Kitabı oku: «Sprache: Wege zum Verstehen»
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UTB 2172
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Kirsten Adamzik Jahrgang 1955, Studium der Germanistik, Allgemeinen Sprachwissenschaft und Pädagogik in Münster. Promotion 1982. Seit 1983 Dozentin am Département de langue et de littérature allemandes der Universität Genf.
Für D. G. E.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
3., überarbeitete Auflage 2010
2., überarbeitete Auflage 2004
1. Auflage 2001
© 2010 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH & Co. KG
Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen
ISBN 9783846321720
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Internet: http://www.francke.de E-Mail: info@francke.de
Titelbild: René Magritte, L’usage de la parole. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009.
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: Informationsdesign D. Fratzke, Kirchentellinsfurt
ISBN 978-3-8252-2172-0 (UTB-Bestellnummer)
Hinweis zu Zitierfähigkeit
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Inhaltsverzeichnis
Titel Impressum Hinweis zu Zitierfähigkeit 1 Sprache und Sprachen – Ursprungsmythen 2 Wie viele Sprachen gibt es? 3 Sprache als System 4 Zeichen: Von Sinneswahrnehmungen zu Interpretationen 5 Was braucht man, um eine sprachliche Äußerung zu verstehen? 6 Wozu man Sprache braucht – Sprachfunktionen 7 Eine Landkarte der Sprachwissenschaft – die Linguistik und ihre Teildisziplinen 8 Sprachzeichen als psychische Größen 9 Sprachzeichen und die außersprachliche Welt 10 Bedeutungsbeschreibungen im Wörterbuch 11 Wortbedeutungen im Bewusstsein der Sprecher 12 Sprache als Mittel des Denkens: Die Kategorisierung der Welt 13 Bedeutungsverwandte Ausdrücke: Wortfelder 14 Die so genannten Synonyme I: Denotation und Konnotation 15 Die so genannten Synonyme II: Gebrauchsbedingungen 16 Kontinua und Grauzonen 17 Die grammatische Seite von Wörtern: Wortarten 18 Die Bedeutung wortgrammatischer Kategorien 19 Wortformen in verschiedenen Sprachtypen 20 Alte und neue Blicke auf die Sprache 21 Wie man eine fremde Sprache analysieren kann 22 Typen elementarer Sprachzeichen 23 Warum man die Wörter einer Sprache nicht zählen kann 24 Wie kreiert man neue Wörter für unbenannte Dinge? 25 Die Überlebenschancen von Wortkreationen 26 Wortbildung zwischen Lexikon und Grammatik 27 Die Struktur komplexer Wörter 28 Deutsche Komposita – Wortungetüme? 29 Der Satz als Drama 30 Semantische Rollen 31 Verdichtung von Aussagen durch komplexe Satzglieder: Attribute 32 Einfache(re) Satzglieder 33 Der Satz als grammatische Struktur 34 Verbindung von Aussagen: Der komplexe Langue-Satz 35 Parole-Sätze 36 Syntax der Übersichtlichkeit 37 Bäumchen, wechsle dich: Die Verbstellung im deutschen Satz 38 Wie man mit Worten die Welt verändern kann 39 Sprechakte 40 Wie erschließt man die kommunikative Intention des Sprechers? Illokutionsindikatoren 41 Gemeintes und Mitgemeintes 42 Eine kommunikative Ethik? 43 Sprachgebrauch – Wie Texte entstehen 44 Der Text als Ausschnitt aus einem Diskurs 45 Texte und Nicht-Texte? 46 Der Text als Folge von Teiltexten 47 Der Text als mehrdimensionale Größe 48 Textum – das Gewebe 49 Rückblick: Sprache – eine angeborene Fähigkeit oder ein kulturelles Erbe? Anmerkungen Anhang Quellenverzeichnis Literaturhinweise Glossar und Register Systematische Inhaltsübersicht
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Vorwort zur 3. Auflage
Seit der ersten Auflage von 2001 hat sich die Art, wie wir Sprache verwenden, dramatisch verändert. Im Jahr 2001 wurde das Projekt Wikipedia gestartet, das heute in 270 Sprachen existiert, an fünfter Stelle der meistbesuchten Internetseiten liegt und ohne Werbung auskommt.
Nun spielt die technische und kommerzielle Seite der Kommunikation in diesem Buch keine besondere Rolle, und die globale Vernetzung im ›Informationszeitalter‹ – am Beispiel des Mauerfalls in den Kapiteln 43 und 44 behandelt – konnte ihre soziale Sprengkraft auch schon vor der Banalisierung des Internets entfalten.
Wenn die ins Ungeahnte gestiegenen Möglichkeiten der Datenspeicherung, -übermittlung und -aufbereitung für die Neuauflage dennoch von Bedeutung waren, so liegt das daran, dass sie die Arbeit von Sprachwissenschaftlern entscheidend verändert haben und es heute auch für den ›normalen Sprachteilhaber‹ nützliche Ressourcen gibt, die vor zehn Jahren nicht zur Verfügung standen. Da ein Ziel dieses Buches darin besteht, Informationsquellen über die (deutsche) Sprache vorzustellen und an Beispielen möglichst konkret vor Augen zu führen, konnten die Neuerungen insbesondere bei den Wörterbucheinträgen nicht übergangen werden.
Auch an anderen Stellen wurden Aktualisierungen und Ergänzungen vorgenommen. Neu bearbeitet sind insbesondere die Literaturhinweise.
Fragen und Hinweise sind willkommen unter
Kirsten.Adamzik@unige.ch
Genf, im Januar 2010
Kirsten Adamzik
Vorwort zur zweiten Auflage
Für die 2. Auflage wurden Irrtümer berichtigt und die Literaturhinweise aktualisiert. Ferner habe ich einige kleinere inhaltliche Ergänzungen und Veränderungen vorgenommen, insbesondere im Teil zur Wortbildung. Diese gehen auf Anregungen von Elke Donalies zurück, der ich ganz herzlich dafür danke. Hinzugekommen ist eine detaillierte Inhaltsübersicht am Ende des Bandes, die auch einen besseren Überblick über den Grobaufbau erlaubt. Auf die Einschaltung von Übungen (mit Lösungen) wurde weiterhin verzichtet.
Genf, im September 2003
Kirsten Adamzik
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Vorwort
Es gehört zu den Aufgaben eines Vorworts, deutlich zu machen, an wen sich das Buch wendet. In Vorwörtern zu Fachbüchern erfährt man dann zu seinem Erstaunen oft, dass der Autor eigentlich an alle gedacht hat: interessierte Laien, Schüler, Lehrer, Studenten, Kollegen aus der eigenen und aus anderen Disziplinen. Dasselbe gilt natürlich auch für dieses Buch: Es wendet sich an alle, die sich für Sprache interessieren – und wer täte das nicht (wenn er es denn schon aufschlägt)?
Aber selbstverständlich hat die Autorin doch an eine spezielle Gruppe gedacht, genauer gesagt: an zwei. Gemeint sind zunächst jene, die ein ursprüngliches Interesse an Sprache haben, an Sprache überhaupt, an ihrer eigenen und an fremden Sprachen, Menschen, die aufmerken, wenn sie hören und lesen, und sich die Frage stellen, warum es wohl so und nicht anders heißt, kurz: Personen, die keine gelehrte Kenntnis erwerben wollen (vgl. S. 46). Die zweite Gruppe stellen jene dar, die sich für Sprache interessieren sollen, von denen man erwartet, dass sie (zumindest ansatzweise) eine professionelle Neugier entwickeln, die nämlich eine Sprache studieren. Dies tun sie oft aus dem Wunsch heraus, sich mit der Literatur in dieser Sprache zu beschäftigen, und viele sind nicht wenig erstaunt, dass zu einem solchen Studium auch ein sprachwissenschaftlicher Teil gehört, besonders dann, wenn sie eine Sprache studieren, die sie schon beherrschen. Nun ist es leider so, dass die Studierenden oft den Eindruck haben, das, was sie in der Linguistik lernen sollen, habe wenig zu tun mit ihrem – ja zweifellos auch vorhandenen – ursprünglichen Interesse an Sprache. Das unerwartete Teilgebiet bleibt bei vielen ein ungeliebtes.
Die Schwierigkeit dieses Buches bestand nun darin, den Erwartungen beider Teilgruppen gerecht zu werden: Es sollte nicht zu gelehrt, zu wissenschaftlich sein, aber doch einen systematischen Einblick in die Linguistik geben, wie er in Einführungsveranstaltungen vermittelt wird. Diese unterschiedlichen Anforderungen können nicht wirklich in Einklang gebracht werden. Was für die einen vielleicht schon zu viel ist, ist für die anderen noch zu wenig. Daher kann ich nur Empfehlungen geben, wie man je nach Interessenlage mit diesem Buch umgehen kann.
Eigentlich ist es als eines gedacht, das man von vorn nach hinten lesen soll, es ist kein Arbeitsbuch. Die Randspalte gibt eine grobe Orientierung über das jeweils Behandelte, sie kann aber auch als Wegweiser benutzt werden: Stößt man auf Abschnitte, in denen es zu speziell zu werden scheint, kann man diese überspringen; sucht man gezielt nach Themen oder Begriffen, lassen sie sich leicht auf- oder wiederfinden. Ein solch gezielter Zugriff ist auch über das Glossar/Register möglich.
Speziell für das Laieninteresse sind die Textbeispiele gedacht, die man auch unabhängig vom Rest lesen kann. Manche dienen als Analyse- oder Illustrationsmaterial; im Vordergrund stand jedoch die Idee, Texte zu versammeln, in denen linguistisch nicht speziell Geschulte sich über Sprache äußern.
Die Literaturhinweise schließlich verzeichnen einerseits Werke zum Thema Sprache für ein breites Publikum und andererseits weiterführende Literatur als Hilfestellung für jene, die auch zum gelehrten Schrifttum vordringen wollen oder müssen.
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Dieses Buch hat eine lange Geschichte. Sie beginnt natürlich mit dem kindlichen Staunen über Sprache und darüber, was man sagen und was man nicht sagen kann – ein fortgesetztes Staunen, das unweigerlich zum Studium des Phänomens führte. Dort machte Helmut Gipper mich 1973 mit der Sprachwissenschaft bekannt. Er pflegte zu sagen, dass für einen Professor nichts so schwer sei wie eine Einführung, beherrschte jedoch virtuos die Kunst, in seinen Vorlesungen alltägliches und wissenschaftliches Fragen zusammenzubringen. Dafür sei ihm an dieser Stelle ein später Dank gesagt. Ich habe oft an ihn gedacht.
Wie schwierig es nämlich wirklich ist, das Interesse für Linguistik zu wecken, habe ich in den vielen Einführungsveranstaltungen, an denen ich seit 1983 in Genf mitgearbeitet habe, immer wieder erlebt. In unendlichen Diskussionen über uns nie ganz befriedigende Lehrbücher und über fast jährlich revidierte eigene Arbeitspapiere wurde uns mitunter schmerzlich bewusst, dass es keine wirklich gute Lösung gibt. Mein Dank geht an alle Genfer und auswärtigen Kollegen, die, jeder auf seine Weise, dazu beigetragen haben, dass ich schließlich doch den Mut zu diesem Buch gefunden habe. Ganz besonders danken möchte ich Gottfried Kolde, ohne den es nicht entstanden wäre. Dennoch ist dieses Buch kein Gemeinschaftswerk geworden, eben weil es nicht als Arbeitsmaterial gedacht ist, wie man es für den universitären Unterricht braucht.
Sehr herzlich bedanken möchte ich mich auch beim Verlag für die Aufnahme des Buches in diese Reihe und speziell bei Herrn Stephan Dietrich für die sorgfältige Betreuung des Manuskripts.
Genf, im Oktober 2000
Kirsten Adamzik
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1 Sprache und Sprachen – Ursprungsmythen
Die Sprache im Paradies
Sprache ist ein allen Menschen vertrautes Phänomen. Dennoch soll diese Erkundungsfahrt durch die Welt der Sprache bei ›Adam und Eva‹ beginnen – genauer gesagt: bei Adam. In der Bibel ist nämlich von der menschlichen Sprache dort zum erstenmal die Rede, wo Adam noch allein auf der Welt ist. Es handelt sich um die zweite Version des Schöpfungsberichts, in der Adam vor den Tieren geschaffen und Eva danach aus seiner Rippe gemacht wird:
Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. […]
Und Gott der Herr sprach: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.« Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre. Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen […]. (1. Mose 2, 4 und 18 – 21)
Adam schafft seine Sprache selbst
An diesem biblischen Mythos sind für uns zwei Dinge interessant:
Offenbar ist der Mensch von allem Anfang an mit Sprache ausgestattet, er kommt als sprachbegabtes Wesen in die Welt. Es ist ja nicht davon die Rede, dass Gott dem Menschen eigens die Sprache gibt. Er hat sie von vornherein, der »Odem des Lebens« impliziert Sprachfähigkeit. Noch viel bemerkenswerter ist Folgendes: Nach diesem Bericht erfindet sich Adam seine Sprache selbst, er schafft die Namen für die Tiere.
Die ›Ursprache‹
Man hat sich in früheren Jahrhunderten vielfach den Kopf darüber zerbrochen, mit welcher Sprache Adam eigentlich ausgestattet war, welches die ›Ursprache‹ ist, ob der erste Mensch Hebräisch, Aramäisch, Phönizisch oder was sonst für eine Sprache mit auf den Weg bekam. |►2| Im 16. Jahrhundert wurde gar die Auffassung vertreten, Adam habe Deutsch gesprochen.1
Bei all diesen Spekulationen ging man anscheinend von der Vorstellung aus, dass Gott dem ersten Menschen gleich ein großes Wörterbuch samt Grammatik in die Hand gedrückt – bzw. realistischer: ihm entsprechende Kenntnisse in den Kopf gelegt hat. Der Schöpfungsbericht stellt jedoch etwas anderes dar: Gott hat Adam die Sprache nicht in Form einer bestimmten Sprache mitgegeben, sondern als Sprache schlechthin. Er hat ihm die Fähigkeit gegeben, selbst sprachliche Ausdrücke zu erfinden.
Mit dieser Fähigkeit ausgestattet schuf Adam gewissermaßen die Welt noch einmal neu für sich nach, indem er die verschiedenen Dinge benannte, sie sprachlich in Besitz nahm. Damit war zugleich die notwendige Grundlage gegeben, dass er die Erde in Besitz nehmen, sie sich untertan machen konnte.
Der Turmbau zu Babel
Bekannter ist ein anderer biblischer Mythos von der Sprache, die Geschichte vom Turmbau zu Babel, wo die Menschen – längst aus dem Paradies vertrieben und zahlreich gemehrt, aber mit einer einzigen, allen gemeinsamen Sprache ausgestattet – in Hybris verfallen und einen Turm bauen wollen, »dessen Spitze bis an den Himmel reicht«, um ihre Macht und Stärke zu bezeugen. Angesichts dieser Vermessenheit beschließt Gott:
Ich will herabfahren und ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr den andern versteht. Und Gott stieg herab und verwirrte ihre Sprache und zerstreute die Menschen von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten ihre Stadt zu bauen. (1. Mose 11, 7 – 8)
Der Schöpfungsbericht, der die Sprache als etwas darstellt, was vom Menschen nicht wegzudenken ist, entspricht einer Auffassung, die wir auch heute noch teilen. Die Geschichte von der babylonischen Sprachverwirrung passt dagegen weder zu dieser Vorstellung von Adams ›angeborener‹ Sprachfähigkeit noch zu unseren heutigen Erkenntnissen über die menschliche Sprache. Was wir über Sprache, Sprachen und Menschen mit verschiedenen Sprachen wissen, lässt sich mit diesem Bericht kaum vereinbaren. Zur Ehrenrettung der mosaischen Schriften sei hinzugefügt, dass dort auch die uns selbstverständliche Annahme begegnet, mit der Erfüllung des göttlichen Auftrags Seid fruchtbar und mehret euch sei Sprachenvielfalt verbunden. Unmittelbar vor der Geschichte vom Turmbau zu Babel wird nämlich von Noahs drei Söhnen und ihren Nachkommen berichtet und am Ende heißt es jeweils: Das sind die Söhne Japheths [bzw. Hams, Sems] nach ihren Geschlechtern, Sprachen, Ländern und Völkern.
Sprachenvielfalt
Führen wir uns diese ›natürliche Sprachenvielfalt‹ etwas genauer vor Augen und legen wir zunächst die biblische Darstellung zugrunde. |2◄ ►3| Gott zerstreute also die Menschen über die ganze Erde, indem er ihre Sprache verwirrte, also die Sprachverschiedenheit und Sprachenvielfalt einführte. Sprachenvielfalt ist nun etwas, was seit den frühesten historischen Zeugnissen der Menschheitsgeschichte das Übliche ist. Was aber haben die Menschen in diesem Sprachenwirrwarr gemacht? Keine Türme mehr gebaut, die bis an den Himmel reichen? Die Skyline von New York lässt uns daran zweifeln. Haben zumindest die in verschiedene Erdteile zerstreuten Menschen aufgehört, miteinander zu sprechen? Keineswegs, sie haben zum Beispiel die Telekommunikation erfunden und können sich heute auch miteinander unterhalten, wenn sie sich an ganz verschiedenen Orten dieser Welt befinden. Für solche Projekte, die u.a. die Erfindung, Installierung und den Gebrauch von Satelliten voraussetzen, bedarf es internationaler Kooperation. Das heißt aber nichts anderes, als dass die Menschen all dies unter den Bedingungen realer Sprachenvielfalt zustande gebracht haben. Das Mindeste, was man angesichts dessen sagen muss: Die babylonische Sprachverwirrung war offenbar kein sehr effizientes Mittel, den Menschen ihren Übermut auszutreiben!
Führen wir uns einmal vor Augen, was tatsächlich geschieht, wenn Menschen sich in einer Situation des Sprachenwirrwarrs befinden und keiner den anderen versteht. In dieser Situation gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder die Sprecher verschiedener Sprachen bringen sich gegenseitig ihre Sprachen bei und lernen also mehrere. Oder – die menschliche Gesellschaft zeichnet sich ja durch Arbeitsteilung aus – sie beauftragen einige ihrer Mitglieder damit, andere Sprachen zu lernen und lassen sich alles übersetzen. Wenn sie für beides keine Zeit oder kein Geld haben, können sie schlimmstenfalls auch noch etwas anderes tun: Wenn es nämlich keine gemeinsame Sprache gibt, dann kann man sich zur Not eine erfinden.
Pidgins und Kreolsprachen
Tatsächlich haben wir historische Beispiele für Verhältnisse, die denen von Babel zum Verwechseln ähnlich sind, Situationen nämlich, in denen Sprecher unterschiedlichster Sprachgemeinschaften zusammentreffen und miteinander kommunizieren wollen oder müssen. Dies gilt z.B. für die Kolonialländer. Gewiss: Oft haben die Mächtigen einfach ihre Sprache durchgesetzt und die Urbevölkerung ausgerottet oder zum Erlernen der eigenen Sprache gezwungen. In anderen Fällen aber ist tatsächlich eine neue Sprache, eine Mischsprache entstanden, zu der sehr viele Einzelsprachen und Dialekte beigetragen haben. Solche Sprachen nennt man Pidgins. Dieser Ausdruck geht wahrscheinlich auf eine chinesisch gefärbte Aussprache des englischen Wortes business zurück, und business war in der Tat die Grundlage für diese Sprachmischungen. Sie entstanden in den Handels- und Verwaltungszentren der Kolonisatoren, in denen eine Vielzahl von Einheimischen aus der näheren und weiteren Umgebung zusammenkamen, die weder untereinander|3◄ ►4| über ein gemeinsames Kommunikationsmittel verfügten noch die Sprache der Kolonisatoren beherrschten, aber gezwungen waren, sich mit diesen und untereinander wenigstens rudimentär zu verständigen. Und offenbar ermöglichte ihre angeborene Sprachfähigkeit es ihnen, die Lücke zu füllen und eine Mischsprache auszubilden. Sie weist zwar einen stark reduzierten Wortschatz und vereinfachte lautliche und grammatische Strukturen auf, reicht aber aus, um die für das business notwendige Verständigung zu gewährleisten. Im weiteren Verlauf, nämlich dann, wenn spätere Generationen Pidgins als gängige (erste) Sprache hören, können dann diese rudimentären Systeme sogar zu voll funktionsfähigen, nicht auf bestimmte Kommunikationsbereiche beschränkten und formal nicht mehr defizienten Sprachen ausgebaut werden. Kinder von Pidginsprechern können nämlich – wiederum auf Grund ihrer angeborenen Sprachfähigkeit – eine neue Sprache kreieren. In diesem Fall spricht man von Kreolsprache.
Die Existenz von Pidgin- und Kreolsprachen macht die Geschichte von Babel so unwahrscheinlich. Solche Sprachen entstehen nämlich gerade unter der Bedingung, dass man ein gemeinsames Projekt hat und deswegen eine gemeinsame Sprache braucht. Und ein solches Projekt hatte man ja in Babel. Der Mythos stellt so gesehen die Dinge gewissermaßen auf den Kopf: Weil die Menschen verschiedene Sprachen hatten, wurden sie in alle Welt verstreut … Im Allgemeinen ist aber die geografische Distanz nicht eine Folge, sondern im Gegenteil eine ursächliche Bedingung für Sprachverschiedenheit. Wenn man einander nicht (mehr) trifft und keine Kommunikationsabsichten hat, besteht nicht der geringste Grund, eine gemeinsame Sprache zu erhalten oder zu entwickeln. Wenn man aber miteinander reden will oder muss, dann wird man dafür auch ein Mittel finden oder eben schaffen.
In den vorangegangenen Ausführungen wurde sehr oft das Wort Sprache benutzt, damit aber zum Teil Verschiedenes gemeint. Einerseits war von der spezifisch menschlichen Fähigkeit zur Spracherlernung und -entwicklung die Rede (Adam), dann von den verschiedenen Einzelsprachen, die die Geschichte von Babel illustriert. Schließlich war auch von Kommunikation die Rede, die aus dem Bedürfnis und der Notwendigkeit entsteht, einander etwas mitzuteilen. Denn es ist ja nicht so interessant, dass der Mensch eine oder mehrere Sprachen ›besitzt‹, sie sprechen kann, sondern dass er auch tatsächlich spricht. Wenn er dies tut, kommt wieder Sprache heraus, diesmal im Sinne von Gesprächen und Texten.
Ferdinand de Saussure langage, langue, parole
Für die Unterscheidungen, um die es hier geht, hat der Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857 – 1913) terminologische Unterscheidungen getroffen, die allgemeinen Eingang in die Sprachwissenschaft gefunden haben. Dabei griff er auf die französische Sprache zurück, die selbst schon mehrere Ausdrücke für ›Sprache‹ hat. |4◄ ►5| Um die menschliche Sprachfähigkeit zu bezeichnen, hat er den Ausdruck langage gewählt, die verschiedenen Einzelsprachen heißen langues. Die Verwendung solcher Einzelsprachen schließlich, den konkreten Gebrauch einer langue in Äußerungen, bezeichnet er als parole. Wir sprechen im Weiteren von Äußerungen als Parole-Akten.
Einzelsprachen
Die langage ist allen Menschen gemeinsam. Nur lässt sie sich als solche gar nicht konkret verwenden. Wer immer seine Sprachfähigkeit praktisch einsetzen will, muss dabei auf eine bestimmte Einzelsprache (langue) zurückgreifen. Einzelsprachen sind z.B. Deutsch, Französisch, Afrikaans, Bhili, Chinesisch, Duru, Kurdisch, Lateinisch, Maledivisch, Nanai, Persisch, Quechua, Rätoromanisch, Suyá, Thai, Usbekisch, Yupik, Zulu und so weiter und so fort. Eine naheliegende Frage ist nun, wie weit dieses »und so weiter und so fort« geht: Wie viele Sprachen gibt es in der Welt?
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2 Wie viele Sprachen gibt es?
Unerforschte und vom Aussterben bedrohte Sprachen
Erstaunlicherweise gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort: Während man früher oft mit Angaben um 3.000 – 4.000 operierte, kann man in neueren Bestandsaufnahmen Zahlen zwischen 6.000 und 15.000 finden. Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Zahlen? Es lassen sich dafür mindestens zwei Gründe anführen:
1. Von den vielen Sprachen dieser Welt (es handelt sich auf jeden Fall um mehrere Tausend) sind längst nicht alle gleich gut beschrieben, und es sind auch nicht alle Regionen dieser Welt gleich gut auf die in ihnen benutzten Sprachen hin erforscht. Manche Regionen bilden daher einfach noch relativ weiße Flecken auf der Landkarte, und es ist nicht (genau) bekannt, wie viele und welche Sprachen es dort gibt.
Dass es noch weiße Flecken auf der Landkarte gibt, wäre übrigens nicht weiter schlimm, wenn die Sprachwissenschaft noch alle Zeit der Welt hätte, sämtliche Sprachen nach und nach zu erforschen. In letzter Zeit wird man sich jedoch zunehmend bewusst, dass diese Möglichkeit vielleicht nicht gegeben ist – viele Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Im 21. Jahrhundert wird wahrscheinlich mehr als die Hälfte der derzeit noch gesprochenen Sprachen verschwinden. Das hängt damit zusammen, dass nicht einmal ein Fünftel aller Sprachen von mindestens 100.000 Menschen benutzt wird; bei fast einem Drittel hat man |5◄ ►6| weniger als 1.000 Sprecher gezählt. – Es gibt in der Zwischenzeit zwar auch eine stärker werdende Gegenbewegung und diverse Gesellschaften zur Rettung bedrohter Sprachen.2 Dazu bedarf es allerdings eines ausgeprägten Bewahrungswillens der betroffenen Sprecher, der z.B. bei den Friesen und Sorben und überhaupt im europäischen Raum durchaus gegeben ist, kaum aber für die vielen (nicht verschrifteten) Kleinstsprachen in Afrika, Asien und Australien.
Grenzen zwischen Einzelsprachen
2. Der zweite Grund ist fundamentalerer Natur und lässt sich (im Gegensatz zum ersten) nicht einmal prinzipiell aus der Welt schaffen – er führt uns direkt auf grundlegende Probleme der Sprachwissenschaft. Diese lassen sich vorerst in folgender Feststellung fassen: Es ist gar nicht so einfach anzugeben, was genau eine Einzelsprache ist und wo ihre Grenzen zu anderen Einzelsprachen sind. – Warum ist dies so?
Wir hatten oben festgestellt, dass man langage nicht als solche anwenden kann, sondern immer eine Einzelsprache benutzen muss. Tatsächlich sind jedoch auch diese Einzelsprachen keine konkreten Objekte, die unmittelbar als solche gegeben wären und die man direkt beobachten könnte. Das einzige unmittelbar beobachtbare – sicht- bzw. hörbare – sprachliche Phänomen sind vielmehr die konkreten Einzelfälle des Sprachgebrauchs, die mündlichen oder schriftlichen Äußerungen, die Sprecher produzieren, also Parole-Akte.
Normalerweise nimmt man nun natürlich an, dass Parole-Akte produziert werden, indem Menschen auf ihre Kenntnis einer bestimmten Einzelsprache zurückgreifen. Mitunter stellt sich die Frage, um welche Einzelsprache es sich bei bestimmten Parole-Akten handelt. Unproblematisch scheint dies zu sein, wenn man die Sprache kennt, schwieriger dagegen, wenn man sie eben nicht kennt. Denn wer eine Äußerung produziert, sagt ja im Allgemeinen nicht dazu, welche Einzelsprache er gerade benutzt. Das Problem der Identifizierung von Einzelsprachen stellt sich jedoch in Wirklichkeit nicht nur für uns unbekannte Sprachen, sondern kann auch bei Sprachen auftreten, die uns weitgehend geläufig sind. Dies sei ausgehend von einem – authentischen – Parole-Akt demonstriert (Textbeispiel 1). Es handelt sich um den Ausschnitt eines Gesprächs zwischen Frau A und Frau B, das 1994 geführt wurde.
Sprachmischung Mischsprachen
Welche Sprache spricht Frau B? Sie selbst scheint zu meinen, es handle sich um Deutsch (Daitsch), und es ist ja auch mindestens eine Art Deutsch, jedenfalls ähnelt vieles dem Deutschen; anderes lässt dagegen eher an Englisch denken, das in dem Gespräch ja auch erwähnt wird. Möglich wären nun (mindestens) folgende Lösungen: |6◄ ►7|
Textbeispiel 1: was host-n gsaat, ’s kann-s net versteh, see
| A: | No erzählt mol, was ihr hait alles gschafft hett. |
| B: | No erscht hun ich me-n appointment gemacht bei-m doctor un sain ‘nuf un hun mei flue shot geholt, hait morjent, des war s erschte Ding. No, norde sein ich in store gange un hun gschopt, bisje esse, bisje candy for Hallowe’en. No sain ich haam komme un hun bisje Midach gesse, un nore hun ich platzkorn geplatzt. Un des war alles, so weit. |
| A: | Seid ihr wohl zu Fuß gange? |
| B: | Naa, ich hun die car gfahr, naa, ich fahr car, des’ ganz upstairs, nuf in town, des’ zu weit vor laawe, do mus ich fahre. |
| A: | Wie lang bleibt es jetz dou? |
| B: | Bis finewe, bissai mame kommt von hospital’s, die schafft in hospital’s, see, so do pickt sie ihn nore uf. |
| A: | So ich komm ivemorje zu aich |
| B: | Des wär de mitwoch, ja wann ever, des macht mir niks aus, vormidags sain ich imer dou. Do werscht du in town bei Midach oder sou. Well, ach nachmidach iz all right, kolsd mich erscht for sure mache. Mei grandchild kommt jo net haam bis drai Uhr, jetz kommt-s grad reigelowwe, dou is es jo, des’ mei grand ... wie saacht me des, mei Engelje, ha? ‘S kann net Daitsch, wenn ich als emol bisje Daitsch sag, no saad-r »Grand-mother, was host-n gsaat?« in English, know, she ask: was host-n gsaat, ‘s kann-s net versteh, see. |
– Frau B spricht eine besondere Sprache. Diese ist aus einer Mischung einer speziellen, vielleicht älteren Variante des Deutschen mit dem Englischen hervorgegangen.
– Frau B benutzt zwei Einzelsprachen: Sie wechselt in ihrem Parole-Akt zwischen dem Gebrauch einer Variante des Deutschen (oder einer dem Deutschen eng verwandten Sprache) und dem Englischen ab.
Die beiden Lösungsmöglichkeiten (die richtige findet sich im Anhang) machen nun schon deutlich, warum es so schwierig ist, genau zu bestimmen, was eine Einzelsprache ist, und warum es dementsprechend auch nicht möglich ist, genaue Angaben über die Menge der existierenden Einzelsprachen zu machen.
Varietäten
Einzelsprachen treten in verschiedenen Unterarten auf. Man spricht hier von Varietäten (auch: Lekten, aus Dia-lekt). Die Frage ist: Was berechtigt uns, verschiedene Varietäten als solche einer Sprache zu behandeln? Gibt es z.B. die Sprache Rätoromanisch, d.h. ist es berechtigt, Sursilvan, Vallader usw. als eine Sprache zusammenzufassen? Wann liegen noch Varietäten einer Einzelsprache vor, ab wann muss oder kann man von mehreren eigenständigen Sprachen reden? Ist z.B. Amerikanisch eine eigene Sprache oder eine Varietät des Englischen?
Dialekte und Idiolekte
Die bekanntesten Varietäten sind regionaler Art und werden Dialekte oder Mundarten genannt. Es gibt aber auch andere Varietäten: |7◄ ►8| Zum Beispiel sprechen Männer und Frauen nicht ganz gleich, Akademiker und Bauern nicht, Schüler und Rentner nicht usw. Letzten Endes spricht überhaupt jeder Mensch ein bisschen anders als jeder andere. Diese individuelle Sprache bezeichnet man als Idiolekt. Aber sogar die Idiolekte sind nicht einheitlich, d.h. auch ein und dieselbe Person spricht nicht immer gleich: Zum Beispiel drückt sich der Anwalt während der Gerichtsverhandlung anders aus als am Stammtisch.
Sprachstadien
Einzelsprachen verändern sich im Laufe der Zeit, treten also in historischen Varietäten auf. Diese bezeichnet man meist als Sprachstadien. Die Frage ist auch hier: Handelt es sich bei verschiedenen Sprachstadien um verschiedene Sprachen? Ist z.B. das heutige Deutsch eine andere Sprache als das Deutsch, das vor tausend Jahren benutzt wurde, oder betrachten wir es noch immer als dieselbe Sprache?
Sprachverwandtschaft
Verschiedene Einzelsprachen sind miteinander mehr oder weniger eng verwandt und einander daher mehr oder weniger ähnlich. Im historischen Prozess kann eine Einzelsprache sich in verschiedene Varianten aufspalten (z.B. [Vulgär-]Latein in Italienisch, Französisch, Spanisch usw.). Verschiedene Einzelsprachen oder Varietäten können sich aber auch aufeinander zu bewegen, dergestalt, dass sich auf ihrer Grundlage eine neue Varietät oder eine neue Sprache ausbildet (z.B. gibt es so genannte Ausgleichsmundarten, die weiträumiger verständlich sind als lokale Dialekte, und Standardsprachen werden normalerweise auf der Grundlage mehrerer Dialekte entwickelt). Die Frage ist: Wann sprechen wir von einer einzigen Sprache, wann von zwei (oder mehr) sehr eng verwandten Sprachen? Als eine oder zwei Sprachen kann man z.B. Flämisch und Niederländisch oder Dänisch und Norwegisch (Bokmål) ansehen. Diese sind ungefähr so gleich oder verschieden wie die deutsche Standardsprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Handelt es sich hier um eine oder drei Sprachen?
