Kitabı oku: «Glauben an einen Gott, den es nicht gibt»

Yazı tipi:

Klaas Hendrikse

Glauben an einen Gott,

den es nicht gibt

Manifest eines atheistischen Pfarrers

Aus dem Niederländischen übertragen von Gabrielle Zangger-Derron

TVZ

Theologischer Verlag Zürich

Publiziert mit freundlicher Unterstützung der Dutch Foundation for Literature


Niederländische Originalausgabe © 2007 Klaas Hendrikse,

unter dem Titel «Geloven in een God die niet bestaat. Manifest van een atheïstische dominee» erschienen bei Nieuw Amsterdam Uitgevers

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Bibelzitate, wenn nichts anderes vermerkt, nach: Zürcher Bibel (2007)

© 2007 Zürcher Bibel/Theologischer Verlag Zürich

Umschlaggestaltung: Simone Ackermann, Zürich, unter Verwendung einer Foto von Mark van den Brink

ISBN 978-3-290-17663-1 (Buch)

ISBN 978-3-290-17719-5 (E-Book)

© 2013 Theologischer Verlag Zürich

www.tvz-verlag.ch

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Ein Wort über mich

Atheist und Pfarrer, geht das zusammen?

Für wen schreibe ich?

Kein schwieriges Buch

Kein christliches Buch

Er und Sie

Eine Entschuldigung im Voraus

Ein Wort zum Inhalt

1. Gott gibt es nicht – Womit Atheisten recht und womit sie nicht recht haben

Zur Frage, ob es Gott gibt oder nicht

Blasphemie: Tun, als gäbe es Gott

Über Atheismus

Es gibt Atheisten und Atheisten

Agnostiker und Etwasisten

Was Atheisten über Gott sagen

Das atheistische Gottesbild

Das atheistische (Un-)Glaubensbekenntnis

Was Atheisten über den Glauben sagen

Die Bibel: «Im Anfang» ist nicht «der Anfang»

Der Anfang – das 13. Jahrhundert vor Christus

Ehjeh ascher ehjeh: «Geht, und ich gehe mit euch.»

«Im Anfang» – das 6. Jahrhundert vor Christus

Wenn – dann: Wenn es einen Gott gibt …, dann ist es der unsrige!

Nach dem Anfang

Monotheismus

Gott der Allmächtige

Wissenschaft

Die Entwicklung der Wissenschaften – ein kurzer Überblick über vier Jahrhunderte

Segnungen

Grenzen

Glaube und Wissenschaft beissen einander nicht

Schöpfung und Evolution: göttliche Äpfel und wissenschaftliche Birnen

Intelligent design

2. Glauben nach dem Komma

Glaube und glauben

Es geht nicht um das Wort «Gott»

Vom Geschehnis zur Erfahrung

Erwachsene Abhängigkeit

Ein Rucksack voller Erfahrung

Vom Substantiv «Glaube» zum Verb «glauben»

Vertrauen

Glauben als Entscheidung?

An Gott glauben

Dein Wort «Gott» sagt nichts über Gott

Gott als unsere eigene Geschichte

Biblische Geschichten

Gott als «was mit Menschen mitzieht»

Gott geschieht

Gott in den Menschen?

Gott zwischen den Menschen?

Gott ohne Menschen?

Gott als Antwort

3. Atheist und Pfarrer: Wie geht das?

Noch einmal einige Worte über mich

Über Gott sprechen – Einbildung

Negative Theologie

Der «Etwasismus»

Sprechen in Bildern

Gott spricht – Bildsprache

Offenbarung

Ein persönlicher Gott ist keine Person

Zu Gott sprechen – beten

Fürbittegebet

«Erhörung»

«Unservater»

Gott und Tod

4. Hat die Kirche noch eine Zukunft?

Ein Rundgang in der und um die Kirche

Nach innen

Von innen nach aussen

Zurück nach innen

Im Gespräch mit Atheisten

Die christliche Tradition

The morning after

Gütertrennung

Die Kirche als Café-Restaurant

Worte des Dankes

Fussnoten

Seitenverzeichnis

Dieser Gott, den wir benennen, den wir uns präzis und plastisch vorstellen, dessen Existenz wir problemlos bejahen, ist kein Gott, sondern ein Abgott …

Cornelis Verhoeven, Rondom de leegte

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Mein erstes Buch, »Geloven in een God die niet bestaat. Manifest van een atheïstische dominee« (2007), verursachte gleich beträchtlichen Aufruhr: Monatelang wurde über das Buch und die Reaktionen darauf in Radio, Fernsehen und Zeitungen berichtet und diskutiert. Und die erste Auflage war bereits am Erscheinungstag ausverkauft.

Die Meinungen waren und sind geteilt: Während die einen mich als falschen Propheten sehen, der die christliche Tradition schlechtmache und nicht in den Kirchendienst gehöre, preisen andere mich dafür, dass ich sage, was viele denken und an einer Kirche baue, in dem sich »atheistische Gläubige wohl und zu Hause fühlen können«.

Auch meine Kirche, die Protestantische Kirche der Niederlande (PKN), tat sich schwer mit mir und meinem Buch. Ich hatte sozusagen kaum die Feder aus der Hand gelegt, als sich die Proteste der Kirchenleitenden bereits überstürzten, die mein Buch für nicht tolerierbar und mich für nicht mehr tragbar erklärten.

2008 leitete die PKN ein Amtsenthebungsverfahren gegen mich ein, das im Sande verlief, weil meine Gemeinden Middelburg und Zierikzee sich vorbehaltlos hinter mich stellten und sich tapfer gegen meine Entlassung wehrten.

Nun liegt mein Buch in 16. Auflage und in französischer und bald auch deutscher Übersetzung vor, und die Kirchgemeinden Middelburg und Zierikzee prosperieren – nicht zuletzt dank der Aufmerksamkeit, die ich mit meinem Buch erregt habe: Viele Menschen besuchen unsere Gottesdienste, weil sie neugierig sind, wie sich der Gottesdienst eines atheistischen Pfarrers gestaltet.

Bis heute erhalte ich Briefe und E-Mails von Menschen, die mir schreiben, wie sehr ihnen mein Buch geholfen habe, anders, freier glauben zu lernen, glauben zu können, ohne den Intellekt ausschalten zu müssen: »Sie haben einen Kampf in Worte gefasst, der mich seit vielen Jahren beschäftigt.« »Im Laufe der Jahre fiel es mir immer schwerer zu glauben, was in der Kirche von Gott gesagt wird. In Ihrem Buch habe ich endlich einen Pfarrer gefunden, der meine Zweifel und Fragen ernstnimmt.«

Ich freue mich darüber, dass nun eine deutsche Übersetzung meines Buchs vorliegt, die es mir ermöglicht, auch mit deutschsprachigen Leserinnen und Lesern in die Diskussion darüber einzutreten, dass es Gott nicht gibt, dass Gott aber geschehen kann und mit uns geht, wenn wir uns auf den Weg wagen.

Middelburg, im Oktober 2012

Klaas Hendrikse

Ein Wort über mich

Pfarrer zu werden, wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Ich wurde 1947 geboren als Sohn eines atheistischen Vaters und einer Mutter, die sich allmählich in die gleiche Richtung verirrte. Mein Vater war Tierarzt in Groot-Ammers, einem Dorf, in dem man damals vor dem Pfarrer noch den Hut oder die Mütze abnahm. Groot-Ammers liegt im Alblasserwaard, einer Gegend, in der bis auf den heutigen Tag das Wort Gottes noch unverfälscht verkündigt wird.

Letzteres allerdings habe ich in meiner Jugend nie vernommen, denn meine Erziehung war streng atheistisch. Erst als ich dreiundzwanzig war, nahm ich zum ersten Mal an einem Gottesdienst teil, und der war nicht besonders ermunternd. So wenig wie ein Besuch im Pfarrhaus, den ich als ungefähr Achtjähriger auf Verlangen meines Vaters machen musste, um mich wegen unanständigen Benehmens gegenüber dem Pfarrer zu entschuldigen. Ich kann die Szene nicht mehr genau rekonstruieren, aber ich vermute, dass die traumatischen zehn Minuten, die ich dort verbrachte, in nicht geringem Mass zu dem eigenartigen Unbehagen beigetragen haben, das mich seither beim Wort «Kirche» befällt. Ich bin unterdessen seit mehr als zwanzig Jahren Pfarrer, aber noch immer geschieht es bisweilen, dass ich morgens aufwache, mit einem Bein aus dem Bett steige, feststelle, dass ich Pfarrer bin, und vor Verwunderung wieder in die Kissen sinke: Ich? Ein Pfarrer? Ein Leben kann merkwürdig verlaufen, oder, wenn man so will (aber so würde ich’s nicht sagen): Die Wege des Herrn sind unerforschlich.

