Kitabı oku: «Zu lebendig zum Sterben - Skandinavien-Krimi»
Kirsten Holst
Zu lebendig zum Sterben - Skandinavien-Krimi
Übersetzt Hanne Hammer
Saga
Zu lebendig zum Sterben - Skandinavien-Krimi ÜbersetztHanne Hammer Original Var det mord?Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1999, 2020 Kirsten Holst und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569490
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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1
Ich stellte das Glas so hart auf dem Tisch ab, dass der Inhalt überschwappte und Flecken auf der ohnehin nicht allzu sauberen Tischdecke hinterließ.
»Das meinst du nicht ernst!«, rief ich, und als Henrik mir nur einen seiner trägen, nachsichtigen Blicke zuwarf, die ich nur allzu gut kannte, und langsam den Kopf drehte, um den Glanz der Sonne auf den leichten Wellen des Fjords zu betrachten, die Segelboote, die Möwen oder was er nun vorgab zu betrachten, wiederholte ich indigniert: »Das kannst du verdammt nochmal nicht ernst meinen! Ich glaub’s einfach nicht!«
Er drehte wieder den Kopf und sah mich an. »Warum nicht?«
»Ladendetektivin! Jetzt mal ehrlich, Mann!«
Es war mehr als zehn Jahre her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten, wir waren beide unserer Wege gegangen, doch dann war er unerwartet zu Allies Beerdigung aufgetaucht. In der Kirche hatte ich ihn nicht gesehen. Ich hatte überhaupt niemanden gesehen. Ich hatte nur Augen für den mit Blumen geschmückten Sarg gehabt und das einzige Mal, das ich aufgeblickt hatte, war mein Blick auf eine Tafel gefallen, auf der in goldenen, verschnörkelten Buchstaben stand: Nicht mein, dein Wille geschehe.
Ich war so wütend geworden, dass ich nicht noch einmal aufgeblickt hatte. Wenn das dein Wille ist, dann brauche ich dich nicht!
Ich sah Henrik erst, als wir vor der Kirche standen, um die Trauergemeinde zu begrüßen. Er hielt sich etwas abseits, als wüsste er nicht, ob er kondolieren sollte oder nicht. Ich erkannte ihn sofort. Er hatte sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Als Zwanzigjähriger hatte er wie ein großer Junge ausgesehen, lang und schlaksig, mit dunklem, zerzaustem Haar und blaugrauen neugierigen Augen hinter der Brille. Jetzt war er etwas kräftiger geworden, was ihm gut stand; das sonnengebräunte Gesicht hatte mehr Charakter bekommen, das Haar war gut geschnitten und die Brille durch Kontaktlinsen ersetzt.
War er doch noch eitel geworden oder war das Marias Werk? Ich wusste, dass er und Maria vor vier Jahren geheiratet hatten, und dachte ein wenig schadenfroh, dass er doch noch seinen Meister gefunden hatte. Ich kannte Maria, wir waren vor langer Zeit alle drei zusammen aufs Gymnasium gegangen.
Aber es war nett von ihm, zu der Beerdigung zu kommen, und ich war so erleichtert, zwischen all den fremden Gesichtern ein bekanntes zu sehen, dass ich ihn unwillkürlich anlächelte, und im nächsten Augenblick stand er neben mir.
Er gab mir die Hand und sprach mir sehr formell sein Beileid aus, aber im nächsten Moment legte er den Arm um mich und umarmte mich freundschaftlich, sodass ich beinahe wieder in Tränen ausbrach.
Wir standen einen Augenblick schweigend da.
»Wann geht’s wieder nach Hause«, fragte er schließlich. »Nach Philadelphia, nicht?«
Ich nickte. »Ja, das heißt, Philadelphia gehört der Vergangenheit an. Ich denke, ich werde nicht zurückgehen.«
»Heißt das, dass du ...?«
»Das heißt, dass ich nach Hause zurückgekommen bin. Vielleicht. Ich habe mich noch nicht endgültig entschieden.«
»Wirst du hier in der Stadt bleiben?«
»Jedenfalls vorläufig.«
Nach dem Leichenschmaus kam er zu mir und schlug mir vor, uns an einem der nächsten Tage zu treffen.
»Nicht um alte Erinnerungen aufzufrischen«, sagte er, als ich zögerte. »Ich möchte dir einen Vorschlag machen.«
Natürlich machte mich das neugierig. Vielleicht hätte ich schon da an den Spruch denken sollen: Curiosity killed the cat to say nothing of Bluebeard’s wives!
Wir verabredeten uns für heute, eine Woche nach der Beerdigung. Ich hatte vor dem Haus, in dem ich wohne, auf ihn gewartet und wir waren zu einem der kleinen Restaurants am Vestre Bådhavn hinausgefahren, wo wir uns an einem Tisch auf der Terrasse niedergelassen hatten.
Er war um seinen Vorschlag herumgeschlichen wie die Katze um den heißen Brei, während wir hier an einem der ersten warmen Sommertage bei unserem Bier saßen – einem kleinen und einem großen –, und ich wurde immer gespannter, was er mir vorschlagen wollte. Ich wusste, dass es um irgendeinen Job ging, und jetzt war die Spannung gelöst.
Ladendetektivin, Gott steh mir bei!
Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Alles andere, nur das nicht. Der Typ musste verrückt sein!
»Was ist daran nicht in Ordnung?«, fragte er.
»Ich dachte, du meintest einen richtigen Job.«
»Zum einen hast du mich missverstanden und zum anderen ist Ladendetektivin ein richtiger Job. Hast du überhaupt eine Ahnung, worum es dabei geht?«
»Ja, natürlich habe ich das. Ich habe einmal eine Ladendetektivin bei der Arbeit erlebt.«
»Wann?«
»Vor einer Ewigkeit. Als ich 13 oder 14 war. Es gab eine Zeit, da war es in meiner Klasse ein Sport zu klauen. Wir mussten alle etwas klauen, um mit zur schlechten Gesellschaft zu gehören. Wer wollte das nicht?«
»Du?«
»Natürlich wollte ich. Unbedingt. Ich hatte keinen Bedarf, mich noch mehr von den anderen zu unterscheiden, als ich das ohnehin bereits tat. Ich war nur zu feige. Nach der Schule fielen wir wie ein Schwarm Heuschrecken über K & L her, du weißt schon, und klauten, was das Zeug hielt. Meistens Kleinigkeiten, die wir leicht in die Tasche stecken konnten.«
»Du auch?«
»Nee, aber bestimmt nicht aus Tugendhaftigkeit, sondern aus purer, schierer Feigheit. Großmutter hätte mich umgebracht, wenn ich geschnappt worden wäre, und ich war sicher, dass ich das würde. Meine Freundin Gladys und ich schworen uns immer wieder, endlich den Mut aufzubringen, aber wir bekamen jedes Mal kalte Füße.«
»Hieß sie wirklich so?«
»Gladys? Ja.« Ich lachte kurz. »Großmutter sagte immer: ›Musst du mit diesem Mädchen befreundet sein? Sie sieht aus, als hätte sie Polypen, sie drückt sich furchtbar aus und dann auch noch der Name!‹« Ich machte Großmutters Art zu sprechen nach und Henrik lachte.
»Na gut, aber an jenem Tag sollte es passieren und schließlich klauten wir jede eine Serviette aus indischer Baumwolle, ein Riesencoup, was? Ich steckte meine in die Jackentasche und hatte das Gefühl, von allen angestarrt zu werden, während wir die Rolltreppe hinunterfuhren und zum Ausgang gingen. Und da stand sie! Die Ladendetektivin. Sie war mindestens vierzig, fünfzig Jahre alt, groß wie ein Haus und sah in ihrem Wintermantel, den vernünftigen braunen Schuhen und der Einkaufstasche in der einen Hand wie eine deutsche Hausfrau aus. Reine Tarnung; sicher war sie in ihrer Freizeit Karatekönigin oder so etwas, denn mit der anderen Hand hielt sie mit eisernem Griff einen unserer Klassenkameraden fest, Pickel-Aksel, der vergebens versuchte, sich zu befreien.«
»Pickel-Aksel?«, fragte Henrik interessiert.
»So wurde er genannt, weil sein Gesicht voller Pickel war. Und Aksel hieß er nun einmal. Er wand und drehte sich und war so verlegen, dass seine Pickel leuchteten wie die roten Lampen im Tivoli.«
Henrik sah mich skeptisch an. »Jetzt übertreibst du aber.«
»Überhaupt nicht. Wir hatten keinerlei Zweifel, dass er auf frischer Tat ertappt worden war. Pickel-Aksel war der Dieb in der Klasse und er war ziemlich dreist. Er begnügte sich nicht mit indischen Servietten, das kannst du mir glauben. Er klaute Transistorradios, Tonbandgeräte, Uhren und Füllfederhalter. Teure Sachen!
Gladys und ich waren vor Entsetzen wie gelähmt. Wir wagten nicht, uns mit unseren Servietten hinauszuschleichen, aber wir wagten auch nicht, sie zurückzulegen, also endete es damit, dass wir sie in der Toilette hinunterspülten und flüchteten.«
»Und das war das Ende deiner kriminellen Karriere«, lachte Henrik.
»Ja, verdammt nochmal! Ich habe nicht die Nerven zur Kriminellen. Ich hatte noch dazu Angst, dass die Servietten die Toiletten verstopften und uns auf die eine oder andere Weise verrieten. Gladys hielt mich für verrückt. ›Zum Teufel ob verstopft oder nicht‹, sagte sie. ›Die wissen doch nicht, dass wir das waren.‹«
»Das konnten sie auch nicht«, sagte Henrik.
»Natürlich nicht, aber damals habe ich begriffen, dass man unglaublich paranoid werden kann, wenn man ein schlechtes Gewissen hat, nicht? Ich bildete mir ein, dass die Toiletten videoüberwacht waren. Dort ziehen sich die Leute doch immer die geklauten Sachen an.«
»Woher weißt du das?«
»Das weiß doch jeder. Nachher haben Gladys und ich uns natürlich weisgemacht, dass alles total spannend und superlustig war, aber ich wagte mich erst Wochen später wieder zu K & L.«
»Was ist aus deiner Freundin geworden?«
»Aus Gladys? Keine Ahnung. Ich bin aufs Internat gekommen, sodass wir fast von einem Tag auf den anderen auseinander gedriftet sind, aber in Wirklichkeit hatte es wohl schon an dem Tag bei K & L begonnen. Weil wir etwas voneinander wussten. Etwas Beschämendes. Obwohl wir darüber gelacht haben, war es uns peinlich. Mir jedenfalls.«
Ich trank einen Schluck von meinem Bier. Es war bereits lauwarm.
