Kitabı oku: «Das Erbe von Tench'alin»

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Inhaltsverzeichnis

Copyright

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Anhang

Rückblick

Über den Autor

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Copyright

Alle Namen in diesem Buch, auch die von Unternehmen, sind rein fiktiv.

Romantrilogie von Klaus D. Biedermann:

Steine brennen nicht - Band I

ISBN: 978-3-937883-52-6

Die Siegel von Tench’alin - Band II

ISBN: 978-3-937883-53-3

Das Erbe von Tench’alin - Band III

ISBN: 978-3-937883-83-0

eBook

(1. Auflage Printversion Mai 2016)

Deutsche Ausgabe: © EchnAton Verlag Diana Schulz e.K.

Gesamtherstellung: Diana Schulz

Covergestaltung: Hilden Design

Lektorat: Angelika Funk

ISBN: 978-3-937883-83-0

www.echnaton-verlag.de

Klaus D. Biedermann

Die Prophezeiung

»Die Zeit entwickelt sich und kommt zu einem Punkt, an dem sie sich wieder erneuert … zuerst gibt es eine Zeit der Reinigung und dann eine Zeit der Erneuerung. Wir sind schon sehr nah an dieser Zeit der Erneuerung. Man sagte uns, wir werden sehen, wie Amerika entsteht und vergeht. Auf eine Art ist Amerika schon am Sterben … von innen, denn sie hielten sich nicht an die Bestimmungen, wie man auf dieser Welt zu leben hat.

Alles kommt zu einem Punkt, an dem die Prophezeiungen wahr werden, dass die Unfähigkeit des Menschen, auf spirituelle Art und Weise zu leben, zu einer Wegkreuzung mit riesigen Problemen führen wird. Wir, die Hopi-Indianer, glauben, dass es keine Chance gibt, wenn man nicht spirituell mit der Erde verknüpft ist und nicht versteht, dass man mit einem spirituellen Bewusstsein auf dieser Erde leben sollte.

Als Kolumbus hier ankam, begann das, was wir als Ersten Weltkrieg bezeichnen. Das war der wahre Erste Weltkrieg.

Denn nach Kolumbus kam halb Europa hierher. Nach eurem Zweiten Weltkrieg gab es in den USA nur noch 800.000 Ureinwohner … von den ursprünglich ungefähr 60 Millionen.

Man hatte uns fast ausgerottet.

Alles ist spirituell, alles hat einen Geist in sich. Alles wurde durch den Schöpfer hierher gebracht. Manche sagen Gott zu ihm, andere Buddha, andere Allah. Wir sagen Konkachila zu ihm, Großvater.

Wir sind nur einige Winter auf der Erde, dann gehen wir in die Spirituelle Welt. Die Geistige Welt ist wirklicher, und viele von uns glauben, dass sie sogar alles ist.

Über 95 % unseres Körpers besteht aus Wasser. Um gesund zu bleiben, musst du gutes Wasser trinken. Als die Europäer und Kolumbus hierherkamen, konnte man aus allen Flüssen sauberes Wasser trinken. Hätten die Europäer die Natur so behandelt, wie es die Indianer machen, könnten wir immer noch das Wasser aus den Flüssen trinken.

Wasser ist heilig, Luft ist heilig. Deine DNA ist dieselbe, die der Baum hat. Der Baum atmet ein, was wir ausatmen, wir atmen ein, was der Baum ausatmet. Wir und die Bäume haben dasselbe Schicksal. Wir leben alle auf dieser Erde. Und wenn die Erde, das Wasser, die Atmosphäre verschmutzt werden, dann wird das Folgen haben, Mutter Erde wird reagieren. Die Hopi-Prophezeiung sagt, dass Fluten und Stürme schlimmer werden. Für mich ist es nichts Negatives zu wissen, dass es Veränderungen geben wird. Das ist nicht negativ, es ist Evolution.

Wenn du es als Evolution betrachtest, ist es Zeit. Nichts bleibt, wie es ist.

Ihr solltet lernen zu pflanzen. Das ist die erste Verbindung.

Ihr solltet alle Dinge als beseelt behandeln und verstehen, dass wir eine Familie sind. Das geht nie zu Ende. Das ist wie das Leben. Es gibt kein Ende des Lebens.«

(Hopi-Ältester Floyd Red Crow, 2007)

Kapitel 1

Marenko Barak liebte Fisch ‒ keinen gegrillten, keinen gekochten, sondern rohen Fisch. Seitdem er vor ein paar Jahren bei einem Besuch in Suizei zum ersten Mal in seinem Leben Sushi gekostet hatte.

Eine entfernte Verwandte hatte dorthin geheiratet und der Bürgermeister von Verinot, der für seine Neugierde bekannt war, hatte die Reise gerne auf sich genommen, um nach dem Rechten zu schauen, wie er im Kreise seiner Freunde kundgetan hatte.

Seine Frau Sara hatte ihn nicht begleiten wollen. Vor der Abfahrt hatte sie noch zu ihm gesagt: »Du kennst Isabel doch kaum. Du hast sie nur zweimal gesehen, als sie noch ein Kind war, und jetzt musst du unbedingt dorthin? Du willst dir wirklich diese lange Reise antun? Dir ist nicht mehr zu helfen …«

Und hatte noch mit einem Lächeln hinzugefügt: »Du Neugiernase.« Sie wusste genau, dass sie ihren Mann nicht aufhalten konnte, und in diesem Fall passte es ihr auch gut, denn so würde sie Zeit haben, die Inneneinrichtung des Hauses umzugestalten, ohne dass er ihr ständig hineinredete. Ihre Geschmäcker waren in dieser Beziehung sehr verschieden.

Sie hatte kürzlich in einem Möbelgeschäft eine Couchgarnitur entdeckt, die es ihr auf den ersten Blick angetan hatte.

Die sollte es sein, hellbraun und aus weichstem Maroquinleder, einer Ziegenart aus den südlichen Steppengebieten.

Außerdem waren gerade wieder bunte Tapeten angesagt. Alle zwei bis drei Jahre renovierte, strich, kaufte oder stellte sie Möbel um ‒ immer dann, wenn Marenko auf Reisen war. Der beschwerte sich zwar bei seiner Rückkehr, weil er angeblich seine Sachen nicht wiederfand, freundete sich aber nach einiger Zeit mit den neuen Umständen an und schließlich lobte er sogar den Ideenreichtum seiner Frau. Sara zweifelte nicht einen Moment, dass es diesmal genauso sein würde.

Suizei mit seinen weit mehr als 100.000 Einwohnern wurde fast ausschließlich von den Nachkommen der Menschen aus dem ehemaligen Japan, China und Korea bevölkert. Sie hatten ihrer Stadt, die nur ein kurzes Stück vom Meer entfernt lag, einen kaiserlichen Namen gegeben. Kamu Nunagawamimi no Mikoto hatte Japan in der Zeit von 581–549 v. Chr. regiert. Der zusätzliche Name Suizei war ihm posthum verliehen worden.

Die Existenz dieses Kaisers wurde zwar von vielen Seiten bezweifelt, aber vielleicht wurde die Stadt gerade aus diesem Grunde nach ihm benannt.

Die Menschen hier pflegten sehr genau die alten Traditionen ihrer Vorfahren und so heiratete man normalerweise auch keine Fremden. Isabel war eine der wenigen Ausnahmen. Sie war sehr herzlich in der Familie aufgenommen worden, sicherlich auch, weil sie sich gründlich auf die Sitten und Bräuche der Gemeinschaft ihres künftigen Ehemannes vorbereitet hatte. Deren Wurzeln reichten zurück bis zum Volk der Ainu, die bereits im Altertum die nördlichen Gebiete der japanischen Hauptinsel Honshu besiedelt hatten. Dieses nordostasiatische Urvolk hatte sich mit dem bereits dort lebenden Urvolk vermischt und daraus war dann die spätere japanische Rasse entstanden. In Harukis Familie war man stolz auf seine Geschichte.

Das junge Paar hatte sich vor zwei Jahren durch einen glücklichen Zufall kennengelernt. Nach dem Studium war Isabel ein halbes Jahr lang mit dem Rucksack durch den Süden gereist. Sie wollte, bevor sie ihre Stelle als Lehrerin antrat, Land und Leute kennenlernen. Eines Morgens hatte sie in aller Frühe eine berühmte Tempelanlage besichtigt. Vor dem Betreten musste man seine Schuhe neben dem Eingangstor abstellen. Ein paar Männerschuhe, die bereits dort standen, hatten ihr signalisiert, dass sie an diesem frühen Morgen nicht die erste Touristin war. So lernte sie Haruki kennen. Schon drei Monate später war sie zu ihm nach Suizei gezogen.

Isabel hatte sich sehr über den Besuch aus der Heimat gefreut und ihren Gast stolz durch das geräumige Haus geführt, das die Familie ihres Ehemannes in nur einem halben Jahr in altem japanischen Stil für das junge Paar errichtet hatte.

Das einzig Moderne war eine Solaranlage.

»Komm, Onkel, ich zeige dir jetzt noch den Garten, dort können wir uns vor dem Essen noch ein wenig die Beine vertreten. Das tut dir sicher gut nach der langen Fahrt.«

»Gerne, liebe Isabel, zeige mir nur alles. Deswegen bin ich ja schließlich gekommen.«

»Das ist ein Zengarten«, hatte Isabel erklärt, »ich weiß nicht, ob du schon mal einen gesehen hast. Bei uns zu Hause gibt es so etwas ja nicht.«

Marenko hatte verneinend den Kopf geschüttelt und war bereits staunend in der Betrachtung dieses seltsamen Gartens versunken gewesen.

»Solche Gärten sind bis ins letzte Detail geplant. Um sie vollends zu verstehen, ist es nötig, sie richtig lesen zu lernen, und das ist eine Wissenschaft für sich. Harukis Onkel Akira ist ein sehr berühmter Gartenbauer. Der Name bedeutet übrigens der Strahlende.«

»Akira, so hieß, glaube ich, der Adler von Jared Swensson, dem Farmer aus Winsget. Wahrscheinlich kennst du ihn.«

»Den Adler?«, hatte Isabel gelacht.

»Nein, Jared natürlich«, hatte Marenko das Lachen erwidert.

»Wer kennt Raitjenland nicht? Aber dass er mal einen Adler hatte, wusste ich gar nicht.«

»Da warst du auch noch nicht auf der Welt, Isabel.«

»Das Anlegen dieses Gartens – du wirst gleich sehen, wie groß er ist – hat dreimal so lange gedauert wie der Bau unseres Hauses. Für Liebhaber sind ihre Gärten viel wertvoller als ihr Haus, na ja, und mein Mann liebt seinen Garten sehr.«

»Ich hoffe, er liebt ihn nicht mehr als dich«, hatte Marenko gelacht und seiner Nichte zugezwinkert, um sich anschließend mit einem großen Taschentuch Schweißperlen von der Stirn zu wischen.

»Nein, Onkel, da kannst du ganz beruhigt sein, ich habe den besten Mann der Welt … aber komm weiter, es gibt viel zu sehen. Ich hoffe, es ist nicht zu anstrengend für dich?«

»Es geht schon, es geht schon, mach nur weiter, es ist alles sehr interessant bei euch.«

»Ein Zengarten ist so angelegt, dass Besucher ganz entspannt viele Entdeckungen machen können. Schau einmal hier.«

Isabel hatte mit einem Arm in eine Richtung gedeutet und ihre Erklärung fortgesetzt. Es hatte ihr sichtlich Vergnügen bereitet, ihrem Onkel ihr Wissen zu demonstrieren.

»Meistens führt ein Blick aus einer anderen Perspektive zu einem ganz neuen Eindruck. Das wird durch eine asymmetrische Anordnung erreicht. Wie du bald bemerken wirst, sind auch unebene Wege sehr beliebt. Das soll es für den Besucher noch interessanter machen, durch den Garten zu gehen. Gerade Wege wie dieser, auf dem wir stehen, werden nur angelegt, um den Blick in eine bestimmte Richtung zu lenken. Statt herumzuschlendern, kann man sich an einer Stelle niederlassen, den Garten betrachten und auf sich wirken lassen. Daher die kleinen Bänke hin und wieder. So wird die Fantasie auf eine wundervolle Weise angeregt. Onkel, schau, du kannst in die verschiedenen Elemente dieses Gartens viel hineininterpretieren.

Egal ob du sie einzeln oder als Kombination betrachtest.

Trotz der genauen Planung eines solchen Gartens gibt es aber keine strenge Vorgabe bei der Deutung. Komm, lass uns ein wenig ausruhen, hier ist einer meiner Lieblingsplätze.«

Sie hatten sich auf eine kleine Bank gesetzt, die fast gänzlich von Bambus umgeben war, der von einem leichten Wind sanft bewegt wurde. Marenko hatte die Einladung nur zu gerne angenommen. Er hatte einen Moment die Augen geschlossen und dem leisen Rascheln des Bambus gelauscht.

Nach einer kleinen Weile hatte Isabel ihn sanft in die Seite gestoßen.

»Sieh mal, in unserem Garten kommen besonders die vier Elemente Stein, Moos, Wasser und Baum vor. Die letzten beiden jedoch nur in symbolischer Form«, sie hatte auf einige Bonsais in der Nähe gezeigt.

»Steine symbolisieren beispielsweise Tiere, das Wasser steht für Seen oder Ozeane, die auch Göttern gewidmet sein können, die der alten Sage nach über das Meer zu uns kommen.

Komm mit, ich zeige dir jetzt das Wasser«, hatte sie sich mit einem Lächeln bei Marenko untergehakt. Und dann hatte sie auf ein rechteckiges, mit einem niedrigen Holzrahmen eingefasstes Kiesbett gezeigt und war stehen geblieben.

»Um Wasser darzustellen, wird Sand oder dieser spezielle Granitkies verwendet. Der verweht nicht so schnell. Die geharkten Linien symbolisieren Wellen. Die großen Steine, die dort überall in scheinbarer Unordnung liegen, können als liegende Hunde, Wildschweine oder als Kälber, die mit ihrer Mutter spielen, aufgefasst werden.«

Langsam waren sie während Isabels Erläuterungen weitergegangen.

Marenkos Blick war auf ein niedriges Rundhaus gefallen, das von mehreren zierlichen Laternen umgeben war.

»Weißt du, dass du der Erste aus der Familie bist, der mich hier besuchen kommt?«, hatte sie gefragt, als sie sich in dem Teehaus niedergelassen hatten. Vor ihnen stand eine Kanne duftender Jasmintee. Isabel hatte das Gebräu langsam in die zarten Porzellantassen eingeschenkt, woraufhin süßer Duft den Raum erfüllt hatte.

»Nein, das weiß ich nicht … sogar deine Eltern waren noch nie hier? Ihr hattet doch immer ein sehr enges Verhältnis, soweit ich mich erinnere. Bist du nicht ihre einzige Tochter?«

Marenko hatte vorsichtig von dem heißen Getränk gekostet.

»Ja, das stimmt alles, aber Mama geht es nicht so gut, seit sie sich vor zwei Jahren bei einem Reitunfall eine Wirbelverletzung zugezogen hat, und Papa reist nicht ohne sie. Sie braucht immer noch einen Stock.«

»Dann sollte sie mal zu dem Schmied in Seringat gehen … ich werde ihr den mal empfehlen, wenn ich wieder zurück bin.«

»Zu einem Schmied?« Isabel hatte die Stirn in Falten gezogen.

»Was soll sie denn bei einem Schmied?« Dann hatte sie lachen müssen. »Sie braucht doch keine neuen Hufe, Onkel Marenko.«

»Ich weiß, ich weiß, keine Angst. Er heißt Soko Kovarik und ich kann dir versichern, gerne auch schwören, dass er heilende Hände hat. Schon zwei meiner besten Pferde hat er wieder hinbekommen. Beide hatten sich die Hüfte ausgerenkt, was bei meinem Gewicht ja nun wirklich kein Wunder ist«, lachte er kurz auf. »Zwei kurze Griffe und sie waren wieder wie neu … unglaublich, sage ich dir. Aus der ganzen Gegend bringen sie ihre kranken Pferde, Rinder, Hunde … eben einfach alles, was Hufe, Pfoten oder Federn hat, zu ihm. Soko schaut sich immer auch den Besitzer sehr genau an und wenn er bei diesem ein Hinken oder auch nur einen Anflug davon entdeckt, was oft der Fall ist, heilt er den gleich mit. ›Wie der Herr, so's Gescherr‹, sagt er dann und lacht. Ein wirklich bemerkenswerter Bursche, dieser Schmied. Ein Versuch ist es allemal wert, liebe Isabel … ich werde es deiner Mutter sagen.

Wäre doch wirklich schade, wenn deine Eltern das hier nicht sehen könnten.«

»Na, wenn das so ist«, hatte die Nichte geantwortet, »dann bin ich gespannt, ob er ihr helfen kann.«

Marenko hatte sich verrenken müssen, als er wenig später zu Tisch gebeten wurde, denn er war es nicht gewohnt, so niedrig zu sitzen. Ächzend ließ er sich auf einem der breiten, kunstvoll bestickten Kissen nieder. Das Essen hatte ihm unerwartet gut geschmeckt, obwohl er zunächst einmal die Nase gerümpft hatte, als er erfahren hatte, dass es sich vornehmlich um kalten Reis und rohen Fisch handeln würde, der in Algenblätter eingewickelt war. Die Bemerkung, ob kein Geld mehr für Stühle übrig gewesen war, hatte er sich verkniffen, denn er hatte die Menschen auf Anhieb gemocht und wenn er ehrlich war, hätten Stühle auch nicht zum restlichen Stil des Hauses gepasst. Hoffentlich würde seine Frau nicht eines Tages auf die Idee mit Sitzkissen am Esstisch kommen. Besser er erzählte ihr von dieser Einrichtung hier nichts.

Harukis Familie hatte ihn freundlich aufgenommen und als er sich einen ganzen Löffel Wasabi in den Mund geschoben und daraufhin in Husten und Tränen ausgebrochen war, hatten alle nur gelächelt und sich bei ihm mit vielen Verbeugungen dafür entschuldigt, ihn nicht besser aufgeklärt zu haben. Als er sich wieder erholt und die richtige Dosierung gefunden hatte, hatte er gar nicht genug bekommen können, was seine Gastgeber auf das Höchste erfreute. Die gereichte Suppe sowie das in dieser Stadt gebraute Bier hatten ihm ebenfalls vorzüglich geschmeckt.

»Isabel, du musst mir unbedingt zeigen, wie diese Speisen zubereitet werden, das werde ich alles gleich zu Hause meine Frau ausprobieren lassen. Ich bin sicher, sie wird ebenso begeistert sein wie ich, ach was, alle werden begeistert sein.

Weißt du was? Wir werden ein Sushi-Restaurant in Verinot eröffnen … die werden staunen, das sag ich dir.« Marenko hatte sich den Bauch gehalten vor Lachen und alle hatten höflich eingestimmt.

»Lieber Onkel, ich fürchte das geht nicht einfach so mal eben auf die Schnelle«, Isabel hatte auf ihren Schwager Hiro gedeutet. »Weißt du, wie lange Hiro in der Lehre war, bis er solche Köstlichkeiten herstellen konnte und durfte? Sieben Jahre hat seine Ausbildung gedauert. Inzwischen führt er eines der bekanntesten Restaurants der Stadt und zur Feier des Tages hat er nur für uns gekocht.«

»Sieben Jahre?«, hatte Marenko gestaunt. »Dann muss er jemanden zu uns schicken, der es auch kann. Er wird ja nicht der einzige Sushikoch in dieser Stadt sein. Ich bin mir sicher, dass ein solches Lokal für Verinot eine Bereicherung wäre … na ja, und ich müsste nicht jedes Mal eine solch weite Reise machen.«

Da hatte sich Hiro eingemischt.: »Verehrter Marenko, ich kann dir in den nächsten Tagen zeigen, wie du das Gericht, das wir Sashimi nennen, herstellen kannst. Es ist ganz einfach, wenn du ein gutes Messer hast. Scharf muss es sein … sehr scharf … Weißt du was? Ich werde dir eines schenken, weil es mich so freut, dass du mein Essen magst … und weil du ein Onkel unserer Isabel bist. Sojasoße wirst du ja bei euch auch bekommen, mehr braucht es dafür nicht … außer guten Fisch natürlich … aber ihr lebt ja ebenfalls in Meeresnähe … und deine Lieblingszutat hier«, er hatte lächelnd auf die Schale mit dem Wasabi gezeigt, »können wir dir in regelmäßigen Abständen schicken.«

Hiro hatte mehrere kleine Verbeugungen gemacht, und der Rest der Familie hatte vor Begeisterung in die Hände geklatscht.

»Lieber Onkel, bei meinem Schwager hast du einen großen Stein im Brett!«, hatte Isabel ausgerufen.

Marenko hatte die Verbeugung zwar etwas ungelenk, aber nicht weniger ernsthaft erwidert.

»Ich danke dir für dieses großzügige Geschenk, verehrter Hiro. Ich hoffe, auch dich eines Tages in unserem schönen Verinot begrüßen zu dürfen. Ich freue mich jetzt schon auf dein Urteil über unsere Küche. Auch wir haben da mit einigem aufzuwarten, was durchaus der Beachtung wert ist.«

Beim Abschied hatte seine Nichte ihm ins Ohr geflüstert: »Es ist eine große Ehre, wenn ein Koch eines seiner Messer verschenkt … er muss dich sehr mögen, lieber Onkel. Ach, es war so schön, dass du hier warst, komm bitte bald wieder … und bringe deine Frau mit … und dann bleibt ihr aber länger, versprochen? Du hast noch nicht alles gesehen. Sie haben hier sogar einen alten japanischen Kaiserpalast nachgebaut. Diese Gärten solltest du erst mal sehen.«

»Versprochen liebe Isabel, versprochen … aber nach eurem Besuch bei uns in Verinot.«

So war Marenko nach vielen Verbeugungen und guten Wünschen ein paar Tage später mit einem wertvollen Geschenk und vielen neuen Ideen gut gelaunt in seine Heimat zurückgekehrt.

War Marenko früher zum Fischen gegangen, weil er seine Ruhe haben wollte, so hatte er jetzt einen Grund mehr. Seitdem er des Öfteren Sashimi aß, hatte er sogar einiges an Gewicht verloren, was seiner Gesundheit sehr zugutekam.

War er im letzten Jahr bei der Versammlung in Seringat noch heftig ins Schnaufen und Schwitzen gekommen, bloß weil er ein paar Stufen zum Rednerpult emporgestiegen war, so konnte er jetzt längere Spaziergänge mit seiner Frau unternehmen und hatte sogar wieder Spaß am Reiten gefunden, was wiederum seiner Figur guttat.

An diesem Morgen des 9. Oktober, es war ein Sonntag, war er gut gelaunt aufgebrochen. Er hatte Lando, seinen fünfjährigen Apfelschimmel gesattelt, das Angelzeug eingepackt und war an die Küste geritten. Für den nächsten Abend hatte sich seine Schwester nebst Mann zum Essen angekündigt und da sollte es Sashimi geben. Er saß bereits seit geraumer Zeit auf seinem Stammfelsen in einem bequemen Klappstuhl und döste mit tief ins Gesicht gezogener Mütze.

Er hatte zum wiederholten Mal seine Angel mit dem Spezialköder, einer Mischung aus altem Käse und Madenmehl, ausgeworfen, aber außer ein paar kleinen Makrelen hatte er noch nichts gefangen, was der Rede wert gewesen wäre. Seine Laune drohte in den Keller zu rutschen.

Beim nächsten Mal werde ich das Boot nehmen und einen Thun holen, schmeckt eh am besten, dachte Marenko trotzig.

Er hasste Misserfolge.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Er würde sich bald auf den Rückweg machen müssen, wenn er pünktlich zur Ratssitzung zurück sein wollte. Außerdem wurde ihm allmählich zu warm auf seinem Felsen. Dieser Oktober versprach wirklich golden zu werden. Heute wollte er verkünden, dass er bei der nächsten Wahl zum Bürgermeister nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Sollte mal jemand anderer die Arbeit machen. Er war mehr als zehn Jahre im Amt gewesen und sein Bestreben war es jetzt, in den Ältestenrat der Kuffer gewählt zu werden. Diesen Beschluss hatte er auf der letzten großen Versammlung in Seringat gefasst. Jelena hatte damals einen sehr gebrechlichen Eindruck auf ihn gemacht, außerdem hatte sie die 90 längst überschritten. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis ihr Platz frei werden würde.

An Bord der U-57 wandte sich der Erste Offizier an seinen Kapitän. »Sir, wenn dieser Angler nicht bald zusammenpackt und verschwindet, haben wir einen Zeugen … sollen wir ihn …?«

»Nein, Officer, lassen Sie mal, unsere Passagierin müsste bald da sein. Sollen ihm vor Staunen ruhig die Augen aus dem Kopf fallen. Was soll so ein Hinterwäldler schon machen? Wahrscheinlich glaubt ihm sowieso niemand diese Geschichte.« Der Kapitän blickte auf einen Bildschirm und lächelte.

»Soll er vielleicht seine Angel nach uns auswerfen?« Er lachte über seinen Witz und Fin Muller stimmte ein.

»Es war gut, Sir, dass Dennis unseren anderen Gast schon am frühen Morgen an Land gebracht hat … bevor dieser Angler da war. Frau Ferrer dürfen wir ja mit offizieller Genehmigung dieses Weltenrates an Bord nehmen, was immer das auch für ein Rat sein soll. Dennis müsste jeden Moment zurück sein. Er hat sich eben gemeldet. Er hat lange suchen müssen, bevor er eine geeignete Stelle gefunden hat, sagt er. An der vorgesehenen Stelle seien zu viele Fischerboote unterwegs gewesen. Aber Sisko ist letztendlich unentdeckt an Land gegangen.«

»Nun, wenn der Angler Sisko gesehen hätte, dann hätten wir sicherlich handeln müssen.«

»Frau Ferrer sollte eigentlich jeden Moment da sein … na sehen Sie, Sir, kaum spricht man vom Teufel … Dort oben, am Waldrand, da ist sie ja.« Fin Muller zeigte auf einen anderen Bildschirm.

Das Wiehern eines Pferdes riss Marenko plötzlich aus seinen Gedanken. Lando konnte es nicht sein, denn der hatte sich eben noch in der Nähe lustvoll schnaubend im Sand gewälzt.

Das Wiehern war aus einer anderen Richtung gekommen.

Vorsichtig spähte er um die Felsenspitze herum, um zu sehen, wer dort oben auf dem Hügel unterwegs war.

Da laus mich doch der …, dachte er bei sich, nachdem er einen Blick durch sein Fernglas geworfen hatte. Die beiden Turteltäubchen aus Seringat kommen dahergeritten …was die wohl hier wollen? Jedenfalls müssen sie sehr früh aufgebrochen sein … einige Stunden brauchen sie bis hierher.

Er hielt es zunächst einmal für ratsam, in Deckung zu bleiben, auch weil er die beiden nicht stören wollte. Außerdem sagte ihm sein Bauchgefühl, auf das er sich meist verlassen konnte, dass hier gerade etwas Ungewöhnliches vor sich ging.

Er holte seine Angel ein und justierte sein Fernglas nach.

Seine Neugierde war nun vollends entfacht. Er sah, wie die beiden von ihren Pferden abstiegen und am Waldrand stehen blieben. Sie umarmten sich lange und küssten sich. Dann schulterte Nikita einen Rucksack und nahm einen großen braunen Umschlag aus einer Satteltasche. Ohne sich noch einmal umzudrehen, begann sie, den Pfad zum Strand hinabzulaufen.

