Kitabı oku: «Großer Bruder, kleine Schwester»
Zum Buch
Wohin gehört man, wenn man nicht weiß, woher man kommt? Kim Thúy erzählt so zärtlich wie erschütternd vom Schicksal der Kriegskinder aus Vietnam, die, weil sie einen französischen oder amerikanischen Vater hatten, in für sie fremde Länder gebracht wurden.
Die Liebe zwischen Alexandre und Mai, einem französischen Plantagenbesitzer und einer vietnamesischen Widerstandskämpferin, begann mit Gewalt. Das Glück kam unvorhergesehen und währte kurz, den Angriff auf Alexandres Plantage überlebt nur ihre Tochter Tam.
Auf den Straßen Saigons schlägt sich Louis durch, Sohn einer Vietnamesin und eines schwarzen GIs, der schon mit sechs Jahren die Kunst des Taschendiebstahls beherrscht. Eines Tages findet er ein ausgesetztes Baby mit reisfeldgrünen Augen. Liebevoll kümmert er sich um das Mädchen und nennt es Em Hóng, doch das Kriegsende reißt sie auseinander. Jahrzehnte später begegnet Emma-Jade auf dem Flughafen einem Mann, der ihr zugleich so ähnlich ist und doch so fremd. Woher kennen sie sich?
Inspiriert von der Operation Babylift, bei der 1975 vietnamesische Kinder ohne Eltern ins Ausland geflogen wurden, erzählt Kim Thúys Roman in so knappen wie atmosphärischen Bildern von dem Schicksal dieser Kinder. Sie leben mit den traumatischen Erinnerungen in fremden Ländern, meist in Adoptivfamilien, und müssen eine eigene Identität und Zugehörigkeit finden.
Über die Autorin
Kim Thúy wurde in Saigon geboren und floh als Zehnjährige mit ihrer Familie in den Westen. Sie arbeitete als Dolmetscherin und Rechtsanwältin, als Gastronomin, als Kritikerin und Moderatorin für Radio und Fernsehen. 2010 wurde sie mit ihrem in zahlreiche Sprachen übersetzten Überraschungserfolg Der Klang der Fremde als Autorin bekannt. Es folgten Der Geschmack der Sehnsucht (2014) und Die vielen Namen der Liebe (2017). Kim Thúy lebt in Montreal.
Kim Thúy
GROSSER BRUDER, KLEINE SCHWESTER
Aus dem Französischen von
Brigitte Große
Verlag Antje Kunstmann
AUS EINEM GESPRÄCH MIT DEM MALER LOUIS BOUDREAULT
KIM: All diese Lebensfäden in den Zeitläuften
All diese Fäden ohne Knoten, ohne Halt, Lebenslinien der Verlassenen
All diese geduldig weitergesponnenen Fäden, auf denen die Seiltänzer des Lebens ihr Gleichgewicht halten All deine Fäden
LOUIS BOUDREAULT: Die Schachtel sieht aus, als ob sie sich durch den leisesten Hauch auflösen könnte, doch wenn sie standhält, kann nichts sie zerstören …
Und sie hat standgehalten.

Anfang einer Wahrheit
Immer wieder Krieg. In jeden Konflikt schleicht sich das Gute ein und findet sogar in den Rissen des Bösen Platz. Heldentum vollendet den Verrat, Liebe flirtet mit dem Verlassen. Wenn Feinde aufeinander losgehen, haben alle nur ein einziges Ziel: zu gewinnen. Und in diesem gemeinsamen Tun erweist sich der Mensch als stark, verrückt, feige, loyal, grandios, grobschlächtig, unschuldig, ahnungslos, gläubig, grausam, mutig … Daher Krieg. Immer wieder.
Ich will die Wahrheit erzählen oder zumindest wahre Geschichten, sie werden aber nur teilweise, unvollständig, annähernd wahr sein. Es ist unmöglich, die Nuancen des Himmels in dem Moment, in dem der Marine Rob einen Brief seiner Liebsten liest und der Rebell Vinh in einer Atempause, einem Augenblick trügerischer Ruhe, an seine schreibt, exakt zu benennen. Ist er maya-blau und azurin oder französisch- und coelinblau? Wie viel Kilo Maniokmehl sind in dem Topf, in dem Private John die Liste mit den Aufrührern findet? Ist das Mehl frisch gemahlen? Welche Temperatur hat das Wasser in dem Brunnen, in den Herr Út gestoßen wird, bevor ihn Sergeant Peter mit einem Flammenwerfer bei lebendigem Leib verbrennt? Wiegt Herr Út halb so viel wie Peter oder eher zwei Drittel? Hat Peter sich über juckende Mückenstiche geärgert?