Henrik schüttelte den Kopf. »Wäre das jetzt eine richtige Erbauungsgeschichte, wäre die Moral die, dass du und deine Freundin vom Weg der Verdammnis gerettet wurdet, nachdem ihr schon fast auf die schiefe Bahn geraten wart, und seitdem ehrlich und glücklich gelebt habt, weil Tugend belohnt wird, während Pickel-Aksel in einer Erziehungsanstalt gelandet ist.«
»Das ist er bestimmt auch«, sagte ich leichthin. »Was aus Gladys geworden ist, weiß ich, wie gesagt, nicht.«
»Das tue ich aus guten Gründen auch nicht«, sagte Henrik. »Aber ich weiß, was aus Pickel-Aksel geworden ist.«
»Hast du ihn gekannt?«, fragte ich verblüfft. »Du bist doch gar nicht auf unsere Schule gegangen.«
»Nee, aber wenn das der ist, den ich meine, hat er heute ein blühendes Geschäft. Er verkauft Gebrauchtwagen. Und seine Firma heißt Pickel-Aksel!«
Ich brach in Gelächter aus. »Wunderbar! Das sieht ihm ähnlich, auf diese Weise Kapital aus seinem Spitznamen zu schlagen, aber von ihm würde ich nie ein gebrauchtes Auto kaufen. Er war trotz seiner Pickel sehr charmant, aber er war ein bisschen zu clever.«
»Das ist er bestimmt noch immer, aber seine Autos sind in Ordnung. Er hat einen guten Ruf in der Branche.«
»Woher weißt du das?«
»Es gehört zu meinem Job, so etwas zu wissen. Es gehört auch zu meinem Job, nach neuen Mitarbeitern Ausschau zu halten. Und dich können wir brauchen.«
»Als Ladendetektivin. Vergiss es.«
»Nein, du hast mir nicht richtig zugehört. Als Beraterin.«
»Ist das nicht das Gleiche? What’s in a name?«
»Nein, das ist nicht das Gleiche und ich kann dir nicht versprechen, dass du die ganze Zeit Außendienst hast, es gehört wohl auch ein Teil ganz gewöhnlicher Büroarbeit dazu. Aber gerade im Moment können wir ein Gesicht, das noch nicht so abgenutzt ist, ganz gut gebrauchen.«
»Danke.«
»Ich meinte ...«
»Ja, ja, ja, ich weiß genau, was du gemeint hast. Wozu?«
»Wir haben einen Auftrag von einem großen Kaufhaus. Sie meinen, dass zu viel verschwindet.«
»Doch nicht etwa von K & L?«
Er lächelte entschuldigend. »Doch, in der Tat.«
»Okay«, seufzte ich. »Diebstahl?«
»Ja, vermutlich. Oder Betrug.«
»Also doch Ladendetektivin.«
»Ja und nein. Du sollst nicht die Kunden, sondern das Personal im Auge behalten. Nur ein oder zwei Personen werden wissen, dass du überhaupt da bist. Und nur der Direktor weiß, wer du bist.«
»Was soll ich tun?«
»Das erfährst du, wenn du Ja sagst.«
Ich dachte nach, dann schüttelte ich den Kopf. »Nein, das ist nichts für mich.«
»Was willst du dann machen?«
»Das weiß ich nicht«, sagte ich.
»Du klingst so resigniert.«
»Das bin ich nicht. Das Ganze ist nur ...«
Henrik sah mich fragend an. »Was?«
»Das ist nicht so leicht zu erklären. Manchmal habe ich meine Zweifel, ob ich wirklich hier bleiben soll. Ich habe wohl geglaubt, dass ich einfach nach Hause kommen und dort wieder anfangen kann, wo ich aufgehört habe, aber alles hat sich verändert. Die Stadt hat sich verändert, die Dänen haben sich verändert, ich habe mich verändert. In den paar Monaten, die ich jetzt hier bin, habe ich nur unregelmäßig Zeitung gelesen, aber ich glaube, dass das Leben hier härter geworden ist. Es scheint so, als übernähme man nur das Schlechteste aus dem Ausland. Vieles von dem, was mir in den USA nicht gefallen hat, finde ich nun hier wieder, während die guten Dinge fehlen. Vielleicht irre ich mich und habe Dänemark ein wenig idealisiert, während ich fort war, dafür ist man wahrscheinlich anfällig, wenn man im Ausland lebt; es kann aber auch sein, dass mir die Veränderungen nur nicht aufgefallen sind, als ich noch hier gelebt habe. Sie kommen ja allmählich.«
»Was meinst du zum Beispiel?«
»Das scheinen alles nur Nebensächlichkeiten zu sein. Aber nimm zum Beispiel das Fernsehen. Es ist schlechter geworden. Es gibt fast nur noch Quizsendungen und minderwertige amerikanische Serien. Viel brutaler als früher. Dann sind da die Einwanderer, mit ihnen gab es früher nicht diese Schwierigkeiten. Irgendetwas müsst ihr falsch gemacht haben. Und die Sprache. Sie ist so hässlich geworden, dass meine Großmutter sich im Grabe umdrehen würde. Alle fluchen und gebrauchen eine Menge englischer und amerikanischer Ausdrücke. Ich habe Fernsehwerbung gesehen, in der nicht ein einziges dänisches Wort vorkam, das ist doch grotesk! Selbst kleine Kinder laufen herum und sagen Fuck you und Oh, shit. Und außerdem habt ihr einen Rockerkrieg und brutale Überfälle.«
»Letzteres ist doch nichts Neues«, wandte Henrik ein. »So etwas kommt immer wieder vor.«
»Vielleicht. Aber ich finde das erschreckend. Und all die fetten Menschen. Jedes Mal wenn ich zu Hause war, gab es mehr davon. Extrem dicke. Bald ist es so wie in den USA, wo die Hälfte der Bevölkerung Übergewicht hat. Und dann die Trinkerei.«
»Laut Statistik wird weniger getrunken.«
»Ja, danke, nur sind es jetzt Kinder von vierzehn, fünfzehn Jahren, die sich jedes Wochenende voll laufen lassen, ohne dass jemand einschreitet, obwohl sie halb betäubt mit einem Bier in der Hand durch die Gegend torkeln. In Philadelphia würde man sie festnehmen und zu einer Geldstrafe verurteilen und die Gastwirte würden ihre Lizenz verlieren.«
»Wir waren doch selbst nicht besser, oder?«
»Wir waren viel älter, Henrik. Für uns wäre es als Vierzehnjährige undenkbar gewesen, ein Bier in einer Kneipe zu bestellen. Wir wären nicht einmal hineingekommen. Ich jedenfalls nicht.«
»Da bin ich mir nicht so sicher.«
»Okay, vielleicht erinnere ich mich falsch«, räumte ich ein. »Vielleicht bin ich nur alt und mürrisch geworden. Ich bin nicht mehr zwanzig und es ist viel passiert. Ich bin selbst eine andere geworden.«
»Ja?«, Henrik sah mich fragend an, aber ich hatte keine Lust, das Thema zu vertiefen.
»Kümmere dich nicht um mich. Ich stecke einfach nur in einer Identitätskrise«, sagte ich leichthin und lächelte ihn an.
Er lächelte nicht zurück, sondern sah mich weiter fragend an. Sein Blick machte mich verlegen. »Warum?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Henrik, ich mag diese Nabelschau nicht. Vergiss es.«
»Nein, ich möchte gerne wissen, was du meinst.«
Ich saß stumm da und guckte in mein Glas, als wäre ich dem versunkenen Atlantis auf der Spur.
»Es ist nur ...«, begann ich endlich und verstummte.
»Nur was?«
»Okay. Vor zehn Jahren war ich Tochter, Schwester und Hausfrau. Und plötzlich bin ich nichts mehr von all dem. Ich bin nicht einmal mehr eine richtige Dänin. Ich spreche anders. Ich bin niemand! Und das ist irgendwie ... Man sollte meinen, das sei Freiheit, aber das ist es nicht ... es ist erschreckend.«
»Wie meinst du das?«
»Es ist erschreckend, nirgendwohin zu gehören. Alle Wurzeln sind gekappt. Ich habe das Gefühl, mich im Niemandsland zu bewegen. Wie ... wie eine Koralle. Ich muss einen Platz finden, an dem ich festwachsen kann und ... ich weiß nicht mehr, ob der hier ist.«
Henrik sah mich forschend an und ich sah über das Wasser, um seinem aufmerksamen Blick zu entgehen.
»Was ist mit der Wohnung, in der du wohnst?«, fragte er schließlich. »Teilst du sie mit jemandem?«
Ach so, darüber hatte er sich also Gedanken gemacht. Das sah ihm ähnlich, auf diese Weise zu fragen. Was er in Wirklichkeit wissen wollte, war, ob ich einen Freund hatte.
»Nein, ich habe sie für mich. Sie ist nicht sehr groß.«
»Ist es eine Mietwohnung?«
»Nein, Eigentum.«
»Also hast du dich in deinem tiefsten Innern entschlossen zu bleiben. Warum hättest du sie sonst gekauft?«
» ... sagte Dr. Freud.« Ich lächelte ihn ironisch an. »Aber du irrst dich. Ich habe sie gekauft, weil ich irgendwo wohnen musste und weil sie so billig war, dass ich ziemlich sicher sein konnte, sie ungefähr zum gleichen Preis wieder verkaufen zu können, wenn ich es bereuen und mich entschließen sollte zurückzugehen.«
Die Wahrheit war, dass ich sie gekauft hatte, um mich zu überzeugen, dass Allie wieder gesund würde. Und um sie zu überzeugen, dass ich daran glaubte. Zusammen hatten wir Pläne gemacht, was wir alles unternehmen wollten, wenn sie wieder gesund war. Die Wohnung war unsere Versicherung.
Natürlich war das dumm. Eine Art Aberglaube. Genau wie damals, als Allie und René ihr erstes Kind erwarteten und Allie einen Versicherungsvertreter kommen ließ. Nachdem er Lebensversicherungen, Unfallversicherungen, Haftpflichtversicherungen und so weiter. für sie beide abgeschlossen hatte, fragte er verwundert und leicht besorgt, ob sie sehr große Angst habe, dass ihnen etwas passierte. »Nein«, antwortete sie. »Jetzt nicht mehr. Jetzt sind wir ja versichert.«
Weder meine Wohnung noch ihre Versicherungen hatten etwas genutzt.
