Kitabı oku: «Bloß nicht fromm werden!?»

Yazı tipi:

Über den Autor

Pfarrer Klaus Jürgen Diehl leitete viele Jahre den CVJM-Westbund, einen christlichen Jugendverband, und anschließend bis zu seinem Ruhestand das Amt für missionarische Dienste der westfälischen Landeskirche. Er ist verheiratet, hat 3 Kinder und Enkel und lebt heute mit seiner Frau Karin in Wetter/Ruhr. Eines seiner Lieblingszitate in der Bibel: „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht“ (Psalm 119,176). In der Bibel für sich „Beute machen“ und anschließend jüngeren wie älteren Menschen Anteil an den dabei gefundenen Schätzen zu geben, gehört zu den Leidenschaften dieses Bibelliebhabers.


INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

1. Feuer – Hammer – Schwert: Die Bibel hat es in sich

2. Sollte Gott inkonsequent sein?

3. Sündigen lohnt sich nicht

4. Selbst radikale Klagen finden bei Gott Gehör

5. Das Größere sehen, statt sich mit dem Sichtbaren abzufinden

6. Trennendes überwinden und Einheit erleben

7. Gnade kann man sich nur schenken lassen

8. Gott hat abgerüstet

9. Alle Tage Sonnenschein ist nicht versprochen

10. Ist die Bibel sexualfeindlich?

11. Gott loben – nicht nur in erhebenden Momenten

12. Die Letzten werden die Ersten sein

13. Gott arbeitet mit lauter Versagern

14. Ohne Umkehr zum Schöpfer verdorrt die Erde

15. Keiner wird Gott los

16. Ist unser Leben von Gott vorherbestimmt?

17. Passion contra Aktion – wer oder was rettet die Welt?

18. Gehorsam und Vertrauen bedingen einander

19. Bloß nicht fromm werden!?

20. Seine Seele stillen

21. Macht der Glaube glücklich?

22. Engel sind Boten Gottes – nicht mehr und nicht weniger

23. Jesus als genialer Geschichtenerzähler

24. Zu Gott umkehren

25. Hat Gott Humor?

26. Begrenzte Loyalität

27. Eine Chance für den Zweifler

28. Im Danken kommt Neues ins Leben hinein

29. Vom Umgang mit Geld und Gut

30. Jedes Wort zählt

31. Ist Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden?

32. Muss man an den Teufel glauben?

33. Kommen am Ende alle in den Himmel?

VORWORT

Bei einer abendlichen Talkrunde im Deutschen Fernsehen fiel der Satz: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!“ Einer der Talkgäste bemerkte: „Das ist ja ein interessantes Zitat. Wer hat es gesagt?“ Darauf ein anderer Gast: „Das muss von Bert Brecht sein!“ Niemand in der Runde der prominenten Gäste kam auf den Gedanken, dass der Satz aus der Bibel stammt und bei Jesus noch eine Fortsetzung hat: »… sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Matthäus 4,4 im Anschluss an 5. Mose 8,3). Diese kleine Szene scheint mir symptomatisch zu sein. Das Wissen um die Botschaft der Bibel und die Grundlagen des christlichen Glaubens nimmt in unserer Gesellschaft immer mehr ab. Dafür nehmen Vorbehalte und Vorurteile zu: Dieses alte Bibelbuch scheint nicht mehr in unsere Zeit zu passen; man kann sich seine Lektüre sparen, ohne dabei auf wesentliche Erkenntnisse und Einsichten für sein Leben verzichten zu müssen. Wer dagegen in unserer Zeit fromm sein möchte, der löst mit einem solchen Wunsch heftige Abwehrreaktionen aus: „Alles, bloß nicht fromm werden!“ Denn Frömmigkeit scheint nichts anderes als eine verkappte Form religiöser Selbstgerechtigkeit und Heuchelei zu sein. Mit dem vorliegenden Buch möchte ich solchen negativen Einschätzungen, einem sich immer stärker ausbreitenden Nichtwissen, aber auch berechtigten Einwänden gegenüber Bibel und Glauben begegnen. Ich möchte noch einmal genauer hinschauen, was die Bibel zu den einzelnen Themen sagt. Es ist mein Wunsch, dass Leser dabei neue, vielleicht auch überraschende Einsichten über Gott und die Welt gewinnen und zur eigenen Bibellektüre angeregt werden. Und vermutlich werden auch mit der Bibel vertraute Leser hier und da noch ungewohnt Neues entdecken können und dadurch ihren Glaubenshorizont erweitern.

Klaus Jürgen Diehl

1.

FEUER – HAMMER – SCHWERT: DIE BIBEL HAT ES IN SICH

Christen bekennen sich zur Bibel als Gottes Wort. Dabei werden uns in der Bibel keine menschlichen Mutmaßungen oder wohlmeinende Ratschläge gläubiger Autoren überliefert. Das entscheidende Qualitätsmerkmal der Bibel besteht vielmehr darin, dass sie von Gott selbst inspiriert und damit in allen wesentlichen Fragen des Lebens und Glaubens unbedingt verlässlich ist. Dazu muss Gott bei den Verfassern der biblischen Schriften den Schreibgriffel gar nicht bis in die letzte Formulierung hinein geführt haben. Aber gewiss hat er durch sie dafür gesorgt, dass wir über alles sorgfältig informiert werden, was zu unserem ewigen Heil notwendig ist. Und ebenso lässt er uns nicht im Unklaren darüber, wie wir ein ihm wohlgefälliges Leben führen können. Eben das hat Paulus im Blick, wenn er in 2. Timotheus 3,16 f. den Nutzen der Heiligen Schrift im Blick auf Lehre und Leben betont: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben (d. h. inspiriert), ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt“. Wie wirkmächtig die Bibel für unser Leben ist, veranschaulicht sie uns selbst in verschiedenen Bildern. Drei davon sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt werden.