Als Kind wurde mir erklärt, dass es Gott nicht gibt und dass Glaube und Zur-Kirche-Gehen etwas für andere ist. Bei Eltern von Klassenkameraden und auch in meiner eigenen Verwandtschaft konnte ich spüren, was bei den anderen anders war: Sie taten so, als ob es Gott doch gäbe. Später, wenn ich jeweils die Rechnungen unserer Tierarztpraxis austrug, begegnete mir dieses Anders-Sein bei den Bauern und Bäuerinnen. Ich sah, wie sie lebten, in Verhältnissen, die wir heute als «unter dem Durchschnitt» bezeichnen würden, wie sie mit Einschränkungen umgingen, mit Erfolg und Misserfolg, miteinander. Sie schienen mir über etwas zu verfügen, was man in meinen Kreisen nicht kannte: eine Fähigkeit, das Leben so anzunehmen, wie es war, nicht als etwas Selbstverständliches, sondern als etwas von irgendwoher «Gegebenes», und es sah so aus, als wären ihnen damit auch Halt und Ermutigung mitgegeben, um hinzunehmen, was für sie bestimmt oder «verfügt» war.

Besser konnte ich das damals und kann ich es noch heute nicht ausdrücken. Aber es hat mich berührt und meine Neugier geweckt. Wenn es stimmte, dass diese Leute, wie man mich gelehrt hatte, an einen Gott glaubten, den es gar nicht gab, warum taten sie dann so, als ob es Gott doch gäbe? Mir war damals schon klar, dass man diese Frage nicht mit der einfachen Antwort abtun konnte: Sie lassen sich eben etwas weismachen, was samt und sonders Unsinn ist.

Ich absolvierte den Militärdienst, studierte, trat ins Berufsleben. Ich hatte weder Lust noch Zeit noch das Bedürfnis, mich mit geistlichen Dingen zu befassen, und schon gar nicht mit Gott. Erst nachdem ich geheiratet hatte und einigermassen «etabliert» war, kam jene Frage zurück: Was ist denn so anders bei den anderen? Und wenn es diesen Gott, an den sie glauben, gar nicht gibt, was kann dieser Gott dann doch bewirken?

Um es kurz zu machen: Ich studierte Theologie. Ich habe viel dabei gelernt, vor allem über das, was ich jetzt «Nicht-Gott» nenne. Besonders das Fach Dogmatik hat wesentlich dazu beigetragen, mich in meinem Atheismus zu bestärken. Unter solchen Umständen schien freilich alles andere als ein Pfarramt in Aussicht zu stehen.

In den letzten Studienjahren besuchte ich dann einige Veranstaltungen über «Psychosynthese und Religion» bei Dolf Coppes.1 Da ging mir ein Licht auf, das seither nie mehr erloschen ist: Es ist doch möglich, man kann ein gläubiger Mensch, sogar ein Christ sein, ohne glauben zu müssen, dass es Gott gibt.

Ich begeisterte mich für das Pfarramt, bezweifelte aber, dass sich Gemeinden fänden, denen meine Überzeugung nicht zu weit ging. Es stellte sich heraus, dass es solche gab, in Zeeland noch immer gibt. Der Ehrlichkeit halber muss ich sagen, dass ich jeweils im Vorstellungsgespräch die Frage, ob es Gott gibt, von meiner Seite her nicht aufgeworfen habe, und von der anderen Seite wurde sie auch nicht gestellt, vermutlich, weil man die Antwort als bekannt voraussetzte. Ich beliess es dabei, und so wurde ich Pfarrer, zuerst in Zierikzee, dann in Middelburg.

Dort liess ich dann an einem Gemeindeabend einen ersten Versuchsballon steigen mit der Behauptung, der Glaube der meisten Menschen beruhe auf der Überzeugung, dass es einen Gott gibt; mein Glaube beruhe auf der Überzeugung, dass es diesen Gott nicht gibt. Das war zwar ein Anfängerfehler, der mich beinahe meine Stelle gekostet hat (der Pfarrer glaubt nicht an Gott!), dafür aber eine korrekt formulierte atheistische Behauptung: Ich behauptete, nicht zu glauben an einen Gott, von dem andere behaupten, dass es ihn gebe. Das ist genau das, was Atheisten tun oder tun müssten.

Ich stehe noch immer zu dieser Aussage, doch um Missverständnissen zuvorzukommen, formuliere ich sie heute anders. Ich sage: Der Ausdruck «es gibt» passt nicht zu dem, was ich Gott nenne. Damit drücke ich aus, dass (mein) Gott nicht unterzubringen ist in der Kategorie jener Dinge, von denen gesagt werden kann, dass es sie gibt. Darauf wird meistens etwas weniger schockiert reagiert, aber es kommt auf dasselbe heraus: Gott gibt es nicht. Die Erfahrung aber hat mich inzwischen gelehrt, hinterher sofort zu sagen, dass ich dennoch an Gott glaube, und das kann nicht oft genug wiederholt werden, hiermit einmal mehr!

Atheist und Pfarrer, geht das zusammen?

Auf den ersten Blick ist das eine unmögliche Kombination, denn ein Atheist glaubt nicht, dass es Gott gibt, ein Pfarrer dagegen schon. Bei näherer Betrachtung ist die Sache aber etwas komplizierter: Es gibt Atheisten und Atheisten, und es gibt Pfarrer und Pfarrer.

Eine erste Beobachtung: Was ist ein Atheist? Ein Atheist glaubt nicht, dass es Gott gibt. Er glaubt also etwas nicht, nämlich dass es Gott gibt. Oder er glaubt etwas sehr wohl, nämlich dass es Gott nicht gibt. Für mich ist das gehupft wie gesprungen; weil aber viele Atheisten schon Juckreiz kriegen beim blossen Gedanken, dass sie eigentlich doch etwas glauben, lasse ich das.

Und was ist ein Pfarrer? Ist das einer, der glaubt, dass es Gott gibt? Das möchte man von einem Theologen wohl erwarten, und es mag ja Pfarrer geben, die das von sich sagen; ich vermute aber, dass die meisten auf die Frage: Glaubst du, dass es Gott gibt?, nicht ohne weiteres ja sagen würden.2 Und sie haben recht, denn ein Ja würde bedeuten, dass sie an etwas glauben, was es gibt. Von Gott aber kann man vieles sagen, jedoch nicht, dass es ihn gibt. Jeder Pfarrer, der damit einverstanden ist, ist also eigentlich Atheist; der Erste aber, der sich auch als solchen bezeichnen würde, muss mir noch begegnen.

Dass es Gott nicht gibt, ist für einen Pfarrer eine gefährliche Aussage. Darum schreibe ich dieses Buch jetzt und nicht erst – wie ich ursprünglich dachte – nach meiner Pensionierung.3 Ich will hinterher nicht sagen hören, ich hätte gut reden, da man mich ja nicht mehr aus dem Kirchendienst ausschliessen könne.

Natürlich hoffe ich, dass sich viele Pfarrer und Gläubige nach der Lektüre dieses Buches zum Atheismus bekehren, und andersherum (obwohl ich mir in dieser Richtung weniger Illusionen mache), dass viele Atheisten anfangen, an Gott zu glauben, und dass wenigstens einige von ihnen Pfarrer werden. Der Schritt erscheint wechselseitig grösser als er in Wirklichkeit ist, denn Pfarrern und Atheisten ist eines gemeinsam: Sie wissen nicht, wer oder was Gott ist, und haben, wenn sie das zugeben, keine Existenzberechtigung mehr.

Dieses Buch wurde mit einem gewissen Schmunzeln geschrieben. Als einer, der mit Leib und Seele Pfarrer und Atheist ist, habe ich mich frei gefühlt, sowohl den Pfarrer als auch den Atheisten aufs Korn zu nehmen, und dies – ehrlich gesagt – mit Vergnügen. Ich hoffe, der Leser, die Leserin habe ebenso viel Spass daran und lerne vielleicht auch etwas dabei.

Ein spannendes Buch wird es nicht werden, denn das Ergebnis steht ja bereits fest: Ein Pfarrer kann Atheist sein und umgekehrt. Und wenn ich der Einzige wäre: Ich bin so einer – vielleicht eher ein atheistischer Prediger als ein predigender Atheist – aber immerhin!

Für wen schreibe ich?

Der Leser, den ich beim Schreiben stets vor Augen hatte, ist sich nicht so sicher. Er zweifelt oder glaubt überhaupt nicht (mehr) daran, dass es Gott gibt, und fragt sich, welchen Sinn es hat zu glauben, wenn es Gott nicht gibt. (Mancherlei Sinn, sage ich mal vorläufig.)

Innerhalb der Kirche sehe ich ihn als einen, der Woche für Woche erfährt, wie gross der Unterschied ist zwischen seinem eigenen Glaubensempfinden und der Selbstverständlichkeit, mit der die Kirche jedem, der sich fragt, ob es Gott gibt, den Mund stopft. Für ihn versteht sich das eben nicht mehr von selbst, und darin fühlt er sich nicht ernstgenommen; seine Fragen werden nicht beachtet oder umgangen.