»Aber erst einmal bist du jedenfalls hier«, sagte Henrik. »Und irgendetwas musst du schließlich machen.«
»Ich werde schon etwas finden.«
»Was?«
»Das weiß ich nicht. Etwas Befristetes«, antwortete ich leicht irritiert. Schließlich ging ihn das nichts an. »Ich habe ein fast fertiges Psychologiestudium«, fuhr ich fort. »Und ich hoffe, es hier abschließen zu können. Ich habe mit dem Studienausschuss gesprochen und meine Examensunterlagen zur Prüfung eingereicht.«
»Wann bekommst du Bescheid?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Sie haben gesagt, dass es etwas dauern kann.«
»Du wirst auf jeden Fall nicht gleich nach den Sommerferien hier anfangen können.«
»Das hoffe ich doch.«
»Das kannst du vergessen. Du kannst froh sein, wenn du nach Neujahr anfangen kannst. Wenn sie dich zulassen.«
»Warum sollten sie nicht?«
»Es ist nicht so einfach, wie du offenbar glaubst. Und es braucht Zeit.«
»Dann ist es eben so.«
»Und was willst du bis dahin machen?«
»Ich werde schon etwas finden«, beharrte ich störrisch.
»Ich werde schon etwas finden, ich werde schon etwas finden! Es nutzt nichts, das wie ein Mantra zu wiederholen. Was kannst du? Was hast du zu bieten?«
»Englisch zum Beispiel«, sagte ich.
»Das können alle.«
»Das glauben sie nur.«
»Bea, es hilft nicht, sauer zu werden, und ich will dir nicht den Mut nehmen, aber du musst realistisch sein. Die Arbeitslosigkeit ist ziemlich hoch hier, verdammt nochmal, und ich kann dir versichern, dass du nicht an erster Stelle in der Reihe stehst.« Er hielt die Hände vor sich und begann an den Fingern abzuzählen. »Du warst über zehn Jahre im Ausland; du hast keine abgeschlossene Ausbildung; du stehst auf der falschen Seite der dreißig, du ...«
»Jetzt hör aber mal auf, ich bin vor einem Monat dreißig geworden«, protestierte ich.
»Ja, wie ich gesagt habe, auf der falschen Seite; du bist keine Schönheit ...«
»Danke!«
Er seufzte ergeben. »Ich sage nicht, dass du hässlich bist. Du bist ein hübsches Mädchen. Wenn du willst, kannst du sogar ein schönes Mädchen sein, aber du bist keine Naomi Campbell, oder? Die Leute bleiben nicht stehen, nur um dich anzustarren.«
»Sollen wir wetten?«
Er lachte. »Nein, aber wenn du wie jetzt Jeans und T-Shirt trägst, gleichst du tausend anderen hübschen, blonden Mädchen. Du hinterlässt keinen unauslöschlichen Eindruck.«
»Weiter«, zischte ich.
»Außer auf mich natürlich«, sagte er. »Wo waren wir?«, fuhr er fort und sah auf seine Finger. Ich hasse es, wenn Leute die Finger zu Hilfe nehmen, um meine Mängel aufzuzählen. »Ach ja, du bist kein herausragendes Talent.«
Er lächelte triumphierend und griff nach seinem Glas; die Aufzählung war offenbar beendet. Ich hätte gut noch ein paar Mängel hinzufügen können, ließ es aber.
»Darf ich dich darauf aufmerksam machen, dass ich ein besseres Abitur gemacht habe als du«, sagte ich stattdessen.
Er lachte. »Das macht dich doch nicht zu einer herausragenden Begabung! Du bist klug, du besitzt einen gesunden Menschenverstand und du verfügst über Intuition, aber du bist weder Freud noch Einstein.«
Plötzlich erinnerte ich mich, warum damals auf dem Gymnasium nie wirklich etwas aus uns geworden war. Wir sind eine Weile miteinander gegangen, aber dann war ich es müde, immer klein gemacht zu werden.
Ich holte tief Luft. Ich hatte Psychologie studiert, ich hatte eine Analyse hinter mir und ich wusste, dass mein schwacher Punkt – einer meiner schwachen Punkte – der war, dass ich Kritik zu persönlich nahm. Das nicht zu tun ist schwer, wenn es sich um die eigene Person dreht. Am liebsten würde ich eben hören, dass ich einfach großartig bin. In jeder Beziehung! Wer will das nicht? Aber okay, das waren die facts.
Natürlich habe ich Fehler und Mängel, wer hat die nicht? Und er hatte sie schließlich nicht aufgezählt, um mich zu kritisieren oder zu verletzen.
Ich trank einen Schluck Bier, lächelte ihn an und konnte förmlich sehen, wie er erleichtert aufatmete.
»Du hast bestimmt Recht«, sagte ich. »Mit gewissen Vorbehalten. Aber willst du mir nicht bitte erklären, warum du mir diesen Job anbietest?«
Und Gott steh mir bei, er fing wieder mit seinen Fingerübungen an. »Weil du ein fast fertiges Psychologiestudium hast, weil du über dreißig bist, weil ...«
Ich legte meine Hände um seine. »Hör auf damit. Das macht mich wahnsinnig.«
Verwundert sah er erst seine Hände und dann mich an. »Tut es das?«
»Ja.«
»Aber ich muss das tun. Das mache ich immer.«
»Ja, ich weiß.«
Er zog die Hände zu sich. Ich wette zehn zu eins, dass er unter dem Tisch an den Fingern abzählte.
»Du kannst total anonym arbeiten, die berühmte Fliege an der Wand, sollte das nötig sein. Du bist so lange fort gewesen, dass dich niemand kennt. Du bist zwar klug, aber ich glaube nicht, dass du so genial bist, dass die Uni sich auf dein Gesuch stürzt und schreit: Halleluja, die müssen wir sofort haben! Ein halbes Jahr werden wir dich wohl mindestens behalten dürfen und vielleicht bleibst du ja. Du hast einen gesunden Menschenverstand und dann ist da deine berühmte Intuition. Früher war das jedenfalls so.«
»Jetzt sind die Minuspunkte plötzlich zu Pluspunkten geworden.«
»Ich habe nie gesagt, dass das Minuspunkte sind. Das wären sie nur, wenn du dir einen gewöhnlichen Job suchen würdest.«
»War das jetzt alles?«
»Nein, ich glaube, dass du super für den Job geeignet bist. Außerdem bist du ehrlich – von den indischen Servietten einmal abgesehen –, das ist ziemlich wichtig in unserer Branche, und du brauchst einen Job, nicht? Von irgendetwas musst du ja leben. Allein das müsste dich dazu bewegen, Ja zu sagen.«
In diesem Punkt irrte er sich jedoch. Ich brauchte nicht zu arbeiten, um von etwas leben zu können, aber das sagte ich ihm nicht.
»Mmm«, murmelte ich nur.
Er nahm meine Hand. »Und außerdem würde ich dich verdammt nochmal gerne öfter sehen. Ich will nicht, dass du einfach wieder aus meinem Leben verschwindest. Als du neulich da draußen vor der Kirche standest ...«
Ich entzog ihm meine Hand.
»Es war nett von dir zu kommen«, sagte ich.
»Ich mochte deine Schwester sehr. Und außerdem wusste ich, dass du da sein würdest.«
Ich warf ihm einen schnellen Blick zu. Ich hatte Lust, ihn zu fragen, wie es mit Maria lief.
»Das war eine merkwürdige Beerdigung, nicht?«, sagte ich stattdessen.
»Warum?«
»Die meisten waren so jung. Abgesehen von Allies Schwiegereltern, waren fast nur junge Menschen da. Jüngere. Unter vierzig.«
»Sie war schließlich selbst erst sechsunddreißig.«
»Ja. Deshalb ist es eigentlich doch nicht so verwunderlich.«
Aber trotzdem. Für mich waren Beerdigungen immer etwas für ältere Leute. Alte Leute. Hier war die Kirche voller junger Menschen, die bunte Sommerkleider trugen. Alle Pädagogen und Mitarbeiter des Kindergartens, dessen Leiterin sie gewesen war. Ihre alten Freundinnen aus der Schul- und Studienzeit, ihre und Renés Freunde. Und Kinder, Massen von Kindern. Es glich keiner Beerdigung. Es wirkte fast widernatürlich. Aber es war auch widernatürlich, mit sechsunddreißig zu sterben. Und drei kleine Kinder zu hinterlassen. Und einen Mann. Und mich.
Ich fühlte, wie meine Unterlippe zu zittern begann, presste die Lippen zusammen, räusperte mich und sah über das Wasser.
Allie war mehr als eine Schwester für mich gewesen. Sie war meine Ersatzmutter, meine beste Freundin, mein fester Halt.
Ich spürte, dass Henrik mich ansah. Er überlegte wohl, ob er etwas über Allie sagen sollte, aber glücklicherweise verstand er, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür war. Stattdessen nahm er wieder meine Hand und beugte sich ein wenig vor.
»Also, was sagst du, Bea? Zu dem Job? Wirst du wenigstens darüber nachdenken?«
Ich nickte. »Wie viel Zeit zum Nachdenken habe ich?«
»Nicht sonderlich viel«, räumte er ein.
»Sag schon.«
»Kannst du mir morgen Bescheid geben?«
Er verlangte viel. Aber wenigstens hatte er genug Scham im Leib, um ein bedauerndes Gesicht zu machen.
»Verstehst du, ich hatte nicht das Gefühl, dich gleich nach Allies Beerdigung um ein Treffen bitten zu können, aber jetzt drängt die Zeit.«
Ich nickte. Wir saßen eine Weile schweigend da. Ich ging seinen Vorschlag in Gedanken durch. Es war nicht viel, was ich erfahren hatte, aber wenn der Job total hoffnungslos war – oder ich –, konnte ich ja einfach abspringen. Das konnte ich auch, falls ich trotz seiner pessimistischen Voraussagen bereits jetzt zum Studium zugelassen werden sollte. Jedenfalls konnte es nicht schaden, es zu versuchen, sagte ich mir.
Einen Moment später sagte ich das auch zu ihm.
»Okay, ich sage Ja. Ich kann ja jederzeit wieder abspringen, oder? Ich riskiere also nichts, wenn ich Zusage.«
Das habe ich wirklich gesagt!
Gott weiß, wo meine berühmte Intuition in diesem Moment war?
2
Ich schlug Henriks Angebot aus, mich zurück in die Stadt zu fahren. »Wie kommst du dann nach Hause? Es ist weit zu laufen.«
»Ich laufe gerne und außerdem kann ich den Bus nehmen. Jetzt, wo ich schon einmal in der Nähe bin, werde ich ins Kunstmuseum gehen. Es ist Jahre her, dass ich das letzte Mal dort war.«
Er umarmte mich kurz, fast brüderlich, bevor er sich ins Auto setzte. »Schön, dass du wieder zu Hause bist.«
Ich lächelte schief. »Hoffen wir, dass du in einem Monat noch das Gleiche denkst.«
»Das werde ich«, versicherte er. »Wir sehen uns morgen.« Er setzte sich ins Auto und ließ das Fenster herunter. »Ich freue mich wirklich, dass du Ja gesagt hast.«
Ich nickte. Ich tat das nicht, aber jetzt war es zu spät, das zu sagen.