Nächtelang habe ich versucht, mir Travis’ Vorstoß, Hoas Schüchternheit, Nicks Entsetzen und Tuâns Verzweiflung auszumalen, die Schusswunden der einen, die Triumphe der anderen, im Wald, in der Stadt, im Regen, im Dreck … Allnächtlich scheiterten diese Versuche im Takt der Eiswürfel, die in den Behälter an meinem Gefrierschrank klackern, weil meine Fantasie nicht ausreicht, um die ganze Wirklichkeit zu erfassen. So erinnert sich ein Soldat in einer Zeugenbefragung, wie der Feind mit einem 1,30 Meter langen und 17 Kilogramm schweren M67-Gewehr auf der Schulter auf einen Panzer zurennt. Der Mann vor ihm ist bereit zu sterben, um seine Feinde zu töten, bereit, sterbend zu töten, damit am Ende der Tod triumphiert. Wie soll man sich so einen Opferwillen, so ein bedingungsloses Festhalten an einer Sache vorstellen?
Kann man sich ausdenken, wie eine Mutter ihre viel zu kleinen Kinder Hunderte Kilometer durch den Dschungel schleppt, indem sie das eine zum Schutz vor wilden Tieren an einem Ast festbindet, mit dem zweiten weitergeht, dieses dann wieder an einen Baum hängt und zum ersten zurückkehrt, um es zu holen? Von genau so einem Marsch hat mir eine zweiundneunzig Jahre alte Kämpferin erzählt. Doch obwohl unser Gespräch sechs Stunden dauerte, fehlen mir tausend Einzelheiten. Ich habe sie zu fragen vergessen, woher sie die Seile hatte und ob die Körper ihrer Kinder heute noch Spuren dieser Verschnürung tragen. Und wer weiß, ob all diese Erinnerungen nicht hinter einer einzigen verschwunden sind: dem Geschmack wilder Knollen, die sie für ihre Kinder vorgekaut hat? Wer weiß …
Wenn diese Geschichten über vorhersehbaren Wahnsinn, unerwartete Liebe und alltägliches Heldentum Ihnen aufs Herz schlagen, bedenken Sie, dass die ganze Wahrheit wahrscheinlich zu Atemstillstand oder Euphorie geführt hätte. Die Wahrheit in diesem Buch ist zerstückelt, lückenhaft, unvollendet in Raum und Zeit. Ist es denn dann noch die Wahrheit? Die Antwort darauf überlasse ich Ihnen, sie wird Ihre eigene Geschichte, Ihre eigene Wahrheit widerspiegeln. Dafür verspreche ich im Folgenden eine gewisse Ordnung der Empfindungen und das unvermeidliche Chaos der Gefühle.
KAUTSCHUK
Das weiße Gold quillt aus Einschnitten an den Kautschukbäumen. Jahrhundertelang hatten die Maya, die Azteken, die Völker Amazoniens Latex geerntet und daraus Schuhe, wasserfeste Stoffe und Bälle hergestellt. Die Europäer, die auf ihren Forschungsreisen das Material entdeckten, machten zuerst elastische Strumpfbänder daraus. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Auto begann, die Landschaft zu verändern, stieg der Bedarf an Gummi rasant. Um die dringend nötigen riesigen Mengen herzustellen, wurde er fortan auch synthetisch erzeugt, was heute etwa 70 Prozent des Bedarfs deckt. Doch trotz aller Forschung in den Laboren kann nur natürlich gewonnener Kautschuk, dessen Name »Tränen (caa) des Baumes (ochu)« bedeutet, der Beschleunigung, dem Druck und den Temperaturschwankungen standhalten, denen etwa Flugzeugreifen oder Raumschiffdichtungen ausgesetzt sind. Und je höher das Arbeitstempo, das der Mensch sich auferlegt, desto mehr verlangt er nach natürlichem Latex aus immer größerer, immer schnellerer Produktion, die im Takt der Mondfinsternisse mit der Erdrotation mithält.
Dank seiner Elastizität, Strapazierfähigkeit und Undurchlässigkeit umhüllt Naturlatex unsere Glieder wie eine zweite Haut und schützt uns vor den Folgen des Begehrens. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 stiegen die Infektionen durch sexuell übertragbare Krankheiten in der Truppe von knapp vier auf über 75 Prozent, was dazu führte, dass die deutsche Regierung im Ersten Weltkrieg der Kondomproduktion höchste Priorität einräumte, um ihre Soldaten zu schützen, obwohl Kautschuk äußerst knapp war.
Ja, Kugeln töten, aber Lust vielleicht auch.
ALEXANDRE
Alexandre war gut in der Disziplin, diese seinen sechstausend zerlumpten vietnamesischen Kulis aufzuerlegen. Die Arbeiter aber wussten besser als er, wie man die Hacke in einem 45-Grad-Winkel zur Senkrechten in den Stamm des Kautschukbaums schlägt, bis die ersten Latextropfen fließen, und in Windeseile am unteren Ende der Wunde, wo sich der Milchsaft sammelt, Gefäße aus Kokosnussschalen anbringt. Alexandre war davon abhängig, dass sie weitermachten, auch wenn er ganz genau wusste, dass sie im Schutz der Nacht flüsternd die Möglichkeiten eines Aufstands erwogen, erst gegen ihn und Frankreich, dann durch ihn gegen die USA. Tagsüber verhandelte er mit der amerikanischen Armee, wie viele Bäume er fällen müsste, damit Lastwagen, Jeeps und Panzer passieren könnten, wofür im Gegenzug die Plantage von Bomben und Entlaubungsmitteln verschont bleiben würde.
