie üblich hing der Saum ihres langen violetten Hidschabs bis auf den Boden. Ich blieb in der Küche, denn in unserem Haus durften die Kinder an den Treffen der Frauen teilnehmen.

«Ach neeee, ein Hund! Ihr seid doch nicht etwa Christen geworden?» Umm Salih schnappte so laut nach Luft, dass Asmahan aufwachte. Meine Mutter nahm Asmahan auf den Schoß und schenkte Umm Salih ein. «Schäm dich! Umm Elias kann jeden Moment da sein. Trink deinen Kaffee!» Umm Salih ignorierte die Aufforderung meiner Mutter und fuhr fort: «Einen Hund im Haus zu halten, ist haram! Ein Haus, in dem ein Hund ist, besuchen die Engel nicht mehr!» Zum Zeichen, dass unser Haus nun nicht mehr rein sei, schob Umm Salih die Kaffeetasse von sich. «Sie werden sagen: ‹Sieben! Der achte war ihr Hund›», zitierte meine Mutter aus dem Koran, um Umm Salih darauf aufmerksam zu machen, dass selbst dort Hunde vorkamen. «Ich habe sechs Kinder», fuhr sie fort, «und Asmahan ist nun mein siebtes.» Umm Salih lachte auf. «Bist du verrückt?» Dass Umm Salih solchen Wert darauf legte, was erlaubt und was verboten war, interpretierte ich stets so, dass sie davon träumte, als erste Frau Imamin einer Moschee zu werden. Meine Mutter nahm Asmahan hoch, brachte sie ins Wohnzimmer und schloss die Tür. Währenddessen stieß Umm Elias mit dem Fuß die Außentür der Küche auf und kam mit einem weißen Stoffbeutel in der Hand herein. «Komm, Furat, nimm mir das mal ab!» Umm Elias hatte Fastengebäck* mitgebracht. Ich sollte ein Stück essen und den Rest auf die Arbeitsplatte stellen, sagte sie. Sie selbst postierte sich vor dem Küchenspiegel, um sich zu vergewissern, dass ihr kurzes Haar die schwarze Farbe, mit der sie es behandelt hatte, angenommen hatte. Dann nahm sie sich die großen goldenen Creolen von den Ohren und atmete auf, als hätte sie eine schwere Last abgeworfen. Sie legte sie vor sich auf den Tisch und setzte sich zu den beiden anderen.

Kaum hatte meine Mutter ihr Kaffee eingeschenkt, seufzte Umm Elias: «Ich hab schon daran gedacht, zum Islam zu konvertieren, damit diese Geschichte endlich ein Ende nimmt.» Diesen Satz sagte Umm Elias jedes Mal, wenn sie uns besuchte. Sie beneidete die Musliminnen um die Annehmlichkeit der Ehescheidung, denn die katholische Kirche verschleppte ihren Antrag auf Trennung von ihrem Mann schon seit etwa fünf Jahren. Sie begann, meiner Mutter und Umm Salih den neusten Stand des Prozesses gegen ihren Ehemann zu berichten.

Über Umm Elias’ Erzählungen vergaß Umm Salih unsere Hündin Asmahan und schlürfte schweigend ihren Kaffee. Umm Elias war eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin. Von ihr habe ich diese Kunst gelernt, muss ich gestehen. Sie war eine assyrische Christin aus Hasaka, die in den Sechzigern hinter dem Rücken ihrer Angehörigen eine Entführungsehe mit Abu Elias eingegangen war. Nachdem ihre Familie seinen offiziellen Antrag abgelehnt hatte, weil er einer anderen christlichen Konfession angehörte, war sie mit ihm nach Deir ez-Zor geflohen und hatte sich in unserem Viertel niedergelassen. In einem Gemüseladen lernte sie dann meine Mutter kennen, und die beiden wurden wie Schwestern. Was dagegen Umm Salih betraf, so suchte sie mit dem Besuch bei uns ihrem anstrengenden Ehemann zu entkommen. Sie nannte unser Zuhause immer ein Haus der Freiheit, weil meine Mutter verwitwet war. Umm Salih war der Ansicht, in unserer Gesellschaft biete nur der Tod des Ehemanns einer Frau die Möglichkeit, absolut frei zu sein. Wenn sie uns besuchen kam, zog sie sich als Erstes ihren großen Hidschab vom Kopf und warf ihn sich über die Schultern, dann breitete sie ihr hennarotes Haar aus, öffnete die obersten Knöpfe ihres Kleides und zeigte ihr leuchtend weißes Dekolleté. Dabei kam ein großer goldener Anhänger in Form eines Korans zum Vorschein, der ihr an einer dicken Goldkette um den Hals baumelte. Sie steckte die Hand in ihren BH und holte einen Fünfundzwanzig-Lira-Schein heraus, gab ihn mir und bat mich, ihr ein Päckchen Kent-Zigaretten zu kaufen, den Rest könne ich behalten.