Ich wollte eigentlich ins Museum gehen, aber das Wetter war so schön, dass ich stattdessen durch den Hafen schlenderte und mir die Boote ansah, die auf dem Wasser lagen und in den Vertäuungen schaukelten, während der Wind es in den Takelagen wie von hunderten von Schellen klingeln und bimmeln ließ.
Ich wusste noch immer nicht genau, um was es in meinem neuen Job ging.
»Das wirst du morgen erfahren«, hatte Henrik gesagt. »Wir treffen uns um neun in meinem Büro. Dann erkläre ich dir, worum es bei dem Ganzen geht und was deine Aufgabe ist.«
Das war alles, was ich aus ihm herausbekommen hatte.
Ich landete schließlich bei den Ruderklubs. Die alten Holzgebäude liegen seit undenklichen Zeiten dort. Der Damenruderklub, die Seepfadfinder, der Kajakklub, Ägir und so weiter. Alles sah genauso aus wie immer. Vielleicht ein bisschen heruntergekommener. In den drei Jahren, die ich aufs Gymnasium gegangen war, hatte ich hier gerudert. Rudern und Schwimmen waren die einzigen Sportarten, aus denen ich mir wirklich etwas mache. Allie behauptete immer, das komme daher, dass ich im Zeichen der Fische geboren bin; ich sagte, sie sei geisteskrank, wenn sie an so etwas glaube.
Das Tor zu dem Weg, der zu dem grasbewachsenen Platz hinter meinem alten Klubhaus führte, stand offen. Ich erlag der Versuchung hineinzugehen und hatte fast das Gefühl, auf verbotenen Pfaden zu wandeln. Die Türen zur Bootshalle standen weit offen, die meisten der Boote schienen drinnen zu sein und nirgendwo war eine Menschenseele zu sehen.
Hinten bei dem Bollwerk stand ein Tisch mit ein paar befestigten Bänken. Ich setzte mich auf eine der Bänke und zündete mir eine Zigarette an. Es war ein altes Laster, das ich voller Freude wieder aufgenommen hatte, nachdem ich nach Hause gekommen war. In den USA war ich mir wie ein Paria vorgekommen, wenn ich rauchte, und ich hatte bereits festgestellt, dass es hier kaum anders war, sodass es sicher darauf hinauslaufen würde, dass ich wieder aufhörte, aber nicht gleich.
Es war seltsam still hier. Ich hörte nur das Glucksen des Wassers gegen das Bollwerk, die Schreie der Möwen und in der Ferne wie ein schwaches Dröhnen den Verkehr.
Ich blies einen dünnen Streifen Rauch in die Luft und betrachtete durch ihn hindurch die Aussicht. Rechts von mir lag die Eisenbahnbrücke und etwas weiter entfernt die Straßenbrücke. ›Die neue feste Brücke‹, wie Großmutter sie immer genannt hatte. In ihrer Kindheit – vor fast hundert Jahren – war dort eine Pontonbrücke gewesen, weshalb die Straßenbrücke für sie immer ›die neue feste Brücke‹ blieb.
Auf der anderen Seite des Fjords konnte ich die Bäume von Skansen und direkt unter ihnen die funktional gebauten Häuser sehen, in denen Großmutters Freundin, Tante Eja, gewohnt hatte. Manchmal besuchten wir, Allie und ich, sie zusammen mit Großmutter und jedes Mal wunderte ich mich darüber, dass die kleine, muntere, lebhafte Tante Eja und meine große, strenge Großmutter Freundinnen waren. Manchmal, glaube ich, wunderte das auch sie.
Weiter unten links erahnte ich etwas von der Kirche, in der Allie und ich getauft worden waren. Großmutter hatte das durchgesetzt. Ich war fast ein Jahr und Allie muss knapp sieben gewesen sein. Es war das erste Mal – aber bei weitem nicht das letzte –, dass unsere Eltern uns der Obhut unserer Großmutter überließen und von ihrer Seite war es die reinste Erpressung. »Ich passe nur unter der Bedingung auf sie auf, dass sie getauft werden. Ich will nicht die Verantwortung für ein paar ungetaufte Kinder.«
Vater begehrte auf. Er war gegen die Kindstaufe. Seiner Meinung nach war das nichts als sentimentaler Unsinn, doch war ihm für drei Monate eine Stiftungswohnung in Paris angeboten worden und Paris war nicht nur eine Messe, sondern auch eine Kindstaufe wert, sodass Großmutter – wie fast immer, wenn es um uns ging – ihren Willen bekam. Mutter und Vater nahmen noch obendrein an der Komödie teil, wie Vater das nannte. Wir haben ein Foto von dem Tag. Ich gleiche einem fetten, haarlosen Buddha, während Allie mit ihren goldenen Korkenzieherlocken und ihrem halblangen weißen Kleid mit der rosa Schleife um die Taille einem alten englischen Gemälde entsprungen zu sein scheint. Sie sieht aus wie ein Engel.
In der Kirche benahmen wir uns beide exemplarisch.
Als Allie an der Reihe war und der Priester sie – mit einem Blick zu Großmutter hin – fragte, ob sie dem Teufel und all seinen Werken entsagen wollte, knickste sie höflich und sagte Ja, danke. Sowohl der Priester wie auch mein Vater mussten zu Großmutters großem Ärger lachen, während Großvater, der schwerhörig war, verständnislos von einem zum anderen sah, ohne einen Ton von dem zu verstehen, was vor sich ging.
Meine Augen wurden nass, während ich dasaß und vor mich hin starrte. Ich schniefte und trocknete mir die Augen.
Der Klang von Stimmen ließ mich den Kopf drehen. Zwei große Burschen mit einem kleineren im Schlepptau kamen eifrig diskutierend aus der Bootshalle. Gymnasiasten, schätzte ich.
»Er hätte ruhig ein bisschen früher anrufen können«, sagte der Kleinste irritiert.
»Jetzt sei mal ein bisschen vernünftig, Anders«, sagte einer der anderen. »Das ist wohl nicht das Erste, woran man denkt, wenn man mit einem gebrochenen Arm in der Unfallstation sitzt.«
»Ich hätte das getan«, behauptete der Junge, der Anders hieß. »Du nicht auch, Martin?« Er wandte sich an den dritten.
»Nee. Ich habe kein Handy. Außerdem hätte das nichts gebracht. Es wäre trotzdem zu spät gewesen, um einen Ersatz zu finden.«
Sie waren von ihrem Gespräch so in Anspruch genommen, dass sie mich erst jetzt sahen. Sie starrten mich ungeniert an, als wäre ich ein merkwürdiges Tier.
»Hei, Mutter!«, rief Anders.
Mutter! Nicht Schwester. Genau das hatte mir noch gefehlt. Zuerst erinnerte mich Henrik daran, dass ich auf der falschen Seite der dreißig stand und jetzt Mutter! Was zum Teufel bildete der kleine Rotzlöffel sich eigentlich ein?
Ich sah ihn drohend an. »Nenn mich noch einmal Mutter und du fängst dir eine ein!«
Sie starrten mich verblüfft an und ich bereute die Worte in dem Moment, in dem ich sie ausgesprochen hatte. In Philadelphia bedurfte es weniger, um zusammengeschlagen zu werden, und sie waren zu dritt.
Ich beeilte mich zu lächeln, um zu zeigen, dass das nur ein Witz gewesen war.
Glücklicherweise grinsten alle drei. »Entschuldigung, die Dame, Entschuldigung! Nichts für ungut!«, sagte Anders.
Ich fand Dame nicht viel besser, aber ich ließ es durchgehen.
Sie schlenderten weiter zu dem Weg und blieben eifrig diskutierend an der Ecke des Klubhauses stehen. Der, der Martin hieß, drehte sich um und rief mir irgendetwas zu, das ich nicht verstand. Es klang, als würde er fragen, ob ich rodeln könnte.
»Ob ich was kann? Ich habe es nicht verstanden.«
»Rudern!«, rief er. »Ich habe gefragt, ob Sie rudern können!«
»Ja, kann ich«, rief ich zurück.
Er kam zu mir und die anderen folgten ihm leicht widerstrebend.
»Stimmt das? Können Sie rudern?«, fragte er. Es klang noch immer wie rodeln.
Ich lenkte ein wenig ein. »Jedenfalls konnte ich das, aber es ist zehn Jahre her, seit ich das letzte Mal gerudert habe.«
»Was haben Sie gerudert?«
»Einen Vierer mit Steuermann. Warum?«
»Glauben Sie, Sie können das noch?«
»Ja, davon gehe ich aus. Das ist doch wie Radfahren. Wenn man es erst einmal kann, verlernt man es nicht mehr. Aber ich bin überhaupt nicht in Form und du hast nicht gesagt, warum du das wissen willst.«
Aber ich hatte natürlich eine qualifizierte Vermutung.
»Uns fehlt eine Reserve«, erklärte er. »Unser Erster hat sich den Arm gebrochen. Wir haben es eben erst erfahren.«
»Was rudert ihr?«
»Auch einen Vierer.«
»Und wo ist euer Steuermann?«
»Wir rudern ohne Steuermann.«
»Ohne Steuermann. Dann ohne mich. Das kann ich nicht. Das habe ich nie ausprobiert.«
»Einmal ist immer das erste Mal.«
»Hast du nicht gerade gesagt, dass sich euer Erster den Arm gebrochen hat?«
»Ja, aber ...«
»Dann vergesst es! Soweit ich mich erinnere, steuert der Erste, wenn ohne Steuermann gerudert wird.«
»Ja, aber Joachim kann gut den Platz des Ersten übernehmen«, sagte er eifrig und nickte zu ihm hin. Er hatte noch kein Wort hervorgebracht. »Dann übernehmen Sie seinen Platz. Er ist der Zweite. Das ist auch gut für’s Gleichgewicht, denn Anders, der kleine Knirps, ist der Dritte.«
Der kleine Knirps war de facto etwas größer als ich. Das stellte ich später fest und ich bin eins siebenundsiebzig. Er sah nur im Verhältnis zu den anderen klein aus.
»Ich weiß nicht recht«, sagte ich zögernd.
Ich sah über den Fjord hinaus. Es könnte schon Spaß machen, es noch einmal zu versuchen. Nur ein einziges Mal.
»Ich bin nicht Mitglied«, sagte ich.
»Das brauchen Sie beim ersten Mal auch nicht. Wir können einmal zur Probe rudern, ob es funktioniert. Dann können Sie ja immer noch Mitglied werden.«
Sie mussten verrückt sein, wenn sie glaubten, ich würde regelmäßig mit ein paar Gymnasiasten rudern, die mich Mutter genannt hatten!
Ich sah noch einmal über das Wasser, dann holte ich tief Luft und drehte mich zu ihnen um. »Okay. Aber nur dieses eine Mal! Mit mehr könnt ihr nicht rechnen.«
Mein Weg zur Hölle muss mit übereilten Entschlüssen gepflastert sein!