Effel blieb mit den Pferden zurück.

Weint sie etwa? Jetzt wird es interessant, dachte Marenko.

Bin mal gespannt, was sie hier zu suchen hat. Nach einem Picknick sieht es jedenfalls nicht aus, eher nach einem Abschied.

Moment mal, sie hat diesen braunen Umschlag … sie wird doch nicht wirklich die Pläne bekommen haben … und jetzt geht es wieder in die Heimat? Will sie etwa nach Hause schwimmen?

Dann sah er, dass Nikita winkte, aber nicht zu Effel zurück, sondern zum Wasser hin. Noch vielleicht hundert Fuß trennten sie jetzt vom Strand.

»Was ist denn hier los?«, murmelte Marenko. Und als er sich umdrehte, um zu sehen, wem Nikita da zuwinkte, sah er zunächst nur etwas Längliches aus dem Wasser ragen.

Ein Seeungeheuer, war das Erste, was ihm durch den Kopf schoss, aber kurz darauf identifizierte er es als Periskop. In der Schule waren früher genügend Kriegsfilme gezeigt worden.

Deswegen war er auch nicht überrascht, dass der Turm folgte, der allerdings größer war als alles, was er bisher gesehen hatte.

Kurz darauf tauchte etwas auf, das den Schiffen aus den alten Filmen zumindest ähnelte. Vielleicht 500 Fuß entfernt lag ein riesiges U-Boot ganz ruhig in der sanften Dünung.

Marenko stockte der Atem.

»Das war es wohl für heute mit dem Fischen«, murmelte er, nachdem er sich von seinem ersten Schreck erholt hatte.

Fast im gleichen Moment bog von seiner linken Seite her ein Schlauchboot um den Felsen. Es musste von einem starken Außenbordmotor angetrieben werden, wie man an der Bugwelle erkennen konnte. Zu hören war der Motor aber nicht.

Ein Mann in Uniform steuerte es. Er ließ es geschickt auf den Sandstrand gleiten, stieg aus und salutierte vor Nikita. Die beiden begrüßten sich jetzt per Handschlag und sie bestieg flink das Boot.

»Da laus mich doch … sie holen sie tatsächlich ab«, murmelte Marenko.

Er schaute durch sein Glas zum Waldrand zurück. Dort sah er Effel noch einen Moment ganz ruhig dastehen, aber kurz darauf konnte er ihn mit hängenden Schultern, die Pferde am Zügel führend, langsam im Wald verschwinden sehen. Er wollte gerade das Glas absetzen, als er eines Schattens gewahr wurde, der sich gerade von Effel wegbewegte.

Hmmm, komisch, war da jetzt noch jemand oder nicht? Da war doch gerade die Silhouette einer Frau gewesen … aber vielleicht war es auch bloß das Schattenspiel eines Baumes, kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben, falls da jemand gewesen sein sollte. Na, jedenfalls hat Nikita bekommen, was sie wollte, und jetzt wird sie abgeholt … einfach so? Wie gemein. Dann hat der Rat der Welten ihr also die Erlaubnis erteilt … das hätte ich nie gedacht. Der Junge da oben tut mir leid, hat sich wohl richtig verknallt in sie. Aber woher kam der Mann in diesem kleinen Boot? Es kam von dort drüben, nicht direkt vom U-Boot. Was hat er dort gemacht? Zum Angeln war er sicher nicht dort. Er wird doch hoffentlich nicht noch jemanden abgesetzt haben? Ähnlich sehen würde es denen ja.

Wenn das der Fall sein sollte, wird es mit der Ruhe hier vorbei sein.

Er schirmte mit einer Hand seine Augen vor der Sonne ab und schaute sich um. Von seinem Platz aus wurde er Zeuge, wie Nikita über eine herabgelassene Leiter auf das U-Boot kletterte. Auf der Brücke wurde sie von zwei Männern empfangen, die ebenfalls vor ihr salutierten. Einer der beiden trug eine schneeweiße Uniform mit goldenen Schulterklappen.

Kurz darauf waren alle durch die geöffnete Luke im Inneren des Schiffes verschwunden. Inzwischen musste der erste Mann sein Boot irgendwie dort untergebracht haben, denn er war nicht mehr zu sehen.

Kurze Zeit später war das Meer glatt wie zuvor. Marenko hatte nicht das leiseste Geräusch eines Motors gehört. Wenn er das Gehör eines Emurks gehabt hätte, hätte er ein dumpfes, dunkles Wummern wahrgenommen. Er rieb sich die Augen.

Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, würde ich es nicht glauben … na, da gibt es was zu erzählen heute Abend.

Eilig packte er sein Angelzeug zusammen, nahm die Satteltasche, bestieg sein Pferd und schlug den Weg nach Verinot ein.

Fast die ganze Strecke war er im Galopp geritten und als er vor seinem Haus abstieg, waren sowohl er als auch sein Pferd nass geschwitzt. Um ein Haar hätte er ein Kind über den Haufen geritten, als er in die Straße eingebogen war, in der sein Haus lag. Seine Frau kam herausgelaufen.

»Wer ist denn hinter dir her?«, rief sie. »Du tust ja, als sei dir der Teufel auf den Fersen. Ich habe dich schon von Weitem gesehen. Weißt du, was passiert wäre, wenn du den kleinen Jens umgeritten hättest? Du selbst rufst doch immer zur Vorsicht auf.«

»Vielleicht ist es auch der Teufel, der hinter mir her ist, aber dann ist er bald hinter uns allen her. Wenn meine Vermutung stimmt, ist er vor ein paar Stunden an unserer Küste an Land gegangen«, keuchte Marenko, noch immer außer Atem. »Das mit Jens tut mir leid, aber er ist ja mit einem Schrecken davongekommen.

In Zukunft wird er sicherlich vorsichtiger sein.

Komm, lass uns hineingehen, dann erzähle ich dir alles, aber zunächst brauche ich eine Dusche … und etwas zu trinken.«

»Es steht noch alles auf dem Tisch, ich habe heute spät zu Mittag gegessen. Wenn ich gewusst hätte, dass du so bald heimkommst, hätte ich gewartet. Geh du nur schon nach oben, ich versorge Lando erst einmal. Das arme Tier ist ja vollkommen erschöpft. Wenn du dich später noch hinlegen möchtest, bevor du zu deiner Versammlung gehst, zieh ja deine Schuhe aus, sonst ruinierst du mir die neue Couch.«

In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass ihr Mann, seitdem er in Suizei gewesen war, im Haus immer seine Schuhe auszog.

***

Kapitel 2

Jared Swensson hatte die Rauchsäule ebenfalls gesehen. Sie hatte ihn allerdings nicht beunruhigt, denn es kam hin und wieder vor, dass es in dem Berg rumorte, sicherlich drei- bis viermal im Jahr. Von heftigen Ausbrüchen vieler Vulkane, zu denen es vor einigen hundert Jahren nahezu zeitgleich auf der ganzen Welt gekommen war, konnte man in den Chroniken lesen. Die Asche von Flaalands einzigem Vulkan war bis weit über Raitjenland hinaus niedergegangen und die Farm lag immerhin gut vier Tagesmärsche entfernt. Die Fruchtbarkeit des Landes war gewiss auch diesem Ereignis zu verdanken.

Der Himmel soll für viele Wochen verdunkelt gewesen sein, bis ein kräftiger und lang anhaltender Sturm wieder für Klarheit gesorgt hatte. In anderen Regionen der Erde hatten die Menschen die Sonne mehr als ein Jahr lang nicht gesehen.

Danach war die Welt verändert.

Warum sollte der alte Knabe auch gerade jetzt ausbrechen ... obwohl es zu meiner Stimmung passen würde, hatte Jared gedacht.

Das letzte Mal, dass ›Großvater Gork sich ein Pfeifchen angesteckt hatte‹, wie es hier scherzhaft hieß, war vor zwei Jahren gewesen. Die kleine Aschewolke hatte der Wind schnell zerstreut. Mehr war aus dem Vulkan nicht herausgekommen.

Der Farmer hatte damals – es war ebenfalls im Herbst gewesen – mit seinen Jagdfreunden gar nicht weit von Angkar Wat sein Lager aufgeschlagen. Es war eines der seltenen Male gewesen, an denen Vincent, der sich sonst lieber mit seinen Freunden die Zeit vertrieb, mit von der Partie gewesen war. Jared hatte ihn regelrecht beknien müssen mitzukommen und es war letztlich seiner Frau Elisabeth zu verdanken gewesen, dass Vincent sich der Jagdgesellschaft angeschlossen hatte. Sie hatte ihren Sohn zur Seite genommen und ihn fast schon angefleht. »Nun tu deinem Vater doch den Gefallen, mir zuliebe. Du weißt, wie wichtig ihm seine Jagdausflüge sind. Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, bestehende Geschäftsverbindungen zu festigen und neue zu knüpfen. Zeige deinem Vater, dass dir die Farm nicht egal ist. Außerdem wird es dir guttun, mal wieder aus deinen vier Wänden herauszukommen.

Du bist blass wie ein Käse. Ein wenig Farbe würde dir gut stehen.«

Dieser Appell an seine Eitelkeit und ein Kuss auf die Wange hatten schließlich gewirkt. Mit den vier Wänden hatte sie die Wirtshäuser in Winsget und Seringat gemeint, in denen Vincent gewöhnlich viel Zeit mit seinen Freunden verbrachte.

Ein Stubenhocker war er gewiss nicht gewesen, aber für die Geschäftsbeziehungen seines Vaters hatte er sich stets einen Dreck interessiert, wie er selber gerne sagte. Er würde die Farm sowieso einmal vollkommen anders führen, vielleicht sogar verkaufen, hatte er mehr als einmal im Kreise seiner Freunde großmäulig verkündet. Er hatte lustlos seine sieben Sachen gepackt und war mitgekommen, in der Hoffnung, bald wieder zu Hause zu sein.

Damals hatte Jared einen kapitalen Hirsch, von dem noch lange erzählt wurde, mit einem einzigen Blattschuss erlegt. Er erinnerte sich gerade daran, dass sein Sohn nur sehr verhalten applaudiert hatte, während seine Jagdgefährten ihrer Freude über das Jagdglück begeistert Ausdruck verliehen hatten.

Ich hatte eben nie wahrhaben wollen, dass du so ganz anders gestrickt warst, als ich, dachte er wehmütig, und das tut mir jetzt leid. Ich hoffe, deine Mutter wird mir das einmal verzeihen.

Das prächtige Geweih mit seinen vierundzwanzig Enden zierte neben vielen anderen Jagdtrophäen die Eingangshalle des Haupthauses seiner Farm. Der todbringende Bolzen hing, hinter Glas und gerahmt, darunter. Jetzt würde er liebend gerne darauf verzichten, wenn er diesen Sonntagsschuss hätte aufheben können. Lieber hätte er genüsslich dabei zugeschaut, wie das Ungeheuer, das seinen Sohn auf dem Gewissen hatte, langsam verblutet wäre.

Er konnte ja nicht ahnen, dass Nornak Vincent getötet hatte.

Als Wächter des Tales hatte der nur seine Pflicht erfüllt. Er hätte sich ihm sicherlich auch nicht so dargeboten wie der ahnungslose Hirsch. Wahrscheinlich hätte er den Spieß eher umgedreht – und dafür noch nicht einmal eine Armbrust gebraucht.

Jared setzte die Suche nach Vincents Kopf fort. Bei dem Täter konnte es sich seiner Meinung nach nie und nimmer um einen Menschen gehandelt haben. Niemand hatte die Kraft, einem anderen den Kopf abzureißen. Sein Verdacht war deshalb auf einen Bären gefallen, der so etwas mit einem einzigen Prankenhieb hätte getan haben können. Wenn er den Kopf seines Sohnes finden würde, hätte er Gewissheit. Bisher hatte er allerdings noch keine Spuren eines Grizzlys entdecken können und auch nicht die eines anderen Raubtieres. Eines Pumas, Luchses oder Vielfraßes, von denen es in dieser Gegend wahrlich genügend Exemplare gab.

Für die Lachse ist es auch mindestens zwei Wochen zu früh, dachte Jared, als er langsam weiterging.

Auch nach einer weiteren Stunde intensiven Suchens hatte er immer noch keinen Hinweis gefunden. Normalerweise wäre er, wie in jedem Jahr, bald zum Fischen in die Agillen gekommen und hätte dabei wieder die geschickten pelzigen Jäger bewundern können. Der Indrock, der viele Meilen weiter breit und träge dahinfloss und auch seine Farm mit ausreichend Wasser versorgte, hatte hier in diesem Gebirge seinen wilden Ursprung. Die Lachse mussten in kraftraubenden Sprüngen zahlreiche Hindernisse überwinden. Dabei wurden sie von den Bären einfach mit dem Maul aus der Luft gegriffen. Die erfolgreichsten unter ihnen fraßen nur noch die fetten Bauchstücke der Fische und ließen die Reste für Raben, Füchse und andere Aasfresser liegen.

Sein Blick war meist auf den Boden gerichtet. So entging es ihm, dass Jesper stehen geblieben war. Der große Hund, der gerade hinter einem wilde Haken schlagenden Hasen her gewesen war, hatte abrupt gestoppt, seine Schnauze in den Wind gehalten, sich flach auf den Boden gelegt und ein leises, angstvolles Winseln von sich gegeben. Erst als der Farmer mit einigen aufmunternden Worten bei ihm war, erhob er sich vorsichtig und lief mit eingeklemmter Rute bei Fuß. Der Hase war ebenfalls mitten im Lauf um sein Leben stehen geblieben. Auf seinen Hinterkeulen aufgerichtet schaute er sich nach allen Seiten sichernd um, wobei seine Löffel nervös in ständiger Bewegung waren. Dann aber, nach ein paar Sekunden, sprang er sichtlich entspannt weiter, als wenn nichts geschehen wäre.

In der Nähe stieß ein Eichelhäher mehrere durchdringende Warnlaute aus. Ein Signal, dem der Jäger unter anderen Umständen seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

»Brav, Jesper, brav … wir werden den Mörder schon finden, nicht wahr«, lobte Jared seinen Hund. Dann tauchten vor seinem geistigen Auge erneut die schrecklichen Bilder auf und Tränen traten ihm in die Augen. Mit dem Handrücken wischte er sie weg.

»Wir werden ihn seiner gerechten Strafe zuführen, nicht wahr, mein Guter? Wenn wir ihn haben … Gnade ihm Gott!«

Jesper wedelte zaghaft mit dem Schwanz.

»Hey, ein wenig mehr Zuversicht hätte ich schon von dir erwartet«, lächelte Jared müde und tätschelte seinem Hund den Hals. Dann suchte er mit dem Fernglas zum wiederholten Male die Berghänge ab und beobachtete dabei einige Gämsen, die in großen Sprüngen panisch dem Tal zustrebten.

»Vor wem laufen die denn weg? Wollen doch mal schauen«, murmelte er und schaute durch sein Fernglas. Aber er konnte keinen Verfolger ausmachen.

Nachdem Scotty vor zwei Tagen den Heimweg angetreten hatte, hatte Jared sich in dem Tal noch genauer umgeschaut.

Bevor er nach Haldergrond aufbrechen würde, um die Äbtissin um Rat zu fragen – ein Schritt, den er sich vor einer Woche nicht hätte vorstellen können, ohne sich selbst für verrückt zu erklären –, musste er dieses Tal erkunden. Ohne einen brauchbaren Hinweis auf das Schicksal seines Sohnes wollte er diesen Ort nicht verlassen. Das war er seiner Frau Elisabeth schuldig, deren Reaktion auf die Nachricht über den Tod ihres einzigen geliebten Sohnes er sich nicht ausmalen wollte.

Er hatte Vincents bestem Freund einen Brief mitgegeben, in dem er ihr in möglichst schonenden Worten die Nachricht übermittelt hatte. Dabei war ihm klar gewesen, dass es dafür keine schonenden Worte geben konnte. Der Junge würde Elisabeth hoffentlich in Begleitung seiner Mutter, die ebenfalls mit der Familie Swensson befreundet war, diesen schweren Besuch abstatten. Er hatte in dem Brief auch zu erklären versucht, warum er nicht selbst der Überbringer dieser traurigen Botschaft sein konnte. Davon, dass Elisabeth ihn nicht für feige hielt, konnte er allemal ausgehen, denn das hatte er ihr im Laufe ihrer langen Ehe mehr als einmal unter Beweis gestellt. Er wusste, dass sie ihn in seinem Verlangen verstehen würde, die Umstände dieser unfassbaren Tragödie aufklären zu wollen.

Er hatte sein Zelt unweit des Sees in der Nähe eines Walnussbaumes aufgeschlagen. In der ersten Nacht hatte er in den kurzen Phasen des Schlafes noch wirr geträumt. Inzwischen hatte sich die Ruhe des Tales auf ihn übertragen. Für Jesper war Angkar Wat ein wahres Paradies. Ständig jagte er Kaninchen und Hasen hinterher oder scheuchte gackernde Hühner auf, die zwischen den Ruinen nach Futter suchten. Besondere Freude bereitete es ihm, Schafe zu erschrecken und auseinanderzutreiben.

Jared, der ihm das sonst nicht erlaubt hätte, hatte ihn gewähren lassen.

Er hatte zum zweiten Mal die Brigg durchsucht, die den Emurks als Schulschiff gedient hatte. Für die war das ein Segen gewesen, der sich zwar erst nach 300 Jahren ihrer Verbannung als solcher herausgestellt hatte, aber von der Weisheit der Alten dieses merkwürdigen Volkes Zeugnis gab. Hier hatten einerseits die Kinder lesen und schreiben gelernt und andererseits hatten sich die älteren männlichen Emurks das gesamte theoretische Wissen über die Seefahrt angeeignet.

Und davon hatten sie wahrhaft profitieren können, als sie vor Kurzem die Erlaubnis bekommen hatten, mit der restaurierten Flotte ihrer Vorfahren in die Heimat zurückzukehren.

Während Jared das Innere des Schiffes in Augenschein genommen hatte, war Jesper auf einen kurzen Befehl hin draußen geblieben. Er würde jeden unliebsamen Besucher sofort melden. Sowohl das Schiff als auch das Gebäude mit der gepflegten Rasenfläche mitten im Gebirge zeugten von Sachverstand, enormer Baukunst und Liebe zum Detail und – dieser Gedanke war ihm schon einmal gekommen, als er mit Scotty hier gewesen war – einer großen Begeisterung für die Seefahrt.

Auf die Galionsfigur des dickbauchigen Seglers hatte sich Jared allerdings keinen Reim machen können. Da hat aber jemand seinen kühnsten Fantasien freien Lauf gelassen, hatte er gedacht, nachdem er den Bug mit der geschnitzten Gestalt von allen Seiten genau betrachtet hatte. Er konnte nicht ahnen, dass er hier ein Abbild des Mörders seines Sohnes vor Augen hatte.

Vor Kurzem noch war das sicherlich 100 Schritt lange und 50 Schritt breite eingeschossige Holzhaus mit den kunstvoll geschnitzten Säulen, die das mit Bambus gedeckte Vordach trugen, die vorübergehende Bleibe der wilden Malmots gewesen.

Als diese sich mit den anderen Delegationen zum Rat der Welten zusammengefunden hatten, feierten sie hier ihre wilden Feste, was zu mancherlei Beschwerden geführt hatte. Die Krulls hatten aber jedes Mal mit Diplomatie die Wogen glätten können. Nachdem alle Teilnehmer die Heimreise angetreten hatten, waren sicherlich dreißig Gnome damit beschäftigt gewesen, in dem Gebäude wieder für Ordnung zu sorgen.

Jared hatte sich Zugang durch einen Seitenflügel verschafft, dessen Tür nur mit einem Vorhängeschloss gesichert gewesen war.

»Der Zweck heiligt die Mittel«, hatte er gemurmelt, als er es mit seinem Jagdmesser kurzerhand aufgebrochen hatte.

Sieht aus wie eine Schule, dachte er nun, als er das Haus Raum für Raum durchschritt. Hier muss vor Kurzem gründlich sauber gemacht worden sein. Sehr merkwürdig das alles hier. Kein Staub auf den Möbeln, kein Schmutz auf dem Boden … genau wie beim Schiff.

»Jesper, was hältst du davon?«, fragte er seinen Hund, der überall herumschnüffelte und ab und zu ein leises Knurren aus seiner breiten Brust von sich gab. In einem der Räume hingen exakte Zeichnungen von Waffen, die der Farmer aus Abenteuerbüchern kannte. Als Junge hatte er diese geradezu verschlungen. Piratengeschichten hatten es ihm neben Jagdliteratur besonders angetan gehabt. Die Art der Waffen, die die Seeräuber in seinen Büchern benutzt hatten, waren hier sehr detailgetreu dargestellt.

»Schau, Jesper«, rief er begeistert aus, »hier sieht es aus wie in einem Museum … sogar Wikingerwaffen … Streitäxte, Schwerter und Speere … und hier Waffen aus dem Mittelalter, Bootshaken und Messer.«

Für einen Moment blieb er völlig in der Betrachtung der zahlreichen Abbildungen versunken und sprach mit seinem Hund, als würde das diesen in irgendeiner Weise interessieren.

»Ha, und hier«, deutete er auf ein weiteres großes Bild, »ich glaube, seit dem siebzehnten Jahrhundert haben sie die benutzt … Pistolen und Musketen. Ihre Schiffe waren sogar mit Kanonen ausgestattet! Hey, hey, hey, was soll das denn sein?«

Er war staunend mit offenem Mund vor der nächsten Darstellung stehen geblieben und betrachtete die skurrilen Gestalten, die dort allem Anschein nach den Gebrauch typischer Piratenwaffen wie Entersäbel oder kurzschneidige Schwerter mit ihren extrem scharfen Schneiden demonstrierten. Ein nächstes Bild zeigte einige dieser merkwürdigen Wesen, wie sie sich mit Entermessern zwischen den Zähnen und Enterhaken an der Bordwand eines größeren Schiffes festkrallten und daran hochkletterten, um die Besatzung im Nahkampf anzugreifen.

Andere schossen mit Musketen, Pistolen oder Büchsen und richteten ein Blutbad an, dessen Darstellung ebenfalls sehr detailverliebt ausgestaltet worden war. Die Opfer waren in diesem Fall Menschen, die dem Maler ebenfalls sehr gut gelungen waren. Jared war ins Grübeln gekommen.

Alles ist sehr detailliert und kunstvoll dargestellt, dann muss es diese Kreaturen doch auch gegeben haben. Dann wäre die Galionsfigur ebenfalls echt. Ich habe aber noch nie von solchen Geschöpfen gehört oder gelesen.

»Komm, Jesper«, meinte er schließlich, »wir machen uns wieder auf die Suche, sind ja nicht hier, um ein Museum zu besichtigen … bin gespannt, ob die Äbtissin eine Erklärung für das alles hat.«

Die armseligen Verschläge, die er zuvor in einem kleinen Seitental entdeckt hatte, hatte er für die Ställe der Ziegen und Schafe gehalten, die überall im Tal und an den Hängen weideten.

Er hatte sich gefragt, wo die Hirten waren, die von all dem hier lebten. Wenn ihm jemand erzählt hätte, dass dies die Behausungen der Schüler einer Schule gewesen waren, die er gerade besichtigt hatte, und dass sie dort nahezu dreihundert Jahre ihrer Verbannung verbracht hatten, hätte er es sicherlich nicht geglaubt.

In den zerfallenen Steinhäusern, die über das ganze Tal zerstreut waren, konnte Jared eine gewisse Ordnung erkennen, als er bemerkte, dass es früher zwischen ihnen befestigte Wege und sogar Gärten gegeben haben musste.

Fasziniert besichtigte er nun die Überreste der Burg, die sich an die steil aufragende Felswand zu schmiegen schienen. Er hatte sie gleich am ersten Tag seiner Ankunft aus der Ferne bestaunt. Aus der Nähe sah sie noch imposanter aus.

»Eine mächtige Burg haben sie errichtet«, murmelte er, »die müssen große Angst gehabt haben ... möchte zu gerne wissen, vor wem.«

In dem über und über mit Efeu und Klematis berankten Burghof entdeckte er schließlich die Reste einer Feuerstelle.

Laut gackernd suchten die Hühner, die hier nach Futter gesucht hatten, das Weite, als sie den Hund bemerkten, der sich allerdings nicht für sie interessierte.

»Aha, hier haben wir ja etwas«, murmelte Jared, »vor gar nicht langer Zeit müssen Menschen hier gewesen sein ... jedenfalls war es in diesem Jahr … und hier haben sie kampiert, sie hatten sogar ein Zelt.«

Weitere Spuren fand er allerdings nicht. Was er nicht wissen konnte war, dass er auf den Ort gestoßen war, an dem sich Nikita und Effel nach vielen Leben wiedergetroffen hatten.

Er hatte sich mehr als einmal gefragt, wieso ihm, der sich in diesem Gebirge auskannte wie kaum ein anderer, dieser Ort nicht bekannt war. Und ebenso oft hatte er seiner alten Kinderfrau Vrena, die ihm vor Kurzem noch in einem Albtraum – der nun im Wesentlichen schreckliche Realität geworden war – erschienen war, Abbitte geleistet. Vrena hatte seinem Sohn, als dieser noch klein gewesen war, mehr als einmal von einem geheimnisvollen Tal in den Agillen erzählt. Er hatte sich nicht erinnern können, ob sie ihm, als sie noch seine eigene Kinderfrau gewesen war, die gleichen Geschichten erzählt hatte.

Wenn ja, so war er bestimmt nicht so empfänglich dafür gewesen wie sein Sohn, der in mancher Nacht vor Angst schlotternd in das elterliche Schlafzimmer geschlichen gekommen war, um den Rest der Nacht geborgen zwischen ihm und seiner Frau Elisabeth zu verbringen. Dort hatte er dann in unruhigen Träumen von Ungeheuern, Gnomen, irgendwelchen Schätzen, die bewacht würden, und anderen absonderlichen Phänomenen fantasiert.

Von den Gnomen, die laut Vrena hier einen Schatz bewachen sollten, hatte er allerdings noch keinen zu Gesicht bekommen und er fand es trotz aller Merkwürdigkeiten auch immer noch sehr unwahrscheinlich, dass dies noch geschehen würde.

Als er die Burg näher in Augenschein nahm, wobei er sehr vorsichtig vorging, fand er die Überreste der Treppe, die in die unteren Gewölbe führte. Dort betrat er einen Raum, in dem neben einer massiven geöffneten Eichentruhe ein schweres eisernes Schloss lag. Er hob es auf und betrachtete es im Schein seiner Lampe näher. Dabei stellte er fest, dass es erst vor Kurzem gewaltsam aufgebrochen worden sein musste, da die Bruchstelle im Gegensatz zum Rest des Schlosses keinerlei Rost aufwies.

»Da war aber jemand sehr kräftig«, flüsterte er, »das war mit Sicherheit kein Bär. Was ist hier vor sich gegangen? Zuerst diese blitzsaubere Schule und dieses Museum oder was auch immer … dann das hier.«

Er konnte nicht wissen, dass er gerade vor der Fundstelle der Myon-Pläne stand, die sich inzwischen in der Neuen Welt befanden.

Hätte er durch den dunklen Gang weitergehen können, der einmal als Fluchtweg gedacht gewesen war, wäre er unweigerlich zu dem großen Tor gelangt, durch das Nikita und Effel die Höhlen von Tench'alin betreten hatten. Doch ein massiver Felsbrocken, der dorthin bewegt worden war, versperrte nun den Zugang.

