Kitabı oku: «Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück»

Yazı tipi:

Klaus Bittermann

Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück

Ein Ausreißerroman

FUEGO

- Über dieses Buch -

Die 16-jährige Nancy fährt mit dem Citroën ihres Vaters nach Italien und nimmt unterwegs den 17-jährigen Sid mit. Beide sind von zu Hause weggelaufen. Sid ist ein etwas naiver Punk und Nancy eine verwöhnte Tochter aus gutem Hause, die von einer unbändigen Reiselust getrieben ist. Einer Zeitungsmeldung zufolge hinterlässt »das junge Paar in Luxushotels unbezahlte Rechnungen und bestohlene Hotelgäste«. Und weiter erfährt man: »Das Mädchen trat betont selbstbewusst auf und trug stets einen teuren Pelzmantel.« Klaus Bittermann hat die Zeitungsnotiz ausgeschnitten und über 35 Jahre lang aufbewahrt, um nun die Geschichte dazu zu erfinden.

Auf ihrer Reise durch Norditalien treffen Nancy und Sid auf üble, aber auch hilfsbereite und andere absonderliche Gestalten wie einen Bordellbesitzer auf der Flucht, den Bassisten der Clash, einen alten Spanien-Kämpfer und eine Ringerin aus Berlin. Aber irgendwann geht der kurze Sommer der Anarchie zu Ende. Die beiden verlieren sich. Für Sid beginnt die verzweifelte Suche nach Nancy, die ihn nach Barcelona und auf eine kleine griechische Insel verschlägt.

Für Tania

In girum imus nocte et consumimur igni

1

Drei Wochen nach dem desaströsen Ende der Operation Eagle Claw, dem Zusammenstoß einer Lockheed C-130 mit einem Hubschrauber in einem iranischen Wüstengebiet, der sich beim Versuch der Amerikaner ereignete, die als Geiseln gehaltenen Botschaftsangestellten in Teheran zu befreien, sprang der Schüler Sid Schlebrowski aus dem Fenster der elterlichen Wohnung und wäre um ein Haar auf der Katze Nancy gelandet, die dem Nachbarn im 1. Stock gehörte. Nancy fauchte und machte erschro­cken einen Satz zur Seite. Sid entschuldigte sich und lief zur Ausfallstraße des kleinen Städtchens und wartete am Straßenrand darauf, dass ihn jemand mitnahm.

Um 14 Uhr hielt ein schwarzer Citroën DS. Als Sid später daran zurückdachte, war ihm, als wäre der eiskalte Engel Alain Delon in seinem Trenchcoat ausgestiegen und hätte ihn mit versteinerter Miene angestarrt, die Hände in den Manteltaschen. Aber wahrscheinlich hatte sich einfach das Standbild einer Filmszene über diesen Teil seiner Erinnerung gelegt.

Sid lief zum Citroën, öffnete die Tür und sah ins Wageninnere. Alain Delon hatte eine riesige Insektenbrille auf. Der Stimme, die ganz anders klang als die von Delon, viel höher und nicht so gefährlich, war eine leichte Ungeduld anzuhören: »Jetzt komm schon rein. Ich hab nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen.«

Alain Delon hieß in Wirklichkeit Nancy von Westphalen und war gerade 16 geworden.

Sid rutschte eilig auf das schwarze Leder des Beifahrersitzes, und kaum war die Tür ins Schloss gefallen, gab Nancy Gas. Sie ließ die Kupplung zu schnell kommen. Der Wagen bäumte sich auf und starb.

»Scheiße«, sagte sie.

Sie startete den Wagen erneut, drückte das Gas durch und fegte mit quietschenden Reifen auf die Fahrbahn. Hinter ihr noch mehr quietschende Reifen und hektisches Hupen.

»Ist ja gut, Blödmann«, fauchte Nancy, der der Schre­cken durch den Körper gefahren war. Sie beschleunigte und nach kurzer Zeit war das Hupen nicht mehr zu hören.

Ihr Vater Viktor von Westphalen hätte, wäre er Zeuge dieser Szene geworden, gesagt, dass dies ein neuerlicher Beweis für das Tourette-Syndrom sei, an dem seine Toch­ter laut einer eher fragwürdigen Diagnose des Hausarztes litt, der in einer populären Fachzeitschrift darüber gelesen, aber noch nie mit einem Tourette-Patienten zu tun hatte. Und ihre Mutter Auguste von Westphalen hätte gesagt, Nancy müsse unbedingt zu einem Analytiker, damit der das wegmachte, denn »Scheiße« und »Blödmann« gehörten nicht zum Wortschatz der Familie und standen seit jeher auf die Liste der verbotenen Wörter.

»War ganz schön knapp«, sagte Nancy und atmete tief durch.

»Hätte fast geknallt«, sagte Sid. Er krallte sich im Sitzpolster fest und stemmte seine Beine in den Fußraum, als wollte er das Bodenblech durchdrücken, denn Nancy beschleunigte und jagte den Motor hoch, bevor sie abrupt in den nächsten Gang schaltete. Sie saß auf einem Kissen. Unnötigerweise, denn der Citroën hatte einen in der Höhe verstellbaren Sitz. Ihre Hände hielten das Steuer umklammert wie ein Ertrinkender einen Rettungsring. Immer wieder sah sie in den Rückspiegel und grummelte etwas, das sich wie »Arschgeigen« und »Armleuchter« anhörte, ebenfalls Wörter, mit denen man sich im Haushalt der Westphalens besser nicht erwischen ließ.

Sid sah verstohlen zur Seite und registrierte leicht hervortretende Backenknochen, schwarzes, zerzaustes Haar. Schmale, rotglänzende, trotzige Lippen, grüne Augen, eine griechische Nase. Sie trug ein über die rechte Schulter gerutschtes weißes T-Shirt und eine schwarz-weiß längs gestreifte Sommerhose mit Schlag.

»Wo willst du hin?«, fragte Nancy schließlich, nachdem sie auf die Autobahn gefahren war und die Anspannung langsam von ihr abfiel.

Sid wusste es nicht.

»Keine Idee?« Nancy warf ihm einen Blick zu. »Vielleicht Süden?«

»Süden ist nicht schlecht«, hörte Sid sich antworten.

»Oder Westen?«

»Frankfurt? Auch nicht schlecht. Hauptsache weg von hier.«

»Kein bestimmtes Ziel?«, fragte Nancy.

»Nein«, sagte Sid.

»Kein Traum?«

»Traum?«

»Einen Ort, wo du schon immer mal hin wolltest?«

Doch, den gab es. Das Mekka eines jeden Punk, den magischen Ort, wo die Clash, die Sex Pistols und die ganzen anderen Bands ihre ersten Auftritte gehabt hatten. 100 Club, World’s End, King’s Road, SEX, der Laden, in dem Sid und Johnny und Siouxsie und Catwoman immer rumhingen. Aber London lag in einer anderen Galaxie. Es war kein realer Ort, keine Stadt, sondern eine Sehnsucht, von der Sid niemals glaubte, dass sie sich erfüllen könnte. Wie sollte er der Insektenbrille vermitteln, was er meinte, fühlte, was das alles für ihn bedeutete, wusste er doch selbst nicht, wie er das alles in Worte hätte fassen können. In diesem Augenblick aber war Sid auch jede andere Stadt recht.

»Also. Du kannst dir was aussuchen. Wohin soll’n wir fahren?«, fragte Nancy, als von Sid keine Antwort kam. »Ist ein Angebot.«

»Keine Ahnung«, sagte Sid.

»Die Gegend kenn ich nicht«, sagte Nancy.

»Soll aber ganz okay dort sein«, sagte Sid.

»Bist du abgehauen?«, fragte Nancy.

»Mmh«, sagte Sid.

»Ärger zu Hause?«, fragte Nancy.

»Mmh«, sagte Sid.

»Bei mir auch.«

»Ah.«

»Wie heißt du?«, fragte Nancy.

»Sid«, sagte Sid.

»Sid? Echt jetzt?« Nancy kicherte zum ersten Mal, seit sie mit dem Citroën über den Kies auf dem Schlosshof in Richtung andere Welt gerollt war, von der sie glaubte, die Sterne würden dort heller leuchten, die Versprechungen ins Unendliche wachsen, das Leben brennen und jede Menge los sein.

»Nancy«, stellte Nancy sich vor und Sid sah sie überrascht an.

Er ließ sich von ihrem Kichern anstecken und verzog seine Lippen zu einem schmalen Lächeln. Sid überlegte, ob dieses Mädchen wirklich Nancy hieß. Vielleicht war Nancy genauso ausgedacht wie Sid. Nach einem großen Problem sah das jedoch nicht aus. Aber was war sein Problem? Das größte entfernte sich mit jedem zurückgelegten Kilometer mehr. Es hieß Willy Schlebrowski und war sein Vater.

Wie Wanda Schlebrowski darauf gekommen war, wusste Sid nicht, aber offenbar hatte sie einen Artikel über die Auswirkungen von Cannabis gelesen, wahrscheinlich in der Fernsehzeitschrift Hörzu, denn Sid hatte sie nie etwas anderes lesen sehen. Plötzlich war sie überzeugt gewesen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er aus dem Fenster springen würde. Wanda hatte lange überlegt, worauf das mürrische Verhalten Sids in der letzten Zeit zurückzuführen war. Er machte kaum den Mund auf, nicht mal, wenn er etwas gefragt wurde, und er machte einen abwesenden Eindruck, als interessiere ihn nicht, was sie, immerhin seine Mutter, zu sagen hatte. Sie hatte gewartet, bis er von der Schule nach Hause kam, und ihn dann zur Rede gestellt.

»Ich weiß jetzt, was du hast und warum du nie den Mund aufmachst«, hatte Wanda gesagt. »Du rauchst Haschisch!«

Als Sid so unerwartet mit diesem Vorwurf konfrontiert wurde, wurde ihm auf der Stelle schlecht. Er sagte nichts, aber das machte sie nicht etwa unsicher, vielmehr schien ihr sein Schweigen den letzten Beweis für seine Schuld zu erbringen. Und als er schließlich doch noch »Wie? Haschisch? Ich?« aus sich herauspresste, eskalierte die einseitig geführte Unterhaltung mit der Drohung, sie würde alles erzählen. Und zwar Willy.

Von seinen Schultern aus begann eine Lähmung sich über seinen gesamten Körper auszubreiten. Er ging in sein Zimmer und schloss die Tür ab. Es dauerte eine Weile, bis Wanda Schlebrowski aufhörte, mit der flachen Hand gegen die Tür zu schlagen und ihn anzuflehen, nicht aus dem Fenster zu springen. Sid fand die Sorge um sein Ableben etwas übertrieben, denn sie wohnten im Erdgeschoss.

Sid sah eine Katastrophe auf sich zurollen wie einen Lastwagen, bei dem die Bremsen versagen, und er hatte keine Chance auszuweichen. Sid wusste nicht, wie er noch einmal davonkommen könnte. Er fürchtete den Jähzorn seines Vaters.

Ein Gedanke nahm immer mehr Gestalt an, und der hieß Flucht. Er würde seinem Namenspatron damit keine Ehre machen, denn Sid Vicious hätte ... ja, was hätte er gemacht? Zurückgeschlagen? Vermutlich. Aber gegen einen ehemaligen Boxer mit 46 Kämpfen, die deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hatten, wäre das Harakiri gewesen, auch wenn Willy seine beste Zeit hinter sich hatte. Sid Vicious hätte die Konfrontation gesucht und das mit der Gewissheit, Hämatome und eine gebrochene Nase zu riskieren. Für ihn wären das Ehrenabzeichen gewesen.

Sid Schlebrowski wollte keine Ehrenabzeichen abbekommen.

Selbstmord kam noch in Frage und wäre ganz im Sinne von Sid Vicious gewesen. Auch er, der kleine Sid aus einer kleinen Stadt, hielt Selbstmord in diesem Moment für eine Lösung, mit der sich seine Probleme schlagartig erledigt hätten, aber er hatte nicht den Mut dazu. Zudem hätte er nicht gewusst, wie er sein Ableben hätte bewerkstelligen sollen, jedenfalls nicht auf die Schnelle und so völlig unvorbereitet. Er fand Selbstmord eigentlich gar nicht schlecht, denn hatte man es erst mal getan, wurde alles weitere egal. Und das hatte er sich schon häufig gewünscht. Dass alles egal wäre. Die Sechs in Latein. Die ständigen Nervereien mit Willy. Das hatte schon was. Aber so einfach war es nicht, sich aus dem Leben zu stehlen. Sid stellte sich vor, welche Überwindung ihn das kosten würde. Er müsste richtig aktiv werden. Das war ihm einfach zu anstrengend.

Sid hatte nur eine vage Vorstellung von Sid Vicious, und die bestand aus Motzen, rotzigem Verhalten, Trotz, Verweigerung, Mittelfinger, Insubordination. Insubordination gefiel Sid besonders gut, weil niemand aus seiner Schulklasse wusste, was das bedeutete, und vermutlich hätte das auch der echte Sid nicht gewusst. Der unechte Sid hatte es in einem Fremdwörterlexikon entdeckt und war ziemlich stolz auf das Wort. Das hatte er ganz für sich allein. Leider konnte er nicht so recht damit punkten, weil ihn alle verständnislos anguckten. Bewunderung und Anerkennung sahen anders aus.

