Kitabı oku: «Klaus Mann - Das literarische Werk», sayfa 30
Benjamin ließ sich gerne vom Coiffeur behandeln. Es machte ihm Vergnügen, faul und wohlig ausgestreckt im verstellbaren Sessel zu liegen, während man ihm das Gesicht mit heißen und kalten Tüchern, mit allerlei Crèmes und Duftessenzen erfrischte. Aus dem Radio sprach eine sonore, forsch bewegte und gleichsam ermunternde Stimme. Der Professor mit der eingeseiften Miene hörte nicht hin; wahrscheinlich handelte es sich um Fußballspiel …
Aber was für Töne ließen sich nun vernehmen? Der Professor hob jäh den Kopf – es war gefährlich, denn er hatte das blanke Messer des Barbiers am Hals. Beethovens »Mondscheinsonate«: Benjamin erkannte sie gleich, obwohl die erlauchte Melodie halb zugedeckt und verdorben war durch Jazzrhythmen, die ihr im Äther Konkurrenz machten. Indessen verstand es jemand, den Apparat so zu stellen, daß die ordinäre Tanzmusik verstummte und nur noch das Herrliche klang: das Herrliche füllte den Frisiersalon mit wunderbarer, magisch starker Gegenwart. Welche Gnade! – ach, welche Erschütterung für den Professor aus Bonn.
Er erschauert, tausend Erinnerungen kommen mit den vertrauten Tönen: seine Heimat – oder doch alles, was er an ihr geliebt hat – ist plötzlich da. Annette Lehmann, die Ungetreue, und die traulich-musischen kleinen Feste in Marienburg – alles stellt sich ein, beim gerührten Aufhorchen. Ein Heimweh ohnegleichen bewegt Benjamins Herz, während er im schräggestellten Sessel ruht und lauscht. Ein Gefühl der Einsamkeit, so stark vorher niemals empfunden; Verlassenheit ohne Grenzen – ihm ist zumute wie dem Kinde, das im Wald verlorenging, es ist dunkel, aus dem Schatten drohen Ungeheuer, und da kommt plötzlich die Melodie, mit welcher die Mutter ruft – aber aus was für Fernen! Tröstlich und quälend zugleich schweben sie herbei, die holden Klänge der Heimat … Wie empfängt man sie? Nicht mit trockenen Augen. Man läßt die Tränen fließen – mag der Barbier sie sehen oder nicht; man kann sie nicht halten; auch tut es wohl, sie auf den Wangen zu spüren und den Salzgeschmack auf den Lippen.
Benjamin mußte schluchzen, weil die Mondscheinsonate ihn im Barber Shop überraschte – so weit war es mit ihm gekommen. Der Coiffeur – ein gutmütiger Mann; nicht mehr jung – bemerkte: »You like music, Sir? I am fond of music myself.« Damit weckte er seinen seltsamen Kunden aus der gefährlichen Träumerei. Benjamin kam zu sich, wischte sich die Augen und murmelte etwas über das heiße Tuch, das zu Tränen reize.
Er schämte sich seiner Unbeherrschtheit und dachte – den prickelnden Geruch von Kampferwasser in der Nase: ›Alter Narr, der ich bin! Sentimentaler, deutscher alter Narr! Gestern abend habe ich mir aus der konventionellen Begegnung mit einer armseligen kleinen Frauensperson das melancholische Abenteuer zurechtgemacht – und jetzt flenne ich wie ein Baby wegen der alten Sonate, die übrigens nicht einmal mein Lieblingsstück von Beethoven ist. So was gehört sich nicht, es ist peinlich … Während der ganzen letzten Wochen habe ich versagt: ein totaler Versager bin ich gewesen. An New York liegt es nicht, New York ist großartig, es liegt an mir, ich bin keineswegs großartig, ein sentimentaler Professor, vielleicht auch schon etwas verkalkt, und hoffnungslos europäisch. Sollte ich nicht froh darüber sein, daß in diesem Lande etwas Neues für mich beginnt? Statt Amerika kennenzulernen, lieben zu lernen, sitze ich hier und vergieße dumme Tränen über alte deutsche Romantik – als ob ich nicht wüßte, wohin diese Romantik führt, welcher Art ihre Konsequenzen sind, wenn sie sich politisch manifestiert! Bin ich nicht ein Opfer dieser Konsequenzen? Und lasse mich trotzdem erschüttern von dem alten, morbiden, abgenutzten Zauber! Eine Schande! Eine Blamage! Eine Peinlichkeit!
