Kitabı oku: «Der Reisebericht des Hieronymus Münzer»
Klaus Herbers
Der Reisebericht des Hieronymus Münzer
Ein Nürnberger Arzt auf der „Suche nach der Wahrheit“ in Westeuropa (1494/95)
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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Umschlagabbildung: Clm 431, fol. 173r © Bayerische Staatsbibliothek München
Karte im Umschlag: Münzers Reisen 1483/84 und 1494/95 (R. Hurtienne, V. Trenkle, Chr. Gürtler)
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISBN 978-3-7720-8739-4 (Print)
ISBN 978-3-7720-0128-4 (ePub)
Inhalt
Für Gertrud
Vorwort
Hieronymus Münzer in Westeuropa: Person, Reise, Bericht. Eine Hinführung1. Student, Mediziner, Humanist und Reisender: Lebenslinien des Nürnberger Arztes Hieronymus Münzer2. Pilgerfahrt, Bildungs-, Handels- oder diplomatische Reise? Organisationsformen des Reisens und Schlüssel zum Fremden3. Interessen und Wahrnehmung: von Handelszentren und Höfen, Moscheen und Pilgerorten, Reliquien und Kunstwerken4. Was ist aufzeichnenswert? Das Itinerarium5. Zur vorliegenden übersetzten Ausgabe
I. Von Nürnberg nach PerpignanÜber die Schlacht und die Niederlage bei der Burg Murten habe ich Folgendes notiert:Über die Stadt LyonEpitaph des heiligen Petrus‘ ...Irgendjemand schrieb in jener ...Die sieben Freuden der ...Ein anderes Gedicht über ...
II. Von Perpignan bis Alhama Über die Stadt Barcelona Über die Verwaltung der Stadt Das Haus der Kaufleute Das Haus des Infanten Heinrich Über das Kloster der Minderbrüder Über ihre Gerichtsverwaltung Über das Rathaus Über die uns erwiesene Ehre Über die unterirdischen Kanäle Über das Kloster Montserrat Über die Stadt Valencia Über die Hauptkirche Über das Haus der Kaufleute Über den Verkauf von Sklaven Über die Lieblichkeit der Gärten in Valencia Über die verschiedenen Früchte Spaniens Über einige Klöster und Kapellen Über die Marranen Über das Kloster der Heiligsten Dreifaltigkeit Über das Kloster von Santa María de Jesús Über das Haus der Unschuldigen und Dummen Über die Umgangsformen (der Valencianer) Über die Früchte in Alicante
III. Von Lorca bis Sevilla Über den Einzug in das Reich Granada von Kastilien aus Über den Hafen Almería und die Stadt (im Reich) Granada Über die Moschee in Almería Über die Entfernung Almerías zu Afrika und zur Berberei Über die neuerbauten Klöster Über den Bananenbaum Über die Stadt Guadix im Reich Granada Über Granada und die dortige Moschee Über das Schloss Granadas, das Alhambra heißt Über ihren Friedhof außerhalb des Elviratores Über die Moschee im Albaicín, einem Teil der Stadt Über die Lage der Stadt Granada Über die Größe der Stadt Über die Lage des Reiches von Granada Vom Sieg über das Reich von Granada Über den eigentlichen Kriegsgrund gegen Granada Über goldene Mineralien im Gebiet von Granada Über die Riten und Kleider der Sarazenen Über die Kleidung (der Sarazenen) Über das Spiel mit dem Zuckerrohr Über den Herrn Erzbischof Über die Burg Moclín, die man von der Alhambra aus sehen kann Über den Ausgang aus Granada – die Stadt Alhama Über die Seestadt Vélez-Málaga Über die Stadt Málaga Über die Burgen Málagas Über den vom König von Kastilien errungenen Sieg über Málaga Über die Stadt Hispalis, die heute Sevilla heißt Über die Hauptkirche der heiligen Jungfrau Maria Über die Kartause zur Heiligen Maria, die „Kofes“ genannt wird Über das königliche Schloss in Sevilla
IV. Von Niebla bis Porto Über Ulixbona, heute Lissabon Über den Seehafen von Lissabon Über die Höflichkeit des Volkes und das Land Über das Land Portugal Über das meerwärts gelegene westliche Afrika
V. Von Barcelos bis zum Rabanal Über die Lage Compostelas, (Stadt) des heiligen Jakobus Über die Kirche des heiligen Jakobus Über die Erscheinung des Heiligen Jakobus bei Karl dem Großen Über die Passion und Translation des heiligen Jakobus nach Galicien Exclamatio pulcra Über die Muscheln (De crusillis). Calixt Gebet zum heiligen Jakobus Über den Erzbischof, die Kardinäle, Kanoniker und Reliquien Von den Kapellen im Chorraum von Sankt Jakobus Über die Abreise aus Compostela
VI. Von Benavente bis Roncesvalles Über Benavente und seine Wehrbefestigung(en) Über das Schloss von Benavente Über Numantia, heute Zamora, eine Stadt Kastiliens Über Salamanca und das dortige Studium Generale Über das Salmantiner Studium Über die Höhle der Nigromantik 1495 Über das Kloster Guadalupe Über die Lage des Klosters Über die Kirche des Klosters Über den Kapitelsaal, die Keller und die Kanäle Über das Refektorium der Patres, das Refektorium der Familiaren und die Küche Über die Schuster, Schneider, Bäcker, Handwerker, Schmiede und andere Ämter Über Gärten und Baumwiesen Über die Bibliothek, den Schlafsaal und die Krankenstube Über die beiden Kreuzgänge Über die königlichen Hallen Über die Sakristei und deren Schatz Über ihr Hospital Über ihre Einkünfte Über Toledo Über die Toledaner Kirche Über den Schatz und die Reichtümer der Kirche Über Ornamente Über Kanoniker und Pfründner Über das Johanneskloster (San Juan de los Reyes) des Franziskanerordens Über das Kloster der Heiligsten Dreifaltigkeit Über das Kloster des heiligen Augustinus Über die Umgangsform des Volkes Über Majorit, in der Volkssprache Madrid Über den König und die Königin Über die Königin Isabella Antwort Über das Aussehen von König und Königin Über adlige Studenten Über den Abschied von Madrid in Richtung Zaragoza – ein Weg von etwa 51 großen Meilen Über die Stadt Guadalajara Über die Burg in Guadalajara Über das Haus des Kardinals Don Pedro de Mendoza Über die Stadt Sigüenza Über die Stadt Medinaceli Über Zaragoza Über die Fruchtbarkeit des Landes Über die Kathedralkirche und die Klöster Über das Kloster des heiligen Hieronymus Über die Burg und Befestigung von Zaragoza Über das Maurenviertel („Morería“) Über die Ölmühlen Über den Abschied aus Zaragoza Über Pamplona, die Stadt Navarras Über den König von Navarra
VII. Von der Gascogne bis Paris Über das Béarn Über Toulouse, Stadt der Gallia Narbonensis Über die Reliquien und Kirchen von Toulouse Über die Kirche des heiligen Saturnin, des ersten Bischofs von Toulouse Über das Kloster des Predigerordens Über die Provinz Languedoc und deren Metropole Toulouse Über das Tolosaner Studium Über den Auszug aus Toulouse nach Tours Über Saint-Léonard Über die Stadt Limonia, in der Volkssprache Limoges Über die ruhmreiche Stadt Pictavis, heute Poitiers genannt Über die dortigen Kirchen und Klöster Über die Kirche des heiligen Hilarius, des Bischofs von Poitiers Über den Aufbruch aus der Stadt Poitiers Über die sehr schöne Stadt Turo, volkssprachlich Tours Über das Schloss des Königs Über die Kirche des heiligen Cassian, die Bischofskirche ist Über das große Kloster des heiligen Martin vor den Mauern (Marmoutier) Über das Verlassen von Tours nach Ambasia, volkssprachlich Amboise Über den Namen des Dauphin und seine Sitten Über den Bruder Franz von Paola aus Apulien, den größten Eremiten unserer Zeit Über die große Stadt Aurelianum, in der Volkssprache Orléans genannt Über die Kirche und das allgemeine Studium
VIII. Von Paris bis Rouen Über die glorreiche Stadt Paris in der Gallia Lugdunensis Über die Universität und die Kollegien in Paris Ein weiteres Epitaph auf ... Über den dritten und größten Teil der Stadt, der im Norden liegt Über die Brücken und die wichtigsten Alleen und Straßen Über die Lage und Größe von Paris Über die Reliquien und Schätze der heiligen Kapelle (Sainte-Chapelle) Über das Kloster Saint-Denis mit den Gräbern der Könige, den heiligen Reliquien und dem dortigen Schatz Rückkehr nach Paris Über die vier Schlösser zu Paris Über den Auszug aus Paris
IX. Von Rouen bis Lille Über die berühmte Stadt Rothomagus, die Rouen genannt wird Über den Berg und das Kloster der heiligen Katharina Über die Kathedralkirche und über Anderes Über die Kirche des heiligen Ouen, Bischof von Rouen Über den Auszug aus Rouen zum Meerhafen Dieppe Über die Abfahrt aus Dieppe nach Eu, lateinisch Augum Über die Provinz der Normandie Über das Kloster Saint-Josse Über die Ritter des heiligen Jodok Über die Stadt Ambianis, volkssprachlich Amiens Über die Hauptkirche in Amiens Über das Antlitz des heiligen Johannes’ des Täufers, des Vorläufers des Herrn und über den Schrein des heiligen Firmin Über die Stadt Atrebatum in der Grafschaft Artois, die volkssprachlich Arras heißt. Sie ist 14 Meilen von Amiens entfernt. Über Kirchen und Klöster Über die Stadt Rissel, in gallischer Sprache Lille in Flandern genannt Über die dortige bewehrte Burg Über das Haus des Fürsten Über die Kirchen in Rissel
X. Von Brügge bis Nürnberg Über die glorreiche Stadt Brügge Über die Stadt Brügge Die Reichtümer der Stadt Über Hallen und Paläste zum Handeln Über die Kirchen in Brügge Noch ein Epitaph des ... Über den Palast bei St. Donatianus Über die Klöster Über das Kartäuserkloster Über die Hospitäler Über die Stadt Sluis („Schlusa“) Über den Hafen in Sluis Über die Festungen von Sluis Über die Insel Cadzand und Zeeland Über die große Stadt Ganda, in der Volkssprache Gent Über die dortigen Kirchen Über ein bemerkenswertes Bild, das in Sankt Johannes ist und, wie ich glaube, kaum seinesgleichen auf der Welt hat. Über Antwerpen, in der Volkssprache Antorf Über die Kathedrale Über Mecheln Über Lüttich, die reiche und bekannte Stadt Über den Aufbruch aus Aachen in Richtung Köln Über die Umgänglichkeit und Frömmigkeit der Bewohner
Abkürzungen
Quellen und Literatur Zugrundegelegte lateinische Edition: Quellen und Literatur
Register
Für Gertrud
Vorwort
Die Zeichnung zur Kirche von Santiago de Compostela, die Hieronymus Münzer in den Bericht seiner Reise vom 2. August 1494 bis zum 15. April 1495 durch große Teile Westeuropas einfügt, ist schon vielfach verwendet und abgebildet worden. Für dieses Buch ziert sie den Umschlag. Das sogenannte Itinerarium bietet jedoch noch viel mehr, und es ist bei Kennern seit langem als ein kulturgeschichtliches Juwel bekannt. Der Nürnberger Arzt bereiste Frankreich, Spanien, die Schweiz, die Niederlande und Deutschland. Seine Beschreibungen führen den Leser zu vielen unbekannten Orten, die er mit eigenen Augen, aber auch aus der Perspektive anderer wahrnahm, um dann einiges davon aufzuzeichnen. Die ersten Übersetzungen dieses lateinischen Textes stammen von spanischen Kollegen, die sich allerdings nur für den iberischen Teil oder sogar nur für einzelne Regionen interessierten. Schon 1996 habe ich zusammen mit Robert Plötz einen Auszug aus dem Reisebericht in deutscher Sprache zum Besuch Münzers in der Pilgerstadt Santiago de Compostela herausgegeben. Das Pilgerzentrum ist einer der wenigen Orte, bei dem Münzer seine Beschreibungen etwas anders als bei weiteren Örtlichkeiten darbot, wo er oft aus der Höhe eines Kirchturmes die Lage beschrieb. Er verglich den Pilgerort auch nicht mit anderen Orten in Deutschland, was er sonst häufig tat.
Der Bericht des Hieronymus Münzer ist für Pilger nicht nur wegen der Beschreibung Compostelas interessant, sondern auch wegen der zahlreichen Wegstrecken, die in seinem Itinerar mit heutigen Jakobswegen übereinstimmen, in Deutschland, in Frankreich, aber auch in Südspanien oder in Portugal. Münzers Itinerarium ist zwar kein Pilgerbericht, aber Pilgerorte, Reliquien und Frömmigkeit gehören zu seinen Reiseeindrücken dazu. Diese Erfahrungen sind jedoch vielfältiger und werden hier erstmals in einer vollständigen Übersetzung des Textes der Öffentlichkeit vorgelegt. Es ist gleichsam eine Aufforderung, wie Münzer mit offenen Augen und Ohren den Westen Europas zu „erfahren“. Gleichzeitig erscheint bei den Monumenta Germaniae Historica die lateinische Edition dieses Berichtes. Diese ist so umfassend mit Einleitung und Kommentar versehen, dass die hier gebotene Übersetzung sich mit wesentlich kürzeren begleitenden Bemerkungen und Kommentierungen begnügen kann. Der Text soll vor allem für sich selbst sprechen und möglichst viele Leser erreichen.
Ich freue mich, dass dieser spannende Reisebericht rechtzeitig zum Heiligen Jahr in Santiago 2021 erscheint und den Mitgliedern der deutschen St. Jakobus-Gesellschaft als Jahresgabe 2020 zugehen kann. Bei der Vorbereitung der Übersetzung, die ich schon vor über zwanzig Jahren in Teilen begonnen habe, standen mir in der jetzt notwendigen Abschlussphase verschiedene Personen zur Seite. Das Druckangebot des Narr-Verlages sowie die Betreuung des Buches durch Dr. Valeska Lembke und Corina Popp förderten die schnelle und gründliche Abwicklung. Bei der Übertragung der Epitaphien und Gedichte waren Rat und Übersetzungsvorschläge von Eric Schlager unentbehrlich, die Korrekturphase unterstützten Sophie Caesperlein, Clara Hoeß und Lena Sahaikewitsch. Das Register lag in den Händen von Viktoria Trottmann. Meine Frau, die schon früher Münzer immer wieder be- und genutzt hat, las und diskutierte die Texte mit mir. Ihr und allen, auch ungenannten Helfern, sei herzlich gedankt!
Hieronymus Münzer in Westeuropa: Person, Reise, Bericht. Eine Hinführung
1. Student, Mediziner, Humanist und Reisender: Lebenslinien des Nürnberger Arztes Hieronymus Münzer
„Schon im sechsten Jahr meines Doktorates in Pavia in der medizinischen Fakultät […], als in der schönen Handelsstadt Nürnberg in Oberdeutschland eine Epidemie ausbrach…“ So lautet einer der ersten Sätze Münzers im Itinerarium. Und er fährt – offensichtlich ganz Mediziner – fort:
Ich verdanke es meinem Glück und meinen medizinischen Kenntnissen, die Gesundheit bewahrt zu haben. Es war im Jahr des Heiles 1484. Ich fürchtete die Ansteckung und begriff schnell, dass derjenige weder im Krieg oder durch die Pest stirbt, der nicht in ihrer Nähe ist. Ich beschloss also zu fliehen, um nicht das Leben durch eine Unaufmerksamkeit zu verlieren.
Zehn Jahre später schreibt der Nürnberger Bürger ganz ähnlich: „Später, im Jahre des Heils 1494, als eine neue Pestwelle ausbrach, wollte ich zum alten Heilmittel der Flucht greifen“1.
Trieben also Pestwellen den Nürnberger Arzt Hieronymus Münzer aus der fränkischen Reichsstadt auf den Weg, zunächst nach Italien, dann später nach Frankreich, Spanien und fast ganz Westeuropa? Nur weg aus dem Ort, wo Kontakte auch Ansteckung bedeuten konnten? Der Bericht – schon seit langem als Fundgrube kulturgeschichtlicher Beobachtungen geschätzt – zeigt aber, dass viel mehr als die Pest den Nürnberger Arzt seine Reise beginnen ließ. Deshalb seien zumindest seine Prägungen und sein Lebensweg ganz kurz skizziert.
Hieronymus Münzer – oder „Monetarius“, wie sich der Nürnberger Arzt latinisiert nannte – gehörte zum Kreis der Humanisten, die auch am Hofe Kaiser Maximilians (1493–1519) Ansehen genossen2. Geboren wurde Münzer 1437 (oder 1447) in Feldkirch als ältester Sohn des Heinrich Münzer († um 1463) und seiner Frau Elisabeth. Er studierte in Leipzig (1464–1474), später Medizin in Pavia (1476–1477), wurde dort 1479 promoviert und erwarb ein Jahr später das Bürgerrecht in der großen Handelsstadt Nürnberg, wo er sich schon nach seinem Leipziger Studium niedergelassen hatte. Zum Erwerb der Bürgerschaft war ein Mindestvermögen nötig. Gefestigt wurde Münzers Stellung auch durch eheliche Bande, denn er heiratete am 3. Juli 1480 Dorothea und schuf damit Verbindungen zur wichtigen Nürnberger Familie der Kiefhaber. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor. Beruflich verfasste Münzer in der Reichsstadt verschiedene Gutachten und praktizierte mit anderen Medizinern zusammen wie Johann Cramer und Hermann Schedel. Später gehörten zu diesem Kreis auch Hartmann Schedel, Heinrich Geratwohl und Dietrich Ulsen. Nicht nur durch diese Gruppe blieb er auch nach seinem Studium vielfältig interessiert, dies lässt zum Beispiel seine Bibliothek mit fast 200 Titeln erkennen, deren Zusammensetzung deutlich macht, wes Geistes Kind Münzer war.
In Nürnberg begünstigten die vielfältigen Aktivitäten des Handels auch Forschung und Wissenschaft. Wichtig waren vor allem Mathematik und Astronomie, dann, darauf aufbauend, auch Kosmographie und Geographie. Regiomontanus kam 1471 aus dem fränkischen Königsberg nach Nürnberg, Hartmann Schedel kehrte 1484 nach Nürnberg zurück. Dessen Vetter, Hermann Schedel, starb am 4. Dezember 1485 in der Reichsstadt; aber schon er hatte einzelne humanistisch Interessierte wie Dr. Hieronymus Münzer, Dr. Sebald Mulner, Dr. Heinrich Geratwol, Dr. Lorenz Schaller sowie weitere Personen wie Johannes Löffelholz, Dr. Conrad Schütz, Johann und Georg Pirckheimer, den Prior der Nürnberger Kartause, um sich geschart. Aus dem Ägidienkloster trat Abt Johannes Radenecker hinzu. Obwohl es in Nürnberg keine Universität gab, blühte der gelehrte Austausch, der mit diesen Namen nur unvollständig charakterisiert ist.
Weiterhin dürfte Martin Behaim nach seiner Rückkehr aus Portugal 1491 das geistige Klima in Nürnberg entscheidend mitbestimmt haben. Er vollendete 1492 in Nürnberg seinen „Weltapfel“. Auf diesem Globus ist ein enormes geographisches Wissen erkennbar, an dessen Erarbeitung wohl – wie man schon früh vermutet hat3 – auch Schedel und Münzer beteiligt waren. Münzer schrieb sogar am 14. Juli 1493 an König Johann II. von Portugal einen Brief, in dem er diesen im Namen des Königs Maximilian zur Umsegelung der Welt aufforderte, um China zu erreichen. Für dieses Unternehmen empfahl er dem König Martin Behaim als kundigen Seemann und Begleiter4. Ob die Entdeckung der Neuen Welt – Kolumbus kehrte von seiner ersten Reise am 4. März 1493 zurück – in Nürnberg zu dieser Zeit schon bekannt war, scheint unerheblich, denn an zahlreichen geographischen Erkenntnissen waren wohl schon vorher Nürnberger Gelehrte beteiligt. Seine geographischen Kenntnisse stellte Münzer ebenso bei seinen Korrekturen am Blatt „Europa“ in der Schedelschen Weltchronik unter Beweis; auch an der Schedelschen Karte von Deutschland war Hieronymus Münzer wohl beteiligt5.
Da Münzer also schon früh zu jenem humanistischen Kreis gehörte, der am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts das intellektuelle Leben in Nürnberg bestimmte, dürften diese Kontakte, seine Verwurzelung in einer Handelsfamilie, seine Frömmigkeit und seine medizinisch-anatomischen aber auch allgemein kulturgeschichtlichen Interessen seine Reisen mitbestimmt haben. War die Pest also – gemäß einer klassischen Unterscheidung – eher der Anlass, während die Gründe tiefer lagen? Münzer traf beispielsweise im Januar 1495 den spanischen König Ferdinand, worüber das Itinerarium ausführlich berichtet. Sollte er, wie man vermutet hat, den spanischen Herrscher zu einer Entdeckungsreise in ozeanische Gefilde überreden?
Nach 1495 scheint Münzer nicht mehr gereist zu sein; wichtig für ihn wurde die Hochzeit seiner Tochter Dorothea am 3. Juli 1499 mit dem Patrizier Hieronymus Holzschuher, die der sehr hohen Ausgaben wegen (600 Gulden) im Rechnungsbuch Münzers verzeichnet wird. Damit war der Anschluss an die großen Nürnberger Familien endgültig erreicht. Aus der Ehe seiner Tochter gingen Kinder hervor, drei überlebten. Der Tod seiner Frau Dorothea am 30. September 1505 traf Münzer sehr. Vielleicht errichtete er deshalb Anfang 1506 zwei Stiftungen: eine Studienstiftung sowie eine zweite in der Pfarrkirche St. Nikolai. Zwei Jahre später, am 27. August 1508 starb Hieronymus Münzer. Sein Epitaph, das von Schedel oder Holzschuher stammen könnte, hebt hervor, dass er fast ganz Europa bereist habe (totam ferme Europam peragrauit)6.
Wenn man sich verdeutlicht, in welcher Welt der Autor des Reiseberichtes lebte, erschließen sich auch die Interessensfelder in seinem Reisebericht. Seine Mitarbeit in Nürnberger humanistisch-kosmographischen Zirkeln, die Sorge um den Nürnberger und den Handel insgesamt, aber auch die Interessen eines Gelehrten, der die Artes und die Medizin studiert hatte, boten spezifische Voraussetzungen, um sich fremde Welten zu erobern. Recht wenig ist aus Nürnberger Quellen zu Münzers religiösem Hintergrund zu erfahren. Hier scheint es fast so, dass der Reisebericht selbst mit seinen zahlreichen Reliquienbeschreibungen, seinen Bemerkungen zu Pilger- und Devotionsstätten, aber auch zu anderen Religionen wie dem Islam oder dem Judentum die entsprechenden Facetten des Autors erschließt.
2. Pilgerfahrt, Bildungs-, Handels- oder diplomatische Reise? Organisationsformen des Reisens und Schlüssel zum Fremden
Hieronymus Münzer war mobil, aus Vorarlberg stammend, mit Studien in Leipzig und Pavia hatte er schon vor und zu Beginn seiner Nürnberger Zeit viele Eindrücke aus der Fremde sammeln können. Soweit wir wissen, unternahm er von Nürnberg aus drei Reisen: 1483/84 nach Italien – angeblich auch, um der Pest zu entfliehen – und 1484 nach Lüttich. Von beiden Reisen wissen wir sehr wenig, dafür umso mehr von der hier wichtigen Westeuropareise 1494/95. Seine Fahrt und der spätere Bericht sind miteinander verknüpft, aber es ist wichtig, Erlebnis- und Berichtsebene zu scheiden, denn es wurde ja nur ein Bruchteil des Gesehenen in einen möglichen Bericht integriert, ganz zu schweigen von Auslassungen, literarischer Gestaltung und weiteren Aspekten1. Deshalb sei der Blick zunächst auf das Reisen und die Reise selbst gerichtet.
Dass Reisen ein gefährliches Unterfangen war ist bekannt, wird aber oft nicht ausreichend berücksichtigt. Angesichts der Unsicherheit der Straßen, der Mühen und Strapazen, der Wegelagerer, Diebe und Betrüger und vieler anderer Dinge mehr war die Rückkehr von einer Reise oft mehr als ungewiss. Nicht zuletzt der Pilgerführer nach Santiago de Compostela aus dem 12. Jahrhundert2 führt diese Gefahren plastisch vor Augen, auch andere Quellen sind dazu einschlägig. Gleichwohl nahm das Reisen im Laufe des Mittelalters zu, dies betraf aber verschiedene Personengruppen und letztlich auch unterschiedliche Arten des Unterwegsseins3.
Verschiedene Kategorien mögen helfen, wenn man fragt: Warum reisen die jeweiligen Protagonisten, was nehmen sie wahr und schließlich wohin reisen sie? Die ersten beiden Fragen – die für Münzers Reise noch offen sind – zielen im Grunde zugleich auf Typisierungen von Reiseformen: Was unterschied die Reise eines Adeligen oder eine Brautreise von einer Pilgerfahrt, was die diplomatische Reise von einer Handels- oder Handwerkerreise, vielleicht gar von einer militärischen Expedition? Etiketten wie Adelsreisen, Missionsreisen und Entdeckungsreisen, Pilgerreisen – sei es nach Rom, Jerusalem oder Santiago – Heidenfahrten und Kavalierstouren, Bäder- oder Bildungsreisen bieten nur einige gängige Klassifizierungen. Da aber häufig – auch im Falle Münzers – weniger eine einzelne Motivation, sondern ein Knäuel von Motiven das Reisen bestimmte, mag ein einzelnes Etikett sogar in die Irre führen: Bei Münzer kamen zum Beispiel kosmographische, wirtschaftliche und religiöse Interessen, vielleicht auch politische Aufträge zusammen.
Verglichen werden kann Münzers Reise aber aufgrund des Zielgebietes, das sich mit zwei weiteren großen Reisen trifft: Westeuropa und insbesondere die Iberische Halbinsel standen auch bei dem böhmischen Adeligen Leo von Rožmital und dem Breslauer Kaufmann Nikolaus Popplau, die 1465 bis 1467 und 1483 bis 1486 in Westeuropa unterwegs waren und darüber berichteten, im Vordergrund.
Münzer reiste nicht wie Adelige mit großem Gefolge, aber sich ganz allein auf den Weg zu machen, war ebenso undenkbar. Drei Begleiter wählte er aus: Anton Herwart, Caspar Fischer und Nikolaus von Wolkenstein. Laut seiner Einleitungsbemerkungen verfiel er nicht zuletzt auf Grund kaufmännischer Erfahrung und ihrer Sprachkenntnisse auf diese Personen4. Diese als socii bezeichneten Männer werden im Bericht nicht mehr so oft erwähnt, dürften ihm aber bei der Reise stets zur Hand gegangen sein, erschlossen auch manchen Kontakt in die Kaufmannswelt.
Deshalb waren die neuen Kontakte – die zuweilen vorbereitet waren – fast wichtiger. Ganz besonders wurde Fremdes auch durch die Landsleute im Ausland angebahnt5. Der Bericht ist voll von entsprechenden Bemerkungen: Es waren Mitglieder der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft, Künstler, Mönche und Kanoniker, Drucker, Geschützmeister und viele andere mehr6, welche die Gruppe empfingen, die Örtlichkeiten zeigten und vielleicht auch in sprachlicher Hinsicht die Kommunikation vereinfachten, somit die Fremde erschlossen7.
Weiterhin fanden Personen Aufmerksamkeit, die über die Netzwerke des Kartäuserordens mit Nürnberg verbunden waren, wie Münzer in der Kartause bei Antwerpen feststellte8, oder gelehrte Humanisten wie in Portugal Duarte Galvão, der einen akademischen Lehrer (Dr. Johannes Burckstaller) Münzers kannte9.
Neue Personen traten hinzu, die zugleich als „Türöffner“ durch ihre Empfehlungsschreiben fungierten. So ebnete der neue Erzbischof von Granada, Hernando de Talavera, durch seine Schreiben den Weg zu den Katholischen Königen, die Münzer dann später in Madrid treffen durfte. Die Briefe heißen im lateinischen Text meist Litterae promotionales, es waren Empfehlungsschreiben. Manche dieser Briefe werden auch als Litterae passus bezeichnet, sie sollten offensichtlich den Übertritt der Grenzen in ein weiteres Herrschaftsgebiet erleichtern. Sie werden im Reich Granada, in Portugal, in Madrid und in der Picardie genannt. Diese Schriftstücke dokumentieren vielleicht eine Vorform des Ausweises, des Visums und könnten somit gut mit dem Terminus „Passierschein“ vorläufig bezeichnet werden.
3. Interessen und Wahrnehmung: von Handelszentren und Höfen, Moscheen und Pilgerorten, Reliquien und Kunstwerken
Münzer reiste mit seinen drei Begleitern in kleiner Gruppe, zu Pferd, und notierte die Reisedistanzen in der Regel tageweise genau. Allerdings sind die Meilenangaben, die meist mit dem lateinischen Wort leuca (zuweilen auch milia) angegeben werden, nicht völlig verlässlich und nehmen wohl auch auf lokale Gepflogenheiten Rücksicht, wie die Bemerkungen zu den langen Meilen in Katalonien nahelegen1. Die auf der Karte2 eingezeichneten Orte verraten aber noch nicht, was Münzer interessierte oder besser: was ihm des Aufzeichnens wert erschien.
Jedoch erschließt die Reiseroute verschiedene Interessensfelder. Erscheint die Italienreise von 1484 noch ganz einem klassischen Ablauf entsprechend, bei dem die wichtigen Städte Ober- und Mittelitaliens besucht wurden, so dringt die Westeuropareise 1494/95 in Neuland vor. Münzers Streckenführung über die Schweiz und das Rhônetal nach Katalonien und der Rückweg über Roncesvalles, Tours, Paris und Belgien folgte bekannten Wegen und entspricht teilweise der „Ober“- und die „Niederstraße“, die Hermann Künig von Vach 1496 in seinem Führer für Jakobspilger unterschied3. Handels-, Reise- und Pilgerwege waren häufig identisch.
Den ersten Teil seiner Fahrt charakterisiert Münzer selbst in seiner Rede vor den Katholischen Königen in Madrid, die er dort gehalten haben soll. Der Bericht integriert diese rhetorische Leistung, die alle Erlebnisse der Reisegruppe auf die prägende Kraft der Katholischen Könige zuspitzt4:
Heiligste und mächtigste Könige! Die Größe der Taten, die Eure Majestäten vollbracht haben, ist auf dem ganzen Erdkreis bekannt, und die Fürsten und Adligen Deutschlands sind voller Bewunderung, dass die Reiche Spaniens, die in der vergangenen Zeit wegen der zahlreichen inneren Kriege, des heimlichen Hasses und der privaten Interessen fast vollkommen erschüttert schienen, am Boden zerstört, dass diese Reiche nun ein Stern in so kurzer Zeit von der höchsten Zerstrittenheit zu einem so großen Frieden, zu einer so großen Ruhe und zu einem so großen fruchtbaren Zustand hat führen können.
Weil viele dies nicht hätten glauben können, habe er sich mit seinen Begleitern selbst auf den Weg gemacht, um die Ergebnisse des königlichen Waltens in Augenschein zu nehmen. Und dann lässt er die Reise ab Katalonien Revue passieren, zunächst den Wiedererwerb der Grafschaft Roussillon: „Diese Grafschaft, die an den König Ludwig verpfändet worden war, gab dessen Sohn Karl freiwillig an Euch zurück und wollte, dass sie wieder Eurem Szepter unterstehe.“ Barcelona sei nach Rebellionen befriedet worden: „jetzt sahen wir sie [die Stadt Barcelona] aber unter Euren Auspizien wiederinstandgesetzt und in einem besseren Zustand.“
Es folgen Bemerkungen zum bekannten Kloster Montserrat, zu Poblet, der Grablege einiger Könige, und schließlich zu Valencia und dem alten, erst vor kurzem durch die Katholischen Könige eroberten Granada. Dort herrschten schon neue Adelige, die Münzer – wie er sagt – Auskünfte gegeben hätten: „Wir wurden über die wichtigsten Dinge durch den Grafen von Tendilla und durch den ehrwürdigsten Herrn Erzbischof informiert“. Alhama, Malaga und Sevilla boten neue „Wunder“, denn „wir sahen einige neue Menschen, zu unseren Zeiten bisher unbekannt, die man aus den Ländern Indiens herbeigebracht hatte, den Ländern, die unter Euren Auspizien entdeckt wurden.“
Auch am Hof des Königs von Portugal wurde die Gruppe „über die Dinge in Äthiopien und die südlichen Länder informiert“. Über Santiago, Salamanca und Toledo seien sie nun auf die „Urheber solch großer Taten“ gestoßen: „Wir kommen, ich sage es, zu den Königen, durch welche die Rechte des Herrn die Völker aufrichtete, Reiche unterwarf und neue Menschen entdecken ließ.“
Die Rede spitzt alles – auch im Stil humanistischer Rhetorik – auf den Besuch bei den Katholischen Könige zu, und in der Tat könnte Münzer Aufträge König Maximilians und anderer zum Kontakt an den Höfen von Évora/Lissabon und Madrid mitgeführt haben. Weitere Motive für Münzers Reise lassen sich auch an der Verweildauer ablesen, denn auf der Iberischen Halbinsel hielt Münzer sich deutlich länger als in anderen Gegenden auf. Die Karte erschließt gut die etwas längeren Aufenthalte (in Spanien 14 Orte, in den anderen Gegenden, vor allem Westfrankreich und Flandern neun Orte).

Münzers Reisen 1483/84 und 1494/95 (R. Hurtienne, V. Trenkle, Chr. Gürtler)
1 Die Hauptaktivitäten lassen sich bündeln:
2 Münzer traf nicht nur auf der Iberischen Halbinsel zahlreiche Händler und notierte Handelsgüter sowie Handelsströme. Dies scheint vor allen Dingen im katalanisch-valencianischen Raum, in Portugal und in Flandern der Fall gewesen zu sein. Bei diesen Kontakten traten oft die am Ort ansässigen Deutschen in den Vordergrund. Ob Münzer Aufträge zu Sondierungen besaß, ist allerdings nicht sicher. In diesen Zusammenhang gehören auch seine Notizen zu den zahlreichen Schätzen aus den Afrikareisen, die er nicht nur im Itinerarium, sondern auch in einem gesonderten Traktat niederlegte5. Wenn man die Bemerkungen zu Barcelona und Valencia mit denen in Portugal vergleicht, so scheint der Nürnberger Arzt die Zeichen der Zeit erkannt zu haben: Der künftige Handel würde mehr auf den Atlantik als auf das Mittelmeer ausgerichtet sein.
3 Besonders die Besuche am Hofe Johanns II. in Portugal und am Hof der Katholischen Könige in Madrid könnten nicht nur auf politische Aufträge schließen lassen. Hier traf Münzer auch Vertreter des Humanismus wie Cataldus und Petrus Martir, deren Werke er erwähnt. Zum zweiten lobte er die Politik dieser Herrscher und die Erziehung der jungen Prinzen am Hof. Vielleicht „sichtete“ er sogar die Ehepartner zur Vorbereitung der 1496 stattgefundenen habsburgischen Doppelhochzeit6.
4 Zahlreiche Bemerkungen zur Landschaft, zu den Distanzen, zu Vegetation, Flora und Fauna bieten dem Leser ein breites Spektrum zu den verschiedenen Pflanzen, aber auch zu Bewässerungsverfahren, Herstellung von Rosinen, Glas und Zucker oder zur Funktionsweise von Ölmühlen. Münzer interessierte sich für Gärten, Bewässerung, Pflanzen und Früchte, Bodenschätze, Heilquellen, Märkte, Preise, Handelsaustausch und Städtebilder. Nicht nur die Betrachtung einer „Kosmographie“, womit wohl die Karte des Fra Mauro gemeint ist, lässt die verschiedenen kosmographischen Interessen Münzers deutlich erkennen. Aufträge für den Nürnberger Gelehrtenkreis sind deshalb wahrscheinlich, ohne dass völlig klar wird, wie gezielt diese Aufgaben waren.
5 Daneben waren die Interessen Münzers breit, Lehren und Praktiken des Islam, auch die Frage der Judenpolitik blieben auf der gesamten Reise eine wiederkehrende Thematik. Es ging ihm aber nicht nur um fremde Religionen, vor allem außerhalb Spaniens werden Heiligenzentren der Schweiz und Südfrankreichs ausführlich – auch mit Gedichten und Epigrammen – gewürdigt. Vielfach paarte sich dieses Interesse mit der Beschreibung von Reliquien und Kirchenschätzen. Der wirtschaftliche Sinn kam dem Nürnberger dabei nicht abhanden, denn mehr als einmal notierte er den Wert der einzelnen kostbaren Stücke. Die Abschrift aus dem Liber Sancti Jacobi in Compostela bietet ein Dossier, das sich nicht nur aus dem Interesse für Jakobus, sondern auch aus einem Faible für die Karlsepik speiste7.
Handel, Politik, Religion und Wissenschaft dürften somit die vielfältigen Reisemotive Münzers charakterisieren. Münzers Wissensdrang war groß, er ging aber noch zuweilen über diese hier kurz skizzierten Interessen hinaus, denn der Nürnberger Arzt beschreibt – was in dieser Zeit noch die Ausnahme war – häufig und detailliert die Landschaft. Dazu traten religiöse Gebräuche – Reliquienkult und Mönchsgemeinschaften –, fremde Religionen, künstlerische Werke, Exotica, Universitäten, Apotheken, Spitäler und praktische Dinge, die seine Aufmerksamkeit erheischen. Dies reichte bis zur Organisation des Abwassersystems in Barcelona. Gewiss spielen auch Empfänge bei Hof eine Rolle, aber weniger als in den anderen Reiseberichten von Adligen und Patriziern.
Dass Münzer das viele Neue häufig mit Bekanntem aus seiner Heimat verglich entspricht dem Bedürfnis, Unbekanntes zu begreifen, also auf den Begriff zu bringen8. Vergleiche finden sich zuhauf in Münzers Bericht. Münzer hat sich aber nicht nur deshalb auf den Weg gemacht, um sein bisheriges Wissen durch Anschauung zu bestätigen oder zu erweitern, wenn auch die curiositas, die manche für ein Merkmal der beginnenden Neuzeit halten, in seinem Itinerarium zuweilen erkennbar ist.
Dies erschließt vielleicht auch sein Interesse an fremden Religionen. Im alten Reich Granada lebten nach der Eroberung durch die Katholischen Könige 1492 noch zahlreiche Muslime: Gebetsriten, Bestattungen und anderes interessieren den Nürnberger Arzt. Dieses Interesse wurde in Zaragoza fortgesetzt, denn dort erläuterte ihm angeblich ein „Priester“ der Muslime, wie es mit der Vielehe stehe. Trotz mancher Kritik lobte der Nürnberger Arzt aber die Arbeitskraft der Muslime, die ihm sogar in manchen Gegenden unentbehrlich erschien. Ganz anders war seine Haltung zu den Juden oder den als „Marranen“ bezeichneten neu getauften sogenannten Conversi, die Münzer am Mittelmeer, aber auch in Lissabon und immer wieder erwähnte und deren Ausweisung er kommentierte: Hier teilte er ganz die rigorose Politik der Katholischen Könige und war in seiner Meinung vielleicht auch von ähnlichen Tendenzen im Reich zu Ende des 15. Jahrhunderts mitbestimmt.
Aber wie hielt er es mit der eigenen Religion? Was bedeutete ihm der kritische Vergleich von Reliquien? Wie können, so fragte sich nicht nur Münzer, sondern später auch Arnold von Harff, Jakobusreliquien in Toulouse vorhanden sein, wo doch der gesamte Leichnam in Compostela ruht? Die Kritik am Reliquienwesen ist alt, gewann aber neue Aktualität und hat später auch Martin Luther zu seiner Kritik an der Compostelafahrt geführt9. In Compostela bemängelte Münzer, dass er den Leichnam des Apostels nicht sehen konnte und fügte seufzend – oder ironisch? – hinzu, dass wir dies alles nur glauben könnten10. Der praktische Pilgerbetrieb in Compostela schien Münzer aber vor allem zu stören, und ähnlich kritisch vermerkt er zur Aachenfahrt, dass die Pilger dort mit viel Geld kämen und mit leerer Börse heimkehrten11.
Es wäre einseitig, nur die kritischen Bemerkungen Münzers aufzugreifen: Pilgerorte wie St-Maximin, Les Saintes-Maries-de-la-Mer, Montserrat, Santiago de Compostela, Guadalupe, Toulouse, Tours oder Saint-Josse-sur-Mer fanden ebenso wie Aachen, Köln oder weitere bedeutende, auch künstlerisch interessante Klöster sein Interesse. Er wollte eben alles besuchen und sehen, was es zu sehen gibt. Und wo man den Reisenden Reliquien am Altar, in der Sakristei oder Schatzkammer zeigte, vermerkte Münzer dies gerne, manche Bemerkungen deuten darauf hin, dass er als Gedächtnisstütze vielleicht wie in Toulouse oder Tours einen Reliquienzettel erhielt oder abschrieb. Oft scheint er sich sogar mehr für den materiellen als für den spirituellen Wert zu interessieren, Reliquien und besonders Reliquiare waren schließlich zu teuren Kunstwerken geworden. In vielen Dingen sah Münzer aber auch auf den größeren politischen und kulturellen Kontext religiöser Phänomene. Deutlich wird dies zum Beispiel an den Gebräuchen in Saint-Josse-sur-Mer12, aber nicht nur dort. Wenn er in Santiago de Compostela Passagen des Liber Sancti Jacobi abschrieb, interessierten ihn vor allem die aus der Epik bekannten angeblichen Heldentaten Karls des Großen in Spanien. Aber er wollte auch mehr über einen so wichtigen Kult wie den Jakobuskult wissen – wenn er zum Beispiel das Kapitel über die Pilgermuscheln in seinen Bericht integrierte.
In vielen Abschnitten beschritt die vierköpfige Gruppe Wege, die heutige Pilger wieder für sich entdeckt haben: Neben dem klassischen „Camino francés“, den er nach seiner Abreise aus Compostela bis zu den Bergen von León nutzte, folgte er von Almería nach Granada dem heutigen „mozarabischen Weg“, in Portugal auch dem sogenannten „Camino portugués“. In Frankreich reiste er nicht nur auf dem Hinweg von Arles bis Narbonne, sondern auch bei seinem Weg von Poitiers bis Paris und folgte damit der sogenannten Ober- und Niederstraße. Erst danach entfernte sich Münzers Route – wahrscheinlich des Seehandels wegen, von derjenigen des fast zeitgleich gedruckten Pilgerführers des Hermann Künig von Vach (1496)13.
Unser Kosmograph notierte aber nicht nur die Distanzen zwischen den Städten, sondern auch die Lage (meist von einem Kirchturm in Augenschein genommen) oder auch die Bauwerke einer Stadt. Für viele (Sakral-)Bauten ist Münzer sogar die einzige Quelle, um den Zustand am Ende des 15. Jahrhunderts kennenzulernen. Größe, Breite und Höhe der Kirchen werden vermessen, mit Schritten, mit Handspannen, Ellen oder anderen Hilfsmitteln. Kleriker und Pfründen werden ebenso wie Ausstattungsgegenstände oder Gebräuche (Prozessionen in Santiago, Ritterschlag in Saint-Josse usw.) wahrgenommen. Er sah und hörte offensichtlich mit höchster Aufmerksamkeit.
Für Kunst und Kunsthandwerk sind seine (freilich nicht immer ganz klaren) Beschreibungen oft einzigartig und werden von Kunsthistorikern sehr geschätzt, denn sie bieten nicht nur eingehende Beschreibungen der Objekte wie zum Genter Altar14, sondern auch Hinweise zum Entstehungsprozess, zu den (zuweilen aus Deutschland stammenden) Bauhandwerkern und vieles andere mehr. Förderer waren auch Kaufleute: Kunst und Kommerz hingen zusammen.
Auch seine ständige Sorge, ob Klöster der Reformbewegung der Observanz folgten, zeigt, wie sehr der Nürnberger Humanist in den Diskussionen der Zeit zuhause war und wie er die Reformpolitik Ferdinands und Isabellas in dieser Frage zunehmend an den Orten kennenlernte und würdigte. Ob er die spezifisch iberischen Gemeinschaften der Hieronymiten und das Vorbild des Hieronymus so sehr schätzte, weil dies an seinen Namenspatron erinnerte? Ähnliches galt auch für andere Themen der Zeit, wie den Krieg von Granada, die Thronfolge in Frankreich oder Portugal und besonders für die Neuigkeiten zur sogenannten Europäischen Expansion.
Die politischen Interessen, die sich in Besuchen niederschlugen und teilweise erst durch Empfehlungen und Vermittlung möglich wurden, sind vielfältig und wirkten wie ein Schneeballsystem. Herausgehoben sind die Besuche am portugiesischen und kastilisch-aragonesischen Königshof. Aber auch bei Statthaltern und Bischöfen war Münzer zu Gast. In Navarra oder in Orléans wollte Münzer die Herrscher sehen und erreichte dies auch, bis hin zu der etwas merkwürdigen Szene, als ihm der kränkelnde französische Thronfolger gezeigt wurde, den er von einer Brücke aus betrachten durfte15.
Orte, Bauwerke, Institutionen und Personen waren wichtig, dazu traten aber die der Kosmographie geschuldeten Interessen, die Landschaft aufzunehmen. Zwar scheint hier später manches stereotyp und nicht immer stimmig niedergelegt, aber in der Regel beobachtete Münzer genau. Interesse an Flora und Fauna schloss wirtschaftliche Hintergründe ein, denkt man nur an den Safranhandel des 15. Jahrhunderts. Jedoch wird fast alles erfasst: Die genannten agrarischen Produkte und Pflanzen stellen für jede Übersetzung auch eine Herausforderung dar. Tiere in den herrschaftlichen Gehegen registrierte der Nürnberger Arzt ebenso, besonders exotische Tiere, von denen zum Beispiel eine Schlangenhaut oder ähnliches in Kirchen aufgehängt war. Und welche Mühe machte es Münzer, eine Gazelle zu beschreiben! Die genannten Früchte und agrarischen Produkte, deren Gedeih auch von den häufig gerühmten Bewässerungssystemen abhing, wurden oft exportiert, wie Malvasierwein, Safran, Wolle oder auch Rosinen. Deren Herstellung interessierte Münzer ebenso wie die Verarbeitung von Oliven zu Öl und anderes. Denkt man daran, dass er in jeder Landschaft immer auch Produkte, an den Kirchen Pfründen und beim Betrachten der Reliquien Geldwerte angab, dann scheint Münzer zwar Kosmograph, aber in vielem auch ein Homo oeconomicus gewesen zu sein. Er machte seinem Namen Münzer oder Monetarius also alle Ehre, obwohl ihn noch viel mehr interessierte, dies lässt der aufgezeichnete Bericht an vielen Stellen erkennen.
4. Was ist aufzeichnenswert? Das Itinerarium
Eine Skizze der Kathedrale in Santiago de Compostela steht fast genau in der Mitte des Itinerariums, wie der Bericht sich nennt. Was fand von Münzers Eindrücken Eingang in den Bericht? Konnte Münzer alles angemessen in Worte fassen? Zuweilen greift er – wie in Compostela – zur Zeichnung, obwohl dies nicht sehr oft geschieht. Die Entstehung des Itinerariums ist eine eigene Geschichte, die hier nur kurz resümiert werden kann1.
Ohne Hartmann Schedel wüssten wir von Münzers Reise so gut wie nichts, denn fast alle Informationen entstammen dem Itinerarium, das uns nur in einer Abschrift Hartmann Schedels in der Münchener Handschrift (Clm 431) überliefert ist. Die Entstehung des Berichtes wird dort aber nicht explizit thematisiert, grundsätzlich folgt der Text dem Reiseverlauf. Trotzdem ist die gesamte Handschrift aufschlussreich, denn sie enthält neben dem Itinerarium weiteres Material, das zusätzliche Überlegungen zur Reise und zur Abfassung des Berichtes bereithält. So zeigen die weiteren Teile der Handschrift, dass Hartmann Schedel Materialien Münzers als Beilagen aufgenommen hat, die teilweise eine Grundlage zur Abfassung des Berichtes geboten haben dürften2. Einzelne Schriften wurden aber nicht wie der Liber Sancti Jacobi in den Text integriert, sondern ausgelagert, zum heiligen Mamertus in Vienne, zur Lobesrede des Alfons de Ortiz auf die Katholischen Könige oder zu den Entdeckungsfahrten nach Afrika. Weitere Ergänzungen betreffen die Epigramme des in Portugal von Münzer aufgesuchten Humanisten Cataldus und einige andere kleine Notizen, wie auf Folio 303. Dort wird die Situation in Freiburg im Üchtland beschrieben; dies zeigt, wie ein Notizzettel Münzers ausgesehen haben könnte3. Wer die Verschränkungen und die internen Verweise vornahm, Münzer oder Schedel, bleibt jedoch offen. Da Münzers Itinerarium aber nur über Schedels Abschrift greifbar ist, können Rückschlüsse auf die Eigenheiten im Einzelfall Hartmann Schedel und nicht Hieronymus Münzer selbst betreffen.
Trotzdem suggeriert das Itinerarium, dass Münzers persönliche Reiseeindrücke in die schriftliche Fassung eingingen. Die Struktur variiert: Schon beim schlichten Durchlesen werden unterschiedliche Schwerpunkte erkennbar. Dominieren noch in Frankreich vielfältige Notizen zur Hagiographie, zu den Heiligen, zu Gräbern und ihren Epitaphien, so erscheint der insgesamt sehr lange Teil zur Iberischen Halbinsel deutlich ethnographischer. Die Fremdheit führt auch zu „politischen“ Kommentaren: Judenpolitik, Krieg von Granada, dynastische Entwicklungen oder die sogenannten Entdeckungsfahrten treten in den Vordergrund. Beim Rückweg fällt auf, wie sehr die Universität und die Reliquienschätze das Bild von Paris bestimmten.
Tagesdaten und Distanzen werden in verschiedener Form notiert, Meilenangaben manchmal am Rand wiederholt. Bei längeren Aufenthalten gibt es aber zuweilen Unstimmigkeiten, zuweilen auch Irrtümer (so in Zaragoza). Besonders interessant ist Folio 129, denn an falscher Stelle sind hier Bemerkungen zum nördlichen Navarra in die Handschrift eingebunden. Zuweilen sollte vielleicht noch etwas ergänzt werden, dies zeigen zum Beispiel die halb leeren Folien vor und nach der Rede, die Münzer vor den Katholischen Königen in Madrid hielt. Manche allgemeine Betrachtungen werden bei längeren Aufenthalten eingeschoben, so zum Beispiel zu den „Marranen“, zum Krieg um Granada oder über das Reich Navarra, so als ob man einen passenden Ort im chronologischen Ablauf gesucht hätte. Ob Kirchen oder Institutionen ausführlich oder nur summarisch beschrieben werden, folgt keiner besonderen Systematik und hing vielleicht auch an den Bedingungen und Informationen während der Reise selbst.
Die jeweilige Länge der Schilderungen lässt Unterschiede erkennen: Die Aufenthaltsdauer, die Vermittler und deren Informationsfreude, aber auch das persönliche Interesse und/oder die schon vorher (oder während der Reise) erhaltenen oder im Zuge der Verschriftlichung hinzugekommenen Informationen könnten eine Rolle gespielt haben.
Neue Informationen, besonders hinsichtlich der Größe, der Anordnung und Lage von Städten erschloss Münzer im Vergleich mit Nürnberger oder süddeutschen Verhältnissen. Diente dies nur der Selbstvergewisserung oder betraf das auch Informationen, die zum Beispiel für die Schedelsche Weltchronik relevant waren? Es bleibt auffällig, dass Zeichnungen erst ab seinen Erläuterungen im Reich Granada in nennenswertem Maße erscheinen. Lagepläne, Wappen, Kirchen gehören dazu.
Viel trugen die (deutschen) Personen im Ausland bei, Dolmetscher und Begleiter halfen zudem. Es wird deutlich, wie sich im Laufe der Reise und auch des Berichtes zunehmend ein Netzwerk an Personen etablierte, die mündliche Informationen des Reisenden geradezu legitimierten. Dazu trat klassisches Wissen, das Münzer einstreut, zum Beispiel mit Zitaten aus den Werken des Plinius.
Die Gestaltung des Itinerariums selbst ergibt sich auch aus den vielen Binnenverweisen. Rück- und Vorgriffe, Hinweise auf Früheres und Späteres, also Vor- und Rückverweise kennzeichnen den Bericht und belegen eine grundsätzlich chronologische Anlage der Aufzeichnungen. Die Notizen, die Münzer wahrscheinlich von seiner Reise mitbrachte, mögen dennoch disparat strukturiert gewesen sein.
