Kitabı oku: «Der rätselhafte Doppelgänger - Kinder-Krimi»

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Kirsten Holst

Der rätselhafte Doppelgänger - Kinder-Krimi

Aus dem Dänischen übersetzt von

Christel Hildebrandt

Saga

Der rätselhafte Doppelgänger - Kinder-Krimi ÜbersetztChristel Hildebrandt Original Mysteriet om det levende ligCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1992, 2020 Kirsten Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569551

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1. Kapitel

Das Wohnmobil brummte stetig und monoton auf der flachen, schnurgeraden norddeutschen Autobahn dahin, fraß die Kilometer einen nach dem anderen in sich hinein und spuckte sie wie ein endloses, grauschwarzes Band hinten wieder aus.

Stina beugte sich ein wenig vor, so daß ihr langes hennafarbenes Haar fast das ganze Gesicht verdeckte, und wühlte in ihrem großen Beutel, den sie auf den Schoß hochgezogen hatte.

„Paß auf, daß du nicht kopfüber reinfällst!“ warnte Bengt grinsend.

„Worein?“ fragte Stina, ohne aufzublicken.

„In die Tasche. Dann verschwindest du ganz und gar! Und ich muß einen Suchtrupp nach dir aussenden, der mindestens 14 Tage braucht, bevor er dich zwischen Lippenstiften, Eyeliner und dem ganzen anderen Kram gefunden hat. Wonach suchst du denn?“

„Ach, nach gar nichts“, sagte Stina.

„Gar nichts? Das findest du in dem Durcheinander bestimmt.“

„Ha! Hier ist es!“ rief Stina und hielt triumphierend ein Päckchen Kaugummi hoch. „Willst du auch einen?“

„Nein, aber vielen Dank.“

Stina wickelte ein Kaugummipäckchen aus und stopfte es sich in den Mund. Fast gleichzeitig sah sie aus dem Augenwinkel die Ecke eines Hinweisschildes:

Letzte Ausfahrt vor der Bundesgrenze.

„Jetzt sind wir gleich an der Grenze“, bemerkte sie.

Bengt nickte. Einen Augenblick lang fuhren sie, ohne daß ein Wort fiel.

„Wo du sowieso schon deine Tasche raus hast“, sagte Bengt, „dann könntest du eigentlich gleich mal das braune Päckchen hinter meinem Sitz da reinlegen, ja?“

Stina drehte sich halb auf ihrem Sitz um. „Das paßt da nicht rein.“

„Nicht das große“, erklärte Bengt, „das kleine. Das müßte doch gehen.“

Mit etwas Mühe bekam Stina das Päckchen zu fassen und steckte es in ihre Tasche. Sie zögerte kurz, schaute es nachdenklich an, holte dann ihr Portemonnaie und ihre Sonnenbrille heraus, stopfte das Päckchen noch ein wenig tiefer und legte Portemonnaie, Sonnenbrille und ihr Taschentuch obendrauf.

Sie schaute Bengt fragend an, aber der hatte die Augen nur auf die Fahrbahn gerichtet.

„Warum?“ fragte sie.

„Um dumme Fragen zu vermeiden.“

„An der Grenze?“

„Ja, wo denn sonst? Und das gilt auch für dich.“

„Was ist denn im Päckchen?“

Bengt schielte zu ihr hinüber. „Heroin!“

Stina zog eine Grimasse und machte das Wichserzeichen. Sie wußte, wenn Bengt ihr nicht erzählen wollte, was in dem Päckchen war, dann konnte sie das Fragen gleich aufgeben. Ihm gegenüber jedenfalls.

Sie rutschte etwas auf ihrem Sitz hin und her und lehnte sich an den Türrahmen, damit sie ihn heimlich beobachten konnte, während sie so tat, als schaue sie aus dem Fenster.

Aus Bengt wurde man nie richtig klug. Er war ihr Stiefvater, eigentlich ihr Exstiefvater, und er war der Mensch, den sie am allerliebsten auf der ganzen Welt hatte, jetzt, seit ihre Oma tot war. Seit acht Jahren wohnte sie schon mit ihm zusammen, aber immer noch hatte er etwas Geheimnisvolles an sich. Er ließ die Menschen nie ganz an sich herankommen. Nicht einmal sie. Und obwohl sie sicher diejenige war, die ihn am allerbesten kannte, kannte sie ihn dennoch nicht so genau. Oder es gab in Wirklichkeit gar keine Geheimnisse. Vielleicht war das das ganze Geheimnis, wenn man es genau betrachtete.

Sie passierten die deutsche Grenzstation und reihten sich an der dänischen Grenze in die Schlange ein.

Stina wickelte eine Haarsträhne um den Finger, steckte die Spitze der Strähne in den Mund und kaute nervös darauf herum.

Bengt gab ihr einen beruhigenden Klaps auf die Schulter.

„Easy, girl! Take it easy! Und paß auf, daß du keinen Kaugummi ins Haar kriegst!“

Stina schaute ihn resigniert an. Sie hatte immer Bauchschmerzen, wenn sie gemeinsam mit Bengt eine Grenze überqueren mußte. Das war das gleiche gewesen, als sie nach Deutschland eingereist waren.

Jetzt war das Auto vor ihnen durchs Nadelöhr geschlüpft, und sie waren dran. Bengt gab dem Beamten hinter der Fensterscheibe ihre Pässe. Einen Moment lang betrachtete der die Pässe, sah dann lange Bengt an, um ihm sodann ein Zeichen zu geben, zur Seite zu fahren.

Stina seufzte. Sie wußte, daß sie Probleme bekommen würden. So war es immer.

Sie warf Bengt einen wütenden Blick zu. „Das ist dieser blöde Schnurrbart. Du könntest ruhig versuchen, ein bißchen schwedischer auszusehen.“

„Isch nischt verschtehen, was du sagen!“ sagte Bengt in gebrochenem Schwedisch. „Isch nischt gut verschtehen swedische Schprach!“

„Das ist überhaupt nicht lustig!“ schimpfte Stina sauer. „Jedesmal passiert uns das! Die denken garantiert, du bist so ein Perser oder Türke mit falschem Paß!“

Bengt hatte das Wohnmobil an die Seite gefahren, wo bereits ein alter Schrotthaufen mit vier Passagieren stand. Alles Männer, alle schwarzhaarig und dunkelhäutig. Gastarbeiter, vermutete Stina. Sicher entweder Türken oder Jugoslawen. Sie schaute sie böse an. Die sind schuld, dachte sie und wußte nur zu gut, daß das vollkommen ungerecht war.

„Nun“, sagte Bengt, als er in den Rückspiegel guckte und einen Beamten entdeckte, der auf dem Weg zu ihnen war. „Nun steige ich mal lieber aus und entfalte all meinen schwedischen Charme.“

Stina blieb im Auto sitzen. Sie hatte das Gefühl, es dauerte eine Ewigkeit, aber in Wirklichkeit verging nicht einmal eine Minute, bevor Bengt wieder einstieg und die Pässe auf die Ablage vor ihnen warf.

„Alles glattgegangen – mal wieder“, sagte er, als der Beamte sie lächelnd weiterwinkte.

Stina warf ihm und Bengt einen bösen Blick zu.

„Das ist alles so verdammt verunsichernd. Und jedesmal. Weil du so dunkel bist, und dann ist da noch dieser idiotische Schnurrbart.“

„Das zeigt nur, daß man nicht vorsichtig genug damit sein kann, seine Familie auszuwählen.“

„Du gehörst nicht zu meiner Familie, zum Glück.“

„Ich habe ja auch an mich selbst gedacht. Zigeunerfamilie, weißt du!“

„Bilde dir nur nicht ein, daß du mit diesem Schnurrbart geboren wurdest. Du könntest ihn einfach abrasieren.“ „Spinnst du? Der gehört doch zu meinem Image. Ohne ihn hätte ich keine Ahnung, wer mir da morgens aus dem Spiegel entgegenblickt. – Obwohl das manchmal auch was für sich hätte“, fügte er nachdenklich hinzu.