Sprachfamilien
Miteinander verwandte Sprachen bilden eine Sprachfamilie wie z.B. das Indoeuropäische, zu dem wie die meisten europäischen Sprachen auch das Deutsche gehört. Eine Sprachfamilie ist als eine Art Großfamilie zu verstehen und umfasst oft mehrere Gruppen von Sprachen, die einander sehr unähnlich sein können.
Mehrsprachigkeit
Die meisten Individuen sind mehrsprachig, d.h. sie beherrschen mehrere Einzelsprachen, zumindest aber mehrere Varietäten einer Einzelsprache. Einzelsprachen und Varietäten von Einzelsprachen können in Parole-Akten auch abwechselnd gebraucht bzw. gemischt werden (man spricht hier auch von Code-Switching). Wann sollen wir von der Mischung zweier Sprachen, wann von einer (Misch-) Sprache sprechen?
Um nun auch eine Vorstellung davon zu geben, wie sich das Problem der Abgrenzung von Einzelsprachen konkret darstellt, Textbeispiel 2: eine Liste von Parole-Akten, die alle denselben Inhalt haben; es |8◄ ►9| handelt sich um den Beginn des Johannes-Evangeliums. Sie sind (fast ausschließlich und so gut es geht) in Schriftzeichen wiedergegeben, die im heutigen Deutsch verwendet werden. Wie viele Sprachen kann man dort unterscheiden? Welche gehören enger zusammen? (Die Auflösung findet sich im Anhang.)
Textbeispiel 2: Im Anfang war das Wort
| 1. | Im Anfang war das Wort |
| 2. | Au commencement était le Verbe |
| 3. | I begynnelsen var Ordet |
| 4. | Hadjime ni kotobaga atta |
| 5. | Aum aunfaung is des wuat gwesn |
| 6. | I begynnelsn fanns Ordet |
| 7. | In anaginne uuas uuort |
| 8. | Am Aafang isch ds Wort gsii |
| 9. | Fil bid i kanat al kalima |
| 10. | Nel principio era la parola |
| 11. | In the beginning was the Word |
| 12. | Al principio era el verbo |
| 13. | De peschin de gotin bu |
| 14. | In deme anbeginne was dat wort |
| 15. | Hapo mwanzo kulikuwako neno |
| 16. | Au début était la parole |
| 17. | In die begin was die Woord |
| 18. | Upotschetku bješe rijetsch |
| 19. | En la komenco estis la Vorto |
| 20. | Alussa oli sana |
| 21. | Am aneuang was das wort |
| 22. | Fil-bidu kienet il-Kelma |
| 23. | Pada mulanya adalah Firman |
| 24. | In dem beginne was daz wort |
| 25. | Iesakuma bija Vards |
| 26. | La îuceput era Cuvîntul |
| 27. | Kezdetben vala az íge |
| 28. | Da principi eira il pled |
| 29. | Na poczatku bylo slowo |
| 30. | I begyndelsen var Ordet |
| 31. | In principio era il Verbo |
| 32. | Im anfang war dz wort |
| 33. | En archä än ho logos |
| 34. | Am Aafang isch s Wort gsii |
| 35. | In den beginne was het Woord |
| 36. | I’ upphafi var Orðið |
| 37. | In principio erat Verbum |
| 38. | Em ofang isch s wort gseh |
| 39. | Khamput naii ton roemton |
| 40. | Ne fillim ishte Fjala |
Unmittelbar gegeben ist nur parole
Fazit: Wenn wir von Einzelsprachen reden, als handele es sich dabei um relativ klar gegeneinander abgegrenzte Kommunikationsmittel, vereinfachen wir die Sachlage sehr stark. Unmittelbar gegeben ist nur parole. Und die Zuordnung von Parole-Akten zu Einzelsprachen ist nicht unproblematisch, da es tatsächlich zwischen verwandten Sprachen und Varietäten nur fließende Übergänge gibt. Auch historisch liegen keine Sprünge von einem Sprachstadium zum nächsten vor, sondern nur ein kontinuierlicher Wandlungsprozess. Und schließlich sind auch nicht miteinander verwandte Sprachen und Varietäten keineswegs strikt gegeneinander abgegrenzt, da sie miteinander in Kontakt treten und sich wechselseitig beeinflussen können.
Dennoch müssen wir natürlich gewisse Einteilungen vornehmen, schon um uns miteinander verständigen und das Forschungsfeld abstecken zu können. In den Abbildungen 1 – 3 daher einige Daten zu den wichtigsten Sprachfamilien und Sprachen und eine Übersicht über die indoeuropäische Sprachfamilie.
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Abb. 1: Sprachfamilien
| Muttersprache (Mio. Menschen) | Amtssprache (Mio. Menschen) | Geschätzte Sprecherzahlen für die 20 bedeutendsten Sprachen der Welt | ||
|---|---|---|---|---|
| 1. | Chinesisch (1000) | 1. | Englisch (1400) | (in Millionen): Die linke Spalte gibt an, wie viele Menschen die einzelnen Sprachen als Muttersprache (Erstspra che) sprechen. Liegen widersprüchliche Schätzungen vor, ist hier die höhere Zahl aufgeführt. In der rechten Spalte sind die geschätzten Bevölkerungs zahlen von Ländern zusammengefaßt, in denen die jeweilige Sprache offi ziellen Status hat. Die Abweichungen zwischen beiden Listen gehen darauf zurück, daß manche bedeutenden Sprachen (etwa Javanisch und Telugu) nicht Amtssprachen ganzer Länder sind, andere (wie Malaiisch und Ta galog) dagegen Amtssprachen mehr sprachiger Länder. Als Sprecherzahlen sind die Angaben in der zweiten Spalte meist zu hoch gegriffen, da keines wegs alle Menschen in den Ländern, in denen eine zweite Sprache offiziell anerkannt ist (z.B. Indien), diese auch fließend sprechen. Die Zahlen sind aber als Indikatoren für sprachliche Tenden zen von gewissem Interesse. |
| 2. | Englisch (350) | 2. | Chinesisch (1000) | |
| 3. | Spanisch (250) | 3. | Hindi (700) | |
| 4. Hindi (200) | 4. | Spanisch (280) | ||
| 5. | Arabisch (150) | 5. | Russisch (270) | |
| 6. | Bengali (150) | 6. | Französisch (220) | |
| 7. | Russisch (150) | 7. | Arabisch (170) | |
| 8. | Portugiesisch (135) | 8. | Portugiesisch (160) | |
| 9. | Japanisch (120) | 9. | Malaiisch (160) | |
| 10. | Deutsch (100) | 10. | Bengali (150) | |
| 11. | Französisch (70) | 11. | Japanisch (120) | |
| 12. | Pandschabi (70) | 12. | Deutsch (100) | |
| 13. | Javanisch (65) | 13. | Urdu (85) | |
| 14. | Bihari (65) | 14. | Italienisch (60) | |
| 15. | Italienisch (60) | 15. | Koreanisch (60) | |
| 16. | Koreanisch (60) | 16. | Vietnamesisch (60) | |
| 17. | Telugu (55) | 17. | Persisch (55) | |
| 18. | Tamil (55) | 18. | Tagalog (50) | |
| 19. | Marathi (50) | 19. | Thai (50) | |
| 20. | Vietnamesisch (50) | 20. | Türkisch (50) |
Abb. 2: Die 20 bedeutendsten Sprachen
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Abb. 3: Die indoeuropäische Sprachfamilie
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3 Sprache als System
Sprachreflexion
Das Nachdenken über die menschliche Sprache ist – dies zeigen nicht zuletzt die biblischen Berichte – sicher ebenso alt wie die menschliche Sprache selbst. Zum Nachdenken und Sprechen über die Sprache kommt man auf ganz natürlichem Wege schon beim Lernen der Sprache – sei es der Mutter- oder einer Fremdsprache. Und gerade die praktischen Bedürfnisse des Sprachunterrichts haben auch schon früh vielfältige Bemühungen um die mehr oder weniger systematische Beschreibung von Einzelsprachen hervorgebracht.
Linguistik
In diesem Abschnitt soll es uns jedoch um die neuere Zeit gehen, jene Zeit, in der man von wissenschaftlicher Sprachbeschreibung im modernen Sinne spricht und sich die Disziplin der Linguistik, wie es heute meist heißt, etabliert. Welche der verschiedenen Bedeutungen von Sprache und welche Fragestellungen rückten dabei ins Blickfeld?
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Die Ausbildung der Wissenschaft von der Sprache fällt in das 19. Jahrhundert. Dabei richtete sich die Aufmerksamkeit auf die eben besprochenen
Die historischvergleichende Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts
Sprachverschiedenheiten und den Sprachwandel. In dieser Zeit herrschte nämlich eine Forschungsrichtung vor, die als historisch-vergleichende Sprachwissenschaft oder auch Indogermanistik bezeichnet wird. Was kennzeichnet diese sprachwissenschaftliche Schule? Ende des 18. Jahrhunderts hatte man erkannt, dass nicht nur die meisten europäischen Sprachen miteinander verwandt sind, sondern dass eine Verwandtschaft u.a. auch mit dem Sanskrit vorliegt. Dies ist die Sprache sakraler Schriften des Altindischen, die möglicherweise schon im 2. vorchristlichen Jahrtausend entstanden sind. Nach dieser faszinierenden Entdeckung, dass Sprachen, die sowohl geografisch als auch historisch weit voneinander entfernt sind und sich auf den ersten Blick auch keineswegs ähneln, doch miteinander verwandt sein können, setzte man sich zum Ziel, die Verwandtschaftsverhältnisse und die historische Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen insgesamt zu erforschen – und dabei möglicherweise sogar die indogermanische Ursprache zu rekonstruieren. Einen besonderen Aufschwung erlebte diese Forschungsrichtung, als man glaubte nachweisen zu können, dass die Auseinanderentwicklung verschiedener Sprachgruppen und Dialekte durch regel-, ja gesetzmäßige Lautentwicklungen (Lautgesetze) zustandekommt. Um dies systematisch untersuchen zu können, wandte man sich auch den zeitgenössischen Dialekten zu. Im 19. Jahrhundert stehen also Sprachverwandtschaft, dialektale Sprachvariation und Sprachwandel im Zentrum des sprachwissenschaftlichen Interesses.
Saussures Neuansatz
Ferdinand de Saussure, der die Termini langage, langue und parole eingeführt hat, ist in der Schule der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft ausgebildet worden und war in Genf seit 1891 als professeur ordinaire de sanscrit et de langues indo-européennes tätig. Die große Bedeutung, die er für die Entwicklung der Linguistik hat, rührt jedoch gerade nicht aus der durchaus wichtigen Arbeit her, die er im Rahmen der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft geleistet hat. Vielmehr ist er dadurch zum Begründer der modernen Linguistik geworden, dass er dieser Forschungsrichtung einen Neuansatz gegenübergestellt hat. Die Überlegungen, die ihn dabei geleitet haben, könnte man grob folgendermaßen zusammenfassen:
Das wichtigste Merkmal der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft besteht darin, dass sie immer mehrere Sprachen und Varietäten zugleich untersucht und z.B. die Frage stellt, wie ein und derselbe Laut (d.h. eine [rekonstruierte] Ausgangsform) sich in verschiedenen Dialekten präsentiert und wozu er sich im Laufe der Zeit entwickelt. Nun ist es aber für einen Sprecher, der jemandem zu einem gegebenen Zeitpunkt irgendetwas mitteilen will, eigentlich gleichgültig, wie die Laute der Einzelsprache, die er benutzen möchte, früher einmal geklungen haben oder später einmal klingen werden. Es ist auch nicht notwendig zu wissen, welche Worte es in irgendwelchen anderen |12◄ ►13| Dialekten seiner Sprache für das gibt, worüber er sprechen will, oder wie gleiche Wörter dort ausgesprochen werden. Alle diese Informationen sind erstens für die praktische Kommunikation kaum von Belang, und zweitens sind sie dem Durchschnittssprecher auch großenteils unbekannt. Und das schadet nichts, denn ein solches Wissen braucht man keineswegs, wenn man sich seiner grundlegenden Sprachfähigkeit (langage) bedienen will. Um effektiv kommunizieren zu können, reicht es durchaus, eine einzelne geografische Varietät einer einzelnen Sprache zu kennen, und zwar in der einen ›Fassung‹, in der sie zum gegebenen Zeitpunkt üblich ist. Ja, es ist sogar in bestimmtem Ausmaß notwendig, dass eine Sprachgemeinschaft sich zu einem gegebenen Zeitpunkt gewissermaßen auf eine bestimmte Ausprägung der jeweiligen Sprache ›einigt‹, dass für die Kommunikation also ein einheitliches Bezugssystem gegeben ist.
langue – das Sprachsystem
Für Saussure ist es nun die zentrale Aufgabe der Linguistik, diese einzelsprachlichen Systeme zu beschreiben, die in den Sprachgemeinschaften die Verständigung ermöglichen. Für ein solches System prägte Saussure den Fachterminus langue. Die langue ist also das (zu rekonstruierende) einzelsprachliche System, das der Produktion von parole zugrunde liegt. Es stellt so etwas wie die Spielregeln dar, nach denen Äußerungen produziert werden können, Spielregeln, die natürlicherweise nur in den Köpfen der Sprechenden existieren. Aus diesem Grund bezeichnet Saussure die langue als eine psychische Größe, während die parole ein konkretes physisches (akustisches oder optisches) Phänomen darstellt.
Beziehungen zwischen sprachlichen Elementen
Um das System der langue zu rekonstruieren, ist es notwendig, die Beziehungen zu untersuchen, die seine einzelnen Elemente – z.B. die einzelnen Laute, Wörter oder grammatischen Regeln – zueinander haben (und nicht die Beziehungen, die diese Elemente zu ihnen entsprechenden Größen in anderen Systemen, anderen Dialekten, Sprachen oder Sprachstadien haben, wie es die Indogermanistik untersucht).
Man muss also z.B. wissen, ob es in einer Einzelsprache Kurzvokale und Langvokale gibt, d.h. ob diese Unterscheidung für das Funktionieren der Kommunikation wichtig ist oder nicht. Man muss aber nicht wissen, ob es in einem früheren Sprachstadium auch Kurz- und Langvokale gab oder sich z.B. die Langvokale aus früheren Diphthongen (z.B. üe, ie, uo etc.) entwickelt haben. – Im Neuhochdeutschen ist die Unterscheidung von Kurz- und Langvokalen übrigens wichtig, denn man muss z.B. erkennen können, ob es las (Imperfekt von lesen) oder lass (Imperativ von lassen) heißen soll. In anderen Sprachen ist diese Unterscheidung dagegen nicht wichtig, d.h. es ist ziemlich egal, wie lang man den Vokal dehnt, der Ausdruck bedeutet immer dasselbe.
Strukturalismus
Die langue ist aufzufassen als eine Summe von Elementen, zwischen denen bestimmte Beziehungen bestehen; diese machen die Struktur |13◄ ►14| des Sprachsystems aus. Um deren Rekonstruktion geht es bei der Beschreibung der langue. Daher hat die von de Saussure begründete sprachwissenschaftliche Forschung den Namen Strukturalismus.
Synchronie und Diachronie
Die langue wird von Saussure als stabiles und homogenes System angesehen, d.h. er sieht dabei von Sprachwandel, dialektaler Variation usw. ab. Der Grund ist folgender: Wenn es darum geht, die Struktur eines Systems zu rekonstruieren, kann man immer nur ein System zur Zeit betrachten, die Struktur gilt nur für dieses eine System (im Nachbardialekt kann es z.B. statt mancher Langvokale Diphthonge geben). Praktisch bedeutet das: Man muss bei einer Systembeschreibung davon abstrahieren, dass die Grenzen zwischen den Sprachen und Varietäten fließend sind und sich die Sprache in Wirklichkeit in ständigem Wandel befindet. Die Entwicklung einer Sprache im Laufe der Zeit bezeichnet man als Diachronie (zu griechisch dia- ›durch‹ und chronos ›Zeit‹). Bei der Betrachtung der langue hält man gewissermaßen den Zeit-Film an, macht einen synchronen Schnitt, eine Momentaufnahme (Synchronie; griechisch syn- ›zusammen‹), und beschreibt dieses Bild. Selbstverständlich sind beide Fragestellungen auch nach Ansicht Saussures völlig legitim; nur war zu seiner Zeit die synchronische noch nicht üblich, und sie sollte von der diachronischen auch klar getrennt werden.
Standardsprache
Dass man überhaupt auf die Idee kommen kann, von Sprachwandel und Sprachvariation zu abstrahieren, hat zweifellos damit zu tun, dass es auch in der sprachlichen Wirklichkeit schon etwas gibt, was zumindest als stabil und homogen gemeint ist, nämlich die Standardsprache. Diese nennt man auch oft Hochsprache, und es handelt sich um die sprachliche Varietät, die in ›verbindlichen‹ Wörterbüchern und Grammatiken normativ festgeschrieben (»kodifiziert«) ist. Die Normierung einer Sprache, die Entwicklung einer Standardvarietät – übrigens im Allgemeinen ein relativ spätes Ereignis in der Geschichte einer Sprache – läuft im Grunde darauf hinaus, Varianten (z.B. dialektale oder umgangssprachliche) als inkorrekt auszuschließen. Wie Textbeispiel 3 zeigt, geht dies meist nicht ohne Konflikte ab. Auch Neuerungen (z.B. Übernahmen aus anderen Sprachen) versucht man vielfach abzuwehren – diese werden dann meist als Sprachverfall gebrandmarkt. Dennoch darf man Standardsprache und langue nicht miteinander verwechseln: Langue bedeutet nur: abstraktes System, das der parole zugrunde liegt. Bei diesem System kann es sich um das der Standardsprache, aber auch um das von Dialekten oder sonstigen Varietäten handeln.
Sprache und andere Zeichensysteme
Linguistik als Beschreibung der langue (auch bezeichnet als Systemlinguistik), also der auf Saussure zurückgehende Ansatz, ist diejenige Forschungsrichtung, die den größten Teil des 20. Jahrhunderts beherrscht hat. Saussure betrachtet die Sprache allerdings vor dem Hintergrund anderer Zeichensysteme: |14◄ ►15|
Textbeispiel 3: Goethe in Leipzig
[…] so hatte ich auch vom Leben manche kleine Unannehmlichkeiten; wie man denn, wenn man den Ort verändert und in neue Verhältnisse tritt, immer Einstand geben muß. Das erste, was die Frauen an mir tadelten, bezog sich auf die Kleidung; denn ich war vom Hause freilich etwas wunderlich equipiert auf die Akademie gelangt. […]
Als aber Herr von Masuren, der so beliebte poetische Dorfjunker, einst auf dem Theater in einer ähnlichen Kleidung auftrat, und mehr wegen seiner äußeren als inneren Abgeschmacktheit herzlich belacht wurde, faßte ich Mut und wagte, meine sämtliche Garderobe gegen eine neumodische, dem Ort gemäße auf einmal umzutauschen, wodurch sie aber freilich sehr zusammenschrumpfte.
Nach dieser überstandenen Prüfung sollte abermals eine neue eintreten, welche mir weit unangenehmer auffiel, weil sie eine Sache betraf, die man nicht so leicht ablegt und umtauscht.
Ich war nämlich in dem oberdeutschen Dialekt geboren und erzogen, und obgleich mein Vater sich stets einer gewissen Reinheit der Sprache befliß und uns Kinder auf das, was man wirklich Mängel jenes Idioms nennen kann, von Jugend an aufmerksam gemacht und zu einem besseren Sprechen vorbereitet hatte, so blieben mir doch gar manche tiefer liegende Eigenheiten, die ich, weil sie mir ihrer Naivetät wegen gefielen, mit Behagen hervorhob, und mir dadurch von meinen neuen Mitbürgern jedesmal einen strengen Verweis zuzog. Der Oberdeutsche nämlich, und vielleicht vorzüglich derjenige, welcher dem Rhein und Main anwohnt (denn große Flüsse haben, wie das Meeresufer, immer etwas Belebendes), drückt sich viel in Gleichnissen und Anspielungen aus, und bei einer inneren menschenverständigen Tüchtigkeit bedient er sich sprüchwörtlicher Redensarten. In beiden Fällen ist er öfters derb, doch, wenn man auf den Zweck des Ausdruckes sieht, immer gehörig; nur mag freilich manchmal etwas mit unterlaufen, was gegen ein zarteres Ohr sich anstößig erweist.
Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft. Mit welchem Eigensinn aber die meißnische Mundart die übrigen zu beherrschen, ja eine Zeitlang auszuschließen gewußt hat, ist jedermann bekannt. Wir haben viele Jahre unter diesem pedantischen Regimente gelitten, und nur durch vielfachen Widerstreit haben sich die sämtlichen Provinzen in ihre alten Rechte wieder eingesetzt. Was ein junger lebhafter Mensch unter diesem beständigen Hofmeistern ausgestanden habe, wird derjenige leicht ermessen, der bedenkt, daß nun mit der Aussprache, in deren Veränderung man sich endlich wohl ergäbe, zugleich Denkweise, Einbildungskraft, Gefühl, vaterländischer Charakter sollten aufgeopfert werden. Und diese unerträgliche Forderung wurde von gebildeten Männern und Frauen gemacht, deren Überzeugung ich mir nicht zueignen konnte, deren Unrecht ich zu empfinden glaubte, ohne mir es deutlich machen zu können. Mir sollten die Anspielungen auf biblische Kernstellen untersagt sein, sowie die Benutzung treuherziger Chronikenausdrücke. Ich sollte vergessen, daß ich den Geiler von Kaisersberg gelesen hatte, und des Gebrauchs der Sprüchwörter entbehren, die doch, statt vieles Hin- und Herfackelns, den Nagel gleich auf den Kopf treffen; alles dies, das ich mir mit jugendlicher Heftigkeit angeeignet, sollte ich missen, ich fühlte mich in meinem Innersten paralysiert und wußte kaum mehr, wie ich mich über die gemeinsten Dinge zu äußern hatte. Daneben hörte ich, man solle reden wie man schreibt, und schreiben wie man spricht; da mir Reden und Schreiben ein für allemal zweierlei Dinge schienen, von denen jedes wohl seine eignen Rechte behaupten möchte.
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Die Sprache ist ein System von Zeichen, die Ideen ausdrücken und insofern der Schrift, dem Taubstummenalphabet, symbolischen Riten, Höflichkeitsformen, militärischen Signalen usw. usw. vergleichbar. Nur ist sie das wichtigste dieser Systeme.
Man kann sich also vorstellen eine Wissenschaft, welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht; […] wir werden sie Semeologie (von griechisch sēmeîon »Zeichen«) nennen. Sie würde uns lehren, worin die Zeichen bestehen und welche Gesetze sie regieren. Da sie noch nicht existiert, kann man nicht sagen, was sie sein wird. Aber sie hat Anspruch darauf, zu bestehen.3
Semiotik
Die hier von Saussure konzipierte allgemeine Wissenschaft von den Zeichen hat sich tatsächlich etabliert und wird heute meist mit dem Terminus Semiotik belegt. Wir wollen uns daher im Folgenden zunächst allgemein der Frage zuwenden, ›worin Zeichen bestehen‹, und später Saussures eigene Überlegungen zur Natur des sprachlichen Zeichens vorstellen.
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4 Zeichen: Von Sinneswahrnehmungen zu Interpretationen
Wie unterscheidet man Sprachliches von Nicht-Sprachlichem?
In Kapitel 2 haben wir festgestellt, dass Einzelsprachen keine unmittelbar gegebenen Größen sind. Wir gehen davon aus, dass sprachliche Systeme in irgendeiner Weise in den Köpfen der Sprecher gespeichert sind und versuchen in der Linguistik, diese Systeme zu rekonstruieren. Unmittelbar zugänglich sind jedoch nur sprachliche Äußerungen. Außerdem haben wir gesehen, dass es gar nicht immer so einfach ist zu sagen, welcher langue ein solcher Parole-Akt zuzuordnen ist. Wir wollen diese Überlegung nun noch etwas fortsetzen und die Frage stellen, ob wir wenigstens unmittelbar darüber entscheiden können, dass es sich bei etwas Wahrgenommenem um eine sprachliche Äußerung handelt, dass langage im Spiel ist. Wie nehmen wir Parole-Akte wahr?
Sprachliches kann man hören und sehen
Sprachliche Äußerungen kommen im Wesentlichen in zwei Erscheinungsformen vor, die wir mit unterschiedlichen Sinnesorganen verarbeiten: Mit dem Gehörorgan, auditiv, nehmen wir gesprochene Sprache wahr. Mit dem Sehorgan, visuell, nehmen wir geschriebene Sprache wahr, die man – je nachdem welches Material verwendet wurde – teilweise auch ertasten kann. Auditiv und visuell nehmen wir aber viel mehr wahr als nur Parole-Akte, nämlich alle Arten von hör- bzw. sichtbaren Erscheinungen. Wie filtern wir daraus Sprachliches heraus? |16◄ ►17| Denn es kann ja tatsächlich Unsicherheiten und Verwechslungen geben, wie z.B. die folgenden Zeilen aus Goethes Erlkönig zeigen:
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
In dürren Blättern säuselt der Wind. –
Der Vater identifiziert das Geräusch hier gar nicht als eines, das von einem sprachfähigen Wesen (wozu wir im Allgemeinen nur die Menschen zählen) produziert wurde. Wir können allgemein also schon einmal feststellen: Unter den vielen Geräuschen, die wir wahrnehmen, kommen wohl nur solche als sprachliche Äußerungen infrage, die Menschen erzeugt haben.
Nicht-sprachliche Geräusche
Menschen erzeugen aber auch nichtsprachliche Geräusche, z.B. wenn sie husten, schmatzen, schnarchen, vor Schmerz schreien oder in die Hände klatschen. Manche von diesen Geräuschen kommen unwillkürlich (husten) oder sogar unwissentlich (schnarchen) zustande, andere werden absichtlich produziert. Als sprachlich würden wir gewiss nur absichtlich erzeugte Geräusche ansehen, genauer gesagt: Geräusche, die eine Bedeutung haben, die nämlich in der Absicht erzeugt werden, dass jemand ihnen einen Sinn zuschreibt, sie als sprachliche Mitteilungen deutet und entschlüsselt.
Auch nicht-sprachliche Geräusche können Bedeutung tragen
Mit dieser Bestimmung können wir aber immer noch nicht Parole-Akte von allen anderen Geräuschen sicher abgrenzen. Man kann nämlich nicht nur sprachlichen Äußerungen einen Sinn zuschreiben, und nicht nur diese werden in der Absicht produziert, dass sie interpretiert und verstanden werden. So kann man z.B. auch absichtlich husten, um jemandem deutlich zu machen, dass er gerade etwas ganz Unpassendes sagt, oder schmatzen, um auszudrücken, dass einem das Essen schmeckt. Auch wer unwillkürlich hustet oder schmatzt, kann nicht verhindern, dass ein anderer dies deutet, etwa als Hinweis auf eine Erkältung oder schlechte Erziehung. Tatsächlich sind sprachliche Äußerungen nur Sonderfälle von Zeichengebrauch.
Etwas ist nicht Zeichen ›an sich‹, es wird als Zeichen interpretiert
Bevor wir klären, worin ihre Besonderheit denn nun besteht, bleiben wir zunächst noch allgemein beim Phänomen der Zeichen, denn was für Zeichen überhaupt gilt, gilt auch für sprachliche Zeichen. Wenn man von Zeichen spricht, denkt man oft zunächst an fixierte wahrnehmbare Produkte, denen konventionell eine bestimmte Bedeutung zukommt, z.B. an Verkehrszeichen, aber eben auch an
Der Zeichenprozess
Schriftzeichen, also Buchstaben. Wir verhalten uns dann so, als ob ein Zeichen direkt an seiner äußeren Gestalt als solches erkennbar wäre, als wenn Zeichen eine bestimmte Untergruppe wahrnehmbarer Objekte wären. Tatsächlich kann jedoch jedes beliebige Phänomen wie ein Zeichen behandelt oder aufgefasst werden, so z.B. wenn jemand |17◄ ►18| das, was er am Himmel sieht, als Zeichen für ein nahendes Gewitter deutet (das dann vielleicht gar nicht kommt) oder bestimmte Linien auf einer Landkarte als Geheimzeichen für einen verborgenen Schatz interpretiert (obwohl es sich vielleicht nur um Abdrücke irgendwelcher Gegenstände handelt, die lange darauf gelegen haben), oder wenn er schließlich ein bestimmtes grafisches Gebilde als ein Wort identifiziert (obwohl es sich vielleicht nur um Gekrakel handelt, das jemand beim Ausprobieren eines Füllers produziert hat). Etwas ist also nicht ›an sich‹ ein Zeichen, sondern es wird zu einem solchen immer nur für jemanden, es realisiert sich nur im Rahmen eines Interpretationsprozesses. Selbst sprachliche Äußerungen können nur dann als Zeichen funktionieren, wenn es auch jemanden gibt, der sie als Parole-Akte deutet und sie auf Grund seiner Sprachkenntnis entschlüsseln kann.
Auf dieser Grundlage können wir nun Zeichenprozesse zunehmend differenzieren bis hin zur Ebene sprachlicher Zeichen:
Ein Interpret deutet seine Wahrnehmung
– Damit ein Zeichenprozess zustandekommen kann, bedarf es erstens eines physischen Phänomens, das wahrnehmbar ist, und zweitens eines Interpreten, der seine Wahrnehmung zu deuten versucht. Das physische Phänomen als Bestandteil eines Zeichenprozesses wollen wir im Folgenden Zeichenträger oder Zeichenkörper nennen.
Ein ZeichenSetzer produziert etwas als Zeichen
– Damit von kommunikativem Zeichengebrauch die Rede sein kann, bedarf es außerdem auch noch eines »Zeichen-Setzers«, d.h. das physische Phänomen muss von jemandem absichtlich als Zeichenträger benutzt worden sein; er muss ihm seinerseits eine Bedeutung zugeordnet haben, etwas Bestimmtes damit gemeint haben.
Deiktische und ikonische Zeichen
Auch wenn man über keine gemeinsame Sprache verfügt, kann man sich bei Vorliegen dieser elementaren Gegebenheiten bereits verständigen, wie z.B. die Begegnung zwischen Robinson und Freitag (Textbeispiel 4) zeigt. Dabei wird man im Wesentlichen zwei Arten von Zeichen verwenden. Erstens kann man Zeigegesten benutzen. Dies tut man z.B. oft beim Einkaufen in Ländern, deren Sprache man nicht beherrscht: man zeigt dann einfach auf das, was man will. Solche Zeichen nennt man deiktische (von griech. deiknynai ›zeigen‹). Zweitens wird man auf solche Zeichenträger zurückgreifen, die in einer natürlichen oder jedenfalls leicht erratbaren Beziehung zum Gemeinten stehen, z.B. ein Gähnen, um zu zeigen, dass man müde ist, eine Zeichnung, die den gemeinten Gegenstand abbildet oder auch eine Lautung, die ein natürliches Geräusch nachahmt (z.B. kann man ein Bellen imitieren, um mitzuteilen, dass ein Hund in der Nähe ist). Solche Zeichen, bei denen die Zeichenkörper Abbildcharakter haben, nennt man ikonische Zeichen (von griech. eikon ›Abbild‹).
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Textbeispiel 4: Ich verstand ihn ganz gut
Zwischen den Wilden und meiner Festung lag die Bucht. Über diese musste der Flüchtende schwimmen, wenn er nicht wieder eingefangen werden wollte. Er zögerte auch keinen Augenblick – obwohl die Flut hoch stand –, sprang ins Wasser, schwamm mit raschen Stößen herüber, kletterte ans Land und lief mit der gleichen Kraft und Ausdauer wie vorher weiter. Als seine drei Verfolger das Ufer der Bucht erreicht hatten, bemerkte ich, dass nur zwei von ihnen schwimmen konnten. Der dritte blieb am Ufer stehen und kehrte wieder um. Die beiden anderen brauchten noch einmal so viel Zeit wie ihr Gefangener, um über die Bucht zu schwimmen.
Ich konnte mich nicht länger zurückhalten. Jetzt war der Augenblick gekommen, mir einen Diener und vielleicht einen Gefährten und Freund zu verschaffen. Es schien mir, als hätte ich von der Vorsehung den Auftrag erhalten, das Leben dieses armen Geschöpfes zu retten. […]
Der arme verfolgte Wilde hatte seine beiden Feinde niederfallen sehen, Blitz und Knall des Schusses aber hatten ihn so erschreckt, dass er stocksteif dastand und sich nicht von der Stelle rührte, obwohl man es ihm ansah, dass er am liebsten davongestürzt wäre. Ich rief ihn nochmals an, winkte ihm und machte beruhigende Gesten. Er verstand mich und kam tatsächlich langsam näher und näher, zitterte aber am ganzen Körper. Ich nickte ihm freundlich zu und gab ihm auf alle mögliche Weise zu verstehen, dass ich sein Freund war. Als er vor mir stand, kniete er nieder, fasste meinen Fuß und setzte ihn auf seinen Kopf, wie mir schien, um mir damit zu sagen, dass er mein Diener sein wollte und ich sein Herr war. Ich hob ihn auf und beruhigte ihn, so gut ich konnte.
Allein, es gab jetzt noch mehr zu tun. Der erste Wilde, den ich niedergeschlagen hatte, war nicht tot, sondern nur betäubt und schien zu sich zu kommen. Als ich es merkte, zeigte ich auf den Niedergestürzten und mein Schützling sagte darauf einige Worte zu mir, die ich nicht verstand, die mich aber trotzdem vor Rührung fast erschauern ließen. Es waren die ersten Laute einer menschlichen Stimme, die ich seit fünfundzwanzig Jahren hörte! […]
Ich hatte inzwischen die Ziegen gemolken, die sich in dem ganz in der Nähe liegenden Gehege befanden. Kaum sah er mich, so lief er auf mich zu, kniete sich mit allen Zeichen demütiger Dankbarkeit wieder auf den Boden und deutete mir seine Ergebenheit mit allen erdenklichen Gesten an. Ich verstand ihn ganz gut und machte ihm begreiflich, dass ich mich über ihn freute.