Ausserhalb der Kirche sehe ich ihn als einen, der mit den Jahren der Kirche enttäuscht den Rücken gekehrt hat, jedoch nicht ungläubig geworden ist. Er hat bloss die Antworten hinter sich gelassen, die Fragen aber mitgenommen. Vielleicht versteht er sich selbst als «Etwasist»4, glaubt er doch, dass es «etwas» gibt, das er aber nicht Gott nennt, weil er inzwischen allergisch reagiert auf das, was in den Kirchen unter diesem Wort verstanden wird.

Ausserhalb der Kirche sehe ich ihn auch als einen, der sich auf dem Markt der Religionen und Sinngebungen herumtreibt und versucht, sich sein eigenes «Glaubens-Paket» zusammenzustellen. Er möchte offen sein für etwas, was die alltägliche Oberflächlichkeit übersteigt, er ist unbefangen und vorurteilslos gegenüber dem Wort «Gott», in der Überzeugung, dass mit diesem Wort jeweils das gemeint sei, was er gerade sucht. Und ich sehe ihn überall suchen ausser in der Kirche, denn er weiss, dass er in einer Institution, die auf aktuelle Fragen mittelalterliche Antworten gibt, nichts finden wird.

Ich fühle mich als Bundesgenosse des zweifelnden Lesers, der ringt mit überholten Gottesvorstellungen, der sich verabschieden möchte von dem, was die Kirchen von Gott behaupten, aber nicht von seinem Glauben. Ich stehe auf der Seite derer, die in Nebel gehüllt werden von Theologen, die so tun, als ob es Gott gäbe oder – schlimmer noch – die Frage, ob es Gott gibt, als überholt oder irrelevant betrachten. Ich fühle mich verwandt mit jenen Sinnsuchern, die davon ausgehen, dass es etwas gibt, das mehr ist als das, was wir mit unseren Augen wahrnehmen können, die aber um das Wort «Gott» einen Bogen machen, solange es nicht vom kirchlichen Ballast befreit ist.

Kein schwieriges Buch

Dieses Buch ist ein Buch für ganz normale Menschen.

Diese Bemerkung soll auch als Kritik verstanden werden: Ich habe für die Arbeit an diesem Buch eine Menge Bücher in Händen gehabt und durchgeackert; sie waren nahezu ausnahmslos unlesbar für Nichttheologen. Das darf doch nicht so sein, denn wenn Gott je eine Absicht verfolgt haben sollte (was ich nicht glaube), dann gewiss nicht die, der Menschheit Rätsel aufzugeben, die nur von Theologen gelöst werden können.

Kein schwieriges Buch also. Für Liebhaber habe ich im Anhang eine Liste von «absichtlich vermiedenen» Fachausdrücken angefügt.

Kein christliches Buch

Um an Gott glauben zu können, ist Jesus an sich nicht nötig. Ich betrachte das Christentum als ein Gleis (neben anderen), auf das wir als Westeuropäer mehr oder weniger zufällig gestellt sind. Auf diesem Gleis zu stehen, verleugne ich nicht, ich relativiere es aber. Die kirchliche Fixierung auf Jesus betrachte ich als Irrtum, Jesus selbst war kein Christ. Ich bewundere ihn als einen besonderen Menschen, der auf seine Weise gezeigt und gelebt hat, was Gott ist, so wie es andere vor und nach ihm taten und noch immer tun. Ich hänge mehr an biblischer als an kirchlicher Überlieferung. Weil ich zufällig in den Niederlanden und nicht in Thailand geboren wurde, bin ich nicht auf den Gedanken gekommen, ein buddhistischer Mönch zu werden, sondern bin nun eben Pfarrer in einer protestantischen Kirche und sehe in der Bibel meine bevorzugte religiöse Inspirationsquelle.

Er und Sie

Was es nicht gibt, ist weder ein «er» noch eine «sie» noch ein «es». Wenn ich mit «er» auf Gott verweise, dann bloss, um gelegentlich nicht dreimal im gleichen Satz «Gott» sagen zu müssen. Auch wenn ich mich auf den Menschen beziehe, sage ich meistens «er». Ich hoffe, dass «sie» dafür Verständnis hat.

Eine Entschuldigung im Voraus

Was einst notierte Lesefrüchte waren, ist im Lauf der Jahre in meine eigene Ausdrucksweise eingegangen. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass da jemandem etwas entgegenkommt, was von ihm stammt, ohne dass er als Quelle genannt wird; er möge es als Kompliment nehmen.

Ein Wort zum Inhalt

Ich glaube nicht, dass es Gott gibt; ich glaube aber an Gott.

Dass es Gott nicht gibt, ist für mich kein Hindernis, sondern eine Voraussetzung für den Glauben an Gott. Ich bin ein gläubiger Atheist.

Im 1. Kapitel gehe ich näher auf den Begriff «Atheismus» ein, versuche die nebulösen Vorstellungen von «Existenz» etwas zu klären, wobei ich mich auch ziemlich ereifere über Kollegen, die behaupten, die Existenz Gottes spiele gar keine Rolle. Mit der Bibel in der Hand sage ich mit den Atheisten: Gott gibt es nicht, und wende ich mich zugleich gegen die Kirche, indem ich behaupte, dass, was sie «Gott» nennt, auf einem historischen Missverständnis beruht: Diesen Gott hat es nie gegeben. Die Tatsache, dass sich der Glaube an einen allmächtigen Gott auf ein wackeliges biblisches Fundament stützt, war bis gegen Ende des Mittelalters ein von der Kirche wohlgehütetes Geheimnis. Mit dem Aufkommen der Wissenschaften wurde er immer unhaltbarer. Heutzutage ist ein solcher Glaube meines Erachtens der Katalysator der Entkirchlichung: Wenn sich die Leute nicht mehr ernstgenommen fühlen, laufen sie der Kirche davon.

Im 2. Kapitel geht es um das, was «glauben» heisst. Das hat mehr mit dem Leben als mit der Religion zu tun. Die ursprüngliche Bedeutung von «glauben» ist «vertrauen». Man vertraut, genauso wie man lebt: aufgrund von Erfahrungen, die man gemacht hat. Gott kann das Wort sein, mit dem man eine Erfahrung bezeichnet, muss es aber nicht. Mit der Bibel bezeichne ich Gott als «das, was Menschen, die unterwegs sind, begleitet». Darum sage ich nicht, dass es Gott «gibt», sondern dass er sich ereignet oder sich ereignen kann. Dazu braucht es Menschen, ohne Menschen ist Gott nirgends.

Das 3. Kapitel gibt Antwort auf oft gestellte Fragen: Was hat ein Pfarrer, der nicht glaubt, dass es Gott gibt, in der Kirche zu suchen? Und wie schaffst du das, Klaas Hendrikse, wie hältst du’s mit der Tradition, der Liturgie, dem Gebet? Und wie gehst du um mit Krankheit und Tod in deiner Gemeinde?

Im 4. Kapitel mache ich einen kleinen, nicht eben heiter stimmenden Rundgang durch die Kirche, um dann mit einem hoffnungsvollen Ausblick zu schliessen: Doch, es gibt noch eine Zukunft für die Kirche, dank dem Atheismus! Getragen von dieser Hoffnung entwerfe ich dann das Bild einer zukünftigen Kirche, von der ich träume.

1. Gott gibt es nicht – Womit Atheisten recht und womit sie nicht recht haben

Allem voran sei gesagt, dass ich mich nicht entschlossen habe, dieses Buch zu schreiben, um irgendjemanden zu überzeugen, dass es keinen Gott gibt.

Ich bin unter Leuten aufgewachsen, die überzeugt waren, dass es Gott gibt, und die ihr Leben danach ausrichteten. An viele von ihnen denke ich mit Zuneigung und Respekt zurück. Und den gleichen Respekt bringe ich auch Leuten entgegen, die heute in der Überzeugung leben, dass es Gott gibt. Einverstanden bin ich mit ihnen natürlich nicht, denn ich bin überzeugt, dass es Gott nicht gibt.

Zwischen diesen beiden Standpunkten befindet sich, innerhalb und ausserhalb der Kirche, die grosse Mehrheit derer, die zweifeln. Die meisten von ihnen werden aufgewachsen sein mit der Idee, dass «an Gott glauben» mehr oder weniger automatisch auch bedeutet zu glauben, dass es Gott gibt. Meine Botschaft ist nicht, dass das nicht so sein kann, sondern dass es nicht so sein muss: Man braucht nicht zu glauben, dass es Gott gibt, um an Gott glauben zu können.