Seine Insubordination drückte er auf einem T-Shirt aus, auf das er einen Spruch Calvins gekritzelt hatte: »Every day I’m forced to add another name to the list of people who piss me off.« Das T-Shirt hätte nicht lange existiert, hätte Willy Schlebrowski verstanden, was da stand, und geahnt, dass auch er auf dieser Liste stand. Aber Willy konnte kein Englisch.

Sid liebte die Sex Pistols und ihre Musik, aber mit Sid Vicious verband ihn dennoch ein eher loser Faden. Sid hörte sich jedoch besser an als Michael, wie Sid mit bürgerlichem Namen hieß und wie noch drei andere in seiner Klasse hießen, weshalb sich immer gleich vier Leute umguckten, wenn einer Michael rief. Wahrscheinlich hatten ihn seine Eltern nach dem Erzengel Michael benannt, von dem ihm noch aus Kindertagen ein Kirchenbild ins Gedächtnis eingebrannt war, wie er in glanzvoller Rüstung über einem dunkelhäutigen, nackten Luzifer das Schwert erhebt, um ihn in den Abgrund der Hölle und der Verderbnis zu stürzen. Ein Racheengel. Ein Racheengel auf der Flucht. Warum nicht?, dachte Sid. Hatten ihn seine nächtlichen Wanderungen, wenn er verzweifelt war und Willy wieder fürchterlich genervt hatte, nicht immer zum Bahnhof geführt, wo er den Zügen hinterhersah, die aus der Stadt fuhren, irgendwohin, nur raus aus diesem Tal der Blöden?

Und jetzt? Die ungewisse Zukunft bereitete ihm keine Kopfschmerzen. Irgendetwas würde sich schon ergeben und dann würde er weitersehen.

Die Sonne streichelte über sein Gesicht, die Bäume strichen wie Phantome an ihm vorüber und gaben immer wieder die Sicht frei auf träge Felsen und Dörfer, die völlig verlassen schienen wie nach einer Atombombe. Alles verstrahlt. Sid fühlte sich wohl und die stoßgedämpfte Atmosphäre des Citroën machte ihn leicht schläfrig.

»Wir müssen mal kurz tanken«, sagte Nancy.

Sid warf einen fragenden Blick auf die große Sonnenbrille.

»Wir haben kein Benzin mehr«, präzisierte Nancy.

»Oh«, sagte Sid.

An der nächsten Autobahntankstelle war viel Betrieb. Sie reihten sich in der Schlange ein, die am weitesten vom Kassenhäuschen entfernt war. Als sie schließlich dran waren, stand ein R4 an der vorderen Zapfsäule.

»Lass dir Zeit mit dem Tanken«, sagte Nancy.

»Wo ist denn der Tank?«, sagte Sid.

»Irgendwo hinten«, sagte Nancy.

Na toll, dachte Sid. Er stieg aus, ging um den Citroën herum und starrte das Auto an, als wolle er es mit seinem Blick dazu bringen, das Geheimnis preiszugeben. Sid hatte noch nie getankt. Bei dem Käfer, den seine Eltern in den noch guten Zeiten gefahren hatten, musste man vorne die Haube aufmachen. Aber nachdem seine Mutter einmal als Geisterfahrerin auffällig geworden war, war das Auto wieder abgeschafft worden, weil man ihr den Führerschein abgenommen hatte, und Willy hatte nie einen gehabt.

»Ich hab noch nie getankt«, sagte Sid.

Nancy kicherte. Dann stieg sie aus, sagte »Mannomann« und zeigte Sid den Tankdeckel. Nancy hasste den Geruch von Benzin an ihren Händen. Der ging so schlecht wieder weg und stieg einem ständig in die Nase.

Da Sid nicht wusste, woran sich erkennen ließ, wann der Tank voll war, drückte er nur sehr zaghaft auf den Abzug des Stutzens, weil er befürchtete, das Benzin würde irgendwann rausschwappen. Der R4 vor ihnen fuhr los und Sid mühte sich immer noch ab.

»Fertig?«

»Wieviel passt denn in den Tank?«, fragte Sid zurück.

»Keine Ahnung«, sagte Nancy.

Hinter ihnen guckte Josef Greindl Sid in einer Mischung aus Ungläubigkeit und Aggression zu. Greindl war BMW-Fahrer aus Überzeugung, rüstiger Rentner und schlecht gelaunt. Ihm gefiel das Auto nicht, ihm gefiel der Junge nicht, ihm gefiel die Lederjacke nicht, die er anhatte, und ihm gefiel nicht, dass der Junge sich alle Zeit ließ, als würden nicht zehn weitere Autofahrer hinter ihm warten.

Er hupte.

Nancy trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad.

Ein Mann von der Tankstelle tauchte auf. Er hatte einen blauen Overall an und ölverschmierte Hände und hieß Herbert Busche. Er beachtete Sid gar nicht, sondern fragte Greindl, ob er ihm die Windschutzscheibe putzen solle. Als Servicekraft war das sein Job. Er hoffte auf ein paar Groschen Trinkgeld. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, wobei ein anderer Zeitpunkt vermutlich auch nicht günstiger gewesen wäre. Herbert Busche bekam einige sehr unfreundliche Worte zu hören mit dem verbissenen Hin­weis, sich lieber um eine zügige Abfertigung zu küm­mern. Der Tankstellenmann wandte sich ab. Arschloch, dachte er.

Sid erinnerte ihn an seinen eigenen Sohn. Linkisch und bleich. Er hatte sich auf der Autobahn, nicht weit von der Tankstelle, überschlagen. Sein Sohn war tot und das Auto hatte einen Totalschaden. Ein BMW-Fahrer war in den Unfall verwickelt gewesen, jedenfalls gab es einen Zeugen, der gesehen haben wollte, wie der BMW sehr dicht aufgefahren war, bevor sein Sohn die Kontrolle über das Auto verloren und sich überschlagen hatte. Vom BMW-Fahrer gab es keine Spur und niemand hatte sich das Kennzeichen gemerkt, weshalb der Unfall als selbstverschuldet abgelegt wurde. Jedesmal, wenn die Erinnerung an seinen Sohn zurückkehrte, krampfte sich sein Herz zusammen, obwohl seit dem Unfall mehr als zehn Jahre vergangen waren. Er mochte diesen dünnen unbeholfenen Jungen, trotz der Lederjacke mit den Nieten, deren praktischer Nutzen ihm Rätsel aufgaben.

»Kannst du mir verraten, was du da treibst?«, fragte Herbert Busche leicht amüsiert, und als Sid ihn verstört ansah: »Voll?«

Sid nickte. Der Mann nahm ihm den Stutzen aus der Hand. Woher er komme und wohin es ginge, wollte Herbert Busche wissen. Freundlich und beiläufig. Sid war nicht in der Stimmung, Konversation zu betreiben. Das war er sowieso nicht sehr oft. Nicht mit älteren Leuten. Ihnen gegenüber empfand er immer eine Mischung aus Misstrauen und einem »Was will der denn von mir?«-Gefühl. Besser, mit denen nichts zu tun zu haben.

»Zahlen kannst du da drüben, mein Junge«, sagte Herbert Busche schließlich und hängte den Zapfhahn an die Säule. »Du kannst doch zahlen, oder?« Busche lachte, klopfte Sid väterlich auf die Schulter und sagte »kleiner Scherz«. Er wandte sich ab und erblickte einen silbernen Mercedes und einen silbernen älteren Herrn, der nach Trinkgeld aussah.

»Neununddreißigachtzig«, sagte Sid und beugte sich zur Autotür hinunter.

»Kann schon sein«, sagte Nancy. »Steig ein.«

Kaum saß Sid im Auto fuhr sie auch schon los. Josef Greindl hatte seinen rechten Arm auf das Dach und seinen linken auf die offenstehende Tür gelegt und sah den beiden nach. Dann sah er zum Tankwart. Er rief ihm etwas zu. Busche blickte hoch und dann in die Richtung, in die Greindl ihm Zeichen machte. Der Citroën fuhr da bereits auf die Autobahn. Herbert Busche stand einfach nur da und sah dem, sich in den Verkehrsstrom einfädelnden Citroën hinterher. Auch als der Citroën schon nicht mehr zu sehen war, starrte Herbert Busche in die Ferne, unbeweglich wie eine Statue. Josef Greindl setzte sich hinter das Steuer und fuhr los.

Herbert Busche lief eilig zum Kassenhäus­chen und meldete seinem Chef, dass ein beiger BMW mit dem Kennzeichen SAN-JG 1929 mit einer vollen Tankfüllung gerade die Raststätte verlassen hätte, ohne zu zahlen. Der Chef griff nach dem Telefon, um die Polizei zu verständigen.

Herbert Busche fühlte sich gut wie seit Jahren nicht mehr. Leicht und beschwingt schwebte er von Auto zu Auto wie eine Biene von Blume zu Blume. Noch nie hatte er so viel Trinkgeld an einem Tag bekommen.

Josef Greindl hingegen verstand die Welt nicht mehr, als er, den Citroën bereits in Sichtweite, von einem Polizeiauto mit Blaulicht, Sirene und Polizeikelle gezwungen wurde, an den Seitenstreifen zu fahren und anzuhalten.

Als Nancy das im Rückspiegel sah, schlug sie ausgelassen auf das Lenkrad und lachte hysterisch: »Die haben den Scheiß-BMW aus dem Verkehr gezogen. Ich fass es nicht.« Und dann schmetterte sie so laut sie konnte: »We are the cham­pions!«

2

Es war Sids erste illegale Handlung. Auch wenn er von Nancy nicht in ihren Plan eingeweiht worden war, so hatten sie zusammen doch eine Grenze überschritten. Sie waren Gesetzlose. Diese Tat machte ihn zu Nancys Kom­plizen. Unwiederbringlich. So schien es ihm. Sie war ihm nicht mehr fremd. Jedenfalls nicht mehr sehr. Er sah sie mit anderen Augen. Er bewunderte sie für diese Aktion. Dass sie fast schiefgegangen wäre, kümmerte ihn nicht.

Immer wieder lachten sie über die Polizei, die das falsche Auto angehalten hatte, und es war ein befreites Lachen, weil sie wussten, dass sie es einem verrückten Zufall zu verdanken hatten, der sie hatte davonkommen lassen, während Sids Schutzengel auf der Rückbank saß und dachte: Wenn ihr wüsstet! Es hatte ihm eine tiefe Befriedigung verschafft, Herbert Busche ein wenig fernzulenken, und er freute sich darüber, dass es so großartig geklappt hatte. Schließlich konnte er die Geschichte jetzt noch nicht zu Ende gehen lassen. Sie hatte ja gerade mal erst angefangen.

Nancy hatte, kaum war das Sirenengeheul verklungen, bereits vergessen, wie Sid sie auf der Tankstelle dazu gebracht hatte, auf dem Sitz immer tiefer zu rutschen, wie sie ihn als »Volltrottel« verflucht hatte. Nicht zu wissen, wie man tankt, musste man ja auch erst mal schaffen. Und jetzt? Jetzt sah sie das schmale Lächeln in seinen feinen Gesichtszügen, seine großen Augen, die verwirrt und un­sicher in die Welt guckten, und seine langen Wimpern und verspürte das dringende Bedürfnis, von sich zu erzählen.

Wie sie darauf kam, fragte sich Nancy nicht. Vielleicht wollte sie interessant für Sid erscheinen. Vielleicht erschien ihr die Aussicht, die nächsten Stunden schweigend nebeneinander zu sitzen, nicht sonderlich attraktiv. Außerdem hatte sie schon immer gern erzählt. Vor allem, wenn es um sie selbst ging. Also erzählte sie, wie sie als Sechsjährige den Hasen geben musste, der von den Hunden und der Jagdgesellschaft ihres Vaters aufgescheucht und durch das Gebüsch getrieben wurde. Das war aufregend. Sie dramatisierte die Ereignisse im Nachhinein etwas, um Sid zu beeindrucken, aber auch weil sie diesen Vorgang im Abstand von zehn Jahren tatsächlich etwas erniedrigend fand. Damals jedoch fand sie die Sache nicht schlimm. Es war ein Spiel, bei dem sie der Ehrgeiz packte. Aber weil sie immer verlor, hatte sie bald keine Lust mehr.

Einmal war sie schnell auf einen Baum geklettert, während die Jagdhunde unten kläfften. Sie streckte ihnen die Zunge raus. Gewonnen, dachte sie. Aber in diesem Moment legte ihr Vater das Gewehr an und machte »piffpaff«.

»Das giltet nicht«, rief sie aufgebracht vom Baum herunter, aber Viktor von Westphalen lachte nur. Und je mehr er lachte, desto wütender wurde sie.

Natürlich war sie nicht dazu gezwungen worden. Sie wurde dafür sogar bezahlt. Das Geld trug sie in die Eisdiele, in die sie ihren damaligen Lieblingsbruder Harry einlud.