„O ja. Glaubst du, wir kommen noch rechtzeitig zur Fähre?“

„Immer mit der Ruhe, mein Mädchen. Schaffen wir’s heute nicht, schaffen wir’s morgen.“

Stina lehnte sich zurück. Bengt war nicht gerade der Richtige, mit dem man über Ruhe reden konnte. Wenn es etwas auf der Welt gab, was er nicht konnte, dann war es, sich entspannen und Ruhe bewahren. Er tat nur immer so.

Sie schob eine Hand in ihren Beutel und fühlte das viereckige Päckchen.

Zum Teufel, was da wohl drin war?

2. Kapitel

Der Campingplatz lag mitten im einzigen Dorf der Insel. Man fuhr direkt von der Hauptstraße auf ihn zu, und er erstreckte sich ganz bis zum Strandweg, der halb um die Insel herumführte. Der Platz war umgeben von hohen, schattenspendenden Bäumen, und zum Weg hin bot eine fast undurchdringliche Dornenhecke Windschutz.

„War einst ein kleines Segelschiffchen, war einst ein kleines Segelschiffchen“, summte Louis, während er sein Schiff anschubste, „das war noch nie, nie, nie auf hoher See – BANG!“ Er gab dem Schiff einen ordentlichen Stoß, so daß es kenterte und die roten Segel unter die Wasseroberfläche tauchten.

Im gleichen Augenblick kam Manette mit einem Tablett voll schmutzigen Geschirrs aus dem Campingwagen. Vor dem Mittagessen hatte es nach Regen ausgesehen, deshalb hatten sie drinnen gegessen, aber jetzt hatte es zum Glück wieder aufgeklart. Sie sah sich traurig um. Wenn Stina und Bengt heute nicht kämen, würde es schwer sein, ihnen den Platz hier zu reservieren. Sie hatten ihn zwar bestellt, aber der Campingwart hatte gesagt, daß er den Platz nicht länger als bis heute freihalten könnte. Sie balancierte vorsichtig mit dem Tablett in den Händen die Stufen hinunter und entdeckte Louis und sein Schiff erst, als sie auf Gras trat.

„Nein, jetzt ist aber ...! Louis, was zum Teufel machst du hier, du verdammtes Dreckschwein!“

Louis hatte gerade sein Lied von vorn begonnen. Er hielt inne und schaute sie verständnislos an.

„Was ist denn?“

Lis nahm das Buch herunter. „Was ist denn los?“

„Ach, Louis, dieses alte Dreckschwein!“ begann Manette anklagend.

„Vorhin hast du gesagt, ich bin ein verdammtes Dreckschwein“, warf Louis ein.

„Halt die Klappe“, fuhr Manette ihn wütend an. „Ich habe grade das Wasser zum Abwaschen geholt, und da steckt dieses Ferkel sein dreckiges Schiff rein.“

„Das ist überhaupt nicht dreckig“, protestierte Louis hartnäckig. „Es ist funkelnagelneu.“

„Dann ist ja nichts passiert“, sagte Lis und nahm ihr Buch wieder hoch.

„Oh, Mama! Man kann doch verdammt noch mal nicht in so dreckigem Wasser abwaschen!“

„Dann kipp es weg und hol neues. Und hör auf, so zu fluchen.“

„Wieso ich? Louis ist das Schwein mit seinem blöden Dreckschiff. Ich hole doch nicht noch mal Wasser. Immer ich.“

Ihre Mutter nahm wütend das Buch wieder herunter. „Dann laß es bleiben und nimm das hier. Aber mach um Himmels willen kein Problem daraus. Ich will hier keine Probleme haben. Zu Hause habe ich verdammt noch mal genug davon.“

„Und hör auf, so zu fluchen“, äffte Manette sie halblaut nach und verdrehte die Augen.

„Außerdem bist du es gar nicht immer, die das Wasser holt. Das letzte Mal hab’ ich es geholt.“ Louis warf Manette einen wütenden Blick zu.

„Stimmt doch nicht“, ging Manette sofort darauf ein. „Du ...“

Lis schlug mit einer Hand auf ihr Buch. „Jetzt haltet ihr alle beide euren Mund. Ich will mir nicht die Ferien durch eure ewigen Streitereien verderben lassen.“

Manette blinzelte zu ihr hinüber. „So, du bist schuld, daß sie sauer ist“, zischte sie.

„Du hast angefangen“, entgegnete Louis halblaut. „Außerdem war sie schon vorher sauer.“

„Das ist sie immer an den ersten Ferientagen“, sagte Manette.

Louis warf ihr einen einschmeichelnden Blick zu. Er konnte es nicht ertragen, sich mit Manette zu streiten. „Du, das Schiff war wirklich ganz sauber. Großes Ehrenwort. Dann können wir doch einfach das Wasser benutzen, oder?“

„Na gut, machen wir’s so. Aber du hilfst mir auf jeden Fall beim Abwasch. Hier!“ Sie gab ihm ein Geschirrhandtuch. „Du kannst abtrocknen.“

„Saustark, ey! Ich bin absolut geil drauf, abzutrocknen!“

„Wer’s glaubt, wird selig!“ Manette gab ihm ein Glas.

„Aber es stimmt wirklich“, behauptete Louis, während er so wild losrieb, daß er fast das Glas dabei zerdrückte. „Es gibt kaum was Geileres, es kommt gleich nach Spinat und Mülleimer ausleeren. Das ist echt das tollste an den Ferien.“

Manette grinste. „O Mann, du darfst sicher jeden Tag abtrocknen, wenn du willst. Auch nach den Ferien. Wir brauchen ja die Geschirrspülmaschine nicht zu benutzen.“

Louis verzog sein sommersprossiges Gesicht zu einer Grimasse. „Dann wäre es nicht mehr so lustig.“

Manette schaute ihn verwundert an. „Das klingt ja, als ob du wirklich gerne abtrocknest. Ist das echt wahr? Du hast wohl ’ne Meise.“

Louis sah sie todernst an. „Auf jeden Fall geht es leichter, wenn ich sage, ich mag es, als wenn ich sage, ich mag es überhaupt nicht, auch wenn ich es nicht so gern mag, wie ich sage.“

Manette schüttelte den Kopf. „Davon habe ich jetzt kein Wort verstanden.“

Louis grinste begeistert. „Gratuliere! Ich auch nicht. Aber ich glaube, es war sauklug.“

„Ganz sicher“, stimmte Manette ihm zu. „Bestimmt.“

Louis war dabei, den letzten Teller abzutrocknen. „Wollen wir noch ’ne Runde mit dem Fahrrad drehen, wenn wir fertig sind?“

Manette zögerte. Sie war kurz davor zu sagen, daß sie keine Lust hatte, aber was sollte sie sonst tun? Es machte keinen Spaß, allein zu baden oder in der Sonne zu liegen. O verdammt, wie freute sie sich auf Stina, dann hatte sie endlich jemanden, mit dem sie was unternehmen konnte. Aber bis dahin mußte sie mit Louis vorliebnehmen.

„Können wir machen“, antwortete sie. „Aber ich denke, dein Fahrrad hat ’nen Platten?“

„Hat es auch, aber scheiß drauf. Wir fahren eben auf deinem.“

„Alle beide?“

„Klar. Ist doch auch viel lustiger.“

„Dann sitz’ ich aber hinten“, sagte Manette schnell. Sie hatte keine Lust, Louis herumzukutschieren. „Wohin wollen wir denn?“

„Zuerst nach oben und dann in den Ort“, schlug Louis vor. „Vielleicht treffen wir ja deinen Liebsten.“

„Meinen Liebsten!“ Manette starrte ihn an. „Ich soll einen Liebsten hier haben? Davon wußte ich ja gar nichts. Wen denn?“

„Anders!“

Manette grinste. „Ach, hör bloß auf. Das ist doch nicht mein Liebster.“

„Jedenfalls war er letztes Jahr ein bißchen dein Liebster.“

„Jaaa, letztes Jahr. Das war ja auch was anderes.“

„Wieso?“

„Weil ich da erst 12 war. Und jetzt bin ich 13.“

Louis sah sie fragend an. „Aber er ist doch auch älter geworden.“

„Nicht so viel wie ich.“

Louis schüttelte den Kopf. Aus Manette wurde man nicht immer richtig klug. Sicher, weil sie ein Mädchen war.