Natürlich verarbeitete Münzers Itinerarium auch Vorlagen, aber insgesamt eingeschränkt. Neben der resümierenden Abschrift aus dem Liber Sancti Jacobi in Compostela, die darauf hindeutet, dass vielleicht ein anderes und von der heutigen Fassung verschiedenes Exemplar in Compostela vorhanden war, sind es kurze Abschnitte, die übernommen wurden. Inschriften (ein besonderes Interesse Schedels), Epigramme, Reliquienzettel oder Schatzverzeichnisse seien hervorgehoben.
Damit ist die Abfassungsweise des Itinerariums angesprochen. Neben Münzers und Schedels schon vorhandenen Wissensbeständen wurden manche Texte in kondensierter Form aufgenommen, dies gilt zum Beispiel für die hagiographischen Traditionen um Mamertus oder die Auszüge aus dem Liber Sancti Jacobi. In beiden Fällen wurde in humanistischer Manier gekürzt und zugespitzt. Notizen in der Handschrift wie zu den Reliquien und Ablässen in Toulouse entlasteten den Text, es wird im Itinerarium sogar darauf verwiesen. Bücher oder Hefte, die Münzer in Orléans zur Gallia (Anthonius Astensis4) oder in Sevilla (Rede des Alfonso Ortiz an die Katholischen Könige5) gezeigt oder gegeben wurden, boten Material zur Darstellung von Zusammenhängen (wie dem Hundertjährigen Krieg oder dem Krieg gegen Granada), ohne dass diese Materialien zu wörtlichen Vorlagen wurden. Zusätzliche Erläuterungen boten die verschiedenen Schriften des in Portugal getroffenen Humanisten Cataldus oder die eigenständige Schrift zu den portugiesischen Fahrten der Europäischen Expansion.
Diese Hinweise zur Abfassungsweise müssen mit weiteren Informationen verbunden werden, die dem Itinerarium selbst zu entnehmen sind. Ob Inschriften, Epigramme und anderes nur am jeweiligen Ort kopiert wurden, bleibt fraglich, manchmal ist das Itinerarium aber der einzige Überlieferungsträger. Offensichtlich wurden auch die Spuren der Abfassungsweise verwischt, denn dass Münzer den Text des Alfonso Ortiz in Sevilla erhielt, berichtet nicht das Itinerarium, sondern ein späterer Abschnitt der Handschrift6. Neben schriftlichen Vorlagen, Erweiterungen und Hinweisen ist der Beitrag der mündlichen Informanten nicht zu unterschätzen, denn woher kannte Münzer zum Beispiel die Zahlen zu Einwohnern oder zu den Klerikern und Pfründen einer Kirche?
Insgesamt wird deutlich, dass der Reisebericht vielleicht auf Tagebuchnotizen basierte, dann aber in verschiedener Weise „angereichert“ und weiter entwickelt wurde. Wer dies in welchem Maße tat, bleibt wie gesagt offen. Manches deutet darauf hin, dass Münzer vielleicht größere Verantwortung für den spanischen, Schedel für die restlichen Abschnitte besaß. Die Beobachtungen zur Verschriftlichung treffen sich durchaus mit Überlegungen zu den zahlreichen auch neu gefundenen Notizzetteln Hartmann Schedels7 und damit zur Arbeitsweise der Nürnberger Humanisten.
In der Sprache des Itinerariums dominiert ein eher einfaches, umgangssprachliches, zuweilen sogar parataktisches Latein mit grammatischen Eigenheiten. Zahlreiche Floskeln bestimmen den Text, so etwa, dass man etwas – um kurz zu bleiben – nicht weiter ausführen könne. Neologismen (auch aus romanischen Sprachen) finden sich zuweilen, insbesondere ist das Vokabular zu den Südfrüchten bemerkenswert. Dazu treten einzelne deutsche Wörter oder lautmalerische Transkriptionen des muslimischen Gebetsrufes.
5. Zur vorliegenden übersetzten Ausgabe
Gerade die Ausführlichkeit dieses in einem einfachen Humanistenlatein verfassten Berichts sowie das breite Interesse des Verfassers machen den Bericht Münzers über fremde Länder, fremde Menschen und fremde Sitten zu einer Fundgrube für den heutigen Leser, der neben kulturgeschichtlichen Details auch die Weltsicht, die Neugier und das geistige Klima im Zeitalter des Humanismus und der „Entdeckungsreisen“ aus einer persönlichen und zugleich für einen gewissen Personenkreis repräsentativen Perspektive kennenlernen möchte. Das Itinerarium wurde lange Zeit nur in seinen spanischen Teilabschnitten ediert, danach folgten einzelne Ergänzungen1. Gleichzeitig mit dieser Übersetzung lege ich erstmals eine Gesamtausgabe des lateinischen Textes vor, die mit einer Kommentierung und ausführlichen Literaturangaben den Text in den verschiedenen Facetten erschließt. Deshalb ist für jegliche nähere Auseinandersetzung mit Einzelfragen des Itinerariums auf die Edition des lateinischen Textes zu verweisen; hier finden sich auch einige der erwähnten zusätzlichen Texte der Handschrift ediert2.
Für die vorliegende Übersetzung wurden Kommentare vor allem auf Zusatzinformationen beschränkt und der Text möglichst wortgetreu in Übersetzung geboten. Die teilweise sehr spezifische und simple Ausdrucksweise des Lateinischen (oft fehlen Verben oder werden Dinge mit einem fast stereotypen habet eingeführt) sollte stilistisch nicht grundsätzlich übertroffen werden, jedoch wird durch Klammern und Anmerkungen der Sinn zuweilen verdeutlicht. Allerdings ließ sich der parataktische Rhythmus auch im Deutschen nicht ganz vermeiden und spiegelt damit teilweise Münzers spezifische Ausdrucksweise. Bisherige Übersetzungen haben bis auf eine Ausnahme immer nur Teile vorgelegt, ins Deutsche übertragen wurden nur zwei kurze Auszüge3, vom ganzen Itinerarium liegt nur eine französische Übersetzung vor4. Die römisch bezeichneten Kapiteleinteilungen stammen von mir, um die Reiseabschnitte besser zu gliedern. Die beigegebenen Abbildungen mögen einen Eindruck von der Handschrift und von einigen Zeichnungen verschaffen. Ortsnamen wurden – zuweilen mit den Varianten in Klammern – in moderner Form in die Übersetzung integriert. Das Itinerarium gibt Zahlen recht willkürlich mal in Ziffern, mal ausgeschrieben an, dies wurde übernommen. Zu vielen Begriffen der Fachsprache ist auch das Wortregister in der lateinischen Edition zu vergleichen5.
Das Orts- und Personenregister dieser Ausgabe erschließt die jeweiligen Orte und Personen des Haupttextes. Bibelzitate werden nach der für mittelalterliche Texte üblichen Form der Vulgata nachgewiesen. Die zahlreichen Maße, Münzen und Gewichte, die Münzer verwendet, bleiben ein Problem: Dazu gehören leuca und milia für Meile, aber auch die verschiedenen Gewichte und Münzen, die von Mark, Gulden, Dukaten, Schillingen und Denaren (Pfennigen) über Écus/Escudos bis zum Real, zum Maravedi und zur Dobla reichen. Manchmal gibt das Itinerarium selbst einen Gegenwert an, wenn es z. B. mit rheinischen Gulden vergleicht oder 66.000 Reales mit 600 Dukaten gleichsetzt. Ladungen rechnete Münzer manchmal in Nürnberger Zentner um, bei Schiffen scheint er mit verschiedenen Termini an Tonnen zu denken, aber wie spezifisch er die Gewichte sonst bemaß, offensichtlich auch nach regionalen Traditionen, bleibt offen.
Eine Übersetzung bedeutet immer eine Interpretation des Textes. Zwar hoffe ich, dass meine Sichtweisen Zustimmung finden, aber neue Diskussionen dürften die weitere Beschäftigung mit diesem einzigartigen Reisebericht von 1494/1495 beleben.
Abb. 1:
Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 96r
Beginn des Itinerariums in der Münchener Handschrift.
Itinerarium oder (Pilger-)Reise des hervorragenden Doktors der Artes und der Medizin, Hieronymus Münzer Münzer, Hieronymus (†1508) Nürnberger Humanist aus Feldkirch Feldkirch, Ort , Bürger von Nürnberg Nürnberg, Ort
Der Herr sei mein Helfer
Jesus Christus Jesus Christus
I. Von NürnbergNürnberg, Ort nach PerpignanPerpignan, Ort

Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 97r
Vorwort des Doktors Hieronymus MünzerMünzer, Hieronymus (†1508) Nürnberger Humanist aus NürnbergNürnberg, Ort zu seinem Itinerarium und seiner Pilgerfahrt, die er zur Zeit der Pest 1 im Jahre des Heils 1494 nach SpanienSpanien, L., GallienFrankreich, L. und ganz Westeuropa unternahm.
Ich glaube mit AristotelesAristoteles († 322 v. Chr.), griechischer Philosoph, dass der Mensch die Intelligenz und eine natürliche Fähigkeit besitzt, sich der Suche nach der Wahrheit zu widmen. Ich glaube auch, dass, wenn sein Geist frei von allen häuslichen Sorgen und allen verpflichtenden Aufgaben ist, er alle Dinge hören und lernen kann; durch die Kenntnis der verborgenen Wahrheiten und der Wunder der Natur wird er zu einem würdigen und glücklichen Leben geführt werden. Und mit diesem Verlangen danach, die Wahrheit zu erkennen, ist die Größe des Geistes verbunden: Durch sie (die Größe) konnte er, so weit wie möglich, Unsterblichkeit erlangen. Deshalb wollten so viele Menschen Geschichte schreiben, Reisen zu Land und zu Wasser unternehmen, die Lage der Orte untersuchen und, was das eigene einer edlen und erhobenen Seele ist, die Menschen verschiedener Nationen kennenlernen, ihre Sitten sehen und dies im Gedächtnis behalten. Ähnliche Forschungen haben PlatonPlaton († 348/47 v. Chr.), griechischer Philosoph, PythagorasPythagoras von Samos († 497/96v. Chr.) griechischer Philosoph, die Pompeii, die Fabricii, die Cäsaren, SertoriusQ. Sertorius († 73 v. Chr), röm. Politiker und Feldherr und die Christen HieronymusHieronymus (†419/20) Hl., Kirchenvater, AugustinusAurelius Augustinus Hl., Kirchenvater, Bf. von Hippo (395–430), AntoniusAntonius der Große (†356), Hl., Mönch, AegidiusAegidius von Saint-Gilles/Egidius aus Athen († 720/26), Hl. aus AthenAthen, Ort und andere in unzähliger Zahl vorgenommen2.
So haben mich alle diese hochbekannten Männer eingeladen, meinen Vorsatz auszuführen. Schon im sechsten Jahr meines Doktorates an der medizinischen Fakultät zu PaviaPavia, Ort kam es dazu, als in der schönen Handelsstadt NürnbergNürnberg, Ort in Oberdeutschland eine Epidemie ausbrach. Ich verdanke es meinem Glück und meinen medizinischen Kenntnissen, die Gesundheit bewahrt zu haben. Es war im Jahr des Heiles 14843. Ich fürchtete die Ansteckung und begriff schnell, dass, wer nicht ihre Nähe sucht, weder im Krieg noch durch die Pest stirbt. So beschloss ich zu fliehen, um nicht durch Nachlässigkeit das Leben zu verlieren; im September desselben Jahres verließ ich NürnbergNürnberg, Ort und erreichte das schwäbische GebietSchwaben, L. DeutschlandsDeutschland, L.. Nachdem ich die AlpenAlpen, Gebirge überquert hatte, durch die ItalienItalien, L. von DeutschlandDeutschland, L. getrennt wird, kam ich in die Ebene von MailandMailand, Ort. Von dort ging es nach GenuaGenua, Ort, dem edlen Hafen LiguriensLigurien, L., ich machte einen Umweg über Pavia, PiacenzaPiacenza, Ort, ParmaParma, Ort, CremonaCremona, Ort, ModenaModena, Ort, BolognaBologna, Ort, FlorenzFlorenz, Ort, SienaSiena, Ort, ViterboViterbo, Ort und gelangte nach RomRom, Ort, der Herrin des ganzen Erdkreises. Dort blieb ich einige Tage und sah VelletriVelletri, Ort, TerracinaTerracina, Ort, die Grafschaft FondiFondi, Ort, GaetaGaeta, Ort, CapuaCapua, Ort; schließlich kam ich nach NeapelNeapel, Ort. Wieviel Freude bereitete es mir, im Verlauf dieser Reise hochgelehrte Menschen zu treffen und zu hören, zudem die Orte der Heiligen zu besichtigen! Mich begeisterten die Umgänglichkeit der Leute, die Monumente der Väter, die Fruchtbarkeit des Bodens, der Glanz der Städte, um es mit einem Wort zu sagen, der Anblick des Paradieses, aber es ist jetzt nicht an der Zeit, davon zu erzählen. Auf dem Rückweg schlug ich einen anderen Weg ein, über die Marken, AnconaAncona, Ort, PesaroPesaro, Ort, RiminiRimini, Ort, RavennaRavenna, Ort, FaenzaFaenza, Ort, ImolaImola, Ort, FerraraFerrara, Ort, PaduaPadua, Ort, VenedigVenedig, Ort; dann kehrte ich über VicenzaVincenza, Ort, VeronaVerona, Ort, BrixenBrixen, Ort, BergamoBergamo, Ort und ComoComo, Ort zurück. Nach Überquerung des dort gelegenen Sees ging ich über Alpenpässe und die Quellen des RheinesRhein, Fluß bis nach DeutschlandDeutschland, L. zurück, wo ich am 24. Januar im Jahre des Heils 1485 NürnbergNürnberg, Ort erreichte, gesund und unbeschadet, und meine Frau, meine Familie und mein ganzes Haus wohlbehalten vorfand.
Ende der ersten Fahrt.
Es folgt das zweite Itinerarium.
Später, im Jahre des Heils 1494, als eine neue Pestwelle ausbrach, wollte ich zum alten Heilmittel der Flucht greifen; erneut dachte ich daran, mir ein paar aufrichtige junge Männer auszuwählen, Söhne wohlhabender Kaufleute, welche in der italischen und gallischen Sprache bewandert waren: Antonius HerwartHerwart, Anton (Antonius) (†1504), Augsburger Kaufmann, Ritter des Hl. Grabes aus AugsburgAugsburg, Ort, Kaspar FischerFischer, Kaspar († 1517), Nürnberger Kaufmann und Nikolaus WolkensteinWolkenstein, Nikolaus I. (Niklas) (†1513/15), Nürnberger Kaufmann, sie wählte ich zu meinen Reisebegleitern4.
Am zweiten August des genannten Jahres verließ ich NürnbergNürnberg, Ort und durchquerte in SchwabenSchwaben, L. die großartigen Städte NördlingenNördlingen, Ort, UlmUlm, Ort, BiberachBiberach, Ort, RavensburgRavensburg, Ort sowie KonstanzKonstanz, Ort, das wegen des Konzils Martins V.Martin V. / Oddo Colonna, Papst (1417–1431) und Kaiser SigismundsSigismund, Kg. von Ungarn (1387–1437), Kg. von Böhmen (1419–1437), röm.-dt. Kg. (1410/11–1437), Ks. (1433–1437) bekannt ist5. Sodann kam ich durch die Gegend der Schweizer und Orte wie Duregum, heute ZürichZürich, Ort, bei einer Eremitensiedlung an die Schwellen der Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi6. Dann ging es über die heißen Quellen in BadenBaden, Ort zu den Ufern des LimatflussesLimmat, Fluß, dort wuschen wir uns, danach richteten wir unsere Schritte zur uralten Stadt SoloturnSolothurn, Ort und nach BernBern, Ort, den wichtigsten Städten der Schweizer. Nachdem wir die Schweizer Republik des Volkes in Augenschein genommen hatten, verließen wir deutsches Gebiet und nahmen Kurs auf ein Städtchen namens MurtenMurten, Ort, das durch die Niederlage des Herzogs Karl von BurgundKarl der Kühne, Hzg. von Burgund (1467–1477) bekannt ist7. Welches Morden an Menschen dort vollzogen wurde! Mehr als 24 tausend Menschen aus dem Heer des burgundischen HerzogesKarl der Kühne, Hzg. von Burgund (1467–1477) und seiner Anhänger starben durch die Niederlage gegen die Liga der Schweizer und das aufgebrachte Volk. Es wäre unglaublich, von diesem Ereignis zu erzählen, denn man müsste sich die vielen Knochen getöteter Gegner anschauen, was ich weiter unten ein wenig geschildert habe8.
Nachdem ich nun das Bild des Todes so vieler christlicher Menschen gesehen hatte, bewegten wir unsere Schritte in Richtung FreiburgFreiburg, Ort, der Stadt der Allobroger, dort wurde einstmals die gallische Sprache, nun jedoch größtenteils die deutsche benutzt9. Erneut ritten wir durch waldige Schluchten zur ersten Stadt der Allobroger, LausanneLausanne, Ort, das mit einem Bischofssitz geziert ist; und an den Ufern des Genfer SeesGenfer See kamen wir nach 9 weiteren Meilen zur uralten Stadt GenfGenf, Ort, bekannte Handelsstätte der Allobroger und ausgezeichnet durch die Wundertaten vieler Heiliger, einstmals von GenabusGenabus, einem Exilierten aus NumantiaNumantia, Ort in SpanienSpanien, L., gegründet, wie du im Folgenden genauer erkennen wirst. In diesem Herzogtum SavoyenSavoyen, L. hat nun ChristopherusChristopherus, laut Münzer Hzg. von Savoyen als Herzog SavoyensSavoyen, L. die Herrschaft inne, er ist mit AnnaAnna, Tochter des Königs Maximilian I., einer Tochter des Königs MaximilianMaximilian I., röm.- dt. Kg. (1486–1519), Ks. (1508– 1519), ehelich verbunden, die vorher vom Sohn des Königs von Spanien geheiratet wurde10.
Ich habe aber, soweit es die Gelegenheit erlaubte, über wichtigere Orte geschrieben und Sitten und Gebräuche der Völker: in der Gallia LugdunensisGallia Lugdunensis, röm. Provinz., der NarbonensisGallia Narbonensis, röm. Provinz und in ganz SpanienSpanien, L. wie in der Grafschaft BarcelonaBarcelona, Ort, im Reich ValenciaValencia, Ort, GranadaGranada, Ort, KastilienKastilien, L., AragonAragón, L., NavarraNavarra, L., GallienFrankreich, L., AquitanienAquitanien, L., BelgienBelgien, L., (Gallia Belgica) röm. Provinz, in der NormandieNormandie, L., der PicardiePicardie, L., und in Niederdeutschland bis zur Stadt am RheinRhein, Fluß in Oberdeutschland11, wie Du im Folgenden sehen wirst.
Jesus ChristusJesus Christus 1495 (1494), 21. August, Genf Genf, Ort
Es ist der Ort der Allobroger, früher nannte man ihn „Genf“; Genf, Ort
ihn schmückt ein See mit Wasser klarer als Kristall.
Diesen See durchbrechen in seiner Mitte die reinsten Wasser der Rhône,
Rhône, Flußder Sturzbach der Arve und die Berge von Leman.Genfer SeeBerge von Leman
G. Julius Caesar († 44 v. Chr.), röm. Staatsmann und DiktatorNumantia, OrtAls Cäsar die Helvetier angriff, und diejenigen Völker, die gegen die Römer rebellierten, P. Cornelius Scipio Aemilianus Africanus minor Numantinus († 129 v. Chr.), röm. Politiker und Feldherr da hielt er sich in dieser Stadt auf.
Dort ließ er eine Rhône-Brücke wiederherstellen und den Göttern ehrwürdige Tempel errichten.
Nach dem Sieg Scipios über Numantia gründete diese (Stadt) ein Spanier namens Genabus:
Jener hatte Numantia verlassen und ihr dann seinen eigenen Namen „Genf“ gegeben.
Dies schreibt Frontonius Frontonius in seinen Epigrammen über die Städte 12
Die am weitesten entfernte Stadt der Allobroger ist Genf.
Dort führt eine Brücke hinüber zu den Schweizern, unter der vom Genfer See her die Rhône fließt.
Dies schreibt CäsarG. Julius Caesar († 44 v. Chr.), röm. Staatsmann und Diktator in seinen Commentarii13.
Die Ruinen der Stadt der Helvetier scheinen heute jenseits des Schlosses von BielBiel, Ort zu liegen, wo sich drei sehr bekannte Seen treffen: der von NeuchâtelNeuenburger See / Lac de Neuchâtel, der von BielBieler See / Lac de Bienne und der von MurtenMurtensee / Lac de MoratMurten, Ort. Heute sind SolothurnSolothurn, Ort, BernBern, Ort und FreiburgFreiburg, Ort die Metropolen der Helvetier. Solothurn ist eine Stadt mit einem sehr alten Turm, und dort steht geschrieben, dass dieser 450 Jahre vor Christi Geburt errichtet wurde.
Über die Schlacht und die Niederlage bei der BurgMurten, OrtBurg MurtenMurten, Ort habe ich Folgendes notiert:
Im Jahre des Herrn 1476, als Herzog Karl von BurgundKarl der Kühne, Hzg. von Burgund (1467–1477) gegen die Helvetier Krieg führte, sind 10.000 Kämpfer (die ortsansässigen Leute erzählten mir, mehr als 24.000) getötet worden. Und dort beim SeeMurtensee / Lac de Morat ist eine Kapelle erbaut worden, auf deren Türsturz folgende Inschrift steht1:
Wohlergehen denen,
die den listenreichen Feind Karl, Ruhm und Stolz von Burgund, vom Schlachtfeld vertrieben haben,
die durch ihren Gesang die Helden im Himmel ehren,
und die Altäre des Mars mit einem süßen Opfer beladen,
all denjenigen, die die zerstörerische Kraft der Waffen erfuhren.
Im Lauf der Jahre hatten sich 1000 und 400 und 70 und 6 (Jahre) vereinigt,
und Atlas (= die Erde) hatte sich einmal um die Achse gedreht:
Da hatte die niedergemetzelten Körper grausam das feindliche Schwert zu Boden gestreckt.
Die Gebeine der Toten sind in zwei Grabkammern niedergelegt. Die Breite der ersten beträgt 20 Schritte, die Länge 6 und die Höhe 6, die Länge der anderen 7 Schritte und die Breite 5. Die Anhäufung so vieler Knochen ist schrecklich anzusehen, und fortwährend bringt der See neue Knochen hervor, die dort beigesetzt werden. Ich habe dies am 17. August 1494 gesehen.
Über die Stadt LyonLyon, Ort
Die alte Stadt GalliensFrankreich, L. LyonLyon, Ort ist bestens gelegen. Im Osten fließt außerhalb der Mauern der vielgerühmte RhôneflussRhône, Fluß vorbei; die SaôneSaône, Fluß, der allseits bekannte Fluss BurgundsBurgund, L., teilt die Stadt in zwei Teile. Beide (Flüsse) sind schiffbar. Die Steinbrücke der SaôneSaône, Fluß hat 9 ausgezeichnete und hohe Bögen, 13 jedoch die der RhôneRhône, Fluß. Im Osten liegt SavoyenSavoyen, L., im Norden BurgundBurgund, L., woher die SaôneSaône, Fluß kommt, im Westen liegen die Berge FrankreichsFrankreich, L. und im Süden die DauphinéDauphiné, L. der Allobroger. Ausgezeichnet ist der Ort durch 4 Kathedralkirchen und einen Bischofssitz; der vorzügliche Kirchenbau des göttlichen Johannes ist aus Steinquadern erbaut. In der Kollegiatkirche des heiligen PaulusPaulus, († nach 60), Apostel, Hl. ruht der Leichnam von Johannes GersonGerson, Johannes, (†1429), Theologe und Kanzler der Universität von Paris, des Kanzlers von ParisParis, Ort; dessen Epitaph lautet folgendermaßen1:
Eine kleine Urne enthält Johannes, genannt Gerson,
gerühmt für seine Taten und erhaben durch seine Verdienste.
Als Pariser Professor für Theologie leuchtete dieser der heiligen Kirche.
Er verschied als Kanzler am zwölften Tag im Juli 1429.
Außerhalb der Mauern, einige Steinwürfe entfernt, liegt auf einer gewissen Insel im Fluss der SaôneSaône, Fluß ein stolzes benediktinisches KlosterLyon, OrtÎle-Barbe, Kl., in dem sich eine Gebetsstätte befindet, die wegen der Wunder der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi berühmt ist. Und in einer anderen Kapelle ruhen der Leichnam der seligen AnnaAnna, Selige, Mutter der Hl. Maria, der Mutter Mariens und derjenige des Kämpfers LonginusLonginus, Kämpfer, bibl. Gestalt, der mit seiner Lanze die Seite des Herrn durchbohrte; dort findest Du einen Unterarmknochen des seligen MartinMartin, Hl., Bf. von Tours (371–397), das Haupt des heiligen MauritiusMauritius, Hl. († 280/300), eine Ampulle aus Smaragden, angeblich mit edlem Silber überzogen – daraus sollen beim letzten Abendmahl die Apostel, kurz bevor sie predigten, getrunken haben –, und viele andere (Reliquien), von denen man hier nicht erzählen muss. Im Kloster ruhen auch die Gebeine des Minderbruders BonaventuraBonaventura da Bagnoregio/Johannes Fidanzo Hl., General des Franziskanerordens, Bf. von Albano (1273–1274), des bekannten und gelehrten Mannes2.
Auf einem Berg LyonsLyon, Ort liegen gegen Westen uralte Ruinen, außerdem das Kloster des heiligen IrenäusLyon, OrtSaint-Irénée, Kl.Irenäus, Hl., des 13. Bischofs von Lyon, der von Severus AntoniusSeverus Antonius (Caracalla) röm. Ks. (211–217) mit 19.000 Männern, ausgenommen Frauen und Kleinkinder, durch das Martyrium gekrönt worden ist.
Außerdem ruhen im Chorraum in einer tiefergelegenen Krypta weitere Leichname. In der Nähe wurde uns der größte Teil der Säule gezeigt, an der ChristusJesus Christus gegeißelt wurde. In diesem Kloster gibt es Regularkanoniker des Augustinerordens. Und aufgrund der behauenen marmornen Monumente und anderer Dinge scheint es sehr alt zu sein. Die vorgenannte Kirche war ein Bischofssitz, der später unterhalb des Berges in eine andere sehr schöne Kirche des heiligen Bischofs JustusLyon, OrtSaint-Just, K.Justus, Bf. von Lyon (um 374–381) übertragen worden ist. Wir sahen zahlreiche Gebeine von heiliggesprochenen Bischöfen. Dort sind diejenigen des heiligen Justus, eines der unschuldigen Kinder und von anderen zu sehen. Nun aber ist im Laufe der Zeit der Bischofssitz an die Ufer der SaôneSaône, Fluß übertragen worden, wo eine hervorragende, mit Steingewölbe versehene Kirche zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers erbaut worden ist.
Am vierten September verließen wir LyonLyon, Ort und erreichten auf einem Schiff über den RhôneflussRhône, Fluß die uralte Stadt VienneVienne, Ort, die bestens erbaut ist. Der dortige Bischofssitz ist in einer wichtigen KircheVienne, OrtSaint-Maurice, K. mit einem hervorragenden Gewölbe und mit einer sehr bemerkenswerten Säulenhalle, die jedoch noch nicht vollendet ist; Patron der Kirche ist der heilige MauritiusMauritius, Hl. († 280/300). In einem sehr alten Kloster des BenediktinerordensVienne, OrtSaint-Pierre-hors-les-Murs, einstmals der Bischofssitz, ruht der Leichnam des heiligen MamertusMamertus, (†477) Hl., Ebf. von Vienne, eines Bischofs von Vienne, der die kleineren Litaneien (letanias menores) einführte. Einiges habe ich aus dessen Vita zusammengestellt, wie Du auf Folio 216 findest3.
Wir verließen die Stadt am 5. September; vorbei an sehr schönen Burgen, deren Namen mir nicht alle einfallen, kamen wir zur äußerst berühmten Stadt ValenceValence, Ort, einem Bischofssitz. Später gelangten wir nach Pont Saint-EspritAvignon, OrtPont Saint-Esprit, einer ehrwürdigen Stadt mit steinernen Brückenbögen, zur Stadt AvignonAvignon, Ort. Avignon liegt auf dem Ostufer der RhôneRhône, Fluß. Die Stadt ist in einem Kreis erbaut. Dort sahen wir drei staunenswerte Dinge: Die Brücke mit 23 BogenAvignon, OrtPont-Saint-Bénézet aus behauenen Steinquadern erbaut. Zum zweiten den PapstpalastAvignon, OrtPapstpalast, dem, wie ich glaube, nichts auf dem ganzen Erdkreis gleicht. Wie bewundernswert und eindrucksvoll ist das Bauwerk mit so vielen Kapellen, so vielen Palästen, so vielen Umgängen, dass man es fast für ein Labyrinth und ein Werk des Dädalus halten könnte! Die Türen sind zu größten Teilen aus Eisen, alle Fenster sind mit stärksten Eisenstangen gesichert, dazu kommen hohe Türme, beeindruckende Bollwerke, Gärten innerhalb der Mauern mit verschiedenen Früchten wie Maulbeeren, Brombeeren und Quitten. Ich glaube, dieser Palast könnte dem Kaiser und Papst für sich und ihr Gefolge als Aufenthaltsort genügen4. Aber weil dort kein wachsamer Bewohner zugegen ist, findest Du dort vieles durch Nachlässigkeit zerstört, und der Ort scheint sich in eine Ruine zu verwandeln. Dort half uns ein gewisser Gefolgsmann des Leiters, der uns Verschiedenes zeigte; dies alles zu beschreiben würde jedoch zu viel Zeit kosten.
Und drittens gibt es dort eine hervorragende Mauer um die Stadt herum. Sie ist aus behauenen Steinen gebaut, mit vielen Türmen, Schutzwerken und Zinnen: Etwas Ähnliches habe ich noch nie gesehen. Die Stadt liegt freilich in einer schönen Ebene beim RhôneflussRhône, Fluß und ist nach Art der Gallier mit edlen Häusern ausgestattet.
Dort findet sich auch das Kloster des heiligen Petrus vom Orden der CoelestinerAvignon, OrtSaint-Pierre der Observanz, das mit ausgezeichneten Bildern dekoriert ist5. Hier liegt der Leichnam des heiligen PetrusPeter von Luxemburg / Peter von Lützelburg (Petrus) († 1386/87), Hl., Bf. von Metz (1384–1385) aus der Familie der Grafen von Luxemburg in DeutschlandDeutschland, L., schon von seiner Jugend an wurde er Gott und der Askese geweiht und in ParisParis, Ort ausgebildet. Später wurde er Bischof von MetzMetz, Ort, dann zum Kardinalat erhoben und führte ein kontemplatives Leben. Schließlich ging er – durch körperliche Gebrechen und ein sehr hartes Leben erschöpft – in AvignonAvignon, Ort in das Reich des Herrn ein. In der vorgenannten Kirche ist er begraben und leuchtet durch unzählige Wunder6. Sein Epitaph folgt:
Epitaph des heiligen PetrusPeter von Luxemburg / Peter von Lützelburg (Petrus) († 1386/87), Hl., Bf. von Metz (1384–1385)‘ von Lützelburg in Avignon Avignon, Ort
In diesem Tempel wird verehrt und zugleich bedeckt goldene Tugend:
Der berühmte Spross aus dem Hause Luxemburg, ein überaus glanzvoller Lohn.
Petrus († um 64), Apostel, Hl.Auf Erden einmaliger Ruhm wird mit sterblicher Hülle in den Himmel überführt,
und für seine Verdienste durch Petrus in das Himmelreich erhoben.
Im Jahr Tausend, füge dreihundert, achtzig und sieben hinzu, wurde er begraben:
Durch seine großartigen Wunder mächtig erfährt er jedes Jahr am fünften Juli Verehrung durch das Volk.
Wir verließen AvignonAvignon, Ort am 6. September, durchquerten eine sehr schöne Ebene und gelangten dann über den schiffbaren Fluss IsèreIsère, Fluß1 an Berglandschaften, Tälern und fruchtbaren Ebenen vorbei zur Stadt AixAix-en-Provence, Ort(-en-Provence), einst für ihr Thermalwasser bekannt. Jetzt im Sommer ist der Ort allerdings seiner heißen Quellen vollkommen beraubt, im Winter hingegen wird er von genug heißem Wasser bewässert. Der Ort ist mit zugerichteten Quadersteinen sehr vornehm erbaut; in den Ebenen sind Weinstöcke und anderes in großer Zahl vorhanden, die Stadt ist mit einem Bischofssitz ausgezeichnet. Patron der KathedraleAix-en-provence, OrtCathédrale Saint Sauveur, K. ist der Welterlöser (Salvator Mundi); dort ruht inmitten der Leichname der Heiligen unter anderem derjenige des heiligen MaximinMaximin, Hl., Bf. von Trier (329–346), des Bekenners der seligen MagdalenaMaria Magdalena, Hl.: Er ist mit einem wunderschönen silbernen Gewand geschmückt. Ebenso befindet sich dort das ausgezeichnete Grab des Königs René von SizilienRené I. von Anjou, Gf. der Provence (1433–1480), Kg. von Neapel und Jerusalem (1435–1480)2 und einige weitere Dinge.
Am achten September kamen wir nach Saint-MaximinSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, Ort, ein Kastell, das ehemals Villa lata genannt wurde; dort hörten wir frühmorgens im ehrwürdigen Kloster der PredigerbrüderSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, OrtSaint-Maximin, Kl.3 eine Messe und sahen rasch die Reliquien, zunächst den rechten Arm und das Schienbein des ergebensten Bischofs MaximinMaximin, Hl., Bf. von Trier (329–346); ebenso den Kopf eines Blinden, der von Gott geheilt wurde, auch das Haupt der heiligen SusannaSusanna, Hl., Schwester des Hl. Maximin, der Schwester des heiligen Maximin, die Haare, mit denen sie (gemeint MagdalenaMaria Magdalena, Hl.) ChristusJesus Christus berührte und trocknete, sie sind unvergänglich und in der Farbe eines reifen Hafers.
An einem gegenüberliegenden Ort jedoch, rechts des Altares, wurden uns der Arm der heiligen Maria MagdalenaMaria Magdalena, Hl. und andere Reliquien gezeigt. Schließlich kamen wir aus dem Chor in die KapelleSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, OrtSainte-Marie-Madeleine, K. des heiligen MaximinMaximin, Hl., Bf. von Trier (329–346). Es ist die Stelle, wo vor dem Steinaltar Maria Magdalena, nachdem sie den Leib des Herrn empfangen hatte, in dessen Armen ihren Geist aushauchte. Wir sahen ihr Grabmal bei demjenigen des heiligen Maximin und ebenso weitere sehenswerte Gräber4. Schließlich erblickten wir an einem Ort, der durch Stangen und anderes gesichert war, das Haupt der heiligen Magdalena, das mit einem Tuch aus Gold und Silber bedeckt war. Es ist schrecklich, dieses Gesicht anzusehen, am vorderen Teil des Schädels, auf der linken Seite, kleben ein wenig Fleisch und Haare am Knochen. An dieser Stelle freilich hat ChristusJesus Christus sie nach seiner Auferstehung mit seinem verklärten Leib berührt und gesagt: Noli me tangere5. Erhalten ist dort auch der untere Kinnknochen. All dies ist bewunderns- und staunenswert! Ich glaube nicht, dass man auf dem ganzen Erdkreis etwas finden wird, was dem göttlichen Wirken im katholischen Glauben derart ähnelt. Je länger man es betrachtet, desto mehr fühlt man sich von einem ungeahnten Geist entflammt!
Wir sahen auch eine kleine Glasampulle, in der sich mit dem Blut des Herrn getränkter Sand befindet, den die heilige MagdalenaMaria Magdalena, Hl. aufsammelte; immer am Freitag beginnt dieser Sand zu kochen und das Glas mit einer blutroten Farbe zu füllen. Dies ist ohne Zweifel ein sehr großes Wunder. Noch am selben Tag verließen wir das Kastell Saint-MaximinSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, Ort über eine schlecht ausgebaute und steile Straße, 35 Meilen weit bis zu einem Ort, wo sie BußeSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, OrtSaint Pilon, Berg tat. Unter den übrigen Bergen sticht dieser hervor. Sein Gipfel reicht bis zu den Wolken, und am unteren Ende des Abhangs, innerhalb des Berges nehmen eine Höhle und KryptaSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, OrtGrotte de la Sainte Baume großen Raum ein. In dieser Krypta leistete die heilige Magdalena auf einem harten Felsen zweiunddreißig Jahre lang Buße: Jeden Tag wurde sie von Engeln siebenmal über den Abgrund erhoben und durch göttlichen Nektar genährt. Am Ort dieser Krypta steht heute ein Kloster des DominikanerordensSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, OrtSainte-Baume, Kl., das mit bewundernswerter Technik am Abgrund des Tals erbaut wurde.
Dorthin werden regelmäßig Brüder aus dem Ort Saint-MaximinSaint-Maximin-la-Sainte-Baume, Ort geschickt, die Tag und Nacht Lobgesänge auf Gott und die heilige MagdalenaMaria Magdalena, Hl. anstimmen; sie empfingen uns als Pilger in ihrem Hospiz und teilten freizügig. Unter ihnen war ein Deutscher aus FreiburgFreiburg, Ort, ein wirklich frommer Priester, der mit uns die sehr lange und noch dazu harte Straße bis zum Gipfel des Berges emporstieg. Dort konnten wir bei einer Kapelle mit dreimaligem Umlaufen Ablässe erwerben, derer wir hoffentlich teilhaftig wurden. Im Kloster hinter dem Hauptaltar gibt es ein äußerst weiches und für die Gegend eiskaltes Wasser. Die Lage des Ortes verweist nach Norden, so dass, wenn die Sonne unter winterlichen Bedingungen scheint, Wolken, heftige Regenfälle und Schnee den Berg heimsuchen. Dennoch nehmen diejenigen, die dort bleiben, dies alles aus Liebe zur heiligen Maria Magdalena auf sich.
Am Fuß des Berges gibt es einen geradezu riesigen Wald. Er ist reich an Buchen, Eichen, ebenso an Eiben, Wacholder und Tamarisken. Die Stümpfe dieser Bäume sind so groß, dass sie von den Armen eines einzelnen Mannes nicht umschlossen werden können; so etwas habe ich in DeutschlandDeutschland, L. noch nirgendwo gesehen.
Gebet zur heiligen Maria Magdalena Maria Magdalena, Hl.
Sanfte Freundin Gottes, neige Dich unseren Tränen zu,
und erhöre unsere demütigen Bitten, sorge für unser Wohlergehen!
Denn das vermagst Du. In der Tat ist es für Dich unstatthaft vergeblich zu berühren,
mit Deinen Tränen kannst du die heiligen Füße benetzen,
und sie mit strahlend glänzenden Haaren trocknen, die Sohlen darfst Du küssen,
über dem Haupt des Herrn kostbaren Duft verbreiten.
Im Moment seiner Wiederauferstehung warst Du die erste, der es gewährt war,
ihn zu treffen, seine Worte zu hören und seine Glieder zu betrachten.
Sie (die Glieder) werden von unsterblicher Herrlichkeit sein und für alle Zeiten leuchten.
ChristusJesus Christus, König oben im Götterhimmel, gab nicht vergebens:
Dieser hatte sie am Kreuze stehen sehen, jene ihn,
den weder das schreckliche Foltern durch Judenhand
noch die Anschuldigungen und Beleidigungen der aufgebrachten Menschenmenge
– und auch nicht solche Äußerungen, die Schlägen gleichkamen – ängstigten.
Doch er, tief betrübt und unerschrocken zugleich, sah,
wie sie die blutbeschmierten Nägel mit ihren Fingern betastete und die Wunden mit ihren Tränen benetzte,
wie sie mit ihren Fäusten fest auf seine fahle Brust schlug,
und mit ihren Händen rücksichtslos die bleichen Haare ausrupfte.
Und ich wiederhole: er hat das alles gesehen,
während die treuen Seelen seiner Gefolgschaft ängstlich auseinandergelaufen waren.
Daran hat er sich also erinnert, als er sich vor allen anderen zuerst nach Dir umsah,
Dir allein offenbarte er sich schon früher.
Du bist es auch, die er, als er dem irdischen Reich entschwunden und zu den Gestirnen zurückgekehrt war,
unter diesem Felsen nährte, sodass Du in diesen 30 Lebensjahren niemals irdischer Nahrung bedurft hast.6
So lange Zeit warst Du ausschließlich von göttlichen Speisen gesättigt und von heilsamem Tau benetzt.
Dieses Dein Haus, von tropfendem Gestein feuchte Höhlen, furchterregend und finster gelegen,
hatte über die Paläste der Könige, und all den anderen Luxus, sowie über fruchtbares Land gesiegt.
Hier bist Du gerne abgeschieden, bedeckt von langem Haar, ansonsten aber unbekleidet.
Hier sollst Du 30 Dezembertage lang gelitten haben. Hier lebtest Du und bist dabei nicht vor Eiseskälte erfroren.
Auch die Angst konnte Dich hier nicht bezwingen.
Denn obwohl Du Hunger hattest und es eiskalt war, hast Du durch Deine Liebe und Hoffnung, die im
Innersten Deines Herzens wohnte, das Gestein in eine Schlafstätte verwandelt.
Du bist zwar für niemanden sichtbar, doch umringt von Engelsheerscharen.
Du, die Du würdig warst, sieben Mal am Tag aus dem Kerker Deines Leibes entrückt zu werden,
und die himmlischen Chöre dabei zu hören, wie sie Dir im Wechselsang ein Loblied singen.7
Irgendjemand schrieb in jener Höhle folgende Verse:
Die sieben Freuden der heiligen Magdalena Maria Magdalena, Hl.
Frohlocke, fromme, MagdalenaMaria Magdalena, Hl.,
Du Hoffnung auf Heil, Ader des Lebens,
Zuflucht der Gestrauchelten.
Frohlocke, edelmütige Fürsprecherin,
den Unglücklichen nach ihren Verfehlungen Ideal einer Büßerin.
Frohlocke und sei glücklich, Dank sei Gott,
Dir sind Deine Sünden erlassen worden,
mit besonderer Gnade.
Frohlocke, die Du die Füße Christi gewaschen hast,
wodurch Du Dir so sehr Zeichen der Liebe verdientest.
Frohlocke, die Du als Erste würdig warst,
Dich am Antlitz Deines Retters zu erfreuen,
der ruhmvoll auferstanden ist.
Frohlocke, die Du siebenmal am Tag
aus der Höhle nach draußen fährst,
auf zu himmlischen Höhen.
Frohlocke, die Du jetzt emporgehoben bist,
Jesus Christusund mit Christus zusammen verherrlicht wirst,
in der himmlischen Gemeinschaft.
So lass uns hier Buße tun,
damit uns nach unserem Tod
die Freuden wahren Lichtes zuteil werden.1
Am elften September hörten wir in der Morgendämmerung die Messe, und nachdem wir aus der köstlichen Quelle hinter dem Hochaltar getrunken hatten, sagten wir den Patres Lebewohl. Über eine lange und schwierige Straße kamen wir nach 35 Meilen durch ein imposantes Tal in die älteste Stadt der Gallia NarbonensisGallia Narbonensis, röm. Provinz, MarseilleMarseille, Ort. Ihre Lage, am Fuße eines Berges und als Hafen des Meeres, ist perfekt. Dort gibt es einen sehr berühmten HafenMarseille, OrtHafen, den sie mit eisernen Ketten jederzeit gegen Piraten abriegeln können. Das Land ist fruchtbar, dort wachsen Mandelbäume, Feigenbäume, Baumwollpflanzen, Granatapfelbäume, Ölbäume, Weinstöcke und andere vorzügliche Früchte. Im Umfang ist Marseille größer als NürnbergNürnberg, Ort, aber die Hügel sind nicht sehr bewohnt, weil sie einstmals durch die Katalanen verwüstet wurden2.
Wir sahen im benediktinischen Kloster Saint-VictorMarseille, OrtSaint-Victor, Kl.3 den Arm und das Haupt des heiligen ViktorViktor, Hl., außerdem eine Pyxis aus Alabaster mit der kostbaren Salbe der seligen MagdalenaMaria Magdalena, Hl.. Das Kreuz des heiligen AndreasAndreas, Apostel, Hl., welches wie das Kreuz Christi ist, obwohl dieser transversal gekreuzigt werden wollte, sowie einige andere (Reliquien), worüber man nicht unbedingt schreiben muss, befinden sich ebenfalls dort. In der tiefen Krypta, unter dem Chor, sahen wir den Ort der Buße der heiligen Magdalena, bevor sie in die Einsiedelei ging, ebenso die Steintafel, auf der sie sich wiederherstellte.
Sehr früh stiegen wir die Hügel der Stadt hinauf in die uralte Kirche des heiligen LazarusMarseille, OrtSaint-Lazare, K., eine Kollegiatkirche. Nachdem wir dort die Messe gehört hatten, sahen wir das Haupt und den Leichnam des heiligen LazarusLazarus, († um 60) Hl., des Bischofs, den ChristusJesus Christus wiedererweckt hatte4. Außerdem gab es dort einige weitere Reliquien und Reliquiare, verziert mit Gold und Elfenbein. Wir sahen auch den OrtMarseille, OrtSainte-Madeleine, K., von dem aus MagdalenaMaria Magdalena, Hl. zum Volk predigte. Wie sie nun aus JudäaJudäa, L. dorthin gelangte, ist in ihrer Legende ausführlich berichtet5. Wir sahen auch das Haupt des Eremiten und Heiligen CassianusJohannes Cassianus († 430/35), Hl., Abt von Saint-Victor in Marseille, der, als er Hymnen der Engel hörte, während der Erhebung der heiligen Magdalena auf deren Geheiß auf den heiligen MaximinMaximin, Hl., Bf. von Trier (329–346) zuging, diesem den Lebenswandel der Sünderin darlegte und durch das Sakrament des Leibes unseres Herrn gestärkt wurde.
Die Stadt MarseilleMarseille, Ort verfügt über mehrere und unschätzbare SalinenMarseille, OrtSalinen; dort gewinnen sie auf einfache Weise Salz für die gesamte Umgebung und ziehen daraus großen Nutzen. Unter anderem wurde das „Barra“ genannte KastellBarra/Berre?, Kastell bei Marseille, Ort durch die Salinen bekannt.
Am 12. September verließen wir MarseilleMarseille, Ort und bewunderten außerhalb der Mauern die überwölbten Bögen der beeindruckenden Aquädukte; wir durchquerten 15 Meilen fruchtbare Felder sowie anschließend unfruchtbare Gegenden und kamen zu der alten Stadt ArlesArles, Ort in der Provence. Im Umland gingen wir an einem großen See mit vielen Fischen vorbei und sahen dann unzählige GrabstellenArles, OrtAlyscamps, Friedhof6. Es sind rechteckige Sarkophage, die aus sehr hartem Stein hergestellt wurden, so dass 10 oder 14 Leichname in eine solche Urne hineinpassen, die durch Steintüren geschlossen werden. Es sind unzählige Grablegen, und – wenn man sie erhalten wollte – der Lauf der Zeit, der an allem nagt, kann ihnen nichts anhaben. In der Stadt aber, die mir größer vorkommt als Marseille, gingen wir in die Kapelle des heiligen AntoniusArles, OrtSaint-Julien-et-Saint-Antoine, K.7: Sein Haupt und der größere Teil seiner Gebeine wurden mit großem Pomp und unter Gesängen zur Schau gestellt. Ehrwürdig ist dieses Haupt, und gleichwie ein Blitz jagt es dem andächtigen Betrachter einen Schrecken ein. Wir sahen auch in der oberen BischofskircheArles, OrtSaint-Trophime, K. den Leichnam des heiligen Trophimus8Trophimus, Hl. Bf. von Arles, des ersten Bischofs, der einer von den 72 Jüngern war. Ebenso sahen wir den Kopf des heiligen Protomärtyrers StephanStephan, († um 36/40), Apostel, Hl. und einige andere Reliquiare, die mit Gold und Silber hervorragend geschmückt waren. Außerdem schauten wir uns das Grabmal des heiligen Ludwig von ArlesLouis Aleman/Ludwig d‘Alleman, Erzbischof von Arles (1423-1450) an, eines Bischofs, der mit seinen Mirakeln Berühmtheit erlangte; dessen Gedicht habe ich im Anschluss aufgeschrieben9:
Oh ArlesArles, Ort, Du ruhmreiche Stadt,
ausgezeichnet durch einen solchen Vorsteher,
dessen mannigfache Wunder ihn strahlen lassen.
Geschenkt ward er dir für seine Verdienste,
ihn erhöhe jauchzend, und lobe Gott für eine solche Gabe.
Er heißt Ludwig – mit Beinamen der Deutsche –,
ein Gott in allem gefälliger Kardinalpriester aus dem Hause Savoyen.
Er weist uns den rechten Weg.
Gott mögen wir also flehentlich darum bitten, dass wir durch Ludwigs Gebet
einen Platz im Himmel finden und uns dort der ewigen Herrlichkeit erfreuen.
Ein anderes Gedicht über Sankt Ludwig von Arles Louis Aleman/Ludwig d‘Alleman, Erzbischof von Arles (1423-1450)
Als es Abend über der Welt wurde,
da erstrahlte ein neues Gestirn,
benetzt mit einem heiligen Auftrag,
es leuchtet durch Wunderzeichen.
Ludwig, der Erzbischof der Kirche zu ArlesArles, Ort,
ein außerordentlich bewundernswerter Kardinal,
im fruchtbaren Sizilien ein Titan,Sizilien, L.
machte sich Anstand zur Richtschnur seines Handelns.
Licht und Zierde der Keuschheit,
glanzvoller Führer auf dem Weg zur Heiligkeit,
grundlegende Quelle der Gerechtigkeit!
Welch beschwerliche Aufgaben des Papstes hat er auf sich genommen, um Irrtümer auszumerzen!
Wie vielen Herausforderungen hat er sich gestellt, um einen Friedensbund zu gründen!
Nachdem er harte und sogar grausame Umtriebe über sich ergehen ließ,
wurde ihm befohlen, ins Exil zu gehen.
Weh, in Bedrängnis, wie durch einen heftigen Sturm wurde er von seinem Hirtensitz gestoßen!
Wie Gold glänzen seine Güte und seine Demut.
Sein besonnenes Wesen und seine Geduld strahlen sanft.
Nachdem er einem so schweren Schicksalsschlag anheimgefallen war,
Jesus Christushat er bei Dir, Christus, Zuflucht gefunden,
und holte, gestützt auf ein geistiges Schild, folgende Rede hervor:
„Christus, als Du meinetwegen Werkzeug für Geiseln und Ohrfeigen warst,
Jesus Christusda wurdest du geschmäht und hingst mit Dornen und schwarzen Nägeln vom Kreuz herab.
Was würde ich deinetwegen nicht alles ertragen?
da wurdest du geschmäht und hingst mit Dornen und schwarzen Nägeln vom Kreuz herab.
Was würde ich deinetwegen nicht alles ertragen?
Was auch immer mich von dir trennen könnte,
Deinetwegen, Christus, würde ich in der Verbannung leben,
mein Herz würde es jubelnd ertragen.“
Von der Burg her, gewissermaßen von einer Warte,
kannst Du klar und deutlich dessen Wehmut hören.
Zurückgeführt wird er von seinem Sitz als Vorsteher im Erzbistum zu seinem alten Rang.
Denn ist er erst vom Fleisch befreit,
dann wird sein Geist die Himmelssphären durchbrechen.
Und weil er nun im Besitz der edelsten Krone ist, wird er durch seine Wunder glänzen.
Mit den Toten kehrt er ins Leben zurück und ruft all die Geächteten in allgemeine Erinnerung.
Den Blinden gibt er das Augenlicht, den Lahmen das Gehvermögen zurück,
und allen Kranken schenkt er seine Hilfe.
Oh, vornehmster Vorsteher, beschenke diejenigen, die vor Dir niederknien.
Bitte bei Gott darum, dass er dort oben unsere Anliegen unterstütze.
Du guter und ruhmreicher Hirte,
führe Deine Herde zu den Weideplätzen, dorthin,
wo wir gemeinsam mit Dir zuckersüß fließenden Honig kosten wollen.
Gedenke Deines jungen Dieners,
dessen Herz an Dir hängt,
leiste ihm Deine Hilfe und sprich zu seinen Gunsten!
ArlesArles, Ort besitzt ebenso ein TheaterArles, OrtTheater, das von den Römern einst hervorragend errichtet wurde. Um eine große, runde Fläche gruppieren sich in Kreisform 62 Bögen aus großen und besonders harten Quadersteinen, mit Nischen und Gewölben in der Art des Theaters von VeronaVerona, Ort und des KolosseumsRom, OrtKollosseum in RomRom, Ort erbaut1. Zweifelsohne lässt sich der Aufwand, den man für den Bau eines so bestaunenswerten Werkes aufgebracht hat, nicht schätzen. Allerdings hausen heute arme Leute in diesem TheaterArles, OrtTheater und haben ihre Hütten unter den Theaterbögen oder auf freier Fläche. Und ohne den geringsten Zweifel ist die Stadt Arles, wie aus all diesen Ruinen hervorgeht, uralt, und sie wurde schon damals besonders dafür gerühmt. Im Norden, bei den Mauern, da fließt die RhôneRhône, Fluß, im Osten und im Westen ist jeweils eine höchst fruchtbare Ebene, im Süden hingegen, bis hin zur Burg SalonSalon-de-Provence, Ort, erstreckt sich eine unfruchtbare und steinige Niederung, die einst vom Meer umspült war.