Was es nicht gibt, kann auch nicht schaden …

Was meint jemand mit der Aussage: Gott gibt es (nicht) oder Gott existiert (nicht)? Das hängt in erster Linie vom Verständnis des Wortes «existieren» ab. Und das ist noch immer sehr verschwommen, vor allem unter Theologen, die es offensichtlich darauf anlegen, Deutlichkeit zu vermeiden. In diesem Kapitel spreche ich sie darauf an, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich damit meines Erachtens um ihre Aufgabe drücken, die darin besteht, Fragen und Zweifel von Gläubigen ernstzunehmen und nach Möglichkeit Rede und Antwort zu stehen.

Mit einem verschwommenen, nebulösen Gottesbild ist auch der «Gegenpartei» nicht gedient, denn mit der Leugnung von Nebelschwaden ist man noch kein Atheist.

Von Nebeln umgeben ist auch der Begriff «Atheismus». Atheistische Aussagen über Gott und Glauben sind selten vernünftig, meist unsinnig, oft karikierend. Die Folge davon ist, dass nur wenige Leute sich selbst als Atheisten bezeichnen, obwohl es in Wirklichkeit viele sind. In diese Verwirrung versuche ich ein wenig Klarheit zu bringen.

Anschliessend werde ich zeigen, dass ein Atheist sich durchaus auf die Bibel berufen kann: Den Gott, von dem andere behaupten, dass es ihn gebe, gibt es nicht. Mehr noch: Die Idee, dass es Gott gibt, beruht auf einem historischen Missverständnis. Und auf einem biblischen Missverständnis: Gott gab es ursprünglich nicht. Was dazu führte, dass es ihn dann gab, hatten sich die Israeliten bei den Heiden «geliehen». Das Geliehene wurde nie zurückgegeben, und die Folge davon ist, dass das Christentum bis auf den heutigen Tag strotzt vor Heidentum.

Als die Kirche entstand, war der Gott Israels – ursprünglich einfach ein Gott unter Göttern – bereits der einzige und grösste geworden, der keine anderen Götter neben sich duldete. Diese Form von Diktatur nennt man Monotheismus: Es gibt nur einen Gott.

Unterdrückung aber ruft immer Widerstand hervor. Um der Autorität des Machthabers Nachdruck zu verschaffen, wurde Gott zum «Allmächtigen» ausgerufen. Damit hat sich die Kirche ihre eigene Grube gegraben, in die sie dann aber – da sie sich mittlerweile auch zu einer allmächtigen Institution erhoben hatte – erst viel später hineinfiel. Die heutige Entleerung der Kirchen hängt aufs Engste zusammen mit dem Abschied von einem Gottesbild, das die Kirche während Jahrhunderten wider besseres Wissen und mit allen Mitteln – wenn nötig mit Feuer und Schwert – aufrechterhalten hat.

Im 16. Jahrhundert entstanden die ersten Kratzer, und mit dem Aufkommen der Wissenschaften in den Jahrhunderten danach musste dieser Gott immer mehr Terrain preisgeben.

Zum Schluss des Kapitels werde ich darlegen, dass Glaube und Wissenschaft sich sehr wohl vertragen können, wenn beide Parteien sich an gewisse Spielregeln halten. Für die kirchliche Partei aber bedeutet das, dass sie auf den Begriff «Allmacht» verzichten muss, wenn sie in den heutigen Diskussionen um Evolutionstheorie und intelligent design noch ein ernstzunehmender Gesprächspartner sein will.

Zur Frage, ob es Gott gibt oder nicht

Ich denke, also bin ich.5

«Denn wer vor Gott treten will, muss glauben, dass er ist …»,6 so steht es im Brief an die Hebräer. Kürzer und knapper kann das Missverständnis nicht formuliert werden: Wenn man an Gott glaubt, glaubt man auch, dass es ihn gibt. Damit steht oder fällt der Glaube doch, denn wenn es Gott nicht gibt, wie soll man dann an ihn glauben können? Nein, damit fällt er bloss, denn wer behauptet, dass es Gott gibt, gerät in unlösbare Probleme. Man kommt nicht weiter, am Ende kann man nur sagen: «Es mag ja sein, dass es ihn gibt», oder: «Es mag ja sein, dass es ihn nicht gibt».

Aber Gott kann es unmöglich auf die gleiche Art geben, wie es einen Apfelkuchen gibt. Anders ausgedrückt: Gott fällt nicht in die Kategorie der Erscheinungen, von denen vernünftigerweise gesagt werden kann, dass es sie gibt. Einfacher und deutlicher gesagt: Gott gibt es nicht.

Jemand, der bestreitet, dass es Gott gibt, ist gewiss kein Gottesleugner. Eigentlich verhält es sich umgekehrt: Jemand, der behauptet, dass es Gott gibt, ist ein Gottesleugner. Denn gerade ein gläubiger Mensch ist sich bewusst, dass es Gott nicht gibt, so wie es in der wirklichen Welt andere Dinge oder andere Menschen gibt.

Ich denke, also denke ich, dass ich bin.7

Ich bin mir bewusst, dass es zwischen Gott und einem Apfelkuchen manches gibt, über dessen Existenz differenzierter gesprochen werden könnte. Von Atomen, Schallwellen, Schönheit, Glück, Leid, Illusionen und auch vom Geschmack eines Apfelkuchens wäre mehr zu sagen als einfach nur, dass es so etwas gibt oder nicht gibt.

Für mein Thema, Gott, ist das aber nicht relevant. Selbst wenn ich das Zugeständnis machte (ich mache es aber nicht), dass Gott «anders existiert» als ein Apfelkuchen, wäre das für mich nur ein Grund mehr, von Gott nicht zu sagen, dass es ihn gibt. Oder anders, an die Adresse der Theologen gesagt: Wenn «Gott anders existiert», dann nennt das auch anders und hört auf zu sagen, dass es Gott gibt.

Theologischen Diskussionen und Publikationen entnehme ich, dass viele meiner Kollegen mit mir einverstanden sind, dass Gott nicht existiert wie ein Apfelkuchen. Das zu sagen, ist aber für die meisten von ihnen scheinbar etwas anderes, als freiheraus zu sagen, dass es Gott nicht gibt. Da wird auf eine manchmal nicht mehr nachvollziehbare kreative Weise um den heissen Brei herumgeredet. Zum Beispiel: «Gott ist so gross, dass er nicht zu existieren braucht»,8 oder: «Gott existiert im Ritual, für die Dauer des Gebets, ohne darüber hinaus zu existieren.»9 Oder: «Gott existiert nicht, er ist.»10 Oder: «Gott steht, versteht, aber besteht nicht.»11

Bei allem Respekt, für mich sind das Seifenblasen. Da wird die Existenz Gottes weder bestätigt noch bestritten, sondern in Nebel gehüllt. So ist der Theologe fein raus, kapiert Gott am Ende selbst nicht mehr, ob es ihn nun eigentlich gibt oder nicht, und begreift ein normaler Mensch überhaupt nichts mehr.

Wenn ich in einer beliebig zusammengesetzten Gesellschaft frage: «Wer glaubt, dass es Gott nicht gibt?», heben etwa zwanzig Prozent der Anwesenden die Hand. Wenn ich anschliessend frage: «Wer glaubt, dass es Gott gibt?», sehe ich ungefähr gleich viele Hände hochgehen. Daraus schliesse ich, dass die meisten Leute wohl eher glauben, dass es Gott nicht gibt.12 Das ist nicht, was ich eine solide Basis für eine religiöse Überzeugung nenne. Meines Erachtens zeigt sich hier, dass es zu Ende geht mit dem jahrhundertealten Missverständnis (das pure Heidentum), dass Gott irgendein Wesen sei, das es gibt. Von einem Wesen kann man das ja problemlos sagen. Die meisten Menschen aber glauben nicht mehr an ein solches Wesen, und damit fällt für sie auch die Voraussetzung für die Existenz Gottes weg. Eine Alternative aber haben sie nicht. Viel zu tun für die Theologie!

Blasphemie: Tun, als gäbe es Gott

Aus gewissen Reaktionen auf frühere Publikationen, in denen ich behauptet hatte, dass es Gott nicht gibt, ging hervor, dass eine solche Position von vielen als eine Blasphemie, die aus dem Innern der Kirche kam, empfunden wurde. Dass ich persönlich als Satan, Antichrist oder Wolf im Schafspelz tituliert wurde, weist jedenfalls in diese Richtung.

Ich bin damit natürlich nicht einverstanden. Ausserdem: Wenn es Gott nicht gibt, kann eine Blasphemie ja nicht viel Schaden anrichten. Doch ich möchte mit dem Wort «Blasphemie» lieber die Haltung derer bezeichnen, die so tun, als ob es Gott gäbe.

«Wenn es Gott nicht gibt, warum tun sie dann so, als ob es ihn wirklich gäbe?» So hat seinerzeit der kleine Junge im Alblasserwaard gefragt. Wenn ich mich heute in der Kirche umschaue und umhöre, kehrt die gleiche Frage noch immer unbeantwortet zurück.