Er hatte eine freche Bemerkung auf der Zunge, aber in dem Augenblick brummte ein kleines Flugzeug über den Platz. So niedrig, daß es fast aussah, als würde es gleich die Baumwipfel berühren.

Louis winkte eifrig und rief: „Das ist Tommy! Hallo, Tommy!“

„Hör auf zu schreien, Louis“, schimpfte Manette. „Er kann dich doch nicht hören.“

Lis schaute auf. „Ich glaube auch, daß das Tommy war. Er holt bestimmt die Zeitungen.“ Sie lachte. Aus irgendeinem Grund versetzte allein der Gedanke an Tommy die Leute immer in gute Laune.

Verdammte Scheiße, ist die schwer, dachte Anders bei sich, während er die schwere Kiste vor die Ladentür stellte und verschnaufte. Dreimal war er schon im Hafen gewesen, um die Waren zu holen, die mit der Fähre gekommen waren. Einmal zur Morgenfähre und zweimal zur Mittagsfähre. Zum Glück war das nun die letzte Kiste. Dafür aber auch die schwerste. Oder sie war nur deshalb schwerer, weil er langsam müde wurde. Er hätte sie fast nicht vom Transportrad herunterbekommen.

Ein alter, ramponierter Lieferwagen kam herangefahren und hielt neben ihm. Das war der Inselvogt.

„Hallo, Anders“, rief er durchs heruntergekurbelte Seitenfenster. „Ist dein Vater unterwegs und liefert aus?“

Anders warf ihm einen finsteren Blick zu. Idiotische Frage. Ob der Blödkopf dachte, er würde die halbe Fährenladung auf dem Fahrrad nach Hause manövrieren, wenn das Auto da wäre?

„Ja, wolltest du was von ihm?“ fragte er. „Er ist heute draußen bei den Sommerhäusern, da wird er nicht vor einer guten Stunde wieder hier sein. Es sind ja reichlich Gäste da draußen.“

„Ich wollte nur hören, ob er immer noch an einem der Welpen interessiert ist.“

Anders schüttelte den Kopf. „Er schon, aber Mutter nicht. Deshalb wird da nichts draus.“

„Hm“, der Inselvogt rieb sich das Kinn. „Du hast nicht zufällig den alten Alfred heute schon gesehen?“

Anders nickte. „Doch, heute morgen. Und als die Mittagsfähre gekommen ist, war er bestimmt auch im Hafen, das ist er ja immer. Aber ich bin erst etwas später gekommen, deshalb habe ich ihn nicht gesehen. Jetzt ist er wohl draußen am Turm. Da ist er immer um diese Uhrzeit. Er ist ja nicht ganz richtig im Kopf.“

„Na, na, Anders. Wir werden ja alle mal alt.“

„Ja, anzunehmen.“

„Und dann werden wir vielleicht auch etwas wunderlich.“ „Damit meinst du wohl dich“, murmelte Anders, während er sich über die Kiste beugte.

„Was hast du gesagt?“

„Ich habe gesagt, das kann schon sein.“

„Genau, und dann können wir nur hoffen, daß die Jüngeren uns mit Nachsicht behandeln“, fuhr der Inselvogt belehrend fort, aber seine Worte wurden von dem Lärm verschluckt, den ein kleines Flugzeug verursachte, das plötzlich direkt über ihnen auftauchte. Der Inselvogt und Anders traten automatisch zur Seite, und einen Augenblick später landete mit einem dumpfen Knall neben ihnen auf dem Fußweg ein Bündel Zeitungen.

Manette und Louis kamen in halsbrecherischer Fahrt ins Dorf geschlingert.

„Lenken, Louis, lenken!“ schrie Manette, als sie fast ein Auto streiften. Der Fahrer streckte einen Arm aus dem offenen Seitenfenster und winkte ihnen zu. „O Mann, das war der Inselvogt!“ rief sie.

„Dann spring schnell ab“, sagte Louis. „Sonst kriegen wir noch eine Strafe, weil wir zu zweit auf dem Fahrrad sind.“

„Das ist ihm total egal. Guck dir nur das Wrack an, mit dem er selbst rumfährt. Wir sind doch nicht in der Stadt, du Dummkopf!“

„Nein, aber er ist doch auch so eine Art Polizist, oder?“ überlegte Louis und drehte sich dabei zu Manette um.

„Louis, du Blödmann. Paß auf! Lenken! Nein, paß auf! Halt! Halt! Haaaaalt!“

Aber Manettes Warnung kam zu spät. Das Fahrrad raste durch eine niedrige Hecke direkt in einen Garten vor einem kleinen, verfallenen Haus und landete schließlich in ein paar traurigen Johannisbeersträuchern.

„Was bist du nur für ein Schafskopf“, rief Manette, während sie versuchte, in den Büschen wieder auf die Beine zu kommen. „Ich habe doch gesagt, du sollst aufpassen.“

„Ach, wenn schon“, grinste Louis. „Das sind doch nur die Johannisbeerbüsche vom blöden Alfred.“

„Du selbst bist blöd. Wir hätten uns den Hals brechen können.“

Sie hatten sich immer noch nicht aus den Büschen befreit, als Anders auf seinem Transportrad vorbeikam.

„Hallo! Ist es nicht noch ’n bißchen früh, um Johannisbeeren zu pflücken?“ rief er grinsend, hielt an und stellte einen Fuß auf den Boden.

„Halt bloß die Klappe! Das war Louis, der Trottel.“

„Kommt Stina heute?“ fragte Anders.

„Sie hat es jedenfalls geschrieben. Wenn sie die Fähre kriegen. Und das hoffe ich wirklich, sonst sterbe ich noch vor Langeweile.“

„Ich hoffe jedenfalls, daß auch noch andere Kinder kommen. Welche in meinem Alter. Sonst sterbe ich vor Langeweile“, sagte Louis voller Inbrunst.

„Ach, und ich dachte, daß du ganz wild auf Stina bist“, ärgerte Anders ihn.

„Quatsch“, Louis wand sich ein wenig. „Sie ist zwar echt witzig, aber sie ist doch ein bißchen alt – und außerdem ist sie ein Mädchen.“

Anders und Manette zwinkerten sich über Louis’ Kopf hinweg zu. Mit den Jahren würde auch er anders darüber denken. Dann fuhr Anders wieder los. „Wir sehen uns an der Fähre, ja?“

„Na logo. Wir sind da, wenn sie kommt. Falls sie kommt. Wir müssen nur erst noch nach Hause, was essen.“

„Dann müßt ihr aber einen anderen Gang einlegen. Es sind nur noch zwanzig Minuten, bis die Fähre kommt.“

„Zwanzig Minuten!“ schrie Manette und sprang auf den Gepäckträger des Fahrrads, das Louis inzwischen aus den Büschen hatte befreien können.

„Landegestell einfahren, Klappen schließen und Sicherheitsgurte anlegen“, rief Louis. „Wir starten!“

Nur wenige Minuten später kamen sie auf dem Campingplatz an. Dem Fahrrad war die Tour in die Johannisbeerbüsche nicht besonders gut bekommen. Sie stellten es am Ständer beim Gemeinschaftshaus ab und liefen zu ihrem Caravan. Dort duftete es schon intensiv nach Frikadellen, und Lis war fast fertig mit Tischdecken.

„Hallo Papa“, rief Louis schon von weitem, als er sah, daß Per am Wagenende stand und Angelzeug sortierte. „Du hast versprochen, mein Fahrrad zu flicken.“

„Das habe ich vergessen. Tut mir leid, entschuldige. Aber eigentlich solltest du langsam alt genug sein, so was selbst zu machen. So ein großer Junge von zehn Jahren.“

„Ja, aber du hast versprochen ...“

„Ja, ja, ja, ich werde es auch tun. Aber du guckst zumindest zu, wie ich es mache, damit du es nächstes Mal kannst“, sagte Per. Er wandte sich ihnen zu und zeigte triumphierend einen winzigen Fisch.