An der Meeresküste, etwa fünf Meilen von Arles entfernt, liegt ein Ort mit dem Namen der Drei Marien. Dort ruhen die Körper von Maria KleophasMaria Kleophae, († 1. Jh.), Hl., bibl. Gestalt, Maria SalomeMaria Salome, († 1. Jh.), Hl., bibl. Gestalt und Maria JacobiMaria Jacobi, Hl.2. Außerdem gibt es dort herausragende Salinen. Oberhalb von Arles, am Ufer der RhôneRhône, Fluß, liegt der Ort TarasconTarascon, Ort, wo der Leichnam der seligen MarthaMartha von Bethanien († um 84), bibl. Gestalt ruht, die von vielen ihrer zahlreichen Hilfeleistungen wegen angerufen wurde.
Am 14. September verließen wir ArlesArles, Ort, und nach Überquerung der RhôneRhône, Fluß gelangten wir nach drei Meilen zum befestigten Ort Saint-GillesSaint-Gilles-du-Gard, Ort. Wir sahen dort das sehenswerte benediktinische Kloster der Heiligen AegidiusAegidius von Saint-Gilles/Egidius aus Athen († 720/26), Hl. und BenediktSaint-Gilles-du-Gard, OrtBenediktinerkloster der Heiligen Ägidius und Benedikt, Kl.3, welches FlaviusFlavius, König der Gothen, König der Goten, auf Bitten des AegidiusAegidius von Saint-Gilles/Egidius aus Athen († 720/26), Hl. erbauen ließ. Es liegt in geringer Distanz, nahe der Mündung der RhôneRhône, Fluß in das Meer. Heute ist es reich begütert, und unter der Kirche befindet sich eine äußerst geräumige Krypta für die Gemeinschaft der Mönche, wo ihnen weder im Sommer die Hitze noch im Winter die Kälte zu schaffen macht. Unter feierlichem Gesang und Kerzenschein zeigte man uns das hinter Gitterstäben und Gestänge gesicherte Haupt des heiligen AegidiusAegidius von Saint-Gilles/Egidius aus Athen († 720/26), Hl. sowie viele seiner Gebeine und einige andere goldene, wertvolle Kleinodien. Später verließen wir das Kloster und kamen zu dem Ort, an dem er Buße getan hat; dort stehen heute die Reste einer alten Kapelle, die unterhalb von einer Höhle schon beinahe komplett verfallen ist; dort wurde er (AegidiusAegidius von Saint-Gilles/Egidius aus Athen († 720/26), Hl.) von einem Bekannten des FlaviusFlavius, König der Gothen verwundet, als dieser einen Hirsch jagte. Zu der Zeit war der Hain ein schwer zugängliches Gebüsch und erhielt Wasser von einer Quelle. Mittlerweile ist die Stelle, an der sich die Quelle befindet, recht feucht: Jedoch kommt die Quelle selbst nicht zum Vorschein, weil sich dort herabgestürzte Felsbrocken getürmt haben. Während wir uns dort aufhielten, sagten uns die Bewohner, dass es seit dem Fest zu Ehren des heiligen JohannesJohannes der Täufer, († um 29), Hl. des Täufers (24. Juni), das ist nun fast drei Monate her, nicht mehr geregnet habe. Ich habe aber den Ort genauestens in Augenschein genommen und keinen Zweifel daran gehegt, dass, hätte man zwei bis drei Ellen tief gebohrt, man dann auf frisches Wasser gestoßen wäre. Denn unmittelbar unter jener Höhle gibt es einen wasserreichen Ort voll mit Schilf. Vielleicht beschleunigt eine unterirdische Quellader die Sumpfbildung. Oh, jener Ort ist edel und ein Christ sollte ihn fürchten!
Die gesamte Geschichte des heiligen AegidiusAegidius von Saint-Gilles/Egidius aus Athen († 720/26), Hl. geht klar aus VeredemiusVeredemius († um 720), Hl. und FlaviusFlavius, König der Gothen sowie anderen (Schriften) hervor4.
Nachdem wir an diesem Tag das, was man von Saint-GillesSaint-Gilles-du-Gard, Ort gesehen haben muss, betrachtet hatten, machten uns wir uns auf zur großen Burg nach LunelLunel, Burg. Dort ist das Ackerland ausgezeichnet und fruchtbar; und die Glocken erzeugen, wenn sie im Einklang ertönen, eine hervorragende Harmonie.
Am nächsten Morgen erreichten wir nach 4 Meilen MontpellierMontpellier, Ort, eine bekannte Stadt, alt und ehrwürdig. Inmitten einer schönen Ebene erhebt sich pyramidenartig ein Berg, auf ihm und um ihn herum ist Montpellier erbaut worden. Ich glaube, der Ort ist so groß wie NürnbergNürnberg, Ort, und besteht aus uralten Bauwerken. Wir sahen auch eine KapelleMontpellier, OrtNotre-Dame-de-Tabeles, K. der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi, reich an Wunderwerken, dort brennen am Hauptaltar fortwährend neun silberne Lampen. Später kamen wir zu den Kollegien der Medizin und beider RechteMontpellier, OrtKollegien der Medizin und beider Rechte, welche infolge der drohenden Pestwelle und der dadurch verursachten Abwesenheit der Dozenten und Studenten geschlossen waren. Denn seit Mai (im Juni, Juli und August) sind bereits mehr als 5.000 Menschen an den Folgen der Pest5 gestorben.
Sodann kamen wir zum Kloster Saint-GermainMontpellier, OrtSaint-Germain, Kl., das der apostolische Papst UrbanUrban V., Papst (1362–1370) V. von Grund auf erbauen ließ, es ist so vorzüglich und exquisit ausgestattet, dass man es für den Avignoneser PalastAvignon, OrtPapstpalast halten könnte. Mönche aus dem Benediktinerorden ließen uns unter anderem das Haupt des heiligen BenediktBenedikt von Nursia († um 560), Hl., Mönchsvater, das Haupt des heiligen GermanusGermanus, Hl., Bf. von Paris (um 555–576) und das des BlasiusBlasius († vielleicht um 316), Hl., Bf. von Sebaste sowie unzählige andere Reliquien sehen, diese waren mit Silber, Gold und Gemmen bestückt. Und auch die Tafeln auf dem Hauptaltar sowie unter dem Altar (diese waren ganz fein aus Gold und Silber gefertigt) wurden gezeigt. Außerdem gab es weitere unzählige Schätze, die alle Urban V. dorthin zu bringen verfügt hatte6. Ebenso gibt es die Rechtsbücher Urbans. Weil es so viel ist, kann ich nicht von allem berichten.
Nach dem Mittagessen kamen wir zu einem kleinen Kastell, LupianLoupian, Ort, etwa 5 Meilen von MontpellierMontpellier, Ort entfernt. Wir standen früh auf und gelangten nach 6 Meilen zur alten Stadt BéziersBéziers, Ort. Dort gab es nichts Besonderes zu sehen außer fruchtbarem Land.
Am 16. September kamen wir nach NarbonneNarbonne, Ort, vier Meilen von BéziersBéziers, Ort entfernt; es ist eine sehr alte Stadt. Sie gliedert sich in zwei Stadtteile, die in der Mitte ein schiffbarer Fluss trennt. Und eine imposante Brücke zeichnet sich durch Überdachung und Bögen aus: auf ihr wird viel Handel und Verkauf betrieben. Die Stadt ist nun zunächst ausgesprochen groß und berühmt. Sie ziert eine erhabene Kirche, die dem heiligen Justus geweihtNarbonne, OrtSaint-Just-et-Saint-Pasteur, K. ist. Ebenso ist die Mauer jener Stadt so massiv, so dick, aus gigantischen Steinquadern zusammengesetzt, dass Du meinen könntest, sie sei dem Theater im italienischen VeronaVerona, Ort nachempfunden7. Im anderen Stadtteil, Richtung Westen, gibt es eine vornehme Kirche, die zu Ehren des heiligen Paulus SergiusPaulus (Paulus Sergius) (3. Jh.), Hl.,Narbonne, OrtSaint-Paul-Serge, K. gegründet wurde, dem ersten Bischof von Narbonne, einem Schüler des Apostels PaulusPaulus, († nach 60), Apostel, Hl., von dem er auch getauft wurde8. Es sind in der vorgenannten Kirche Kollegiatkanoniker, die Gott mit ausreichend Ehrfurcht lobpreisen.
II. Von PerpignanPerpignan, Ort bis AlhamaAlhama de Murcia, Ort

Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 110v
Am 17. September kamen wir, nachdem wir 9 Meilen geritten waren, von NarbonneNarbonne, Ort in die edle Stadt PerpignanPerpignan, Ort. Sie liegt am Fuße des PyrenäengebirgesPyrenäen, Gebirge in einer sehr schönen Ebene, die 7 Meilen breit und ebenso lang ist; sie wird im Norden, Osten und Westen von den PyrenäenbergenPyrenäen, Gebirge umgeben, im Süden vom Meer1. Die Ebene wird Grafschaft von RoussillonRoussillon, L. genannt. Dort gibt es Städte, Burgen und Befestigungsanlagen, etwa 100, und die Hauptstadt ist Perpignan. Das edelste Land bringt die verschiedenartigsten Früchte hervor, hauptsächlich den hervorragenden Süßwein, der Muskateller heißt.
Diese Stadt ist meiner Meinung nach genauso bekannt wie UlmUlm, Ort, vor allem wegen seiner Kaufleute und wegen seiner Tuche aus feiner Wolle2. Die edelste unter den übrigen Kirchen ist der Jungfrau MariaPerpignan, OrtSainte-Marie de la Real, K.Maria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi geweihtPerpignan, OrtSainte-Marie-de-la-Real, K., sie wurde neu erbaut, ist aber noch nicht vollendet. Niemals habe ich größere Bögen gesehen. Ich glaube, dass ihre Breite derjenigen der SebalduskircheNürnberg, OrtSt. Sebald, K. in NürnbergNürnberg, Ort entspricht, die nur durch einen einzigen Bogen abgeschlossen wird. Wir waren außerhalb der Stadt, in der Nähe der Mauer untergebracht, im Haus eines gewissen Ritters namens Don SigibertSigbert, Ritter, Gastgeber in Perpignan, dessen Haus so großartig war, dass man glauben konnte, es sei ein Kastell oder Palast. Jenseits des Hauses gegen Norden lagen zwei äußerst große und sehr schöne Gärten. Sie waren wie Umgänge und Kreuzgänge der Klöster in DeutschlandDeutschland, L. angelegt. Alle Wandelgänge waren von verschiedenen Arten edelster Rebstöcke umgeben, die Seiten aber mit unterschiedlichen Bäumen umsäumt. Das Quadrat des ersten Gartens maß an einer Seite 232 Schritte, und beim anderen waren es 223. Welch großen Raum diese zwei Gärten einnahmen! Jene Gärtlein waren mit den verschiedensten Arten von Obstbäumen bepflanzt, die in jenen Gegenden zu wachsen pflegen. Im September, der Zeit, als wir dort waren, wuchsen dort viele Granatäpfel, Apfelsinen, Trauben, Feigen, Mandeln, Nüsse, Pfirsiche und unzählige andere Obstsorten. Wahrhaftig, ein aufmerksamer Beobachter könnte sich im Paradies wähnen. Durch einen klug angelegten Aquädukt wurden diese Gärten sehr einfach mit dem Wasser eines vorbeiströmenden Flusses bewässert. Eine Stunde würde nicht genügen, um all diese schönen Dinge aufzuzählen. Niemals haben wir ähnliche Gärten gesehen. Das Gefolge des Ritters versicherte uns, dass alle Fremden, die sich dort aufhielten, noch nie etwas Ähnliches gesehen hätten.
Diese Grafschaft gehört seit 30 Jahren zur Jurisdiktion des Königs von FrankreichLudwig XI., Kg. von Frankreich (1461–1483), der sie als Beute vom König von Aragón erhielt. Aber im Jahr der Eroberung von GranadaGranada, Ort forderte sie der König von SpanienSpanien, L. ein, der französische König gewährte ihm dies gern, und nun ist sie unter spanischer Herrschaft3.
Am 19. September verließen wir PerpignanPerpignan, Ort. Nachdem wir drei Meilen am Fuß der PyrenäenPyrenäen, Gebirge entlanggegangen waren, gelangten wir zu einem Kastell, das den Namen VolonLe Boulou / Volon, Ort (Le Boulou) hat. Wir drangen durch einen sehr unwegsamen und rauen Weg weiter in das Gebirge ein, ließen rechts La GuardiaLaguardia, Ort, eine schöne Befestigung und eine hohe Bergspitze zurück, und nachdem wir die Pässe schließlich überquert hatten, gelangten wir nach KatalonienKatalonien, L., zunächst nach La JunqueraLa Jonquera / La Junquera, Ort und schließlich nach FigueresFigueras, Ort.
Am 20. September, nachdem wir fünf Meilen seit FigueresFigueras, Ort gegangen waren, erreichten wir die alte und edle Stadt, die GironaGirona / Gerona, Ort genannt wird. Sie hat einen Bischofssitz und eine berühmte KathedraleGirona, OrtSant Feliu, K., wo der heilige NarcissusNarcissus († 307), Bf. von Girona, der erste Erzbischof (!), durch Wunder hervorsticht4. Es sind zwei Stadtteile, die ein recht sauberes Flüsschen trennt.
Über die Stadt BarcelonaBarcelona, Ort
Am 21. dieses Monats, nachdem wir seit GironaGirona / Gerona, Ort 14 Meilen gegangen waren, kamen wir zu der edelsten Stadt BarcelonaBarcelona, Ort, die an den Ufern des Balearischen Meeres liegt und die Hauptstadt ganz KataloniensKatalonien, L. ist. Ihre Mauern sind aus behauenen Quadersteinen erbaut. Mit Zinnen, Bollwerken und Türmen ist die hervorragend bewehrte Stadt bis zu den Stränden des Meeres bestens umgeben.
Sie liegt in einem wunderschönen Becken, das im Süden vom Meer begrenzt wird und im Osten, Westen und Norden von einigen fruchtbaren Bergen in der Art eines Halbkreises umgeben ist. Am Ufer des Meeres ist diese ehrwürdigste Stadt BarcelonaBarcelona, Ort erbaut worden. Sie hat, wie ich schon sagte, ein stark befestigtes Mauerwerk, das sie ganz umgibt. Gleichsam in der Mitte, auf einem kleinen Berg, steht die wunderbare und hervorragende Kathedral- und Bischofskirche, die dem Heiligen KreuzBarcelona, OrtKathedrale Santa Cruz y Santa Eulalia gewidmet ist1. Dieser Bau ist außergewöhnlich. Im Umgang gibt es mehr als 20 Altäre mit vergoldeten Altarbildern, eine exzellente Bibliothek und einen Garten mit Apfelsinenbäumen, Zitronenbäumen und Zypressen. Man zeigte uns in dieser Kirche große Schätze. Unter anderen Dingen gibt es dort eine wunderbare Monstranz für den Leib des Herrn, die aus etwa 94 Mark reinen Goldes besteht; sie ist mit so vielen Perlen und wertvollen Steinen verziert, dass man nur staunen kann2. Die Kirche ist ebenso in bewundernswerter Art gebaut. Unter dem Chor liegt die Krypta, wo der Leichnam der Heiligen Jungfrau EulaliaEulalia von Barcelona († 303), Hl. ruht, die von DiokletianG. A. Valerius Diocletianus / Diokletian († 312), röm. Ks. (284–305) mit dem Martyrium ausgezeichnet wurde3. In dieser Krypta leuchten kontinuierlich 20 Lampen. Ich stieg auf den höchsten Turm und betrachtete wie in einem Spiegel die Stadt und ihre Lage. Welch wunderbares Schauspiel! Die Stadt hat innerhalb und außerhalb ihrer Mauern in einem Umkreis von etwa zwei Meilen mehr als 30 Männer- und Frauenklöster, und ich glaube, dass die Stadt zweimal größer als NürnbergNürnberg, Ort ist. Zum größten Teil sind alle Häuser aus Quadersteinen konstruiert. Aber vom Tor des heiligen AntoniusBarcelona, OrtPortal de Sant Antoni bis zum Meer im Westen ist die Stadt voll mit Gärten, Feldern und lieblichsten Anpflanzungen von Granatäpfeln, Zitronen, Nüssen, Apfelsinen, Datteln, Disteln, Pinien, Weinreben, Pfirsichen und anderem. Der Boden ist fruchtbar. Nahe dem Tor des Heiligen EngelsBarcelona, OrtPortal de l’Àngel im Norden steht das Kloster der Minderbrüder, das den Namen zur heiligen Maria JesusBarcelona, OrtSanta María de Jesús, Kl. hat. Oh, welch schöner Bau mit einer ausgewählten Bibliothek, Mönchszellen, weiterhin Gärtlein, Quellen und Bächlein (zur Bewässerung) der verschiedenen Obstbäume.
In der Bischofskirche dienen mehr als 44 Kanoniker und ebenso viele Vikare; die Zahl des Klerus’ dieser Kirche beläuft sich auf 200 Personen, die anderen Pfarrkirchen des heiligen JustusBarcelona, OrtSants Just i Pastor / Santos Justo y Pastor, K., von Santa (Maria del) PiBarcelona, OrtSanta Maria del Pi / Santa Maria del Pino, K., von Santa Maria del MarBarcelona, OrtSanta María del Mar / Santa María de las Arenas, K. und so weiter nicht eingerechnet. Ich glaube, dass mehr als 2000 Religiose beiderlei Geschlechtes in der Stadt leben.
Über die Verwaltung der Stadt
Vor vierzig Jahren stand BarcelonaBarcelona, Ort in seiner höchsten Blüte, denn wegen seines Handels wuchs es außergewöhnlich. Aber die Könige von AragónAragón, L. führten beständig Kriege untereinander und verpfändeten nach und nach die königlichen Zinse der ganzen Grafschaft KataloniensKatalonien, L. an die Stadt. Mit der Zeit gelangten so die königlichen Abgaben der Grafschaften von RoussillonRoussillon, L., von GironaGirona / Gerona, Ort, von TortosaTortosa, Ort sowie alle königlichen Rechte in der Stadt Barcelona an die Stadt selber. Die Stadt lebt deshalb nun in höchster Freiheit. Dort beachtet man folgende Verfassung. Man wählt aus der ganzen Grafschaft alle drei Jahre drei Männer: einen aus dem Klerus, einen zweiten aus dem Adel und den dritten aus der Stadtgemeinde. Diese drei versammeln sich jeden Tag in einem großartigen Gebäude, das „Deputat“ heißt, denn das Gebäude ist hierfür bestimmt1. Dort empfangen diese drei die Tribute und das, was ehemals den Königen zustand, und bestimmen über deren Verwendung. Sie haben Kanzleibeamte, die alles ordnungsgemäß aufzeichnen. Es gibt auch andere Tributzahlungen: nicht königlicher Herkunft, sondern von Städten und Ortschaften; über deren Verwendung bestimmt ebenfalls dieser Rat. Es ist schon 44 Jahre her, dass sich das Volk aus Übermut und anderen Leidenschaften gegen die Herren der Stadt erhob2. Vor diesen Revolten flohen die reichsten Bewohner. Seitdem verlagerte sich der Handel in Richtung des großen ValenciaValencia, Ort, dem wichtigsten Handelsplatz SpaniensSpanien, L.. Inzwischen ist BarcelonaBarcelona, Ort fast wie eine tote Stadt, wenn man dies mit seinem früheren Zustand vergleicht3.
Das Haus der KaufleuteBarcelona, OrtLlotja / Lonja
Am Ufer des Meeres erhebt sich ein wunderbares und phantastisch gewölbtes Gebäude, das man als Kirche oder großen Palast ansehen kann. Neben diesem Gebäude gibt es einen sehr schönen Garten mit zehn Reihen von Orangen- und Zitronenbäumen und in der Mitte einen Springbrunnen; an den Seiten sind Sitzplätze aus Quadersteinen. In diesem Haus treffen sich zweimal täglich die Kaufleute, um ihre Geschäfte zu erledigen. Sie haben dem Haus den Namen „La LonjaBarcelona, OrtLlotja / Lonja“ gegeben, das heißt: Versammlungshaus1. Darin finden sich Wechselstellen und Banken, um Geld aufzubewahren, mit großer Voraussicht für die Menschen eingerichtet.
Das Haus des Infanten HeinrichBarcelona, OrtHaus des Infanten Heinrich
Der Infant HeinrichHeinrich von Aragón (†1445), Infant von Aragon, der 1453 in NeapelNeapel, Ort durch den Schuss eines Geschützes starb, hinterließ einen Sohn mit gleichem NamenHeinrich von Aragón und Pimentel († 1522), Infant von Aragón1. König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516), augenblicklich König SpaniensSpanien, L., und dieser Heinrich sind die Söhne von zwei Brüdern. Der Infant entschloss sich zu einem Leben, das mehr dem Müßiggang und den Vergnügungen als dem Krieg gewidmet war. Er ließ sich beim heiligen FranziskusFranz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer ein unvergleichbares Haus bauen, das ausgesprochen edel und üppig ausgestattet ist. Die Höfe sind im gesamten Haus mit verschiedenen Töpfer- und Kachelarbeiten unterschiedlicher Farbe verziert: alle aus reinstem Gold, geschmückt mit verschiedenen Blumen, ebenfalls aus Gold. Welch herausragendes Gebäude! Dort sahen wir eine Gazelle, dieses Lebewesen spendete Moschus. Sie ist größer als der Fuchs; Kopf, Maul und Ohren ähneln einem Wolf; schwärzlich, hell und grau gefleckt hat sie einen Schwanz und Pfoten wie der Hund. Sie ist ein cholerisches und schnell wütend werdendes Tier. Die Gazelle war in einer Holzhütte mit einer Eisenkette angebunden. Ihr Wärter ließ sie mit dem Kopf an der Kette der Hütte festbinden. Er zog sie an den Hinterpfoten heraus und hob den Schwanz, und er zeigte uns am Glied, dass es ein männliches Tier war. Dann ergriff er die großen Hoden und drehte sie um wie man eine Tasche umstülpt. Und beim Drehen der Hoden erschienen zwei Öffnungen in jedem jeweils eine. Er führte dort einen kleinen flachen Löffel aus Glas ein und nahm dreimal die Menge eines duftenden Sekrets heraus, wie ich glaube zwei Drachmen wert, mit der er mir die Hände bestrich, die den durchdringenden Geruch des Moschus einige Tage lang behielten2. Später zeigte uns der Wärter einen Papagei, der so groß war wie eine Dohle oder eine Elster. Er war am ganzen Körper von unterschiedlich gräulichen und weißen Farbtönen, besonders unterhalb des Halses, ähnlich wie die Falken und Sperber in DeutschlandDeutschland, L.. Sein Schwanz hatte etwa die Länge wie der einer Dohle, tiefrot wie Zinnober. Schnabel, Krallen und sein Krächzen entsprachen den Papageien; er ist wirklich einer von ihnen, aber von einer anderen Art als die grünen. Der Wärter zeigte uns auch einige Stare in einem himmlischen Blau. Er sagte, sie würden einige Worte sprechen, obwohl ich dies niemals hörte, während ich dort weilte.
Über das Kloster der Minderbrüder
In der Nähe dieses Hauses beim Meeresstrand steht das große Kloster des FranziskanerordensBarcelona, OrtSant Francesc / San Francisco. Im Zentrum dieser Anlage gibt es ein anderes, kleineres Kloster mit einem einfachen Kreuzgang, einem Refektorium, Zellen und einer kleinen Kirche in der Art einer Krypta, die der heilige FranziskusFranz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer bauen ließ1. Dort führte er während einiger Jahre ein entbehrungsreiches Leben. Damals, als die Stadt noch klein war, lag das Kloster außerhalb der Mauern. Die Kirche hat ein einzigartiges quadratisches Fenster mit einem Eisengitter, durch welches die Seeleute die Messe und die Predigt hörten. Heute gibt es noch ein altes und einfaches Bildnis der seligen Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi – dies war der Schmuck ihrer Kirche. Inzwischen beginnt aber schon einiges zu verwittern. Die Brüder gehören nicht zur Observanzbewegung, aber unter ihnen gibt es sehr gelehrte Männer wie den intelligenten Juan de BergaJohannes de Aqua de Bercka († 1482), Kölner Ratsherr, Rektor der Kölner Universität, einen schon älteren Mann von 77 Jahren, der nach seinen eigenen Worten das Konzil von BaselBasel, Ort besuchte2. Er ist ein sehr gelehrter Mann mit einem für sein Alter hervorragenden Gedächtnis. Im Chorraum der Kirche des heiligen Franziskus gibt es die sehr berühmten Grabmäler der Könige von AragónAragón, L.. Wir sahen den einbalsamierten Leichnam einer Königin, die vor etwa 80 Jahren gestorben war, noch heute ist er vollkommen3. Im Chorraum befindet sich weiterhin eine sehr schöne Tafel. Das Kloster hat einen großen Garten, der mit Hilfe eines Esels aus einem Brunnen mit fließendem Wasser bewässert wird; dauernd schöpft er Kübel voll mit Wasser, das durch Kanalläufe den ganzen Garten versorgt.
Das DominikanerklosterBarcelona, OrtSanta Caterina / Santa Catalina, Kl.4 ist ebenso bewundernswert, und in einigen Dingen dem vorausgehenden keinesfalls unterlegen. In beiden Kirchen gibt es unzählige Wappen (vexilla) verstorbener Adliger. Dies ist ein schöner und herrlicher Anblick.
Über ihre Gerichtsverwaltung
Vor Jahren war die Justiz äußerst schlecht, weil die Prokuratoren und Anwälte durch ihre Machenschaften Gerechtigkeit und Recht verdreht hatten, wie es augenblicklich in DeutschlandDeutschland, L. und unseren Ländern geschieht. In dem Jahr, in dem der ehrwürdige KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) in BarcelonaBarcelona, Ort war1, versammelte sich die ganze Grafschaft KataloniensKatalonien, L., und mit Zustimmung des Königs wurden acht Rechtsdoktoren ernannt. Sie wurden vom Haus der Deputierten bezahlt, jeder jährlich mit 500 Pfund, was etwa 600 rheinischen Gulden entspricht; außerdem wurde ein königlicher Stellvertreter für die ganze Grafschaft bestimmt. Diese Amtsleute legen, sobald sie die Zeugen der Parteien gehört haben, den Tag zur Urteilsverkündigung fest; man kann nicht mehr appellieren. Es ist ihnen unter Geld- und Körperstrafe verboten, ein Geschenk von irgendjemandem anzunehmen. Man hat jedoch heimlich mehrfach versucht, sie durch Geschenke zu bestechen. In diesem Jahr sind mehr Angelegenheiten erledigt worden als vorher in 20 Jahren. Bei diesem System verlor der König selbst als erster einen Prozess: Ein gewisser Apotheker verlangte mit Recht tausend Dukaten für die Drogen und Arzneien, die ihm für den verstorbenen Vater des Königs geschuldet wurden. Das Urteil erging gegen den König, und als Erbe des Vaters musste er den Apotheker sofort entlohnen. Wenn diese 8 Doktoren und der königliche Stellvertreter ein schlechtes Urteil sprechen, zu dem sie durch Bestechung, Begünstigung, Zorn oder Hass verleitet wurden, kann man anschließend an den König appellieren. Wenn ihnen bewiesen wird, dass falsch geurteilt wurde, wird derjenige, den sie verurteilt hatten, wieder freigesprochen, und sie werden an seiner Statt verurteilt. Folglich sind sie verpflichtet, ihn aus ihrer eigenen Tasche zu entschädigen. Der glorreiche Gott möge diese Rechtsprechung weiter erhalten! In jenen Tagen wurde ein Mann mit seiner Frau verurteilt, weil sie gegenüber einem ehrbaren Mann falsches Zeugnis abgelegt hatten; sie hatten behauptet, er sei ein MarraneMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten, wofür er verbrannt wurde. Durch andere richtige Marranen wurden sie als falsche Zeugen entlarvt. Deshalb wurden die beiden auf Eselinnen gebunden und zu Tode geschleift2.
Über das Rathaus
Die Stadt BarcelonaBarcelona, Ort hat ein wunderbares RathausBarcelona, OrtRathaus1 mit einem lieblichen Gärtlein und großen Palästen. Dort tagen die Bürgermeister sowie adlige Herren und verhandeln die Dinge, welche die Stadt betreffen. Man zeigte uns einen Raum, der mit riesigen Büchern gefüllt war und den man als eine große Bibliothek ansehen könnte. Dort wird jeweils in einem Buch jahresweise das Wichtigste aufgeschrieben; nicht nur das, was Abgaben und Regierung betrifft, sondern auch viele andere Dinge. Wenn also irgendjemandem Zweifel zu irgendeiner Sache kommen, die schon vor vielen Jahren geschehen ist, und Jahr und Tag notiert hat, kann er dank dieser Annalen dies mit Sicherheit feststellen2.
Über die uns erwiesene Ehre
Unter anderem waren dort auch weitere deutsche Kaufleute: Gregor RaspRasp, Georg, Kaufmann aus AugsburgAugsburg, Ort, Erardus WigantWigant, Erhard, Mergentheimer Kaufmann, genannt Franck, aus MergentheimMergentheim,Ort, einer Stadt in FrankenFranken, L., und Wolfgang FerberFerber, Wolfgang, Kaufmann aus UlmUlm, Ort. Dort weilte auch Bruder Johannes vom Franziskanerorden, den der Doktor StahelStahel, Peter († 1506), Nürnberger Ratskonsulent gut kennt1, weiterhin sein Freund Nikolaus und Leonhard, der einen Bruder im Haus des Deutschen Ordens in NürnbergNürnberg, Ort hat. Sie erwiesen uns unbeschreibliche Ehren. Wir wurden in ihre Häuser eingeladen, wo wir nach Art der Katalanen aus Bechern reinsten Goldes tranken und von Silbertellern aßen. Zu unserer Unterhaltung spielten Musiker mit verschiedenen Instrumenten auf. Es wurden Tänze im Stil der Mauren aufgeführt. Was will man mehr? Ich glaube, dass kein Baron oder Graf in DeutschlandDeutschland, L. eine solche Ehre erweisen könnte. Wie viele Speisen, wie viele Früchte und Weine uns gereicht wurden, kann man nicht erzählen. Wenn wir es ihnen doch vergelten könnten – an ihnen selbst, an ihren Kindern oder an ihren Freunden!
Über die unterirdischen KanäleBarcelona, Ortunterirdische Kanäle
BarcelonaBarcelona, Ort hat in großen Teilen und bei den am meisten besuchten Plätzen unterirdische KanäleBarcelona, Ortunterirdische Kanäle, die Wasser führen. Durch sie kann der ganze Abfall aus den Küchen und Kloaken ins Meer geleitet werden. Wenn sie unangekündigt von Ausländern bedrängt werden, dann öffnen sie (die Bewohner) an einzelnen Plätzen und Straßen den Abfluss. Die Kanäle gleichen denjenigen in NeapelNeapel, Ort und in PaviaPavia, Ort, einer langobardischen Stadt, und denjenigen in ValenciaValencia, Ort1, dem wichtigsten Handelsplatz SpaniensSpanien, L..
Über das Kloster MontserratMontserrat, Berg und Kl.
Wir verließen BarcelonaBarcelona, Ort am 26. (September), und nach sieben Meilen kamen wir recht spät in MontserratMontserrat, Berg und Kl. an. Zwischen vielen unterschiedlichen Hügeln gibt es einen großen und sehr hohen Felsen, der sich bis zu den Wolken zu erheben scheint; oben ist er so als ob er mit der Säge abgeschnitten und geteilt wäre. Es sind größtenteils nackte und unbewachsene Felsen; nur in den Spalten und kleinen Öffnungen wachsen verschiedene Bäume. Nachdem wir an den Fuß des Berges gekommen waren, gingen wir etwa eine Meile einen langen und engen Weg hinan, dann traten wir richtig in die Bergwelt ein, wo wir das unvergleichliche Kloster fanden, das Unsere (Liebe) Frau von MontserratMontserrat, Berg und Kl. heißt. Die Mönche gehören dem Benediktinerorden von strikter Observanz an. In diesem Jahr schickte sie König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) aus dem Reich KastilienKastilien, L. dorthin und vertrieb die Brüder, die dort ein ungeregeltes und wenig strenges Leben führten1. Ebenso gab er dem Abt ein kleines Bistum in VicVic, Ort in der Nähe der Grafschaft RoussillonRoussillon, L.2, damit er sich in Streitigkeiten nicht gegen den König erhebe. Montserrat ist ein Ort größter Ehrfurcht. Ohne Unterbrechung brennen Tag und Nacht am Hauptaltar 23 Leuchter, die größtenteils aus Gold und Silber sind. Es gibt dort sehr große Wachskerzen, ich zählte 17. Einige wiegen 10 oder 12 Zentner. Sie werden jährlich durch Geschenke der Leute aus umliegenden Ortschaften vermehrt und brennen an hohen Festen von der Wandlung bis zur Kommunion.
Früh am Morgen des Samstags hörte ich ehrfurchtsvoll die feierliche Messe mit Orgelmusik; dann gingen wir durch einen engen, beschatteten und schwierigen Weg über Stufen, die in Stein gehauen waren, und über Abgründe hinauf wie über eine Treppe. Nachdem wir diesen Weg mit großen Mühen hinter uns gebracht hatten, kamen wir zur ersten Einsiedelei, die den Namen Unserer Lieben Frau von MontserratMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei Maria trägt. Dann stiegen wir noch weiter hinauf und kamen auf der linken Hand zu einer zweiten, die sich Einsiedelei des Heiligen KreuzesMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei des Heiligen Kreuzes nennt. Bei einem dritten Aufstieg, der ebenfalls sehr gefährlich war, gelangten wir zur Einsiedelei der Heiligsten DreifaltigkeitMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei der Heiligsten Dreifaltigkeit, die der Bruder Bernhard BoilBernardo Boil/Bernal Boyl († 1507), zeitweise Sekretär Kg. Ferdinands des Katholischen, Gelehrter und Diplomat, den ich in MadridMadrid, Ort kennenlernte, erweitern und ausstatten ließ3. Nach dem vierten, sehr gefährlichen und mit viel Schweiß verbundenen Anstieg wurden wir in einer vierten EinsiedeleiMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei des heiligen Erlösers empfangen, die den Namen des heiligen Erlösers trägt. Wir waren von dem zurückgelegten beschwerlichen Weg ermüdet und stiegen nicht zu weiteren Eremitagen empor. Insgesamt gibt es in dem ganzen Bergmassiv 12: Sie liegen ganz oben und ganz unten und sind sehr ansprechend und hervorragend errichtet worden. Jede besitzt eine wunderbare Kapelle, sehr schön mit Verzierungen ausgestattet, und jede hat äußerst schöne Gärtlein. Manche besitzen einen, manche zwei, andere sogar drei, je nach Lage und Möglichkeit des Ortes; es gibt weiterhin Schlaf- und Speiseräume, Küchen und andere Nebengebäude, natürlich auch Zisternen mit sehr kaltem Wasser, das niemals oder nur ganz selten fehlt und das durch Kupferrohre geleitet wird wie der Wein aus dem Fass. Die Gegend entspricht vollständig den Einsiedeleien. Die Brüder kommen wöchentlich ebenso wie an großen Festtagen zum Kloster, versehen sich mit der sonntäglichen Wegzehrung und versorgen sich mit ausreichend Brot, Wein und anderen Nahrungsmitteln. Ein kontemplativer Einsiedler könnte kaum einen angemesseneren Ort wählen. Da alle (Einsiedeleien) nach Süden gerichtet sind, können sie fortwährend sehen, wie alles ergrünt. Jene Einsiedeleien gefielen mir so sehr, dass ich meine ganzen Mühen und Strapazen vergaß. Einige sind dem heiligen HieronymusMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei Sankt Hieronymus, dem heiligen OnofriusMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei Onophrius, der heiligen KatharinaMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei Sankt Katharina, dem heiligen AntoniusMontserrat, Berg und Kl.Einsiedelei Sankt Antonius und so weiter geweiht. Es gibt in der Umgebung verstreut etwa ein Dutzend, wie ich schon sagte.
Nachdem wir die Zellen mit viel Kraft und unter Gefahr über den schon erwähnten Weg besucht hatten, kamen wir zwei Stunden nach Mittag zum KlosterMontserrat, Berg und Kl. zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir mit dem Prior, einem gelehrten Mann, in die Sakristei und sahen uns die Behältnisse und Gefäße aus Gold und Silber an, die ausgesprochen schön gearbeitet sind und nach den Worten des Priors 800 Mark wiegen. Dann sahen wir die stofflichen Verzierungen, zahlreich und wertvoll, die mit Seidenfäden aus Gold und Silber angefertigt worden waren. Unter anderem betrachteten wir eine Goldkette von 4 Mark, die er (König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516)) um den Hals getragen hatte, als ein Verrückter eines Tages in BarcelonaBarcelona, Ort ein Attentat auf ihn verübte; der König schenkte sie (dem Kloster) im selben Jahr4. Es war eine äußerst wertvolle Kette, die ich mir um den Hals legte. Wie exquisit und in welchem Überfluss alles vorhanden war! Wir sahen die Geschenke, welche die Tochter des Königs, Johanna, nach dem Tode des Königs von PortugalPortugal, L. übereignet hatte5, was sieben Monate nach der Feier ihrer Hochzeit in ÉvoraÉvora, Ort erfolgte, weil der König in der Nähe des TajoTajo / Tejo, Fluß bei der Jagd vom Pferd gefallen war. Diese Johanna, ich wiederhole es, gelobte, dass sie als Witwe keusch leben und nicht in Leinen-, sondern in Wollkleidern schlafen wolle. Sie führte tatsächlich ein äußerst keusches Leben und schenkte der Jungfrau von MontserratMontserrat, Berg und Kl. viele Dinge, die sie selbst mit eigenen Händen angefertigt hatte.
Nach dem Verlassen des Klosters betrachteten wir die Umgebung des Ortes und stiegen zu einer Höhle auf, wo im Jahre des Herrn 853 ein gewisser Bürger aus BarcelonaBarcelona, Ort, Johannes GarusGarín, Juan, Bürger von Barcelona6, eine sehr schwere Buße verbüßte. Nachdem die Nachricht von dessen Heiligkeit an seine Ohren gedrungen war, schickte der damalige Graf von Barcelona seine Tochter, die vom Teufel besessen war, dorthin, damit er (Garus) diese durch seine Heiligkeit vom Teufel befreie. Garus wurde aber von seiner Lust übermannt und erkannte sie fleischlich; danach wurde er von Bußgesinnung erfasst, und, damit dieses Gerücht nicht an die Ohren des Grafen dringe, tötete er sie und begrub sie in einer Höhle. Dann kam er nach RomRom, Ort und leistete sieben Jahre lang in der Wüste eine harte Buße, während der er immer nackt und auf vier Füßen ging wie ein Tier. Schließlich kehrte er zu seinem ursprünglichen Zustand zurück, wurde von einigen Häschern gefangen, und weil er nicht reden wollte, wurde er in Eisenketten nach Barcelona geführt. Am Eingang sah ihn eine gewisse Frau, die in ihren Händen ein Kind von sechs Monaten hielt und die mit schriller Stimme zu rufen anfing: „Johan Garus, erhebe dich! Deine Sünden sind dir vergeben.“ Er kehrte also zu seinem alten Ort zurück, und als er eine würdige Grabesstätte für die getötete Jungfrau graben wollte, fand er diese lebend vor. Sofort gründete er dort ein Kloster für Männer und Frauen. Beide starben schließlich unter Beachtung der strengsten Regel im Herrn. Im Laufe der Zeit wurden die Nonnen nach Barcelona verlegt, und dort wurde für sie das KlosterBarcelona, OrtSant Pere de les Puelles / San Pedro de las Puellas, Kl. des heiligen Petrus errichtet7, wo sie noch heute für Gott streiten. Die Jungfrau und Gottesmutter vollbringt dort jeden Tag große Wunder. Es wäre zu lang, sie alle aufzuzählen.
Es wäre auch zu ausführlich, alles über die WunderquelleMontserrat, Berg und Kl.Wunderquelle aufzuschreiben. Denn unterhalb des Klosters steht eine Burg mit einer Quelle fließenden Wassers. Einstmals kamen nämlich am Festtag der Heiligen Jungfrau viele Menschen zusammen, denen es an Wasser gebrach, weil ein Adliger es ihnen nicht gewähren wollte. Sie gingen also zum Kloster hinaus, eine Quelle sprudelte dort, und der Adlige verlor seine Wasserstelle. Sie heißt heute Wunderquelle, und wir tranken aus ihr.
Am folgenden Sonntag, dem 28. September, nahmen wir unseren Weg in Richtung Norden, und mit vielen Mühen stiegen wir etwa drei Meilen bis zu der Burg GoladaIgualada (Golada) und Burg, Ort ab. Nach weiteren zwei Meilen kamen wir zu der Befestigung von Santa ColombaSanta Coloma de Queralt, Ort8, dort zeigte man das Haupt der heiligen ColombaColoma / Colomba / Columba († 3. Jh.), Hl.. Die Meilen sind in KatalonienKatalonien, L. außergewöhnlich lang9, und der Weg war sehr bergig. Mit dem Pferd schafften wir kaum mehr als vier oder fünf Meilen. Zwei Meilen von Santa Colomba gegen Norden in Richtung ZaragozaSaragossa / Zaragoza, Ort steht die Burg CerveraCervera (auch Geschlecht), Ort10 mit einer wunderbaren Geschichte.
Am 29. September, es war der Festtag des heiligen MichaelMichael, Erzengel, Hl., legten wir drei sehr lange Meilen zurück und kamen mittags zu dem sehr ehrwürdigen Kloster PobletPoblet, Kl.11. Es liegt in einer herrlichen Ebene zu Füßen einiger hoher Berge. Das Kloster Poblet ist so wunderbar erbaut, mit so vielen und so großen Palästen, Hallen, Kellern und Kreuzgängen sowie mit einer großen Befestigungsmauer rundherum, dass man sich in einer Burg wähnt. Alle Gebäude sind aus behauenen Quadersteinen erbaut, so stabil, dass man glaubt, sie seien gegen die Unbilden der Zeiten hergestellt. Alles ist zur Beschaulichkeit und zum bequemen Nutzen errichtet worden. Ich habe niemals ein Kloster dieses Ordens gesehen, das besser befestigt oder schöner gewesen ist. Es sind Zisterzienser vom Orden des heiligen Bernhard. Zu dieser Zeit gab es 80 Konventspriester und 40 Konversen. Sie befolgen eine strenge Regel. Das Kloster wurde von den Königen Aragóns gegründet, die dort einige wunderbare Grabmäler erhalten haben. Dort ruhen 7 Könige mit ihren Gemahlinnen. Der erste war König JakobJakob I. der Eroberer, Kg. von Aragón (1213–1276), der das königliche Szepter im Jahre des Herrn 1223 übernahm und der 53 Jahre regierte. Er war ein strenger Verfolger der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) in ganz SpanienSpanien, L.. So nahm er ihnen die Insel MallorcaMallorca, Balearische Insel weg, das Reich ValenciaValencia, Ort, die Provinz MurciaMurcia, Ort und viele andere Ländereien. Schließlich zog er das Mönchsgewand an, führte ein zölibatäres Leben und starb im Herrn12. Er ist dort in einem wunderbaren Grabmal aus schneeweißem Marmor begraben. Dort ruhen auch der König MartinMartin I. el Humano (Martinus), Kg. von Aragón (1396–1410) und Sizilien (1409–1410), der Großvater, und auch der Vater von FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516), dem heutigen Herrscher. Niemals sah ich so viele und so große Fässer und Gefäße wie in ihrem Weinkeller; in einem zählte ich 17. Ich glaube, dass insgesamt Platz für 30 Fuhren wäre13.
Sie verfügen über eine sehr edle Apotheke, welche die verschiedensten Arten von Medizin bereithält, ebenso über einen gelehrten Doktor der Medizin, mit dem ich mich unterhielt und der sich als äußerst beschlagener Mann erwies. Alle Amtsleute und Handwerker haben ebenso ihre Räume und Werkstätten, die ihnen zugewiesen sind. Und wie edel deren Kirche ist, im alten Stile erbaut! Dies betrifft sowohl die Kapellen wie auch das Chorgestühl und die äußerst schöne Orgel, die mit Gold und Silber verziert ist. Sie erwiesen uns große Ehren und zeigten uns höflich alle wertvollen Dinge.
Am 30. September kamen wir nach der Wegstrecke eines ganzen Tages durch hohe Berge und tiefe abrupte Täler zu einer Kartause in einer Ebene, die rundherum von Bergen umgeben war. Ihr Name ist Scala DeiSanta María d‘Escaladei (Scala Dei), Kl. (Treppe Gottes)14. Dies ist ein sehr verehrungswerter Ort, und es gibt dort an Mönchen 28 Patres und 13 Konversen. Sie empfingen uns freundlich und teilten gern mit uns, was sie hatten. Dort gab es einen jungen, sehr gelehrten Priester, Sohn eines beschlagenen Mediziners aus BarcelonaBarcelona, Ort. Er litt am Dreitagesfieber. Mit bewundernswerter Aufmerksamkeit hörte er meine Ratschläge an. Wenn Gott ihm doch die Gesundheit wiederschenken würde! Dieses Kloster ist sehr edel und schön. Am selben Tag gingen wir zwei große Meilen auf einem sehr holperigen Weg, dessen Name MalrotshaMalrotsha, Weg zwischen der Kartause Santa María d’Escaladei und Ginestar ist, das heißt: schlechter Felsen. Dort ist der Name wirklich angemessen.
Am 1. Oktober legten wir einen sehr schlechten Weg zurück, und nach zwei Meilen gelangten wir zur Burg von GeneserGinestar/Geneser, Ort15 an den Ufern des Flusses EbroEbro, Fluß, der aus den Bergen kommend ZaragozaSaragossa / Zaragoza, Ort durchfließt und ebenso schiffbar ist wie die DonauDonau, Fluß in der Nähe von RegensburgRegensburg, Ort; er teilt das Reich von ValenciaValencia, Ort und KatalonienKatalonien, L.. Auf beiden Ufern gibt es viele Befestigungen der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) muslimischer Religion. Die (christlichen) Fürsten übernahmen sie, weil sie (die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime)) in landwirtschaftlichen Dingen sorgfältig und arbeitsam sind und keinen Wein trinken. Sie verlangten von ihnen einen hohen Tribut. Auf beiden Ufern gibt es auch einen Ort, an dem Oliven- und Kilrogenbäume gedeihen; dies sind Bäume so groß wie Steineichen, die eine süße Frucht hervorbringen, sie gibt man Maultieren und Pferden. Bei uns heißt sie Johannisbrot16. Am selben Tag gelangten wir zu einem schönen Ort, der XertaXerta, Ort genannt wird, wir ritten vier große Meilen bis zur Mittagszeit.
Am zweiten Oktober folgten wir schon früh zwei Meilen lang dem Flusstal abwärts und kamen in die uralte Stadt TortosaTortosa, Ort, aber wegen der Pest haben wir sie nicht betreten. Wir ritten im Galopp durch eine ausgedehnte, verlassene Ebene und kamen nach sechs Meilen zum Kastell von LaganaLa Jana und Burg, Ort. Am 3. Oktober gelangten wir über das schöne Kastell des heiligen Matthäus und nach sieben weiteren Meilen durch landwirtschaftliche Orte bis zur Befestigung KurealKureal, Burg.
Am vierten Oktober, nachdem wir die Steppenlandschaft hinter uns gelassen hatten, erreichten wir eine sehr schöne und fruchtbare Ebene, die überall bewässert wird. Nach sechs Meilen kamen wir über Villa RealVillarreal, Ort zu der Ortschaft MalfredaMalfreda, Ort, dies ist ein wunderschöner Ort, gelegen am Ufer des Meeres mit einem sehr großen und schönen Turm, der auf einem sehr hohen Berg steht.
Am fünften Oktober brachen wir früh auf und gelangten nach einer Meile westlich zum Kloster Vallis IhesuVall de Jesú, Kl. (Tal Jesu)17. Dieses Kloster liegt am westlichen Fuß eines ziemlich hohen Berges. Die gesamte Umgebung ist ziemlich unfruchtbar. Dort leben Franziskanerobservanten. Sie haben einen wunderbaren Garten, er wird durch Wasser, das sie mit einem Esel aus einem Brunnen schöpfen, bewässert. Der Kreuzgang ist klein, aber alles ist schön und wunderbar angeordnet. Als wir dort weilten, gab es nicht mehr als 10 oder 12 Personen. Es waren dort 4 Priester, zwei Diakone, zwei Subdiakone und zwei Konversen. Ein Konverse war Deutscher aus RavensburgRavensburg, Ort, Sohn einer Schwester von Theobald BuckliBückli, Diepold / Theobaldus Bucklus; er war ein junger und ehrfürchtiger Mann18. Das Kloster wurde von Deutschen gegründet auf Initiative des Jodocus KolerKohler, Jodocus, Faktor der Ravensburger Handelsgesellschaft; er war damals der Vorsteher der Großen Handelsgesellschaft aus Ravensburg, einer Stadt in SchwabenSchwaben, L.19. Sie haben ein hohes Chorgestühl mit 16 schönen Sitzen, die der erwähnte Jodocus aus FlandernFlandern, L. herbeibringen ließ20. Für den Betrachter ist es ein altehrwürdiger Ort; (die Gebäude) sind klein, aber ganz aus Stein vorzüglich mit Gewölben und anderem erbaut. Wir gewannen dort einen hervorragenden Eindruck. Der Pater an der Pforte aß – wie mir die deutschen Kaufleute Heinrich SporerSporer, Heinrich, Kaufmann, Vertreter der Ankenreuter- Gesellschaft in Valencia und Konrad HumpisHumpis, Konrad († 16. Jh.), Kaufmann, Vorsteher der Ravensburger Handelsgesellschaft21, die vertrauenswürdig sind, versicherten – in der vergangenen Fastenzeit während der ganzen Woche nur freitags für die gesamte Woche, er führt ein zölibatäres und asketisches Leben. Ich sah ihn nicht, weil ich dieses Geheimnis noch nicht kannte, in ValenciaValencia, Ort sagte man mir jedoch, dass er ein sehr religiöser Mann sei.
Über die Stadt ValenciaValencia, Ort
Am gleichen 5. Oktober gingen wir drei Meilen von Vallis IhesuVall de Jesú, Kl. und kamen zu der edelsten Stadt ValenciaValencia, Ort, der Hauptstadt des ganzen Reiches von Valencia. Sie ist sehr groß, liegt in einem schönen Becken, ähnlich der Umgebung von MailandMailand, Ort und von KölnKöln, Ort wird sie allseitig von Bergen umschlossen, nur nicht im Süden, dort liegt das Meer. Die Ebene wird von den Flüssen aus den Bergen durch verschiedene Kanäle überall bewässert. Sie ist fruchtbar und reich an Oliven, Granatäpfeln, Apfelsinen, Limonen und Zitronen sowie unzähligen anderen Früchten. Ich glaube, dass in ganz Europa kaum in irgendeiner anderen Meeresprovinz ähnlich gute Früchte wachsen. In diesem Becken liegt wenig entfernt vom Meer diese sehr berühmte Stadt. Sie ist sehr weitläufig und viel größer als BarcelonaBarcelona, Ort, gut bewohnt und dicht bevölkert. Dort leben viele Grafen, Barone und sogar ein Herzog, mehr als 500 güldene Ritter sowie Adlige ohne Zahl.
Über die Hauptkirche
Die KathedraleValencia, OrtNuestra Señora Santa María, K. ist der Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi geweiht1. Sie hat einen Erzbischof2, 24 Kanoniker, Vikare, Sänger und Sakristane, sodass die Zahl der Priester dieser Kirche zweihundert beträgt. Sie führen ein ziemlich kanonisches und religiöses Leben. Der Bau ist wunderbar konstruiert; das hervorragend geschnitzte Chorgestühl hat 144 Sitze. Der Turm ist ziemlich hoch. Wir bestiegen ihn über 206, unter einem Gewölbe liegende Treppenstufen. Als wir hochgingen und oben waren, betrachteten wir die Lage und die Stadt, und dies war ein wunderbarer Ausblick. Der hohe Turm ist achteckig. Seine Breite betrug oben 20 Schritte. Der Bau dieser Kirche ist, wie ich schon sagte, hervorragend ausgeführt. Sie ist 156 Schritte lang und 53 Schritte breit, hat die Form eines Kreuzes und besitzt mehr als 20 einzelne Kapellen, die durch Säulen getrennt sind. Die Gesamtsumme der Altäre beträgt 56. Die Kirche ist ziemlich hoch und schön gewölbt. Man könnte noch viele Dinge über sie schreiben.