Und sie erzählte, wie sie schon mit zwölf zum ersten Mal abgehauen war. Zusammen mit ihrem dreijährigen Bruder Hardy. Drei Wochen waren sie unterwegs. Bis nach Madrid hatten sie es geschafft. Aber dann machte sie den Fehler, ihrer Mutter Auguste eine Ansichtskarte zu schicken. Das stand damals sogar in der Zeitung.

Im Ton einer Nachrichtenfrau sprach Nancy die Kurzmeldung, die sie auswendig konnte. Durch sie hatte die Außenwelt zum ersten Mal von ihr Kenntnis erlangt:

Eine zwölfjährige Schülerin aus dem nordbayerischen Eibelsdorf, die mit ihrem dreieinhalbjährigen Bruder von zu Hause ausgerissen war, hält sich offenbar in Spanien auf. Die Mutter erhielt jetzt eine in Madrid abgestempelte Ansichtskarte. Darin beschrieb die von unstillbarer Reiselust besessene Zwölf­jährige, sie sei endlich dort, wo sie hingehöre. Es gehe ihr gut, auch ihr Bruder habe kein Heimweh.

»Na? Nicht schlecht, oder?« Nancy sah Sid herausfordernd an.

»Abgefahren«, sagte Sid. »Wie hast du das gemacht?«

»Also, wir haben ja nur in den Grandhotels übernachtet«, sagte Nancy einen schnöselig-angeberischen Ton nachahmend und hob ihre Nase, um Sid wie von oben herab ansehen zu können. »Ich war echt gut.« Nancy senkte das Kinn und sprach mit einer rauhen, tiefen Stimme, die sich nicht sehr überzeugend anhörte: »Hallo, hier spricht Hermine von Hasselroth. Haben Sie ein Zimmer frei? Ich befinde mich in einer misslichen Lage. Unfall. Leider. Beinbruch. Ich liege im Krankenhaus. Morgen schon werde ich operiert. Aber meine zwölfjährige Tochter und mein dreijähriger Junge brauchen eine Unterkunft. Würden Sie die beiden bitte bei sich aufnehmen? Ich würde mich dafür auch erkenntlich zeigen. In spätestens einer Woche werde ich entlassen.«

»Und das hat geklappt?«, fragte Sid.

»Natürlich hat das geklappt«, sagte Nancy, obwohl es nicht immer geklappt hatte.

Manchmal hatte sie auch erzählt, dass ihre Eltern überfallen worden oder in einer geheimen Mission unterwegs seien. Rief sie ein Hotel an, legte sie wie in den Kriminalfilmen ein Taschentuch auf die Sprechmuschel. Nahmen nach ein paar Tagen die Fragen nach ihren Eltern überhand, suchte sie das nächste Hotel auf und umgarnte das Personal, das Mitgefühl für ihre missliche Situation hatte. Manchmal ging es allerdings auch schief. Dann verbrachten die beiden die Nacht auf einer Parkbank oder auf dem Friedhof. Aber das war gefährlich.

Nach ein paar Wochen gab sie ein Lebenszeichen von sich. Eine Postkarte mit dem Prado drauf. Sie war mit fünf Jahren gegen ihren Willen durch den Prado gezerrt worden. Bei dem Aufwand, den ihre Mutter damals betrieben hatte, um ihr großes Kulturgut nahezubringen, würde sie sich bestimmt freuen, dachte sie, auch wenn sie von den üppigen, sich räkelnden Damen in Öl und mit wenig oder nichts an etwas gelangweilt war. Das einzige Bild, das sie beeindruckt hatte und an das sie sich noch erinnern konnte war »Saturn verschlingt eines seiner Kinder«. Endlich mal ein gefährliches Bild von einem Monster.

»Wieso war die Postkarte ein Fehler?«, fragte Sid.

»Weil meine Eltern einen so verdammt langen Arm haben«, sagte Nancy verschwörerisch.

»Einen langen Arm?«

»Ich weiß bis heute nicht, wie die das gemacht haben, aber als ich im Corte Inglés aufgetaucht bin, warteten da schon drei Männer und haben uns mit auf die Botschaft genommen. Und einen Tag später holten uns dann meine Eltern ab«, sagte Nancy.

»Corte Inglés?«, fragte Sid.

»Na, das Kaufhaus in Madrid«, sagte Nancy, die nicht verstand, wie man das nicht kennen konnte.

Was Nancy nicht wusste: Als Auguste von Westphalen die Postkarte aus Madrid erhalten hatte, telefonierte sie mit dem deutschen Botschafter in der spanischen Hauptstadt, Ernst-Otto von Hohenstein. Ein Verehrer von ihr aus früheren Tagen, den sie auf der Hochzeit von Fürst Rainier und Grace Kelly in Monaco kennengelernt hatte, auf die sie zusammen mit ihren Eltern eingeladen worden war. Ohne ihren Mann, der nur Landadel war. Ihr Vater hatte bei dieser Gelegenheit versucht, ihr wieder zu zeigen, welch glänzende Zukunft ihr entgangen war, als sie Viktor von Westphalen geheiratet hatte.

Ernst-Otto von Hohenstein hatte sie unter Alkoholeinfluss zu sich ins Hotel eingeladen, vielleicht sogar ein bisschen verschleppt. Sie hatte nichts dagegen und sich nur der Form halber gewehrt. Hohenstein hatte ihr anschließend den Hof gemacht, aber Auguste war der Seitensprung nicht angemessen erschienen. Sie hatte ansonsten moralisch einwandfreie Vorstellungen von den Werten einer Familie. Und die erlaubten es ihr nicht, auch wenn sie das sehr bedauerte, sich Ernst-Otto von Hohenstein weiter hinzugeben, einem höchst ansehnlichen Mann, der vor allem in Uniform ausgesprochen attraktiv aussah, fast so wie zu k.u.k.-Zeiten, für die sie eine Schwäche hatte.

Ernst-Otto von Hohenstein verwand die Zurückweisung nie. Die Liebe, die er für Auguste empfand, wurde platonisch. Aus verzehrender Leidenschaft wurde Anbetung. Selbst nach dieser langen Zeit, die dieser Vorfall nun schon zurücklag, glühte noch eine gewisse Verehrung, und er bot Madame Auguste von Westphalen, geborene von Ledebur-Hellbach, hocherfreut an, über ihn doch bitte »vollkommen zu verfügen«. Er versprach ihr, seine Kontakte zur spanischen Polizeipräfektur spielen zu lassen.

Auguste von Westphalens Hauptbeschäftigung war es zwar, sich Sorgen zu machen, aber sie ging auch leidenschaftlich gerne einkaufen. In Paris. Oder London. Oder Mailand. Auch im Corte Inglés in Madrid war sie während eines Sommerurlaubs mit ihrer Tochter, die sie auf ihren Expeditionen häufig mitnahm. Bereits mit zwölf kannte sich Nancy in den Nobelkaufhäusern und mit Labels aus. Auguste von Westphalen hatte ihre Tochter infiziert. Dennoch war es nur eine vage Hoffnung, aber was sollte ihre Tochter sonst in Madrid tun?, fragte sie sich. Sie bat Ernst-Otto von Hohenstein, sich doch mal ein wenig im Corte Inglés umzusehen. Er stellte drei Mitarbeiter der Botschaft ab, die sich in der Mode­abteilung für junge Frauen auf die Lauer legten. Und sie mussten nicht lange warten. Nicht mal einen Tag, wie einer der Botschaftsangestellten Nancy fröhlich mitteilte.

Sid war zwar noch nie abgehauen, schon gar nicht ins Ausland, und er hatte auch keinen Vater, der mit dem Gewehr auf ihn zielte, aber dafür einen, der ihn mit Boxhandschuhen in sein Metier einweihen wollte. Und bei jedem Treffer, den Willy Schlebrowski am Kopf seines zehnjährigen Jungen landete, sagte er »Hände hoch! Wann zum Teufel begreifst du das endlich!« Aber Sid begriff es nie, weil Willy einen Schlag in den Magen vortäuschte, um Sid in dem Moment, in dem er seine Deckung aufgab, mit der Rechten einen Schlag auf dem Kopf zu verpassen.

Sid hasste das. Und er hasste seinen Vater. Er hielt trotzdem dicht. Nicht weil er seinen Vater schützen wollte, sondern weil es niemanden etwas anging. Und als er einmal eine Beule davongetragen hatte, wäre es noch idiotischer gewesen, es zu erzählen, weil er dann erst rich­tigen Ärger bekommen hätte, wenn es sich bis zu seinem Vater herumgesprochen hätte. Doch jetzt schienen diese bedrückenden Erinnerungen ihre Macht über ihn zu verlieren. Es kam ihm vor, als stammten seine Erzählungen aus einem Leben, das plötzlich weit weg war und jede Bedrohlichkeit verloren hatte.

»Erinnert mich irgendwie an Charles Dickens«, sagte Nancy.

Sid wusste nicht, wer Charles Dickens war, aber er mochte es nicht, dass jemand angeblich auch so was erlebt hatte. Er erzählte daraufhin eine kleine Episode, die Charles Dickens bestimmt nicht zu bieten hatte, nämlich wie Wanda sich einmal zwischen Willy und Sid geworfen und einen Volltreffer abbekommen hatte, der eigentlich für Sid bestimmt war. Einen klassischen Kinnhaken. Und wie Wanda zu Boden gegangen war und Willy bis zehn gezählt hatte, bevor er seiner halb bewusstlosen Frau auf die Beine half und sich dabei selbst kaum auf den Beinen halten konnte.

Sid erzählte, dass Wanda nach dem K.o. angefangen hatte, sich merkwürdig zu verhalten. Sie beobachtete seither lieber Sternkonstellationen als zu kochen und war vom Einfluss des Mondes auf irgendwie alles überzeugt. Sogar auf den Haarwuchs und auf das Wachstum der Fingernägel.

»Ist ja irre«, sagte Nancy.

»Ja, sie sagte immer ›Fingernägel nur bei Vollmond schneiden. Merk dir das‹, und ich hab’s mir gemerkt. Konnte da gar nichts dagegen tun, aber ich hab mich nicht dran gehalten.«

»Ausprobiert auch nicht?«, fragte Nancy.

»Ja, schon mal, aber da war nichts besonderes zu sehen«, sagte Sid. Vor fünf Jahren habe sie dann Lametta auf ihre Schultern verteilt und sich mit Weihnachtskugeln behängt, sei in den Käfer gestiegen und davongefahren. Wanda sei sogar im Radio aufgetaucht. Im Verkehrsfunk als Warnung vor einem Geisterfahrer. Auch die Lokalpresse schrieb über den Vorfall und titelte »Christbaum hinterm Steuer«:

Eine 51-jährige Geisterfahrerin, mit Christbaumschmuck behängt, war am Heiligen Abend rund 30 Kilometer lang auf der A9 von Trockau bis zur DDR-Grenze unterwegs.

Polizisten stoppten die Fahrerin auf sehr unsanfte Art, nachdem die Frau zuvor mehrere Polizeisperren durchbrochen hatte. Ein Beamter warf einen sogenannten Nagelgurt vor ihr Auto. Die Metallstifte bohrten sich in die Reifen.

Doch bei der anschließenden Kontrol­le trauten die Polizisten ihren Augen kaum: Die Fahrerin war mit allerlei Christbaumschmuck behängt. Außerdem hatte sie ihr Auto »zum Schutz vor Strahlenbeeinflussung« mit einer Tüllgardine drapiert.

Wanda Schlebrowski tauchte in der Nachrichtenspalte noch als »Paradiesvogel« auf, der vehement »Polizeiwill­kür« krächzte, nur weil die Ordnungshüter sie mit dem Verdacht, sie könnte etwas getrunken haben, ins Röhrchen pusten ließen und sie zu einem Arzt brachten, um sie auf ihre Zurechnungsfähigkeit untersuchen zu lassen. Wanda musste am Ende der Prozedur ihre Fahrt mit einem Taxi fortsetzen.

In der Kleinstadt wusste damals jeder, wer sich hinter der »51-jährigen Geisterfahrerin« verbarg. Das war nicht schwer herauszufinden, denn in der Zeitung war von den »Abenteuern der Hausfrau Wanda S.« die Rede. Da blieb wenig Raum für Missverständnisse. Wanda war das peinlich. Sie tat so, als hätte der Vorfall nie stattgefunden. Und Willy legte seinen Arm um Sids Schultern, zog ihn zu sich heran und sagte: »Das bleibt unter uns. Verstanden? Schwör’s!«

Und Sid schwor.

»Ach, deine Mutter war das!«, sagte Nancy. »Ist ja verschärft.«

»Verschärft?« Sid drehte den Kopf zu ihr und sah ein geheimnisvolles Lächeln im Profil. Er versuchte, diese Momentaufnahme in seinem Gedächtnis wie ein Foto aufzubewahren, um es sich immer wieder ansehen zu können.