Gottes Wort – ein Feuer gegen kalt gewordene Herzen

In Jeremia 23,29 lesen wir: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“? In diesem Wort aus dem Propheten Jeremia ist zunächst davon die Rede, dass Gottes Wort „wie ein Feuer“ ist. Gott will mit seinem Wort unsere Herzen entflammen. Das ist heute umso notwendiger, wo immer häufiger ein gesellschaftliches Klima der „erkalteten Herzen“ zu beklagen ist. Wer sich dem Wort Gottes unvoreingenommen aussetzt, der bleibt davon nicht unberührt. Dessen Herz wird entzündet zur Liebe gegenüber anderen Menschen, aber auch gegenüber Gott und sich selbst. Wie gut tut es einem Menschen, der zum ersten Mal in der Bibel entdeckt, wie sehr sich Gott in seiner Liebe nach ihm sehnt, wie wertvoll er in Gottes Augen ist. Denn dieser war sogar bereit, aus Liebe seinen einzigen Sohn ans Kreuz zu liefern. Und wie großartig ist es, wenn sein bis dahin mitleidloses, ichbezogenes Herz anfängt, für andere zu schlagen und er „Feuer und Flamme“ ist, um sich tatkräftig ihrer Not anzunehmen. Als der japanische Sozialreformer Toyohiko Kagawa (1888–1960) einmal gefragt wurde, was ihn zu seiner außergewöhnlichen Lebensleistung befähigt habe, hielt er dem Fragesteller seine Bibel entgegen und sagte nur: „Darin allein liegt meine Kraft, meine ganze Kraft!“ Vor allem das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter hatte in jungen Jahren sein Herz so entflammt, dass er sich fortan mit beispielloser Hingabe für die Armen und Entrechteten in seinem Land einsetzte und zu einem der großen Sozialreformer Japans wurde.

Gottes Wort – ein Hammer, der blaue Flecken hinterlässt

In demselben zitierten Wort aus dem Propheten Jeremia ist auch davon die Rede, dass Gottes Wort „wie ein Hammer“ ist. Gott selbst lässt hier keinen Zweifel daran, dass sein Wort auch eine gewaltsame, zerstörerische Wirkung haben kann: Gottes Wort – das ist der Hammer! Ja, die Bibel räumt mit mancher gefährlichen Selbsttäuschung gründlich auf: So öffnet sie uns die Augen für die Tiefe unserer Schuld und deckt die Verkehrtheit unserer Lebenswege auf. Sie entlarvt unsanft die Selbsteinschätzung als Illusion, dass wir zwar nicht vollkommen, aber im Grunde doch von Natur aus gut seien und Gott daher mit uns zufrieden sein könne. Nein, so sagt uns die Bibel in unmissverständlicher Schärfe: Unser Herz ist böse von Jugend auf (1. Mose 6,5) und darum brauchen wir unbedingt ein neues Herz, wenn wir nicht für immer verlorengehen wollen. Das klingt brutal ernüchternd, aber es ist die für unser Heil notwendige Diagnose. Ja, die Bibel kann schon einmal wie eine mächtige Abrissbirne auf ein selbst gezimmertes, im Kern aber morsches Lebensgebäude wirken. Helmut Thielicke (1908–1986) bemerkt dazu: „Das Wort Gottes ist kein Ohrenschmaus, sondern ein Hammer. Wer keine blauen Flecken davonträgt, soll nicht meinen, es habe bei ihm eingeschlagen.“ Lassen Sie uns darum lieber mit blauen Flecken unser Leben retten, als selbstgefällig vor die Hunde zu gehen!

Gottes Wort – eine scharfe Klinge, die dazwischenfährt

Im Hebräerbrief wird das Wort Gottes mit einem scharfen Schwert verglichen: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“ Diese Feststellung lässt das Wort Gottes geradezu martialisch erscheinen: mit Rasiermesserschärfe scheint es dazwischenzufahren. Es geht durch Mark und Bein und sorgt für endgültige Trennungen. Es verwundert daher nicht, dass manche Kritiker in der Bibel bis heute „ein gewalttätig-inhumanes Buch“ sehen, das „als Grundlage einer heute verantwortlichen Ethik ungeeignet“ sei, wie der Psychologe und Religionskritiker Franz Buggle (1933–2011) meint. Doch übersieht er wie viele andere Kritiker, dass die „gewalttätig“ erscheinende Schärfe der Bibel nicht lebensbedrohlich, sondern lebensrettend ist. Welcher Kritiker unseres Gesundheitswesens käme wohl auf den Gedanken, Chirurgen die Schärfe ihrer Operationsbestecke vorzuhalten?! Schon ein Kind versteht: Je schärfer die Klinge des Chirurgen ist, umso leichter und exakter lässt sich der Tumor vom gesunden Körpergewebe trennen und umso größer ist die Chance auf Heilung. So will Gottes Wort nicht nur den lebensbedrohlichen Schaden unseres Lebens – Sünde und Schuld – aufdecken, sondern mit seinem Zuspruch der Vergebung zugleich heilen. Die Bibel ist darum immer beides zugleich: nüchterne Diagnose unseres elenden Ist-Zustandes und wirksame Medizin, die zu unserer Heilung führt. Wenn Gottes Wort wie eine scharfe Klinge unser Gewissen trifft, dann dient das einzig dem Ziel, es von Schuld und Schmutz zu reinigen, damit wir einmal aufrecht vor Gott, unserem Richter, stehen können.

2.

SOLLTE GOTT INKONSEQUENT SEIN?