Dort gibt es weiterhin viele und bekannte Klöster für beiderlei Geschlecht. Im Kloster des heiligen AugustinusAurelius Augustinus Hl., Kirchenvater, Bf. von Hippo (395–430) ist eine Kapelle der Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi geweiht, die ihrer großen Wunder wegen erstrahlt. Dort zählten wir mehr als 120 Silberlampen, aber sie brannten nicht alle. Es ist nämlich Brauch der Spanier, um die Gott gegebenen Gelübde zu erfüllen, Silberlampen zu opfern, jeder nach seinem Vermögen. Noch nie sahen wir eine Stadt, wo alle Kirchen mit Altarverzierungen und mit vergoldeten Altarretabeln so erlesen geschmückt sind wie in ValenciaValencia, Ort. In der KathedraleValencia, OrtNuestra Señora Santa María, K. bauen sie einen Hauptaltar, der äußerst teuer und ausschließlich aus Silber ist. Dargestellt werden die sieben Freuden der Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi. Und nichts wird vergoldet werden außer den Bärten, den Haaren und anderen Dingen, die man vergolden muss. Er wird mehr als dreitausend Mark wiegen. Diese Details erzählte mir der Goldschmied, der aus LauingenLauingen, Ort stammt, einer Stadt SchwabensSchwaben, L. in der Nähe der DonauDonau, Fluß3. Schon das alte Altarretabel besaß viel Silber, die Kanoniker und die Einkünfte der Kirche fügten Weiteres hinzu. Es wird ein wunderbares Altarretabel sein. Ich sah noch viele andere Bilder, die mir der Baumeister zeigte.
Über das Haus der KaufleuteValencia, OrtLlotja / Lonja / Loya, Börse
Der Handel und Austausch ganz SpaniensSpanien, L. wurde vor 50 Jahren vor allem in BarcelonaBarcelona, Ort betrieben1, ähnlich wie heute der Handel Oberdeutschlands fast ausschließlich in NürnbergNürnberg, Ort stattfindet. Aber nach den Auseinandersetzungen und Kriegen flüchteten sich die Kaufleute nach ValenciaValencia, Ort, heute die Hauptstadt des Handels. Augenblicklich baut man dort ein großartiges Gebäude, das sie LoyaValencia, OrtLlotja / Lonja / Loya, Börse (Börse) nennen, wo sich die Kaufleute treffen, um ihre Geschäfte zu tätigen2. Es ist ein hohes Gebäude, das aus behauenem Stein und edlen Säulen erbaut und 32 Schritte breit und 62 Schritte lang ist. Fast bis zum Dach vollendet, und dies soll auch bald gemacht werden, wird es einen Garten mit verschiedenen Früchten und einem Springbrunnen besitzen. Das Haus wird auch einen sehr hohen Turm und darunter eine Kapelle haben, wo täglich zwei Messen gelesen werden3. Die Architekten versicherten, dass sie noch etwa zwei Jahre bis zum Abschluss bräuchten. Die Börse ist nahe dem großen Markt bei der Waage gelegen, und sie wird wesentlich edler und schöner als die Börse von Barcelona sein.
Die deutschen Kaufleute Heinrich SporerSporer, Heinrich, Kaufmann, Vertreter der Ankenreuter- Gesellschaft in Valencia und Konrad HumpissHumpis, Konrad († 16. Jh.), Kaufmann, Vorsteher der Ravensburger Handelsgesellschaft, beide aus RavensburgRavensburg, Ort, erwiesen uns mit ihrer Gefolgschaft so große Ehren, zeigten einzeln uns alle interessanten Orte, luden uns ein und gaben uns Gewänder; mehr geht nicht! Mögen wir es ihnen oder ihren Freunden einmal vergelten können!
Über den Verkauf von Sklaven
In einem gewissen Haus sah ich Personen beiderlei Geschlechtes, die zum Verkauf bestimmt waren, auch Kinder und Knaben. Sie waren von TenerifeKanarische InselnTeneriffa/Tenerife, einer der Kanarischen InselnKanarische Inseln im Atlantischen OzeanAtlantik, die gegen den König von SpanienSpanien, L. rebelliert hatte und von diesem unterworfen wurde. Er ließ sie alle verkaufen1. Es gab einen Kaufmann aus ValenciaValencia, Ort, der in einem Schiff 87 herbeibrachte, von denen 14 starben, weil sie Meer, Luft und Klima nicht ertrugen. Die anderen wurden zum Verkauf freigegeben. Es sind dunkelhäutige Männer, jedoch nicht schwarz wie die Barbaren. Die Frauen waren gut gebaut mit kräftigen Gliedern und recht groß. Sie sind aber tierisch in ihren Gebräuchen, weil sie bis heute nicht unter irgendeinem Gesetz gelebt haben, sondern allesamt Götzen huldigten2. Die Kanarischen InselnKanarische Inseln liefern Zucker3 im Übermaß. Der Sklavenhalter informierte mich darüber, dass das Zuckerrohr dort etwa 6 und 7 Schritte lang ist und von der Dicke eines Unterarms. Sie haben auch viele Tiere und verschiedene Früchte sowie Getreide, essen aber kein Brot, sondern geröstete Gerste, die sie in einer Art Handmühle mahlen, in Wasser oder in Milch auflösen und dann essen oder trinken. Sie verspeisen außerdem gekochtes oder gebratenes Fleisch im Überfluss. Der siegreiche König (FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516))Ferdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) gab ihnen einen Bischof und ließ eine Kirche erbauen4. Sie sind bereit, unsere Religion anzunehmen, inzwischen benutzen sie Kleider wie wir. Oh, was bewirken Glaube und Fürsorge, dass aus Tieren im menschlichen Körper sanfte Menschen gemacht werden können! Wenn ich nicht viele von diesen gesehen hätte, würde ich nicht wagen, solche Dinge aufzuschreiben. Die KanarenKanarische Inseln bestehen aus 7 Inseln, von denen CanariaKanarische InselnGran Canaria größer als ganz MallorcaMallorca, Balearische Insel ist. Die zweite ist Tenerife, die dritte FuerteventuraKanarische InselnFuerteventura, die vierte GomeraKanarische InselnLa Gomera, die fünfte die Insel HierroKanarische InselnEl Hierro und so weiter. Sie verstehen sich kaum untereinander, so wie es auch mit dem Ober- und Niederdeutschen ist. Vor dem Sieg des spanischen Königs waren sie wie Tiere. Nun werden sie dank der Religion sanfter. Die sechste Insel ist LanzaroteKanarische InselnLanzarote. Ich sah viele Gefangene in Eisenketten und hinter Gittern, die zu sehr harten Arbeiten gezwungen wurden wie zum Beispiel Balken durchzusägen und andere Dinge5.
Über die Lieblichkeit der GärtenValencia, OrtJardines del Real in ValenciaValencia, Ort
Wir wurden zum Garten der Stadt geführt, der vorzüglich mit Zitronen- und Apfelsinenbäumen sowie mit Zitrusbäumen und Dattelpalmen bepflanzt war. Rundherum war alles von Ästen und Blättern der Orangenbäume bedeckt. Es gibt dort ebenso Tische, Altäre, Pulte, Schiffe, Sitze, die aus großen Myrtensträuchern geformt sind. Die Myrte ist eine Mischung aus Baum und Strauch mit immergrünen Blättern, ähnlich wie der Buchsbaum. Sie hat weiße und sehr duftende Blüten wie die Tallilie und ist wie der Buchsbaum immergrün. Mit Leichtigkeit kann sie gebogen werden, sich ausdehnen oder in jegliche Richtung gezogen werden. So lassen sich aus ihr selbst verschiedene Figuren formen. Wir weilten auch in den königlichen GärtenValencia, OrtJardines del Real beim Turm und bei der BurgValencia, OrtRahal / Real, Palast1; sie waren sehr groß und mit verschiedenen Fruchtbäumen bepflanzt, es gab Aquädukte und Wasserbecken. Ähnlich sah es in anderen Gärten von Adligen aus, sie waren alle so geschmückt, dass man sich im Paradies wähnt.
Über die verschiedenen Früchte SpaniensSpanien, L.
Das Land von ValenciaValencia, Ort1 ist äußerst fruchtbar, wie ich schon gesagt habe; es bringt Früchte in großer Zahl hervor, die in andere Gegenden exportiert werden und aus denen die Leute große Gewinne ziehen. Die deutschen Kaufleute erzählten mir von weiteren Früchten, aber ich kann sie nicht alle aufzählen2. Unter anderem ist das Zuckerrohr sehr verbreitet, ich beobachtete in einem gewissen Haus, wie es in großer Menge gekocht wurde. Ich sah viele Gefäße, in denen sie den Zucker schmelzen und riesengroße Pyramiden daraus bauen! Es war eine höchste Anstrengung, die mit vielen Knechten ausgeführt wurde. Wir sahen, wie der Zucker gereinigt, gekocht, das Beste ausgesucht und wie der Kandiszucker produziert wurde. Für uns war dies eine sehr aufschlussreiche Vorführung. Wir sahen auch, wie Zuckerrohr wächst, und wir probierten den Saft, aus den Rohren extrahiert. Der Besitzer des Betriebs – ein sehr ehrenwerter und glaubwürdiger Mann – sagte mir, dass in den Gegenden von Valencia, woher er stamme, jährlich etwa 6000 kargi, das entspricht zehntausend Nürnberger Zentnern, produziert werden.
Dort wird ebenso in großem Maße Seide von guter Qualität gewonnen und verarbeitet. Es gibt zwei Sträucher, von deren Blättern sich die Seidenraupen ernähren. Der erste ist der schwarze Maulbeerbaum, der als Früchte Maulbeeren hervorbringt. Mit seinen Blättern ernährt man die Seidenraupen in ItalienItalien, L., zum Beispiel in FlorenzFlorenz, Ort, VenedigVenedig, Ort und BolognaBologna, Ort. Der andere Baum gleicht dem Maulbeerbaum, aber er trägt keine Frucht und hat grüne und samtige Blätter ähnlich wie die Pappel. Damit nähren sie die Seidenraupen. Wir sahen in ValenciaValencia, Ort unzählige Werkstätten, wo sie Seide verarbeiten.
Ebenso wächst dort reichlich die Kermesbeere, mit deren Hilfe die edelsten Tücher gefärbt werden. Es ist ein kleiner Baum mit kleinen Blättern, gezackt und sehr dornig. Die Früchte erscheinen im November grün, und im Mai, wenn sie reif sind, zeigen sie eine tiefrote Farbe. Sie haben die Form von Wacholderbeeren. Das Pfund wird für einen Dukaten und mehr verkauft, denn man muss die Frucht lange Zeit sammeln, bevor die Armen ein Pfund zusammengebracht haben; ähnlich verhält es sich in PolenPolen, L. mit der Kermesbeere, das heißt mit der Scharlachbeere3.
Es gibt auch ein sehr mildes Öl in großer Menge. Niemals sah ich größere und mildere Oliven.
Wunderbar ist auch der Überfluss an Wolle, die nach GenuaGenua, Ort und nach VenedigVenedig, Ort gebracht wird4. Ebenso werden in der Stadt ValenciaValencia, Ort und dem ganzen Reich hervorragende Tücher hergestellt.
Der sehr gute Morfedrawein5, der früher Saguntwein genannt wurde, ist ebenso anzutreffen. Als das ruhmreiche römische Reich in Blüte stand, reichte das Anbaugebiet fast bis zum Meer; aber heute ist es wie in ähnlichen Fällen kleiner geworden. Aus der Stadt AlicanteAlicante, Ort wird eine große Menge edelsten Weines nach EnglandEngland, L. und Niederdeutschland exportiert.
Ebenso werden ganze Schiffe mit gepressten und getrockneten Trauben, die von den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) sehr gut zubereitet werden, nach ganz Europa bis nach EnglandEngland, L., FrankreichFrankreich, L., DeutschlandDeutschland, L., ItalienItalien, L. und in andere Länder geschickt6.
Weiterhin findet man Feigen, Reis und süßesten Honig, den die Bienen aus Rosmarinblüten herbringen. Ebenso gibt es Wachs und Leder von Hammelhäuten und so weiter, die mit einer großen Perfektion in verschiedenen Farben gefärbt werden, vor allem mit Apfelsinensaft und mit anderen Flüssigkeiten; es gibt nichts Besseres. Sie haben auch Espartogras, in der Art von Korbweide oder Binse, damit stellen sie dicke Seile und Taue her, wie wir im Seehafen von AlicanteAlicante, Ort sahen, und sie schicken damit voll beladene Schiffe in andere Gegenden.7
Vor allem gibt es dort eine Art Schlamm oder Tonerde, die anderswo nicht zu finden ist. Daraus stellen sie so große Gefäße her, man könnte glauben, es seien Weinfässer. In einigen von ihnen lassen sich leicht 3 oder 4 Amphoren unterbringen, die wir „aymer“ nennen.
Sie fertigen auch Suppennäpfe, Teller, Krüge und verschiedene Dinge dieser Art, und sie bemalen sie so schön, dass du glaubst, sie seien mit Gold oder Silber verziert. Diese schicken sie mit vollbeladenen Schiffen nach VenedigVenedig, Ort, FlorenzFlorenz, Ort, SevillaSevilla, Ort, PortugalPortugal, L., AvignonAvignon, Ort, LyonLyon, Ort und weiteren Orten zum Kauf. Es gibt ausgesprochen viele Töpfer. Was gibt es sonst noch? Wunderbar wirkt der Herr in diesen Gegenden!
Ich übergehe den Safran, der dort in beträchtlicher Menge wächst8; ich übergehe ebenso den Anis, den Fenchel, den Kümmel, die Zitrusfrucht und Weiteres. Ich kann nicht alle Dinge aufzählen; so schicken sie den Zimt in großer Menge von AlicanteAlicante, Ort nach FlandernFlandern, L.. Dies tun sie auch mit dem Safran Cartamus, der in der Volkssprache „Saffla“ genannt wird. Dies ist ein wilder Safran, um Tücher zu färben. Ebenso übergehe ich die rote Farbe.
Über einige Klöster und Kapellen
Es gibt ein Nonnenkloster des Predigerordens in strenger ObservanzValencia, OrtSanta Catalina de Sena, Kl., das den Namen der heiligen Katharina von SienaKatharina von Siena († 1380), Hl. trägt1. Dort leben 70 Nonnen. Ich sage euch, dass es vor ungefähr zwei Jahren erbaut wurde und mit wunderbaren großen Mauern eingefriedet ist. 4 Jahre vorher war es die Kirche des heiligen ChristophorusValencia, OrtSan Christóbal (fälschlich Sankt Christopherus), Kl. und K.. Die MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten2, das heißt die falschen Christen, die innerlich Juden geblieben waren, besaßen im Innern ihre Grabmäler. Sobald ein Marrane starb, gaben sie vor, alles der christlichen Religion entsprechend zu machen, mit einer großen Prozession, den Sarg mit goldenen Tüchern bedeckt und ein goldenes Bild des heiligen ChristophorusChristophorus († um 250), Hl. voraustragend. Aber heimlich wuschen sie die Körper der Verstorbenen und begruben sie ihren Gewohnheiten entsprechend. Nachdem dies entdeckt wurde und nachdem viele Marranen verbrannt wurden, hat man diese Kirche in ein Kloster umgewandelt, das von der Königin und anderen frommen Männern gut ausgestattet wurde3.
Nicht weit von dieser Kapelle liegt das Kloster der PredigerValencia, OrtReal convento de Santo Domingo, Kl.4, eine großartige Anlage mit schönsten Gärten und Umgängen. Angeschlossen ist eine sehr große KapelleValencia, OrtReal convento de Santo Domingo, Kl.Capilla de los Reyes, welche die heute noch regierende Königin IsabellaIsabella I., Kg. von Kastilien und León (1474–1504), Gemahlin Kg. Ferdinands II. von Aragón in großer Schönheit bauen ließ. Sie ist sehr geräumig, und alle ihre Wände vom Boden bis zur Decke sind mit den Kleidern der MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten bedeckt, die Buße leisteten. Ebenso hängen dort die Kleider derjenigen, die verbrannt wurden und deren Anzahl sehr groß ist. Auf jedem Kleidungsstück ist der Name des Marranen geschrieben. Ich glaube, es gab mehr als tausend; und ich übergehe diejenigen, die es weiterhin im Verborgenen gibt. In jenen Tagen, in denen wir in ValenciaValencia, Ort weilten, waren im Gefängnis mehr als 50 Personen, die in den kommenden 14 Tagen verbrannt werden sollten.
Über die MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten
Die MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten sind getaufte Juden. Obwohl sie aber von getauften Vätern abstammen und obwohl sie öffentlich den christlichen Glauben bekennen, leben sie im Geheimen nach dem Ritus der Juden. Sie hatten in BarcelonaBarcelona, Ort, ValenciaValencia, Ort und anderen Orten verborgene Synagogen, denen sie die Namen von Heiligen und von Pfarreien zulegten. So wussten sie schon, wenn sie sagten: „Heute treffen wir uns in der Pfarrei des Heiligen Kreuzes“, dass es die Synagoge war, die sie so getauft hatten1. Weil die Juden und die Marranen fast im gesamten spanischen Reich nahezu alle die besseren Ämter innehatten und die Christen bedrängten, hatte Gott Erbarmen und legte in die christlichen Herzen des Königs und der Königin den Geist der Wahrheit. Diese vertrieben aus allen ihren Reichsteilen in nur kurzer Zeit mehr als einhunderttausend Judenfamilien und ließen auch viele Marranen verbrennen. Es wäre ein langes Unterfangen, hierüber zu sprechen2.
Über das Kloster der Heiligsten DreifaltigkeitValencia, OrtReal Monasterio de la Santísima Trinidad, Kl.
Außerhalb der Tore bei der Burg des Königs steht ein sehr edles und neues Kloster, das zur heiligsten Dreifaltigkeit heißt. Es gehört zum Minderbrüderorden der strengen Observanz. Im Jahre 1462 wurde es von der Königin Johanna aus fränkischem Geschlecht gestiftet, die nach dem Tode ihres Mannes, des Königs Alfons, dieses Kloster gründete und ein religiöses Leben begann. Dort ruht sie und wird wie eine Heilige behandelt1. Niemals sah ich eine solche Kirche mit einer so großen Anzahl von reichen und wunderbaren Altartafeln sowie Ornamenten, mit denen sie geschmückt ist. Dieser Anblick erheischt größte Bewunderung. Zu meiner Zeit gab es in dem Kloster etwa 80 Nonnen, deren Äbtissin die Schwester des noch regierenden Königs FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) ist2. Die Klostergemeinschaft ist reich und lebt strikt nach der Observanz.
Über das Kloster von Santa María de JesúsValencia, OrtSanta María de Jesús, Kl.
Zehn Steinwurf weit vom Tor in der Mauer entfernt befindet sich auch das Kloster Santa María de JesúsValencia, OrtSanta María de Jesús, Kl. mit Minderbrüdern der Observanz. Es handelt sich um eine neue Gründung1. Im Kreuzgang gibt es einen schönen Garten mit Zitronenbäumen, Zitrusfrüchten und verschiedenen, außergewöhnlichen aus Myrte geformten Figuren. Im zweiten Kreuzgang ist der Boden mit Kieseln bedeckt, und es gibt einen Brunnen in der Mitte, der von in einer Zisterne gesammeltem Regenwasser gespeist wird. Oh, welch schönes Refektorium! Du wähnst dich in einer Kirche! Ebenso schön sind die Zellen, in deren Eingangsbereich es einen ausreichend großen quadratischen Vorraum gibt. Geht man durch eine zweite Tür, so sieht man in ein schönes Studierzimmer. Ebenso besticht das Kloster durch einen hervorragenden Krankenraum. Alles ist dort nützlich eingerichtet. Innen sah ich einen Siccomorobaum, dessen Früchte wie kleine Trauben des Paternosterbaums aussehen; sie fertigen daraus Rosenkränze. Dort wandeln mehr als 60 edle und fromme Brüder, die auch für die Nonnen des Klosters der Heiligen Dreifaltigkeit sorgen.
Über das Haus der Unschuldigen und DummenValencia, OrtHospital dels folls de sancta María dels ignoscents
Es gibt ein gewisses edles Haus und eine Stiftung, in der nur die Verrückten, die Dummen, die Melancholiker und die Rasenden beiderlei Geschlechtes aufgenommen werden1. Ich sah viele, darunter einen sehr jungen Verrückten, der nackt mit einer Eisenkette in einem Käfig festgebunden war. Unsere Begleiter forderten ihn dazu auf, dass er für einige Pfennige etwas aufsagen möge. Er begann in Hebräisch zu beten und blasphemische Worte gegen Christen und Juden zu sagen. Dies machte er auch, weil er der Sohn eines sehr reichen MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten war, der ihn von klein auf im Judentum erzogen hatte. Nachdem der Vater auf diese Art entdeckt worden war, wurde er verbrannt. Diese Stiftung gibt es nur für die Handwerker der Stadt. Ihr jährliches Einkommen beträgt zweitausend Dukaten. Nur Söhne von Handwerkern, keine Adligen werden aufgenommen. Es ist eine schöne Stiftung, und sie ist in jeder Hinsicht gut geordnet.
Man findet andere sehr edle Häuser wie das Haus der RichterValencia, OrtHaus der Richter, das Haus des Sohnes des gegenwärtigen Papstes Alexander VI.Alexander VI. / Rodrigo de Borja, P. (1492–1503)2, das noch nicht vollendet ist, das Haus des Grafen von OlivaOliva, Geschlecht3 sowie unzählige weitere Adelshäuser, die vorzüglich gebaut sind mit verschiedenen Hallen, Palästen und Gärtlein, so dass man glaubt, es seien königliche Gebäude oder sogar das Paradies.
Über die Umgangsformen (der Valencianer)
Das valencianische Volk ist sehr höflich und menschlich. Es gibt dort zwei Herzöge – einer von ihnen ist der Sohn des Papstes Alexander VI.Alexander VI. / Rodrigo de Borja, P. (1492–1503)1 –, weiterhin viele Grafen wie den Grafen von OlivaOliva, Geschlecht und den von AversaAversa und Geschlecht, Ort2 sowie mehrere andere, mehr als fünfhundert Ritter. Händler, Handwerker und Kleriker zählt man mehr als zweitausend. Die Männer kleiden sich mit schönen und langen Gewändern. Ebenso sind die Frauen über das Maß hinausgehend herausgeputzt. Vorn sind ihre Kleider ausgeschnitten bis zum Busen, so dass du die Brustwarzen fast wie Knospen der Bäume sehen kannst. Alle schminken sich im Gesicht, benutzen Öle und Duftwasser, was schlecht ist3.
Sie haben auch die Gewohnheit, dass das ganze Volk beiderlei Geschlechtes in den Straßen vom frühen Abend bis in die Nacht hinein spazieren geht; in so großer Menge, dass du dich auf einem Fest wähnst. Jedoch belästigt niemand die anderen. Hätte ich es nicht mit meinen edlen Begleitern, den Kaufleuten aus RavensburgRavensburg, Ort, gesehen, so würde ich es kaum geglaubt haben. Die Lebensmittelgeschäfte sind offen bis Mitternacht, so kannst du zu jeder gewünschten Stunde in ihnen kaufen, was du willst. Es gäbe viel über diese Dinge zu schreiben, ich übergehe dies, weil ich mich kurz fassen möchte. Die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) haben ein eigenes ViertelValencia, OrtAljama, das mit einer Mauer umgeben ist wie bei den Juden von RegensburgRegensburg, Ort4. In den Gemeinden und Ortschaften bei der Stadt gibt es fast ausschließlich Sarazenen, die sich fleißig der Bearbeitung des Bodens widmen.
Am neunten Oktober verließen wir ValenciaValencia, Ort und durchquerten eine sehr schöne und besiedelte Ebene, 6 Meilen lang, danach kamen wir zum Ort und zur Burg von Alcira. Dieser Ort ist groß und bringt verschiedene Früchte im Übermaß hervor. Schon früh ritten wir dann 16 Meilen und zwei Tage lang durch eine schroffe und steile Bergwelt sowie vornehme Orte. Schließlich gelangten wir zu einem Ort und einer Ebene mit Flüssen, dort lag die Stadt Xàtiva/JátivaXàtiva / Jàtiva, Ort mit einer sehr edlen BurgXàtiva / Jàtiva, OrtBurg. Welch großen KanalXàtiva / Jàtiva, OrtKanal hat auch diese Stadt Játiva, der bestes Wasser führt und dessen Ursprung wir in der Nähe des Bergjoches passierten. Wir kamen zu der schönen Seestadt AlicanteAlicante, Ort. Während wir durch eine bergige Gegend ritten, sahen wir fruchtbares Land mit Färberpflanzen, ebenso Kümmel oder Espartogras, mit Anis und anderen Pflanzen. Alicante liegt am Meer gegen Süden. Im Norden ragt ein sehr hoher Berg auf, auf dessen Gipfel eine wunderbare Burg steht5. Am Fuß des Berges liegt eine besiedelte Ortschaft mit ungefähr fünfhundert Häusern. Dort gibt es unter anderem eine Kirche der Heiligen Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi, die am Hauptaltar eine wunderbare Altartafel hat, welche die Inhaber der Kirche vor kurzem für 1500 Dukaten kauften6.
Über die Früchte in AlicanteAlicante, Ort
Auf einem Berg am Meer gegen Westen findet man ein edles Mineralsalz, das man wie das Alaun gewinnt und das sie in verschiedene Häfen, zum Beispiel nach GenuaGenua, Ort und andere Orte transportieren. Es gibt in einem Tal des Küstenbereiches, das von SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) bewohnt wird, Rosinen in solch großen Mengen, dass jedes Jahr etwa 10 oder 15tausend Zentner nach ganz Europa exportiert werden. Man bereitet diese auf folgende Art und Weise: Im August, wenn die Früchte und Trauben reif sind, setzen die Sarazenen eine Lauge aus der Asche von Weinstöcken und anderen kleinen Bäumen an; sie lassen diese 8 Tage lang in einem Gefäß ruhen. Schließlich sieden sie diese in einem großen Topf, und mit einem eisernen, durchlöcherten Schöpflöffel führen sie die Trauben in die siedende Lauge ein. Alles Verfaulte der Früchte wird durch die Lauge absorbiert und bleibt nicht in den Früchten. Sie nehmen die Früchte heraus und legen sie 8 oder zehn Tage lang auf Binsenmatten zum Trocknen in die Sonne; schließlich füllen sie diese in Gefäße oder Kiepen aus Espartogras und verkaufen sie. Die Rosine wird auch in anderen Orten zwischen ValenciaValencia, Ort und AlicanteAlicante, Ort hergestellt. Aber jener ist der wichtigste. Der Graf von ConcentainaCocentaina, L. ist der unumschränkte Herr dieser Mauren1. Es gibt dort auch viele Ortschaften, (die Rosinen herstellen), eine heißt AspeAspe, Ort. Die Toledaner fügen (zur Herstellung der Rosinen) der Lauge Öl hinzu und wässern die Früchte in dieser Lauge. Dann nehmen sie sie heraus und trocknen sie. Anschließend besprengen sie sie mit ein wenig Honigwasser, dem etwas Mehl beigegeben ist, und bewahren sie in Körben auf2.
Es wächst auch in den Meergegenden gegen Osten eine große Menge an Weißwein; allerdings noch mehr schwarzer Rotwein, der ‘Alakant’ genannt wird. Dieser wird nach EnglandEngland, L., SchottlandSchottland, L., FlandernFlandern, L. und in andere Orte Europas geschickt. In Flandern färbt und mischt man hiermit Rheinwein, um diesen etwas zu verstärken. Der Alakant-Wein wird in bewundernswert großer Menge hergestellt. An jenem Tag gab es dort 26 Schiffe aus der BiskayaBiskaya, L., aus Flandern und anderen Gegenden, die dort mit Wein und anderen Dingen beladen wurden. In dieser Gegend werden ebenso Mandeln und Reis in großer Menge geerntet3. Dies sagte mir ein deutscher Kaufmann aus KemptenKempten, Ort, ein sehr vertrauenswürdiger Mann namens Jodocus SchedlerSchedler, Jodocus, dt. Kaufmann, der seit vielen Jahren im Namen der Handelsgesellschaft von RavensburgRavensburg, Ort dort kaufte und der uns große Ehren erwies4. Er versicherte mir, dass in vielen Jahren in diesem relativ kleinen Gebiet bis zu siebzig some5 von süßen Mandeln gewonnen werden, die nach Flandern, England und an andere Orte transportiert werden. Und in ähnlicher Weise unzählbare Mengen an Reis.
Am zwölften Oktober verließen wir AlicanteAlicante, Ort und durchquerten eine unfruchtbare Ebene, die früher wegen der wegelagernden SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) als sehr gefährlich galt. Wir ritten zwei Meilen und gelangten dann durch eine andere Niederung, die fruchtbar ist und durch Flüsse bewässert wird, zur Ortschaft Elche, was im Lateinischen „gemischt“ oder „Hermaphrodit“ bedeutet, denn dieser Ort liegt zwischen den Grenzen von GranadaGranada, Ort und von ValenciaValencia, Ort, manchmal begünstigten sie die Christen, manchmal die Sarazenen. Es ist ein sehr fruchtbarer Ort, der viel Öl hervorbringt. Nirgendwo gibt es mehr. Niemals habe ich bis heute so viele Palmen gesehen wie auf diesem Weg; die Datteln dieser Bäume sind, wenn sie reif werden, nicht ganz so süß wie in AfrikaAfrika, L., weil diese Gegend weniger heiß ist. Oh, wie fruchtbar dieser Ort ist! Ihn bewohnen Christen und auch viele Sarazenen.
Am 13. Oktober durchquerten wir eine unfruchtbare Ebene und einige Ortschaften der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) und gelangten nach 5 Meilen in die Stadt OrihuelaOrihuela, Ort, die in einer fruchtbaren und bewässerten Gegend liegt. Es ist eine große Stadt mit 5000 Häusern, am Fuße eines südlich gelegenen Berges. Auf der Höhe des Berges gibt es eine vornehme BurgOrihuela, OrtBurg6. Die Stadt unterliegt der königlichen Jurisdiktion und ist 11 kleine Meilen von CartagenaCartagena, Ort entfernt, einer Seestadt, die früher HannibalHannibal († 183 v. Chr.), karthagischer Feldherr, der Afrikaner, gründete und Cartago Nova nannte. Heute ist sie verfallen, so wie andere (Orte), die zu einem kleinen Ort schrumpften7. Orihuela ist, wie ich bereits sagte, groß und wird von einem Fluss namens SeguraSegura / Secura, Fluß bewässert, der über MurciaMurcia, Ort aus KastilienKastilien, L. kommt. Der Ort liegt an der Grenze des Reiches von ValenciaValencia, Ort. Wer aus der Stadt herausgeht, betritt sofort das Reich von Kastilien. Die Gegend von Orihuela ist fruchtbar, eben, reich an Datteln, Feigen und anderen edlen Früchten dieses Landes. Alle Bewohner sind Christen.
Am 14. Oktober, nachdem wir 4 Meilen durch eine Ebene und fruchtbare Landschaft geritten waren, kamen wir zur sehr alten Stadt MurciaMurcia, Ort, die so groß ist wie NürnbergNürnberg, Ort, wie ich von einem sehr hohen Turm aus feststellte. Der Ort hat eine schmucke, große und gewölbte KircheMurcia, OrtSanta María, K., die 82 Schritte breit und 130 lang ist, mit schönen Kapellen, einem großen Chorraum mit einem hervorragenden Chorgestühl sowie mit einem sehr schönen Kreuzgang. Sie ist Mariä Geburt geweiht und hat einen Bischof8. Die Stadt liegt in einer schönen und großen Ebene, die ähnlich wie MailandMailand, Ort vollständig von Bergen umsäumt ist. Es gibt einen Fluss mit Namen SecuraSegura / Secura, Fluß, der das ganze Land durch verschiedene Wasserläufe bewässert. Es war früher ein eigenes Reich, das Reich von Murcia genannt. Heute gehört es zum Reich KastilienKastilien, L.9. Dort liegt die erste Stadt des Königreiches von ValenciaValencia, Ort im Südwesten. Früher unterstand sie dem Bischof von CartagenaCartagena, Ort. Nachdem inzwischen Cartagena zu einem kleineren Ort geworden ist, hat Murcia selbst einen eigenen Bischof10. Das Land ist sehr fruchtbar, es bringt Öl, Reis, Mandeln, Getreide hervor; alle Lebensmittel werden zu vorzüglichen Preisen verkauft.
Am selben Tag verließen wir MurciaMurcia, Ort, und nach 6 langen Meilen durch ein ebenes Gelände, das überall vor allen Dingen mit Espartogras und einer Pflanze namens Kali – in der Volkssprache nennen sie sie sosa – bewachsen ist, kamen wir zu einem kleinen Ort, das heißt einem kleinen Dorf mit etwa 30 Häusern. Auf dem Berg steht eine wunderbare Burg, die AlhamaAlhama de Murcia, Ort heißt11. Wir trafen dort auf zwei Thermen mit heißem und klarem Wasser, in denen wir uns wuschen; es ist sehr gut für die Wassersüchtigen, für Koliken und andere Krankheiten. Wir fanden dort auch eine hervorragende Glaserwerkstatt. Sie nehmen zwei Teile der Asche von dem Kaligras, das sie sosa nennen, und einen Teil schneeweißen Sandes, der mit einem großen Stein fein zermahlen wird, und sie bearbeiten dies mit einem großen Mühlstein. Hieraus machen sie schließlich einen großen Teig, wie für enorme Brote, und brennen ihn im Backofen12. Heraus kommt eine Mischung wie die Asche oder Pottasche, die wir „Waidasch“ nennen. Sie schmelzen diese Masse im Ofen und stellen verschiedene Arten von Glas unterschiedlicher Farbe her, durchsichtig und in verschiedenen Farbgebungen schicken sie dies in verschiedene Länder. Der Eigentümer zeigte mir alle – ein eindrucksvoller Anblick. Die genannte Pflanze wächst hier in so großem Übermaß wie Kraut in DeutschlandDeutschland, L.. Sie ist ähnlich wie der Ginster hochgewachsen, und die Früchte gleichen der Frucht und den Blüten der Haselnüsse; sie sind grün und weich. Die (Glas-) Masse wird an verschiedene Orte gesandt. Wenn du ein kristallklares Glas wünschst, musst du mehr weißen und feinen Sand hinzufügen, der feiner ist als derjenige, der in NürnbergNürnberg, Ort in die (Sand-)Uhren gegeben wird. Noch bessere sosa wächst jedoch in KatalonienKatalonien, L. und ValenciaValencia, Ort; hieraus werden hervorragende Gläser hergestellt.
Das Wasser auf der Höhe des Berges und der Burg ist kalt und angenehm, die Menge genügt für den ganzen Ort und die Landwirtschaft. Unten ist es hingegen heiß und versorgt einige schöne Thermen, wie ich schon oben beschrieben habe. Ich habe eine Stunde lang gebadet und bin gut und ausgiebig ins Schwitzen gekommen; 8 Tage lang spürte ich die Erholung des Körpers und meiner Kräfte13.
III. Von LorcaLorca, Ort bis SevillaSevilla, Ort

Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 131v
Am 15. Oktober verließen wir den kleinen Ort AlhamaAlhama de Murcia, Ort und gelangten nach der Durchquerung einer besonders ausgedehnten Ebene nach 6 Meilen zur Stadt LorcaLorca, Ort, die am Fuße eines Berges liegt, auf dessen Spitze eine gut befestigte BurgLorca, OrtCastillo de Lorca, Burg mit einem hohen viereckigen Turm steht. Man sagt, dass es in ganz KastilienKastilien, L. keine vergleichbare Befestigungsanlage gibt1. Sie liegt an der südlichen Grenze Kastiliens, direkt vor GranadaGranada, Ort. Viele Jahre lang gab es fortwährend Krieg mit den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) von Granada, und immer erwiesen sich die Christen als tapfer und siegreich, indem sie den Sarazenen täglich Niederlagen zufügten2. Aus diesem Grunde fiel der König von GranadaMohammed XIII. ibn Saʿd / al- Zagal, Herrscher von Granada (1485–1486) im Jahre 1478 mit einem Heer von dreißigtausend Fußkämpfern und fünftausend Reitern in jene Provinz ein. Er verwüstete CartagenaCartagena, Ort und machte viele Gefangene; aber weil den granadinischen Truppen Wasser und Essen während dreier Tage fehlten, waren sie bald erschöpft3. So griffen unerwartet und mit Gottes Hilfe die Christen von Lorca, von MurciaMurcia, Ort, FachecaFacheca, Ort und andere die Sarazenen mit 700 Pferden, 1 700 Fußkämpfern und zahllosen Armbrustschützen plötzlich an, und die Sarazenen, durch Hunger und Durst erschöpft, wurden in die Flucht geschlagen; mehr als fünftausend töteten sie auf einem großen Feld, das von Lorca eine Meile entfernt liegt. Wir ritten durch diese Gegend, und es wurde uns alles im Einzelnen gezeigt.
Welch guten Boden aber LorcaLorca, Ort besitzt, wie fruchtbar diese Gegend ist! Sie kann überall von einem kleinen Fluss bewässert werden. Der Ort hat, wie ich schon sagte, ein sehr stark bewehrtes KastellLorca, OrtCastillo de Lorca, Burg. Ich glaube, dort sind ungefähr achthundert ebenfalls hervorragend zu verteidigende Häuser, die kontinuierlich von einem starken Heer bewohnt werden4. Wie vorzüglich und aromatisch die im Übermaß dort vorhandenen Früchte sind! Es hingen zu dieser Zeit sogar noch einige sehr große Birnen an den Bäumen.
Über den Einzug in das Reich GranadaGranada, Ort von KastilienKastilien, L. aus
Am 16. Oktober überschritten wir die Grenze von KastilienKastilien, L. und betraten das Reich GranadaGranada, Ort1. Nachdem wir 9 Meilen durch recht fruchtbare Landstriche, jedoch ohne Fluss und Bewohner, geritten waren, kamen wir zur ersten Stadt des Reiches von Granada, die VeraVera de Levante, Ort heißt. Es gibt dort einen Berg in einer schönen und fruchtbaren Niederung und auf dessen Spitze ein bemerkenswertes KastellVera de Levante, OrtKastell2. Am Fuße des Berges liegt rundherum der Ort mit 600 Häusern. Weil er sich an der Grenze befindet, bewohnten ihn seit der Vertreibung der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) nur noch Christen. Am Fuße des Berges und der Stadt gibt es lebhaft sprudelnde Quellen, deren Wasser die Einwohner versorgt. Der Ort liegt wunderbar eine halbe Meile vom Meer entfernt und verfügt über einen kleinen Fluss, der mit seiner Bewässerung das Land ziemlich fruchtbar macht. Aber der größte Teil des Ortes ist in einem beklagenswerten Zustand, weil nach Vertreibung der Sarazenen die Kämpfer des spanischen Königs viel zerstörten3.
Am 17. Oktober verließen wir VeraVera de Levante, Ort und gelangten über sehr hohe, furchterregende und unfruchtbare Berge und Täler, in das innere (Reich) GranadaGranada, Ort, zu einer kleinen Stadt namens SorbasSorbas, Ort, die auf einem sehr hohen Berg 6 Meilen von Vera entfernt liegt. Und weil nur Muslime sie bewohnten, nahmen wir unser mitgenommenes Essen am Fuße des Berges ein, bei einer sprudelnden Quelle, und hörten sie um die Mittagsstunde herum vom Turm des Ortes nach ihrem Brauch schreien. Nachdem wir an diesem Tag noch einen sehr weiten Weg zurückgelegt hatten, kamen wir nach 5 Meilen recht spät, in stockfinsterer Nacht, im Ort TabernasTabernas, Ort an, der ebenso voll von SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) ist mit Ausnahme eines einzigen Christen, in dessen Hause wir beherbergt wurden.
Über den Hafen AlmeríaAlmería, Ort und die Stadt (im Reich) GranadaGranada, Ort
Am 18. Oktober ritten wir von TabernasTabernas, Ort zwei Stunden vor Sonnenaufgang zwei Meilen, bei Sonnenaufgang sahen wir dann ein sehr schönes Tal und ein kleines Flüsschen, an beiden Ufern schöne Gärten und Felder mit Oliven, Palmen, Feigen und Mandeln, als ob wir ein Paradies durchquerten. Dort gewahrten wir auch einen Aquädukt, der von einem fließenden Gewässer aus große Wassermengen etwa eine Meile weit zur Stadt beförderte. Als wir uns der Stadt weiter näherten, erblickten wir wunderschöne Gärten mit Ummauerungen, Wasserbecken, Türmen und Wasserspielen, die in der Art und Weise der Heiden gebaut waren. Es gibt nichts Großartigeres! Die Stadt liegt am Fuße eines Berges, gegen Süden erstreckt sich das offene Meer, und auf dem Berg steht eine sehr hochaufragende und sehr große weitläufige BurgAlmería, OrtKastell mit vielen eisernen Toren1. Zurzeit errichtet der König auf der Spitze des Berges ein neues KastellAlmería, OrtKastell auf den Mauern des alten; es ist aus hartem behauenen Stein gebaut und erweckt Erstaunen. Er ließ auch einen bemerkenswerten quadratischen Garten anlegen, in dessen Mitte fließendes Wasser aus einem Rohr sprudelt. Wir sahen dort auch viele Gefangene in eisernen Fußfesseln arbeiten. Der Kastellan erwies uns jedoch große Ehren, er war ein adliger und sehr gelehrter Mann, der in NeapelNeapel, Ort geboren war.2 Er zeigte uns alle Waffen, die man von den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) erbeutet hatte. Es gab Bögen, Katapulte, Schwerter, Pfeile in unzähliger Menge. Wir sahen ebenso einen sehr großen Straußen mit tiefschwarzen Federn. Der Kastellan führte uns auch zu seiner bildhübschen Frau3, die sich sehr nett mit mir unterhielt und mir Empfehlungsschreiben für den Vorsteher von GranadaGranada, Ort mitgab4. Die Kastellane heißen aber in ihrer Sprache „Alkayr“5.
Die Stadt (AlmeríaAlmería, Ort) ist dreieckig. Sie ist von einer Mauer mit vielen Türmen umgeben, im Inneren jedoch durch ein Erdbeben und seit der Eroberung so sehr beschädigt, dass sie an vielen Orten zerstört und unbewohnt ist6. Früher hatte sie fünftausend bewohnte Häuser, heute sind es kaum achthundert, und jeder Fremde, der dort mit dem Wunsch ankommt sich niederzulassen, erhält umsonst Haus, Gärten, Felder und Olivenhaine, damit er sich leicht ernähren kann7. Deshalb dürfte die Stadt bald wieder besiedelt sein.
Über die Moschee in AlmeríaAlmería, Ort
Die MoscheeAlmería, OrtMoschee / Kathedrale, das heißt die Hauptkirche von AlmeríaAlmería, Ort, gehört zu den schönsten im ganzen Reich von GranadaGranada, Ort1. Vor dem Krieg und vor dem Erdbeben gab es so viele Kaufleute, dass in der Stadt und der Umgebung jedes Jahr mehr als zweihundert Zentner Seide umgesetzt wurden. Wegen dieser und wegen anderer Reichtümer erscheint jener teuflische Tempel (!) hervorragend ausgestattet. Er ist wunderschön und hat mehr als achthundert Säulen. Zu Zeiten der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) brannten im Innern den ganzen Tag lang mehr als hundert Lichter. Wir besuchten auch den Raum, in dem das dem Tempel geschenkte Öl aufbewahrt wird, sowie den geheimen Ort, wo ihr Kali2, das heißt der oberste Priester, zu den Gläubigen sprach. Im Zentrum der Kirche gibt es einen großen quadratischen Garten mit Zitronen- und anderen Bäumen sowie mit Marmorstatuen gesäumt; in der Mitte plätschert fließendes Wasser, wo man sich, entsprechend den Riten, vor dem Eintritt in den Tempel wusch. Die MoscheeAlmería, OrtMoschee / Kathedrale ist sehr schön, sie ist 113 Schritte lang und 72 Schritte breit. Man sagte mir, dass es zu Zeiten der Sarazenen 50 Priester gab, die Fakini3 genannt wurden; sie standen dem Gottesdienst vor, und jeden Nachmittag stiegen 12 oder 14 von ihnen zum Turm hinauf und mit verstopften Ohren und weißgekleidet schrien sie entsprechend ihren Gebräuchen: „Halo, halo“ und so weiter4. Anschließend spielten sie auf ihren Trompeten. Danach wagte keiner, ohne ein Licht durch die Straßen zu gehen. Heute ist die Moschee der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi geweiht, es gibt einen Bischof und etwa 20 Kanoniker. Zur Zeit der Sarazenen bezog dieses Gotteshaus eine Jahresrente aus den Besitzungen, Feldern und Gärten, die sechsundsechzigtausend Reales betrug, was 600 Dukaten entspricht5. Über diese Einnahmen verfügen nun die Kirche, der Bischof und die Kanoniker. Der Ort besitzt weitere kleine Moscheen, deren gesamte Einkünfte nun dem Bischof und dem Klerus zukommen, weil die Gotteshäuser der Kathedralkirche inkorporiert wurden. Ebenso gibt es jährliche Einkünfte von 24 000 rubae an Öl für die Lampen, eine Abgabe, die etwa fünfhundert Zentnern unserer Rechnung entspricht6. Zwei vertrauenswürdige Deutsche, die den Kastellan gut kannten, einer namens Andreas aus FuldaAndreas aus Fulda, einer Stadt in HessenHessen, L., und der andere, Johannes aus StraßburgStraßburg, Ort7, versicherten mir, sie hätten gesehen, dass im obersten Teil der MoscheeAlmería, OrtMoschee / Kathedrale an verschiedenen Stellen Glocken aufgehängt seien, welche sie den Christen in verschiedenen Kriegszügen abgenommen hätten. Diese Glocken hätten sie überall durchbohrt und auf der Konvexseite viele Ringe mit kleinen Kandelabern versehen, in die sie Lichter stellten, zuweilen in einer Glocke bis zu dreihundert Lampen8. So brennen nachmittags zweitausend oder mehr Lampen in der Moschee. Wir sahen vor dem Altar auch zwei große Leuchter mit Kristallen verschiedener Färbung, die sie aus MekkaMekka, Ort in Arabien, wo MohammedMohammed / Muhammad, Begründer des Islam begraben ist, herbeigebracht haben. Es ist nicht verwunderlich, denn die Seestädte, die vom Handel leben, wachsen und schrumpfen schnell.
Über die Entfernung AlmeríasAlmería, Ort zu AfrikaAfrika, L. und zur Berberei
Almeria ist 25 Meilen von der Stadt OránOran, Ort im Reich der Berber entfernt. Gegen Osten liegt ein größeres Vorgebirge in etwa 8 Meilen Distanz, das Cabo de GataCabo de Gata, L.. Von da aus kann man an einem klaren Tag die afrikanischen Berge sehen. Dieses Vorgebirge liegt etwa 20 Meilen von der Berberei; bei gutem Wind segelt man in 12, 16 oder 20 Stunden bis nach Orán. TremesinTlemcen, Ort liegt auf dem afrikanischen Kontinent 30 Meilen von Orán entfernt und ist größer als ValenciaValencia, Ort. Wir sahen im Hafen von AlmeríaAlmería, Ort ein Schiff, das mit Feigen, Bohnen, Reis und anderen Lebensmitteln beladen war und nach Orán in See stechen sollte. Weil es dort drei Jahre lang nicht geregnet hatte, herrschte eine so große Hungersnot in AfrikaAfrika, L., wie man sie kaum beschreiben kann. In jenen Tagen hatte auch ein Genuese heimlich ein Getreideschiff von AndalusienAndalusien, L. nach TunisTunis, Ort gesteuert. Dort kaufte er mit großem Gewinn Seide und brachte 300 SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) von Tunis nach GranadaGranada, Ort. Diese drängte er, für ein Jahr in SpanienSpanien, L. zu bleiben1, und nahm von jedem von ihnen eine Dobla für die Überfahrt ein2.
Über die neuerbauten Klöster
Drei Klöster gibt es inzwischen dort1. Der König gewährte ihnen in der Stadt einen sehr schönen Ort mit Häusern der Heiden, großen und schönen Gärten, mit Aquädukten, Wasserläufen und Kanälen im Stile der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime). Der größte Teil aller dieser Häuser besitzt Brunnen oder Wasserläufe mit oberen und unteren Läufen sowie gutem Wasser, mit Wasserbecken aus Stein, Gips oder anderen Materialien, um das Wasser aufzubewahren. Die Sarazenen sind nämlich sehr erfinderisch in der Anlage von Aquädukten.
Sehr gut gebaut sind die Häuser des PredigerAlmería, OrtSan Domingo y la Santissima Trinidad, Kl.- und MinoritenordensAlmería, OrtSan Francisco, Kl. des heiligen FranziskusFranz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer. Die Mönche führen ein zölibatäres Leben. Ihre Frömmigkeit sagte uns ausgesprochen zu.
Über den Bananenbaum
Am 19. Oktober, dem Tag des heiligen LukasLukas († um 80), Hl.1, betraten wir das Kloster des PredigerordensAlmería, OrtSan Domingo y la Santissima Trinidad, Kl.2. Sie waren sechs Brüder. Der König gab ihnen, wie ich schon sagte, ein hervorragendes Kloster, einen Ort mit wertvollen und ausgedehnten Gärten, mit vielen Palmen und Dattelpalmen. Die Anlage gehörte früher den reichsten SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) und genügt zu ihrem Lebensunterhalt. Außerdem verfügen sie über reichlich fließendes Wasser.
Als wir in das Kloster der FranziskanerAlmería, OrtSan Francisco, Kl.3 hineingingen, bemerkten wir, dass sie einen noch besseren, wenn auch nicht so ausgedehnten Platz erhalten hatten, ebenso mit vorzüglichem Wasser, das aus einer Röhre rann. In einem ihrer Gärtchen sahen wir jenen berühmten Baum aus Ägypten, der Bananen4 trägt. Es waren fünf oder 6 Bäume, einer von ihnen war 5 oder 6 Ellen lang, so dick etwa wie mein Bein unterhalb des Knies. Die Bäume haben sehr große Blätter, die etwa zwei Fuß oder mehr breit und zehn oder zwölf Fuß lang sind. Die Frucht wächst als Dolde, wie beim Rizinus, dem Fünffingerkraut und der Weintraube. Die Früchte sind groß und lang wie Gurken. Auf einer Dolde gibt es 30, 40 oder 50 Früchte, und wenn man sie mit einem Messer teilt, erscheint überall ein Kreuzeszeichen5. Wenn sie reif ist, ist die Frucht mild wie die Feige, aber dort reift sie nicht so gut wie in ÄgyptenÄgypten, L. oder in AfrikaAfrika, L.. Wir sahen auch in zwei anderen Häusern noch weitere Bäume dieser Art mit ihren doldenartigen Früchten. Ich glaube, dass sie eher zur Zierde als zur Nutzung gepflanzt werden, weil, wie ich bereits sagte, die Früchte nicht so gut reifen wie zum Beispiel die Datteln. Hätte ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, hätte ich nicht geglaubt, dass dieser Baum sogar in Europa wächst. Aber weil die Gegend sehr warm ist und nahe bei Afrika liegt, würden die Leute dort sehr schlecht leben, wenn das Wasser nicht aus den Quellen und Flüssen über Kanäle an die verschiedensten Orte geführt würde. Zwei Jahre lang gab es kaum Regen, aber schon vom siebten bis zum zehnten Oktober hatten ValenciaValencia, Ort, die Küste von GranadaGranada, Ort, KatalonienKatalonien, L. und KastilienKastilien, L. ertragreiche Niederschläge, für die sie Gott unendlich dankten. Oh, wie schön waren wohl erst diese Gärten zur Herrschaftszeit der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime), die sehr begabt sind, um Gärten anzulegen, Früchte zu pflanzen und Aquädukte zu bauen. Wenn man dies nicht selbst sieht, ist es schwer zu glauben.
Am selben Tag verließen wir AlmeríaAlmería, Ort nach dem Mittagessen und sahen vor der Stadt eine hohe gemauerte Säule, an der 6 Christen aus Italien,Italien, L. die der Sodomie überführt worden waren, an den Füßen hingen. Zuerst hatten sie diese am Hals aufgehängt, wie wir es zu tun pflegen, dann jedoch an den Füßen. Vor dem Urteil schnitten sie ihnen die Geschlechtsteile ab und befestigten sie am Hals, denn die Spanier verachten dieses Laster sehr und bestrafen es äußerst hart6; dies zu Recht, denn es ist gegen die Natur und tierisch. Wir folgten einem sehr fruchtbaren Tal, und nach 5 Meilen schlugen wir das Nachtlager auf.
Am 20. Oktober brachen wir drei Stunden vor Sonnenaufgang auf, stiegen kontinuierlich 7 Meilen lang bei hellem Mondschein einige sehr unwegsame Berge hinan, und kamen schließlich zu einer schönen Burg, die FiñanaFiñana, Ort genannt wird. Dort führte uns der Kastellan, der aus der BiskayaBiskaya, L. stammte und sehr höflich war, zu den Befestigungen und zeigte uns einen äußerst schönen Straußenvogel mit üppigem grauem Gefieder. Ebenso präsentierte er uns einen weißen Bären, mit dem er die großen Hunde spanischer Rasse spielen ließ, um uns zu unterhalten. Er bat uns, 2 Tage zu bleiben, damit er für uns eine Wildschweinjagd organisiere, denn Wildschweine gibt es dort in den hohen Bergen in großer Anzahl, vor allem westlich des dortigen Schlosses. Er zeigte uns das große Geweih einer Bergziege, die man in der Volkssprache „Steinbock“ nennt und die er in jenen Bergen erjagt hatte; er erläuterte uns auch die Fenster der Mauren, die alle mit großen Fellen von Wildschweinen geschmückt waren.