„Guckt mal, was ich gefangen habe!“

Manette bedachte ihren Vater und das Fischlein mit einem höhnischen Blick. Sie war keineswegs beeindruckt, aber Louis klatschte übertrieben begeistert in die Hände.

„Wow, Papa! Hast du den selbst gefangen? Ganz allein? Was du alles kannst!“

Per lachte geschmeichelt, während Louis bewundernd weitersprach: „Das ist bestimmt der größte Wattwurm, den ich jemals gesehen habe.“

„Wattwurm“, brauste Per auf. „Hat sich was mit Wattwurm, du kleine graue Milbe. Da steht dein alter Vater im Morgengrauen auf, um Nahrung für seine hungernden Kinder zu beschaffen, und dann ...“

„Nahrung!“ rief Manette empört. „Du glaubst doch nicht, daß wir dieses eklige Würmchen, das Selbstmord begangen hat, essen wollen? So hungrig sind wir nun auch wieder nicht.“ „Ich glaube, er hat den Köder mit nach Hause gebracht“, meinte Louis zu seiner Schwester.

„Lis!“ rief Per klagend. „Lis, weißt du, daß wir ganz undankbare und schlecht erzogene Kinder haben?“

„Ja. Merkst du das jetzt erst?“

Per schüttelte den Kopf. „Dann esse ich meinen Fisch allein. Ihr verdient es gar nicht, was abzubekommen.“

Lis setzte sich. „Nein, das verdienen sie nicht, aber da ich nun schon mal Frikadellen gebraten habe, denke ich, wir sollten Gnade vor Recht ergehen lassen.“

„Wir wollen gar nichts haben“, entgegnete Manette. „Wir müssen gleich zum Hafen runter.“

„Jetzt?“ fragte Lis und reichte den Teller mit den Frikadellen zu Per hinüber. „Wollt ihr gar nichts essen?“

„Nein, die Fähre kommt doch gleich“, antwortete Manette über die Schulter. „Wir können später was essen.“ Sie ging schon los, und Louis wollte ihr gerade folgen, als er zögerte.

„Ach was, ich klau’ mir noch schnell einen Bremsklotz!“ sagte er, und einen Augenblick später starrte Per verblüfft auf seinen leeren Teller, während Louis mit der Frikadelle in der Hand zur Einfahrt lief.

Sie konnten die Fähre schon sehen, als sie auf die Mole kamen. Manette starrte mit zusammengekniffenen Augen raus aufs Meer. Abwechselnd erschien das Fährschiff riesengroß und dann wieder winzigklein wie ein Spielzeugschiff. Manchmal sah es aus, als läge es still, und im nächsten Augenblick war es ein ganzes Stück näher gekommen. Ihr war schon klar, daß es sich hierbei um eine optische Täuschung handelte, aber dennoch verwunderte es sie jedesmal wieder.

Auf halbem Weg zur Molenspitze wurden sie von Anders auf seinem Transportfahrrad eingeholt. Louis durfte auf der Ladefläche mitfahren, während Manette versuchte, das letzte Stück bis zum Anleger Schritt zu halten.

Dort war schon munteres Treiben. Es wimmelte nur so von Autos, Traktoren, Fahrrädern und Lieferwagen, und überall standen Menschen in kleinen Grüppchen beisammen. Einige wollten ihre Sommergäste oder Waren abholen, andere waren nur gekommen, um zu schauen. Soviel passierte ja sonst nicht auf der Insel, deshalb nahm man gern jede Abwechslung wahr, und die Ankunft einer Fähre war immer wieder ein Ereignis. Jedenfalls im Sommer. Und am Samstag erst recht.

Anders stellte sein Fahrrad ab, und gemeinsam gingen sie zum Anleger. Unterwegs kamen sie am alten Alfred vorbei, der auf seiner Bank saß und das Treiben um sich herum beobachtete.

„Hallo, Alfred!“ rief Louis, während Anders und Manette sich damit begnügten, ihm zuzunicken.

„ Ja, guten Tag auch.“Alfred grinste. „Da haben wir ja schon fast die gesamte Französische Revolution!“

Manette sah Anders an und verdrehte die Augen. „Er wird auch immer wunderlicher, oder?“ flüsterte sie und schielte über die Schulter zu Alfred hinüber.

Anders lachte. „Nee, das sind eure Namen, die wunderlich sind. Louis und Marie-Antoinette. Das ist doch auch komisch. Aber ansonsten hast du recht. Er wird wirklich immer wunderlicher. Hast du gesehen, was er da draußen am Aussichtsturm fabriziert hat? Das ist wirklich die Höhe! Er hat einen reichlichen Triller.“

Das Fährschiff näherte sich dem Anleger, und jetzt sah es zweifellos groß aus. Kolossal. Es wuchs über ihnen in die Höhe, während es an den Anleger heranglitt.

„Bin ja neugierig, ob Stina und Bengt drauf sind“, sagte Manette und spähte eifrig zur Schiffsklappe, die langsam aufglitt.

„Sieht aus wie ein Nilpferd, das gähnt“, sagte Louis.

Das erste Auto, das herausfuhr, war ein alter, rostiger Trabant, der aussah, als würde er nur noch von den Seilen und Drähten zusammengehalten, mit denen das Gepäck auf dem Dach befestigt war. Der Fahrer versuchte vergebens, ihn in Gang zu bekommen, während seine Frau und ein paar hilfsbereite Männer das Auto an Land schoben.

Anders schüttelte den Kopf. „Ach du meine Fresse, guckt euch mal den Trabi an! Was ist das denn für ein Schrotthaufen! Und dann noch aus Polen. Daß der überhaupt so weit gekommen ist.“

„Die haben ihn bestimmt den ganzen Weg geschoben“, lästerte Manette, aber dann erregte eine vierköpfige Familie ihre Aufmerksamkeit, die offenbar Fahrradferien machte.

Manette starrte sie mit offenem Mund an. Die beiden Kinder trugen sowohl Schwimmwesten als auch Fahrradhelme.

„Na, da würde ich mich ja bedanken“, rief sie und stieß Anders kichernd an. „Was ist denn das für eine witzige Familie!“

„Die sind sicher mit dem Wasserrad gekommen“, grinste Anders.

„Das sind Norwegische“, behauptete Louis.

„Das heißt Norweger“, korrigierte Manette ihn. „Woher weißt du das überhaupt?“

„Von den Flaggen“, sagte Louis. „Und ich meinte die Räder, und dann heißt es nämlich norwegische.“

„Ja, ja, ganz sicher.“ „Ob die auch auf den Campingplatz wollen?“ überlegte Louis.

„Um Gottes willen!“ stieß Manette aus. „Dann doch lieber der da.“

Sie zeigte auf einen schicken großen Volvo, der einen imposanten Wohnwagen mit Rennrädern und Surfbrettern auf dem Dach hinter sich herzog. „Da ist auch ein Junge drin, aber mit dem kannst du bestimmt nicht reden. Der ist nämlich finnisch.“

„Finnisch! Du hast ja wohl ‘n Elch im Stall!“ protestierte Louis. „Der ist doch schwedisch. Da steht ein S, und das bedeutet Schweden.“

„Nein, da steht SF“, widersprach Anders. „Und das ist Finnland.“

„Bist du nicht ganz dicht?“ Louis schüttelte den Kopf. „Finnland mit S. Du bist wirklich dumm, Anders. SF bedeutet Sch-feden.“

„Nein, du Hohlkopf! Suomi-Finnland.“

„Suomi hat doch nicht das geringste mit Finnland zu tun. Das sind Japaner. Das hab’ ich schon mal auf Video gesehen. Irgendsolche japanischen Krieger. Ha!“ endete er mit einem Karateschrei, der Manette zusammenschrecken ließ.