Immerhin, in der «Trouw»13 las ich als Schlagzeile über einem Bericht von einer Pfarrerversammlung: «Man kann nur glauben, indem man so tut, als ob es Gott gäbe.» Einer der Redner, Rein Nauta,14 stellte fest: «Glauben ist ein performativer Akt, eine Art Spiel, einer Theatervorstellung vergleichbar.» Damit ist auf jeden Fall die Frage beantwortet, warum die Leute lieber ins Theater gehen als in die Kirche. Mit der Aufforderung, zu tun, als ob es Gott gäbe, werden die Kirchgänger in den Wald geschickt oder hinters Licht geführt.

Als Reaktion auf meinen Plan, ein Buch zu schreiben, wurde mir noch und noch zu verstehen gegeben, dass «es nicht darauf ankomme, ob es Gott gibt oder nicht gibt». Aus dem Mund eines Theologen ist das, falls möglich, noch gotteslästerlicher als eine Blasphemie. Jemandem, der zweifelt, ist damit nicht geholfen, vielmehr wird er mit leeren Worten abgespeist. Oder ins Theater geschickt. Doch für ihn oder für sie bleibt die Frage wichtig, sogar entscheidend. Und das Mindeste, was die Leute von einem Theologen erwarten dürfen, ist, dass ihre Fragen und Zweifel ernstgenommen werden.

Alles in allem: Mit einem, der sagt: «Gott gibt es nicht», kann ich einen gemeinsamen Weg gehen; mit einem, der sagt: «Gott gibt es», kann ich zwar gemeinsam aufbrechen, aber dann trennen sich unsere Wege; mit einem, der sagt: «Es kommt nicht darauf an, ob es Gott gibt oder nicht», will ich schon gar nicht aufbrechen, der kann auf seinem Stuhl sitzen bleiben.

Es geht mir nicht darum, Kollegen anzugreifen. Ich sehe bloss, dass mit schöner Regelmässigkeit aus Untersuchungen hervorgeht, dass die meisten Leute sich nicht als nicht gläubig bezeichnen, wohl aber nicht kirchlich sind. Das bedeutet, dass es gar nicht so sehr um Unglauben geht, sondern eher um ein Befremden gegenüber dem, was in den Kirchen von Gott gesagt wird. Offensichtlich wollen die Leute gar nicht von ihrem Glauben, sondern von diesem Gott Abschied nehmen.

In der Kirche wird unterdessen Gnade ausgeteilt («von Gott, unserem Vater»), wird gebetet («ewiger Gott, erhöre uns, gib uns …»), wird gesegnet («der Herr segne euch …») auf eine Art und Weise, die jeden Zweifel erstickt. Das ist so ungefähr die Situation, die wir haben: Innerhalb und ausserhalb der Kirche wird allenthalben an Gottes Existenz gezweifelt, die Kirche aber stellt sich stur und tut weiterhin so, als ob es Gott gäbe.

Die meisten Zweifler sind, auch wenn sie sich nicht so nennen, im Grunde genommen Atheisten. Weil sie dem vielleicht nicht sofort zustimmen, will ich zunächst einmal darlegen, was eigentlich unter Atheismus verstanden wird und was ich darunter verstehe.

Über Atheismus

Gott sei Dank bin ich Atheist.15

Was heisst Atheismus? Das Wort sagt es schon: Ein A-Theist ist ein Nicht-Theist oder ein Anti-Theist. Ein Theist ist einer, der in theistischer Manier an Gott glaubt als an ein personartiges Wesen, das über Eigenschaften verfügt wie Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit. Atheismus ist daher an ein bestimmtes Umfeld gebunden: Neben oder gegenüber von nichttheistischen Religionen wie zum Beispiel dem Buddhismus oder dem Taoismus kommt er nicht vor.

Den Atheisten gibt es also nur dank dem Theisten, er bestreitet, was dieser behauptet, nämlich dass es Gott gibt. Er glaubt etwas nicht, was ein anderer sehr wohl glaubt, und ist daher eigentlich bloss ein «Widersprecher». Der Atheismus im ursprünglichen Sinn ist eine Verneinung, eine Nichtüberzeugung. Darum kann ein Atheist auch niemals recht haben, es kann höchstens geschehen, dass der andere nicht recht hat. Das klingt ein wenig nach «secondhand»16, jedenfalls ist es nicht sehr originell. Die meisten Atheisten geben sich darum mit dieser Definition nicht zufrieden, denn sie möchten sich selbst lieber als eigenständige Denker verstehen, die aufgrund eigener Überlegungen zu einer atheistischen Position gelangt sind. Und es mag ja sein, dass einige selbständig auf die Idee gekommen sind zu behaupten, dass etwas, das nicht existiert, nicht existiert – was vielleicht originell ist, aber mit Denken nichts zu tun hat.

Herman Philipse,17 der Autor des «Atheistischen Manifests», der für viele die Inkarnation des heutigen Atheismus darstellt, nennt seinen Atheismus eine «ursprüngliche Weltanschauung». Damit nimmt er etwas in Anspruch, was nur solchen Menschen angemessen ist, die das Wort «Gott» noch nie vernommen haben und denen sich die Frage, auf die der Atheismus eine Antwort sein könnte, nie gestellt hat. Ich gönne Herrn Philipse seine «ursprüngliche Weltanschauung», aber wenn er das Atheismus nennt, dann nenne ich es «Bastard-Atheismus»: Ein Atheist bestreitet nur – und das ist nichts «Ursprüngliches».

Dass ein Atheist nicht mehr ist als ein Verneiner, verrät auch die Sprache. Gegenüber einer Vielzahl von Namen und Bezeichnungen von Glaubensrichtungen: Katholiken, Calvinisten, Lutheraner, Pantheisten, Schiiten, Sunniten, Methodisten, Zeugen Jehovas, liberale und evangelikale Protestanten – gibt es nur dieses eine Wort «Atheismus», und es bedeutet in allen Fällen, dass jemand an die Existenz dessen, was jene anderen «Gott» nennen, nicht glaubt, und es sagt in allen Fällen nichts aus über das, was dieser glaubt und wie er «die Welt anschaut». Ein Atheist kann deshalb, wie sich noch erweisen wird, durchaus ein gläubiger Mensch sein.

Die Verwirrung herrscht nicht erst seit heute. Für die alten Griechen waren die Juden Atheisten, weil sie nur an einen Gott glaubten. Die ersten Christen wurden von den Römern Atheisten genannt, weil sie keine Heiligtümer, keine Götterbilder und keine Opfer kannten. Im 16. Jahrhundert beschimpften sich Katholiken und Protestanten gegenseitig als Atheisten. Ein Blick auf den Verlauf der Geschichte zeigt deutlich genug, dass der Mensch immer dazu neigt, was er selbst nicht glaubt, als Unglauben oder Aberglauben zu betrachten. Damit werden wohl die meisten Atheisten und die meisten Gläubigen einverstanden sein.

Das Wort «Gott» hat nicht zu jeder Zeit und in jeder Situation die gleiche Bedeutung, und ein Atheist passt sich da jeweils brav an. Er leugnet ja nicht Gott, sondern eine bestimmte Auffassung oder ein bestimmtes Bild von Gott. Atheisten hat es darum immer gegeben und wird es, solange es Religion gibt, auch immer geben.

Es gibt Atheisten und Atheisten

In unserem Land und in unserer überwiegend (post-)christlichen Kultur sind die meisten Atheisten eigentlich A-Christen (Nicht-Christen), das heisst, sie lehnen das christliche Gottesbild ab. Die Ablehnung kommt, entsprechend dem Milieu und dem Charakter des Betroffenen, verschieden daher und reicht von relativer Gleichgültigkeit – ist ja alles Unsinn – bis zu grosser Gereiztheit. Im letzteren Fall handelt es sich weniger um eine besonnene Ablehnung als um eine heftige Entzugserscheinung oder, zurückhaltender ausgedrückt, um eine nachträgerische Form des Atheismus: Da schwört einer dem Gott ab, der ihm einen Teil seines Lebens vergällt hat. Dieser Gott steht dann meist für alles, was seinerzeit erlaubt und (vor allem) nicht erlaubt war, besonders was den Sonntag betraf: Man lese dazu Maarten ’t Hart.