Der Hausmeister fegte die Straße vor dem Haus, als ich endlich bei meiner Wohnung ankam. Ich war zum Umfallen müde und ich brauchte ein Bad.
»Was ist denn mit Ihnen los?«, fragte er. »Sie sehen ja richtig verschlaucht aus.«
»Geschlaucht, Rade«, sagte ich. »Geschlaucht. Ich bin nur müde.«
»Ihr Freund hätte Sie ruhig nach Hause fahren können«, sagte Rade missbilligend. Er hatte gesehen, wie Henrik mich am Nachmittag abgeholt hatte. »Sie müssen ihn erziehen. Aber es ist gut, dass Sie jetzt einen Freund haben. Ein nettes Mädchen braucht einen Freund, nicht?«
»Das ist nicht mein Freund, Rade«, sagte ich. »Das ist mein neuer Chef. Ich habe eine Arbeit gefunden.«
Rades Gesicht überzog ein Netz von Lachfältchen. »Gut! Mit dem Chef befreundet, das ist noch besser.«
»Sie wissen doch, dass ich keinen anderen Freund haben will außer Ihnen.«
Rade lachte. »Ich bin zu alt.«
»Wenn Sie das sagen.«
Eigentlich heißt Rade Radoslav und ist Jugoslawe. Er und seine Frau sind vor 31 Jahren hierher gekommen. Er ist gerade siebzig geworden. Er hat bei Eternit gearbeitet und hatte das Glück, eine der kleinen Wohnungen hier im Haus zu bekommen. Die Frau des Eigentümers war selbst Jugoslawin und mehr als gerne bereit, einem Landsmann zu helfen, also wurde Rade Hausmeister und das ist er immer noch. Er und eine alte Dame, die in einer der Parterrewohnungen in unserem Aufgang wohnt, sind die Einzigen, die hier zur Miete wohnen. Alle anderen Wohnungen sind in Eigentumswohnungen umfunktioniert worden, nachdem die alten Mieter gestorben oder weggezogen sind.
Jeden Abend zwischen sechs und sieben fegt Rade den Bürgersteig. Ich habe ihn einmal gefragt, ob er wirklich Geld bekommt, um jeden Abend zu fegen. Er hat nur mit den Schultern gezuckt.
»Ich bin hier Hausmeister, nicht? Hier soll es ordentlich aussehen.«
Es ist ordentlich. Keine Graffiti. Keine kaputten Scheiben. Keine Hundescheiße auf dem Bürgersteig, nichts, das im Hof oder im Keller herumliegt. Jeden Samstag wird die Treppe geputzt. Sowohl die Vordertreppe wie die Hintertreppe. Freitagabend stellen die Bewohner die Fußmatten hoch und Samstagmorgen ist die Treppe geputzt. Als wären im Laufe der Nacht die Heinzelmännchen da gewesen. Das hat Rades Frau immer gemacht, bevor sie krank wurde, hat er erzählt, dann hat er auch das übernommen. Da war er ja schon in Pension. Sie ist in dem Jahr gestorben, bevor es in Jugoslawien knallte.
»Damals habe ich Gott verflucht!«, hat mir Rade erzählt. »Wir hatten all die Jahre gespart. Das Geld dort unten auf der Bank deponiert. Ein schönes kleines Haus gekauft, das wir vermietet hatten. Wir wollten runterziehen, wenn wir erst pensioniert waren. Das war unser Traum. Unsere letzten Jahre zu Hause zu verbringen und dort zu sterben. Dafür haben wir gespart. Jetzt ist das Haus weg, das Geld ist weg, das Dorf, die Familie ...« Er zuckte mit den Schultern. »Es gibt nichts, zu dem man nach Hause kommen kann. Jetzt danke ich Gott, dass sie das nicht hat erleben müssen. Am Tag vor ihrem Tod hat sie gesagt, dass wir runterziehen sollten, sobald sie wieder gesund genug ist. Wir hatten ja unser Auskommen. Ich habe Ja gesagt und sie geküsst und in der Nacht ist sie gestorben. Ich habe bei ihr gesessen und ich weiß, dass sie glücklich gestorben ist. Damals habe ich es nicht verstanden, aber jetzt weiß ich, dass es das Beste war, was ihr in ihrem Leben passiert ist. Dass sie zur rechten Zeit gestorben ist. Manchmal weiß Gott, was er tut, nicht?«
»Auch in Jugoslawien?«, fragte ich.
»Das ist nicht Gottes Werk. Das ist das Werk der Menschen.«
Das mochte ich nicht kommentieren. Ich weiß nicht, ob Rade mir von seiner Frau erzählt hat, um mich zu trösten, als er begriffen hatte, wie krank meine Schwester Allie war. Vielleicht. Aber ich glaube es nicht. Ich glaube, dass er einfach Lust hatte, von sich zu erzählen. Das konnte er mir geben. Seine Geschichte. Dass ich ihn sah, wie er war. Dass ich ihn kannte und an der richtigen Stelle in meiner eigenen Geschichte einordnen konnte. Ich mag ihn sehr. Das sage ich ihm regelmäßig.
»Sie erinnern mich an den Griechen Sorbas«, habe ich ihm bei einem der ersten Male gesagt, die wir miteinander gesprochen haben.
Er lachte. »An Anthony Quinn? Ihm ähnele ich nicht.«
Aus dem einen oder anderen Grund verblüffte es mich, dass er den Film gesehen hatte, dass er irgendetwas mit Sorbas verband. Aber warum nicht? Er hatte jahrelang hier gelebt. Er war mit seiner Frau oft ins Kino gegangen, obwohl sie nicht besonders viel mitbekam, da sie kein Englisch verstand und die dänischen Untertitel nicht lesen konnte.
»Nein, ich meinte nicht Anthony Quinn. Sondern den richtigen Sorbas. Den aus dem Buch. Ich habe das Buch gelesen, bevor ich den Film gesehen habe, und Sorbas gleicht ihnen.«
»Eigentlich mag ich die Griechen nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil sie unsere Nachbarn sind. Die Leute mögen ihre Nachbarn nie, nicht? Wir mögen die Griechen, die Albaner und die Italiener nicht. Die Dänen können die Deutschen und die Schweden nicht leiden.«
Ich verdrehte die Augen. »Einige meiner besten Freunde sind Schweden!«
Rade lachte. Er spricht Dänisch mit einem furchtbaren Akzent, aber er versteht fast alles. Ihm entgeht kaum etwas, weder Ironie noch Sarkasmus noch Untertreibungen oder versteckte Zitate, das ist schon imponierend. Man kann Witze mit ihm machen. Die in einer fremden Sprache zu verstehen gehört mit zum Schwersten; ich spreche aus Erfahrung.
In der ersten Zeit war Rade der Einzige im Haus, mit dem ich gesprochen habe. Vielleicht ist das nur natürlich, er war der Hausmeister, zu ihm ging man, wenn der Wasserhahn tropfte oder die Sicherungen heraussprangen, aber ich fand es seltsam, dass die anderen Hausbewohner nur nickten, wenn man sich auf der Straße oder der Treppe traf. Zehn Jahre war ich die amerikanische Aufgeschlossenheit gewohnt gewesen, wo man neue Nachbarn willkommen heißt. Aber vielleicht hing das damit zusammen, dass ich zu seltsamen Zeiten kam und ging und nicht richtig am Leben des Hauses teilnahm. Die meiste Zeit verbrachte ich bei Allie in Großmutters Haus, das auch – mehr oder weniger – unser Kindheitsheim war.
Rade sorgte dafür, dass ich ein Türschild bekam und dass auf Briefkasten und Sprechanlage mein Name angebracht wurde.
»Nicht Beatrice, Mädel, nur B«, sagte er.
Ich lachte. »Wozu soll das gut sein? Alle und jeder können sich doch ausrechnen, dass hier eine Frau wohnt, wenn an Stelle des Vornamens nur ein Buchstabe steht.«
»Hier nicht«, sagte Rade und zeigte auf die anderen Schilder. Er hatte Recht. Nicht ein einziger Vorname stand da, nur Anfangsbuchstaben.
»Geschickt, was?«, sagte er zufrieden.
Rade hatte mir Lampen aufgehängt, Nägel in die Wände geschlagen und die Ikea-Regale zusammengebaut, die mich an den Rand der Tränen gebracht hatten. Er hatte mir auch geholfen, das riesige Wasserbett zu leeren und zu entsorgen, auf dem die vorige Besitzerin Selbstmord begangen hatte. Ich hatte es nicht behalten wollen, obwohl ich es umsonst bekommen hatte.
Rade trägt unser aller Lasten. Jedenfalls die, die mit dem Besitz einer Eigentumswohnung verbunden sind.
J. Rindom, die in der ersten Etage links wohnt, kam um die Ecke getrippelt und steuerte auf Rade zu. Mir nickte sie im Vorbeigehen gnädig zu.
»Ach, Rade«, gurrte sie. »Mein Wasserhahn tropft.«
»Ja, dann sollten wir wohl besser einmal danach sehen«, sagte Rade.
»Könnten Sie das gleich machen?«, gurrte sie und klimperte mit den Augenwimpern, die schwer und schwarz von Mascara waren. Sie muss um die sechzig sein, aber sie gurrt und blinzelt und flirtet wie eine Siebzehnjährige. Ich glaube nicht, dass Rade ihrem Charme gegenüber vollkommen gleichgültig ist, deshalb nickte ich den beiden zu und überließ sie sich selbst und ihrem Flirt.
Meine Wohnung liegt in der vierten Etage. In den ersten Wochen arbeiteten meine Lungen wie ein Blasebalg, wenn ich endlich oben angekommen war, aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Ich gehe davon aus, dass das gesund ist. Ich hielt mich eigentlich für ziemlich fit, aber Treppen sind etwas ganz Besonderes. Sie bringen mehr als eine halbe Stunde joggen.
Ich schloss auf und betrat die Wohnung. Ich hatte ein Fenster im Wohnzimmer offen gelassen, aber trotzdem waren es um die dreißig Grad, obwohl es schon nach sechs war. Ich warf meine Tasche auf das Sofa und ging weiter ins Schlafzimmer, wo ich mich auszog.
Ich warf alles auf einen Haufen, nahm die Sachen mit ins Badezimmer und schmiss sie in den Wäschesack. Ich duschte schnell, zuletzt kalt, und tapste auf nackten Füßen, ohne mich abzutrocknen, ins Schlafzimmer. Ich zog mir ein Höschen und eine ärmellose Bluse an und ging in die Küche. Ich öffnete den Kühlschrank, nahm den Eiswürfelbehälter aus dem Gefrierfach und ließ drei Würfel in ein hohes Glas fallen. Das füllte ich mit Eistee auf und ging auf den winzigen Balkon hinaus, den meine Vorgängerin, die mit dem Wasserbett, hatte anbringen lassen.