Ja, ich freute mich ganz unbeschreiblich, wieder einen Menschen neben mir zu wissen. Weil der Tag, an dem ich meinen neuen Freund gerettet hatte, ein Freitag war, so nannte ich den Burschen »Freitag« und er begriff bald, dass dies nun sein Name war. Die Wörter »Ja« und »Nein« und ihre Bedeutung brachte ich ihm spielend bei, auch das Wort »Master«, mit dem er mich in Zukunft immer anredete. Dann gab ich ihm in einem irdenen Topf etwas Milch und zeigte ihm, wie ich Brot darin eintauchte. Er folgte meinem Beispiel ohne Scheu und aß sich satt. Die Nacht verbrachten wir miteinander in der Laube, als der Tag dämmerte, ging ich mit ihm zu meiner Festung zurück.
Bei der Stelle, wo die beiden Toten verscharrt lagen, blieb er stehen und gab mir zu verstehen, dass wir sie ausgraben und aufessen sollten, und er war nicht wenig bestürzt, als ich meinen Abscheu davor ausdrückte, und folgte mir dann ganz unterwürfig.
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Wir wissen allerdings alle, dass die Kommunikation sehr mühsam ist und dass die Mitteilungen auch nicht sehr differenziert und eindeutig sein können, wenn man auf keine anderen Mittel als deiktische und ikonische Zeichen zurückgreifen kann. Denn in diesem Fall muss man jede Wahrnehmung wieder neu – zum Teil unter Aufwendung von viel Fantasie – zu deuten versuchen. Erheblich einfacher und eindeutiger wird der kommunikative Zeichengebrauch, wenn man zum
Konventionalisierte Zeichen
– Gebrauch konventionalisierter Zeichen übergeht. In diesem Fall müssen sich mindestens zwei Zeichenbenutzer auf irgendeine Weise darüber verständigt haben, dass sie mit einem bestimmten Zeichenträger eine bestimmte Bedeutung verbinden wollen, z.B.: einmal in die Hände klatschen = bring mir etwas zu essen; zweimal in die Hände klatschen = bring mir etwas zu trinken. Im Allgemeinen sind es jedoch nicht gerade nur zwei Leute, sondern eine größere Gemeinschaft von Menschen, bei denen bestimmte konventionelle Zeichen vereinbart worden sind oder sich eingespielt haben.
Auch ursprünglich ikonische Zeichen können konventionalisiert werden. Dabei wird der Zeichenträger in zunehmend stilisierter Form realisiert und ist oft keineswegs mehr aus sich heraus verständlich – vgl. z.B. die folgenden Ikone aus dem Computer:
.
Hier geht es zunehmend darum, nicht einfach zu erkennen, welchem Objekt der Zeichenträger ähnelt, sondern einen bereits bekannten Zeichenträger wiederzuerkennen. Manche Schriftsysteme, z.B. das chinesische, sind aus ikonischen Zeichen entwickelt, aber keineswegs (mehr) einfach entschlüsselbar. Als Textbeispiel 5 finden Sie einen Versuch, den Inhalt der biblischen Schöpfungsgeschichte bildlich darzustellen; dabei wird schon vielfach auf konventionalisierte ikonische Zeichen zurückgegriffen (z.B. eine Faust mit hochgestrecktem Daumen, um auszudrücken: ›es war gut‹, aber sogar Ausrufungszeichen, um etwa Aufforderungen auszudrücken).
Sprachliche Zeichen und Regeln zu ihrer Verknüpfung
– Die Besonderheit von Sprachzeichen besteht nun darin, dass diese immer Bestandteil eines umfassenden Systems sind, nämlich einer langue. Einzelsprachen sind extrem komplexe Zeichensysteme, die dazu geeignet sind, mit einem kleinen Grundbestand von Elementen (Lauten bzw. Buchstaben) jedwede Bedeutung auszudrücken, und zwar nach bestimmten den Sprechern der jeweiligen Sprache vertrauten Regeln. Diese Regeln stellen sicher, dass die Interpretation einer Folge von Zeichenträgern nicht mehr weitgehend der Fantasie des Interpreten anheimgestellt ist. Es bedarf dazu jedoch nicht nur elementarer Zeichen, die z.B. einen bestimmten Gegenstand repräsentieren (etwa des Wortes Telefon statt des ikonischen Zeichens (
), sondern auch festgelegter Regeln dafür, wie man die elementaren Zeichen so miteinander kombiniert, dass auch komplexe Inhalte ausgedrückt werden können, und zwar so, dass die Bedeutung einer Zeichenfolge auch für andere (ziemlich) eindeutig erkennbar ist. Während man nämlich die Folge der ikonischen Zeichen
auf vielerlei Weise interpretieren kann, lassen die folgenden Sätze kaum noch Fragen offen: Jemand hat angerufen und gesagt, du sollst ihm einen Brief schreiben; oder: Ich habe noch viele Telefonate zu erledigen, muss Briefe schreiben, würde aber doch viel lieber an meiner Zeichnung weitermachen; oder: Hier kann man Telefonkarten, Briefmarken und Schreibgeräte kaufen …
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Textbeispiel 5: Die Schöpfung

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Über das Sprachsystem hinaus
Wie bereits gesagt, besteht die Aufgabe der synchronen Linguistik im Sinne Saussures ausschließlich in der Beschreibung dieser einzelsprachlichen Systeme. Die Frage, die sie sich stellt, lautet: Wie funktioniert das System einer langue? Angesichts der Kompliziertheit der sprachlichen Zeichensysteme ist dies eine sehr große und schwierige Aufgabe, und deswegen war es auch zweifellos sinnvoll, dass sich die Linguistik so lange darauf konzentriert hat. Dennoch darf man nicht vergessen, dass die Fragen, die man sich angesichts des Phänomens der Sprache stellen kann, damit auf einen bestimmten Aspekt verengt werden.
Wie Parole-Akte, die menschliche Verständigung, funktionieren, kann (und soll) damit nicht vollständig erklärt werden. Denn die Benutzung eines einzelsprachlichen Systems ist nur eine, wenn auch wohl die allerwichtigste Komponente bei diesen Prozessen. Tatsächlich greifen aber die Sprecher auch bei sprachlichen Äußerungen immer wieder zurück auf andere Formen des Zeichengebrauchs:
Gestik und Mimik
– Lautliche Äußerungen werden durch Gesten und Mimik ergänzt, bei schriftlichen Texten kann man zusätzlich Bilder und konventionalisierte ikonische Zeichen benutzen oder auch die konkrete grafische Gestaltung (z.B. Fettdruck, unterschiedliche Schriftgrößen oder -arten usw.) als Zeichenträger einsetzen.
Kreation neuer Zeichen
– Wenn man einmal über ein gemeinsames sprachliches Zeichensystem verfügt, ist es außerdem ganz leicht möglich, ständig neue Konventionen festzulegen, z.B. neue Wörter zu erfinden und ihnen mittels einer Definition eine bestimmte Bedeutung zuzuschreiben. Dies ist auch genau der Grund dafür, dass man wirklich sagen kann, Sprachen seien Zeichensysteme, mit denen man einfach alles ausdrücken kann – schlimmstenfalls muss man das System mehr oder weniger stark abändern bzw. ergänzen, um zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten zu kommen.
Hintergründiger Sinn
– Schließlich stellt die Beschränkung auf die Frage nach dem Funktionieren der einzelsprachlichen Systeme auch deswegen eine Verengung|22◄ ►23| dar, weil es sehr oft nicht ausreicht, eine Äußerung wörtlich zu verstehen, um zu begreifen, was der Sprecher damit in der konkreten Situation eigentlich gemeint hat. Wenn jemand sagt ich bin müde, kann das einfach heißen, dass er im Moment das Bedürfnis hat zu schlafen; er könnte aber auch ausdrücken wollen, dass er sein Leben sehr anstrengend findet, ständig erschöpft ist und keine Energie mehr hat; der Hörer könnte auch zu der Interpretation kommen, dass der Sprecher einfach nicht mehr mit ihm reden will, weil er auf ihn böse ist, usw. Solche Interpretationen ergeben sich nicht schlüssig aus dem, was eine Äußerung dem sprachlichen System entsprechend bedeutet. Denn hier geht es um die individuelle Interpretation von Parole-Akten, für die man auf mehr als sein Sprachwissen, u.a. auf den Kontext und sein Vorwissen über den Gesprächspartner, zurückgreift.
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5 Was braucht man, um eine sprachliche Äußerung zu verstehen?
Führen wir uns nun vor Augen, was alles außer der Kenntnis einer Sprache noch eine Rolle spielen kann, wenn man mit einem Parole-Akt konfrontiert ist. Dazu greifen wir auf einen sehr kurzen Text zurück:

Stilblütensammlung: aus dem Kontext gerissene (unfreiwillige) Komik
An diesem Text fällt zunächst die spezielle grafische Gestaltung ins Auge, und jeder wird wohl unmittelbar erkennen, dass es sich um eine aus einer Zeitung ausgerissene Überschrift handelt. Zumindest mit der gegenwärtigen deutschen Presselandschaft Vertraute kennen auch die in der Quellenangabe genannte Zeitung Bild am Sonntag. Nun ist diese Schlagzeile hier aus ihrem originären Kontext herausgelöst, ihr folgt auch kein Haupttext. Um zu verstehen, welchem Zweck dies dient, müssen wir wissen, in welchem situativen Zusammenhang die Schlagzeile sich jetzt befindet. Abgedruckt war der Text in der hier vorgestellten Form in einem anderen Presseorgan, dem Spiegel, und zwar unter der Rubrik Hohlspiegel. Dort sind regelmäßig kurze Texte (meist nur Auszüge)|23◄ ►24| abgedruckt, die eine unfreiwillige Komik aufweisen. Durch die Platzierung in der »Stilblüten-Rubrik« Hohlspiegel ist also ein kontextueller Hinweis gegeben, dass es an diesem Zitat etwas zu Lachen gibt. Dieser Lach-Effekt stellt sich für die meisten wohl ohne jedes weitere Nachdenken ein; spontan aktiviert man eine Reihe von Wissensvoraussetzungen, die wir uns nun im Einzelnen bewusst machen wollen – vor allem für die, denen Vorkenntnisse zum Verständnis fehlen.
Lampe und Leuchte
Sie will keine Leuchte sein – dies ist schon für sich komisch, weil die Redewendung (k)eine Leuchte sein bedeutet: ›(nicht) klug sein‹. Da klug zu sein allgemein als ein positiver Wert gilt, fällt es schwer sich jemanden zu denken, der dies ausdrücklich nicht sein will. Das Schlüsselwort zum Verständnis ist der Ausdruck Ikea, eigentlich kein Bestandteil der deutschen Sprache, sondern der Eigenname eines Möbelhauses. Wer Ikea – sei es aus direkter Erfahrung als Käufer, sei es aus dem Ikea-Katalog, sei es aus der Werbung – kennt, weiß auch, dass dort viele Produkte mit Eigennamen belegt werden, so gibt es z.B. die Bücherregale Billy, Niklas und Ivar. Das Möbelhaus bietet auch Beleuchtungskörper an, gemeinhin Lampen genannt. Leuchte ist ein in der Elektro- und Möbelindustrie gebräuchliches Synonym dafür. Die Verwendung dieses speziellen Ausdrucks führt zu dem komischen Effekt, den Sie möchte keine Lampe sein natürlich nicht erbracht hätte, weil hier die wörtliche Bedeutung nicht mit einer Redewendung in Konflikt treten kann.
Das Vorwissen
Auf Grund dieses Vorwissens wird der Leser wahrscheinlich vermuten, dass Ikea eine Lampe, benannt nach einer weiblichen Person namens Feldbusch, auf den Markt bringen wollte (oder dies schon getan hat). Feldbusch passt allerdings nicht gerade in die Reihe der (meist nordisch klingenden) Namen von Ikea-Produkten. Wer ist mit Feldbusch gemeint? Es handelt sich um das Fernseh-Sternchen Verona Feldbusch, eine Moderatorin von Sendungen, deren intellektuelles Niveau allgemein als besonders niedrig gilt. Der Name kann in diesem Sinne für eine kurze Zeitspanne geradezu als Inbegriff der Dümmlichkeit fungieren! Und dass die Moderatorin auch so dumm sein will, wie sie ist, ist natürlich schon zum Lachen.
Gibt es aber bei Ikea wirklich eine Lampe mit dem Namen Verona /(Feldbusch), und hat die Moderatorin wirklich deswegen gegen Ikea geklagt? Falls es so sein sollte, handelt es sich dann wirklich um eine unfreiwillige Stilblüte oder aber um eine bereits von Bild bewusst komisch inszenierte Meldung? Dass nicht bei allen Zitaten aus dem Hohlspiegel die Komik unfreiwillig ist, lässt ein anderes Beispiel aus derselben Nummer erwarten: »Tausche schwerverständl. Buch über Empfängnisverhütung gegen gebrauchten Kinderwagen« (Aus der »Ostfriesen Zeitung«). Bei einem dritten Fall aus der Nummer würden wir mit beabsichtigter Komik dagegen sicher nicht rechnen – hauptsächlich deswegen, weil es aus dem Schreiben einer Sparkasse stammt |24◄ ►25| (da macht man nicht solche Witze): »Die übrigen Veränderungen bleiben unverändert.«
Der Feldbusch-Text allein und auch die diversen beigezogenen Hintergrundkenntnisse reichen nicht aus, um die Frage zu beantworten. Dafür muss man auf den Originaltext zurückgreifen, der zeigt, dass die gewählte Schlagzeile irreführend ist. Ikea hat keine Lampe Verona genannt, es geht um ein Produkt namens Skyar, für das Ikea in Schweizer Zeitungen mit dem Satz warb: »Das Verona-Feldbusch-Angebot von morgen: Die attraktive Leuchte für Fr. 69, – « – und dies ohne Feldbusch gefragt zu haben. Feldbusch hat also geklagt, weil sie als Werbeträgerin eingesetzt wurde, ohne dafür Geld zu bekommen. Verona Feldbusch, die übrigens auch als – bezahlte – Werbeträgerin auftritt, handelte also tatsächlich eher schlau, indem sie finanzielle Ansprüche gegenüber Ikea geltend machte.
Wissensbereiche
Nach der Beispieldiskussion wollen wir nun versuchen, die Ergebnisse zu verallgemeinern und uns schematisch vor Augen zu führen, welche Kenntnisse bei der Verarbeitung eines Textes zur Geltung kommen können. Dies geschieht in Abbildung 4. Dort werden drei große Wissensbereiche unterschieden, die in der Kommunikation eine Rolle spielen: Wissen über Zeichen(systeme) und Zeichengebrauch, Wissen über Außersprachliches, das man auch als Weltwissen bezeichnet, und schließlich Situationswissen.
In anderen schematischen Darstellungen des Kommunikationsprozesses werden die Wissensbereiche meist als ein zu einem gegebenen Zeitpunkt fester Wissensbestand des Individuums dargestellt (grafisch durch geschlossene Figuren angedeutet), wobei die Wissensbestände verschiedener Individuen nur teilidentisch sind. Für das Sprachwissen führt das etwa zu Abbildung 5.
Wissensbestände ändern sich während der Kommunikation
Wenn hier eine offenere Darstellung wie in Abbildung 4 bevorzugt wird, so vor allem deswegen, weil sich die Wissensbestände nicht wie Dateien denken lassen, auf die der Mensch Zugriff hätte, seien solche Dateien auch als sehr umfangreich und in sich komplex strukturiert konzipiert. Die Wissensbestände eines Individuums sollten nicht als fixe Größe modelliert werden, die mindestens für eine bestimmte Kommunikationssituation Gültigkeit hätte. Es besteht vielmehr eine Wechselbeziehung zwischen dem Kommunikationsprozess und den relevanten Wissenselementen (dies deuten die Doppellinien an). Wer z.B. mit einem Ausdruck konfrontiert wird, der eigentlich nicht zu seinem Wortschatz gehört, kann häufig ›aus dem Kontext‹, d.h. durch die Aktivierung anderer Elemente seines Wissens, diesem Ausdruck eine Bedeutung zuschreiben und ihn damit ad hoc in seinen Wissensbestand integrieren. Man könnte auch sagen, dass dieses Wissenselement latent durchaus schon vorhanden war oder dass es als potenziell bestehendes Wissen existiert.
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Abb. 4: Wissensbereiche, die für den Kommunikationsprozess relevant sind
Noch offensichtlicher ist, dass ein kommunikativer Austausch, der sich ja in der Regel auf Außersprachliches bezieht, geradezu notwendig den Wissensbestand über Außersprachliches beeinflusst, ihn ergänzt, korrigiert, bestätigt, verstärkt oder auch lediglich aktualisiert. Schließlich wird auch die Kommunikationssituation unmittelbar durch die Kommunikation selbst beeinflusst oder gar erst im kommunikativen Prozess konstituiert. So mag man vorgängiges Wissen (oder besser bestimmte Vorstellungen) über den Partner oder den Situationstyp haben; diese Vorstellungen werden aber während des Prozesses laufend mit den neuen Erfahrungen verglichen. Zu guter Letzt enthebt uns der Verzicht auf geschlossene Figuren auch der Notwendigkeit, jeweils genau zu bestimmen, was zu dem einen, was zu dem anderen Wissensbereich zu zählen wäre, ein Unterfangen, das nahezu aussichtslos ist, da die verschiedenen Bereiche engstens ineinander greifen.
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Abb. 5: Wissensbestände verschiedener Individuen
Wissen um Zeichensysteme Sprachwissen
Nun zur Erläuterung der Abbildung 4: Das Sprachwissen ist hier als ein Teil eines umfassenderen Komplexes, des Wissens über Zeichen, eingeordnet. Damit soll dreierlei hervorgehoben werden: Zunächst baut sprachliches Wissen sowohl bei der Entwicklung des einzelnen Menschen (der Ontogenese) als auch bei der Entwicklung der Gattung (der Phylogenese) auf elementareren Formen der Zeichenverwendung auf. Schreien, Lächeln, Blickkontakt, Abwehrgesten oder Zeigegesten und vieles andere mehr können Kinder viel früher kommunikativ einsetzen als sprachliche Zeichen. Es ist auch zu vermuten – wenngleich uns natürlich der Sprachursprung (oder besser: der Prozess der Entwicklung von Sprache) verschlossen ist –, dass der noch nicht sprechende ›Vormensch‹ aufbauend auf solchen Formen des kommunikativen Miteinanders Sprache ausgebildet hat. Weiter begleiten aber diese Arten von Zeichengebrauch die Kommunikation auch dann, wenn jemand bereits über ein voll ausgebautes Sprachsystem verfügt. Sie werden nie überflüssig, sondern stehen als Reservoir stets zur Verfügung, wie es auch die grafische Gestaltung des Feldbusch-Beispiels zeigt. Einsetzen können wir solche Elemente zusätzlich (etwa zur Verstärkung oder Verdeutlichung), ersetzend (besonders wenn die Partner auf keine gemeinsame Sprache zurückgreifen können oder einem gerade das passende Wort nicht einfällt) oder auch im Widerstreit mit dem sprachlich explizit Geäußerten. In diesem letzten Fall ist besonders bemerkenswert, dass den so genannten nonverbalen Botschaften oft stärkere Geltung zugeschrieben wird als der sprachlichen Äußerung. |27◄ ►28| Ein mit grimmigem Gesicht hervorgepresstes Ja wird man doch eher als ›nein‹ auffassen. Schließlich kann man unter Rückgriff auf Sprache auch zusätzliche und zum Teil hoch differenzierte nichtsprachliche Zeichensysteme aufbauen – dies reicht von streng geregelten Flaggensignalen bis hin zu den Kunst-›Sprachen‹ der Mathematik, Logik und nicht zuletzt der Linguistik.
Wissen um Sprachvarietäten
Auch in anderer Hinsicht müssen wir aber über den Bereich der Sprachkenntnis im engsten Sinne hinausgehen, wenn wir uns verdeutlichen wollen, was alles Bestandteil des sprachlichen Wissens ist. Dazu gehört zunächst das Wissen um sprachliche Varietäten. Diese bestehen keineswegs nur aus Sonderwortschätzen, also lexikalischen Einheiten, die gewissermaßen zum Grundinventar des Wortschatzes einer Sprache hinzukommen (wie etwa Fachtermini oder spezielle Ausdrücke der so genannten Jugendsprache) oder die anders verwendet werden (Leuchte gegenüber Lampe). Vielmehr zeichnen sie sich auch dadurch aus, dass generell gegebene Möglichkeiten des Systems in spezifischer Weise (u.a. mit bestimmter Häufigkeit) ausgenutzt werden. So bedient man sich z.B. in der Fachsprache relativ komplexer, in der Umgangssprache eher einfacherer syntaktischer Muster. Zum Wissen um Varietäten gehört es ferner auch, wenn man bestimmte regionale Aussprachevarianten identifizieren kann (was übrigens für Fremdsprachler ungleich schwieriger und daher seltener ist als für Muttersprachler). Eine große Bedeutung hat ferner das Wissen um die Einschätzung bestimmter Varietäten, etwa die Frage, welche Bedeutung und welche Konsequenzen die Orientierung an der kodifizierten (in Regelwerken wie Grammatiken und Wörterbüchern festgeschriebenen) Norm der Standardsprache – oder aber die Abweichung davon hat.
Wissen über geläufige Formen sprachlichen Handelns
Gehen wir zu der Komponente der ›geläufigen Formen sprachlichen Handelns‹ über. Was geläufig, normal, ist und was nicht, gehört nicht unbedingt zu Kenntnissen, derer wir uns bewusst sind. Sie treten jedoch dann leicht ins Bewusstsein, wenn wir mit fremden Üblichkeiten konfrontiert werden, wenn sich z.B. jemand am Telefon mit der Rufnummer meldet, statt den Namen, ja oder hallo zu sagen (auch diese letzten drei Varianten erscheinen nicht allen Deutschsprachigen als gleichermaßen normal). Zur Kenntnis der Kommunikationsgewohnheiten gehört es auch, dass Straßenverzeichnisse in Stadtplänen alphabetisch (und nicht z.B. nach den Quartieren) geordnet sind, die Gerichte auf einer Speisekarte dagegen nach anderen Prinzipien, während bei Kochbüchern wiederum auch die alphabetische Variante vorkommt. Im Feldbusch-Beispiel können wir als eine solche kommunikative Gewohnheit, als Sprachspiel, etwa die Präsentation von Text(ausschnitt)en im Rahmen einer Stilblütensammlung identifizieren.
Kenntnis von Einzeltexten
Die Kenntnis bestimmter Einzeltexte (im Beispiel etwa des Ikea-Katalogs und der Sendungen mit Feldbusch), die im Schema als letzter |28◄ ►29| Typ genannt ist, wird als Element sprachlichen Wissens oft vernachlässigt, spielt aber im Kommunikationsprozess eine sehr bedeutende Rolle. Dies gilt nicht nur, weil die Sprachteilhaber ihre Kenntisse über das Sprachsystem aus einer Fülle von Einzeltexten gewonnen und aufgebaut haben, sondern auch, weil auf vorliegende Texte immer wieder Bezug genommen wird. Solche Texte gehören ebenso zum Gedächtnis der Sprachgemeinschaft wie die Elemente des Wortschatzes und das grammatische Regelsystem. Manche Texte werden schlicht mehr oder weniger oft reproduziert wie z.B. Kinderreime, Lieder oder Gebete. Heutzutage kommen an solchen häufig wieder verwendeten Kurztexten auch Werbesprüche, Schlagertexte bzw. einzelne Zeilen daraus und dergleichen infrage. Schon in diesem Bereich fest gespeicherter Texte finden wir allerdings nicht nur unmodifizierte Reproduktion, sondern vor allem Abwandlung. Sprüche aus dem Wendeherbst 1989 wie Hopp, hopp, hopp, Gysi, lauf Galopp oder Wir sind das Volk, wir sind ein Volk, ich bin Volker setzen die Kenntnis früherer Texte voraus, wobei man allerdings mit einer sehr unterschiedlichen Lebensdauer und Verbreitung der gemeinsamen Textkenntnis rechnen muss.
Weniger fest und allgemein geläufig als solche Sprüche sind Bezüge auf (vor allem umfangreiche) Einzeltexte, die keineswegs alle Sprachteilhaber gehört oder gelesen haben, wie z.B. Texte der hohen Literatur, der Philosophie, aber auch Kultfilme oder Comicserien. Dennoch kann man, wie wir im Weiteren an Beispielen noch vielfach sehen werden, auf sie in verschiedenster Weise anspielen oder ihre Kenntnis (bei einem mehr oder weniger großen Teil der Sprachgemeinschaft) voraussetzen. Bezieht man sich dabei auf Texte, von denen ziemlich sicher ist, dass nur ein kleiner Teil der Sprachteilhaber sie kennt, dann sind sie ganz besonders gut geeignet, die Zusammengehörigkeit der Wissenden zu betonen bzw. umgekehrt bei den Ignoranten das Gefühl zu blockieren, man würde die gleiche Sprache sprechen. Dies gilt auch für unser Eingangsbeispiel: Wer wirklich nichts von Ikea und Verona Feldbusch weiß, kann damit sicher kaum etwas anfangen und auch nicht lachen.
Die Wissensbestände verschiedener Individuen sind nicht identisch
Führt man sich diese verschiedenen Elemente des sprachlichen Wissens vor Augen, so wird verständlich, dass es undenkbar ist, zwei Individuen würden je über einen weitgehend übereinstimmenden Sprachbesitz verfügen und brauchten nur identische Elemente aus dem ›Sprachspeicher‹ abzurufen, um sich zu verständigen.
Weltwissen ist kulturell geformt
Entsprechendes gilt für den zweiten großen Bereich, Wissen um Außersprachliches. Zwar ist hier ein Teil ›allgemein menschliches‹ angesetzt; allerdings kann man sich damit wohl nur auf wenige, nämlich wirklich allen Menschen gleichermaßen zugängliche Erfahrungen beziehen, z.B. die über den eigenen Körper (mindestens die sichtbaren Teile davon), über die Erde, den Himmel usw. Alle diese Erfahrungen |29◄ ►30| sind aber auch schon, teilweise auf Grund der speziellen Lebensbedingungen, kulturell überformt, und dies schlägt sich auch in unterschiedlichen Versprachlichungen nieder. Wie viele Finger hat z.B. der (gesunde) Mensch? Das kannst du dir an den fünf/zehn Fingern abzählen! kann man im Deutschen sagen – also fünf an jeder Hand. Allerdings ist der eine davon (der Daumen) ziemlich anders als die anderen, und man kann ihn auch sprachlich als gesonderten Körperteil betrachten. Entsprechendes gilt zumindest teilweise für das Englische. In Wörterbüchern findet man folgende Erklärungen für finger: There are five fingers (or four fingers and one thumb) on each hand; oder: Any of the terminal members of the hand, esp. one other than the thumb; oder: One of the digits of the hand, usually excluding the thumb.
Das Feldbusch-Beispiel illustriert die weiter unterschiedenen Bereiche, die wir zum Gedächtnis von kulturellen und sozialen Gemeinschaften zählen können. Zum historisch-sozialen Kontext gehört etwa das Wissen um das Möbelhaus Ikea und die Formen der gegenwärtigen Unterhaltungs- und Werbeindustrie. Sehr gruppenspezifisch (und viel vergänglicher) ist die Kenntnis der Person Verona Feldbusch, die heute auch eher unter dem Namen Verona Pooth bekannt ist.
Das Modell ist als kommunikativer Austausch zwischen zwei Individuen schematisiert. Als »Partner« kommen aber natürlich auch Personen (gruppen) in Frage, die ihre Texte medial vermitteln. Hier greifen dann Kenntnisse über den Partner und über den (sozialen) Ort, als den man etwa bestimmte Presseorgane (Spiegel, Hohlspiegel, Bild) oder auch die Sparkasse betrachten kann, ineinander.
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6 Wozu man Sprache braucht – Sprachfunktionen
Die kommunikative Funktion
Die Frage danach, wozu die Sprache den Menschen dient, scheint auf den ersten Blick etwas abwegig, so selbstverständlich ist es uns, sie als das Mittel aufzufassen, mit dessen Hilfe wir uns verständigen. Die Sprache benutzen wir also – was sonst? – zur Kommunikation. Immerhin können wir weiter fragen: Was ist denn Kommunikation, welchem Zweck dient sie? Dem Gedankenaustausch oder, moderner ausgedrückt, der Informationsübermittlung? So einfach ist es gewiss nicht, und im vorigen Kapitel haben wir natürlich nicht zufällig Beispiele betrachtet, für die eine solche Kennzeichnung nicht ausreicht. Gewiss, den drei Texten aus dem Hohlspiegel können wir jeweils Informationen entnehmen, u.a. dass Feldbusch gegen Ikea geklagt hat und dass jemand ein Buch gegen einen Kinderwagen tauschen will. Im |30◄ ►31| zweiten Fall (wenn der Text überhaupt ernst gemeint war) geht es aber schon einmal gar nicht so sehr um eine Information, sondern um ein Angebot. Der Schreiber will nicht einfach, dass andere wissen, dass er einen Tausch machen will, er will jemanden zum Tausch anregen und hat zu diesem Zweck der Information auch seine Telefonnummer beigegeben, nicht weil es ihm wichtig wäre, dass die Leute wissen, welche Telefonnummer der Tauschwillige hat, sondern damit ein Interessent ihn anrufen kann. Diese Telefonnummer ist allerdings im Hohlspiegel geschwärzt, unleserlich gemacht, so dass der Aufruf zum Anruf gar nicht mehr wirksam werden kann und dem Text allenfalls eine andere Funktion zukommt. Er dient natürlich – wie die anderen Texte aus dieser Rubrik auch – zur Belustigung der Leser. Auch das müssen wir wohl als eine kommunikative Funktion betrachten, wenn wir unter kommunikativer Funktion den (beabsichtigten) Effekt verstehen wollen, den eine Äußerung beim Hörer oder Leser auslöst: Er erweitert seine Kenntnisse, er wird zu einer Handlung angeregt, er ist belustigt – die Äußerung hat also Wirkungen mindestens auf der kognitiven, der praktischen und der emotionalen Ebene.
Nicht-kommunikativer Sprachgebrauch
So selbstverständlich dem common sense die Annahme ist, die Sprache sei ein Kommunikationmittel, so leicht ist es dennoch, sich auch aus dem Alltag Erfahrungen bewusst zu machen, die zeigen, dass diese Funktionsbeschreibung nicht ausreicht. Zu diesen Erfahrungen gehört, dass es auch sprachliche Äußerungen gibt, denen man kaum einen kommunikativen Zweck zuschreiben kann. Wie ist es z.B. zu verstehen, dass Leute auch sprechen, ohne dass irgendjemand in Hörweite ist (oder ein Aufnahmegerät die Worte speichert)? Oder dass sie gar ganze Bücher schreiben, ohne die Absicht zu haben, sie je einem anderen zum Lesen zu geben, die sie vielleicht sogar wegschließen, um zu verhindern, dass ein fremdes Auge einen Blick hineinwirft, wie es manche mit ihren Tagebüchern tun? Oder wie ist es zu verstehen, dass Leute Briefe an andere Personen schreiben – mit der festen Absicht, sie nicht abzuschicken? Kommunizieren diese Menschen dann mit sich selbst? Das kommt natürlich häufig vor: Man schreibt Einkaufslisten oder sonstige Notizen, um sich diese Informationen zu einem späteren Zeitpunkt – wenn man möglicherweise nicht ganz derselbe ist, nämlich gewisse Dinge vielleicht vergessen hat – selbst zu geben. Man liest sein Tagebuch, um sich zu vergegenwärtigen, was früher geschehen ist, wie man die Dinge erlebt, was man empfunden hat, vielleicht auch, um eine bestimmte Stimmung wiederzufinden.
Selbstgespräche Die kognitive Funktion
Dergleichen kann allerdings für Selbstgespräche (sofern man sie nicht speichert) natürlich nicht gelten. Führen Sie Selbstgespräche? Was ist ein Selbstgespräch? Wenn wir unter einem Selbstgespräch verstehen, dass jemand laut vor sich hinredet, gleichgültig, ob ein anderer da ist und jedenfalls ohne sich an jemanden zu wenden, dann wird es wohl viele Leute geben, die so etwas nicht tun und es gar als pathologisches Phänomen betrachten. Wenn wir dazu jedoch auch die Fälle zählen, in denen wir nicht unbedingt etwas Hör- oder Sichtbares produzieren, dann ist Selbstgespräch nur ein anderes Wort für ›nachdenken‹, und das tun wir alle. Man mag Nachdenken nun für einen Unter- bzw. Grenzfall von Kommunikation halten oder nicht, auf jeden Fall haben wir es hier nicht mit Informationsübermittlung zu tun! Eine Information, oder besser die Gedanken, sind noch gar nicht da, sondern sie werden beim Reden oder Schreiben erst entwickelt. Insofern ist Sprache mindestens auch ein Mittel des Denkens, hat also kognitive Funktion (vgl. dazu Textbeispiel 6).
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Textbeispiel 6: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden
Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn drum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen, als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere, ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so könnten, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, l’appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert, und sagt, l’idée vient en parlant. Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten, und erforsche, in einer verwickelten Streitsache, den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne sagte; denn sie kennt weder das Gesetzbuch, noch hat sie den Euler, oder den Kästner studiert. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgend eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis, zu meinem Erstaunen, mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer, als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt.