Als er später sein Zelt abbaute, stand für ihn endgültig fest, dass er sich nach Haldergrond aufmachen würde, um dort die sagenumwobene Äbtissin um Rat zu fragen. Für die Aufklärung des Verbrechens an seinem Sohn würde er auch über diesen Schatten springen.

Zum vorläufigen Abschied stieg Jared noch einmal zum Grab empor. Jesper folgte ihm mit hängenden Ohren. Am Grab kniete er nieder. »Ich finde deinen Mörder, Junge, das verspreche ich dir, und ich werde auch das Geheimnis dieses Tales lüften. Ich werde denjenigen finden, der dir das angetan hat.«

Er hatte die Worte leise gesprochen. Tränen rollten ihm die Wangen hinunter und verfingen sich in seinem Bart. Sein Weinen war diesmal ohne den lauten Schmerz, den er sich noch vor ein paar Tagen aus der Seele geschrien hatte. Jesper schaute ihn aus traurigen Augen an, doch die Banshee, die ihn aufmerksam beobachtete, sah er nicht.

Dann nahm er seinen Rucksack auf, rief seinen Hund bei Fuß und verließ das Tal auf dem gleichen Weg, auf dem er es betreten hatte.

»Es würde mich sehr interessieren, ob er etwas von Adegunde erfährt«, sagte Elliot zu Muchtna, nachdem Jared das Tal verlassen hatte. Die beiden Krulls hatten den Farmer während seines Aufenthaltes in Angkar Wat nicht einen Moment aus den Augen gelassen.

»Nun, ich denke mal, dass er so einiges erfährt«, antwortete sie, »aber kaum etwas davon wird er ihr glauben … hihi … ich wäre wahnsinnig gerne bei diesem Treffen dabei. Da prallen Welten aufeinander. Mir tut er aber auch ein wenig leid. Erst das Unglück mit seinem Sohn und jetzt gerät er hier vollkommen unschuldig in etwas hinein … ich bin nur froh, dass wir den Kopf seines Sohnes schon beerdigt hatten. Dieser Anblick wäre selbst für einen Mann wie Jared zu viel gewesen. Ich verstehe auch nicht, warum er dem Freund seines Sohnes das erzählt hat ... musste das sein?«

»Sicher nicht, aber der wollte es ja beim Abschied noch unbedingt wissen. Was die Äbtissin betrifft ... nun, die wird ihren Spaß haben.«

»Da gebe ich dir recht. Ich wäre wirklich gerne dabei … aber leider werden wir hier gebraucht … ich habe da so eine Ahnung, mein Lieber.«

»Wenn du das sagst«, seufzte Elliot, »die Menschen werden wohl nie Ruhe geben.«

***

Kapitel 3

Kaum war Scotty aus den Agillen zurückgekehrt – er hatte die Strecke noch nie so schnell bewältigt –, war er von seinem Vater, dem Tuchhändler Harie Valeren, ins Gebet genommen worden. Da er das Amen nicht abwarten wollte, entschied er sich, gleich mit der Sprache herauszurücken, und berichtete von seiner abenteuerlichen Suche nach Vincent. Er ließ nichts aus. Nicht das verborgene Tal, nicht, dass er fast von Jared umgebracht worden wäre, und auch nicht die entsetzliche Art und Weise, wie sein bester Freund ums Leben gekommen war.

»Was? Vincent ist tot? Er wurde ... ermordet?«, hatte sein Vater sichtlich erschüttert gefragt. »Und Jared hat ihn gefunden? Mein Gott, das ist ja furchtbar! Wie hat er es verkraftet? Weiß es Elisabeth schon?«

Sein Gesicht war kreidebleich geworden und er hatte sich auf den nächsten Stuhl fallen lassen.

»Nein, noch weiß sie es nicht. Ich bin erst einmal nach Hause gekommen, um euch zu beruhigen und … na ja, um Mutter zu fragen, ob sie mich begleiten möchte.«

»Begleiten? Wohin willst du denn jetzt schon wieder? Davon wird sie nicht gerade begeistert sein.«

»Nach Raitjenland. Jared hat mir einen Brief an Elisabeth mitgegeben und ich möchte nicht mit ihr alleine sein, wenn sie ihn liest. Mein Bedarf an ... ach lassen wir das.«

»Kann er ihr das nicht persönlich sagen? Muss er einen Brief schreiben? Also … so kenne ich ihn gar nicht.«

»Nein, er kann es ihr nicht sagen, weil er gar nicht mitgekommen ist. Normalerweise hätte er das gewiss selbst getan ... aber was wir in den letzten Tagen erlebt haben, war alles andere als normal, Vater. Da gibt es jede Menge Ungereimtheiten, einmal abgesehen von der Tatsache, dass bisher noch kein Mensch etwas von diesem Tal je erzählt hat. Findest du das nicht auch merkwürdig, dass es dort oben in den Bergen einen Ort gibt, den noch niemand von uns entdeckt hat? Wo wir doch schon tausendmal dort gewesen sind? Es müssen früher sogar ziemlich viele Leute da gelebt haben. Sie hatten eine kleine Siedlung errichtet … sogar mit einer Burg!«

Er erwartete darauf keine Antwort.

»Das ist in der Tat unglaublich, Junge. Aber jetzt iss und trink erst mal was, du siehst ja aus ... geh in die Küche und lass dir was von Anna herrichten. Wann hast du eigentlich das letzte Mal etwas Vernünftiges zu dir genommen?«

»Vorgestern, in Reegas und von dort hatte ich mir Proviant mitgenommen. Ich bin nicht hungrig, Vater.« Dass er am Morgen nur ein sehr karges Frühstück gehabt hatte, verschwieg er.

Der Tuchhändler hatte den Ausführungen seines Sohnes nicht ganz folgen können. Er war nur froh, dass er wohlbehalten zurück war. Aber der war mit seinen Ausführungen noch nicht fertig und fuhr aufgeregt fort: »Und jetzt kommt noch etwas sehr Merkwürdiges – und das schlägt wirklich dem Fass den Boden aus. Dort oben gibt es ein Schiff! Kannst du dir das vorstellen? Ein voll ausgerüstetes Segelschiff, ich glaube es ist eine Brigg ... mitten in den Bergen! Ist das nicht absurd? Sie muss allerdings neueren Datums sein, viel jünger als die Ruinen.

Sie ist in einem sehr guten Zustand ... man könnte sofort mit ihr lossegeln ... also wenn sie in einem Hafen liegen würde. Aber das war sicher noch lange nicht alles, das Tal ist groß. Jared wollte noch dort bleiben, um genauere Untersuchungen anzustellen. Er meinte, dass jeder Mörder einen Hinweis hinterlassen würde, und den wolle er finden. Danach hat er vor, nach Haldergrond zu gehen, um die Äbtissin um Rat zu fragen.«

»Adegunde? Er will wirklich Adegunde um Rat fragen, die Äbtissin von Haldergrond? Bist du dir da sicher? Das hat er tatsächlich vor?«

Hatten die Gesichtszüge des Tuchhändlers bis eben noch Besorgnis gezeigt, so schaute er jetzt erstaunt. Die Sache mit dem Schiff, das es dort in den Bergen geben sollte – und wenn es nicht sein Sohn gewesen wäre, der ihm das erzählt hatte, hätte er es nicht geglaubt –, war schon mehr als seltsam, aber dass Jared sich jetzt auch noch nach Haldergrond begeben wollte, übertraf selbst das noch.

Der Inhaber der größten Tuchweberei des Landes kannte den Farmer sehr gut. Er war sein Jagdfreund und saß seit Langem an seiner Seite im Gemeinderat von Winsget. Dass dieser Mann jetzt im Begriff war, eine Frau um Rat zu fragen, die zwar zugegebenermaßen überall einen hervorragenden Ruf genoss, von dem bodenständigen Jared allerdings mehr als einmal belächelt worden war, war schwer zu glauben. Des Öfteren hatte der in vertrauter Runde gesagt, wenn sie nach einer anstrengenden Ratssitzung noch im Dorfkrug oder in der Alten Mühle beisammensaßen, dass er nichts von diesen Dingen halte. Damit hatte er all das gemeint, wofür Haldergrond berühmt war, außer der Musik natürlich. Da musste also jetzt entweder über Nacht eine enorme Wandlung in Jared vorgegangen sein oder die Verzweiflung hatte ihn zu diesem Schritt veranlasst. Harie glaubte an das Zweite.

»Ja, das waren seine Worte«, ergänzte Scotty mit Nachdruck, »bevor wir uns getrennt haben. Ich hatte ihm noch angeboten, ihn zu begleiten, auch weil ich mir Haldergrond gerne einmal angeschaut hätte, doch er meinte, ich solle meinen Hintern nach Hause bewegen, weil ihr euch bestimmt Sorgen machen würdet. Na ja ... er hatte ja recht ... und irgendjemand muss schließlich die Nachricht überbringen. Mir wird ganz schlecht, wenn ich nur daran denke.«

»Und ob er recht hatte. Deine Mutter hat keine Nacht geschlafen, aber das wirst du wohl erst verstehen, wenn du selbst einmal Kinder hast«, meinte sein Vater mit nur leichtem Vorwurf in der Stimme, denn seine Freude, dass Scotty wohlbehalten zurück war, war größer. Dass er sich ebensolche Sorgen gemacht hatte, verschwieg er.

»Selbstverständlich komme ich mit«, hatte Greta sofort zugestimmt. Darüber musste sie nicht nachdenken. Sie hatte sehr geweint, nachdem sie alles erfahren hatte. Sie hatte Vincent, den sie von Kindesbeinen an gekannt hatte, gemocht.

Dessen betont lässige und arrogante Fassade, die er sich im Laufe der Jahre zugelegt hatte, hatte sie durchschaut. Schließlich war der Farmersohn im Hause Valeren ein- und ausgegangen, hatte sogar hin und wieder hier übernachtet, wenn es für den weiten Weg hinaus zur Farm wieder einmal zu spät geworden war.

Sie hatte immer die Meinung vertreten, dass es nicht gut für Vincent gewesen war, dermaßen verwöhnt zu werden. Diesen Vorwurf hatte sie mehr als einmal im Stillen gemacht, insbesondere in Richtung beider Großelternpaare, die – und das wusste hier jeder – eine Art skurrilen Wettstreit im Verwöhnen des einzigen Enkels ausgetragen hatten.

Als Vincent älter geworden war und dabei immer unliebsamere Seiten von ihm zum Vorschein gekommen waren, war sie nicht glücklich über Scottys Umgang gewesen. Sie hatte sich aber nicht eingemischt, weil sie wusste, dass sie damit eher das Gegenteil erreichen würde. Dazu kannte sie ihren Sohn zu gut. Als die beiden erwachsen waren, wollte und konnte sie ihm den Umgang mit Vincent nicht mehr verbieten.

Nicht zuletzt auch, weil sie mitbekam, dass Scotty sich nicht verbiegen ließ, sondern eher er einen mäßigenden Einfluss auf Vincent zu nehmen schien.

Sie erreichten die Farm nach einer halben Stunde zügiger Fahrt. Greta Valeren war eine Frau der Tat und so war der Zweispänner schnell abfahrbereit gewesen. Als sie von der Hauptstraße abgebogen und durch das große Tor unter dem Schild mit der Aufschrift Raitjenland hindurchgefahren waren, bat sie ihren Sohn, er möge die Pferde die lange, schnurgerade, von alten Ulmen gesäumte Zufahrt zum Haupthaus im Schritt gehen lassen. Ein Beobachter sollte sich nicht jetzt schon unruhige Gedanken machen müssen und Scotty war das nur recht, denn auf das, was jetzt zwangsläufig kommen musste, war er wirklich nicht erpicht. Niemand hatte sie jedoch bemerkt, weil um diese Zeit alle auf den Feldern bei der Ernte oder in den Ställen bei der Arbeit waren. Die Hunde schlugen nicht an, weil sie sowohl die Kutsche als auch deren Insassen kannten.

Es war Scotty noch nie so schwergefallen, die drei Stufen bis zum Eingang emporzusteigen. Als er vor der mächtigen Eingangstür stand und an dem Seil ziehen sollte, das im Inneren des Hauses eine Glocke ertönen lassen würde, zögerte er, als ob die Quelle seiner Entschlossenheit mit einem Mal versiegt sei. Er musste ein paarmal läuten, bevor von drinnen schlurfende Schritte zu hören waren. Inga, die alte Köchin, hatte endlich die schwere, mit Messing beschlagene Tür geöffnet.

»Oh, Frau Valeren, guten Tag, Scotty, welch eine Überraschung«, begrüßte sie die Besucher freundlich, »entschuldigt, dass es so lange gedauert hat, aber ihr wisst ja … meine Knie.«

Die Freude über diesen Besuch war ihr deutlich anzusehen.

»Guten Morgen, Inga«, begrüßte Scotty die Frau, deren leckeres Essen er schon so oft hatte genießen dürfen.

Plötzlich umwölkten sich Ingas Augen. Eine dunkle Ahnung schlich sich in ihr Herz wie eine Schlange in einen Kaninchenbau. Sie kannte Scotty zu gut, als dass er etwas vor ihr verbergen konnte, und dass seine Mutter mitgekommen war – gewöhnlich stand sie um diese Zeit in ihrem Geschäft und beriet Kunden –, konnte eigentlich nichts Gutes bedeuten.

Eingeladen waren die Valerens jedenfalls nicht, das hätte sie gewusst und wäre am Herd gestanden, um für sie und Elisabeth das Mittagessen zuzubereiten.

»Ist etwas passiert? Ist was mit unserem Jungen passiert? Sag schon, Scotty!«

Dann begann sie zu weinen.

»Ja, Inga, wir müssen mit Elisabeth sprechen. Kannst du sie bitte holen? Sie ist doch zu Hause?«

»Sie ist hinten im Garten … ist Vincent verunglückt? Bitte sag es mir! Wo ist Jared?« Ihre Stimme klang flehend und weinerlich zugleich.

»Es gab einen Unfall, ich möchte es aber zuerst Elisabeth sagen … bitte verstehe das.«

»Natürlich, selbstverständlich … kommt bitte herein. Ihr kennt ja den Weg, macht es euch im Wohnzimmer bequem. Ich hole sie ... oh mein Gott.«

Sie humpelte durch die geräumige Eingangshalle davon.

Scotty blickte ihr nach, bis sie durch die niedrige Holztür unter dem präparierten Kopf eines Steinbocks mit mächtigem Gehörn verschwunden war. Dahinter lag, wie Scotty wusste, ein Gang, der zu den Gewächshäusern und Gärten führte.

Dann folgte er seiner Mutter in den Wohnraum der Farm.

»Ich hatte es geahnt«, schluchzte Elisabeth Swensson, »ich hatte es im Gefühl, als der Junge neulich so Hals über Kopf losgerannt ist ... ich habe es irgendwie gespürt! Eine Mutter spürt so etwas.«

In einer Hand hielt sie den Brief ihres Mannes, auf dem die Spuren ihrer Tränen zu sehen waren, die sich auf dem weißen Papier wie dunkle, Unheil verkündende Sterne ausnahmen.

Mit der freien Hand hielt sie Gretas Hand. Inga saß weinend daneben. Scotty wurde fast von dem breiten Ledersessel verschluckt, in dem er saß, und er hätte in diesem Moment auch nichts dagegen gehabt, wäre der Fall eingetreten.

Gegen das, was sich gerade in seinem Inneren ankündigte, war er machtlos. Er hasste es, vor Frauen zu weinen, auch wenn die eine seine Mutter und die anderen beiden wirkliche Freundinnen waren, die ihn von Kindesbeinen an kannten. Es war sehr selten geschehen, dass er weinte, zumindest soweit er sich erinnern konnte. Die Zeit, in der er in Windeln gelegen hatte, zählte nicht. Einmal war er als kleiner Junge – er mochte fünf gewesen sein – um ein Haar in einen der Siedekessel im väterlichen Betrieb gefallen, in denen die Larven der Seidenraupen in ihren Kokons abgetötet wurden. So gewann man die kostbaren Fäden, die die Grundlage für das blühende Geschäft der Valerens bildeten.

Er war beim Ballspielen ausgerutscht, obwohl ihm mehr als einmal streng verboten worden war, sich in der Nähe der riesigen, fast ganz in die Erde eingelassenen Kessel aufzuhalten, unter denen die mächtigen Feuer loderten. In buchstäblich letzter Sekunde war er von einer resoluten Arbeiterin am Kragen gepackt und damit vor dem sicheren Tod bewahrt worden. Damals hatte er geheult, weil er sich so erschrocken hatte. Ihm hatte es das Leben gerettet und der Arbeiterin hatte ihr beherztes Eingreifen eine lebenslange Rente beschert.

Deutlich, und zwar sehr deutlich, erinnerte er sich an ein Ereignis, das ihm als Zehnjähriger auf dem Schulhof widerfahren war. Ein zwei Jahre älterer Mitschüler, fast zwei Köpfe größer und als Raufbold bekannt, hatte ihm, begleitet von einer obszönen Geste, mehrere Male »Seidenraupe, Seidenraupe, Seidenraupe« nachgerufen. Und das nicht zum ersten Mal. An diesem Tag aber hatte eine innere Stimme, die Scotty schon kannte, laut und unmissverständlich gefordert, dass es jetzt mit den Demütigungen ein Ende haben müsse. Er solle sich gefälligst wehren und hier und jetzt ein Exempel für alle Zeiten statuieren. Er hatte hinterher nicht mehr sagen können, woher er den Mut genommen hatte, der Stimme zu folgen, und im Nachhinein hatte er sie auch noch lange Zeit verflucht.

Jedenfalls war er mit ein paar schnellen Schritten auf den feixenden Quälgeist zugetreten gewesen, der mit in die Seite gestemmten Armen breitbeinig und siegessicher grinsend dagestanden hatte, und hatte ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Sein ganzes Gewicht hatte er in diesen Schlag gelegt. Der Ältere mochte zwar nicht damit gerechnet gehabt haben, doch zu Scottys Leidweisen war dessen Reaktionszeit nur sehr kurz gewesen und so hatte er sich mit einem Elefantengewicht auf seiner Brust auf dem Boden liegend wiedergefunden.

Und dieser Elefant hatte auch noch mit beiden Fäusten auf ihn eingeschlagen. Hätte Vincent damals nicht beherzt eingegriffen, indem er den anderen am Kragen gepackt und zurückgezogen hatte, wäre alles sicher viel schlimmer ausgegangen als ohnehin schon. Peinlich für Scotty aber war gewesen, dass er Tränen vergossen hatte, nachdem er sich hochgerappelt hatte – was natürlich alle Umstehenden mitbekommen hatten. Dass auch Mädchen darunter waren, hatte die Sache nur noch schlimmer gemacht, und zwar weitaus schlimmer als die Schmerzen, oder das blaue Auge. Die äußerlichen Blessuren waren nach zwei Wochen vergangen gewesen, seine Schmach aber erwies sich als zäh und langlebig.

Jetzt, in diesem breiten Sessel, der ihm den Gefallen des Verschluckens nicht tat, wurde ihm bewusst, dass er selbst noch gar keine Zeit gefunden hatte, den Tod seines Freundes zu betrauern. In dem geheimnisvollen Tal hatte er Jared getröstet, oder es zumindest versucht, und auf dem Rückweg hatte er über die Erlebnisse und Rätsel der letzten beiden Tage nachgegrübelt. Normalerweise hatte er beim Wandern die besten Eingebungen. Aber obwohl sein Gehirn gearbeitet hatte wie ein Welpe, der mit spitzen Zähnen einen Lederschuh bearbeitet, war in diesem Fall der Erfolg ausgeblieben. Er wollte sich gegen das Schluchzen wehren, das aus ihm herauswollte, wollte es in seiner Brust einschließen. Es gelang ihm nicht. Hier, im Wohnraum der Farm, der noch größer war als der im Hause Valeren, war seine Mutter diejenige, die Trost spendete, und daher konnte er es sich jetzt erlauben, seinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Scheiß drauf, dachte er noch und erinnerte sich im selben Moment wehmütig daran, dass dies einer der Lieblingssprüche Vincents gewesen war, was ihm durch seine Tränen hindurch ein gequältes Lächeln hervorlockte. Gefolgt wurde diese Erinnerung von dem Gedanken, was wohl jetzt aus der Clique werden würde. Die Unternehmungen würden zwar ruhiger verlaufen, aber auch wesentlich langweiliger, jetzt wo der Tonangeber mit seinen verrückten Ideen nicht mehr dabei sein konnte – sofern sie überhaupt noch stattfinden würden.

Im gleichen Moment schämte er sich auch schon für diesen Gedanken, weil er ihm so überaus egoistisch vorkam.

Elisabeth schaute zu ihm herüber und er sah durch den Schleier seiner Tränen, dass sie lächelte. Er erkannte, dass ihr Lächeln ein dankbares Lächeln war. Es sagte ihm so etwas wie: Danke, dass du sein Freund warst. Jedenfalls hoffte er das. Er hoffte auch, dass dies so bliebe und nicht jeden Moment umschlagen würde in ein: Warum hast du nicht besser auf ihn aufgepasst, Scotty Valeren? Bist du nicht immer der Vernünftigere von euch beiden gewesen? Aber das passierte nicht, jedenfalls nicht an diesem Tag.

»Er war unser Ein und Alles«, hörte er gerade Vincents Mutter schluchzen, »du weißt das.«

Das war an seine Mutter gerichtet, die mit einem mitfühlenden Kopfnicken und sanfter Stimme antwortete: »Ja, ich weiß das, wir alle wissen das.«

Dann reichte sie ihrer Freundin ein neues Taschentuch.

Elisabeth weinte und schnäuzte gleichzeitig hinein. So ging das einige Minuten lang, in denen man nur leises Weinen und das unaufhaltsame Ticken der großen Standuhr hören konnte, welche Scotty noch nie so laut vorgekommen war und von der er sich wünschte, ihre Zeiger mögen sich an diesem Tage schneller drehen.

»Was soll ich bloß ohne ihn machen? Wie soll das alles hier weitergehen ... vor allem, wenn wir alt sind?«, fragte Elisabeth dann etwas gefasster.

Die Frage war an niemand Bestimmten gerichtet, wie Scotty erleichtert bemerkte. Er hätte sie jedenfalls nicht beantworten können und er war sich auch nicht sicher, ob seine Mutter, die sonst nicht so leicht um eine Antwort verlegen war, diesmal eine einigermaßen zufriedenstellende gehabt hätte. Er hätte sich auch eher die Zunge abgebissen, als der trauernden Mutter jetzt von den Zukunftsplänen ihres Sohnes zu erzählen, die dieser mehr als einmal im Kreise seiner Freunde geäußert hatte. Abgenommen hatte er diese Vincent sowieso nicht, da immer ein paar Krüge Bier oder Wein mit im Spiel gewesen waren.

Jetzt schaute sie ihn aus tränennassen Augen an und diesmal lag Besorgnis in ihrer Stimme: »Wie geht es Jared? Es muss doch schrecklich für ihn gewesen sein.«

»Es war schrecklich für ihn, Elisabeth ... und das ist es sicher immer noch«, erwiderte Scotty bestimmt und wischte sich seine Tränen mit dem Ende des Jackenärmels weg. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Farmer seiner Frau in dem Brief den genauen Zustand ihres Sohnes mitgeteilt hatte, und er bezweifelte stark, dass er das überhaupt jemals tun würde. So etwas schilderte man keiner Mutter. Er hatte sich schon selbst innerlich verflucht, dass er beim Abschied von Jared unbedingt hatte wissen wollen, was genau mit Vincent passiert war. Dieses Bild würde er wahrscheinlich sein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf herausbekommen.

»Dein Mann verarbeitet das jetzt auf seine Weise«, fuhr er mit festerer Stimme fort und rutschte in seinem Sessel nach vorne. »Er wird seine ganze Kraft in die Aufklärung dieses schrecklichen Verbrechens stecken. Es wird ihm sicher gelingen, den Mörder zu finden, Elisabeth. Wenn nicht ihm, wem denn dann?«

Er hoffte inständig, dass das überzeugt geklungen hatte, denn in Wirklichkeit glaubte er selbst nicht so recht daran.

»Jared schreibt, dass er unseren Sohn in diesem Tal beerdigt hat und dass es dort wunderschön sei.«

»Das stimmt, Elisabeth, und von dort, wo er begraben liegt, hat man einen herrlichen Blick über das Tal.«

»Ich möchte so schnell wie möglich dorthin, Scotty. Verstehst du das?« Elisabeth blickte ihn aus großen fragenden Augen an.

Scotty verstand und er verstand auch, was das für ihn bedeuten würde.

»Wirst du mich hinführen?«, fragte sie auch prompt. »Ich meine, wenn Jared nicht bald zurückkommt und ich mit ihm gemeinsam das Grab unseres Sohnes besuchen kann?«

Das mache ich selbstverständlich, wollte er gerade versprechen, als ihm im selben Moment etwas bewusst wurde.

Den Zugang zu dem Tal würde er nicht mehr finden. Alle anderen Erlebnisse hatte er deutlich vor Augen, aber wenn er sich an den Einstieg erinnern wollte, war sein letztes Bild ein Mufflon vor einer Felswand, das ihn neugierig anstarrte.

***

Kapitel 4

»Du vermisst Nikita sehr, nicht wahr?« Der Schmied brauchte die Antwort nicht zu hören, er konnte sie sehen. »Das kann ich verstehen«, fügte er einfühlsam hinzu.

Er rieb seine mächtigen Hände an der ledernen, im Laufe der Jahre speckig gewordenen Schürze ab. Dann hängte er das Kleidungsstück, das er stets während der Arbeit trug, an einem Wandhaken auf. Jetzt kamen eine alte Cordhose mit ausgebeulten Knien und ein rot-weiß kariertes Baumwollhemd zum Vorschein, das über der breiten Brust ein wenig spannte. Er hatte zuvor seine schweren Arbeitsschuhe im Flur gelassen und trug jetzt bequeme Hausschuhe. Der Schmied machte einen zufriedenen Eindruck. Da er selbst gerade bis über beide Ohren verliebt war, konnte er die Stimmung seines Freundes sogar sehr gut nachvollziehen.

Effel schaute Soko schweigend und gedankenverloren dabei zu, wie dieser begann, das Abendbrot zuzubereiten. Er selbst trug eine blaue Stoffhose und einen leichten Pullover.

Hungrig war er nicht. Mit einer Hand streichelte er Sam, der neben ihm saß und die Schnauze auf seinen Schoß gelegt hatte.

Als er Soko vor Jahren zum ersten Mal besucht hatte, hatte er sich über den großen Tisch in der Wohnküche gewundert, weil der Schmied damals hier nur mit seiner Mutter gelebt hatte. Sein Vater, Matej Kovarik, der die Schmiede schon von seinem Großvater Jiri übernommen hatte, lebte damals schon nicht mehr. Er war beim Holzmachen von einem fallenden Baumstamm getroffen worden. Da war Soko, der Tierarzt hatte werden wollen, achtzehn Jahre alt gewesen und hatte kurz vor seinem Studium an der Universität in Onden gestanden.

Schließlich hatte er aber auf Drängen seiner Mutter die Schmiede weiter betrieben und diesen Entschluss nicht einen einzigen Tag bereut. Inzwischen liebte er seinen Beruf, und zwar nicht nur, weil er von Mindevol einmal erfahren hatte, dass sein Familienname sogar Schmied bedeutete. Seiner Passion, dem Behandeln kranker Tiere, ging er dennoch nach und es hatte sich über die Jahre herumgesprochen, dass er heilende Hände besaß. Er hatte hinter der Werkstatt, nicht weit vom Waldrand, eine kleine Tierklinik eingerichtet. Dort behandelte er kranke Hunde und Katzen, einen kleinen Waschbären, den Kinder kürzlich verletzt im Wald gefunden hatten, und sogar einen Uhu mit einem gebrochenen Flügel.