Die Kulis wussten, dass die Kautschukbäume mehr wert waren als ihr Leben. Deshalb versteckten sich alle, ob Tagelöhner, Rebell oder beides, unter deren noch unversehrtem, üppigem Kronendach. Alexandre überspielte seine Angst, eines Nachts aufzuwachen und die Plantage brennen zu sehen, mit einem naturfarbenen Leinenanzug. Und die Furcht, im Schlaf ermordet zu werden, bannte er, indem er sich mit Dienern und jungen Frauen umgab, seinen con gái.
Wenn wieder einmal der Gummikurs fiel oder die Lastwagen mit den Kautschukballen auf der Straße zum Hafen in einen Hinterhalt gerieten, streifte Alexandre durch die Baumreihen auf der Suche nach einer zartfingrigen Hand, die seine geballte Faust lockern könnte, einer gelehrigen Zunge, die seine zusammengebissenen Zähne voneinander lösen könnte, einem engen Schritt, der ihn um seine Wut erleichtern könnte.
Obwohl sie Analphabeten waren und von Reisen über die Grenzen Vietnams hinaus nicht einmal zu träumen wagten, war den meisten Kulis klar, dass sich synthetischer Kautschuk auf dem Vormarsch befand. Sie hatten die gleichen Sorgen wie Alexandre, was viele dazu brachte, die Plantage zu verlassen und in die Stadt zu gehen, um dort ihren Weg zu finden, in die großen Zentren, wo die Anwesenheit von bald Zehntausenden Amerikanern neue Möglichkeiten eröffnete, neue Arten des Lebens und Sterbens. Manche versuchten sich als Verkäufer und handelten mit SPAM-Frühstücksfleisch, Sonnenbrillen oder Granatäpfeln. Wer sich gut in die Musikalität der englischen Sprache einfühlen konnte, wurde Dolmetscher. Die Mutigsten verschwanden in den Tunneln, die unter den Füßen der Amerikaner gegraben wurden. Sie starben als Doppelagenten, zwischen den Fronten oder vier Meter unter der Erde, von Bomben zerfetzt oder von Larven, die sich unter ihrer Haut eingenistet hatten, zerfressen.
Als Alexandre entdeckte, dass das in den Wäldern versprühte Agent Orange ein Viertel seiner Bäume vergiftet hatte und dass sein Vorarbeiter von einem kommunistischen Widerstandskommando im Schlaf erwürgt worden war, begann er zu schreien.
Zwischen Wut und Entmutigung schwankend, stolperte er über Mai, an der er sich abreagierte.
MAI
Zur Zeit der Kolonisierung sah Frankreich Indochina und damit auch Vietnam weniger als Siedlungsgebiet denn als Zone wirtschaftlicher Ausbeutung. Die neu angelegten Plantagen ermöglichten die Teilnahme am Wettrennen um den Gummi. Doch mitten im Busch Tagelöhner dazu anzuhalten, dass sie ganze Bambuswälder mit tief eingewurzelten Rhizomen aus dem Boden rissen und an ihrer Stelle Kautschukbäume pflanzten, um tagaus, tagein im Morgengrauen Latex zu zapfen, erforderte einen eisernen Willen. Für jeden gewonnenen Tropfen wurde ein Tropfen Blut oder Schweiß vergossen. Die Kautschukbäume konnten fünfundzwanzig oder dreißig Jahre lang genutzt werden, während von den 80.000 auf den Plantagen eingesetzten Kulis einer von vieren lange davor einging. Tausende Tote suchen noch immer im Blätterrauschen, im Rascheln der Zweige und im Sausen des Windes Antworten darauf, warum sie zu ihren Lebzeiten den heimischen Tropenwald durch Bäume aus Amazonien ersetzten, warum sie auch diese verstümmelten und warum sie schließlich die großen Fremden, deren bleiche Wangen und behaarte Haut in nichts an ihre hageren Ahnen mit dem ebenholzschwarzen Haar erinnerten, auf ihren Köpfen trugen.
Mai hatte die kupferfarbene Haut der Kulis und Alexandre die Haltung des Besitzenden, der wie ein König über sein Reich herrscht. Alexandre traf Mai in seiner Wut. Mai begegnete Alexandre mit Hass.
KULIS
Das Wort wurde seit dem vorigen Jahrhundert in zahlreichen Ländern auf allen fünf Kontinenten gebraucht, zuerst und vor allem für Arbeiter aus China und Indien, die von den gleichen Kapitänen auf den gleichen Schiffen transportiert wurden wie die Sklaven früherer Zeiten.