Irgendwo, im Mittelwesten dieses Landes, wartet etwas auf mich – eine Aufgabe; etwas Wichtiges, etwas Schönes! Es gibt junge Leute, die von mir etwas lernen wollen. Vielleicht sind sie recht naiv, etwas unwissend; aber aufgeschlossen, frisch, vertrauensvoll …
Man gibt mir hier eine Chance – man gibt uns hier eine Chance. Die muß ich nutzen, für die muß ich dankbar sein. Das Land, das mich aufnimmt, mich leben und arbeiten läßt, hat ein Recht, Ansprüche an mich zu stellen. Gewisse Dinge darf es sich verbitten – zum Beispiel dieses weinerliche Heimwehpathos. Ein vernünftiger Grad von Optimismus ist angebracht; ein Wille zur Zukunft, der nicht überschwenglich, aber solid zu sein hat, wird zur Pflicht.
Kopf hoch, alter Benjamin! Pull yourself together, old fellow! Die Tränen sind längst getrocknet. Draußen machen die Autobusse, die Zeitungsverkäufer, die Trambahnen ihren forschen Lärm. Geh hinaus! Sei dabei! Spiele nicht den Einsamen, Feinen! Es ist eine fragwürdige Ehre, fein und einsam zu sein: abgesehen davon, daß es nicht für vorteilhaft gilt. – Die Depression sei definitiv überwunden. Das Leben in Amerika fange an.‹
12
Marion machte die Überfahrt von Le Havre nach New York auf einem mittelgroßen französischen Dampfer, in der Tourist Class. Die Reise langweilte sie. Sie war enttäuscht vom Meer, das sie von den Ufern aus so sehr geliebt hatte. Das Grenzenlose war öde. Der runde Horizont ermüdete den Blick; die kahle Größe der Wasserlandschaft, die tote Majestät der Unendlichkeit war geeignet, ein bedrücktes Herz erst recht traurig, beinah hoffnungslos zu stimmen.
Sie versuchte, sich zu zerstreuen. Die Bücher, die sie für die lange Reise mitgenommen hatte, ließ sie unten in der Kabine liegen; abends vor dem Einschlafen las sie in ihnen; tagsüber ging es nicht: sie war zu nervös, konnte sich nicht konzentrieren. Am ehesten gelang es ihr, die unruhig zerstreuten Gedanken zu sammeln, wenn sie mit Menschen sprach. Sie war gesellig; spielte Pingpong mit Studenten aus dem amerikanischen Mittelwesten; flirtete mit einem französischen Grafen, der durch soignierten Spitzbart und Monokel auffiel; schwätzte über Hüte und Parfüms mit einer lustigen kleinen Pariserin – über die politische Situation mit einem jungen Rechtsanwalt aus London; sie freundete sich mit einem deutschen Emigranten an, der in Berlin Schauspieler gewesen war – »aber kein besonders guter!« wie er munter gestand – und in New York Kellner werden wollte; und sie ärgerte sich über ein Ehepaar aus Frankfurt am Main, Siegmund und Marta Meyer, weil sie ihr erklärten: »Wir sind selber Nichtarier; aber man muß doch objektiv sein und zugeben: in vieler Hinsicht ist der Antisemitismus berechtigt. Die deutschen Juden sind zu frech gewesen, besonders in Berlin, wir in Frankfurt haben das nie gebilligt, diese arroganten Typen, Journalisten oder Börsenschieber, lauter Parvenüs, die meisten waren ja erst nach dem Krieg aus Polen oder Rußland eingewandert – für diese Ostjuden haben wir deutsch-jüdischen Patrizier nichts übrig gehabt.« Herr Meyer sagte es streng, seine Frau nickte, bekam aber ihrerseits eine klagende Stimme, als sie hinzufügte: »Nun müssen wir leiden, weil die Ostjuden gesündigt haben. Man ist ungerecht gegen uns, aber lange kann das nicht dauern, die Deutschen werden bald einsehen, daß sie sich geirrt haben, was die guten, die richtigen Juden betrifft: sie werden uns bitten, heimzukehren, ich freue mich schon darauf!«