Eine weniger grimmige, aber nicht minder giftige Position nehmen jene Leute – meist Gebildete – ein, die sich als intellektuelle oder philosophische Atheisten bezeichnen. Sie sind durch Nachdenken und vernünftiges Überlegen zum wohlerwogenen Schluss gekommen, dass Glaube und Vernunft nicht in Übereinstimmung gebracht werden können. Für sie ist Gott ein irrationaler Zusatz zur Realität. Diese «atheistische Elite» hat die Verunsicherung von Gläubigen zur Kunst erhoben und hat ihren Spass daran, Gläubige als Leute mit einem intellektuellen Defekt hinzustellen. Einige von ihnen kamen zu Wort in dem Buch «Leben ohne Gott»18, unter ihnen Hans Crombag: «Ich beobachte Glauben und Aberglauben auch bei durchaus vernünftigen Leuten (…) die Woche hindurch gebrauchen sie ihr Hirn, am Sonntag, wenn sie zur Kirche gehen, lassen sie es zu Hause»,19 und Matthijs van Boxsel: «Petrus und Johannes werden in der Apostelgeschichte tatsächlich Idioten genannt. Aber auch gewöhnliche Christen sind eigentlich Idioten.»20

Ich enthalte mich eines Kommentars. Es wird wohl an meiner Herkunft aus dem Alblasserwaard liegen, dass ich Mühe habe mit Leuten, die sich selbst für intellektuell halten; wo es um wesentliche Dinge ging, habe ich mehr gelernt von Bauern als von Professoren. Diese «intellektuelle Elite» erkennt man an ihrer Aggressivität, ihrer Selbstgefälligkeit, ihrem Rationalismus und ihrem auffallenden Mangel an gutem Humor.

Dem Ausdruck «religiöser Atheist» bin ich nur in der Literatur begegnet. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich so nannte. Gut, dann bin ich eben der Erste: Ich glaube nicht, dass es Gott gibt, aber ich glaube dennoch an Gott.

Agnostiker und Etwasisten

Neben Gläubigen und Atheisten gibt es auch die sogenannten Agnostiker und die Etwasisten.

Ein Agnostiker (wörtlich: einer, der es nicht weiss) verzichtet auf eine Antwort auf die Frage, ob es Gott gibt; er lässt das offen. Er hält sich weder zum Gläubigen noch zum Atheisten, sondern lässt die Frage auf sich beruhen, oder einfacher gesagt, er weiss nicht oder weiss noch nicht. Die Atheisten halten wenig von ihm; sie finden, er kokettiere mit seiner Toleranz und seiner Besonnenheit, und werfen ihm Feigheit vor, weil er eine Entscheidung noch immer – und wahrscheinlich auf unbestimmte Zeit – verschiebt. Der Agnostiker gleicht einem, der den ganzen Tag im Badeanzug vom Rand des Schwimmbads aus den Schwimmern zuschaut, sich aber nicht entscheiden kann, ins Wasser zu springen, und am Ende des Tages trocken nach Hause geht, um am nächsten Tag wieder zurückzukommen.

Die Etwasisten gehen nicht wie die Atheisten so weit zu behaupten, dass es Gott nicht gibt. Oder sie gehen eben gerade dort weiter, wo die Atheisten anhalten. Ihre Ansichten über den Glauben sind offener als die der Atheisten. Wo diese nicht glauben, glauben die Etwasisten schon: Sie glauben schon, dass es etwas gibt, bloss nennen sie es nicht Gott. Um im Bild zu bleiben: Die Etwasisten begnügen sich damit, die Füsse ins Wasser zu halten; sie würden vielleicht ganz gerne schwimmen wollen, doch lieber ohne nass zu werden. Ich füge noch bei, dass über den negativen Qualifikationen, die man ihnen oft erteilt, meist vergessen wird, dass viele Etwasisten einmal kirchlich waren: Sie sind bereits einmal nass gewesen.

Was Atheisten über Gott sagen

«Gibt es die Ameise eigentlich …? Oder hab ich sie erfunden …?»21 (Ja, sagt der Atheist, du hast sie erfunden …)

Ein Atheist glaubt also nicht, dass es Gott gibt. Nun kommt aber kein Mensch, der bei Verstand ist, auf die Idee zu behaupten, es gebe etwas nicht, was es nicht gibt. Da muss erst ein anderer da gewesen sein, der behauptete, es gebe Gott. Der Atheist «hat es vom Hörensagen»; er glaubt nicht, was andere von Gott sagen.

Wer sind die anderen? Um im Überschaubaren zu bleiben und nicht in die Ferne zu schweifen, nenne ich die anderen Christen und setze voraus, dass deren Behauptungen sich auf die Lehre der Kirche stützen. Der Atheist glaubt also nicht an das, was die Kirche aus Gott gemacht hat. Und was hat die Kirche – nach Meinung der Atheisten – aus Gott gemacht?

Das atheistische Gottesbild

Ich skizziere, ausgehend von dem, was ich von Atheisten gehört und gelesen habe, ein «atheistisches» Gottesbild; es sieht, in zwei Sätzen gesagt, folgendermassen aus: 1) Gott ist ein hocherhabenes allmächtiges Wesen, das einst beschlossen hat, Himmel und Erde zu erschaffen, das Wort (auf Hebräisch) an sich selbst richtete und auf diese Weise die Schwerarbeit der Schöpfung eigenhändig und aus dem Nichts in sechs Tagen vollbracht hat, worauf er feststellte, dass alles «sehr gut» war. 2) Bei genauerem Hinsehen stellten sich die Dinge dann – hienieden mindestens – als ziemlich enttäuschend heraus, so dass er sich genötigt sah, seinen Sohn auf die Erde zu schicken, was allerdings ein Fiasko zu werden drohte, da Jesus ermordet wurde, doch das wiederum stellte sich gerade als die Rettung heraus, denn dadurch konnte eine Kirche entstehen, die bis auf den heutigen Tag bekennt, dass Jesus Christus «unser Herr und Erlöser» ist, und die überzeugt ist, dass es einen personalen, vollkommenen, voraussehenden, allgegenwärtigen, ewigen, unwandelbaren, doch nichtsdestotrotz gelegentlich zornigen, meist aber gerecht urteilenden und überaus gnädigen Gott gibt.

Das atheistische (Un-)Glaubensbekenntnis

Ich gehe auf drei Merkmale dieses Gottesbildes ein, nicht beliebig herausgegriffene. Im Blick darauf, dass sich die atheistische Kritik am vermeintlich christlichen Gottesbild vor allem gegen das oben im ersten Satz Ausgeführte richtet, formuliere ich ein «atheistisches (Un-)Glaubensbekenntnis»: «Gott, das allmächtige Überwesen, das Himmel und Erde erschaffen hat, gibt es nicht.» Darauf reagiere ich mit Zustimmung, mit Empörung, mit Kritik und mit Verwunderung.

Mit Zustimmung: Ich gehe einig mit den Atheisten, diesen Gott gibt es nicht.

Ich habe sie also erfunden …, dachte er. Also habe ich auch ihre Fühler und ihre Zehen erfunden, und dass sie Honig das Allerleckerste der Welt findet. Und dass ich sie vermisse, das habe ich folglich auch erfunden. In Gedanken sah er seine Erfindung laufen …22

Mit Empörung: Der Atheist karikiert – bewusst oder unbewusst23 – das christliche Gottesbild. Man muss nämlich keineswegs ein Atheist sein, um ein solches «atheistisches Glaubensbekenntnis» unterschreiben zu können. Viele Christen würden ihre Unterschrift darunter setzen; auch für sie ist dieser Gott schon lange tot. Als Pfarrer, der sich dessen bewusst ist, wehre ich mich dagegen, dass sie von Atheisten so bedenkenlos für hinterwäldlerisch erklärt werden.

Und da beginnt auch die Kritik: Der Atheist ist nicht auf der Höhe der Zeit. Seine Argumentation bewegt sich noch im Umfeld der mittelalterlichen Gottesbeweise, und sein Gottesbild ist dementsprechend von Dogmen und Glaubensbekenntnissen geprägt. Für die meisten Gläubigen ist dieser St.-Nikolaus-Gott mit dem langen Bart höchstens noch der Gott ihrer Kinderjahre, der seinerzeit zusammen mit den Spielzeugautos und dem Metallbaukasten auf dem Dachboden verstaut wurde. Der Atheist aber versteift sich darauf, den Gläubigen als einen zu sehen, der es für wahr hält, dass Gott in sechs Tagen Himmel und Erde erschaffen hat und seither als fürsorglicher Vater über seine Schöpfung und seine Geschöpfe wacht. Ich weiss durchaus, dass es noch Leute gibt, die das glauben, aber sie bilden inzwischen eine so kleine Minderheit, dass es zumindest überraschend ist, dass sie noch immer die Vorstellung dessen prägen, was – laut einem Atheisten – Christen glauben oder nicht glauben. Und dass noch so viel Energie investiert wird, um da zu widersprechen. Der Atheist hat offensichtlich eine Schwäche für das Mittelalter. Und daraus ergibt sich ein hübsches Bild für den Atheisten des 21. Jahrhunderts: ein Ritter, der rückwärts auf seinem Pferd sitzt, mit geschlossenem Harnisch, die Lanze auf die Vergangenheit gerichtet.

Meine Verwunderung betrifft vor allem die Argumentation: Religion sei nichts als Hirngespinst, Illusion, kollektive Geistesverwirrung, eine schöne Erfindung, die Menschen Hilfe, Ablenkung und Trost biete, ein Pflästerchen auf die Wunde. Wirkliche Argumente hört man eigentlich kaum, die atheistische Kritik begnügt sich mit der Verketzerung des Andersdenkenden.