Einmal an ihrem Bestimmungsort angelangt, schufteten die Kulis wie die Tiere auf Zuckerrohrplantagen, in Minen oder im Eisenbahnbau und starben oft noch vor dem Ende ihres Fünfjahresvertrags, ohne etwas von dem versprochenen und erhofften Lohn gesehen zu haben. Die Firmen, die mit ihnen Handel trieben, nahmen von vornherein in Kauf, dass dreißig bis vierzig Prozent der »Ware« während der Überfahrt verloren gingen. Die Inder und Chinesen, die ihre Vertragszeit in den britischen, französischen oder niederländischen Kolonien überlebten, ließen sich auf den Seychellen, Trinidad und Tobago, den Fidschi-Inseln, Barbados, Guadeloupe, Martinique, in Kanada, Australien oder den Vereinigten Staaten nieder. Vor der kubanischen Revolution befand sich das größte chinesische Viertel Lateinamerikas in Havanna.
Unter den indischen Kulis waren auch Frauen, meist vor einem gewalttätigen Ehemann oder aus extremen Verhältnissen geflohen, unter den chinesischen nicht – Chinesinnen ließen sich dazu nicht verführen. Deshalb trösteten sich die Exilchinesen in den fernen Kolonien, wenn sie keine Möglichkeit hatten, in den Schoß der Familie zurückzukehren, in den Armen einheimischer Frauen. Diejenigen, die nicht durch Selbstmord, Mangelernährung oder Gewalt ums Leben kamen, taten sich zusammen, um Zeitungen herauszugeben, Clubs zu gründen und Restaurants zu eröffnen. Durch die Verschleppung dieser Männer wurden Bratreis, Sojasauce und Wantan-Suppe international bekannt.
Für indische Kulis stand die Chance, eine Inderin zu umwerben, die auch auf Abenteuer aus war, eins zu drei, was den Status der Frauen ebenso radikal veränderte wie die Unterschiede zwischen den Kasten. Frauen waren auf einmal in der Lage, selbst zu wählen und eine Mitgift zu verlangen, statt zu bezahlen. Das ließ die Männer befürchten, keine Frau zu bekommen oder ihre zu verlieren. Nachbarn, Passanten und die Frauen selbst wurden zur Bedrohung. Manche schlossen ihre Frau im Haus ein wie in einem Tresor, andere verschnürten sie mit Seilen wie ein Paket. Wenn die Macht der Frauen auf die Angst der Männer trifft, erwachsen daraus Tod und Verderben.
Während chinesische und indische Sklaven oder Kulis aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen wurden, mussten sich vietnamesische Kulis im eigenen Land unter vergleichbaren Bedingungen den Befehlen eingewanderter Kolonisten beugen.
ALEXANDRE UND MAI
Mai hatte den Auftrag, sich in Alexandres Plantage einzuschleichen. Es machte sie glücklich, jeden Tag einen Baum zu retten: Ein zu tiefer Zapfschnitt brachte den Milchsaft zum Versiegen, und der Baum musste nicht weiter für den Profit des Plantagenbesitzers bluten. Sie stand jeden Morgen um vier Uhr auf und bewies ihre Vaterlandsliebe, indem sie Alexandres Besitz allmählich zerstörte, um ihn zu ruinieren. Dabei setzte sie immer nur einen Schnitt an einem Baum, um nach dem Vorbild der chinesischen Kaiser einen schleichenden Tod herbeizuführen: death by a thousand cuts.
Ihre Liebe zu Alexandre war das Ende ihrer Mission.
Alexandre zerrte Mai an den Haaren in sein Schlafzimmer und befahl ihr, dasselbe zu machen wie sonst seine con gái. Mai weigerte sich nicht nur, ihm zu gehorchen, sondern sprang ihn mit der Hacke in der Hand an, bereit, ihm in einem 45-Grad-Winkel zur Senkrechten die Kehle durchzuschneiden.
Mai hatte vorgehabt, ihn zu töten oder wenigstens von seinem Besitz und dann aus dem Land zu vertreiben. Alexandre war ein alter Fuchs, verhärtet durch das weiße Gold, die Bisse der roten Ameisen und die heißen Winde, die seine Gallierhaut versengt hatten.
Seit sie auf der Plantage war, hatte Mai auf diesen Moment gewartet. Beseelt von dem Wunsch, zu töten und ihr Volk zu rächen, versank sie auf einmal in Alexandres Augen. Die beiden Jadekugeln verwirrten sie, ihr revolutionärer Elan brach sich in seinem ruhigen Blick, der ihr das Gefühl gab, heimzukehren in die Stadt ihrer Geburt, ins stille, dichte Grün der Halong-Bucht. Alexandre dagegen hatte sich schon aufgegeben, war des Ungeliebtseins müde und hoffte auf eine lang andauernde Ruhe, auf ein Ende des nicht enden wollenden hundertjährigen Kampfes in diesem fremden Land, das durch die Macht der Umstände zu seinem geworden war.