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Die emotionale Funktion
Die meisten Fälle, in denen jemand laut spricht, ohne sich an andere zu wenden, dürften allerdings nicht in diese Kategorie gehören. Viel gängiger sind nämlich Lautäußerungen als Ausdruck eines emotionalen Zustandes. Gemeint sind damit weniger die Gefühlslaute, die dem Ausdruck von Schmerz, Schreck, Überraschung usw. dienen, allerdings unwillkürlich hervorgebracht werden. Vielmehr ist hier an Äußerungen z.B. des Unmuts zu denken, die sich sogar zu elaborierten Schimpftiraden auswachsen können. Höfliche bzw. beherrschte Personen ersparen anderen, dies mit anhören zu müssen und wählen deshalb absichtlich eine Situation, in der sie allein sind. Die Funktion dieser Gefühlsäußerungen ist gut vergleichbar mit der bestimmter körperlicher Reaktionen wie mit den Füßen trampeln, gegen die Wand schlagen, Geschirr auf den Boden werfen usw.; sie dienen (recht wirksam) der Abfuhr von Energie, der psychischen Entlastung. Man will diese Gefühle nicht kommunizieren, sondern bloß loswerden. Hier können wir von der emotionalen Funktion von Sprache sprechen.
Verschiedene Funktionen kommen gemeinsam vor
Freilich schließen sich die emotionale und die kommunikative Funktion keineswegs aus, vielmehr kommen sie oft gemeinsam vor. Manche warten ja z.B. sehnlichst darauf, dass der Bösewicht endlich erscheint, damit sie in seiner Gegenwart Geschirr gegen die Wand und ihm Schimpfwörter an den Kopf werfen können – worin man wiederum einen Grenzfall sprachlicher Kommunikation sehen kann. Eine ausgebaute kommunikative Funktion psychisch zugleich entlastender Rede finden wir, wenn man jemandem von seinem Freud und Leid erzählt. Wir brennen ja oft geradezu darauf, dass jemand kommt, mit dem wir sprechen, dem wir etwas erzählen, bei dem wir uns aussprechen können. Und natürlich ist dabei zugleich die kognitive Funktion relevant: Wir hoffen ja wohl, dass wir z.B. beim und durch das Besprechen einer schwierigen Situation auf neue Gedanken zur Lösung kommen, dass wir sie auf diese Weise aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachten können und sie sich uns dann vielleicht anders darstellt.
Die Informationsfunktion
Damit kommen wir noch einmal auf die Funktion zurück, die wir oben als die informative bezeichnet haben. Was ist Information? Im Alltagsgebrauch wird dieses Wort oft als Mitteilung über einen Sachverhalt verstanden, wobei eigentlich vorausgesetzt ist, dass dieser Sachverhalt auch existiert, die Information also eine wahrheitsgemäße Mitteilung ist. Entsprechend gibt es zu Ausdrücken wie Fehl- oder
Sprache bildet die Welt nicht ab
Desinformation auch keine positiven Gegenbegriffe wie Wahr-, Richtiginformation|33◄ ►34| oder dergleichen. Dass eine Information einen Sachverhalt korrekt wiedergibt, ist normalerweise impliziert. Dennoch würden wir nicht zögern, die Mitteilung, Verona Feldbusch wolle nicht mit einer Lampe von Ikea in Verbindung gebracht werden, als eine (Zeitungs-) Information zu bezeichnen, selbst wenn wir skeptisch sind, ob es auch wirklich so war, wie es in der Zeitung stand. Man kann Information also auch verwenden im Sinne von ›Aussage oder Aussagenkomplex, über dessen Korrespondenz zur Wirklichkeit nicht entschieden ist‹. Sicher ist, dass es sehr viele Aussagen und Mitteilungen gibt, die falsch sind; schwieriger ist es schon zu entscheiden, ob es auch Aussagen gibt, die wahr sind. Das würde nämlich eigentlich voraussetzen, dass eine Aussage einem Sachverhalt exakt korrespondieren kann, und das wiederum setzt voraus, dass die Sprache bzw. sprachliche Äußerungen die Wirklichkeit abbilden. Aber was sollte das bedeuten? Wie kann es eine exakte Korrespondenz zwischen wesensmäßig so unterschiedlichen Phänomenen wie einem außersprachlichen Sachverhalt und einer sprachlichen Aussage geben? Man denke in diesem Zusammenhang an das berühmte Bild von Magritte, das den Umschlag dieses Buches schmückt: Ceci n’est pas une pipe.
Wenn wir zugestehen wollen, dass es doch eine solche Korrespondenz geben könnte, stellt sich eine weitere Frage: In welcher Sprache könnten Aussagen diese exakte Korrespondenz zur Wirklichkeit aufweisen? Es lassen sich doch oft genug Aussagen aus verschiedenen Sprachen nicht einmal exakt ineinander übersetzen, welches sollte also die ›richtige‹ sein? Dann stellt sich ein weiteres Problem: Was machen wir mit den vielen falschen Aussagen? Diese bilden die Wirklichkeit ja nun ganz gewiss nicht ab. Schließlich sind wir auch noch oft mit Aussagen konfrontiert, die weder ganz wahr noch ganz falsch sind – tendenziösen, irgendwie gefärbten, die den Sachverhalt in einem bestimmten Licht erscheinen lassen, wie sie Karl Kraus (Textbeispiel 7) aufs Korn nimmt: Wie kann eine Verteilung keine ideale sein, wenn sie nicht einmal eine reale war?
Fazit: Wenn wir daran festhalten wollen, dass wir sprachliche Äußerungen zur Informationsübermittlung benutzen können (und das sollten wir sicherlich tun), dann müssen wir uns darüber klar sein, dass mit Information nicht ›korrekte Abbildung eines Sachverhalts‹ gemeint sein kann. Äußerungen geben bestimmte Bilder über Sachverhalte, sie stellen sie irgendwie dar, falsch, richtig, irgendetwas dazwischen … Außerdem kann man natürlich auch Sachverhalte darstellen, die gar nicht existieren; man kann ja auch Bilder von Einhörnern malen – und Geschichten über diese Wesen erzählen.
Karl Bühler: Das Organonmodell
Mit dem bisher Ausgeführten haben wir bereits alle Elemente genannt, die in das bekannteste Modell über Sprachfunktionen, das Organonmodell des Psychologen Karl Bühler (1879 – 1963) eingegangen |34◄ ►35| sind (Abbildung 6). Bei der Entwicklung seines Funktionsmodells (in einer ersten Version 1918 vorgestellt) greift Bühler auf Platon zurück und erklärt: »Ich denke, es war ein guter Griff PLATONs, wenn er im Kratylos angibt, die Sprache sei ein organum [griech. organon: ›Werkzeug‹], um einer dem andern etwas mitzuteilen über die Dinge.«4 Die Faktoren einer (Sender) – dem andern (Empfänger) – über die Dinge (Gegenstände und Sachverhalte) betrachtet Bühler als die drei grundlegenden »Relationsfundamente«, zu denen eine Äußerung in Beziehung gesetzt werden kann. Je nachdem, um welchen der drei Faktoren es sich handelt, geht es um eine andere Funktion der Sprache:
Textbeispiel 7: Philosophie des Mangels
Ein ungarischer Journalist behauptet, der Präsident des deutschen Kriegsernährungsamtes habe zu ihm gesagt:
Die Verteilung der Lebensmittel war bisher keine ideale … Gegen den Fleischmangel kann man leider gegenwärtig nichts tun, da die zur Verfügung stehende Menge gering ist.… Von einem drohenden Fleischmangel ist keine Rede. Der Verbrauch an Kartoffeln ist jetzt größer, weil wir an den anderen Lebensmitteln keinen Überfluß haben.
Solche Verwirrung entsteht, wenn die Arbeit von guten Reden begleitet wird. Wenn von einem drohenden Fleischmangel keine Rede ist, so hätte der Präsident des deutschen Kriegsernährungsamtes sie auch nicht halten sollen. Denn er wollte doch wohl nicht sagen, daß von einem drohenden Fleischmangel deshalb keine Rede sei, weil er selbst einen schon bestehenden zugegeben hat, gegen den man nichts tun könne, »da die zur Verfügung stehende Menge gering ist« oder, um eine andere Definition des Mangels zu geben, da wir »keinen Überfluß haben«. Auch könnte selbst eine Weltanschauung, die die Lebensmittel ideologisch verklärt, von deren Verteilung unmöglich sagen, sie sei keine ideale gewesen, wenn sie nicht einmal eine reale war. Es ist ja schwer, an jedem Symptom die Wurzel des Übels aufzuzeigen. Aber wenn die Führenden plötzlich einsehen wollten, daß sie durch den Umgang mit den Schreibenden das Kraut nicht fett machen, traun, es würde von selbst wieder fett!
Meine Anregung
geht dahin, das Ernährungsamt, das vielerlei Agenden haben dürfte, in ein Oberernährungsamt und in ein Unterernährungsamt einzuteilen.
Darstellungsfunktion, Ausdrucks- /Symptomfunktion, Appellfunktion
Das, was die Beziehung zu den Dingen, zur außersprachlichen Welt, betrifft, nennt Bühler die Darstellungsfunktion. Das Zeichen fungiert seiner Auffassung nach hier als ein Symbol – dabei dürfen wir freilich nicht an symbolisch im Sinne von ›sinnbildlich, von tieferer Bedeutung‹ denken; es handelt sich vielmehr um das Symbol als Merkzeichen. Um die Beziehung zum Sender geht es bei der Ausdrucksfunktion. Hier fungiert das Zeichen als ein Symptom, das auf irgendwelche Befind-lichkeiten |35◄ ►36| des Senders schließen lässt. Dabei kann es sich um seinen emotionalen Zustand handeln (er drückt Freude oder Wut aus), aber auch um gewisse Eigenschaften, die der Sender vielleicht gar nicht absichtlich ausdrückt. Zum Beispiel kann eine bestimmte Dialektfärbung seiner Redeweise Symptom für seine Herkunft sein, die der Sender möglicherweise lieber verborgen hätte. Die Ausdrucksfunktion wird deswegen auch als Symptomfunktion bezeichnet. In Bezug auf den Hörer schließlich fungiert das Zeichen nach Bühler als Signal, das äußeres oder inneres Verhalten auslöst. Hier hat die Rede Appellfunktion.

Abb. 6: Karl Bühlers Organonmodell
Roman Jakobson: Drei weitere Sprachfunktionen
Das Organonmodell hat Roman Jakobson (1896 – 1982) ergänzt, indem er drei weitere grundlegende Faktoren einbezieht.5 Modifiziert man in seinem Sinne die grafische Darstellung von Bühler, ergibt sich etwa Abbildung 7. Zunächst berücksichtigt Jakobson auch äußerungsinterne Relationen, da ja das eingesetzte ›Werkzeug‹, eine Äußerung, eine innere Komplexität aufweist. Besonders an Phänomenen wie Reim oder Alliteration lässt sich sehr gut erkennen, dass es Beziehungen gibt, die sich nur innerhalb des Textes ergeben und damit einem ›Bezug des Zeichen(komplexe)s auf sich selbst‹ entsprechen. Jakobson bezeichnet dies als die poetische Funktion; sie kommt aber keineswegs nur in literarischen Texten zum Tragen. In dem Werbespruch Milch macht müde Männer munter konstituiert z.B. das fünfmal wiederholte m am Anfang eine zusätzliche lautliche Beziehung zwischen den Wörtern
Die poetische Funktion
(zusätzlich zu den grammatischen und inhaltlichen Beziehungen). Diese gibt dem Spruch eine Dichte und Einprägsamkeit, die durch das |36◄ ►37| inhaltlich etwa entsprechende Milch gibt erschöpften Männern wieder Kraft nicht erreicht werden kann.

Abb. 7: Modifiziertes Organonmodell nach Jakobson
Die metasprachliche Funktion Metakommunikation
Ein weiteres notwendiges Element jedes sprachlichen Kommunikationsaktes stellt die Sprache (langue) selbst als ein Zeichensystem dar, auf das jede Äußerung bezogen ist, insofern sie in dieser Sprache – Jakobson benutzt hier den Ausdruck Kode – ausgedrückt wird. Denn jedes Einzelzeichen muss einem bestimmten System zugeordnet werden, um (richtig) verstanden zu werden. So gibt es z.B. das Wort mit sowohl im Deutschen als auch im Französischen, dort bedeutet es jedoch ›legte‹. Dass wir ein Sprachzeichen auf das gemeinte System beziehen müssen, versteht sich von selbst. Wieso sollen wir aber annehmen, dass sich damit eine besondere Funktion der Sprache verbindet? Der Grund hierfür liegt darin, dass die Sprache ein außerordentlich flexibles und variables Kommunikationsmittel ist und wir sie auch benutzen können müssen, um das System an unsere jeweiligen Bedürfnisse anzupassen oder den Gebrauch, den wir von der Sprache machen, zu klären. Dies macht es oft notwendig, sich über die Bedeutung oder die jeweilige Verwendung einzelner Zeichen oder auch Zeichensysteme zu verständigen, z.B. Was bedeutet der Ausdruck Pidgin? Was meinst du mit Selbstgespräch? Darf man hier Dialekt sprechen? Eine Anpassung liegt z.B. dann vor, wenn |37◄ ►38| wir neue Wörter einführen oder Konventionen ändern wollen: Mit Saussure sprechen wir auch in der deutschen Sprachwissenschaft von langue; Wollen wir nicht ›du‹ zueinander sagen? Da es sich hier um das Sprechen über Sprache handelt, wird dies als die metasprachliche Funktion von Sprache bezeichnet (zu griechisch meta-, was u.a. ›über‹ bedeutet). Im Alltag sprechen wir allerdings seltener über die Sprache selbst (über das System), sondern eher über die Kommunikation (Du sollst mir nicht sagen, was dieser Ausdruck im Deutschen alles bedeuten kann. Ich will wissen: Was meinst du jetzt und hier mit dem Ausdruck?) Um uns auf solche Kommunikation über Kommunikation zu beziehen, sprechen wir parallel von Metakommunikation.
Die Kontaktfunktion
Schließlich bezieht Jakobson auch die Tatsache ein, dass eine Äußerung ja irgendwie übermittelt werden muss, dass es einen physischen Kontakt zwischen Sender und Empfänger geben muss. Besonders deutlich ist dies, wenn der Kontakt durch eine technische Stütze etabliert wird, wie es beim Telefongespräch der Fall ist. Auf diesen Faktor bezieht sich z.B. die Frage am Telefon Sind Sie noch da?, die ausschließlich dazu dient, zu überprüfen, ob die Übermittlung noch funktioniert. Aber natürlich dienen sprachliche Äußerungen auch in ganz anderer Hinsicht der Aufrechterhaltung menschlichen Kontakts. Beispielsweise wird über irgendetwas (möglichst Unverfängliches) auch dann noch gesprochen, wenn man sich eigentlich gar nichts mitzuteilen hat, wenn z.B. einander unbekannte Personen beim Zusammentreffen im Aufzug einige Worte austauschen. Diese Funktion wird oft als Kontaktfunktion bezeichnet. Jakobson nennt sie im Anschluss an den Ethnologen Bronislaw Malinowski – dieser hat sich ausführlicher mit der gemeinschaftsbildenden Bedeutung von weitgehend inhaltsleerem Sprechen um des Sprechens willen beschäftigt – die phatische Funktion (dies geht auf griechisch phatis ›Rede‹ zurück, was allerdings auch nicht viel erklärt).
Und schließlich: Die soziale Funktion
Wir können nun den Gedanken, dass Sprache eine gar nicht zu überschätzende Funktion für das menschliche Miteinander hat, noch etwas weiter führen und Sender und Empfänger – so ähnlich wie ein einzelnes Zeichen als Element einer Sprache – als Angehörige eines umfassenden ›Systems‹ betrachten, nämlich der Gesellschaft, in der sie leben. Sprache dient nämlich auch – und nicht zuletzt – der gesellschaftlichen Organisation, sie hat soziale Funktion. Zunächst ist es ja offensichtlich, dass sich die Menschheit mittels Sprache, genauer: der Vielfalt von Sprachen, in verschiedene Gemeinschaften aufgliedert. Wer noch immer der Auffassung anhängt, die babylonische Sprachverwirrung sei eine Strafe Gottes oder auf jeden Fall von Übel, der möge sich nur vor Augen halten, dass wir die Sprache als Mittel der sozialen Organisation auch dort noch gebrauchen, wo dies nicht notwendigerweise mit Verstehensproblemen einhergeht. Deutsche verstehen z.B. (Deutsch-) Schweizer sehr gut – nicht wenn sie ihren Dialekt, wohl aber wenn sie ihre Variante der Hochsprache sprechen –, aber sie erkennen sehr leicht, woher die Person kommt. Die Deutschschweizer verstehen sich untereinander auch bestens, wenn sie miteinander – jeder in seinem – Dialekt sprechen (für sie die übliche Kommunikationsform im Alltag); und auch sie können aus der Sprache Rückschlüsse über die Herkunft und den Lebensraum des Gesprächspartners ziehen. Verständigen könnten sie sich auch in der Standardsprache, aber dann ginge ihnen viel von ihrer Identität verloren. Denn Sprache kann man eben – viel bequemer als Kleidung, materielle Güter oder Parteiabzeichen – auch zur Selbstdarstellung nutzen, um sich über sie mit bestimmten Gruppen zu identifizieren oder aber von anderen abzugrenzen. Nicht nur Dialekte, sondern sprachliche Varietäten, alle Arten als ›anders‹ erkennbarer sprachlicher Verhaltensweisen überhaupt, dienen also auch der Identifikation verschiedener Gruppen innerhalb einer Sprachgemeinschaft. Wie weit man dabei mit viel Übung gelangen könnte, zeigt das Textbeispiel 8.
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Textbeispiel 8: Die Sprache ist ein Hologramm
Das Institut für Eskimologie liegt in der Fiolstræde. Ich rufe aus einer Telefonzelle am Markt an und werde zu einem Dozenten durchgestellt, der so klingt, als sei er grönländischer Abstammung. Ich erkläre, daß ich ein Band auf ostgrönländisch habe, das ich nicht verstehe. Er fragt, warum ich nicht in das Grönländerhaus gehe.
»Ich will einen Experten. Es geht nicht nur darum zu verstehen, was gesagt wird, ich möchte auch den Sprecher identifizieren. […]« […]
Vor ihm auf dem Tisch steht ein flacher, mattschwarzer, quadratischer Kassettenrecorder. Er legt das Band ein. Der Ton kommt von weit her aus Lautsprechern irgendwo an den Rändern des Raumes. […]
Er hat das Gesicht in den Händen und hört eine halbe Minute lang zu. Dann hält er das Band an.
»Mitte Vierzig. Um Angmagsalik herum aufgewachsen. Nur sehr geringe Schulbildung. Auf ostgrönländischem Fundament eine Spur nördlicherer Dialekte. Aber da oben ziehen sie zuviel herum, als daß man sagen könnte, welche. Wahrscheinlich ist er nie längere Zeit aus Grönland weggewesen.«
Er sieht mich mit hellgrauen, fast milchigen Augen mit einem Ausdruck an, als warte er auf etwas. Plötzlich weiß ich, was es ist. Der Beifall nach dem ersten Akt.
»Beeindruckend«, sage ich. »Läßt sich noch mehr sagen?«
»Er beschreibt eine Reise. Übers Eis. Mit Zugschlitten. Wahrscheinlich ist er Robbenfänger, denn er benutzt eine Reihe von Fachausdrücken, wie zum Beispiel anut für die Hunderiemen. Wahrscheinlich spricht er zu einem Europäer. Für die Lokalitäten benutzt er englische Bezeichnungen. Und mehrere Dinge meint er wiederholen zu müssen.«
Er hat sich das Band nur ganz kurz angehört. Ich überlege mir, ob er mich zum Narren hält.
»Sie mißtrauen mir«, sagt er kalt.
»Ich wundere mich nur darüber, daß man aus so wenig so viel erschließen kann.«
»Die Sprache ist ein Hologramm.«
Er sagt das langsam und nachdrücklich.
»In jeder Äußerung eines Menschen liegt die Summe seiner sprachlichen Vergangenheit. Nehmen Sie doch nur sich selbst … Sie sind Mitte Dreißig. In Thule oder nördlich davon aufgewachsen. Ein Elternteil oder beide Eltern inuit. Sie sind nach Dänemark gekommen, nachdem Sie die grönländische Sprachgrundlage bereits vollständig erworben hatten, aber noch bevor Sie das instinktive Talent des Kindes zur perfekten Erlernung einer Fremdsprache verloren hatten. Sagen wir, Sie waren zwischen sieben und elf Jahre alt. Danach wird es schwerer. Sie zeigen Spuren verschiedener Soziolekte. Sie haben vielleicht in den vornehmen nördlichen Vororten gewohnt oder sind da zur Schule gegangen, in Gentofte oder Charlottenlund. Da ist auch etwas eigentlich Nordseeländisches. Und seltsamerweise auch eine spätere Andeutung von Westgrönländisch.«
Ich mache keinen Versuch, meine Bewunderung zu verbergen.
»Das ist richtig«, sage ich. »Im großen und ganzen ist das richtig.«
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7 Eine Landkarte der Sprachwissenschaft – die Linguistik und ihre Teildisziplinen
Unterschiedliche linguistische Fragestellungen
Nachdem wir die Sprache in ihrer Vielfältigkeit und den Sprachgebrauch in seinem Kontext betrachtet haben, wollen wir uns im Weiteren genauer einzelnen Aspekten zuwenden. Denn um das Funktionieren von Sprache detaillierter zu erläutern, müssen wir uns natürlich jeweils auf bestimmte Elemente konzentrieren und dabei von anderen Gesichtspunkten abstrahieren. Diese Systematisierung verschiedener linguistischer Fragestellungen schlägt sich nieder in einer Aufgliederung sprachwissenschaftlicher Arbeit in verschiedene Teil- oder Subdisziplinen. Eine solche Aufgliederung ist freilich analytischer Art. Jede sprachliche Äußerung und fast jedes sprachliche Phänomen kann man, wenn nicht unter allen, so doch jeweils unter einer Vielzahl von Gesichtspunkten betrachten. Insbesondere sollte man nicht denken, dass es die Grammatik, die sich auf das Formale bezieht, auf der einen Seite und die Bedeutung, die Inhalte betrifft, auf der anderen Seite gäbe. Die Wahl bestimmter grammatischer Strukturen trägt vielmehr ebenso viel zur Bedeutung einer Äußerung bei wie die Wahl bestimmter Wörter. Wenn man sich also auf formale Aspekte konzentriert, so geschieht dies nicht auf Grund einer dem Phänomen innewohnenden Eigenschaft, |40◄ ►41| sondern auf Grund der Entscheidung des Analysierenden. Man kann sowohl Wörter unter formalen als auch Sätze bzw. Satzstrukturen unter inhaltlichen Gesichtspunkten untersuchen. Aber natürlich gibt es unter Linguisten verschiedener Ausrichtung und verschiedener Interessen Streitigkeiten darüber, welche Betrachtung wohl die zentrale, wichtigste, interessanteste … ist. Führen wir uns also vor Augen, welche ›Abteilungen‹ geläufigerweise unterschieden werden.
›Harte‹ und ›weiche‹ Linguistik Systemlinguistik
Es gibt zunächst eine grobe Zweiteilung, zu deren Gegenüberstellung man im Deutschen sogar die alternativen Ausdrücke für die Gesamtdisziplin, Linguistik und Sprachwissenschaft, inhaltlich zu einem Gegensatz aufladen kann und die sich in erster Linie auf den Gegensatz verschiedener Schulen gründet. Zur Linguistik in diesem etwas kämpferisch verwendeten engen Sinn gehören dann nur die Teile, die man auch als ›harte‹ Linguistik bezeichnet. Diese beschränkt sich auf die Untersuchung des Sprachsystems, speziell der formalen Seite, legt größten Wert auf die Formalisierbarkeit ihrer Aussagen und frappiert den Laien dadurch, dass sie ›aussieht wie Mathematik‹. Dem steht gegenüber die so genannte ›weiche‹ Linguistik (bzw. Sprachwissenschaft im spezialisierten Sinn), für die Aspekte der Bedeutung, des Sprachgebrauchs, anwendungsbezogene und interdisziplinäre Fragestellungen (Sprache und Gesellschaft, Sprache und Kultur, Sprache und Medien, literarische Sprache usw.) zentral sind. Die harte Linguistik entspricht also grosso modo dem, was wir früher als Systemlinguistik kennengelernt haben und genießt in Fachkreisen das höhere Prestige – wohl auch deswegen, weil sie weiter entfernt ist vom Alltagsdenken und daher als wissenschaftlicher erscheint. Sie hat aber dieses Ansehen vor allem, weil sie sich herleitet aus den Bemühungen um die Etablierung der Linguistik als autonomer Disziplin, die bevorzugt Fragen auswählt, für die sie und nur sie zuständig ist. Das sind natürlich Fragen, die das Sprachsystem betreffen. Wenn wir uns von dieser tendenziell polemischen Einschränkung der Linguistik auf die ›harte‹ Variante fernhalten – und das ist im Zeitalter der Inter- und Transdisziplinarität wohl angemessen – können wir die auf das Sprachsystem bezogenen Teilbereiche als sprachwissenschaftliche Kerndisziplinen bezeichnen und die anderen als solche mit interdisziplinärer Komponente auffassen.
Was braucht man, um sich eine fremde Sprache anzueignen?
Als Kerndisziplinen kann man die Untersuchung des Sprachsystems deswegen auffassen, weil die Beschreibung der entsprechenden Komponenten genau das erfasst, was zu jemandes Fähigkeiten gehört, von dem man sagt, er beherrsche diese Sprache. Was also kann man, wenn man eine Einzelsprache beherrscht, bzw. was muss man sich aneignen, wenn man eine Einzelsprache lernen will? Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, versetzen wir uns in die Situation eines erwachsenen Menschen, der seine Muttersprache beherrscht und eine Fremdsprache |41◄ ►42| lernen will. Setzen wir weiter voraus, dass er zunächst nur
Ein Wörterbuch
Grundkenntnisse in dieser Sprache erwerben will, d.h. einfache Texte verstehen und produzieren können möchte. Zu diesem Zweck muss er sich einige tausend Einheiten aneignen, wie sie in einem Wörterbuch der betreffenden Sprache verzeichnet sind – er tut also gut daran, sich ein solches Wörterbuch zu beschaffen; er muss wissen bzw. lernen, wie man die Einheiten ausspricht und was sie bedeuten.
Eine Grammatik
Nun wissen wir allerdings alle, dass man sich, lediglich mit einem Wörterbuch ausgestattet, nicht mit den Sprechern der Fremdsprache wird verständigen können und dass man eine Sprache nicht allein dadurch erwirbt, dass man ein Wörterbuch auswendig lernt. Vielmehr muss man auch wissen, wie die Einheiten aus dem Wörterbuch in einem Satz eingesetzt werden – meistens werden sie dazu in bestimmter Weise abgeändert – und wie man überhaupt Sätze in der jeweiligen Sprache konstruiert. Solche Informationen findet man in einer Grammatik, die der Lernwillige sich also zusätzlich beschaffen sollte. Für Fremdsprachler gibt es elementare Lerner- oder Schulgrammatiken, die lediglich die grundlegenden grammatischen Regeln erklären. Verfügt man über solche Hilfsmittel und möglichst auch noch einen Fremdsprachenlehrer, so kann man sich die gewünschte Sprache – so weit man hier überhaupt einen gewissen Standardwert angeben kann – sicherlich etwa im Laufe eines Jahres in ihren Grundzügen aneignen, wenn man voraussetzt, dass der Lerner regelmäßig etwa eine Stunde pro Tag in die Aufgabe investiert.
Kerndisziplinen der Linguistik Phonetik/ Phonologie Graphetik/ Graphemik
In den Hilfsmitteln – dem kleinen Wörterbuch und der elementaren Grammatik – werden also diejenigen Kenntnisse expliziert, die man haben muss, um sagen zu können, dass man die Sprache in ihren Grundzügen beherrscht. Dazu gehören Kenntnisse verschiedener Art, die wir nun den Teildisziplinen zuordnen wollen. Einerseits muss der Lerner die Lautstruktur der Sprache erwerben, also wissen, welche Laute es in der Sprache gibt, wie man sie miteinander kombinieren kann und welche Schriftzeichen den Lauten entsprechen. Im Deutschen gibt es z.B. nicht das englische th (wie in the thing), das vielen deutschen Sprechern daher auch Schwierigkeiten bereitet. Ein deutsches Wort kann z.B. auch nicht mit ng beginnen oder die Lautfolge prz aufweisen, während das in anderen Sprachen durchaus möglich ist. Die Lautstruktur wird in den Teilbereichen Phonetik und Phonologie behandelt (zum Unterschied zwischen beiden vgl. Kap. 21). Die Verschriftlichung der Laute und Lautfolgen, die (Ortho-) Grafie, fällt in das Gebiet der Graphetik/Graphemik.
Nun haben diese ganz elementaren Bestandteile der Sprache, die Laute und Buchstaben, also a, b, c, d, e usw., für sich keine Bedeutung, genauer gesagt: es ist ein Grenzfall, wenn ein einzelner Laut, in der Regel natürlich ein Selbstlaut (Vokal), zugleich einem Wort entspricht. Im |42◄ ►43| Deutschen etwa setzt man die einfachen Vokale nur als Interjektionen ein, die übrigens meistens mit mehreren Buchstaben wiedergegeben werden: ah!, eh!, iiih!, ooh! uuh! Nur Diphthonge (zu griechisch diphthongos ›zweifach tönend‹), z.B. das Ei und die Au, kommen auch als Substantive vor. Im Französischen dagegen kann ein einzelner Vokal nicht nur als Interjektion, sondern auch in anderer Funktion als Wort erscheinen: à, et, y, eau(x), ou/où. Dennoch sind die entsprechenden Bedeutungen nicht den Lauten bzw. Buchstaben als solchen zugeordnet. Die Wörter Bein, dein, fein, Hain, kein usw. haben ja inhaltlich nichts mit Ei (und auch nichts miteinander) zu tun. Normalerweise sind es also bestimmte Lautfolgen, die Einheiten konstituieren, wie sie im Wörterbuch
Lexikologie/ Lexikografie Semantik
beschrieben werden. Die Kunde der Wortbedeutungen bzw. des Wörterbuchschreibens bezeichnet man als Lexikologie bzw. Lexikografie. Die Disziplin der Bedeutungslehre heißt allgemein Semantik. Als wesentlichstes Teilgebiet (u.a. neben der Satzsemantik) umfasst sie die lexikalische Semantik, das Studium der Bedeutung von Einheiten des Wörterbuchs und der Beziehungen zwischen ihnen (was ist z.B. der Unterschied zwischen Junge, Bub, Bube, Bubi und Knabe?).
Morphologie
Abgesehen davon, dass man die Bedeutung der Wörterbucheinheiten kennen muss, ist es auch noch notwendig zu wissen, welche Gestalt sie annehmen können: Wie wird der Plural von Substantiven gebildet? Wie werden Verben konjugiert? Wie werden Adjektive gesteigert? usw. Diese Fragen fallen in den Bereich der Morphologie (von griechisch morphe ›Form‹), die man früher meist als Formenlehre bezeichnete.
Wortbildungslehre
Die lexikalischen Grundeinheiten können auch noch in anderer Hinsicht als der grammatischen abgewandelt bzw. zu neuen Einheiten zusammengefügt werden. So kann man z.B. aus schön ableiten: Schönheit, Schönling, beschönigen, verschönern, geschönt, und in allen diesen Ausdrücken – anders als bei Ei, Bein, dein usw. – handelt es sich bei dem Bestandteil schön um dasselbe Inhaltselement. Der Untersuchung dieser Phänomene widmet sich die Wortbildungslehre.
Syntax
Als höchste Ebene sprachstruktureller Regularitäten wird nach traditioneller Auffassung der Satz angesehen, dem – als letzte Kerndisziplin – der Teilbereich Syntax gewidmet ist. Hier geht es um Fragen wie die folgenden: Aus welchen Elementen setzt sich der Satz zusammen? In welcher Beziehung stehen die Einheiten zueinander? In welcher Reihenfolge werden die Einheiten angeordnet? usw. In dem Satz In jeder Äußerung eines Menschen – liegt – die Summe seiner sprachlichen Vergangenheit erkennen wir z.B. drei Teile, von denen der erste und dritte aus fünf Wörtern bestehen, der zweite nur aus einem; seiner aus dem dritten Teil bezieht sich dabei auf den Ausdruck eines Menschen aus dem ersten Teil. Tauschen wir die ersten beiden Teile gegeneinander aus, haben wir immer noch einen korrekten deutschen Satz vor uns – allerdings mit anderer Bedeutung, nämlich einen Fragesatz.
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Allgemeine Sprachwissenschaft und Linguistik der Einzelsprachen
Die Kerndisziplinen der Linguistik haben wir ausgehend von der Frage eingeführt, welche grundlegenden Kenntnisse man haben muss, um sagen zu können, man habe eine Sprache gelernt. Wir haben uns dabei also mit den konkreten Aufgaben der Beschreibung von Einzelsprachen vertraut gemacht. An dieser Stelle können wir nun eine zweite Grundunterscheidung linguistischer Arbeitsbereiche einführen. Es ist die zwischen einzelsprachspezifischer Linguistik und allgemeiner Linguistik. Welches sind die Aufgaben der allgemeinen Sprachwissenschaft? Zunächst geht es ihr natürlich um das Phänomen langage, also das, was man über die menschliche Sprache überhaupt aussagen kann – Fragen, wie wir sie schon in den vorangehenden Kapiteln erörtert haben und bei denen Feststellungen zu einzelnen langues (meist dem Deutschen) nur als Beispiele gedient haben. Allerdings beschränkt sich die allgemeine Linguistik keineswegs auf die ganz allgemeinen Fragen, vielmehr ist sie eine notwendige Grundlage für jede auf eine Einzelsprache bezogene Untersuchung, so dass man letzten Endes beide Bereiche wiederum nur analytisch voneinander trennen kann. Aufgabe der allgemeinen Linguistik ist die theoretische Fundierung der Beschreibung von Einzelsprachen, sie muss die Kategorien und Verfahren erarbeiten, die wir bei der Analyse verwenden können. Dass diese Aufgabe überhaupt notwendig ist, ist für Laien nicht unbedingt einsichtig: Ergibt sich die ›richtige‹ Beschreibung nicht unmittelbar daraus, welche Elemente und Regeln es eben in der jeweiligen Sprache gibt? Dass es so einfach nicht ist, können wir uns wohl am besten klar machen, wenn wir daran denken, wie schwierig es ist, einem Fremdsprachler die Regeln unserer Muttersprache oder die genaue Bedeutung irgendwelcher Wörter zu erklären. Wir beherrschen die Sprache, d.h. wir können mit ihr umgehen, aber wir können nicht erklären, was wir da genau tun, welchen Regeln wir folgen, warum wir so und nicht anders sagen oder auch in einem Fall so und in einem anderen anders. Sobald man versucht, eine Regel oder eine Wortbedeutung zu beschreiben, muss man bestimmte metasprachliche Ausdrücke verwenden: Dies ist ein Verb und kein Substantiv und deswegen schreibt man es klein. Im Deutschen ist die Form eines Adjektivs nach dem bestimmten Artikel anders als nach dem unbestimmten: ›Ein schwieriger Fall – der schwierige Fall‹, ›der schwieriger Fall‹ ist also falsch. ›Verb‹, ›Substantiv‹, ›Adjektiv‹, ›bestimmter und unbestimmter Artikel‹ sind keine Phänomene, die unmittelbar gegeben wären, es sind theoretische Kategorien – und wenn sie uns relativ vertraut und ›natürlich‹ vorkommen, so nur deswegen, weil wir alle ein wenig grammatische Theorie in der Schule gelernt haben.