Das jüngste Buch des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins «Der Gotteswahn» illustriert das trefflich. Seine Beweiskraft bezieht es vor allem aus der Präsentation (als «Bombe»24) und aus der Entschiedenheit seiner Behauptungen. Dawkins scheut auch nicht davor zurück, andere Auffassungen zu diskreditieren: Wer nicht zu seinen Geistesverwandten gehört, wird durch den Fleischwolf gedreht. Sein Fazit, «dass es Gott höchstwahrscheinlich nicht gibt»,25 hat nicht mehr Bedeutung, als es seine Voraussetzungen haben.

Eines der beliebtesten atheistischen «Argumente» lautet: An einen Gott, der so etwas zulässt, glaube ich nicht (mehr). Und Menschen, die so etwas zulassen – hat man mit denen keine Mühe? Und wenn es all das Elend nun auf einmal nicht mehr gäbe, würde man dann daraus schliessen, dass es Gott doch gibt?

Es ist denn auch nicht erstaunlich, dass nur ein kleiner Teil26 der Bevölkerung in den Niederlanden sich als atheistisch bezeichnet. Die Mehrheit, die dennoch nicht auf den Kopf gefallen ist, lässt sich offenbar ohne solide Argumente nicht überzeugen. Und die vielen, die die Kirche verlassen, weil sie nicht mehr glauben, dass es Gott gibt, und die darum eigentlich in die Kategorie «Atheisten» gehörten, nennen sich trotzdem nicht so. Der Atheismus geht offensichtlich nicht so einfach weg wie frische Semmeln, und zu Recht: Etwas stimmt nicht. Schon die wachsende Zahl von Etwasisten und Agnostikern (Leuten also, die sich fragen, ob es Gott gebe27) weist darauf hin: Zu glauben, dass es Gott nicht gibt, führt nicht zum Ausschluss Gottes. Oder – und darauf will ich hinaus – es gibt keine atheistischen Argumente, die es unmöglich machen, an einen Gott (den es nicht gibt) zu glauben.

Was Atheisten über den Glauben sagen

Lasst ab von der Einfalt, so werdet ihr leben, und geht auf dem Weg des Verstandes.28

Weiter oben sagte ich, das «atheistische Unglaubensbekenntnis» beruhe auf einer Karikatur des christlichen Gottesbildes. Dass jemand mit einem karikierten Gottesbild eine differenzierte Vorstellung von Glauben hat, ist nicht zu erwarten. Und in der Tat: Für einen Atheisten ist ein Gläubiger nicht mehr als ein Dummkopf. Die heutige Elite qualifiziert Glauben als «weiter nichts als Dummheit»29 oder als «etwas für zurückgebliebene Leute»30.

Solche Ausdrücke sind – gelinde gesagt – nicht das Ergebnis vernünftiger Überlegungen. Sie sind aufgeladen mit Emotionen, die vermuten lassen, dass da die Lebensgeschichte und die psychische Verfassung dessen, der so urteilt, eine nicht geringe Rolle spielen. Man achte einmal darauf, auf welchen Wegen Angehörige der atheistischen Elite zu ihrem Atheismus gekommen sind, und bilde sich seine Meinung.

Ronald Plasterk war enttäuscht von der Antwort, die er in der Volksschule von einem Religionslehrer erhielt auf die Frage: Wenn ich jetzt glaube, dass ich neue Rollschuhe kriege, krieg ich sie dann wirklich?31

Herman Philipse (der schon als Kind Vorbehalte gegenüber der Religion hatte) über den Religionsunterricht, den er mit seiner kleinen Schwester besuchte: «Dazu kam noch, dass der Pfarrer (…) ganz dicke, mattierte Zigarren rauchte (…). Diese Zigarren plus die Langeweile, die ich empfand, genügten, um mir jedes Interesse an Religion zu nehmen.»32

Vincent Icke, dessen Gebete für seinen kranken Vater «einen Dreck nützten», sagt: «Allmählich bin ich da zum Schluss gekommen, dass ich beschissen werde, oder – besser gesagt – dass Gott ein Stümper ist oder ein Sadist.»33

Die meisten Atheisten behaupten, ungläubig zu sein, weil sie zur Überzeugung gekommen seien, dass es Gott nicht gibt. Fast alle erklären übereinstimmend, dass sie «in einem bestimmten Moment diese Entdeckung gemacht» hätten. Wie denn? Indem sie aufhörten zu glauben, was andere glauben. Das unterscheidet sie aber nicht von den meisten Gläubigen: Auch sie glauben nicht mehr an den Gott ihrer Kindheit.

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden besteht vielmehr darin, dass das Gottesbild der meisten Gläubigen sich allmählich verändert hat, während es bei den Atheisten im Augenblick, da sie sich von ihm verabschiedeten, stehengeblieben ist. Das hindert sie aber nicht daran, diejenigen, die weniger radikale Entscheidungen getroffen haben und andere Wege gegangen sind, als «Irrationalisten» abzustempeln.

Der Atheist urteilt und handelt aufgrund einer Auffassung, die er selbst verworfen hat: Zuerst schiebt er den Gläubigen, ohne ihn befragt zu haben, in eine orthodoxe Ecke ab und dann verkauft er ihn als blöd. Die Frage, ob dieser umgekehrte Fundamentalismus eigentlich noch Atheismus genannt werden kann, lasse ich vorläufig noch offen.

Ich habe Verstand so gut wie ihr, ich stehe nicht hinter euch zurück …34

Der Atheist gerät – meines Erachtens – gleich mehrfach ins Schleudern.

Erstens: Der Atheist reduziert den Menschen auf seinen Verstand, während doch die meisten von uns mit mehr ausgestattet sind als bloss mit Hirn: mit Gefühlen, Wünschen, Sorgen, Hoffnungen … Doch in den Augen von Atheisten bedeutet «glauben» einfach, etwas Unmögliches für wahr halten, indem man seinen Verstand auf null setzt. Dass es auch Gebildete gibt, die sonntags zur Kirche gehen, Wissenschaftler, Leute mit hervorragendem Verstand, kann sie nicht von dieser Meinung abbringen. Im Gegenteil: Letztere werden bloss verhöhnt: «Die Woche hindurch treibt man Naturkunde und am Sonntag geht man in die Kirche.»35

Zweitens: Der Atheist unterschätzt den Gläubigen. Meint er wirklich, dass ein Gläubiger des 21. Jahrhunderts alles, was ihm gesagt wird, einfach schluckt? Ein Beispiel: An den Gott, der im Buch Hiob vorkommt, kann man nicht glauben. Da wird ein unschuldiger Mensch als Einsatz einer Wette zwischen Gott und dem Teufel missbraucht und dadurch ins Elend gestürzt. Gott verkörpert hier alles, was Nicht-Gott ist; wir würden ihn einen Schuft nennen, und er käme damit noch gnädig davon. Meint der Atheist wirklich, dass ein «normaler Gläubiger» an einen solchen Gott glaubt? Das ist doch nicht zu glauben!

Doch für den Atheisten gibt es offenbar nur alles oder nichts. Für ihn ist der Glaube ein Multipack, das in seiner Gesamtheit angenommen werden muss: Ein Gläubiger hat die Bibel wörtlich aufzufassen und die unverkürzte Lehre der Kirche zu unterschreiben.

Wenn ein Gläubiger dann vorsichtig dagegenhält, dass er nicht alles für bare Münze nehme und selbst bestimme, was er für glaubwürdig halten wolle, reagiert der Atheist verärgert: Religiöser Liberalismus, unzulässige Willkür sei zu glauben, was einem in den Kram passe, und zu verwerfen, womit man nicht zurechtkomme.36 Für ihn gibt es nur ein Entweder-oder: Entweder sagt man ja zum ganzen Paket, und das heisst dann, auf Geheiss der Kirche alles anzunehmen, selbst das, wozu der Verstand nein sagt, oder Gebrauch zu machen von seinem Verstand und dem Glauben an Gott völlig abzusagen.

Und als Letztes: Der Atheist findet den Gläubigen «dumm». Was ihm da begegnet, entspricht für mich dem, was einem Pfarrer als «kindlicher Glaube» entgegenkommt: «Ich glaube eben wie ein Kind, Herr Pfarrer.» Nach atheistischen Massstäben ist das wohl das Dümmste, was man machen kann. Mein Massstab ist die Integrität. Anders gesagt: Ich halte die Bedeutung, die der Glaube im Leben eines Menschen hat, für wichtiger als die Frage, ob der Inhalt seines Glaubens meinen intellektuellen Massstäben genügt. Ich komme täglich mit Menschen zusammen, die anders glauben als ich, und sie und ich wissen durchaus, dass es sich dabei inhaltlich oft nicht um Spitzenleistungen handelt, aber ich hatte noch nie das Bedürfnis, da eine Messlatte anzusetzen. Im Gegenteil, wenn der Glaube «wirkt» im Leben der Menschen, wenn sie damit leben und sterben können, wer bin ich dann, um …?