Hätten Wissenschaftler von der Liebe zwischen Mai und Alexandre Wind bekommen, hieße das Stockholm-Syndrom heute womöglich Tây-Ninh-, Bên-Cui- oder Xa-Cam-Syndrom. Die von ihrer Mission erfüllte, zu allem entschlossene Jugendliche hatte nie gelernt, sich vor der Liebe und ihren Absurditäten in Acht zu nehmen. Sie wusste nicht, dass die Aufwallungen des Herzens, die einen ohne Vorwarnung und bar jeder Logik überfallen, blendender sind als die Mittagssonne. Wie der Tod muss auch die Liebe nicht zweimal anklopfen, um sich bemerkbar zu machen.
Diese Liebe, die Mai und Alexandre wie ein Blitz traf, spaltete mit der Zeit ihre Umgebung. Für idealistische, romantische Träumer war sie die Verheißung einer besseren, symbiotischen, verschwisterten Welt. Realisten und Aktivisten kritisierten die leichtsinnige, ja fahrlässige Verwischung der Grenzen durch diese Rollenumkehr.
Die Geburt von Tâm, dem Kind des Chefs und seiner Arbeiterin, zweier Feinde, an diesem Ort der Nähe und Rivalität, hatte jedoch etwas Banal-Alltägliches.
TÂM, ALEXANDRE UND MAI
Zwischen Alexandres Machtprivileg und Mais Scham über den Verrat an der vaterländischen Sache wuchs Tâm im zärtlichen, schützenden Kokon ihrer kleinen Familie heran. Die Buttercremekuchen zum Geburtstag bildeten eine spürbare Grenze zwischen ihr und den Kindern im Dorf, wo die Kulis mit ihren Familien lebten. Alexandre und Mai, die Amme, der Gärtner und die Köchinnen bildeten eine so enge Umfriedung, dass sie nie Gelegenheit bekam, mit den Arbeiterkindern zu spielen. Erst als die verfeindeten Lager zum offenen Krieg übergingen, begegneten sich alle auf demselben Schlachtfeld. Kugeln unterscheiden nicht zwischen einem, der Kautschuk zum Trocknen räuchert, und einer, die Klavierstunden nimmt. Wer eine 100-Kilo-Rolle gepressten Latex schleppt, wird bis zu seinem letzten Atemzug genauso behandelt wie jemand, der seine Hände nur noch für die Liebe braucht. Bevor es Drohnen gab und Distanzwaffen, mit denen man töten kann, ohne sich Augen und Hände schmutzig zu machen, waren Kampfgebiete wahrscheinlich die einzigen Orte, wo Menschen zu Gleichen wurden, indem sie sich gegenseitig vernichteten.
So verknüpften sich die Schicksale von Alexandre und Mai für immer mit denen der Arbeiter, sie fielen alle an derselben Stelle, ihre Leichen lagen in stummem Grauen unter den Trümmern auf einem Haufen, während ein Funkenregen über den Baumreihen niederging.
Zwischen dem undurchdringlichen Schild des Tresors und einem Geschirrschrank verschanzt, gelang es der Amme, Tâm zu retten; so wurde sie de facto zu ihrer Mutter.
TÂM UND DIE AMME
In der ersten Gefechtspause, als nur noch das Flappen der Ventilatorblätter durch die Stille der lichtdurchfluteten Villa drang, holte die Amme Tâm aus ihrem Versteck. Gemeinsam liefen sie von der Fabrik weg, ihr Atem ging im Takt ihrer Schritte, im Schweigen der Vögel, weit entfernt von den Leibern, aus denen Sein und Sinn gewichen waren. Nackt war der Boden, keine Tanzfläche mehr für Sonne und Blätter. Ohne Filter wurde das tropische Klima unbarmherzig und gnadenlos. Dank der Großmut eines Jungen, der seinen Büffel hinter sich herzog, der Großmut eines Soldaten in einem Jeep und der Großmut eines Mannes, der leere Krüge transportierte, erreichten sie ein paar Wochen später das Heimatdorf der Amme. Tâm trug eine Maske aus Staub, als sie ihrem neuen »großen Bruder« und ihrer neuen »Großmutter« vorgestellt wurde. Der Schmutz der Straße verdunkelte ihre hellen Haare und karamellbraunen Augen, die roten Rosen auf ihrem Kleid hatte der Wind ausgebleicht. Wie eine abgeschnittene Knospe verwelkte ihre Kindheit vor der Blüte.
Drei Jahre lebte Tâm in My Lai. Die »Großmutter« lehrte sie, die Reiskörner aufzulesen, die beim Dreschen und Worfeln aus den Strohbunden fielen. In My Lai und anderen Dörfern wurden viele Kinder von den Großeltern aufgezogen. Aus Not unterstützten die Familien die fähigste Person dabei, den bestbezahlten Job zu ergattern. Aus Pflichtgefühl kam diese dann für deren Bedürfnisse auf. Aus Liebe verließen Vater oder Mutter ihre Kinder, um ihnen den Anblick von Eltern zu ersparen, die im Haus oder im Schweinestall einen Hagel von Beschimpfungen über sich ergehen lassen mussten und dann, um Fassung ringend, die Splitter der Schale aufkehrten, die auf ihrem Kopf zerschlagen worden war.