Die Bedeutung wissenschaftlicher Theorien
Die meisten haben allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass sie mit dieser Theorie nicht besonders gut zurechtkommen, dass es manchmal mehr Ausnahmen als reguläre Fälle zu geben scheint usw. Für den Sprachwissenschaftler sind solche Erfahrungen eine Herausforderung:|44◄ ►45| Können wir den Sprachgebrauch nicht so beschreiben, dass wir die Regeln verstehen können, brauchen wir dafür nicht vielleicht andere als die bislang benutzten Kategorien? Und so macht man sich an die Entwicklung von Theorien, prüft an der einen oder anderen oder auch an mehreren Sprachen, ob man mit ihnen wohl erfassen kann, welchen Regeln die Sprecher unbewusst ›tatsächlich‹ folgen. Man darf allerdings nicht vergessen, dass solche Theorien in Wirklichkeit immer nur Modelle des Sprachsystems sind; welchen Regeln die Sprecher ›tatsächlich‹ folgen, können wir nicht wirklich wissen.
Das Laieninteresse an der Sprache
Wenden wir uns nun den Teildisziplinen der ›weichen‹ Linguistik zu, die übrigens keineswegs per se weniger theoretisch oder einfacher ist. Sie ist allerdings von allgemeinerem Interesse. Die explizite Erläuterung der Regeln einer Sprache ist ja besonders relevant für solche Personen, die diese Sprache im Unterricht lernen. Da Muttersprachler ihre Sprache schon beherrschen – und da dafür theoretische Kenntnisse nicht nötig sind – haben diese im Allgemeinen keinen großen Bedarf an den Erkenntnissen der ›harten‹ Linguistik (vgl. dazu Textbeispiel 9), jedenfalls dann nicht, wenn sie sich nicht gerade als Fremdsprachenlehrer betätigen. Ein großes Interesse an Sprache überhaupt sowie der eigenen Sprache im Besonderen und auch ein Bedarf an sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen ist dennoch vorhanden, wie man an Laiengesprächen über Sprache und Sprechen erkennen kann, nicht zuletzt auch an vielen unserer Textbeispiele, die von Sprache handeln, aber nicht von professionellen Linguisten stammen. Um sich vor Augen zu führen, worauf sich dieses Interesse bezieht, muss man sich lediglich vergegenwärtigen, was dem Sprachlerner, in dessen Lage wir uns bislang versetzt haben, noch fehlt.
Warum man in der Schule Fremdsprachen nur relativ schlecht lernt
Wir hatten oben angenommen, dass man sich eine Sprache in ihren Grundzügen etwa innerhalb eines Jahres aneignen kann. Dem steht nun gegenüber die leidvolle Erfahrung, die die meisten Leser dieses Buches gemacht haben werden: Sie haben nicht nur ein Jahr, sondern oft mehrere Jahre lang in der Schule Fremdsprachen gelernt – auch wenn es weniger intensiv war, auf vierhundert Stunden kommt man allemal! –, müssen aber feststellen, dass sie dennoch nicht in der Lage sind, sich in dem Land, dessen Sprache sie erworben haben, befriedigend zu verständigen. Man will im Alltag, auf Reisen usw. zurechtkommen, wozu doch eigentlich auch schon begrenzte Kenntnisse ausreichen sollten, und doch gelingt gerade dies oft relativ schlecht. Was diesen Fremdsprachlern fehlt, ist natürliche Kommunikationserfahrung.
Dass es gerade im Alltag zu Schwierigkeiten kommt, liegt daran, dass man sich im Alltagsverkehr normalerweise nicht der gepflegten Standardsprache bedient. Dies ist aber die einzige Varietät, die man in der Schule sinnvoll vermitteln kann. Es gibt nämlich für die Sprache des alltäglichen Umgangs und für so genannte Substandardvarietäten
Für natürliche Alltagskommunikation muss man den Substandard kennen
überhaupt keine kodifizierte Norm – das Normale ist vielmehr die Abweichung von der Norm, z.B. nachlässige Artikulation. Außerdem haben substandardliche Varietäten – gerade im Gegensatz zum Standard – eine meist nur eingeschränkte regionale Verbreitung; im Norden Frankreichs ist es eben anders als im Süden, wo sollte man da mit dem Unterricht beginnen? Schließlich wäre eine Vermittlung nichtstandardsprachlicher Formen auch deswegen gefährlich, weil sich Fremdsprachler keineswegs in derselben Weise eine Abweichung von der Norm erlauben dürfen wie Muttersprachler. Tun sie dies doch, so erzeugen sie bestenfalls Heiterkeit, schlimmstenfalls zieht ihr Verhalten soziale Abwertung nach sich. Demjenigen, der ein Jahr lang in seiner Heimat eine Fremdsprache gelernt hat, fehlt also das meiste von dem, was wir in Kapitel 5 als Wissensvoraussetzungen betrachtet haben, die zum Sprachwissen im engsten Sinne hinzukommen und die man nur in natürlicher Kommunikation mit Angehörigen der entsprechenden Sprachgemeinschaft lernt. Das umfasst selbstverständlich auch das Lesen verschiedenster Texte in dieser Sprache oder das Anschauen und Hören von Fernsehsendungen usw., so dass man sich auch außerhalb des Landes sehr viel intensiver mit dessen Sprache vertraut machen kann, als es ein normaler Sprachkurs möglich macht.
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Textbeispiel 9: Wer kann Deutsch?
DAMIS. […] Nein, glaube mir, mein lieber Anton: der Mensch ist allerdings einer allgemeinen Erkenntnis fähig. Es leugnen, heißt ein Bekenntnis seiner Faulheit, oder seines mäßigen Genies ablegen. Wenn ich erwäge, wie viel ich schon nach meinen wenigen Jahren verstehe, so werde ich von dieser Wahrheit noch mehr überzeugt. Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Italienisch, Englisch – das sind sechs Sprachen, die ich alle vollkommen besitze: und bin erst zwanzig Jahr alt!
ANTON. Sachte! Sie haben eine vergessen; die deutsche –
DAMIS. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen: und ich bin erst zwanzig Jahr alt!
ANTON. Pfui doch, Herr! Sie haben mich, oder sich selbst zum besten. Sie werden doch das, daß Sie Deutsch können, nicht zu Ihrer Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht. –
DAMIS. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu können?
ANTON. Ich? ich? nicht Deutsch! Es wäre ein verdammter Streich, wenn ich Kalmuckisch redete, und wüßte es nicht.
DAMIS. Unter können und können, ist ein Unterschied. Du kannst Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Tönen ausdrücken, die einem Deutschen verständlich sind; das ist, eben die Gedanken in ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das ist: du weißt nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh oder annehmlich, undeutlich oder verständlich, alt oder gebräuchlich ist; du weißt ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von ihr.
ANTON. Was einem die Gelehrten nicht weis machen wollen! Wenn es nur auf Ihr das ist ankäme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch ab, daß ich essen könnte.
DAMIS. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden, in Mund stecken, kauen, herunter schlucken, und so weiter. Du kannst nicht essen, das ist: du weißt die mechanischen Gesetze nicht, nach welchen es geschiehet; du weißt nicht, welches das Amt einer jeden dabei tätigen Muskel ist, ob der Digastricus oder der Masseter, ob der Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomaticus oder der Platysmamyodes, ob –
ANTON. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein Magen etwas davon erhält, und ob mirs bekömmt. – Aber wieder auf die Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, daß ich eine verstehe, die Sie nicht verstehen?
DAMIS. Du, eine Sprache, die ich nicht verstünde?
ANTON. Ja; raten Sie einmal.
DAMIS. Kannst du etwa Koptisch?
ANTON. Foptisch? Nein, das kann ich nicht.
DAMIS. Chinesisch? Malabarisch? Ich wüßte nicht woher.
ANTON. Wie sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redte nichts, als diese Sprache.
DAMIS. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein Vetter?
ANTON. Daß ich nicht gar ein Jude wäre! Mein Vetter war ein Wende; ich kann Wendisch; und das können Sie nicht.
DAMIS (nachsinnend). Er hat Recht. – Mein Bedienter soll eine Sprache verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache? Ich erinnere mich, daß ihre Verwandtschaft mit der hebräischen sehr groß sein soll. Wer weiß, wie viel Stammwörter, die in dieser verloren sind, ich in jener entdecken könnte! – Das Ding fängt mir an, im Kopfe herum zu gehen!
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Teildisziplinen der Parole-Linguistik
Auch Muttersprachler verfügen allerdings immer nur über einen Ausschnitt solchen Wissens, denn jedermanns Kommunikationserfahrungen sind notwendigerweise begrenzt. Am offensichtlichsten ist, dass wir das ganze Leben lang unseren Wortschatz erweitern (können), nie werden wir ihn vollständig beherrschen. Wörterbücher gehören deswegen auch zu den von Muttersprachlern am häufigsten benutzten Werken über Sprache, und Worterklärungen sind im Alltag besonders oft auftretende Formen der Metakommunikation. Aber auch an geläufigen Formen des Sprachgebrauchs, bestimmten Arten von Texten, lernen wir normalerweise im Laufe des ganzen Lebens hinzu, nicht zuletzt, weil diese sich verändern und vermehren (z.B. die Textsorten der neuen Medien: Teletext, E-Mail, Homepages usw.). Viele Textsorten brauchen wir auch nur in bestimmten Lebenslagen und müssen sie dann lernen: Wie mache ich eine Steuererklärung, wie halte ich eine Rede auf der Hochzeitsfeier meiner Tochter, wie schreibe ich eine Bewerbung, eine Seminararbeit, ein Gutachten …? U.a. um Fragen dieser Art geht es in der Teildisziplin der Text- und Gesprächslinguistik,
Text- und Gesprächslinguistik
die wir allerdings eigentlich zu den Kerndisziplinen hinzurechnen müssen, als Bereich, der sich mit einer weiteren Ebene – oberhalb des Satzes – beschäftigt. Denn auch für den Aufbau von (schriftlichen oder mündlichen) Texten aus Diskussionsbeiträgen, Abschnitten, Sätzen, Satzteilen, Wörtern, gibt es allgemeine und sprachspezifische Regularitäten.
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Soziolinguistik
Die Untersuchung der Varietäten und ihres Einsatzes – wer spricht/ schreibt wo wann wie und warum? – fällt in den breiten Bereich der Soziolinguistik, des Studiums der Sprache im gesellschaftlichen Kontext. Da jedwede Äußerung in irgendeinem gesellschaftlichen Kontext steht, ist der Gegenstandsbereich dieser Teildisziplin nicht sehr gut abgrenzbar. Dazu rechnen können wir sowohl die Untersuchung des Sprachverhaltens bestimmter sozialer Gruppen, Berufsgruppen, subkultureller Gruppen, als auch des Sprachgebrauchs in den Medien, in Institutionen, in der Politik, der sprachlichen Verhältnisse in mehrsprachigen Gesellschaften, der Unterschiede des Sprachverhaltens von Stadt- und Landbevölkerung, von Männern und Frauen, Kindern, Jugendlichen, Rentnern, der nationalen Varietäten BRD-/West-, DDR-/ Ostdeutsch, Österreichisch, Schweizerisch usw. Auch die Dialektologie,
Dialektologie
die ihre Aufgabe lange darin sah, die ›reinen, unverfälschten‹ Dialekte zu beschreiben (und zu bewahren), ist heute soziolinguistisch orientiert und geht auch den Fragen nach, welche regional gekennzeichneten Formen – einen ausgeprägten Dialekt oder eine abgeschwächte Form oder eine landschaftlich gefärbte Umgangssprache… – wer wann
Historiolinguistik
wie einsetzt. Dasselbe können wir für die Historiolinguistik feststellen, denn selbstverständlich sind auch die einzelnen Sprachstadien nicht homogen, sondern sozial geschichtet und sie spiegeln die gesellschaftliche Struktur einer geschichtlich umgrenzten Kommunikationsgemeinschaft. Eine scharfe Abgrenzung der Soziolinguistik ist auch nicht möglich gegenüber der Teildisziplin, die als Pragmalinguistik
Pragmatik
oder Pragmatik (von griechisch pragma ›Handlung‹) bezeichnet wird und die Sprechen als eine Form menschlichen Handelns begreift. Dass eine Abgrenzung zur Soziolinguistik kaum möglich ist, ergibt sich daraus, dass, wer sprachlich handelt, natürlich als soziales Wesen handelt. Mitunter – besonders in der Forschung der DDR – sprach man in diesem Zusammenhang auch von kommunikativ-funktionaler Sprachbetrachtung. Über solche Begriffe wie auch über eine ohnehin nicht mögliche saubere Abgrenzung dieser Disziplinen lohnt es jedoch nicht zu streiten. Am sinnvollsten ist es, hier zusammenfassend von der Linguistik des Sprachgebrauchs, der Parole-Linguistik zu sprechen, so wie man die Kerndisziplinen, die langues beschreiben, als Systemlinguistik zusammenfasst.
Damit soll die Übersicht über linguistische Subdisziplinen abgeschlossen werden. Die ›Landkarte‹ ist allerdings nicht vollständig, sondern zeigt nur die größten Kontinente, mit denen wir uns auf unserer kleinen Erkundungsfahrt begnügen müssen. Die folgenden Kapitel sind nun nicht für jeweils einen dieser Teilbereiche reserviert, vielmehr wollen wir von einzelnen Phänomenen und Fragestellungen ausgehen und auf theoretische und methodische Fragen sowie auf Aspekte der Beschreibung der Sprache und ihres Gebrauchs immer dort eingehen, |48◄ ►49| wo es sinnvoll erscheint. Wir beginnen bei dem, was für jeden Sprachteilhaber am leichtesten zugänglich ist, nämlich einzelne sprachliche Zeichen, und wollen zunächst – wie oben angekündigt – Saussures Modell des sprachlichen Zeichens vorstellen.
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8 Sprachzeichen als psychische Größen
Das sprachliche Zeichen hat zwei Seiten
Die Wörter einer Sprache, die lexikalischen Einheiten, müssen wir lernen, das ist selbstverständlich. Es sind eben konventionelle Zeichen. Das Lernen eines Zeichens führt dazu, dass es Bestandteil der Kenntnisse eines Menschen ist, und dies bedeutet, dass es sich um eine psychische Größe handelt. Die Sprachkenntnis besteht also darin, dass ein Mensch in seinem Kopf über eine Menge von Einheiten verfügt, bei denen ein Zeichenkörper konventionell mit einer bestimmten Bedeutung verbunden ist. Es handelt sich daher um komplexe Einheiten, die aus der Verbindung von zwei Größen, Ausdruck und Inhalt, bestehen. Dass die Verbindung konventionell ist, heißt auch, dass weder eine
Die Verbindung ist arbiträr
bestimmte Bedeutung natürlicherweise mit einem bestimmten Zeichenkörper verbunden wird, noch dass ein bestimmter Zeichenkörper natürlicherweise auf eine bestimmte Bedeutung hinweist. Saussure nennt dies die Arbitrarität des Zeichens (l’arbitraire du signe). Tatsächlich gibt es in Sprachsystemen fast überhaupt keine ikonischen Elemente; nur einigen Randerscheinungen kann ein solcher Charakter
Lautmalerei: Onomatopoetika
zugesprochen werden. Dies sind vor allem lautnachahmende Ausdrücke wie kikeriki, cocorico oder cock-a-doodle-doo, die mehr oder weniger gut den Hahnenschrei imitieren und in dieser konventionellen Form in das Lexikon der deutschen, französischen bzw. englischen Sprache eingegangen sind. Solche Zeichen nennt man onomatopoetische (von griechisch onomatopoiein ›benennen‹ – die ursprüngliche Bedeutung enthält also nicht die Komponente ›lautmalerisch‹).
Die Inhaltsseite: signifié
Daran, dass die Bedeutung psychisch gespeichert ist, würde wohl niemand zweifeln. Denn gespeichert haben wir ja nicht etwa die konkrete Vorstellung des einen Telefons, das jemand meint, wenn er sagt Geh mal zum Telefon – und natürlich schon gar nicht das Telefon selbst, denn physische Objekte kann man gar nicht im Kopf speichern. Immerhin wäre es denkbar, dass das, was wir da gespeichert haben, visuelle Eindrücke der diversen Telefone sind, die wir im Laufe unseres Lebens gesehen haben. Dann würde allerdings jeder mit dem Ausdruck Telefon etwas anderes verbinden. Das ist ja wahrscheinlich auch der Fall, für jeden ergeben sich individuelle Assoziationen auf Grund der |49◄ ►50| jeweils besonderen Erfahrungen, die er mit diesem Gerät gemacht hat. Diese individuellen Assoziationen können aber nicht Bestandteil des Sprachsystems sein, denn sie sind eben nicht kollektiv verbindlich und konventionalisiert. Zum Sprachsystem gehört vielmehr nur eine sehr abstrakte Bedeutung, die im Duden Universalwörterbuch folgendermaßen (wohl nicht ganz glücklich) umschrieben wird: ›Apparat (mit Handapparat und Wählscheibe oder Drucktasten), der über eine Drahtleitung oder drahtlos Telefonate möglich macht‹. Diese Komponente des Zeichens nennt nun Saussure zunächst concept, und er führt dann dafür den Terminus signifié ein. Der signifié ist also die psychisch gespeicherte abstrakte Bedeutung eines Zeichens.
Die Ausdrucksseite: signifiant
Schwieriger zu verstehen ist schon, dass auch die lautlichen und grafischen Komponenten psychisch gespeichert und abstrakt sind, denn bei ihnen handelt es sich ja durchaus um reale, physikalische Phänomene. Dennoch – oder vielmehr gerade deswegen, weil die jeweils realen Lautfolgen oder grafischen Gebilde empirische Einzelphänomene sind – müssen wir von ihnen eine abstrakte Vorstellung haben, so abstrakt, dass man in verschiedenen konkreten Realisierungen immer dasselbe Element wiedererkennen kann. So erkennen wir in den folgenden Realisierungen immer denselben Zeichenträger wieder:

Auch wenn man dieses Wort akustisch realisiert, kann man das auf sehr verschiedene Weise tun. Psychisch gespeichert ist jedoch nur das abstrakte Laut- oder Schriftbild, das von diesen Verschiedenheiten absieht. Saussure nennt dies (unter Beschränkung auf die gesprochene Sprache) zunächst image acoustique und führt dann dafür den Terminus signifiant ein. Dieser soll von jetzt an auch bei uns den Ausdruck Zeichenträger ersetzen. Das Zeichen wird danach von Saussure wie in Abbildung 8 modelliert.
Die Konventionalität der Zeichen
Signifié und signifiant bilden zusammen das sprachliche Zeichen (signe linguistique). Sie sind, wie Saussure sagt, miteinander verbunden wie zwei Seiten eines Blattes Papier. Auf Grund der festen Zuordnungskonvention im Rahmen des einzelsprachlichen Systems ruft ein signifiant im Geiste unmittelbar den zugehörigen signifié hervor – und andersherum. Die Beziehung ist nicht auflösbar. Man spricht sprachlichen Zeichen deshalb die Eigenschaft der Konstanz zu. Wer also willkürliche Veränderungen in den Zuordnungen vornimmt (und nicht wenigstens sicherstellt, dass diese Sonderkonventionen auch von anderen übernommen werden), kann mit Hilfe des gegebenen Sprachsystems nicht mehr kommunizieren (vgl. dazu das Textbeispiel 10). Dies gilt, obwohl es ja im Prinzip gleichgültig (arbiträr) ist, welcher signifiant einem bestimmten signifié zugeordnet wird und die verschiedenen Einzelsprachen ganz unterschiedlich verfahren. Dies zeigt noch einmal die große Bedeutung der Konventionalität des sprachlichen Zeichens. Sprachzeichen funktionieren eben immer nur im Rahmen des Systems einer langue.

Abb. 8: Das sprachliche Zeichen nach Saussure
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Textbeispiel 10: Sprachliche Langeweile
Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort mehr sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu sein. […]
Der alte Mann machte morgens einen Spaziergang und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem Nachbarn, und abends saß er an seinem Tisch.
Das änderte sich nie, auch sonntags war das so. Und wenn der Mann am Tisch saß, hörte er den Wecker ticken, immer den Wecker ticken.
Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht zu heiß, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern, die spielten – und das Besondere war, daß das alles dem Mann plötzlich gefiel.
Er lächelte.
»Jetzt wird sich alles ändern«, dachte er […]
Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Und wie er sich hinsetzte, hörte er wieder das Ticken, und alle Freude war vorbei, denn nichts hatte sich geändert.
Und den Mann überkam eine große Wut. […]
»Immer derselbe Tisch«, sagte der Mann, »dieselben Stühle, das Bett, das Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?« Die Franzosen sagen dem Bett »li«, dem Tisch »tabl«, nennen das Bild »tablo« und den Stuhl »schäs«, und sie verstehen sich. Und die Chinesen verstehen sich auch.
»Weshalb heißt das Bett nicht Bild«, dachte der Mann und lächelte, dann lachte er, lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und »Ruhe« riefen.
»Jetzt ändert es sich« rief er, und er sagte von nun an dem Bett »Bild«.
»Ich bin müde, ich will ins Bild«, sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl »Wecker«.
Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und stützte die Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hieß jetzt nicht mehr Tisch, er hieß jetzt Teppich. Am Morgen verließ also der Mann das Bild, zog sich an, setzte sich an den Teppich auf den Wecker und überlegte, wem er wie sagen könnte.
Dem Bett sagte er Bild.
Dem Tisch sagte er Teppich.
Dem Stuhl sagte er Wecker.
Der Zeitung sagte er Bett.
Dem Spiegel sagte er Stuhl.
Dem Wecker sagte er Fotoalbum.
Dem Schrank sagte er Zeitung.
Dem Teppich sagte er Schrank.
Dem Bild sagte er Tisch.
Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel.
Also:
Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich an, schaute in den Stuhl an der Wand, |51◄ ►52| setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich und blätterte den Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand.
Der Mann fand das lustig, und er übte den ganzen Tag und prägte sich die neuen Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann mehr, sondern ein Fuß, und der Fuß war ein Morgen und der Morgen ein Mann. […]
Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen Wörtern voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten auf der Straße.
Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnungen und vergaß dabei mehr und mehr die richtigen. Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allein gehörte. […]
Und es kam so weit, daß der Mann lachen mußte, wenn er hörte, wie jemand sagte:
»Gehen Sie morgen auch zum Fußballspiel?« Oder wenn jemand sagte: »Jetzt regnet es schon zwei Monate lang.« […]
Er mußte lachen, weil er all das nicht verstand.
Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und hört traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen, das war nicht so schlimm. Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen.
Und deshalb sagte er nichts mehr.
Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr.
Die relative Motiviertheit
Wenn die Beziehung zwischen signifiant und signifié – da sie ja arbiträr ist – für jedes Gesamtzeichen einzeln gelernt werden müsste, wäre die Aufgabe, eine Sprache zu lernen, unglaublich groß. In Wirklichkeit müssen wir jedoch nicht jedes Einzelzeichen mit seinen zwei Seiten neu lernen. Wenn man z.B. weiß, dass drei ›3‹ bedeutet und zehn ›10‹, ist es ja nicht besonders schwierig darauf zu kommen, dass dreizehn ›13‹ bedeutet; wenn man weiß, dass Hund ›chien‹, Katze ›chat‹ und Hündchen ›petit chien‹ bedeutet, wird man wohl nicht lange darüber nachzudenken brauchen, was Kätzchen bedeutet. Die vielen Einzelzeichen einer |52◄ ►53| Sprache erklären sich also großenteils gegenseitig. Saussure spricht hier von relativer Motiviertheit. Anders als bei den onomatopoetischen Zeichen beruht die selbsterklärende Kraft dabei nicht auf Ikonizität, sondern auf systeminternen Beziehungen. Das Prinzip der Konventionalität der Zeichen wird dadurch eingeschränkt, aber nicht aufgehoben. Es ist zweifellos leichter, sich den signifiant dreizehn für ›13‹ zu merken, als den signifiant treize aus trois und dix herzuleiten; dreizehn ist also stärker motiviert als treize, aber es könnte natürlich auch ›3 x 10‹, also ›30‹ bedeuten – und wie abwegig es Nicht-Deutschsprachigen erscheint, einunddreißig zu sagen statt dreißigundeins, ist wohl allgemein bekannt. Die Motiviertheit ist deswegen immer nur relativ.
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9 Sprachzeichen und die außersprachliche Welt
Bei der Erläuterung der Saussureschen Vorstellung vom sprachlichen Zeichen war überhaupt nicht mehr davon die Rede, dass man sich mit sprachlichen Äußerungen irgendwie auf die Welt bezieht, es war nur von den psychischen Größen die Rede. Dies ist auch ganz in Saussures Sinne. Er hat sein Modell des sprachlichen Zeichens ausdrücklich als Gegenkonzept zu Vorstellungen präsentiert, nach denen das Zeichen nur aus einem Zeichenkörper besteht, der direkt auf einen Gegenstand bzw. die Vorstellung davon hinweist, etwa so:

V Tatsächlich vertritt Saussure die Auffassung, dass es außerhalb der Sprache überhaupt keine klaren Vorstellungen (concepts) von irgendetwas gibt: »Das Denken, für sich allein genommen, ist wie eine Nebelwolke, in der nichts notwendigerweise begrenzt ist. Es gibt keine von vornherein feststehenden Vorstellungen, und nichts ist bestimmt, ehe die Sprache in Erscheinung tritt«.6 Sprache ist also nicht bloß da, um etwas in der Wirklichkeit zu bezeichnen, sondern sie ist bereits notwendig, um die Wirklichkeit überhaupt geistig zu erfassen und zu strukturieren, um klare Konzepte auszubilden – eben siginifiés, die ohne die zugehörigen signifiants überhaupt nicht denkbar sind.
Stellenwert (valeur) der Zeichen
Verschiedene signifiés gewinnen ihre spezifische Bedeutung aus der Abgrenzung gegen andere (verwandte) signifiés – das macht ihre Systemgebundenheit aus. Für diese einzelsprachspezifische Abgegrenztheit von Konzepten führt Saussure den Ausdruck Wert (valeur) ein und erläutert ihn u.a. mit folgendem Beispiel: |53◄ ►54|
das franz. mouton kann dieselbe Bedeutung haben wie das engl. sheep, aber nicht denselben Wert, und das aus mancherlei Gründen, besonders deshalb, weil, wenn von einem Stück Fleisch die Rede ist, das zubereitet und auf den Tisch gebracht wird, das Englische mutton und nicht sheep sagt. Der Unterschied des Wertes zwischen sheep und mouton kommt daher, weil das erstere neben sich ein zweites Glied hat, was bei dem franz. Wort nicht der Fall ist.7
Wir kommen auf diese Fragen weiter unten zurück und halten hier nur fest: Da die signifiés nicht unmittelbar außersprachlichen Gegenständen zuzuordnen sind, sondern nur im Rahmen der langue existieren, spielt für Saussure die Untersuchung des Verhältnisses von Sprache und Welt nur eine höchst untergeordnete Rolle.
Referenz
Die vorgestellten Überlegungen Saussures zur Sprachgebundenheit von Bedeutungen ändern natürlich nichts an der Tatsache, dass Sprachzeichen in einer bestimmten Beziehung zu Gegenständen stehen und sprachliche Äußerungen verwendet werden, um sich auf die Welt zu beziehen. Diesen Bezug nennen wir Referenz. Unter Einschluss dieses Aspekts stellt sich das Zeichenmodell nun wie in Abbildung 9 dar.
Aktuelle Referenz
In einer konkreten Kommunikationssituation, also einem Parole-Akt, referiert der Sprecher mittels eines Zeichens auf einen Referenten. Dies kann z.B. ein konkretes Einzelobjekt sein (Da steht ein Schaf), aber auch eine abstrakte Größe, z.B. die Gattung Schaf (Das Schaf wurde schon frühzeitig domestiziert). Für die Verständigung ist es sehr wichtig zu wissen, worauf der Sprecher genau referiert: Ich hätte gern ein Schaf – meint er jetzt ein lebendiges, ein geschlachtetes oder ein Stofftier? Wir sprechen hier von der aktuellen Referenz des Zeichens.
Potenzielle Referenz
Als Langue-Einheit haben Sprachzeichen keine aktuelle Referenz. Sie werden jedoch auf Grund ihrer Bedeutung zur Referenz auf bestimmte Dinge ausgewählt. Schaf ist etwa geeignet, auf diverse Schafe, wirkliche, vorgestellte oder gezeichnete, auf Schafe überhaupt usw. zu referieren. Es ist aber nicht geeignet, um auf Kühe, Bücher oder Autos zu referieren. Beim Sprachzeichen als Langue-Einheit sprechen wir daher von potenzieller Referenz.

Abb. 9: Die Referenz des sprachlichen Zeichens
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Dass es Unterschiede zwischen den valeurs von Sprachzeichen in verschiedenen Sprachen gibt, wie Saussure es hervorhebt, können wir nun folgendermaßen reformulieren: Die potenzielle Referenz solcher Zeichen, z.B. von sheep und mouton, ist nicht identisch: mouton kann man auf Referenten anwenden, für die sheep nicht infrage kommt. Sie ist allerdings teilidentisch: Es gibt (eine große Menge von) Referenten, für die man im Französischen das Zeichen mouton, im Englischen sheep verwenden kann. Die aktuelle Referenz, von der wir in Bezug auf zwei Sprachen allerdings eigentlich nur sprechen können, wenn es sich um Übersetzungen handelt, sollte dagegen immer identisch sein (sonst ist die Übersetzung falsch oder wenigstens problematisch). Im Beispiel von Saussure, der Tischszene, haben also mouton und mutton dieselbe aktuelle Referenz.
Die onomasiologische Fragestellung: Wie bezeichnet man das Objekt?
Wie bedeutsam nun immer die Berücksichtigung des Aspekts der Referenz für systemlinguistische Untersuchungen sein mag, in der Sprachpraxis, vor allem im Spracherwerb, spielt sie eine herausragende Rolle! Denn für jemanden, der die Konventionen einer Sprache kennenlernen will, ist es ja von fundamentaler Bedeutung, wie er auf bestimmte außersprachliche Größen angemessen referieren kann. Bei der aktiven Verwendung einer Sprache, wenn er also eine Äußerung produzieren will, stellt sich für ihn die Frage: Wie nennt man X?; wie sagt man zu X?; in linguistischer Ausdrucksweise sollte man sagen: Wie bezeichnet man X? oder: Mit welchem Zeichen referiert man auf X? Diese Fragestellung nennt man die onomasiologische (zu griechisch onoma ›Name‹). Und obwohl Saussure ja festgestellt hat – und ich meine: ganz zu Recht! –, dass Sprachzeichen gar nicht direkt bestimmten Gegenständen (bzw. Vorstellungen davon) zugeordnet sind, bekommen wir auf eine solche Frage im Allgemeinen dennoch eine durchaus brauchbare Antwort. Manchmal allerdings auch zwei oder noch mehr, und daran erkennen wir, wie richtig Saussures Überlegungen sind. Auf die Frage: »Mit welchem Zeichen referierst du auf
?«, könnte man z.B. die Antwort bekommen: »Telefon oder Telefonapparat oder auch Fernsprecher.« Auch Saussures Beispiel ist alles andere als eindeutig. Auf die Frage: »Wie heißt das, was du da isst?«, wird man nämlich (jedenfalls heutzutage) wahrscheinlich nicht die Antwort bekommen: »(gigot de) mouton«, sondern »(gigot d’) agneau«.
Die semasiologische Fragestellung: Was bedeutet der Ausdruck?
Die andere Situation, in der sich ein Sprachlerner befindet, ist die des so genannten passiven Sprachgebrauchs: Er will die sprachliche Äußerung eines anderen verstehen oder wissen, was ein bestimmtes Zeichen (zugänglich ist ihm ja immer nur der signifiant) bedeutet. Die Frage wäre hier also: »Was bedeutet mouton, agneau?« Diese Fragestellung nennt man die semasiologische (zu griechisch sema, semeinon |55◄ ►56| ›Zeichen‹). Hier geht es darum, den einem signifiant zugeordneten signifié zu bestimmen. Da die psychische Größe signifié nicht unmittelbar greifbar ist (man kann auch nicht auf sie zeigen oder dergleichen), ist die Antwort auf eine solche Frage in der Regel eine Bedeutungsumschreibung, in der allerdings oft auch etwas über den Referenten selbst gesagt wird. Die Antwort auf unsere Beispielfrage (aus dem Larousse de la cuisine) lautet (in meiner Übersetzung):
Im Fleischerhandwerk nennt man mouton ein agneau, das älter als ein Jahr ist. Sein Fleisch ist weniger zart, hat aber einen ausgeprägteren Geschmack. […] In Europa ist mouton-Fleisch relativ selten, weil der Verbraucher bei weitem l’agneau vorzieht, aber es ist noch sehr beliebt in Indien, Nordafrika und im mittleren Orient, wo es stark gewürzt zubereitet wird.