Zur Argumentation, zu den Motiven und zum Benehmen des Atheisten wäre noch einiges anzumerken, mit seiner Überzeugung jedoch, dass es Gott nicht gibt, hat er recht.37 Und im nächsten Abschnitt bekommt er auch recht. Von der Bibel her erst recht: Gott hat es nie gegeben; ein Gott, den es gibt, ist ein historisches Missverständnis.

Die Bibel: «Im Anfang» ist nicht «der Anfang»

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.38

Die Bibel fängt an mit «Im Anfang …» Das sind die ersten Worte der Genesis, des ersten Buches der Bibel. Auf das Buch Genesis folgt das Buch Exodus, dann das Buch Leviticus und so fort. Doch das ist eine optische Täuschung: Wären die Bücher der Bibel in der Reihenfolge ihres Entstehens angeordnet, käme das Buch Genesis irgendwo weiter hinten zu stehen. Der Text selbst verrät es: Da stehen babylonische Lehnwörter drin, und die können seine Autoren erst im 6. Jahrhundert v. Chr., in der Zeit der sogenannten Babylonischen Gefangenschaft, vernommen haben.

Angefangen hat es schon viel früher. Aus historischer Sicht müsste die Bibel mit dem Auszug aus Ägypten und der anschliessenden Reise durch die Wüste beginnen. Das fand im 13. Jahrhundert v. Chr. statt, nachdem Gott sich in einem brennenden Dornbusch «vorgestellt» hatte mit den Worten: «Geh, und ich gehe mit dir.» In dieser Geschichte39 finden sich die Ur-Intuitionen, auf denen alles spätere Reden von Gott gründet oder gründen sollte.

Im Folgenden werde ich darlegen, dass es Gott am Anfang nicht gab, sondern dass man erst «im Anfang» anfing zu sagen, es gebe ihn.

Der Anfang – das 13. Jahrhundert vor Christus

Mose sagte: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten führen könnte? Gott antwortete: Geht, und ich gehe mit euch.40

Im Buch Exodus ist keine Rede von einem Gott, den es gibt. Am Anfang wussten es also alle: Gott gibt es nicht. Atheisten gab es noch keine, es gab ja nichts zu bestreiten. Wenn irgendwo von Atheismus die Rede ist, dann bei den Autoren der Schrift selbst. Das ganze Alte Testament muss gelesen werden als ein andauernder Kampf gegen «Abgötterei», wobei immer wieder mit allem Nachdruck gesagt wird, was Gott nicht ist: Er ist nicht wie die anderen Götter.

Wenn das Wort «Gott» fällt, dann geschieht dies immer im Kontext von «Befreiung». Die Zehn Gebote werden eingeleitet mit den Worten: «Ich bin der HERR, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus einem Sklavenhaus.»41 So wurde das später aufgeschrieben.

Doch der Glaube an JHWH, den Gott Israels42, hat eine religiöse Vorgeschichte. Die Hebräer (die späteren Israeliten) werden unterdrückt und ausgebeutet von Ägyptern, die eine Religion haben. Das durfte nicht sein. Die Alternative zur Unterdrückung ist die Befreiung: So musste es sein. Mose wird zum Pharao geschickt: Er, nicht Gott, muss sein Volk befreien. Als Atheist kann ich das nicht genug betonen: Gott ist kein «Befreier», die Erzählung sagt nicht mehr, als dass der Name Gottes verbunden ist mit einer «Befreiung», die durch Menschen Gestalt annehmen muss. So war es damals und so ist es geblieben und so ist es noch heute: Befreiung ist Sache der Menschen. Was ursprünglich unter «Gott» verstanden wurde, hat zu tun mit dem, was im Leben der Menschen geschieht.

Ehjeh ascher ehjeh: «Geht, und ich gehe mit euch.»

Gott «macht seinen Namen wahr», nichts anderes, wie gesagt: «Geht, und ich gehe mit euch.» Diesen Namen muss man in Anführungszeichen setzen, denn was es nicht gibt, das kann keinen Namen haben. Ein Hinweis darauf befindet sich bereits da, wo Gott «sich vorstellt»: «Mose aber sagte zu Gott: Wenn ich zu den Israeliten komme (…) und sie sagen zu mir: Was ist sein Name?, was soll ich ihnen dann sagen? Da sprach Gott zu Mose: ‹Ehjeh ascher ehjeh›. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sprechen: ‹Ehjeh ascher ehjeh›, der hat mich zu euch gesandt.»43

Auf den ersten Blick scheint die Sache ganz einfach: Mose stellt die Frage: Was ist dein Name?, und Gott antwortet: «Ehjeh ascher ehjeh.» Aber so einfach ist es nicht; denn die Frage wurde so nie gestellt, und die Antwort wurde so nie gegeben; das Gespräch hat nie stattgefunden. Die Erzählung ist entstanden, nachdem man mit dem fremden Namen schon siebenhundert Jahre lang Erfahrungen gemacht hatte. «Ehjeh ascher ehjeh», mehr konnten die biblischen Autoren nach all den Jahrhunderten nicht sagen.

Der Name ist unübersetzbar geblieben. Die Übersetzungen variieren zwischen «Ich bin, der ich bin»44 und «Ich werde sein, der ich sein werde»45. Um sich so zu definieren, braucht man kein Gott zu sein, das kann mein Nachbar auch sagen. Ich ziehe die Übersetzung vor: «Geht, und ich gehe mit euch.»46 Damit will ich ausdrücken, dass Gott nur dort ist, wo Menschen in Bewegung kommen.

Die Übersetzung dieses Namens bietet aber noch weitere Schwierigkeiten: Das Hebräische kennt kein Präsens. «Ich laufe» kann man nicht sagen, wohl aber «ich, laufend», entsprechend etwa dem englischen «I am walking», das ausdrückt: Mein Laufen ist noch nicht abgeschlossen, ich bin noch damit beschäftigt. Deshalb genügt die Übersetzung «Ich bin, der ich bin» nicht, denn sie gibt die Bewegung nicht wieder. Und allein schon aus diesen Gründen kann Gott keinen Namen haben: Er ist noch nicht fertig. Und das Unfertige kann natürlicherweise auch nicht bestehen, es ist ja noch immer am Entstehen. Und ob auch tatsächlich etwas daraus wird, muss sich noch erweisen: «Geht, und …». Und wenn man nicht geht, dann ist eben nichts.47

«Geht, und ich gehe mit euch», das ist keine logische Schlussfolgerung, die sich aus diesem Namen ergibt, sondern der Ausdruck einer Erfahrung, die mithilfe dieses Namens angedeutet ist. Warum und wie sind die Hebräer seinerzeit aus Ägypten ausgezogen? Aufgrund einer göttlichen Offenbarung? An Gottes Hand? Gewiss nicht! Nein, sie haben sich in einem bestimmten Moment einfach davongemacht, aus der Sklaverei in die Wüste, in der Hoffnung auf Leben. Hinterher wurde das gedeutet als ein Auszug unter der Führung einer Kraft, die sie mit der Zeit «Gott» nannten, ohne den ihnen das nie gelungen wäre. Eine Erfahrung also wurde mit diesem Namen gedeutet. Theologisch gesprochen: Ein gewöhnliches geschichtliches Ereignis wurde als «Heilsgeschichte» ausgelegt.

Mehr kann auch ein Theologe darüber nicht sagen. Der Name hat sich gleichsam von Anfang an abgesichert gegen alle spätere Theologie. Gott ist «immun» gegen Theologie: Geh, heb dich vom Stuhl, komm heraus aus deinem Büro. Und dann …

Gott tut also nichts anderes, als dass er seinen Namen bestätigt. Nichts mehr und nichts weniger; im Buch Exodus finden sich keine Hinweise auf ein Davor oder ein Danach. Von einem Schöpfergott ist nicht die Rede, so wenig wie von einem Gott, der auch nach dem Tod noch für die Menschen da wäre. Ich weise hier kurz darauf hin,48 weil dies eine Botschaft ist, die man in der Kirche kaum zu hören bekommt: dass man nämlich an Gott glauben kann, ohne zu erwarten, dass Gott etwas zu tun hat mit der Entstehung der Welt und der Menschen, und ohne zu hoffen, dass er nach dem Tod auch da sein wird. So war es am Anfang, und darin müsste man die Quelle der sogenannt jüdisch-christlichen Tradition erkennen. Alle Schöpfungs- und Jenseitstheorien sind später entstanden. Was ursprünglich unter «Gott» verstanden wurde, wurde nicht in Verbindung gebracht mit der Frage, woher der Mensch kommt und wohin er geht, sondern mit dem eigentlichen Leben zwischen Geburt und Tod.

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