Sid glaubte, auch etwas mehr Heroisches von sich erzählen zu müssen. Von Herrn Schulz, seinem Deutschlehrer, der SS-Schulz genannt wurde. Der war zwar nie bei der SS, sondern in der Hitler-Jugend. Aber Sid machte da keinen großen Unterschied. Zur Begrüßung, bei der alle aufstehen mussten, deklamierte Schulz jedesmal dramatisch: »Die Weide biegt sich, die Eiche aber bricht.« Dabei sah er Sid an, und der dachte, na gut, dann bin ich eben eine Weide. Es wäre ihm albern vorgekommen, stramm zu stehen. Einmal hatte ihn SS-Schulz nach vorne kommandiert und gesagt: »Hier seht ihr ein degeneriertes Prachtexemplar der heutigen Jugend. So was hätte früher nicht lange überlebt. Na los, Michael Schlappikowski, Brust raus, Bauch rein.« SS-Schulz ließ ein unangenehm schepperndes Lachen vernehmen. Die meis­ten Schüler fragten sich gerade, was degeneriert hieß, als Sid sagte: »Welchen Bauch? Ihren?«

Einen Moment war es still. Dann hörte Sid ein paar unterdrückte Lacher und ein aufgeregtes Füßescharren.

»Soso, da wird jemand auch noch frech«, sagte SS-Schulz und holte ein Heft hervor, in das er die Verweise eintrug.

Seitdem galt Sid als renitent. Und als jemand eines Tages auf das Straßenpflaster vor der Schule in großen Buchstaben gemalt hatte: »Haut dem Schulz ins Mondgesicht«, gehörte Sid zum Kreis der Verdächtigen. Die Schulleitung verhörte ihn, aber Sid sagte immer nur, er wisse von nichts. Von diesem Text wich er nicht ab, und das konnte er sehr gut. Nachweisen ließ sich ihm nichts. Danach sonnte er sich in der Bewunderung, weil nicht wenige in der Schule glaubten, er habe sich an SS-Schulz gerächt. Und warum eigentlich nicht?

»Und? Hast du?«, fragte Nancy.

Sid grinste chinesisch.

»Scheiße«, sagte Nancy, »ich hab keine Ahnung, wo wir hier eigentlich sind.«

Natürlich wusste sie, dass sie in München war. Sie war am Ende der Autobahn Richtung Innenstadt abgebogen und die Leopoldstraße entlanggefahren. Danach verließ sie die Orientierung. In der Nähe eines Taxistands fuhr sie an die Seite, stieg aus und ging zu einem der Wagen. Sid stellte fest, dass sie keine krummen Beine hatte, was ja theoretisch hätte möglich sein können.

Er beobachtete Nancy, wie sie sich lässig an ein Auto lehnte und eine Weile mit einem der Fahrer plauderte. Für Sid sah es so aus, als würden sich die beiden kennen. Sie lachten und gestikulierten. Dann kam sie zurück und sagte: »Süß. Der fährt uns voraus.«

»Wohin?«, fragte Sid.

»Na, zum Hotel«, sagte Nancy.

»Hotel?«

»Vier Jahreszeiten.«

»Vier Jahreszeiten?«

»Heißt so. Warum weiß ich aber nicht. Ich muss mich jetzt auf den Verkehr konzentrieren«, sagte Nancy und konzentrierte sich auf den Verkehr. »Ich hab nämlich bis jetzt immer nur auf Feldwegen geübt, weißt du. Großstadt ist irgendwie ganz anders. Ständig diese blöden Autos überall.«

Sid betrachtete den um sie herumbrausenden Verkehr nun mit anderen Augen und sagte nichts mehr. Zehn Minuten später hielt Nancy direkt unter einer Deutschlandfahne vor den Arkaden des Hoteleingangs. Sie winkte dem Taxifahrer hinterher, der aus dem offenen Fenster zurückwinkte und ihr eine Kusshand zuwarf. Sids Blick schweifte am Gebäude hoch und entdeckte einen kleinen einsamen Balkon aus Sandstein im dritten Stock, flankiert von zwei Statuen in langen Gewändern.

»Wie seh ich aus?«, fragte Nancy.

»Wie du aussiehst?«

»Seh ich gut aus?« Nancy besah sich im Rückspiegel.

»Ich denke schon. Aber was machen wir hier?«, fragte Sid.

»Was macht man wohl in einem Hotel?«, sagte Nancy.

»Aber wir haben doch gar kein Geld, oder?«, sagte Sid.

»Geld? O Gott! Stimmt, wir haben ja gar kein Geld«, sagte Nancy mit aufgerissenen Augen. »Hab ich ganz ver­gessen. Wir müssen ja erst mal eine Bank überfallen.« Sie lachte. Und als Sid sie befremdet anguckte, fügte sie hinzu: »Wer redet denn von Geld? Lass mich nur machen.«

Sie stieg aus, hielt die Autoschlüssel mit spitzen Fingern in die Höhe, ließ sie in die offene Hand eines Hotelbediensteten fallen und sagte: »Das Gepäck ist im Kofferraum.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zur Rezeption. Sie zeigte auf einen Sessel in der Hotellobby, in dem Sid auf sie warten sollte. Als sie zurückkam zwinkerte sie Sid zu.

Sid folgte ihr. Er fand das alles grotesk und unwirklich, und ständig rechnete er damit, angehalten und gefragt zu werden, was er hier verloren habe. Unter dieser Voraussetzung war es schwer, selbstsicher und locker zu wirken. Mit seiner Lederjacke kam er sich so auffällig vor wie ein fetter Regenwurm, der sich durch eine Schwarzwälder Kirschtorte hindurchfraß. Wie ein Irokese unter lauter Bankangestellten mit Anzug und Krawatte. Sid war, als würde ihn jeder mustern, bevor man sich abwandte, um die Ehefrau zu fragen, ob man gerade richtig gesehen habe. Vielleicht kam ihm das auch nur so vor, aber diese Welt war ihm fremd und schien ihm voller gefährlicher Fallen, und wenn am Hoteleingang ein Schild angebracht gewesen wäre mit der Aufschrift: »Punks müssen draußen bleiben« und zwar ohne das »leider«, das für Hunde galt, dann hätte ihn das nicht gewundert. Aber niemand starrte ihn an oder niemand zog auch nur eine Augenbraue hoch. Er schien überhaupt nicht zu existieren.

Sid bestaunte den Prunk und die Großzügigkeit des Zimmers.

Nancy sagte: »Und? Ist das nichts?«

»Doch«, sagte Sid.

»Schön groß hier. Bei kleinen Zimmern kriege ich immer Klaustrophobie.« Nancy war auf diesen Befund so stolz wie Sid auf Insubordination. Eine rätselhafte, seltene Krankheit. Wer konnte von sich schon behaupten, von ihr überhaupt mal gehört zu haben? Auch Sid hatte noch nie etwas von Klaustrophobie gehört. Ein Klassenkamerad hieß Klaus, aber das war auch schon alles, was er damit assoziierte. Es sah außerdem nicht so aus, als ob Nancy sehr unter dieser Krankheit litt, jedenfalls konnte er nichts Auffälliges an ihr feststellen. In diesem Zimmer schon gar nicht.

Sid ließ sich in einen der breiten, dunkelbraunen Fauteuils fallen und sah sie fragend an.

»Hey, keine Panik. Geht alles auf Rechnung von Papa.«

»Kriegst du da keinen Ärger?«, fragte Sid.

»Den hab ich schon.«

Stimmt auch wieder, dachte Sid.

»Und außerdem: Was will er denn machen? Mich umbringen? Das würde mich wundern. Mich nach Sibirien schicken? Das könnte sein.«

»Sibirien?«

»Naja, in ein Internat. Das ist ungefähr so was wie Sibirien.«

»Oh, nicht gut.«

»Ist es auch nicht. Ich war da nämlich schon mal.«

Es klopfte an der Tür und der Page schleppte zwei große Koffer. Nancy sagte dem Jungen, der nicht älter als Sid war, er solle das Gepäck beim Kleiderschrank abstellen. Sid beobachtete, wie Nancy mit ihm scherzte und der Page unsicher grinste.

Nancy packte aus und sortierte ihre Kleider. Sid sah ihr dabei verträumt zu.

»Wozu brauchst du diese ganzen Klamotten?«, fragte Sid.

»Um sie anzuziehen. Was hast du gedacht?«

Sid bemerkte den leicht spöttischen Ton in ihrer Stimme und nahm sich vor, Nancy das lieber nicht mehr zu fragen.

Nancy hielt einige Kleidungsstücke hoch, sagte die Marke, den Laden und die Stadt, und welche gekauft und welche geklaut waren.

Sid saß tief eingesunken im Sessel und bewunderte die für ihn etwas befremdliche Begabung Nancys, sich all diese Labels zu merken. Er fühlte sich schwer wie ein Stein und ungefähr auch so beweglich. Dennoch war er aufgewühlt, als würde er nachts bei schwerem Seegang allein auf einem Schiff stehen, das in Seenot geraten war. Und er hatte keine Ahnung, wo sich die Leuchtmunition befand, damit jemand kam, um ihn zu retten.

Bislang hatte er Mädchen als vollkommen überflüssig erachtet, ihnen gegenüber sogar eine gewisse Feindseligkeit an den Tag gelegt. Schließlich hatte Nancy Spungen die Sex Pistols kaputt gemacht. Und natürlich Yoko Ono die Beatles, obwohl ihm das ziemlich egal war.

»Hast du keinen Hunger?«, fragte Nancy. »Wir könnten uns was aufs Zimmer bringen lassen.«

»Die bringen einem was?«

»Ja, das machen die glatt. Was willst du essen?«, fragte Nancy und nahm den Telefonhörer in die Hand.

»Weiß nicht«, sagte Sid.

»Gibt’s da glaub ich nicht«, sagte Nancy. »Trinken?«

»Champagner«, sagte Sid. Er war neugierig, wie Nancy auf diesen in seinen Augen absurden Vorschlag reagieren würde. Als Sechsjähriger durfte er mal Champagner trinken. Willy hatte gerade einen Kampf gewonnen und anschließend in seiner Stammkneipe »Zum Standesamt« »Schampus bis zum Abwinken« bestellt.

»Schmeckt wie Ahoi-Brause«, hatte sein Vater behauptet. Sid hatte genippt und das Gesicht verzogen. Zur Sicherheit. Und aus Gewohnheit. »Sei mal nicht so zimperlich«, hatte der bereits schwer betankte Willy gegrölt, sein Glas genommen und es über Sids Kopf ausgeschüttet. Es war also keine besonders schöne Erinnerung, die er mit dem Getränk verband.

»Gute Idee«, sagte Nancy.

Nancy bestellte ein Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln und Champagner. Sie ordnete weiter ihre Kleider und Sid rutschte immer tiefer in den Sessel. Das Bild, das sich bot – Mann sitzt im Sessel und sieht einer Frau dabei zu, wie sie Kleider in den Kleiderschrank räumt –, hätte ein Motiv für Edward Hopper abgeben können, aber plötzlich klopfte es und der Kellner brachte Unruhe in die beschauliche Szene. Als er das Zimmer verlassen hatte, jagte Sid den Korken des Dom Perignon an die Decke und trank in großen Schlucken das erste Glas aus. Er schenkte sich nach. Der Champagner schäumte über und Sid versuchte ihn vom Glasrand wegzuschlürfen. Auch das nächste und übernächste Glas trank er, als müsste er sich beeilen, weil der Traum gleich zu Ende sein würde. Die Flüssigkeit rann ihm über das Kinn.

»Lass mir was übrig«, sagte Nancy.

»Bestellen wir doch einfach eine neue Flasche«, sagte Sid. Nancy bestellte noch eine Flasche.

Sid fing an zu plappern und zu gestikulieren. Er fühlte sich großartig. Und der Champagner war es auch. Besser als Gras. Besser als schwarzer Afghane. Und besser als Bier sowieso.

Er stieß mit einer fahrigen Handbewegung Nancys Glas um. Ein heftiges Gefühl der Peinlichkeit überkam ihn. Betrunkene taten so etwas. Und das letzte, was er in diesem Leben wollte, war, vor Nancy als Alkoholiker dazustehen, der sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Nancy fuhr erschrocken auf: »Scheiße!«

Sid beugte sich über Nancy und wollte etwas tun. Am besten das Ganze wegwischen. In solchen Dingen war er unbeholfen. Sogar seine Mutter hatte immer gesagt, dass er selbst zum Aufhängen von Wäsche zu doof sei. Aber im angetrunkenen Zustand verlor das Missgeschick das Moment des Peinlichen. Er fand wieder in die vom Dom Perignon beschwingte Stimmung zurück.

Sid suchte sprudelnd, ja schäumend, nach immer neuen Worten, um sich zu entschuldigen, und legte bedauernd seine Hand auf Nancys Schulter, als wolle er sie beruhigen, obwohl er sie gar nicht beruhigen musste, denn Nancy war nach dem ersten Schrecken schon wieder bester Laune.

3

Sid dehnte sich und versuchte, das zauberhafte Gefühl des Glücks festzuhalten, das sich in seinem ganzen Körper ausgebreitet hatte, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und Willy Schlebrowski herein stapfte und schrie: »So, mein Lieber, mit dir hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Du denkst wohl, du kannst hier machen, was du willst?« Er hatte seine Boxhandschuhe an, deutete eine Links-rechts-Kombination an und tänzelte, auf groteske Weise Muhammad Ali imitierend, auf seinen Sohn zu. »Los, Hände vors Gesicht, du Waschlappen, oder willst du meine Handschuhe küssen?« Sid schreckte hoch.