Soko war weit über die Grenzen Seringats für seinen Pferdeverstand und seine heilenden Hände bekannt. Er wurde immer dann gerufen, wenn ein Tier krank und der örtliche Tierarzt an seine Grenzen gestoßen war. Aber auch manchem menschlichen Patienten hatte er schon den Rücken oder die Hüfte wieder eingerenkt.

Vor Kurzem war Agatha bei ihm eingezogen und es gab niemanden im Dorf, der sich darüber nicht mit den beiden gefreut hätte. Aber selbst für drei Personen war der Tisch noch sehr groß. Zur Zeit beschäftigten Effel allerdings vollkommen andere Gedanken, was Soko natürlich nicht entgangen war. Die Sonne war bereits untergegangen. Vor Effel stand ein Glas, das fast bis zum Rand mit einem Rotwein gefüllt war, den Soko nur zu besonderen Anlässen kredenzte. Der Schmied schien gespürt zu haben, dass der heutige Besuch ein solcher Anlass war. Neben einem Krug mit Wasser, das er gerade eben noch aus dem Brunnen geholt hatte, hatte er einen Korb mit einigen Scheiben Schwarzbrot gefüllt. Butter, Käse und Schinken hatte er auf flachen, mit Jagdszenen verzierten Holzbrettern angerichtet.

Effel blickte auf.

»Ja, ich vermisse sie und es fällt mir im Augenblick wirklich schwer, im Hier und Jetzt zu leben. Das ist so ein Moment, in dem einem bewusst wird, dass manches leichter gesagt als getan ist.«

»Nun schau nicht wie ein geprügelter Hund, Nikita wird bestimmt zurückkommen. Sie hat es dir versprochen, nicht wahr?«, versuchte der Schmied ihn zu trösten, rückte einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm an den Tisch. »Wir sollten mal wieder auf die Jagd gehen, mein Freund … oder in die Agillen zum Fischen, dort kommen jetzt bald die Lachse zum Laichen. Was meinst du? Das haben wir lange nicht mehr getan. Da kommst du auf andere Gedanken. Ändern kannst du im Moment sowieso nichts.« Dann fügte er hinzu: »Nikita hat auf mich nicht den Eindruck einer Frau gemacht, die ihre Versprechen nicht hält, und meine Menschenkenntnis hat mich bisher selten getrogen. Ich muss nur sehen, wie jemand mit Pferden umgeht, das verrät mir viel über seinen Charakter. Da macht mir keiner etwas vor, weil niemand ein Pferd täuschen kann. Jedenfalls hat man ihr nicht angemerkt, dass sie noch nie etwas mit Pferden zu tun gehabt hat. Vielleicht hat sie das in einem früheren Leben, wer weiß das schon.«

»Doch, als Kind ist sie wohl ein paarmal geritten, bevor sie das Golfspielen entdeckt hat. Das kann aber auch sehr gut sein, dass sie in einem früheren Leben ebenfalls mit Pferden zu tun hatte. Schließlich kann sie sich an all ihre Inkarnationen erinnern.«

»Also das finde ich unglaublich. Aber eines sage ich dir, ich wollte das gar nicht können.«

»Mir gefällt das, wenn es für mich auch viel anstrengender ist als für sie und ich dabei Hilfe brauche. Jedenfalls habe ich nicht gemerkt, dass diese Fähigkeit sie in irgendeiner Art und Weise behindert hat, ganz im Gegenteil.«

»Sieh doch das Positive an dieser ganzen Geschichte. Gibt es nicht in allem auch etwas Positives? Das ist es doch, was uns Mindevol immer sagt. In jedem Schlechten liegt auch etwas Gutes. Das hat er mehr als einmal gesagt.«

»Ja, das stimmt schon. Ich versuche es ja. Aber was soll das in diesem Fall sein?«

»Na, das liegt doch wohl auf der Hand. Sie hat die Pläne, mit denen sie jetzt diese Maschine bauen können … und wenn sie danach zurückkommt, hast du den Beweis, dass sie dich wirklich liebt.«

»Ich glaube nicht, dass ich solch einen Beweis brauche. Dass sie mich liebt, weiß ich. Die Frage ist doch, ob man sie dort wieder weglassen wird.«

»Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, mein Freund. Sie wird zurückkommen, glaube es mir. Wetten werden gerne noch angenommen.«

Soko grinste herausfordernd und streckte Effel die Hand entgegen. »Schlag ein, du darfst den Wetteinsatz bestimmen.« Sie wetteten oft und gerne miteinander, einfach zum Spaß und um alle möglichen Sachen. Aber auch dieser Versuch ging ins Leere.

»Lass gut sein, Soko, darum wette ich nicht. Ich finde es aber nett von dir, dass du mich aufheitern möchtest.«

»Da ist aber noch etwas ... ich sehe es dir doch an ... rück schon raus mit der Sprache«, forderte Soko ihn jetzt auf. Er hatte Effel noch nie so niedergeschlagen erlebt, ausgenommen damals, als sein Großvater gestorben war, aber da war er noch ein Kind gewesen.

»Mir kannst du alles sagen ... das weiß du.«

Der Schmied trank sein Glas in einem Zug aus und wischte sich mit der Hand über den Mund. Ein paar Tropfen hatten sich in seinem Bart verfangen.

»Den solltest du probieren, mein Freund, der ist schon fünf Jahre alt, ein Spitzenwein. Erinnerst du dich an jenen Herbst? Bis in den November hinein hatten wir gutes Wetter gehabt. Bestimmt wird es in diesem Jahr wieder so – oder wann hatten wir den letzten Oktober, der so viel Sonne hatte? Aber trink nicht zu viel, damit Agatha auch noch etwas abbekommt.«

Er zwinkerte Effel aufmunternd zu und putzte sich die Hand an einem Küchentuch ab. Was als erneute Aufmunterung gedacht war, verfehlte auch jetzt seine Wirkung und verpuffte ins Leere.

»So, ich werde euch mal einen Moment alleine lassen, ich brauche unbedingt eine Dusche. Aber trink nicht alles weg, lass mir was übrig und pass auf Sam auf, der schnuppert schon bedenklich nach dem Käse.«

Er verließ lachend die Küche. Zwanzig Minuten später war er zurück und nahm wieder am Tisch Platz. Diesmal in einer neueren Hose und einem frischen Hemd.

»Hast du überhaupt etwas getrunken? Sitzt da, wie ich dich verlassen habe. So habe ich dich ja lange nicht erlebt.«

Effel sah Soko jetzt direkt an, beugte seinen Kopf nach vorne und nippte nur vorsichtig an seinem Glas, als wenn der Inhalt kochend heiß wäre oder vielleicht sogar verdorben.

»Hör mal, wenn du meinen Wein nicht würdigst, bekommst du Wasser, davon habe ich reichlich.«

Er grinste. Dieser Versuch verfehlte seine Wirkung nicht.

»Ja, da ist noch etwas, das mich beschäftigt ... du hast recht. Tut mir leid, wenn ich so abwesend war, aber ich musste nachdenken.«

»Und, magst du mir sagen, was bei deiner Nachdenkerei herausgekommen ist?« Sokos Neugier war erwacht. »Die Frauen sind im Dorf, du hast also alle Zeit der Welt. Meine Mutter wollte ein paar Freundinnen besuchen, die sie lange nicht gesehen hat. Ich habe Agatha gebeten, sie zu begleiten, weil sie doch noch etwas unsicher auf den Beinen ist. Noch solch ein Sturz würde gerade noch fehlen. Sie hat Glück gehabt, dass sie sich nicht den Oberschenkelhals gebrochen hatte. Nach so etwas stehen alte Leute fast nie mehr auf.

Kannst also beruhigt sein, wir werden nicht gestört ... jedenfalls sicher nicht die nächsten zwei Stunden. Vielleicht auch drei. Wenn meine Mutter erst einmal Fahrt aufgenommen hat«, meinte Soko.

Effel blickte in sein Glas, als ob er erwarte, dort eine geheimnisvolle Botschaft oder vielleicht sogar die Lösung eines Problems entdecken zu können.

»Ich habe Nikita nicht alles gesagt«, erklärte er jetzt geradeheraus und schaute den Schmied direkt an, »ich habe ihr etwas Wichtiges verschwiegen. Ich wollte es sagen, aber es war mir nicht möglich.« Er machte seufzend eine Pause.

Soko hatte inzwischen sein eigenes Glas wieder gefüllt und erwiderte ruhig und erwartungsvoll den Blick des Freundes.

Aus dem nahen Wald war der Ruf eines Hähers zu hören, aus der Werkstatt das leise Prasseln des Feuers und aus den Verschlägen dahinter manchmal das heisere Jaulen eines kranken Hundes. Der große Kachelofen, auf dessen Bank es sich zwei Katzen gemütlich gemacht hatten, verbreitete eine wohlige Wärme.

»Es war dir nicht möglich? Was hast du Nikita verschwiegen? Dass du mit Saskia ...?«

»Nein, das mit Sas weiß sie. Das habe ich ihr schon im Tal bei unserer ersten Begegnung gesagt. Ich glaube, in den zwei Tagen, in denen wir dort waren, haben wir uns alles erzählt. Nein, es geht um diese Pläne, die wir gefunden hatten. Sie wird damit Probleme bekommen.«

»Probleme? Inwiefern?« Der Schmied legte die Stirn in Falten.

»Nun, ich habe damals, als ich sie angefertigt hatte, eine wichtige Berechnung verschlüsselt. Ich habe bei dem Prozess, bei dem es um die Umwandlung der Ätherenergie in elektrische Energie geht, einen Rätselcode eingebaut. Vielleicht hatte ich Angst, dass meine Arbeit einmal in die falschen Hände geraten könnte ... oder es war reine Spielerei, wer weiß. Ich hatte wohl früher schon ein Faible für Rätsel. Die Pläne bestehen nicht nur aus Zahlen und Berechnungen, sondern auch aus sehr viel Text, in dem alles erklärt wird, das meiste in lateinischer Sprache.«

»Ätherenergie in elektrische Energie umwandeln? So wie wir es mit Wasser und Sonne machen?«

»Ja, so ungefähr kann man sich den Prozess vorstellen, nur dass eben die Ätherenergie in unendlicher Menge und zu jeder Zeit zur Verfügung steht. Du musst dir das so vorstellen, dass man mit einer Art Staubsauger die Neutrinos aus dem Universum ansaugt, zur Erde leitet und dort in einem Transformator umwandelt. Also sehr vereinfacht gesprochen, aber anders kann ich es dir nicht schildern. Dieser Transformator muss allerdings ziemlich groß sein, na ja, vielleicht kann man das Ganze heute kleiner bauen. Vor tausend Jahren hätte ich es dir wahrscheinlich viel besser darlegen können.«

»Das hat mir vollkommen genügt.« Der Schmied grinste.

»Wenn Nikita und Professor Rhin es nicht schaffen, dieses Rätsel zu lösen, können sie nicht weitermachen. Ich kann mir wirklich nicht erklären, warum ich das getan habe, weil es damals … ich meine früher … eigentlich keinen Sinn gemacht hatte. Dieses Myonprojekt war reine Theorie. Ich habe mit dieser sicherlich guten Idee, mit der ich allerdings alleine dastand, einfach ein wenig herumgespielt. Es war zur damaligen Zeit für die Wissenschaft einfach unvorstellbar, dass man Energie aus dem Äther gewinnen könnte. Die meisten meiner Zeitgenossen hielten mich für einen überdrehten Spinner und lachten mich aus. Na ja, bis auf den König. Deswegen mussten wir ja auch fliehen. Aber davon habe ich dir ja schon erzählt.«

Effel blickte ernst drein. »Nikita wäre nicht hier gewesen, wenn man sich das in der Neuen Welt nicht vorstellen könnte.

Damals jedenfalls gab es überhaupt keine technischen Möglichkeiten, solch eine Maschine zu bauen … wahrscheinlich gab es die nirgendwo auf der Welt. Ich aber habe immer daran geglaubt, dass es eines fernen Tages möglich sein könnte. Deswegen brachten wir die Pläne in dem Tal ja auch in Sicherheit.«

Der Schmied sah Effel fragend an.

»Du hast deine Erfindung damals … verschlüsselt? Hach … lass mich raten, du weißt die Lösung des Rätsels nicht mehr, stimmt`s? Kennst du denn den Text des Rätsels noch?«

Effel nickte ohne aufzuschauen, dann schüttelte er verneinend den Kopf: »Nein, das alles weiß ich eben nicht mehr, es ist wie … wie … als wenn es jemand aus meinem Gedächtnis gelöscht hätte.«

Soko lachte plötzlich schallend auf.

»Was gibt es denn da zu lachen?«

»Ich kann nicht mehr … was meinst du, was die da drüben für Augen machen werden … wenn … wenn sie das entdecken … hahahaha!« Er schnappte nach Luft. Dabei klopfte er sich mit beiden Händen auf die Schenkel, dass es nur so klatschte. Er hielt sich den Bauch und hob sein Glas.

»Lass uns darauf trinken, Bruder, der ganze Aufwand für nichts und wieder nichts!«

Er hatte Tränen in den Augen und gleich darauf fügte er hinzu: »Oh, entschuldige, für nichts stimmt ja nicht, immerhin hast du … also habt ihr euch ja dadurch kennengelernt. Haha, zwei gewinnen, alle anderen verlieren, das ist zu köstlich! Ein Grund mehr, einen darauf zu trinken … also ich finde das …«

»Natürlich werden sie das Rätsel entdecken, es steht ja ziemlich deutlich da«, unterbrach Effel ihn, »deswegen ist es auch gar nicht so witzig. Diesem Professor Rhin wird es sofort auffallen, da bin ich mir sicher ... bei allem was Nikita mir über ihn erzählt hat. Und wenn sie selber sich näher damit beschäftigt, wird sie es auch bemerken ... das ist mal so klar wie der Bach, der hinter deinem Haus vorbeifließt.«

»In lateinischer Sprache hast du die Texte verfasst? Hattest du mir nicht erzählt, dass du damals in Frankreich gelebt hast?«

»Vielleicht habe ich es in Latein verfasst, weil nur wenige Menschen diese Sprache beherrschten, wenn man einmal von Priestern, Ärzten und Mönchen absieht.«

»Na ja, wie auch immer, eine gewisse Komik hat es, das musst du zugeben. Ich finde es jedenfalls lustig. Aber mal Spaß beiseite. Wenn dieser Professor, oder wer auch immer, bemerkt, dass du damals dieses Rätsel verwendet hast, um eine Berechnung zu verschlüsseln ... meinst du nicht, dass sie es lösen können?«

Soko stellte sein leeres Glas ab.

»Vielleicht, aber was, wenn sie es nicht können? Es wird sicherlich sehr knifflig sein, so wie ich damals gedacht habe«, lächelte Effel jetzt zum ersten Mal. Soko grinste.

»Lass sie doch ruhig ihr Hirnschmalz bemühen, sie bekommen den Hauptteil ja schließlich frei Haus geliefert. Wahrscheinlich schmücken sie sich noch damit … werden garantiert drüben als Helden gefeiert. Ich meine, wenn man mit deiner Maschine wirklich Energie gewinnen kann. Na, und wenn sie es nicht schaffen, kommt sie ja in jedem Fall bald wieder. Etwas Besseres kann dir doch gar nicht passieren!«

»Nein, jemand anderer wird kommen«, erwiderte Effel, »glaubst du wirklich, sie schicken Nikita noch einmal hierher? Nein, die lassen sie nicht noch mal gehen. Vielleicht kommen sogar mehr von ihnen. Jetzt, wo man ihnen den kleinen Finger gereicht hat, könnten sie die ganze Hand haben wollen. Mir wird gerade übel, wenn ich an die Möglichkeiten denke, die sie haben. Aber letztlich wird es nichts nutzen, denn ich erinnere mich nicht an das Rätsel ... es sei denn …«, Effel überlegte, »… Perchafta hilft mir noch einmal bei einer Rückführung.«

»Du meinst, er macht mit dir eine dieser Zeitreisen, von denen du mir erzählt hast? Du glaubst, das würde er tun? Und was dann? Willst du dann rüber und es ihnen erzählen? Hahaha!«

»Ja, das meine ich, warum denn nicht? ... Oh mein Gott«, Effel blickte seinen Freund erschrocken an, »die Anderen werden kommen und versuchen, es aus mir herauszuholen. Sie werden nicht viel Zeit damit verschwenden, das Rätsel selber zu lösen. Wenn dort drüben erst einmal bekannt wird, dass sie meine Pläne haben – und das werden sie veröffentlichen –, werden sie unter enormem Erfolgsdruck stehen.

Viele Menschen wissen, dass damit der Ewige Vertrag gebrochen wurde. Nikitas Reise wird man nicht geheim halten können. Man wird bei der Bevölkerung aber mehr Verständnis bekommen, wenn sie das Ergebnis schnellstmöglich liefern.«

»Dann sollte Perchafta besser nicht helfen. Lass sie nur kommen. Damit werden wir schon fertig«, sagte Soko selbstbewusst und ballte eine Faust. Das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden und hatte einem grimmigen Ausdruck Platz gemacht.

»Außerdem haben wir immer noch die Krulls und deren Freunde an unserer Seite ... wie heißen die Burschen noch? Emurks? Ja genau, die Emurks. Die scheinen ja nicht gerade zimperlich zu sein, nach allem, was man so hört. Und vergiss nicht den Rat der Welten, den es ja auch noch gibt. Du glaubst doch nicht, dass sie sich das ein zweites Mal bieten lassen? Sie würden sich ja selbst vollkommen unglaubwürdig machen. Es wäre geradezu eine Einladung für alle, uns auf dem Kopf herumzutanzen! Wir sind der Rat der Welten, kommt her, wir sind harmlos, wir tun nix, wir reden nur! Das würden sie denen damit sagen«, endete er und schenkte sich ein weiteres Glas ein.

»Du hast recht, Soko, der Rat der Welten hat sich bisher weitgehend aus allem herausgehalten. Sie haben sogar Nikita erlaubt, die Pläne nach Hause zu nehmen, was mich, ehrlich gesagt, gewundert hat. Vielleicht haben sie dem nicht so viel Bedeutung beigemessen wie ganz offensichtlich Nikitas Bosse. Ich habe ihr alles gerne überlassen, weil sie dieses Projekt verwirklichen kann. Wenn es ihnen dort in der Neuen Welt gelingt, das Rätsel zu lösen, werden sie es schaffen, meine Maschine zu bauen. Dieser Professor Rhin scheint ja ein helles Köpfchen zu sein und dass Nikita viel von ihrem Handwerk versteht, steht außer Frage. Was die Emurks betrifft, mein Freund, vergiss sie! Auf die werden wir nicht zählen können. Die müssten inzwischen längst in ihrer Heimat angekommen und verdammt froh sein, nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun zu haben. Die werden sich in gar nichts mehr einmischen. Freiwillig haben sie es das letzte Mal ja auch nicht getan.«

»Aber warum hast du Nikita nichts davon erzählt, als sie noch hier war? Seit wann weißt du das mit dem Rätselcode?«

»Das ist eine berechtigte Frage. Ich wollte es ihr als mein letztes Geschenk mitgeben. Sie mag doch Rätsel genauso wie ich … und das wertvollste wollte ich ihr eben zum Abschied schenken. Es sollte eine Überraschung sein. Es war schwer genug, so lange den Mund zu halten. Wie gesagt, kannte ich das Rätsel mit Lösung nach einer meiner Zeitreisen, die ich mit Perchafta unternommen hatte. Da hatte ich alles gesehen, ganz klar. So sicher, wie ich hier sitze. Ich wollte es ihr am Waldrand von Elaine verraten, bevor sie in dieses U-Boot gestiegen ist, bis dahin wusste ich es noch. Aber plötzlich war ich total blockiert! So als ob mir genau in diesem Moment jemand verboten hätte, es zu verraten. So verrückt das auch klingen mag. So sehr ich mich später auf dem Heimweg auch angestrengt habe, mich zu erinnern … es war weg und es blieb weg. Bis heute.«

»Warum sollte es jemanden geben, der das verbietet? Das macht doch keinen Sinn, dann hätten sie die Pläne nicht erst mitzugeben brauchen.«

»Du meinst, es sei jemand vom Rat der Welten gewesen? Ich habe keine Ahnung und irgendwie ist das ja auch, wie du schon sagst, ein Widerspruch. Ich habe mir mehr als einmal die Frage gestellt, warum sie es den Forschern drüben unnötig schwer machen sollten, wenn es für sie keine Bedeutung hat«, Effel zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck Rotwein.

»Was sagt denn Mindevol dazu?«

»Das weiß ich nicht. Ich konnte es ihm noch nicht erzählen. Er ist in Winsget und kommt erst morgen zurück. Jedenfalls bin ich letzte Nacht schweißgebadet aufgewacht, als ich von diesem blöden Rätsel geträumt habe und was das für Konsequenzen haben könnte, wenn sie es nicht lösen können.«

»Nun, dann bin ich auf Mindevols Meinung gespannt ... obwohl ... aus irgendeinem Grund glaube ich, dass er von allem bereits weiß. Vielleicht von Perchafta, diesem Schlaufuchs.«

Soko schnitt sich eine dicke Scheibe Käse ab. Er legte sie auf ein Stück Schwarzbrot und biss herzhaft hinein.

»Du solltest auch etwas essen«, meinte er dann undeutlich, »dann sieht die Welt gleich ganz anders aus. Falls Nikita doch zurückkommt, wäre sie sicher nicht erfreut, wenn du inzwischen verhungert wärest ... ich möchte jedenfalls daran nicht schuld sein.«

Er schob seinem Freund Käse und Brot hinüber.

»Vielleicht hast du recht«, meinte Effel lächelnd und griff zu. Kauend fragte er dann: »Wie kommst du darauf, dass es Mindevol von Perchafta weiß?«

»Weil Perchafta ihn stets auf dem Laufenden hält, das hat er dir doch selbst gesagt.«

»Das macht Sinn, sie sind sehr gute Freunde ... warten wir also Mindevols Rückkehr ab, er wird sicher einen Rat zur Hand haben. Aber jetzt zu einem anderen Thema, mein Freund. Was ist mit dir und Agatha? Wie geht es euch Turteltäubchen? Entschuldige, ich habe nur von mir geredet.«

Der Schmied errötete leicht und nahm sein Glas. Er drehte es in seinen riesigen Händen hin und her, so als erwarte oder erhoffte er von dem Wein, dass er für ihn das Sprechen übernehmen würde.

»Was soll mit uns sein?«, fragte er dann mit Unschuldsmiene. Ihm war klar, dass Effel nicht locker lassen würde.

»Ach komm schon, lass dir die Würmer nicht einzeln aus der Nase ziehen.«

Effel lächelte amüsiert.

»Was soll ich dazu schon sagen ... ich hätte jedenfalls nie gedacht, dass sie …«

»Sich für dich interessiert«, wurde er von Effel unterbrochen, »wolltest du das sagen? Mann, Mann, Soko, das ganze Dorf hat es gemerkt, nur du nicht! Die Leute haben sich schon lustig gemacht über dich. So krank war deine Mutter nun auch wieder nicht, dass sie eine Dauerpflege gebraucht hätte. Agatha kam auch deinetwegen!«

»Sie ist so wunderschön …«, meinte der Schmied versonnen und schaute wie ein frisch verliebter Teenager.

»Ja klar ... und du bist der hässlichste Mensch auf Erden, nicht wahr? Die Schöne und das Biest. Dass ich nicht lache! Unsere Theatergruppe kann das Stück ja beim nächsten Mal gleich hier bei dir aufführen ... hinter deinem Haus … auf der Waldbühne!« Effel lachte, seine Stimmung hatte sich schlagartig gewandelt.

»Ja, lach du nur. Schau dir meine Hände an, alles voller Schwielen ... und …« Der Schmied hielt Effel seine Hände hin. Der unterbrach ihn.

»Soko, jetzt hör aber auf, ich habe deine Hände schon hundertmal gesehen. Agatha scheint jedenfalls kein Problem mit ihnen zu haben«, grinste er, »schau dich doch an. Ich kenne keinen stattlicheren Mann. Und was noch viel wichtiger ist, du hast ein großes Herz. Das sehe ich auch, wenn ich hinter dein Haus gehe und all die kranken Tiere betrachte. Du hast einen tollen Beruf, in dem du wunderschöne und nützliche Dinge herstellst. Du bist ein angesehener Mitbürger und die Leute mögen dich ... und ... ich bin wirklich stolz, dein Freund zu sein. Das Einzige, was dir allerdings jetzt zur Vollkommenheit noch fehlt, ist ein passendes Hemd. Aber das wird sich ja jetzt wohl ändern, wo eine Frau im Haus ist.«

Effel lachte auf und Soko schaute ihn dankbar an. »Danke für die Komplimente, mein Freund, es tut gut, das zu hören. Ich glaube, ich war zu lange alleine ... mit meiner alten Mutter und all den Tieren dort hinten. Ich bin zurzeit der glücklichste Mann auf Erden, das kann ich dir sagen ... und weißt du was? Wenn Agatha nicht den ersten Schritt getan hätte, säße ich wahrscheinlich heute noch allein in meiner Schmiede.«

»Machen die Frauen nicht immer den ersten Schritt?«

»Wahrscheinlich ist es so, jedenfalls ... wenn man sich so umhört. Nikita hat ja sogar einen Riesenschritt gemacht.«

Soko lächelte und bereute es sofort, als er sah, dass Effels Miene gerade wieder im Begriff war, sich zu verfinstern, allerdings nur für einen kurzen Moment.

»Ja, das kannst du laut sagen, einen gewaltigen Schritt hat sie getan, gleich über den großen Teich in eine andere Welt! Wenn sie sicher auch nicht damit hatte rechnen können, dass wir uns hier begegnen würden. Aber lenke nicht vom Thema ab ... wie war das mit Agatha?«

»Mann, das ist schnell erzählt ... zumindest der Teil, der dich etwas angeht«, grinste Soko.

»Als ich eines Abends von der Arbeit kam, war der Tisch, also dieser Tisch hier, festlich gedeckt ... mit allem, was so dazugehört ... sogar Blumen waren drauf und Agatha stand da, in einem Kleid ... Mann, Mann, Mann! Ich muss ziemlich bescheuert ausgesehen haben, wie ich so mit offenem Mund in der Tür gestanden bin. Ungefähr wie ein Kind, das den Nikolaus sieht, obwohl es nicht mehr an ihn glaubt. Und sie? Sie hat nur gelacht und gemeint, dies sei ihr letzter Abend bei uns, denn meine Mutter sei wieder vollkommen gesund, und das wolle sie mit uns gemeinsam feiern. Sie hatte sogar gekocht, mein Lieblingsessen ... meine Mutter hatte es ihr verraten.

Zwei Stunden haben wir zusammengesessen und getafelt ... alles vom Feinsten, sag ich dir ... und als sich meine Mutter in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, haben wir bestimmt nochmals zwei Stunden drüben am Kamin gesessen und erzählt und erzählt. Danach wussten wir alles voneinander. Ich glaube, ich habe Agatha an diesem Abend zum ersten Mal richtig angesehen ... wenn du weißt, was ich meine ... nicht nur angeschaut.