Gott mit Inkonsequenz in Verbindung zu bringen, ist eigentlich unvorstellbar. Denn Inkonsequenz ist mit dem Odium fehlender Folgerichtigkeit und offensichtlicher Unbeständigkeit behaftet. Wer inkonsequent ist, bei dem besteht ein Missverhältnis zwischen Reden und Handeln. Das wird man Gott wohl in keiner Weise unterstellen können. Und doch gibt es überraschenderweise Geschichten bzw. Aussagen in der Bibel, wo Gott augenscheinlich inkonsequent ist oder unlogisch handelt. So wird uns in der biblischen Urgeschichte zunächst erzählt, dass sich der Mensch nach der Vertreibung aus dem Paradies nicht im Geringsten verändert hat: „Gott sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden“, lesen wir in 1. Mose 6,5. Daraufhin folgt als logische Konsequenz nach der Vertreibung aus dem Paradies das Strafgericht der Sintflut: „Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde“ (Vers 7). In 1. Mose 8,21 kommt Gott zu demselben Schluss wie vor der Sintflut: „Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf“. Aber diesmal handelt Gott ganz anders. Anstelle des zu erwartenden Gerichts beschließt er: „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe“ (Vers 26 b). Ist das nicht inkonsequent? Unlogisch? Hätte Gott jetzt nicht aufgrund der anhaltenden Bosheit der Menschen folgerichtig zu dem Schluss kommen müssen: „Wenn die Menschen partout böse sind, dann mache ich jetzt endgültig Schluss mit ihnen! Dann ist das Projekt Schöpfung eben gescheitert!“ Aber nein. Gott handelt völlig anders: Er garantiert trotz ihrer anhaltenden Bosheit den Fortbestand der Menschheit, schließt einen Bund mit Noah und setzt als Zeichen seines Friedenswillens den Regenbogen in die Wolken.

Gott lässt unvermittelt ab von seinem grimmigen Zorn

Man kann den Propheten Hosea ins Feld führen, der in radikaler Schärfe wie sonst kein anderer Prophet im Auftrag Gottes einem unbußfertigen Volk ein hartes Strafgericht ankündigen muss. Ja, Hosea muss im Auftrag Gottes sogar eine Hure heiraten, um damit zu verdeutlichen, wie treulos Israel Gott gegenüber ist, indem es sich anderen Göttern an den Hals geworfen hat. Doch dann lesen wir unmittelbar nach einer solchen Gerichtsankündigung in Hosea 11,7 ff., wie Gott völlig überraschend einlenkt: „Mein Volk ist müde, sich zu mir zu kehren, und wenn man ihnen predigt, so richtet sich keiner auf … Ich will hinfort nicht nach meinem grimmigen Zorn tun noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen, zu verheeren.“ Erneut erscheint das Verhalten Gottes inkonsequent, weil er ohne ersichtlichen Grund von seinem angedrohten Gericht über Israel ablässt. Aber diese vermeintliche Inkonsequenz Gottes, mit der er seinem berechtigten Zorn über ein fortwährend treuloses Volk in den Arm fällt, ist Zeichen seines Erbarmens, das er durch keine noch so große Schuld der Menschen aufkündigt. Gottes Lust am Menschen und seine Liebe zu ihm ist offensichtlich unerschütterlich, auch wenn es genug Grund und Anlass gibt, sich endgültig von seinen Geschöpfen abzuwenden, die Gemeinschaft mit ihnen aufzukündigen und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Insofern ist Gottes vermeintliche Inkonsequenz ein Beweis seiner beständigen Liebe zu uns, die er trotz vieler Irrungen und Wirrungen auf unserer Seite nie aufgibt.

Statt berechtigter Standpauke eine liebevolle Umarmung

Auch das von Jesus erzählte Gleichnis vom verlorenen Sohn ist ein Beispiel dafür (Lukas 15,11 – 32). Wie sich der Vater in dem Gleichnis verhält, erscheint für die jüdischen Zuhörer völlig unlogisch, ja geradezu absurd: Ein jüdisches Familienoberhaupt würde seinem Sohn, der sein Erbe verprasst hat und als heruntergekommener Nichtsnutz nach Hause zurückkommt, vermutlich vom Hof jagen, ihm aber zumindest eine gehörige Standpauke halten und ihn dazu verdonnern, sich durch treue Arbeit als einfacher Knecht erst einmal auf dem väterlichen Hof zu bewähren. Genau so empfindet es ja auch der zu Hause gebliebene ältere Bruder des Heimgekehrten, der darum das Verhalten des Vaters als völlig ungerechtfertigt und inkonsequent kritisiert. Aber Jesus erzählt uns die Geschichte ganz anders, als es die Zuhörer erwarten und der ältere Bruder einschätzt: Statt ihn abzuweisen oder ihm eine Strafpredigt zu halten, läuft der Vater seinem sehnsüchtig erwarteten Sohn entgegen, schließt ihn in seine Arme, setzt ihn wieder als Sohn und Erben ein und feiert ein großes Fest mit ihm und für ihn. Wieder einmal zeigt sich: Gott als Vater ist eben ganz anders, als selbst religiöse Menschen es sich vorstellen. Was auf den ersten Blick inkonsequent erscheint, ist doch nichts anderes als Gottes unbeirrbare, nicht kleinzukriegende Liebe und sein Erbarmen mit uns Menschen. Er ist „eben Gott und nicht ein Mensch“, wie es schon bei Hosea heißt.

3.