Nachdem wir mit Essen und kaltem Getränk über die Maßen gestärkt worden waren, ritten wir durch eine unfruchtbare Ebene, etwa 4 Meilen lang, und kamen spät zu vorgerückter Nacht in die Stadt GuadixGuadix, Ort. Wir besichtigten sie früh am nächsten Morgen.
Über die Stadt GuadixGuadix, Ort im Reich GranadaGranada, Ort
Die Stadt GuadixGuadix, Ort liegt in einer schönen Ebene, in der Nähe eines hübschen königlichen Schlosses, das sich auf einem anliegenden Hügel befindet1. Ich glaube, dass die Stadt im Umfang etwa NördlingenNördlingen, Ort in SchwabenSchwaben, L. entspricht.
Nachdem die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) aus GuadixGuadix, Ort vertrieben worden waren2, leben dort nur noch Christen. Es entstanden zwei sehr schöne Klöster vom Orden des heiligen FranziskusGuadix, OrtFranziskanerkl.Franz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer und von den PredigernGuadix, OrtDominikanerkl.3 sowie weitere. Die dortige, ziemlich schöne MoscheeGuadix, OrtSanta María de la Encarnacíon, K. hat eine hexagonale Form und circa 70 freistehende Säulen, in der Mitte einen schönen überdachten Garten, in dessen Zentrum fließendes Wasser für die üblichen Reinigungen zur Verfügung steht. Die Kirche ist heute der Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi geweiht4. Sie hat einen Bischof und 12 Kanoniker, die von den Einkünften leben, die früher die Moschee zu Zeiten der Sarazenen erhielt. Wir stiegen auf den Turm und sahen uns die Ortslage an, wir erkannten eine große und schöne, fruchtbare Ebene, vor allem, weil kleine Flussläufe diesen üppigen Boden bewässern. Weil Guadix relativ hoch gelegen ist, wachsen dort keine Küstenfrüchte wie Zitronen, Apfelsinen und Oliven, dafür aber gigantische Bäume, so Nuss-, Mandel-, Feigen-, Apfel- und Birnbäume, ähnlich wie man sie in ItalienItalien, L. diesseits des PoPo, Fluß findet5. Wir sahen sogar, dass der Ort von einer geschlossenen Bergkette umgeben war, und erblickten besonders hohe Berge im Südwesten, auf die in jenen Tagen Schnee gefallen war, jedoch war es im Tal noch milder. Dieser Ort gefiel uns sehr gut, er ist recht dicht bevölkert. Die Dörfer (lugarde), welche die Deutschen Villae nennen, sind in der Regel höchstens von Sarazenen bewohnt, die nur karge Mahlzeiten zu sich nehmen und nur Wasser trinken. Der größte Teil des Bodens wird kultiviert, und es wird Ackerbau betrieben. Ein Heide gibt seinem Herrn im Jahr mehr Abgaben als drei Christen. Die Sarazenen sind ehrlich, gerecht und meistens treu, wie du nachher über ihre Sitten hören wirst6.
Am 21. Oktober verließen wir GuadixGuadix, Ort auf schmalen und bergigen Wegen und kamen nach einer Meile an heißen Quellen mit heilsamem und sehr klarem Wasser vorbei. Als wir in die Höhle traten, sahen wir dort viele SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) sich waschen. Ich versuchte das Wasser selbst und befand es für gut, angenehm und wohl temperiert. Der Ort gefiel mir, er war hervorragend angelegt, denn die Sarazenen lieben das BadenBaden, Ort sehr7.
Wir reisten weiter, wie ich schon sagte, und kamen nach drei Meilen zur Burg von La PezaLa Peza, Ort, die auf einem hohen Berg liegt; dort verbrachten wir die Nacht. Alle Bewohner dort waren SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) außer dem Kastellan, unserem Gastgeber, der uns am Fuß des Berges Unterkunft gewährte. Am Morgen setzten wir unseren Weg durch Täler und Berge 6 Meilen lang fort und gelangten schließlich zu der edelsten und größten Stadt des Reiches, die GranadaGranada, Ort heißt.
Über GranadaGranada, Ort und die dortige Moschee
Am 22. Oktober betraten wir nach Mittag die glorreiche und sehr große Stadt GranadaGranada, Ort, wir folgten einer breiten Straße, kamen an unzähligen SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) vorbei und wurden schließlich in einer guten Herberge empfangen. Darauf gingen wir zu ihrer HauptmoscheeGranada, Ortal-Gāmiʿ al-Murābitīn, Moschee, später K. San José, die sich von allen anderen abhebt, und konnten sie nur barfuß betreten1. Wegen des Regens war der Boden lehmig. Innen war alles mit feinen Teppichen aus weißen Binsen ausgestattet, ganz ähnlich die Säulen. Die Moschee ist 76 Schritte breit und 113 Schritte lang. Im Zentrum steht ein kleiner Pavillon mit einem Brunnen für Waschungen; es gibt neun Schiffe oder Anordnungen von Säulen: In jedem Schiff sind 13 freistehende Säulen und 14 Bögen, außer bei den Säulen an der Seite der Gärten und der Pavillons. Wir sahen auch viele Lampen brennen und ihre Priester, welche die Horen nach ihrer Art sangen: Man glaubt eher, es sei Heulen als Gesang. In der Tat ist diese MoscheeGranada, Ortal-Gāmiʿ al-Murābitīn, Moschee, später K. San José mit großen Kosten errichtet worden. In der Stadt gibt es viele andere Moscheen, die kleiner sind, es sind mehr als zweihundert. In einer sahen wir, wie sie ihre Gebete verrichteten, indem sie sich beugten und zu einer Kugel krümmten, wie sie die Erde küssten und sich beim Gesang des Priesters an die Brust schlugen, nach ihren Riten bitten sie Gott so um Verzeihung für ihre Sünden2. Wir sahen auch einen äußerst großen Kandelaber, auf dem an ihren Festtagen mehr als hundert Lampen brennen; sie verehren Gott hauptsächlich mit dem Licht und mit dem Element Feuer. Sie glauben, was richtig ist, dass Gott Licht vom Licht ist3 und dass von ihm alles geschaffen wurde. In jener Nacht war vor dem Morgengrauen ein solches Schreien von allen Türmen der Moscheen zu hören, dass man es kaum glauben mag. Was dieses Schreien bedeutet, wirst du später erfahren4. Es gibt weder Bilder noch Skulpturen in ihren Moscheen, was auch im alten mosaischen Gesetz verboten ist5. Wir lassen hingegen Bilder und Gemälde zu, weil sie wie die Schrift für Laien sind. Außerhalb jener Moschee gibt es ein Haus, in dessen Mitte ein 20 Schritte langes Marmorbassin steht. Dort waschen sie sich, bevor sie die Moschee betreten. In der Umgebung gibt es kleine Gebäude mit Wasserläufen für ihre Abtritte und Kloaken. Diese sind in Form eines langen Grabens über der Erde, etwa eine Elle breit und eine Handbreit tief. Darunter fließt Wasser. Sie haben auch eine kleine Rinne zum Urinieren. Alles dies ist sehr sorgfältig und hervorragend konstruiert, so dass es bewundernswert ist. Ebenso befindet sich dort ein vorzüglicher Brunnen mit Trinkwasser.
Über das Schloss Granadas, das AlhambraGranada, OrtAlhambra heißt
Am 23. Oktober gingen wir frühzeitig durch das Tor von ElviraGranada, OrtPuerta de Elvira1, durch das man nach CórdobaCórdoba, Ort gelangt. Auf dem Weg sahen wir den Friedhof der SarazenenAlhambramaqbara Sa ̔d ibn Mālik, Friedhof der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime), der, wie ich glaube, tatsächlich zweimal größer ist als ganz NürnbergNürnberg, Ort, dies bewunderte ich sehr. Mir sagte Johannes aus SpeyerJohannes (aus Speyer) dt. Drucker2, ein vertrauenswürdiger Mann, dass jeder Sarazene in einem neuen und eigenen Grab beigesetzt wird. Sie bauen die Grabmäler mit vier steinernen Tafeln, so klein, dass kaum ein Leichnam hineingeht. Es wird mit Steintafeln gearbeitet, damit das Erdreich den Leichnam nicht berührt. Erst später geben sie Erde auf das Grab3. Unterwegs kamen wir am neuen Kloster des Ordens des heiligen HieronymusGranada, OrtNuestra Senora de la Concepción, Kl. vorbei, das außerhalb der Mauern liegt und das sie vor zwei Jahren recht kunstvoll aus einer alten und ehrwürdigen Moschee bauten4.
Nach dem Essen gingen wir erneut auf einen sehr hohen Berg zur AlhambraGranada, OrtAlhambra5 hinauf; am Fuße des Berges liegt wiederum ein großer FriedhofGranada, OrtMaqbarat al-Sabīka, Friedhof, sechsmal größer als der Marktplatz von NürnbergNürnberg, Ort6. Nachdem wir ein weiteres Stück hinaufgegangen waren, betraten wir zuerst den Ort, der Kerker der gefangenen Christen war. Es ist ein großes Gelände, von einer Mauer umgeben, wie bei der LorenzkircheNürnberg, OrtSt. Lorenz, K. (in NürnbergNürnberg, Ort), es gibt dort vierzehn tiefe Höhlen, die oben sehr eng sind und nur eine einzige Öffnung besitzen. Sie sind sehr tief und in den Felsen eingeschnitten. In einer dieser Höhlen wurden 100 oder zweihundert Gefangene eingesperrt. Alle, die im Kerker starben, wurden herausgezogen und anschließend in der Erde begraben7. Manchmal gab es an diesem Ort und in den Häusern der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) in der Stadt siebentausend gefangene Christen, aber in Zeiten der Belagerung starben so viele an Hunger, dass nur wenige übrigblieben, als GranadaGranada, Ort erobert wurde. Nur fünfzehnhundert überlebten, sie wurden dem König vorgestellt, als dieser siegreich in Granada einzog8. Es war für uns ein trauriger Anblick, dieses schreckliche Monument der (gefangenen) Christen zu sehen. Sie waren sogar dazu gezwungen, Fleisch von toten Pferden, Eseln und Maultieren zu essen. Unter den Gefangenen gab es einen gewissen Priester, der mir viele traurige Geschichten erzählte. Er war mit dem Leben davongekommen, und der König machte ihn zum Kanoniker, er war ein guter und gottesfürchtiger Mann.
Wir gingen schließlich in die Befestigungsanlagen durch viele Eisentüren hinein, an vielen Wachleuten und offiziellen Gebäuden vorbei, bis wir zum vorzüglichen und edlen Palast des Kastellans gelangten. Dessen Name ist Iñigo LopezLópez de Mendoza y Quiñones, Iñigo, Gf. von Tendilla (1479–1515), Generalgouverneur von Granada, er stammt aus dem Haus der MendozaMendoza, Kastilisches Geschlecht aus KastilienKastilien, L., ist Graf von TendillaTendilla, Ort und Kastellan von GranadaGranada, Ort9. Als er das Empfehlungsschreiben des Kastellans von AlmeríaAlmería, Ort gelesen hatte10, empfing er uns mit außerordentlichen Ehren. Nachdem ich zunächst eine kleine Rede auf lateinisch vorgetragen hatte, die er bestens verstand, denn er war sehr gelehrt, und nachdem er mir unmittelbar geantwortet hatte, setzte er uns auf Seidenteppiche und ließ Konfekt und andere Dinge herbeibringen. Nach dieser Stärkung führte er uns mit einer beeindruckenden Begleitung an Rittern selbst zur königlichen Burg. Wir sahen dort Paläste, die aus strahlend weißem Marmor gefertigt waren, schönste Gärten, geschmückt mit Zitronen- und Myrtenbäumen, mit Wasserbecken und Sitzbegrenzungen aus Marmor, ebenso vier große reich gefüllte Waffenkammern mit Lanzen, Wurfgeschossen, Schwertern, Brustharnischen, Pfeilen und anderen Sachen, edelste Schlafgemächer und Zimmer. In jedem Palast sind sehr große Schalen aus schneeweißem Marmor, viel größer als die beim heiligen AugustinusAurelius Augustinus Hl., Kirchenvater, Bf. von Hippo (395–430)11, alle voll mit fließendem Wasser, ein wunderschönes Bad mit einer phantastischen Decke und außerhalb des Bades Schlafgemächer, zahlreiche so hohe Säulen aus Marmor, dass es nichts Schöneres gibt, schließlich im Zentrum eines Palastes ein großes Marmorgefäß, das auf dreizehn Löwen ruht, die ebenso aus weißestem Marmor gearbeitet sind. Aus jedem ihrer Mäuler fließt Wasser wie aus einem Kanal. Es gab verschiedene Marmortafeln, 15 Fuß lang und 7 oder 8 Fuß breit und ebenso viele quadratische Tafeln von 10 oder 11 Fuß. Etwas Ähnliches existiert, wie ich glaube, in ganz Europa nicht. Alles dies ist so herrlich, so wunderbar und aus so verschiedenen Materialien gebaut, dass man sich im Paradies wähnt. Ich kann nicht alles aufzählen. Der Graf begleitete uns die ganze Zeit persönlich und erklärte uns selbst alle Einzelheiten.
In einem Baderaum gab es ein schönes Marmorbassin, wo die Frauen und Konkubinen nackt badeten. Der König jedoch konnte sie von einem Ort mit Jalousien aus, in einem höheren Stock gelegen, den wir besichtigten, betrachten, und derjenigen, die ihm am besten gefiel, warf er von oben herab einen Apfel zu. Dies war ein Zeichen, dass er in dieser Nacht mit ihr schlafen wollte12.
Ich fragte den Kastellan nach dem Zeichen des Königs, ob er auch einen Granatapfel als Wappen habe und ob dieses an irgendeiner Stelle abgebildet sei. Er antwortete, dass der König kein Emblem habe, nur einen Schild in jener Form, in dessen Mitte in arabischen Buchstaben geschrieben war: „Bile gallila“, was heißt: „Kein Sieger außer Gott“, oder nur: „Gott ist allmächtig“13. Dieses Emblem ist in hellblauer Farbe gemalt und an verschiedenen Stellen angebracht.
Alle Palasträume werden durch die Wasserkanäle geziert, die kunstvoll an die verschiedensten Orte gelenkt werden, dass es nichts Bewundernswerteres gibt. Von einem sehr hohen Berg wird das fließende Wasser durch einen Graben geleitet und im ganzen Palastbereich verteilt.
Abb. 2:
Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 140r
Auf die Frage nach dem Wappenschild der spanischen Könige verwies man Münzer darauf, dass dieses angeblich arabische Schriftzüge trage; in der Zeichnung der Handschrift steht neben dem Schild „bile gallila“, was lautmalerisch den Gebetsruf der Muslime nachempfindet.
So führte uns der Graf, ein Adeliger, als wir den Palast des KönigsAlhambraDar al-Horra, Palast verließen, zu einer neuen quadratischen Zisterne, so groß wie die SebalduskircheNürnberg, OrtSt. Sebald, K. (in Nürnberg)Nürnberg, Ort, die er für zehntausend Dukaten im selben Jahre hatte bauen lassen. Es ist ein phantastisches Werk, das seinesgleichen sucht. Alle Paläste und Säle im oberen Teil haben wunderschöne Wölbungen und Dächer, die aus Gold, Lapislazuli, Elfenbein, Zypressenholz und verschiedenen anderen Materialien gefertigt worden sind; man kann es weder aufschreiben noch erzählen. Es gibt allein im SchlossGranada, OrtAlhambra fünfhundert Ritter mit ihren wunderschönen Pferden, die „jinetes“ heißen14. Sie kämpfen unter dem Grafen und leisten ihm Gefolgschaft. Wir stiegen auf zwei sehr hohe Türme und betrachteten die Lage der Stadt; wie uns der Graf versicherte, konnten wir kaum die Hälfte der Stadt sehen. Ich glaube, es gibt keine größere Stadt, weder in ganz Europa noch in AfrikaAfrika, L.. Wir sahen unterhalb des Schlosses gegen Süden ein anderes Kastell, das sehr stark befestigt, aber noch nicht ganz vollendet war. Ebenso liegt ein weiteres Schloss beim Südtor zwischen zwei Mauern mit einem Weg.15 So kann der König, auch wenn es die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) nicht wollen, die Stadt verlassen und die AlhambraGranada, OrtAlhambra betreten oder verlassen.
Es gibt zahlreiche SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime), die dort bauen. Ebenso findet man viele, die im SchlossGranada, OrtAlhambra und auf königlichem Grund das wiedererrichten, was zerstört war. Als der König von GranadaGranada, Ort sich dessen bewusst wurde, dass er dem christlichsten König von SpanienSpanien, L. keinen Widerstand mehr leisten konnte, erlaubte er, viele Gebäude zu zerstören. Es gibt viele Lebensmittelgeschäfte und Unterkünfte für Geschützmeister und für andere. Keinem Sarazenen ist es erlaubt, im SchlossGranada, OrtAlhambra zu schlafen, sondern jeder muss in die Stadt hinuntergehen oder zu einer anderen Schlafstatt.
Wir verließen das SchlossGranada, OrtAlhambra nach Sonnenuntergang und kamen schon spät in der Nacht zu unserem Quartier. Dort trafen wir einen edlen Ritter, der auf einem Maultier saß, mit Hafer, Wein, Brot, Hennen und Fasanen. Alles dies hatte der großzügige Graf zu unserem Quartier schicken lassen. Wir konnten diese Großmut nicht erwidern, aber beim König und unseren Fürsten werden wir sie gebührend loben16. Als wir uns von dem Grafen verabschiedeten, erbaten wir eine neue Empfehlung für den Kastellan von MálagaMálaga, Ort und von SevillaSevilla, Ort, die er uns wohlwollend und gern ausstellte. Es gibt auch in der AlhambraGranada, OrtAlhambra eine wunderbare und edle MoscheeAlhambraKathedrale, die heute der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi geweiht und Sitz des Erzbischofs ist17. Dort sind 40 Kanoniker und 140 Pfründner, das heißt Vikare, die Pfründen erhalten. Ebenso wurde dort ein Kloster von MinderbrüdernAlhambraSan Francisco de la Alhambra, Kl. des Ordens des heiligen FranziskusFranz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer gegründet18. Der König besitzt außerhalb der Mauern der Alhambra auf der Spitze des Berges einen Garten mit Quellen, Wasserbecken und Wasserläufen; dies alles wurde so wunderbar durch die Mauren gebaut, dass es nichts Besseres gibt19.
Am 26. Oktober, als wir dort weilten, sahen wir mehrere SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime), die Gemälde und andere Dinge in der ihnen eigenen Art schmückten und restaurierten; wir konnten dort ein wunderbares Schauspiel erleben. Als wir einen anderen, noch höheren Berg hinaufstiegen und die Lage betrachteten, fanden wir eine sehr schöne Ebene mit drei äußerst hohen Türmen, die innen sehr wertvoll, außen jedoch halb zerstört sind; dort veranstalteten die Könige von GranadaGranada, Ort einstmals ihre Spiele20.
Über ihren Friedhof außerhalb des Elviratores
Am 24. Oktober verließen wir früh die Stadt durch das ElviratorGranada, OrtPuerta de Elvira, nahe bei unserem Hospiz, und gelangten zu jenem Friedhof1, der sehr groß und auf verschiedenen Ebenen liegt, so dass er Bewunderung hervorruft. Ein Teil war alt und mit Olivenbäumen bewachsen, ein anderer ohne Bäume. Die Gräber der Reichen waren von Mauerquadern umgeben, wie Gärten mit besten Steinen. Wir kamen sodann zu einem neuen Friedhof, wo wir sahen, wie ein Mann begraben wurde; es gab sieben weiß gekleidete Frauen, die in der Nähe des Grabes kauerten, sowie den Priester, der mit dem Kopf in Richtung Süden saß und kontinuierlich laute Schreie ausstieß, während die Frauen ununterbrochen duftende Myrtenzweige auf das Grab warfen2. Dieser Friedhof ist zweimal größer als der von NürnbergNürnberg, Ort. Ich übergehe die anderen Friedhöfe, auch jenen, der am Fuße der AlhambraGranada, OrtAlhambra liegt und ebenso sehr groß ist3. Größer, glaube ich sogar, als die Stadt NördlingenNördlingen, Ort. Ebenso wie sie Gott in Richtung Süden verehren, so begraben sie auch die Toten mit gen Süden4 geneigtem Kopf.
Auf dem höchsten Berg nach Norden hin, gegenüber der AlhambraGranada, OrtAlhambra, gibt es eine weitere Stadt, die an das große GranadaGranada, Ort anschließt, aber durch eine Mauer abgetrennt ist; sie heißt AlbaicínGranada, OrtAlbaicín5. Dort hatte der junge König6 seine Bleibe. Ebenso befindet sich dort, so sage ich euch, ein größerer Friedhof als jener, der zu Füßen der Alhambra liegt. Am selben Tag, als wir zur Stadt Albaicín hinaufgingen, hatte ich tatsächlich Gelegenheit, diesen Friedhof zu besuchen. Er nimmt einen großen Teil auf der einen Seite des Berges ein und ist in der Tat so ausgedehnt wie die Stadt UlmUlm, Ort. Auf der Höhe steht ein sehr hoher Turm, in dem sich die Gräber der Könige von Granada befinden7.
Über die Moschee im AlbaicínGranada, OrtAlbaicín, einem Teil der Stadt
Außerhalb der großen Stadt GranadaGranada, Ort und außerhalb der Mauern, aber nahe gelegen gibt es eine weitere große Stadt namens AlbaicínGranada, OrtAlbaicín mit mehr als vierzehntausend Häusern, die man von der AlhambraGranada, OrtAlhambra nicht sehen kann1. In dieser Stadt, oder eher in diesem Teil von Granada, steht, wie ich sage, eine sehr schöne MoscheeGranada, OrtNuestro Salvador, K. mit 86 freistehenden Säulen2; sie ist kleiner, aber sehr viel schöner als die große Moschee der Stadt, und sie besitzt einen wunderschönen Garten mit Zitronenbäumen. Vom Gipfel des Berges gegenüber der Alhambra sahen wir, als wir zur großen Stadt hinabstiegen, eine andere schöne MoscheeAlbaicínSan José, K., die nicht so groß ist. Diese nahm der Erzbischof auf Befehl des Königs den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) ab, weihte sie zu Ehren des heiligen Joseph, des Mannes der seligen Maria3, und stattete sie mit Priestern aus. Wir sahen im Garten einen riesigen Olivenbaum, größer als eine Steineiche und voller Oliven. Als wir den Turm bestiegen, zählte ich eine so große Zahl von Moscheen, dass man es kaum glauben kann.
Als wir uns am selben Tag4 um die Mittagszeit der großen Moschee näherten, sahen wir, weil es Freitag und einer ihrer Festtage war, viele Priester auf dem Turm schreien, und es kam eine so große Menge von SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) zusammen, dass viele draußen stehen mussten, nachdem die Kirche gefüllt war. Ich glaube, es waren dort mehr als zwei- oder dreitausend Männer. Wir verfolgten, an einer Tür stehend, ihre Zeremonien und sahen den Hauptpriester von ihnen, der auf einem hohen Sitz saß und fast eine halbe Stunde lang predigte. Dann, nach einem Ruf von ihm und der anderen Priester, beugten alle die Köpfe und beteten; anschließend, nach neuerlicher Aufforderung, warfen sie sich massenweise zu Boden und küssten, wie unsere Mönche in den Kapiteln, die Erde. Dann wiederum, bei einem anderen Zeichen, erhoben sie sich und beteten mit der größten Ehrfurcht, stehend und mit nackten Füßen. Und so erhoben sie sich dreimal und warfen sich wieder zu Boden; schließlich erhoben sie sich, und nach beendetem Gebet ging jeder wieder an seine Arbeit. An der Tür bettelten viele Sarazenen um ein Almosen; sie waren Gefangene der Christen gewesen und inzwischen freigelassen worden. Es kam auch zu einer Beisetzung. Der Priester sprach über den Leichnam ein langes Gebet, und schließlich trugen sie diesen aus der Stadt, um ihn zu bestatten. An eben jenem Festtag waren die anderen Moscheen so voll mit Sarazenen wie jene. Die Moscheen sind in GranadaGranada, Ort und an anderen Orten so etwas wie die Pfarreien bei uns5.
Über die Lage der Stadt GranadaGranada, Ort
Beim Beschreiben von GranadaGranada, Ort, der größten Stadt des Reiches von Granada, könnte ich sie eher als ein Reich denn als eine Stadt bezeichnen. Sie ist im Osten von vielen und hohen Bergen umgeben, einige davon reichen gleichsam bis zu den Wolken. Ich glaube, sie sind höher als die AlpenAlpen, Gebirge in ItalienItalien, L.1. Aber obwohl die Gegend warm und mediterran ist, sieht man trotzdem während des ganzen Sommers auf den höchsten Bergjochen reichlich Schnee. Gegen Süden, Norden und Westen liegt eine sehr große und sehr schöne Ebene, die weitgehend von kleineren Hügeln umgeben ist. Diese große Ebene lässt sich überall bewässern und hat einen so fruchtbaren und üppigen Boden, dass dieser zweimal jährlich Getreide hervorbringt. Ich verschweige weitere Pflanzen wie Rüben, Möhren, verschiedene Hirsearten, Linsen, Bohnen und weitere Früchte. Und weil es in jener Ebene nicht schneit, gedeihen verschiedene Arten von Bäumen, vor allem Oliven, Quitten, Feigen, Mandeln, Granatäpfel, Apfelsinen, Zitronen usw. Es gibt fast das ganze Jahr über Früchte. Im April reifen die Kirschen, Disteln, die sie Artischocken nennen, und andere Früchte; im Mai verschiedene Arten von Äpfeln und Birnen; schon bald im Juni bis zum November Trauben verschiedener Art. Ende Oktober, als wir dort waren, sahen wir noch viele Trauben an den Weinstöcken hängen. An den Stellen der Ebene, die von der Sonne verwöhnt werden, reifen die Früchte sehr schnell. Aber auch in den Bergtälern und an schattigen, etwas kühlen Orten, wo es immer Tau gibt, wachsen Früchte, jedoch ein bisschen später2.
In einer schönen Ebene am Fuß der Berge gibt es Gärten fast zu Tausenden sowie liebliche Plätzchen, die alle durch Kanäle bewässert werden. Es sind Gärten, wie ich wiederhole, voll mit Häusern und Türmen, die während des Sommers bewohnt werden; wenn du sie zusammen von ferne siehst, glaubst du, eine sehr große und phantastische Stadt zu sehen. Hauptsächlich nach Nordwesten, etwa eine große Meile oder etwas mehr entfernt, sahen wir diese Gärten, es gibt nichts Bewundernswerteres. Den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) gefallen die Gärten sehr, und sie sind so geschickt, wenn sie sie anlegen und bewässern, dass man sich nichts Besseres vorstellen kann. Es ist außerdem ein Volk, das sich mit wenig begnügt und größtenteils von den Früchten lebt, die ihnen das ganze Jahr hindurch nicht fehlen. Sie trinken keinen Wein, bereiten jedoch große Mengen an Rosinen, die sie „bautzas“3 nennen. Für ihr Vieh wie für Pferde und Esel finden sie leicht Weiden. GranadaGranada, Ort hat auch hohe Berge, Ebenen und Täler, die wegen des Wassermangels nicht bewässert und nicht von Menschen bewohnt werden können. Dort grasen unendlich viele Viehherden: Ziegen, Schafe, sehr große und dicke Ochsen. In den Bergen gibt es auch unglaublich viele Hirsche, Bären, Damwild, Kaninchen und hauptsächlich Wildschweine. Das Fleisch des Hirsches ist äußerst günstig. Auch ist man über so viele Rebhühner sehr erstaunt. Es sind große Rebhühner mit roten Schnäbeln und Krallen. Als wir durch die Berge von VeraVera de Levante, Ort nach AlmeríaAlmería, Ort ritten, scheuchten wir in einer Stunde 4 oder sechs Schwärme von Rebhühnern auf. In Vera kauften wir eines für 5 Denare, von denen fünfzig einen rheinischen Gulden ausmachen, in Granada kann man hingegen vierzig für einen Dukaten kaufen, weil es dort so viele Esser gibt4. Auch wachsen viele Zwergpalmen5, deren Strunk schon im Oktober, wenn sie jung sind, ausgeschnitten werden kann und mit Salz eine milde Speise liefert.
Von den höchsten Bergen fließen durch zwei Täler, in deren Mitte der Berg der AlhambraGranada, OrtAlhambra liegt, zwei ziemlich große Flüsse und einige andere kleinere durch andere Täler; mit ihrem Wasser wird ganz GranadaGranada, Ort durch ein phantastisch ausgeklügeltes System von Wasserläufen bewässert6. Der größte Teil der Ebene wird sehr gut mit Wasser versorgt. Schließlich vereinigen sich diese Flüsse nach 8 Meilen in einem Tal der bewehrten Stadt LojaLoja, Fluß, dort ist die Grenze Granadas gegen Westen mit der Provinz von KastilienKastilien, L., die AndalusienAndalusien, L. heißt. Sie werden vom Fluss GuadalquivirGuadalquivir (Betis), Fluß aufgenommen7. Oh, wie fruchtbar ist das Land an aller Art von Früchten, mit denen jedermann sein Leben bestreiten kann! Die Ebene ist ebenso voll von kleinen Orten, die wir villae nennen; dort widmen sich SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) der Bearbeitung des Landes.
Über die Größe der Stadt
Die Stadt GranadaGranada, Ort hat 7 Hügel und Berge mit den entsprechenden Tälern, die alle bewohnt sind. Der Hang gegenüber der AlhambraGranada, OrtAlhambra ist jedoch der größte. Südlich der Alhambra gibt es am Fuße eines Berges eine andere Stadt, die sie AntequeruelaGranada, OrtAntequeruela1 nennen; diese erbauten vor etwa 80 Jahren nach Granada gekommene Flüchtlinge, nachdem die sarazenische Stadt AntequeraAntequera, Ort von Christen erobert worden war. Auch in der Umgebung der Ebene gibt es viele Berge. Gegen Norden liegt AlfakarAlfakar, Ort, eine weitere Stadt außerhalb der alten Mauern der eigentlichen Stadt Granada. Dort sind die Straßen so eng und schmal, dass die Häuser sich weitgehend im oberen Teil berühren. Meist kann ein Esel einem anderen Esel nicht ausweichen, außer in den wichtigeren und bekannteren Straßen, die vielleicht eine Breite von 4 oder 5 Ellen haben, so dass ein Pferd ein anderes vorbeilassen kann. Man kann es kaum glauben: Die Häuser der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) sind größtenteils ausgesprochen klein mit winzigen Räumen, die außen schmutzig, innen aber sehr sauber sind. Fast alle besitzen Wasserzuläufe und Zisternen. Sie haben in der Regel zwei Wasserkanäle, einen für das klare Trinkwasser, einen anderen, um Schmutz, Kot usw. abzutransportieren. Die Sarazenen verstehen sich perfekt darauf, so zu bauen. In allen Straßen gibt es offene Kanäle für das Abwasser, so dass jedes Haus, falls es wegen der schlechten Lage keine Leitung besitzen sollte, während der Nacht alle Abfälle in diese Kanäle werfen kann. Kloaken gibt es nicht im Übermaß, aber die Menschen sind sehr sauber.
Im Gebiet der Christen ist ein Haus 4 oder 5mal so groß wie bei den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime). Innen sind sie so verwinkelt und verschachtelt, dass man sich in Schwalbennestern wähnt. Das ist wohl der Grund dafür, dass man sagt, in GranadaGranada, Ort gebe es mehr als hunderttausend Häuser; dies glaube ich gern2. Die Geschäfte und Häuser werden mit schmalen Holzflügeln geschlossen sowie mit hölzernen Schlössern und Stiften, wie man es in Ägypten und AfrikaAfrika, L. zu tun pflegt. Alle Sarazenen stimmen untereinander nicht nur in den Gebräuchen des Ritus überein, sondern ebenso in Lebensgewohnheiten, bei Verwendung von Gerätschaften, in der Art ihrer Häuser und anderen Dingen. Der König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) hat schon bestimmt, dass viele Straßen verbreitert und Verkaufshäuser erbaut werden sollten, dabei mussten einige Häuser abgerissen werden3.
Er befahl auch, das Judenviertel zu zerstören, wo etwa zwanzigtausend Juden lebten, und ließ auf seine Kosten ein großes Hospital und eine KathedraleGranada, OrtKathedrale zu Ehren der seligen Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi errichten4; wir sahen sie fast schon vollendet bis zum Dach und der oberen Abdeckung, sie wird der Bischofssitz sein5. Oh, wie wunderbar und vielgestaltig sind die Gebäude, die mit königlichen Mitteln gebaut werden! Auch die adligen und reichen SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) besitzen in GranadaGranada, Ort wunderbare und sehr repräsentative Häuser mit Höfen, Gärtlein, fließendem Wasser und anderen Dingen. Der König schickte mehr als hundert auf seine Kosten gegossene Glocken – einige sahen wir im Garten des Klosters des heiligen HieronymusGranada, OrtNuestra Senora de la Concepción, Kl.Hieronymus (†419/20) Hl., Kirchenvater –, die er in ganz Granada verteilte6. Oh, wie wunderbar und besorgt nimmt der König seine Aufgaben gegenüber der respublica Christiana wahr.
Wie ich schon sagte, ist das Volk in GranadaGranada, Ort unzählbar. In den Zeiten der Belagerung, als die anderen Städte der Umgebung erobert wurden, gab es in der Stadt mit den Flüchtlingen der anderen Orte mehr als zweihunderttausend Männer, die zum Krieg gerüstet waren. Sie waren allerdings von solcher Furcht gelähmt, dass sie nichts gegen den (christlichen) König unternahmen. Man ist erstaunt über die Lebensmittel, mit denen sie sich ernähren. Es gibt das ganze Jahr hindurch ein Übermaß an Früchten, von denen dieses bescheidene Volk lebt, das ebenso wenig Wein trinkt; die Menge (der Lebensmittel) wäre schon ausreichend für ein größeres Volk. Sie stellen Brot aus verschiedenen Zutaten her, so zum Beispiel aus Weizen, Hirse oder Mais.
Nachdem GranadaGranada, Ort erobert und der christlichen Herrschaft unterworfen worden war, flohen mehrere tausend Menschen – mehr als vierzigtausend Männer7 – mit ihren beiden Königen nach AfrikaAfrika, L.8. Viele starben während der Belagerungszeit auch an Hunger, andere verließen das Reich. Dennoch blieb bisher eine große Zahl von SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) in der Stadt. Es ist kaum 4 Monate her, dass im Juni etwa fünfzigtausend heimlich gegen die Christen konspirierten, mit der Absicht, diese, die inzwischen kaum zehntausend Einwohner erreicht hatten, bis auf den letzten zu töten. Die Verschwörung wurde entdeckt, weil ein Sarazene vorzeitig gewisse Drohungen einem Christen gegenüber aussprach und gefangengenommen wurde. Im Haus eines Sarazenen wurden Waffen für vierhundert Männer entdeckt. So konnte diese Konspiration beigelegt werden. Und obwohl die Sarazenen die Erlaubnis haben, frei zu leben und ihre religiösen Kulte noch drei Jahre lang praktizieren dürfen, ein Zeitraum, der im Monat Januar endet9, zerbricht langsam ihre Standhaftigkeit und ihr Widerstand, weil ihnen alle Meerhäfen abgenommen wurden und die größten Städte der Umgebung schon von Christen bewohnt werden, so dass es sehr schwierig sein dürfte sich aufzulehnen.
Über die Lage des Reiches von GranadaGranada, Ort
Das Reich von GranadaGranada, Ort, das bei den Alten Hispania BaeticaBaetica (Hispania Betica), röm. Provinz genannt wurde, hat die Form eines Halbkreises, dessen Durchmesser gegen Süden das Meer ist1. Es ist rundum von sehr hohen Bergen umgeben, und auch das Innere ist größtenteils bergig. Die Breite von Norden nach Süden beträgt drei Tagesreisen, die Länge entspricht etwa 7 oder 8. Die bekanntesten Meeresstädte sind, wenn man vom Osten anfängt, AlmeríaAlmería, Ort, worüber ich schon weiter oben geschrieben habe, AlmuñécarAlmuñécar, Ort, das für den Zucker bekannt ist, denn dort wachsen Zuckerrohre von 6 oder 7 Ellen Länge und von der Dicke eines Armes am Anfang der Hand, Velez-MálagaVélez-Málaga, Ort, eine große Stadt mit einem sehr schönen Schloss, MálagaMálaga, Ort, ein bekannter Meerhafen. Die bekanntesten mediterranen Städte sind BazaBaza, Ort, GuadixGuadix, Ort, Granada, LojaLoja, Fluß, AlhamaAlhama de Granada, Ort, RondaRonda, Ort und MarbellaMarbella, Ort. Weiterhin gibt es unzählige Kastelle und Ortschaften. Nirgendwo wird das Land bearbeitet, wenn es nicht bewässert werden kann. Ich glaube, die Stadt Granada liegt an der höchsten Stelle des Reiches, denn zu jener Zeit sahen wir auf keinem der Berge Schnee, nur oberhalb der Stadt Granada auf dem Bergzug, der Sierra (Nevada)Sierra Nevada, Gebirge heißt.
Dort fließen weiterhin Flüsse mit gutem und gesundem Wasser, in denen Forellen und andere Fische schwimmen, die des frischen und sprudelnden Wassers bedürfen. Die Städte des Reiches sind in der Regel auf Bergen oder am Fuße von Bergen gelegen. Sie sind stark befestigt mit Türmen, Wehrtürmen, Mauern, Zinnen und Gräben, so wie nirgendwo sonst. Es ist ein sehr wohlhabendes Reich. Seide, wie es keine bessere auf der Welt gibt, ist dort im Überfluss; außerdem ebensoviel Safran, vor allen Dingen in Baza. Ihre Feigen haben einen sehr süßen Geschmack und sind nicht sehr groß. Es wird auch Öl produziert, außerdem Mandeln, Espartogras, Aspeln zum Färben, von denen sie jedes Pfund für eineinhalb Dukaten verkaufen, und viele andere Dinge. Alle Flüsse entspringen aus Quellen mit vorzüglichem und weichem Wasser. Im Sommer mangelt es wegen der Schneeschmelze niemals oder nur ganz selten daran. In keiner anderen Gegend SpaniensSpanien, L. regnet es so häufig – dies wegen der Höhe der Berge und der aufsteigenden Dämpfe –, wie es in „Meteora“ und SalzburgSalzburg, Ort ebenso der Fall ist2.
Vom Sieg über das Reich von GranadaGranada, Ort
Als der ehrwürdigste und unbesiegbare König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) mit seiner keuschesten und ehrwürdigsten Königin IsabellaIsabella I., Kg. von Kastilien und León (1474–1504), Gemahlin Kg. Ferdinands II. von Aragón die Reiche ihrer Väter und Großväter als Erbe in Besitz nahmen, gab es so viele Zwistigkeiten zwischen den Adligen, den Städten und den Erzbischöfen, gab es so viele kleinere innere Kriegshandlungen, gab es so viel Streben um das eigene Wohl, belästigten die Juden und MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten das Volk so sehr, dass der König viele Jahre lang äußerst damit beschäftigt war, alle diese Angelegenheiten friedlich zu regeln und alles in einen guten Zustand zu überführen. Es hatten sich die Fälle von Raub und Diebstahl so gehäuft, dass es kaum mehr werden konnten. Nachdem er alle seine Reiche befriedet hatte, richtete er seinen edlen Sinn darauf, die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) aus GranadaGranada, Ort, der Blume SpaniensSpanien, L., zu vertreiben1. Granada war nämlich ein schrecklicher Kerker für die Christen, wo normalerweise zehn- oder zwanzigtausend Christen jedes Jahr zu härtester Sklavenarbeit und dem Tragen von Ketten gezwungen wurden, wie Tiere zur Bestellung von Feldern und zu den schmutzigsten Arbeiten2. Außerdem flohen die Adligen des Königs von Spanien, die vor ihm wegen ihrer Verbrechen Angst hatten, nach Granada als einem sicheren Unterschlupf und konnten dort ihre unzähligen und schändlichen Intrigen weiterspinnen. Der König überraschte sie aber, weil nur er, die Königin und der Marquis von CádizRodrigo Ponce de León († 1492), Marquez de Cádiz, Historiograph3 die untereinander getroffenen Absprachen kannten, so dass kein Verräter stören konnte. Bald hatte er mehr als sechzigtausend Esel und Maultiere zu seiner Verfügung, um die verschiedensten Arten von Gütern heranzuschaffen. Ich schweige zu den Ochsen und Wagen, welche die verschiedenen Kriegsgüter herantransportierten. Aber der gütige Herr gab von oben unserem siegreichen FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) den Geist des Rates und der Klugheit sowie einen starken Arm, so dass FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) in zehn Jahren ganz Granada besiegte, teilweise mit Gewalt, teilweise durch Unterwerfung, teilweise mit Vorsicht, teilweise mit Gold und Silber, welches er vielen Kastellanen gab, damit sie nach Übergabe der Befestigungen nach AfrikaAfrika, L. flöhen. FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) schnitt vor allen Dingen die Versorgung ab, so dass die Betroffenen bis zum Schluss großen Hunger leiden mussten4.
Der (muslimische) König von GranadaGranada, Ort war, wie man berichtet, überzeugt, dass sich unser unbesiegbarster König mit Rat und Vorsicht dazu anschickte, über die Grenzen in das Reich einzufallen; er rief die Adligen und Vornehmen des Reiches zusammen, legte einen großen Teppich auf den Boden, auf dem er in der Mitte einen silbernen, mit Gold gefüllten Pokal stellte, und sagte: „Wer den Pokal heben wird, ohne den Teppich zu verletzen, dem gehöre das Gold.“ Aber niemand war in der Lage, dies zu tun, und der König rollte daraufhin den Teppich zusammen, so ließ sich das Gold leicht aufheben, und er sagte: „Die Städte der Umgebung bedeuten den ausgebreiteten Teppich, und die Stadt Granada ist das Gold, das in der Mitte liegt. Der König der spanischen Reiche Ferdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516)wird nun dem Reich eine Stadt nach der anderen wegnehmen, und zum Schluss wird er sich dieses goldenen Granadas bemächtigen.“ Die vollständige Eroberung des Reiches ist in einem speziellen Bericht aufgezeichnet worden; aus Gründen der Kürze schreibe ich hierüber nichts weiter5.
Der König von SpanienFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516)Spanien, L. ließ, bevor er im Triumphzug in GranadaGranada, Ort einzog, ein besonderes TorGranada, OrtPuerta del Hierro bauen6 und ließ ebenfalls einen Weg an der Befestigung der AlhambraGranada, OrtAlhambra vorbei anlegen, um dort das Kriegsgerät zu transportieren. Zuerst gewann er alle Christen in Ketten für sich, die schon seit vielen Jahren in schrecklichen Kerkern gehalten wurden und die schrien: „Gelobt sei der Gott Israels, der uns besuchte und der sein Volk befreite.“7 In einer großen Prozession zog zunächst der ganze Klerus ein, mit heiligen Gewändern bekleidet, dann die Krieger mit ihren Waffen, mit einem erhobenen Kreuz, damit sie von allen gesehen würden. Oh, wieviel Beifall, Tränen und Freude du damals gesehen hättest! Es ist unmöglich, dies alles zu beschreiben. Sie stiegen zur Alhambra empor, und auf dem höchsten Turm zur Stadt hin hissten sie zunächst die Fahne unseres gekreuzigten Herrn, dann die Fahne des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi), schließlich diejenige KastiliensKastilien, L. und intonierten mit lauter Stimme das Vexilla regis prodeunt8. Eine dort aufgehängte Glocke begann zu läuten. Als die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) dies hörten, beweinten einige ihr Unglück, andere blieben vor Verwunderung stehen, weil sie niemals den Klang und den Schlag einer Glocke gehört hatten9. Auf diese Weise erlangte der ruhmreiche König das Reich, dessen Schritte nach seinem Willen der Gott Jakobs gelenkt hatte.
Während alle Kastelle und Städte erobert wurden, beschäftigte sich der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) verstärkt damit, die Einnahme von GranadaGranada, Ort zu planen. Zunächst ließ er in einer fruchtbaren Ebene eine kleine Stadt erbauen, etwa eine gute Meile von Granada entfernt in Richtung Westen. Sie wurde mit Mauern, Gräben und anderem Verteidigungswerk befestigt. Er gab diesem Ort den Namen Santa FéSanta Fe, Ort10. Er existiert noch heute und ist gut besiedelt. Der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) schwor bei seiner Krone, die Gegend von Granada nicht zu verlassen, bevor er als Sieger in die Stadt einzöge. Vor den Toren von Santa Fé gab es ein Feld für das Heer. Von diesem Ort aus verhinderte er jeglichen Nachschub für die Belagerten. So vernichtete er mit Sensen und Schwertern die Ernte in zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Er stieg sogar selbst vom Pferd und schnitt das Getreide mit eigener Hand, damit die Krieger williger gehorchten. Und im dritten Jahr belagerte er die Stadt vom Monat Mai bis zu den Kalenden des Januars. Er sorgte selbst für eine so große Hungersnot, dass die Belagerten Maultiere, Hunde, Pferde, Ratten und andere Tiere aßen. Schließlich, am 6. Januar, im Jahre des Heils 1491 (1492)11 zog der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) als Sieger im Triumphzug in die Stadt ein und wurde als König von GranadaMohammed XIII. ibn Saʿd / al- Zagal, Herrscher von Granada (1485–1486) begrüßt. Zur Morgendämmerung erschien eine Menge von mehr als zweihunderttausend SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) und wollte das königliche Heer schlagen, das damals etwa vierzigtausend Menschen zählte. Plötzlich aber bemerkten sie, dass sich der Mond verfinsterte, und sahen darin ein schlechtes Omen: Sie kehrten um und ergaben sich, weil ihnen – wie ich schon sagte – die Kräfte fehlten12.
Über den eigentlichen Kriegsgrund gegen GranadaGranada, Ort
In der Nähe von GranadaGranada, Ort im Westen gab es bei der Meerenge den Marquis von der (Halb-)Insel CádizRodrigo Ponce de León († 1492), Marquez de Cádiz, Historiograph, einen siegesgewohnten Mann, der seine Gegner hart anfasste und den Krieg liebte1. Vor ungefähr 15 Jahren2 hatten ihm die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) des Nachts, an der Vigil von Weihnachten, ein gewisses Kastell weggenommen, und sie bedrängten den Marquis in verschiedener Weise. Da dachte er darüber nach, wie er den Gegner besiegen könnte. Der Marquis war in fortwährender Auseinandersetzung mit dem Herzog von Medina SidoniaEnrique de Guzmán, Hzg. von Medina Sidonia (1468–1492), der auch Graf von NieblaNiebla und Geschlecht, Ort und Herzog von SevillaSevilla, Ort ist3. Dieser war dem Marquis im Heer übergeordnet, obwohl der letztere ihn an Findigkeit übertraf. Nachdem sie ein großes Heer von etwa dreitausend Leuten aufgestellt hatten, griff der Marquis auf den Rat und unter der Führung eines gewissen christlichen Überläufers, der 4 Jahre lang in AlhamaAlhama de Granada, Ort gefangen gewesen war, in Richtung Alhama an, nachdem er heimlich alle Wachen getötet hatte; er vertrieb den Feind und eroberte Alhama4. Als der Herzog von Sevilla dies hörte, eilte er ihm, obwohl er sein Feind war, mit einem stattlichen Heer zu Hilfe, sie gaben sich an den Mauern Alhamas wechselseitig den Friedenskuss und begruben ihren alten Hass5. Als es Zeit war zu gehen, sagte der Marquis zu seiner Frau: „Nur der Herzog von Sevilla, mein Todfeind, kann mir bei diesen meinen Plänen helfen.“ Als seine Frau hörte, dass sie Alhama eingenommen und die Mauren diese Stadt belagert hatten, ließ sie den Herzog von Sevilla kommen und erzählte ihm alles. Darauf versammelte der Herzog, wie gesagt, ein Heer und eilte dem Marquis zu Hilfe. Obwohl der Marquis auch den König von PortugaJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495)lPortugal, L.6 schriftlich um Hilfe bat7, ebenso den König SpaniensSpanien, L., so zeigte sich doch der letztgenannte etwas zurückhaltender in dieser Angelegenheit, und die Königin sagte: „Es sei fern von uns, dass die Portugiesen eine solche Ehre erlangen, dies ist unsere Angelegenheit, denn es handelt sich um die Unsrigen“8. Nach diesem Rat rückte der König mit einem wunderbaren Heer in das Gebiet von Granada ein und gewährte dem Marquis Hilfe. Er besaß mit Alhama eine zum Rückzug für alle Fälle bestens bewehrte Stadt und erlangte schließlich das ganze Reich. Der Marquis führte jedoch alles, so als ob es sich um seine eigene Angelegenheit handle, mit der gleichen Sorgfalt aus und ohne ihn wäre, wie alle bestätigen, die Einnahme des Reiches nicht möglich gewesen. Ich kann nicht alles aufschreiben. Nach der Eroberung von Granada starb dieser vorzügliche Graf, dessen Seele in Frieden ruhen möge.
Über goldene Mineralien im Gebiet von GranadaGranada, Ort
Im größten Teil des Schlossberges der AlhambraGranada, OrtAlhambra sind der Boden ebenso wie alle benachbarten Flüsse voll mit einem groben rötlichen Sand. Nachdem GranadaGranada, Ort erobert worden war, gab es einige Christen, die aus FrankreichFrankreich, L. dorthin kamen, dies sahen, den Flusssand wuschen und sodann reinstes Gold fanden. Ebenso trafen sie auf Gold, als sie die rote Erde wuschen1. Der König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516), man weiß nicht warum, verbot das Suchen und das Waschen des Goldes bei Todesstrafe. Ich wollte dies nicht glauben und befragte deshalb hierzu den Herrn Erzbischof und den regierenden Grafen, die mir versicherten, dass es in der Tat so sei. Sie fügten hinzu, dass ein Mann allein beim täglichen Waschen etwa so viel Gold gewinnen könne, wie ein Dukat schwer sei. Die Erde dort ist etwas tonhaltig und sehr rot und etwa so dunkel wie Ziegel.
Über die Riten und Kleider der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime)
Nur Männer betreten die Moscheen und beachten das Gesetz des Pseudopropheten1 MohammedMohammed / Muhammad, Begründer des Islam skrupulös und mit höchster Ehrfurcht. Mohammed verleugnet im Koran, der im Arabischen eine Sammlung von Vorschriften bezeichnet, er leugnet, so sage ich, wie AriusArius († 336), Presbyter aus Alexandria die Dreiheit der Personen und wie NestoriusNestorius († 451), Patriarch von Konstantinopel (428–431) das Menschsein (Christi)2. Er gesteht nicht zu, dass Gott Vater sei, und bestätigt, dass es ohne fleischliche Vereinigung keinen Vater gebe. Er sagt aber, dass Jesus ChristusJesus Christus von der Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi als reiner Mensch geboren wurde, und nicht als Gott, und dass er nicht starb, weil er wegen seiner Güte des Todes nicht würdig gewesen sei. Er habe auch nicht unter der Herrschaft der Juden gelitten, sondern ein anderer an seiner Stelle. Das Paradies der (Muslime) besteht in den Genüssen, im Essen, im Trinken, in Kleidung, im Koitus, in der Musik, in den anderen fleischlichen Freuden, wie er in seinem törichten Koran niederlegt. Mohammed leugnet auch alle Sakramente und sagt, es seien Netze und Verführungen des Klerus. Er gibt auch vor, dass alle nach ihrer Religion gerettet werden könnten, dass Christus im Paradies weile und dass er eines Tages den Antichristen töten werde. Die Muslime befolgen strikt das Geben von Almosen und das Fasten, das von der Stunde des Sonnenaufgangs morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit währt3. Sie verrichten auch Gebete, die sie sorgfältig ausführen4. Sie verehren ebenso die Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi, die heilige KatharinaKatharina von Alexandria († vermutlich 307/15), Hl. (von Alexandria), den heiligen JohannesJohannes der Täufer, († um 29), Hl. (den Täufer) und geben ihren Kindern diese Namen5.