Wenn ich sie in der Goldenen Gans oder sonst wo getroffen habe, habe ich mich einfach nie getraut sie anzusprechen. Meistens war sie ja auch mit einer Freundin unterwegs. Eigentlich sollte ich meiner Mutter dafür danken, dass sie hingefallen ist.« Soko lachte. »Gut, dass sie das jetzt nicht gehört hat.«

»Wie gesagt, alles ist für irgendetwas gut«, meinte Effel.

»Bin nur gespannt, wofür das mit diesem bescheuerten Rätsel gut sein soll. Aber erzähl mal weiter, da kommt doch noch was?«

Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

»Sie hat so ein wunderschönes Lachen. Wusstest du, dass sie Grübchen hat? Nun ... ich kann dir wirklich nicht sagen, was mich beim Abschied – sie hatte schon ihren Mantel an – geritten hat. Jedenfalls habe ich sie spontan in den Arm genommen, um mich bei ihr für alles zu bedanken. Ich wüsste gar nicht, wie ich das alles alleine geschafft hätte ... hab ich ihr noch gesagt. Und dann, plötzlich, hat sie mich einfach geküsst ... und das war ... wie soll ich dir das erklären ... einfach unbeschreiblich! So ... und der Rest geht dich nichts an. Jedenfalls ist sie an diesem Abend nicht mehr heimgegangen. Auf Agathas Wohl, mein Freund.«

Der Schmied hob sein Glas, trank es in einem Zug aus und nickte Effel lachend zu.

Der leerte sein Glas ebenfalls. Seiner Erinnerung nach hatte Soko noch nie so viel an einem Stück geredet.

»Ich freue mich für euch«, sagte er, nachdem Soko nachgeschenkt hatte, »ihr habt es beide verdient und es gibt wohl niemanden hier, der euch euer Glück neidet.«

»Und ich hatte schon gedacht, dass ich mein Lebtag alleine bleiben werde. Dass ich das noch erleben darf, ist wirklich ein großes Wunder. Und weißt du was? Sie liebt Tiere. Ist das nicht großartig? Und wie du siehst, fühlen sich ihre Katzen hier auch schon zu Hause.«

»Ich habe immer darauf vertraut, dass eines Tages die Richtige kommt und dich aus deinem Einsiedlerdasein, oder sollte ich besser sagen Dornröschenschlaf, herausholt«, sagte Effel lächelnd, »aber dass sie bereits so nah war … wer hätte das gedacht? Nun, das bestätigt mal wieder, was Mindevol mehr als einmal gesagt hat: Warum denn in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah. Das stimmt ganz offensichtlich – von wenigen Ausnahmen abgesehen«, ergänzte er und ein Hauch von Wehmut huschte über sein Gesicht. Dann aber fuhr er gut gelaunt fort: »Jetzt weiß ich auch, warum du einen solch großen Tisch hier hast. Es passen noch ein paar Kinder dran.«

»Nun mach aber mal halblang, gut Ding will schließlich Weile haben. Erst genießen wir mal die Zeit zu zweit. Für Kinder ist dann immer noch Zeit. Agatha ist noch jung.«

Effel gefiel es, wie sein Freund abermals rot geworden war.

»Hast du etwas von Saskia gehört? Weißt du, wie es ihr geht?«, fragte der Schmied jetzt und schalt sich sogleich innerlich dafür, in dieses Fettnäpfchen, wie er glaubte, getreten zu sein.

Aber Effel schien ihm die Frage nicht übel zu nehmen.

»Ich weiß zwar nicht, wie du gerade jetzt auf Saskia kommst … nein, Soko du brauchst keine schlechtes Gewissen zu haben«, meinte Effel, dem die Mimik seines Freundes nicht entgangen war.

»Ihna ist gerade mit Brigit bei ihr in Haldergrond zu Besuch. Das hat mir ihre Mutter erzählt. Sie wird mir später bestimmt berichten, wie es Saskia geht ... und zwar in allen Details«, lächelte er und fuhr fort. »Wenn du mich fragst, es war die richtige Entscheidung von ihr, nach Haldergrond zu gehen. Da gehört sie einfach hin ... es war schon ihr Kindheitstraum.

Sie hat so viele Talente und wie du weißt, hat sie sich seit Langem der Heilkunst verschrieben gehabt. Sie konnte gar nicht erwarten, ihren Schulabschluss zu machen, damit sie mit ihrer Ausbildung beginnen konnte. Mira sagte mir neulich erst, dass sie nie eine begabtere Schülerin gehabt hätte, und Petrov weint sich heute noch die Augen aus, weil sie nicht bei ihm Musik studiert. In Haldergrond hat sie jetzt beides, Heilkunst und Musik. Für unsere Ehe hätte sie diesen Traum geopfert und ich glaube, dass ich immer ein Schuldgefühl gehabt hätte. Wirklich eine tolle Voraussetzung für eine dauerhafte Ehe ... nein, es ist schon alles richtig, so wie es gekommen ist, glaub es mir. Aber ich werde mich ja sehr bald persönlich überzeugen können.«

»Persönlich?«

»Ja, ich werde zum Tag der offenen Tür hinfahren. Sie veranstalten zweimal im Jahr nach den Prüfungen solch einen Tag, mit verschiedenen Konzerten, einem Markt und Vorträgen. Wusstest du das nicht? Fährst du mit? Wir können die Räder nehmen. Kannst dein neues Fahrrad gleich einweihen. Du warst auch noch nie dort, stimmts?«

»Nein, ich war noch nie in Haldergrond, aber ich werde nicht mitfahren können. Neugierig bin ich schon, besonders weil Saskia dort ist. Aber ich habe sehr viel zu tun, nicht nur in der Schmiede. Ich werde mir wohl demnächst einen Mitarbeiter suchen. Agatha hat schon angedeutet, dass sie mehr Zeit mit mir verbringen möchte.«

»Was ich sehr gut verstehen kann.«

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Sam hatte schon vor kurzer Zeit den Kopf gehoben und die Ohren gespitzt, sich dann aber wieder entspannt niedergelegt.

»Wer mag das sein ... um diese Zeit?«, fragte der Schmied mehr sich selbst und erhob sich langsam.

»Na, das werden wahrscheinlich deine Frauen sein«, meinte Effel, »oder hast du die schon vergessen? Sam hat sie eben schon gehört.«

»Du Spaßvogel … die klopfen nicht an … nein, ich geh mal schauen. Es will hoffentlich niemand dringend ein Pferd beschlagen haben, ich habe schon zwei Gläser getrunken – oder waren es drei?«

»Es waren eher vier, mein Freund.«

Kurz darauf kam Soko mit einem sehr verzweifelt dreinblickenden Jussup im Schlepptau wieder herein. Schweißnasse Haarsträhnen hingen ihm über der Stirn, als er seine Mütze abnahm und in seinen Händen unbeholfen knetete. Mit traurigen Augen begrüßte er Effel.

Der sprang auf und hatte sofort eine böse Ahnung.

»Was ist passiert? Was treibt dich zu solch später Stunde hierher? Ist etwas mit ...«

»Ja,« wurde er von dem Mann unterbrochen, »Jelena ist plötzlich sehr schwach geworden, sie konnte nicht mehr aufstehen ... ich bin so schnell gefahren, wie ich konnte. Ich war schon bei Mindevol, aber der ist nicht da. Mira meinte, er sei für ein paar Tage nach Winsget. Sie packt nur schnell ein paar Sachen zusammen. Ich soll dich, Soko, fragen, ob du mitkommst. Sie könne jede Unterstützung brauchen, meinte sie.

Jelena weiß nicht, dass ich losgefahren bin. Sie sagte vor zwei Tagen noch, als es anfing schlechter zu werden, alles sei richtig so, wie es ist, wir sollten uns keine Sorgen machen ... ob wir denn annähmen, dass sie ewig leben würde ... na, ihr kennt sie ja.«

»Ich bin ebenfalls dabei ... wenn du noch Platz in deiner Kutsche hast …«, bot sich Effel gleich an. Er verehrte die Vorsitzende des Ältestenrates, und zwar nicht nur, weil er es auch ihr indirekt zu verdanken hatte, dass er Nikita kennengelernt hatte.

»Ja, Platz habe ich genug«, meinte Jussup jetzt, »weil es so eilig ist, habe ich den Vierspänner genommen, er steht oben am Weg. Es war die schnellste Fahrt meines Lebens, kann ich euch sagen. Lieber wären mir noch sechs Pferde gewesen, aber mein Schwager hat sich vorgestern die beiden Schimmel für eine große Hochzeit in Sardi ausgeliehen. Die einzige Tochter des berühmten Dirigenten Claudio Abbado … er kutschiert die Braut zur Zeremonie.«

»Ich wusste gar nicht, dass Abbado eine Tochter hat«, sagte Soko und wandte sich an Effel.

»Ist dir bekannt, dass die Abbados seit vielen Generationen immer Dirigenten in ihrer Familie hatten?«

»Nein ist es nicht, aber ich bin ja auch nicht so bewandert in klassischer Musik wie du und Saskia.«

»Jetzt tu aber nicht so«, lachte der Schmied und wandte sich wieder an Jussup, der inzwischen das große Wasserglas, das er ihm eingeschenkt hatte, in einem Zug geleert hatte.

»Ich bin bereit, Jussup, eine Tasche ist für solche Fälle immer gepackt.«

»Mein Überfall zu solch später Stunde tut mir leid, Soko, ich wollte deine Mutter nicht erschrecken und hier mit Getöse vorfahren«, entschuldigte sich der Angesprochene. »Wie gesagt, Effel, du kannst auch gerne mitkommen. Jelena wird sich sicher freuen, dich zu sehen. Sie ist über dein Abenteuer immer informiert gewesen. Mein Gott, wir kommen hoffentlich nicht zu spät.«

»Dann werde ich schnell ein paar Sachen packen und Sam bei meinen Eltern abgeben ... wir treffen uns bei Mira, gib mir eine halbe Stunde ... höchstens! Länger brauche ich nicht«, erwiderte Effel und im Hinausgehen rief er noch: »Vielen Dank für alles, Soko, wir reden später weiter.«

Dann war er auch schon verschwunden und Sam sprang ihm hinterher.

»Komm, Jussup«, Soko machte eine einladende Geste, »setz dich, es ist noch Brot und Käse da … und ein Schluck Wein kann jetzt auch nicht schaden, was meinst du? Nur von Wasser kann der Mensch schließlich nicht leben. Ich mache dir auch gerne einen Kaffee oder einen Tee?«

»Vielen Dank, mach dir bitte keine Mühe«, Jussup rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, die Jacke hatte er anbehalten.

»Das ist sehr freundlich, ich nehme deine Einladung an. Das Wasser genügt mir und das Brot … hm …das riecht gut und sieht sehr gut aus, sicher selbst gebacken nicht wahr?«

»Ja, Agatha hat es gebacken«, sagte Soko stolz.

»Dann bin ich so frei und nehme mir eine Scheibe.«

»Warte, ich schneide dir noch etwas von dem Bergkäse ab und nimm auch von der Butter. Du musst hier kein trockenes Brot essen. Iss du mal in Ruhe, ich gehe schnell nach draußen und schaue nach deinen Pferden. Die dürften ebenfalls durstig und hungrig sein … die Pause wird ihnen guttun. Gib uns allen eine halbe Stunde. Fühl dich bitte wie zu Hause, Jussup.«

Mit diesen Worten verließ der Schmied die Stube, griff sich einen Wassereimer, der neben dem Eingang stand, und lief zum Brunnen. Bald darauf waren Jussups Pferde trocken gerieben und mit Hafer und Wasser versorgt. Soko hatte darauf geachtet, nicht zu viel zu geben, da Jussup sie auch auf der Rückreise sicher nicht schonen würde. Nachdem er die Tiere versorgt hatte, verstaute er seine Tasche im Inneren der Kutsche. Ein paar Minuten später saßen die beiden Männer auf dem Bock, Jussup nahm die Zügel in die Hand und ließ die Pferde zunächst in einem leichten Trab den Weg nach Seringat nehmen. Soko hatte noch einen Zettel geschrieben, ihn auf den Küchentisch gelegt und zum Schluss, fast schon im Gehen, ein kleines, ungelenk gemaltes Herz hinzugefügt.

***

Kapitel 5

Chalsea Cromway hatte Nikitas MFB aufgesetzt und betrachtete kopfschüttelnd und staunend die Bilder aus der Alten Welt.

»Der sieht aber toll aus!«, rief sie auf einmal begeistert.

»Ich glaube, ich lebe in der falschen Welt«, fuhr sie dann leiser fort, weil sich einige Gäste an den Nebentischen umgedreht hatten. Dann runzelte sie die Stirn und flüsterte: »Aber ... was um Himmels willen ... hat er da bloß an?«

»Das ist ein Wollpullover. Stell dir vor, ein Pullover aus echter Schafswolle! In der Alten Welt trägt jeder Kleidung aus natürlichen Stoffen. Vieles von dem wäre wahrscheinlich nicht ganz nach deinem Geschmack, einmal davon abgesehen, dass du allergisch reagieren und dir die Haut vom Leib kratzen würdest … wie die meisten hier.«

Nach einem kleinen Moment fügte sie hinzu: »Weißt du, es war wie eine ... Zeitreise in die Vergangenheit oder in ein anderes Universum ... und doch war es fast nebenan. Außerdem habe ich einen Traum bestätigt bekommen, den ich immer wieder gehabt hatte ... noch lange bevor ich wusste, dass ich diese Reise antreten würde.«

Chalsea nahm die Brille ab.

»Einen Traum? Du hast mir nie davon erzählt.«

»Weil ich weiß, wie du dazu stehst. Aber ich hatte mehr als einmal von dem Tor in dem Tal von Angkar Wat geträumt ... und es sah wirklich genauso aus wie in meinem Traum ... einfach unglaublich! Nur Effel Eltringham ist dort nie aufgetaucht. Mir ist er in der Realität auch lieber«, lächelte sie.

»Und wie ist er so ...«, Chalsea zögerte einen Moment.

»Im Bett ... wolltest du doch fragen«, lachte Nikita. »Ich kann dich beruhigen, auch da gibt es keinen Grund zur Klage. Mehr wirst du aus mir aber nicht herausbekommen.«

»Brauchst nix mehr zu sagen«, zwinkerte Chal ihr zu, »ich kann verstehen, dass es dir schwergefallen ist zurückzukehren.«

Sie winkte den Kellner heran.

»Was darf ich den Damen bringen? Nikita, schön Sie zu sehen, ich hatte Sie schon vermisst. Mrs. Cromway hatte mir schon erzählt, dass Sie in den Südstaaten waren.«

Er lächelte freundlich.

»Für mich einen Eisbecher mit Früchten und einen Café, schwarz bitte.«

»Danke, Paul. Bringe mir bitte einen Café Crème … ach, und eine Flasche Wasser.«

Paul tippte die Bestellungen in sein Tablet und ging zum nächsten Tisch.

»Du hast ihm was erzählt? Dass ich in den Südstaaten war?«

»Was sollte ich denn machen, ich wusste doch selbst nicht mehr und er hat ständig nach dir gefragt. Ich wollte schon gar nicht mehr herkommen, richtig nervig war das.«

Dann wandte sich Chalsea wieder den Fotografien zu. Sie betrachtete eingehend eines der letzten Bilder. Effel stand mit zwei Pferden an einem Waldrand und schien zu winken. Es war eine Nahaufnahme, obwohl Nikita zu diesem Zeitpunkt schon kurz davor gewesen war, das U-Boot zu besteigen. Es war ihr letzter Blick auf Effel gewesen.

»Was ist das denn?«, fragte Chalsea plötzlich.

»Was ist was?«

»Na das hier, gar nicht weit von deinem Freund … steht da nicht jemand? Da ist doch eine Frau zu sehen! Zwar nur schemenhaft, aber … schau selbst.«

Sie reichte Nikita die Brille.

Beide schwiegen einen Moment lang, während sich Nikita das Bild eingehend betrachtete.

»Hm«, meinte sie dann, »das war mir beim ersten Mal Anschauen gar nicht aufgefallen, aber ich glaube, du hast recht. Da ist noch jemand auf dem Bild. Eine Frau, glaube ich. So sieht es aus … oder es ist der Schatten eines Baumes. Das könnte sein. Merkwürdig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass uns niemand gefolgt war. Na ja, vielleicht waren wir auch nicht so aufmerksam … kannst dir ja denken, warum.«

Nikita konnte sich gut vorstellen, dass jemand vom Rat der Welten beauftragt worden war, ihre Abreise zu überwachen, wollte dies aber im Moment nicht weiter kommentieren. Chal hatte schon genug Merkwürdigkeiten zu verdauen. Sie reichte ihr die Brille zurück.

»Machst du dir keine Sorgen?«

»Worüber?«

»Na, dass ihm etwas passiert sein könnte.«

»Er kann sehr gut auf sich aufpassen, meine Liebe.«

»Deinen Optimismus hätte ich auch gerne. Hier, du kannst deine Brille wiederhaben. Da kommen jetzt nur noch Bilder von Bushtown und deiner Rückkehr. Unsere Stadt kenne ich schon.«

Chalsea gab Nikita die Brille. Dann umarmte sie ihre beste Freundin. »Ich bin so froh, dass du wieder hier bist. Du hast mir sehr gefehlt.«

»Hey, ist dir etwa langweilig geworden? Was ist mit Pete, ist das mit euch etwa schon vorbei?«, fragte Nikita mit gerunzelter Stirn, weil es ihr merkwürdig vorgekommen war, dass Chal ihren neuen Freund, von dem sie noch vor einigen Wochen gar nicht genug hatte schwärmen können, bisher mit keinem Wort erwähnt hatte.

»Ach«, winkte Chalsea schnell ab und machte einen Schmollmund, »der hatte nur seinen Sport im Kopf, das ist mir zu wenig gewesen. Ich brauche einen Mann, der sich ab und zu um mich kümmert.«

Also ständig, behielt Nikita für sich und grinste.

Dass Chalsea Cromway gerade dabei war, sich alle romantischen Ideen über Männer abzugewöhnen, sagte sie Nikita nicht. Sie unterließ das aus zwei Gründen. Sie wollte deren Romanze nicht zerstören, und außerdem hätte sie ihr wahrscheinlich ohnehin nicht geglaubt. Schließlich war sie selbst noch bis vor Kurzem der Teil ihres Duos gewesen, der an einem Romantizismus litt, der unheilbar zu sein schien.

Sie saßen in ihrem Lieblingscafé, das in einer der mittleren Etagen des Delice lag, dort, wo die meisten Restaurants der Mall zu finden waren. Am frühen Mittag war das Frozen, auf dessen Spezialität schon sein Name hinwies, wohl wegen des schlechten Herbstwetters nicht einmal halb voll. Da die Medien bisher noch nichts berichtet hatten – das würde erst in ein paar Stunden geschehen – hatte Nikita diesen Treffpunkt gewählt.

Chalsea hatte ihr Wasser und den Kaffee bekommen.

Nikita rührte in ihrer Tasse und sah zu, wie sich die helle Creme an der Oberschicht langsam auflöste. Sie überlegte, ob sie ihrer Freundin die nächste Frage zumuten konnte. Irgendwann war sie mit dem Umrühren fertig und legte den Löffel auf der Untertasse ab.

»Glaubst du eigentlich an Reinkarnation, Chal?«

»An was soll ich glauben? An Re…in…kar…nation?«, fragte Chalsea gedehnt und mit zusammengekniffenen Augen. »Habe ich dich richtig verstanden, du meinst wirklich Wiedergeburt?«

»Ja, genau das meine ich ... also, glaubst du daran?« Spätestens jetzt sollte Chalsea wissen, dass ihre Frage ernst gemeint war.

»Nein, natürlich nicht! Das ist absoluter Humbug, das müsstest du als Wissenschaftlerin doch besser wissen. Wir sterben … und aus ist es. Haben sie dir das etwa da drüben eingetrichtert? Wie kommst du denn jetzt auf so etwas?«, fragte sie vorsichtig.

Nikita konnte ihrer Freundin gar nicht böse sein. Vor einigen Monaten hätte sie auf diese Frage ähnlich entsetzt oder mit einem flotten Spruch reagiert. Und jetzt konnte sie sich sogar an all ihre früheren Leben erinnern, wenn sie das wollte.

Sie amüsierte sich in diesem Moment innerlich über die Vorstellung, was die Nachricht, dass sie beide in einem früheren Leben sogar schon einmal Mutter und Tochter gewesen waren ... und Effel der Vater, bei Chalsea wohl auslösen würde.

»Was gibts denn da zu kichern?«

»Ich kichere doch gar nicht.«

»Doch, du kicherst ... innerlich ... ich habs genau gesehen, ich kenne dich.«

»Also gut, du hast recht, aber ich kann dir beim besten Willen nicht sagen, worüber. Du würdest mich auf der Stelle für verrückt erklären«, lachte Nikita jetzt laut.

»Wenn du so weitermachst, tue ich das auch«, lachte jetzt auch Chalsea, »hast du nicht einmal Physik und Psychologie studiert? Müsstest du nicht am besten wissen, wie diese Welt funktioniert?«

»Ja, das habe ich«, sagte Nikita und fuhr fort, »und schon da habe ich gelernt, dass man in diesem Universum nichts vernichten kann ... nur verändern. Schau mal«, sie zeigte auf das Glas Wasser, das neben ihrem Kaffee stand, »auch Wasser kann man nicht so einfach verschwinden lassen. Wenn du es kälter werden lässt, gefriert es irgendwann, und wenn du es genügend erhitzt, verdampft es. Aber in beiden Fällen ist es nicht weg ... es existiert nach wie vor, nur in einem anderen Aggregatzustand.«

»Du meinst also allen Ernstes, dass wir ... verdampfen, wenn es uns in dieser Form«, sie berührte ihren eigenen Arm, »nicht mehr gibt? ... Das ist jetzt nicht dein Ernst! Bitte sag mir, dass du das nicht so meinst.«

»Doch, so ungefähr meine ich das, nur dass der Dampf aus meinem Wasser-Beispiel unser Geist oder unsere Seele ist«, lächelte Nikita, »aber lassen wir das jetzt und freuen uns darüber, dass ich wieder hier bin … in dieser Form.«

Sie hielt es für besser, das Thema erst einmal ruhen zu lassen. Sie hatte ihrer Freundin schon genug zugemutet, indem sie sie ins Vertrauen gezogen hatte, was den Grund und das Ziel ihrer Reise anging. Sie konnte sich vorstellen, was passieren würde, wenn herauskam, dass sie Chalsea eingeweiht hatte, bevor alles von BOSST freigegeben und dann offiziell von den Medien ausgestrahlt wurde. Aber es ging nicht anders, sie brauchte jemanden ihres Vertrauens. Sie konnte das alles unmöglich für sich behalten.

Für dieses Gespräch hatten sie sich ganz bewusst ein öffentliches Café ausgesucht. Ihre eigenen Wohnungen waren Nikita zu unsicher vorgekommen. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass sie dort in jedem Fall überwacht würde. Deswegen hatten sie sich vor zwei Tagen auch auf dem Golfplatz getroffen und eine halbe Runde gespielt, wobei das Spiel deutlich in den Hintergrund getreten gewesen war. Sie waren so in ihr Gespräch vertieft gewesen, dass sie sicherlich drei Flights hatten durchspielen lassen und sich jede Menge Kommentare hatten anhören müssen.

»Also ehrlich, Nik, ich finde dass Freude anders aussieht. Kann es sein, dass du zwar körperlich hier bist, der Rest aber noch ganz woanders ist?«, nahm Chalsea den Faden wieder auf.» Mag sein, nein ... es ist sicher so«, erhielt sie zur Antwort, »ich weiß, dass ich dir nichts vormachen kann.«

Nikita lächelte schwach. Sie fühlte sich innerlich so zerrissen.

Hier war ihre Arbeit an einem der größten Projekte der Menschheit und dort, in der anderen Welt, waren ihr Herz und das Leben, das sie wollte. Sie hatte sich noch nie so vollkommen wohl gefühlt wie in Seringat.

Das Delice war eine der größten Malls der Stadt im unteren Teil des Donald-Crusst-Towers und Nikita bewohnte ein paar hundert Yard weiter oben, im 80. Stockwerk, ein kleines Apartment, von dem aus man einen großartigen Blick auf die Stadt hatte, sofern die Wolken einem nicht gerade die Sicht versperrten. Sie war damals so stolz gewesen, als ihr die kleine Wohnung mit all den neuesten Errungenschaften von ihrer Firma angeboten worden war und sie diese ihren Eltern zeigen konnte. Gegen ihre Studentenbude war das der reinste Luxus.

Im Crusst-Tower wohnen zu dürfen, war ein Privileg, das ansonsten nur bereits verdienten Mitarbeitern der Firma zuteil wurde. Dass sie die Wohnung bekommen hatte, hatte sie anfänglich dem Umstand zugeschrieben, dass ihr Vater Senator war. Später allerdings war ihr klar geworden, dass dies bereits ein Köder für den Auftrag gewesen war, den sie gerade so erfolgreich erledigt hatte.

Nach ihrer Rückkehr vor drei Tagen war ihr das Apartment, auf das sie einmal so stolz gewesen war, wie ein Gefängnis vorgekommen. Ein Vogel in einem Luxuskäfig, war ihr durch den Kopf gegangen, als sie es das erste Mal wieder betreten hatte.

Sie war mit großem Bahnhof empfangen worden. Professor Rhin hatte mit einem riesigen Blumenstrauß am Pier gestanden. Er hatte sie lange umarmt, eine für ihn äußerst ungewöhnliche Geste, und ihr ständig Dinge ins Ohr geschrien wie: »Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf Sie bin … Sie werden in die Geschichte der Wissenschaft eingehen!«

Sechs weitere Personen, von denen Nikita allerdings nur zwei kannte, hatten ihn begleitet. Alma, seine Sekretärin, und der Leiter der Sicherheitsabteilung von BOSST. Später hatte sie erfahren, dass es sich bei den übrigen ebenfalls um Sicherheitsleute der Firma gehandelt hatte. Ihre ganz persönlichen Bodyguards sozusagen.

Dann waren sie in einem der Firmenhelikopter direkt nach Bushtown zum Firmensitz geflogen worden. Noch während des Flugs hatte Professor Rhin einen ersten Blick in die Pläne werfen wollen. Sie konnte das verstehen, ihr wäre es im umgekehrten Fall nicht anders gegangen.

»Erstaunlich, wie gut sie erhalten sind, wirklich sehr erstaunlich«, war sein erster verblüffter Kommentar gewesen.

Er hatte Nikita die Pläne hingehalten.

»Können Sie sich erklären, warum der Text fast ausschließlich in Latein geschrieben wurde? Sagten Sie nicht, dass der Erfinder in Frankreich gelebt hatte?«

»Ja, das stimmt, bevor er hatte fliehen müssen. Ich hatte im Boot die Gelegenheit gehabt, kurz hineinzuschauen. Latein wurde damals von nur sehr wenigen Menschen verstanden, vielleicht war das der Grund.«

Sie hatte ihm noch gesagt, dass sie sich zunächst auch über den guten Zustand der Pläne gewundert hatte. Das hatte natürlich nur für den ersten Moment gegolten, an dem sie diese aus einer der Truhen der Gewölbe der Burg Gisor entnommen hatte. Später hatte sie ja dann eine Erklärung dafür bekommen.