Ganz entschieden: die Reise war kein Vergnügen. Das Schiff kam Marion wie ein luxuriöser Käfig vor; es wurde enervierend und quälend, jeden Tag die gleichen, gelangweilten Mienen zu sehen; die langen Mahlzeiten, die stumpfsinnigen Deckpromenaden, sogar das Pingpongspiel – alles wurde zur Marter. Sie freute sich auf die Ankunft wie ein Kind auf Weihnachten. Sie freute sich auf New York. Gierig las sie in der Reklamebroschüre, die man in den Kabinen verteilte:
»New York est la ville gigantesque, elle s’est développée entre deux rivières, en remontant tous les dix ans vingt rues dans le nord, de telle sorte que maintenant, de la Battery à Bronx, il y a trente kilomètres de maisons. Avec ses cinq ›boroughs‹, Bronx, Brooklyn, Queens, Manhattan et Richmond, New York est un véritable monde. – Désormais, vous sentirez toujours de l’autre côté de l’océan frémir, trépider, peser cette prolifération inouïe, cette formidable masse de monuments inimaginables abritant une agglomération d’humanité sans pareille …«
Die Ankunft hatte festlichen Charakter. Marions Agent war zur Stelle: ein munterer Herr und äußerst zuversichtlich, was Marions Chancen »in this country« betraf. Auch einige Journalisten hatten sich eingefunden, auf Veranlassung des Agenten: sie mußte ihnen erzählen, warum sie nicht in Deutschland leben mochte; ob ihr Vater, der berühmte Arzt, den Kaiser gekannt habe; ob ihr verstorbener Gatte ein hoher Offizier in Spanien und Mitglied der Académie française gewesen sei, und wie ihr New York gefalle. »How do you like New York?« Sie versicherte: »I am sure I will love it …« – und sie meinte es ernst.
Sie fühlte sich gleich zu Hause in der ungeheuren Stadt – ville gigantesque, Gigantenstadt, Überstadt, Stadt der Städte, monströse Siedlung, überdimensional, von enormer Häßlichkeit, enormer Schönheit, verwirrend, lähmend, bedrückend, erheiternd. Marion sagte sich jeden Morgen beim Aufwachen: ›Jetzt lebe ich in New York. Paris liegt hinter mir; hinter mir: Zürich, Amsterdam und Prag. Die Gegenwart heißt New York. Alles andere muß Erinnerung sein – und vielleicht auch Zukunft. Wenn ich New York nicht lieben würde: ich müßte mich dazu zwingen, es zu lieben. Aber es gefällt mir; es gefällt mir wirklich …‹
Das kleine Hotel, 39. Street, zwischen Lexington und Park Avenue, hatte man ihr in Paris empfohlen. Ihr Zimmer ging auf den Hof und war dunkel, aber nicht ohne eine gewisse Behaglichkeit. Sie saß gerne unten in der Bar und plauderte mit dem Mixer, Monsieur Gaston, einem Franzosen. Der Raum sah sauber und lustig aus, mit großen Spiegeln hinter der Theke und Möbeln, deren Lederbezüge rot leuchteten – »beinah wie in Paris …« sagte Marion und ertappte sich zu ihrem Ärger dabei, daß sie doch ein klein wenig Sehnsucht und Heimweh hatte nach dem, was hinter ihr lag und nur Vergangenheit war, oder vielleicht Zukunft … Monsieur Gaston, ein charmanter, welterfahrener Geselle, erzählte ihr mancherlei; zum Beispiel Geschichten über seine Gäste und ihre Schicksale. »In diesem Sommer«, sagte er, »als wir es so sehr heiß in New York hatten, saß jeden Tag ein deutscher Professor an meiner Bar – ein sehr feiner Herr, aber so traurig! Er konnte sich gar nicht hier einleben und hatte ein betrübtes Gesicht! Pauvre type. Ja, für einen gebildeten Herrn muß es schwer sein, sich in neuen Verhältnissen zurechtzufinden …« – Marion meinte: »Wie kann es jemandem in New York nicht gefallen? Es ist doch wunderbar hier!« – »Madame haben eben mehr Lebensmut als der Professor«, sagte der erfahrene Gaston.