Eine praktische Aufgabe der Sprachwissenschaft ist es u.a., die Konventionen der Sprachen zu erklären, die Erklärungen zusammenzufassen und sie Sprachbenutzern zugänglich zu machen. Für die Sprachzeichen mit referenzieller Bedeutung geschieht dies in Wörterbüchern. Die anderen sprachlichen Zeichen sind dort nur zum Teil erfasst; sie werden zusammenfassend in Grammatiken beschrieben. Wir wenden uns im Folgenden zunächst den referenziellen Zeichen zu, die im Wörterbuch beschrieben werden. Die gebräuchlichsten Wörterbücher sind semasiologisch ausgerichtet, d.h. sie listen – normalerweise in alphabetischer Folge – signifiants auf und geben dazu Erläuterungen, u.a. zum signifié. Diese Bedeutungserklärungen bilden den Gegenstand des folgenden Kapitels.
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10 Bedeutungsbeschreibungen im Wörterbuch
Lexikalische Semantik
Das Saussuresche Zeichenmodell sieht außerordentlich einfach aus. Es soll die Zuordnungsbeziehungen zwischen signifiants und signifiés darstellen, die in ihrer Gesamtheit im Wörterbuch einer Sprache aufzufinden sind. Wie wir schon bei der Übersicht über die sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen festgestellt haben, bildet die Beschreibung der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke den Gegenstand der Semantik. Mit der Untersuchung der Bedeutung von Lexikoneinheiten wenden wir uns der lexikalischen Semantik zu. Schauen wir uns nun einmal an zwei Beispielen an, wie die Bedeutungsangaben in Wörterbucheinträgen aussehen.
Wir sehen am Textbeispiel 11 unmittelbar, dass die Verhältnisse offenbar viel komplizierter sind, als es das einfache Modell nahelegt (und dass Wörterbucheinträge gar nicht einfach zu lesen sind). Wir wollen die Beispiele nun besprechen und sehen, welche Differenzierungen wir an unserem einfachen Modell vornehmen müssen.
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Textbeispiel 11: Zwei Wörterbucheinträge
1weiß [vajs]: ↑wissen
2weiß [ – ] <Adj.: -er, -este; nicht adv.> [mhd. wīʒ, ahd. (h)wīʒ, eigentl. = glänzend]:
1. von der hellsten Farbe; alle sichtbaren Farben, die meisten Lichtstrahlen reflektierend (Ggs.: schwarz 1): w. wie Schnee; -e Schwäne, Wolken, Lilien; -e Wäsche, Gardinen; ein -es Kleid; -e Haare; die -en und die schwarzen Felder des Spielbretts; der Rock war rot und w. gestreift; sie hat strahlend, blendend -e Zähne; die Wand w. tünchen; -es (unbeschriebenes) Papier; -e Weihnachten, Ostern (Weihnachten, Ostern mit Schnee); vor Schreck, Wut w. (sehr bleich) im Gesicht werden; er ist ganz w. geworden (hat weiße Haare bekommen); die Dächer waren über Nacht w. geworden (waren verschneit); der -e Sport (Tennis); -e Blutkörperchen (Med.: Leukozyten); die -e Substanz (Med.: an Nervenfasern reicher, weißlicher Teil des Gehirns u. des Rückenmarks); <subst.:> das Weiße im Ei; Weiß (der Spieler, der die weißen Figuren hat) eröffnet das Spiel; *der Weiße Sonntag (Sonntag nach Ostern [an dem in der kath. Kirche die Erstkommunion stattfindet]; nach kirchenlat. dominica in albis = Sonntag in der weißen Woche [= Osterwoche]; bis zu diesem Sonntag trugen in der alten Kirche die Ostern Getauften ihr weißes Taufkleid); jmdm. nicht das Weiße im Auge gönnen (ugs.: jmdm. gegenüber sehr mißgünstig sein);
2.a) sehr hell aussehend: -er Pfeffer; -e Bohnen; -es Brot (Weißbrot); -es Fleisch (helles Fleisch vom Kalb); er mag -en Wein (Weißwein) lieber als roten; <subst.:> einen Weißen ([ein Glas] Weißwein) trinken;
b) der Rasse der2Weißen, der Europiden angehörend: die -e Rasse (die 2Weißen);
<subst.:> Weiß [-], das; -[es], -: weiße Farbe, weißes Aussehen: ein strahlendes W.; die Braut trug W.; in W. heiraten
Sack, der: -[e]s, Säcke (als Maßangabe auch: Sack) [mhd., ahd. sac < lat. saccus < griech. sákkos]:
1.a) größeres, längliches Behältnis aus [grobem] Stoff, starkem Papier, Kunststoff o.ä., das der Aufnahme, dem Transport od. der Aufbewahrung von festen Stoffen, Gütern dient: ein voller, leerer S.: drei Säcke [voll] Zucker; drei S. Kartoffeln; einen S. zubinden; Säcke schleppen, stapeln; etw. in einen S. stecken, stopfen, füllen; es ist dunkel wie in einem S. (ugs.: sehr dunkel); er fiel um, lag da wie ein [nasser] S. (salopp: wie leblos); schlafen wie ein S. (salopp: tief u. fest schlafen); R hinein mit S. und Pfeife (Soldatenspr.: drauflos mit allem Drum und Dran); ihr habt zu Hause wohl Säcke an den Türen! (salopp: Aufforderung an jmdn., die Tür zu schließen); Spr den S. schlägt man, den Esel meint man (man tadelt jmdn., meint aber in Wirklichkeit jmdn. anders); Ü ein S. voll Lügen; *den S. zubinden (salopp: ein Unternehmen beenden); *jmdn. im S. haben (salopp: jmdn. gefügig gemacht haben); etw. im S. haben (salopp: einer Sache sicher sein können); jmdn. in den S. stecken (ugs.: 1. jmdm. überlegen sein. 2. jmdn. betrügen); in den S. hauen (salopp: 1. sich entfernen, davonmachen, 2. kündigen; viell. urspr. [nach getaner Arbeit] das Werkzeug in einen Sack tun); in S. und Asche gehen (geh.: Buße tun); mit Sack und Pack (mit aller Habe); S. Zement (salopp: Ausruf des Erstaunens, der Verwünschung; entstellt aus #Sakrament);
b) (landsch., bes. südd., österr., schweiz.) Hosentasche;
c) (landsch., bes. südd., österr., schweiz.) Geldbeutel: keinen Pfennig im S. haben.;
2. (derb, meist abwertend) Mann, Mensch: ein alter blöder S.; ihr Säcke!
3. sackförmige Hautfalte unter den Augen. Tränensack (meist Pl.): Säcke unter den Augen haben;
4. (derb) Hodensack: jmdm. auf den S. fallen (salopp: jmdm. lästig fallen); etw auf den S. kriegen (salopp: 1. eine Rüge erhalten. 2. verprügelt werden. 3. eine Niederlage erleiden); jmdm. auf den S. niesen/husten/treten (Soldatenspr.: 1. jmdn. grob zurechtweisen. 2. jmdn. drillen).
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Mehrere Wörterbucheinträge zum selben signifiant: Homonymie
Beim ersten Beispiel fällt zunächst auf, dass der signifiant weiß zweimal vorkommt, hier versehen mit vorangestellten Zahlen. Der erste Eintrag enthält überhaupt keine Bedeutungsbeschreibung, sondern bloß einen Verweis auf den signifiant wissen, ein Verb, das in der 1. und 3. Person Singular Präsens die Form weiß hat. Dieses Verb hat mit dem Adjektiv weiß, erläutert im zweiten Eintrag, gar nichts zu tun. Es handelt sich um zwei verschiedene Zeichen, deren signifiants zufälligerweise übereinstimmen. Diese Erscheinung nennt man Homonymie (von griechisch homonymos ›gleichnamig‹), und wir können feststellen, dass es Ausnahmen zu der Regel gibt, ein signifiant würde im Geiste unmittelbar einen (und genau einen) signifié hervorrufen. Dennoch müssen wir die Annahme, beide seien miteinander so verbunden wie die zwei Seiten eines Blattes, nicht aufgeben, nur sehen eben manche Blätter von der einen Seite genauso aus wie manche andere. Die Homonymie betrachten wir als eine für das prinzipielle Funktionieren einer Sprache nicht weiter relevante Ausnahme, und im Deutschen kommen Homonyme auch relativ selten vor. Im Französischen dagegen sind sie sehr häufig. Dies hängt vor allem mit den unterschiedlichen orthografischen Systemen der beiden Sprachen zusammen: Die deutsche bildet die Lautung sehr viel getreuer ab als die französische, d.h. im Französischen gibt es sehr viele signifiants, die in ihrer lautlichen Realisierung übereinstimmen, während sie in der grafischen Realisierung verschieden sind. Wenn wir von Homonymie sprechen, sollten wir daher noch genauer unterscheiden.
Homophonie
Wenn die signifiants zweier Zeichen lautlich übereinstimmen, sprechen wir von Homophonie; dabei kann die Schreibung gleich sein wie im Fall von weiß (›blanc‹ – ›sais‹) oder mineur (›Bergmann‹ – ›Minderjähriger‹) oder aber verschieden: Moor (›marais‹) – Mohr (›nègre‹;); sang (›Blut‹) – cent (›hundert‹) – sans (›ohne‹); lave, laves, lavent (verschiedene Formen von laver ›waschen‹); livre, livres, livrent (Singular und Plural von livre ›Buch‹, livre ›Pfund‹ und verschiedene Formen von livrer ›liefern‹).
Homografie
Wenn die signifiants zweier Zeichen grafisch übereinstimmen, sprechen wir von Homografie; dabei kann zugleich Homophonie vorliegen (livre, weiß) oder nicht: Montage (›lundis‹ – ›montage‹); Druck|erzeugnis (›publication‹) – Drucker|zeugnis (›diplôme d’imprimeur‹); sens (›ich fühle‹ – ›Sinn‹).
Die angeführten Beispiele sind allerdings nicht alle gleich überzeugend, um die These zu stützen, dass jeweils zwei (oder mehr Zeichen) mit denselben signifiants vorliegen, und es ist kein Zufall, dass livres und livrent gar nicht als Eintrag im Wörterbuch geführt werden. Denn |58◄ ►59| es handelt sich ja nur um verschiedene Formen von livre oder livrer.
Lexikalische und grammatische Zeichen zusammengesetzt
Tatsächlich sind livres und livrent zusammengesetzte Zeichen, in denen -s und -nt grammatische Bedeutung tragen. Wir kommen auf diese grammatischen Zeichen später zurück und wollen hier nur eine terminologische Differenzierung einführen, die uns erlaubt, die verschiedenen Fälle auseinanderzuhalten. Dies führt uns auf den Unterschied zwischen langue und parole zurück.
Wort versus Lexem
Ein Äußerungsakt, ein Satz oder ein Text, stellt normalerweise ein komplexes Zeichen dar, in dem mehrere Einzelzeichen miteinander kombiniert sind. Sie sind linear angeordnet. Die Grenzen zwischen den Einzelzeichen werden aber nur zum Teil auch physisch markiert, in der grafischen Realisation etwa durch die Abstände zwischen Wörtern und die Satzzeichen. Bei der lautlichen Realisation können Pausen als Grenzsignale eingesetzt werden. Davon macht man jedoch nur beschränkt Gebrauch, eher zwischen Sätzen oder Satzteilen, kaum zwischen einzelnen Wörtern, und schon gar nicht zwischen den referenziellen und den grammatischen Zeichen, aus denen viele Wörter zusammengesetzt sind. Ein Wort im Text, in der parole, kann also aus mehreren Einheiten der langue bestehen. Wir legen nun fest: Jede Einheit der langue, die eine referenzielle Bedeutung trägt und deren signifié im Wörterbuch erläutert wird, nennen wir Lexem. Die Einheit, die im (geschriebenen) Text durch Abstände von anderen abgegrenzt ist, nennen wir demgegenüber Wort. Das Wort ist eine Einheit der parole, das Lexem eine Einheit der langue. wissen, wusste, gewusst sind daher drei Wörter (Zeichen im Text), sie gehören aber zu einem Lexem (Zeichen der langue, das im Wörterbuch unter der Form wissen geführt wird). weiß, weißer und wissen sind dagegen drei Wörter, die zwei Lexemen zugeordnet werden können, dem Adjektiv (weiß und weißer) oder dem Verb (weiß und wissen).
Verschiedene, aber miteinander zusammenhängende Bedeutungen
Wenn wir uns im Wörterbuch über die Bedeutung eines Zeichens im Text orientieren wollen, kommt es also zunächst darauf an, das richtige Lexem zu identifizieren. Bei dem Beispiel Sack nun scheint nur ein einziges Lexem zu existieren. Dennoch finden wir auch hier in der Wörterbuchbeschreibung mehrere Bedeutungen angeführt. Sie seien hier zusammengefasst und versuchsweise durch französische Entsprechungen umschrieben:
1.
a. ›sac‹
b. ›poche‹
c. ›porte-monnaie, bourse‹
2. ??? (injure)
3. ›lacrymal‹
4. ›testicule‹
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Polysemie Lesarten
Obwohl wir nun davon ausgehen können, dass wir es mit einem einzigen Lexem zu tun haben, ruft der signifiant auch hier nicht genau einen, sondern mehrere – und sehr verschiedene! – signifiés im Geiste hervor. Das Lexem ist offenbar mehrdeutig. Hier handelt es sich nun jedoch nicht (wie bei der Homonymie) um eine gewissermaßen regelwidrige Ausnahmeerscheinung, sondern um den Normalfall. Er wird als Polysemie (›viel-bedeutend‹) bezeichnet. Wie man jedem Wörterbuch schnell entnehmen kann, sind die meisten Lexeme polysem; ihnen sind mehrere Bedeutungsvarianten oder Lesarten zugeordnet, die allerdings irgendwie miteinander zusammenhängen. Der Bedeutungszusammenhang kann enger oder weiter sein, deswegen hat man sich in dem Wörterbuch bei unserem Beispiel für die Unterscheidung von vier Lesarten entschieden, von denen die erste in nochmals enger verwandte Unterlesarten zerfällt.
Bedeutungsübertragung
Es ist auch ganz leicht zu erkennen, warum die Varianten der ersten Lesart enger zusammenhängen; sie fallen nämlich alle unter denselben Oberbegriff. In der Bedeutungsbeschreibung wird er bezeichnet als ›Behältnis‹, d.h. ›ein Gegenstand, in den man etwas hineintun, in dem man etwas verstauen kann‹. Das gilt natürlich für die Lesarten 3 und 4 nicht; es handelt sich dabei ja um Körperteile. Wie kommt es dennoch dazu, dass auch diese Referenten mit dem Ausdruck Sack bezeichnet werden können, und warum sehen wir darin eine Erscheinung der Polysemie, gehen also davon aus, dass diese Lesarten etwas miteinander zu tun haben? Auch die Antwort auf diese Frage ist nicht sehr schwer zu finden: Die Gemeinsamkeit der Referenten, auf die man sich mit dem Zeichen in den Lesarten 3 und 4 einerseits und 1 andererseits bezieht, besteht nicht in ihrer Funktion (Behältnis), sondern in der Form: Tränensäcke und Hodensäcke erinnern an die Form bestimmter Referenten des Lexems in der Lesart 1, nämlich an kleine Beutel, Behältnisse aus einem flexiblen Material, die an sich eigentlich keine fixe Form haben, sondern ihre besondere Gestalt (nach unten breit, ausgebuchtet) dadurch gewinnen, dass man etwas hineintut. Wir haben es hier also mit einer übertragenen Bedeutung zu tun, und der Anlass der Übertragung, das tertium comparationis, ist die Ähnlichkeit in der Form. Selbstverständlich können auch andere Ähnlichkeiten zum Anlass für Bedeutungsübertragungen werden. In einem anderen Wörterbuch der deutschen Sprache, dem Wahrig (Ausgabe 1997), wird dies in der Beschreibung einer Lesart ausdrücklich festgestellt:
etwas mit einem Sack (1) [d.h. in der Lesart 1 = ›länglicher Behälter …‹] Vergleichbares, entweder weil es nur einen Eingang u. keinen Ausgang hat [Sackgasse] oder weil es schlaff oder bauschend hängt.
Freilich sind die Ähnlichkeiten immer nur relativ und nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar. In unserem Beispiel ist vor allem die |60◄ ►61| Lesart 2, Sack als Schimpfwort in Verbindungen wie alter, fauler, blöder Sack, wohl recht schwer rekonstruierbar. Worin könnte die Ähnlichkeit eines Menschen mit dem Behälter bestehen? Ist es vielleicht die Form (z.B. dicker Bauch) bzw. die Formlosigkeit eines Menschen, der ›sich hängen lässt wie ein Sack‹, d.h. sowohl in der Körperhaltung als auch im moralischen Sinne keine Standfestigkeit, kein Rückgrat hat? Oder ist der Grund für die Übertragung vielleicht darin zu sehen, dass Säcke im Allgemeinen keinen großen materiellen Wert haben? Sie sind typischerweise aus grobem Stoff oder Wegwerfmaterial (Papier, Plastik) gefertigt. Vielleicht spielt auch beides eine Rolle, oder noch etwas anderes?
Die Bedeutung der Sach- und Sprachgeschichte für die Erklärung von Polysemie
Wie man sieht, begeben wir uns mit solchen Fragen auf die Suche nach der relativen Motiviertheit der Anwendung bestimmter Lexeme auf bestimmte Referenten, anders gesagt: Wir versuchen zu rekonstruieren, wie es zu solchen Lexemverwendungen und zu bestimmten Lesarten kommen konnte. Um solche Fragen beantworten zu können, ist es oft nützlich, ja manchmal notwendig, in die Geschichte zurückzublicken, sowohl in die Sach- als auch in die Sprachgeschichte. Wenn z.B. auch ein Portmonnee mit dem Ausdruck Sack belegt wird, so liegt das natürlich am Geldverkehr zu früheren Zeiten. Als es noch kein Papiergeld, sondern nur Münzen gab, trug man diese in mehr oder weniger großen Behältern von sackartiger Form bei sich. Für Geldscheine eignet sich dieser Aufbewahrungsbehälter nicht besonders gut, als Behältnisse kamen also Gegenstände anderer Form in Gebrauch. Sie hatten jedoch noch dieselbe Funktion wie die früheren Geldbeutel oder -säcke, und dies bildet einen hinreichenden Grund für die Beibehaltung des Lexems. Beispiele für solchen Wandel gibt es in Hülle und Fülle; wir führen nur ein zweites an: Schreibgeräte, die auf Deutsch als Bleistifte, auf Französisch als crayons bezeichnet werden, enthalten heutzutage weder Blei (›plomb‹) noch Kreide (›craie‹), sondern Grafit; die Ähnlichkeit in Funktion und Form bildet den Grund für die Anwendung des Lexems auch auf den neuen Typ der Stifte.
Die Relativität der Grenze zwischen Homonymie und Polysemie
Mitunter haben sich die Dinge derartig stark verändert, dass eine Rekonstruktion der früher mehr oder weniger offenkundigen Ähnlichkeit nicht mehr unmittelbar möglich ist. In diesen Fällen würde man dann das Vorliegen von Homonymie rekonstruieren. So ist es z.B. für viele schwer einsehbar, was das Gemeinsame an einer serrure und einem château sein soll; für Schloss werden dementsprechend zwei unabhängige Lexeme rekonstruiert. Für andere gehören jedoch beide Bedeutungen klar zum Verb schließen, denn bei dem Gebäude Schloss hatte man zunächst eine befestigte Burg vor Augen, in der man sich vor Eindringlingen schützen, sich abschließen konnte. Erst später bauten sich die Mächtigen besonders prunkvolle und repräsentative Gebäude, die keineswegs mehr einen besonderen Schutz nach außen bieten. Wer diese Verbindung sieht, rekonstruiert demnach ein Lexem mit mehreren Lesarten.
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11 Wortbedeutungen im Bewusstsein der Sprecher
Können wir nun sagen, dass die eine oder die andere Lösung die richtige ist? Welche Aufgabe hat der Wörterbuchschreiber, der Lexikograf? Soll er erklären, wie es zu der Bedeutungsvielfalt von Lexemen (Polysemie) und zu verschiedenen Lexemen mit identischem signifiant (Homonymie) gekommen ist, oder ist es nur wichtig festzuhalten, welche Lexeme gegenwärtig konventionell in welchen Bedeutungen gebraucht werden? Die Frage stellt sich um so mehr, als es ja in der parole ständig zu neuen Bedeutungsübertragungen kommen kann. Wer z.B. seinen Computer nur zu Textverarbeitungszwecken benutzt (und das waren einmal viele!), für den könnte es durchaus naheliegen, ihn als Schreibmaschine zu bezeichnen. Soll man deswegen für das Lexem Schreibmaschine eine Lesart ›Computer, der nur mit einem Textverarbeitungsprogramm ausgestattet ist‹ rekonstruieren? Schließlich haben wir auch eine elektronisch unter einem bestimmten Namen gespeicherte Datenmenge schon als Dokument bezeichnet, als etwa das Duden Universalwörterbuch in diesem Zusammenhang nur die Lesarten ›Urkunde, amtliches Schriftstück‹ und ›Beweisstück, Zeugnis‹ vorsah, was ja nicht auf Computerdokumente passt. Inzwischen ist auch die folgende Variante verzeichnet: ›(EDV) strukturierte, als Einheit erstellte u. gespeicherte Menge von Daten; [Text]datei‹.
Synchronie und Diachronie im Wörterbuch
Bei der Beantwortung der Frage, was denn nun die Aufgabe des Lexikografen, oder allgemeiner: der Sprachwissenschaft, ist, sollten wir noch einmal an Saussures Überlegungen zurückdenken. Nach seiner Auffassung geht es in der Linguistik der langue um die Rekonstruktion des Sprachsystems zu einem gegebenen Zeitpunkt (Synchronie). Wie die Verhältnisse früher einmal waren – die Diachronie also – ist für die Rekonstruktion des Systems irrelevant. Folgt man dieser Auffassung streng, so sind irgendwelche Erklärungen sprachlicher Phänomene, für die man erst auf frühere Sprach- und Weltzustände zurückgreifen muss, für die Rekonstruktion des Systems ohne Bedeutung. Viele konkrete Entscheidungen bei der Beschreibung einer Einzelsprache, wie man sie etwa in Wörterbüchern und Grammatiken findet, werden denn auch tatsächlich mit dem synchronen Standpunkt begründet: Wenn eine Beziehung synchron nicht mehr einsehbar ist, wird sie nicht als Gegebenheit des Systems gerechnet. So betrachten wir z.B. den Ausdruck Eltern als nicht weiter analysierbares Lexem, obwohl er natürlich historisch mit alt-älter-(die) Älter(e)n zusammenhängt; aber tatsächlich dürfte heutzutage bei Eltern kaum jemand an diese Verbindung denken. Synchron ist die Beziehung also nicht mehr gegeben, das Lexem erscheint unmotiviert. So wird es auch verständlich, dass heutzutage (vor allem jugendliche) Sprecher ihre Eltern auch als meine|62◄ ►63| Alten bezeichnen, d.h. dass sie auf ein Lexem zurückgreifen, in dem wieder neu die relative Motiviertheit hergestellt ist.
Etymologische Wörterbücher
Die Aufdeckung synchron nicht mehr unmittelbar einsichtiger Beziehungen erleichtert uns aber das Lernen der Sprache und fördert unser Verständnis für ihr Funktionieren. Tatsächlich interessiert viele Sprachteilhaber an linguistischer Arbeit ganz besonders dieser Aspekt. Sie fragen: Wo kommt dieser Ausdruck her, wie kommt es zu dieser Bedeutung? Sie empfinden offenbar Vergnügen und Befriedigung, wenn sie erkennen können, dass etwas, was auf den ersten Blick arbiträr erscheint, doch relativ motiviert ist. Auch die Sprachwissenschaftler haben die diachrone Fragestellung natürlich nie ganz aus dem Auge verloren. Wir können also die Frage nach den Aufgaben der Lexikografen zunächst mit dem Hinweis auf eine Arbeitsteilung beantworten: Die diachron orientierte Linguistik beschäftigt sich mit der Frage nach der Entwicklung von Sprachen. Auf lexikografischem Gebiet fasst sie ihre Ergebnisse in etymologischen oder Herkunfts-Wörterbüchern zusammen, die auch für an Sprachfragen interessierte Laien aufschlussreich sein können. Die synchron orientierte Linguistik versucht dagegen, das Funktionieren eines sprachlichen Systems zu einem gegebenen Zeitpunkt zu beschreiben und vernachlässigt dabei die Frage nach dem Sprachwandel. In synchron orientierten Wörterbüchern (für die heutige Zeit also: Wörterbüchern der Gegenwartssprache) braucht sie nur die konventionellen Lexemverwendungen aufzubereiten, die im Augenblick geläufig sind. Solche Beschreibungen sind daher für Sprachteilhaber relevant, die vor allem wissen wollen, welche Konventionen im Moment gültig sind.
Die historische Tiefe des sprachlichen Wissens
Allerdings lassen sich beide Orientierungen dennoch nicht ganz scharf voneinander trennen. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Rekonstruktion des synchronen Systems ja letzten Endes der Versuch ist, das sprachliche Wissen der Sprachteilhaber, also eine psychische Größe, zu rekonstruieren. Nun hat jedoch das sprachliche Wissen jedes einzelnen immer eine gewisse historische Tiefe. Wer schon 1920 gehört und gelesen hat, kennt selbstverständlich noch viele Lexemverwendungen, die heute ganz ungebräuchlich sind, und vielleicht kennt er viele nicht, die erst in neuester Zeit aufgekommen sind, weil er z.B. kaum mit jungen Leuten kommuniziert. Auch das Bewusstsein für bestimmte Zusammenhänge, die Motiviertheit von einzelnen Lesarten etwa, verschwindet in der Sprachgemeinschaft nicht plötzlich, sondern nur allmählich und kann überdies – z.B. durch etymologische Erläuterungen – auch immer wieder (re-)aktiviert werden. So kommt es dazu, dass manche Menschen den Zusammenhang zwischen den Lesarten von Schloss oder zwischen Eltern und alt erkennen und andere nicht. Außerdem werden sich manche für solche Zusammenhänge interessieren und andere nicht.
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Jeder Wörterbuchschreiber muss daher immer gewisse Kompromisse machen. Das Wörterbuch, aus dem wir unsere beiden Eingangsbeispiele entnommen haben, ist ein vor allem synchron orientiertes. Trotzdem führt es am Anfang der Einträge auch etymologische Erläuterungen an und greift hier und da auf historische Erklärungen zurück, z.B. wenn der Ausdruck Sack Zement als Entstellung aus Sakrament erklärt wird oder die Hintergründe für den Ausdruck der Weiße Sonntag aufgedeckt werden. Dies entspricht Zugeständnissen an den Tatbestand,
Ein synchroner Schnitt betrifft nicht einen Zeitpunkt, sondern einen größeren Zeitraum
dass ein wirklich synchroner Schnitt, die Momentaufnahme einer Sprache (z.B. Deutsch am 17.9.1998, 11 Uhr 50) ohnehin gar nicht möglich und auch nicht sinnvoll ist. Wie schnell sich nun allerdings die sprachlichen Verhältnisse wirklich ändern, ist außerordentlich schwer zu sagen. Leicht festzustellen ist hingegen, dass die Wörterbücher alle paar Jahre neu herausgegeben werden. Ist das eigentlich notwendig, muss man ständig das neueste haben, geht es dabei nur um Änderungen in der Orthografie, die die Diskussion im letzten Jahrzehnt ja beherrscht haben?
Das Textbeispiel 11 habe ich aus dem Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in sechs Bänden entnommen, das im Jahre 1981 vollständig vorlag. Die 2. Auflage erschien in acht Bänden (1995), die 3. in zehn Bänden liegt seit 1999 vor. Wächst die deutsche Sprache so schnell und zunehmend rasant, dass man alle zwei Jahre einen neuen Band füllen kann? Schauen wir uns am Beispiel etwas genauer an, welche
Veränderungen beim Eintrag Sack
Veränderungen vorgenommen wurden: Der Eintrag zu Sack ist in der neuesten Version etwa doppelt so lang wie 1980 (in diesem Jahr erschien der 5. Band mit der Buchstabenstrecke O-So). Eine echte Neuigkeit in der Wirklichkeit ist der gelbe Sack, der erst mit dem dualen System der Müllbeseitigung in den 1990er Jahren auch als komplexes Lexem in die Welt kam, so dass erst in den Neuauflagen erklärt werden konnte: ›gelber Plastiksack, in dem recycelbare Wertstoffe gesammelt werden‹.
Alle anderen Änderungen beruhen meiner Einschätzung nach nicht auf Sprach- und/oder Weltwandel, sondern auf veränderten Prinzipien oder Entscheidungen der Wörterbuchmacher. Die wesentlichste, d.h. diejenige, die zu einer so bedeutenden Umfangserweiterung führt, besteht darin, dass viel großzügiger nicht nur Beispielsätze, sondern auch authentische Verwendungen, Belege also, aufgenommen werden, z.B.:
»Nachdem er als Moderator von ›Show u. Co. mit Carlo‹ … in den S. gehauen hat [Hörzu 19, 1986, 5]«,
»Zusatzlichter mit Batterie … lassen sich abnehmen und in den S. stecken (Basler Zeitung 2.10.1985, 27)«.
Häufiger geworden sind auch die Erklärungen zur (eventuellen) Herkunft von Phraseologismen: jemanden in den Sack stecken » geht wohl auf |64◄ ►65| eine frühere Art von Wettkampf zurück, bei der der Besiegte vom Sieger tatsächlich in einen Sack gesteckt wurde«. Die Wendung in Sack und Asche gehen erfährt folgende Erläuterung: »wohl nach dem Alten Testament [Esther 4, 1], wo von dem altorientalischen Brauch berichtet wird, dass die Menschen sich zum Zeichen der Trauer in grobes Tuch [Säcke] kleideten u. sich Asche auf die Haare streuten«. Auch die eigentliche Bedeutung des griechischen sákkos ist neu hinzugekommen: »= grober Stoff aus Ziegenhaar; (aus solchem Material hergestellter) Sack«.
Als eine gewisse Selbstkorrektur betrachte ich die Aufnahme zusätzlicher Fügungen, die man 1980 wohl vergessen bzw. für nicht so wichtig gehalten hatte. Schon länger gehören jedenfalls die folgenden Verwendungen zur deutschen Sprache:
das Kleid sitzt, sieht aus wie ein S. (ist unförmig, schlecht geschnitten); lieber einen S. [voll] Flöhe hüten als … (… ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe): lieber einen S. [voll] Flöhe hüten als diese drei Kinder [zu] beaufsichtigen.
Nicht sicher bin ich mir bei angeben wie ein, zehn Sack Seife, was eine saloppe Ausdrucksweise mit der Bedeutung ›sehr prahlen‹ sein soll, die mir noch nicht begegnet ist.
Als Korrektur muss man auch betrachten, dass der dritte Unterfall der ersten Lesart, nämlich ›Geldbeutel‹ entfallen ist und keinen Pfennig im Sack haben jetzt auf die Tasche im Kleidungsstück bezogen wird (die Anpassung des Beispielsatzes an die neue Währung ist im Universalwörterbuch seit 2003 vorgenommen).
Ob es sich um Sprachwandel oder eine veränderte Einschätzung der Lexikografen handelt, ist mir am wenigsten klar bei einigen Veränderungen, die die Gebrauchsbedingungen betreffen. Während nämlich 1980 die Lesart ›Mann, Mensch‹ als ›derb, meist abwertend‹ bezeichnet wurde, ist sie 1999 nur noch als ›salopp abwertend‹ charakterisiert. Umgekehrt sind jemandem auf den Sack fallen und etwas bzw. eins auf den Sack kriegen nun nicht mehr ›salopp‹, sondern ›derb‹. Aber solche Einschätzungen sind ja ohnehin recht subjektiv.
Das Wörterbuch ist eine Annäherung an das unterschiedliche Sprachwissen vieler Individuen
Dies zeigt am deutlichsten, dass ein Lexikograf auch in anderer Hinsicht die Idealisierung von der langue als einem stabilen und homogenen System zurücknehmen muss.
Wie wir im zweiten Kapitel gesehen haben, umfasst eine Einzelsprache tatsächlich ja verschiedene Varietäten, z.B. landschaftliche, stilistische und soziale. Das Wörterbuch versucht, die Varietäten umfassend zu beschreiben (und gibt damit übrigens ein Sprachwissen wieder, über das kein einziger konkreter Sprachteilhaber wirklich verfügt).
Zusammenfassung
Es sind, so können wir zusammenfassend feststellen, hauptsächlich drei Tatbestände, die dazu führen, dass ein Wörterbuchartikel |65◄ ►66| viel komplizierter ist, als es das einfache Zeichenmodell von Saussure erwarten lässt:
Polysemie Wörter und Wendungen: Idiomatik
– Lexeme haben meist mehrere Lesarten (Polysemie).
– In ihrer Bedeutung konventionalisiert sind nicht nur Einzelausdrücke (von der Größe eines Worts, also Sack und weiß), sondern auch komplexere Ausdrücke, Fügungen wie der Weiße Sonntag, Redewendungen wie in den Sack hauen oder jemandem nicht das Weiße im Auge gönnen, Redensarten oder Sprichwörter wie Den Sack schlägt man, den Esel meint man und schließlich geläufige Sätze wie Ihr habt zu Hause wohl Säcke an den Türen. Auch diese Einheiten haben den Status von Lexemen in dem Sinne, dass sie fest im Lexikon gespeichert sind, d.h. nicht erst im jeweiligen Parole-Akt neu konstruiert werden.