SÜNDIGEN LOHNT SICH NICHT

Die Bibel ist voll von Sündengeschichten. Das beginnt schon kurz nach der Erschaffung von Adam und Eva mit dem Sündenfall und zieht sich bis ins letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, durch, wo die „Hure Babylon“ (gemeint ist das heidnische Rom) die Gemeinde zur Sünde bzw. zum Abfall von Gott verführen will. Nun verbindet sich in unserer Vorstellung mit dem Wort „Sünde“ – abgesehen von mancher Banalisierung – meistens etwas Anrüchiges und Schmutziges. Wir denken bei Sünde an Unmoral, an Bosheit und Gemeinheit. Aber die Bibel zeichnet uns zuerst ein ganz anderes Bild von der Sünde der Menschen. Als Eva von der Schlange verführt wird, heißt es in 1. Mose 3,6: „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.“ Die Sünde präsentiert sich hier also als etwas Verlockendes; sie ist „als Lust für die Augen“ in ästhetischer Hinsicht überaus anziehend und in ihrer Anregung für Geist und Intellekt, „weil sie klug macht“, ausgesprochen attraktiv – Sünde ist also keineswegs schmutzig und abstoßend.

Sündigen bleibt nie folgenlos

Auch die Sünde Davids durch den Ehebruch mit Bathseba und den Mord an ihrem Ehemann Uria beginnt ja keineswegs in einem schäbigen Rotlicht-Milieu, sondern mit einem betörenden Anblick von der Dachterrasse seines Palastes, von wo David unvermittelt einer Frau beim Baden zuschaut, „und die Frau war von sehr schöner Gestalt“ (2. Samuel 11,2). Doch so begehrenswert und attraktiv die Sünde auf den ersten Blick erscheinen mag, so hat sie doch immer zerstörerische Auswirkungen. Früher oder später wird der Mensch von seiner eigenen Sünde eingeholt und hat dann an ihren Folgen schwer zu tragen. Das gilt für Adam und Eva, die nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben werden, und es gilt für David und Bathseba, deren erstes Kind aus ihrer ehebrecherischen Beziehung nach der Geburt trotz allen Flehens Davids um Bewahrung stirbt. Theologen reden vom „Tat-Ergehens-Zusammenhang“, um deutlich zu machen, dass die Sünde der Menschen nie folgenlos bleibt.

Manchmal wird die Quittung für die Sünde erst am Ende präsentiert

Das gilt übrigens bis heute. Es scheint sehr verlockend zu sein, sein Leben autonom zu gestalten, ohne nach Gottes Geboten zu fragen. Sich möglichst ungehindert selbst zu verwirklichen, ist für viele geradezu ein attraktives Lebenskonzept. Was könnte verlockender sein als das Versprechen: „Ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mose 3,5)? Das heißt ja nicht weniger als: „Ihr seid frei zu tun, was euch gefällt.“ Die Folgen solch einer grenzenlosen, oft auf Kosten anderer ausgelebten Selbstverwirklichung werden allerdings meistens ausgeblendet: zerstörte Ehen, vernachlässigte oder gar missbrauchte Kinder, wachsende gesellschaftliche Konflikte sowie zunehmende soziale Kälte in den menschlichen Beziehungen. Statt dem anderen einladend die Hand entgegenzustrecken, werden die Ellenbogen ausgefahren, um den Schwächeren oder Fremden um des eigenen Vorteils willen beiseitezuschieben. Der Ichling triumphiert und ist obenauf. Darunter seufzen schon manche Fromme im Alten Testament, die dann Gott klagen: „Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst, sie tun, was ihnen einfällt. … Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich“ (Psalm 73,7.12). Wenn wir aber eines aus den Sündengeschichten der Bibel lernen können, dann ist es dies: Sündigen lohnt sich nicht! Der Mensch, der Gottes Gebote übertritt und sündigt, wird früher oder später von seiner eigenen Schuld eingeholt und schadet am Ende sich und anderen! Irgendwann wird ihm die Rechnung für sein sündiges Leben präsentiert, und er muss sich spätestens im Gericht Gottes für sein Tun verantworten. Hatte der Beter des 73. Psalms zunächst unter der feisten Selbstgefälligkeit der Gottlosen gelitten, so öffnet ihm am Ende Gott die Augen dafür, dass es mit ihnen so nicht bleibt, und er erkennt: „Wie werden sie so plötzlich zunichte! Sie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken“ (Psalm 73,19).

4.

SELBST RADIKALE KLAGEN FINDEN BEI GOTT GEHÖR

Manche Menschen gehen durch tiefes persönliches Leid und geraten dadurch in Zweifel, ob Gott wirklich gütig und barmherzig ist: „Warum musste mir das widerfahren? Was habe ich denn Schlimmes getan, dass Gott mich so im Stich lässt?“ Anderen machen das Elend und die Ungerechtigkeit in der Welt, unter denen oft die Ärmsten und Schwächsten am meisten leiden, zu schaffen, und sie fragen: „Wie kann Gott das zulassen? Warum greift er nicht ein, wenn er doch ein Gott der Liebe ist?“ Für viele Menschen sind solche Erfahrungen der Grund, sich von Gott enttäuscht zu verabschieden und die Hoffnung auf seine Hilfe fahren zu lassen. Dagegen können wir in der Bibel die überraschende Entdeckung machen, dass Menschen gerade in der größten Not nicht von Gott loskommen, sondern sich klagend, ja manchmal mit geradezu penetranter Hartnäckigkeit an ihn wenden. So sind etwa die Hälfte der Psalmen im Alten Testament Klagepsalmen, in denen Einzelne wie auch die ganze Gemeinde oft herausfordernd ihre Not Gott entgegenschleudern: „Herr, wie lange willst du mich ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele und mich ängsten in meinem Herzen täglich?“ (Psalm 13,2.3). Wenn gläubige Menschen gelegentlich empfehlen, dass man nicht nach dem Warum fragen dürfe, finden wir diese Frage „Warum?“ ebenso wie die dazugehörende „Wie lange noch?“ in vielen Klagepsalmen des Alten Testaments. Die Beter stellen die Frage nach dem „Warum?“, wenn sie mit plötzlichem Leid nicht fertigwerden. Und hinter der Frage „Wie lange noch?“ verbirgt sich der Stoßseufzer eines Leidenden, der es unter dem andauernden Schmerz nicht mehr aushalten kann.