Verwirrt versuchte er sich zu orientieren, irgendetwas Bekanntes zu entdecken, das er einordnen konnte. Aber da war nichts. Er lag in einem riesigen Bett. Nebenan hörte er Wasser plätschern.

Die Erinnerung an den Abend mit dem vielen Cham­pag­­ner kroch zurück an die Oberfläche seines getrübten Bewusstseins. Dann wieder der absurde Auftritt seines Vaters. War er denn nicht die ganze Nacht wach gewesen? Er durfte einfach nicht mehr schlafen, dann hätte sein Vater auch keinen Zugriff auf ihn. Die Angst, die ihn einen Moment im Klammergriff hatte, löste sich auf wie eine Rauchschwade, in die der Wind hineinfuhr, und Erleichterung überkam ihm und hüllte ihn ein wie das warme Wasser in der Wanne, in dem er freitags immer badete. Wie wenig Willy Schlebrowski ihm doch anhaben konnte. Dabei war es nur einen Tag her, als das größte Problem Sids Willy Schlebrowski hieß.

Willy Schlebrowski war ein Boxer, der auch schon mal auf Volksfesten aufgetreten war. Inzwischen arbeitete er in einer Mehlfabrik. Als Sid ihn aus Spaß Jahrmarktsboxer nannte, wurde Willy sauer. Sehr sauer, denn er hatte einmal ein Turnier gewonnen. Durch K.o. Und darauf war er sehr stolz. Die Boxhandschuhe hingen, so lange Sid denken konnte, dekorativ an der Wand. Sid und Wanda zur Mahnung, Willy Schlebrowski Respekt zu zollen und den Bogen nicht zu überspannen.

Willy Schlebrowski hatte Anfang der sechziger Jahre seine große Zeit. Er glaubte, ihm stehe eine große Karriere bevor, weil er in einigen Kämpfen seine Gegner so demoralisiert hatte, dass sie aufgaben, weil ein K.o nur eine Frage der Zeit war. Nach einem wichtigen Kampf gegen Hermann Botsnansky, den Willy nur knapp für sich entscheiden konnte, stand im Sportteil der Süddeutschen Zeitung ein kleiner Artikel, in dem es hieß:

Boxstil hat Willi Schlebowski keinen, es sei denn, man erkennt bei einem Kneipenschläger den Willen, seinen Gegner zu verdreschen, bereits als Technik an. Die Kontrahenten beeindruckt er durch wildes Draufgängertum.

Nicht mal seinen Namen hatte der Journalist richtig geschrieben. Willy wollte den Mann verprügeln und fuhr nach München, wusste dann aber nicht, wie er ihn finden konnte und landete schließlich in einer Kneipe, wo er Wanda kennenlernte, die hinter dem Tresen Bier zapfte. Seine Reise in die Großstadt war also nicht umsonst gewesen.

Danach war das Leben schön. Kennedy hatte gesagt »Ich bin ein Berliner«. Die Zukunft brachte Twiggy und Uschi Obermaier, falsche Wimpern und Pullunder. Es gab jede Menge Gründe zu feiern und zu trinken, und wenn nicht, suchte Willy sich welche. Das bekam ihm auf Dauer nicht gut. Im Leben nicht und im Ring erst recht nicht. Einen Grund zu feiern gab es nur noch selten, die Gründe zu trinken waren nun andere, die Abstürze wurden immer heftiger. Auch als sein Sohn geboren wurde, trank Willy Schlebrowski. Der Wurm machte ihn stolz und glücklich. Immer wieder warf er ihn hoch in die Luft und im Sommer lag er mit ihm zusammen auf der Wiese und kitzelte ihn mit einem Grashalm. Später hielt er ihm seinen Bauch hin, den Sid als Punchingball benutzen durfte, während Willy lachte. An diese glücklichen Stunden konnte sich Sid später nicht erinnern. Schon mit zwei allerdings begann Sid, langsam zum Ärgernis zu werden. Das Lachen wurde seltener, das alkoholisierte Hoch stürzte immer schneller in sich zusammen und Willys Ekel vor der Welt nahm zu. Er wurde zwischen Jähzorn, Verzweiflung und Selbstmitleid hin- und hergeworfen und geriet immer wieder in einen Zustand, in dem ihn niemand mehr erreichte und selbst Schmerzen ihn nicht an die Oberfläche des Lebens zurückholen konnten.

Mit jedem Tag entsprach Sid den Erwartungen seines Vaters weniger. Worin die Erwartungen bestanden, das war Willy Schlebrowski selbst nicht klar. Manchmal stellte er sich vor, Sid würde ein erfolgreicher Boxer und er sein Trainer und Manager, der endlich im Erfolg baden konnte, der ihm, wie er glaubte, in seiner aktiven Laufbahn vorenthalten worden war. Aber schon bald erwies sich dieser Wunsch als Traum, denn sein eigener Sohn war ihm ein Rätsel. Er war introvertiert und lustlos, und dann wieder erschreckte ihn Sids blinde Wut, weil er sich selbst in ihm erkannte. Außerdem war Sid sogar fürs Fliegengewicht zu schmächtig, und wenngleich er manch­­mal eine Rücksichtslosigkeit an den Tag legte, die nötig ist, um jemanden die Nase zu brechen, so musste Willy Schlebrowski sich eingestehen, dass er nicht wusste, wie diese sich steuern ließ. Und für dieses Wesen, das ihm umso fremder wurde, je ähnlicher es ihm war, hatte er seinen Beruf an den Nagel gehängt. Behauptete er.

Die Arbeit in einer Mehlfabrik war seine letzte Chance, in sein Leben noch so etwas wie Struktur zu kriegen. Jedenfalls aus der Sicht des Arbeitsamtes. Willy Schlebrowski war, glaubte man dem zuständigen Sachbearbeiter, ein »Problemfall«. Und diesem Problemfall war es zunehmend egal, was aus seinem Sohn wurde. Aber wohin der steinige Weg in Sids Zukunft auch immer führen würde, es konnte nicht schaden, ihm ab und zu »eine zu scheuern«, wie Willy sagte. Das war genau genommen alles, was er zur Erziehung Sids beitrug. Aber das war genug, um Sid für immer zu verlieren.

Sid befand sich in einem merkwürdigen Zustand der Schwerelosigkeit. Er dachte an die lange Nacht, die nie zu Ende hätte gehen dürfen, und an den Champagner, der aus ihm einen vor Witz und Charme überschäumenden Menschen gemacht hatte.

Nancy kam aus dem Bad, mit einem großen weißen Handtuch umwickelt und einem weiteren als Turban auf dem Kopf und sagte: »Guten Morgen.« Sie strahlte. Dieses wundersame »Guten Morgen« war für Sid wie ein Versprechen auf die Zukunft. Es umschmeichelte ihn wie die sanfte Luft eines ersten Sommerabends, wenn er auf dem Begrenzungsstein zu einer Brache abseits vom Bahnhof saß und den Zügen hinterhersah. So musste es an einem einsamen Strand sein mit feinem weißen Sand, der durch die Zehen rieselte, stellte er sich vor.

Drei Stunden später standen Sid und Nancy in der Herrenabteilung des Oberpollinger in der Neuhauser Straße. Sie waren wie zufällig dort gelandet. Sid betrachtete miss­trauisch den riesigen, funkelnden Warenhaustempel.

»Was machen wir hier?«, fragte Sid.

»Überraschung.«

»Überraschung?«

»Neugierig?«

»Weiß nicht«, sagte Sid zögerlich, obwohl er natürlich neugierig war. Sehr sogar.

Nancy hatte eine große Einkaufstüte über ihrer Schulter hängen, auf der Versace stand, in der eine weitere Tüte von Versace steckte. Die stammten von ihrer Mutter, die Einkaufstüten wie Trophäen aufhob. Für Au­guste von Westphalen waren sie das, was der Hirschkopf für ihren Schwiegervater war, der immer noch über dem Kamin hing. Nancy mochte Versace nicht besonders. Und den Hirschkopf fand sie lächerlich.

Sid fragte sich und Nancy, wozu sie die Tüten brauchte, aber Nancy grinste nur und sagte:

»Gehört zum Auftrag.«

Sie streifte die Anzugreihen entlang, nahm hin und wieder einen heraus und warf einen prüfenden Blick darauf.

»Der ist nicht schlecht, oder?«, sagte Nancy schließlich.

Für Sid hatte der Anzug nichts Ungewöhnliches. Nur das Preisschild fand er ungewöhnlich.

»Très chic«, sagte Nancy, als Sid hinter den Vorhängen der Umkleidekabine wieder hervorkam. Im Spiegel sah er ein gequältes Gesicht. Er fühlte sich so fremd wie ein Außerirdischer, der sich auf dem Viktualienmarkt zum nächsten Telefon durchfragen muss, um seine Freunde anzurufen, damit sie ihn abholen.

»Du siehst jetzt ganz anders aus«, sagte Nancy, »wie David Bowie. Umwerfend.«

Umwerfend? Seine Mutter hätte es umgeworfen. Und die Jungs an seiner Schule auch. Sie hätten sich vermutlich gefragt, was mit ihm los sei, und diskutiert, ob die Krankheit sehr schlimm sei oder nicht ganz so schlimm. Oder sie hätten sich gebogen vor Lachen. Und es wäre kein nettes Lachen gewesen.

Schließlich entschied sich Nancy für drei Anzüge, einen in Kobaltblau, einen in Ebenholzschwarz und einen in Champagnerfarben. Drei weiße Button-down-Hem­den kamen noch dazu.

Die Verkäuferin Manuela Hillgruber registrierte den teuren Geschmack des jungen schwarzhaarigen Mädchens, und da Nancy ihr mit einem freundlichen und entschiedenen »Danke« zu verstehen gegeben hatte, dass sie bei der Anprobe alleine zurecht kämen, faltete Manuela Hillgruber wieder T-Shirts zusammen, die Kunden aus einem Stapel hervorgezerrt und achtlos hingeworfen hatten. Sie dachte daran, dass ihr Freund leider nicht so ein dankbares Opfer war wie der Freund des Mädchens, der offenbar alles über sich ergehen ließ. Werner lief in der Regel mit einem Trikot der Löwen und in Trainingshosen herum. Fragen der Mode hielt er für so abartig wie mit einem Schminktäschchen die Leopoldstraße entlangzuspazieren. Er interessierte sich einfach nicht für ihren Beruf. Manuela Hillgruber litt darunter. Sie nahm sich vor, ihr Leben zu ändern. Und das tat sie dann auch. Sie warf seinen blau-weißen Fanschal zum Fenster hinaus und verliebte sich in einen Koch. Als sie erfuhr, dass er Bayern-Fan war, war es bereits zu spät.

Nancy nahm aus der Versace-Tasche eine identische Versace-Tasche heraus, gab eine davon Sid und sagte ihm, er solle die Anzüge und Hemden einpacken.

»Bleib in der Umkleide. Warte auf mein Zeichen«, sagte Nancy.

»Was für ein Zeichen?«, fragte Sid.

»Das wirst du schon merken.«

Dann schlenderte sie unauffällig umher, blätterte die Anzüge an der Stange durch und stellte die Versace-Tasche hinter einer Säule ab. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, nicht beobachtet zu werden, nahm sie eine Schuhschachtel mit Löchern heraus, öffnete sie und ließ dreißig kleine weiße Mäuse frei. Die Mäuse tapsten unsicher herum, bevor sie sich in alle Richtungen zerstreuten. Schachtel und Tasche schob Nancy unter einen Tisch, ging wieder zurück zu Sids Kabine und wartete, während sie so tat, als würde sie interessiert die Auslagen betrachten.

Manuela Hillgruber hatte eine Mäuse-Phobie und ihr Aufschrei war wie eine Sirene, die auch andere Menschen auf das plötzliche Auftauchen von weißen Mäusen in der Herrenabteilung des Oberpollinger aufmerksam machte.

Sid kam aus der Umkleidekabine hervor und Nancy gab ihm zu verstehen, ihr zu folgen. Sie ging mit der Versace-Tüte, die sie sich umgehängt hatte, zur Verkäuferin und sagte mit leicht erregter Stimme: »Da hinten sind auch welche. Was ist denn hier los?«

Manuela Hillgruber keuchte: »Ich versteh das nicht. O nein, da ist schon wieder eine.«

In der Ansammlung von zur Hilfe eilenden Kollegen und neugierigen Kaufhausbesuchern fiel es nicht auf, dass Nancy und Sid sich entfernten. Erst am Ausgang zur Neuhauser Straße glaubte Sid jemanden zu bemerken, der sie verfolgte. Als er seine Schritte beschleunigte, schien auch der Mann hinter ihnen schneller zu gehen. Sid, der mit Nancy noch kein Wort gewechselt hatte, sah, dass sich Nancy verstohlen umblickte. Er beschleunigte seine Schritte noch mehr und als Nancy zu rennen anfing, rannte er hinter ihr her. Zunächst in Richtung Karlsplatz durch das Karlstor bis zur nächsten Ecke. Sie liefen weiter zum S-Bahn-Eingang. Bevor sie die Treppen hinuntersprangen, drehte sich Sid noch einmal um. Der Mann stand verloren auf dem Platz und sah sich suchend um. Sid war sich nicht sicher, ob es derselbe war, der sie durch die Neuhauser Straße verfolgt hatte, falls sie überhaupt verfolgt worden waren. Auf dem Bahnsteig beobachtete er nervös die heranströmenden Menschen. Niemand schien sie zu beachten, aber würde er den Mann wiedererkennen? Als sich die Türen der erstbesten S-Bahn öffneten, verschwanden sie im Waggon im Trubel der Menschen, die nachdrängten.