Sie hatte allerdings bezweifelt, ob ihr Chef in dem Moment etwas damit hätte anzufangen gewusst, und so hatte sie für sich behalten, dass die Krulls dafür verantwortlich gewesen waren. Vielleicht würde sich ja später die Gelegenheit ergeben, mit ihm ausführlicher darüber zu reden. In der Empfangshalle der Firma war dann Mal Fisher, ihr oberster Boss, mit großem Begleiterstab und ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen.

»Sehr verehrte Frau Ferrer, ich heiße Sie herzlich ... zu Hause willkommen. Wir sind alle dermaßen begeistert von Ihrem Mut und Ihrem Einsatz, dass man dies in Worten kaum ausdrücken kann. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben und der Menschheit unter Einsatz Ihres Lebens einen großen Dienst erwiesen. Wir sind Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet und wir sind uns bewusst, wie ehrenvoll es ist, Sie in unseren Reihen zu haben.«

Dabei hatte er Nikitas Hand gehalten, als wolle er sie nie mehr loslassen, und ein Kamerateam der PR-Abteilung hatte alles gefilmt. Für einen kurzen Moment hatte Nikita überlegt, ob sie bei Mal Fischers Worten zu Hause nicht ein spöttisches Zucken in seinen Mundwinkeln gesehen hatte und ob sie nicht gleich einen Eimer brauchen würde, um den ganzen Schmalz auffangen zu können, der aus den Worten und Gesten ihres Chefs getroffen war. Jedenfalls hatte er es sich später nicht nehmen lassen, ihr persönlich die extra für dieses Projekt neu eingerichteten Räumlichkeiten zu präsentieren.

»Hier können Sie schalten und walten, Frau Ferrer. Sie haben alle Freiheiten, wenn Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich bitte direkt an mich. Kosten spielen da keine Rolle.

Was möglich ist, werden wir möglich machen, dafür verbürge ich mich. Ich möchte Sie aber jetzt nicht weiter aufhalten, Sie wollen sicher gleich an die Arbeit gehen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gespannt ich auf das Ergebnis bin. Es wird unsere Welt verändern!«

Das hatte er laut gesagt. Dann beugte er sich zu Nikita und flüsterte: »Die Medien sind im Haus. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich später für ein erstes Interview zur Verfügung stellen könnten. Wir werden mit der ganzen Geschichte an die Öffentlichkeit gehen. Machen Sie sich auf einen gehörigen Rummel um Ihre Person gefasst. Sie werden als Heldin gefeiert werden.«

Er hatte gelacht und ihr auf die Schulter geklopft. Kurz darauf war er in einem der Aufzüge verschwunden und hatte eine Nikita zurückgelassen, die seine Begeisterung über den Medienrummel so gar nicht teilen konnte.

Professor Rhin war glücklich. Es hatte sich alles so gut gefügt. Nikita Ferrer war gesund und sogar sichtlich erholt aus der Alten Welt zurückgekehrt. Ausgeglichener, wie er fand ... und irgendwie strahlender. Alle Risiken hatten sich gelohnt. Jetzt besaß er einen wahren Schatz. Natürlich war ihm klar, dass er ihm nicht gehörte, nicht im üblichen Sinn des Wortes. Das Wertvolle für ihn war, dass er es sein würde, der diesen Schatz heben würde. Das Myon-Neutrino-Projekt, dieser Zauber, der die Energieprobleme für alle Zeiten lösen würde ... jetzt müsste man es nur noch realisieren. Anfangs hatte er, nach ersten flüchtigen Blicken auf die Zeichnungen, die Zahlen und die Textteile in lateinischer Sprache, auf Bögen, die in erstaunlich gutem Zustand waren, keinen Zweifel daran gehegt, dass sich die riskante Reise seiner jungen Mitarbeiterin gelohnt hatte. Noch in dem Firmenhelikopter, der sie nach Bushtown zurückgebracht hatte, hatte er seine Neugierde nicht zügeln können. So etwas hielt man nur einmal im Leben in Händen. Dass dadurch dem Unternehmen enormer Reichtum erwachsen würde, war für ihn zweitrangig.

Er kam mit seinem Gehalt bestens aus und außerdem brauchte er nicht viel. Sein Leben bestand aus seiner Arbeit.

Er hatte seiner jungen Mitarbeiterin Nikita Ferrer nach deren Ankunft zwei oder drei Tage freigeben wollen, nicht zuletzt um sich selbst zunächst in Ruhe einen genaueren Überblick verschaffen zu können. Sie sollte sich erst einmal ausruhen.

Aber sie hatte gemeint, sie hätte in dem U-Boot genügend Zeit zum Ausruhen gehabt und außerdem seien die letzten Tage wirklich alles andere als anstrengend gewesen. Genau wie auf der Hinfahrt sei sie dermaßen verwöhnt worden, dass sie sich wie eine Prinzessin vorgekommen sei, hatte sie dann noch lachend hinzugefügt. Nein, jetzt wolle sie auch möglichst schnell mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Sie würde ihre Eltern besuchen, eine Freundin treffen und nach ihrer Wohnung schauen. Danach wäre sie wieder voll einsatzbereit und selbstverständlich ebenfalls unendlich neugierig.

Natürlich hatte er nichts dagegen einzuwenden gehabt, er konnte einen klugen Kopf an seiner Seite immer gebrauchen, besonders jetzt. Vor allen Dingen war er auch an dem interessiert, was sie noch alles erlebt hatte. Die Kommunikation zwischen ihnen während Nikitas Reise war eher spärlich geblieben.

Sie hatte nur ab und zu das Nötigste gemeldet, aber ihm war inzwischen klar geworden, dass seine Mitarbeiterin wesentlich mehr erlebt hatte.

In den folgenden Stunden hatten die weiteren Sichtungen der Myon-Neutrino-Pläne noch mehr Anlass zur Hoffnung gegeben. Der ganze Aufwand schien sich gelohnt zu haben und seine anfänglichen Befürchtungen wegen des Vertragsbruches waren in den Hintergrund gerückt.

Er hatte sich mehr als einmal gefragt, warum Wissenschaftler späterer Jahrhunderte auf der Suche nach Energieressourcen ihren Forschungen über die ungeladenen kleinen Partner der geladenen Leptonen den gleichen Namen gegeben hatten. Warum kam jemand bereits ein paar hundert Jahre davor genau auf diese Bezeichnung? Hatte dieser Jemand vielleicht eine Vision gehabt und diese mit seinen Ideen, der Energiegewinnung aus dem Äther, vermischt? Unbewusst natürlich. Solche Gedanken hatte sich der Professor nicht erst auf dem Rückflug von Southport gemacht.

Für dieses Projekt, das höchste Priorität besaß, hatte man ein neues Labor mit angrenzender Halle für den Bau der Maschine zur Verfügung gestellt. Abseits seiner anderen Räumlichkeiten und noch besser gesichert. Hier hatten zunächst nur er selbst, Nikita Ferrer und natürlich Mal Fisher Zutritt. In der Mitte des Raumes befand sich ein großer quadratischer Tisch, auf dem die Pläne fein säuberlich ausgebreitet von durchsichtigen Klebestreifen gehalten wurden.

»Haben Sie davon gewusst, Herr Professor?«, hatte Nikita auf einmal gefragt und dabei nicht aufgeschaut. Sie waren alleine gewesen.

»Gewusst? Was soll ich oder ... wovon soll ich gewusst haben, Nikita?«

Er hatte zu der Stelle der Zeichnungen geschaut, die Nikita offensichtlich im Auge hatte. Aber darum ging es ihr nicht.

»Dass ich eine Walk In bin und dass ich mich erinnern würde.

«Sie hatte ihn fragend angeschaut.

»Nein, das habe ich nicht«, hatte er ihr geantwortet und sich aufgerichtet. Das Gespräch drohte, in gefährliches Wasser zu driften.

»Ähm ... zunächst wusste ich es wirklich nicht.«

Und damit hatte er die Wahrheit gesagt.

»Mir war zwar bekannt, dass es so etwas geben soll ... also Menschen, die sich an ihre früheren Leben erinnern können ... aber offen gestanden ... geglaubt habe ich das nicht. Ich hatte das im Bereich Märchen oder esoterischer Spinnereien abgelegt.

Bis ich dann eines Besseren belehrt worden bin. Als ich Ihnen den Auftrag erklärt hatte, wusste ich es ... aber so richtig überzeugt war ich selbst da noch nicht.«

Er hatte gesehen, dass Nikita fragend die Stirn gerunzelt hatte.

»Sagen Sie selbst, Nikita, hätten Sie es geglaubt, wenn ich Ihnen damals gesagt hätte, dass dies der wahre Grund gewesen ist, warum Sie ausgesucht worden sind?«

»Nein«, hatte Nikita ehrlicherweise zugegeben, »ich hätte es Ihnen nicht geglaubt ... nein, sicher nicht.«

»Sehen Sie, Nikita, genau deswegen musste ich mir eine andere Strategie ausdenken ... aber alles, was ich damals gesagt habe, habe ich auch so gemeint! Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse.«

»Nein, bin ich nicht, und ich glaube Ihnen, Herr Professor ... und wissen Sie was? Ich bin Ihnen sogar dankbar, dass Sie damals die richtigen Knöpfe bei mir gedrückt haben. Sie kennen mich wirklich gut. Das, was ich in der anderen Welt erleben durfte, hat mich reicher gemacht ... unendlich reich. Ich

erzähle es Ihnen, wenn es Sie interessiert.«

Uns alle hat Ihre Reise hoffentlich reicher gemacht, hatte Professor Rhin gedacht.

»Selbstverständlich interessiert es mich, Nikita, lassen Sie uns später in der Kantine essen gehen, dann können Sie in aller Ruhe erzählen … auch, in wen Sie sich dort drüben verliebt haben.«

Nikita war rot geworden, obwohl ihr natürlich klar war, dass sie einer Koryphäe in Verhaltenspsychologie nichts vormachen konnte. Er konnte Menschen lesen wie kein anderer.

Später hatte Nikita ihre Eltern angerufen und ihnen versprochen, sie sehr bald zu besuchen. Dabei hatte sie erfahren, dass ihr Vater inzwischen über ihre Reise Bescheid wusste.

Präsident Wizeman hatte den Senat persönlich informiert.

Das war ihr nur recht gewesen und hatte ihr die einleuchtende Erklärung für das Interview, das sie bald führen sollte, geliefert.

Sie hatte sowieso nie geglaubt, dass ihr Vater ihr abgekauft hätte, sie sei in den Südstaaten gewesen, um dort bei einem internen Firmenprojekt zu helfen. Sie war noch nie gut im Lügen gewesen und ihrem Vater hatte sie noch nie etwas vormachen können.

Abends hatte sie dann endlich Zeit gehabt, ihre Eltern zu besuchen. Sie war ihnen in die Arme gefallen und Manu hatte daneben gestanden und vor Glück geweint. Dann hatten auch sie sich umarmt.

»Niki, es ist so wunderbar, dass du wieder hier bist … und wie gut du aussiehst!«, hatte Emanuela gestrahlt. »Du hast dich verliebt, nicht wahr?«

»Sieht man mir das so deutlich an?«

»Ich sehe so etwas, Nikita.«

»Ich werde dir später ein Soufflérezept geben, das mir seine Mutter zum Abschied geschenkt hat. Wenn du das kochst, wird dir mein Vater zu Füßen liegen, Manu. Erinnere mich daran.«

»Du musst uns alles haarklein berichten«, hatte ihr Vater zu ihr gesagt, als sie sich an den Tisch zum Abendessen gesetzt hatten, »du kannst dir gar nicht vorstellen, was in der Zeit deiner Abwesenheit hier alles passiert ist ... aber alles der Reihe nach. Erst bist du mal dran.«

Es war sehr spät geworden. Sie waren am Esstisch sitzen geblieben, auch nachdem Manu das Geschirr abgeräumt hatte.

Als Nikita alles erzählt hatte, war es an ihr gewesen, staunend den Schilderungen ihres Vaters zuzuhören. Nur manchmal hatte sie ihn unterbrochen.

»Will Manders hat sich dir anvertraut?«, hatte sie ungläubig gefragt. »Er wollte ebenfalls Nachforschungen anstellen? Mein Gott, wenn er sich da mal nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hat ... ich habe nach ihm gefragt, weil es mich überrascht hatte, ihn nicht im Labor anzutreffen, normalerweise wäre er der Erste gewesen, der ...«

»Und was hat man dir gesagt?«, hatte der Senator gefragt.

»Man wisse es nicht. Also, da stimmt etwas nicht.«

»Das ist nicht das Einzige, das nicht stimmt«, hatte ihr Vater ernst erwidert. »Die gesamte Mannschaft des U-Bootes, das dich rübergebracht hat, ist verunglückt. Es gibt keine Überlebenden. Ich rate dir, nicht weiter nachzufragen, Kind. Überlasse das jetzt mal deinem Vater.«

In ihrer Abteilung war sie mit großem Hallo von ihren Kollegen empfangen worden, die noch vor den Medien über den wahren Grund ihrer Reise informiert worden waren. Sie hatte sofort Will Manders vermisst, hatte es merkwürdig gefunden, dass er nicht unter den Ersten gewesen war, um sie zu begrüßen.

Sie wusste, dass Will ein besonderes Faible für sie hatte, und ihre Freundin Chal hatte ihr mehr als einmal empfohlen, ihm eine Chance zu geben. Hatte er etwa gespürt, dass sie inzwischen einen Mann getroffen hatte, der jetzt einen großen Platz in ihrem Leben einnahm? Oder war er eingeschnappt, weil man ihr für den großen Auftrag in den Südstaaten, so war die offizielle Verlautbarung gewesen, den Vorzug gegeben hatte? Nun, irgendetwas musste der Grund gewesen sein für Wills Nichterscheinen.

Als sie sich das erste Mal mit Chalsea auf dem Golfplatz getroffen hatte, hatte sie es ihrer Freundin erzählt.

»Ich wette, der ist eingeschnappt«, hatte Chal gemeint, »du weißt doch, wie ehrgeizig er ist, und er ist bestimmt enttäuscht, dass er diesen Auftrag nicht bekommen hat. Er ist doch schon viel länger im Unternehmen und in seinem Beruf scheint er ja echt gut zu sein ... hast du selbst immer gesagt.«

Dann hatte sie gekichert. »Stell dir ihn mal da drüben vor ... der hätte vielleicht Augen gemacht, wenn sie ihn geschickt hätten ... ich glaube nicht, dass er sich in der Alten Welt zurechtgefunden hätte.«

»Leise Chal, nicht dass dich jemand hört, mein Gott, ich glaube, ich bekomme noch eine Paranoia, überall wittere ich Agenten und Abhöranlagen, sogar hier in den Büschen des Golfplatzes.«

»Ja, aber stell dir Will doch mal da drüben vor«, hatte Chal nun geflüstert und immer noch leise gekichert, »ich glaube, er hätte nicht einen Tag überlebt, meinst du nicht auch?«

Sie hatte den nächsten Flight vorgelassen.

»Komm jetzt Chal, so ungeschickt ist er auch wieder nicht. Ich glaube, er ist intelligent genug, sich auf neue Situationen einzustellen. Ich denke, wir haben ihn immer ein wenig unterschätzt, weil er nur seine Karriere im Kopf hatte ... und dadurch irgendwie so lebensfremd schien.«

»Guten Tag, die Damen«, hatte einer der Spieler, ein hochgewachsener, gut aussehender Mann in rot karierten Golfhosen, herübergerufen, »im Clubhaus ist es doch viel gemütlicher für Ihre Unterhaltung, hahaha!«

»Sehr witzig, Tom«, hatte Chalsea gekontert, »konzentrieren Sie sich mal lieber auf Ihren Ball. Gleich kommt das Wasserhindernis, das Sie so lieben!«

»Blödmann«, hatte sie noch geraunt, als die Spieler außer Hörweite waren. Dann hatte sie den Gesprächsfaden wieder aufgenommen: »Ja, und Will hatte dich im Kopf ... Mensch, Nik, der ist doch zum Lachen in den Keller gegangen.«

»Mag ja sein, aber er hat für seinen Beruf gelebt ... und für seine Karriere. Weißt du was? Wenn er morgen auch nicht erscheint, rufe ich Matt an, der wird wissen wo er steckt.«

»Matt, du meinst diesen arroganten Nachrichtenfuzzi? Na, der wird dir sicher gerne Auskunft geben.«

»Warum denn nicht? Er ist sein bester Freund, Chal ... und«, jetzt hatte Nikita gelächelt, »gibt es hier nicht jemanden, der in der gleichen Branche arbeitet?«

»Ruf ihn an, ruf ihn ruhig an ... er wird nix sagen, denn wenn Will nicht möchte, dass du weißt, wo er ist oder was mit ihm los ist, wird er seinen besten Freund sicher eingeweiht haben. Der hält dicht. Da gebe ich dir Brief und Siegel.«

»Wir werden ja sehen. Und wer war das eben, dieser freundliche Herr in der karierten Hose? Irgendwoher kenne ich ihn, ich glaube, ich habe ihn einmal bei uns in der Firma gesehen. Da hatte er allerdings etwas anderes an.« Nikita grinste.

»Der? Das war Tom Glacy, Vorstand bei Sisko ESS. Die Firma, die den ICD herstellt.«

»Dass die den ICD herstellen, weiß ich. Bei der Entwicklung der Brille haben wir ja eng mit Sisko zusammengearbeitet.«

»Ich habe ihn im letzten Monat für unser neuestes Onlinemagazin fotografiert. Arrogantes Arschloch, wenn du mich fragst.«

Auch am folgenden Tag war Will nicht in der Firma erschienen und sehr seltsam wurde es dann, wie Nikita fand, als sie auch seinen Freund Matt nicht in der Redaktion erreichen konnte. Er sei in Urlaub, hatte es dort nur lapidar geheißen, und man wisse auch nicht, wo er sich aufhielte. Er habe seinen ganzen Jahresurlaub auf einmal genommen und man rechne in spätestens sechs bis acht Wochen mit seiner Rückkehr.

Inzwischen wusste Nikita mehr und sie wollte auf den Rat ihres Vaters hören, sich nicht weiter in diese Sache einzumischen.

Sie würde also keine Nachforschungen wegen Will Manders anstellen. Dafür hatte ihr Vater die besseren Kontakte.

»Komm, lass uns gehen«, schlug Chal gerade vor und riss sie damit aus ihrem Tagtraum, »ich habe im VAL ein Wahnsinnskleid gesehen, das muss ich dir zeigen. Es ist allerdings nicht aus Schafswolle, hahaha. Ich hoffe, du hast noch einen Blick für unsere Mode. Die Rechnung hier geht auf mich«, knuffte sie Nikita liebevoll in die Seite und rief den Kellner.

Sie waren gerade ein paar Schritte gegangen, als sie angesprochen wurden. Ein gut aussehender Officer, dessen Uniform ihn als Mitglied des Delice-Wachpersonals auswies, baute sich vor den beiden Frauen auf. Eine dunkle Locke fiel ihm keck in die Stirn. Die MFB hatte er locker über dem Schirm seiner Mütze sitzen.

Das wird seinem Chef nicht gefallen, dachte Nikita sofort, als sie von Richard Pease auch schon aus ihren Gedanken gerissen wurde. »Ich kenne Sie, Ma'am«, grinste er Nikita an und blickte dann verstohlen zu Chalsea, die mit einem betont gelangweilten Blick antwortete.

»So, woher denn, Officer ... Pease?«, fragte Nikita freundlich. Sie hatte das Namensschild auf seiner Brusttasche gelesen.

»Na, Sie haben mich doch damals auf Pete Johnson angesprochen ... wissen Sie noch ... den neuen Star unseres Baseballteams! Ich hatte ein Magazin in der Hand mit seinem Foto drauf und Sie haben mich angehalten und sich nach ihm erkundigt. Sie sagten noch, dass Sie ihn kennen. So was vergisst Richie nicht.«

Er deutete mit dem Finger auf Nikita und zeigte dabei ein gewinnbringendes Lächeln. Jetzt fiel ihm ein, dass sie ihm damals gar nicht ihren Namen gesagt hatte.

»Jetzt, ja sicher, ich erinnere mich ... und? Hat er Ihre Erwartungen erfüllt?«, fragte Nikita mit einem schelmischen Seitenblick auf Chalsea, die daraufhin leicht errötete.

»Erfüllt? Machen Sie Scherze? Er ist eine Granate, sag ich Ihnen. Die beste Investition der Tiger seit ewigen Zeiten ... ich könnte heute noch dem Management die Füße küssen! Und die Summe, die sie für ihn ausgegeben haben, die ja wirklich nicht von schlechten Eltern war, haben sie alleine durch Trikotverkauf in den ersten drei Monaten locker wieder reingeholt!«

Dann hielt er abrupt inne und zeigte mit dem Finger auf Chalsea.

»Mann, Mann, Mann, bin ich blind! Entschuldigen Sie vielmals Mrs. Cromway, aber Sie sehen viel hübscher aus als auf den Fotos ... deswegen habe ich Sie nicht gleich erkannt. Schade, dass Sie nicht mehr mit ihm zusammen sind ... ich habs vor ein paar Tagen gelesen ... aber sorry, das geht mich ja nichts an.«

»Ist schon gut«, meinte Chal und zupfte Nikita am Ärmel, »komm jetzt, wir müssen los ... einen guten Tag noch, Officer.«

Sie hatte keine Lust, mit einem Mann vom Sicherheitspersonal über ihren Beziehungsstatus zu reden.

»Auf Wiedersehen, Officer Pease«, rief Nikita freundlich und eilte ihrer Freundin hinterher.

»Den wünsche ich Ihnen auch, Ladys«, erwiderte Richard fröhlich, der gegen ein Wiedersehen nichts einzuwenden hatte.

Dann schaltete er die MFB ein. Er mochte dieses ungeliebte Teil nicht ... vielleicht auch einfach nur, weil der Chief befohlen hatte, sie zu tragen. Er richtete seinen Blick auf die beiden Freundinnen, die jetzt vor einem Schaufenster standen und Schuhe betrachteten. Er war neugierig und berührte einen Sensor an der Brille.

»Chalsea Chromway«, murmelte er leise und wartete ein paar Sekunden auf den Rest der Mitteilung. Fotoreporterin ... das weiß ich ja inzwischen, aber so hat sie Pete bestimmt kennengelernt ... 65. Straße 67, App. 2001 ... das ist nicht weit von hier ... die wäre doch was für unseren Richie. Und die andere? Wer ist das?

Er richtete die Kamera auf Nikita und berührte den Sensor erneut, dann noch einmal und dann, leise fluchend, ein drittes Mal. Er nahm die MFB ab und betrachtete sie kopfschüttelnd von allen Seiten.

Scheißding, wieder mal defekt, dachte er und machte sich auf den Weg zurück in sein Office, denn in einer halben Stunde würde er ohnehin seine Schicht beenden, die mit einer defekten MFB keinen Sinn machte. Er würde eine gepfefferte Schadensmeldung loslassen und nach einem schnellen Imbiss zum öffentlichen Training der Tiger gehen. Die hatten am Wochenende ein wichtiges Heimspiel und konnten seine Unterstützung sicherlich gebrauchen. Da zählte jeder Fan.

Als der Morgen graute, lag Nikita immer noch mit offenen Augen auf ihrem Bett und fand keinen Schlaf, obwohl sie hundemüde war. Die Pillen, die sie in solchen Fällen früher genommen hätte, kamen für sie nicht mehr infrage. Sie dachte an Effel und an die Menschen in Seringat, die sie so in ihr Herz geschlossen hatte. Wie gut hatte sie in seinem Haus schlafen können. Der monotone Ruf des Nachtvogels hatte sie in einen tiefen und erholsamen Schlaf begleitet. Sie würde am nächsten Morgen auch nicht von ihm oder Sam geweckt werden. Sie vermisste einfach alles.

Unter ihrem Apartment pulsierte das Nachtleben, das sich in seiner Lautstärke in nichts von der des Tages unterschied.

So weit oben kam dies lediglich als leises, ab- und anschwellendes Summen an, das sie an den Garten des Bienenfreundes Sendo erinnerte. Sie musste lächeln, als sie an den Korbmacher in Seringat dachte, der ihr so stolz seinen Garten gezeigt hatte. In diesem Moment kam ihr auch die Melodie wieder in den Sinn, die er gesummt hatte, als er mit seinen Bienen gesprochen hatte. Er hatte bei seiner Arbeit weder Netzhut noch Smoker gebraucht. Alleine sein Lied stimmte die Bienen ganz offensichtlich freundlich.

Sie war nach ihrem Treffen mit Chal – das Kleid hatte sie nicht gekauft – abends lange in der Firma geblieben. Sie wollte die Arbeiten unbedingt vorantreiben, wollte alles schnell zu Ende bringen. Nach dem Abschied von ihrer Freundin hatte sie zunächst bis in den späten Nachmittag an ihrem alten Arbeitsplatz verbracht und liegen gebliebene Dinge aufgearbeitet, bevor sie in die neuen Laborräume hinübergegangen war.

Als Professor Rhin in der Nacht alleine im Labor gewesen war, war er über etwas gestolpert, das ihm gehörig den Wind aus den Segeln genommen hatte. Er hatte Nikita erst einmal nichts davon erzählen wollen, hatte es dann aber doch getan.

Eine halbe Stunde später hatte er sie zu sich gerufen. Er hatte kopfschüttelnd und murmelnd über einem der Pläne gestanden, die fein säuberlich vor ihm auf dem Kartentisch ausgebreitet lagen.

»Herr Professor ... stimmt etwas nicht?«, hatte sie mit einem plötzlichen unguten Gefühl in der Magengegend gefragt. Ihr inneres Warnsystem war angesprungen.

»Ich weiß es noch nicht«, hatte er gemurmelt, »es ist sehr kompliziert das alles … viel komplizierter, als ich dachte. Damit meine ich nicht die lateinische Sprache, obwohl ich mich gefragt habe, warum der Entwickler die Pläne nicht in seiner Muttersprache verfasst hat. Aber ihre Erklärung hat mir eingeleuchtet.« Er hatte sich am Kinn gekratzt.

»Kann ich denn helfen?«

Sie hatte sich vor einer halben Stunde in den Nebenraum zurückgezogen und ein Modell des Myon-Neutrino-Projektes auf ihren Bildschirm projiziert. Es war ihr erster grober Entwurf, den sie nach Francis Zeichnungen angefertigt hatte. So ungefähr stellte sie sich das Endprodukt vor. Mit den Berechnungen würde sie sich später gemeinsam mit dem Professor beschäftigen. Man würde es wesentlich kleiner bauen können, als Francis es sich damals, vor vielen hundert Jahren, ausgedacht hatte, das war ihr allerdings bereits klar geworden.

Es sah aus wie ein kleiner Satellit mit einer endlos langen Nabelschnur, die bis zur Erde in einen Transformator hineinreichen würde. Dieser Transformator würde nach ihren Schätzungen mindestens die Größe des Baseball-Stadions von Bushtown haben müssen. Dort würde dann die endgültige Umwandlung der Ätherenergie in brauchbare elektrische Energie stattfinden. Tausende Male effizienter als sämtliche Solaranlagen oder Wasserkraftwerke, die in den Wüsten und Gebirgen des Kontinents installiert worden waren.

Sie hatte in sich hineingelächelt bei dem Gedanken, was Effel für Augen machen würde, wenn er eines Tages dies hier würde sehen können. Gleich darauf hatte sie diesen Gedanken allerdings wieder verworfen – er würde seine geniale Erfindung nie sehen. Es würde ihn allerdings heute auch nicht sonderlich interessieren, wie sie wusste.

»Schauen Sie bitte mal hier, Nikita«, er hatte auf einen der Pläne und dort auf eine bestimmte Stelle in den Berechnungen gezeigt.