Hiobs verzweifelte Klage gegen Gott

Scheint Hiob anfangs das ihm zugestoßene Leid noch getrost aus Gottes Hand zu nehmen – „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“ (Hiob 1,21 b) –, so wird sein Gebet zu Gott mit zunehmender Dauer seines Leids immer ungeduldiger, und er hält ihm vor, ihn zum wehrlosen Opfer seiner Anschläge gemacht zu haben: „Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe? Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin?“ (Hiob 7,19 f.). Darf man so herausfordernd mit Gott reden, ihn geradezu anklagen? Ja, man darf, denn am Ende des Hiobbuches bescheinigt Gott Hiob, dass er im Unterschied zu den vor Frömmigkeit triefenden Reden seiner Freunde „recht von mir geredet hat“ (Hiob 42,7). Damit bestätigt Gott ausdrücklich, dass wir uns mit aufrichtigem Herzen radikal klagend an ihn wenden dürfen, wenn uns unverstandenes eigenes oder fremdes Leid zu schaffen macht.

Eine Klage und ein Vorwurf, die uns den Atem stocken lassen

Auch im Buch des Propheten Jeremia finden sich Klagen gegen Gott, die einem beim Lesen geradezu den Atem stocken lassen. Gott hat Jeremia als jungen Mann zum Propheten berufen, der einem unbußfertigen Volk über viele Jahre hinweg immer wieder das Gericht Gottes anzukündigen hat. Doch je länge diese Aufgabe dauert, umso mehr droht Jeremia, daran zu zerbrechen. So schleudert er voller Verzweiflung seine Klagen heraus, indem er Gott vorwirft, ihn in seiner jugendlichen Unerfahrenheit zu diesem unzumutbaren Amt überredet zu haben: „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich“. Und weiter: „Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss und meine Tage in Schmach verbringe?“ (Jeremia 20,7 und 18). Solche Klage gehört sicher zu dem Äußersten, was man im Blick auf das Gespräch eines Menschen mit Gott in der Bibel finden kann. Und doch weist auch in diesem Fall Gott seinen Propheten nicht zurecht: „Was unterstehst du dich, so mit mir zu reden?“, sondern antwortet auf dessen verzweifelte Klagen damit, dass er ihm angesichts der andauernden Anfeindungen immer wieder seinen Beistand zusagt und ihm Menschen wie den Schreiber Baruch zur Seite stellt, die zu hilfreichen Gefährten in seiner Not werden.

Ein Lob auf die Klage

Wenn gelegentlich aus dem Munde gläubiger Christen der Satz zu hören ist, man dürfe doch vor Gott nicht klagen, sondern ihn allenfalls bitten, so lehrt uns die Bibel etwas anderes. Darum möchte ich gerne an dieser Stelle ein Lob auf die Klage anstimmen! Leider gibt es heute viel zu viele Menschen, die sich zwar noch über Gott beklagen, aber nicht mehr im Entferntesten auf den Gedanken kommen, sich mit ihren Klagen direkt an Gott zu wenden und ihr Herz vor ihm auszuschütten. Von dem Schweizer Hochschulevangelisten Hans Bürki (1925–2002) hörte ich vor Jahren den Satz: „Wer aufhört, Gott zu klagen, der fängt an, sich über Gott zu beklagen – und endet womöglich kläglich!“

5.

DAS GRÖSSERE SEHEN, STATT SICH MIT DEM SICHTBAREN ABZUFINDEN

Aufklärung und Rationalismus haben dafür gesorgt, dass der Himmel gründlich leergefegt und die sichtbare, materielle Welt zur einzigen Wirklichkeit erklärt wurde. „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen!“, höhnte einst Heinrich Heine (1797–1856). Der Kirche wurde – teilweise nicht unberechtigt – der Vorwurf gemacht, dass sie die Menschen im „irdischen Jammertale mit dem Ausblick auf ein besseres Jenseits vertröste“, statt sich beherzt ihrer vielfältigen irdischen Nöte anzunehmen. Heute dagegen werden die Menschen nicht aufs Jenseits vertröstet, sondern mit dem Diesseits abgespeist. Für immer mehr Zeitgenossen ist es ausgemacht, dass mit dem Tode alles aus ist und droben „überm Sternenzelt“ eben kein „lieber Vater wohnen muss“ (Friedrich Schiller, 1757–1805). Die Frage ist nur, ob sich der Mensch auf die Dauer mit der sichtbaren Welt abfindet, oder ob sich seine Sehnsucht nach Transzendenz und Ewigkeit als stärker erweist, weil er nun einmal „unheilbar religiös“ (Joachim Fest) ist. So äußerte der marxistische Soziologe Max Horkheimer (1895–1973) in einem als Taschenbuch veröffentlichten Interview über die bleibende Bedeutung der Religion: „Sie kann dem Menschen bewusst machen, dass er ein endliches Wesen ist, dass er leiden und sterben muss; dass aber über dem Leid und dem Tod die Sehnsucht steht, dieses irdische Dasein möge nicht absolut, nicht das Letzte sein“ (aus: „Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“).