DIE DIENERIN UND ALEXANDRE
Alexandres Dienerin hatte mehr als zwei Jahrzehnte gewartet, bis sie dank Tâms Geburt in die Position der Amme aufstieg. Sie hatte als Einzige die äußeren und inneren Turbulenzen, die abgrundtiefen Traurigkeiten und grundlosen Ausbrüche ihres Patrons erlebt. Sie konnte seinen Ärger am Hämmern seiner Absätze auf den Fliesen ablesen. Nur sie war in der Lage, das Gewicht seines Heimwehs und die Schwere seines Kampfes gegen die Verwurzelung in Vietnam zu ermessen. Anfangs hatte er immer sein Jackett anbehalten und den Ingenieur heraushängen lassen, um sich von seinen Vorgängern in den halb offenen, zerknitterten, verschwitzten Hemden abzuheben. Er zwang sich, gerade auf dem Stuhl zu sitzen und nicht so lose Reden zu führen wie seine Landsleute. Und anders als die früheren Besitzer tauchte er gemeinsam mit den Eingeborenen seine Hände in die rote Erde, um sie zu spüren. Doch still und tückisch begann sein Körper seinesgleichen zu imitieren. Ohne dass es Alexandre bewusst wurde, schlug er seinen Kulis immer öfter auf die steifen Nacken, weil er sie für den Rückgang der Produktion verantwortlich machte, statt die vergifteten Wurzeln der Bäume zu untersuchen. Zermürbt vom Monsun, von finanziellen Unwägbarkeiten und Enttäuschungen, wurde er zu einem alten Haudegen und glich sich den anderen Plantagenbesitzern immer mehr an.
Mit fünfzehn trat die Amme als ledige Mutter ohne ihr Kind in seinen Dienst, zuerst als Kindermädchen des Kindermädchens des Chefkindermädchens. Sie bekam als Letzte die Reste der Mahlzeiten, auch wenn sie das Hühnchen gerupft, den Fisch geschuppt oder das Schweinefleisch mit dem Messer gehackt hatte. Als ihre unmittelbare Vorgesetzte ging, erbte sie Alexandres Zimmer, das heißt, sie war dafür zuständig, unauffällig für die Erholung ihres Chefs zu sorgen. Aus dem Muster der Knitterfalten in seinem Betttuch konnte sie darauf schließen, in welchen Nächten Alexandre, den Kopf in den Händen vergraben, vor lauter Sorgen schlaflos am Bettrand gesessen hatte. Aus dem Vorhandensein und der Verteilung ebenholzschwarzer Haare erriet sie die Choreografie seiner nächtlichen Ausschweifungen. Nach Jahren in Alexandres Gefolge hatte sie das System durchschaut, nach dem er einen Teil seiner Ersparnisse versteckte, und war zur Hüterin des großen Buchs geworden, das statt Seiten Geldbündel und Goldringe an einer Goldkette von 24 Karat enthielt. Tagtäglich wischte sie Alexandres Fingerabdrücke vom Deckel, um es potenziellen Dieben zu erschweren, den Band von den anderen im Regal zu unterscheiden. Sie war der Schatten von Alexandres Schatten. Sein Schutzengel.
DIE AMME UND TÂM
Tâms Geburt ließ die Dienerin zur Amme aufsteigen und erlaubte ihr, ein Kind zu bemuttern, dessen Lächeln sie für das entgangene Lächeln ihres Sohnes entschädigte, den sie bei ihrer Mutter in My Lai zurückgelassen hatte. Die anderen Angestellten nannten sie seitdem Chị Vú, »große Schwester Brust«. Reiche Frauen stellten gern junge Mütter zum Stillen ihrer Kinder ein, um sich die eigenen Brüste nicht zu verderben. Die vietnamesische Sprache ist sehr prüde, aber das Wort »Brust« wird ohne Scham oder Zögern gebraucht, denn die Brüste sind in diesem Kontext von jeder Erotik befreit. Die Chị Vú wurden von den Frauen, die ihre Brüste mieteten, wie Gegenstände behandelt und durften ausschließlich deren Nachwuchs stillen. Manche eilten dennoch nachts nach Hause zu ihrem eigenen Baby und riskierten damit Bestrafung und Entlassung. Die meisten aber gingen eine enge Bindung mit ihrem Stillkind ein, weil der Säugling, den sie selbst entbunden hatten, fünfzig, hundert oder fünfhundert Kilometer von ihnen entfernt war. Die reichen Frauen, die im Namen der Schönheit ihr Mutterrecht an die Chị Vú abtraten, ahnten nicht, dass ihre Kinder bald mehr an deren Schweißgeruch hängen würden als an den importierten Parfums, die sie selbst trugen.
Die Amme stillte Tâm nicht. Sie zog sie auf, indem sie ihr mit einem Löffel in der Hand hinterherlief und jede Mahlzeit in ein Versteckspiel zwischen zwei Freundinnen verwandelte.