Ein Greis zeigte mir einen Rosenkranz, der aus Dattelkernen gefertigt war, und sagte, dass diese von der Palme stammten, von der Maria aß, als sie nach Ägypten geflohen sei. Er küsste den Rosenkranz und sagte, er sei für die Schwangeren zuträglich, wie er schon festgestellt habe.6
Sie vertreten auch die Meinung, dass diejenigen, die sich in dieser Welt von allen Gelüsten rigoros enthielten, im anderen Leben mehr genießen können und dass diejenigen, die sich in einem geringeren Grade enthielten, auch weniger Freuden dort genössen. Der Freitag gilt für sie wie der Sabbat. Nach ihren Gebeten kehren sie zu ihren Arbeiten zurück und sagen, dass Müßiggang aller Laster Anfang sei und dass Gott uns aufgetragen habe, unter Schweiß und mit Arbeit zu leben7. Sie sind sehr große Anhänger von Gerechtigkeit, sie sind exakt beim Wiegen, meiden die Lüge, aber sehen ihr Ziel einzig im Genuss.
Jeden Morgen, zwei Stunden vor Aufgang der Sonne, das heißt zur Stunde der Morgendämmerung, ebenso mittags und abends8, steigen ihre Priester auf die Türme, laufen herum und rufen aus „Gott ist groß und mächtig und MohammedMohammed / Muhammad, Begründer des Islam ist sein Bote und Vorläufer“. Sie rufen auch noch viele andere Gebete, in denen sie Gott auf ihre Art als ehrwürdig preisen, sie verwenden übrigens wunderbare Intonationen und Pausen, dass niemand sie ohne Kunst lernen kann. Es wirkt allerdings eher, wie ich oben geschrieben habe, wie ein Heulen, nicht wie ein Gesang9. Manchmal dauern ihre Gebete tatsächlich bis zu zwei Stunden, was in einer Moschee in der Nähe unserer Herberge geschah. Wenn sie sich in der Moschee vereinen, bleiben sie stehen, ordentlich und mit nackten Füßen, sie waschen sich vorher ihre Füße, die Hände, die Augen, die Geschlechtsteile und das Gesäß. Auf ein Zeichen des Priesters beugen sie zunächst den Kopf, klopfen sich an die Brust, dann werfen sie sich zu Boden und beten, schließlich erheben sie sich wieder von neuem. Dies machen sie dreimal und sind überzeugt, dass sie so von ihren Sünden befreit sind, dann kehren sie an ihre Arbeit zurück. Sie verehren wirklich auf ihre Weise Gott sehr ehrfürchtig. Es gibt so viele Lichter in ihren Tempeln, dass es nichts Besseres gibt. Ihre Priester, die zu mehreren sind, tragen ein weißes Gewand und haben auf dem Kopf ein ebenfalls schneeweißes Tuch. Sie sind sehr ehrfürchtig und haben ihre Wohnstätten in der Nähe der Hauptmoschee, dort sprechen sie auch Recht und erledigen Notariats- sowie andere geistliche Geschäfte.
Über die Kleidung (der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime))
Ich habe keinen Mann gesehen, der Schuhwerk trägt, außer einige Fremde, die sie bis zu den Knien tragen, wobei sie hinten mit Knoten zusammengehalten werden, so dass sie zur Stunde des Gebets und der Waschungen leicht ausgezogen werden können. Die Frauen hingegen tragen alle Schuhe aus Leinen, weite und faltige Strümpfe aus Wolle, die sie in der Lendengegend festschnüren, wie die Mönche dies auf Höhe des Bauchnabels tun. Über den Strümpfen tragen sie ein langes Hemd, ebenfalls aus Leinen, und darüber eine wollene oder seidene Tunika, je nach ihren Möglichkeiten. Wenn sie ausgehen, ist jede mit einem schneeweißen Schleier bedeckt, der aus Leinen, Baumwolle oder Seide ist. Sie verhüllen ihr Gesicht und ihren Kopf so, dass man nur noch die Augen sieht. Die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) heiraten bis zu vier Frauen, die sie aus geringfügigen Gründen verstoßen können, bestimmten Vereinbarungen bei der Hochzeit entsprechend1. Sie geben jeder Frau ihre Räume, die diese, obwohl klein, sauber halten. Sie versorgen sie außerdem geziemend mit Mehl, Öl, Brennholz und anderen Dingen. Jede Frau kann die Mitgift zu eigenen Bedürfnissen wie Kleidung, Schmuck und Hausrat nutzen. Die einzelnen Bedingungen dieser Eheverträge sind nicht aufzuzählen, dies ist etwas für Experten2. Die Frauen, die reiche Männer haben, bringen diesen große Ehrerbietung entgegen, denn diese Frauen sind dann vom Glück begleitet, aber bei Missgeschicken leidet keine Frau mit ihrem Mann, abgesehen von einigen besonders guten Frauen. Die Frau kann ihren Mann nicht verstoßen, außer bei einem sehr großen Anlass, der in den Eheabmachungen festgelegt wird; wenn die Frauen aber die Scheidung wünschen, können sie den Mann auf so viele verschiedene Arten belästigen, dass dieser sie schließlich verstößt. In diesem Punkt gehen sie wie die Tiere vor. Die ehrbaren unter den Sarazenen begnügen sich mit einer einzigen Frau und schämen sich, viele zu haben.
Über das Spiel mit dem Zuckerrohr
Am 26. Oktober, dem Sonntag vor dem Fest von Simon und Judas, ließ der freigiebige Graf von TendillaLópez de Mendoza y Quiñones, Iñigo, Gf. von Tendilla (1479–1515), Generalgouverneur von Granada1 zu unseren Ehren etwa hundert seiner besten Ritter zusammenrufen. Sie sollten auf einem Platz der AlhambraGranada, OrtAlhambra, der etwa 130 Schritte lang war, eine Art Kampfspiel vorführen: In zwei Gruppen aufgeteilt, mussten die einen die anderen mit breiten und gespitzten Zuckerrohren angreifen, die wie Lanzen aussahen; andere ergriffen die Flucht, schützten ihren Rücken mit einem Rundschild, dann griffen sie in gleicher Weise andere an – auf ihren Reitpferden2, die so pfeilschnell waren und überall hinlaufen konnten, dass sie unübertrefflich schienen. Das Spiel ist ziemlich gefährlich, aber wenn sich die Spieler in dieser fiktiven Schlacht üben, haben die Ritter im wirklichen Krieg weniger Angst vor den Lanzen. Dann, mit kürzeren Zuckerrohren und mit dem Pferd an der Leine, gaben sie vor, Pfeil und Bogen zu benutzen. Niemals sah ich ein so schönes Schauspiel3!
Früh am 27. Oktober rief der genannte Graf wiederum zu unserer Ehre alle hervorragenden Ritter zusammen, mit Zeichen, Waffen, Pferden und Kriegsgerät. Es waren sechshundert. Er ließ sie antreten und gab danach jedem einzelnen den Sold von zwei Monaten. Diejenigen, die nicht angemessen mit Pferd oder Waffen ausgestattet waren, schickte er fort.
Zu unserer Herberge kamen auch Flötisten, Violinisten und Trompeter, die uns mit ihrem Spiel begrüßten. Oh, wunderbarer Graf der bekannten Familie TendillaTendilla, Ort, wieviel Ehre hast du uns erwiesen! Der gesegnete Gott möge es dir lohnen, weil wir es dir nicht vergelten können!
Ein gewisser Herold des Grafen stand uns dauernd zur Seite, es war ein adliger Mann, der als kleines Kind durch den BöhmenBöhmen, L. Leo von BodebratLeo von Rožmital und Blatna (auch fälschlich Leo de Bodebrat) († 1480), böhmischer Adliger, Reisender (Podiebrad)4 nach DeutschlandDeutschland, L. gekommen war5. Er sprach perfekt die böhmische und die lateinische Sprache und erzählte uns viele gute Dinge von Don Gabriel TegelTetzel, Gabriel III. (Gabriel Tegel) († 1479), Nürnberger Ratsherr, Reisender (Tetzel)6 und von Gabriel MuffelMuffel, Gabriel († 1498), Nürnberger Ratsherr, Reisender7, Begleiter der Reise von Herrn Leo. Es unterstützten uns auch die deutschen Drucker Jakob MagnusJakob Magnus, dt. Drucker von StraßburgStraßburg, Ort, Johannes von SpeyerJohannes (aus Speyer) dt. Drucker, Jodocus von GerlishofenJodocus, dt. Drucker und andere8.
Über den Herrn Erzbischof
Der siegreiche König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) wollte die notwendigen Verfügungen zur christlichen Religion im Reich von GranadaGranada, Ort treffen und gab der Stadt als Erzbischof einen sehr gelehrten Mann, ausgezeichnet in der Heiligkeit seiner Lebensführung, in seiner Demut und Frömmigkeit, in seiner Sanftmut und Freigiebigkeit. Sein Name war Fray Hernando de TalaveraTalavera, Hernando de, Ebf. von Granada (1492/93–1507), aus der Nähe von ToledoToledo, Ort und aus dem Orden des heiligen HieronymusHieronymus (†419/20) Hl., Kirchenvater1. Niemals sah ich in ganz SpanienSpanien, L. einen in Theologie und Philosophie gelehrteren Menschen. Er ist in Wahrheit ein zweiter Hieronymus2, weil er sich in gleicher Weise für das kontinuierliche Studium und die anderen Aufgaben seines Amtes in heiligmäßiger Lebensführung und in Abstinenz so sehr verzehrte, dass man sogar seine Knochen zählen kann, die nur von Haut bedeckt sind. Er empfing mich gütig und väterlich, informierte mich über alles, was ich ihn fragte. Ich kann nicht beschreiben, welche Zufriedenheit mir die Gegenwart dieses Menschen verschaffte. Er empfing mich freundlich wie ein Vater und informierte mich über die einzelnen Dinge, die ich ihn fragte. Er ist bei der königlichen Majestät höchst angesehen und akzeptierte diese Wertschätzung. Er bekehrt viele SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) zu unserem Glauben3, beschützt sie und vermittelt ihnen Kenntnisse. Was gibt es noch zu berichten? Wie ChristusJesus Christus handelt und lehrt er. Berühmt und schön ist das Offizium, das er über das Reich von Granada, die Güte Gottes und den Sieg des Königs zusammenstellte4! Der Erzbischof ist auch Berater und Beichtvater der königlichen Majestät und seiner keuschen Frau, der Königin. Er gab mir einige mit eigener Hand geschriebene Empfehlungsschreiben für den König und für einen gelehrten Doktor des königlichen Hofes, damit ich mit eigenen Augen diesen christlichen König sehen könne, durch den der glorreiche Gott Granada unserem Joch unterwerfen ließ5.
Die KathedralkircheAlhambraKathedrale befindet sich im Schloss der AlhambraGranada, OrtAlhambra, in einer wunderschönen Moschee, ausgestattet mit 40 Kanonikern, für jeden stehen 120 Dukaten bereit, sowie mit 40 Vikaren, die man Pfründner nennt und die weniger empfangen. Weiterhin gibt es 10 Würdenträger und Ministranten, so dass insgesamt etwa 100 Personen zusammenkommen6. Sie leben von den Zehnten, die künftig aus dem Reich anfallen werden. Es gibt auch in GranadaGranada, Ort zunächst ein Kloster des heiligen HieronymusGranada, OrtNuestra Senora de la Concepción, Kl.Hieronymus (†419/20) Hl., Kirchenvater außerhalb des Stadttores7, innerhalb der Stadt das Kloster der Prediger des DominikanerordensGranada, OrtSanta Cruz la Real, Kl., das Santa Cruz heißt8, das Kloster der Brüder vom Heiligen GeistGranada, OrtHeiliggeistkl., die ein ganz weißes Habit mit einem roten Kreuz auf der Brust tragen9. In der Befestigung der Alhambra sind weiterhin das Kloster der MinderbrüderAlhambraSan Francisco de la Alhambra, Kl. des heiligen FranziskusFranz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer10, die Kirche des heiligen JosephGranada, OrtSan José, K., die ehemals eine schöne Moschee war11, die Kirche des heiligen JakobusGranada, OrtIglesia de Santiago, K.Jakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi)12 und die Marienkirche, die auf Kosten des Königs gebaut wurde, Bischofssitz sein wird und, mit schönsten Gärten und anderen Nebengebäuden für alles genügend Platz bereithält. In dieser neuen Anlage wurden in kurzer Zeit viele Angelegenheiten durch die königliche Verwaltung erledigt. Der König gestand den Zehnten der gesamten Einkünfte aus dem ganzen Königreich von Granada für den Bau der Gotteshäuser zu, außerdem zur Unterstützung der Armen in den Spitälern sowie zu weiterem frommen Nutzen13. Für das LazarettGranada, OrtMaristán Nazarí, Lazarett und das Haus der Unschuldigen und Dummen, beide schon durch die Mauren erbaut, erhöhte er (zu ihren Gunsten) den Zins und nahm ihnen nichts weg14. In allen Bistümern des ganzen Reiches übt der König das Patronatsrecht aus15. Er vergibt alle Pfründen wie ein Gründer und schlägt selbst die Bischöfe dem Papst vor.
Ich sah in GranadaGranada, Ort auch das Gefängnis der Missetäter, das vorher ein Haus und Geschäft der Genuesen war16. Dort sah ich an den Wänden viele Wappen von Deutschen17, aber sie waren wegen der langen vergangenen Zeit sehr verblasst. Sie sagten mir, dass dort auch das Wappen der Stadt NürnbergNürnberg, Ort und von gewissen Kaufleuten sei, die damals „Die MendelMendel, Nürnberger Geschlecht“ hießen und große Händler in GenuaGenua, Ort waren18.
Über die Burg MoclínMoclín und Burg, Ort, die man von der AlhambraGranada, OrtAlhambra aus sehen kann
Wenn man GranadaGranada, Ort in Richtung Westen verlässt, trifft man nach drei Meilen auf einen sehr hohen und freistehenden Berg mit einem gut befestigten Kastell, das MoclínMoclín und Burg, Ort heißt. In diese Burg setzte der König von GranadaMohammed XIII. ibn Saʿd / al- Zagal, Herrscher von Granada (1485–1486) großes Vertrauen1. Sie ist in militärischer Hinsicht bestens befestigt. Drei Meilen weiter landeinwärts nach SpanienSpanien, L. gab es ein anderes KastellLa Mota / Castillo de Alcalá la Real, Burg der Christen2, von dem man auf Granada schauen konnte. Diese Burgen lagen an der Grenze von beiden Reichen. Von dort sind die Berge offen bis nach Spanien. Im Kastell der Christen brannte jede Nacht eine Leuchte, durch diesen Lichtschein konnten viele gefangene Christen in der Nacht entkommen und die Freiheit erlangen. Bevor der König aber die Stadt Granada belagerte, kam er mit seinem Heer und seinem Kriegsgerät zu diesem Kastell. Und nachdem man lange Zeit unnütz die Mauern bombardiert hatte und sie schließlich mit einem Rammbock zu zerstören suchte, schleuderte man zum größten und stärksten Turm einen großen Stein, der voll mit Schießpulver war. In diesem Moment standen auf dem Turm 16 SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) mit Fackeln: Als das Pulver sie erreichte, ließen sie beim Herabfallen des großen Steines erschreckt ihre Leuchten in das Pulver hineinfallen. So wurde der Turm entzündet und zerstört, bald brannte alles, was es gab, und sie übergaben kurz darauf das Kastell. So bemächtigte sich der König dieser Burg3. Die Sarazenen waren so erschreckt, dass sie den letzten Tag ihrer Herrschaft in Europa nahen sahen, und sie vertrauten ihrer Sache immer weniger, ihr Widerstand wurde nach und nach gebrochen4.
Über den Ausgang aus GranadaGranada, Ort – die Stadt AlhamaAlhama de Granada, Ort
Am 27. Oktober verließen wir diese glorreiche Stadt und durchquerten etwa drei Meilen lang eine schöne Ebene. Sodann kamen wir endlich nach Bergüberquerungen zum Kastell von AlhamaAlhama de Granada, Ort, das sehr gut befestigt ist und oben auf einem Berge liegt. Dort in der Nähe sahen wir einige schöne Thermen mit klarem und heißem Wasser. Dieses Wasser hinterließ, als ich es probierte, nichts anderes als den Geschmack eines äußerst angenehmen Wassers. Der König von GranadaGranada, Ort errichtete dort ein schönes Marmorgebäude mit drei wunderschönen Bögen im oberen Teil und mit Gauben auf dem Dach, dass es wunderbar anzusehen ist. Die Stadt von Alhama gehört zu den ersten, die der edelste Marquis von CádizRodrigo Ponce de León († 1492), Marquez de Cádiz, Historiograph auf Rat und unter Führung einiger Christen, die dort viele Jahre lang in harter Kerkerhaft gefangen gewesen waren, während einer Nacht eroberte, nachdem er einige Treppen heraufgegangen und Hunderte von SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) getötet hatte1. Es gäbe viel über diesen nun gestorbenen edelsten Grafen zu erzählen, über die Dinge, die er gegen die Sarazenen vollbrachte2. Alhama ist 7 Meilen von Granada entfernt.
Über die Seestadt Vélez-MálagaVélez-Málaga, Ort
Am 28. desselben Monats bestiegen wir in der Früh höchste Berge, durchquerten Täler und gingen endlich in Richtung Meer hinunter; nach 6 großen Meilen erreichten wir dort die großartige Stadt Vélez-MálagaVélez-Málaga, Ort. Sie ist ziemlich groß und an der Meeresküste gelegen. Auf einem Berg steht eine sehr edle Festung, deren Übergabe der königliche Geist durch Gewalt und Aushungern erreichte1. Die Böden sind sehr fruchtbar, es gibt im Übermaß Öl, Feigen, Mandeln, Färberpflanzen und andere Früchte, die ich gesehen habe.
Über die Stadt MálagaMálaga, Ort
Am 29. desselben (Monats) verließen wir morgens das Meeresufer und kamen nach 5 Meilen in MálagaMálaga, Ort an, einer großen Seestadt, die gut bevölkert und für ihren HafenMálaga, OrtHafen bekannt ist. Dieser Weg war wegen der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) außergewöhnlich gefährlich, die während der Nacht, durch Winde begünstigt, aus dem Barbarenland kommen und, weil sie Ortskenntnisse besitzen, alle berauben und abführen, die sie vor Sonnenaufgang antreffen. An jenen Tagen wurden einige Hirten und 5 Bauern verschleppt1. Wir kamen an der Küste entlang zu Pferd von VélezVélez-Málaga, Ort nach Málaga und sahen große Mengen von Aloe2, aus denen ein Aloesirup für die Leber hergestellt wird. Die Pflanze hat lange und feste Blätter mit einer großen Wurzel, ähnlich wie das Blatt der Iris, aber sehr fest und knorrig. Sie verstärken diesen Saft mit einer Koloquinte. Der Apotheker von GuadalupeGuadalupe, Ort gab mir einen großen Vorrat von dieser Pflanze.
Die Stadt ist rund, ja fast eher triangulär angelegt und so groß wie NördlingenNördlingen, Ort. Während der Herrschaft der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) hatte sie siebentausend Häuser. Es gibt zwei wunderbare Häfen in Form von Halbkreisen mit drei sehr stark bewehrten Türmen an den Ecken3. Beim westlichen Hafen stehen ein großes Gebäude mit sieben Bögen, um die Schiffe und Galeeren unterzubringen und eine wunderbare Moschee mit 113 freistehenden Säulen, inzwischen ist es ein Bischofssitz.
Abb. 3:
Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 155v
Die wichtige Hafenanlage Málagas, nicht weit vom muslimischen Nordafrika entfernt, war durch zwei Becken und drei Türme gesichert, wie die Zeichnung verdeutlicht.
Die Stadt hat auch drei Klöster: der Minderbrüder, der Prediger und eine neue Gründung der Minderbrüder, welcher der Aragonese Bruder Bernhard BoilBernardo Boil/Bernal Boyl († 1507), zeitweise Sekretär Kg. Ferdinands des Katholischen, Gelehrter und Diplomat vorsteht. Er wurde als wirklicher Entdecker nach IndienIndien, L. entsandt4. Und er war mit uns in MadridMadrid, Ort beim König ausgesprochen vertraut5. Er erzählte mir viel von den [entdeckten] Inseln. Der Konvent liegt im Süden der Stadt in einer fruchtbaren Ebene mit Gärten, die früher üppig waren, nun aber durch die Belagerungszeit zerstört sind. In der Hauptmoschee ließ der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) ein wunderbares Altarbild6 zu Ehren des heiligen JohannesJohannes der Täufer, († um 29), Hl. des Täufers errichten, der sein Patron ist. Gemalt ist der König mit einer Tafel in der Hand, die die Aufschrift trägt: Non nobis domine etc., und die KöniginIsabella I., Kg. von Kastilien und León (1474–1504), Gemahlin Kg. Ferdinands II. von Aragón hat folgende Aufschrift: Benedicta sit sancta trinitas et indivisa unitas que fecit misericordiam nobis7.
Über die Burgen MálagasMálaga, Ort
Am Fuß eines Berges im Osten der Stadt steht ein sehr edles und großes KastellMálaga, OrtAlcazaba, gut befestigt und mit vielen Eisentüren und verschiedenen Schlössern versehen1. Oh, wie lieblich ist die Aussicht auf das Meer! Es gibt unter anderem drei Grotten oder drei große Verließe, die in das sehr harte Gestein geschlagen sind, wie auch in GranadaGranada, Ort2, in denen die christlichen Gefangenen bewacht wurden. Nachdem wir den Herrn Kastellan3 der Burg erreicht hatten, empfing uns dieser dank unserer vorgenannten Empfehlungsschreiben4 sehr freundlich und ließ uns durch einen Bediensteten zur Befestigung der höher gelegenen Burg führen, die auf einem Berggipfel zwischen zwei Mauerreihen steht5. Oh welch schönes und gut befestigtes Kastell! Von dort kann man bei freiem Himmel leicht AfrikaAfrika, L. und das berberische Land erkennen. Ich schätze eine Entfernung von etwa 15 kleinen Meilen6. Wir sahen auch eine kleine königliche Moschee und erlesene Monumente mit einigen sehr schönen Beispielen von Mosaiken im Stil der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime)7.
Über den vom König von KastilienKastilien, L. errungenen Sieg über MálagaMálaga, Ort
Die Lage, der Seehafen und die zwei uneinnehmbaren Burgen machten MálagaMálaga, Ort zu einer sehr befestigten Stadt1. Der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) belagerte sie sechs volle Monate2 vom Lande und vom Wasser her. Er schnitt alle Versorgung ab und unterwarf sie dem Aushungern, so dass die Wachen über den Mauern täglich nur zwei Unzen an Brot ausgaben, und die Armen, ja auch die anderen, sich gezwungen sahen, Brot herzustellen, indem sie Holz und die oberen Teile der Dattelpalmen – wo sie relativ weich sind –zum Mahlen gaben. Schließlich verließen fünftausend SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) mit ihren Frauen die Stadt über das Meer in Richtung auf die westlich gelegenen Küstengebirge, die noch voll von Sarazenen waren3. Aber das Heer von König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) verhinderte dies, tötete viele von ihnen und zwang die anderen wieder zurück in die Stadt. Schließlich übergaben sie sich in die Huld des Königs, der fünftausend Menschen einzeln verkaufte, einen für 30 Dukaten, mit der Maßgabe, dass jeder sich mit weiteren 30 Dukaten freikaufen könne4. Nachdem die Stadt erobert worden war, leisteten (die Bewohner der) Burg noch fünfzehn Tage Widerstand. Schließlich ergaben sie sich auch. Es wäre noch viel hierüber zu schreiben, so zum Beispiel, wie ein gewisser Sarazene, der unter ihnen als heilig galt, aus Málaga floh und sich in das Heer des Königs einreihte. Er verletzte einen gewissen Grafen Don Álvaro von PortugalÁlvaro de Portugal-Braganza / Álvaro de Braganza y Castro († 1504), portugiesischer Adliger, Exilant5 tödlich, von dem er glaubte, dieser sei der König. Diesen Álvaro, dessen Bruder FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) der König von PortugalPortugal, L.6 enthaupten ließ7, sah ich in MadridMadrid, Ort und sprach mit ihm. Der Sarazene wurde von den Christen in kleinste Teile zerstückelt8.
Einstmals, vor siebzig Jahren, als die Mohammedaner MálagaMálaga, Ort beherrschten, töteten sie alle Christen bis zum letzten. Deshalb schwor der König, das gleiche zu tun. Aber er war von Milde und Menschlichkeit bewegt und verkaufte sie (die unterworfenen SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime)) deshalb als Gefangene9. In den Tagen des Januar 1494 (schon vor 10 Monaten), gab es in Málaga ein großes Erdbeben, das viele Türme und Gebäude einstürzen ließ10. Auch die Erde im HafenMálaga, OrtHafen bebte so sehr, dass viele Schiffe aufs Trockene gehoben wurden, bis dass das Land sich wieder beruhigt hatte.
Nachdem der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) MálagaMálaga, Ort erobert hatte, stellte man ihm 752 christliche Gefangene vor, die durch so starken Hunger ausgemergelt waren, dass der König sie mit einer Hühnersuppe und anderen Lebensmitteln wieder zur Gesundheit zurückführte. Unter ihnen befand sich ein gewisser Deutscher aus ZürichZürich, Ort, Heinrich MurerMurer, Heinrich (Heinricus Murer), Zürcher Bürger11, der 4 Jahre lang in harter Sklaverei gelebt hatte12. Unter den anderen gab es auch einen sehr Alten mit Bart, der versicherte, 48 Jahre lang gefangen gewesen zu sein. Zu ihm sagte die Königin: „Was hättest Du gedacht, wenn man Dir im ersten Jahr deiner Gefangenschaft gesagt hätte: Dein Retter ist wie wir noch nicht geboren worden?“. Darauf antwortete dieser traurig: „Ich wäre vor Schmerz gestorben“. Die Gefangenen verließen die Kerker mit einem kleinen Holzkreuz und riefen mit lauter Stimme: „Du bist gekommen, oh Retter der Welt!13 Du hast uns aus den Schatten der Hölle befreit!“ Sie warfen sich vor dem König und der Königin zu Boden und sagten unter großen Tränen: „Oh Kreuz, rette uns, Du einzige Hoffnung! Nicht uns, sondern Deinem Namen gebührt die Ehre!“14 Wieviel Traurigkeit war dort mit Jubel gemischt! 9 christliche Gefangene, die dem Glauben weiterhin absagten, wurden nach der Eroberung Málagas vom christlichen König mit zugespitzten Schilfrohren tödlich durchbohrt. 2 waren Lombarden und 7 Spanier aus KastilienKastilien, L.. Nachdem sie mit Rohren getötet worden waren, verbrannte man ihre Leichname. Oh christlichster König15, dein Lob werde ich ewig singen!
In einem gut bewässerten Tal, 5 Meilen von MálagaMálaga, Ort entfernt, liegt eine Burg, die der König mit Gewalt einnahm. Nachdem er sich der Burg bemächtigt hatte, verlangte er nach den christlichen Gefangenen, welche die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) vorher in Höhlen mit Steinen gepeinigt hatten. Als die Sarazenen nur noch die Leichen herbeibrachten, befahl der König, alle Sarazenen zu töten. So blieb es: Wenn er irgendeine Stadt belagerte, ordnete er zunächst an, dass sie die Gefangenen nicht töten sollten, andernfalls würde er im Fall des Sieges alle enthaupten lassen. Aus Furcht töteten die Sarazenen später nur noch sehr wenige. Im ganzen Heer hatte (der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516)) immer Glocken, bei deren Geläut die Sarazenen sagten, als sie das vernahmen: „Wir hörten den Klang der Glocken und der kleinen Glocken, aber dem König fehlt noch die Kuh“. Schließlich jedoch besiegte der König mit göttlicher Hilfe alle Kühe, das heißt die Sarazenen. Während aber die christlichen Gefangenen Málaga verließen, gab es viel Trauer, blieb das Bild des Todes lebendig und waren so viele mit Ketten gefesselt, dass kaum zwei große Wagen die Ketten transportieren konnten, die man ihnen von den Füßen genommen hatte.
Am 30. Oktober nach Mittag verließen wir MálagaMálaga, Ort über sehr hohe Berge, wie den Puerto de LeónPuerto de León, Berg oder andere, und durch einige Täler, wo der König zu Kriegszeiten einen wunderbaren Weg hatte befestigen lassen, um Kriegsgerät zu transportieren. Wir ließen zur Linken RondaRonda, Ort und MarbellaMarbella, Ort liegen und kamen nach vielen Ortschaften und Häusern am dritten Tag nach OsunaOsuna, Ort, einer Stadt des Marquis von CádizRodrigo Ponce de León († 1492), Marquez de Cádiz, Historiograph16. Wir sahen dort mehr als 300 SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) hinter Gittern gefangen. MarchenaMarchena, Ort und MairenaMairena, Ort (del Alcor), Orte unter der Herrschaft des gleichen Marquis, waren ebenso voller Gefangener. Schließlich kamen wir am vierten Tag nach SevillaSevilla, Ort. Der König hatte den Gefangenen das Vorrecht gewährt, dass alle, die nach GranadaGranada, Ort gingen (das schon drei Jahre zuvor erobert worden war), die Freiheit erhielten. Deshalb bewachten die Christen sie in ihren Gebieten sorgfältig, um zu vermeiden, dass die Gefangenen – von ihren Fesseln befreit – nach Granada als Asyl der Freiheit flüchteten.
Über die Stadt Hispalis, die heute SevillaSevilla, Ort heißt
Am 4. November verließen wir früh MairenaMairena, Ort, und nach 4 Meilen kamen wir zu der sehr bekannten Stadt des andalusischen Reiches, die heute SevillaSevilla, Ort und auf Latein Hispalis heißt. Diese Stadt liegt in einer sehr schönen und wunderbaren Ebene, größer, als ich je eine in SpanienSpanien, L. sah, sehr fruchtbar an Öl, edelstem Wein und allen Arten von Früchten. Ich stieg auf den höchsten Turm1 der Kirche der seligen JungfrauSevilla, OrtSanta María de la Sede, K.Maria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi Maria, dies war zuvor die Hauptmoschee gewesen2; von dort aus betrachtete ich selbst die Stadt und bemerkte, dass sie zweimal größer als NürnbergNürnberg, Ort war. Sie ist insgesamt rund angelegt und liegt auf flachem Grund. Entlang der Mauern gegen Westen fließt der GuadalquivirGuadalquivir (Betis), Fluß, ein sehr edler Fluss, der breit und schiffbar ist; zu Zeiten von Meeresflut steigt der Wasserstand tagsüber bis zu drei oder 4 Ellen an, dann führt der Fluss ein etwas salziges Wasser. Bei Ebbe sinkt der Wasserspiegel, und das Wasser ist sehr gut und sehr süß. Sevilla verfügt über noch mehr Trinkwasser. Unter anderem gibt es eine Wasserleitung mit 390 Bögen, von denen manche sogar doppelt wegen der Ungleichheit und Unebenheit des Geländes gebaut sind. Dieses Wasser, ich wiederhole es, ist sehr nützlich zum Bewässern der Gärten, zum Säubern der Straßen, der Häuser und auch zu anderen Dingen3. Der Ort hat weiterhin viele bekannte Klöster von FranziskanernSevilla, OrtSan Francisco, Kl.4, AugustinernSevilla, OrtSan Agustín, Kl.5, DominikanernSevilla, OrtSan Pablo, Kl.6, von Nonnen und anderen7.
Über die HauptkircheSevilla, OrtSanta María de la Sede, K. der heiligen Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi
Die Stadt SevillaSevilla, Ort wurde vor einhundertsiebzig Jahren den Händen der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) entrissen und wurde christlich1. Noch heute gibt es unzählige Gebäude und Überreste der Sarazenenzeit. Die Leute von Sevilla und CórdobaCórdoba, Ort unterstützten den König deshalb mit großen Hilfstruppen bei der Eroberung von GranadaGranada, Ort, weil sie benachbart und diesem Gefahrenherd nahe waren. Die Sevillaner trugen zu diesem Krieg mehr als eine Million Dukaten bei, das heißt zehnmal hunderttausend. Das gleiche taten die Cordobeser2.
Unter anderen Dingen gab es eine sehr große Moschee, deren Garten und drei Gebäude noch bestehen. Die Länge der gesamten Moschee misst 250 Schritte, und die Breite beträgt 190. Die Länge des Gartens messe ich heute mit 140 meiner Schritte. In der Mitte des Gartens gibt es einen sehr schönen Brunnen, in dem sich die Muslime wuschen. Nachdem der Brunnen aber zerstört worden war, wurde an seiner Stelle ein besserer, schönerer aufgestellt. Vorne auf den Steinen stehen folgende Verse geschrieben:
„Seine königliche Majestät gab mir nach dem Sieg über die Mauren dieses schöne Wasser, nachdem ich zusammengebrochen war.“3
Mit diesem Wasser wird heute der ganze Garten bewässert, in dem viele Zitronen- und Limonenbäume, Apfelsinenbäume, Zypressen und Dattelpalmen wachsen. Die Hälfte von dem, was ehemals Moschee war, ist heute verfallen, und an der Stelle erhebt sich eine wunderbare Kirche zu Ehren der seligen Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi. Es ist ein so bewundernswertes Werk, wie es in ganz SpanienSpanien, L. kaum mehrere gibt. Die Kirche ist schon vollendet, aber der Chorraum bisher noch nicht. Das ganze Gebäude misst 200 Schritte in der Länge und 117 in der Breite. Es gibt sieben Schiffe4, an deren beiden Seiten wunderbare Kapellen anschließen, weiterhin 45 freistehende Säulen und ein sehr schönes Chorgestühl. Dort dienen 40 Kanoniker und 40 Pfründner sowie 20 weitere Würdenträger und Ministranten. Sie erhalten fette Pfründen von zweihundert und 300 Dukaten, und der Klerus folgt dort der Observanz. Manche sehr hohe und oktogonale Säulen haben einen Umfang von 25 Schritten. Außerdem gibt es sehr hohe und sehr breite Bögen. Ich glaube, dass die Kirche in 6 Jahren vollständig vollendet sein wird5. Alles ist aus behauenen, härtesten Steinquadern, die aus dem Küstengebirge des Reiches von GranadaGranada, Ort stammen und über den Fluss GuadalquivirGuadalquivir (Betis), Fluß nach SevillaSevilla, Ort transportiert werden.
SevillaSevilla, Ort ist 14 kurze Meilen vom Meer entfernt6, und über den Fluss GuadalquivirGuadalquivir (Betis), Fluß können Schiffe von 150 Tonnen7 zur Stadt gelangen. Der Fluss ist der Bevölkerung sehr nützlich, dort wächst edelster Wein8. Es gibt Malvasiawein im Überfluss9, und die Oliven sind so dick wie bei uns die Damaszenerpflaumen, die „Spilling“ heißen10. Man kann es schwer glauben, wenn man es nicht sieht. Der Graf und königliche Präfekt in Sevilla heißt Juan de SilvaJuan de Silva y Téllez de Meneses († 1464), erster Gf. von Cifuentes, Graf von CifuentesCifuentes, Ort11. Er gab uns auf unsere Bitte hin Geleitbriefe, um die Grenze von KastilienKastilien, L. zu überschreiten, und versprach, uns alles mögliche Gute zu erweisen.
Der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) reformierte in SevillaSevilla, Ort viele Klöster12, darunter das der Minderbrüder, die in Aufruhr und unter Verwendung ihrer Privilegien den König öffentlich exkommunizieren ließen. Der König erlaubte sogar, dass diese Exkommunikation jeden Sonntag verkündet wurde, blieb jedoch fest bei seinem Vorsatz. Nachdem er durch Geduld von der Fessel seiner Exkommunikation befreit war, verpflichtete er die Mönche, die Observanz zu beachten. Der König wollte auch für Gerechtigkeit sorgen und beauftragte alle Rechtsträger, bei den öffentlichen Sitzungen unter den Arkaden zu stehen; und die Namen der Kläger sollten in einem Register unter Hinzufügung ihrer Entschädigungen neben ihren Namen erfasst werden, denn früher hatten sie die Armen in ihren Häusern schwer ausgepresst13.
In SevillaSevilla, Ort gab es vor der Eroberung durch den König so viel Hass, dass nachts niemand sicher draußen gehen konnte. Die Leichenträger kamen sogar nachts in die Häuser und nahmen wie Diebe Gold, Schmuck und alles mit, was sie fanden. Es gab in der ganzen Provinz keinen sicheren Ort, weder innerhalb noch außerhalb der Mauern. Oh glorreicher König, der mit seiner starken Hand dem allem ein Ende setzte!
Über die Kartause zur Heiligen MariaSevilla, OrtSanta María de las Cuevas / La Cartuja, Kl., die „Kofes“ genannt wird
Außerhalb der Mauern von SevillaSevilla, Ort, auf der anderen Seite des GuadalquivirGuadalquivir (Betis), Fluß nach Westen hin, steht ein beachtenswertes Kartäuserkloster, das Santa Maria de las CuevasSevilla, OrtSanta María de las Cuevas / La Cartuja, Kl. genannt wird1. Es ist ein sehr vornehmes Gebäude mit einem so schönen Refektorium und Tischen aus schneeweißem Marmor, von denen sie essen, dass es nichts Besseres gibt. Und wie schön die KapelleSevilla, OrtSanta María de las Cuevas / La Cartuja, Kl.Capilla de Santa Ana, K. des Kapitels ist! Es gibt edelste Zellen und darüber Schlafräume, schöne Gärten und Kreuzgänge, die vor den Zellen bestens angelegt wurden. Im Mittelpunkt befindet sich ein lieblicher Garten mit verschiedenen Figuren aus Myrte, Apfelsinenbäumen und Jasmin, wie man kaum glauben kann. Ich sah auf ihrem Friedhof auch einen Baum mit sehr großen Blättern, deren Breite zwei und deren Länge 4 Fuß betrug. Sie sagten, dass es eine Platane sei, aber dem ist nicht so, weil er in der Höhe nicht breiter wird. Sie glauben, dass sie weder Früchte noch Samen je gesehen hätten. Ihre Blätter jedoch sind sehr grün und ähneln sehr stark in der Form dem Hibiskus2.
Außerhalb des KlostersSevilla, OrtSanta María de las Cuevas / La Cartuja, Kl. und der Zellen werden zwei sehr große Gärten durch zwei Maultiere (mit Wasser) aus dem Fluss GuadalquivirGuadalquivir (Betis), Fluß bewässert. Es sind, wie ich wiederhole, wunderschöne Gärten mit Zitrusfrüchten, Apfelsinen, Granatäpfeln, Feigen, Mandeln, Wein und Birnen; die Früchte hingen noch an den Bäumen. In der Tat habe ich nie schönere Gärtlein gesehen. Die Bewässerungskanäle sind vorzüglich angelegt. Die Konversen haben ebenso einen eigenen Kreuzgang mit marmornen Säulen und kleinen, wunderschön angelegten Gärtlein sowie ihre wunderbar angelegten Wohnstätten. Zu jener Zeit gab es 40 Patres und 30 Konversen. Und der Pater Prior war ein sehr ehrwürdiger Mann, alt und gelehrt; er wohnte in einer eigenen Wohnung mit einem sehr schönen Kreuzgang. Wir sahen ebenso ihren langgestreckten Keller, in dem es 93 sehr große Amphoren gab, die mit Wein gefüllt waren. Ich glaube, dass zwei Nürnberger Fässer etwa drei Amphoren entsprechen. Sie enthielten einen köstlichen Wein wie den Malvasier. Wir sahen auch den Tabernakel hinter dem Hauptaltar, der so sehr mit Gold, Silber und Elfenbein verziert war, dass es unbeschreiblich ist. Sie warteten uns in wunderbarer Weise mit verschiedensten Ehrerbietungen auf. Nachdem die Erlaubnis gegeben war, betraten sie mit uns den Garten und versicherten, dass unsere Gebräuche, religiöse Praktiken, Kleider, Spiele und viele andere Dinge sie sehr erfreut hätten. Ich glaube, abgesehen von der Kartause in PaviaPavia, Ort3, gibt es keine schönere. Außerdem sind sie sehr reich. Sie erhalten viertausend Dukaten an jährlichem Einkommen. Die Lebensmittel sind dort ebenfalls sehr billig, weil die ganze BaeticaBaetica (Hispania Betica), röm. Provinz sehr fruchtbar ist.
Über das königliche SchlossSevilla, OrtAlcázar in SevillaSevilla, Ort
Das Schloss von SevillaSevilla, Ort wurde von Grund auf von König AlfonsAlfons X. der Weise, Kg. von Kastilien und León (1252– 1284) errichtet1, dem Autor der Tafeln zu den Himmelsbewegungen2, dessen Vater FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516)3 Sevilla aus den Händen der Mauren befreite. Dieses SchlossSevilla, OrtAlcázar ist sehr groß, etwas kleiner als die Befestigung der AlhambraGranada, OrtAlhambra in GranadaGranada, Ort. Es ist im gleichen Stil gebaut mit den Palästen, Hallen, Wegen und Wasserläufen; es ist verziert mit Marmor, Gold und Elfenbein, obwohl es nicht so große Marmortafeln gibt. Die äußere Anlage gleicht jedoch nicht derjenigen in Granada, denn das Schloss liegt in einer Ebene. Aber es hat 6 oder 10 Gärten, große und kleine, mit Zitronenbäumen, Zitrusfrüchten, Apfelsinenbäumen, Myrten und fließendem Wasser, dass man es nicht beschreiben kann. In jenem Schloss wurde der Sohn des KönigsFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) geboren, der künftige Herrscher4, und wir sahen den Raum seiner Geburt. Damals litt die KöniginIsabella I., Kg. von Kastilien und León (1474–1504), Gemahlin Kg. Ferdinands II. von Aragón unter der kurzen schmerzhaften Entbindung. Die Sevillaner erwarteten die Ankunft ihres Königs, und deshalb pflasterten sie ihre Straße und richteten vieles. Der König baut zurzeit viele neue Gebäude, restauriert die alten zerstörten Häuser und bereitet drei Wohnungen für sich, für seinen Sohn und für die Königin vor. Diese drei sind so einzigartig, vorzüglich und adäquat eingerichtet, dass niemand sie tadeln kann. Wir sahen auch viele andere Dinge. Als wir das Schloss verließen, stiegen wir zu einer in der KathedraleSevilla, OrtSanta María de la Sede, K. erhöht gelegenen KapelleSevilla, OrtSanta María de la Sede, K.Capilla Real, K. hinauf. Dort hörten wir die Messe und sahen die vorzüglichen Gräber der Könige von KastilienKastilien, L.5. Der König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) III. von Kastilien verehrte besonders die Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi. Er war fest davon überzeugt, dass er mit ihrer Hilfe Sevilla zurückerobern könne. Deshalb ließ er sich ein Bild aus Holz anfertigen, das in allen Gliedmaßen beweglich war, und auch ein Bild Christi, wie er in der Wiege sitzt, ebenso beweglich. Seit alters her gab es in deren Moschee ein Bild der seligen Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi6, das diese den Christen weggenommen hatten. Keiner hatte gewagt, es zu zerstören, der Blinden, Tauben und Behinderten wegen. Schließlich erhielt der König im Traum eine Weisung, dass man dieses Bild in besonderer Weise verehren solle und innerhalb kürzester Zeit würde Sevilla fallen. Dies tat er, und in wenigen Tagen ergab sich Sevilla. Seit dieser Stunde verehrte er (Ferdinand III.Ferdinand III. der Hl., Kg. von Kastilien und León (1217–1252)) die selige Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi ehrfürchtig, nichts war wichtiger. Immer, wenn er in eine Schlacht zog, nahm er dieses Bild mit sich, das aus Gold und Silber gefertigt war, und erreichte durch dessen Wunderkraft vieles.
Wir sahen auch ein Bild Ferdinands des ÄlterenFerdinand III. der Hl., Kg. von Kastilien und León (1217–1252) mit seiner deutschen FrauBeatrix von Schwaben († 1235), Gemahlin Kg. Ferdinands III. von Kastilien und León und eine andere Statue seines Sohns AlfonsAlfons X. der Weise, Kg. von Kastilien und León (1252– 1284)7, weiterhin eine Krone der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi, aus reinstem Gold gearbeitet und mit wertvollen Gemmen, Saphiren, Smaragden und Marmor verziert, was man nur schwer beschreiben kann. Er nahm dieses Bild immer mit sich in die Schlacht und verehrte es ehrfürchtig, und er schmückte das Haupt mit einer Krone aus reinstem Gold, mit Smaragden, Perlen und anderen Gemmen. Wir haben sie in unseren Händen gehalten und hielten sie für gewichtig. Meistens warf er die Mauren mit Hilfe der seligen Jungfrau nieder8. Wir sahen dort auch viele weitere Dinge, die es wert wären, beschrieben zu werden, die ich aber aus Gründen der Kürze weglasse.
Außerhalb der Stadt, auf der anderen Seite der Brücke, die mit Kähnen über den GuadalquivirGuadalquivir (Betis), Fluß konstruiert ist, gibt es ein sehr langgestrecktes Viertel namens TrianaSevilla, OrtTriana, Stadtteil, wo man so große Gefäße aus Töpferlehm für Wein, Öl und anderes herstellt, dass in vielen leicht 12 oder 13 Amphoren mit Wein unterzubringen sind. Hätte ich es nicht gesehen, würde ich es schwerlich geglaubt haben.
IV. Von NieblaNiebla und Geschlecht, Ort bis PortoPorto, Ort

Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 162v
Am 11. November, dem Festtag des heiligen MartinMartin, Hl., Bf. von Tours (371–397), verließen wir SevillaSevilla, Ort und durchquerten eine sehr große und fruchtbare Ebene1 mit vielen Olivenbäumen und Häusern; sie war 15 Meilen lang und 5 Meilen breit. Wir kamen schließlich bei Sonnenuntergang sehr spät in der Nacht am Ort SanlúcarSanlúcar, Ort an, nachdem wir vom Morgen an und den ganzen Tag hindurch zu Pferde 4 Meilen stramm geritten waren, vorbei an der Stadt NieblaNiebla und Geschlecht, Ort, die zur Grafschaft von MedinaMedina Sidonia und Geschlecht, Ort Sidonia2 gehört. Am nächsten Tag passierten wir die Grenzen des Reiches von KastilienKastilien, L., betraten das Reich PortugalPortugal, L. und gelangten zur Stadt SerpaSerpa, Ort. Von dort aus liegt etwa 12 große Meilen entfernt die Stadt ÉvoraÉvora, Ort. Es sind von Sevilla bis nach Évora 42 riesige Meilen. Wir ritten mit großer Anstrengung etwa drei oder 4 Stunden vor Sonnenaufgang bis spät in der Nacht, bis wir schließlich am 16. November in Évora ankamen, wo sich der König damals aufhielt3. Dort, vor dem Tor, sahen wir in der Kirche des heiligen BlasiusÉvora, OrtSão Braz, Einsiedelei des Hl. Blasius, Kl. und K.4 Teile einer Schlangenhaut, die aus GuineaGuinea, L. in ÄthiopienÄthiopien, L. stammte und die 30 Handspannen lang und so breit wie ein Mann war5; die Schlange war mit Feuerpfeilen getötet worden. Sie hatten sie (die Haut) entrollt vom Hals bis zum Schwanz, und dieser Teil war in so vielen verschiedenen und schönen Farben gemustert und mit Sternen und goldenen Bordüren verziert, dass dies Bewunderung hervorruft. Jene Haut misst 22 Handspannen, und man versicherte, dass sie (die Schlange) zwei Menschen verspeisen könne, indem sie sie erwürgt, und dass sie mit Elefanten kämpfe. Dies glaube ich vollkommen, denn schon PliniusG. Plinius Secundus Maior († 79), röm. Staatsmann und Gelehrter schrieb über die Tiere IndiensIndien, L. und Äthiopiens6, und heute holen sie diese als bewundernswerte Dinge aus Äthiopien und den anliegenden Inseln.
In ÉvoraÉvora, Ort steht auch ein vorzüglicher königlicher PalastÉvora, OrtPalácio Real de São Francisco7 und eine wunderschöne gewölbte KircheÉvora, OrtSão Francisco, K., die Bischofssitz8 ist. Sie hat einen sehr edlen Kreuzgang, durch den wir wie auf einem normalen Weg flanierten und die Lage der Stadt betrachteten, die größer als UlmUlm, Ort ist. Wir sahen im königlichen Hof sogar ein junges und wunderschönes Kamel, das er (der König) aus AfrikaAfrika, L. herbeiholen ließ, wo es viele gibt.
Der König Johann IIJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495).9 ist ein sehr menschlicher Herrscher und in allem sehr weise. Er regiert sein Reich in Frieden und Ruhe. Er ist äußerst leutselig und ein gründlicher Erforscher vieler Dinge. Wer immer zu ihm kommt und sich in Dingen des Krieges10, der Schifffahrt11 oder anderen Wissenschaften zu erkennen gibt, den hört er in Ruhe an, lässt Beweise und Darbietungen erstellen, und wenn er diesen für wahrhaftig und tauglich hält, gewährt er ihm alles12. Er hat auch eine große Gabe, durch Handel und andere Dinge Reichtümer zu erlangen. Er schickt Wolltuche verschiedener Farbe nach GuineaGuinea, L., ebenso wie Teppiche, die in TunisTunis, Ort gemacht werden. Auch handelt er mit Wurfspießen, Pferden und verschiedenen Handelswaren aus NürnbergNürnberg, Ort13, mit vielen Kupferkesseln, mit goldbeschlagenen Schüsseln, mit rotem Tuch, mit Stoffen aus EnglandEngland, L. und IrlandIrland, L.14 sowie mit unzähligen anderen Dingen. Ihm werden Gold, Sklaven, Pfeffer, Paradieskörner, zahllose Elefantenzähne und weiteres gebracht15.
Wir erlangten Zugang zu seiner Majestät durch den Doktor CataldusCataldo Siculo / Giovanni Cataldo Parisio († 1517), ital. Humanist, den königlichen Redner16. Er gab uns Briefe zum besseren Überschreiten der Grenze und Empfehlungsschreiben für LissabonLissabon, Ort, damit man uns dort alles zeige. Er rief mich viermal an seinen Tisch, sprach über verschiedene Dinge und erwies sich als sehr menschlich17. Meinen Begleiter Antonius HerwartHerwart, Anton (Antonius) (†1504), Augsburger Kaufmann, Ritter des Hl. Grabes aus AugsburgAugsburg, Ort schlug er öffentlich am Vorabend (des Festes der) der heiligen KatharinaKatharina von Alexandria († vermutlich 307/15), Hl. (24. November) in seiner Kapelle zum Ritter vom güldenen Sporn, er umgürtete ihn mit dem Schwert und übergab ihm vergoldete Sporen und einen Helm18. Als wir uns nach einem Abendessen im Palast von ihm verabschiedeten, am Tag der heiligen Katharina (25. November), umarmte er mich. Er hatte damals eine schlechte Farbe, denn seit dem Tod seines Sohnes Alfons, der vom Pferd gefallen war, ging es ihm stets schlecht. Man fürchtet, dass es Wassersucht sei, was Gott verhüten möge. Die Herrschaft eines so großen und gütigen Königs möge noch lange Zeit andauern19!
Er hat auch einen Bastardsohn Georg20, der 13 Jahre alt ist; er ist klug und gelehrt und kann Gedichte rezitieren wie kein anderer21. Der Erzieher Georgs ist der hochgelehrte CataldusCataldo Siculo / Giovanni Cataldo Parisio († 1517), ital. Humanist aus SizilienSizilien, L. (von der Universität) ParisParis, Ort, ein vorzüglicher Redner, der mir unzählige menschliche Liebenswürdigkeiten erwies22. Der Junge wäre des königlichen Szepters würdig, vor allem wegen der Schärfe seines Verstandes und seiner Sitten. Als er noch kleiner war, rebellierte er gegen seinen Meister, und Cataldus führte ihn mit Strafen und Drohungen zur Vernunft zurück, härter als normalerweise üblich, und zerstörte so die schlechten Gewohnheiten des Prinzen. Heute verkündet er (Georg) öffentlich: „Die harte Hand von Cataldus hat mir genützt!“ Was gibt es noch? Der junge Heranwachsende ist für sein Alter sehr humanistisch gebildet und kennt HorazQ. Horatius Flaccus († 8 v. Chr.), röm. Dichter, Virgil und andere Dichter. Er kann sogar selbst Verse zusammenstellen23.