Nach einer Station, am Marienplatz, stiegen sie aus und setzten sich in ein Straßencafé. Als die Bedienung kam, standen sie auf und gingen am Ratskeller vorbei die Dienerstraße entlang. Am Marienhof fanden sie eine freie Bank, auf der für gewöhnlich Rentner saßen und Tauben fütterten. Langsam fiel die Anspannung von ihnen ab und Euphorie durchflutete sie wie ein Aufputschmittel.

Nancy alberte herum und kalauerte: »Dreißig weiße Mäuse, fliehen aus ihrem Gehäuse. Sie laufen ganz friedlich im Kaufhaus herum, die Katze macht den Buckel krumm, alle schreien ›da ist eine Maus‹, da wurde es Zeit und wir sind schnell raus.«

»Da beißt die Maus keinen Faden ab, heißt es immer. In dem Laden haben die Mäuse jetzt genug zu tun«, fügte Sid hinzu.

Danach ließen sie sich durch die Straßen Münchens treiben. Als sie an einer Boutique vorbeikamen, entdeckte Nancy eine Bluse im Schaufenster. Und als sie im Laden nach ihr suchte, entdeckte sie auch noch ein exzentrisches Kleid. Hätte Sid sich in Mode ausgekannt, wäre ihm aufgefallen, dass Nancy nicht einfach nur ein Kleid mit komischem Muster anprobierte, sondern eins von Jean-Charles de Castelbajac mit Mondrian-Motiven. Und wenn er dann noch gewusst hätte, dass Castelbajac mit dem Manager der Sex Pistols Malcolm McLaren befreundet und Mondrian ein Maler war, dann wäre er vermutlich noch beeindruckter gewesen, als er es sowieso schon war, auch wenn das mehr mit Nancy zu tun hatte und weniger mit Castelbajac oder Mondrian.

»Toll«, hörte sich Sid sagen und es kam ihm nicht fremd vor, während Nancy als Mondrian vor ihm auf und ab paradierte.

Noch vor einem Tag hätte Sid niemals geglaubt, in einer Boutique zu sitzen und »toll« oder »whow« oder »Klasse« zu sagen. Menschen, die das taten, hatte er für armselige Trottel gehalten. Und jetzt drehte sich Nancy vor dem Spiegel, besah sich von hinten und vorne, zupfte am Mondrian und ihren Haaren und fragte: »Findest du?« Allerdings war er auch noch nie mit Hilfe von weißen Mäusen einkaufen gewesen.

Nancy trug Kleid und Bluse zur Kasse, und Sid fragte sich, ob sie noch mehr Mäuse hatte. Er schlenderte unauffällig in die Nähe der Tür und wartete mit klopfendem Herzen auf den Trick, den sich Nancy diesmal ausgedacht haben würde. Aber er sah sie einfach nur mit der Verkäuferin plaudern. Schließlich hörte Sid die Frau an der Kasse sagen: »Aber selbstverständlich. Wir lassen Ihnen die Sachen in das Vier Jahreszeiten bringen.«

4

Der Rezeptionist des Vier Jahreszeiten hob den rechten Arm wie ein Klassenstreber. Er reckte das Kinn nach oben und stellte sich auf die Zehenspitzen.

»Ihr Herr Vater hat gerade angerufen und ausrichten lassen, Sie sollen bitte sofort zurückrufen. Es sei äußerst dringend. Er klang sehr beunruhigt«, sagte der Rezeptionist sehr beunruhigt.

Nancy ließ sich das Telefon reichen und wählte eine Nummer. Es war nicht die Nummer ihres Vaters. Es entwickelte sich ein durch kleine Pausen unterbrochener Monolog.

»Hallo? Hallo Papa, du hast angerufen? Was ist denn passiert?« Pause. »Nein, alles in Ordnung.« Pause. »Wir sind gut hier angekommen.« Pause. »Ja, tut mir leid, ich hätte dich früher anrufen sollen. Ich hab’s vergessen.« Pause. »Ja, Benny ist auch hier. Willst du ihn sprechen?« Kurze Pause. »Nein?« Pause. »Wann kommt ihr?« Pause. »Ach, morgen schon? Schön, dann sehen wir uns ja bald. Tschüss. Und sag Mama, sie soll sich nicht aufregen.«

Sie reichte den Telefonhörer über den Tresen zurück und fasste das Gespräch für den Rezeptionisten noch einmal zusammen. Er gab sich beruhigt, aber Nancy sah ihm an, dass ein kleines Körnchen Misstrauen geblieben war, das jederzeit keimen konnte.

Nancy sagte, er solle ihren Vater durchstellen, würde er noch einmal anrufen, und lächelte ein liebenswürdiges Lächeln. Der Rezeptionist lächelte beflissen zurück.

»Scheiße«, sagte Nancy, als der Rezeptionist sie nicht mehr hören konnte.

Sie wusste, dass es riskant war, in dem Vier Jahreszeiten abzusteigen, aber Sid damit zu beeindrucken, war einfach zu verlockend für sie gewesen. Ihr Onkel Joseph von Westphalen war als Journalist in der Münchner High Society unterwegs und saß häufig mit Schauspielern im Hotel Vier Jahreszeiten zusammen. Er gehörte zum sogenannten »Etagenadel«, also denjenigen aus der weitverzweigten Familie, die weder ein Schloss noch das dazugehörige Grundstück besaßen, ja nicht mal ein Haus. Und weil Joseph von Westphalen im Hotel gut bekannt war, stieg auch sein Bruder Viktor von Westphalen gerne im Vier Jahreszeiten ab, wenn er in München zu tun hatte. Ihm war das angenehmer, als bei den von Ledebur-Hell­bachs zu logieren, der Familie seiner Frau, die zum Hochadel gehörte und ihn bei jeder Gelegenheit ihre Geringschätzung spüren ließ, weil er nur dem »Wald- und Wiesenadel« angehörte, wie Viktors Schwiegervater sich gerne mokierte. Er empfand deshalb gegenüber den Eltern seiner Frau eine gewisse Reserviertheit, wie er das ausgedrückt hätte, während Nancy sich diese Zurückhaltung nicht auferlegte. »Die sind doch alle behindert im Kopf«, hatte sie gesagt. Auch das wurde in der Familie unter dem Tourette-Syndrom verbucht und mit einem Verbot belegt. Aber Viktor von Westphalen räumte ein, dass seine Tochter nicht ganz unrecht hatte. Auch er fand, dass jahrhundertelange Inzucht deutliche Spuren in Form eines unerträglichen Standesdünkels bei den von Ledebur-Hellbachs hinterlassen hatte. Er konnte ihre Affektiertheit und Schnöseligkeit nur schwer ertragen, jedenfalls wenn er länger als eine Stunde mit ihnen verbringen musste. Auguste von Westphalen bestand ebenfalls nicht darauf, ihren Vater und ihre Mutter zu sehen. Sie hatten sogar versucht, die Hochzeit zu verhindern.

Auguste nahm jede Gelegenheit wahr, in München die Luft einer Großstadt einzuatmen und mit ihrer Tochter einkaufen zu gehen. Sie bevorzugte Burberry, da die Zeiten von Schiaparelli leider vorbei waren, abgesehen davon, dass sich Schiaparelli in Eibelsdorf schlecht tragen ließ. Auch Versace kaufte sie manchmal, weil alle von der neuen Modelinie schwärmten, aber mit den tiefen Ausschnitten, den opulenten Verzierungen und den grellen Farben hatte sie ihre Schwierigkeiten. Und aus den figurbetonten Kleidern war sie leider auch schon herausgewachsen.

Nancy ging im Zimmer nervös auf und ab und kaute auf ihren Lippen. Sid konnte sich später noch genau an das unangenehme Gefühl erinnern, einfach nur herumzustehen und nicht zu wissen, was er tun sollte.

»Sieht scheiße aus, oder?«, sagte er, aber Nancy antwortete nicht. Stattdessen nahm sie den Telefonhörer und sprach mit Sascha, dem sie den Autoschlüssel gegeben hatte, und bat ihn, das Auto vorzufahren.

Sie raffte ein paar Kleider zusammen und warf sie zusammen mit dem ebenholzschwarzen Anzug aus dem Oberpollinger in die große Versace-Einkaufstüte.

»Geben Sie mir bitte das Telefon«, sagte Nancy zum Rezeptionisten in einem verzweifelt-angespannten Ton, der Sid überraschte.

»Papa? Harry liegt im Krankhaus. Unfall. Hab‘s gerade erfahren. Schrecklich. Ich fahre gleich hin. Ja. Ich rufe dich an, wenn ich was weiß. Nein. Ich muss los. Bis später.«

Sid fragte sich, ob diese Einlage nicht ein bisschen übertrieben war. Sie hätten auch gleich abhauen können, aber Nancy sagte später: »Du hast keine Ahnung.«

»Na dann«, hatte Sid gesagt.

»Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?«, fragte der Rezeptionist, aber Nancy winkte ab und eilte auf die Straße. Sascha hielt ihr die Tür auf, sie drückte ihm dankbar den Arm, warf die Tasche auf die Rückbank und startete den Wagen.

Sid atmete tief durch. Im Rückspiegel sah er den Rezeptionisten, der aufgeregt mit den Armen wedelte. Aber nur ein paar Augenblicke später hatte der Verkehr den schwarzen Citroën verschluckt.

»Scheiße war das knapp«, sagte Nancy.

Sid sagte nichts. Nancy war ihm auf der Autobahntankstelle und bei Oberpollinger cool und glamourös vorgekommen. Wie eine Mischung aus Django und David Bowie. Jetzt sog sie hektisch an einer Zigarette und hätte, als sie die Spur wechselte, fast einen VW gerammt.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße«, sagte Nancy. »Meine ganzen Klamotten! Alles weg. Dieses blöde Scheiß-Hotel. Ich könnte kotzen. Einen ganzen Eimer voll!« Wieder schlug sie auf das Lenkrad ein.

Sid dachte gerade daran, dass seine Lederjacke ebenfalls im Hotel lag. Er steckte in einem kobaltblauen Anzug, weil Nancy in der Boutique zu ihm gesagt hatte: »Jetzt zieh ihn doch mal an.«

Und er: »Ach, nicht jetzt.«

»Was geklaut ist, muss man auch anziehen.«

Das stimmte natürlich irgendwie, denn sonst hätte man es ja nicht klauen müssen. Aber jetzt war seine Lederja­cke weg und Sid nahm sich vor, nie wieder auf eine derart krumme Logik hereinzufallen.

Nancy klang niedergedrückt, als sie auf der Autobahn und nach langem Schweigen etwas sagte, das Sid wie ein Geständnis vorkam.

»Weißt du, ich konnte nicht mit meinem Vater sprechen. Ich hätte es nicht ausgehalten. Ich hätte nicht Nein sagen können, wenn er gesagt hätte, ich solle zurückkommen.« Sie zögerte, bevor sie fortfuhr. »Er hätte mich rumgekriegt. Er kriegt mich immer irgendwie rum. Ich hätte ihn nicht anflunkern können. Ich hätte ihm nicht sagen können, hol mich ab, ich warte hier auf dich, es tut mir leid, und mich dann ins Auto setzen und abhauen. Er hätte mir ins Gewissen geredet, so lange, bis ich weich geworden wäre wie so ein scheißfranzösischer Weichkäse in der Sonne. Aber dann hätte ich gar nicht erst wegfahren brauchen. Du kennst das nicht, aber das ist echt schlimm.«

Sid verstand, weil ihm die Worte groß und schwer und bedeutend vorkamen. Als er später wieder daran dachte, und er rief sich die Ereignisse in diesen Tagen immer wieder in Erinnerung, war er sich nicht mehr sicher, denn ihr Geständnis hörte sich ein wenig nach einem Luxus-Problem an. Er hatte jedenfalls keine Schwierigkeiten damit, seinen Vater zu enttäuschen. Für Willy Schlebrows­ki war er sowieso nur eine Enttäuschung und Sid hatte nicht die Absicht, ihn in dieser Hinsicht zu enttäuschen. Aber es wäre auch nicht der richtige Moment gewesen, Nancy ihr merkwürdiges Verhältnis zu ihrem Vater vorzuhalten.