Ursprünglich war hier in der Schräge ein ganz gewöhnliches Dachfenster gewesen, das sie durch eine Konstruktion mit Balkon und Glastür hatte ersetzen lassen. Es war der Balkon, der es mir angetan hatte, als ich die Wohnung zum ersten Mal sah. Ich konnte mir genau vorstellen, wie herrlich es sein musste, dort mit einem Drink in der Abendsonne zu sitzen.
Obwohl es mir der Balkon angetan hatte, war es der Preis, der den Ausschlag gab. Die Leute reißen sich nicht um einen Nachlass, weil man sich später nicht über Mängel und Fehler beschweren kann. Dass es sich zudem noch um einen Selbstmord handelte, steigerte das Interesse nicht gerade.
Es gab übrigens noch einen Grund, weshalb der Preis so niedrig war. Meine Vorgängerin hatte ebenfalls einen Nachlass übernommen. Ihr Vorgänger war ermordet worden. Glücklicherweise nicht in der Wohnung, aber trotzdem!
Das wusste ich nicht, als ich sie kaufte. Rade erzählte es mir, während er Lampen aufhing und Nägel einschlug. Wäre ich abergläubisch gewesen, hätte ich das als schlechtes Omen betrachtet, aber ich glaubte nicht an so etwas.
Vielleicht hätte ich es doch tun sollen.
3
Ich hatte den Wecker für den folgenden Morgen auf Viertel vor sieben gestellt, eine halbe Stunde früher als gewöhnlich. Ich zog mich schnell an, trank ein Glas Saft und radelte zum Schwimmbad in der Östre Allee. Seit ich wieder zu Hause war, war ich jeden Morgen geschwommen. Tausend Meter. Heute hatte ich es eilig, ich wollte zu meiner Verabredung mit Henrik nicht zu spät kommen. Normalerweise gehe ich eine Viertelstunde in die Sauna, bevor ich ins Becken springe, aber das ließ ich aus. Ich schwamm die tausend Meter in einer halben Stunde. Das reichte an meine beste Zeit bei weitem nicht heran, aber mir taten von der gestrigen Ruderpartie noch immer die Muskeln weh.
Denn natürlich war es darauf hinausgelaufen, dass ich gerudert war. Die Jungen hatten meine gesamten Einwände beiseite gefegt, aber ich will ihnen nicht die Schuld geben. Ich bin ein großes Mädchen, ich hätte also Nein sagen können. Ganz einfach.
Nach dem Schwimmen wusch ich mir unter der Dusche im Umkleideraum die Haare und brauchte fast zehn Minuten, um sie mit dem Föhn zu trocknen. Sie sind lang und dick und brauchen so lange, aber sie abschneiden zu lassen, bin ich nicht bereit. Ich nahm bei allem die Zeit, um genau zu wissen, wie viele Minuten ich morgens einplanen musste. Ich liebe es, die Dinge unter Kontrolle zu haben. Das ist auch eine meiner Schwächen.
Es war erst Viertel nach acht, als ich wieder in der Stadt war. Ich hatte massenhaft Zeit. Wenn ich richtig zu arbeiten anfing, würde ich direkt vom Schwimmbad zur Arbeit fahren. Dann hätte ich, wenn ich Viertel vor sieben aufstand, sowohl für die Sauna als auch für die Sonnenbank Zeit. Doch heute fuhr ich nach Hause, um mein citydress anzuziehen. Ich stellte die Küchenuhr auf zehn vor neun und machte Kaffee und Toast, während ich mir ein taubenblaues Kostüm aus Seidenleinen mit einer passenden dünnen Seidenbluse anzog.
Ich zog die Augen mit Kajalstift nach und legte hellblauen Lidschatten auf, der meine Augen noch blauer aussehen ließ, als sie von Natur aus waren. Ich beendete das Ganze, indem ich die Wimpern mit schwarzem Mascara tuschte und die Lippen korallenrot nachzog.
Als Letztes zog ich ein Paar hochhackige Schuhe an, sah mich prüfend im Spiegel an und nickte zufrieden.
So! Einfach und gepflegt und sehr, sehr damenhaft!
Die Küchenuhr schellte, ich nahm meine Tasche, ging hinaus, schlug die Tür hinter mir zu und rüttelte ein einziges Mal an dem Türgriff, um mich zu versichern, dass sie geschlossen war.
Henriks Firma heißt NSC, Nordjütisches Sicherheits-Consulting!
»Das klingt wie der Zusammenstoß zweier Kulturen«, lachte ich – ein bisschen höhnisch –, als ich es hörte.
Henrik zuckte nur mit der Schulter. »Stimmt, aber das ist es im Grunde genommen wohl auch.«
Ich wohne mitten in der Stadt nur ungefähr fünf Gehminuten vom NSC entfernt, das direkt am Boulevard liegt, aber ich hatte ein paar Extraminuten einkalkuliert wegen der Treppe und der hochhackigen Schuhe.
Ich schellte genau in dem Moment, in dem die Kirchenuhr neun Uhr schlug.
Henrik öffnete mir selbst die Tür. Er riss die Augen auf, als er mich sah.
»Hei, Bea! Du siehst fantastisch aus! Und pünktlich wie immer.«
»Hei«, sagte ich ein wenig überrascht. Hatte er nicht einmal eine Sekretärin?
Er deutete meine Überraschung richtig. »Meine Sekretärin – sie heißt Bente – kommt erst um zehn nach neun. Das passt besser mit ihrem Bus. Bis dahin bin ich fürs Praktische zuständig. Komm mit in mein Büro. Ich habe gerade Kaffee gekocht, willst du eine Tasse?«
Ich nickte. »Ja, danke.«
Ich hatte bereits zwei Tassen zu Hause getrunken, weshalb ich nicht Ja sagte, weil ich einen Kaffe brauchte, sondern um nicht ungesellig zu sein.
Das NSC war in einer großen herrschaftlichen Wohnung in der zweiten Etage untergebracht. Soweit ich sehen konnte, während ich Henrik in sein privates Büro folgte, gab es außer der Rezeption noch ein paar Büros, eine Kantine und diverse Archivräume. Das NSC schien ein blühendes Geschäft zu sein.
»Lass mich dich einmal richtig ansehen«, sagte er, als wir in seinem Büro waren. Einem großen, schönen Eckzimmer mit Stuckdecke, Rahmentür und stilvollen, aber nicht protzigen Möbeln, die Glaubwürdigkeit und Solidität förmlich ausstrahlten. Das war sicher auch beabsichtigt. Ich stand mitten im Zimmer und kam mir wie eine Idiotin vor, während Henrik mich ansah.
»Unglaublich!«, rief er endlich. »Was für ein Glück, dass ich gestern nicht mit dir gewettet habe. Heute hätte ich nicht einmal gewagt, dich zu einem Bier einzuladen.«
»Zu was dann?«
Er lachte. »Breakfast at Tiffany’s!«
»Dann warte erst mal, bis ich mir die Haare hochgesteckt habe. Champagner im Ritz muss es mindestens sein.«
»Zweifellos! Aber hier und jetzt musst du dich mit Kaffee begnügen. Bitte, setz dich.« In einer Ecke des Raums stand ein Konferenztisch mit acht Stühlen und Henrik zog einen für mich vor. »Wie trinkst du deinen Kaffee?«
»Schwarz, danke.«
Er reichte mir eine Tasse und nahm mir gegenüber Platz.
»Die anderen kommen erst um halb zehn, ich werde also die halbe Stunde nutzen, um dich auf den neuesten Stand zu bringen.«
»Die anderen?«
»Ja, es gibt noch drei andere«. Er lächelte. »Hast du geglaubt, du wärst alleine? Für eine Person ist die Aufgabe zu umfangreich. Obwohl ihr zu dritt seid, werdet ihr reichlich zu tun haben.«
»Sollen die anderen deine Ausführungen nicht auch hören?«
Er schüttelte den Kopf. »Das sind Veteranen, sie kennen das Geschäft. Zwei sind fest angestellt, die dritte arbeitet seit vielen Jahren freiberuflich für uns.«
»Drei Mädchen?«
»Ja. Oder Frauen. Du bist die Jüngste.«
»Warum?«
»Warum Frauen? Sie sind für diesen Job am besten geeignet. Noch sind es in der Regel die Frauen, die einkaufen, ein Mann würde da sehr schnell auffallen. Besonders weil es sich bei den Abteilungen, auf die wir uns vor allem konzentrieren wollen, um die Damenabteilung, die Pelzabteilung, die Parfümerie und die Fleischabteilung handelt.«
Zählen, zählen. Vier Finger! Er bemerkte meinen Blick und lächelte entschuldigend.
Die nächsten zwanzig Minuten nutzte er, um mir mit bewunderungswürdiger Klarheit und Präzision zu erklären, was ich zu tun hatte und worauf ich achten sollte. Zwischendurch hielt er hin und wieder inne und sah mich fragend an.
»Kannst du mir folgen?«
Ich nickte jedes Mal. »Ja, kann ich.«
»Das war es dann wohl«, sagte er schließlich und sah auf seine Uhr. »Die anderen müssen jeden Augenblick hier sein. Hast du noch Fragen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Im Moment nicht, aber ich habe bestimmt die Hälfte wieder vergessen, wenn ich erst bei K & L bin.«
»Unsinn. In Wirklichkeit ist alles furchtbar einfach, aber du siehst, dass ich für so einen Job nicht einfach irgendjemanden von der Straße einstellen kann. Ich muss mich hundert Prozent auf meine Mitarbeiter verlassen können. Und gleich noch eins: Sag niemandem, was du machst. Wenn jemand fragt, sagst du einfach, dass du in einer Beraterfirma angestellt bist.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Wer sollte mich schon fragen? Praktisch gesehen kenne ich niemanden.«
»René zum Beispiel.«
»Du meinst, dass niemand, überhaupt niemand, wissen darf, was ich mache? Was ihr macht?«
»Am liebsten nicht. Wir brauchen keine Reklame.«
»Wie um alles in der Welt kommt ihr dann an eure Kunden?«
Er lachte. »Wir stehen im Branchenverzeichnis unter Detektivbüros und mach nicht so ein Gesicht! Zum einen sagt das nichts darüber aus, was wir wirklich machen. Die Anzeige ist äußerst diskret, da steht nur Nachforschungen – Überwachung.Und zum anderen sehen die Leute nur in diese Spalte, wenn sie uns brauchen.«
Ich sah ihn skeptisch an. »Ja, aber ...«
Er unterbrach mich. »Und du hast Recht. Natürlich machen wir auch Reklame. Aber nur durch Direktmailings an größere Betriebe.«
»Ach so.«
Aus dem Vorzimmer waren Stimmen und Lachen zu hören und einen Moment später schellte eins der Telefone auf Henriks Schreibtisch. Das war bestimmt seine Sekretärin. Er nahm den Hörer ab und lauschte einen Moment.