Sie bekam bald heraus, daß manches, was man in Europa über New York erzählte, schierer Unsinn war. Das berühmte »amerikanische Tempo« zum Beispiel – in Berlin hatte man es vielleicht, etwas krampfhafterweise, gehabt; hier indessen suchte man es vergeblich. Die Stadt war eher gemütlich, bei all ihrem Riesenmaß. Den gehetzten Eindruck machten die kürzlich eingetroffenen Europäer, die gierig waren, sich dem eingebildeten »amerikanischen Tempo« anzupassen und rapide vorwärtszukommen – was sie sich gerade durch ihre Hast und die hysterische Gespanntheit ihres Egoismus erschwerten. Die Amerikaner ließen sich durchaus Zeit: Marion stellte es, erstaunt sowohl als befriedigt, fest. Manchmal wunderte sie sich über ihre eigene Ungeduld, das nervöse Bedürfnis nach Geschwindigkeit. Den Amerikanern, die im Hotel wohnten, schien es kaum etwas auszumachen, wenn sie mehrere Minuten lang auf den Lift warten mußten – wie es häufig geschah. Marion aber verlor die Nerven. Sie klingelte heftig, und da der »Elevator« noch immer nicht kam, suchte sie nach der Treppe; schließlich konnte man vom fünften Stockwerk ja auch zu Fuß in die Halle gelangen. Die Treppe aber war zunächst unauffindbar; sie schien zur Benutzung für die Gäste überhaupt nicht bestimmt. Endlich fand Marion die versteckte Tür. Das Treppenhaus war eng und lag fast im Dunkel. Es roch modrig hier, wie in Räumen, die man nur selten betritt: die Treppe war ein abgestorbenes Glied des lebendigen Hauses.
Marion, die vergessen wollte – die gar zuviel zu vergessen hatte – stürzte sich fieberhaft auf die neuen Eindrücke, auf die neuen Menschen. Alles interessierte sie, alles machte Spaß: die rasende Fahrt im Lift, die Wolkenkratzer empor bis zum Aussichtspunkt auf dem Dach – man bekam etwas Ohrensausen und Magenweh; aber es war doch schön – der enorme Rundblick über die unermeßlich gebreitete Stadt – gewaltige Landschaft: wild zerklüftet, wie das Hochgebirge; weit, ruhend und ewig bewegt, wie das Meer. Ihr schmeckten die geschwinden Mahlzeiten in den Cafeterias, den Automatenbuffets, auf hohen Barstühlen oder im Stehen hastig eingenommen; sie mochte das zugleich scharfe und süße, kräftige Aroma der amerikanischen Zigaretten – Chesterfields, Camels, Lucky Strikes. Sie amüsierte sich über die Zeitungen, vor allem über die fetten Sonntagsausgaben mit ihren unendlichen Beilagen: Sport, Film, Broadwaytheater, Hollywoodklatsch, Börse, Karikaturenserien, Berichte aus dem »Gesellschaftsleben« – wie komisch waren die eitlen Mienen der mondänen »Debütantinnen« und die ernsthaften Beschreibungen der Abendkleider, die sie getragen hatten! – Sie liebte die Jazzmusik und die munter vorgebrachten kleinen Reden, die fast ohne Unterbrechung aus dem Radio kamen, und sie liebte sogar das Wetter: dieses geschwind und heftig wechselnde, von einem Extrem ins andere jäh umschlagende, grausame und lustige Wetter der Stadt New York. An manchen Tagen war die Luft mit Elektrizität so geladen, daß man kleine Schläge empfing bei der Berührung von metallischen Gegenständen. Die seidene Wäsche knisterte und klebte am Körper, und wenn man einem Menschen die Hand gab, sprühten Funken: es war etwas unheimlich und sehr amüsant.
Anfangs schienen sogar die Cocktailparties in der Park Avenue unterhaltend; der Manager bestand darauf, daß Marion sich in der »Gesellschaft« bemerkbar mache. Allmählich ward der Umgang mit den Reichen ermüdend. Marion hatte ein Grauen vor dem Konventionellen – vielleicht weil ihre Mutter, die geborene von Seydewitz, gar zu lange Meisterin in der Kunst der floskelhaften Konversation gewesen war. In den Salons der »society«-Damen wurde jedes spontane Wort wie eine Obszönität vermieden. Das Spiel der Fragen und Antworten funktionierte mechanisch und starr; niemand interessierte sich für die Worte des anderen, alle Worte waren inhaltslos.
Marion hatte Stunden tiefer Niedergeschlagenheit. Der erste Enthusiasmus war abgenutzt und verbraucht; das Herz füllte sich mit Bangigkeit und Langeweile.
Sie saß am Schreibtisch, sie versuchte, irgend etwas zustande zu bringen – einen Brief oder ein paar Notizen zu ihrem Vortrag. Die Hände blieben wie gelähmt auf den Tasten der Schreibmaschine liegen.