»Ich komme hiermit nicht weiter, er hat mitten im Text ein paar merkwürdige Sätze stehen, nicht vollständig und mit einem Hinweis versehen … es ist eine Verschlüsselung, vermute ich«, hatte der Professor mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme gesagt.

Nach einer kurzen Pause war er fortgefahren: »Hier, an der entscheidenden Stelle, bei der Umwandlung der Neuronen auf der Erde ... da ist ein, ich nenne es mal, Rätselcode eingebaut. Ich weiß nicht, was das soll. Es hat damals doch überhaupt keinen Sinn gemacht. Er muss eine Vorliebe für Rätsel gehabt haben. Wenn wir das nicht lösen, können wir das ganze Projekt vergessen ... und das wäre gar nicht auszudenken, es wäre einfach tragisch! Aber das muss ich Ihnen nicht erklären. Sie haben es offensichtlich noch nicht gesehen. Schauen Sie hier.« Er zeigte auf eine Stelle in dem Originaltext.

Quis sum? Hieme e nubibus nigris leniter venio atque super ardua tecta domorum tarde cado, ut cadens asperum TEGAM …(Reliquum et aenigma in Monastère Terre Sainte quaerens invenit.)

Professor Rhin blickte Nikita fragend an. »Sie haben das noch gar nicht gelesen, stimmts?«

»Nein, das sehe ich erst jetzt. Verstehe es aber nicht.«

»Nun, hier ist die Übersetzung.«

Er nahm das oberste Blatt von seinem Stapel handschriftlicher Unterlagen.

Im Winter komme ich aus dunklen Wolken und ich falle langsam auf die steilen Dächer der Häuser, sodass ich beim Fallen den schroffen Menschen bedecke … (den Rest und die Lösung findet der Suchende im Kloster zum Heiligen Grund)

»Das heißt, dass dieser lateinische Text nicht vollständig ist und wir das Rätsel nicht lösen können, wenn wir nicht dieses Kloster finden?«

»Das Kloster oder Effel Eltringham«, meinte der Professor trocken.

Dann hätte er mir ja etwas verschwiegen oder er wusste es einfach selbst nicht mehr, dachte Nikita, sprach es aber nicht aus. Dennoch musste sie innerlich grinsen, denn sie kannte ja Effels Liebe zu Rätseln und ganz offensichtlich hatte er diese auch früher schon gehabt. Dieses hier war allerdings unvollständig und vielleicht sehr kompliziert. Jedenfalls hatte sie keine spontane Idee.

»Hm, so schnell fällt mir da auch nichts ein, aber das werden wir doch herausbekommen … das wäre doch gelacht.«

»Ihre Zuversicht in allen Ehren, Nikita. Wir haben nicht sehr viel Zeit dafür, die Menschen wollen Ergebnisse. Ich war ja dagegen, so schnell an die Öffentlichkeit zu gehen, aber nun ist es geschehen. Es wird im Fernsehen berichtet, mit allen Interviews. Wie stehen wir da, wenn das hier herauskommt?

Alles andere hier ist mir inzwischen klar. Wie wir Neuronen einfangen können, wissen wir ja schon lange. Aber die Umwandlung! Gerade um die geht es doch. Früher galt das Atom noch als kleinster Baustein des Universums.«

Der Professor war dabei, in seinen Vorlesungsmodus zu verfallen, wie Nikita bemerkt hatte. Sie hatte ihn aber in diesem Moment ungern unterbrechen wollen. Sie hatte sich damals bei der Entdeckung der Pläne in der Burg Gisor auch schon gefragt, warum Francis diese in lateinischer Sprache verfasst hatte, dann aber von ihm selbst eine Erklärung dafür bekommen. Das Rätsel war ihr bislang nicht aufgefallen, da sie die Pläne zunächst einmal nur überflogen hatte.

»Später«, war Professor Rhin dozierend fortgefahren und dabei gestikulierend im Raum auf und ab gegangen, »wurden die Bestandteile der Atome, die Elektronen, Protonen und Neutronen gefunden. Dann sprachen die Physiker gar von einem Zoo der subatomaren Teilchen, als sie mit damals modernster Technik mehr als 200 winzige und teils sehr exotische Partikel entdeckt hatten. Die Neutrinos, um die es bei unserem Projekt hier geht, gehören zu den Leptonen, den sogenannten leichten Elementarteilchen, aber das wissen Sie ja, Nikita. Sie waren lange Zeit kaum nachweisbar und können mühelos die Erde durchqueren. Sie spielen bei radioaktiven Prozessen eine wichtige Rolle. Ihre Masse ist sehr gering. Für über ein halbes Jahrhundert hatten alle Wissenschaftler gedacht, dass Neutrinos keine Masse haben. Dabei passieren jede Sekunde Milliarden von Neutrinos unseren Körper.

Den Nobelpreis für Physik hatten im Jahr … lassen Sie mich nachdenken … es muss Anfang des 21. Jahrhunderts gewesen sein … genau, 2015, der Japaner Takaaki Kajita und der Kanadier Arthur B. McDonald erhalten. Die beiden Physiker hatten endlich den Nachweis erbracht, dass Neutrinos eine Masse besitzen.«

Nikita hatte wieder einmal, wie schon so oft, das enorme Gedächtnis des Professors bewundert, der für Jahreszahlen und Namen eine gesonderte Abteilung in seinem Gehirn haben musste.

Dann war sie zum eigentlichen Thema zurückgekommen.

»Aber das Rätsel werden wir doch wohl lösen können. Wir werden alle möglichen Suchprogramme starten und dann können wir ja mit den Berechnungen weitermachen. Notfalls lassen wir sämtliche Rechner drüberlaufen, auch wenn dadurch alle anderen Arbeiten erst einmal liegen bleiben. Die

werden aber dann auch nicht lange brauchen.«

»Das hoffe ich sehr, Nikita … wenn wir das aber nicht schaffen sollten, und zwar in absehbarer Zeit … ach, lassen Sie uns positiv denken. Bisher hat ja auch alles wunderbar geklappt. Machen wir weiter und vertrauen auf unseren Grips und die Technik.«

Wenn wir es nicht lösen können, wäre dieser Teil meiner Mission umsonst gewesen, hatte sie gedacht, und der nächste Gedanke, der sich ihr aufdrängte, hatte sie erschreckt.

***

Kapitel 6

»Sie kennen dieses Tal also doch. Dann war meine Vermutung ja richtig.« Jared hatte recht gehabt. Wenn es einen Menschen gäbe, von dem er etwas über das geheimnisvolle Tal erfahren könnte, so hatte er vor ein paar Tagen zu Scotty gesagt, dann wäre das die Äbtissin von Haldergrond. Er hatte diesen letzten Strohhalm ergriffen und war vor Kurzem in der ehemaligen Klosteranlage eingetroffen, die seit einigen hundert Jahren die berühmteste Schule für Heilkunst und Musik war. Es wurden hier nur junge Frauen aufgenommen, die sich einem strengen Auswahlverfahren unterzogen hatten oder sich auf Empfehlung einer anerkannten Heilerin für einen Ausbildungsplatz bewarben.

Wenn ihm vor einer Woche jemand, ganz egal wer, diesen Schritt vorausgesagt hätte, hätte er dieser Person ans Herz gelegt, einen guten Arzt aufzusuchen.

Jetzt saß er im Allerheiligsten von Haldergrond in einem alten Ledersessel, in dem schon viele Menschen gesessen haben mussten, was an den abgewetzten Armlehnen und der tief nach innen gewölbten Sitzfläche deutlich zu erkennen gewesen war.

Fast die gleichen Sessel wie bei uns daheim, hatte er festgestellt, als er sich vorsichtig niedergelassen hatte, wenn unsere auch in einem deutlich besseren Zustand sind.

Ihm gegenüber hatte die Leiterin der Schule, die im Volksmund nur die Äbtissin genannt wurde, auf einem mächtigen, mit wertvollem Brokat bezogenen Stuhl Platz genommen.

Dessen hohe kunstvoll geschnitzte Lehne war am oberen Ende mit zwei zu den Seiten ausladenden, stilisierten Engelsflügeln verziert. Sie sah klein darin aus, obwohl sie es nicht war. Wie er bei der Begrüßung hatte feststellen können, war sie nur etwa einen Kopf kleiner als er. Sie trug ein cremefarbenes Leinenkleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte. Ihre nackten Füße steckten in braunen Sandalen mit silbernen Schnallen. Die schwarzen Haare, er hatte nicht eine graue Strähne darin entdecken können, hatte sie zu einem imposanten Knoten geflochten, der von einer ebenfalls silbernen Spange gehalten wurde. Am Ringfinger ihrer rechten Hand trug sie einen schlichten Siegelring mit einem dunkelroten Stein. Ihr linkes Handgelenk zierte eine schmale silberne Armbanduhr.

Neben seinem Sessel befand sich ein kleiner, runder, dreibeiniger Messingtisch. Dort stand ein Krug Wasser, dessen Boden mit Halbedelsteinen bedeckt war, daneben ein bunt verziertes Glas.

Die Nachmittagssonne, die durch das mit einem kunstvollen mandalaartigen Ornament versehene runde Fenster schien, das fast die gesamte Fläche der Wand einnahm, tauchte den Raum in mildes, fast unwirkliches Licht. In der Mitte des Mandalas war ein grüner Drache mit einem roten Hahnenkopf abgebildet.

Jared hatte beim Hereinkommen kurz die Gelegenheit gehabt, einen Blick aus einem der hohen schmalen Fenster zu werfen, die das Drachenfenster flankierten. Dabei hatte er festgestellt, dass man weit in das Tal über einen sich durch Wiesen und Felder schlängelnden Fluss bis hin zu den Wäldern sehen konnte, die, wie er wusste, ebenfalls zu Haldergrond gehörten. Dann war sein Blick für einen kurzen Moment an der Darstellung des Drachen haften geblieben.

»Unser Schutzpatron«, hatte die Äbtissin leise erklärt. Mehr hatte sie dazu nicht gesagt, denn sie hatte Jareds gerunzelte Augenbrauen durchaus bemerkt.

Adegunde musterte den Farmer aus ihren klaren dunkelgrünen Augen, die ihn an einen ruhigen Waldsee erinnerten.

»Bitte bedienen Sie sich, das Wasser stammt aus einer unserer Heilquellen.«

Dabei hatte die Äbtissin auf den Krug gedeutet und Jared schenkte sich ein Glas voll ein und kostete. Es schmeckte ein wenig süßlich.

Er hatte zuvor in seinem Gästezimmer, dessen komfortable Ausstattung ihn überrascht hatte – von einem Kloster hätte er anderes erwartet – eine ausgiebige Dusche genommen und in seinem Rucksack sogar noch ein frisches Hemd gefunden.

Schon nach dem Überschreiten der alten Zugbrücke, die in das Innere Haldergronds führte, hatte er das Gefühl gehabt, eine völlig andere Welt zu betreten. Als er dann vor dem Gebäude gestanden hatte, in dem er die Äbtissin treffen sollte, war er aus dem Staunen fast nicht mehr herausgekommen.

Sieht aus wie ein Palast, die haben hier wirklich an nichts gespart, hatte er gedacht.

Adegunde schien über seinen Besuch nicht sonderlich überrascht zu sein und er hatte auch nicht lange warten müssen, um zu ihr vorgelassen zu werden. Sie hatte ihm auf seine Bitte hin absolute Vertraulichkeit zugesichert. Das Wesentliche war bald erzählt und sie hatte ihm gerade bestätigt, von der Existenz des Tals zu wissen. Für sie schien es das Normalste der Welt zu sein.

»Dann sind Sie wahrscheinlich der einzige Mensch in ganz Flaaland, der es kennt«, fuhr Jared, dem es zunehmend unbehaglich wurde, fort. Er fühlte sich von dieser Frau, deren Alter er auch nicht nur annähernd einschätzen konnte, auf einen Prüfstand gestellt, ohne zu wissen, was genau geprüft wurde. Sie sprach langsam, machte zwischen den Sätzen Pausen und beobachtete ihn währenddessen hinter halb geschlossenen Lidern durch ihre langen Wimpern hindurch. Sie schien vollkommen in sich zu ruhen. Diese Frau imponierte ihm, war ihm aber auch ein wenig unheimlich. Er konnte in diesem Moment nachvollziehen, dass sich so viele seltsame Geschichten um sie rankten.

Von dem, was er bisher von Haldergrond gesehen hatte, war er mehr als beeindruckt, denn so gewaltig hatte er es sich nicht vorgestellt. Dagegen war Raitjenland ein kleiner Bauernhof, wie er neidlos feststellen musste, obwohl die Farm mit 250 Hektar bei Weitem die größte in der Provinz Winsget und weit darüber hinaus war.

»Nein, ich bin nicht der einzige Mensch, der von diesem Tal Kenntnis hat. Viele meiner Mitschwestern waren ebenfalls schon dort, die meisten von ihnen leben bedauerlicherweise aber nicht mehr ... vielleicht gibt es auch noch mehr Menschen, die es kennen. Ich weiß das nicht. Früher haben wir dort unsere Heilkräuter gefunden und das Gelübde abgelegt, den Weg als Geheimnis zu hüten.«

Die Äbtissin hielt für einen Moment inne, bevor sie erklärte: »Inzwischen bauen wir die meisten dieser Pflanzen in unseren eigenen Gärten an, obwohl sie sicher nicht ganz die Qualität erreichen. Der Weg in dieses Tal ist sehr lang und beschwerlich ... natürlich nicht für einen Mann wie Sie.« Sie machte erneut eine Pause. »Ich bewundere Ihren Mut, Jared, ich darf Sie doch Jared nennen, Herr Swensson?«

»Ja, das dürfen Sie.«

»Es gibt ... Geschichten über dieses Tal ... sicher haben Sie davon gehört«, fuhr die Äbtissin jetzt mit leiser Stimme fort, wobei sie ihre Augenlider wieder halb geschlossen hatte.

Hat sie überhaupt ihren Mund bewegt?, fragte sich Jared. Und wem gegenüber haben sie wohl dieses Gelübde abgelegt?

Er traute sich nicht, diese Frage laut zu stellen. Stattdessen nickte er schwach und erwiderte: »Ich weiß, meine alte Kinderfrau hat sie meinem Sohn oft genug erzählt und ... und mir wahrscheinlich früher auch. Bisher hielt ich solche Erzählungen für ... na ja, für Ammenmärchen ... inzwischen bin ich mir da allerdings nicht mehr ganz so sicher«, räumte er ein und lächelte verlegen.

»Sie hätten Vrena mehr vertrauen sollen, Jared.«

Hatte er den Namen seiner Kinderfrau erwähnt? Er war sich sicher, dass er das nicht getan hatte. Woher kannte also diese merkwürdige Frau den Namen seiner Amme?

»Es tut mir leid um Ihren Sohn, aber er hätte dieses Tal nicht betreten dürfen, Jared. Vrena hat ihm sicher erzählt, dass ... nun, dass es verboten ist«, sagte Adegunde jetzt, ohne ihm viel Zeit zum Nachdenken zu lassen. War da eine gewisse Strenge in ihrer Stimme aufgetaucht oder hatte er sich die bloß eingebildet? Und konnte es sein, dass ihre Augen für einen Moment, einen sehr kurzen Augenblick nur, rot aufgeleuchtet hatten? Wahrscheinlich nur eine Lichtspiegelung, beruhigte er sich sogleich.

»Hat er deswegen mit seinem Leben bezahlt? Er hat dieses Tal durch Zufall gefunden, so wie ich auch, da bin ich mir sicher. Kann man ihn dafür bestrafen? Wieso bin ich dann nicht getötet worden? Können Sie mir das sagen? Glauben Sie mir, als ich die Leiche meines Sohnes dort oben zwischen den Felsen gefunden hatte, hatte ich mir das sogar für einen Moment gewünscht.«

»Ich fürchte, deswegen musste er sterben, ja ... nein, ich bin mir sicher, dass das der Grund war. Das Tal wurde streng bewacht, seit Hunderten von Jahren. Sie hatten einfach Glück, dass die meisten der Wächter nicht mehr dort sind, Jared.«

Der Farmer beugte sich in seinem Sessel nach vorne.

»Das konnte mein Sohn nicht wissen ... da bin ich mir sicher. Vielleicht hat Vrena ihm früher einmal davon erzählt, aber inzwischen ist mein Sohn erwachsen und …«, der Farmer hielt inne, weil das Bild des toten Vincent vor seinem geistigen Auge aufgetaucht war und sich seine Augen sofort mit Tränen füllten. Sie rannen ihm die Wangen herab. Er nahm ein Taschentuch aus der Jacke und wischte sie ab. Dann lehnte er sich wieder zurück und schnäuzte sich geräuschvoll.

»Verzeihen Sie … aber ich glaube diesen ganzen …«, hielt er inne, denn er wollte die Äbtissin nicht verärgern.

»Sie wollten Unsinn sagen, nicht wahr? Sie können es gerne als Unsinn betrachten, das steht Ihnen frei, Jared. Sie brauchen sich auch Ihrer Tränen nicht zu schämen. Niemand braucht sich dafür zu entschuldigen, dass er weint«, sagte sie jetzt in einem sanften Tonfall. »Männer, die weinen, beweisen Stärke. Unsere Tränen sind die Perlen der Seele.«

Das hatte er bisher anders gesehen. Das letzte Mal, dass er sich erinnern konnte geweint zu haben, war, als er seine geliebte Akira auf Geheiß seines Vaters wieder in die Freiheit hatte fliegen lassen. Er hatte das Adlerweibchen als Jungvogel in einer halsbrecherischen Aktion aus seinem Horst gestohlen, dann aber liebevoll großgezogen. Und da war er viel jünger gewesen. Nicht mehr ein Knabe, aber auch noch kein Mann. Die Narbe, die sich gut sichtbar über einen Teil seiner Stirn zog, zeugte noch immer von diesem waghalsigen Abenteuer.

Hätten die Hunde sich nicht auf die verzweifelt angreifenden Altvögel gestürzt und sie damit vertrieben, hätte es wesentlich schlimmer ausgehen können.

»Aber warum ist uns dann nichts geschehen, wenn dieses Tal so gut bewacht wird, wie Sie behaupten ... ich meine, dem Freund meines Sohnes und mir?«

»Das weiß ich nicht, Jared, ... ich sagte schon, dass Sie vielleicht einfach Glück hatten und viele der Wächter nicht mehr dort sind.«

Die Äbtissin lächelte. Seltsam, aber er hatte für einen Moment den Eindruck gehabt, dass sie es sehr wohl hätte sagen können. Sie war offensichtlich sehr gut informiert.

»Wer, um Gottes willen, hat das getan? Können Sie sich vorstellen, mit welcher Brutalität mein Sohn getötet worden ist? Das war einfach ... unmenschlich!« Er schüttelte verzweifelt den Kopf und ahnte nicht, wie nah er mit dieser Aussage an der Wahrheit war. »Was soll so schlimm daran sein, dass ein unschuldiger junger Mann mit seinem Leben dafür bezahlen muss, nur weil er zufällig – und ich bin mir da absolut sicher, dass es Zufall war – in dieses Tal geraten ist?«

»Nun, ich glaube, dass es irgendeinen Hinweis gegeben hat, dem er hätte entnehmen können, dass es nicht nur verboten, sondern auch sehr gefährlich war weiterzugehen.«

Jared wollte gerade vehement widersprechen, als ihm die Inschrift auf der merkwürdigen Steintafel in der Höhle, in der sein Sohn übernachtet oder zumindest zu Abend gegessen haben musste, in den Sinn kam. Sicher hatte Vincent diese Tafel auch gesehen und dann hatte er natürlich ebenfalls den Gang gleich daneben entdeckt, der ihn schließlich direkt in dieses verfluchte Tal geführt hatte. Dass es verflucht war, davon war Jared inzwischen überzeugt. Das behielt er allerdings für sich. Er schüttelte nur den Kopf.

»Ja, ich habe eine Inschrift in einer der Höhlen gesehen, darauf wurde allerdings vor gar nichts gewarnt. Dort stand irgendetwas von einem Geheimnis, das von einer starken Macht bewacht werden würde. Ich erinnere mich, dass der Text nicht vollständig war. Wissen Sie, auch wir haben als Kinder in den Höhlen der Agillen gespielt und so manchen Schabernack getrieben … auch mit uns ist die Fantasie während unserer Abenteuerspiele mehr als einmal durchgegangen.«

»Nur, dass diese Inschrift weder ein Schabernack noch das Produkt kindlicher Fantasien war«, wurde er unterbrochen.

»Na gut, aber dann frage ich Sie noch einmal, verehrte Äbtissin: Warum ist uns dann nichts geschehen? Wo sind die Wächter hin? Warum sind sie nicht mehr da?«

Er wollte nicht lockerlassen, aber Adegunde antwortete auf seine letzte Frage gar nicht, sondern schaute ihn nur durch fast geschlossene Augenlider hindurch aufmerksam an. Er brauchte auch keine Antwort, denn er glaubte nicht an diese Geschichten von Schätzen, Gnomen und irgendwelchen Wächtern.

»Es war niemand dort!«, beharrte er. »Ich war schließlich ein paar Tage da oben und mir wäre nicht entgangen, wenn in diesem Tal jemand leben würde, das können Sie mir glauben.

Früher, ja sehr viel früher, haben dort Menschen gelebt. Aber jetzt gibt es außer Hühnern, Schafen und wilden Ziegen nichts Besonderes ... wenn man einmal von der unglaublichen Vegetation, den Ruinen und der mächtigen Burg absieht ... ach ja ... und von diesem Museum mit den merkwürdigen Bildern von noch merkwürdigeren Wesen … und dem Segelschiff ... aber das wissen Sie ja sicher auch.« Jared lächelte gequält.

»Hätten Sie Ihrer Amme besser zugehört, wüssten Sie, dass es dort oben mehr gibt, Jared von Raitjenland«, sagte die Äbtissin mit mildem Tadel, ohne auf seine letzten Bemerkungen einzugehen. Es war lange her, dass ihn jemand getadelt hatte.

»Sie meinen die Geschichte mit den Gnomen und ihrem Schatz? Ist das Ihr Ernst? Sind das die Gestalten, die ich auf den Bildern in diesem Museum gesehen habe? In den Märchenbüchern unserer Kinder werden die aber anders dargestellt.

Vrena hat so etwas meinem Sohn mehr als einmal erzählt ... und sie hat ihm damit jedes Mal eine Heidenangst eingejagt. Wissen Sie, wie oft er deswegen nachts zu uns ins Bett gekrochen kam? Am ganzen Körper hat er gezittert! Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon? Am nächsten Tag noch war er kaum zu irgendetwas zu gebrauchen.«

»Ja, genau diese Geschichten meine ich ...«

»Und diese Gnome bewachen einen sagenhaften Schatz ... das wollen Sie mir jetzt auch erzählen«, unterbrach er die Äbtissin. Es sollte hämisch klingen, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen.

»So ist es wohl«, erwiderte Adegunde, ohne sich von dieser offensichtlichen Unhöflichkeit beeindruckt zu zeigen. »Sie bewachen dort oben etwas, das für sie einen unermesslichen Wert besitzt ... seit sehr langen Zeiten übrigens. Sie und Scotty dürften die ersten Menschen sein, die das Tal ohne Einladung betreten und wieder lebend verlassen haben.«

Da ... da war es wieder, dieses Aufblitzen in ihren Augen, länger diesmal – blutrot – und jetzt war sich Jared zweier Dinge sicher. Es war keine Lichtspiegelung gewesen und Scotty hatte er namentlich nicht erwähnt. Diese Frau wurde ihm immer unheimlicher. Es war merkwürdig, aber wie sie ihm dort so gelassen in dem hohen Stuhl gegenübersaß, war er fast geneigt, ihr diese Geschichten zu glauben.

»Dann bin ich einmal gespannt, wie man verhindern möchte, dass jetzt noch mehr Menschen kommen ... nachdem zwei von uns den Weg kennen, die kein Gelübde abgelegt haben und auch nie eines ablegen werden«, gab er jetzt mit Spott in der Stimme zurück.

»Sind Sie sich da ganz sicher, Jared, dass Sie den Weg wiederfinden?«, fragte Adegunde unbeeindruckt und ruhig mit hochgezogener Augenbraue und bohrendem Blick aus jetzt wieder dunkelgrünen Augen.

»Na klar bin ich das«, wollte er gerade sagen, als ihm im gleichen Moment bewusst wurde, dass er es wirklich nicht könnte. So sehr er auch nachdachte, seine Erinnerung an den Zugang war, auf welche Weise auch immer, gelöscht.

Jesper hatte vor ein paar Tagen die Höhle gefunden, weil er die Reste von Vincents Abendessen gewittert hatte, die dort um die erkaltete Feuerstelle gelegen hatten. Typisch Herr Sohn, hatte der Farmer damals gedacht. Daran, dass er einen steilen Hang hatte erklimmen müssen um sie zu erreichen, erinnerte er sich noch. Auch diese Inschrift auf der steinernen Tafel hatte er, wenn auch nur bruchstückhaft, vor Augen … aber Steilhänge und Höhlen gab es in den Agillen viele. Wer wusste das besser als er. Alles Nachgrübeln half nichts, zumindest im Moment nicht, gerade als ob die letzten Strahlen der Sonne, die eben hinter den Wäldern Haldergronds verschwand, seine Erinnerungen einfach so mir nichts dir nichts mitgenommen hätten. Er konnte es nicht fassen. Er war geradezu berühmt für seinen Orientierungssinn. Einen einmal entdeckten ergiebigen Jagdgrund fand er betrunken im Schlaf wieder, mochte er auch noch so weit von seiner Heimat entfernt sein. Er erschrak.

Der Äbtissin war das nicht entgangen.

»Sie können sich nicht erinnern, nicht wahr?«, wollte sie jetzt von ihm wissen.

»Ja ... na ja ... es scheint zumindest so, als habe mich mein Gedächtnis für einen Moment im Stich gelassen«, gab er widerwillig zu. »Wenn ich später ein wenig zur Ruhe gekommen bin, wird es mir sicher wieder einfallen.« Er wollte sich keine Blöße geben.

»Es ist so, sie werden sich nicht mehr erinnern, das können Sie mir glauben.« Sie sah auf die Uhr. »Bitte entschuldigen Sie mich, Jared, aber meine Pflicht ruft.«

Die Äbtissin erhob sich und reichte dem Farmer, der ebenfalls aufgestanden war, die Hand. Es war ein sanfter Händedruck.

Dabei sagte sie beiläufig: »Sie wissen wahrscheinlich, dass Saskia Lindström hier bei uns ist? Ein wunderbares Mädel ... so begabt. War sie nicht mit ihrem Sohn ... befreundet?« Es lag eine seltsame Betonung in dem letzten Wort.

»Wenn Sie mit ihr sprechen möchten, lasse ich sie rufen. Es wäre doch schade, wenn Sie die Nachricht ...« Sie ließ die Hand des Farmers los, als sie von ihm unterbrochen wurde.