„Du Blödmann“, rief sie verärgert. „Das heißt nicht Suomi, sondern Samu ...“ sie unterbrach sich selbst. „Da kommen sie! Da sind sie. Da sind Stina und Bengt!“ Sie winkte wild und hüpfte begeistert auf der Stelle. „Stina! Stina!“ jubelte sie, aber das Wohnmobil rollte an ihnen vorbei, ohne daß Stina sie bemerkt hatte.

Louis stürzte ihnen nach. Bengt und Stina kamen nicht weit, ehe sie hinter dem Trabant halten mußten, der immer noch nicht ansprang.

Bengt wollte gerade an ihm vorbeimanövrieren, als Stina Louis entdeckte, der vor dem Autofenster stand und die fürchterlichsten Grimassen schnitt. „Hallo, warte mal, Bengt! Da ist Louis“, rief sie und kurbelte ihr Fenster hinunter. „Hei Louis, bist du allein?“

Louis schüttelte den Kopf. „Nein, Manette und Anders stehen gleich da hinten.“ Er sprang auf und steckte den Kopf ins Auto. „Hallo Bengt.“

„Hallo, Monkey-face! Bist du immer noch auf freiem Fuß?“ „Ja. Und dich haben sie rausgelassen, wie ich sehe.“

Bengt schüttelte grinsend den Kopf. „Immer noch so frech und schlagfertig wie immer.“ Er wandte sich Stina zu. „Spring nur raus, wenn du mit deinen Freunden gehen willst. Wir treffen uns auf dem Campingplatz, wenn ich jemals an diesem Wrack vorbeikomme.“

Stina sprang aus dem Wagen und fast direkt in die Arme von Manette und Anders, die inzwischen herangekommen waren. Die Mädchen warfen einander vor lauter Wiedersehensfreude fast um und alberten mit hundert Stundenkilometern los, so daß Anders und Louis sich reichlich überflüssig fühlten.

„Hört mal, sollen wir hier den ganzen Tag rumstehen?“ fragte Anders schließlich.

„O Mann, Anders! Ich habe dir ja noch gar nicht guten Tag gesagt. Guten Tag, guten Tag, guten Tag!“ lachte Stina.

Sie gingen in Richtung Ort, als Stina plötzlich mit einem Ruck stehenblieb und zu drei jungen Männern hinnickte, die ein Stück entfernt standen.

„Wow, wow, wow! Guckt nur, was für Supertypen! Was meinst du, Manette? Wir werden die Spitzenferien haben.“ „Ha!“ lachte Anders höhnisch. „Das könnt ihr gleich vergessen. Das sind ein paar der Griechen vom Wrackfischer.“ „Wer zum Teufel ist denn der Wrackfischer, und wieso sind das seine Griechen?“ fragte Stina.

„Vom Wrackfischer wirst du noch hören. Das ist ein Typ, der nach Wracks sucht und sie dann herausholt, wenn er kann. Oder er holt das raus, was etwas wert ist.“

„Na gut, aber warum sind das seine Griechen?“ fragte Manette.

„Weil sie für ihn arbeiten. Draußen auf dem Schatzsucherschiff. Das sind Taucher. Und die kommen nie hier auf die Insel. Wenn sie Landgang haben, nehmen sie immer die Fähre aufs Festland, und da lassen sie dann den Bär los.“

Stina grinste. „Was sollten sie hier auch machen? Aber jetzt sind ja Manette und ich gekommen, also wait and see. Die werden schon versuchen, mit uns ins Gespräch zu kommen, wart’s nur ab.“

„Die werden Schlange stehen, um mit uns reden zu können“, bestätigte Manette.

Anders schüttelte halb verärgert, halb triumphierend den Kopf. „Die werden euch was husten! Das könnt ihr euch gleich aus dem Kopf schlagen. Der Wrackfischer paßt auf sie auf, als wenn es seine eigenen Söhne wären.“

„Ach, komm“, erwiderte Stina. „So schlimm sind wir ja nun auch nicht.“

Langsam gingen sie zur Stadt. Keiner von ihnen bemerkte den alten Alfred, der auf seiner Bank gesessen und immer wieder nickend ihr Gespräch verfolgt hatte.

„Ja, ja, ihr Mädchen“, murmelte er. „Ja, ja, diese Mädchen. Es gibt vieles, was ihr nicht wißt. Der alte Alfred könnte euch das eine und andere erzählen, aber der alte Alfred kann seinen Mund halten.“

Auf halber Strecke bis zum Campingplatz fuhr Bengt an die Seite und stellte den Motor aus. Er hielt vor dem weißen Haus, in dem der neue Inselarzt wohnte. Es war eine große, alte Villa, die vornehm zurückgezogen in einem etwas verwahrlosten Garten lag. Bengt stieg aus dem Wagen, ging den Gartenweg hinauf, auf die Steintreppe und klingelte. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, dann wurde die Tür vom Arzt selbst geöffnet, der überrascht lächelte, als er Bengt sah.

„Jetzt schon!“ sagte er. „Ich hatte nicht damit gerechnet, daß ihr die Fähre erreicht.“

„Es hing auch am seidenen Faden, aber es hat geklappt. Und hier hast du den Stoff.“ Bengt gab ihm das Päckchen, das in Stinas Tasche gelegen hatte.

Der Arzt schaute ihn warnend an. „Pst! Benutz diesen Ausdruck doch nicht laut. Hattest du Probleme beim Zoll?“

„Nee, überhaupt nicht, man ist doch schließlich Profi“, grinste Bengt.

„Willst du nicht reinkommen?“

„Nein, ich muß zusehen, daß ich auf den Campingplatz komme, bevor unser Platz weg ist. Bis dann.“

„Ja, bis bald. Und jetzt jedenfalls erst mal vielen Dank.“ Bengt war bereits auf dem Weg zurück zum Wagen. „So leicht kommst du nicht davon, mein Lieber“, rief er. „Tschüs, dann.“

Anders fuhr gerade vorbei, als Bengt aus dem Arzthaus kam und sich in sein Wohnmobil setzte.

Die Mädchen plapperten ununterbrochen, so daß man nicht zu Wort kam, deshalb war er vorgefahren, um ein paar Waren abzuliefern. Er kratzte sich am Kopf und schaute Bengt verblüfft hinterher. Das war ja merkwürdig! Woher zum Teufel kannten die beiden sich? Der Arzt war jedenfalls letztes Jahr noch nicht hiergewesen, als Bengt hier war. Und was war nur so wichtig, daß Bengt ihm sofort, nachdem er auf der Insel angekommen war, einen Besuch abstatten mußte?

Anders holte tief Luft. Das ging ihn natürlich gar nichts an. Die Fremden waren und blieben die Fremden für die Leute von der Insel, und es war nicht immer so einfach herauszufinden, warum sie taten, was sie taten.

Aber seltsam war es dennoch.

3. Kapitel

„Ach du heiliger Holzapfel!“ Manette blieb abrupt stehen, als sie sich zusammen mit den anderen dreien dem Campingplatz näherte. „Was um alles in der Welt geht hier denn vor?“

Der Campingplatz sah chaotisch aus. Die Neuankömmlinge waren dabei, sich einzurichten. Alle waren schwer beschäftigt, abgesehen von Bengt, der es sich in einem Liegestuhl bequem gemacht hatte. Die einzigen, die anscheinend alles im Griff hatten, waren die Finnen. Sie stellten das Vorzelt, das Verandazelt und so weiter auf, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Der Trabifahrer und seine Frau waren dabei, ein Zelt in der

Größe einer Hundehütte aufzubauen, und das schien ihnen kaum zu bewältigende Probleme zu bereiten. Nach den Mühen mit ihrem Auto müßte das doch fast eine Erholung für sie sein, meinte Anders.

Die norwegische Fahrradfamilie sah hingegen aus, als ob sie am liebsten alles einfach hingeschmissen hätte. Sie hatten den Anhänger ausgepackt, und Zeltbahnen, Stangen, Pflöcke und Leinen lagen in einem undurchschaubaren Wirrwarr durcheinander.

„Es sieht aus, als wollten die einen Zirkus aufbauen“, kicherte Stina.

„Jedenfalls sind die Clowns schon da“, kommentierte Louis trocken.