Das summende Geräusch des elektrischen Eisschrankes störte sie. Alles störte und alles tat weh. Sie ging durchs Zimmer; ließ sich auf dem breiten Fensterbrett nieder; es war glühend heiß von der Zentralheizung. Die Hitze im Raum war fast unerträglich; jetzt erst fiel es ihr auf. Der Heizkörper war hinter einem weiß lackierten Gitter versteckt; sie fand den Griff nicht, durch den die Hitze sich hätte abstellen lassen. Das Fenster immerhin konnte man öffnen, wenngleich nicht ganz ohne Schwierigkeiten. Es war ein Schiebefenster, und die Kraft, die man brauchte, um es in die Höhe zu bringen, war bedeutend. Marion strengte sich tapfer an; plagte sich schnaufend; schließlich kam die kalte Luft herein. Während Marion aber noch die Kühlung dankbar genoß, senkte sie auch schon – zum wievielten Male enttäuscht? – die Stirn vor dieser trostlosen Aussicht. Was war zu sehen? Nur der kahle Baum vor der roten Mauer, an der die Zickzacklinie einer schwarzen Feuertreppe nach oben führte. Kein Himmel – ach, kein Himmel, der sich blau und abgrundtief geöffnet hätte. Kein Himmel …
Die Sehnsucht nach der Luft, dem Licht, den herben Düften von Sils Maria überfiel sie mit schmerzender Heftigkeit wie die Sehnsucht nach einem Menschen. Übrigens mischte sich das Heimweh nach der verlorenen Landschaft in ihrem Herzen mit der Trauer um den verlorenen Freund. Marcel war tot, ins Herz getroffen, tot – unter fremden Himmeln gestorben. Und hier kein Himmel, der hätte trösten können. Und hier – kein Himmel.
Marion hatte das Gesicht in die Hände gelegt – aber ohne zu weinen – als es an der Türe klopfte.
Ein junger Mann, der einen großen Kübel und mehrere Lappen trug, trat ins Zimmer. Marion schaute kaum auf. Der junge Mann fragte höflich, ob es die Dame stören würde, wenn er die Fenster putzte. »Sie können es brauchen«, sagte er, auf die Fensterscheiben deutend; dabei lachte er ein wenig. Seine englische Aussprache war fehlerhaft. ›Er hat den italienischen Akzent‹, dachte Marion – übrigens nicht eigentlich interessiert; ganz mechanisch. Sie hatte dem Jungen noch nicht geantwortet. Er fragte wieder: »Darf ich?« Dabei ging er schon, mit energischen, etwas wiegenden Schritten, durchs Zimmer und stellte den Kübel vor dem Fenster hin. Seine Stimme hatte einen hellen und festen Klang.
Marion sagte am Schreibtisch: »Natürlich. Bitte. Ich wollte ohnedies eben ausgehen …« Sie erhob sich, um sich aus dem Wandschrank Hut und Mantel zu holen. Der Junge kniete auf dem Fensterbrett und begann schon, eine der Scheiben mit dem nassen Tuch zu bearbeiten. Marion schaute ihn an.
Sie blieb stehen, noch ehe sie den Schrank erreicht hatte. »Sie sind Italiener?« fragte sie ihn. Er lachte und nickte. »Woran merken Sie das?« wollte er lachend wissen. Marion – nach einer Pause, die mehrere Sekunden lang dauerte: »Das kann man doch hören …«
Sie nahm Hut und Mantel; machte sich geschwind vor dem Spiegel zurecht, und ging – etwas zu rasch – aus dem Zimmer. Der Junge hatte in seiner Tätigkeit am Fenster innegehalten und ihr nachgeschaut, bis sie die Türe hinter sich schloß. Sein Gesicht war braun und kräftig geformt, mit blauen, weiten, sehr leuchtenden Augen, deren Helligkeit zum Schwarz des dichten, glatten Haars kontrastierte.
Marion, im Korridor, klingelte nach dem Lift; der ließ auf sich warten, wie meistens. Sie dachte – mehr noch erstaunt als entzückt: ›Aber dieser Bursche ist ja schön wie ein junger Gott! Nein, so etwas! Plötzlich tritt ein junger Gott zu mir ins Zimmer; trägt eine kurze braune Lederjacke – das blaue Hemd offen am Halse – und putzt mein Fenster mit einem Lappen. Ein überraschender Vorfall. Dergleichen erlebt man nicht alle Tage …‹ Sie klingelte nochmals. Der Lift kam nicht. Sie erwog, ins Zimmer zurückzugehen; ein Vorwand dafür hätte sich finden lassen … Das würde die Gelegenheit bedeuten, noch ein paar Worte mit dem Burschen zu sprechen. ›Denn wenn ich von meinem ausgedehnten Spaziergang zurückkomme‹, meinte sie, ›ist er doch natürlich nicht mehr da, und dann sehe ich ihn nie wieder.‹ – Plötzlich aber empfand sie mit Beschämung die Albernheit ihres kleinen Plans. ›Er würde merken, daß ich seinetwegen zurückkomme … Was für Dummheiten!‹
Es machte sie nervös, hier zu stehen und auf den Lift zu warten. Sie öffnete die Tür zum Treppenhaus – die halb verborgene Tür, die sie so lange nicht gefunden hatte und die ihr nun schon vertraut war. Vertraut war ihr auch der muffig-modrige Geruch auf der engen Treppe, die eigentlich gar nicht den Gästen zur Benutzung dienen sollte, sondern nur zur vorläufigen Aufbewahrung von allerlei Abfall.