»Gut«, sagte er dann. »Send in the clowns!« Er lauschte wieder. »Nein, das tue ich nicht«, lachte er.
»Was hat sie gesagt?«, fragte ich.
»Dass ich mich das nicht zu sagen traue, wenn sie es hören können.«
Das freute mich.
Es klopfte leicht an der Tür und meine drei zukünftigen Kolleginnen kamen herein. Ich sah sie verblüfft an. Ich hatte mir drei Frauen meines Alters vorgestellt, vielleicht etwas älter, mir jedenfalls ähnlich, eine Art Tick, Trick und Track, aber diese drei konnten nicht unterschiedlicher sein. Von mir und von einander. Die Älteste war eine große, ältere Dame mit dezent blaustichigem Haar. Um die sechzig, schätzte ich, und sehr distinguiert. Die Jüngste war eine Frau mittleren Alters, weder blond noch braun, die aussah, als hätte sie das Haus heute Morgen ein bisschen zu schnell verlassen. Die dritte entsprach so genau der Personenbeschreibung einer Ladendetektivin, die ich Henrik am Vortag geliefert hatte, dass ich beinahe lachen musste. Ich warf ihm einen schnellen Blick zu, aber sein Gesicht verriet nichts.
»Ich möchte euch eure neue Kollegin vorstellen, Beatrice ... äh ...« Er sah mich leicht verlegen an. »Wie heißt du eigentlich?«
Was für eine Vorstellung! Jedenfalls heiße ich nicht Beatrice Äh.
»Jantz«, sagte ich. Ich hatte meinen Mädchennamen wieder angenommen, als ich geschieden wurde. »Beatrice Jantz. Aber sagt einfach Bea.«
»Und wir sind also die Clowns«, sagte die hübsche, ältere Dame und gab mir die Hand. »Aber unser Gehör ist in Ordnung. Ich heiße Ruth.«
Ihre klugen, braunen Augen sahen mich forschend an. »Siehst du immer so aus?«
Ich lächelte. »Nicht wenn ich morgens aufstehe.«
»Das tut sie nicht«, sagte Henrik. »Ich habe sie gestern gesehen, und wüsste ich es nicht besser, würde ich nicht glauben, dass das dasselbe Mädchen ist.«
»Ausgezeichnet«, sagte Ruth. »Ganz ausgezeichnet. Du kannst das da hin und wieder brauchen, aber nicht zu oft.«
Die beiden anderen gaben mir auch die Hand. Sie hießen Inge und Karin. Inge war die ›Ladendetektivin‹.
»Passt auf«, sagte Henrik, als er uns um den Tisch herum platziert hatte. »Ich habe einen vorläufigen Plan erstellt, wann wer wo sein soll, damit wir euch zum einen an möglichst vielen verschiedenen Stellen einsetzen und zum anderen den größten Teil der Öffnungszeit abgedeckt haben. Wenn ihr Einwände habt, könnt ihr sie jetzt vorbringen. Übrigens treffen wir uns hier jeden Morgen um neun, um eure Beobachtungen zu vergleichen und zu sehen, ob wir uns auf jemanden besonders konzentrieren müssen. Das heißt auch, dass es zwischenzeitlich zu Änderungen kommen kann. Irgendwelche Kommentare?«
Die hatten alle drei, weshalb die Besprechung eine halbe Stunde dauerte. Sie waren alte Hasen, sodass ich nur schweigend zuhörte.
»Bea?«, sagte Henrik auffordernd. »Hast du noch Fragen?«
»Ja, was ist mit den ganz normalen Ladendieben?«
»Die sind nicht eure Aufgabe. Wenn ihr so etwas seht, merkt es euch zum späteren Gebrauch. Wer, was und wie. Dann reden wir bei unserer Morgenbesprechung darüber und nehmen es in unsere Kartei auf. Aber mischt euch nicht ein, auf keinen Fall. Das ist für unser eigentliches Vorhaben zu riskant.«
»Hast du Bea von Frau Back-Hansen erzählt?«, fragte Inge.
Henrik schüttelte den Kopf. »Nee, die hatte ich in der Tat vergessen. Gut, dass du mich daran erinnerst.«
»Ja, denn es wird sich kaum vermeiden lassen, dass Bea sie in Aktion sieht«, sagte Karin.
»Wer ist das?«, fragte ich. »Die Ladendetektivin?«
Alle vier brachen in Gelächter aus.
»Nicht ganz, nicht ganz!«, lächelte Ruth.
»Eher das Gegenteil«, fügte Inge hinzu.
Ich war nichts als ein lebendiges Fragezeichen.
»Frau Back-Hansen, sie heißt Marion, ist mit I. C. Back-Hansen verheiratet«, erklärte Henrik.
»Das sagt mir nichts«, räumte ich ein. »Wer ist das?«
»Entschuldige, ich habe vergessen, dass du lange im Ausland gelebt hast und nicht ganz up to date bist«, fuhr er fort. »In der letzten Zeit ist übrigens einiges über ihn in der Presse erschienen. Aber I. C. ist eine der Säulen der Stadt. Noch. Er ist Ende sechzig – soweit ich mich erinnere, wird er nächstes Jahr siebzig – und, wie gesagt, Marion ist mit ihm verheiratet.«
»Und was ist mit dieser Marion?«
»Sie ist Kleptomanin! Es wird nicht offen darüber geredet, aber im Grunde wissen es alle. I. C. ist Mitglied des Vorstands von K & L und hat eine Regelung durchgesetzt, dass niemand sich in ihr Tun und Lassen einmischt. Das Personal hält ein Auge auf sie, hat jedoch den strikten Befehl, nicht einzugreifen, falls oder wenn sie sehen, dass sie etwas klaut. Sie sollen einfach I. C.s Konto damit belasten, dann wird es bezahlt. Und offenbar hat er Marion so gut im Griff, dass sie ihre Diebstähle auf K & L beschränkt.«
»Heißt das, dass sie lediglich eine Rechnung an ihren Mann schicken und er bezahlt?«
»Ja«, nickte Henrik.
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Das erfordert wirklich Vertrauen!«
»Sie vertrauen ihm natürlich voll und ganz.«
Das war eigentlich nicht gerade das, woran ich gedacht hatte. Mein Blick begegnete Ruths und sie sandte mir ein kleines mitwisserisches Lächeln. Sie jedenfalls hatte verstanden, was ich gemeint hatte.
»Wie sieht sie aus?«, fragte ich.
»Sie ist Anfang dreißig«, begann Henrik.
»Erst Anfang dreißig?«, rief ich. »Hast du nicht gesagt, dass ihr Mann fast siebzig ist?«
»Doch. Der Altersunterschied ist ziemlich groß.«
»Ja, und ob!«, sagte ich verwundert.
»Und sie sieht gut aus. Groß, blond, sehr elegant. Ich glaube, wir haben irgendwo ein Foto von ihr, das du dir ansehen kannst.«
Ich warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. Mir ging langsam auf, dass NSC mehr mit K & L zu tun hatte, als ich zuerst angenommen hatte.
Warum sollten sie sonst ein Bild von Marion Back-Hansen haben und warum sollten wir uns mögliche Ladendiebe notieren, um gegebenenfalls später darauf zurückgreifen zu können?
»Wie viele Angestellte hast du eigentlich?«, fragte ich ein wenig später, als ich mit Henrik allein war.
»Noch immer genauso neugierig, was?«, sagte er zufrieden. »Damit habe ich auch gerechnet.«
Aber ich bekam keine Antwort auf meine Frage.
Wir verließen das Büro nacheinander mit einem zeitlichen Abstand von einigen Minuten.
»Wir können es kaum vermeiden, uns bei K & L zu begegnen«, sagte Ruth, als sie ging. »Vergiss nicht, dass wir uns nicht kennen.« Sie sah auf meine Schuhe. »Und kauf dir Badesalz für die Füße. Du ahnst nicht, wie anstrengend das ist und wie weh dir die Füße tun werden.«
Ich lächelte und dachte nachsichtig, dass zwischen sechzig und dreißig trotz allem ein Unterschied war, aber das Lächeln war steif geworden, als ich sieben Stunden später mit einem Paket Fußbadesalz unter den vielen anderen Einkäufen und pochenden Kopfschmerzen nach Hause hinkte.
Ich dankte meinem Gott und Schöpfer, dass ich heute Abend nicht rudern musste. Ich wollte nur noch nach Hause und – die Füße in einem Eimer Wasser, ein Glas Rotwein vor mir und Chopins Nocturnes im CD-Player – auf meinem Balkon sitzen.
Wenn das so weiterging, würde ich schreiend davonlaufen, bevor die Woche um war.
»Du warst müde gestern«, sagte Ruth, als wir uns am nächsten Tag im Büro trafen. »Ich habe dich gesehen, als du gegangen bist.«
»Ich war gestern müde und ich bin heute müde«, sagte ich kurz angebunden.
Karin lächelte. »So ist es mir auch gegangen, als ich angefangen habe.«
»Mir auch«, nickte Inge.
»In Wirklichkeit habe ich große Kaufhäuser immer gehasst«, sagte ich. »Ich weiß, dass viele Leute sie lieben, aber ich gehöre nicht dazu. Mir sind da zu viele Menschen, zu viele Waren, zu viel Berieselungsmusik, zu viel Lärm ...«
»Kurz gesagt, alles ist einfach zu viel!«, lachte Ruth. »Aber es hilft, wenn du dir die tricks of the trade aneignest.«
»So lange halte ich das nicht durch«, sagte ich missmutig.
»Aber sicher doch«, sagte Karin. »Das lernst du schnell.«
»Okay«, sagte ich herausfordernd. »Bringt sie mir bei!«
Es war Ruth, die die Herausforderung annahm.
»Dein Problem ist, dass du deine Rolle nicht definiert hast, Bea«, sagte sie. »Wenn du da durch die Tür gehst, gehst du nicht in ein großes Kaufhaus.«
»Doch, weiß Gott, dass ich das tue!«, protestierte ich. »Mit Sicherheit.«
»Und da irrst du dich! Du bist nicht in einem großen Kaufhaus.«
»Verdammt. Wo bin ich dann?«
Ruth lächelte. »An deinem Arbeitsplatz. Darauf musst du dich konzentrieren. Du kommst dir wie eine Kundin vor, wenn du durch die Tür gehst, und dann wird alles einfach zu viel. Niemand kann acht bis zehn Stunden Kundin sein. Aber du bist keine Kundin. Dir sind die Waren egal, die Preise, die Reklame, die anderen Kunden und der Lärm, all das ist dir völlig egal. Du machst keinen Einkaufsbummel. Du musst dich lediglich auf die Abteilungen und die Personalgruppen konzentrieren, die auf deinem Tagesplan stehen. Die Sachen kaufen, die wir besprochen haben, und aufpassen, wie die Käufe ablaufen.«
Die beiden anderen nickten zustimmend.