„Kommt, laßt uns lieber abhauen“, schlug Manette vor. „Entweder prügeln die sich gleich. Oder die kommen auf die Idee, daß wir ihnen helfen könnten.“

Die norwegische Dame sah aus, als wäre sie kurz vorm Heulen, der Sohn gab gute Ratschläge, und dem Vater war anzusehen, daß er den beiden wohl am liebsten eins auf die Nase gegeben hätte.

„Och, das ist doch saulustig, hier zuzugucken“, widersprach Louis. „Ich gehe jedenfalls nicht.“

Er hatte das norwegische Mädchen entdeckt, das sich schlauerweise ein Stück von seinen Eltern entfernt hatte. Sie schien in seinem Alter zu sein, und jetzt, wo sie endlich den Fahrradhelm und die Schwimmweste abgelegt hatte, fand Louis, daß sie doch eigentlich ganz niedlich aussah.

Per kam mit seiner Angelrute den Strandweg hinauf und blieb bei dem finnischen Campingwagen stehen.

„Ich freß meine Angel, wenn das nicht Claes ist. Hey, Claes, schön, dich zu sehen!“

„O Mann, Wahnsinn, das ist wirklich Claes!“ rief Manette überrascht. „Er hat einen neuen Caravan!“

„Und ’ne neue Frau“, fügte Anders trocken hinzu.

„Ich habe gewußt, daß er sich hat scheiden lassen“, erklärte Manette. „Deshalb dachte ich, er würde dieses Jahr gar nicht kommen.“

„Wieso, man kann doch Ferien machen, auch wenn man geschieden ist“, sagte Stina.

„Hoffentlich hat er seine Kinder dabei, damit Louis jemanden zum Spielen hat“, sagte Manette.

„Ja, und das hier ist Märta“, erklärte Claes stolz und schubste sie leicht auf Per zu. „Meine neue Frau ... oder Partnerin, wie man so sagt.“

„Ja, dann hallo und herzlich willkommen.“ Per gab Märta die Hand.

„Die sind nicht verheiratet“, flüsterte Stina.

„Und was ist mit den Kindern?“ fragte Per. „Sind sie mitgekommen?“

„Nee“, antwortete Claes. „Die sind mit Marianne bei ihrer Großmutter auf den Schären. Da haben sie eine Insel ganz für sich allein.“

Manette sah Stina an und verdrehte die Augen. „Wie gräßlich“, flüsterte sie. „Stell dir nur mal vor! Die ganzen Ferien allein mit den Greisen und Louis auf einer öden Insel. Ich würde ja sterben!“

„Und wer ist der Knirps da?“ fragte Per. „Ist das deiner?“ Er schaute Märta fragend an.

„Ja, das ist Märtas. Er heißt Henrik“, sagte Claes und fügte erklärend zu: „Märta versteht nicht so gut dänisch, aber sie wird’s noch lernen.“

„Und Bengt ist auch gekommen“, rief Per, als er Bengt im Liegestuhl entdeckte. Er winkte Claes und Märta zu und ging auf Bengt zu, der dösig zu ihm aufblickte.

„Wo nette Leute sind, kommen nette Leute hinzu“, sagte Per. „Tag auch, Bengt. Und natürlich willkommen.“

„Oh, hallo Per, long time no see. Wie geht’s dir? Wie läuft das Malergeschäft?“

„Ach, überhaupt nicht! Es kommt gar nicht in Schwung, aber daran will ich weder denken noch drüber reden – jetzt habe ich Urlaub. Und wie stellt’s mit dir?“

„Na, so lala, man kann’s aushalten.“

Per schüttelte den Kopf. „Daß man davon leben kann, herumzufahren und alte Klappergäule zu knipsen, das geht über meinen Verstand.“ Er nickte zu Claes und Märta hinüber. „Hast du Claes’ neuen Wohnwagen gesehen? Nicht schlecht, was? Das ist vielleicht ein Palast.“

„Der Palast hat wahrscheinlich eher Macht über den Mann als umgekehrt“, erwiderte Bengt trocken. Er schaute zu den Norwegern hinüber. „Und unsere norwegischen Brüder und Schwestern haben anscheinend über gar nichts Macht.“

Per drehte sich um und warf einen Blick aufs Schlachtfeld.

„Denen müssen wir wohl mal unter die Arme greifen“, meinte er.

Bengt schüttelte den Kopf und warf ihm einen trägen Blick zu. „Laß die arbeiten, die dazu geschaffen sind“, erwiderte er und gähnte. „Ich glaube, ich gehe lieber rein und hau’ mich für ’ne halbe Stunde aufs Ohr.“

„Das sieht dir ähnlich“, sagte Per mit leichtem Vorwurf in der Stimme.

„Stimmt“, grinste Bengt und verschwand in seinem Wohnmobil, während Per zu den Norwegern ging.

„Hallo“, sagte er. „Ich heiße Per. Braucht ihr Hilfe?“

Der Norweger sah erleichtert aus, obwohl es ihm auch ein wenig peinlich war. „Ja, hast du denn Ahnung von so was?“ fragte er.

„Ja, wir hatten selbst ein Zelt, ehe wir uns den Wohnwagen angeschafft haben“, erklärte Per, der bereits dabei war, Ordnung ins Chaos zu bringen.

„Wir machen es das erste Mal, aber wir haben zu Hause im Garten geübt“, sagte der Norweger. „Ich heiße übrigens Tore, und das ist Åse, meine Frau.“

Per nickte und drehte sich halb um. „Hey, Manette, kannst du nicht eben mal helfen?“ rief er über die Schulter.

Er erhielt keine Antwort und sah sich verblüfft um.

„Das ist ja komisch“, meinte er. „Sie waren doch gerade noch da.“

Aber Manette, Stina und Anders hatten es geschafft, sich unsichtbar zu machen. Sobald sie außer Hörweite waren, prusteten beide Mädchen los.

„Erst waren sie da und dann nicht mehr!“ lachte Stina. „Aber das war in letzter Sekunde!“

„Hab’ ich doch gesagt“, kicherte Manette, als sie endlich wieder Luft bekam, „nur gut, daß wir noch abhauen konnten, sonst hätten wir diesen blöden Norwegern noch helfen müssen.“

„Es fehlte nur noch, daß sie ihre Sicherheitshelme beim Zeltbau aufsetzen“, meinte Stina.

„Aber der Junge war eigentlich ganz süß“, sagte Manette nachdenklich.

„Mh, ja“, Stina nickte. „Ganz brauchbar.“

Anders schaute sie kopfschüttelnd an. „Habt ihr eigentlich nichts anderes im Kopf?“

„Als was?“ fragte Manette.

„Als Jungs!“

„Nee“, antwortete Stina, „du vielleicht?“

„Ich habe jedenfalls keine Jungs im Kopf“, schnaubte Anders.

„Da siehst du’s selbst“, nickte Manette.

„Was sehe ich?“

„Daß du an Mädchen denkst“, meinte Manette. Stina und sie fingen wieder an zu kichern. Anders warf ihnen einen resignierten Blick zu. „Oh, beim Jupiter, was seid ihr ...“ „Süß?“ unterbrach Stina ihn.

„Das wollte ich ja nicht gerade sagen.“

„Na, ich glaub’ schon.“ Manette sah ihn einschmeichelnd an. „Du bist doch ganz scharf auf uns, gib’s nur zu. Und wenn wir so süß sind, dann kannst du uns doch ein Eis spendieren.“ „Na gut, abgemacht. Aber nicht, weil ihr so süß seid, sondern weil ich so nett bin.“

Sie schlenderten durch das Dorf zum Laden. Dort bekam Anders das Eis gratis.

„Seid ihr über Varberg-Grenå gekommen?“ fragte Manette Stina.