Jesus verspricht den Ausblick auf Gottes Reich

Die Bibel gibt uns auf vielfältige Weise eine Antwort auf diese Sehnsucht. Sie öffnet uns die Augen dafür, dass mit Jesus der Himmel auf die Erde gekommen ist und hebt uns aus einer sehr begrenzten, eingeengten Froschperspektive empor zum Überblick eines Adlers, dem sich ein weiter, bisher ungeahnter Horizont eröffnet. Als Nathanael, ein kritischer junger Mann, zum ersten Mal Jesus begegnet, ist er voller Zweifel und Skepsis, ob dieser Wanderprediger wirklich der verheißene Messias für Israel ist. Er fragt sich: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ (Johannes 1,46). Im Klartext: Wie soll ein Mann aus einem so unbedeutenden Nest wie Nazareth den Durchblick haben und die Hoffnung Israels auf den Messias erfüllen können? Doch dann macht Jesus ihm schon bei der ersten Begegnung klar, dass er sich in seinem Leben auskennt und ihn bis ins Innerste durchschaut hat. In diesem Augenblick fällt die ganze Skepsis des jungen Mannes wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Er fällt Jesus zu Füßen und bekennt: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel“ (Vers 49). Doch mit der umwerfenden Erfahrung, dass Jesus den Durchblick im Leben des Nathanael hat, ist die Geschichte nicht zu Ende. Vielmehr verspricht Jesus dem jungen Mann den Ausblick auf die Weite des Reiches Gottes: „Du wirst noch Größeres sehen als das!“, und er erinnert ihn und die umstehenden Jünger an den Traum Jakobs von der Himmelsleiter (1. Mose 28,10 ff.): „Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn“ (Verse 50 – 51). Damit macht er klar: „Ihr müsst nicht länger unter einem verschlossenen Himmel leben. Der Himmel ist auch nicht leer, sondern mit mir ist der Himmel auf die Erde gekommen. Gott hält seine ganze Herrlichkeit für euch bereit.“

Die Ewigkeit rückt unsere Perspektiven zurecht

Spätestens seit Jesus Mensch wurde, müssen wir uns nicht mehr mit der sichtbaren Welt als letzter und einziger Wirklichkeit abfinden. Trotz der Begrenztheit unseres irdischen Lebens steht für uns eine ganze Ewigkeit in der Gemeinschaft mit Gott bereit. Das Tor zu dieser Ewigkeit hat Jesus durch sein Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen für immer weit aufgestoßen. Die Perspektiven unseres irdischen Lebens werden damit zurechtgerückt und bewahren uns im Alltag vor Kurzsichtigkeit und Kurzatmigkeit. Das kann eine weitere überraschende Entdeckung im Buch der Bücher sein. Durch den Ausblick auf die Ewigkeit tut sich für uns ein bisher ungeahnter oder vergessener Horizont auf. Mit Marie Schmalenbach (1835–1924), der Pfarrfrau aus Mennighüffen in Ostwestfalen, bitten wir: „Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell herein. Dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine. Sel’ge Ewigkeit!“

6.

TRENNENDES ÜBERWINDEN UND EINHEIT ERLEBEN

Seit jeher sind Menschen darauf bedacht, die eigene Identität durch Abgrenzung von anderen sicherzustellen. Im Anderssein begründet man sein eigenes Selbstbewusstsein und fühlt sich dabei Fremden gegenüber häufig überlegen. Gerade heute breitet sich eine populistische Strömung aus, die fremde Völker und Kulturen ablehnt bzw. abwertet und aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus vor jeder Form von Gemeinsamkeit und Integration warnt. Ein sich abschottender, überlegen dünkender Nationalismus hat gegenwärtig eher Konjunktur, als z. B. in einem zusammenwachsenden Europa die Gemeinsamkeiten herauszustellen und die versöhnte Verschiedenheit mit anderen Völkern zu suchen und Solidarität zu üben. Das zeigt sich besonders angesichts des Umgangs mit den Folgen der Corona-Pandemie, die bisher weithin ein solidarisches Handeln innerhalb der EU vermissen lassen.

Israel ist als von Gott auserwähltes Volk auf Abgrenzung bedacht

Nun lässt sich auch schon im Alten Testament beobachten, dass sich das Volk Israel bewusst von anderen Völkern mit ihren Kulturen und Religionen abgrenzt. Damit Israel sich im Bewusstsein, Gottes auserwähltes Volk zu sein, nicht zu einem Gefühl exklusiver Überlegenheit verleiten lässt, macht Gott ihm klar: „Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat“ (5. Mose 7,7 f.). Allerdings scheinen Gottes Gebote eine separatistische Grundeinstellung zu bestätigen: So sollen die Israeliten keine Frauen aus fremden Völkern heiraten (2. Mose 34,16; 5. Mose 7,3) und noch viel weniger in religiöser Hinsicht gemeinsame Sache mit den heidnischen Kulten aus ihrer kanaanäischen Umwelt machen (z. B. Richter 6,25 ff.). All das ist Gott ein Gräuel. So gehören ein strenger Nationalismus und eine entschlossene Abgrenzung gegenüber den Nachbarvölkern zur Staatsraison im alten Israel. Doch dann wird dieses Bild schon im Alten Testament zunehmend erweitert bzw. korrigiert. So wird die kanaanäische Hure Rahab ausdrücklich als Retterin der jüdischen Kundschafter mit ihrer Familie verschont (Josua 2) und im Neuen Testament neben den jüdischen Patriarchen wie Abraham, Isaak und Mose sogar als Vorbild des Glaubens hingestellt (Hebräer 11,31). Der Moabiterin Ruth wird ein ganzes biblisches Buch im Alten Testament gewidmet, weil sie nach dem Tod ihres Mannes der Schwiegermutter auf ihrem Weg zurück in die jüdische Heimat folgt (Ruth 1,16 f.). Und auch Gott ist nicht ausschließlich der Gott seines auserwählten Volkes, sondern wählt heidnische Könige als sein Werkzeug aus, um seine Pläne durch sie auszuführen. So wird der persische König Kyros von Gott sogar als „mein Gesalbter“ (hebräisch „Messias“) gewürdigt, um seinen Willen zu tun, nämlich sein in der babylonischen Verbannung darbendes Volk wieder in die Heimat zurückkehren zu lassen (Jesaja 45,1 ff.). Schließlich findet sich schon im Alten Testament die religiöse und nationale Trennungen überwindende Verheißung, wonach die Heidenvölker zum Tempel nach Jerusalem wallfahrten werden, um sich zu dem Gott Israels zu bekehren und von ihm „Weisung zu empfangen“ bzw. „das Heil unseres Gottes [zu] sehen“ (Jesaja 2,1 – 4; 52,10).