»Es ist genau wie beim Autofahren«, fuhr Ruth fort. »Wenn du von Punkt A nach Punkt B willst, konzentrierst du dich darauf. Du machst dir keine Gedanken, was an anderen Orten in der Stadt passiert, du beachtest die Schaufenster nicht, die Leute auf der Straße oder den Verkehrslärm. Du machst keine Spazierfahrt, du bist auf dem Weg von A nach B. Sonst würde dir das auch zu viel.«Sie sah mich an. »Kannst du mir folgen? Verstehst du, was ich meine?«
Ich nickte. »Aber ich glaube, das ist leichter gesagt als getan.«
»Wenn wir das können, kannst du das auch«, sagte Karin aufmunternd.
»Du brauchst nur hinter den knack of it zu kommen«, fügte Ruth hinzu.
Ich warf ihr einen schnellen Blick zu und hatte eine persönliche Frage auf der Zunge, aber in dem Moment kam Henrik herein und erst nach dem morgendlichen Treffen, als Ruth und ich als Letzte noch übrig waren, bekam ich die Gelegenheit, sie zu stellen.
»Darf ich dich etwas Persönliches fragen oder ist das gegen die Regeln?«
Sie lachte. »Nein, frag nur.«
»Du gebrauchst manchmal englische Ausdrücke. Ich weiß, dass das ziemlich üblich geworden ist, aber du gebrauchst sie anders. Du klingst fast amerikanisch.«
Ruth lachte. »Das ist nicht so verwunderlich. Ich bin Amerikanerin.«
Ich sah sie erstaunt an. »Amerikanerin? Aber du sprichst doch ...«
Sie unterbrach mich. »Ja, ich bin in den USA geboren, aber meine Eltern waren beide Dänen und in meiner Kindheit haben wir zu Hause Dänisch gesprochen. Ich habe in den USA gelebt, bis ich über vierzig war. Habe da gearbeitet, war verheiratet, wurde geschieden und habe wieder gearbeitet.«
»Warum bist du dann nach Dänemark gekommen?«
»Meine Eltern sind zurückgegangen, als sie pensioniert wurden. Sie hatten immer davon geträumt, nach Hause zurückzukehren, außerdem reichte ihr Geld hier bedeutend länger. Aber dann ist meine Mutter gestorben und mein Vater wurde krank und kam nur schlecht alleine zurecht, deshalb bin ich nach Hause gekommen. Er ist ein paar Monate später gestorben, ich glaube, er konnte nicht ohne meine Mutter leben.«
In gewisser Weise glich ihre Geschichte meiner.
»Aber warum bist du geblieben? Du hättest zurückgehen können.«
»Die Hormone, weißt du. Ich habe hier meinen zweiten Mann kennen gelernt. Wir haben uns zusammengetan und diese Firma hier gegründet.«
»Ihr habt die gegründet?«
Sie lachte. »Ja, aber damals war das etwas ganz anderes. Jütisches Detektivbüro nannten wir uns. Meist ging es um untreue Ehepartner und so etwas. Wir waren nur zu zweit, mein Mann und ich. Er war ein großartiger Mann, aber er hatte keine großen Visionen. Das änderte sich gerade etwas, als er plötzlich starb, und deshalb habe ich mich entschlossen, an Henrik zu verkaufen, der gerade in die Firma gekommen war und sie gerne übernehmen wollte. Und ich habe es nicht bereut. Ich habe noch immer einen Anteil, der mir ein wirklich schönes Einkommen sichert, und ich arbeite als freie Mitarbeiterin, wenn ich Lust dazu habe und wenn mich die Aufgabe interessiert.«
»Wie jetzt?«
»Ja, wie jetzt, und jetzt sollte ich machen, dass ich aus der Tür komme.«
»Ja«, nickte ich. »Was hast du übrigens in den USA gemacht?«
Sie lachte. »Ja, was glaubst du? Ich war natürlich Privatdetektivin, private investigator. Ich hatte meine Lehrjahre in einem großen Büro, und als ich geschieden wurde, habe ich selbst eins aufgemacht. Hat es einen erst mal gepackt, dann ... Wart’s nur ab.«
So davon gepackt zu werden, glaubte ich nun nicht, aber ich war etwas vertrauensvoller, als ich an diesem Vormittag K & L betrat. Kein großes Kaufhaus, sondern meinen Arbeitsplatz.
Die Tage vergingen still und ruhig, und langsam erkannte ich wirklich the knack of it. Wir hatten immer noch nichts Definitives gegen irgendjemanden in der Hand, weil wir prüften und nochmals prüften. Keine ordentliche Firma möchte jemanden auf bloßes Misstrauen hin feuern.
Ich war abends nicht mehr so müde, glücklicherweise, weil die Knaben, wie ich sie nannte, mich überredet hatten, die restliche Saison regelmäßig mit ihnen zu rudern.
Das erste Mal war übrigens kein Erfolg gewesen, weshalb ich eigentlich nicht erwartet hatte, dass sie mich fragen würden.
Wir hatten eins der alten Boote genommen, weil wir nur zum Vergnügen ruderten. Außerdem mussten wir es selbst zum Bollwerk schleppen und ins Wasser lassen und es fühlte sich an, als würde es Tonnen wiegen. Ich wünschte, es wäre ein Leichtgewichtvierer oder -achter gewesen.
»Sie haben gesagt, dass wir bald eine Aufschlepphelling bekommen«, sagte Martin tröstend, als ich unter der Last stöhnte.
»Das haben sie auch schon vor zehn Jahren gesagt«, zischte ich. Weder meine Treppen noch meine täglichen Schwimmübungen hatten mich darauf vorbereitet, mehrere Tonnen zu schleppen.
»Haben Sie vor zehn Jahren hier gerudert?«, fragte Anders interessiert.
»Ja, oder genauer gesagt vor elf. Bis ich ins Ausland gegangen bin.«
Ich kletterte vorsichtig hinunter und setzte mich auf meinen Platz im Boot. Joachim reichte mir mein Ruder.
»Sie müssen ein bisschen mit dem Sitz aufpassen«, sagte er warnend. »Der ist ein bisschen ... äh ...«
»Vergammelt!«, schlug Anders vor.
»Nein«, Joachim hatte endlich das richtige Wort gefunden. »Unberechenbar.«
»Okay«, sagte ich, ohne mir näher Gedanken darüber zu machen, was er damit meinte, was natürlich eine weitere Dummheit war.
Sowohl er wie auch Anders wirkten noch immer skeptisch und die erste Viertelstunde Rudern verringerte ihre Skepsis mit Sicherheit nicht. Vielleicht verlernt man das Rudern nicht, aber bestimmt hatte ich den knack of it verloren. Ich fand den Rhythmus nicht und machte einen Fehler nach dem anderen. Als ich endlich das Gefühl hatte, ihn gefunden zu haben, und kräftig nach hinten rutschte, um mich richtig ins Zeug zu legen, glitt der Sitz aus der Schiene, sodass ich rückwärts auf den Boden des Bootes fiel, die Ruder in der Luft. Fast konnte ich fühlen, wie das Boot durch das unterdrückte Lachen der Knaben erschüttert wurde, bis sie es aufgaben, sich zu beherrschen, und einstimmig in Gelächter ausbrachen.
»Wie finden Sie denn, dass es geht?«, lachte Anders.
»Ihr habt das gewusst!«, rief ich vorwurfsvoll, als ich wieder auf die Beine gekommen war und den Sitz wieder an seinem Platz befestigt hatte. An der einen Seite fehlte der Stopper und war durch ein Stück Heftpflaster ersetzt worden. »Ihr habt gewusst, dass der Mist nicht halten kann, wenn man sich ordentlich ins Zeug legt.«
»Ich habe doch gesagt, dass der Sitz unberechenbar ist«, wandte Joachim ein und versuchte vergeblich, aufzuhören zu lachen.
»Du hast nicht gesagt, dass er lebensgefährlich ist!«
Glücklicherweise hatte ich das Ruder nicht verloren, das wäre die ultimative Niederlage gewesen, und sie warteten geduldig, während ich es in die Dolle schob.
»Alles klar?«, fragte Joachim.
»Ja«, sagte ich. »Aber sei so nett und gib den Takt an, Joachim. Ich bin das nicht gewohnt, verdammt nochmal! Und ich bin euch nicht gewohnt.«
Joachim rief gehorsam: »Uuuu-nd rudern! Uuuu-nd rudern! Uuuund rudern!«, sodass die restliche Tour einigermaßen glatt verlief. Ich begann das Rudern wirklich zu genießen und war lächerlich stolz, als sie mich nach einer kurzen Beratung fragten, ob ich regelmäßig mit ihnen rudern würde. Zweimal die Woche.
Ich hatte mich so geehrt gefühlt, dass ich Ja sagte.
Ich schwamm, ging zu meinen morgendlichen Besprechungen und zur Arbeit und abends, wenn das Wetter es zuließ, saß ich auf meinem Balkon und ein paarmal die Woche war ich Babysitter bei meinen drei kleinen Nichten, damit René seinen Kurs besuchen konnte. Ich hatte einen Alltag und begann zum ersten Mal in den Monaten, die ich hier war, mich zu Hause zu fühlen.
Ab und zu lud Henrik mich abends ein. Gewöhnlich machten wir eine Spazierfahrt und aßen irgendwo in der Umgebung ein spätes Abendessen. Als er mich das erste Mal einlud, fragte ich, was Maria dazu meinte. Er sah mich an, als hätte er keine Ahnung, wovon ich sprach.
»Maria? Ach, Maria. Wir sind längst geschieden. Wusstest du das nicht?«
»Woher sollte ich das wissen?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, Allie hätte es dir erzählt. Wir haben uns einmal getroffen und ein paar Worte miteinander gewechselt, sodass ich davon ausgegangen bin, dass sie es wusste.«
»Ich glaube nicht. Jedenfalls hat sie es nicht erwähnt.«
»Wir hätten nie heiraten sollen, Maria und ich. Eigentlich lief es von Anfang an miserabel, aber wir haben wohl geglaubt, dass alle Probleme sich wie Nebel in der Sonne auflösen und wir glücklich bis ans Ende unserer Tage leben würden, wenn wir nur heirateten. Jedenfalls glaubte Maria das.«
»Und wie lange habt ihr glücklich gelebt?«
Er lachte. »Einen Tag! Aber wir haben es zehn Monate miteinander ausgehalten. Dann bin ich ausgezogen und wir haben uns scheiden lassen.« Er sah mich an. »Das war 93. Natürlich hat es seitdem ein paar Frauen gegeben, aber nichts Ernsthaftes.«
Ich nickte nur.
Eigentlich konnte es mir ja egal sein, ob Henrik mit jemandem zusammen war oder nicht.
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