Über Ulixbona, heute LissabonLissabon, Ort
Am 26. November verließen wir ÉvoraÉvora, Ort über MontemorMontemor-o-Novo, Ort – ein wunderschönes Schloss, umgeben von vielen Olivenbäumen –; wir durchquerten eine Landschaft 17 Meilen lang, folgten dann 3 Meilen einem Meeresarm und kamen schließlich in der ehrwürdigen Stadt LissabonLissabon, Ort an. Dort gibt es einen sehr hohen Berg, auf dessen Gipfel zwei königliche Befestigungen sind1. Unterhalb liegt der ganze bewohnte Hügel, voller Häuser, Klöster und anderer Kirchen. Im Westen erhebt sich ein weiterer Berg, dessen Ostseite ganz besiedelt ist. Die große Ebene in der Mitte ist bis zum Meer vollständig bewohnt. Lissabon ist größer als NürnbergNürnberg, Ort und wesentlich stärker besiedelt, denn in einem einzelnen Hause leben meistens 3, 4 oder fünf Bewohner. Es sind sogar eher drei Städte als zwei. Die Juden haben drei eigene ViertelLissabon, OrtJudiaria grande, Judiaria nova, Judiaria de Alfama, unterhalb des Schlosses, am Fuß des Berges, diese werden jede Nacht geschlossen2. Am Samstag, der Vigil von Sankt AndreasAndreas, Apostel, Hl. (29. November), ging ich in ihre Synagoge. Niemals sah ich etwas Vergleichbares. Vor der Synagoge steht ein großer Palast, den ein riesiger Weinstock verdeckt, dessen Stamm im Umfang 4 Handbreit misst. Oh, welch schöner Ort und Stuhl zur Predigt, fast wie in den Moscheen. Innen brannten 10 große Kandelaber, und in jedem von diesen gab es 50 oder 60 Lampen, ohne noch die weiteren zu zählen. Die Frauen hatten eine eigene Synagoge, in der ebenfalls viele Lampen brannten. Die Juden von Lissabon sind sehr reich, sie erhalten die königlichen Tribute, weil sie diese vom König kauften (pachteten)3. Und sie sind den Christen gegenüber unverschämt. Sie haben auch große Angst vor Proskriptionen, weil der König SpaniensSpanien, L. dem König PortugalsPortugal, L. befahl, er solle die MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten vernichten und ebenso die Juden, oder er würde Krieg mit ihm beginnen4. Der König von PortugalJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495) verhielt sich korrekt gegenüber dem König von SpanienFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) und befahl, dass vor dem Fest der Geburt des Herrn alle Marranen sein Reich verlassen sollten. Diese hatten das Schiff Regina unter Vertrag genommen, ein sehr schönes Schiff, und schon Mitte Dezember sollten sie nach NeapelNeapel, Ort aufbrechen5. Den Juden gewährte der König einen Waffenstillstand von zwei ganzen Jahren, damit er sie in einer verträglichen Form aus dem Reich vertreiben könne. Unter diesen Bedingungen verlassen die Juden kontinuierlich das Reich und suchen außerhalb Orte, um zu leben. Die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) haben bei den Mauern der Stadt unterhalb des Schlosses ihre WohnviertelLissabon, OrtMouraria und eine Moschee6, die wir besuchten.
Auf dem Berg, der dem Schlossberg gegenüber liegt, gibt es ein Kloster mit KarmelitinnenLissabon, OrtConvento do Carmo, Kl.7, das so wunderbar von dem Infanten HeinrichHeinrich der Seefahrer († 1460), Infant von Portugal8 erbaut wurde, dass du dich in einer Befestigungsanlage wähnst. Ich stieg auf den dortigen Turm und betrachtete die Lage jenes Stadtteiles, dies gefiel mir gut. Auf demselben Berg liegt das Kloster der Heiligsten DreifaltigkeitLissabon, OrtConvento da Santissima Trindade, Kl.9 und der Minderbrüder10. Dort sahen wir ein großes Krokodil, das im Chor aufgehängt war, ebenso einen großen Baum, der Drachenbaum genannt wird und aus dem ein roter Saft wie Drachenblut fließt11. Im Kloster des heiligen AugustinusLissabon, OrtSão Vicente de Fora, Kl.Aurelius Augustinus Hl., Kirchenvater, Bf. von Hippo (395–430)12, das oberhalb des Kastells liegt, gibt es ebenso drei weitere Drachenbäume. Einer von ihnen war äußerst dick, zwei Männer können seinen Stamm kaum umfassen. Er ist groß wie eine Pinie, und im Gipfel teilt er sich in viele große Zweige mit Verästelungen auf wie die Wurzel des Kalmus, und aus der letzten Verästelung geht ein großer Strauß an Blättern hervor, die wie die Blätter des Kalmus oder der Iris aussehen, dick und breit. Und eine Dolde ist so groß und dick wie bei den Dattelpalmen, sie trägt viele Kerne wie die Haselnüsse, von gelber Farbe. Im Januar, wenn sie reifen, werden sie süß und rot, aber in dieser Gegend werden sie nicht häufig gegessen. Das Holz dieses Baumes hat außen eine dicke Rinde, innen ist das Holz hell und schwammig wie das innere Holz des Zitrus’ oder der Rübe. Und in den Spitzen der Äste ist es sehr weich, aber an der Wurzel ist der Stamm sehr hart. In GuineaGuinea, L. und auf anderen Inseln fressen die Pferde auf der Weide die Blätter dieser Bäume. Dort sind diese so groß, dass die Äthiopier von einem Ast Schiffe für 3 oder 4 Personen machen, und aus dem ausgehöhlten Stamm fertigen sie ein Schiff für 50 oder 60 Leute. Dies erzählten mir vertrauenswürdige Menschen, die das in den Gegenden am Äquator sahen. Das Holz dieses Baumes ist schwammig, hell und leicht wie das Sambuccamark und lässt sich leicht aushöhlen, es ist voll mit kleinen Venen. Und im März kann man einen roten Saft gewinnen, der wie Drachenblut aussieht. Es ist ein wunderschöner Baum, der in den sehr warmen Gegenden zu höchster Größe wächst, vor allen Dingen an Orten mit reichlich Wasser, weil er sehr nach Wasser dürstet.
Am Sonntag, dem letzten des Monats November (30. November), gingen wir eine Meile aus LissabonLissabon, Ort heraus nach Santa Maria da LuzNossa Senhora da Luz, Ort, wo die Jungfrau ihrer Wunder wegen bekannt ist13. Dort sahen wir den Schnabel eines Vogels, der Pelikan heißt, der demjenigen einer Kropfgans ähnelt, obwohl er nicht so breit ist; er hat einen großen Beutel vor der Magenmündung. Der Pelikan ist kleiner als der Schwan, größer als die Gans, und seine Federn sind gänzlich aschgrau. Es gibt ihn vielfach in GuineaGuinea, L.14. Wir sahen auch einige Zuckerrohre, welche Meeresstürme von Osten bei den Inseln MadeiraMadeira, Insel und FayalAzoren, InselgruppeFayal angeschwemmt hatten; eins von zwei Rohren maß 16 Schritte. Es war so dick wie mein Unterarm am Handansatz, und die Astgabeln waren eine Elle weit auseinander. Deshalb glaube ich PliniusG. Plinius Secundus Maior († 79), röm. Staatsmann und Gelehrter, wenn dieser im 6. Buch von der Größe der Zuckerrohre handelt15. Wir sahen auch kleine Lanzen, die aus Zuckerrohr messerscharf angespitzt waren, welche die Äthiopier „hasagayas“16 nennen; es sind Bögen, und Pfeile mit spitzen Eisenpunkten, die alle aus Zuckerrohr gefertigt sind. Wir erblickten weiterhin ein kleines Krokodil und einige Kämme von sehr großen Fischen; sie gleichen dem Kamm, der aus hartem Knochen gemacht ist, mit dem jener Fisch die Schiffe wie mit einer Säge zerschneidet17. Wir sahen solche sehr harten Sägen, die eine Handspanne sowie zwei Ellen in der Länge messen.
Am gleichen Tag stiegen wir zum SchlossLissabon, OrtCastelo de São Jorge18 hinauf und erblickten zwei starke Löwen, so schön, wie ich niemals gesehen habe. Ebenso sahen wir eine Kosmographie, die auf einer großen und vergoldeten Tafel aufgezeichnet war, deren Durchmesser 14 Handspannen betrug19. Es ist ein wahrhaft königliches SchlossLissabon, OrtCastelo de São Jorge mit seinen Palästen, Sälen und anderen Dingen. Als wir das Schloss in Richtung Meer verließen, betraten wir ein großes und sehr bekanntes Schiff eines gewissen adeligen Deutschen aus DanzigDanzig, Ort, dessen Name Bernhard FechterFechter, Bernhard, dt. Adliger20 lautet; er erwies uns größte Ehre. Er ließ für uns einen Schinken zubereiten, der westfälisch „Hamen“ heißt, ebenso einige gegrillte Lammschultern. Und ich trank bestes Bier aus EnglandEngland, L. und Danzig, in reichem Maße, und es bekam mir gut. Derselbe Bernhard FechterFechter, Bernhard, dt. Adliger21 hatte im Britannischen Meer22, als ein Unwetter auf See sie bedrängte, zwei (Menschen) in ein Boot geschickt, die sich bei dem Unwetter mit ihren Rudern zum Schiff hin bewegten, um das Boot an Bord zu bringen, aber das vom Schiff gelöste Boot wurde plötzlich vom Schiff abgetrieben. Jene zwei blieben 10 Tage und 11 Nächte ohne Speise, Trank und Ruder dem Meer ausgesetzt und wurden am 11. Tag von einem Fischer gefunden. Von ihnen starb der schwächere, als der Fischer sie mit Brot und Bier wieder zu beleben versuchte. Der andere wurde nach und nach ernährt und gewann die Gesundheit wieder. In London,London, Ort in England traf er BernhardFechter, Bernhard, dt. Adliger23. Wir sahen diesen auch in LissabonLissabon, Ort. Man sehe, dass ein Mensch 11 Tage ohne Essen und Trinken aushalten kann24! Dieses Schiff war mit besten Geschützen ausgerüstet, mit Mörsern, Pfeilen, Lanzen, Wurfspießen und allen Geräten, die für den Seekrieg wichtig sind. Er hatte 100 Leute unter sich und war bestens ausgestattet. Auf dem Schiff war auch ein Mönch des Predigerordens aus EsslingenEsslingen, Ort in SchwabenSchwaben, L., den Bernhard sehr lobte, weil dieser sehr gut auf Kriegsdinge vorbereitet sei. Oh Mönch, überall bist du zu finden!
Nachdem wir dieses Schiff verlassen hatten, betraten wir das Schiff Regina. Oh, welch schönes und gut ausgerüstetes Schiff dies ist! Es besitzt 36 sehr große Geschosse und 180 andere Geschütze, viele Pulverfässer, Pfeile, Lanzen, Wurfgeschosse, und es ist vorbereitet, um die MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten in den Dezembertagen nach NeapelNeapel, Ort zu bringen25. Es waren für das Schiff 30 Schützen bestellt, allesamt Deutsche, deren Anführer war Gregor PietPiet, Georg, deutscher Schütze von AtzmoosAtzmoos, Ort, einem Ort oberhalb von FeldkirchFeldkirch, Ort bei SargansSargans, Ort26, ein guter und ehrlicher Mann, den der König sehr schätzte.
Im Meereshafen werden in großer Anzahl die verschiedensten Lebensmittel verkauft: Früchte wie Haselnüsse, Walnüsse, Zitronen, Mandeln, Feigen, und so viele Äpfel, wie man sich nicht vorstellen kann. Niemals sah ich eine größere Menge an Äpfeln zum Verkauf, auch nicht in NürnbergNürnberg, Ort im Herbst oder zu Beginn des Winters, wenn sie normalerweise feilgeboten werden. Und welche verschiedenen Arten von Fisch, die sie Sardinen nennen und die sie 4 Meilen entfernt in der Seestadt SetúbalSetúbal, Ort in so großer Menge fangen, dass es genug für ganz PortugalPortugal, L., SpanienSpanien, L., RomRom, Ort, NeapelNeapel, Ort und KonstantinopelKonstantinopel, Ort gäbe. Ich spreche nicht von Thunfisch, Delphinen und anderen Fischen.
An der Vigil AndreasAndreas, Apostel, Hl.‘ (29. November27) führte man uns auf königlichen Befehl zu dessen La MinaElmina / São Jorge da Mina, Ort28, einem großen Gebäude im Hafenbereich, wo riesige Vorräte an Waren des Königs aufbewahrt werden, die dieser nach ÄthiopienÄthiopien, L. schickt. Wir sahen viele Tücher in verschiedenen Farben, die der König aus TunisTunis, Ort herbringen ließ, ebenso Teppiche, Leinwand, Kupferkessel, Schüsseln, Rosenkränze aus Zitronenkernen und aus Glas sowie viele andere Dinge. In einem anderen Gebäude erblickten wir dann, was sie aus Äthiopien herbeibringen: Paradieskörner29, verschiedene Büschel und Dolden von Pfeffer, die sie uns in großer Menge schenkten, und weiterhin Elefantenzähne. Alles Gold wurde nun zu Geld geprägt: Es wird als geschmolzenes und zubereitetes Gold gebracht. Nur selten kommt derartiges Mineral, das sich in rötlichen Böden findet, fast vollständig golden vor. Am Ende dieses Buches, im Kapitel über die südlichen Inseln und Äthiopien, findest du Ausführlicheres über dieses Thema30.
Am 20. Dezember verließen 4 Schiffe wie das der Regina mit 800 MarranenMarranen, jüdisch- christliche Konvertiten sowie ein anderes Schiff, das Aguila hieß, mit einer großen Menge Zucker und 200 Menschen, Kaufleuten und Fremden, das einen guten Schiffseigner besaß, den HafenLissabon, OrtHafen. Die Aguila, so sage ich, erlitt an jenem Tag 5 Meilen vom Hafen LissabonLissabon, Ort entfernt, plötzlich Schiffbruch wegen großer Unwetter31. Wir verließen an ebendiesem Tag SantiagoSantiago de Compostela, Ort32, ein starker Wind toste, und ich sagte zu meinen Begleitern: „Wehe denen, die an diesem Tag auf dem Meer sind.“ Als ich in ZaragozaSaragossa / Zaragoza, Ort ankam, wurden mir diese Begebenheiten mitgeteilt33. In ToulouseToulouse, Ort erzählte mir ein gewisser Mann aus ValenciaValencia, Ort auch, dass er in den vielen Jahren seines Lebens noch nie ein vergleichbares Unwetter erlebt habe34. An jenen Tagen gingen zwischen MarseilleMarseille, Ort und Valencia mehr als 50 Schiffe auf dem Meer oder in den Häfen unter35.
Wir sahen weiterhin eine große Werkstatt mit vielen Öfen, wo sie Anker, Geschütze36 und Ähnliches herstellen, was das Meer betrifft. Alle, die dort arbeiteten, waren so schwarz in ihren Öfen, dass man denken kann, Zyklopen in der Höhle des Vulkans anzutreffen. Wir sahen schließlich in 4 großen Gebäuden sehr schöne und große Geschütze, die dort in unzähliger Anzahl vorhanden sind, ebenso Wurfgeschosse, Schilde, Brustharnische, Mörser, Springarden, Bögen, Lanzen; alles war hervorragend fabriziert und in großer Menge vorhanden. Ich rede nicht von den anderen Dingen, die in den verschiedenen Schiffen auf dem ganzen Meer verteilt sind. Die Instrumente aus NürnbergNürnberg, Ort sind im Vergleich nichts37. Wieviel Blei, Kupfer, Natron und Schwefel es hier gibt, und alles wird in größter Menge herbeigebracht! Dies ist nicht verwunderlich, weil ÄthiopienÄthiopien, L. Gold im Übermaß schickt38 und der König sehr auf die Verwendung bedacht ist. Der König huldigt nicht der Verschwendung und ordnet alles zum größten Vorteil. Ich glaube, dass er jährlich aus dem Seehandel unglaublichen Gewinn zieht. Wir waren in einem großen und bedeutenden Haus des Königs beherbergt, in der Wohnung des Schwiegervaters von Martin BehaimBehaim, Martin († 1507), Nürnberger Kaufmann und Reisender39, der Jodocus von HurtereJodocus van Hurtere / Josse van Huerten / Josse van Huerter / Joz d’Utra († 1495), Gouverneur von Faial und Pico hieß, aus BrüggeBrügge, Ort, ein edler Mann und Herrscher der Inseln von FayalAzoren, InselgruppeFayal und PicoAzoren, InselgruppePico40. Er hat eine adlige Frau, die sehr gelehrt und in allen Dingen beschlagen ist41. Sie schenkte mir Proben von Gazellenmoschus und erwies uns höchste Ehre. Dieses Haus liegt am Hauptplatz auf einem großen Grundstück neben dem Kloster des heiligen DominikusLissabon, OrtDominikanerkl.42. Wir wurden bestens behandelt.
Über den SeehafenLissabon, OrtHafen von LissabonLissabon, Ort
Eine halbe Meile unterhalb Lissabons liegen zwei Berge1, die eine Viertelmeile voneinander entfernt sind. Zwischen beiden kommt das Meerwasser gegen Nordosten zum Land hin, etwa 14 Meilen lang, die Mündungsbucht ist in einigen Teilen drei Meilen, in anderen weniger breit. Wie fruchtbar alles ist, und wie gut die Ufer an diesem Küstenarm besiedelt sind. Sie sind, wie ich unterstreiche, reich an Salinen2, Oliven und allen möglichen Fruchtarten dieses Landstriches. In der Umgebung von LissabonLissabon, Ort sind die Schiffe auch bei den stärksten Unwettern vollkommen sicher. In dem Teil, der Lissabon im Süden gegenüberliegt, gibt es einen schönen Berg, auf dessen Spitze man ein Schloss sieht, das ursprünglich „Alemania“ genannt wurde und heute, nachdem das Wort fälschlich verändert wurde, „AlmadaLissabon, OrtAlmada, Berg“ heißt3. Als Deutsche, Engländer und Franzosen aus Liebe zu unserer eigenen Religion Lissabon von den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) eroberten, schlossen die Sarazenen den HafenLissabon, OrtHafen bei dieser Eroberung und fügten ihnen viel Unheil zu. Hinter dem Schloss des Königs steht die Kollegiatkirche des heiligen VinzenzLissabon, OrtSão Vicente de Fora, Kl.4, dort sind viele Deutsche begraben, deren Schädel man uns zeigte. Diese Deutschen starben, als Lissabon belagert und den Sarazenen mit Gewalt entrissen wurde5.
Über die Höflichkeit des Volkes und das Land
Die Leute beiderlei Geschlechts sind sehr umgänglich. Die Reicheren sind meistens Deutsche aus FlandernFlandern, L.. Sie halten sich auf dem Platz und in der Rua Nova auf, die nach Art der Deutschen gemacht ist. Der größte Teil ist im Handel beschäftigt1. Man findet dort auch außergewöhnlich reiche Juden, die fast alle Waren verkaufen und die nur von der Arbeit ihrer Sklaven leben2.
Über das Land PortugalPortugal, L.
Die Länge PortugalsPortugal, L. von Norden bis nach SilvesSilves, Ort, das im Süden in der AlgarveAlgarve, L. liegt, beträgt gut 120 und die Breite von Westen nach Osten kaum 24 Meilen. In vielen Gegenden gibt es gutes fruchtbares Land. Aber die Algarve, das heißt die Ecke vom Kap São VincenteSão Vicente, Kap bis etwa nach SetúbalSetúbal, Ort, ist gebirgig und nur dünn besiedelt. Dennoch gibt es in der Algarve an der Küste Feigen, Trauben, Mandeln und anderes im Übermaß.
Über das meerwärts gelegene westliche AfrikaAfrika, L.
In AfrikaAfrika, L. bei der Meerenge (GibraltarGibraltar, L. und Meerenge) und den Säulen des Herkules1 liegt die Stadt CeutaGibraltar, L. und MeerengeAbyla / Ceuta, Felsen und Ort, die einstmals sehr groß war. Die Vorgänger (des heutigen Königs) nahmen diese Stadt dem König von FezFès, Ort ab2. Nun ist die Stadt klein und gegen Angriffe der SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) gut befestigt. Im Jahre 1458 erhoben sich die Könige von FezAbd al-Haqq II. / Abū Muhammad ʿAbd al-Haqq ibn ʿUtmān, Herrscher von Marokko (1421–1465)3, TunisTunis, Ort4 und von OranOran, Ort5 und kamen mit mehr als vierzigtausend Leuten nach Ceuta, um die Stadt zurückzuerobern6. Sie waren jedoch unbewaffnet und nur mit vielen Schilden aus Eichenholz ausgerüstet, das sie „zockelholtz“ nennen7, und näherten sich den Befestigungen wie eine Herde, ohne groß voranzukommen. Es gab achthundert Christen in der Stadt, darunter zwei Deutsche: einer, Georg von EhingenEhingen, Georg von († 1508), Reichsritter, Reisender aus der Grafschaft WürttembergWürttemberg, L., der in JerusalemJerusalem, Ort zum Ritter geschlagen worden war8, und ein anderer, Gregor von RamseidnerRamseiden, Georg (15. Jh.) aus SalzburgSalzburg, Ort9, beide sehr tapfere Streiter. Georg von EhingenEhingen, Georg von († 1508), Reichsritter, Reisender teilte sogar einen gewissen Sarazenen, einen sehr tapferen Ritter, mit seinem Schwert mittendurch, nahm ihm sein Schwert ab und überließ alles andere den Portugiesen10. Ramseidner bewies den Portugiesen sein Können und sein Geschick mit einigen aus Lehm nur halb gebrannten Töpfen, gefüllt mit Pulver und dreieckigen Eisen, die man „fuseysen“11 nennt; diese ließ er von außerhalb der Mauern inmitten der Sarazenen werfen12. Die Sarazenen wurden geblendet, verwundet und erlitten große Verletzungen. Zu Hilfe kamen einige Schiffe aus SanlúcarSanlúcar, Ort, aus SevillaSevilla, Ort, denn der König PortugalsJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495)Portugal, L. konnte wegen ungünstigen Windes nicht helfen. Der oberste Befehlshaber der Sarazenen, der Lazaratisch13 genannt und von ihnen wie ein Heiliger betrachtet wurde, gab dem König von FezAbd al-Haqq II. / Abū Muhammad ʿAbd al-Haqq ibn ʿUtmān, Herrscher von Marokko (1421–1465) die Schuld, weil dieser Wein getrunken habe, etwas, was ein Muslim nicht darf. Zwischen ihnen erhob sich Zwietracht, und am fünften Tag zogen sie sich beschämt zurück und ließen, wie es bei ihnen üblich ist, viel Kriegsgerät zurück. Die Christen schmerzte deren nächtlicher Rückzug, weil sie mehr als zweitausend nicht getötet hatten.
In den folgenden Jahren nahm der König von PortugalJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495)Portugal, L. den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) drei weitere Orte ab, ArzilaArzila, Ort, TangerTanger, Ort und AlcazarsegurAlcazarsegur, Ort14; alle diese Orte befestigte er aufwändig und machte die in der Umgebung lebenden Völker tributpflichtig. Sie hatten jedes Jahr pro Kopf einen Dukaten abzugeben, was sie „Tablos“15 nennen. Der König hat in Alcazarsegur erfahrene Bombardiere aus DeutschlandDeutschland, L.16, darunter gab es einen gewissen Schwaben Jakob17 aus WaiblingenWaiblingen, Ort, einer Stadt in der Grafschaft WürttembergWürttemberg, L., der viele Dinge energisch ausführte. Im vergangenen Monat November verpflichtete er eine rebellische Stadt, einen Tribut von dreitausend Ziegen, zweihundert Ochsen und anderen Dingen zu entrichten, außerdem führten sie 14 Sklaven ab. Diese Städte18 liegen 17 Meilen von der Region SevillaSevilla, Ort entfernt. Der KönigJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495) zieht daraus eher Anerkennung und Ehre als Vorteil.
Am 2. Dezember verließen wir das ehrwürdige und ruhmreiche LissabonLissabon, Ort nach dem Mittagessen und folgten 5 Meilen lang dem Meeresufer, um schließlich schon spät in der Nacht im Ort AlvercaAlverca do Ribatejo, Ort anzukommen. Wir erhoben uns wiederum früh, und nach 9 Meilen strammen Rittes kamen wir in der Stadt SantaremSantarém, Ort an. Auf dem Weg sahen wir zwei Meilen von Lissabon entfernt ein sehr schönes und großes Schiff des KönigsJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495), das vollständig mit allem ausgerüstet war, wie wir es noch nie gesehen hatten. Dieser Abschnitt zwischen Lissabon und Santarem ist an allen Früchten sehr reich, besonders an Öl, Wein und Salz an der Küste, dass es nicht mehr zu wünschen gibt. Santarem liegt in der Bucht des goldenen und bekannten Flusses Tejo (TajoTajo / Tejo, Fluß), der größer ist als der MainMain, Fluß in FrankfurtFrankfurt, Ort. Der Fluss fließt an der Stadt vorbei, bis er in diesen Meeresarm mündet. Oh, wie fruchtbar ist in der Tat dieser Ort, im Überfluss gibt es besten Wein, Öl und anderes!
Am 4. Dezember verließen wir SantaremSantarém, Ort und sahen einige wunderschöne Orte, gelangten nach 8 Meilen zur Stadt TomarTomar, Ort, die wegen ihrer äußerst großen Olivenbäume, ihrer ausgedehnten Äcker und wegen eines unbedeutenden Flusses (NabãoNabão, Fluß), der aus einer Quelle mit kühlem Wasser entspringt und viele Forellen nährt, bekannt ist. Der Ort hat ein erhabenes Schloss, das durch den Infanten HeinrichHeinrich der Seefahrer († 1460), Infant von Portugal aufwändig ausgeschmückt wurde19, den Entdecker der Inseln, der hier den größten Teil seines Lebens verbrachte. Dieser Ort ist fruchtbar an Oliven, die auf einem Gebiet von über 4 Meilen angebaut werden.
Am 5. des oben genannten (Monats) verließen wir nach dem Essen TomarTomar, Ort, legten 12 Meilen Weges zurück, und sehr spät in der Nacht nach einem harten Ritt kamen wir schon mit dem Licht des Mondes in CoimbraCoimbra, Ort an, das auf einem schönen Berg in einer Ebene liegt, die der Fluss MondegoMondego, Fluß durchquert, über den es eine sehr bekannte Brücke gibt. An diesem Ort wachsen viele Olivenbäume.
Am 6. des oben genannten (Monats) verließen wir nach dem Essen CoimbraCoimbra, Ort und ritten zwei Tage durch fruchtbare, ländliche Landschaften und kamen zu der vornehmen, uralten Stadt PortoPorto, Ort, die am Fuß eines hohen Berges gelegen ist20. An den Stadtmauern vorbei fließt der äußerst bekannte Fluss Douro (DueroDuero, Fluß), der hier so groß wie der RheinRhein, Fluß in BaselBasel, Ort ist. Dort ist ein Bischofssitz; es ist ein fruchtbarer und äußerst alter Ort. Die Stadt liegt eine Meile vom Meer entfernt und in Zeiten steigender Flut kommen auch die großen Schiffe bis zu den Stadtmauern. Die Mauern sind ganz aus behauenen Quadern aus uraltem Stein. Porto ist älter als LissabonLissabon, Ort21. Ich fand dort den hochgelehrten Mann Eduard de CalvoCalvo, Eduard / Galvão, Duarte († 1517), portugiesischer Chronist, Diplomat und Hofprediger22, den Redner und Prediger des Königs von PortugalJohann II., Kg. von Portugal (1481–1495)Portugal, L., der den Doktor Johannes von LandsbergDr. Johannes Burckstaller, Lehrer Münzers an der Universität Leipzig23, meinen hochgeschätzten Meister, bestens kannte und hoch lobte. Der Redner war zweimal bei König MaximilianMaximilian I., röm.- dt. Kg. (1486–1519), Ks. (1508– 1519) (I.). Er lehrte mich viele Dinge über SpanienSpanien, L., denn er war ein großer Kosmograph. Die Stadt Porto liegt, wie ich schon gesagt habe, auf einem großen Berg und in den umliegenden Tälern und am Fuß des Berges ist sie mit sehr alten Bauwerken ausgestattet; sie gehört zum Bistum Coimbra24. Viel wäre darüber zu schreiben, was ich aus Gründen der Kürze weglasse. Nach Lissabon ist dies die berühmtere Stadt unter den Städten Portugals. Sie ist 18 Meilen von Coimbra entfernt.
V. Von BarcelosBarcelos, Ort bis zum RabanalRabanal del Camino und Berg, Ort

Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 171r
Am 9. (Dezember) verließen wir PortoPorto, Ort nach dem Essen und kamen zur Stadt BarcelosBarcelos, Ort, die auf einem Berg liegt1. An den Mauern vorbei strömt ein bekannter Fluss, der von der alten Stadt BragaBraga, Ort, einstmals Augusta, herkommt. Von Porto ist der Ort 8 Meilen entfernt.
Am 10. (Dezember) verließen wir BarcelosBarcelos, Ort und kamen nach fünf großen Meilen zur Stadt Ponte do LimaPonte do Lima, Ort, an der ein großer, LimaLimia, Fluß genannter Fluss vorbeifließt, darüber gibt es eine Brücke mit 18 Bögen2. Ich aß in einer Herberge, und nach 3 Meilen gelangten wir nach CoseradoCossourado (Coserado), Ort.
Am 11. (Dezember) kamen wir drei Meilen weiter nach Valença do MinhoValença do Minho, Ort, welches die letzte Seestadt PortugalsPortugal, L. nach Norden hin ist. Wir setzten mit dem Schiff über den Miño (Minho)Miño / Minho, Fluß, der dort etwa so groß ist wie der RheinRhein, Fluß bei BaselBasel, Ort, und kamen nach TuiTui / Tuy, Ort (Tuy), das auf einem Berg am Fluss gegenüber von Valença liegt. Es ist die erste Stadt GaliciensGalicien, L., und sie hat einen Bischofssitz mit einer ziemlich schönen Kirche3. Am selben Tag verließen wir Tui nach dem Essen und kamen zu schon vorangeschrittener Nacht in einen kleinen Ort RedondelaRedondela, Ort. Er ist an einem Meeresarm gelegen, dort werden Sardinen im Übermaß gefangen. Und wenn ein aus FrankfurtFrankfurt, Ort4 gebürtiger, dort ansässiger Deutscher uns keine Gastfreundschaft gewährt hätte, wäre es schlecht für uns gewesen, denn die Nacht war äußerst kalt; er gab uns von allem freigiebig für unser Geld.
Am 12. (Dezember) standen wir früh auf und erreichten nach drei Meilen PontevedraPontevedra, Ort, eine uralte Stadt, die nicht sehr groß, aber für ihren Meerhafen berühmt ist, wo im Übermaß Sardinen gefangen und zu verschiedenen Orten gebracht werden; von diesen ernähren sie sich hauptsächlich. Es gibt ebenso einen Fluss (LérezLérez, Fluß) mit einer wunderschönen Brücke, die 14 Bögen hat. Am selben Tag kamen wir nach dem Essen und einem Ritt von 3 Meilen an den Ort CaldasCaldas de Reis, Ort (de Reis), (der so heißt,) weil er heiße und sulfatreiche Wasser und Thermen besitzt, die ich ausprobierte. Aber die Leute dort sind unaufmerksam, sie haben weder ein Gebäude noch ein Bassin gebaut, sondern nur eine Grube, in der sie sich waschen. Das Wasser ist dennoch ausgezeichnet, so heiß wie das der Thermen in BadenBaden, Ort bei ZürichZürich, Ort in der SchweizSchweiz, L.5.
Am 13. (Dezember) verließen wir CaldasCaldas de Reis, Ort vor Sonnenaufgang und kamen in die sehr alte Stadt El PadrónPadrón / Iria Flavia, Ort, einst Iria6 genannt. Wir traten zuerst in die äußerst alte JakobskirchePadrón / Iria Flavia, OrtSantiago de Padrón, K. und sahen unter dem Hauptaltar die konkave Steinsäule, wo der Leichnam des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) geruht haben soll7. Danach gingen wir zum Flussufer8, wo das Schiff war, das den Körper des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) von JudäaJudäa, L. mit einigen Jüngern ohne Ruderknecht hierher führte; und als der Körper auf einem Felsen lag, zerschmolz dieser Stein wie Wachs und nahm den heiligsten Leichnam auf, wie du ausführlicher in seiner Legende beschrieben findest9. Wir erblickten auch, als wir auf den Berg jenseits der Brücke stiegen, den Ort, wo er den Heiden predigte10. Es findet sich eine Ansammlung größter Steine in der Art der Pyramiden, und auf dem Gipfel gibt es einen flachen Stein in Form eines Stuhles. Dort sahen wir auch die KapellePadrón / Iria Flavia, OrtSantiaguiño do Monte, Einsiedelei, unter der die Quelle entspringt, die der selige Jakobus durch die Berührung mit seinem Stab zum Fließen gebracht haben soll11. Es ist weiches und süßes Wasser, das wir tranken und das uns gut bekam.
Nachdem wir all dies gesehen hatten, kamen wir ernüchtert nach vier Meilen in die heiligste Stadt CompostelaSantiago de Compostela, Ort, in der, wie man sagt, der Leichnam des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) des Älteren, des Zebedäussohnes und Bruder des Evangelisten JohannesJohannes († um 101), Apostel, Hl., vollständig ruht12.
Abb. 5:
Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 181r
Mit den Pfeilen, die in der Handschrift am Rande dieses Folios zu sehen sind, weist Hieronymus Münzer auf das Wappen der Katholischen Könige hin, die er immer wieder in einem sehr positiven Licht erscheinen lässt.
Über die Lage CompostelasSantiago de Compostela, Ort, (Stadt) des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi)
Am 13. Dezember kamen wir nach CompostelaSantiago de Compostela, Ort, das ringsum von Hügeln umgürtet ist. In deren Mitte erhebt sich ein weiterer Hügel. Der Ort hat keinen Fluss1, sondern zahlreiche gute Quellen, die Süßwasser hervorsprudeln lassen. Die Stadt ist nicht groß, aber alt und mit einer sehr guten alten Ummauerung und zahlreichen starken Türmen befestigt. Das Land ist freilich gut, und die Gärten der Stadt sind voll mit Apfelsinen, Limonen, Äpfeln, Pfirsichen, Pflaumen und anderen Früchten. Aber das Volk dort ist schweinisch, hat zahlreiche Schweine, die günstig verkauft werden, und ist faul; es kümmert sich weniger um die Bearbeitung des Bodens, sondern lebt hauptsächlich vom Gewinn an den Pilgern2. Sie haben ein gutes Klima; innerhalb und auch außerhalb der Stadtmauern finden sich viele Klöster, wie das DominikanerklosterSantiago de Compostela, OrtDominikanerkl.3, in dem es einen hochgelehrten Prediger gibt, der mir vieles gezeigt und beigebracht hat. Ebenso besteht dort das BenediktinerklosterSantiago de Compostela, OrtSan Martín Pinario, Kl.4, dessen Abt der König gefangen nach KastilienKastilien, L. abführen ließ, weil er Güter verschleudert habe5. Weiterhin gibt es die Klöster der KlarissenSantiago de Compostela, OrtSanta Clara, Kl.6, der KarmelitinnenSantiago de Compostela, OrtKarmeliterkl.7 und der FranziskanerSantiago de Compostela, OrtSan Francisco de Val de Dios, Kl.8. Der KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516)9, dessen Leben Gott verlängern möge, begünstigt augenblicklich die Reform der Augustiner10.
Über die Kirche des heiligen JakobusSantiago de Compostela, OrtBasilika Sankt Jakob, K.Jakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi)
Die Kirche des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) ist eine der drei Hauptkirchen nach der römischen und der von EphesusEphesos, Ort in AsienAsien, L., die letztere gibt es inzwischen nicht mehr1. Erbaut wurde sie von Karl dem GroßenKarl der Große, fränkischer Kg. (768–814), Kg. der Langobarden (774–814), Ks. (800– 814), dem König der FrankenFranken, L. und Kaiser von DeutschlandDeutschland, L.. Dieser, wie du später über seine Kriegstaten hören wirst2, ließ sie aus Spolien, Geschenken und der Beute von den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) erbauen3. Es ist ein beeindruckender Bau in Form eines Kreuzes. Das Mittelschiff ist 100 Schritt lang, die Länge der Arme 120 und deren Breite 15; die Breite des Mittelschiffs beträgt 32, die Länge des gesamten Mittelschiffes mit dem Chorraum 1504. Alles ist aus Quadern und aus sehr hartem Stein erbaut und überwölbt. Die KircheSantiago de Compostela, OrtBasilika Sankt Jakob, K. hat zwei Seitenschiffe wie die SebalduskircheNürnberg, OrtSt. Sebald, K. (in NürnbergNürnberg, Ort) und im Umgang des Chores Kapellen. Es ist wirklich ein äußerst solides Werk und hat an den 4 Ecken 4 gut bewehrte Türme, und momentan wird ein weiterer ebenso starker Turm erbaut5.
Abb. 4:
Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 173r
Die romanische Kathedrale von Santiago de Compostela schien Münzer so wichtig, dass er hier die größte Zeichnung in sein Itinerarium einfügte. Maße in Schritten, Türme, Altar, Türen, Chor und Chorgestühl, aber auch Himmelsrichtungen sind durch Beischriften erläutert.
Bild der KircheSantiago de Compostela, OrtBasilika Sankt Jakob, K. Sankt JakobJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) und Kapellen6
12 Kapellen umgrenzen den Chorraum, und die Kuppel des Kreuzes ist äußerst hoch7. In der Mitte davon wird von einer zur anderen Seite des Querschiffes ein riesiges Weihrauchfass mit aromatischem Rauch geschwungen8.
[Es folgen Exzerpte aus dem Liber Sancti Jacobi, die eine gekürzte Historia Turpini, den Passions- und Translationsbericht des Apostels, eine Exclamatio pulcra, die Erläuterung der Symbolik der Pilgermuschel – in deren lateinischen Text MünzerMünzer, Hieronymus (†1508) Nürnberger Humanist interessanterweise auch das deutsche »Muschlen« einschmuggelt – sowie eine Oration enthalten9. Hier werden nur Auszüge geboten.]
[Auszüge aus dem Liber Sancti Jacobi]
16. Dezember im Jahre des Heils 1494
Der Papst CalixtCalixt II., P. (1119–1124) (II.); ein besonderer Liebhaber des Heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi); schrieb ein großes und ausführliches Werk, in 4 Bücher unterteilt, über dessen Taten und dessen Befreiung GaliciensGalicien, L. durch Karl den GroßenKarl der Große, fränkischer Kg. (768–814), Kg. der Langobarden (774–814), Ks. (800– 814). Ebenso notierte er die zahlreichen Wunder10. In den nachfolgenden kurzen Bemerkungen habe ich, als ich in CompostelaSantiago de Compostela, Ort im Haus eines gewissen Kaplan Johannes RamusJohannes Ramus, eines sehr frommen Mannes11, weilte, aus dessen Original auszugsweise abgeschrieben12, so wie es folgt, am 16. Dezember 1494.
Über die Erscheinung des Heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) bei Karl dem GroßenKarl der Große, fränkischer Kg. (768–814), Kg. der Langobarden (774–814), Ks. (800– 814)
Karl der GroßeKarl der Große, fränkischer Kg. (768–814), Kg. der Langobarden (774–814), Ks. (800– 814)1 war, nachdem er mit Mühen und mit Hilfe Gottes EnglandEngland, L., FrankreichFrankreich, L., DeutschlandDeutschland, L., ItalienItalien, L. und weitere Gebiete seinem heiligen Reich unterworfen und den Heiden entrissen hatte, durch so große Anstrengung und Schweiß erschöpft und nahm sich vor, sich mehr Ruhe zu gönnen. Eines Nachts aus dem Traum gerissen, erschien ihm der Apostel JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) und sagte: „Mein Leichnam liegt unerkannt in GalicienGalicien, L.; ich wundere mich, der Du doch so viele Länder unterworfen, aber mein Land, das von den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) besetzt ist, noch nicht befreit hast. Brich also auf so schnell Du kannst. Ich werde Dein Helfer sein.“ Nachdem Jakobus ihm aber dreimal erschienen war, sammelte Karl vom Versprechen des Apostels bewegt, ein Heer und betrat SpanienSpanien, L.. Dies machte er 14 Jahre lang, bis er Spanien und Galicien zurückgewonnen hatte […].
[Es folgen die zahlreichen Kriegszüge Karls des GroßenKarl der Große, fränkischer Kg. (768–814), Kg. der Langobarden (774–814), Ks. (800– 814) entsprechend des Berichtes der Historia Turpini, die in einer gerafften Form erscheinen2.]
Über die Passion und Translation des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) nach GalicienGalicien, L.
Der heilige JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) predigte zuerst in JudäaJudäa, L. und kam später nach GalicienGalicien, L.1. Nach nur geringem dortigen Erfolg kehrte er nach Judäa zurück und wurde von HerodesHerodes Agrippa († wohl 44) enthauptet2. Dies alles kann man ausführlicher in seiner Legende, die „Iacobus“3 genannt wird, finden. Allerdings ist viel Apokryphes über dessen Translation nach Galicien aufgeschrieben worden, aber nachdem er alles dies zurückgewiesen hatte, erklärte CalixtCalixt II., P. (1119–1124)4 jenes Buch, das „Iacobus“ genannt wird, gleichsam als authentisch5.
Es sagt der Papst CalixtCalixt II., P. (1119–1124) weiterhin, dass während er (Jakobus) enthauptet wurde, das Haupt nicht auf die Erde fiel, sondern er dies selbst in seinen Armen hielt, damit es nicht von irgendeinem der Verfolger getrennt werden konnte. In der Nacht kamen aber seine Jünger, fanden den Leichnam selbst und beugten die Knie. Sie legten das Haupt in einen hirschledernen Beutel mit aromatischen Stoffen und übertrugen [alles] von JerusalemJerusalem, Ort nach GalicienGalicien, L., ein Engel begleitete sie über das Meer. Und sie begruben ihn bei dem Ort, an dem er heute verehrt wird6. Der heilige JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) wurde 11 Jahre nach der Passion des Herrn enthauptet7. In dieser Zeit herrschte die Königin LupaLupa, heidnische Kg. in der Hagiographie in Galicien, das kannst du in seiner Geschichte ausführlicher lesen8.
Exclamatio pulcra
Freue1 Dich also, GalicienGalicien, L., mit einem solchen Glanz ausgestattet und vom Irrtum des Aberglaubens befreit worden zu sein. Freue Dich, dass Du durch die Ankunft eines solchen Gastes die Wildheit der Tiere hinter Dir ließest und das zuvor ungezügelte Hirn dem Joch Christi unterwarfst. Denn die Demut des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) gewährt Dir sogar mehr als die wilde Entschlossenheit all Deiner Könige. Denn während jene Dich dazu verführten, Götzen zu verehren, reinigte Dich jener und empfahl Dir die wahre Verehrung Gottes. Sei glücklich, SpanienSpanien, L., über das Füllhorn dieser zahlreichen Dinge, aber sei noch glücklicher über die Gegenwart des seligen Jakobus. Einstmals warst Du der Säulen des Herkules wegen berühmt, aber jetzt stützt Du Dich noch glücklicher auf die Säule Jakobs. Herkules hatte Dich durch den verstockten Aberglauben mit dem Teufel verbunden, Jakobus verband Dich mit seinem Schöpfer. Du steigerst mit steinernen Säulen den Unglauben, jene aber führt Dich zu Heil und Gnade.
Wir2 wollen also ehrwürdig seinen Festtag begehen und die Begierden unseres Fleisches zügeln, damit wir weder durch Wollust verstört und befleckt, noch durch Hochmut und Stolz überheblich werden. Wir wollen nicht zu leicht im Zorn entbrennen, und ebenso dürfen wir uns nicht durch Neid oder Eifersucht quälen lassen. Streben wir danach, ihm ähnlich zu sein, wenn wir möchten, dass unsere Bitten erhört werden. JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) nämlich zügelten weder die grausamen Juden oder die arroganten Pharisäer, noch hielt ihn der zornige HerodesHerodes Agrippa († wohl 44) vom wahren Gott fern. Deshalb dürfen wir uns auch nicht von Reichtum und Überfluss beeindrucken lassen, noch mögen uns fleischliche Regungen umschmeicheln, noch mögen uns die Qualen der wilden Fürsten schrecken, damit wir die Aufgaben der Predigt nicht zu wenig wahrnehmen.
In Bezug auf die Translation glauben wir also, wie ich vorher gesagt habe, jenem authentischen Buch, das „Iacobus“ genannt wird, und wir weisen Anderes zurück3. Dieses4 Buch „Iacobus“ berichtet nämlich das, was zum Lesen und an den Festtagen zum Singen notwendig ist. Freuen wir uns also auf Erden über JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi), wie die Engel in der himmlischen Heimstatt frohlocken. Siehe, die Stadt CompostelaSantiago de Compostela, Ort ist durch die Hilfe des seligen Jakobus geheiligt worden. Dort wird Gläubigen und Ankommenden das Heil zuteil. Wie sehr ist dieser heilige Ort zu verehren, in dem die heiligsten Gebeine des Apostels, die Gott in seinem Fleisch berührten, begraben liegen. Deshalb erstrahlt der große Jakobus in GalicienGalicien, L. durch Wunder, und er erstrahlt ebenso an anderen Orten.
Lasst uns also pilgern, das bedeutet im wahren Pilgergeist: Unterdrückung der Laster, Abtötung des Fleisches, Hervorhebung der Tugenden, Vergebung der Sünden, Buße der Reumütigen, Weg der Gerechten, Liebe zu den Heiligen, Glaube an die Auferstehung, Ferne von der Hölle und Gewährung des Himmelreichs. Vermieden seien Völlerei, das Verlangen des Bauches sei fern, die Begierde gebremst. Er (JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi)) bändigt die fleischlichen Genüsse, reinigt den Geist, regt den Menschen zur Kontemplation an: Er erniedrigt die Hochmütigen, preist die Erniedrigten selig, liebt die Armut und hasst es, wenn jemand durch Raffsucht Besitz erworben hat.
Über die Muscheln (De crusillis). CalixtCalixt II., P. (1119–1124)1
Im Meer2 des seligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) gibt es eine gewisse Fischart. Die Fische haben auf jeder Seite einen Schild, und zwischen diesen Schilden verbirgt sich, wie zwischen zwei Schalen, der Fisch in Gestalt einer Auster. Diese Schalen sind wie die Finger einer Hand geformt. Volkssprachlich heißen sie nidulae (Nestchen), bei den Franzosen crusillae (kleine Gefäße), bei den Deutschen „muschelas“3. Die Pilger, die vom Grabe des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) zurückkehren, heften sie an Hut und Mantel und tragen sie zu Ehren des Apostels, zur Erinnerung an ihn und als Zeichen einer solch großen Pilgerfahrt freudig in ihre Heimat zurück.
Durch zwei Schalen werden die zwei Vorschriften der Liebe bezeichnet, mit denen der Träger sein Leben kennzeichnen möge, zum einen, Gott immer über alles zu lieben und den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Gott liebt, wer seine Gebote einhält, seinen Nächsten liebt und der so handelt, dass er niemandem etwas zufügt, was er nicht selbst wollte. Oh, Pilger des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi)‘, mögest Du nicht mit jenem Munde lügen, mit dem Du seinen Altar geküsst hast. Mit den Füßen aber, mit denen Du so viele Schritte gemacht hast, schreite nicht zu schlechten Werken und mit den Händen, mit denen Du den Altar berührt hast, wage nichts Schlechtes auszuführen. Wenn Du einen starken Patron und Helfer haben möchtest, habe Jakobus zum Freund.
Gebet zum heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi)
Oh1, großer seliger JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi), Freund Christi, Sohn des ZebedäusZebedäus, bibl. Gestalt, Bruder des Evangelisten JohannesJohannes († um 101), Apostel, Hl., der Du mit dem Herrn glücklich im Himmel regierst, dessen großes Gotteshaus in GalicienGalicien, L. steht, der seinen Bittstellern das Heil gewährt, bewirke, dass diejenigen, die Dich dort oder anderswo anrufen, Dich als Fürsprecher bei Gott im Himmel wahrnehmen und von Dir alle heilbringenden Dinge erhalten. Dies geschehe, wen auch immer sie bitten oder wem auch immer sie in all ihrer Not vertrauen. Sei der Begleiter unserer Seelen am Tag unseres Hinscheidens, oh, Fürsprecher der Pilger! Du bist nämlich die Zierde der Spanier, Du bist Zuflucht der Armen, Halt der Schwachen, Tröster der Bedrängten, Heil der Pilger, Fischer der Seelen, Auge der Blinden, Fuß der Lahmen, Hand der Hilflosen, Schützer der Seeleute, Fürsprecher aller Völker, die Dich anrufen, ja der Vater aller, Zerstörer der Laster, Baumeister der Tugenden: Dich bitten wir mit demütigem Herzen, dass Du das Feuer der Laster bald auslöschen mögest.
In einem einfachen Stil schrieb dies Papst CalixtCalixt II., P. (1119–1124), damit seine Schriften sowohl den Gebildeten wie auch den Ungebildeten zugänglich seien. Ohne die einzelnen Krumen, so sagt er, könne keine Kruste entstehen. Ein unvermischter Trank könne umso deutlicher zeigen, was er in sich hat, und eine hell strahlende (Kerze), die allen leuchte, nütze mehr als eine, die den einen gibt, den anderen nicht.
Aus dem großen und weitläufigen Werk CalixtsCalixt II., P. (1119–1124) habe ich dies abgeschrieben, wie ich oben im Vorwort notiert habe2.
[Hier enden die Exzerpte aus dem Liber Sancti Jacobi]
Über den Erzbischof, die Kardinäle, Kanoniker und Reliquien
Papst CalixtCalixt II., P. (1119–1124) (II.)1 verlieh dieser Kirche viele Privilegien2. Heute ist Don AlfonsoAlfons de Fonseca y Acevedo, Ebf. von Santiago de Compostela (1460–1465 und 1469–1506/07), Patriarch von Alexandria (1506–1508) Erzbischof, der Graf von CifuentesCifuentes, Ort3, ein gelehrter Mann und großer Redner. Seit sechzig Jahren interveniert er in inneren Streitigkeiten und dadurch belastete er die Gegend von GalicienGalicien, L.4. Der König (Ferdinand)Ferdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516), der inzwischen mit stärkerer Hand die Zügel der Regierung in der Hand hält, schickte ihn nach SalamancaSalamanca, Ort gleichsam ins Exil5, beraubte ihn seiner weltlichen Herrschaft(sgüter) und erlaubte ihm, dort von seinen Einkünften zu leben. Er führte in ganz Galicien neue Gesetze und Vorschriften ein6. Jener erhabenste KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) möge ewig leben.
Es gibt 45 Kanoniker. Von diesen ist nach der Vorschrift (des Papstes) CalixtCalixt II., P. (1119–1124) (II.) nur sieben allein gestattet, die Messe am Hauptaltar des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) zu zelebrieren, sie werden Kardinäle des heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) genannt7. Auch dem ErzbischofAlfons de Fonseca y Acevedo, Ebf. von Santiago de Compostela (1460–1465 und 1469–1506/07), Patriarch von Alexandria (1506–1508) und anderen dort hinkommenden Bischöfen ist dies erlaubt, sonst niemandem. Die Pfründen der Kanoniker belaufen sich auf siebzig Dukaten, von weiteren Einkünften abgesehen.
Der König von KastilienKastilien, L. stiftete für die Kirche wunderbare Schmuckstücke8. Auch König Ludwig von FrankreichLudwig XI., Kg. von Frankreich (1461–1483), der Vater jenes KarlKarl VIII., Kg. von Frankreich (1483–1498)9, schenkte ihnen viel; unter anderem übereignete er der Kirche drei sehr große Glocken und zehntausend Escudos, deren Hälfte die Kanoniker unter sich aufteilten, und für deren andere Hälfte sie schönste wertvolle (liturgische) Gewänder beschafften. Überall ist die Lilie als Zeichen des Königs (Ludwig) eingefügt.
Am 16. Dezember, am dritten Tag (Dienstag) vor dem Fest des (heiligen) ThomasThomas († um 72), Apostel, Hl.10, feierten sie das große Fest des heiligen Bischofs FructuosusFructuosus, Bf. von Braga (656–um 665), dessen Leichnam dort ruht11. In Prozession und Messe wurden kostbare Gewänder mit den Lilien des Königs von Frankreich benutzt. Am 18. Dezember, dem fünften Tag vor dem Fest des (heiligen) Thomas, feierten sie das Fest der heiligen Jungfrau, wie es bei den Spaniern begangen wird. Und der Name ist „Fest der Erwartung der Geburt des Herrn“12. Es gab eine besonders wunderbare Festlichkeit samt Prozession, man schwang das Weihrauchfass im Querhaus, außerdem sah man edle Ornate aus reinstem Gold, die der König von KastilienKastilien, L. geschenkt hatte13. Auf der vorderen Seite waren die Wappen der Könige mit Pfeilen und hinten die Wappen der Reiche Kastilien und AragónAragón, L., alle aus Gold und mit Gemmen. Oh, wie groß ist jener König durch seine Schenkungen an die Kirchen und auch durch deren Erneuerung!
Anläßlich dieses Festes zu Ehren der seligen Jungfrau MariaMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi war der Hauptaltar mit zwei Heiligenbildern von 30, 25 und 40 Mark geschmückt, einige aus vergoldetem Silber. Unter ihnen war das größte, das der seligen Jungfrau, wie gesagt wurde, aus reinstem Gold; in der rechten Hand hielt sie ein strahlendes Szepter und in der Linken ihren Sohn mit einer prächtigen Krone. Während der Prozession trug dies ein Kardinal unter dem Velum, den unruhig Halt Suchenden hielten zwei Priester14. Es gab zudem ein riesiges Kreuz, welches mit Gemmen und Gold verziert war; dies wird in der Sakristei und Schatzkammer15 ausgestellt und den Pilgern gezeigt. Von den Reliquien in CompostelaSantiago de Compostela, Ort besitze ich eine Kopie auf einem gesonderten Blatt16.