Vom fünften Stockwerk geschwinden Schrittes hinunter in den Empfangsraum zu steigen macht etwas atemlos. Marion keuchte, als sie die andere schmale und geheime Tür öffnete, durch die sie, nach dem Ausflug in die Unterwelt, wieder ans Tageslicht treten durfte. Der Concierge betrachtete die Dame, die da aus den eigentlich unbetretbaren, fast verbotenen Gegenden kam, zunächst recht erstaunt; erinnerte sich dann aber, daß Miss Kammer nun einmal solch drollig-originelle Angewohnheiten habe – und lächelte strahlend. »How do you do, Miss Kammer? Nice weather today …«
Das Wetter war wirklich schön; Marion hatte es, von ihrem Zimmer aus, noch gar nicht feststellen können. Der schmale Streifen Himmel, der zwischen den Reihen der Häuserfronten sichtbar wurde, strahlte in harter und reiner Bläue. ›Fast wie im Engadin‹ – dachte Marion, plötzlich guter Laune.
›Wo wollte ich eigentlich hin?‹ fragte sie sich selber, ziemlich heuchlerisch; denn in Wahrheit hatte sie ja vorgehabt, einen ausgedehnten Spaziergang zu unternehmen. – ›Natürlich: nur bis zum Drugstore an der Ecke, um Zigaretten zu holen …‹
›Woher hat der Junge diese Augen?‹ überlegte sie, während sie die paar hundert Meter, die zwischen dem Hotel und dem Drugstore lagen, hastig zurücklegte. ›Und woher kenne ich sie? Woher sind mir die Blicke dieses italienischen Fensterputzers bekannt?‹ – Sie blieb stehen. Ihr Herz klopfte heftiger; bis zum Hals hinauf fühlte sie es nun klopfen. ›Diese Augen – sternenhaft geöffnet unter gewölbten Brauen … kindlich und trauervoll und etwas wahnsinnig – sollen sie mich denn nie loslassen? – Ach, Marcel, Marcel …‹ – Sie trat in den Drugstore, verlangte zwei Pakete Lucky-Strike-Zigaretten, bezahlte siebenundzwanzig Cent und ging.
Als sie in ihr Zimmer zurückkam, war der Junge noch da. Er kniete auf dem Fenstersims und bearbeitete die Scheiben mit dem Lederlappen; es gab ein häßlich knirschendes Geräusch. Marion sagte: »Es ist schönes Wetter draußen.« Der Junge, ohne sich in der Arbeit zu unterbrechen, drehte das Gesicht halb nach ihr hin. »Aber Sie haben keinen langen Spaziergang gemacht …«
Über dem offenen Hemdkragen erhob sich der Hals, ein wenig zu breit vielleicht – zugleich stämmig und kühn. Hatte sein Gesicht wirklich Ähnlichkeit mit dem anderen Antlitz, das verloren war und versunken? Mit dem kindlichen und stolzen, von unbeschreiblichen Abenteuern vielfach gezeichneten Antlitz Marcels? – Marion prüfte die Züge dieses Fensterputzers, während sie, möglichst hochmütig, sagte: »Ich hatte eine kleine Besorgung zu machen.«
Es waren wohl nur Schnitt und Farbe der Augen, die mit so bestürzender Heftigkeit an Marcel erinnerten. Übrigens blickten diese Augen unschuldiger und blanker als die tragisch aufgerissenen Augen des Verlorenen. In dem Gesicht des Italieners gab es nur klare und starke Linien. Die Nase war kurz und gerade. Die Lippen – etwas zu dick, um im klassischen Sinne völlig schön zu sein – schienen aus einem soliden und verlockenden Material geformt, wie sehr edle Früchte. Wenn die Lippen sich öffneten, leuchteten die Zähne – ›Marcel aber hat poröse, gelbliche Zähne gehabt‹, mußte Marion denken. – Die kraftvolle Rundung des Kinns und die Form der breiten, hochsitzenden Wangenknochen waren bei Marcel ähnlich gewesen.