«Ach neeeee, ein Hund, nicht zu glauben! Ihr werdet alle krank werden!», keuchte Umm Elias, kaum dass mein Bruder mit Asmahan auf dem Arm in die Küche gekommen war.

Meine Mutter kümmerte sich jedoch nicht um die Ansichten ihrer Freundinnen und erlaubte Asmahan, bei uns zu wohnen. Mit der Zeit akzeptierte auch Umm Salih die Hündin und hing schließlich so sehr an ihr, dass sie sie versorgte, wenn wir in den Ferien in unser Haus in Damaskus fuhren. Auch Umm Elias arrangierte sich mit Asmahan, allerdings wusch sie sich jedes Mal, bevor sie unser Haus verließ, die Hände mit Alkohol. Die Zeit mit Asmahan war für meine Familie die schönste und gemütlichste überhaupt. Sie wuchs zu einer großen Hündin heran, benahm sich aber immer noch wie ein kleiner Welpe und behielt auch ihren neugierigen Blick. Sie liebte uns alle, aber schlafen legte sie sich nur im Schoß meiner Mutter. Asmahan! Sie war sehr sensibel, aber gleichzeitig stark und unabhängig. Sie wusste, dass sie auf der Straße geboren war, und besaß die Seele einer Katze im Körper eines Hundes. Morgens verschwand sie aus dem Haus und kehrte erst zurück, wenn sie Hunger hatte. Nach dem Essen schlich sie sich ins Wohnzimmer und sah sich im ganzen Raum um, bis sie eine Lücke zwischen uns gefunden hatte. Dann sprang sie mit einem eleganten Satz aufs Sofa und setzte sich zu uns, um mit uns fernzusehen. So nahm sie in den Erinnerungen von uns Geschwistern einen wichtigen Platz ein.

An der Station Växjö saßen drei ältere Schwedinnen auf einer Bank. Eine von ihnen hielt einen kleinen honigfarbenen Hund im Arm, der aussah wie Asmahan. Sie unterhielten sich auf Schwedisch, deshalb konnte ich sie nicht verstehen. Ich wagte nicht, ihnen zu erzählen, dass sich die gleiche Szene bereits vor fünfundzwanzig Jahren in unserer Küche abgespielt hatte, wenn auch mit anderen Personen. Ich schwieg lieber, blieb aber die ganze Zeit im Bahnhof, starrte die Frauen an und gab mich meinen Erinnerungen hin. In der beißenden Kälte legte ich mir die Hand um den Hals und bereute, meinen Schal in der Pizzeria liegen gelassen zu haben. Die elektronische Tafel über den Köpfen der drei alten Damen zeigte an, dass der letzte Bus in fünf Minuten ging.

Ich war der erste Fahrgast, der einstieg, und setzte mich auf die hinterste Bank, Hände und Lippen vor Kälte zitternd. Gegen Abend war die Temperatur noch weiter gesunken. Ich zog mein Smartphone aus der Tasche, es spendete ein wenig Wärme, und scrollte erneut durch die Verkaufsanzeigen für Hunde in der Blocket-App. Es war keine neue darunter. Ich schloss die App und steckte das Handy zurück in die Tasche. Durchs Fenster sah ich Geflüchtete in langen Schlangen vor den in die Dörfer Smålands fahrenden Bussen stehen, in den Händen große weiße Plastiktüten, wie es sie nur in arabischen Lebensmittelläden gab, vollgestopft mit Gemüse, dazu Tüten mit arabischem Brot, Fleisch, Hühnchen und Konserven. Als der Bus halb voll war, fuhr er ab. Sobald er die Straßen der Stadt verlassen hatte, versanken wir in der Finsternis der Wälder. Mit ans Fenster gepresstem Kopf lauschte ich dem Knurren meines leeren Magens. Ich drehte mein Gesicht zur Scheibe und sah dort einen zweiten Furat an mir kleben. Diese unvermutete Begegnung mit mir selbst gefiel mir. Meist passierte das, wenn ich auf Reisen war.

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9783863003067
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