»Hey Nancy«, flüsterte Sid und war überrascht, wie heißer und stockend seine Stimme klang, »es wird schon wieder. Wir kriegen das hin.«

Was immer das sein sollte, Sid wusste es selbst nicht, aber irgendetwas musste er sagen, etwas, von dem er hoffte, es würde sie trösten. Es fiel ihm schwer, weil er in solchen Dingen keine Erfahrung hatte. Er sah ihre griechische Nase und ihren düster entschlossenen Blick, der Sid schon aufgefallen war, als sie ihn von der Straße aufgelesen und ein Auto zur Vollbremsung gezwungen hatte. Als Nancy bemerkte, dass Sid sie ansah, huschte ein gequältes Lächeln über ihr Gesicht, bevor sie wieder auf den grauen Asphalt starrte, der unter ihnen hinwegschnurrte.

Ihre Schultern bebten, als sie an einer Raststätte angehalten und ihren Kopf in Sids Schoß gelegt hatte. Er strich vorsichtig mit seinen Fingern durch ihre Haare.

Michelangelo Bellini saß auf einem olivgrünen Seesack und rauchte eine Selbstgedrehte. Er beobachtete ein junges Paar, das ihm aufgefallen war, weil es in einem schwarzen Citroën langsam an ihm vorbeifuhr und eine Parklücke ansteuerte. Nachdem die Frau den Motor abgewürgt hatte, blieben die beiden noch lange im Auto. Sie hatte sich zu dem jungen Mann hinabgebeugt und war nicht mehr aufgetaucht.

Michelangelo Bellini überlegte, was sie da wohl trieb. Vielleicht würde sie ihm ja einen blasen? Er hatte Zeit, solche Überlegungen anzustellen, weil er nichts zu tun hatte, außer auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Als die beiden schließlich aus dem Auto stiegen, glaubte er einen Moment lang, verlaufene Wimperntusche zu sehen, aber gleich darauf verbarg die junge Frau ihre Augen hinter einer großen Sonnenbrille. Da er selbst wenig auf sein Äußeres achtete, fiel ihm der kobaltblaue Anzug des Jungen auf, in dem dieser sich nicht wohlzufühlen schien. Ständig zog und zupfte er am Revers und an den Ärmeln, während die schäbigen Turnschuhe einen eigenartigen Kontrast bildeten. Er hielt die beiden für Popper, die eine Spritztour mit dem Auto ihres Papas machten.

Michelangelo Bellini mochte solche Leute nicht, weil sie privilegiert waren und er nicht. Aber genau deshalb interessierten sie ihn, denn er war 24 und Kleinkrimineller. Da gab es eine gewisse Symbiose. Dass es solche Leute gab, darauf war er schließlich angewiesen.

Das mit der Symbiose hatte Sids Schutzengel nicht mitbekommen, denn da war er gerade damit beschäftigt, in Michelangelo Bellinis Akte zu blättern. Bellini war schon Leichenwäscher, Zeitungsausträger, Bauarbeiter, Kellner, Kleindealer, Autoknacker (einmal erwischt), Kohlenschlepper, Ticketverkäufer für eine Geisterbahn, und einmal hatte er gegen Bezahlung Flugblätter einer kommunistischen Organisation vor den BMW-Werken in München verteilt, in denen zum Generalstreik aufgerufen wurde. Bei diesen Unternehmungen reifte in ihm die Erkenntnis, dass er nicht die Zeit hatte, das Leben mit Arbeit zu vertun. Lieber trieb er sich mit Leuten herum, die, wie er, nicht müde wurden, den ganzen Tag darüber zu reden, wie man zu Geld kommen könnte, ohne sich groß anzustrengen.

Ein Hallodri, dachte der Schutzengel. Na gut. Etwas Besseres war auf die Schnelle nicht zu finden. Dass die Sache dann allerdings so aus dem Ruder laufen würde, hätte er nie gedacht. Er war abgelenkt von der Notiz, die mit einer Büroklammer an der Akte befes­tigt war. Da stand, dass Michelangelo auf dem Weg nach Hause war, um seinen todkranken Vater zu besuchen. Sids Schutzengel empfand sofort Mitleid mit dem jungen Mann.

»Why the fucking hell not?«, murmelte Michelangelo Bellini in seinen Fünftagebart. Sids Schutzengel hörte das nicht gern, aber dieser Ton schien bei Jugendlichen verbreitet zu sein. Er beobachtete Bellini skeptisch, als er den beiden in die Raststätte folgte, wo Nancy und Sid an einem Tisch saßen und sich eine Por­tion Pommes teilten.

»Fahrt ihr nach Italien?«, fragte er.

Der Junge sagte nichts. Die junge Frau sah ihn durchdringend an, obwohl er das wegen der Brille nicht wirklich beurteilen konnte.

»Vielleicht«, sagte sie und dieses Vielleicht schwebte wie ein vages Versprechen zwischen ihnen. Für Michelangelo Bellini aber war das ein so gut wie sicheres »Sicher!«

»Und?«, fragte er.

»Hört sich nicht schlecht an, oder? Was meinst du, Sid?«, sagte die junge Frau und stieß ihren Begleiter an.

Sid zuckte mit den Schultern. Warum kam ausgerechnet jetzt, wo sich gerade eine zarte Vertrautheit zwischen ihm und Nancy herstellte, dieser Typ an und machte alles kaputt, fragte sich Sid. Andererseits konnte er ja wohl schlecht einen Tramper einfach stehen lassen. Ein Tramper muss immer mitgenommen werden. So lautet das Gesetz. Schließlich war er gestern selbst einer gewesen.

»Warum nicht«, sagte sie, als von Sid nichts kam. »Wollten wir nicht sowieso in den Süden?«

»Da gibt’s eine Grenze. Vergessen?«, sagte Sid.

»Sogar zwei«, sagte Michelangelo Bellini. »Jedenfalls, wenn ihr nach Italien wollt.«

»Nicht gut. Wie soll das gehen?«

»Das geht ganz einfach«, sagte Bellini, der hellhörig wurde, weil sich normale Leute ein solche Frage eher nicht stellen. »Auf der Autobahn wird man nämlich einfach durchgewunken. Befreundete Nachbarstaaten. Es sei denn, die suchen nach was Bestimmtem. Habt ihr denn was ausgefressen? Steht ihr auf der Fahndungsliste? Oder habt ihr das Auto geklaut?«

Nancy gefiel sein Humor. Weniger gefiel ihr der etwas wilde Eindruck, den er machte, und sein wirres Haar, das von einem Stirnband gehalten wurde, so dass er sie an Charles Manson erinnerte.

Diesem Mann musste sie nichts vormachen. Also erklärte sie ihm, wie sich die Lage darstellte. Michelangelo Bellini stellte zufrieden fest, dass er mit seiner Vermutung, es handle sich um das Auto Papas, richtig gelegen hatte. Er habe einen Führerschein und könne sie chauffieren. Pässe könne er ihnen leider nicht besorgen, jedenfalls nicht auf die Schnelle. Er konnte es sich nicht verkneifen, damit ein wenig anzugeben. Das einfachste sei es, einfach freundlich an den Grenzbeamten vorbeizufahren. Die Erfolgsaussichten, durchgewunken zu werden, stünden bei 95%, bei einem vorzeigbaren Auto wie dem Citroën sogar bei 97%. Sie könnten es sich auch im Kofferraum bequem machen, was die Erfolgsaussichten jedoch nicht wesentlich erhöhe und was er, Michelangelo Bellini, auch nicht so gern hätte, denn dann würde er sich, wenn es dumm liefe, strafbar machen. So könne er ja immer noch behaupten, von allem nichts gewusst zu haben. Schließlich sei er nur ein ganz gewöhnlicher Tramper. Das mit dem Gelegenheitskriminellen erwähnte er an dieser Stelle nicht.

Nancy fragte ihn, ob es ihm etwas ausmachen würde, wenn er das Stirnband abmachen und seinem Haar etwas Struktur verleihen würde. Wäre vielleicht ganz gut, um die Grenzer nicht auf dumme Gedanken zu bringen.

Der Polizei, Michelangelo Bellinis natürlichem Feind, machte er ungern Konzessionen. Auch nicht, wenn es sein Äußeres betraf. In diesem Fall musste er jedoch zugeben, verhielt sich die Sache anders. Er frisierte auf der Raststättentoilette seine schwarzen Haare mit Wasser streng nach hinten, zurrte sie mit einem Gummi fest und rasierte seinen Fünftagebart. Mehr, fand er, konnte niemand von ihm verlangen.

Michelangelo Bellini sah, nachdem er sich in das schwarze Jackett aus dem Oberpollinger hineingezwängt hatte, so aus wie der, der er auch war: Ein kleiner Ganove, der jedem Grenzbeamten auf der ganzen Welt verdächtig vorkäme.

Sids Schutzengel war erstaunt, wie selbstverständlich man sich anscheinend auf ihn verließ. Er gab sich Mühe. Die drei hielten dem ausdruckslosen, aber dadurch umso bedrohlicheren Blick des deutschen Grenzbeamten stand und durften weiterfahren. Jetzt kamen die Österreicher.

Der Grenzer Werner Bruckmayr hatte in fünf Minuten Schichtende und keine Lust mehr, irgendwen herauszuwinken und Überstunden zu machen. Außerdem hatte er gerade eine nervenaufreibende Kontrolle hinter sich, in der eine aufgebrachte Frau ständig ihr Menschenrecht auf menschliche Behandlung einklagte und ihren Mann als »Verräter« beschimpfte, weil der nicht dasselbe tat wie sie. Wäre dieses seltsame Trio etwas früher gekommen, hätte er die jungen Leute genauer unter die Lupe genommen. Aber so kurz vor Arbeitsende brachte Bruckmayr keine Energie mehr auf. Er fühlte eine leichte Grippe im Anflug und wollte keine Überraschung, sondern nach Hause, vor dem Fernseher die Beine hochlegen und Bier trinken.

Er gab grünes Licht mit einer lässigen, nur angedeuteten Handbewegung, die an heißen Tagen nicht mal eine lästige Fliege erschreckt hätte. Das hatte er in »Der Pate« Teil 1 gesehen und diese fast unmerkliche Geste gelang ihm, wie er fand, ziemlich gut. Sids Schutzengel küsste ihn dafür auf die Stirn. Werner Bruckmayr ging es danach wesentlich besser.

5

»Na, was hab ich gesagt?«, sagte Michelangelo Bellini. Er fand, dass die Verschönerung, die er an sich vorgenommen hatte, überflüssig war und sie auch so durchgewunken worden wären. Staatsbeamte trieben seinen Blutdruck jedesmal in die Höhe. Das ärgerte ihn. Er hätte lieber die stoische Traurigkeit Lino Venturas in »Der zweite Atem« ausgestrahlt, die noch jeden zermürbt hatte. Aber einmal in Handschellen abgeführt worden zu sein genügte, um gegen Menschen in Uniform auf immer eine Abneigung zu spüren.

»War doch ein Kinderspiel!«, sagte er.

Nancy war nicht dieser Meinung, aber ihre Skepsis wurde von der Hochstimmung schnell weggespült. Sie spottete über die Grenzer, die glaubten, jeder, der in einem Anzug stecke, auch wenn er drei Nummern zu klein ist, sei ein braver und unbescholtener Bürger.

Sid saß hinten und grinste in sich hinein. Er hielt eine Kassette in seinen Händen. Eine Kassette mit seiner Lieblingsmusik. Stranglers, Gang of Four, Clash, New York Dolls, Iggy Pop, Siouxsie And The Banshees, Pere Ubu. Und natürlich die Sex Pistols. Genau das richtige, um die Beklemmung zu vertreiben.

Wenn Viktor von Westphalen gewusst hätte, was in seinen Kassettenrecorder einmal eingelegt werden würde, hätte er ihn vermutlich gar nicht einbauen lassen. Seiner Meinung nach war er ausschließlich für Chopin da.

Als Sid die Kassette zwischen den Sitzen nach vorne zu Michelangelo reichte, der sie wiederum in die Anlage steckte, erklang »God save the Queen, the fascist regime.«

Sid hatte immer gedacht, es würde »God shave the Queen« heißen und war etwas enttäuscht, als er seinen Irrtum bemerkte. Aber das machte den Song für ihn nicht weniger genial und nahm ihm nichts von der Ironie und der Aggressivität, die ihm so grandios erschien, weil sie seinem Misstrauen gegen die Welt Ausdruck verlieh und ihm eine gewisse Genugtuung für alles Unrecht verschaffte, das ihm, wie er glaubte, schon immer und von Anbeginn an zugefügt wurde. »God save the Queen, she ain’t no human being«, sang Rotten weiter und das fand Sid unschlagbar, auch wenn er gar nichts gegen die Queen hatte. Aber das musste er auch nicht. Johnny Rotten hatte was gegen sie, und das reichte ihm vollkommen aus.

Die Kassette leierte ein wenig, aber es lief ihm immer noch ein heiliger Schauer über den Rücken. Mit den bis zum Anschlag aufgedrehten Sex Pistols wurde das Fahren auf der Autobahn für Sid zu einem intergalaktischen Erleb­nis. Er ballte die Fäuste, schloss die Augen, schrie lautlos den Text mit und stellte sich vor, für einen Moment der echte Sid Vicious zu sein und auf der Bühne des Winterland zu stehen, beim letzten Auftritt der Sex Pistols, als sie mit Pappbechern, Münzen, Schuhen, Mützen beworfen wurden.