Marion murmelte etwas über ein paar Briefe, die sie eilig zu schreiben habe. Der Italiener, mit einer plötzlich pathetisch verfinsterten Stirn, sagte: »Bitte … Ich bin ja ohnedies hier gleich fertig.« Dabei rieb er mit demonstrativem Eifer die Fensterscheiben. Marion lächelte: »So war es doch nicht gemeint.« Da schaute er sie dankbar aus seinen hellen, weiten, blanken Augen an.
Sie setzte sich an den Schreibtisch – diese Geste glaubte sie sich doch schuldig zu sein, nachdem sie die Bemerkung über die Briefe nun einmal gemacht hatte. Indessen sorgte sie dafür, daß die Unterhaltung nicht abbreche. »Wie lange sind Sie schon in New York?« – Er berichtete: »Ich bin hier geboren. Aber als ich zwölf Jahre alt war, wollten meine Eltern nach Italien zurück, und sie nahmen mich mit. Meine Eltern leben in Bari: das ist eine große Stadt in Italien. Mein Vater möchte in Bari sterben. Es ist die schönste Stadt auf der Welt, sagt mein Vater. Aber ich habe es dort nicht ausgehalten. Seit zwei Jahren bin ich wieder hier.« – Er reckte, aufatmend, den schlanken und athletischen Körper, als ob es ihm ein physisches Behagen verursachte, wieder hier zu sein.
»Wie alt sind Sie denn jetzt?« fragte Marion. Er antwortete: »Zweiundzwanzig!« – mit einem stolzen und kindlichen Lächeln, das den Glanz seiner Zähne zeigte. Dann verfinsterte sich seine blanke Stirn gleich wieder.
»Da stehe ich, ein großer langer Kerl, zweiundzwanzig Jahre alt, und bin nichts als ein Fensterputzer!« Seine Augen waren dunkel geworden – fast schwarz – und die starken Lippen hatte er trotzig vorgeschoben. »Eine feine Situation!« Er lachte erbittert. Dann stellte er fest: »Eigentlich wollte ich schreiben« – und ließ den Scheuerlappen, wie entmutigt, sinken.
Marion erkundigte sich: »Was wollten Sie schreiben? Romane? Oder Gedichte? Oder Philosophie?«
Er machte eine große Gebärde, die wie eine Umarmung war. »Oh – alles – einfach alles – verstehen Sie? Theaterstücke und schöne Verse, aber auch Zeitungsartikel – gewaltige Zeitungsartikel gegen fascismo; gegen verdammten fascismo.« In seinen Augen flammte es wieder dunkel; aber diesmal nicht von Traurigkeit, sondern von Zorn. »Voriges Jahr habe ich für ein italienisches Blatt, hier in New York, feine lange Sachen gegen fascismo schreiben dürfen«, erzählte er. »Aber bezahlt habe ich nie was bekommen. Schließlich ist die Zeitung eingegangen, obwohl sie viele gute Mitarbeiter hatte. Und da stehe ich nun, mit meinem Scheuerlappen!« Er zuckte mehrfach ausdrucksvoll die Achseln, schnalzte verächtlich mit der Zunge und rollte grimmig die Augen, als wäre ihm gerade jetzt, im Moment, ein kolossales Malheur passiert.