„Nee, Göteborg-Kiel.“

Anders sah sie verblüfft an. „Das ist aber ein Umweg.“

„Ja, aber Bengt sollte da irgendwas besorgen. Und damit konnten wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, meinte er. Urlaub machen und irgendwelche Geschäfte erledigen. Was er so Ferien nennt. Er ist die ganze Zeit irgendwo rumgerannt, und ich saß zwei Tage lang mutterseelenallein im Hotel und habe vor mich hin geglotzt. Der Mann kann gar keine Ferien machen. Nur hier. Das sagt er selbst auch. Er behauptet, hier ist es so stinklangweilig. Deshalb ist das hier der einzige Ort der Welt, wo er sich entspannen kann. In Wahrheit kann er es nicht aushalten, einfach nur stillzusitzen.“

„Damit habe ich keine Schwierigkeiten“, grinste Manette. „Ich finde es wunderbar, einfach nur so herumzutrödeln. Aber meinen Eltern geht es ähnlich wie Bengt. Die ersten Urlaubstage finden sie sich überhaupt nicht zurecht. Sie meckern und schimpfen und schreien sich an, aber wenn dann ein paar Tage um sind, dann haben sie ihren Rhythmus gefunden, und dann läuft’s gut.“

„Oh, diese Erwachsenen!“ seufzte Stina und zuckte mit den Schultern.

„Hoffentlich werden wir nicht mal so, was?“

„Niemals!“ lachte Stina.

Während die Großen sich aus dem Staub gemacht hatten, war Louis unbemerkt auf den Platz der Norweger geschlichen. Er tat so, als sähe er das Mädchen überhaupt nicht, das sich ein wenig zurückgezogen hatte, aber als er endlich genügend Mut geschöpft hatte, um sie anzusehen, streckte sie ihm blitzschnell die Zunge raus. So schnell, daß Louis gar nicht sicher war, ob sie es wirklich getan hatte. Er wartete eine Weile, bevor er wieder zu ihr hinübersah, und jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Die dumme Göre stand wirklich da und streckte ihm die Zunge raus. Louis zog eine fürchterliche Grimasse, und das Mädchen machte auch eine. Louis ging etwas näher, wobei er noch schrecklichere Grimassen zog. Jedesmal, wenn das Mädchen die Zunge rausstreckte, machte Louis Fratzen. Aber als er fast bei ihr angekommen war, begannen beide gleichzeitig zu grinsen, und kurz darauf verschwanden sie zusammen in den Büschen und schlichen sich zum Strandweg.

„Wie heißt du?“ fragte das Mädchen.

„Louis. Und du?“

„Berit.“

„Wie lange bleibt ihr hier?“

„Vierzehn Tage, vielleicht auch drei Wochen.“

„Toll. Dann kann ich dir was zeigen.“

„Was denn?“

„Alles mögliche. Die ganze Insel.“ Louis breitete die Arme aus.

„Kennst du denn die ganze Insel?“

„Ja, klar. Pst!“ Louis zog Berit in die Hocke, so daß sie von den Büschen verdeckt waren.

„Was ist los?“

„Da“, sagte Louis nur und deutete auf den Weg.

Ein Stück von ihnen entfernt kam ein Mann den Strandweg mit einer Sense über der Schulter entlang. Jetzt, wo die Dunkelheit einsetzte, zeichnete sich seine Silhouette dunkel gegen den hellen Abendhimmel ab.

„Wer ist das?“ fragte Berit etwas unsicher.

Louis sah sie mit großen Augen an und sprach mit tiefer Stimme: „Das ist der Sensenmann! Das ist der Tod, der unterwegs ist, um ...“

Berit erschauerte. „Iih, sag nicht so was. Das ... das ist so unheimlich.“

Sie kroch unruhig weiter ins Gebüsch, als der Mann mit der Sense näher kam.

Louis war so begeistert von sich selbst und dem Eindruck, den er auf sie gemacht hatte, daß er am liebsten seinen Spaß weitergetrieben hätte, aber nichtsdestotrotz wollte er ihr nicht zuviel Angst einjagen, deshalb grinste er beruhigend: „Nein, das stimmt nicht. Das ist nur einer der Ferienhausbesitzer, der beim blöden Alfred war, um seine Sense schleifen zu lassen.“

Im gleichen Augenblick raschelte es in den Büschen hinter ihnen. Berit zuckte zusammen. „Hast du das gehört? Da war was! Direkt hinter uns.“

„Das war bestimmt nur ein Kaninchen“, meinte Louis.

Sie drehten sich vorsichtig um und spähten umher. In dem Moment tauchte Henrik auf, starrte sie an und zielte mit seiner elektronischen Laserpistole auf sie.

„Komm“, sagte Louis und zog Berit mit sich auf den Weg. „Das ist nur diese idiotische finnische Nervensäge. Mit dem lohnt es sich nicht zu quatschen.“

Henrik verzog sein Gesicht zu einer Fratze und machte in seiner Geheimsprache ein Zeichen. Das sollte bedeuten: „Ihr seid alle beide bescheuert.“

Louis ließ Berits Hand los, als sie den Weg ein Stück gegangen waren. Es war doch zu albern, Hand in Hand mit einem Mädchen zu laufen, obwohl er sich eigentlich ganz gut dabei fühlte.

„Wohin gehen wir?“ fragte Berit.

„Wart’s nur ab“, sagte Louis.

Beide bemerkten nicht, daß Henrik mit seiner Laserpistole ihnen nachschlich, bereit zum tödlichen Schuß.

Und auch nur Henrik sah Bengt, der auf dem Weg zur Kneipe war. Gerade als er hineingehen wollte, hielt ein Auto auf der anderen Straßenseite und hupte. Das war der Arzt. Bengt ging zum Auto und beugte sich durch das offene Seitenfenster hinein, so daß sein Po auf die Fahrbahn ragte. Es schien ihn nicht im geringsten zu stören, daß mehrere Autos an ihm vorbeimanövrieren mußten und ihm dabei fast die Hacken abfuhren. Schließlich nickte er und winkte dem Arzt zu, der in seinem Auto blieb, während Bengt zu einer Telefonzelle ging.

Kurz darauf legte Bengt den Hörer wieder auf und ging zurück zum Auto.

„Geht in Ordnung“, rief er. „Tommy kümmert sich drum. Wollen wir zu ihm rausfahren?“

„Das wäre prima. Wenn du Zeit hast?“

Bengt grinste. „Zeit! Ich habe hier praktisch nichts anderes als Zeit.“

Louis ging zur Eingangstür des Hauses vom alten Alfred. Berit zögerte.

Louis drehte sich zu ihr um. „Nun komm schon!“

Berit sah ihn zweifelnd an. „Das sieht so schmutzig hier aus. Wohnt da überhaupt jemand?“

„Ja, das ist das Haus vom alten Alfred.“

„Der mit der Sense?“ fragte Berit. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut.

„Nein, er schärft nur die Sensen. Nun komm schon rein.“ Berit nahm ihren ganzen Mut zusammen und folgte Louis ins Haus.

„Es ist niemand zu Hause“, stellte sie fest, während sie sich umsah. Die Stube war voll mit allem möglichen Krempel. Zeitungen und Zeitschriften türmten sich in allen Ecken. „Ach du liebe Zeit, wie sieht das hier nur aus!“

„Ist doch egal“, sagte Louis und schob einen Packen Zeitungen zur Seite, so daß er die Schublade einer Kommode aufziehen konnte.

„Darfst du das, wenn er gar nicht da ist?“ fragte Berit. Louis antwortete nicht. Er zog die Schublade ganz heraus und stellte sie auf den Tisch. Darin war eine imposante Sammlung aller möglichen Steine und Versteinerungen. Aber momentan hatte Berit nicht den rechten Sinn dafür.

„Louis, dürfen wir überhaupt hier sein, wenn er nicht da ist?“

„Klar, das macht überhaupt nichts. Er kommt sicher gleich. Ich kenne ihn. Ich bin schon oft hier gewesen. Du hast doch keine Angst, oder?“

„Wie kommst du denn darauf? Natürlich nicht!“

Louis deutete auf einen Stein. „Guck mal, der da. Der ist Trillionen von Jahren alt.“

„Trillionen?“ Berit klang zweifelnd.