Jesus lobt den Glauben von Nichtjuden

Auch im Neuen Testament sieht es zunächst so aus, als ob Jesus exklusiv der Retter Israels ist und entschieden die Erwartungen von Nichtjuden an sein Heil und seine Hilfe zurückweist: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Matthäus 15,24). Doch dann lässt er sich doch auf die flehentliche Bitte der nicht lockerlassenden kanaanäischen Mutter ein und heilt ihre kranke Tochter. Ja, er bescheinigt dieser nichtjüdischen Frau, dass ihr Glaube groß ist (Matthäus 15,28). Überhaupt fällt an der Botschaft Jesu auf, dass er immer wieder Nichtjuden als Beispiele für vorbildlichen Glauben und Handeln hinstellt: So lobt er den römischen Hauptmann, der ihn um die Heilung seines kranken Knechtes bittet, mit den Worten: „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ (Matthäus 8,10). Und in einer von Jesus erzählten Beispielgeschichte kümmert sich ein Samariter – Mitglied eines von Juden verachteten Mischvolks – um einen unter die Räuber Gefallenen, während ein jüdischer Priester und Levit achtlos an dem Verwundeten vorbeigehen. Wo fromme Juden lieber einen großen Umweg über das Jordantal in Kauf nehmen, wenn sie von Galiläa nach Jerusalem reisen, zieht Jesus durch das verhasste Samarien und sucht die Begegnung mit den Menschen dort (z. B. mit der Frau am Brunnen von Sychar in Johannes 4). Spätestens mit dem Auftrag an seine Jünger vor seiner Himmelfahrt wird deutlich, dass Jesus nicht nur der Heiland Israels, sondern der ganzen Welt ist: „Darum gehet hin und lehret alle Völker …“ (Matthäus 28,19).

Der Glaube bewirkt Einheit über Grenzen hinweg

Als die ersten Heiden zum Glauben an Jesus kommen, tun sich die Apostel zunächst schwer, sie als vollwertige Geschwister im Glauben anzunehmen. Verantwortliche Gemeindeleiter in Jerusalem wie Petrus und Jakobus vertreten zunächst die Auffassung, die bekehrten Heiden müssten erst durch Beschneidung und Befolgung der Tora zum Judentum übertreten, um dann auch Christen sein zu können. Doch dann macht Gott selbst dem Petrus durch eine Vision (Apostelgeschichte 10) und kurz darauf dem zum Apostel berufenen Paulus klar (Römer 15,16), dass auch den Heiden die Fülle des Heils gilt, ohne dass sie deswegen zuvor Juden werden müssten. So wird mit den Beschlüssen auf dem ersten Apostelkonzil in Jerusalem (Apostelgeschichte 15) der Grundstein für die weltweite Ökumene gelegt: Gottes Geist sorgt dafür, dass nationale, religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Grenzen überwunden und Menschen aus unterschiedlichen Völkern und Rassen sowie verschiedener sozialer Herkunft und Bildung im Glauben an Jesus beglückende Einheit erleben. Die neue Identität, die Christen als Gottes Kinder durch den Glauben verliehen wird, braucht keine Abgrenzung mehr, sondern sie sucht das Verbindende. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“, schreibt Paulus in seinem Brief an die Christen in Galatien (Gal. 3,28). Weil das so ist, sollten Christen sich heute nicht an nationalistischen oder gar rassistischen Parolen beteiligen oder auf Abschottung gegenüber Flüchtlingen oder Fremden bedacht sein, selbst wenn diese unseren christlichen Glauben (noch) nicht teilen. Sie sollten sich schon heute durch Gastfreundschaft und Anteilnahme an ihrem Schicksal darin einüben, dass einmal an der großen Festtafel in Gottes vollendetem Reich ein buntes Völker- und Rassengemisch gemeinsam Platz nehmen und miteinander ihren Schöpfer und Erlöser loben wird. Ein für weiße deutsche Christen ohne Migrationshintergrund reserviertes Separee ist da nicht vorgesehen.

7.

GNADE KANN MAN SICH NUR SCHENKEN LASSEN

In wohl allen Religionen sind die Gläubigen zum Befolgen göttlicher Gebote und zu guten Taten verpflichtet, um das Wohlgefallen ihres Gottes bzw. der Götter zu erlangen. Den Menschen werden umfangreiche religiöse, zeremonielle und moralische Pflichten auferlegt, die sie zu erfüllen haben, wenn sie nicht den Zorn oder das Gericht Gottes auf sich laden wollen. Dabei wird nicht nur eine äußerliche Pflichterfüllung erwartet, sondern zugleich auch persönliche Opferbereitschaft. Allerdings schleicht sich dabei in die Beziehung des Gläubigen zu Gott häufig unversehens ein geschäftsmäßiges Leistungsdenken ein: Indem sich der Gläubige den von ihm geforderten Pflichten unterwirft und sie konsequent zu erfüllen sucht, verbindet er damit insgeheim oder offen die Erwartung, dass Gott ihm im Gegenzug seine Unterstützung und Hilfe gewährt. In der römischen Antike wurde diese Einstellung im Blick auf das Verhältnis zu den Göttern auf die lateinische Formel gebracht: „Do ut des“, das heißt: „Ich gebe (den Göttern) etwas, damit sie mir etwas zurückgeben“. Wenn man so will, wird auf diese Weise die religiöse Praxis zu einem Geschäft auf Gegenseitigkeit. Aber kann das eine angemessene Weise der Beziehung des Menschen zum Gott der Bibel sein? Wird Frömmigkeit damit nicht zu einem berechnenden religiösen Leistungssport?