Varietätenspezifik
– Lexeme und deren Lesarten sind zum Teil nur in bestimmten Varietäten der Sprache gebräuchlich. Ihre regional, stilistisch usw. nur begrenzt gültige Verwendbarkeit muss erläutert werden.
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12 Sprache als Mittel des Denkens: Die Kategorisierung der Welt
Bei der Betrachtung der Bedeutungsbeschreibung in Wörterbüchern waren wir bereits auf die Wichtigkeit der Polysemie von Lexemen für das Funktionieren einer natürlichen Sprache gestoßen. Die Polysemie von Lexemen kommt vor allem dadurch zustande, dass ein Ausdruck, der eigentlich für eine bestimmte Art von Referenten gebraucht wird, auch für ganz andere Referenten verwendet werden kann, die in irgendeiner Ähnlichkeitsbeziehung dazu stehen. Wenn sich ein solcher Gebrauch einbürgert, liegt eine neue konventionalisierte Lesart vor.
Die Vielfalt der außersprachlichen Gegenstände
Schon in einer einzelnen Lesart referiert jedoch ein Lexem potenziell auf Gegenstände, die einander durchaus nicht besonders ähnlich sein müssen. So kann man als Sack sowohl einen großen Behälter aus Jute bezeichnen, in dem z.B. Kartoffeln oder Kohle transportiert werden und der oben zugebunden werden kann, als auch einen großen Sack aus festem Papier (z.B. für Zement), der nicht zugebunden, sondern nur verklebt werden kann, als auch z.B. einen kleinen Plastikbeutel, in dem gerade einmal ein Kilo Mohrrüben Platz hat und der an zwei Stellen auf die gleiche Weise verschweißt ist. In manchen Gegenden des deutschen Sprachraums (in der Schweiz) kann man dann auch noch Plastikbeutel oder Papiertüten, wie sie z.B. in Supermärkten |66◄ ►67| ausgegeben oder verkauft werden, als Säcke bezeichnen. Im Norden würde man dagegen bei der Bitte um einen (Plastik-) Sack wohl auf ziemliches Unverständnis an der Kasse stoßen. Auch wenn jemand von seinem Schweizer Sackmesser oder vom zu geringen Sackgeld spricht, reizt das viele Nordlichter zum Lachen. Bei ihnen heißt es nämlich Taschenmesser bzw. Taschengeld.
Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Gegenständen sind relativ
Nun ist es natürlich nicht so, dass die Norddeutschen nicht in der Lage wären, die große Ähnlichkeit zwischen einer Plastiktüte der Coop und einem kleinen Beutel für Gemüse zu erkennen, denn beide haben miteinander ja wohl mehr gemeinsam als mit dem großen Kartoffelsack. Auch die Ähnlichkeit von solchen Säcken oder Säckchen mit der Hosen- oder Jackentasche kann man nicht als besonders abwegig ansehen, wenn man sogar die Ähnlichkeit zum Tränensack erkennt. Verschieden sind also nicht die kognitiven Fähigkeiten (nämlich Ähnlichkeiten zu sehen), sondern lediglich die sprachliche Strukturierung der Welt.
Wir kommen damit auf Saussures Begriff der valeur und der Systemgebundenheit sprachlicher Zeichen zurück. Wir hatten im neunten Kapitel festgestellt: Die potenzielle Referenz eines Ausdrucks ergibt sich letztlich erst daraus, welche anderen Ausdrücke ihm an der Seite stehen. Während man im Englischen zwischen sheep und mutton differenziert, steht dem im Französischen nur mouton gegenüber. Gleiches gilt für unser Beispiel: Im Norddeutschen beschränkt die Existenz von Tasche die potenzielle Referenz von Sack, während dies im Süddeutschen – und erst recht im Französischen (sac) – nur zum Teil bzw. gar nicht der Fall ist. Letztlich bedeutet dies aber nichts anderes, als dass wir die Bedeutung, den Stellenwert (valeur), eines Lexems überhaupt nicht genau beschreiben können, ohne zugleich andere Lexeme zu berücksichtigen. Bedeutungsverwandte Ausdrücke müssen also im Zusammenhang gesehen werden, damit man feststellen kann, welche spezifische Strukturierung eines Weltausschnitts in einer bestimmten Sprache gegeben ist, d.h. für welche Kategorien es in der Sprache konventionalisierte Zeichen gibt.
Kategorisierung
Es geht also grundlegend um das Phänomen der Kategorisierung; diese erfolgt einerseits durch Abstraktion (kognitive Nivellierung von Verschiedenheiten), andererseits durch Differenzierung (kognitive Hervorhebung von Verschiedenheiten). Die beiden Vorgänge lassen sich folgendermaßen erläutern:
Abstraktion
Die Abstraktion ist notwendig, weil nicht jeder einzelne Gegenstand in der Welt einen eigenen ›Namen‹ bekommen kann. Man will ja oft eine Vielzahl von individuellen Objekten zu einer Klasse zusammenfassen und muss dabei von vielen ihrer besonderen Eigenschaften absehen. Man kann fast beliebig weit abstrahieren und z.B. sämtliche Unterschiede zwischen individuellen Objekten beiseite lassen; das geschieht mit Ausdrücken wie Ding oder quelque chose. Sehr viel weniger |67◄ ►68| (aber immer noch Milliarden von) Individuen werden in der Klasse zusammengefasst, für die es im Deutschen den Ausdruck Mensch gibt.
Differenzierung
Die Differenzierung ist notwendig, weil wir oft auch kleinere Klassen bilden, d.h. verschiedene Dinge gegeneinander abgrenzen wollen. Dabei müssen speziellere Eigenschaften herausgehoben werden. Mit Mensch beziehen wir uns z.B. nur auf solche Etwasse, die die Eigenschaften haben, ›Lebewesen‹ und ›menschlich‹ zu sein.
Eigennamen
Man kann auch beliebig weit differenzieren – im äußersten Fall bildet man gar keine Klasse mehr, sondern bezieht sich auf ein Etwas als ganz Individuelles. Dafür stehen spezielle sprachliche Ausdrücke zur Verfügung, nämlich Eigennamen: Johann Wolfgang von Goethe. Das reicht aber nicht immer aus: Herta Müller, verwitwete Adamzik, geb. am 11.6.1931 in Kiel könnte man nämlich verwechseln mit Herta Müller, Schriftstellerin, geb. 1953 in Nitzkydorf (Rumänien), 2009 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
Die Relativität von sprachlichen Kategorien
Man kann nicht nur beliebig weit abstrahieren bzw. beliebig fein differenzieren, vielmehr kann man im Prinzip auch auf beliebige Art differenzieren. Dies zeigt das Textbeispiel 12, dessen Kategorisierungen (Tiere, die dem Kaiser gehören; Tiere, die den Wassertopf zerschlagen haben; Tiere, die mit einem feinen Pinsel gezeichnet sind, usw.) uns wohl ziemlich absurd vorkommen. Allerdings ist jede Kategorisierung nur relativ gültig und sinnvoll. Wenn wir mit Kategorisierungen konfrontiert werden, die wir nicht gewohnt sind – und dies ist eben häufig schon der Fall, wenn man den konventionellen Kategorisierungen einer fremden Sprache oder Varietät begegnet –, löst das zwar oft Befremden oder Belustigung aus, in der Regel reicht jedoch einiger guter Wille, um die (relative) Nützlichkeit auch dieser fremden Kategorisierung zu begreifen. Auch ungewohnte Kategorisierungen, besonders wenn sie sehr fein sind, dienen nämlich im Allgemeinen bestimmten Zwecken: Je genauer man sich mit einem Gegenstandsbereich auseinandersetzt, desto genauer wird man differenzieren. Daher besteht auch eine wesentliche Eigenschaft von Wissenschaften in der Kreation neuer Differenzierungen, neuer Termini bzw. einer ganzen Fachsprache (ein Typ von Varietät). Wenn es z.B. für den an Sprache nicht weiter Interessierten ausreicht, über Ausdrücke wie Wort und Zeichen zu verfügen (diese kennt aber wirklich jeder Deutschsprachige), so sieht man sich bei genauerer Analyse des Gegenstandes veranlasst, weiter zu differenzieren und etwa zwischen Lexem und Wort oder signifiant und signifié zu unterscheiden.
Kategorienbildung mit komplexen Ausdrücken
Kategorienbildung ist jedoch nicht an die Kreation neuer Ausdrücke gebunden. Der Text von Borges und auch das Beispiel Herta Müller zeigen uns jedoch Folgendes: Wenn man beliebig (d.h. entsprechend sehr spezifischen Interessen und Bedürfnissen) kategorisieren will, dann greift man im Allgemeinen auf komplexe sprachliche Ausdrücke zurück: Einzelne Unterscheidungsmerkmale werden explizit genannt und miteinander kombiniert. Auf diese Weise ist jedwede Kategorienbildung (in jeder Sprache) möglich. Wiederum ist es gerade in wissenschaftlichen Untersuchungen oft notwendig, sehr spezielle Kategorien zu bilden. Beispielsweise könnte es für eine linguistische Untersuchung sinnvoll sein, die folgende Kategorie zu bilden: ›Personen, die zur Zeit in Genf ansässig sind, zwischen 1960 und 1980 geboren wurden, im August Geburtstag haben und deren Mutter zweisprachig ist‹. Nichts hindert, eine solche für die Untersuchung gebildete Kategorie dann auch noch mit einem sprachlichen Sonderzeichen zu belegen, etwa Zwimu (von zweisprachige Mutter), eine Vergleichsgruppe hieße dann natürlich Zwiva usw. Solche Ausdrücke für ›x-beliebige‹ Kategorien werden allerdings kaum eine Chance haben, in der Sprachgemeinschaft konventionalisiert zu werden, sie bleiben Ausdrücke der Gruppensprache der mitarbeitenden Forscher.
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Textbeispiel 12: Die vierzig Kategorien des Universums
In der Universalsprache, die John Wilkins um die Mitte des 17. Jahrhunderts erfand, definiert jedes Wort sich selber. Schon Descartes hatte in einem Brief, datiert vom November 1629, vermerkt, daß wir mit Hilfe der Zählung nach dem Dezimalsystem binnen eines einzigen Tages die Zählung sämtlicher Größenmengen bis zum Unendlichen erlernen und diese in einer neuen Sprache, nämlich in Ziffern, niederschreiben können, und hatte entsprechend die Bildung einer Allgemeinsprache vorgeschlagen, die das menschliche Denken organisieren und in sich befassen sollte. John Wilkins nahm um das Jahr 1664 diese Aufgabe in Angriff.
Erteilte das Universum in 40 Kategorien oder Genera auf, die sich ihrerseits in »Differenzen« und diese wiederum in »Spezies« unterteilten. Jedes Genus bezeichnete er mit einer Silbe aus zwei Buchstaben; jede Differenz mit einem Konsonanten; jede Spezies mit einem Vokal. Zum Beispiel: de bedeutet: Element; deb das erste der Elemente, das Feuer; deba einen Teil des Elements Feuer, eine Flamme. In der ähnlich konstruierten Sprache von Letellier (1850) bedeut ›a‹ soviel wie Tier; ›ab‹ Säugetier; ›abo‹ Fleischfresser; ›aboj‹ Katzengattung; ›aboje‹ Katze, ›abi‹ Pflanzenfresser, ›abiv‹ Pferdegattung usw. […] Die Wörter der analytischen Sprache John Wilkins’ sind keine plumpen willkürlichen Symbole. Jeder einzelne der Buchstaben, aus denen sie sich zusammensetzen, ist bezeichnend, so wie für die Kabbalisten die Buchstaben der Heiligen Schrift. […]
Nachdem wir Wilkins’ Methode definiert haben, müssen wir ein Problem untersuchen, das sich unmöglich oder nur schwer hintan halten läßt: die Gültigkeit der Vierzigertabelle, die der Sprache zugrunde liegt. Betrachten wir die achte Kategorie, unter die die Gesteine fallen. Wilkins unterteilt sie in gewöhnliche (Kiesel, Kies, Schiefer), in durchschnittliche (Marmor, Bernstein, Koralle), in kostbare (Perle, Opal), in durchsichtige (Amethyst, Saphir), in unlösliche (Steinkohle, Ton, Arsenik). Fast so beunruhigend wie die achte ist die neunte Kategorie. Sie führt uns vor Augen, daß die Metalle unvollkommen (Zinnober, Quecksilber), daß sie künstlich (Bronze, Messing), abfallartig (Eisenfeilspäne, Rost) und natürlich (Gold, Zinn, Kupfer) sein können. Die Schönheit hat ihren Ort in der sechzehnten Kategorie; sie ist ein lebendgebärender, länglicher Fisch. Diese Doppeldeutigkeiten, Überlagerungen und Fehlanzeigen erinnern an die Gebrechen, die Franz Kuhn einer gewissen chinesischen Enzyklopädie nachsagt, die sich betitelt: Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse. Auf ihren weit zurückliegenden Blättern steht geschrieben, daß die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen. Das bibliographische Institut in Brüssel befleißigt sich ebenfalls des Chaotischen: es hat das Weltall in tausend Unterteilungen zerstückelt. Nummer 262 entspricht dem Papst, 282 der römisch-katholischen Kirche, 263 dem Tag des Herrn, 268 den Sonntagsschulen, 289 dem Mormonismus und 294 dem Brahmanismus, Buddhismus, Schintoismus und Taoismus. Es schreckt vor den heterogensten Unterteilungen nicht zurück. So zum Beispiel Nummer 179: »Grausamkeit gegen Tiere. Tierschutz. Das Duell und der Selbstmord, moralisch betrachtet. Verschiedene Laster und Gebrechen. Verschiedene Tugenden und Qualitäten«.
Ich habe Wilkins, den unbekannten (oder apokryphen) chinesischen Enzyklopädisten und das Bibliographische Institut in Brüssel mit einer Aufstellung von Beliebigkeiten vorgeführt. Bekanntlich existiert keine Klassifikation des Universums, die nicht willkürlich und mutmaßlich ist. Aus einem sehr einfachen Grund: wir wissen nicht, was das Universum ist.
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Bei der Beschreibung des Systems einer Einzelsprache kommt es nun genau darauf an zu rekonstruieren, welche Kategorisierungen konventionalisiert sind, nämlich Lexemen der langue (eines Systems, das für eine ganze Sprachgemeinschaft oder größere Untergruppen davon verbindlich ist) entsprechen.
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13 Bedeutungsverwandte Ausdrücke: Wortfelder
Das Wortfeld Oberbegriff – Unterbegriffe
Da die valeur eines Lexems sich daraus ergibt, welche anderen Lexeme ihm an der Seite stehen, besteht ein erster Schritt der Rekonstruktion der sprachspezifischen Kategorien in der Zusammenstellung von Lexemen, die einander ähnlich sind, sich eben gegenseitig begrenzen. Solche Gruppen bedeutungsverwandter Lexeme werden mit dem Terminus Wortfeld bezeichnet. Genauer gesagt werden jedoch bei der Zusammenstellung immer nur einzelne Lesarten dieser Lexeme berücksichtigt. Die Fragestellung ist also zunächst onomasiologisch: Welche Lexeme gibt es für diesen Gegenstandsbereich? Für den Gegenstandsbereich ›Behältnisse‹ kommen z.B. neben Sack und Tasche im Deutschen noch in Frage: Tüte, Beutel, Netz, Ranzen, Korb, Mappe, Tornister, Dose, Kiste, Truhe … Alle fallen unter einen Oberbegriff (man benutzt dafür auch den Terminus Hyperonym, zu griechisch hyper- ›über‹), hier: ›Behälter‹. Umgekehrt spricht man von Unterbegriff (oder Hyponym, zu griechisch hypo- ›unter(halb)‹). Mann, Frau, Kind, Junge, Mädchen usw. sind z.B. hyponym zu ›Mensch, Person‹.
Synonymie
Bedeutungsverwandte Ausdrücke sind einander natürlich mehr oder weniger nahe. Eng bedeutungsverwandte Ausdrücke können |70◄ ►71| gleichermaßen auf ein und denselben Referenten angewandt werden. So kann man für einen bestimmten Gegenstand etwa durchaus wählen zwischen Tasche, Tüte und Beutel; auf keinen Fall könnte man dagegen für denselben Gegenstand Dose, Kiste oder Truhe verwenden. Wenn zwei Lexeme ohne jeden Bedeutungsunterschied in jedem möglichen Parole-Akt gegeneinander ausgetauscht werden können, sprechen wir von strenger Synonymie. Ein solcher Fall kommt jedoch nur selten vor, meistens gehören die Ausdrücke nämlich mindestens einer anderen Varietät an: Beispielsweise sagt man im Süden Samstag, im Norden Sonnabend, in Frankreich quatre-vingt-dix, in der französischen Schweiz und Belgien nonante usw.
Das Beispiel der Personenbezeichnungen
Hat man bedeutungsverwandte Ausdrücke zusammengestellt, kommt es weiter darauf an zu bestimmen, was sie inhaltlich gemeinsam haben und worin sie sich unterscheiden. Wir suchen also nach den Differenzierungsmerkmalen. Beginnen wir mit einem ganz einfachen Beispiel, den gängigsten Personenbezeichnungen im Deutschen: Mensch, Kind, Frau, Mann, Mädchen, Junge. Alle diese Lexeme haben eines gemeinsam: Sie bezeichnen menschliche Wesen, daher ist der Ausdruck Mensch der Oberbegriff zu den anderen. Als Differenzierungsmerkmale kommen offensichtlich das Geschlecht und das Alter ins Spiel. Man kann diese Verhältnisse zusammenfassend in der folgenden Tabelle darstellen:

Semantische Merkmale/Seme
Wie man sieht, lässt sich die Bedeutung der sechs Lexeme säuberlich voneinander unterscheiden, wenn man drei Differenzierungsmerkmale berücksichtigt. Diese analytisch unterscheidbaren Bedeutungskomponenten bezeichnen wir von jetzt an als semantische Merkmale oder Seme. Jedes Lexem weist eine andere Kombination von Semen auf. Allen gemeinsam ist das semantische Merkmal ›menschlich‹, das einzige, das bei Mensch spezifiziert ist; daran ist erkennbar, dass dies der Oberbegriff ist. Bei Kind ist das Merkmal Geschlecht nicht spezifiziert, dieses Lexem bildet daher den Oberbegriff zu Junge und Mädchen. Die Bedeutung eines Lexems, den signifié, können wir nun also als ein
Semem: ein Bündel semantischer Merkmale
Bündel von Semen betrachten. Dafür benutzt man den Ausdruck Semem.
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Der Nutzen der Merkmalanalyse
Welchen Nutzen hat eine solche Aufspaltung der Lexembedeutung in Seme? Einerseits kann man auf diese Weise sehr klar die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Lexemen darstellen. Dies ist besonders deswegen möglich, weil Merkmale, die auf den ersten Blick ganz verschieden zu sein scheinen, als verschiedene Ausprägungen ein und desselben Merkmals analysiert werden. So kann man bei Lebewesen etwa zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen unterscheiden, aber auch mit dem Merkmal ›menschlich‹ und den Ausprägungen ›ja/ nein‹ bzw. ›+/ – ‹ arbeiten. Bei Vorliegen von › – menschlich‹ würde man dann auf einer Ebene tiefer mit dem Merkmal ›± tierisch‹ operieren. Ebenso kann man weiblich und männlich zusammenfassen und wahlweise ›männlich‹ als › – weiblich‹ bzw. ›weiblich‹ als › – männlich‹ definieren.
Sprachvergleich
Vor allem erlaubt uns die Methode aber auch, die Lexeme verschiedener Sprachen miteinander zu vergleichen. Sie operieren nämlich häufig mit denselben Semen. Zumindest einige (vielleicht aber auch sehr viele) semantische Merkmale sind bei der sprachlichen Kategorisierung so fundamental, dass wir sogar annehmen können, es handele sich um universale, also in allen Sprachen vorliegende, Merkmale. Dazu gehört höchstwahrscheinlich das Sem ›menschlich‹, denn die Besonderheit der eigenen Gattung gegenüber anderen Lebewesen sprachlich hervorzuheben, entspricht anscheinend einem menschlichen Grundbedürfnis.
Die Semanalyse kann aber vor allem Unterschiede zwischen Einzelsprachen aufdecken, und auch dafür finden wir in unserem einfachen Beispiel schon einen Beleg, für den wir nur das Französische heranziehen müssen. Dort gibt es nämlich kein besonderes Lexem mit der Semkombination: ›menschlich‹, ›männlich‹, ›erwachsen‹, denn homme entspricht ja sowohl Mann als auch Mensch. Man muss also aus dem Kontext entnehmen, welche Lesart gemeint, welches die aktuelle Bedeutung ist, oder sich mit einem komplexen Ausdruck wie être humain bzw. (être humain) adulte (de sexe) masculin behelfen.
Systematisierung des Ansatzes: die Komponentenanalyse
Für die differenzierte Beschreibung des lexikalischen Inventars einer Einzelsprache, aber auch für den systematischen Vergleich des Wortschatzes verschiedener Sprachen wäre es nun sehr nützlich, wenn wir alle Lexeme als Sememe, als Bündel semantischer Merkmale, darstellen könnten. Dabei würden wir dann auch Aufschluss darüber gewinnen, wie ähnlich oder verschieden die vielen Einzelsprachen denn eigentlich sind: Arbeiten sie überwiegend mit denselben Semen und sind nur die jeweiligen Bündelungen, also die Sememe, verschieden, oder gibt es auch (viele) sprachspezifische Seme? Besonders in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hat man in der Semantik viele Anstrengungen unternommen, Wortfelder nach dieser Methode zu analysieren. Diese Ansätze fasst man unter der Bezeichnung Merkmal-|72◄ ►73| oder Komponentenanalyse zusammen. Ein bekanntes Beispiel8 für solch eine Analyse betrifft Lexeme für Sitzgelegenheiten im Französischen:
Das Beispiel der Sitzgelegenheiten

Wie man sieht, wird hier die oben schon angedeutete Methode angewandt, Inhaltsbestandteile als Ausprägungen von Semen darzustellen. Für die Beispiellexeme reichen die Ausprägungen + oder – ; zusätzlich wird aber oft die Ausprägung ›irrelevant‹ bzw. ›nicht spezifiziert‹ (unser früheres ›unentschieden‹) notwendig, dargestellt meist durch ± oder Ø. Die einzelnen Seme werden mit einem kleinen ›s‹ symbolisiert und durchnummeriert, die gleichfalls durchgezählten Sememe bekommen den Großbuchstaben ›S‹. Gegenüber normalen Bedeutungsumschreibungen, wie wir sie in Wörterbüchern finden, hat die Darstellungsmethode folgenden Vorteil: Sie zwingt uns zu einer expliziten, vollständigen und kohärenten Beschreibung. Alle bedeutungsverwandten Lexeme werden ›im selben Format‹ beschrieben, und zwar vollständig, und erst dies gewährleistet einen exakten Vergleich.
Probleme der Analysemethode
Die Methode wirft aber auch eine Reihe von Schwierigkeiten auf, und tatsächlich sind bislang für keine Sprache größere Ausschnitte des Wortschatzes auf diese Weise beschrieben oder gar zweisprachige Wörterbücher nach diesem System erstellt worden. In neuerer Zeit ist man sogar insgesamt von dieser Methode der Bedeutungsbeschreibung wieder abgekommen. Wir wollen im Folgenden klären, wo ihre Probleme liegen und konzentrieren uns dabei auf zwei Aspekte. Einerseits fragt sich, ob die Komponentenanalyse tatsächlich fein genug zwischen bedeutungsverwandten Ausdrücken unterscheiden kann und alle relevanten Differenzierungsmerkmale erfasst. Andererseits kann man daran zweifeln, dass eine Inhaltskomponente tatsächlich mit Hilfe der Ausprägungen +, – und ± bestimmt werden kann. In traditionellen Wörterbuchbeschreibungen heißt es nämlich stattdessen – und dies ist wahrscheinlich kein Zufall – oft, ein bestimmtes Merkmal sei ›mehr bzw. weniger‹, ›meistens oder selten‹ gegeben und dergleichen. Dies ist auch bei beiden Beispielen aus Kapitel 10 der Fall (vgl. Textbeispiel |73◄ ►74| 11). Bei weiß heißt es u.a. (Lesart 2a) ›sehr hell aussehend‹, bei Sack ›größeres Behältnis‹.
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14 Die so genannten Synonyme I: Denotation und Konnotation
Eng bedeutungsverwandte Ausdrücke
Unsere Paradebeispiele für die Komponentenanalyse – die zitierten Analysen der Personenbezeichnungen und der Sitzmöbel – sind insofern problematisch, als sie jeweils nur wenige Lexeme berücksichtigen und gerade besonders eng bedeutungsverwandte Ausdrücke beiseite lassen. Ein bestimmtes Wesen ist in der Regel entweder Mann, Frau, Junge oder Mädchen, wählen kann man also nur zwischen einem dieser Ausdrücke und den Oberbegriffen Mensch bzw. Kind. Es gibt aber noch eine große Menge weiterer Lexeme, die man wahlweise einsetzen kann, um auf ein und dasselbe Wesen (bzw. die entsprechende Gruppe) zu referieren, Ausdrücke also, die quasi synonymisch sind. Demonstrieren wir dies lediglich an dem Ausschnitt für nicht-erwachsene Personen. Dafür erweitern wir zunächst die Lexemliste:
Nicht-erwachsene Personen
– Kind, Kleinkind, Baby, Säugling, Gör(e), Balg, Kids, Teenie
– Mädchen, Mädel, Maid, Dirn, Girlie
– Junge, Knabe, Bub(e), Bengel, Bursche
Referenzielle/ denotative Bedeutungsebene
In der ersten Gruppe, bei den geschlechtsunspezifischen Bezeichnungen, gibt es offenbar noch ein eindeutiges Differenzierungsmerkmal, nämlich das Alter. Offenbar reicht › – erwachsen‹ zur Abgrenzung nicht aus: Kleinkind, Baby und Säugling referieren auf jüngere Kinder, Teenie sollte nur für Kinder von mindestens (drei)zehn Jahren gebraucht werden können. Dieses Differenzierungskriterium ist, ebenso wie das Geschlecht, sehr leicht nachvollziehbar; es betrifft nämlich bestimmte Eigenschaften der Referenten, und zwar Eigenschaften, die ihnen objektiv zukommen. Sie dienen zur Unterscheidung von Gegenstandsklassen in der Wirklichkeit, und das war ja auch der Ausgangspunkt unserer Überlegungen: Worauf, auf welche Klasse von Objekten kann man mit dem Lexem referieren? Diese Art von Differenzierungsmerkmalen betrifft die referenzielle oder denotative Bedeutungsebene (zu lateinisch denotare ›bezeichnen‹), und auf ihre Herausarbeitung ist die Komponentenanalyse konzentriert. Was jedoch macht man mit bedeutungsverwandten Ausdrücken wie Kinder und Kids oder Junge, Knabe, Bub? Sie haben nämlich jeweils dieselbe referenzielle Bedeutung, es |74◄ ►75| lässt sich kein denotatives Merkmal finden, das sie gegeneinander abgrenzen würde. Und was unterscheidet ein Gör von einem Kind, ein Mädchen von einem Mädel und einem Girlie? Offensichtlich kommen hier andere Differenzierungskriterien ins Spiel. Die semantische Analyse ist mit der Aufdeckung der denotativen Merkmale eines Lexems nicht abgeschlossen.
Andere Bedeutungsebenen
Um sich zunächst darüber Klarheit zu verschaffen, wie diese Lexeme verwendet werden, wird man ein semasiologisches Wörterbuch benutzen (also eines, in dem die Ausdrücke alphabetisch angeordnet und mit einer Bedeutungsbeschreibung versehen sind). Wahrscheinlich müssen dies auch manche Personen mit Deutsch als Muttersprache tun, denn einige der genannten Ausdrücke sind nicht allen Sprachteilhabern vertraut. Außerdem werden sie (von verschiedenen Gruppen und in verschiedenen Situationen) auch unterschiedlich verwendet. Wir stoßen hier also erneut auf den früheren Befund, dass nämlich die Bedeutungsbeschreibung in Wörterbüchern kompliziert ist (und sein muss), weil Lexeme polysem sind und es verschiedene Varietäten einer Einzelsprache gibt. Dies ist nun auch der Grund dafür, dass man die Erläuterungen aus traditionellen Wörterbüchern nicht einfach vollständig in eine Komponentenanalyse des oben dargestellten Formats übersetzen kann. Es fehlen dort meist bestimmte Ebenen der Analyse.
In der Semantiktheorie ist sehr umstritten, wie diese Phänomene angemessen behandelt werden können, und es wurden zahlreiche Lösungen vorgeschlagen. Diese können hier nicht im Einzelnen vorgestellt werden. Vielmehr geht es vor allem darum, einige grundlegende Unterscheidungen zu treffen, die es uns erlauben, über die verschiedenen Ebenen des konventionalisierten Lexemgebrauchs zu sprechen. Ferner sollen an den Beispielen die Veränderlichkeit von Wortgebräuchen, die Interaktion verschiedener Bedeutungskomponenten und die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten für die Lexikografen aufgezeigt werden. Denn wie wir schon am Beispiel von Sack gesehen haben, sind die für die erste Auflage dieses Buchs herangezogenen Nachschlagewerke kontinuierlich neu bearbeitet worden, und das betrifft auch mehrere der hier diskutierten Beispiele. Schließlich haben sich die Arbeitsbedingungen für Lexikografen im letzten Jahrzehnt erheblich geändert und man kann heute auf Ressourcen zurückgreifen, die früher noch nicht zur Verfügung standen. Auch dies soll ansatzweise an den Beispielen demonstriert werden.
Beginnen wir mit dem Lexempaar Baby – Säugling. Im Duden Universalwörterbuch
Baby – Säugling
1996 fanden wir folgende Erklärungen:
Baby ›Säugling, Kleinkind im ersten Lebensjahr‹
Säugling ›Kind, das noch an der Brust der Mutter oder mit der Flasche genährt wird‹
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Offenbar sind beide Ausdrücke also synonym. In den neueren Ausgaben der Wörterbücher aus dem Dudenverlag ist nun die Bedeutung von Säugling in zwei Unterlesarten aufgespalten:
Säugling
a. ›Kind, das noch an der Brust der Mutter oder mit der Flasche genährt wird‹
b. ›Kind im ersten Lebensjahr‹
Das überrascht insofern, als die durch beide Bestimmungen definierten Gruppen ja referenzidentisch sind. Es sind eben Kinder im ersten Lebensjahr, die nur flüssige Nahrung zu sich nehmen können. Die frühere Differenz hatte ich damit erklärt, dass die relative Motiviertheit von Säugling, seine Verwandtschaft mit dem Verb saugen, bei der Bedeutungsbeschreibung ausgenutzt und ins Gedächtnis gerufen wird. Damit wird also die Ernährungsweise von Kleinkindern in den Mittelpunkt gerückt und dieses Merkmal zur Klassifizierung benutzt. In der Bedeutungsbeschreibung von Baby ist das nicht der Fall, hier wird das Alter als Differenzierungsmerkmal eingesetzt, denn Säuglinge haben eben auch die Eigenschaft, klein und vor noch nicht allzu langer Zeit geboren worden zu sein.
Die veränderte Eintragung lässt darauf schließen, dass nach Einschätzung der Lexikografen das Wachrufen der Motiviertheit von Säugling in den Hintergrund rückt und die Sprachteilhaber gar nicht mehr (immer, häufig) an diese Beziehung denken. Dies würde bedeuten, dass Säugling ein weniger sprechender Ausdruck ist als z.B. Brust-, Flaschenkind oder auch Neugeborenes und Wickelkind, dass es ein ziemlich neutraler Ausdruck ist, da in bestimmten Kontexten das geläufigere Baby nicht vorkommt (vgl. z.B. Säuglingsstation, Säuglingsschwester, Säuglingssterblichkeit ).
Dass tatsächlich die relative Motiviertheit ganz aus dem Bewusstsein verschwinden kann, zeigen am besten tote Metaphern wie etwa Handschuh, wo niemand mehr an die Übertragung des Ausdrucks für die Fußbekleidung denkt. Das ist erst recht der Fall bei synchron nicht mehr durchschaubaren Lexemen wie dem französischen enfant, das zurückgeht auf den lateinischen Ausdruck infans. Dieser ist relativ motiviert und benutzt das Nicht-Sprechen der Säuglinge als Differenzierungsmerkmal (in: ›Privativ/Negativ‹ und fans zu fari ›reden‹).
Da die genannten Eigenschaften den betreffenden Referenten alle gleichzeitig zukommen, sind die Ausdrücke referenziell identisch. Würde man also eine große Gruppe Menschen verschiedenen Alters an einem Ort versammeln und eine Person beauftragen, auf alle Babys zu zeigen, einer zweiten sagen, sie solle alle Säuglinge streicheln usw., dann müssten alle jeweils dieselben Menschen auswählen und dieselbe Gruppe von ›Kindern unter einem Lebensjahr‹ zusammengreifen. Dennoch sind die Lexeme semantisch unterschiedlich, sie fokussieren |76◄ ►77| nämlich einen jeweils anderen Differenzierungsaspekt – die Referenten werden unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet. Im Unterschied
Konnotative Bedeutungsmerkmale
zu den referenziellen oder denotativen Merkmalen sprechen wir hier von konnotativen Bedeutungsmerkmalen (lateinisch con- ›mit‹).
Venus – Morgenstern – Abendstern
Führen wir dafür noch einige Beispiele an. Ein besonders berühmtes, das auch sehr schön verdeutlicht, inwiefern es um den jeweiligen Blickwinkel geht, ist der zweite Planet unseres Sonnensystems. Dieses Objekt gibt es nur einmal, es existieren aber drei geläufige Lexeme dafür im Deutschen: Von der Venus spricht man, wenn man das Gestirn im Zusammenhang mit unserem Sonnensystem betrachtet, vom Morgenstern, wenn man die Himmelskörper unter dem Gesichtspunkt betrachtet, wie es am Morgen aussieht, vom Abendstern, wenn man dasselbe für den Abendhimmel tut.