TÂM UND DAS LYCÉE
Von My Lai fuhr die Amme kilometerweit mit dem Fahrrad, um Tâm zum Klavierunterricht zu bringen. Und flickte lieber dutzendmal ihre Hose, als das mit Schmuck und Geld gefüllte Buch anzutasten, das sie bei der Flucht mitgenommen hatte. Morgens schickte sie Tâm zur Schule; nachts bettete sie das Mädchen zwischen sich und die Großmutter, um es vor neugierigen Blicken zu schützen.
Sie bat Lehrer in ihrer Gegend um Hilfe beim Ausfüllen der Formulare, die Tâm brauchte, um die Aufnahmeprüfung im angesehensten Gymnasium Saigons zu bestehen, wie Alexandre und Mai es gewollt hätten. Das Lycée Gia Long hatte alle Ortswechsel, Besatzungen und Neubestimmungen seiner Aufgabe überstanden und dabei seinen guten Ruf gewahrt. Als es zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Namen »Collège des jeunes filles indigenes« als Mädchenschule für Einheimische gegründet wurde, war, abgesehen von den zwei Stunden vietnamesischer Literatur, der Gebrauch des Französischen Pflicht. Ein paar Jahrzehnte später hatte sich Vietnamesisch als Unterrichtssprache durchgesetzt, das bald von Englisch abgelöst werden sollte. Das Gymnasium nahm jedes Jahr nur zehn Prozent von Tausenden Bewerberinnen auf. Von überallher strömten die Besten der Besten zur Prüfung, denn aus den Absolventinnen konnten großartige Gattinnen werden und manchmal auch engagierte, ja revolutionäre Kämpferinnen.
Die Amme war der Meinung, dass Tâm nach Saigon gehen sollte, wo ihr alle Möglichkeiten offenstünden, anders als in ihrem Dorf, wo sie das Rückgrat verbiegen und die Schultern beugen musste, um den bösen Reden der Lästermäuler zu entgehen.
Vor der langen Reise mit dem Bus wachte die Amme die ganze Nacht bei Tâm, um ihr Kühlung zuzufächeln und die Mücken zu verjagen; nach dem Aufwachen servierte sie ihr ein bánh mì mit Schweinswurst, Gurke und Koriander. Dann gab sie ihr noch Klebreisbällchen mit frischen Erdnüssen in Bananenblättern als Proviant mit und getrocknete Tintenfische als Geschenk für den ehemaligen Plantagenarbeiter, der ihr in Saigon Quartier gab.
Auf der Straße vor dem Lycée drängten sich unzählige Mütter und Tanten. Während der zwei Tage dauernden Aufnahmeprüfung ließ die Amme wie besessen die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten. Doch weder Gott noch Buddha hätten sämtliche Gebete der Frauen auf dem Bürgersteig erhören können, denn die Anzahl der Kandidatinnen überschritt die der verfügbaren Plätze um ein Vielhundertfaches. Also rief die Amme Mais Seele an; sie musste die Antworten kennen, denn Mai hatte ja bestanden.
Als Tâms Name auf der Liste der Auserwählten stand, wusste die Amme, dass Mais Geist über ihre Tochter gewacht hatte.
FRANKREICH
Frankreich fasste Fuß in Vietnam, indem es das Land bewirtschaftete. Es ist dort so tief verwurzelt, dass Vietnamesen immer noch rund hundert französische Wörter tagtäglich benutzen, ohne sich dessen bewusst zu sein.
café – cà phê – Kaffee
gâteau – ga-tô – Kuchen
beurre – bơ – Butter
cyclo – xích lô – Fahrradtaxi
pâté – pa-tê – Pastete
antenne – ăng-ten – Antenne
parabole – parabôn – Parabolantenne
gant – găng – Handschuh
crème – kem/cà rem – Sahne/Eiscrème
bille – bi – Kugel
bière – bia – Bier
moteur – mô tơ – Motor
chemise – sơ mi – Hemd
dentelle – dăng ten – Spitze
poupée – búp bê – Puppe
moto – mô tô – Motorrad
compas – com pa – Zirkel
équipe – ê kíp – Mannschaft
Noël – nô en – Weihnachten
scandale – xì căng đan – Skandal
guitare – ghi ta – Gitarre
radio – ra dô – Radio
taxi – tắc xi – Taxi
galant – ga lăng – galant
chef – sếp – Chef
Jedes dieser Wörter fügt der vietnamesischen Alltagssprache etwas hinzu. Die französischen Kolonisatoren wiederum nahmen vietnamesische Wörter an, die sie oft um eine weitere Bedeutung ergänzten und in der Aussprache ihren Gewohnheiten anpassten. Con gái etwa bedeutete nicht nur Mädchen oder Tochter, sondern auch Prostituierte. Hauptsächlich Prostituierte. Ausschließlich Prostituierte.
Nach Tâms Geburt nahm Alexandre das Wort con gái nie wieder in den Mund, obwohl sie ein Mädchen war. Weil sie seine Tochter war.