Marion examinierte ihn weiter: »Und für den Faschismus haben Sie gar nichts übrig?«
Der Junge wurde sehr böse. »Aber natürlich nicht! Wie können Sie so etwas fragen? – Ganz und gar nichts habe ich für fascismo übrig! – Ach, wer weiß denn«, rief er mit Jammertönen, »wie miserabel, wie trostlos, wie ekelhaft die Verhältnisse in Italien sind! Niemand darf den Mund auftun. Niemand ist seines Lebens sicher.« Dabei hatte er ein theatralisches Gebärdenspiel, das die Gefahr schildern zu sollen schien, in der sich jeder Italiener befand und vor der es beinah kein Entrinnen gab. »Außerdem kann man dort nichts verdienen«, fügte er trockener hinzu. »Die Geschäfte gehen schlecht. Und die jungen Leute werden irgendwohin in den Krieg geschickt, nach Abessinien oder nach Spanien. – Mich aber können sie nicht verschicken«, konstatierte er stolz. »Ich bin amerikanischer Bürger.«
Später forschte er, etwas ängstlich: »Sie sind wohl Deutsche?« Sie lachte: »Man scheint es meinem Akzent anzumerken …« Er versicherte galant: »Gar nicht! Ihr Englisch ist ausgezeichnet. Aber ich habe die deutschen Bücher auf Ihrem Tisch gesehen.« – »Ja, ich lese noch deutsche Bücher.« Marion sprach leiser, lachte nicht mehr und wendete ihr Gesicht ab, als ob sie sich etwas schämte. »Aber ich bin lange nicht in Deutschland gewesen«, fügte sie rasch hinzu. – »Warum denn nicht?« fragte er, halb lustig, halb lauernd. »Sind Sie vielleicht auch nicht ganz einverstanden mit Ihrem fascismo? Ihrem Nationalsozialismus – wie man die miserable berliner Kopie einer schlechten römischen Erfindung wohl nennt?«
Nun mußte sie wieder lachen. »Nein – mit den Nazis bin ich auch nicht einverstanden.« – Sie begannen um die Wette zu schimpfen: jeder schimpfte auf den Diktator seines Landes und suchte zu beweisen, daß er der Schlimmere, der unvergleichbar Arge sei. Es war ein pervertierter nationaler Ehrgeiz, von dem sie beide besessen schienen – die »ausgebürgerte« Deutsche mit dem französischen Paß und der emigrierte Italiener, der amerikanischer Bürger war – in einem New Yorker Hotelzimmer stritten sie sich darüber, welche von ihren Regierungen abscheulicher war. Der Junge aus Bari hatte das letzte Wort. »Es mag ja sein, daß Ihr Hitler noch mehr Unheil angerichtet hat als unser Mussolini. Aber il Duce hat angefangen! – das muß man ihm lassen. Ohne Benito – kein Adolf!« Er lachte triumphierend, ließ die Zähne schimmern, warf kühn den Kopf in den Nacken und sah herrlich aus – wie ein junger Gott.
Das Telefon läutete; der Fensterputzer wurde in ein anderes Zimmer befohlen. Eilig packte er seine Sachen. »Ich habe mich schon zu lang hier aufgehalten. Es wird Krach geben …«
Am nächsten Morgen war er wieder da – »um den Fußboden schön blank zu machen!« – wie er übermütig sagte. Marion hatte ihn erwartet. Sie sprachen wieder, und sie schauten sich an. Diesmal sagte er ihr seinen Namen – den ihren wußte er schon; er hatte sich beim Portier erkundigt. Er hieß Tullio Rossi und wohnte bei einer verheirateten Schwester in Brooklyn. »Ich spare Geld«, sagte er, »um meinen kleinen Bruder aus Bari hierher kommen zu lassen. Er ist siebzehn Jahre alt. Was soll er denn in Italien? Il Duce würde ihn in irgendeinen Krieg schicken. Soll er fascismo helfen, Tunis oder Nizza zu erobern – damit noch mehr Menschen unglücklich werden?« Er holte die Photographie des Siebzehnjährigen aus der Tasche. »Ist er nicht hübsch?« Dabei zeigte er lächelnd den Glanz seiner Zähne. »Mein hübscher kleiner Bruder heißt Luigi.« Er reckte sich auf die stolze und theatralische Art, als ob der Umstand, daß seines kleinen Bruders Name Luigi war, ihn besonders selbstbewußt und fröhlich stimmte.
Er war glänzender Laune; zärtlich und überschwenglich. »Heute ist ein guter Tag!« rief er aus. »Ein ganz hervorragender Tag, ich habe es gleich beim Aufstehen gespürt. Kein Tag gleicht dem anderen – haben Sie das auch schon bemerkt? Es gibt gute und schlechte. Heute ist also ein besonders guter. – Ja, ich kenne das Leben!« Er schlug sich mit der Faust an die Brust, sehr vergnügt über seine Lebenskenntnis im allgemeinen und über diesen guten Tag im besonderen. »Tullio kennt das Leben! Tullio weiß Bescheid!«
Beim Abschied aber bekam er wieder die finsteren Augen. »Nun ist das Zimmer sauber«, stellte er fest und schickte einen drohenden Blick durch den Raum. Etwas sinnlos fügte er hinzu: »Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Der Mohr kann gehen …« – Marion aber fragte einfach: »Wann treffen wir uns? Und wo?«