Lexem – Semem
In den bisherigen Ausführungen zur Semantik haben wir auch schon eine solche Differenzierung nach unterschiedlichen Gesichtspunkten vorgenommen: Von einem Lexem spricht man unter dem Gesichtspunkt, dass das Zeichen zum Lexikon einer Sprache gehört, von einem Semem unter dem Gesichtspunkt, dass es sich aus Semen zusammensetzt.
Göre und Balg
Versuchen wir jetzt, die Lexeme aus unserer obigen Liste zu bestimmen, die sich gleichfalls auf Grund besonderer konnotativer Merkmale von anderen unterscheiden. Dafür kommen vor allem Göre und Balg in Frage. Für die beiden Ausdrücke fanden wir im Duden Universalwörterbuch (1996) die folgenden Erklärungen:
| Gör(e): (nordd., oft abwertend): | 1. ›[schmutziges, unartiges] Kind‹ |
| 2. ›vorwitziges, freches kleines Mädchen‹ | |
| Balg: (ugs., meist abwertend): | ›[unartiges, schlecht erzogenes] Kind‹ |
Abwertende Ausdrücke: die Pejoration
Wie man sieht, wird uns hier gleich eine ganze Reihe von differenzierenden Merkmalen präsentiert. Zunächst interessiert uns die Charakterisierung ›(oft/meist) abwertend‹, also die Pejoration. Diese betrachten wir als einen Spezialfall der Konnotation: Mit pejorativen Ausdrücken (zu lateinisch peior, Komparativ von malus ›schlecht‹) bringt man ja auch einen bestimmten Blickwinkel, nämlich eine emotionale Einstellung ins Spiel, und zwar eine negative. Wer Lexeme wie Gör und Balg benutzt, bringt zum Ausdruck, dass ihm die Kinder auf die Nerven gehen, dass er sich über sie ärgert oder dergleichen. Nun gehen Kinder anderen (besonders erwachsenen) Menschen natürlich im Allgemeinen nicht überhaupt, sondern nur unter bestimmten Bedingungen und aus bestimmten Gründen auf die Nerven, z.B. wenn sie Arbeit machen – das tun sie, wenn sie sich schmutzig machen –, oder wenn sie etwas tun, was man für unartig, vorwitzig, frech hält, wenn man sie als schlecht erzogen erlebt. All diese Bestimmungen werden in der Bedeutungsbeschreibung genannt, und eigentlich erscheinen sie als denotative|77◄ ►78| Merkmale. Es handelt sich also nicht um echte Synonyme zu Kind, sondern um Ausdrücke für eine Untergruppe von Kindern, nämlich solche, die unartig usw. sind. Bei Gör in der geschlechtsspezifischen Lesart (›vorwitziges, freches kleines Mädchen‹) schien der Duden tatsächlich von einer solchen grundsätzlichen denotativen Komponente auszugehen. Für die Lesart ›Kind‹ dagegen wurden sowohl bei Gör als auch bei Balg diese referenziellen Komponenten nur in Klammern gesetzt. D.h. so viel wie: ›meist, aber nicht unbedingt unartig …‹. Haben sich die Gebrauchsbedingungen bei Gör(e), Lesart 2, in den letzten Jahren geändert? Jedenfalls sind inzwischen auch diese Adjektive in Klammern gesetzt. Man kann diese Lexeme also in beiden Lesarten auch in Bezug auf ganz brave Kinder verwenden. Das werden aber nur Leute tun, denen selbst artige Kinder noch auf die Nerven gehen; in diesem Fall liegt ausschließlich Pejoration, das konnotative Merkmal ›abwertend‹, vor.
Das Zusammenspiel der denotativen und konnotativen Ebene
Das Beispiel zeigt, dass man die denotative und konnotative Ebene durchaus nicht immer säuberlich auseinanderhalten kann. Dies ist kein Fehler der Beschreibung, sondern liegt in der Natur der Sache, um die es eben in der Kommunikation oft Streit gibt: Ist es nun der Fehler der Kinder, die zu unartig sind, oder der Fehler des Erwachsenen, der nicht kinderfreundlich genug ist, wenn sie diesem als Gören oder Bälger erscheinen? Dieser fließende Übergang zu denotativen Merkmalen ist bei wertenden Konnotationen die Regel; wenn man also in einem Text auf einen solchen Ausdruck stößt, steht man immer vor der Frage, ob dies nun auf eine für den Sprecher typische Einstellung zum Referenten schließen lässt oder auf besondere Eigenschaften des Referenten, dem der Sprecher im Allgemeinen neutral gegenübertritt.
Aufwertende Ausdrücke: die Melioration
Ähnliches gilt auch für das positive Pendant zu Pejorativa, die aufwertenden, ›bedeutungsverbessernden‹ Ausdrücke, die man auch meliorative (zu lateinisch melior, Komparativ von bonus ›gut‹) nennt. Hier wird die Sache in ein besonders günstiges Licht gestellt bzw. unter einem entsprechenden Gesichtspunkt betrachtet. Konventionalisierte meliorative Ausdrücke sind viel seltener als pejorative (anscheinend gibt es mehr Bedarf zum Ausdruck negativer Einstellungen). Ein Standardbeispiel für Melioration sind gewisse euphemistische Bezeichnungen für das Sterben, nämlich verscheiden oder heimgehen, in denen der Tod als eine Station auf einem Weg betrachtet wird, der noch nicht beendet ist und sogar heim (ins Paradies) führt. Sehr häufig werden jedoch in Parole-Akten (unter Umständen auch in einem längeren Diskurs über eine gewisse Zeit hin) positiv konnotierte (komplexe) Ausdrücke z.B. zur Verschleierung von Gräueln verwendet. Ein noch immer aktuelles Beispiel dafür ist der Ausdruck ethnische Säuberung, der von den Verantwortlichen für die Vertreibung und Vernichtung von bestimmten ethnischen Gruppen verwendet wird. Andere nennen dies Völkermord oder Genozid.
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Diminutiva
Positive Konnotationen kommen sehr häufig durch komplexe Ausdrücke zustande, z.B. durch die Kombination mit Verkleinerungsformen, durch diminutive Ausdrücke (zu lateinisch diminutum ›verkleinert‹). Kleinheit wird in Bezug auf viele Referenten nämlich mit ›niedlich‹ assoziiert. Schon die Fokussierung des Merkmal ›klein‹ in Baby führt dazu, dass dieser Ausdruck viel besser dazu geeignet ist, positive Emotionen zu transportieren als etwa Säugling oder Wickelkind. Man kann ihn auch noch zusätzlich mit verkleinernden Zeichen umstellen: Mein kleines Babylein. So ist es kein Zufall, dass heutzutage das aus dem Englischen entlehnte Baby das üblichste Wort zur Bezeichnung von Säuglingen ist, denn im Deutschen gibt es kein Erbwort mit dieser Konnotation. Schließlich führt die positive Konnotation auch zu einer Polysemie, die für Säugling oder Wickelkind undenkbar ist: Mit Baby referiert man ja nicht nur auf Kleinstkinder, sondern es ist auch ein geläufiges Kosewort (für Frauen).
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15 Die so genannten Synonyme II: Gebrauchsbedingungen
Markierungen im Wörterbuch: umgangssprachlich, norddeutsch …
Nach der Konnotation kommen wir zu einer weiteren Ebene, auf der sich bedeutungsverwandte Ausdrücke unterscheiden können. Auch diese Merkmale sind in der Beschreibung von Balg und Gör angeführt: Balg wird als »ugs.«, d.h. umgangssprachlich, gekennzeichnet, Gör als norddeutsch. Hier kommen also die Varietäten ins Spiel: Referenziell identische oder weitgehend ähnliche Ausdrücke können sich immer noch darin unterscheiden, dass sie nur in bestimmten Regionen, von bestimmten Gruppen, in bestimmten Situationen usw. verwendet werden. Wir sprechen bei dieser Ebene von den Gebrauchsbedingungen der Lexeme. Es ist ganz entscheidend diese Ebene, die für die große Vielfalt bedeutungsverwandter Ausdrücke verantwortlich ist. Sie kann uns auch dazu dienen, unsere restlichen Ausdrücke für Kinder zu
Regionale Gebrauchsbedingungen historisch
differenzieren: Regional spezifiziert sind außer Göre auch noch Mädel, Maid, Bub(e) (alle süddeutsch) und Dirn, Bengel (norddeutsch). Zu den Gebrauchsbedingungen gehört auch die historische Dimension. Knabe klingt nicht sehr aktuell, während Kids, Teenie und Girlie relativ moderne Ausdrücke sind, die erst seit dem Aufkommen einer englisch-amerikanisch geprägten Jugendkultur üblich geworden sind, und zwar mit der Phase, in der immer jüngere Kinder ein spezifisches Konsum- und Freizeitverhalten entwickelt haben. Die Ausdrücke sind daher gleichzeitig sozial und vielleicht sogar referenziell spezifiziert. Sie
sozial
|79◄ ►80| bezeichnen eben die Jugend einer bestimmten Generation mit besonderem ›Lifestyle‹ und werden nur (oder jedenfalls derzeit vorwiegend noch) von dieser oder für diese Gruppe verwendet.
Auch bei Knabe liegen die Verhältnisse komplizierter als eingangs gesagt. Der Duden (1996) führt nämlich wiederum diverse Bestimmungen
stilistisch
an: ›gehoben‹, das ist eine stilistische Markierung, ›veraltet‹, das ist die historische Komponente, ›sonst Amts- und Geschäftssprache‹
situativ
– hier haben wir es schließlich mit einer situativen (und sozialen) Charakterisierung zu tun. Außerdem gibt es noch eine zweite Lesart, nach der Knabe ›umgangssprachlich, oft scherzhaft‹ im Sinne von ›Bursche, Kerl, Mann‹ gebraucht werden kann, wo also das Merkmal ›jung‹ neutralisiert ist, wie z.B. in Hallo, alter Knabe (zu einem 50jährigen).
Bei den Hinweisen zu einigen Änderungen in den Wörterbucheinträgen hat vielleicht manche schon ein gewisser Unmut befallen. Sind die Änderungen sinnvoll, begründet, und kann man überhaupt in einem Wörterbuch die Feinheiten und verschiedenartigen Gebrauchsweisen annähernd exakt erfassen? Die Mittel eines normalen Wörterbuchs, jedenfalls eines Einbänders, sind da zweifellos sehr begrenzt. Das gibt Anlass, auf die neuen Möglichkeiten einzugehen, die das Internetzeitalter den Linguisten und allen anderen an Sprache Interessierten eröffnet.
Girlie
Dafür eignet sich besonders gut der Ausdruck Girlie.
Der Duden-Zehnbänder von 1999 gibt für diesen Ausdruck folgende, etwas überraschende Erklärung, nach der es sich gar nicht um Mädchen, sondern anscheinend um ältere weibliche Personen handelt:
›junge Frau, die unkonventionelle, mädchenhafte, aber körperbetonte Kleidung mit selbstbewusstem, manchmal frechem Auftreten verbindet‹.
Er führt auch einen Beleg an:
Ohne die Frauenbewegung hätten diese Girlies nicht die Freiheit, die sie jetzt genießen (Spiegel 3, 1995, 105).
Hier hat man versucht, ein recht komplexes Phänomen in die im Wörterbuch übliche und notwendige Kurzdefinition zu bannen und mit dem Beleg immerhin den relevanten Kontext Frauenbewegung, Emanzipation aufzurufen. Im Duden Universalwörterbuch 2006 ist übrigens das Merkmal der (körperbetonten) Kleidung nicht mehr genannt. Dort heißt es:
›unkonventionelle junge Frau mit selbstbewusstem, manchmal frechem Auftreten‹.
Wer es nun etwas genauer wissen will (und vielleicht auch die Zweifel nicht los wird, ob mit Girlie nicht doch eigentlich auch Mädchen bezeichnet werden können müssten), tut gut daran, im Neologismenwörterbuch|80◄ ►81| nachzuschlagen, das das Institut für deutsche Sprache in Mannheim im Projekt Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch, kurz OWID, bereitstellt (www.owid.de/Neologismen/). Eine Online-Version erleichtert nicht nur den Zugriff, sondern hat auch nicht mit den Umfangsbeschränkungen zu kämpfen, denen gedruckte Wörterbücher unterliegen. So findet man in dieser Quelle ausführliche und übersichtlich präsentierte Angaben zu Schreibung, Grammatik, Herkunft, Aufkommen (»seit Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in Gebrauch«) und Bedeutung. Außerdem enthält es auch eine Reihe von Belegen, in denen Sprachteilhaber das Wort (und das Phänomen) kommentieren – das ist für Neubildungen ja nicht untypisch –, also metakommunikative Äußerungen, die sehr konkret vor Augen führen, worum es sich denn nun eigentlich handelt.
Online-Wörterbuch
Als einzige Lesart führt auch dieses Wörterbuch an: ›junge Frau‹ mit der genaueren Beschreibung
›mädchenhafte, sehr junge Frau mit selbstbewusstem, oft provozierendfrechem Auftreten, die unkonventionelle, oft körperbetonte Kleidung trägt‹.
In einem Kommentar (versteckt) liest man dann auch:
»Girlie wird auch allgemein für ›junges Mädchen/junge Frau von heute‹ verwendet«.
Von den Belegen scheinen mir die folgenden besonders aufschlussreich, nicht nur für das Phänomen, sondern auch für die Aufschlusskraft metakommunikativer Belege.
Eine neue Art Frau – die ›Girlies‹ [Überschrift] Der Feminismus, so heißt es, sei in die Jahre gekommen, aber was kommt eigentlich danach? Die SPIEGEL-Redakteure […] haben »Emmas Töchter« gesucht – und dabei eine neue Art Frau gefunden, die sich […] »Girlie« nennt, ihre eigenen Zeitschriften und Videos hat sowie mit kurzen Röcken und klobigen Kampfstiefeln in New York oder Berlin herumläuft. Popkünstlerinnen wie Courtney Love oder Liz Phair verbreiten die Inhalte dieser neuen Weiblichkeit: viel Sex, viel Spaß und keinesfalls ein verbissener Männerhaß. (Der Spiegel, 47/1994)
Was sind denn Girlies? [Überschrift] Mädchen, die auf einmal selbstbewußt sein müssen, weil es das Girlie-Phänomen gibt. Weil es ein Trend ist. Das hat nichts damit zu tun, daß sie wirklich selbstbewußt sind. Das hat ihnen jemand verordnet, wer auch immer dieses Girlie-Syndrom in die Welt gesetzt hat. Früher waren es Tussis, heute sind es eben Girlies. (Frankfurter Rundschau, 10.02.1997)
Girlies sind keine naturbelassenen Teenager, sondern ausgewachsene Frauen, die für gute Geschäfte mit den »Kids« Kindchen mimen. […] (St. Galler Tagblatt, 19.06.1997)
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Als »Girly« bezeichnen sich die wenigsten der befragten Teenies. Die zerbrechen sich über das Modewort erst gar nicht den Kopf: »Warum soll ich mir einen Stempel aufdrücken lassen«, erklärt die 16jährige Tina provokant. (Tiroler Tageszeitung, 11.08.1998)
Auch Knabe ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass die Internet-Ressourcen durchaus zur Verbesserung von Wörterbucheinträgen genutzt werden (können). Die Erläuterung der Verwendungsweisen von Wörtern kann sich ja nur auf einen möglichst guten Überblick über den tatsächlichen Sprachgebrauch stützen. Im (selbstverständlich völlig utopischen) Idealfall müsste man also alle Belege sammeln und untersuchen, wer den Ausdruck wann und wo in welchem Kontext wie gebraucht hat. Es versteht sich, dass man früher nur intuitive Einschätzungen vornehmen konnte, und so erklärt sich auch, dass verschiedene Wörterbücher und Bearbeiter bei den Gebrauchsbedingungen oft unterschiedliche Angaben machen oder diese auch öfter ändern. Dies
Knabe
ist auch bei Knabe geschehen. Während das Duden Universalwörterbuch 1996 den Ausdruck noch u.a. als veraltend markierte, heißt es jetzt (2006):
›meist gehoben schweizerisch, sonst gehoben, Amtssprache‹.
Die stilistische und situative Markierung ist also beibehalten, aber statt der historischen erscheint jetzt eine regionale. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Wörterbuchschreiber inzwischen auf umfangreiche Korpora zurückgreifen (der Duden seit 2001) und dabei nicht umhin kommen festzustellen, dass Knabe auch in jüngeren Texten durchaus mit einer gewissen Häufigkeit zu finden ist.
Wenn man mit Korpora arbeitet, ist es natürlich wichtig, nicht nur eine breite Materialbasis zur Verfügung zu haben, sondern auch Texte aus verschiedenen Varietäten beizuziehen. Dem (West-)Duden – und auch westdeutschen Sprachwissenschaftlern – wurde nun lange vorgeworfen, den bundesdeutschen Standard (mit Schwerpunkt auf dem Norddeutschen) quasi als die ›normale Bezugsgröße‹ zu behandeln, während es sich doch beim Deutschen, ebenso wie etwa dem Englischen, Französischen und Spanischen, um eine plurizentrische Sprache handele, für die in unterschiedlichen Ländern verschiedene Standards ausgebildet werden, die als gleichberechtigt zu betrachten sind.
nationale Varietäten: Variantenwörterbuch
Um die verschiedenen nationalen Ausprägungen zu dokumentieren, wurde in langwieriger und mühevoller – selbstverständlich korpusbasierter – Arbeit das Variantenwörterbuch des Deutschen erstellt, das 2004 erschienen ist. Für Knabe kommt es zu folgenden Feststellungen: Der Ausdruck ist üblich nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Österreich und steht dort, aber auch im Süden Deutschlands neben Bub, während in Nord- und Mitteldeutschland das geläufigste Wort für |82◄ ►83| männliche Kinder Junge ist und Knabe in dieser Region nicht nur als gehoben, sondern auch als veraltend anzusehen ist. Nur die scherzhafte Verwendung wie in alter Knabe ist gemeindeutsch.
Genau dies stand übrigens auch schon im 1970 erschienenen dritten Band des Wörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache (WDG) aus der DDR – und es wird sich sehr wahrscheinlich über kurz oder lang so auch im Duden wiederfinden.
Das digitalisierte WDG bildet übrigens die Grundlage für das derzeit von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erarbeitete Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, das einzige, das den
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache
Wortschatz des 20. und 21. Jahrhunderts in dieser Art aufbereitet und auch die Korpusbelege frei online zugänglich macht (www.dwds.de).
Das ermöglicht auch die für den Gebrauchswert von Lexemen zweifellos sehr wichtige Feststellung, wie häufig quasi-synonyme Ausdrücke im Korpus belegt sind. Für den hier besprochenen Wortschatzausschnitt ergibt sich (im August 2008) die Reihenfolge: Junge (14.840 Belege), Knabe (4033), Bursche (2725), Bub (1495) und schließlich Bengel (305). Eine Verlaufsstatistik erlaubt Hinweise auf diachrone Entwicklungen. Ihr kann man z.B. deutliche Anhaltspunkte für den Rückgang von Knabe entnehmen:

Abb. 10: Verlaufsstatistik für ›Knabe‹ im DWDS-Kernkorpus
Sehr hilfreich sind Korpusrecherchen auch noch für eine letzte Ebene, die wir unterscheiden wollen. Sie betrifft den Tatbestand, dass man bestimmte Lexeme nur mit solchen anderen verbinden kann, die ein |83◄ ►84| bestimmtes semantisches Merkmal haben. Wir haben bis jetzt vor allem Ausdrücke betrachtet, die alle das Sem ›+ menschlich‹ haben. Viele Verben können nun als Subjekt nur Ausdrücke zu sich nehmen, die genau
Selektionsbeschränkungen
dieses Merkmal tragen. Wir sprechen hier von Selektionsbeschränkungen. Beispiele bieten etwa Verben für die Nahrungsaufnahme, die danach ausgewählt werden müssen, ob es Menschen sind, die essen und trinken oder Tiere, die fressen und saufen. Aber jeder wird wissen, dass man doch sagen kann: Dieser Mensch frisst und säuft den ganzen Tag. In diesem Fall wird die Selektionsbeschränkung durchbrochen, und das hat einen Einfluss auf die denotativen und/oder konnotativen Merkmale. Wenn man von einem Menschen sagt, dass er frisst und säuft, bringt man damit nämlich entweder zum Ausdruck, dass er übermäßig viel zu sich nimmt und/oder dass er dies ohne Beachtung der üblichen Tischsitten (eben wie ein Tier) tut oder man drückt schließlich eine irgendwie motivierte negative Einstellung zum (möglicherweise durchaus mäßigen und manierlichen) Essen und Trinken aus: Musst du immer nur ans Fressen denken, ich hab mit dir zu reden!
Kollokationen
Eine so deutliche Einschränkung der Verbindbarkeit von lexikalischen Elementen ist relativ selten. Wichtiger ist der Tatbestand, dass alle Lexeme üblicherweise in bestimmten Kombinationen auftreten, dass in der sprachlichen Umgebung andere erwartbar sind, weil die Referenten sachlich oder assoziativ zusammengehören: Bett – schlafen, Auto – fahren, Nacht – dunkel. Man bezeichnet diese typischen Umgebungen als Kollokationen des Ausdrucks (zu lateinisch collocatio ›Anordnung, Stellung‹). Zu den Selektionsbeschränkungen besteht dabei ein fließender Übergang, z.B. sagt man in der Regel nur von Pferden, dass sie wiehern, nur von Butter oder Öl, dass sie ranzig sind. Das Adjektiv stark dagegen ist in relativ vielen Kombinationen möglich, es hat aber eine andere Lesart, je nachdem in welcher Verbindung es vorkommt: starker Mann, stärkere (›dicke‹) Frau, starker Raucher, starke Schneefälle, starkes Stück. Die Kenntnis dieser üblichen Verbindungen von Lexemen, die auch noch entsprechend dem situativen Kontext variieren können – z.B. benutzt man in Todesanzeigen selten den Ausdruck sterben – macht viel von dem aus, was man das Sprachgefühl nennt und ist etwas, über das man in Fremdsprachen normalerweise nur in eingeschränktem Ausmaß verfügt.
Gut aufbereitete Korpora und darauf aufbauende Lexikonartikel enthalten nun auch solche Informationen zu häufigen Kontextpartnern.
Kerl
Dies sei am Beispiel des Ausdrucks Kerl demonstriert, den ich in der ersten Auflage schlichtweg als pejorativ konnotiert bezeichnet habe. Damit war ich hinter der Sprachentwicklung offenbar schon etwas zurück, denn die Wörterbücher der 1990er Jahre charakterisieren es lediglich als ›umgangssprachlich‹. Bezeichnend ist die Veränderung im Wahrig, wo das Wort 1980 bzw. 2006 folgendermaßen charakterisiert wird: |84◄ ►85|
1980 umg. ›Mensch, Mann, Bursche, Junge <oft abwertend>‹ […]
2006 umg.
1. Mensch, Mann, Bursche, Junge
2. <in Verbindung mit Adj.> ein durch bestimmte positive od. negative Eigenschaften ausgezeichneter Mensch […]
Noch weiter gehen die Wörterbücher aus dem Dudenverlag, wo zunächst innerhalb der Beschreibung der mögliche abwertende Charakter der Lesart 1 explizit genannt wurde, während er jetzt nur noch aus einigen Beispielen hervorgeht und die positive Lesart nicht mehr als familiär charakterisiert wird und anscheinend als besonders charakteristisch gilt, wenn man sich mit Kerl auf weibliche Personen bezieht:
1. (ugs.)
a. ›männliche Person, Mann, Bursche‹: ein junger, kräftiger, großer, langer K.; ein tüchtiger, anständiger, ehrlicher, forscher K.; ein unverschämter, frecher, gemeiner, widerlicher, grober, langweiliger, dummer, komischer, alberner K.; […] ich kann den K. nicht leiden!; schmeißt die Kerle/(nordd., md.:) Kerls hinaus!; du blöder K.! […]
2. (durch bestimmte [positive Charakter]eigenschaften charakterisierter) Mensch: ein patenter K.; sie ist ein feiner, netter, prächtiger, guter K.; ein lieber, goldiger, tapferer K.
Nun fragt sich natürlich, ob denn eigentlich dem Wort Kerl selbst eine bestimmte Konnotation zugesprochen werden kann oder es einfach die dabei stehenden Adjektive sind, die ihm eine bestimmte Färbung verleihen. Hier ist es nun nützlich auf Kollokationsanalysen zurückzugreifen. Das digitale Wörterbuch liefert z.B. folgende, automatisch berechnete Abbildung für zentrale Kollokationen:

Abb. 11: Kollokationen von Kerl (nach DWDS)
|85◄ ►86|
Sie lassen erkennen, dass eine pejorative Lesart eher selten ist. Die Eigenschaften dumm und arm sind zwar nicht positiv, gehören aber auch nicht unter den Oberbegriff ›böse‹.
wortschatz.unileipzig. de
Die tendenziell positive Verwendung bestätigt auch eine andere Online-Quelle für den deutschen Wortschatz, das Wortschatz-Portal der Universität Leipzig, das u.a. die Kollokationen sehr ausführlich und detailliert präsentiert. Von den 37 Adjektiven, die man dort (im August 2008) als signifikant häufig mit Kerl verbunden findet, ist das mit Abstand häufigste nett (1476 Fälle), das in der obigen Abbildung gar nicht vorkommt. Erwähnt seien noch folgende Kontextpartner, links die mehr als 100 Mal belegten, rechts die eindeutig negativen:
| arm (994) | frech (51) |
| fein (484) | autoritär (47) |
| jung (358) | übel (42) |
| klein (271) | schlecht (41) |
| ganz (224) | ungehobelt (37) |
| prima (171) | fies (32) |
| echt (150) | nervig (30) |
| hart (141) | |
| lieb (124) | |
| anständig (120) | |
| richtig (117) |
Fazit: neutrale versus markierte Lexeme
Was ergibt sich nun aus all dem für unsere Sprachpraxis und auch den Nutzen von Wörterbüchern? Halten wir zunächst fest: Referenziell identische Ausdrücke zerfallen in zwei große Untergruppen: Die eine Gruppe bilden die üblichsten, ›normalen‹ oder neutralen Lexeme, die durch die denotativen Seme vollständig charakterisiert werden können. Man spricht auch von unmarkierten Ausdrücken; im Wörterbuch erhalten sie nämlich keine Markierung für Gebrauchsbedingungen wie ›gehoben‹, ›veraltet‹ o.ä. Das sind in unserem Fall Mensch, Mann, Frau, Kind und Mädchen. Die Ausdrücke der zweiten Gruppe sind demgegenüber in irgendeiner Weise markiert, sie transportieren zusätzliche Bedeutungskomponenten. Wenn ein Sprecher sie benutzt, dann gibt es dafür irgendeinen Grund und man kann daraus bestimmte Schlüsse ziehen. Im Grenzfall liegt der Grund einfach darin, dass für diesen Sprecher das benutzte Lexem statt des standardsprachlich neutralen das normale ist, weil er im Allgemeinen eine ganz bestimmte Varietät, z.B. einen Dialekt, benutzt. In diesem Fall können wir auf Grund des Lexemgebrauchs auf die Herkunft des Sprechers schließen. Norddeutsch indiziert auf jeden Fall der Plural Jungs. Junge(n) dagegen benutzen auch Sprecher aus dem süddeutschen Raum, für die das normalere eigentlich Bub ist; dieser Ausdruck klingt aber so eindeutig süddeutsch, dass sie ihn lieber vermeiden, schon um |86◄ ►87| nicht bezichtigt zu werden, Dialekt zu sprechen – die süddeutschen Regionalismen haben eben im Bewusstsein der Sprecher tendenziell noch immer ein geringeres Prestige als die norddeutschen.
Gründe für den Gebrauch markierter Lexeme
Das Besondere an den Varietäten einer Einzelsprache ist also, dass jeder einzelne Sprecher jeweils über mehrere davon verfügt. Das gilt am wenigsten für Dialekte, von denen die meisten Sprecher in der Regel höchstens einen beherrschen. Aber selbst Sprecher, die normalerweise Dialekt sprechen, z.B. Deutschschweizer, kennen heutzutage zugleich mindestens einen Ausschnitt der Standardsprache, die in der Schule vermittelt wird und der auf Grund der allgemeinen Schulpflicht ja niemand mehr entgehen kann. Bei der Begegnung mit Sprechern aus anderen Regionen, heutzutage besonders auch durch die Massenmedien, wird jeder außerdem mindestens mit einzelnen Lexemen konfrontiert, die in anderen Gebieten die üblichen sind, und so gehen auch diese in das Sprachwissen ein. Selbst wenn man sie dann nicht selbst aktiv gebraucht, so kann man sie doch mindestens verstehen und außerdem irgendwelche Schlüsse daraus ziehen, warum der andere sie benutzt hat. Außer der Identifizierung von dessen Herkunft kommen dabei die oben angeführten Ebenen infrage: Der Sprecher möchte eine bestimmte Bedeutungsnuance realisieren, ein bestimmtes Merkmal fokussieren, den Referenten in ein negatives oder positives Licht stellen, er möchte abwechslungsreich reden, z.B. um originell zu erscheinen oder gebildet, wozu ein Norddeutscher dann vielleicht ein Lexem wie Knabe benutzt. Vielleicht will er sich auch nur über eine bestimmte Gruppe von Sprachteilhabern lustig machen, indem er deren Ausdruck gewissermaßen zitierend und mit Distanz verwendet. Der Sprecher könnte aber im Gegenteil durch Übernahme dieses Ausdrucks auch seine Zugehörigkeit, Solidarität oder Vertrautheit mit der Gruppe ausdrücken. Dies versucht man z.B. in Massenmedien, nicht zuletzt in der Werbung, durch die Verwendung jugendsprachlicher Ausdrücke, um dem Zielpublikum nahe zu kommen. Textbeispiel 13 ist ein parodistisches Spiel mit der Sprache der Jugendkultur der 1970er und frühen 1980er Jahre. Heute sähe die Parodie schon wieder ganz anders aus. Besonders bei historischen Texten – an solchen lesen wir natürlich vor allem literarische – ist es also oft unumgänglich, sich über die genaue Bedeutung der Lexeme zu orientieren, und zwar über die zur Zeit der Abfassung des Werkes gültige. Dazu muss man historische und Spezialwörterbücher (z.B. zu einzelnen Autoren) heranziehen.
Die Interaktion zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen
Es gibt also viele Gründe, markierte Lexeme zu gebrauchen, und wenn man einen Text wirklich gut verstehen will, dann muss man erstens wissen, welche Lexeme markiert sind und sich außerdem auch darüber orientieren können, welche Ebenen dabei eine Rolle spielen könnten. Die Interaktion zwischen denotativen und konnotativen Bedeutungsmerkmalen sowie den Gebrauchsbedingungen und Kollokationen |87◄ ►88| führt dazu, dass die wenigsten markierten Lexeme eindeutig einer bestimmten Ebene zugewiesen werden können. Deswegen wirken die Erläuterungen aus den Wörterbüchern (besonders wenn man mehrere heranzieht) auf den ersten Blick oft so widersprüchlich und unklar. Dies spiegelt jedoch nur die realen Verhältnisse, nicht zuletzt natürlich auch die Tatsache, dass selbst Lexikografen immer nur über ein begrenztes Sprachwissen verfügen, wenn sie auch einen sehr großen Ausschnitt des Wortschatzes einer Sprache und ihrer Varietäten aufbereiten. Gerade deswegen ist es nützlich, für praktische Recherchen viele Stellungnahmen einzuholen, d.h. mehrere Wörterbücher zu konsultieren.
Textbeispiel 13: Rotkäppchen in der Scene Von Irmela
Da wa ma ne echt coole Frau, die hatte sich die Haare mit Henna gefärbt, da hieß sie überall nur noch Rotkäppchen. Die wohnte bei ihren Alten wegen der Kohle, auf Malochen hatte sie Null Bock. Aber die Alten machten total Terror von wegen Jobben oder so. Emotional lief da rein gar nichts mehr, und ne Zweierkiste hatte sie auch gerade nicht am Laufen.
Da sagte sie sich: »Hier wirste nich alt, und überhaupt is Action angesagt« und machte sich vom Acker zu ner befreundeten Land-WG, die hatten mitten im Wald en irres Haus aufgerissen, von so ner kranken Oma. Bei Karstadt in der Reformabteilung klaute die Frau noch ne Packung Müsli und ne Flasche okzitanischen Bio-Wein, dann trampte sie los.
Klappte auch alles ganz locker, nur das letzte Stück ging sie zu Fuß durch den Wald. Da kam ein total ausgeflippter Typ angelatscht, ganz schön beknackt, sag ich dir, Wolfgang hieß der oder so, is ja auch egal. Der Typ hing so rum, laberte was von nem Blumenstrauß und nem Jäger und wo denn die Großmutter wohnen würde.
Die Frau war zentral genervt und kriegte wahnsinnige Aggressionen: »Also, ich find das unheimlich Scheiße oder so. Das ist ja wohl die Härte, wie du mich hier so repressiv anmachst, Alter, da läuft echt Null!« Der abgefuckte Freak brauchte ne Weile, bis er das geschnallt hatte. Der war irgendwo total geschockt. Dann verpisste er sich, war wohl en echter Hammer für den, der hing völlig durch für en paar Wochen, war aber bestimmt en wichtiger Lernprozeß oder so.
Und die Frau, die hat sich voll eingebracht in die Land-WG, die waren alle unheimlich lieb und spontan. Hab ich alles von dem Wilhelm gehört, das ist der Bruder von dem Jacob. Die beiden Typen erzählen vielleicht heiße Stories. Echt irre, ehrlich!
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