„Na, auf jeden Fall Millionen.“

Berit zeigte auf einen Orden an einem abgewetzten Taftband, der mitten in der Sammlung lag. „Und was ist das? Ist das auch Trillionen Jahre alt?“

„Quatsch. Das ist eine Medaille, die Alfred gekriegt hat, weil er mal Schmuggler gewesen ist.“

„Ach, das sagt er bestimmt nur“, meinte Berit. Sie hatte noch nie gehört, daß man einen Orden bekam, weil man schmuggelte. Dafür bekam man Strafen oder kam sogar ins Gefängnis. „Ist er etwas gaga?“

„Total verrückt!“ grinste Louis. Dann besann er sich. „Nee, er ist einfach nur alt. Vielleicht ist er ein bißchen merkwürdig im Kopf, aber ansonsten ist er ganz in Ordnung.“

Sie waren so mit Alfreds Schatz beschäftigt, daß sie Henrik gar nicht bemerkten, der sich mittlerweile bis an Fenster herangeschlichen hatte und mit seiner Laserpistole auf sie zielte.

Peng!

Sie schauten erschrocken hoch in die Richtung, aus der der Krach gekommen war.

„Heiliger Mario, was war das?“ stieß Louis hervor. Er stand auf und ging zum Fenster, aber Henrik hatte sich schon blitzschnell hinter den Johannisbeersträuchern versteckt.

Stina und Manette verabschiedeten sich von Anders beim Laden und gingen vergnügt plaudernd den Strandweg zurück. Als sie fast zu Hause angekommen waren, bog ein Radfahrer aus einem Seitenpfad vom Campingplatz her auf ihren Weg und wäre fast mit ihnen zusammengestoßen.

„Ey, Ey! Paß doch mal ein bißchen auf!“ rief Stina verärgert.

„Das ist ja der alberne Norweger“, flüsterte Manette.

„Du hast deinen Helm vergessen, du Schlaffi!“ rief Stina. „Was Mama wohl dazu sagen wird!“

„Habt ihr Berit gesehen?“

Stina sah ihn prüfend an. „Also, Manette, er ist ohne noch süßer, findest du nicht?“

„Klaro!“

Helge errötete unter den prüfenden Blicken der Mädchen, versuchte aber zu tun, als wenn nichts wäre. „Nun hört mal auf mit dem Blödsinn“, sagte er. „Habt ihr Berit gesehen?“

„Welche Berit?“

„Meine kleine Schwester. Sie ist mit deinem Bruder und diesem kleinen Finnen abgehauen. Habt ihr sie nicht gesehen?“

„Nee, zum Glück nicht“, grinste Manette. „Die sind bestimmt ertrunken. Man darf es jedenfalls hoffen.“

Stina schüttelte energisch den Kopf. „Soviel Glück gibt’s doch nicht am ersten Ferientag.“

Helge sah die beiden verärgert an und setzte sich dann wieder aufs Rad. „Meine Güte, was seid ihr gemein!“

Als er ein Stück weitergefahren war, schaute er sich nach ihnen um, und Stina und Manette winkten ihm zu. Stina sah Manette mit glänzenden Augen an.

„Weißt du was“, sagte sie. „es macht richtig Spaß, ihn zu ärgern.“

Manette nickte, sagte aber nichts.

Er war eigentlich verdammt niedlich.

Und außerdem war sie ganz sicher, daß sie wußte, wo Louis und die anderen waren.

Sie wollte sie lieber suchen, wenn Stina nach Hause gegangen war.

Auf dem Campingplatz fuhr Bengt an ihnen vorbei. Mit seinem großen Wohnmobil nahm er ein bißchen zu schnell die Kurve bei der Einfahrt.

„O weh“, rief Manette. „Das kann nicht gutgehen. Er hat viel zuviel Fahrt drauf.“

„Wo zum Teufel ist er gewesen?“ fragte Stina.

„Hauptsache, er rast nicht ins Zelt der Trabileute“, meinte Manette.

„Das fehlte noch.“

Es gelang Bengt, den Wagen in den Griff zu bekommen und auf seinen Platz zu manövrieren, aber nicht, ohne den Campingwagen von Claes und Märta zu streifen.

Er sprang aus dem Wagen, ging zu ihnen und klopfte an. Märta kam an die Tür.

„Hallo“, sagte Bengt. „Ist was passiert?“

„Womit?“ fragte Märta und ging die Treppe hinunter.

„Ich fürchte, ich habe euren Wagen gestreift, als ich reingefahren bin“, sagte Bengt und hockte sich hin, um den Wohnwagen in der Finsternis zu begutachten. „Aber es ist nichts zu sehen.“

„Dann ist wohl nichts passiert“, sagte Märta. „Ich habe an meinem PC gesessen und gar nichts gemerkt.“

Bengt warf ihr einen interessierten Blick zu. „Du hast einen PC mit?“

„Ja“, antwortete Märta mit einem Lächeln. „Ohne kann ich kaum leben.“

„Wollen wir Karten spielen?“ fragte Manette, als sie vor dem Wohnmobil standen. Sie hoffte, daß Stina nein sagen würde, weil sie nach Louis und Berit suchen wollte.

Stina gähnte. „Nicht heute abend. Ich muß ins Bett.“

„Na, dann gute Nacht“, sagte Manette. „Wir sehen uns morgen.“

Kurz darauf traf sie Helge im Dorf.

„Hast du sie nicht gefunden?“ fragte sie.

Helge schüttelte den Kopf und sprang vom Fahrrad.

„Ich bin durchs ganze Dorf gefahren. Und am Hafen entlang. Wenn nur nichts passiert ist.“

„Es ist nichts passiert“, beruhigte Manette ihn. „Ich glaub’, ich weiß, wo sie sind. Komm mit!“

Helge stellte sein Fahrrad ab. Sie schlugen den Weg zum alten Alfred ein.

Manette winkte ihn zu sich heran, und gemeinsam schlichen sie bis zum Fenster und spähten in die Stube, in der Berit und Louis die Steinsammlung ansahen, während der alte Alfred seinen Kaffee trank.

„Na, was habe ich gesagt!“ flüsterte Manette triumphierend. „Ich wußte doch, daß sie hier sind. Ich kenne meine Pappenheimer.“

„Was?“ fragte Helge verwirrt.

Manette drehte sich um und lächelte ihm zu. Helge wollte gerade etwas sagen, als ein Schuß aus Henriks Pistole ihn vollkommen aus der Fassung brachte.

„Oh, shit, du kleiner stinkiger Zwergpudel“, rief Manette und sprang in die Johannisbeerbüsche. Henrik rannte in wilder Flucht auf die Straße, aber er kam nicht weit, denn Manette schnappte ihn sich, wie sehr er auch um sich schlug und biß.

„Ey, hilf mir mal mit der wilden Bestie hier“, rief Manette. „Er muß bestimmt auch nach Hause.“ Ohne weitere Umstände warf sie Henrik in Helges Arme. „Ich geh’ rein und hole die beiden anderen.“

„Oh, verflucht, er beißt!“ schrie Helge und ließ Henrik los, der sofort über die Straße rannte, auf den Weg, der zum Campingplatz führte.

„Dieser kleine Vampir“, sagte Helge stöhnend, als Manette mit Berit und Louis im Schlepptau wieder auftauchte. „Er hat mich wirklich gebissen.“

„Glaubst du, daß er wirklich ein Vampir ist?“ fragte Louis interessiert. Er hätte schon immer mal gern einen Vampir getroffen.

„’türlich ist er keiner. Er ist nur ein kleiner, rotzfrecher Bengel, genau wie du“, antwortete Manette.

„Äh ... sehen wir uns morgen?“ fragte Helge ein wenig schüchtern, nachdem Manette und er die Kleinen reingescheucht hatten.

Manette grinste. „Das wird sich wohl kaum vermeiden lassen.“

„Ich meinte ... wollt ihr morgen an den Strand? Du und dieses schwedische Mädchen. Dann könnten wir vielleicht zusammen gehen?“

„Sie heißt Stina. Ja, ich denke schon. Wenn es nicht gerade gießt. Bis dann.“

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