»Vielen Dank, machen Sie sich bitte keine Mühe, ich werde erst einmal in mein Zimmer gehen und nach meinem Hund schauen. Dann werde ich in der Klosterschenke eine Kleinigkeit zu mir nehmen. Ich kenne den Wirt und möchte ihn begrüßen, wenn ich schon mal hier bin. Außerdem habe ich Hunger. Vielleicht ergibt sich ja später am Abend noch die Gelegenheit oder morgen. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme und meine Frau in die Arme nehme. Wir werden viel Kraft brauchen. Ich darf gar nicht daran denken, was passiert, wenn wir die Nachricht den Großeltern überbringen. Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft ... und dafür, dass Sie mir Ihre wertvolle Zeit geschenkt haben.«

»Keine Ursache, Jared, fühlen Sie sich hier bitte wie zu Hause. Und wenn es Ihnen Ihre Zeit erlaubt … ich weiß, dass es auf einer Farm immer viel zu tun gibt … kommen Sie uns mal wieder besuchen und bringen Sie Ihre Frau mit ... vielleicht zu einem unserer Konzertabende? Es würde mich sehr interessieren, was ein Mann mit Ihrer Erfahrung zu unseren landwirtschaftlichen Einrichtungen sagt. Es gibt ja immer etwas zu verbessern, nicht wahr? Ich wünsche Ihnen viel Kraft für all das, was jetzt vor Ihnen liegt.«

Damit verschwand die Äbtissin und er bekam sie auch bis zu seiner Abreise nicht mehr zu Gesicht.

Das Letzte, was Jared wollte, war, Saskia zu begegnen. Sie war damals bei dem Trupp junger Leute gewesen, die mit ihren kläffenden Kötern den Spuren seines Sohnes gefolgt waren, nachdem er dieser komischen Seherin Brigit, einer Freundin Saskias, eine kräftige Beule verpasst hatte. Jared war sich nicht mehr so sicher, ob Vincent zu der Kundschaft dieser Frau gehört hatte, bei der man nicht erkennen konnte, ob sie überhaupt eine Frau war. Wahrscheinlich wäre die Nachricht vom Tod seines Sohnes Wasser auf die Mühlen des Mädchens und dann schon lange vor ihm in der Heimat angekommen. Bei Scotty konnte er sich sicher sein, dass der es nur Elisabeth und seiner Familie erzählt hatte.

Seines Wissens war Vincent zwar mit Saskia Lindström zur Schule gegangen, aber enger befreundet waren die beiden nicht gewesen. Sein Sohn hatte keine feste Freundin. Auf dem Weg in sein Zimmer dachte er darüber nach, wie die Äbtissin annehmen konnte, dass Vincent mit Saskia befreundet gewesen war. Jeder wusste doch, dass sie mit Effel Eltringham liiert gewesen war, und das schon seit langem.

Minuten später lag er auf seinem Bett in dem geschmackvoll eingerichteten Gästezimmer mit der Terrasse, auf die jetzt der eben aufgegangene Mond schien. Er wollte sich nur ein wenig ausruhen und über das gerade geführte Gespräch nachdenken, bevor er in der Schenke zu Abend essen würde, als ihm ein Gedanke kam. Vielleicht hatte Vincent doch heimlich von diesem Mädchen geschwärmt, weil er ... ja gerade, weil sie die Einzige war, über die er nicht in abfälliger Weise gesprochen hatte, jedenfalls nicht, soweit sich Jared erinnern konnte. Er hatte sich im Kreise seiner Freunde über sie auch nie lustig gemacht. Nicht dass der Farmer es gebilligt hätte, dass sein Sohn oder wer auch immer in dieser Weise über Frauen sprach, aber er rechnete das damals zu den Verhaltensweisen, die man einem heranwachsenden Mann, der sich seine Hörner noch abstoßen musste, gerade noch zubilligen konnte.

Inzwischen hatte er erkannt, dass das falsch gewesen war.

Dass Vincent viel zu sehr verwöhnt worden war, und zwar von allen Seiten, war ihm seit Langem klar und er hatte sich mehr als einmal vorgeworfen, sich nicht besser gegen alle Großeltern und in diesem Punkt auch gegen seine Frau durchgesetzt zu haben.

Bruder Jonas freute sich offensichtlich, als Jared die Klosterschenke betrat. Nach einem herzlichen Schulterklopfen und einer lauten Begrüßung: »Was führt denn den Herrn von Raitjenland hierher? Es geschehen ja noch Zeichen und Wunder!«, brachte der Wirt ihn an einen der Tische in der Nähe der Theke und empfahl ihm zunächst das Gericht des Tages. Das Rumpsteak mit Süßkartoffeln und heimischen Pilzen verspeiste der Farmer wenig später mit großem Appetit. Dazu brachte ihm die Kellnerin frisch gezapftes Bier in einem Glaskrug.

Ihm wurde bewusst, dass er seit Tagen keine richtige Mahlzeit mehr zu sich genommen hatte. Jesper bekam einen großen Knochen, den er lautstark abnagte. Als Jared mit dem Essen fertig war, setzte sich Bruder Jonas zu ihm an den Tisch. Er hatte Zeit, denn die meisten Gäste würden später kommen. Nachdem sie über den letzten Pferdemarkt in Angwat gefachsimpelt hatten und der Wirt ihm versichert hatte, nicht böse zu sein, weil er ihn damals bei diesem Prachtgaul überboten hatte, erzählte der Farmer nach dem zweiten Krug Bier vom Tod seines Sohnes. Dabei ließ er allerdings die näheren Umstände über das genaue Wo und Wie aus. Er erwähnte nur, dass er ihn in den Bergen gefunden habe und nun hier sei, um sich Rat von der Äbtissin einzuholen.

Bruder Jonas bemerkte sehr wohl, dass der Farmer nicht darüber reden wollte, und so beließ er es dabei, sein Beileid zu bekunden. Er wunderte sich allerdings darüber, dass der Farmer ausgerechnet die Äbtissin von Haldergrond um Hilfe bei der Aufklärung gebeten hatte.

So kam man bald darauf wieder auf Pferde zu sprechen.

Jared müsse, jetzt wo er schon einmal hier war, unbedingt seine Stallungen besichtigen. Nachdem Jared ihm dies zugesichert hatte, trennte man sich unter Schulterklopfen kurz vor Mitternacht.

Bruder Jonas dachte nach. Der Farmer besuchte Haldergrond nicht, weil sein Sohn gestorben war. Der Grund konnte nur der Umstand des Todes sein, also all das, worüber Jared nicht hatte sprechen wollen.

Er hat ihn irgendwo im Gebirge gefunden. Warum hat er nicht gesagt, wo das war? Und warum kommt er dann hierher, anstatt sofort nach Haus zu seiner Frau zu gehen? Was hat die Äbtissin damit zu tun? Was hat er sich von seinem Besuch bei uns bloß erhofft?, waren seine Gedanken. Seine Neugier war entfacht. Er würde in den nächsten Tagen Augen und Ohren noch weiter offen halten als sonst.

In der Nacht schlief Jared von Raitjenland tief und wachte um fünf Uhr auf. Er hatte nicht bemerkt, dass ein Phuka mitten in der Nacht in sein Zimmer geschlichen war, sich neben ihn gesetzt und ihm Dinge eingeflüstert hatte, die er im Wachbewusstsein für unmöglich gehalten hätte. Noch nicht einmal Jesper war aufgewacht.

Bereits vor Sonnenaufgang brach der Farmer mit neu gestärktem Willen auf. Es würde sich alles aufklären. An diesem Morgen hatte er eine Zuversicht gefunden, wie er sie selten in seinem Leben gespürt hatte. Er wusste nun, wonach er suchen musste. Er war sich sicher, auch allen anderen Geheimnissen auf die Spur kommen zu können. Die Stallungen des Bruder Jonas, nach denen ihm im Augenblick nicht der Sinn stand, würden bis zum nächsten Besuch warten müssen, wenn es einen solchen jemals geben sollte. Dieses ganze Haldergrond war ihm suspekt, mehr als jemals zuvor.

Kapitel 7

Perchafta bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Tief im Inneren des Berges regte sich etwas. Es war zunächst nur ein sehr leises Geräusch gewesen, das er aber dann als ein tiefes Ein- und Ausatmen erkannte. Der Krull wusste im gleichen Augenblick, dass das erste der Siegel im Begriff war, nach seinem sehr langen Schlaf zu erwachen. Im Balgamon, den die Krulls in den Höhlen von Tench'alin seit vielen Generationen pflegten, stand geschrieben, dass dieses Aufwachen lange dauern konnte.

Dann geschah etwas Merkwürdiges an diesem lauen Spätsommertag.

Mit einem Mal waren alle Geräusche des Tales verstummt. Der Wind hatte aufgehört, die feinen Äste und Blätter der Bäume zu bewegen. Das Summen der Insekten war mit einem Schlag verstummt. Keines Vogels Flügelschlag teilte mehr die blaue Luft. Sogar die Glocken der Ziegen und Schafe hatten aufgehört zu läuten, so als ob deren Träger mitten in ihrer letzten grasenden Bewegung erstarrt wären. Das Erstaunlichste aber war, dass die Wasserfälle, die eben noch mit tosendem Geräusch den See speisten, nicht mehr flossen.

Das geschah sonst nur in sehr kalten Wintern, wenn die Natur das Wasser zu wundervoll bizarren Kunstwerken erstarren ließ, zu denen nur sie imstande war. Aber solche Winter waren hier äußerst selten. Den letzten dieser Art hatte es vor 730 Jahren gegeben.

Der Gnom hatte zwar für sich selbst und sein Volk nichts zu befürchten, erschauerte aber dennoch in diesem Moment, den er wie in einem Zeitraffer erlebte. Den ersten fernen Atemzügen folgte ein seltsames dunkles, röchelndes Stöhnen und Perchafta erkannte, dass das, was dort allmählich an die Oberfläche des Seins gelangte, mit diesem Vorgang nicht einverstanden war. Elliot, der gerade mit ihm unter einem großen Walnussbaum zusammensaß, um sich über die neuesten Ereignisse auszutauschen – er hatte seinen Bericht über Scotty und Jared gerade beendet – wurde auf einmal blass und die Gnome wechselten einen vielsagenden Blick. Sie hatten gerade den Hauch des Todes erlebt. Es hatte nur Sekunden gedauert und nach wenigen Augenblicken war alles wie zuvor. Perchafta erahnte, dass nichts mehr so bleiben würde, wie es einmal gewesen war.

Ganz sicher hätten die Emurks all das ebenfalls wahrgenommen, aber sie waren nicht mehr im Tal von Angkar Wat, das sie mehr als 300 Jahre lang bewacht hatten, denn ihre Verbannung war inzwischen beendet. Der Dritte, der an diesem Tag etwas von diesem Ereignis bemerkte, war ein Mensch.

Allerdings war Special Agent Steve Sisko weit davon entfernt, dessen Bedeutung zu erkennen. Die konnte ihm seine technische Ausrüstung nämlich nicht entschlüsseln. Er befand sich nur noch eine kurze Wegstrecke vor dem Zugang, den auch Scotty vor einigen Tagen gefunden hatte. Der Bildschirm seiner Brille leuchtete auf und das Gerät gab einen leise vibrierenden Ton von sich. Er blieb überrascht stehen.

Dann erschien eine Meldung: Warnung … Unterirdische Aktivität ... Ursache unbekannt … Warnung!

Steve tippte ein paarmal an den Rand der MFB – wirkungslos – und auch das Display an seinem Handgelenk blinkte beharrlich weiter ... jetzt sogar noch eindringlicher warnend, wie ihm schien.

Das kann nicht sein, dachte er, was soll hier unbekannt sein? Dass der Vulkan aktiv ist, wissen wir ... aber eine Fehlermeldung hatte ich bisher noch nie.

Auch nach nochmaligem, diesmal etwas energischerem Klopfen auf das Display veränderte sich die Anzeige nicht.

Genervt schaltete er die Meldung kurzerhand ab. Die Rauchsäule des mächtigen Gork hatte ihm auf seinem Marsch sogar als Orientierung gedient und die MFB hatte sie bisher stets normaler, aber ungefährlicher vulkanischer Aktivität zugeordnet.

»Wenn du mir keine nützlicheren Informationen liefern kannst«, murmelte er dabei. Dann nahm er die Brille für einen Moment ab und setzte sie nach dem Verschwinden der Meldung wieder auf.

Dennoch vorsichtiger geworden, setzte er seinen Weg fort.

Kurz darauf entdeckte er die in den Fels gemeißelten Schriftzüge. Scotty hatte diese bei seinem Besuch vor einigen Tagen nicht deuten können, Steve Sisko aber las die Botschaft mithilfe seiner MFB, die wieder tadellos funktionierte.

Kommst du in Frieden, so tritt ein und fürchte dich nicht. Kommst du als Feind, wird dir keine Rettung sein.

Komische Formulierung … und was passiert wohl, wenn die Mission nicht friedlich ist?, dachte Steve und grinste. Er war für alles gerüstet. Dann fuhr er behutsam mit einer Hand über die Worte.

»Unglaublich«, flüsterte er jetzt, »das ist weit mehr als tausend Jahre her. Wahrscheinlich hat man damals so gestelzt geredet.«

Kurz darauf stand er auf der gleichen Anhöhe, die auch Scotty schon in Erstaunen versetzt hatte. Ihm erging es nicht anders, obwohl er dank Nikitas Berichten, so spärlich sie auch gewesen sein mochten, darauf vorbereitet war. Vor ihm breitete sich das Tal von Angkar Wat aus. Über seine MFB ließ er die Männer, die jetzt in Bushtown in dunklen Räumen vor großen Bildschirmen hockten, an diesem Blick teilhaben, der sich ihm präsentierte: Üppige Vegetation, bis hoch in die Berghänge hinauf, umschloss das Tal. Er sah einen See, der von mehreren Wasserfällen gespeist wurde und auf dessen Oberfläche sich jetzt glitzernd die Sonne spiegelte. Überall im Tal standen Bäume, die man sonst nur in sehr fruchtbaren Ebenen finden konnte. Zahlreiche Obstsorten wie Äpfel, Kirschen und Birnen, ja sogar Mandelbäume und Weinstöcke konnte er am Südhang erkennen. So hoch im Gebirge solch eine Vegetation, das ist schon mehr als merkwürdig, dachte er.

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

Vor zwei Tagen wäre er unweigerlich auf Jared gestoßen und wäre er noch früher gekommen, hätte er sein Eindringen in dieses Tal genau wie Vincent sicher mit seinem Leben bezahlt.

Auch nach weiteren Minuten konnte er kein Anzeichen menschlichen Lebens erkennen. Tiere hingegen gab es jede Menge. An den Hängen suchten Ziegen nach Futter und im Tal erblickte er Schafe und Hühner. Er hakte seine Daumen unter die Riemen des Rucksackes und begann den Abstieg, der von zwei sehr besorgten Krulls beobachtet wurde.

Bald traf er auf die ersten Ruinen und schreckte dabei ein paar Hühner auf, die im warmen Sand gedöst hatten. Aufgeregt gackernd und feinen Staub aufwirbelnd liefen sie davon, um kurz darauf ihre Futtersuche fortzusetzen.

Richtige Häuser ... tatsächlich, durchfuhr es ihn, massive Häuser ... aus Stein gebaut.

Nikitas Informationen stimmten soweit.

Hier haben wirklich Menschen gelebt, und als er die Burg erblickte, dachte er weiter, was immer sie hierher getrieben hat, sie sind lange geblieben ... oder hatten es zumindest vorgehabt.

Als er den Burghof betrat, erschien erneut die Meldung auf dem Display seiner MFB und wieder schaltete er sie aus.

Bisher war alles gut gegangen, wenn man davon absah, dass es länger als geplant gedauert hatte, bis Dennis, der ihn in einem kleinen Boot an Land hatte bringen sollen, eine geeignete Stelle gefunden hatte. Schließlich hatten sie in der Nähe der Stadt Sardi, so besagten jedenfalls die Karten, die auch schon in Nikitas MFB gespeichert gewesen waren, einen geeigneten Platz gefunden. Der Marsch vom Strand bis hierher war denkbar einfach gewesen. Nur zu Beginn war er in einem leichten Trab, den er ohne große Mühe einige Stunden lang beibehalten konnte, unterwegs gewesen. Die MFB hatte ihn dabei sicher geführt. Da er sich nicht mit Nahrungssuche aufhalten musste – für die ersten Tage hatte er genügend dabei – war er schnell vorangekommen.

Von Nikita Ferrer, vielmehr deren Brille, war man über die Ansiedlungen von Menschen informiert, die auf dem Weg lagen. Irgendwann hatte sich Frau Ferrer dem Befehl ihres Vorgesetzten widersetzt gehabt und die Brille nur ab und zu getragen. Man hatte darüber die wildesten Spekulationen betrieben, wie er wusste. Wahrscheinlich würde sie bei einem Verhör in der Heimat irgendeine fantasievolle Geschichte zum Besten geben. Die Wahrheit würden sie nicht herausbekommen, davon ging er aus.

Damit, dass sie sich hier in diesem armseligen Teil der Erde verlieben würde, hatte man nicht gerechnet. Das war einfach absurd. Es war offensichtlich doch geschehen, wie man von Professor Rhin erfahren hatte, und schon aus diesem Grund würde er nicht alles glauben, was sie berichtet hatte. Er würde nicht nur dieses Tal genauestens unter die Lupe nehmen müssen.

Sein Instinkt sagte ihm, dass Nikita Ferrer nicht alles erzählt hatte. Dass Liebe die Wahrnehmung gehörig verzerren kann, war ihm durchaus bekannt, und wer wusste schon, wie weit sie mit den Menschen in diesem Teil der Welt, die sie ganz offensichtlich um den Finger gewickelt hatten, bereits solidarisch war. Sie schwärmte in ihren knappen Berichten geradezu von dieser Welt. Demnach war sie hier sehr herzlich aufgenommen worden.

Steve kannte alle Tonprotokolle der Gespräche, die sie mit ihrem Vorgesetzten, Professor Rhin, geführt hatte, und er hatte ihre Emotionen genau herausgehört, obwohl sie diese sicher hatte verbergen wollen. Einer dafür programmierten Software hatte sie allerdings nichts vormachen können. Er hätte sie gerne an Bord kennengelernt, um ihr noch etwas auf den Zahn zu fühlen. Sein Befehl hatte aber gelautet, direkt an Land zu gehen – noch bevor man sie an Bord der U-57 aufnehmen würde.

Er war mehr als fünf Jahre intensiv vorbereitet worden und es war ihm inzwischen klar geworden, dass das nur für diesen Auftrag geschehen war. Eines hatte er neben vielem anderen gelernt: nur sich selbst zu vertrauen, denn selbst die ausgereifteste Technik konnte versagen, was ihm ja eben unter Beweis gestellt worden war. Die Sprache, die hier gesprochen wurde, sprach er wie ein Einheimischer.

Seinen Zwillingsbruder, der gerade dabei war, eine große politische Laufbahn einzuschlagen – er gehörte mit seinen 23 Jahren zu den jüngsten Senatoren – hatte er in den letzten Jahren so ziemlich aus den Augen verloren. Sie telefonierten zwar hin und wieder und trafen sich bei Familienfesten, aber die Nähe, die sie als Kinder gehabt hatten, war zwischen ihnen nie wieder entstanden. Sie hatten sich vollkommen unterschiedlich entwickelt. Damals hatte sie ihre Entführung nur für kurze Zeit noch zusammengeschweißt.

Der Entführer hatte während der drei Monate ihrer Gefangenschaft ein paarmal seine Maske abgelegt. Diese wenigen Momente hatten aber genügt, dass stahlblaue Augen und eine Raubvogelnase selbst heute noch hin und wieder in Steves seltenen Träumen auftauchten. Dass sie entführt worden waren, wussten sie lediglich aus Erzählungen. Man hatte den Brüdern gesagt, dass es wohl das Beste für sie gewesen sei, dass sie dieses traumatische Erlebnis vergessen hätten. Einer der Spezialisten, die seine Eltern konsultiert hatten, hatte damals einen weitschweifenden Vortrag über das Unterbewusstsein des Menschen, über Amnesie und Traumaverarbeitung gehalten. So würden sie ihre Zukunft unbeschwerter erleben und frei von Ängsten gestalten können, hatte er gemeint. Dass sie sich eines Tages daran erinnern würden, hielt er praktisch für ausgeschlossen.

»Sie könnten sich höchstens erinnern, wenn sie ihrem Entführer doch eines Tages gegenüberstehen sollten, aber das ist ja nicht möglich, da der sich umgebracht hat, wie man in den Nachrichten hören konnte«, hatte er die besorgten Eltern noch beruhigt.

Nur ein schmales ledernes, an den Rändern metallverziertes Armband mit einem eingefassten Diamanten, das er immer trug, erinnerte ihn stets daran. Seine Mutter hatte jedem ihrer Söhne ein solches Band als, wie sie es nannte, Schutzband geschenkt, kurz nachdem sie wieder zu Hause waren.

Er begann sofort mit der Erkundung, denn er wollte keine Zeit verlieren. Zunächst stellte er seine MFB auf eine starke Fernglasoption und das Auffinden von Hohlräumen ein, gab einen kurzen Befehl und begann, die Berghänge abzusuchen.

Das Objekt sollte sich ja in einer Höhle befinden. Nach ein paar Minuten hatte er schon einige davon ausgemacht, obwohl mit der Brille irgendetwas nicht zu stimmen schien.

Immer mal wieder hatte es kleine Aussetzer in der Übertragung gegeben. Schließlich wurde ihm der Eingang zu einer besonders großen Höhle gezeigt, die offensichtlich hinter einem der Wasserfälle lag, die den See speisten.

Wenn ich etwas in Sicherheit bringen wollte, würde ich es genau dort verstecken, dachte er. In dieser Höhle würde er gleich am nächsten Morgen die Suche beginnen.

Plötzlich stutzte er. Da war eine Bewegung gewesen, keine hastige, wie vielleicht von einem flüchtigen Tier, sondern eine langsame und ruhige. Er hatte etwas Grünes gesehen, das sich in dem Bereich, wo der bewachsene Teil in den felsigen Bereich überging, bewegt hatte. Das Objektiv der Brille war gut. Er war sich inzwischen sicher, dass es eine Frau in einem grünen Kleid gewesen war, obwohl seine MFB keine menschliche Anwesenheit registriert hatte, was ihn wunderte. Es war nur ein kurzer Moment gewesen und so sehr er sich jetzt auch anstrengte, die Frau war wie vom Erdboden verschluckt. Es war auch kein Busch dort oben in der Nähe, wo sich jemand hätte verstecken können, und dass sich Menschen einfach so in Luft auflösen können, das hatte er vielleicht als kleiner Junge einmal geglaubt. Die Entfernung bis dorthin gab seine Brille mit 250 Yards an. Sollte er sich doch getäuscht haben?

Also, auf gehts, wollen doch mal schauen, wer dort herumschleicht … vielleicht ist es ja nur eine Hirtin, die ihre Tiere sucht. Er nahm die Armbrust und vorsichtshalber auch seine Dienstwaffe an sich. Vorsichtig, jede Deckung nutzend, schlich er weiter und hatte kurz darauf die Stelle erreicht, wo die Frau in Grün gewesen sein musste. Weit und breit konnte er niemanden ausmachen. Sie blieb verschwunden. Plötzlich zuckte er zusammen, als eine große Eidechse vorüberhuschte, unter einem großen Felsen verschwand und dabei kleinere Steine lostrat.

Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht.

Als er sich sicher war, niemanden mehr vorzufinden, richtete er sich auf und als er ein paar Schritte gegangen war, entdeckte er einen kleinen, frisch aufgeworfenen Erdhügel, der mit Steinen verziert worden war. Daneben sah er Spuren eines großen Hundes und mehrere Stiefelabdrücke. Die Brille zeigte an, dass es sich um zwei Männer gehandelt hatte, die vor Kurzem hier gewesen waren. Einer der Männer musste nach Angabe der Brille über 190 cm groß und knapp über 100 Kilo schwer gewesen sein, der andere dagegen kleiner und leichter.

»Also doch«, murmelte er, »es war jemand hier ... vor gar nicht langer Zeit ... sieht aus wie ein … Grab. Lassen wir doch mal die MFB weiter ihre Arbeit machen.«

Es dauerte nicht lange, bis ihm angezeigt wurde, dass sich vor ihm in der Erde zwischen den Felsen ein menschlicher Torso im Stadium früher Verwesung befand. Steve Sisko hatte das Grab schnell freigelegt und zuckte dann doch zusammen, als er einen Leichnam ohne Kopf vorfand. Er hatte schon viele Tote gesehen, manchmal auch solche, die aufgrund von Waffengewalt entstellt gewesen waren, aber hier, in diesem so friedlichen Tal, hatte er nicht mit so etwas gerechnet. Er hatte das Grab geöffnet, weil er wissen wollte, wie dieser Mensch ums Leben gekommen war. Er musste alles über dieses Tal erfahren. Die Anzeichen von Verwesung waren auch mit bloßem Auge bereits deutlich zu erkennen. Dass es sich bei dem Toten um einen recht jungen Mann gehandelt haben musste, hatte Steve sofort erfasst. Er machte ein paar Fotos mit seiner MFB, aber auch das funktionierte nicht einwandfrei. Fast alle Aufnahmen waren verschwommen.

Sollten sie sich drüben darum kümmern, sie sollten die Bilder ja nachbearbeiten können.

Wer immer den Körper bestattet hatte, musste eine besondere Beziehung zu ihm gehabt haben. Das zeigte sich Steve an den Blüten, die über den Leichnam gestreut waren. Diese Vermutung wurde bestätigt, als er einen Zettel fand, der in den über der Brust gefalteten Händen des Getöteten steckte. Steve nahm ihn vorsichtig und las: Mein Sohn, ich werde deinen Mörder finden. In Liebe, dein Vater.

Er untersuchte daraufhin die Stelle, an der der Kopf vom Rumpf abgetrennt worden war. Dass er mit einer unglaublichen Kraft abgerissen worden sein musste, war klar. Sorgsam brachte er danach das Grab in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Während er das tat, dachte er darüber nach, wer zu einer solchen Tat imstande gewesen sein mochte. Die einzige logische Erklärung, die er fand, war eine Begegnung mit einem der großen Bären, denn er wusste, dass diese in dem Gebirge vorkamen. War wohl etwas unvorsichtig bei der Jagd gewesen, der junge Mann, und sein Vater hatte ihm auch nicht mehr helfen können.

Da er bis zum Einsetzen der Dunkelheit noch Zeit haben würde, beschloss er, seine Erkundung des Tales fortzusetzen.

Die Banshee hatte ihn aus einer nahen Höhle heraus die ganze Zeit beobachtet. Sie wusste, dass er sie gesehen hatte, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Die nächste Überraschung erlebte Steve Sisko, als er eine Stunde später eines alten Segelschiffes gewahr wurde. Er hatte zwar durch die Berichte Nikitas Kenntnis davon, doch so hatte er es sich doch nicht vorgestellt. Er umrundete das Schiff mehrere Male, laut MFB handelte es sich um eine Brigg von 35 Yard Länge und neun Yard Breite, und betrachtete sich dann genau die merkwürdige Figur am Bug.

Welchem irren Hirn ist denn die entsprungen?, dachte er bei sich. Irgendwie alles ein wenig verrückt hier. Auch hier um den Segler herum waren die Spuren des Hundes und der beiden Männer noch deutlich zu sehen. Die Spur des größeren Mannes führte zu dem Haus. Steve umrundete das lang gestreckte Gebäude und entdeckte die aufgebrochene Tür.

Der war wohl sehr neugierig, dachte Steve und besichtigte, wie Jared vor ihm, die Schule der Emurks. Kopfschüttelnd verließ er sie nach einigen Minuten wieder.

Was hat hier stattgefunden? Wo sind diese merkwürdigen Leute, die solche Bilder malen? Wahrscheinlich verstecken sie sich irgendwo in den Bergen und bleiben hoffentlich auch dort.

***

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