DIE AMME UND TÂM IN SAIGON
Eingedenk der Liebe zwischen Mai und Alexandre zog die Amme mit nach Saigon, um Tâm zu bemuttern, ihr eine Mutter zu sein. Nach Schulschluss erwartete sie Tâm jedes Mal mit einem Glas Kräutersaft auf Eis. Einige machten ihr das nach, weil sie die guten Noten des Mädchens auf die Vitamine zurückführten. Doch der Grund dafür, dass die Amme rau má dem Zuckerrohrsaft vorzog, war dessen Name, denn »má« bedeutet Mutter. Das Wort sollte Tâm durch den Alltag begleiten. Während des gesamten ersten Schuljahrs hielten sie diese Routine lückenlos durch. Bei Bedarf verkaufte die Amme goldene Ringe, zum Beispiel um eine zwischen zwei neu erbauten Hochhäusern eingeklemmte, zwei mal fünf Meter große ehemalige Remise zu mieten oder ein Fläschchen violetter Tinte zu kaufen, Unterwäsche oder vier Spangen, um Tâms feine Haare während des Unterrichts zurückzuhalten.
Die Amme hatte die verbliebenen Ringe in zwei doppelt verborgene Taschen ihrer weißen Baumwolltunika eingenäht, über der sie eine langärmlige Tunika in von der Sonne etwas ausgebleichtem Weinrot trug. Unter ihrem alten konischen Hut glitt sie wie ein Schatten ohne Seele und Geschichte zwischen Dieben, Verbrechern und Neugierigen durch die Stadt. Ohne ihren Schutz wäre Tâm ein gefundenes Fressen für die Wölfe der Straße gewesen. Auch wenn sie die gleiche weiße Uniform trug wie ihre Schulkameradinnen und die Haare zu zwei Zöpfen geflochten hatte wie die meisten Mädchen ihres Alters, fiel ihr leuchtender Teint noch den Saturiertesten ins Auge. Immerhin schreckte Tâms aufrechter Gang die Liebhaber traditioneller Schönheit ab, die von Frauen Zurückhaltung erwarteten. Über alle Epochen hinweg hatten die Dichter die Anmut runder Schultern gepriesen. Über alle Moden hinweg hielten die Designer daran fest und verbargen alles Gerade unter den Raglanärmeln der Tunika, deren Nähte vom Halsausschnitt bis zur Achsel verlaufen. So konnten Fremde schlecht ermessen, wie viel Kraft in den Schultern unter dem schweren Tragejoch steckte, mit denen die Frauen Suppe oder Backsteine zum Verkauf brachten oder das Glas und Metall der Granaten zum Recycling.
Niemand hätte gedacht, dass Tâms Amme in einem Korb fünf Dutzend Maiskolben und im anderen einen Kohleofen tragen konnte. So durchstreifte sie während der Schulzeit das Viertel und bot Passanten Mais auf zweierlei Art an: gekocht oder gegrillt mit grüner Zwiebelsauce. Was sie bis zum Unterrichtsende nicht verkauft hatte, verschenkte sie an die Bettler im Viertel.
DIE AMME UND TÂM IN MY LAI
In den Schulferien kehrte die Amme mit Tâm nach My Lai zurück, um die Geburt des ersten Kindes ihres Sohns und ihrer neuen Schwiegertochter zu feiern. Tâm brachte zwei Garnituren Hemdchen und Höschen mit, die Amme eine Flasche Babypuder, einen Schnuller, einen Babyhut und ein Goldkettchen mit einem zarten Anhänger. Kaum angekommen, bereitete die Amme gemeinsam mit der Nachbarschaft ein Festmahl zu, das eines Königs würdig gewesen wäre, um den ersten Monat ihres Enkelkindes zu feiern, mit dem eine kritische Phase für das Neugeborene endet und das wahre Leben beginnt. Nachdem sie ausführlich an dem Säugling geschnuppert hatte, schlief sie von seinem Geruch berauscht ein. Tâm legte sich wie üblich an ihrer Seite auf die Bambusschlafmatte.
Normalerweise erwachte die Amme im Morgengrauen. Doch an diesem Festtag hielt sie die Müdigkeit im Bett, bis Hubschrauber wie ein Insektenschwarm über den Reisfeldern dröhnten. Die Dorfbewohner fürchteten Granaten und Maschinengewehre weniger als die Unberechenbarkeit der Soldaten. Doch da überraschende Patrouillen nichts Ungewöhnliches waren, setzten die Nachbarn ihr Frühstück fort, ging die Kindheitsfreundin der Amme auf den Markt, rezitierte der Weise in seiner Hängematte ein Gedicht, und die Kinder liefen den Soldaten entgegen, weil sie auf Schokolade, Stifte, Bonbons hofften. Niemand hätte gedacht, dass sie die Hütten in Brand stecken und auf alles schießen würden, was sich bewegte, ob Hühner oder Menschen.
Tâm war abends als Kind eingeschlafen und morgens ohne Familie aufgewacht. Statt Lachen hörte sie nur das Schweigen jener, denen die Zunge herausgeschnitten worden war. Und beim Anblick der skalpierten Schädel hatten sich ihre langen Mädchenzöpfe binnen vier Stunden aufgelöst.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.