Von den Kapellen im Chorraum von Sankt JakobJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi)us
Von den zwölf Kapellen, die den Chorraum umgeben, ist die erste diejenige des Königs von FrankreichSantiago de Compostela, OrtBasilika Sankt Jakob, K.Capilla del Salvador / Capilla del rey de Francia, K.Ludwig XI., Kg. von Frankreich (1461–1483)1, der diese erbauen ließ und mit einer Jahresrente von zweihundert Dukaten dotierte, damit in ihr die einzelnen kanonischen Horen gesungen werden. Aber, obwohl sie die Einnahmen erhalten, singen die Kanoniker die Tagzeiten nur im Hauptchor. Von den 12 Kapellen gehören sieben einzelnen Pfarreien von CompostelaSantiago de Compostela, Ort, dort werden die besonders vornehmen Bürger der Pfarreien begraben, und es werden die Sakramente gespendet2. Wir sahen, wie zwei Tote bestattet wurden, vor dem Leichenzug des einen trug man einen Weinschlauch, zwei Säcke Brot, zwei vordere Viertel eines Ochsen, zwei Hammel, dies und das beste Kleid steht rechtlich dem Pfarrer zu3. [Die Kanoniker] singen Horen und Offizien vorschriftsmäßig im Chorraum, aber sie sind vor allem auf Bezahlung aus.
In der Kirche herrscht dauernd ein solcher Lärm, dass man sich auf einem Marktplatz wähnt. Mäßig ist da die Ehrfurcht. Der heilige ApostelJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) wäre es wahrlich wert, dass man ihn mit größerem Respekt verehrt. Man glaubt, dass er mit seinen zwei Schülern unter dem Hochaltar beerdigt ist, einer zu seiner Rechten und der andere zu seiner Linken4. Niemand hat aber seinen Leichnam gesehen, nicht einmal der kastilische König, als er im Jahr des Herrn 1487 dort zu Besuch war. Allein durch den Glauben, der uns Menschen rettet, vertrauen wir darauf5.
Über die Abreise aus CompostelaSantiago de Compostela, Ort
Am 21. Dezember sagten wir dem heiligen JakobusJakobus der Ältere († um 44), Apostel, Hl. (als Iacobus auch mittelalterlicher Buchtitel des Liber Sancti Jacobi) Lebewohl und verließen die Stadt nach dem Essen; nach fünf Meilen1 kamen wir zur Stadt Ferreiros (FerrerosFerreiros, Ort), wo wir schlecht beherbergt wurden. Früh ritten wir durch den kleinen Ort Melide (MellidMelide / Mellid, Ort) 9 Meilen weit zu dem kleinen Ort LigondeLigonde, Ort; ebenso 24 bis nach Portomarín (PuertomarínPortomarín / Puertomarín, Ort), nach Durchquerung eines großen Flusses (Miño) kamen wir nach 8 Meilen bis nach SarriaSarria, Ort, einer kleinen Burg2. Diese gesamte Gegend ist fruchtbar und hügelig, aber nicht sehr bevölkert. Das Volk lebt hauptsächlich von Schweinefleisch und ist wahrlich in allen seinen Handlungen unrein und schweinisch.
Am 25. (Dezember), dem Fest der Geburt des Herrn, ruhten wir uns tagsüber aus, an diesem Tag erhielt ich durch einen gewissen Pilger den Brief von Jodocus MayerMayer, Jodocus, Schwiegervater des Ludwig Münzer3, einem Schwager meines BrudersMünzer, Ludwig († 1518), Bruder des Hieronymus Münzer4, der über die große Epidemie in NürnbergNürnberg, Ort berichtete5.
Am 26. (Dezember) kamen wir früh über Berg und Tal auf einen hohen Berg, dem Ort Cebreiro (CebreroO Cebreiro / El Cebrero, Ort)6, der auf der Höhe des Berges MalefaberMalfaber (Allefaber), Berg7 liegt. Es waren neun große Meilen.
Am 27. (Dezember) stiegen wir von diesem hohen Berg herunter und gelangten durch ein langes Tal nach 7 Meilen zu einer Burg, die VillafrancaVillafranca del Bierzo, Ort heißt8. Diese Burg liegt in einer schönen Ebene und beste Rebstöcke wachsen dort reichlich. Der Ort ist ausgezeichnet durch die beiden Klöster des heiligen FranziskusVillafranca del Bierzo, OrtFranziskanerkl.Franz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer und des heiligen BenediktVillafranca del Bierzo, OrtBenediktinerkl.Benedikt von Nursia († um 560), Hl., Mönchsvater9. Dort fließen drei Flüsse aus den höchsten Bergen GaliciensGalicien, L. zusammen10, sie führten sehr süßes und trinkbares Wasser, voller Forellen.
Am 28. (Dezember) verließen wir VillafrancaVillafranca del Bierzo, Ort früh, durchquerten jene fruchtbare Ebene, erreichten die Burg PonferradaPonferrada, Ort, am Fuße eines sehr hohen Berges gelegen, und kamen nach 8 Meilen in den Ort Río11. Dort liegt dieser Berg, der GalicienGalicien, L. von KastilienKastilien, L. trennt und äußerst hoch ist. Er heißt Mons RabanalRabanal del Camino und Berg, Ort12.
VI. Von BenaventeBenavente, Ort bis RoncesvallesRoncesvalles, Ort

Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 182v
Am 29. (Dezember) stiegen wir auf und wieder ab und gelangten 8 Meilen später nach KastilienKastilien, L., in eine kleine Stadt AlvalAlval, Ort1, wo wir schlecht beherbergt wurden. Am dreißigsten (Dezember-)Tag erhoben wir uns vor Sonnenaufgang und ritten streng 10 Meilen lang bis zur Stadt BenaventeBenavente, Ort2. Von SantiagoSantiago de Compostela, Ort bis nach Benavente sind es 56 recht gute Meilen Weges, und die Strecke ist bergig und sehr schlecht. Wir ließen aber die bekannte Stadt AstorgaAstorga, Ort liegen, die Bischofsstadt ist und durch starke Mauern und Wälle geschützt wird. Ganz SpanienSpanien, L., als es einstmals vom katholischen Glauben abwich und der Irrlehre MohammedsMohammed / Muhammad, Begründer des Islam3 zuneigte, ist von dieser Stadt SturiaAsturien, L.4 ausgehend von KantabrernKantabrer, Volk5, die Biscayer heißen, zurückerobert worden6. Nur die Asturer und die Biscayer waren starke Streiter Christi im Glauben geblieben, wie du in der Geschichte der Spanier7 ausgiebig finden kannst.
Über BenaventeBenavente, Ort und seine Wehrbefestigung(en)
BenaventeBenavente, Ort ist keine sehr große Stadt, schlecht gebaut und mit vier reformierten Klöstern ausgestattet: das der FranziskanerBenavente, OrtFranziskanerkl., der DominikanerBenavente, OrtDominikanerkl., das zum Heiligen GeistBenavente, OrtHeilig-Geist-Kl. und das der heiligen KlaraBenavente, OrtKloster zur heiligen Klara. Die Stadt liegt in einer fruchtbaren und wunderbaren Ebene, die vom Fluss EslaEsla, Fluß durchquert wird1. Darin schwimmen gute Forellen; der Fluss mündet mit anderen kleinen Flüsschen in den DueroDuero, Fluß, der sich in der Nähe von PortoPorto, Ort2 ins Meer ergießt. Die Stadt gehört Don RodrigoRodrigo Alonso de Pimentel, Gf. von Benavente und Mayorga (1473–1499), dem Grafen von Benavente3, der mit dem Herzog von SevillaSevilla, Ort4 zu den besten und reichsten Adeligen des Königs von SpanienSpanien, L. zählt. Er besitzt nämlich viele und sehr große Höfe und erhält wegen der langen Kriegshandlungen mit den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) in früheren Zeiten die Hälfte aller Zehnten des Distriktes und die Kollation aller Pfründen, und dies alles durch päpstliche Verleihung. In früheren Zeiten führte er auch stets erfolgreiche Kriege mit den Königen von KastilienKastilien, L., denn er stammt aus dem Blut der Könige von Kastilien5.
Über das SchlossBenavente, OrtCastillo de la Mota von BenaventeBenavente, Ort
Dessen SchlossBenavente, OrtCastillo de la Mota1 gehört zu den edelsten und schönsten ganz KastiliensKastilien, L., außer den Befestigungen von GranadaGranada, Ort und SevillaSevilla, Ort gibt es in SpanienSpanien, L. nichts Vergleichbares. Es liegt außerhalb der Stadt auf einem kleinen Berg, ist quadratisch, und in jeder der 4 Ecken erhebt sich ein gut bewehrter Turm mit Gräben und sehr gut befestigten Vormauern. Innen ist der quadratische Hof mit Kapellen, mit Palästen mit Hallen und mit verschiedenen Arten gebrannter Kacheln geschmückt. Alle Dächer in den Hallen und Palästen sind mit Gold und Marmorsäulen reichhaltig verziert. Was gibt es noch? Alles ist dort zur größeren Ausschmückung angeordnet. Am Fuß des Schlossberges fließt der Fluss ÓrbigoÓrbigo, Fluß. Die Fundamente des Schlosses sind überall voll von Gewölben, Kellern und Ställen und so vielgestaltig, dass du dich in einem Labyrinth wähnst2. Es existiert ein unterirdischer Gang zum Fluss, so dass die Pferde hinuntersteigen können, und dieser Abstieg ist sehr lang, denn es gibt zahlreiche verschiedene Keller- und Höhlenräume für Mühlen, die Wasser herbeischaffen, so dass ich dies, hätte ich es nicht gesehen, niemals geglaubt hätte. Noch nie sah ich auf Erden ein ähnliches Schloss mit solchen unterirdischen Höhlen und so schön ausgestattet.
Der Graf, ein sehr ehrwürdiger und äußerst großzügiger Mann, war nicht anwesend, jedoch der Kastellan, den man in spanischer Sprache Alcalde3 nennt; er zeigte uns alles persönlich. Der Graf erfreut sich an verschiedenen Tieren4. Er hatte neun Löwen, ebenso in einem Käfig zwei weitere und einen Wolf, die dort unversehrt miteinander fraßen. Wir sahen einen schwarzen Äthiopier zu ihnen hineingehen und sahen, wie er sie streichelte, was ihnen gefiel. Man siehe doch, was die Vertrautheit bewirkt, die sogar wildeste Tiere ihrem Wärter gegenüber zutraulich macht. Der Halter versicherte uns, dass sie jährlich fünfzehnhundert Dukaten zum Unterhalt dieser Tiere benötigten. Er hatte auch vor wenigen Jahren noch einen Elefanten, der während des Winters starb, weil er die Kälte nicht ertragen konnte. Viel gäbe es über dieses edle Schloss zu schreiben, aber ich lasse dies aus Gründen der Kürze weg. Jedoch ist besonders der Blick auf den Fluss in alle Richtungen äußerst schön.
Über NumantiaNumantia, Ort, heute ZamoraZamora, Ort, eine Stadt Kastiliens1Kastilien, L.
Am 2. Januar erreichten wir früh ZamoraZamora, Ort, vormals NumantiaNumantia, Ort2, das von BenaventeBenavente, Ort zehn Meilen entfernt ist. Die Stadt liegt in einem ebenen und besten Land, fruchtbar an Weinreben und Getreide. Die Stadt ist so groß wie UlmUlm, Ort, aber dreieckig in Form einer Pyramide. Im Osten außerhalb der Mauern wird der Ort fast zur Hälfte von dem bekanntesten Fluss SpaniensSpanien, L., dem DueroDuero, Fluß, gesäumt, der in PortugalPortugal, L. ins Meer mündet. Es ist ein wunderbarer, klarer Fluss mit Mühlen, mit einer Brücke, mit süßem Wasser und vorzüglichen Fischen. Unter der neuen Brücke kann man noch die Fundamente der alten BrückeZamora, OrtPuento Viejo erkennen, die es seit langer Zeit gab3. In einem spitzen Winkel in Richtung auf den Fluss hin liegt ein schönes königliches SchlossZamora, OrtPalacio de los Condes de Alba y Aliste4 und damit zusammenhängend die KathedralkircheZamora, OrtSan Salvador, K. des Bischofs, die zu Ehren des heiligen Erlösers geweiht ist5. Dort gibt es 25 Kanoniker und 6 weitere Würdenträger, ohne die Pfründner zu zählen. Es ist eine wunderschöne Kirche in altem Stil mit einer sehr hohen Spitze, unterhalb des Chors ist sie vorzüglich mit Tafelbildern und anderen Malereien ausgestattet. Es gibt auch einen wunderschönen und phantastischen Umgang mit einer vergoldeten Bedachung nach Art der Spanier6. Ich stieg auf den sehr hohen Turm, betrachtete die Lage des Ortes und des Landes, und es gefiel mir sehr gut.
Abb. 6:
Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 431, fol. 183r
Münzer erzählt nicht nur vom Widerstand der Bewohner Numantias gegen die Römer, sondern fügt seinem Itinerarium auch einen Lageplan des alten Numantia am dort bezeichneten Fluss Duero bei. Die kleine Karte ist geostet, Occidens (Westen) und Oriens (Osten) erscheinen ebenso wie die Unterscheidung der civitas im Norden von der Befestigung (castra) in Süden in der Nähe des Flusses. Die archäologische Stätte wurde unter deutscher Beteiligung ergraben und liegt bei Zamora.
Dieses NumantiaNumantia, Ort widerstand, wie ich euch sage, im Jahre 600 nach der Gründung Roms den Römern sehr tapfer, mit nur viertausend Bürgern brachten diese im Verlauf der Zeit mehr als sechzigtausend römischen Kämpfern den Tod7. Schließlich unterwarf der vom Senat geliebte ScipioP. Cornelius Scipio Aemilianus Africanus minor Numantinus († 129 v. Chr.), röm. Politiker und Feldherr Africanus die Bevölkerung, eher durch Geschick als durch Gewalt, indem er die Versorgung der Stadt von der Umgebung abschnitt und an den Mauern weder den Ein- noch den Ausgang zuließ. Schließlich wählten die Bewohner, durch den Hunger gezwungen, die Übergabe der Stadt, falls man ihnen erträgliche Bedingungen einräume, ansonsten würden sie im Krieg wie Männer sterben. Beides wurde ihnen verweigert, so dass sie, durch den Hunger gezwungen, die ganze Stadt und sich selbst durch Feuer verbrannten, damit dem Sieger nichts bleibe, dessen er sich rühmen könne. So wurde NumantiaNumantia, Ort durch das Feuer besiegt, und (den Römern) blieb nichts weiter als die sichere Lage des Ortes. Scipio fragte einen gewissen Spanier namens CyrenäusCyreneus, keltischer Fürst, wie sie den Römern so viele Jahre mit so wenigen Kräften widerstanden hätten. Darauf antwortete dieser ihm: „Die Eintracht ist unbesiegbar, die Zwietracht war ihr Verderben“8. Dieses Sprichwort las man im Senat noch nach vielen Jahren an bestimmten Tagen. Ich glaube, dass du alle diese Ereignisse ausführlicher bei Titus LiviusT. Livius Patavinus (Titus Livius) († 17), röm. Historiograph in seinen Berichten über die Taten des Scipio findest9.
Die Gegend von NumantiaNumantia, Ort ist gut, fruchtbar und bringt vorzüglichen Weizen, Wein und andere Früchte hervor.
Über SalamancaSalamanca, Ort und das dortige Studium Generale
SalamancaSalamanca, Ort ist 10 Meilen von NumantiaNumantia, Ort entfernt und liegt am Fluss TormesTormes, Berg und Fluß, der vom Berg Tormes herunterfließt1. Obwohl dieser Fluss klein ist, gibt es eine vorzügliche Brücke mit 23 kleinen Bögen. Die Stadt liegt bestens in einer Ebene. Ich stieg auf den höchsten Turm der Kathedrale2, und die Stadt kam mir etwas größer als NürnbergNürnberg, Ort vor. Sie hat viele reformierte Klöster3 und unter anderem die KathedralkircheSalamanca, OrtSanta María de la Sede / Catedral Vieja, K., die der Himmelfahrt der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi geweiht ist, ein gut befestigtes Gebäude aus Steinquadern mit einer sehr hohen Kuppel vor dem Chorraum, mit einem sehr geschmückten Kreuzgang und zahlreichen Radialkapellen, die sehr reich verziert sind. Den Nebengebäuden des Kreuzganges angeschlossen ist die Bibliothek4, ich habe bisher in ganz SpanienSpanien, L. keine vergleichbare gesehen. Es ist ein phantastisches Gebäude mit einem Gewölbe wie in einer Kirche, mit alten und besten Büchern in Pergament aus allen Fakultäten, besonders der Philosophie und Theologie. Es gibt 25 Kanoniker und ebenso viele Pfründner, 18 Kapläne und 8 weitere Würdenträger. Die Pfründen sind fett, und die gelehrten Männer erwiesen sich mir gegenüber als sehr zuvorkommend. Die Kurie des BischofsSalamanca, OrtBischofspalast ist ebenso ein schönes Gebäude5. Die Leute sind recht zugänglich und leben von den Gütern des Landes sowie vom Handel. Alle Lebensmittel sind sehr günstig. Man kann sechs Hammel für einen Dukaten kaufen und so weiter.
Über das Salmantiner Studium
Es gibt in ganz SpanienSpanien, L. kein bekannteres Studium Generale1 als das von SalamancaSalamanca, Ort. Als ich dort war, versicherte man mir, dass an den Vorlesungen etwa fünftausend Studenten aus allen Fakultäten teilnähmen. Die Fruchtbarkeit des Landes, das alle Lebensmittel günstig bereitstellt, ist der Grund dafür, dass die Studenten in Scharen herbeiströmen, außerdem die Qualität der Doktoren, die unterrichten. Dort steht ein sehr schönes Kolleg2, das jüngst auf Kosten des Königs erbaut wurde, aus behauenen Steinen in der Art der Kreuzgänge der Klöster, mit großen hellen und gut verzierten Pulten. Es gibt ebenso eine große Bibliothek mit Gewölbe; im oberen Teil sind die Zeichen des Himmels und der freien Künste aufgemalt. Sie ist so groß wie die Kapelle der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi von NürnbergNürnberg, Ort3. Wir sahen, wie die Studenten lasen und rezitierten. Sie sind willfährig, gut gekleidet, aber sie staunten über uns wegen unserer Kleidung und unserer Sprache. Mir gefiel dieses Studium sehr gut. Es gibt andere Studienorte in Spanien, so in ValladolidValladolid, Ort4, in LissabonLissabon, Ort5 und in ToledoToledo, Ort6, aber in keiner Weise gleichen sie diesem in Salamanca.
Über die Höhle der Nigromantik
Es gibt eine unterirdische Höhle mit vielen Gewölben und Krypten. Darüber steht eine Kapelle des seligen CyprianusSalamanca, OrtSan Cebrián / Sankt Cyprian, K.Salamanca, OrtSan Cebrián / Sankt Cyprian K.1. Vor der Ankunft des Herrn und noch zur Zeit der Muslime praktizierte man vielfach magischen Aberglauben in PersienPersien, L., SpanienSpanien, L. und in BritannienBretagne, L., wie du im 30. Buch der Naturgeschichte des PliniusG. Plinius Secundus Maior († 79), röm. Staatsmann und Gelehrter sehen2 kannst. Aber es gibt niemanden, der wüsste oder der glaubt gehört zu haben, dass dort Magie praktiziert wurde. Ich denke, es war eine sibyllinische Grotte, und alte Orakel wurden dort verkündet, wie in der Grotte der Sibylle in der Gegend von NeapelNeapel, Ort3. Das Volk berichtet viele wirre Geschichten über diese Grotte. Es existiert auch in der Bibliothek der Kathedrale ein astronomisches Buch mit Himmelszeichen, mit Punkten, Zahlen und Buchstaben, das fälschlich als magisches Buch angesehen wird.
Es gibt zudem ein vorzügliches HausSalamanca, OrtColegio de San Bartolomé, das auf Kosten des Erzbischofs von SevillaSevilla, Ort errichtet wurde4, mit Einkünften, Materialien und anderen Dingen; dort leben 18 Studenten bestens, von denen 2 Philosophie studieren, 4 Medizin, 4 Theologie, 4 kanonisches Recht und 4 Rechtswissenschaft. Ein schönes Kolleg! In der Stadt sind keine weiteren herausragenden Dinge anzusehen. Es gibt jedoch viele Ritter und Adlige, die von ihren Einnahmen leben.
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Am 4. Januar verließen wir nach dem Essen SalamancaSalamanca, Ort und gelangten nach 4 Meilen zum Ort AlbaAlba de Tormes, Ort unter der Herrschaft Friedrichs von ToledoÁlvarez de Toledo, Fadrique (Fridericus de Toleto), Hzg. von Alba de Tormes (1523–1531), des Herzogs von Alba und Grafen von SalvatierraSalvatierra de Tormes, Ort2, der dort eine wunderbare Burg besitzt3. Wir erhoben uns wiederum früh, und über BonillaBonilla de la Sierra, Ort (de la Sierra) gelangten wir nach 8 Meilen nach VillafrancaVillafranca de la Sierra, Ort.
Am 6. Januar ritten wir, nachdem wir die Messe gehört und gefrühstückt hatten, durch hohe und schneebedeckte Berge 6 Meilen lang; am folgenden Tag stiegen wir von dort in ein anmutiges Tal hinab, voller Wein, Oliven und sehr großer Kastanienbäume. Schließlich gelangten wir zur Stadt ColmenaresColmenar de Montemayor, Ort, und nach Durchquerung einer schönen Ebene kamen wir zum Ort El Puente del ArzobispoEl Puente del Arzobispo, Ort. Die Brücke ist tatsächlich herausragend und sehr hoch, sie ist mit 6 Bedachungen und zwei sehr bewehrten Türmen ausgestattet und wurde von einem gewissen Erzbischof erbaut4. Am siebten Tag kamen wir, nachdem wir durch sehr hohe und unwegsame Berglandschaften hart geritten waren, zum hochberühmten und sehr bekannten Kloster GuadalupeGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl..
Über das Kloster GuadalupeGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl.
Auf dem Weg zwischen SalamancaSalamanca, Ort und SevillaSevilla, Ort, in Richtung Süden, gibt es einige sehr hohe Gebirgszüge, die sieben oder 8 Meilen breit sind1. Ich sage euch, es sind Berge mit Schlupfwinkeln für wilde Tiere, mit steilen Tälern, voll von Abgründen, und in der Mitte liegt wie in der Mitte eines Kreises am kleinen Fluss GuadalupejoGuadalupejo ( Lupus), Fluß das genannte KlosterGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl.. „Gwada“ bedeutet in der Sprache der Mauren Fluss. Deshalb entspricht „Gwadaluppa“ Fluss der Wölfe, denn diese Gegend ist voll von diesen Tieren2.
Als aber vor 700 Jahren die ganze BaeticaBaetica (Hispania Betica), röm. Provinz und SevillaSevilla, Ort3 von den Mauren beherrscht wurde, die nach dem Gesetz MohammedsMohammed / Muhammad, Begründer des Islam leben, vergrub ein gewisser Erzbischof von Sevilla, der den Niedergang SpaniensSpanien, L. sah, Reliquien an verschiedenen Orten; einige seiner Kleriker, die geflohen waren, versteckten ein Bild der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi in dieser waldreichen Gegend, abseits der Wege4. LeanderLeander, Ebf. von Sevilla (579?–599), Erzbischof von SevillaSevilla, Ort5, schickte seinen Bruder IsidorIsidor, Hl., Ebf. von Sevilla (599–636), Kirchenlehrer und Autor6 nach RomRom, Ort zu Papst Gregor (I.)Gregor I. der Große, Hl., Kirchenvater, P. (590–604)7, der ihm dieses Bild schenkte. Der Papst hatte es in Zeiten einer großen Epidemie in Rom zu den Stationen der Heiligen tragen lassen. Als LeanderLeander, Ebf. von Sevilla (579?–599) starb, folgte IsidorIsidor, Hl., Ebf. von Sevilla (599–636), Kirchenlehrer und Autor als Erzbischof. Nachdem SevillaSevilla, Ort viele Jahre später von König FerdinandFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) (III.)Ferdinand III. der Hl., Kg. von Kastilien und León (1217–1252)8 wiedergewonnen worden war, hörte ein Hirte, der eine Kuh verloren hatte, eine Stimme, die ihm sagte: „Geh zu diesem Ort, und Du wirst Deine Kuh dort tot finden; aber grabe an diesem Ort, und Du wirst eines meiner Bilder entdecken, und dies wird Deiner Kuh das Leben wiedergeben, wenn Du das Bild auf sie legst. Gehe daraufhin zum Erzbischof von SevillaSevilla, Ort, erzähle, was Du gesehen hast, und trage ihm auf, dass er an diesem versteckten und wilden Ort zu meiner Ehre eine Kapelle errichte, in der ich verehrt werden soll“. So tat es der Hirte; und es wurde dort zunächst eine gewisse Einsiedelei erbaut, aber später, nachdem die seligste Jungfrau sich dort mit vielen Wundern bekannt gemacht hatte, errichtete man dieses KlosterGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl.9. Es ist ein so wunderbares, geschmücktes und den lokalen Gegebenheiten entsprechend ausgestattetes Bauwerk, es gibt nichts Schöneres.
Über die Lage des Klosters
Das KlosterGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl. liegt südlich am Fuß eines sehr hohen Berges, wo vier Quellen entspringen und in verschiedene Richtungen fließen. Es ist ganz von Bergketten umgürtet außer im Süden, dort liegt nach einigen kleinen Hügeln die Ebene der BaeticaBaetica (Hispania Betica), röm. Provinz1. Deshalb ist der Ort sehr geschützt, es gibt reichlich Weinstöcke, Oliven, Apfelsinen und andere Früchte im Überfluss. In der Oktav des Januars (8. Januar) sangen in den Olivenhainen Amseln und andere Vögel, so wie bei uns im Mai. So warm ist es hier an diesem Ort GuadalupeGuadalupe, Ort! Durch das Tal fließt der Lupus (GuadalupejoGuadalupejo ( Lupus), Fluß), ein kleiner Fluss, aber mit gutem Wasser, das Forellen und andere Fische nährt.
Über die Kirche des KlostersGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl.
Wir gingen also zunächst in die Kirche und sagten der unversehrten Jungfrau Dank; wir besichtigten den Bau selbst, der hoch, wunderbar und hervorragend mit einer hohen Kuppel vor dem Chorraum gestaltet ist. Gegenüber dem Chor liegt der Hauptaltar, durch 13 Stufen weiter erhöht. So können die Patres leicht die Geheimnisse der Messe von ihrem niedrig gelegenen Chorraum aus sehen1. Die Altartafel ist sehr groß und sehr hoch, sie ist aus Gold und Elfenbein gefertigt2. In deren Mitte gibt es das skulpturierte Bildnis der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi, wie es vom Hirten entdeckt wurde3. Davor brennen 16 Lampen aus Silber oder einige aus vergoldetem Silber, sie leuchten Tag und Nacht. In der Mitte hängt die größte von allen, 128 Silbermark schwer, die von den Hirten dieser Gegend gestiftet wurde, deren Vorfahren das Bild zuerst entdeckt hatten. Weitere Lampen stammen vom König und anderen Vornehmen. Wir sahen auch auf einer Seite eine Kerze aus schneeweißem Wachs, die 15 oder 16 Zentner wiegt und die der König von PortugalPortugal, L. der seligen Jungfrau stiftete, weil eine gewisse Epidemie Portugal heimgesucht hatte und weil einige seiner Gefolgsleute aus einer sehr großen Meeresgefahr gerettet und zum sicheren Hafen geleitet worden waren4. Wir sahen ebenso eiserne Fußfesseln in unzähliger Zahl, welche christliche Gefangene, die durch Interzession der seligen Jungfrau von den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) befreit worden waren, dorthin brachten. Manche wogen sehr viel, 20 oder 45 Pfund5. Wie schrecklich ist es zu sehen und zu hören, dass christliche Menschen mit diesem schweren Gewicht als Sklaven die härtesten Arbeiten haben verrichten müssen!
Es ereignen sich dort täglich so viele und so große Wunder, dass schon drei große Bände vollgeschrieben sind und ein weiterer fortlaufend gefüllt wird6. Und dies ist nicht verwunderlich, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich7.
Dort sahen wir die Haut eines enormen Krokodils, das gewisse Portugiesen gebracht hatten, die in GuineaGuinea, L. auf Bitten der seligen Maria aus Gefahren befreit worden waren8. Wir gewahrten auch einen sehr großen gewölbten Panzer, das heißt einer „Schiltkroten“, darin kann sich eine ganze Person wie in einem Becken waschen, weiterhin zwei sehr große Barten9 von vier Ellen Länge und zwei Handspannen Breite, die man in PortugalPortugal, L. einem sehr großen Fisch weggenommen hatte, der 1200 Gräten hatte, und schließlich einen sehr langen Elefantenzahn.
Der Chor der Patres liegt im hinteren Teil der Kirche, er ist hoch und groß, hat ein schönes Chorgestühl10 und sehr schöne Choralbücher, wie ich sie in meinem Leben noch nie gesehen habe11. Die Blätter maßen 4 Handspannen in der Breite und 6 in der Länge, und jedes (Pergament-)Blatt stammte von einer ganzen Tierhaut. Mehr als dreißig Altäre stehen in der Kirche, alle Kapellen sind reichhaltig verziert. Es gibt 140 Patres mit den Konversen, darunter 70 Priester12, weiterhin viele Amtsträger, unzählige Handwerker, Hirten, Bauern und Arbeiter, dass im KlosterGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl. und außerhalb des Klosters täglich 900 Personen verköstigt werden. Dazu kommen die Almosen, die allen, die darum bitten, überreich gegeben werden. Außer den vielen Amtsträgern, Handwerkern, Hirten und Bauern, die ich schon erwähnt habe, gibt es mehrere, die ihnen eines Gelübdes wegen dienen. Aus Liebe zur seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi sind sie besonders eifrig13. Sie folgen der Regel des heiligen AugustinusAurelius Augustinus Hl., Kirchenvater, Bf. von Hippo (395–430), und ihre Ordenstracht ist die der Hieronymiten: eine weiße Kutte und Skapuliere in tiefbrauner Farbe, der Farbe der Naturwolle. Gregor XI.Gregor XI., P. (1371–1378) gründete diesen Orden und gab ihnen die entsprechenden Konstitutionen14.
Über den Kapitelsaal, die Keller und die Kanäle
Nach dem Essen wurden wir auf unsere Bitten ins KlosterGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl. gerufen, der ehrwürdige Pater Prior1, ein verehrenswerter Mann von 65 Jahren, empfing uns gütig, und durch die Tür des Kapitelsaales führte er uns (in den Saal) mit einer schönen Wasserstelle und einer wunderbaren Halle. Nach einer langen Unterhaltung übergab er uns an zwei Patres, die uns in den großen Weinkeller begleiteten, der in das Innerste des Berges gehöhlt ist. Dort betrachteten wir riesige Fässer und Amphoren, die mit Wein gefüllt waren. Danach führten sie uns zu zwei anderen weitläufigen Weinkellern. Als wir aus den Kellern traten, zeigten sie uns ein großes Becken, das mit Quellwasser vom Berg reich gefüllt war und durch verschiedene Kanäle verteilt wird; es versorgt viele Wasserstellen des ganzen Klosters: in der Küche, im Kapitelsaal, im Krankensaal, im Kreuzgang, in der Sakristei und so weiter und führt so überall hin ein sehr süßes und trinkbares Wasser. Mit bewundernswertem Geschick und hohen Kosten wurden diese Kanäle aus Marmor, Kupfer, Blei und anderen erhitzbaren Metallen gebaut.
Über das Refektorium der Patres, das Refektorium der Familiaren und die Küche
Das Refektorium der Patres ist weitläufig und sehr hoch, es ist aufwändig gebaut und misst 55 Schritte an Länge. Ähnlich wunderbar, aber größer ist das Refektorium der Familiaren und der Amtsträger. Darin speisen täglich zweihundert Personen und mehr, darunter die fünf Kapläne, die den Familiaren die Sakramente und anderes spenden; bei Tisch wird die Schrift gelesen, und es herrscht absolutes Schweigen. An der Tür steht ein breiter Stein, an den für eine bestimmte Anzahl von Stunden derjenige mit den Füßen angebunden wird, der von den Laien das Schweigen bricht. Sie haben auch eine Küche für die Familiaren mit großen kupfernen Kesseln, in denen man einen ganzen Ochsen kochen kann, sowie andere Gefäße für heißes und kaltes Wasser mit den entsprechenden Ausgüssen. Die Küche der Patres ist ebenso wunderbar. Darunter liegt der Weinkeller und die gut bestückte Vorratskammer. Dies ist dem Refektorium angeschlossen, ist gut angeordnet und gebaut, es gibt nichts Besseres.
Am 11. Januar, es war ein Sonntag, kam der ehrwürdige Pater (Prior), obwohl unpässlich, und führte uns in den Speisesaal, wo wir mit 100 Patres und Konversen in sehr großer Ehrfurcht und Stillschweigen aßen, bei einer Schriftlesung während des Essens; eine solch ehrfürchtige Zusammenkunft von Patres müsste sogar den verstocktesten Sünder dazu bewegen, Gott zu verehren. Wir wurden vorzüglich behandelt.
Über die Schuster, Schneider, Bäcker, Handwerker, Schmiede und andere Ämter
In ihrer Schuhmacherwerkstatt erblickten wir viele Leute, die fortwährend arbeiteten, und wir sahen so viele Schuhe, wie wir nie in unserem Leben gesehen hatten. Wir bemerkten Handwerker, die das Leder vorbereiteten, unter denen sich ein gewisser Deutscher aus PreußenPreußen, L., aus DanzigDanzig, Ort, befand. In der Bäckerei stehen so viele Mehlsäcke, dass man es nur schwer glauben kann; pro Woche brauchen sie zwanzig Ladungen Mehl, um das Brot für das Kloster und die Armenspeisung herzustellen. In der Schneiderei sahen wir ebenso unzählige Gewänder und Hemden aus Wolle für die Brüder; sie waren mit dem Namen von jedem einzelnen gekennzeichnet; alles gab es in überreichem Maße. An der Spitze stand ein gewisser deutscher Mönchspriester aus StettinStettin, Ort, in der Mark gelegen. Es gibt hier viele Handwerker und Priester aus DeutschlandDeutschland, L.1. Auch die Schmiede war sehr groß, und der Lärm von Hämmern, Feilen und anderen Geräten ist so stark, dass du an Zyklopen denkst. Noch viele andere Werkstätten gehören zum KlosterGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl.; man glaubt, in einer kleinen Stadt zu sein. Es gibt zudem vorzügliche Speicher. Ich kann nicht alles aufzeichnen.
Über Gärten und Baumwiesen
Wir betraten zwei ausgedehnte und äußerst schöne Gärten, die am Fuß des Berges liegen; dort gab es Wasserkanäle, um Zitrus-, Apfelsinen-, Myrten-, Zitronen-, Oliven- und andere Bäume zu bewässern. Die Zitronen waren schon reif und zwischen den grünen Blättern boten sie einen schönen Anblick.
Über die Bibliothek, den Schlafsaal und die Krankenstube
Sie haben eine sehr große und äußerst schöne Bibliothek mit 36 Pulten und mit besten und gut eingebundenen Büchern1. Der Schlafsaal der Novizen zählt 26 Betten, die gut angeordnet sind; in der Mitte des Raumes brennt die ganze Nacht eine Lampe. In ähnlicher Weise gibt es den Schlafsaal der Konversen mit 22 Betten; alles befindet sich in gutem Zustand. Die Krankenstube ist äußerst schön ausgestattet mit vielen Sälen und verschiedenen Kammern, samt einer hervorragenden Quelle und einer gut bestückten Apotheke2, dass man es kaum glauben kann.
Über die beiden Kreuzgänge
Es gibt zwei äußerst schöne und große Kreuzgänge1, die einer über dem anderen angeordnet sind; der ebenerdige ist der schönere. In der Mitte hat er einen Brunnen mit einer Kupferschale, die mit schönen eingelegten Bildern verziert ist. In einer Ecke, beim Speisesaal, ist ein weiterer sehr schöner Brunnen, und alles ist unter anderem von Apfelsinenbäumen und Zypressen umgeben. Darüber befindet sich der andere Kreuzgang, der zum Hochchor führt, dort sind in den Ecken wertvolle Bilder vom Kreuz, von der seligen JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi und von anderen (Heiligen); dort halten die Brüder ihre Stationen ab. Weiterhin gibt es wertvolle Kapellen und große Bücher zum Chorgesang. Oh, wie erquicklich und wie ehrwürdig dieser Ort erscheint! Jeder kann mit der Hand Apfelsinen vom Baum pflücken. Man kann diese schöne Ausgestaltung nicht beschreiben.
Über die königlichen Hallen
Die Könige von KastilienKastilien, L. besitzen dort wunderschöne Hallen1 mit Brunnen vor den Palästen und mit Aufenthaltsräumen, die wunderbar gebaut sind. Dort sahen wir einige Bedienstete der KöniginIsabella I., Kg. von Kastilien und León (1474–1504), Gemahlin Kg. Ferdinands II. von Aragón, die viele königliche Truhen bewachten. Weiterhin sahen wir viele Papageien, darunter gab es einen in fünf verschiedenen Farben mit grauem Kopf, einem grünen Hals, einem schwarzen Bauch, einem roten Schwanz und himmelblauen Flügeln, die in einem Grünton endeten. Die Diener erwarteten den KönigFerdinand II., Kg. von Aragón (1479–1516) und die Königin. Der Königin gefällt dieses Kloster ausgesprochen, und wenn sie dort ist, sagt sie, dass sie sich in ihrem Paradies befinde. Zur Matutin und allen kanonischen Horen betritt sie ihr wunderbares Oratorium, das sie oberhalb des Chorraumes besitzt.
Über die Sakristei und deren Schatz
Am Sonntag, dies war der 11. Januar1, gingen wir, nachdem wir wunderbar im Refektorium unter Anwesenheit des Pater Prior und von 100 Patres und Konversen gespeist hatten, mit großer Ehrerbietung und Ehrfurcht in die Sakristei, um die Ornamente und andere Dinge anzusehen. Was man dort zuerst zeigte, war eine Truhe mit zehn ausgesprochen schönen goldüberzogenen Kreuzen, zusätzlich zu den dreißig, die es auf den Altären gab. An Festtagen wird auf jedem der Altäre eines dieser Kreuze aufgestellt. Sie sind künstlerisch wertvoll hergestellt und wiegen zwischen 5 oder 6 und 10 Mark. Es gab dort auch verschiedene Becken und viele kleine Kannen für Wein und Wasser, alles aus Silber und Gold.
Die zweite Truhe hatte 16 Fächer mit jeweils drei Tüchern: alle waren aus goldenem Samt gefertigt, manche zusätzlich mit Gold überzogen oder wie ein Sieb gewoben, bestickt mit Edelsteinen, Perlen und anderem. Dort gab es nur Tücher und wertvolle Geschenke der Könige von KastilienKastilien, L.2.
Die dritte Truhe war voller schwarzer Kreuze, mit Bernstein und Gold verziert, die für die Fastenzeit dienten, mit weiteren silbernen und vergoldeten Bildern.
Die vierte Truhe enthielt 24 große Figuren aus reich vergoldetem Silber mit Gemmen und Edelsteinen. Darunter gab es ein großes Kreuz, zu dessen Füßen sich die selige JungfrauMaria / Maryam, Hl., bibl. Gestalt, Mutter Jesu Christi, JohannesJohannes († um 101), Apostel, Hl., Maria MagdalenaMaria Magdalena, Hl. und Josef3 befanden. Es war aus reinstem [Gold] und wurde von einem gewissen König KastiliensKastilien, L. der seligen Jungfrau (zum Dank) für einen bestimmten Sieg geschenkt4. Nur dieses Bild allein ist sechstausend Dukaten wert. Ebenso gibt es eine Krone aus reinstem [Gold] mit Gemmen, darunter eine sehr große Perle in der Form einer Birne. Der Küster sagte, dass der Inhalt dieser Truhe mehr als zwanzigtausend Dukaten wert sei.
In der fünften Truhe, die sehr groß ist, befand sich die Darstellung des Herrengrabes, die am Karfreitag verwendet wird; sie ist aus Zypressenholz, groß, mit goldenen und silbernen Tafeln geschmückt, mit vergoldeten Darstellungen versehen, mit Gemmen und Perlen verziert, und wiegt so viel, dass kaum zehn Leute es zum Chorraum befördern können. Diese Grabdarstellung sei unschätzbar. Ich glaube, es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt. Sie wiegt wohl mehr als tausend Mark.
Die sechste Truhe war gefüllt mit hervorragenden Kelchen, einer von diesen war aus reinstem Gold. Weiterhin gab es ein sehr wertvolles Buch, dessen Einband mit Perlen und Gemmen geschmückt war, das in den Prozessionen der Festtage vorangetragen wird, um die Gebete zu sprechen. Ebenso waren dort einige wunderbare Gefäße für den Wein und das Wasser am Altar. Auch (der Inhalt) dieser Truhe ist in der Tat von hohem Wert.
Die siebente Truhe enthielt 16 Bilder, dazu zählen zwei sehr große Kreuze und eine Krone aus reinstem Gold, die sehr wertvoll ist. Man versicherte, dass diese Truhe mehr als 15 Tausend Dukaten wert ist.
In der achten Truhe befand sich eine Monstranz für das (heilige) Sakrament von 255 Mark, die Vergoldung kostete zweitausend Dukaten. Der Kreis, in welchem die Hostie sich befindet, ist aus reinstem Gold und mit Gemmen geschmückt. Man sagte, dass sie für 4000 Mark gekauft wurde. In der gleichen Truhe gab es weiterhin zwei sehr hohe und sehr schöne Bernsteinkreuze, mit Pflanzen aus reinstem Gold verziert.
In der neunten Truhe mit 12 Fächern lagen 36 Dalmatiken, alle mit Gold gesäumt, mit Perlen und Gemmen, ebenso enthielt ein Fach Tücher für die Vorderseite des Altares, Vela sowie andere ausgewählte Fransentücher.
Die zehnte Truhe war voll von großen, hohen Kandelabern und Altarbildern. Weiterhin gab es Rauchfässer und reich verzierte Friedenstäfelchen aus Silber, Gold und Edelsteinen5.
Die elfte Truhe barg goldene Ornamente, die für die Messe und andere große Feierlichkeiten bereitlagen; ebenso gab es eine weitere Truhe mit roten Tüchern für die Apostelfeste und ein anderes mit Ornamenten aus feinster Seide für die einfachen Feste. Oh, wie wertvoll diese Schmuckstücke sind!
Die zwölfte Truhe war voll mit Dingen, um die Altäre zu schmücken, aus Gold, Silber und anderen Materialien. Es gibt dort weitere Truhen mit Paramenten für die normalen Tage, die ich unmöglich aufzählen kann6. Wahrhaftig, mit diesem Schatz könnten die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) ihre verlorenen Reiche wiedererobern, denn so viel Reichtum gibt es dort. Und ich glaube wirklich, dass dieses Kloster keinen geringeren Schatz hat als den der Könige von KastilienKastilien, L..
Über ihrGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl. Hospital
Außerhalb des Klosters gibt es ein schönes Hospital1, es ist quadratisch angelegt und vorzüglich gebaut; es besitzt viele Betten, einige Räume sind für die Verletzten, einige für die Fiebrigen und andere, um die Armen zu stärken. Alle Räume sind voll mit Decken, Betttüchern und allen Dingen, die ein vorzügliches Hospital benötigt.
Über ihreGuadalupe, OrtSanta María de Guadalupe, Kl. Einkünfte
Ihr Reichtum und ihre Einkünfte stammen hauptsächlich aus den Rinderaufzuchten, über die sie in unzähligem Maße verfügen. Sie hatten damals, wie ich erfuhr, viertausend Kühe, Tausende von Kälbern und Pferden, weiterhin Öl, Wein und Getreide. Man glaubt, dass sie jährlich Einkünfte von mehr als zwanzigtausend Dukaten beziehen. Sie leben in strenger Observanz. Alles ist dort sorgfältig geordnet, und diese Ordnung in allen Dingen bewahrt ihre Eintracht bei Reichtum und Vermögen. Es gibt unter ihnen Gelehrte, Maler, Schreiber, Illuminatoren, Goldschmiede und Kunsthandwerker, wie man kaum beschreiben kann. Oh, wie viele phantastisch illuminierte Missale haben wir gesehen! Die wunderbaren Werkstätten gereichten dem ganzen Kloster zum Nutzen und zur Zierde. Was gibt es noch? Mir kam folgendes Zitat von Sallust in den Sinn: „In Eintracht wachsen die kleinsten Dinge, in Zwietracht werden die größten Dinge zerstört“1. Und weiterhin: „Für die Tugend ist nichts ungangbar“2; weiterhin: „Wo Du es willst, herrscht das Außerordentliche“3. Wenn Leidenschaften vorherrschen, kann der Geist nicht wirken. Ich glaube sogar, dass die königlichen Majestäten alle Geheimnisse über den dortigen Schatz kennen und davon eine Niederschrift besitzen, damit nichts entfremdet werden kann. Vieles wäre noch über dieses sehr bekannte Kloster zu schreiben, was ich aus Gründen der Kürze weglasse.
Am 11. Januar gingen wir durch jene hohen Berge zurück, passierten die Puente del ArzobispoEl Puente del Arzobispo, Ort in Richtung ToledoToledo, Ort, das von GuadalupeGuadalupe, Ort 27 Meilen entfernt ist. Von El Puente del ArzobispoEl Puente del Arzobispo, Ort kamen wir nach TalaveraTalavera de la Reina, Ort, eine berühmte Stadt, die am Ufer des TajoTajo / Tejo, Fluß liegt, mit einer Brücke aus 22 Bögen4. Dort gründete der Erzbischof von GranadaTalavera, Hernando de, Ebf. von Granada (1492/93–1507)Granada, Ort5 zwei Klöster, eines zu Ehren des heiligen HieronymusTalavera de la Reina, OrtSanta Catalina, Kl.Hieronymus (†419/20) Hl., Kirchenvater6 und das andere zu Ehren des heiligen FranziskusTalavera de la Reina, OrtSan Francisco el Viejo, Kl.Franz von Assisi(† 1226), Hl., Ordensgründer, hier herrscht Observanz7. Es gibt eine KollegiatkircheTalavera de la Reina, OrtSanta María la Mayor, K.8, die so groß ist wie diejenige in NördlingenNördlingen, Ort und die in einer schönen Ebene liegt. Diese ist fruchtbar und bringt Wein, Öl und andere Früchte hervor. Wir verließen diese Stadt am 14. Januar und kamen abends in der berühmten und alten Stadt Toledo an.
Über ToledoToledo, Ort
ToledoToledo, Ort ist eine der berühmtesten Städte SpaniensSpanien, L. und liegt bestens befestigt auf einem Bergrücken. Die Stadt wird an drei von vier Seiten durch den Fluss TajoTajo / Tejo, Fluß begrenzt, der in einem tiefen Tal fließt. Die Lage, um es so zu sagen, ist derjenigen von BernBern, Ort in der SchweizSchweiz, L. vergleichbar, obwohl der Berg und der Aufstieg von allen Seiten steiler ist. Welch starke Mauern diese Stadt hat, welche die SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) errichteten, und wie sehr die Stadt durch Natur und Baukunst befestigt erscheint. Es gibt eine KathedraleToledo, OrtSanta María de Toledo, K.. Dort starb der Kardinal und Erzbischof mit Namen Pedro de MendozaPedro González de Mendoza, Ebf. von Sevilla (1474–1483), Ebf. von Toledo (1482–1495), Kardinaldiakonvon Santa Maria in Domnica (1473–1478), Kardinalpriester von Santa Croce in Gerusalemme (1478–1495)1; wir sahen, wie sein Leichnam von GuadalajaraGuadalajara, Ort über 22 Meilen mit großem Ehrengeleit, Pomp und Feierlichkeiten, so wie man es sich kaum vorstellen kann, überführt wurde. Außerhalb des Ortes und in den Fenstern der Stadt sahen wir unglaublich viel Volk und Personen beiderlei Geschlechtes. Toledo ist größer und dichter bevölkert als NürnbergNürnberg, Ort. Dieser Kardinal hinterließ unerhörte Reichtümer an Gold und weiteren kostbaren Dingen, insgesamt im Wert von mehr als zweihunderttausend Dukaten2. Die Kirche von Toledo zählt zu den reicheren unter den Kirchen Spaniens und ist das Haupt aller Kirchen in Spanien3.
Über die Toledaner Kirche
Wir haben in SpanienSpanien, L. niemals eine so schöne und wohlgestaltete KircheToledo, OrtSanta María de Toledo, K. gesehen, deren Bau vollendet ist1. Sie misst 220 Schritte in der Länge und 47 Schritte in der Breite. Und sie hat auf jeder Seite zwei Schiffe und hinter dem Chor drei, von denen das am weitesten vom Hochaltar entfernte etwas tiefer gelegen ist; das liegt an den Kapellen, die groß und vortrefflich, zudem herrlich geschmückt sind. In diesen KapellenToledo, OrtSanta María de Toledo, K.Capilla de los Reyes Nuevos, K. befinden sich die Grabmäler der Könige2. Dieses Gebäude wurde seit der Rückeroberung Toledos – denn diese Stadt ging den Christen mehrfach verloren und musste von den Mauren zurückerobert werden3 – mit den von den SarazenenSarazenen (Mauren/Muslime) erbeuteten Spolien ausgestattet. Es gibt viele Sitze im Chorgestühl, das ganz neu von einem gewissen Skulptor aus Niederdeutschland gefertigt wurde4. In jeden der Sitze ist eine Szene von den Siegen im Reich oder der Stadt Granada geschnitzt; dort kannst du gleichsam die Kriegshandlungen von GranadaGranada, Ort sehen, als ob du sie direkt vor Augen hättest. Die Kirche hat auch einen sehr hohen und sehr schönen Turm5, auf den wir stiegen, um die Stadt zu betrachten. Wir sahen dort die größte Glocke ganz Spaniens, die vierhundert große Zentner wiegt wie die unsrigen.
Über den Schatz und die Reichtümer der Kirche
Zu ihrem Unterhalt bekommt die KircheToledo, OrtSanta María de Toledo, K. jedes Jahr achttausend Dukaten, damit halten sie alles instand, erneuern das Zerstörte und schaffen Neues. Die Sakristei ist nach derjenigen von GuadalupeGuadalupe, Ort die größte und vielleicht auch die weitläufigste1. Der äußerst bekannte Herr Alfons von OrtizOrtiz, Alonso († 1530), Kanoniker, Kanoniker, Rechtsgelehrter und sehr gelehrter Poet, zeigte sie uns und erwies uns höchste Aufmerksamkeit2. Wir sahen zuerst die große Schatzkammer, die mit so schönen Malereien geschmückt war3, dass man glaubt, die Kapelle SixtusRom, OrtSixtinische Kapelle IV. in RomRom, Ort zu sehen4. Ich kann nicht beschreiben, wie wunderbar diese Malereien mit der Darstellung der verschiedenen Tugenden sind. Sie zeigten auch zunächst mehr als hundert Bilder, Kelche, Kreuze sowie andere Gefäße, Kopfreliquiare, alles aus Silber und Gold und voller Reliquien. Zum zweiten öffneten sie eine große Truhe, in welcher wir ein hervorragendes Kreuz sahen, das mit Gemmen und auserlesenen Perlen verziert war und ein großes Holzstück vom heiligen Kreuz enthielt. Dieses Kreuz war wirklich sehr wertvoll. Es gab eine Bibel in drei Bänden5, immer zwei Blätter aus Jungfernpergament kunstvoll mit Harz zusammengefügt6. So hat man an den Rändern der Blätter den Text, darunter den Kommentar zum übertragenen Sinn, und im Zentrum wird die jeweilige Geschichte figürlich dargestellt und mit goldenen und blauen Farben illuminiert. Ich glaube, es gibt in der Welt keine ähnliche Bibel. Wie wunderbar war ihr samtener Einband, verziert mit Edelsteinen, Perlen und anderen Dingen. Weiterhin gab es dort eine große silberne Tafel mit kleinen Zwischenräumen, die voller Reliquien waren, und diese Tafel war sehr groß.
In der dritten Truhe wurden fünf reich geschmückte Mitren verwahrt, unter denen sich eine befand, die der Kardinal und Erzbischof7 für 25tausend Dukaten hatte anfertigen lassen. Sie ist sehr wertvoll und mit Perlen und Gemmen geschmückt. Wie reich verziert zudem die Bänder der Mitren waren! Es gab ebenso zwei große Friedenstäfelchen8 und andere sehr schöne Tafeln. Man urteilte, dass diese Truhe mehr als hunderttausend Dukaten an Werten enthalte. In der vierten Truhe gab es die Monstranz für das (heilige) Sakrament, die mehr als achthundert Mark wog. Ich habe noch nie eine größere gesehen. Es gab zudem silberne Bischofsstäbe und andere großartige Kreuze mit Bernsteineinlagen auf Gold. Die fünfte Truhe enthielt ein großes Goldkreuz von 150 Mark, Weihrauchfässer und silberne Kandelaber.
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