Michelangelo Bellini hatte die beiden für Popper gehalten. Damit lag er falsch. Nancys Tirade auf die unfähigen Grenzer, die zu beschränkt waren, jemanden zu erwischen, der sich mehr zuschulden kommen ließ als eine Geschwindigkeitsüberschreitung von zehn Stundenkilometern, war ganz nach seinem Geschmack. Einem Popper hätte er das nicht zugetraut. Und der schmale und schüchterne Junge hatte die Sex Pistols auf Kassette. Ein Punk also. Die beiden hatten zwar noch nie ein Auto geknackt, da war er sich sicher, aber sie würden ihn auch nicht freiwillig bei der Polizei verpfeifen. Das war für Michelangelo das wesentliche Kriterium, wenn er Leute einzuschätzen versuchte. Klar, wenn man sie unter Druck setzte, würden sie natürlich ganze Arien singen. Aber was will man schon von Amateuren erwarten?, dachte Michelangelo Bellini.

Von den Sex Pistols angeheizt, hetzte Michelangelo den Citroën über die österreichische Autobahn. Das war nicht klug, wenn man die Aufmerksamkeit der Ordnungshüter nicht auf sich ziehen wollte. Und in der Tat hatte Sids Schutzengel alle Hände voll zu tun, die Polizei im entscheidenden Moment abzulenken, damit die Sache nicht in eine wilde Verfolgungsjagd ausartete. Er verfluchte ..., nein, er bedauerte es in diesem Moment zutiefst, dass sich auf der Raststätte keine bessere Alternative angeboten hatte.

Die Nacht hatte ihre grauen, schweren Schleier über Österreich geworfen. Sie fuhren die nächste Raststätte an. Tanken. Mit Michelangelo Bellini hatte man jetzt eine Fachkraft dabei. Und die erklärte sich bereit, die Kosten für eine Tankfüllung zu übernehmen. Sid war erleichtert und Nancy war klar, dass es nicht so günstig wäre, ein Risiko einzugehen, wenn man anschließend die Grenze nach Italien überqueren wollte.

Nancy und Sid gingen in die Raststätte. Michelangelo wollte in zehn Minuten nachkommen. Sie sollten schon mal einen Kaffee für ihn bestellen. Sagte er. Im Sinn hatte er jedoch etwas anderes, denn die Gelegenheit war ihm plötzlich und ohne sein Zutun in den Schoß gefallen und würde sich so schnell nicht wieder bieten. Er würde in Italien den Wagen verkaufen. Die beiden taten ihm etwas leid, aber nicht sehr. Papa würde sich schon um die beiden kümmern. Er hingegen musste selbst sehen, wie er über die Runden kam, beruhigte er sein Gewissen, das leise bei ihm anklopfte. Richtig viel Geld verdienen, ohne jeden Morgen um sechs Uhr vom Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, davon hatte er immer geträumt. Jetzt musste er nur noch zugreifen.

Sids Schutzengel hörte überrascht den Gedanken Michelangelos zu. Hatte er etwas übersehen? Waren die Akten unvollständig? Er verfiel in Hektik.

In einem Polizeiauto etwas abseits und verdeckt, saß ein Beamter und starrte gedankenverloren auf das Treiben an der Tankstelle. Sein Blick fiel auf den schwarzen Citroën. Er beobachtete die jungen Leute, die dem Wa­gen entstiegen, und dachte, wie ungerecht diese Welt war, denn er liebte dieses Auto, konnte es sich aber nicht leisten. Er seufzte, als über Funk die Meldung kam, dass auf der Autobahn zum Brenner ein schwarzer Citroën mit deutschem Kennzeichen geblitzt worden sei, und zwar mit 50 Stundenkilometer mehr als zulässig. Der Beamte wartete auf seinen Kollegen, der sich in der Raststätte einen kleinen Imbiss besorgte, und als Michelangelo Bellini den Tankdeckel zudrehte, ging er auf ihn zu und forderte ihn auf, die Papiere vorzuzeigen.

Sid war noch beschwingt von der Musik und der rauschenden Fahrt. Er nahm einen Schluck aus seiner Cola und trommelte mit seinen Fingern auf dem Tisch »Blank Generation« von den Voidoids, aber er kam schnell aus dem Takt. Ein unbeteiligter Beobachter hätte den Eindruck gewinnen können, Sid sei ein wenig autistisch. Er bemerkte nicht, wie draußen eine gewisse Unruhe aufkam und der schwache Widerschein eines Blaulichts in die Raststätte drang. Nancy hingegen bemerkte sie. Und sie fragte sich, wo Michelangelo blieb. Sie ging ein paar Schritte zum großen Fenster und kehrte kurz darauf wieder zurück.

»Scheiße«, sagte sie gedämpft. »Michelangelo steht da draußen mit zwei Polizisten. Wir müssen hier verschwinden. Mein Papa macht mir die Hölle heiß.« Und nach einem kurzen Moment fragte sie nach: »Verstehst du das, Sid?«

Sid verstand. Jetzt war nicht nur seine Lederjacke weg, sondern auch noch die Kassette mit seiner Lieblingsmusik. Eine echte Katastrophe. Nein, zwei.

Sid sah über die rechte Schulter von Nancy hinweg einen Uniformierten am Eingang, der sich in der Raststätte suchend umblickte.

»Achtung«, flüsterte er, »dreh dich nicht um.«

Er legte Nancy seinen Arm um ihre Schulter und zog sie zum Hinterausgang, der hauptsächlich von Lastwagenfahrern benutzt wurde. Auf dieser Seite der Raststätte befand sich die Dieseltankstelle. Er zwang sich, nicht nach den Polizisten zu sehen, und versuchte, Nancy unsichtbar im Windschatten der zahlreichen Raststättenbesucher zu navigieren.

Draußen gingen die beiden hinter einem Sattelschlepper in Deckung und überquerten schließlich die Fahrbahn bis zur Leitplanke, hinter der der Wald begann. Sie sprangen über die Begrenzung und rutschten und stolperten einen kurzen Abhang hinunter, zwischen moosbewachsenen Baumstümpfen und Gestrüpp hindurch bis zu einem vorstehenden Felsen. Nancy hatte ihre Schuhe abgestreift und umklammerte die schmalen Riemchen. Ihr linker großer Zeh blutete etwas nach der Rutschpartie, aufgerissen von den Steinen und Wurzeln. Ihr Yves-Saint-Laurent-Kleid hatte seitlich einen Riss und an ihrem Hintern klebte Laub und feuchte Walderde. Um sie herum lagen Kippen, zerknüllte Plastiktüten, Verpa­ckungspapier, Dosen – Abfall, der sich bei Lastwagenfahrern während einer längeren Fahrt ansammelt. Eine Laterne warf ihr Licht großzügig über die Leitplanke hinweg auf Sid und Nancy. Sid hatte das Gefühl, auf der Bühne eines Theaters zu stehen, er hatte den Text vergessen und alle starrten ihn gespannt an. Er hielt sich an einem dünnen Stamm fest, ging einen Schritt nach vorne und sah in den Abgrund. Er warf einen Stein hinunter. Kurz danach hörte er etwas, was sich so anhörte, als sei der Stein aufgeprallt. Schwer zu sagen, wie tief es da hinunterging. Es nützte ihm nichts, Pfadfinder gewesen zu sein. Er versuchte, die in der Tiefe sich ausbreitende Dunkelheit zu durchdringen und glaubte, auf der rechten Seite schemenhaft Felsvorsprünge und Bäume zu erkennen. Er kletterte voraus und sagte Nancy, wohin sie ihren Fuß setzen und wo sie sich festhalten sollte. Nach drei, vier Metern waren sie unten angekommen. Vorstehende Felsen boten ihnen Schutz. Nun konnte sie niemand mehr sehen. Sie setzten sich auf einen umgestürzten Baumstamm und lauschten, versuchten herauszufinden, was oben los war. Aber da war nur das Brummen der Laster und der eintönige, dunkle Sound der Autobahn, der die Stille des Waldes etwas weniger bedrohlich machte.

»Ich hasse diese Scheißnatur. Ich hasse diesen Scheißwald. Ich hasse diese Scheißbäume. Ich hasse diese Scheißfelsen. Ich hasse dieses Scheißmoos«, fluchte Nancy leise. »Guck dir das an.« Sie sah an ihrem Kleid hinab. »Völlig hinüber. Was machen wir hier eigentlich?«

»Uns verstecken«, sagte Sid leise.

»Verstecken? Ich fühle mich hier wie lebendig begraben. Als ob mich jemand in der schlimmsten Wildnis ausgesetzt hätte«, sagte Nancy.

Sid verließ das schützende Felsdach und versuchte zu sehen, ob sich oben irgendetwas tat, konnte aber nichts entdecken. Nach einer halben Stunde, die ihnen wie fünf Stunden vorkam und in der Nancy einen langen, schmal fundierten und redundanten Vortrag »über die Natur als überflüssige Scheiße« hielt, hörten sie ein vorsichtiges, zögerliches »Hallo?«, das kaum wahrnehmbar zu ihnen heruntertropfte.

Sid sah nach oben, konnte aber niemanden erkennen. Es kam ihm nicht wie das entschlossene »Hallo« eines Polizisten vor, aber er sagte trotzdem nichts.

»Ihr könnt hochkommen. Die Polizei ist weg«, meldete sich die selbe Stimme noch einmal. Sid schickte sich an hochzusteigen.

»Du willst mich doch nicht etwa hier allein lassen, mit diesem ganzen Ungeziefer«, sagte Nancy.

»Bin gleich wieder zurück. Ich guck mal, wie die Sache da oben aussieht. Oder willst du hier übernachten?«

Sid kletterte nach oben und spähte vorsichtig über die Leitplanke hinweg. Kein Uniformierter. Kein Blaulicht, das auf dem Asphalt schimmerte. Nur ein Lastwagenfahrer, der eine Plane festzurrte, die sich durch den Fahrtwind gelockert hatte. Und ein Mann, der etwas abseits an einem dunklen Mercedes lehnte. Sid sah einen Moment die aufglimmende Glut einer Zigarette, die ein zartes, vom Rauch zerstäubtes Licht auf das Gesicht des Mannes warf, der unverwandt in Sids Richtung starrte. Als er Sid bemerkte, hob er den Arm, als wolle er einen alten Bekannten grüßen. Er trat aus dem Schatten und ging ohne Eile auf Sid zu, der sich Mühe gab, so lässig zu wirken wie der Mann, der etwas von ihm zu wollen schien. Seine rechte Hand vertraulich auf Sids Schulter legend, redete er auf ihn ein.

Der Mann trug eine bläulich getönte Sonnebrille, die ein wenig merkwürdig an diesem Ort des Zwielichts und der Schweinwerfer wirkte, die die Dunkelheit aus den Winkeln verscheuchte, in denen Unkraut wucherte. Sein blondes, sorgfältig nach hinten gelegtes Haar ließ ihn ein wenig wie einen Playboy aussehen, sein dunkelblauer Anzug hingegen war gewöhnlich, als ob er nicht unnötig auffallen wollte. Er sah selbstsicher aus, kalt und entschlossen, und Sid erinnerte der Mann ein wenig an Edward Fox in »Der Schakal«, was er nicht wirklich beruhigend fand, aber Sid wusste, dass er nicht in der Situation war, in der er wählerisch sein konnte.

Als Nancy die Raststätte betreten hatte, hatte sie sofort die Aufmerksamkeit des Fremden geweckt. Er beobachtete sie interessiert und als die beiden unauffällig durch die Hintertür verschwanden, kaum dass ein Polizist den Raum betreten hatte, ließ er seinen Kaffee stehen und folgte ihnen. Er sah noch, wie sie über die Leitplanke sprangen.

Der Mann hieß Rodolfo Cardoso, jedenfalls stand der Name in seinem Ausweis, und mehr wusste niemand über seine Biographie. Selbst Sids Schutzengel war überrascht von seinem unerwarteten Auftauchen. Und er fragte sich, welcher Kollege im Hintergrund die Fäden zog und sich womöglich einen Scherz erlaubte. Wie immer, wenn eine Figur auf dem Schachbrett des Seins auftauchte, die er nicht kannte, machte ihn das misstrauisch. Er blätterte im Register, musste aber feststellen, dass es unglaublich viele Leute mit diesem Namen gab. Es würde dauern, bis er alle überprüft hatte. Cardoso war kein italienischer Name. Vielleicht ein Pseudonym? Ein falscher Name, gewählt von jemandem, der etwas zu verbergen, der Grund hatte, einen anderen Namen anzunehmen? Vielleicht war er einfach nur ein durchreisender Geschäftsmann? Aber unterwegs in welchen Geschäften? Sids Schutzengel wurde nervös. Es war ihm unheimlich, nicht Herr der Situation zu sein, nicht zu wissen, woran er war und wer sich da womöglich mit seinem Schutzbefohlenen einen Scherz erlaubte.

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