Auch der junge Luther wollte mit seinem Tun vor Gott gerecht werden

Es ist nicht abzustreiten, dass sich auch in den christlichen Kirchen dieses Leistungsdenken eingenistet hat und immer häufiger bestimmend wurde. Das Verhältnis zu Gott war weniger von der Erfahrung der unverdienten Barmherzigkeit Gottes geprägt, die sich dann auch in dankbarem Befolgen seiner Gebote niederschlug, als in dem Bemühen, es dem allmächtigen Gott in allem recht zu machen und sich dadurch Verdienste zu sichern. Gutes zu tun, wurde zum Türöffner, um einen Zugang zu Gott zu finden, der sich hoffentlich dadurch besänftigen ließ, von seinem Zorn abließ und den Frommen mit Wohlergehen belohnte. Als junger Mönch hat Martin Luther (1483–1546) mit größtmöglichem Eifer versucht, den Anforderungen an ein mönchisches, Gott wohlgefälliges Leben zu entsprechen. Doch stundenlange Gebete, ausführliche Fastenzeiten, körperliches Kasteien: All das brachte ihm nicht die erhoffte Gewissheit, vor Gott gerecht dazustehen, sondern stürzte ihn nur umso tiefer in Gewissensqualen und Verzweiflung. Erst als der Heilige Geist ihm über dem Studium des Römerbriefes die Augen dafür öffnete, dass Gott die Gerechtigkeit nicht von ihm fordert, sondern sie ihm durch Jesus schenkt, konnte der Mönch Martin Luther befreit aufatmen und sich über seine Erlösung freuen. Er verstand, dass Gnade ein unverdientes Geschenk Gottes ist, das jedes religiöse Leistungsdenken überwindet.

Erwachsene tun sich schwer, ohne Gegenleistung beschenkt zu werden

Doch was für Luther eine befreiende Erkenntnis war und zur Grundlage der Reformation wurde, wird bis heute keineswegs überall von den nach Gott fragenden Menschen als Akt der geschenkten Erlösung gesehen. Und dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Gerade erwachsene Menschen sind so sehr im Leistungsdenken verhaftet, dass sie sich schwer damit tun, ohne eigene Anstrengung oder Gegenleistung beschenkt zu werden. Die Gnade Gottes aber kann man sich nicht durch eigene Anstrengung verdienen; sie ist ein Geschenk an uns Sünder aus dem überaus liebevollen Herzen Gottes. Als Jesus einmal zu seinen Jüngern sagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Matthäus 18,3), fordert er sie nicht dazu auf, naiv und unschuldig wie Kinder zu sein (Was sie bekanntlich auch nicht sind!). Nein, es geht Jesus um einen anderen Vergleichspunkt: Kinder können sich noch mit großer Selbstverständlichkeit beschenken lassen, ohne auf den Gedanken zu kommen, ob sie das auch verdient haben. Wir Erwachsenen hingegen neigen ständig zu der Frage: „Womit habe ich das verdient?“ Erhalten wir überraschend von jemandem ein Geschenk, dann denken wir sogleich: „Wie kommt er nur dazu, mir etwas zu schenken? Wir haben uns doch bisher nie etwas geschenkt!“ Und der nächste Gedanke ist dann: „Bei welcher Gelegenheit kann ich ihm etwas von ähnlichem Wert zurückschenken, um so die offene Rechnung zu begleichen?“ Aber in unserer Beziehung zu Gott bleibt es dabei: Gottes Gnade und Barmherzigkeit gibt es nur „gratis“ (darin steckt das lateinische Wort gratia = Gnade); verdienen können wir sie uns nicht, und anders werden wir auch nicht in den Himmel kommen.

Gnade heißt auch: auf Gott angewiesen sein

Und der andere Grund, warum sich viele Erwachsene mit dem Geschenk der Gnade Gottes schwertun: Wer begnadigt wird, weiß, dass er auf solche Gnade keinen Rechtsanspruch hat. Das gilt übrigens bis heute in der Rechtsprechung: So kann der Bundespräsident in freier Entscheidung einen verurteilten Straftäter begnadigen und ihm so die Strafe erlassen. Zum Verständnis der Gnade gehört also die Einsicht, dass wir darauf angewiesen bzw. davon abhängig sind, dass Gott uns seine Gnade schenkt. Solches Gnadenverständnis geht aber dem selbstbewussten, von sich selbst überzeugten Zeitgenossen gegen den Strich: Da möchte er doch lieber mit seinen guten Taten selbst vor Gott punkten und seine Leistungsbilanz aufhübschen. So fallen bis heute zahllose Protestanten – aber nicht nur sie! – in das überholt geglaubte Leistungsdenken bzw. die „Werkgerechtigkeit“ der katholischen Kirche des Mittelalters zurück und verschmähen die Gnade, die sie unverdientermaßen zu einem neuen Leben der Dankbarkeit befreien will.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
17 nisan 2022
Hacim:
131 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783961224753
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar