Kitabı oku: «Im Paradies des Teufels»

Yazı tipi:

Klaus-Peter Enghardt

IM PARADIES DES TEUFELS

Dreißig Monate zwischen Bomben und Jasmin

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ZWEITE ÜBERARBEITETE UND ERWEITERTE AUFLAGE

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Fotografien © Klaus-Peter Enghardt

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Auf dem Weg nach Bagdad

Muthana, Abu Ghraib und Bagdad

Hermann, der feige Hund

Das Camp, die Baustelle, Bagdad und der Mittelirak

Mohammed

Zurück im Irak

Die Zeit des Ramadan

Exkursionen mit Überraschungen

Dritter Montagezyklus

Die Asphaltquellen von Hit, die Wasserräder von Ana und das Zentrallager

Auf der Baustelle und in Bagdad

Samarra

Erlebnisse im Beduinendorf und im Munitionslager

Im Tariq-Camp

Kulturausflug nach Bagdad

Adé, mein Freund

Peinlicher Zwischenfall

Babylon

Erbil, Provinzhauptstadt in Kurdistan

Das Kloster Deir Mar Matta

Der Alltag in Erbil

Aufregende Tage

Eine Einladung nach Mosul

Nette Überraschungen

Kallebusch

Im Reich der „Gotteskrieger“

Erlebnisse in Erbil und Nordirak

Ninive und Mosul

Aqra

Schwarze Tage

Kirkuk, Stadt des Öls

Meine letzte Reise

Die letzte Station – Sulaymaniyah

VORWORT

Nachdem ich in meiner Jugend einen Roman über das abenteuerliche Leben eines Auslandsmonteurs in Vorderasien gelesen hatte, reizte mich der Zauber des Orients. Deshalb war es für mich keine Frage, Jahre später das Angebot meiner Firma als Monteur in den Irak zu reisen, anzunehmen.

Obwohl der erste Golfkrieg bereits seit neunzehn Monaten tobte, ließ ich mich von niemand durch gutgemeinte Warnungen von diesem Vorhaben abbringen.

Fast hätte ich damit jedoch die falsche Entscheidung getroffen.

In meinem Buch beschreibe ich die zahlreichen Erlebnisse und zum Teil lebensgefährlichen Abenteuer als Monteur während des ersten Golfkrieges im Irak.

Durch verschiedene Umstände war es mir möglich in außergewöhnlicher Weise in eine fremde Kultur einzutauchen, ich lernte die Schönheit des Landes mit all ihren Facetten kennen und durfte bei den unterschiedlichsten Menschen zu Gast sein.

Geblieben sind allerdings auch die Erinnerungen an den Krieg zweier verfeindeter Armeen und an die Auseinandersetzungen zwischen der irakischen Armee und den gefürchteten „Gotteskriegern“, den Peschmergas.

Ich beschönige in diesem Buch nichts, überziehe jedoch auch nichts von dem, was ich erlebt habe, alle Begebenheiten entsprechen der Wahrheit.

Ich hatte einen Abstand von zwanzig Jahren gebraucht, um mich zu entschließen, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Zum einen plagten mich immer wieder Albträume, in denen mich schreckliche Erlebnisse einholten, zum anderen hätte ich das Buch in seiner ursprünglichen Form im damaligen politischen System der DDR nicht ohne Konsequenzen veröffentlichen können.

Die jüngeren Ereignisse im Irak haben den Ausschlag zur Entscheidung gegeben, diesen Roman zu überarbeiten und noch einmal an das Land zu erinnern, von dem ich die heiligsten Stätten, die kulturhistorisch wichtigsten Kleinode, die wundervollen Städte mit ihrem pulsierenden Leben und vor allem, die unvergleichlichen Basare, noch unzerstört gesehen hatte.

Landschaften von unbarmherziger Kargheit oder von außerordentlicher Schönheit, spiegelklare Seen, mächtige Berge, saftige Wiesen, gnadenlose Wüsten oder fruchtbare Oasen und das Leben an den Flüssen Euphrat und Tigris, geben ein Bild von dem Land wieder, das als die Wiege der Menschheit galt. Der Garten Eden, Quelle des menschlichen Lebens, so sagt die Legende, befindet sich tief im Süden des Landes bei Quarna, nahe Basra, am Persischen Golf.

Ich schloss Bekanntschaften mit ganz besonderen Menschen, Mohammed, ein weiser Mann aus Ägypten etwa, der mich in der arabischen Sprache unterrichtete und mir, nach neununddreißig Jahren der Flucht, als ersten Europäer, seine bewegende Lebensgeschichte erzählte. Oder Sadir, ein Kurde, den ich mit Stolz als Freund bezeichnen darf. Durch ihn lernte ich Land und Leute in einer unvergleichlichen Weise kennen, die in dieser Komplexität, jedem Tourist verschlossen blieb und es eröffnete sich für mich eine Betrachtungsweise der politischen und humanitären Gegensätze, die ich ohne meinen Freund Sadir nicht kennengelernt hätte.

Noch immer leiden die Menschen im Irak unter der politisch unsicheren Situation, unter Terroranschlägen und Unterdrückung durch die Aggressoren des sogenannten Islamischen Staates (IS).

Meine Gedanken sind sehr oft bei diesen Menschen und ich hoffe, dass dieses Land sehr bald zur Ruhe kommt und Normalität im Irak einzieht.

AUF DEM WEG NACH BAGDAD

Ein kühler, regnerischer Frühlingstag bestätigte mir die Richtigkeit meiner Entscheidung, für ein paar Jahre als Monteur in das Land zu reisen, welches ich bisher nur als Kind aus dem Märchenbuch „Geschichten aus 1001 Nacht“ kannte. Später erfuhr ich im Geschichtsunterricht mehr, als wir über das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, dem heutigen Irak, sprachen. Ein Land voller kulturhistorischer Schätze, in dem Hitze und Sonnenschein keinesfalls als Mangelerscheinungen galten.

Ein Buch aus meinen Jugendtagen, in dem die Erlebnisse und Abenteuer eines deutschen Monteurs in einem arabischen Land beschrieben wurden, hatte damals in mir ein unstillbares Fernweh ausgelöst, das ich viele Jahre in mir trug, ohne Hoffnung, dass diese Sehnsüchte irgendwann Realität werden könnten.

Noch weniger ahnte ich, dass ich selbst einmal so aufregende Abenteuer erleben würde, die sich lohnen würden, sie in geeigneter Form wiederzugeben. Und nicht genug, dass diese Erlebnisse jetzt tatsächlich in einem Buch Platz finden, begleiten mich diese Erinnerungen an meine, zum Teil lebensgefährlichen Abenteuer, bis heute. Sie haben über drei Jahrzehnte meines Lebens geprägt.

Am Tag meiner Ausreise in den Irak hoffte ich, Abenteuer zu erleben, ähnlich, wie ich sie in meinen Büchern gelesen hatte.

Dass meine Erlebnisse diese noch übertreffen würden, hätte ich nie geahnt.

Es war Mittwoch, der achtundzwanzigste April 1982 und der Geburtstag jenes Mannes, in dessen Land ich flog – Saddam Hussein, Präsident des Irak und Herrscher über sagenhafte Schätze, Ölvorkommen und ungeahnte kulturhistorische Reichtümer.

Seit Wochen hatte ich dieses Ereignis geplant, hatte jede mögliche Literatur studiert und versucht, mich so gut wie möglich auf die kommende Zeit einzustellen.

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch gewusst, wie viele Abenteuer ich erleben würde, zum Teil unter größter Lebensgefahr, ich glaube, dass ich dann meine Entscheidung, in dieses Land zu reisen, doch noch einmal reiflich überdacht hätte.

Zu jenem Zeitpunkt war ich jedoch optimistisch und freute mich auf die kommende Zeit. Zugleich war ich aber auch ein wenig aufgeregt, allein so eine weite Reise zu unternehmen, ohne einen Bekannten, Freund oder Kollegen und unsicher, ob ich die an mich gestellten Erwartungen in einem mir unbekannten Terrain auch wirklich erfüllen könnte.

Auf dem Flughafen angekommen, suchte ich erst einmal den Treffpunkt, an dem sich alle Kollegen einfinden sollten.

Das war nicht allzu schwer, denn mir fiel gleich eine größere Gruppe Männer auf, die sich lautstark unterhielten, lachten, und sich quer durch die Empfangshalle zotige Worte zuriefen. Ich gesellte mich also zu dieser Gruppe, stellte mich abwartend an die Seite und ging dann gemeinsam mit ihnen zur Abfertigung.

Dort wartete bereits der Verantwortliche, der diesen wilden Haufen ziemlich schnell zur Ruhe brachte, denn er wusste, dass die Männer mit ihrem Auftreten eigentlich nur die Situation der Abwesenheit von Familie, Frau oder Freundin überspielen wollten, von denen wir immerhin für zehn bis zwölf Wochen getrennt waren.

Nach der Abfertigung fanden sich die Kollegen im Aufenthaltsraum wieder. Dort wurden unsere Namen verlesen und jeder bekam fünfzehn US-Dollar Handgeld. Wir warteten auf den Abflug und ich stellte erstaunt fest, dass das Bier in Strömen floss und auch dem Hochprozentigen mit Eifer zugesprochen wurde.

Irgendwie hatte ich die mir gepriesene Elite unseres Landes anders vorgestellt, als mir bei meiner Bewerbung eröffnet wurde, dass nur auserwählte, verlässliche und moralisch einwandfreie Leute die Möglichkeit bekamen, unser Land im Irak zu vertreten.

Vielleicht würde ich mein Vorurteil jedoch bald revidieren können, wenn ich diese Männer besser kennengelernt hatte.

Auch ich bestellte mir ein Bier und obwohl ich mir eigentlich bereits vor Monaten das Rauchen abgewöhnt hatte, kaufte ich mir Zigaretten und zündete mir eine an, um die Nervosität zu überspielen.

Ein Kollege kam an meinen Tisch und gab mir ein paar wertvolle Tipps und Verhaltensmaßregeln, da er in mir sofort den Neuling erkannt hatte.

Eine dieser Regeln davon war, niemals ohne Schnaps anzureisen, da die Kollegen immer auf eine Einreisefeier warteten. Ich wollte natürlich unter keinen Umständen unangenehm auffallen und kaufte von meinen fünfzehn Dollar einen Liter Dujardin, den ich im Handgepäck verstaute.

Endlich wurde unser Flug aufgerufen. Es war inzwischen kurz nach siebzehn Uhr und ich erfuhr, dass die Flüge in den Irak immer erst gegen Abend stattfanden, weil die Flugzeuge die irakische Grenze nur bei Dunkelheit überfliegen durften. Eine Sicherheitsmaßnahme, seitdem am zweiundzwanzigsten September 1980 der irakisch-iranische Krieg ausgebrochen war, die verhindern sollte, dass die Maschinen von feindlichen Jägern beschossen wurden.

Außerdem mussten vor dem Überfliegen der irakischen Grenze die Fenster verdunkelt werden.

Zum ersten Mal wurde mir ein wenig mulmig, aber da die Stimmung an Bord sehr aufgekratzt war, beruhigte ich mich wieder und wartete auf den Start.

Als die Maschine auf das Flugfeld rollte, schaute ich mich verstohlen um und wurde Sekunden später durch den Schub der Turbinen in die Polster gedrückt.

Innerhalb weniger Sekunden stieg der Jet steil in den Himmel und neigte sich dann zur Seite, so dass ich auf Berlin schauen konnte. Wir durchbrachen die Wolkendecke und ich war begeistert, dass darüber der herrlichste Sonnenschein zu sehen war.

Bei diesem Anblick fiel mir ein, dass schon ein bekannter deutscher Liedermacher in einem seiner Songs zwar nicht den grandiosen Sonnenschein beschrieb, jedoch die Freiheit, die über den Wolken wohl grenzenlos sein müsse, und ich konnte dem nur beipflichten.

Ich genoss den Flug und es dauerte gar nicht lange, da wurden Speisen und Getränke serviert, ein wenig später rollten die Stewardessen gar ihre schmalen Wagen durch den Gang und boten zollfreie Waren an.

Vom Flugkapitän kam irgendwann über den Bordfunk die Aufforderung, unsere Fenster zu verdunkeln. Während des Fluges erfuhr ich von einem Monteur, dass an jenem Tag, zum Geburtstag des Präsidenten Saddam Husseins, zum ersten Mal der Airport in Bagdad angeflogen wurde, ein bejahrter Flughafen zwar, doch ein neuer befand sich bereits kurz vor seiner Vollendung.

Bisher waren die Maschinen für die Kollegen, die im Süden des Landes arbeiteten, nach Kuwait City geflogen und für die Kollegen im Mittel- oder Nordirak nach Damaskus, in Syrien.

Von dort ging es mit sogenannten Wüstenbussen zu den Sammelpunkten Basra oder Bagdad.

Diese Wüstenbusse sahen sehr spektakulär aus. Es waren PS-starke, klimatisierte, sehr farbenfrohe Sattelschlepperbusse, riesenlang und mit armdicken Chromstangen geschützt, um vorwitziges Vieh, wie Wildkamele, Esel, Schafe oder Rinder, von der Fahrbahn räumen zu können, wenn sie die Straße unvermittelt überquerten, nachdem sie scheinbar teilnahmslos am Fahrbahnrand gestanden hatten.

Die Fahrt in diesen Bussen war recht bequem, der Nachteil dieser Busfahrten allerdings lag darin, dass die Fahrer die gesamte Strecke hin und zurück alleine bewältigen mussten.

Das mag bei der Tour Kuwait-Basra-Kuwait nicht gar so schlimm gewesen sein, da dort eine einzelne Strecke nur etwa einhundertfünfundsechzig Kilometer betrug, aber bei der Tour Damaskus-Bagdad-Damaskus war eine einzelne Strecke achthundertfünfunddreißig Kilometer lang, so dass der Fahrer also 1670 Kilometer am Stück zurücklegen musste, eine Strecke davon bei Nacht. Das war mitunter sehr gefährlich, denn manchmal kam es vor, dass plötzlich Tiere die Fahrbahn querten, so dass der Fahrer dann den Bus ruckartig aus dem Gefahrenbereich bringen musste oder eine Vollbremsung machte.

Manchmal geschah es jedoch auch, dass ein Fahrer einnickte. Zum Glück waren die meisten Straßen im Irak sensationell ausgebaut und so konnte der Bus in diesen Fällen, meist gefahrlos in der Wüste ausrollen.

Für eine einzelne Strecke von Damaskus nach Bagdad benötigte der Busfahrer etwa achtzehn Stunden und jeder Kollege erhielt dafür einen Liter Trinkwasser, das allerdings schon nach kurzer Zeit ausgetrunken war, dann begann der Durst, der bis zum Ziel zur Qual wurde.

Das Abenteuer so einer Fahrt war mir glücklicherweise erspart geblieben und darüber war ich nicht traurig.

Mir gingen viele Gedanken durch den Kopf. Was wusste ich eigentlich von diesem Land, in dem ich für längere Zeit leben würde und das als die Wiege der Menschheit bezeichnet wird?

Abgesehen vom Geschichtsunterricht der sechsten Klasse, als man uns Schüler versuchte, das Zweistromland näher zu bringen, hatte ich jahrelang nichts mehr vom Irak gehört, bis im September 1980 dieser schreckliche Krieg zwischen den beiden Golfstaaten Irak und Iran ausbrach und ich mich mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen hatte, in einem der beiden Länder arbeiten zu können.

Der Irak war zu jener Zeit eines der fortschrittlichsten arabischen Länder und war bereits im Altertum eine Brücke zwischen Europa und Asien. Die Lebensadern, die dieses Land durchziehen, sind vor allem der Euphrat und der Tigris, an dessen Ufern sich zahlreiche Ansiedlungen befinden, die nur durch diese Flüsse lebensfähig sind. Diese beiden Flüsse gaben dem Land den Namen Zweistromland und grenzen das eigentliche Kernland Mesopotamien ein.

Nach fünf Stunden Flug teilte uns der Flugkapitän über den Bordfunk mit, dass wir in wenigen Minuten den Airport Bagdad erreichen werden und dass wir die Verdunkelung wieder entfernen können. Die Uhr an meinem Handgelenk zeigte an, dass es kurz nach dreiundzwanzig Uhr mitteleuropäischer Zeit war, also kurz nach ein Uhr morgens irakischer Zeit.

Die augenblickliche Temperatur in Bagdad betrug fünfunddreißig Grad Celsius und ich fragte mich ernsthaft, welche Temperaturen Ende April am Tage herrschen würden und wie heiß es überhaupt werden kann.

Ich werde in meinem ganzen Leben das Gefühl nicht mehr vergessen, als ich im Landeanflug auf diese traumhafte Stadt schaute und alle Moscheen farbig angestrahlt waren. Entlang des Tigrisufers waren die zahlreichen Cafés mit bunten Lichterketten versehen und die Straßen erstrahlten als einziges Lichtermeer.

Die Stadt war so riesig groß, dass wir minutenlang über diesem Lichtermeer hinweg glitten, bis der Jet den Landeanflug fast geräuschlos bis unmittelbar vor dem Airport durchführte. Erst dort wurden die Turbinen wieder hochgefahren, um die Landung zu vollziehen.

Ein Krieg schien mir in diesem Land so absurd zu sein wie eine Blumenwiese in der Wüste.

Ich vibrierte innerlich vor Staunen und Aufregung und freute mich nun tatsächlich auf alles, was in Zukunft auf mich zukommen würde.

Wir landeten auf dem International Airport Bagdad, einem älteren unspektakulären Flughafen.

Als das Gepäck kontrolliert wurde, bemerkte ich mit Erstaunen, dass die irakischen Zollbeamten Unmengen an Schnaps und Zigaretten aus den Koffern der Kollegen „fischten“ und scheinbar uninteressiert in die hinter ihnen stehenden Behältnisse warfen. Offensichtlich hatten diese Kollegen die Einreisebestimmungen nicht eingehalten und hatten nun das Nachsehen.

Nach der Abfertigung ging es hinaus auf den riesigen Vorplatz des Airports und erneut war ich überwältigt.

Zum ersten Mal sah ich riesige Palmen in der Natur und eine Architektur, wie ich sie bisher nur aus Berichterstattungen im Fernsehen kannte. Doch besonders aufregend waren für mich die Menschen in ihrer außergewöhnlichen Kleidung. Frauen trugen entweder schwarze Gewändern oder farbenfrohe lange Kleider und Männer waren in bodenlange Dschellabas gehüllt und trugen Kopftücher, die ein doppelter schwarzer Reifen auf dem Kopf hielt.

Doch bei aller Vorfreude, allem Staunen und Schauen überlegte ich, wie es nun mit mir weitergehen würde?

Ich fragte einen deutschen Monteur, ob er mir sagen könnte, mit welchem der bereitgestellten Busse ich mitfahren müsste und er knurrte, dass es egal wäre, mit welchem Bus ich fuhr. Das verstand ich zwar nicht so recht, da es doch sicher verschiedene Baustellen im Land gab, aber ich stieg dann doch, leicht verunsichert zwar, in den nächsten Bus ein.

Die Fahrt führte mich vom Flughafen südöstlich nach Abu Ghraib, einem Stadtteil von Bagdad, der an der Straße von Bagdad nach Falludscha liegt und viele Jahre später noch traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Dort angekommen, blockierten schon mehrere Busse die schmalen Straßen der Siedlung, in der sich unser Ziel befand, und nun begriff ich, warum es egal war, mit welchem Bus ich fuhr.

Alle Monteure versammelten sich nämlich zunächst in einem großen Haus in diesem Wohngebiet und wurden von dort aus neu verteilt.

In diesem Haus wurden unsere Pässe eingesammelt und ersatzweise mit provisorischen irakischen Pässen ausgetauscht. Das war eine Anordnung der irakischen Behörden und ich wunderte mich, dass auch ich bereits am Tag meiner ersten Ankunft so einen Pass bekam, aber schließlich fiel mir ein, dass ich ja bereits vor Monaten bei meiner Firma vierzig (!) Passbilder abgegeben hatte.

Die Formalitäten wurden von drei Leuten erledigt, zwei Männer und einer Frau. Diese Frau war von fast arabisch zu nennender Schönheit und ich musste sie zwanghaft immer wieder heimlich anschauen.

Sie trug ein farbenfrohes Kleid, wie es oft die jungen kurdischen Frauen tragen und hatte eine makellos gebräunte Haut. Ihr tadelloses Makeup unterstrich ihre aparte Erscheinung. Auffällig an ihr waren ihre mandelförmigen Augen, deren Wirkung sie jedoch zusätzlich geschickt mit Wimpernspirale sowie Kajal- und Augenbrauenstift unterstrich.

Wie ich erfuhr, nannten die Monteure sie „Mary“. Ihr richtiger Vorname war eigentlich Marina.

Sie war bei allen deutschen Monteuren äußerst beliebt, und auch ich konnte ihr meine sofortige Sympathie nicht versagen.

Zum ersten Mal hörte ich beim Passtausch von Baustellen in den Städten Bagdad, Basra, Samarra, Mosul, Hilla, Sulaymaniya, Tikrit, Nasiriya und anderen Orten, die mir jedoch völlig unbekannt waren.

Ich wurde der Flughafenbaustelle Muthana zugeteilt, ein Ort am Stadtrand Bagdads, was bedeutete, dass ich in jener Nacht in keinen Bus mehr steigen musste, weil ich gleich im Haus gegenüber untergebracht war.

Edgar, der Hausmeister der beiden Gebäude, der übrigens gleichzeitig auch Einkäufer und Postbote war, zeigte mir und einem weiteren, neu eingereisten Kollegen unser Zimmer und machte uns auf den dritten Mitbewohner aufmerksam, der ein etwas spezieller Mann mit ungewöhnlichen Eigenheiten sein sollte und deshalb bisher allein wohnte.

Wir gingen leise in das Zimmer hinein und ich war überrascht, was wir vorfanden.

Der Tisch war mit Gläsern, Kaffeetassen und einer kleinen Schale Gebäck gedeckt und unser Mitbewohner unterbrach seine Nachtruhe, um uns zu bewirten. Das war verwunderlich, denn immerhin war es jetzt bereits nach drei Uhr morgens. Er schaltete die vorbereitete Kaffeemaschine ein und bot uns erst einmal gekühlte Getränke an. Unser Zimmerkamerad hieß Richard und wohnte in der Heimat nur fünfundzwanzig Kilometer von mir entfernt, wie sich bei unserem Gespräch herausstellte, und zumindest wir beide waren uns auf Anhieb sympathisch. Wir tranken unseren Kaffee, aßen ein paar Plätzchen und waren dann froh, endlich schlafen zu können.

Der Tag nach unserer Ankunft war für uns frei.

Wir schliefen bis nach neun Uhr und nach der Morgentoilette, gegen zehn Uhr, bekam ich auch gleich die Antwort auf den ersten Teil meiner Frage, wie warm es im April am Tage wird. Im Zimmer lief die Klimaanlage und hielt die Temperatur konstant auf dreiundzwanzig Grad Celsius. Als ich die Tür öffnete, um forsch ins Freie zu treten, prallte ich entsetzt zurück, als ob mich eine unsichtbare Faust getroffen hatte.

Oh Gott, das hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht vermutet! Ich suchte ein Thermometer und wurde auch fündig. Da es sich im Schatten der Hauswand befand, musste ich wohl glauben, was ich auf der Scala ablas. Die Temperatur betrug achtundvierzig Grad im Schatten. Trotz der Hitze machte ich, gemeinsam mit dem neuen Kollegen, den ersten Spaziergang und allmählich gewöhnte ich mich an die Temperatur.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich eine Sonnenbrille vergessen hatte und diese Tatsache war mehr als ärgerlich. Erstens hatte ich noch kein irakisches Geld, um mir eine Sonnenbrille kaufen zu können und zweitens wusste ich nicht, wann ich überhaupt die Gelegenheit zu einem Einkauf bekommen würde.

Am Abend fand in unserem Haus die schon erwähnte Einreisefeier statt und ich war froh, im Flugzeug zusätzlich noch eine Flasche Whisky gekauft zu haben. Ich stellte die Flasche auf den Tisch, was von den Anwesenden wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde und mich in ihren Kreis integrierte. Bier gab es nicht, das war im Mittelirak ein Engpass, und so trank man zum Schnaps Cola oder eine weiße Limonade, Seven Up, genannt.

Am nächsten Morgen begann dann mein erster Arbeitstag.

MUTHANA, ABU GHRAIB UND BAGDAD

Um fünf Uhr dreißig versammelten wir uns vor dem Haus und warteten auf die Baustellenbusse aus Bagdad City, die uns zur Baustelle „Muthana“ brachten. Im Bus spielten immer die neuesten Musikkassetten, die sich die Fahrer vom sogenannten „deutschen Kassettenshopper“ in Bagdad besorgten. Das war jedoch nicht etwa ein ausgewanderter Deutscher, wie man vermuten könnte, sondern einfach nur ein irakischer Musikkassettenhändler, der als einziger in Bagdad neben englischer auch deutsche Musik anbot.

Er flog ein paar Mal im Jahr nach Deutschland und brachte von dort die neuesten Platten mit, die dann in seinem Shop in Bagdad von ihm raubkopiert wurden. Das war in diesem Land gängige Praxis und völlig legal.

Beliebt unter den Monteuren waren Mischkassetten, die unter der Rubrik „Tophits“ nummeriert angeboten wurden. Die aktuelle Kassette, die zu jener Zeit in den Bussen auf und ab lief, hieß „Tophits 32“ und dudelte morgens und abends.

Wencke Myhre gab darauf die Warnung ihrer Mutter weiter, sich von bösen Buben fernzuhalten, Nickebocker und Biene verrieten uns, dass sie ihr ganz großes Glück in einem Zug nach Osnabrück gefunden hatten, James Last ließ uns von der „Biskaya“ träumen und Al Bano und Romina Power besangen mit „Sharazano Sharazan“ ihr heimliches Paradies.

Der Laden des Kassettenshoppers befand sich an der Karrada, schräg gegenüber der BRD-Botschaft.

Wenn die deutschen Monteure den Shop okkupierten, nahmen die darin befindlichen Iraker bald Reißaus, denn dann wurde es meist laut. Vor allem, wenn ich meine Wünsche äußerte und der Händler mit Begeisterung und voller Lautstärke Titel von Black Sabbath, Deep Purple, Metallica oder Iron Maiden spielte.

Ganz hoch in der Gunst der Monteure standen aber auch zwei Stimmungskassetten, die der Händler mit „Das grobe“ und „Das Super“ beschriftet hatte. Später bekam ich einmal die Plattencover in die Hände und konnte die richtigen Titel lesen. Sie hießen: „Das große Stimmungsalbum“ und „Das Super-Stimmungsalbum“. Offensichtlich waren dem Händler jedoch die Namen zu lang. Beliebt war auch eine sehr deftige Stimmungskassette, auf der sich Titel wie „Schnell, schnell, schnell, wir fahren ins Bordell“ oder „Ja, ja in Hollywood, da ist der Puff kaputt“ oder gar noch deftigeres Liedgut deutscher Schlüpfrigkeit befand. Diese Kassette wurde meist von den älteren Kollegen gekauft, die damit wohl heimliche Sehnsüchte stillten oder bei denen eher der Wunsch der Vater des Gedanken war.

Nun aber trat ich zum ersten Mal die Fahrt zu meiner neuen Arbeitsstelle an. Dazu fuhren wir auf der Fernstraße zehn, die von Bagdad nach Falludscha führte. Für diese Stadt gab es, wie für die meisten Städte im Irak, mehrere Schreibweisen. Die Iraker bezeichneten sie „Al-Fallujah“ oder

„Al-Anbar“. Ich gehe später noch ein wenig näher auf diese Stadt ein und auch auf das Schicksal, das diese Stadt noch über drei Jahrzehnte nach meinem Aufenthalt erlitt.

Die Fernstraße führte von Falludscha über Hit und Rutbah, weiter bis Jordanien oder Syrien.

In Abu Ghraib unterfuhren wir eine Fußgängerbrücke. Ohne sie hätte das Überqueren der Straße für die Fußgänger einen täglichen Überlebenskampf bedeutet. Es wäre schlicht selbstmörderisch gewesen, diese Straße an anderer Stelle zu passieren.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich die Zufahrt zu einem riesigen Parkplatz, auf dem mehrere hundert Trucks und Lkw standen. Dieser Platz war ein Zollparkplatz von unübersehbarer Größe. Den Fahrern blieb es nicht erspart geduldig zu warten, bis ihre Fahrzeuge endlich kontrolliert, abgefertigt und für die Weiterfahrt freigegeben wurden.

Bei manchen dauerte das Wochen, es sei denn, die Fahrer konnten das nötige „Schmiermittel“ einsetzen, um die Zöllner in Bewegung zu bringen. Bestechung war bei den meisten Behörden im Irak nämlich das A und O und deshalb auch völlige legitime Praxis.

Wir bekamen das später manchmal auf den Baustellen zu spüren, wenn unsere dringend erwarteten Materialtrailer auf den jeweiligen Parkplätzen standen und erst ein saftiges Handgeld die sofortige Freigabe ermöglichte.

Mancher hohe Zollbeamte fuhr einen von unserer Firma „gesponserten“ Toyota Corolla, wenn zum Beispiel in Basra ein Schiff mit unseren Materialcollies auf Reede lag und die dringend benötigte Ladung sonst nicht kurzfristig gelöscht wurde.

Einige hundert Meter hinter dem Parkplatz standen auf einem riesigen Arial riesenhafte rot-weiße Sendemasten, die mit armdicken Stahlseilen mehrfach abgespannt und an allen vier Seiten durch Flakstellungen gesichert wurden.

Nach ein paar Kilometern verlief die Straße dann nach links, zu unserer Flughafenbaustelle. Dort standen einige Bauwagen und Baucontainer für die Arbeitskräfte, versehen mit Klimaanlagen und Kühlschränken.

Ein deutscher Monteur sorgte dafür, dass immer ausreichend Kaltgetränke für die Kollegen zur Verfügung standen, obendrein betreute er das Materiallager.

Die Getränke brachten die Busse aus Bagdad mit, zahlreiche Kästen Cola, Wasser und Seven Up aber auch einen süßen Fruchtsaft, der wegen seiner gelbroten Farbe von uns „Möhre“ genannt wurde.

Außerdem gab es noch einige Thermokübel mit kaltem Tee.

Zum Betreiben unserer Geräte und zur Versorgung der Baustelle mit Strom liefen den ganzen Tag über Notstromaggregate. Bei den Aggregaten handelte es sich um leistungsstarke, mit Wasser gekühlte Dieselmotoren, die den gesamten Arbeitstag mit voller Leistung liefen. Kraftstoff sparen brauchte man nicht, den gab es in diesem Land im Überfluss und zu geringsten Preisen. Eine Limo oder Cola an der Straßenecke kostete das Fünffache eines Liters Benzin oder Diesel.

Von Zeit zu Zeit kam ein Tankwagen unserer Firma auf die Baustelle, der unsere Tankfässer vor Ort befüllte. Der Fahrer betreute alle Baustellen im Irak und hatte gut zu tun.

Wir montierten auf der Baustelle Leichtbauhallen und ich wurde der Dachkolonne zugeteilt. Wie ich später erfuhr, war das die unbeliebteste Arbeit unter den Monteuren. Bereits wenige Tage später konnte ich das nachvollziehen.

Ich bekam die Hitze aus erster Hand, und die war so gewaltig, dass man selbst die kleinste Schraube nur mit Arbeitshandschuhen anfassen konnte. Die Monteure am Boden stöhnten bereits bei dieser Hitze, aber auf dem Dach war sie noch wesentlich gnadenloser, denn die Dachplatten reflektierte die Sonneneinstrahlung und verstärkte sie ungemein.

Um die Temperatur zu testen, schlugen wir auf einer Dachplatte einmal ein Ei auf und siehe da, es wurde tatsächlich ein Spiegelei daraus.

Der Sonnenbrand war mein täglicher Begleiter und ich war froh, dass ich mich so reichlich mit Sonnenschutzmitteln und heilendem Panthenolspray versorgt hatte. Nur langsam gewöhnte ich mich an die sengende Hitze und an das gleißende Sonnenlicht.

Vernünftiger wäre es natürlich gewesen, in langer Arbeitskleidung zu arbeiten, aber das war mir lästig und unangenehm. Ich musste mir deshalb im Verlauf meiner Montagetätigkeit im Irak von unserem Tropenarzt so manche Standpauke gefallen lassen.

Für die Hilfsarbeiten hatte unsere Firma Ägypter, Bengalen oder Chinesen angemietet. Die kamen mit der Hitze besser zurecht als die deutschen Monteure, trugen lange Arbeitskleidung und darüber oft noch eine Weste oder eine zusätzliche Jacke.

Um den Flüssigkeitshaushalt stabil zu halten, trank ich an einem Arbeitstag bis zu acht Liter Wasser, Saft oder Cola. Doch je mehr man trank, umso größer wurde der Durst. Eine Alternative war der gekühlte Tee, der nicht so süß war, wie die von den Arabern überaus beliebte Cola.

Mittags wurde unsere Baustelle mit warmem Essen versorgt, welches etwa vierzig Kilometer von der Baustelle entfernt im Zentrallager gekocht und in Thermokübeln auf die Baustelle geliefert wurde.

Mein erstes Essen auf der Baustelle „Muthana“ waren weiße Bohnen mit Samunen, kleine, aus Weißbrotteig gebackene Brote, die wie deutsche Brötchen schmeckten. Kartoffeln waren zu dieser Jahreszeit ein Engpass und wenn es mal welche gab, dann waren sie sehr teuer. Da wir für das Essen pro Tag nur dreihundert Fils bezahlten, war es für den Koch gar nicht so einfach, kostendeckend und für alle zufriedenstellend zu kochen.

Das Rindfleisch war ebenfalls sehr teuer und kostete pro Kilogramm auf dem Basar drei Dinare und achthundert Fils, also mehr als ein Drittel des monatlichen Beitrages eines Kollegen. Es war deshalb nötig, dass die Monteure aus Deutschland Fleisch mitbrachten, um die Küche zu unterstützen. Und so gab es eine betriebliche Anweisung, dass erstens die Teilnahme am Mittagessen Pflicht war und zweitens jeder Kollege drei Kilogramm Fleisch mitzubringen hatte.

Obwohl ich bei der Hitze nicht den größten Hunger verspürte, war es doch gut, ein warmes Essen zu bekommen, da man abends oft keine Lust hatte, sich selbst etwas zu kochen, und außerdem war das Mittagessen ein täglicher Meilenstein. Man wusste, wenn das Essen auf die Baustelle kam, erwartete uns eine Stunde Pause und bis zum Feierabend war es dann nicht mehr sehr lang.

Das Essen lieferte ein Kollege, ein Oberlausitzer, der mir vom ersten Augenblick an sympathisch war. Er war stets gut gelaunt und machte täglich seine Späßchen.

Dass er Klaus hieß, erfuhr ich erst sehr viel später, denn jeder Kollege sprach ihn nur mit seinem Spitznamen „Finger“ an.

Das kam daher, dass der Mann zwei Lieblingsaussprüche hatte.

Der Erste war: „Nu zieh’ock amol ään Finger“.

Das war lupenreiner Oberlausitzer Dialekt und bedeutete „Beeile dich mal“, oder er sagte: „Dir fehlt wohl an Finger“, was bedeuten sollte „Du spinnst wohl“.

Der Finger war ein prima Typ, freundlich und bei allen beliebt. Seine Haare waren immer zerzaust, als könnte kein Kamm sie bewältigen, und er hatte einen Schnauzbart, der ihm an den Mundwinkeln weit herunter hing und an einen verschmitzten Bauern aus der ungarischen Puszta erinnerte.

Wenn das Essen einmal nicht so toll war und die Kollegen maulten, dann hatte er stets ein paar lustige Sprüche zur Hand, mit denen er die erhitzten Gemüter besänftigte. Sein Vorrat an Witzen schien unerschöpflich zu sein und sein Erscheinen auf der Baustelle löste bei den Kollegen stets gute Laune aus. Klaus gehörte zu den Glücklichen, die im Zentrallager wohnten und einen besonderen Status genossen.

Außer unsere Baustelle versorgte er mit seinem kleinen Lkw Toyota „Dyna“ noch zwei weitere Baustellen und so war er immer in Eile.

Nach der Mittagspause ging es dann wieder auf das Dach und man war froh, wenn man es ab und zu verlassen konnte, um etwas zu trinken oder um Material zu holen und sich dabei ein wenig zu akklimatisieren.

So ein Arbeitstag war hart und man sehnte nach acht Stunden den Feierabend herbei.

Zu Hause angekommen, erfrischten wir uns unter einer Gartendusche. Unser zweites Haus, das sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand, besaß sogar einen Swimmingpool, der allerdings immer überfüllt war und mich deshalb nicht sehr reizte.

Gegen Abend gingen mein Zimmerkollege Richard und ich oft zur Bushaltestelle, in unmittelbarer Nähe unserer Siedlung, und fuhren mit dem Bus nach Bagdad City.

Die Busse gefielen mir auf Anhieb. Es waren rote Doppelstockbusse vom Typ „Vanhool“, wie man sie ähnlich auch durch Londons Straßen fahren sieht. Die Eingangs- und Ausgangstüren fehlten allerdings.

Über eine Wendeltreppe gelangte man auf das Oberdeck, von dem aus man natürlich den besten Überblick hatte und ein wenig Fahrtwind abbekam, und ich genoss jede Fahrt.

Kurz vor dem Ortsausgang von Abu Ghraib bogen wir nach rechts ab und fuhren an einer hunderte Meter langen, braunen, etwa sechs Meter hohen Mauer entlang und obwohl ich bei der ersten Fahrt noch nicht wusste, was sich hinter dieser Mauer verbarg, hatte ich ein eigenartiges, beklemmendes Gefühl.

Von Richard erfuhr ich dann, dass sich hinter dieser Mauer die größte Strafanstalt des Landes befand, das Kasr Al Nihaya Gefängnis. Dieses Gefängnis spielte in der Geschichte des Landes eine überaus unrühmliche Rolle. Das galt für die Vergangenheit, änderte sich in der Gegenwart nicht und sollte Jahre nach meinem Aufenthalt im Irak den schmählichen Höhepunkt erfahren.

Von meinem ersten irakischen Geld kaufte ich mir in Bagdad am nächsten Stand natürlich erst einmal eine Sonnenbrille. Anschließend gingen wir auf dem Rashid entlang, der geschichtsträchtigsten Straße von Bagdad und der zugleich ältesten Handelsstraße der Welt, und ich spürte sehr stark das orientalische Flair, das mich an jeder Stelle umgab.

Der Rashid ist über drei Kilometer lang und entlang dieser Straße spendeten Säulengänge Schatten und etwas Kühle. Die entstand, indem die Gehwege von den Händlern immer wieder mit Wasser benetzt wurden. Durch den anschließenden Verdunstungsvorgang wurde eine angenehme Temperatur erzeugt.

Ein Geschäft reihte sich an das andere und auf dem Rashid war der Orient noch so, wie man ihn sich aus Reiseberichten und Büchern vorstellte – farbig, laut, nach tausend Gerüchen duftend und voller Autos und Menschen, die sich durch dieses Chaos drängelten.

Bei meinem ersten Besuch, als alles noch neu für mich war, nahm ich alle Eindrücke mit Verwunderung und Erstaunen wahr.

Nachdem ich diesen Ort öfter besucht hatte, ließ ich mich einfach von dem Geschehen treiben, tauchte in das bunte Gedränge der vielen Menschen ein und genoss das unbeschreibliche Gefühl, auf historischem Boden zu schlendern, die verschiedenen Schaufenster zu bestaunen oder einfach nur planlos umher zu bummeln und bei einem der zahlreichen Limonadenhändler eine gekühlte Limonade oder einen eiskalten Fruchtsaft zu trinken. An jenem Tag hatten wir mit Richard jedoch ein bestimmtes Ziel.

Ich wollte mir eine schöne Armbanduhr kaufen, hatte allerdings noch keine rechte Vorstellung, wie sie aussehen sollte. Schließlich blieben wir an einem Uhrengeschäft stehen und bewunderten die übergroße Auswahl.

Ich hatte bis zu jenem Zeitpunkt noch nie ein Uhrengeschäft mit einem so überwältigenden Angebot an Armbanduhren gesehen. Der Händler saß in seinem Geschäft hinter der Ladentheke, bei weit geöffneter Ladentür.

Richard und ich standen davor und unterhielten uns über die verschiedenen Uhrenmodelle. Währenddessen war uns nicht aufgefallen, dass uns der Händler die ganze Zeit beobachtet und uns offenbar bei unserem Gespräch zugehört hatte, obwohl es in deutscher Sprache geführt wurde.

Mir gefiel eine Uhr mit Countdownfunktion und ich beschloss, sie zu kaufen, wenn ich mich mit dem Händler über den Preis einigen könnte.

Als wir schließlich das Geschäft betraten, stand der Händler auf und empfing uns mit dem Gruß, welcher zu einer Zeit gehörte, in der Deutschland ganz Europa in das größte Unglück der Weltgeschichte gestürzt hatte. Er stand mit ausgestrecktem rechten Arm, entbot uns in deutscher Sprache diesen Gruß, hielt erstaunlicherweise in der linken Hand die Uhr, über die wir uns vor dem Geschäft unterhalten hatten und bot sie mir lächelnd an.

Ich vermutete, dass der Mann sich der Bedeutung dieses Grußes nicht bewusst war und übersah dessen Geste ein wenig peinlich berührt, denn ich hatte von meinen Kollegen bereits erfahren, dass diese Begrüßung kein Einzelfall bleiben würde, außerdem ging es mir ja in erster Linie ohnehin nur um die Armbanduhr.

In der Auslage kostete sie fünfundzwanzig Dinare und obwohl ich gar nicht feilschte, bot sie mir der Mann für einundzwanzig Dinare an.

Der Händler bemerkte meine Verwunderung und sagte lächelnd auf Englisch, dass er sehr große Sympathien für Deutschland und seine Menschen empfinde, aber es gab noch einen zweiten Grund, der ihn großzügig stimmte. Wir erfuhren, dass der Bruder des Händlers in Deutschland lebt, er selbst auch ein wenig Deutsch sprach und uns zum Beweis gleich einige Bundesligafußballspieler aufzählte. Er bot uns ein Gläschen Tee an, der es in sich hatte, und im Gegenzug gab ich eine Runde Zigaretten aus. Der Tee war außergewöhnlich und ich ahnte zu jenem Zeitpunkt nicht, dass gerade dieser Tee in den kommenden Monaten für mich zu einem Suchtmittel werden sollte. Ein Teelöffel arabischer Schwarztee, ein Teelöffel Zucker und ein kleiner Schluck Wasser in kleinen Teegläsern serviert, ließen dieses Gebräu gallebitter, aber zugleich auch zuckersüß schmecken. Er war eine der vielen Wonnen Arabiens, die ich kennenlernen durfte.

Auf dem Weg zurück sahen wir einen Iraker am Fahrbahnrand hocken. Er war mit einer Dschellaba bekleidet. Vor sich hatte er ein Hühnchen sitzen, mit dem er spielte. Ich blieb mit Richard abseits stehen und beobachtete belustigt diese Szene. Ich fragte Richard: „Was treibt der denn da, ist der nicht ganz richtig im Kopf?“

„Warte mal ab“, grinste mein Kollege, „gleich wirst du sehen, was das für einen Sinn hat, das Hühnchen ist nämlich nur Tarnung.“

Kurz darauf verstand ich den Grund des Spieles, denn als der Mann aufstand und sein Hühnchen auf den Arm nahm, lag im Rinnstein ein Haufen und der war definitiv nicht vom Hühnchen.

Wir gingen dann zum Al Tahir Square mit seinem großen Betonrelief, welches dem irakischen Volk vor der Revolution am vierzehnten Juli 1958 gewidmet war und eine beeindruckende Länge von zirka fünfzig Metern und eine Höhe von etwa acht Metern aufwies. Es zeigte den Ankömmlingen vom Saadun oder von der Jumhuriya Brigde schon von weitem den Busbahnhof an.

Der befand sich nämlich unmittelbar vor diesem Monument in einem riesigen Kreisverkehr, so dass wir diesen Platz als Buskreisel bezeichneten. Der Kreisel war für alle Monteure ein leicht zu findender Treffpunkt. Unter dem Buskreisel reihte sich Geschäft an Geschäft und es war angenehm, dort einzukaufen, da es erfrischend kühl in den Katakomben war.

In der unmittelbaren Nähe des Buskreisels befand sich ein großes Lokal in englischem Kolonialstil mit großen Säulen im Innenraum. Dieses Lokal gehörte vor vielen Jahren zu einer Karawanserei und war besonders am Donnerstagabend oder am Freitag, dem Sabbat, immer voll besetzt. Aber auch an jenem Tag, einem Mittwoch, gab es fast keinen freien Stuhl. Schließlich fanden wir dann aber doch noch zwei freie Plätze und ich stellte fest, dass Richard in diesem Lokal bereits gut bekannt war, die überschwängliche Begrüßung ließ darauf schließen. Wir bestellten zwei Flaschen Bier und bekamen jeder ein Schälchen Pistazien dazu gereicht. Ebenfalls zu unserem Bier wurde uns die typische arabische Musik serviert, mit der wir die ganze Zeit über beschallt wurden, doch gerade diese Musik machte das arabische Flair komplett und passte in diese Atmosphäre.

Nach ein paar weiteren Besuchen in diesem Lokal wurde ich ebenso freundlich begrüßt wie Richard und ich war sicher der erste ausländische Gast, von dem eine komplette Kassettenseite der britischen Hardrockband „Black Sabbath“ über die Lautsprecher der Gaststätte gespielt wurde, die ich kurz zuvor bei einem Musikhändler gekauft hatte.

Erst als die erste Seite vollständig abgelaufen war wurde ich gefragt, ob es möglich wäre, auf Wunsch der anderen Gäste wieder arabische Musik zu spielen. Mir war das unerhört peinlich und ich nahm mir vor, dass mir so eine Entgleisung nicht noch einmal passieren sollte.

Als ich wenig später ebenfalls zu den Stammgästen gehörte, die das Lokal etwa ein bis zweimal pro Woche besuchten, hatte man mir meinen kleinen Fehltritt längst verziehen. Platzprobleme kannte ich inzwischen ebenfalls nicht mehr.

Einmal wurden sogar Gäste umplatziert, damit Richard und ich einen freien Tisch bekamen. Zwei Männer mussten sich dabei gar einen Stuhl teilen und taten das lächelnd. Auch das war mir peinlich, doch die beiden Männer gaben uns zu verstehen, dass sie uns ihre Plätze gern überlassen hatten.

Eine Gastfreundschaft, die von uns Deutschen schwer zu verstehen war.

Nach dem Restaurantbesuch waren es dann nur wenige Schritte bis zu unserer Bushaltestelle.

Von dort überquerten wir den Tigris über die Jumhuriya Bridge und fuhren über die Yaffa Street, die 14. Juli Street und die Gailani Street zurück nach Abu Ghraib.

Wir kamen an riesigen Saddam-Hussein-Monumenten und Wandgemälden vorüber, auf denen er, mit einer Dschellaba bekleidet, eine Maschinenpistole in der Hand hielt, als entschlossener Freiheitskämpfer mit erhobenem Karabiner dargestellt wurde, als Bauer hinter dem Pflug, oder in kurdischer Kleidung mit Säbel.

Das war allerdings umso verlogener, da Saddam Hussein Zeit seiner Regierung einen ständigen Kampf mit der kurdischen Bevölkerung ausgefochten hatte. Selbst in Bussen, Taxis, ja sogar in Privat-Pkws konnte man die Bildnisse von Saddam Hussein sehen. Sie waren ähnlich einem heiligen Schrein, bunt geschmückt.

Der Saddam-Kult war übergroß und ich nahm zum Beginn meines Aufenthaltes im Irak an, dass dies große Achtung, Ehrfurcht und Liebe ausdrücken sollte. Später stellte ich fest, dass es oft nur dem Selbsterhaltungstrieb diente, um vor dem System nicht aufzufallen, abgesehen von einigen verblendeten Regimeanhängern, die dem Kult aus Überzeugung frönten.

Mir selbst war dieser Mann zum Beginn meines Aufenthalts ebenfalls sehr sympathisch, allerdings war das eine rein visuelle Wahrnehmung, sein wahres Wesen eröffnete sich mir erst Monate später.

Wenige Jahre vor meinem Einsatz erstarkte im Süden des Landes die Schiitenbewegung, eine fundamentale Glaubensrichtung, die Saddam Hussein bis auf den Tod hasste, denn er war Sunnid.

Der bedeutendste Schiitenführer mit großem Einfluss war der damals in Nadjef lebende Ajatollah Khomeini. Dieser wurde 1964 vom Schah Reza Pahlevi aus dem Iran ausgewiesen und lebte seitdem in dieser Stadt, einer der heiligen Städte im Irak und scharte dort unzählige Anhänger um sich.

Saddam Hussein hatte im Jahr 1978 mit dem Schah einen Vertrag über die Nutzung des Schatt Al Arab abgeschlossen und im Gegenzug unbequeme Gegner des iranischen Regimes im Irak aufgenommen. Als der Vertrag ratifiziert war, wies Saddam Hussein allerdings im gleichen Jahr alle Iraner aus dem Land aus, darunter auch den Ajatollah Khomeini.

Khomeini ging in das Exil nach Paris und arbeitete dort am Sturz des Schahs.

Inzwischen wütete der irakische Geheimdienst unter den Schiiten des Landes und nahm reihenweise Exekutionen vor.

Über 20.000 Schiiten flohen daraufhin in den Iran und ließen ihre Häuser und ihr Hab und Gut zurück. 1979 kehrte auch der Ajatollah Khomeini in den Iran zurück und stürzte mit seinen Anhängern den Schah. Gleichzeitig versetzte er damit das Land hunderte Jahre zurück in eine islamische religiöse Diktatur. Heute würde man sagen, dass er ein Kalifat gegründet hatte. Saddam Hussein warnte daraufhin auf den arabischen Konferenzen die anderen arabischen Nationen vor dem Regime Khomeinis und hatte damit Erfolg. Er gewann zunehmend Einfluss bei den übrigen arabischen Staaten und erhielt von ihnen Unterstützung. Hussein machte den arabischen Staaten klar, dass nur ein Krieg das Regime Khomeinis im Iran zerstören konnte.

Am zweiundzwanzigsten September 1980 fielen seine Armeen mit 100.000 Soldaten auf einer Breite von 600 Kilometern in den Iran ein, um die Erdölprovinz Chuzestan zu erobern und begannen damit einen beispiellosen Krieg, der alles bisher an Brutalität, Grauenhaftigkeit und Vorstellbarem übertraf und Unvorstellbares zu Tage treten ließ.

Zwar wurde im Herbst 1980 nach blutigen Kämpfen die Stadt Choramschahr am Persischen Golf eingenommen, aber es wurden keine nennenswerten Geländegewinne erzielt. Von einem von Saddam Hussein geplanten Blitzkrieg konnte nun keine Rede mehr sein, die Kampfhandlungen entwickelten sich zu einem verbissenen Stellungs- und Grabenkrieg, bei dem auf beiden Seiten unzählige Opfer zu beklagen waren.

Sollte dieser Krieg zunächst einmal die Vorherrschaft am Persischen Golf regeln, dehnten sich die Kämpfe zunehmend entlang der irakisch-iranischen Grenze aus. Doch sie blieben nicht nur eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Armeen beider Länder, sondern bezogen auch zunehmend die schiitische Bevölkerung im Süden des Landes, die noch verblieben war, sowie die Kurden im Norden in die Kriegsgeschehnisse ein.

Es entwickelte sich im Irak selbst schließlich ein Widerstand, der sich gegen die irakische Armee richtete und mit der Taktik der kleinen Nadelstiche durchgeführt wurde.

Kein Militärkonvoi, der durch die unwegsamen kurdischen Bergschluchten fuhr, konnte sicher sein, nicht auch einem Anschlag der gefürchteten Freiheitskämpfer, den „Peschmergas“, zum Opfer zu fallen.

Der Vorsatz, einen autonomen kurdischen Staat zu gründen, ließ diese Kämpfer alle erdenklichen Strapazen und Repressalien auf sich nehmen. Der Hass auf den Diktator Saddam Hussein war bei der unterdrückten kurdischen Bevölkerung ohnehin riesengroß.

Wenn der Präsident in den Norden des Landes reiste, hatten seine Geheimpolizisten schon Tage vorher alle Orte, die durchfahren wurden, genauestens inspiziert, um Anschläge ausschließen zu können. Wenn es nötig war, wurden sogar Häuser abgerissen, die eine uneingeschränkte Sichtachse versperrten. Geheimpolizei und Soldaten sicherten, bis an die Zähne bewaffnet, die Durchfahrt des Konvois ab. Auf den Dächern verteilt lagen Scharfschützen.

So ein Konvoi bestand aus etwa dreißig gepanzerten schwarzen Luxuslimousinen mit schwarz getönten Scheiben. Einen der Wagen fuhr Saddam Hussein immer selbst.

In mehreren Fahrzeugen saßen seine Doppelgänger, sogenannte „Fidais“, von denen er, wie sein Vorbild Josef Stalin, eine unbekannte Anzahl besaß.

Bei manchen öffentlichen Veranstaltungen ließ Hussein sogar seine „Fidais“ auftreten, die für die Zeit, während sie ihm „dienten“, von ihren Familien getrennt wurden und in seinem engsten Umfeld lebten.

Während der Fahrt wurde auf Kommando über Funk ständig die Position gewechselt, um das Risiko eines Anschlages so gering wie möglich zu halten.

Am Zielort angekommen, mischten sich zahlreiche Geheimpolizisten unter die Bevölkerung.

Husseins Geheimpolizei wurde übrigens von Spezialisten der Staatssicherheit der DDR ausgebildet.

Saddams gespielte Volksnähe und seine geliebte Selbstdarstellung waren einzig auf dem Fundament der Macht und der Gefährlichkeit der Geheimpolizei gegründet.

Als im Verlauf des irakisch-iranischen Krieges die Kriegskassen immer leerer wurden, rief der Präsident das Volk zur finanziellen Unterstützung auf. Die Liebe zum Staat und zur Regierung und die Möglichkeit für die Bevölkerung, ihrem Präsidenten helfen zu können, nutzen viele Menschen. Sie kamen zu Tausenden aus allen Teilen des Landes und spendeten Geld, goldenen Brautschmuck und andere Wertsachen. Keine der angesehenen Familien wollte und vor allem konnte sich hierbei ausschließen, weil diese riesige Spendenaktion tagelang im Fernsehen übertragen wurde und jedermann sah, wer sich an dieser Aktion beteiligte.

Für die einfache Bevölkerung aber war es die einzigartige Gelegenheit, selbst einmal die Pracht in Saddams Palast zu erleben, denn dieses Privileg hatten sonst nur wenige Auserwählte.

Jedem der Spender, so gering die Spende auch sein mochte, drückte Saddam Hussein persönlich die Hand, denn der täglichen stundenlangen Zeremonie wohnte er ununterbrochen bei.

Dieses Erlebnis war natürlich besonders für die Kinder prägend und reihte sie in die Schar der glühendsten Saddam-Anhänger ein.

Später musste ich erkennen, dass gerade diese Kinder im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren eine gefährliche Unbekannte darstellten, denn sie gingen mit der Gefahr und mit den Waffen, die sie mitunter trugen, völlig leichtfertig um. Es war in Ausnahmesituationen gerade für uns Ausländer gar nicht ungefährlich, diesen Kindern, auf der Straße zu begegnen, wenn sie Waffen trugen.

Für sie war es eine Genugtuung, dass wir bei dem Anblick ihrer Waffen doch recht zurückhaltend reagierten, denn wir konnten nicht einschätzen, wie weit sich die Kinder selbst unter Kontrolle hatten. Der Versuch, mit ihnen ein Gespräch zu führen, scheiterte besonders zu Beginn meiner Montagetätigkeit daran, dass ziemliche Verständigungsprobleme zwischen uns bestanden. Später, als ich die arabische Sprache in ihren Grundzügen beherrschte, änderte sich das.

Glücklicherweise waren Kinder mit Waffen nicht die Regel. Meist traf man sie nur dann, wenn entweder eine Schlacht gewonnen wurde, um Freudenschüsse abzufeuern, oder an Festtagen, um dann fröhlich herum zu knallen, mit scharfer Munition wohlgemerkt.

Wer jemals selbst so eine Waffe abgefeuert hat, der weiß, wie stark der Rückschlag einer Maschinenpistole bei kurzen Feuerstößen ist. Die Halbwüchsigen waren selbst nicht in der Lage einzuschätzen, wie groß die Gefahr war, die sie selbst darstellten.

Saddams Besuche in Kurdistan waren jedoch nicht etwa ausschließlich Propagandazwecken geschuldet. Er besuchte gleichzeitig einige seiner Paläste, die in den Bergen, meist an exponierten Stellen, errichtet wurden.

Einer dieser Paläste wurde gerade hoch oben in den Bergen, unmittelbar neben dem berühmten Kloster Deir Mar Matta gebaut und ich hatte das Glück, diesen Palast besuchen zu können.

Der Präsident besaß im gesamten Land verteilt über zwanzig Paläste, die sich ausnahmslos an attraktiven Plätzen, wie in der Nähe von kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten oder in landschaftlich besonders reizvollen Lagen befanden.

Ein paar Tage nach unserem letzten Besuch in Bagdad, fuhren wir wieder in die Stadt und da es Donnerstag war und wir uns viel Zeit nehmen konnten, weil ein freier Tag folgte, wollten wir natürlich den Basar durchstreifen. Ein Basar, den es schon seit hunderten Jahren gab und der selbst in den Märchen aus 1001 Nacht Erwähnung findet.

Einige der Räuber, mit denen sich bereits Ali Baba herumgeschlagen hatte, schienen auf diesem Basar allerdings die Jahrhunderte unbeschadet überdauert zu haben. Man erkannte es an den oft unverschämten Preisen.

Hier und da war auch noch der „Dieb von Bagdad“ existent, denn es war nicht selten, dass Ausländer zwar mit einer Brieftasche in den Basar hineingegangen waren, aber den Souq leider ohne Brieftasche verließen. Habhaft wurde man keinem der Strolche, das Gewirr der Gassen erleichterte den Dieben die Flucht.

Eigentlich bestand der große Basar aus vielen Einzelbasaren, die jedoch alle miteinander durch schmale Gassen und Irrwege verknüpft waren.

Die einzelnen Basare wurden im Süden vom Tigris begrenzt und der Rashid bildete die nördliche Grenze. Die Waren wurden den jeweiligen Basaren zugeordnet. So gab es linker Hand des Rashid, zwischen der Ahrar- und der Sabataschbrigde, den Kupfer- und Messing-Souq, den Gold-Souq, den Textil-Souq, danach den Möbel-, Werkzeug-, Hausrat- und den Fahrzeugteile-Souq. Ihnen schlossen sich die Basare für Schuhe, Teppiche, Ziergegenstände, Lederwaren und Kosmetik an, alles unter Arkaden in hunderte Meter langen, verzweigten Gängen.

Bevor man vom Rashid aus in den Basar gelangte, kam man an der Kalifenmoschee in der Khulafa Street vorüber, von deren Minarett der Sage nach der Kalif Harun Al Rashid gemeinsam mit seinem Wesir als Kraniche verwandelt durch das Land flogen, um heimlich vom Volk zu erfahren, was die einfachen Menschen über den Kalif sprachen.

Diese Moschee unterschied sich erheblich von den anderen Moscheen in Bagdad, sie war aus sandfarbenen Steinen gemauert und wies nicht die sonst gebräuchlichen üppigen Farben auf. Die Bauweise dieser Moschee ist im Land einzigartig. Das Minarett wurde 1289 n. Chr. auf die Fundamente der Moschee von 908 n. Chr. gebaut, die Moschee selbst wurde jedoch erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts im maurischen Stil errichtet.

Wir gingen stets zuerst in den Kupfer-Souq, weil man von dort aus alle anderen Basare erreichen konnte. Das Angebot war überwältigend und erstreckte sich von traditionellen bis hin zu individuellen Arbeiten, die auf Wunsch der Kundschaft angefertigt wurden.

Wir suchten in diesem Labyrinth nach jenem Kupferschmied, der auf vielen Ansichtspostkarten Iraks zu sehen war und fanden ihn schließlich tatsächlich durch puren Zufall unter geschätzten zweitausend Kupferschmieden. Er war allerdings inzwischen etwa achtzig Jahre alt, saß auf einem Hocker vor seiner kleinen Werkstatt und diente nur noch als Aushängeschild und Werbefigur für seinen eigenen Laden, den längst sein Sohn führte.

Der einstige Ruhm schien ihn aber nicht reich gemacht zu haben, denn sein Laden war recht armselig, im Gegensatz zu den früheren Fotos.

Nach angemessenem Aufenthalt bei jenem Kupferschmied ließ ich mir bei einem anderen Meister einen großen Wandteller anfertigen, auf den alle von mir gewünschten Motive eingemeißelt wurden.

Es waren Motive des Landes, wie der Löwe von Babylon, der Palast von Ktesiphon, das Spiralminarett von Samarra und der Nimrud von Ninive.

Uns war dieses Geschäft aufgefallen, weil es größer und prächtiger ausgestattet war, als die meisten Läden im Basar. Außerdem lag dieses Geschäft direkt an einem Knick der Gasse und war somit von zwei Seiten einzusehen.

Auch dort bot ich dem Kupferschmied eine Zigarette an und wir bekamen im Gegenzug den obligatorischen Tee, der dieses Mal jedoch nicht vom Händler selbst zubereitet wurde, sondern er bestellte ihn bei einem vorbeilaufenden Jungen, der uns den gesamten Vorgang, vom Zubereiten des Getränks bis zum Einschenken, kunstvoll und mit unglaublichem Geschick zelebrierte. Er spülte die Gläser mit heißem Wasser aus einem umgehängten Thermokanister aus, gab Tee und Zucker in die Gläser und füllte sie mit heißem Wasser auf, das er dann aus einer Kanne aus einer Höhe von etwa vierzig Zentimetern in die Gläser goss, ohne einen Tropfen Wasser zu vergeuden.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass eben jener Kupferschmied einer der berühmtesten Meister seines Faches auf diesem Basar war und dass ich ihn noch oft besuchen und auch so manchen Kollegen zu ihm hinführen würde.

An diesem Tag feilschte ich erfolgreich um den Preis und ich freute mich, dass ich statt der vierzehn Dinare nur elf bezahlen musste.

Ich stellte jedoch bald fest, dass mit der englischen Sprache allein auf diesem Basar nicht überall auszukommen war, also beschloss ich, so schnell wie möglich Arabisch zu lernen.

Wir besuchten natürlich auch einige andere Basare und vor allem der Textil-Souq und der Gold-Souq machten mich sprachlos. Unzählige aneinandergereihte kleine Läden boten eine riesige Vielfalt an Waren, deren Pracht sich gegenseitig übertraf. Allein der Gold-Souq, in denen der schönste arabische Brautschmuck zu Hunderten in den Schaufenstern hing, suchte seinesgleichen.

Einige Stunden später beendeten wir mit durstigen Kehlen und müden Füßen unseren Basarbesuch und schlossen diesen schönen Tag bei einem Bier in dem schon genannten Lokal ab.

Der nächste Tag begann stürmisch und ständig wehten Windhosen über die Baustelle, die für eine Weile den Himmel verdunkelten und eine Menge Sand über uns hinweg fegten. Die Zeit der Sandstürme war inzwischen in vollem Gange.

Der Wüstensturm hatte die Kraft und die Eigenschaft, Landschaften zu verändern und neu zu formen. Bekanntes verlosch und ließ Unbekanntes auferstehen. Landkarten schufen zwar wichtige Rahmenbedingungen, konnten verwehte Straßen allerdings nicht sichtbar machen.

Auch die Menschen blieben von den Sandstürmen nicht verschont und wir bekamen auf unseren Baustellen Akkupunkturen von feinen Sandkörnchen, wie von tausenden kleiner Nadeln.

Mal kam so eine Windhose völlig unvermittelt und streute ihren graugelben Sand über uns, ein anderes Mal konnte man schon am Horizont die dunkle Wand nahen sehen, die dann unsere Baustelle mit unvorstellbaren Massen Sandes überzog, so dass man die Hand vor Augen nicht mehr sah.

Der feine Sand drang in alle Poren der Haut, in Mund, Augen, Nase und Ohren, kroch in die Öffnungen des Hemdes, in den Hosenbund und sogar in die Schuhe und unter die Sockenränder, so dass man das Gefühl hatte, der Körper wäre in Sandpapier gebettet. Unsere Fahrzeuge waren mit jenem Sand überzogen, die Frontscheiben waren nicht mehr zu durchblicken und gaben die Sicht erst wieder frei, wenn die Scheibenwischer ihre kraftvolle Bahn gezogen hatten, selbst in den Fahrzeugen hatte der Sand eine feine Schicht auf Sitze und Armaturenbrett gelegt.

Während der Zeit der Sandstürme war es besonders wichtig die Dachplatten auf unseren Hallen so schnell wie möglich zu verlegen und auch zu befestigen. Am First blieb allerdings immer ein Spalt offen, der mit sogenannten Firstblechen geschlossen werden musste.

Diese Bleche waren etwa einen Quadratmeter groß.

Damit wir an jenem Morgen das Dach unserer Halle so schnell wie möglich zugedeckt bekamen, hatten wir entlang des Dachfirstes bereits diese Blechplatten in langer Reihe ausgelegt, ein schwerwiegender Fehler, wie sich bald herausstellte.

Zwei Kollegen waren bereits damit beschäftigt diese Bleche zu bohren, damit sie befestigt werden konnten, als unvermittelt wieder so eine Windhose mit großer Kraft und hoher Geschwindigkeit über die Baustelle fegte. Plötzlich wurden die Bleche mit Urgewalt durch die Luft geschleudert und flogen wie Geschosse über das Dach. Ich warf mich instinktiv flach auf den Bauch und die anderen Kollegen taten das Gleiche, alle in der Hoffnung, dass wir ungeschoren davon kommen würden, denn so ein Blechgeschoss konnte einem, ähnlich einem Scharfrichterschwert, mit dieser ungemeinen Wucht leicht den Kopf abtrennen. Zum Glück war uns, abgesehen von einigen Prellungen und Schnittverletzungen, nichts Ernsthaftes geschehen, aber der Schreck saß uns allen in den Knochen.

Die Baustelle glich einem Schlachtfeld. Wandplatten von sechs bis neun Metern Länge waren auf einer Riesenfläche verstreut. Abfallmaterial, Verpackungen und Bretter hatte die Windhose ebenfalls mitgenommen.

Wir selbst sahen auch ziemlich desolat aus: zerzaust, mit feinem, orangefarbenem Sand überzogen und trotz der Sonnenbräune recht blass, aber glücklicherweise gesund!

An ein sofortiges Weiterarbeiten war jedoch im Moment nicht zu denken. Wir stiegen erst einmal vom Dach, um uns den Staub aus dem Mund zu spülen.

Für mehrere Wochen wurden wir fast täglich von diesen Stürmen heimgesucht.

Als die Zeit der Sandstürme abebbte, rauschte ein anderer Sturm über uns hinweg. Es waren arabische Frauen, in ihren schwarzen Gewändern. Sie kamen in Gruppen von zehn bis fünfzehn Frauen und Mädchen von etwa vierzehn bis vierzig Jahren. Die Anführerinnen hatten stets Brecheisen dabei.

Eines Tages kam so eine Gruppe direkt auf uns zu und die Frauen erweckten irgendwie keinen besonders friedlichen Eindruck, mit ihren Brecheisen, Knüppeln und Hanfseilen in den Händen.

Etwa fünfzig Meter vor unserer Baustelle schwenkten sie jedoch nach links ein und schritten zielgerichtet auf unsere Abfallberge zu.

Dort hatten wir die Bretter und die übrige Verpackung unserer Materialcollies auf einen Haufen geworfen, der dann von Zeit zu Zeit abgebrannt wurde – wir praktizierten Müllbeseitigung auf Arabisch.

Wir machten uns keine Gedanken darüber, dass die Bewohner der umliegenden Dörfer diese Abfälle als Baumaterial für ihre Schafställe oder ähnliches brauchen könnten, denn Palmen, die vereinzelt wuchsen, ließen sich nicht zu Brettern verarbeiten, da sie faserig waren, und andere Bäume gab es im weiten Umkreis nicht.

Die Kräftigste der Frauen lud sich eine Kistenrückwand auf den Kopf und ließ sich Bretter und Kanthölzer darauf stapeln und mit den Stricken festzurren, ebenso machten das anschließend ein paar andere Frauen, bis sie so stattliche Haufen auf den Köpfen hatten, dass sie endlich wankend davonzogen.

Da das nächste Dorf ein paar Kilometer weit entfernt war, musste das für sie ein unerhörter Kraftakt gewesen sein.

Hans-Joachim, von allen Kollegen nur „Hajo“ genannt, rief ihnen aus Spaß zu, dass sie uns Bakschisch da lassen sollten, aber die Frauen reagierten natürlich nicht darauf und zogen unbeirrt weiter.

Einige Tage später waren die Frauen erneut im Anmarsch und unser Abfallberg war bereits wieder beträchtlich angewachsen. Wir riefen Hajo zu, dass wir wieder einmal Besuch von den „Fledermäusen“ bekämen, da stieg er vom Träger herunter, auf dem er gehockt und Dachriegel montiert hatte, und ging in unseren Brennstoffcontainer. Dort entnahm er einen Benzinkanister, goss den Inhalt über den Holzhaufen, ließ die Frauen noch ein Stück heran kommen und zündete dann das Holz an.

Mit einem Schlag stand der Haufen in hellen Flammen und brannte lichterloh.

Seit diesem Tag habe ich nie wieder einen Menschen so pfeilschnell durch die Wüste jagen sehen, wie unseren Hajo, von fünfzehn laut schreienden arabischen Frauen verfolgt, die dabei wütend ihre Knüppel und Brecheisen schwangen.

Haken schlagend, gelang es Hajo endlich, einen unserer Container zu erreichen und die Tür zu verschließen. Wir mussten die Frauen sogar von der Baustelle vertreiben, sonst hätten sie Hajo verprügelt, wenn sie ihn habhaft geworden wären.

Es hatte sich bei den Bewohnern der umliegenden Dörfer nach diesem Ereignis schnell herumgesprochen, dass am Rande des Flughafens eine Firma arbeitet, die brauchbares Holz verbrannte und wenige Tage später fuhr ein Kleintransporter vor, dessen Fahrer uns das Holz für einen geringen Obolus abkaufte und sich auch das Vorverkaufsrecht sicherte. Wir sortierten dann für ihn sogar das brauchbare Holz aus und für das empfangene Trinkgeld organisierten wir eine Feier für alle Kollegen.

Für den folgenden Donnerstag wurden Richard und ich von ein paar Kollegen zu einer Party zu ihnen nach Bagdad eingeladen.

Wie jeden Tag duschten wir gleich nach dem Feierabend und fuhren mit unserem Einkäufer Edgar, der in Bagdad die Post für die Kollegen abholte, in die City. Edgar nahm dabei allerdings eine andere Route als der Linienbus und fuhr mit uns einige Kilometer über die kürzlich fertiggestellte Stadtautobahn, von dort über die Omar Bin Yasir Street in Richtung Karrada. Dabei kamen wir am Gebäude der Baath Partei vorüber.

Das war ein riesiges, prunkvolles Gebäude, auf dessen vier Ecken des Daches ich MG-Stellungen entdeckte. Edgar erklärte mir, dass diese Maßnahme bei öffentlichen Gebäuden völlig normal wäre und dass es strengstens verboten war, etwa vor der Baath Partei mit dem Auto zu wenden oder dieses Gebäude, wie übrigens auch alle anderen öffentlichen Einrichtungen, Brücken oder militärischen Objekte, zu fotografieren. Bei Zuwiderhandlung wurde sofort geschossen, im günstigsten Fall wurde man jedoch zumindest in das Gefängnis geworfen.

Die Fahrt verlief anschließend über die vierspurige Karrada auf den Saadun und von dort in ein Wohngebiet, in dem sich die Unterkünfte für die Kollegen in Bagdad befanden. Es waren gepflegte, angemietete Häuser mit Gärten, an deren Mauern Hibiskussträucher und andere wohlriechende Pflanzen wuchsen. In den Gärten gediehen neben den verschiedensten Blumen und Pflanzen auch Kakteen und Sukkulenten. Besonders häufig war jedoch der Jasmin zu bewundern, der mit seinem betörenden Duft und seiner Pracht in kaum einem Garten fehlte.

Da alle unsere Häuser in Bagdad von der Oberbauleitung intern nummeriert worden waren, entfiel auf das Haus, in dem wir zu Gast waren, die Nummer acht, das Haus der Oberbauleitung hatte die Nummer eins bekommen, die Häuser in Abu Ghraib die Nummern vier und fünf.

Als wir ankamen, war bereits alles vorbereitet und wir wurden mit Gejohle empfangen. Der Koch, der die Mitarbeiter der Geschäftsleitung in Bagdad versorgte, ließ es sich nicht nehmen, für alle Kollegen zu grillen, denn er wohnte ebenfalls im Haus acht.

Die Bratwürste und die Schweinesteaks hatten wir aus Deutschland mitgebracht, da Schweinefleisch im Irak, bis auf Ausnahmen, tabu war. Alles andere wurde in Bagdad besorgt. Neben Bier gehörten zu unserer Feier auch ein paar Flaschen Rotwein.

Der Wein wurde von uns, entgegen den üblichen Gepflogenheiten, eisgekühlt getrunken und war auch bald alle.

Ein Kollege fragte mich, ob ich ihn zu einem Händler begleiten würde, dessen Shop sich nur eine Straße weiter befand, um bei ihm noch ein paar Flaschen Wein zu besorgen. Ich erklärte mich dazu gern bereit.

Der überaus freundliche Mann empfahl uns wortreich einen Beaujolais aus einer sonnigen Südhanglage Frankreichs, den er kürzlich geliefert bekommen hätte und der ausgezeichnet munden würde.

Im Sechser-Karton könne er uns sogar einen Sonderpreis machen. Sein relativ preiswertes Angebot für diesen edlen Wein nahmen wir natürlich gerne an. Als wir dann zurückkamen, legten wir den Wein sofort in die Kühltruhe, entgegen den Empfehlungen, den Rotwein auf sechzehn bis achtzehn Grad Celsius zu temperieren, damit sich der Geschmack entwickeln kann. Wir bevorzugten jedoch gekühlten Wein. Nach einer halben Stunde war er kalt und konnte von uns genossen werden.

Nun allerdings folgte die Überraschung. Als ich die Eiskristalle von der ersten Flasche wischen wollte, löste sich das Etikett vom „edlen“ Beaujolais und es kam ein Etikett eines irakischen Rotweins zum Vorschein.

Der musste allerdings an einem sehr schattigen Nordhang gewachsen sein, denn er war so sauer, dass er nur unter Beimischung von zwei gehäuften Teelöffeln Zucker pro Glas genossen werden konnte. Leider war es inzwischen schon so spät, dass wir den Wein nicht mehr umtauschen konnten, da der Händler sein Geschäft längst geschlossen hatte.

Trotz dieser kleinen Panne gab es an jenem Abend viel Spaß und die Party zog sich bis tief in die Nacht hinein.

Richard hatte wohl zum Wein etwas zu viel Arrak getrunken, eine überaus tiefschlaffördernde Wirkung, wie sich herausstellte, denn er schlief im Gartensessel ein und war nicht mehr wach zu bekommen. Ein Spaßvogel stellte hinter Richard die Gartendusche an, aber als auch das keinen Erfolg brachte ihn munter zu bekommen, ließen wir ihn in seinem Sessel weiter schlafen und gingen zu Bett.

Am nächsten Morgen ereilte uns dann eine Überraschung. Der Sessel war leer, von Richard weit und breit keine Spur, aber auf der Wäscheleine hing fein säuberlich, mit Wäscheklammern befestigt, Richards Geld.

Ein-Dinar-Scheine, Fünf-Dinar-Scheine, Zehn-Dinar-Scheine und sogar ein Fünfundzwanzig-Dinar-Schein, in Euro gerechnet zum damaligen Kurs immerhin etwa der fünffache Wert, hingen neben einem Teil von Richards Wäsche. Er selbst aber war weder im Haus noch im Garten zu finden und so musste ich schließlich nach der Stärkung in einem kleinen Straßenlokal nahe der Bushaltestelle allein nach Hause fahren.

Als Richard dann am Abend noch immer nicht aufgetaucht war, meldete ich sein Ausbleiben dem Bauleiter Kurt.

Der Mann war schwer in Ordnung, hatte allerdings eine ganz spezielle Gedächtnisschwäche, er konnte (oder wollte) sich von den meisten Kollegen nicht die Namen merken. Deshalb sagte er der Einfachheit halber zu jedem Kollegen „Jauchenfisch“.

Auf diese Weise hatte er selbst seinen Spitznamen bekommen. Wenn bei den Kollegen von Kurt die Rede war, dann nannten wir ihn ebenfalls „Jauchenfisch“, was keinesfalls despektierlich gemeint war. Er wusste das natürlich.

Als ich ihm allerdings sagte, dass Richard fehle, da wusste er sofort, um wen es sich handelte, diesen Namen kannte er. Ich erfuhr, dass dies nicht Richards erste Kapriole war und er deshalb schon auf der „Abschussliste“ der Oberbauleitung stand. Bei seinem letzten Vorfall fuhr er unter Alkoholeinfluss einen Toyota Pickup zu Schrott.

Als Richard am nächsten Morgen noch immer nicht aufgetaucht war, machte ich mir ernsthaft Sorgen.

Auf der Baustelle angekommen, ging ich meiner Arbeit nach, doch meine Gedanken kreisten ständig um meinen Stubenkameraden. Was war da passiert und wo könnte er stecken, ohne Geld und fast ohne Kleidung.

Gegen Mittag fuhr dann ein jordanischer Truck auf unsere Baustelle, drehte eine Runde und hielt schließlich an. Plötzlich wurde die Beifahrertür geöffnet und aus dem Fahrerhaus kletterte Richard heraus, nur mit Shorts und Sportschuhen bekleidet. Über die letzten Stunden konnte er allerdings keine Auskunft geben, angeblich hatte er einen Blackout. Er meldete sich beim Bauleiter und wurde von ihm postwendend nach Abu Ghraib in unser Haus gefahren.

Als ich nach der Arbeit nach Hause kam, packte Richard bereits seine Koffer. Schon mit der nächsten Maschine, der Fluggesellschaft Iraqi Airways, musste er nach Deutschland zurückfliegen.

Richard war für mich ein guter Kamerad gewesen und ohne ihn hätte ich Bagdad und seine Basare nicht so rasch kennengelernt. Natürlich musste man auch die Bauleitung verstehen, die irgendwann ein Exempel statuieren musste, denn die Vorfälle, die sich unter Alkoholgenuss mehrten, wurden allmählich zu einem sehr ernst zu nehmenden Problem in unserer Firma, auf allen Baustellen des Irak.

HERMANN, DER FEIGE HUND

Wenn am Abend die größte Hitze vorbei war und sich die Temperatur unter 40° Celsius eingepegelt hatte, ging ich gern noch in unserer näheren Umgebung spazieren, um ein paar Eindrücke zu sammeln. Naturgemäß hatte kaum ein Kollege Lust, mich zu begleiten, die meisten waren froh, abends ihre Ruhe zu haben.

Richard war inzwischen ausgereist.

Aus diesem Grund hatte ich mich mit einem Hund angefreundet, der in unseren beiden Häusern lebte. Das Tier pendelte immer hin und her, je nachdem, wer Zeit für ihn hatte. Die Kollegen hatten ihm den Namen „Hermann“ gegeben, auf den er auch recht gut hörte. Hermann war ein Mischling, von der Größe eines Schäferhundes, hatte allerdings eine kleine Macke, er konnte keine Kinder leiden. Wahrscheinlich hatte er mit ihnen irgendwann schlechte Erfahrungen gemacht, denn die Kinder bewarfen die Hunde im Wohngebiet gern mit Steinen.

Hermann hörte recht gut auf meine Befehle und deshalb hatte ich kühn beschlossen, den Hund zu meinen Spaziergängen mitzunehmen, natürlich ohne Leinenzwang.

Eines Abends war ich einmal wieder mit Hermann unterwegs. Wir gingen eine ziemlich große Runde und machten an einem Straßenlokal Rast. Ich trank dort einen kühlen Saft und rauchte eine Zigarette, schaute den Jugendlichen beim Fußball spielen zu und machte ein paar Fotos von ihnen, Hermann wurde mit einer Schale Wasser zufriedengestellt. Inzwischen kannte man uns hier schon und ich unterhielt mich mit englischen Vokabeln und viel Handarbeit mit den Jugendlichen und dem Mann hinter der Theke. Anschließend setzten wir wie immer unsere Runde fort. So auch dieses Mal, aber es sollte nicht enden wie sonst.

Als wir ein Stück gegangen waren, kam uns ein etwa zehnjähriger Junge entgegen gelaufen.

Er hüpfte lustig von einem Bein auf das andere und nahm uns beide gar nicht wahr. Als er nur noch wenige Meter von uns entfernt war, bemerkte der Junge zunächst mich und sogleich auch den Hund und machte nun einen folgenschweren Fehler. Er sprang zur Seite und lief fort. Hermann, der nicht angeleint war, sprang natürlich in langen Sätzen hinterher, laufen konnte der nämlich auch sehr gut. Er sah das Ganze wohl für einen sportlichen Wettkampf an. Der Junge lief im Zickzack und wollte über die Straße fliehen, aber er schaffte es nicht mehr, denn von hinten kam ein Bus angefahren, der den Kleinen erfasste. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Junge einige Meter durch die Luft geschleudert und blieb schließlich an der Seite liegen.

Hermann zog es sofort vor, sich zu verdrücken, aber ich stand wie gelähmt auf der Stelle und wollte den Jungen natürlich nicht seinem Schicksal überlassen, ohne zu helfen, doch meine Sorge um den Jungen wäre mir um ein Haar zum Verhängnis geworden.

Der Bus hielt an, die Türen öffneten sich und sofort schloss sich ein Ring von Menschen um mich.

Ich hatte bereits ein paar Mal gehört, was mit Ausländern passiert war, wenn bei Unfällen Kinder in Mitleidenschaft gezogen wurden. Und auch bei mir begann die Situation bald zu eskalieren. Abgesehen vom kreischenden Geschrei der Frauen und von den Drohgebärden der Männer, bestand zunächst keine direkte Gefahr, doch schon bald putschte sich die Masse gegenseitig auf, die Frauen stießen mich in die Seite und die Männer zogen und schubsten an mir herum und verpassten mir den einen oder anderen Faustschlag.

Glücklicherweise schlug der Junge seine Augen bald wieder auf, wurde von den Leuten abgetastet, und als er aufstehen konnte und fortlief, öffnete sich der Ring um mich und man ließ mich schließlich mit einigen Knüffen und Tritten ebenfalls ziehen.

Ich war schwer gedemütigt, weil ich die Prügel ohne mich zu wehren entgegen nehmen musste, doch mich gegen den aufgebrachten Mob zu wehren, wäre wohl mein Untergang gewesen. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, was die Leute mit mir gemacht hätten, wenn dem Jungen etwas Schlimmeres passiert wäre.

Nachdenklich ging ich nach Hause und fühlte mich im doppelten Sinn angeschlagen, außerdem war mir der Schreck gehörig in die Glieder gefahren. Hermann war weit und breit nicht zu sehen, wahrscheinlich hatte er ein schlechtes Gewissen und lag hinter einer schützenden Hausecke, der feige Hund.

Am nächsten Tag blieb ich nach der Arbeit zu Hause und verbrachte den Abend auf unserer Dachterrasse, das war ungefährlicher.

Auf der Terrasse gegenüber saß ein junges Mädchen, von vielleicht siebzehn Jahren, das offenbar für die Schule lernte, denn sie las in einem Buch, dass sie von Zeit zu Zeit senkte und dann vor sich her sprach. Ich hatte dieses Mädchen schon ein paar Mal auf der Dachterrasse gesehen und stellte an jenem Nachmittag fest, dass auch sie mich beobachtete. Sie tat so, als lese sie in ihrem Buch, aber ich bemerkte, dass sie über den Buchrand hinweg schaute und als sie sich ertappt sah, lächelte sie schüchtern.

Ich winkte ihr heimlich zu, da stand sie auf und ging ein paar Meter zur Seite, bis sie durch eine Mauer vor den Blicken der Nachbarn geschützt war. Dann winkte sie zaghaft zurück und warf mir ein paar Küsschen zu. Ich dachte, ich hätte Halluzinationen. Einem Mann ein Küsschen zuzuwerfen war für ein irakisches Mädchen mehr als gewagt, einem ausländischen dazu noch viel verwegener.

Das hatte sie sicher in einem europäischen oder amerikanischen Film gesehen.

So schäkerten wir einige Tage, bis ich ihr plötzlich, nach einem abendlichen Spaziergang, vor ihrem Haus am mit Hecken bewachsenen Gartenweg begegnete. Ich schaute mich kurz um, ob wir unbeobachtet waren, und lud sie ins Kino ein. Sie errötete und war völlig verlegen, sagte aber „maybe“- vielleicht.

Leider waren wir aber doch nicht ganz unbeobachtet, denn ihr Bruder, ein Bürschchen von etwa zehn bis zwölf Jahren, erlauschte unser kurzes Gespräch aus sicherem Versteck.

Als ich nämlich am anderen Abend wieder am Haus vorbei ging, schaute das Mädchen durch die Scheibe eines Fensters der oberen Etage und auf mein Zeichen, nach unten vor das Haus zu kommen, schüttelte sie ihren Kopf und bedeutete mir mit einer Geste, indem sie die flache Hand auf ihre Wange legte, dass sie am vorigen Abend Ohrfeigen bekommen hatte, wohl weil ihr Bruder sie verpetzte. Ich ging dann die paar Schritte nach Hause und schrieb einige Zeilen an sie. Anschließend näherte ich mich wieder ihrem Haus und zeigte ihr, wohin ich den Zettel legte. Ich selbst ging dann weiter, beobachtete aber, ob das Mädchen den Zettel aufhob.

Sie kam tatsächlich aus dem Haus und wollte das Papier aufheben, jedoch in jenem Moment, als sie sich danach bückte, sprang ihr Bruder aus dem Gebüsch, stürzte sich auf den Zettel und lief davon. Es war nur eine simple Kinoeinladung, aber für ein arabisches Mädchen war das völlig unmöglich. Hätte ich mich nicht erst einige Wochen in diesem Land aufgehalten, dann wäre mir das bekannt gewesen.

Ein paar Tage sah ich das Mädchen dann nicht mehr, aber irgendwann stand sie wieder in ihrem Gartenweg und winkte mir heimlich zu. Das ermutigte mich, aus dem Haus zu gehen. Ich schlenderte in ihre Richtung und als ich ein paar Meter von ihr entfernt war, ging sie einige Schritte zurück, streckte ihre Hand aus und machte eine Handbewegung, die mir bedeutete, dass ich ihr folgen sollte.

Jedenfalls legte ich ihre Handbewegung so aus, denn ich wusste bis dahin nicht, dass eben diese Handbewegung im Irak genau das Gegenteil von dem bedeutete, was wir in Deutschland darunter verstehen.

Ich folgte dem Mädchen also, die eilig im Haus verschwand und durch das Fenster die gleiche Bewegung machte. Als ich dann verwundert im Haus stand und das Mädchen nicht mehr zu sehen war, überlegte ich kurz, ob ich wohl die Treppe hinaufgehen und nachsehen sollte, wohin sie verschwunden war. Der Umstand, dass ich es nicht tat, rettete mir höchstwahrscheinlich das Leben, denn irgendetwas in meinem Unterbewusstsein sagte mir, dass ich mich schleunigst zurückziehen sollte.

Ich hatte ein äußerst ungutes Gefühl und verließ das Haus – keine Minute zu früh.

In dem Moment nämlich, als ich aus dem Gartenweg auf die Straße trat, bog ein Pickup um die Ecke, den ich als den Wagen ihres Vaters erkannte. Der Mann hatte irgendwo in Bagdad ein Elektrowarengeschäft und kam normalerweise immer sehr spät nach Hause, an jenem Tag aber war das anders. Ich war mir nicht sicher, ob er gesehen hatte, woher ich soeben gekommen war. Auf alle Fälle sah ich zu, so schnell wie möglich unser Haus zu erreichen.

Auf dem Weg dorthin hatte ich ständig die Befürchtung, in jedem Moment einen schlanken Stahl zwischen meinen Schulterblättern zu spüren.

Endlich hatte ich unser Haus erreicht, schlüpfte durch das Gartentor und schloss es hinter mir. Nun fühlte ich mich sicherer, trotzdem konnte ich ein inneres Beben nicht verhindern.

Ich ging auf die Dachterrasse, auf der sich bereits einige Kollegen befanden und den Feierabend genossen. Ihr spöttisches Grinsen übersah ich großzügig, suchte mir einen Platz an der Brüstung, schaute auf die Gärten der Nachbarhäuser und versuchte cool zu wirken.

Ein paar Minuten später machten mich die Kollegen allerdings auf das drohende Unheil aufmerksam, dass sich unaufhaltsam unter mir zusammenbraute, denn sie hatten die Ereignisse auf der Straße schon längere Zeit beobachtet und sich köstlich darüber amüsiert.

Nun wurde es jedoch brenzlig.

Der Vater des Mädchens kam nämlich laut schimpfend die Straße entlang, im Schlepptau den Bruder des Mädchens. Diese Tatsache allein war bereits einigermaßen besorgniserregend, doch was mich außerordentlich beunruhigte, war der Gegenstand, den er in seiner rechten Hand trug.

Es handelte sich dabei nämlich um einen Karabiner, den er wild schwenkte. Als der Junge mit dem Finger auf mich zeigte, war im Nu unsere Dachterrasse leer.

Ich wollte mir allerdings keine Blöße geben und blieb vorerst an der Brüstung stehen.

Inzwischen war der Mann mit dem Karabiner direkt unterhalb von mir angekommen und rief Beschimpfungen zu mir herauf, die ich zwar nicht verstand, jedoch konnte ich seinen Unmut begreifen. Vielleicht war es taktisch unklug, ihm dabei direkt ins Gesicht zu schauen, denn plötzlich riss er den Karabiner hoch und legte auf mich an. Nun wurde es mir doch äußerst mulmig und ich wollte den Bogen nicht überspannen. Deshalb trat ich aufgesetzt lässig von der Brüstung zurück, doch als ich außer Reichweite des Karabiners war, konnte ich das Zittern meiner Knie nicht mehr unterdrücken.

Da ich erst kurz in diesem Land lebte, war mir nicht bewusst, dass ich in den Augen des Vaters gegen die „Schariah“, das islamische Gesetz, verstoßen hatte. Ein Gesetz, das unter anderem besagt, dass sich kein abendländischer Mann ungestraft einer Araberin nähern dürfe.

Allerdings lernte ich die islamischen Sitten und die arabische Tradition erst allmählich kennen und akzeptierte sie natürlich.

Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was mir passiert wäre, wenn das Mädchen meine Einladung angenommen hätte und ich mit ihr nach Bagdad in das Kino gefahren wäre.

In den folgenden Tagen ging ich vorsichtshalber nach der Arbeit nicht mehr vor unser Haus und ich sah auch das Mädchen nicht mehr auf der Dachterrasse. Ich stieß unzählige Stoßgebete aus, dass dieser Zyklus ohne Folgen enden möge.

Glücklicherweise konnte ich diesen Abschnitt wenige Tage später tatsächlich unversehrt beenden, denn ich wurde auf eine neue Baustelle umgesetzt.

Diese Baustelle befand sich etwa sechzig Kilometer westlich von Bagdad, in der Nähe von Falludscha, zwanzig Kilometer tief in der Wüste, direkt in einer Armeegarnison – beruhigend weit entfernt von dem aufgebrachten Vater des Mädchens.

Nicht weniger beunruhigend war jedoch die Tatsache, dass mir einige Kollegen glaubhaft versicherten, dass es auf jener Baustelle vor Schlangen, Spinnen und Skorpionen nur so wimmeln sollte – Tiere, die auf meiner Agenda ganz weit hinten standen, um mit ihnen Bekanntschaft zu schließen.

Das Risiko, einigen Artgenossen von ihnen zu begegnen, erschien mir dann doch zu hoch und ich nahm mir fest vor, nach dem Ende meines zehnwöchigen Aufenthalts nicht mehr in den Irak einzureisen, falls sich diese Behauptungen bestätigen sollten.

DAS CAMP, DIE BAUSTELLE, BAGDAD UND DER MITTELIRAK

Am vierten Juni 1982 wurde ich, gemeinsam mit einigen Kollegen, auf die neue Baustelle in der Wüste, nahe der Stadt Falludscha umgesetzt.

Falludscha war zu jener Zeit eine Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern, allerdings mit Vororten. Die Stadt selbst kam mir gar nicht so groß vor.

Bevor man in die Stadt hineinfahren konnte, musste man erst den Euphrat überqueren. Das geschah über eine Pontonbrücke und war eine recht wackelige Angelegenheit. Wenn man den Euphrat passiert hatte, fuhr man an unansehnlichen Häusern, Hütten und kleinen Läden vorüber, ehe die Hauptstraße so etwas wie einen Stadtcharakter offenbarte.

In der Ortsmitte befand sich der Basar, der allerdings nach dem ersten Besuch bereits nicht mehr attraktiv genug war, um ihn ein zweites Mal zu besuchen. Er war klein, unscheinbar und hatte ein sehr begrenztes Angebot. Da machte es vielmehr Spaß, am Straßenrand entlang zu schlendern und in den kleinen Läden zu stöbern oder an den Ständen davor. Ich habe dort so manche Rarität gefunden.

Falludscha, eine fast ausschließlich von Sunniten bewohnte Stadt, war eine der wichtigsten Unterstützer des Saddam-Regimes.

Sie wurde bis zum Ende des Jahres 2013 zu einer bedeutenden Industriestadt ausgebaut in der fast 400.000 Einwohner lebten, ehe sie am vierten Januar 2014 in die Hände der Terrororganisation Islamischer Staat fiel.

Saddam Hussein investierte Millionen in die Entwicklung der Infrastruktur dieser Stadt, die mit einer Ringautobahn umgeben ist und Anschlüsse zu den bedeutendsten Städten im Mittel-und Nordirak besitzt. Ihre nahe Lage zu Bagdad war attraktiv genug, dass sich in Falludscha zahlreiche Regierungsangehörige, führende Funktionäre der Baath-Partei und hohe Militärs ansiedelten.

Während des zweiten Golfkrieges wurden die Stadt und die Gegend um Falludscha als „Sunnitisches Dreieck“ bezeichnet.

Seit ihrer Einnahme im Jahr 2014 war Falludscha eine Hochburg der gefürchteten Dschihadisten und Salafisten der Terrororganisation „Islamischer Staat“. Auch das nahe Ramadi wurde von den Terroristen eingenommen, konnte jedoch Ende Dezember 2015 von der irakischen Armee nach schweren Kämpfen zurückerobert werden.

In der Nacht zum dreiundzwanzigsten Mai 2016 begann die Irakische Armee eine Großoffensive, um Falludschah von den Dschihadisten zurückzuerobern. Zuvor waren die Zivilisten aufgefordert worden, ihre Stadt zu verlassen.

50.000 Personen die dazu nicht mehr in der Lage waren, blieben in der Stadt zurück. Kampfverbände der irakischen Armee, die irakische Luftwaffe und die Luftwaffe der US Air Force griffen die Stadt an.

Am dreißigsten Mai 2016 teilte die Irakische Armee mit, dass sie nun auf das Stadtzentrum vorrückt.

Nach wochenlangen schweren Kämpfen gab die irakische Nachrichtenagentur INA am sechsundzwanzigsten Juni bekannt, dass Falludscha vollständig von der irakischen Armee eingenommen worden war und die Terrormiliz IS vertrieben wurde.

Unsere Unterkünfte im Camp nahe Falludscha bestanden aus sogenannten Kuwaithäusern. Dabei handelte es sich um klimatisierte Stahlbungalows mit drei Räumen für neun Leute. Zu diesen Kuwaithäusern gehörte ein moderner Sanitärtrakt, der ebenfalls aus drei Containern bestand.

Wir waren zu Beginn der Baumaßnahme etwa zwanzig Leute, aber im Zuge des Baufortschrittes stockten wir auf über dreißig Kollegen auf.

Dazu kamen dann noch einmal etwa vierzig ägyptische Arbeitskräfte.

Das war ein zusammengewürfelter Haufen, den unsere Firma in Bagdad bei einer Arbeitsvermittlung angemietet hatte.

Im Grunde waren es Glücksritter, die versuchten, für ihre Familien in der Fremde etwas Geld zu verdienen. Manche waren vorher bereits schon zwei Jahre meist als Tagelöhner ohne feste Arbeit in diesem Land unterwegs gewesen.

Oft standen diese Menschen schon am frühen Morgen an der Karrada oder an der Saadun Street und hofften, dass irgendjemand eine Arbeitskraft suchen würde, um den größten Hunger stillen zu können und sei es auch nur für einen Tag.

Der Arbeitsvertrag in unserer Firma war für die Ägypter wie ein Lottogewinn. Für Monate, eventuell sogar Jahre, hatten sie jetzt ein festes Einkommen zu guten Konditionen.

Die Männer entstammten allen sozialen Schichten, aber wenn man sie nach ihren Berufen fragte, gab es nur drei Antworten: Teacher, Driver, Ingeneer – also Lehrer, Kraftfahrer und Ingenieur.

Die Praxis sah allerdings ganz anders aus und war speziell zu Beginn der Baumaßnahme ziemlich anstrengend.

Ich wurde zur Vormontage eingeteilt. Schon nach relativ kurzer Zeit war ich Leitmonteur für einen deutschen Monteur und acht ägyptische Arbeitskräfte. Unsere Aufgabe war es, zeichnungsgerecht und mit möglichst geringer Toleranz die Wandsegmente und die Giebel im Rohbau vorzumontieren.

Meine ägyptischen Helfer bemerkten sehr schnell, dass ich umgänglicher war als manch einer meiner deutschen Kollegen. Sie versuchten ein freundschaftliches Verhältnis zu mir aufzubauen. Zuerst durchschaute ich ihre Freundlichkeit nicht, aber schon bald bemerkte ich, dass die mir angebotene Freundschaft eine bestimmte Absicht verfolgte.

Kurz nach dem Arbeitsbeginn bekam ich von einem der Ägypter eine Zigarette angeboten und wir machten eine Zigarettenpause.

Nach einer Weile bot mir ein anderer Ägypter eine weitere Zigarette an und wieder machten wir eine Zigarettenpause. Das wiederholte sich noch einige Male am Tag.

Aus Höflichkeit lehnte ich die mir angebotenen Zigaretten nicht ab. Das ging drei bis vier Tage so, bis mir die Lunge wehtat, weil ich bei der Hitze während einer Schicht täglich bis zu zwanzig Zigaretten geraucht hatte und dementsprechend Rauchpausen eingelegt wurden. Dann endlich hatte ich dieses System entschlüsselt.

Jeder der ägyptischen Arbeitskräfte war der Reihe nach dran, mir eine Zigarette anzubieten.

Als ich bemerkt hatte, dass ich ausgetrickst werden sollte, reagierte ich allerdings anders, als wohl erwartet wurde. Ich steckte mir die angebotene Zigarette in den Mund und arbeitete weiter und das Gleiche verlangte ich nun auch von den Ägyptern. Von diesem Zeitpunkt an rauchte ich kaum mehr als zehn Zigaretten am Tag und das waren meist meine eigenen.

Eines Morgens schrie ein ägyptischer Arbeiter voller Angst nach mir und zeigte mir eine riesengroße, haarige Vogelspinne, die in ein Ankerloch der Betonplatte unserer geplanten Halle gefallen war.

Im ersten Augenblick war ich ebenfalls ziemlich erschrocken und ich erinnerte mich an die Aussage der Kollegen, dass es auf dieser Baustelle viele Spinnen, Schlangen und Skorpione geben würde.

In jenem Moment allerdings verspürte ich merkwürdigerweise keinerlei Ekel oder Angstgefühl, ich war vielmehr von der haarigen Schönheit fasziniert, obwohl mir die Ägypter versicherten, dass diese Spinnenart sehr giftig sei. Mich beeindruckten ihre kräftigen Farben und ihre Wildheit, denn sie wollte sich mit ihrer Situation der Gefangenschaft nicht abfinden und sprang in diesem Ankerloch dreißig Zentimeter in die Höhe. Ich hielt der Spinne einen langen Holzspan entgegen und sie biss sich sofort daran fest. Vielleicht ahnte sie, dass ihre Rettung naht, vielleicht war es auch nur ein Reflex. Als ich das Tier mit dem Span aus dem Ankerloch holte, liefen die Ägypter entsetzt davon. Auch die Spinne nahm Reißaus und brachte sich in Sicherheit. Sicher war das Abenteuer für sie ebenso groß wie für mich.

Früh am Morgen, wenn wir die Baustelle betraten, sahen wir im Wüstenboden in den Sandverwehungen Spuren wie von ganz kleinen Spielzeugautoreifen, die unter unsere Materialcollies verliefen. Die ägyptischen Kollegen erklärten mir, dass diese Spuren von Skorpionen stammen würden. Merkwürdigerweise beunruhigte mich das weniger, als ich noch vor einiger Zeit gedacht hatte.

Um allerdings nicht von den Tieren gestochen zu werden, ordnete ich an, dass nur mit Arbeitsschutzhandschuhen gearbeitet werden dürfe und dass wir vor Beginn der Arbeit erst mit Knüppeln gegen die Collies schlagen müssten, um die Skorpione zu vertreiben, die unter dem Material Schutz vor der großen Tageshitze suchen wollten und gegen Lärm allergisch waren.

Das war dann ein Gewimmel. Manchmal kamen etwa zwanzig Skorpione unter den Collies hervorgekrabbelt, nachdem wir ordentlich Krach gemacht hatten.

Es gab auf unserer Baustelle drei verschiedene Arten von Skorpionen. Eine Art war gelb bis hellbraun, diese Tiere waren bis zu sechs Zentimeter groß. Eine andere Art war hellbraun bis dunkelbraun und bis zu acht Zentimeter groß und die größte Art waren schwarze Skorpione, die bis zu zwölf Zentimeter groß werden konnten. Diese Tiere sahen schon recht spektakulär aus und ich hätte es mir gern erspart, nähere Bekanntschaft mit so einem Tier zu schließen. Doch für den Ernstfall gab es eine Vorsichtsmaßnahme. Auf der Baustelle hatten wir in unseren Bauwagen Sanitätskästen, in denen Formulare lagen, auf denen in Deutsch, Englisch und Arabisch geschrieben stand, dass man entweder von einer Schlange oder einer Spinne gebissen oder von einem Skorpion gestochen wurde und um ein Antidot bat.

Sollte dieser Fall tatsächlich einmal eintreten, musste so ein Zettel in das nächste Krankenhaus mitgenommen werden, falls man nicht in der Lage wäre, sich zu verständigen.

Das nächste Krankenhaus befand sich in der Stadt Falludscha und war in etwa zwanzig Minuten zu erreichen.

Notfallmedikamente zur Selbstmedikation, gab es auf den Baustellen leider nicht. Warum dies nicht der Fall war, erfuhr ich von unserem Tropenarzt über zwei Jahre später.

Zum Glück trat der Ernstfall nicht oft ein, aber ich kann auch nicht behaupten, dass wir das Krankenhaus gar nicht in Anspruch genommen hätten. Denn, obwohl ich meinen ägyptischen Kollegen ständig einschärfte, nie ohne Arbeitsschutzhandschuhe zu arbeiten und auch sonst die täglichen Vorsichtsmaßnahmen nicht zu vernachlässigen, ließen die Ägypter ihre Handschuhe dauernd irgendwo liegen, entsprechend hoch, war der Verschleiß. Den Männern blieb im Fall eines Verlustes nichts weiter übrig, als ohne Handschuhe zu arbeiten, wenn ich nicht gerade in der Nähe war und neue Handschuhe ausgeben konnte.

Eines Tages erfolgte die Montage der Wandplatten auf die fertiggestellten Wandsegmente. Die Platten lagerten auf Stapeln und waren durch Spannbänder vor dem Verrutschen gesichert. Vor Ort wurden dann die Spannbänder von einem ägyptischen Kollegen entfernt und in Abfallbehälter gesteckt.

An jenem Tag hatte er wieder einmal seine Handschuhe verbummelt und löste die Spannbänder mit bloßen Händen. Ein Band hatte sich dabei unter dem Plattenstapel verklemmt, so dass der Arbeiter beherzt und ohne zu überlegen unter den Stapel griff, um das Band herauszureißen. Plötzlich hörte ich einen markerschütternden Schrei und gleich darauf aufgeregte Rufe der ägyptischen Arbeiter.

Sie kamen zu mir gelaufen und teilten mir mit, dass einen ihrer Kollegen ein Skorpion gestochen hat.

Obwohl der Stich erst wenige Sekunden zuvor erfolgte, war der Ägypter bereits fast leblos, als ich bei ihm ankam – jedenfalls machte er diesen Eindruck. Er lag schmerzverzerrt im Wüstensand und der Tod schien ihm bereits zuzuwinken.

Detlef holte seinen Toyota „Landcruiser“ und als wir den Verletzten in den Jeep legten, war plötzlich doch noch eine ganze Menge Leben in dem Mann. Der vorzeitige Feierabend und die Situation, im Mittelpunkt zu stehen, weckten seine Lebensgeister auf wundersame Weise.

In kluger Voraussicht nahmen wir einen ägyptischen Kollegen mit in das Krankenhaus, um die Verständigung zu erleichtern. Wir fuhren nach Falludscha in ein kleines, recht gut ausgebautes Hospital. Die Räume waren in Weiß und Grün gestrichen und sauber, das schaffte schon einmal Vertrauen. Wir gingen zur diensthabenden Ärztin und erklärten ihr, was passiert war. Eigentlich war es recht ungewöhnlich, dass eine Ärztin die Behandlung durchführte, aber auch im Irak hielt der Fortschritt Einzug.

Die Ärztin führte die beiden Ägypter wortlos in das Behandlungszimmer, in dem sich zwei Schwestern befanden.

Nach einem kurzen Behandlungsgespräch und einer noch kürzeren Untersuchung der Einstichstelle holte die Ärztin dann eine riesige Spritze hervor und plötzlich war sogar wieder ganz viel Leben in dem Ägypter.

Er sprang vom Behandlungstisch und wollte fliehen, aber da hatte er die Rechnung ohne die beiden Schwestern gemacht. Sie packten ihn und schleppten ihn unter allgemeinem Geschrei zurück. Die resolute Ärztin rammte ihm die riesige Spritze in den Oberschenkel, was zunächst einen unmenschlichen Schmerzensschrei des Patienten hervorrief und später in einen ohnmachtsähnlichen Zustand überging, als die Spritze wieder aus dem Oberschenkel herausgezogen wurde.

Sein Kollege bedauerte den Unglücksraben auf der Heimfahrt redlich und das linderte den größten Schmerz des Leidenden. Die Aussicht, ein paar Tage auszuruhen, tat ihm ebenfalls gut.

Der Ägypter war tatsächlich krankgeschrieben worden, doch nach zwei Tagen kam er wieder vergnügt zur Arbeit.

Allerdings war er nicht mehr dazu zu bewegen, seine alte Tätigkeit auszuüben. Ich musste mir für ihn also etwas anderes einfallen lassen und schickte ihn zu den Collies mit den Wandplatten.

Zum Schutz vor Korrosion und um ein Zerkratzen zu verhindern, wurden diese Wandplatten mit Ölpapier geschützt, doch das schützende Papier musste vor dem Verschrauben der Platten entfernt werden. Es wurde einfach zusammengerafft und in entsprechende Boxen gestopft. Dort blieb es so lange liegen, bis sich genug Papier angesammelt hatte. Zum Abtransport wurde dann ein Lkw mit flacher Ladefläche bestellt, der das Material in eine Abfallgrube brachte. War diese Grube voll, wurde das Material angebrannt.

An jenem Tag war es wieder einmal soweit, doch es war definitiv nicht der Tag des Ägypters.

Der ägyptische Kollege ging am Morgen vergnügt an seine neue Arbeit, raffte große Bündel Papier zusammen und verlud sie auf den Lkw.

Gemeinsam mit zwei ägyptischen Arbeitern verschraubten wir ein neues Wandsegment und waren in unsere Arbeit vertieft, als plötzlich wieder dieser mir inzwischen bekannte Wahnsinnsschrei erschallte.

Wie vom Blitz gefällt, stürzte der ägyptische Arbeiter um und im Nu waren die anderen Ägypter über ihm und rissen an seiner Kleidung herum.

Ich rannte zu dieser Gruppe und erfuhr, dass beim Verladen des Papiers eine Vogelspinne aus dem Papier direkt in dem Hemdkragen des Kollegen gefallen war, als er sich in die Höhe gereckt hatte.

Inzwischen war die Spinne zwar schon entfernt, doch sie hatte sich zuvor natürlich ihrer Natur gemäß verteidigt und den Ägypter gebissen.

Diesmal hatten wir riesige Mühe, den Mann in den Jeep zu bekommen.

Er hatte vor dem Tod weniger Angst, als vor der unvermeidlichen Spritze. Seine Angst war sogar so groß, dass wir an jenem Morgen zwei Ägypter zu Hilfe nehmen mussten und auch die nur unter größter Anstrengung Kontrolle über ihren Kollegen bekamen. Mit rasender Geschwindigkeit fuhr Detlef durch die Wüste nach Falludscha. Dieser Weg war wesentlich schlechter als der über die Landstraße, aber wir machten dabei noch ein paar Minuten gut.

Vor dem Krankenhaus angekommen, mussten wir jedoch feststellen, dass auch zwei Ägypter zu wenig waren, um den Mann aus dem Auto zu bekommen. Mit Händen und Füßen stemmte er sich gegen die Türholme und machte ein Mordsgeschrei.

Durch diesen Krawall wurden einige Beschäftigte des Krankenhauses auf uns aufmerksam und kamen aus der Eingangstür gelaufen, um uns zu helfen. Erst eine schallende Ohrfeige einer beherzten Schwester ließ den Widerstand des Ägypters für Augenblicke brechen. Diesen Moment nutzten wir, um ihn aus dem Auto zu zerren. Ein Pfleger, zwei Schwestern und die beiden Ägypter hatten Schwerstarbeit zu leisten, um den ägyptischen Kollegen in die Ambulanz zu bringen.

Detlef und ich beteiligten uns nicht an dem Kampf, denn das war eine interne arabische Angelegenheit, jedoch versäumten wir nicht, uns die nachfolgende Behandlung anzuschauen.

Als sie den Mann auf den Behandlungstisch geworfen hatten, hielt jeder Beteiligte einen Arm oder ein Bein fest. Eine Schwester stellte sich so, dass der Ägypter nicht sehen konnte, was für ein Mordsinstrument von Spritze die Ärztin aufzog – übrigens dieselbe Ärztin, die den Mann bereits wenige Tage zuvor behandelt hatte.

Die Spritze war beeindruckend und ich war von ihrer Größe überrascht. So eine Riesenspritze hatte ich zuvor noch nie gesehen, die Kanüle hatte die Stärke einer Stricknadel.

Wahrscheinlich waren der Klinik die Injektionsinstrumente für die Humanmedizin ausgegangen und man musste nun eine Spritze zur Hilfe nehmen, mit der man sonst Dromedare impfte.

Diese Riesenspritze wurde dem Ägypter in den Bauch gestoßen und ein wenig Schmerz verspürte ich dabei selbst.

Als Sekunden später der animalische Schmerzensschrei verhallt war, konnten wir den bedauernswerten Patienten zum Auto tragen, der nach dieser Prozedur zu einem wimmernden Häufchen Elend zusammengefallen war. Zum Laufen war er gar nicht mehr fähig und dieses Mal glaubte ich ihm seinen Schmerz unbesehen.

Er wurde erneut für ein paar Tage krankgeschrieben, kam dann aber nicht mehr auf unsere Baustelle zurück, sondern meldete sich bei der Arbeitsagentur in Bagdad.

Der nächste Arbeitstag begann wie immer damit, dass die Sonne glutrot aus der Wüste aufstieg. Die angenehme Kühle der Nacht wich schon bald nach Arbeitsbeginn einer rasch ansteigenden Hitze.

Jetzt war der Monat „Hizairan“ zu Ende und nun bekam ich auch den Rest meiner Frage vom Anreisetag beantwortet, wie heiß es überhaupt im Irak werden kann.

Die Mittagstemperaturen betrugen nun im Juli zweiundfünfzig Grad Celsius im Schatten.

Die Betonung liegt hierbei ausdrücklich auf Schatten, aber wo gibt es den in der Wüste?

Die unsägliche Hitze war fast unerträglich, die Sonne klebte wie Leim am Firmament.

Jeder Tag war ein neuer Kampf. Man schaute in den Himmel, und suchte eine Wolke, aber bis Ende Oktober, dem „Tashrin ith thani“ sollte es keine Wolken am Himmel mehr geben.

Jeder war erleichtert, wenn die Mittagszeit herangekommen war und uns die Busse in unser Camp zum Mittag essen fuhren.

Im Speiseraum war es angenehm kühl, aber unsere Körper waren so aufgeheizt, dass uns beim Essen und Trinken der Schweiß aus allen Poren brach, die Ellenbogen entlang lief und auf den Boden tropfte. Links und rechts neben jedem Sitzplatz entstanden kleine Pfützen. Nach dem Essen gingen wir in unsere Bungalows und nutzen jede Minute Pause, um uns etwas zu erholen.

Kaum auf das Bett gelegt, war man auch schon eingeschlafen.

Erst das Hupen der Busse schreckte uns wieder hoch. Ich hatte absolute Hochachtung vor den Busfahrern, die nie die Abfahrt verschliefen.

Zum Feierabend wurde dann geduscht und das war der einzige Moment am Tag, an dem man etwas fror. Das lag aber nicht etwa am kalten Wasser beim Duschen, denn kaltes Wasser gab es nicht. Vielmehr lag es daran, dass man nackt und nass ins Freie ging und der eigene Körper das Wasser herunterkühlte. Dieser Augenblick brachte einen wohlig kühlen Schauer, bis das Wasser auf der Haut verdunstet war.

Bei einem Ausflug an den Tharthar-See hatten wir endlich die Möglichkeit gefunden, baden zu können. Dieser See ist der größte im Irak und war genau einhundertzwei Kilometer von unserem Camp entfernt.

Nach einer Stunde Fahrzeit war der See erreicht.

Vorbei an Falludscha, über den Euphrat, dessen Brücken in der Stadt mit jeweils zwei Flak-Stellungen gesichert wurden, ging es eine Schnellstraße entlang direkt bis an den See.

Wir fuhren nun fast täglich zu diesem See, denn sein Wasser war herrlich klar und es gab mitunter auch schöne Wellen.

Nach dem Baden hielten wir in Falludscha an, um noch ein erfrischendes Eis zu essen. Weil es so schön bequem war, hatte ich die Badehose gleich anbehalten und nur ein T-Shirt übergestreift.

Ich stellte mich, wie all die anderen Kollegen, beim Eisverkäufer an, als mich eine irakische Frau, die in einen schwarzen Tschador gehüllt war, in den Hintern kniff.

Wollte die Frau einfach nur einmal in einen knackigen Männerpopo kneifen oder war das nun Protest wegen meiner knappen Bekleidung?

Ich konnte diese Frage in jenem Moment nicht beantworten.

Da jedoch von anderen Frauen, die ebenfalls auf dem Gehsteig standen, unverhohlen Protest kam, denke ich, dass wohl eher die zweite Möglichkeit in Betracht zu ziehen war.

Schließlich machte uns der Eisverkäufer klar, dass diese Art Kleidung nicht gern gesehen war. Am Strand wurde es gerade noch akzeptiert, aber bestimmt nicht bei den Menschen auf der Straße.

Selbst wenn es mir bei dieser Hitze schwer fiel, es war das letzte Mal, dass ich ohne lange Hosen bekleidet im Irak unterwegs war.

Es war Donnerstag, der Feierabend rückte näher und mir fiel ein, dass wir noch eine große Sache vorhatten. Wir wollten uns der Überzahl an Hunden entledigen, die uns allnächtlich unseren Schlaf raubten.

In unserem Camp gab es nämlich unendlich viele ausgewilderte Hunde und es wurden täglich mehr, als ob im Camp, unter den Hunden Familienzusammenführungen stattfanden.

Die Hunde waren zwar zumeist harmlos und relativ scheu und lagen am Tage träge im Schatten der Gebäude herum, aber nachts waren sie umso aktiver.

Da wurde um jeden Bissen gekämpft und gestritten und dabei ging es dementsprechend laut zu. An Schlafen war kaum zu denken und so beschlossen wir, endlich Abhilfe zu schaffen.

Unsere ägyptischen Arbeitskräfte spielten fast täglich nach der Arbeit Fußball. Dazu gab es zwei Tore, die mit Tornetzen bespannt waren. Und diese beiden Tornetze wurden jetzt einer anderen Bestimmung zugeführt.

Wir spannten die Netze zwischen ein paar Stangen, die wir an der schmalsten Stelle der Straße in unserem Camp befestigten.

Damit die Hunde nicht zwischen den Wohncontainern der Ägypter und unserem Camp entweichen konnten, wurden an diesen Stellen Leute postiert. Dann begann die Jagd. Mehrere Jeeps fuhren von der entferntesten Stelle unseres Camps auf die verstreuten Hunderudel zu und trieben sie in die Richtung unserer Fußballnetze.

Sowie einige Hunde in den Netzen gefangen waren, wurden sie auf einen Lkw geladen. Wenn dann die Ladefläche voll war, wurden die Hunde etwa sechzig Kilometer tief in die Wüste gefahren und dort freigelassen.

Für eine Weile hatten wir nun nachts Ruhe, doch so ein Wüstenhund dürfte nicht Hund sein, wenn er nicht über seine ureigendsten Instinkte verfügen würde und sich gemerkt hätte, wo man relativ einfach an Futter gelangen konnte.

Jedenfalls war ein Großteil der Horde nach einiger Zeit wieder da und es musste erneut zur Jagd geblasen werden.

Man konnte bei so einer Aktion natürlich nicht alle Hunde einfangen, das war unmöglich und auch gar nicht gewollt, denn die verbliebenen Hunde waren für die Beseitigung des Abfalls, den unsere Ägypter nicht etwa in der Wüste vergruben, sondern in der Nähe des Camps beseitigten, nicht unwichtig.

Nach einer endlich ruhigen Nacht war wieder einmal ein freier Tag und wir hatten eine Fahrt an den Habbanya See geplant. Dieser See liegt etwa achtzig Kilometer westlich von Bagdad, in der Nähe von Habbanya und Ramadi.

Um ihn zu erreichen, mussten wir von unserem Camp nach Falludscha fahren. Dort überquerten wir den Euphrat, der an jener Stelle nur etwa zweihundert Meter breit war.

Entlang der Straße nach Falludscha verlief die Eisenbahnlinie nach Syrien. Diese Eisenbahnstrecke wurde in ihrem Verlauf, wie auch die Brücke in Falludscha, ebenfalls von unzähligen Flak-Stellungen abgesichert und es war schon beklemmend, diese Ballung von Kriegstechnik auf einer relativ kurzen Strecke der Straße zu sehen.

Kurz hinter Falludscha bogen wir endlich nach Südwesten in Richtung Tourist Village Habbanya ab und fuhren dem See entgegen.

Das Besondere an diesem Sees war, dass dort ein regelrechtes Touristenzentrum entstand, in dem auch Tagesgäste allerlei Arten von Wassersport treiben oder einfach nur im See schwimmen oder sich am Strand erholen konnten. Es gab zwei Poolbars mit dazu gehörenden Swimmingpools, ein modernes Touristenhotel und Bungalows. Zahlreiche Palmen spendeten den Gästen angenehmen Schatten.

Zuerst tranken wir gekühlte Getränke auf der Terrasse eines Strandlokals, anschließend gingen wir an den Bungalows vorbei zum Wasser.

Gleich in der Nähe der Bungalows befand sich ein Strand aus schneeweißem Sand, etwas weiter abseits jedoch war das Ufer sehr steinig. Mit etwas Geschick balancierten wir über die Steine hinweg. Es war ratsam die Schuhe dabei anzubehalten, da die Steine sehr scharfe Kanten hatten. Wir fanden eine Stelle, an der einige etwa acht Meter hohe Felsen im Wasser aufragten, so dass man von ihnen bequem in den See springen konnte. Nach ein paar Sprüngen in das kühle Nass und einigen geschwommenen Runden, setzte ich mich an das Ufer und hing die Beine in das angenehm temperierte Wasser.

Vor ein paar Tagen hatte ich mir in meinen neuen Arbeitsschuhen beide Hacken aufgerieben und hatte nun Grind an den Füßen. Da tat es gut, wenn man die Füße im Wasser ein wenig kühlen konnte. Plötzlich verspürte ich einen wahnsinnigen, stechenden Schmerz in der linken Hacke und als ich den Fuß aus dem Wasser zog, blutete er, der Grind war verschwunden. Ich kontrollierte gleich das Wasser, konnte allerdings nichts Beunruhigendes feststellen, also setzte ich mich wieder auf den Stein.

Man sollte es nicht glauben, wie leichtsinnig man sein konnte, aber ich tauchte meine Füße erneut in das Wasser. An den darauf folgenden Schmerz kann ich mich noch allzu gut erinnern.

Mit einem Schreckensschrei zog ich den schmerzenden Fuß aus dem Wasser und stellte fest, dass auch von der anderen Hacke der Grind fehlte und sie ebenfalls blutete.

Nach einer Weile, in der ich meine Dummheit bestaunte und den Schmerz abklingen ließ, wollte ich der Sache auf den Grund gehen. Einige meiner Kollegen wollten meinen Verdacht, dass ich von einem Fisch gebissen worden sei, allerdings nicht teilen und schütteten sich fast vor Lachen aus.

Gemeinsam mit einem Kollegen, der mir glaubte, legte ich mich nun auf die Steine und beobachtete das Wasser.

Die Steine waren durch das Wasser rund geschliffen und beim genauen Hinsehen stellten wir fest, dass sich in den Steinen kleine Löcher befanden. Nach einer Weile Geduld sahen wir plötzlich einen etwa fünfzehn bis zwanzig Zentimeter langen, dünnen, aalförmigen Fisch aus einem dieser Löcher hervorschnellen und blitzschnell wieder verschwinden. Auch aus den anderen Löchern kamen diese Fische hervor, doch als wir uns bewegten, verschwanden sie augenblicklich wieder in den Löchern.

Wir riefen unsere Kollegen herbei, um ihnen den Beweis zu erbringen. Doch wie es so oft in ähnlichen Situationen ist, ließ sich kein Fisch mehr sehen. Wahrscheinlich waren die Kollegen einfach nur zu laut.

Nach dem Bad packten wir unsere Sachen zusammen und brachen auf, um noch eine Tour um den See zu machen.

Wir fuhren nach Muhammadi, einer kleinen Stadt am Euphrat, mit einem Flussdelta und einem reichhaltigen Pflanzenwachstum. Dort machten wir Rast und aßen an einem Stand eine Kleinigkeit.

Auf dem Weg nach Hause kamen wir dann an mehreren Orten vorüber, die ihrer günstigen Lage am Euphrat fruchtbare Böden verdankten und deshalb sowohl Obstplantagen als auch Gemüseäcker besaßen, die den Bauern einen bescheidenen Wohlstand sicherten.

Außerhalb dieser Dörfer gab es große Melonenfelder, deren Ertrag gleich an der Straße auf große Pyramiden geschichtet wurde.

Die Melonen wurden mit Eisblöcken gekühlt und an Ort und Stelle portionsweise zum Verzehr angeboten.

Dieser unbeschreibliche Genuss wurde von uns immer wieder gern genutzt, obwohl er aufgrund der Bakterien in den Eisblöcken sehr amöbenfördernd war.

Bei dem Städtchen Bin Isa floss der Euphrat nur einige Meter unterhalb der Straße und an den Hängen wuchsen Büsche und Sträucher. Wir fuhren nicht sehr schnell, und plötzlich entdeckte unser Bauleiter hinter einem Gebüsch einige Hundewelpen.

Er ließ unseren Bus anhalten und ging zu diesen kleinen Hunden. Einige flohen und purzelten den Abhang hinunter. Wir riefen Herbert zu, dass er die Hunde doch in Ruhe lassen solle, da die Hündin sicher nur auf Futtersuche war, aber er ließ sich nicht beirren. Zwei oder drei der kleinen Kerle, blieben eingeschüchtert hinter dem Gebüsch hocken und wimmerten leise.

Einen dieser Hunde nahm der Bauleiter auf den Arm und brachte ihn in den Bus. Es gab zwar offenen Protest von den Kollegen, doch dieser Protest half nichts, Herbert wollte den Hund unbedingt als Haustier mit in das Camp nehmen.

Im Camp angekommen, stieg er sofort in seinen Landcruiser und beschaffte sich von der Baustelle eine größere Kiste mit Deckel. Diese Kiste sollte als Hundehütte dienen und zumindest bis zum Feierabend des folgenden Tages das Domizil des kleinen Hundes sein.

Am nächsten Tag konnte ich den Feierabend kaum erwarten, denn ich machte mir bereits den ganzen Tag über Gedanken, wie der kleine Hund die mörderische Hitze in der Holzkiste überstanden haben würde, und erwartete eigentlich das Schlimmste.

Als wir dann in das Camp kamen, ging ich zuerst zur Kiste und war tatsächlich zu Tode erschrocken. Der kleine Hund lag auf der Seite und war kaum noch am Leben. Das war kein Wunder, denn der Deckel lag auf der Kiste und die Stauwärme ließ dem Tier kaum Luft zum Atmen.

Ich lief sofort los, um einen Eimer mit Wasser zu holen, denn kampflos wollte ich den Hund nicht aufgeben. Ich nahm ihn aus der Kiste und bettete ihn im Schatten. Vorsichtig legte ich sein Köpfchen auf meine linke Hand und träufelte ihm mit der rechten Hand Wasser auf seine kleine Schnauze.

Nach einer gefühlten Ewigkeit begann er, das Wasser abzulecken und mit der Zunge zu hecheln, da schöpfte ich Hoffnung.

Dieser Welpe war ein Kämpfer und hatte sich nach etwa einer Stunde so weit erholt, dass er schon wieder sitzen konnte und ich freute mich riesig, dass sich meine Mühe gelohnt hatte.

Aus Kaffeesahne, Wasser und Weißbrotteig bereitete ich ihm seine erste Mahlzeit.

Am Abend nahm ich ihn zu mir und meinem Zimmerkameraden Rodschi und legte ihm ein Handtuch unter das Bett. Er schlief sanft darauf ein. Ich verbrachte eine längere Zeit damit, den schlafenden Welpen zu beobachten. Mit seinem flauschigen hellbraunen Fell, das gelb und weiß gefleckt war, glich er einem Spielzeughund und genau so groß war er auch nur.

Zufrieden legte auch ich mich in mein Bett, doch als ich am Morgen aufstand, bemerkte ich, dass ich kein Hundekenner war. Ich hätte nämlich daran denken müssen, dass ein kleiner Hund, der am Abend eine ganze Menge Milch getrunken hatte, irgendwann auch mal sein Beinchen heben musste und das war nun unverkennbar in unserem Zimmer geschehen.

Jetzt durfte ich erst einmal das Zimmer wischen und mir wurde schlagartig klar, dass mich am Abend die gleiche Situation erwarten würde.

Ich wollte mir also auf der Baustelle schnellstens eine Behausung für den kleinen Racker suchen, in der er den Tag verbringen konnte.

Schließlich fand ich eine schöne Kiste, in die ich einen Eingang schnitt, gerade so groß, dass der Welpe hineinschlüpfen konnte, in den aber die großen Hunde aus unserem Camp nicht hineinpassten. Dann nagelte ich einen Rest Maschendrahtzaun über die Kiste und stellte sie so, dass der Maschendraht zur Seite zeigte und der kleine Kerl hinausschauen konnte.

Als wir zum Feierabend nach Hause kamen, war es so, wie ich es mir gedacht hatte. Ich musste das Zimmer erneut wischen. Nun hatte ich jedoch für Abhilfe gesorgt und es galt, für die Hundehütte eine geeignete Stelle zu finden. Sie sollte die meiste Zeit des Tages im Schatten stehen und so eine Stelle fand ich zwischen unserem Bungalow und dem Küchentrakt.

Der Platz war ideal.

In den folgenden Tagen ließ ich den Welpen allerdings noch in unserem Zimmer schlafen, selbst auf die Gefahr hin, wieder ein paar Pfützen aufwischen zu müssen.

Ich überlegte mir, dass der Hund einen Namen brauchte, er sollte ja irgendwann auf mich hören.

Die Namenssuche war gar nicht so einfach, aber schließlich kam mir dann eine gute Idee, nachdem mir meine Kollegen vorher nur Unsinn vorgeschlagen hatten.

Ich dachte daran, wo wir ihn gefunden hatten – das war in der Wüste. Sein Gesicht und seine Färbung sahen einem Fuchs recht ähnlich, also Wüste und Fuchs, das ergab „Wüstenfuchs“.

Spontan kam mir die Idee, in Anlehnung an einen großen deutschen Heerführer und General aus dem II. Weltkrieg, der von den Landsern den Namen „Wüstenfuchs“ erhalten hatte, den Hund „Rommel“ zu nennen.

Der Name fand unter meinen Kollegen Anklang und so blieb es dabei.

Rommel entwickelte sich prächtig. Er war ein kluges Kerlchen und ich war jeden Tag froh, ihn zu haben.

Den Tag verbrachte er inzwischen in seiner Hundehütte, in die ich einen Pantoffel von mir legen musste, da er abends ständig mit meinem Hausschuh im Maul herum rannte. Kaum von der Arbeit gekommen, nahm ich ihn aus der Hütte und ab diesem Zeitpunkt, war er nicht mehr abzuschütteln. Er lief mir ständig hinterher und schnappte dabei immer vorsichtig in meine Hacken.

Wir waren unzertrennlich, aber da gab es eine Menge Neider.

Nein, ich meine nicht meine Kollegen, sondern es handelte sich dabei um die wilden Hunde im Camp, denen es offensichtlich nicht gefiel, dass es einen Artgenossen gab, der sich sein Futter nicht selbst suchen musste.

Nachts, wenn er einmal raus musste, ging ich mit ihm und achtete genau darauf, seine großen Artgenossen auf Distanz zu halten. Die Hunde aus dem Camp kamen jetzt tatsächlich bis an unseren Bungalow und mussten von mir oft mit einem Knüppel vertrieben werden.

Der größte Hund dieser Horde war dabei besonders dreist, wahrscheinlich war das der Leithund. Er hatte ein struppiges, dunkles Fell und war wegen seiner Größe und der Farbe des Fells gut von den anderen Hunden zu unterscheiden. Ein paar Mal kam er mir bedenklich nahe, aber er wagte es nicht, mich anzugreifen.

Es gelang mir manchmal sogar, ihm mit dem Knüppel einen Hieb zu versetzen. Oder ich warf ihm einen Stein hinterher, auch das brachte für ein paar Tage Erfolg.

Inzwischen hatte ich Rommel beigebracht, dass er mich wecken sollte, wenn er mal raus musste. Dazu stellte er sich auf die Hinterbeine und zog mit seiner Schnauze meine Bettdecke weg.

Die Tagesabläufe glichen sich stetig. Nach der Arbeit wurde geduscht und dann gegessen. Dabei hatten wir es bisher so gehalten, dass jeder Kollege aus unserem Zimmer und zwei Kollegen aus dem Nachbarzimmer im Wechsel an der Reihe waren, für das Abendessen zu sorgen.

Im Gegenzug erledigten die anderen Kollegen den Abwasch.

Da wir sehr schnell herausfanden, dass nicht jeder von uns ein begnadeter Koch war, wurde der Modus geändert.

Man sagte mir als Hobbykoch die größten Talente nach und so kam es, dass jeder Kollege im Wechsel den Vorrat bereitstellen musste, ich allerdings nun allabendlich kochte. Ich machte das gerne und es befreite mich vom leidigen Abwasch.

Beim Kochen war ich sehr erfindungsreich und es gab nie Klagen, dass mein Essen nicht schmackhaft wäre, aber vielleicht auch deshalb nicht, weil sich die Kollegen vor dem Kochen drücken wollten, so wie ich mich vor dem Abwasch.

Am nächsten freien Tag führte uns ein Ausflug mit unseren Bussen zu einem der berühmtesten Bauwerke des Irak, dem Sassaniden- Palast von Ktesiphon, dreißig Kilometer südlich von Bagdad.

Dieser Palast wurde im dritten Jahrhundert von König Sapur errichtet, der von 241 bis 272 regierte und sich als König der Könige bezeichnete.

Der Palast, von dem nur noch Teile vorhanden waren, ist ein Wunderwerk architektonischer Baukunst. Seine Audienzhalle besteht aus dem größten, frei tragenden Backsteinbogen der Welt.

Es ist ein so genanntes Tonnengewölbe und wird „Der Bogen des Khosrow“ genannt. Seitlich des Bogens schlossen sich die Nebengebäude an, von denen nur der linke Flügel erhalten geblieben war. Ursprünglich befand sich spiegelverkehrt neben diesem Palast noch ein zweiter, doch der wurde bei den Kämpfen zwischen britischen Truppen und Soldaten des osmanischen Reiches zerstört.

Die monumentale Größe war, gemessen an den technologischen Möglichkeiten zur Zeit seiner Entstehung, sehr erstaunlich.

Die Mauerstärke des Bogens beträgt an der dicksten Stelle sieben Meter und wurde zunächst in dreiundachtzig Schichten leicht nach innen versetzt gemauert, um einen Bogen zu erhalten. An der Spitze des Bogens, in der Höhe von dreiunddreißig Metern, beträgt die Mauerstärke noch einen Meter.

Der Palast wurde von den Sassaniden Königen noch bis in das Jahr 633 genutzt. In der Schlacht von Quadissiya um Ktesiphon und Seleukia im Jahr 637 wurde die Doppelstadt von den Muslimen erobert. Mit der Gründung Bagdads im Jahr 732 verfiel die einstmals prächtige Metropole der Sassaniden.

In einem Korral vor dem Palast standen zwei Kamele, die von einem alten Mann betreut wurden, der so aussah, als wäre er aktives Mitglied bei der Schlacht von Quadissiya im Jahr 637 gewesen.

Ebenso alt schienen die Kamele zu sein. Die Kleidung des alten Mannes unterschied sich ebenfalls nicht von der Kleidung vor hunderten Jahren.

Er trug einen gewaltigen weißen Schnauzbart und war unrasiert, hatte aber lustige Augen und einen gutmütigen Gesichtsausdruck. Er bot den Touristen seine Kamele zum Reiten und zum Fotografieren an und hatte auf Wunsch, auch arabische Kleidung zur Verfügung, um die Fotos noch authentischer aussehen zu lassen.


Mit einfachsten Polaroid Kameras machten die irakischen Fotografen die ausgefallensten Fotos, indem sie das Objektiv mit Tape teilweise zuklebten, den Bildtransport blockierten und so auf einem Bild mehrere Aufnahmen machen konnten.

Ich wollte gern ein paar professionelle Fotos mit arabischer Kleidung als Souvenir mit nach Hause nehmen und suchte mir die entsprechende Kleidung aus. Schließlich entschied ich mich für ein Gewand mit üppiger Goldborte und goldener Stickerei und dem dazugehörenden Kopfschmuck.

Ein kostbar aussehender Gürtel und ein verzierter Säbel rundeten das Bild ab.

Meine dunklen Haare und mein gezwirbelter Schnauzbart passten perfekt zu der Kostümierung.


Vor dem Bogen des Khosrow

Als ich die Kleider angelegt hatte, ging ich zu dem Kamel, um aufzusitzen. Das war übrigens bei einem Kamel gar nicht so einfach, vor allem, wenn das Kamel schon oft zum Auf- und Absteigen beansprucht wurde.

Da das bei meinem Kamel glücklicherweise noch nicht der Fall war, ließ es sich mit einem Tritt gegen das linke Vorderbein von dem Kamelführer, den man „Kabashi“ nennt, überreden, sich hinzuknien, damit ich aufsteigen konnte. Als sich das Kamel dann erhob und ein paar Meter lief, erklärte sich für mich der Begriff „Wüstenschiff“. Beim Aufstehen des Tieres wäre ich schon beinahe nach hinten heruntergefallen. Durch den wankenden Gang wurde ich hin und her geschüttelt, wie auf einem Dampfer bei Seegang.

Ich ritt ein paar Meter und ließ dabei einige Fotos machen. Als ich dann absitzen wollte, knickte das Kamel urplötzlich so in den Vorderbeinen ein, dass ich mich nur mit aller mir in wenigen Minuten angeeigneter Reitkunst an den Zügeln und am Fell festklammern konnte, um nun nicht nach vorn herunterzufallen.

Ich hatte den Ritt aber gut überstanden und ging mit der Zustimmung des Kamelführers hinüber zum Palast, um mich auch dort noch einmal in den Kleidern fotografieren zu lassen. Als ich für meine Kollegen zum Gaudi theatralisch zum Bogen des Khoshrow schritt, um davor abgelichtet zu werden, bemerkte ich zunächst gar nicht die staunenden Blicke der Touristen, als ich es jedoch registrierte, dass ich wegen meiner prächtigen Kleidung so angestaunt wurde, machte ich mir den Spaß, ein wenig wie ein Emir herumzustolzieren und ich muss sagen, dass mein Auftritt seine Wirkung nicht verfehlte und mein Konterfei wohl in manchem japanischen Fotoalbum gelandet sein dürfte.

Die Wirkung war grandios und als ich meine Kleider wieder ablegte und darunter Jeans und T-Shirt zum Vorschein kamen, gab es ein Riesengelächter. Auch die anwesenden japanischen Touristen hatten mir meine Mogelei nicht übel genommen.

Vom Park aus gelangte man innerhalb weniger Minuten zu einem kleinen Dorf direkt am Tigrisufer. Dort gab es durch die Nähe des Wassers langgezogene Palmenhaine, in deren Schatten kleine Häuser, mit meist flachen Dächern, Schutz suchten.

Es waren die typischen weiß gekalkten Lehmziegelhütten, die nicht sehr groß waren, aber trotzdem für eine große Familie Platz bieten mussten.

Um die Häuser herum bot sich uns ein Pflanzenreichtum dar, den man schon von weitem riechen konnte.

Vor den Häusern saßen alte Männer auf wackeligen Schemeln im Schatten riesiger Dattelpalmen. Sie rauchten und schauten den Frauen bei der Arbeit zu, Kinder spielten mit dem Ball und durch das Dorf tollten Hunde.

Die Nähe des Palastes und des Parks erschloss den Dorfbewohnern eine kleine Einnahmequelle, in dem sie kalte Getränke oder kleine Souvenirs verkauften oder Grillspieße aus Hammelfleisch anboten. Mit einem zweirädrigen Karren fuhren die Straßenköche zu den Plätzen, von denen sie sich den meisten Umsatz versprachen. Und wenn man einen robusten Magen hatte und die mangelnde Hygiene nicht unbedingt Anlass zum Verzicht gebot, dann konnte man für relativ wenig Geld die schmackhaften Lammspießchen oder andere Speisen genießen.

Auch Zigaretten wurden an den Mann gebracht, allerdings zu unverschämten Überpreisen.

Der Handel florierte selbst an den entlegensten Orten und war den Arabern angeboren.

Nach diesem Ausflug ging es zurück ins Camp und ich ahnte nicht im Geringsten, dass dieser erlebnisreiche Tag zugleich für mich der bisher schwärzeste Tag im Irak werden würde.

Im Camp erwartete mich in seinem Hundestall mein kleiner Freund Rommel und ich musste mich ihm nun ausgiebig widmen, sonst wäre er beleidigt gewesen. Ich ging mit ihm im Camp spazieren und bemerkte, wie die ausgewachsenen Hunde uns beobachteten. Ich achtete darauf, dass Rommel sich nicht zu weit von mir entfernte. Ein paar Mal kamen uns die Hunde gefährlich nahe und ich vertrieb sie mit gezielten Steinwürfen. Ich spürte jedoch ihre Aggressivität und zog es deshalb vor, mit Rommel lieber nach Hause zu gehen.

Am Abend fütterte ich ihn und nahm ihn vorsichtshalber für die Nacht in meinen Bungalow. Wenn er raus musste, weckte er mich ja, indem er auf mein Bett sprang, in die Decke biss und sich mit der Decke im Maul einfach fallen ließ. Ich stand dann auf, öffnete die Tür und wartete, bis er sein Geschäft erledigt hatte. Anschließend kam er wieder herein und wir schliefen weiter.

So geschah das auch in jener Nacht. Er weckte mich und ich ließ ihn hinaus, aber anstatt nach seinem Geschäft wieder herein zu kommen, wollte er mit mir spielen und tollte vor der Tür hin und her.

Ich schimpfte leise mit ihm und sagte, dass ich keine Lust hätte, jetzt in der Nacht zu toben aber er hörte nicht auf mich. Da ließ ich die Tür offen und dachte mir, dass er von selbst hereinkommen würde, wenn er sich ausgetobt hatte. Ich legte mich wieder hin und war fast eingeschlafen, als mich markerschütternde Schreie blitzartig hochfahren ließen.

Ich lief schnell hinaus, da ich das Schlimmste befürchtete, und sah gerade noch, den großen zotteligen Hund um die Ecke laufen.

Ich ging ein paar Meter und suchte Rommel. Da hörte ich ihn leise wimmern und sah ihn seltsam verkrümmt auf dem Boden liegen.

Am Hals war er blutig und als ich ihn aufheben wollte, bemerkte ich, dass wahrscheinlich durch einen Biss ins Genick seine Wirbelsäule gebrochen war. Aus seinen kleinen dunklen Kulleraugen schaute er mich an, als ob er mich bitten wollte „Hilf mir doch!“, aber ich konnte ihm nicht mehr helfen. Ich legte dem kleinen Racker meine Hand unter sein Köpfchen und sprach beruhigend auf ihn ein. Mir schossen Tränen in die Augen, weil ich wusste, dass ich das liebe Kerlchen in wenigen Minuten verlieren würde.

Ich hatte mich so sehr an ihn gewöhnt und konnte mir gar nicht vorstellen, dass sein kurzes Leben so schnell zu Ende gehen sollte. Er schaute mich traurig mit seinen braunen Knopfaugen an und unter Schütteln seines kleinen Körpers starb er in meinen Händen.

Ich hob den Hund sanft auf meine Arme und trug ihn in seinen Hundezwinger.

Am Morgen nahm ich ihn dann mit zur Baustelle und begrub ihn dort an einer schattigen Stelle hinter einem Container. Die Ägypter, die sonst den ganzen Tag auf mich einredeten, bemerkten meine Trauer und ließen mich an jenem Tag in Ruhe.

Mich hatte eine unbändige Wut gepackt und ich war fest entschlossen, auch dem Leben des schwarzen Hundes ein Ende zu bereiten. Ich lag die folgenden Abende mit einem Eisenrohr auf der Lauer, doch als ob er es geahnt hätte, ließ sich der Schwarze nicht mehr blicken.

MOHAMMED

Wenige Tage nach dem traurigen Ereignis rückte die erste Montagekolonne zu meiner Baustelle an, um die Hallen zu stellen.

Mit ihr kamen auch neue Ägypter. Unter ihnen befand sich ein älterer Mann, den eine starke Aura umgab. Sein Name war Mohammed und er sah mit seinen langen, weißen Haaren und seinem gepflegten, weißen Bart tatsächlich wie ein Nachkomme des gleichnamigen Propheten aus.

Bereits bei unserem ersten Blickkontakt befiel mich eine starke Sympathie zu diesem mir völlig unbekannten Menschen und ich spürte, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte.

Die Achtung der ägyptischen Arbeiter vor diesem Mann und der sich entwickelnde Einfluss zu ihnen trugen dazu bei, dass er von seinen Kollegen zum Sprecher und von den deutschen Kollegen schon bald zum Vorarbeiter bestimmt wurde.

Er war ein sehr ruhiger, besonnener Mann mit einer tiefen, sympathischen Stimme. Schon am ersten Tag kamen wir beide ins Gespräch und ich stellte sofort fest, dass er nicht nur äußerst höflich, sondern darüber hinaus auch sehr intelligent war.

Er sprach mich grundsätzlich mit „Sir“ an und hatte große Achtung vor mir, obwohl ich wesentlich jünger war als er. Ihm fiel sofort auf, dass ich den ägyptischen Arbeitern englische Arbeitskommandos gab und dass einige der Männer mich deshalb nicht verstanden, da ein Großteil aus einfachen, ungebildeten Schichten stammte.

So war es bisher zuweilen vorgekommen, dass Arbeiten falsch oder nicht vollständig erledigt wurden und das war ärgerlich.

Er bot mir deshalb an, mir die arabische Sprache in ihren Grundzügen beizubringen, vor allem die Zahlen und die Bezeichnungen, die für unsere Arbeit wichtig waren.

Mohammed sprach ein ausgezeichnetes Englisch, was mir sehr entgegenkam, da ich auf diese Weise auch mein Schulenglisch verbessern konnte. Außerdem beherrschte er die persische und die türkische Sprache perfekt. Den Grund für seine Vielsprachigkeit erfuhr ich einige Zeit später, als wir uns angefreundet hatten und er mir an zahlreichen Abenden seine außergewöhnliche und überaus spannende Lebensgeschichte erzählte, die mich noch viele Jahre später auf eine besondere Weise beschäftigen sollte.

Als hätte ich das zu jenem Zeitpunkt bereits geahnt, machte ich mir von Mohammeds Berichten Stichpunkte in meinem Notizbuch, in dem ich auch sämtliche arabische Vokabeln notierte, die er mir beibrachte. Ich notierte mir Orte, die mir unbekannt waren, Angaben über seine Stationen in der Türkei, in Syrien oder in Ägypten, um dies alles später einmal in Landkarten suchen zu können oder in Lexikas nachzulesen. Das Internet gab es ja zu jenem Zeitpunkt leider noch nicht.

Eines Abends lud mich Mohammed zu sich in die Unterkunft ein und es war das erste Mal, dass ich im Camp der ägyptischen Arbeiter zu Besuch war. Wir saßen draußen vor den Unterkünften, er bot mir Tee an und wir rauchten eine Zigarette. Nach einer Weile bat er mich, ihm von meinem Leben zu erzählen. Es genügte tatsächlich ein einziger Abend, um die Erlebnisse und die wichtigsten Ereignisse meines Lebens zusammenzufassen.

Mohammed versprach mir anschließend, an den kommenden Abenden seine Lebensgeschichte zu erzählen und ich war sehr gespannt darauf, denn es sprach einiges dafür, dass dieser Mann eine Menge erlebt hatte.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Mohammed ein Geheimnis umgab.

Bereits am nächsten Abend ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch.

Wir setzten uns auf unsere Bank, zündeten uns zwei Zigaretten an und schließlich eröffnete mir Mohammed, dass er mir seine Lebensgeschichte erzählen möchte – eine Geschichte, deren Tragweite mich an jenem Abend und auch an den Abenden darauf sehr erschütterte. Er verriet mir, dass es nicht viel mehr, als eine Handvoll Männer gab, denen er diese Geschichte im Verlauf von neununddreißig Jahren berichtet hatte, und es zeugte von seinem großen Vertrauen zu mir, dass er auch mich in sein Lebensgeheimnis einweihen wollte.

Wir saßen auf der kleinen, wackeligen Bank, zogen an unseren Zigaretten und blickten in den sternenklaren Himmel.

Mohammed wurde seltsam ernst, schaute auf eine unbestimmte Stelle in der Ferne und begann mit seiner tiefen, sanften Stimme zu erzählen. Ich war sofort gebannt und obwohl unser Gespräch auf Englisch geführt wurde, verstand ich jede Einzelheit.

Schon am ersten Abend wusste ich, dass dieser Mann die Wahrheit sagte. Ich spürte das an seinen Emotionen. Er sprach von Orten, von denen ich noch nie in meinem Leben gehört hatte, und von Abenteuern, die so unglaublich klangen, dass sie einfach wahr sein mussten. So etwas konnte sich kein Mensch ausdenken.

Seine Lebensbeichte, die mit einer Messerstecherei begann, als er seinem Vater mit neunzehn Jahren zu Hilfe sprang, zog sich über viele Abende hin und berührte mich tief. Es war für mich fast unvorstellbar, dass dieser Mann, der wie selbstverständlich neben mir saß, diese Fülle an Abenteuern und Schicksalsschlägen überstanden hat, ohne daran zu zerbrechen.

An jenen Abenden grenzenloser Vertrautheit, hatte ich nicht geahnt, dass mich sein spannendes Leben fünfundzwanzig Jahre nach seinen Ausführungen noch immer nicht loslassen, und ich eine Möglichkeit finden würde, um Mohammed auf eine ganz besondere Weise zu würdigen.

An einer Stelle, als Mohammed von seiner Heimat und seinem Zuhause sprach, brach er plötzlich seine Erzählung ab und schwieg sichtlich aufgewühlt.

Ich dachte bewegt: „Wo ist denn eigentlich nach über dreißig Jahren sein Zuhause? Ist es nicht längst in Ägypten oder war es noch immer in Zehnever, am Urmiasee im Norden Persiens?

Gab ihm Allah in diesen Tagen eventuell ein Zeichen, dass Mohammed inzwischen nur noch wenige Kilometer vom Iran entfernt lebte. Könnte es für ihn gar einen versöhnlichen Ausgang dieser „Reise“ geben?

Mohammed hatte wohl noch nie intensiv darüber nachgedacht, doch nachdem er mir seine Lebensgeschichte erzählt hatte, schienen die Bilder aus seiner Jugend an ihm vorüberzuziehen und etwas in seinem Inneren auszulösen. Er hatte sein Elternhaus seit der Messerstecherei nie mehr wiedergesehen und es war ihm auch in all den Jahren nicht möglich gewesen, Kontakt mit seiner Familie aufzunehmen. Sein unstetes Leben trug dazu bei, dass er nie eine eigene Familie gründen konnte.

Dieses Glück war ihm leider versagt geblieben und ich glaube, dass er sehr darunter litt.

Als er, der wesentlich Ältere und Lebenserfahrenere, mich dann fragte, was ich an seiner Stelle tun würde, dachte ich einen Moment nach und antwortete ihm ehrlich: „Mohammed, Freund, du bist so nahe an deiner Heimat, wie du vielleicht nie mehr sein wirst. Du hast tausende Kilometer hinter dich gebracht, was sind da die fünfhundert Kilometer bis nach Hause? Es wird nichts mehr so sein, wie du es kanntest, vielleicht leben deine Eltern nicht mehr, aber du hast Geschwister. Und sollte ein Mann sein Leben nicht in der Heimat beschließen? Mache Frieden mit dir selbst und höre auf zu zweifeln. Kein Mensch wird dich nach so vielen Jahren noch wegen deiner Notwehrtat bestrafen wollen. Kehre in deine Heimat zurück!“

Mohammed antwortete mir nicht, aber in seinem Inneren arbeitete es. Schließlich legte er seine Hand auf meinen Arm, nickte leicht und sagte bewegt: „Thank You, Mr. Pieter, Sir. No other man i can talk like you with. I’ll do what you advise me.“ („Mit keinem Mann kann ich sprechen wie mit dir. Ich werde tun, was du mir rätst.“)

Sein Angebot, mich sprachlich unter seine Fittiche zu nehmen und sich mit mir abends zu unterhalten, war für Mohammed wie eine Art Vaterrolle, aber auch ich genoss die Zeit mit ihm. Wir verbrachten in den nächsten Wochen viele solcher Abende, an denen er mir von seinen zahlreichen Abenteuern erzählte oder mich in der arabischen Sprache unterrichtete.

Während der folgenden Wochen und Monate erlernte ich die arabische Sprache so weit, dass ich mich mit den ägyptischen Arbeitern und den Händlern in ihrer Sprache unterhalten konnte.

Ein weiterer Vorteil bei den Verhandlungen auf den Basaren war mein fast arabisch zu nennendes Aussehen.

Mit der Zeit eignete ich mir auch die arabische Gelassenheit an, ohne die man in einem arabischen Land nur schwer bestehen konnte.

Dass ich abends oft mit Mohammed zusammen saß, gefiel einigen meiner deutschen Kollegen nicht so gut, weil sie dachten, dass sich die ägyptischen Arbeitskräfte auf diese Weise einen Vorteil verschaffen wollten.

Als Leitmonteur war ich für den reibungslosen Arbeitsablauf an meinem Arbeitsplatz verantwortlich und das schloss für mich auch einen kollegialen Umgang mit den ägyptischen Kollegen ein. Ich konnte mich auf ihre Arbeit nur dann verlassen, wenn ich sie als gleichwertige Arbeitskräfte behandelte und das funktionierte nur, wenn mir die Ägypter vertrauten und wussten, dass auch ich ihnen vertraute.

Mohammed war also für mich ein wichtiger Ansprechpartner.

Meinem Kollegen und Stubenkamerad Harald gefiel das allerdings gar nicht, und er entwickelte eine nicht zu begreifende Antipathie gegenüber Mohammed, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckte und fast in einer Tragödie geendet wäre.

Einen Tag vor meiner Heimreise war noch einmal großer Einkauf, das hieß – wir fuhren am Mittag nach Bagdad und kauften in aller Ruhe auf dem Basar ein, vor allem Obst und Gemüse, welches zu Hause unbekannt war.

In den letzten Wochen hatte ich schon so oft den Basar unsicher gemacht und sowohl Stoffe, Schmuck, Messingartikel, Gläser und verschiedene Kleidung für die Familie eingekauft, deshalb zog es mich an jenem Tag auf den Gewürzbasar, da ich als Hobbykoch auch gern einige ausgefallene Gewürze mit nach Hause nehmen wollte.

Wir fuhren mit unserem Coaster Bus bis zum Buskreisel und die meisten Kollegen strömten sofort dem Basar zu. Ich allerdings wählte eine andere Richtung und tauchte allein in das betriebsame Leben Bagdads ein.

Ich schlenderte über den mir lieb gewordenen Rashid bis zur Kalifenmoschee und atmete den unbeschreiblichen Duft des Orients ein, der an jener Stelle besonders ausgeprägt war, denn nur wenige Meter entfernt befand sich der Gewürz-Souq, übrigens der größte des Landes.

In einem unübersehbaren Gewirr aus Ständen und kleinen Läden boten die Händler dort ihre Waren an. Die Gewürze waren kunstvoll in Schalen platziert, zu Pyramiden aufgeschichtet oder auf lange Fäden gezogen und ihre Farben waren ebenso vielseitig wie die aromatischen Düfte.

Der Besuch dieses Basars war ein ganz besonderes Erlebnis für mich.

Die Gerüche, die auf mich einströmten, waren unbeschreiblich und außerordentlich vielfältig und stellten alles in den Schatten, was ich auf anderen Basaren an Düften wahrgenommen hatte. Außerdem war die Präsentation der Gewürze in den einzelnen Ständen sehenswert und schon fast mit Kunstwerken zu vergleichen. Jeder Maler hätte in dem Gewirr der Stände seine Freude und auch ich war von der Faszination des Souq inspiriert und machte viele Fotos. Zum Glück ließen sich die Händler gern und bereitwillig fotografieren, waren sie doch stolz auf ihre Waren und wussten, dass die Fotos jetzt in einem fernen Land gezeigt wurden.

Man handelte mit allen bekannten Gewürzen der Welt, das jedenfalls versicherte mir einer der Händler und angesichts der Vielfalt der Gewürze, hunderter Gefäße, Schalen Tüten und Kästchen Gewürzketten und Gewürzpyramiden, glaubte ich es ihm auch unbenommen.

Zum ersten Mal roch ich den betörenden Duft des Safrans, genoss das Aroma von Zimtstangen und Vanilleschoten, Nelken, Sternanis, Kardamom und auch all der mir unbekannten Gewürze.

Ich fragte den Händler, ob er wüsste, wie viele verschiedene Gewürze es auf diesem Basar gab, aber darauf konnte er mir keine Antwort geben. Er sagte mir jedoch, dass ich jedes erdenkliche Gewürz bei ihm kaufen könnte und wenn er es nicht vorrätig hätte, würde es ihm zur Ehre gereichen, es in kürzester Zeit für mich zu besorgen.

Für diesen Tag genügten mir allerdings ein paar mir bekannter Gewürze, doch vor allen anderen Gewürzen war ich wegen des berühmten Currys hier, der ganz frisch, auf Wunsch der Kunden zusammengestellt wurde. Ich wollte mich da jedoch lieber auf die Kenntnisse des Händlers verlassen und bat ihn, mir ein Curry zu komponieren. Sichtlich stolz über mein Vertrauen mischte er über zwanzig Gewürze zu einer grandiosen Komposition zusammen. Dann schüttete er die Gewürze in eine Mühle und beim Zerkleinern der Gewürzmischung strömte das herrlichste Aroma aus, das man sich vorstellen kann. Frisch gemahlen, schüttete der Händler das Currypulver dann in ein luftdichtes Gefäß.

Bei meinem Abschied wusste ich genau, dass ich den Gewürzsouq sicher noch oft besuchen würde.

Nach einem Bummel durch die Gassen der Kupfer-und Messingschmiede, der Goldhändler, und der Textilverkäufer zog es mich jedoch in das Lokal am Buskreisel, denn der Appetit auf ein Bier war durch die lange Enthaltsamkeit sehr groß. Beim Eintreten sah ich, dass bereits einige meiner Kollegen an den Tischen saßen und auf die Heimreise anstießen. Ich schloss mich diesem Prosit gern an.

Am nächsten Tag fand dann meine Heimreise statt.

Auf dem Vorplatz des Flughafens standen hunderte Passagiere und warteten auf die Abfertigung, aber was ich an jenem Abend zu sehen bekam, verschlug mir einfach die Sprache.

Da standen mehrere hundert Chinesen in blauen Arbeitsanzügen und mit Schirmmützen auf dem Kopf, artig wie Schulkinder in Zweierreihe, hintereinander aufgereiht, wie auf eine Perlenschnur.

Wir deutschen Monteure warteten im Pulk auf den Vorplatz aber mit so einer Unordnung konnte die irakische Flughafenbehörde natürlich nicht zufrieden sein.

Ein Sicherheitsbeamter des Flughafens ging durch unseren ungeordneten Haufen, laut „one by one, one by one“ rufend, was bedeutete, dass auch wir uns in Zweierreihe aufstellen mussten, um in den Flughafen eingelassen zu werden. Peinlich genau wurde überwacht, ob das auch klappte. Das war mir so zum letzten Mal in der Grundschule passiert.

In geordneter Formation durften wir nun also, Pärchen für Pärchen, in die Empfangshalle einrücken. Im Unterschied zur Grundschule, brauchten wir uns jedoch nicht an den Händen zu halten.

Soeben war die Maschine aus Berlin mit den deutschen Monteuren gelandet und nach der Betankung und einem technischen Check sollte uns die Maschine nach Hause bringen.

Nach einer angemessenen Wartungs- und Wartezeit hob der Düsenjet endlich ab und brachte uns nach Berlin.

Während des Fluges gab es ein alkoholisches Getränk nach Wunsch gratis, ein zweites oder weiteres gab es nur bei besonderen privaten Anlässen. Wenn man nicht die überteuerten Preise für zusätzliche Getränke berappen wollte, musste man sich schon etwas Intelligentes einfallen lassen, um noch einen zweiten oder dritten Drink zu schnorren.

Ich muss gestehen, dass ich während meiner Montagetätigkeit im Irak auf mehreren Flügen hintereinander Vater geworden bin.

Leider äußerte eine Stewardess, die sich wohl mein Gesicht gemerkt hatte, bald Zweifel an meinen Behauptungen. Weil in unserem Land keine arabischen Verhältnisse herrschten, bei denen ein Mann mehrere Frauen haben durfte, kaufte sie mir die häufige Vaterschaft bald nicht mehr ab.

ZURÜCK IM IRAK

Viel zu schnell waren die vier Wochen Urlaub vorübergegangen. Der August war vier Tage alt und ich befand mich wieder auf dem Flug nach Bagdad. Über die Bordlautsprecher erfuhren wir, dass eine Woche zuvor zum ersten Mal der neue Flughafen „Saddam Hussein International Airport“ angeflogen worden war. Außerdem teilte man uns mit, dass wir während unseres Fluges mit Turbulenzen rechnen müssten. Eine Mitteilung, die mir überhaupt nicht gefiel, doch ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass so eine große Maschine durch Turbulenzen berührt werden könnte. Allerdings musste ich mich leider schon wenig später eines Besseren belehren lassen.

Eine Stewardess schenkte mir gerade eine Tasse Kaffee ein, als der Jet mit einem unbändigen Ruck viele Meter durchsackte.

Dies geschah so unglaublich schnell und unerwartet, dass sich der Kaffee für einen Moment lang fünfzig Zentimeter höher als meine Tasse befand, aber tatsächlich nur einen Augenblick lang, dann holte der Kaffee die Tasse wieder ein – allerdings nicht der gesamte Kaffee. Ein Teil landete nämlich auf dem Kragen und der Rückenlehne meines Vordermannes, einen Teil bekam ich auf Hemd und Hosen und nur ein kleiner Teil traf noch die Tasse.

Die Stewardess schrie vor Schreck auf, auch sie hatte mit so einem plötzlichen „Durchsacker“ wohl nicht gerechnet.

Wir bekamen die Anweisung, das Rauchen einzustellen, die Rückenlehnen aufzurichten und uns anzuschnallen. Auch die Stewardessen begaben sich auf ihre Plätze und schnallten sich an. Das war eine berechtigte Vorsichtsmaßnahme, denn der Jet sackte immer wieder durch.

Diese Turbulenzen hatte ich in jener Intensität bei meinen sechzehn Flügen nur dieses eine Mal erlebt.

Glücklich auf dem Flughafen Bagdad gelandet, begaben wir uns über den Skywalk zu den Abfertigungsschaltern. Ich hatte ein banges Gefühl, denn in meinen Koffern befanden sich sechs Flaschen Cognac und acht Stangen Zigaretten und in meinem Handgepäck hatte ich noch einmal drei Flaschen Whisky, die ich an Bord gekauft hatte.

Das mag nun erschreckend viel klingen, kaum jemand trinkt pro Woche eine Flasche Schnaps, aber man trank ja nie allein und bei der Einreisefeier saßen etwa zwanzig Leute am Tisch, da flossen schon gleich zwei oder drei Flaschen durch die durstigen Kehlen. Nun galt es also, meine Schätze durch den Zoll zu bekommen.

Meine Hoffnung schwand allerdings merklich, als ich sah, wie der irakische Zoll die Koffer kontrollierte und ebenso wie bei meiner ersten Einreise den überzähligen Schnaps und die Zigaretten in große Kisten warf. Das sah so nachlässig aus, als ob es die Zollbeamten nicht interessierte, was sie da wegwarfen. Ich war mir aber inzwischen ziemlich sicher, dass die eingezogenen Waren nicht vernichtet wurden, sondern in den Besitz der Zöllner übergingen.

Als nun meine Koffer an der Reihe waren und auch ich sie öffnen musste, kam mir eine verzweifelte Idee. Ich nahm aus meiner Handgepäcktasche eine Flasche Whisky und schob sie dem Zöllner heimlich mit den Worten zu: „Please, Mister, this is a present for you.“ Er nahm die Flasche und stellte sie emotionslos unter den Gepäcktisch, klappte anschließend den Deckel des ersten Koffers auf und griff hinein. Plötzlich zog er die Hand zurück, als ob er in einen Igel gegriffen hatte, schaute mich kurz an und schob den Koffer weiter. Auch im zweiten fand er einen „Igel“ und schob auch diesen Koffer anstandslos zur Seite. Nun hatte ich zwar eine Flasche Schnaps verloren, aber acht Stangen Zigaretten und acht Flaschen Schnaps gerettet. Ich war froh, dass ich so glimpflich davongekommen war und nahm mir vor, diesen Trick bei der nächsten Einreise erneut anzuwenden. Was einmal klappt, das würde vielleicht auch öfter funktionieren.

Wichtig war allerdings, dass man bei der Einreise auf dem Airport Bagdad möglichst nüchtern, zumindest aber unauffällig auftreten sollte.

Leider beherzigten das manche Monteure nicht und deren Gepäck wurde dann natürlich besonders intensiv untersucht.

Nach diesen aufregenden Minuten hatte ich nun Zeit, mir den neuen Flughafen in Ruhe anzuschauen und der erste Eindruck war überwältigend. Der zweite allerdings auch.

Die Empfangs- und Abfertigungshalle war mit einem ungeheuren Prunk ausgestattet worden. Feinster Marmor, Wasserspiele in Glaskaskaden, vergoldete Verzierungen wohin man sah, schwere Teppiche, riesige Kristallleuchter, die an langen Seilen von der Decke hingen, es war ein Prunk wie in einem von Saddam Husseins Palästen und so war es auch gedacht. Der Reisende sollte bereits bei seiner Ankunft auf dem Flughafen den Eindruck haben, in ein Land wie aus Tausend und einer Nacht gelangt zu sein. Ich war beeindruckt. Nicht allein die Pracht im Eingangsbereich war aufsehenerregend, auch die Ausstattung im Basement mit Gaststätten, Shops, Bars und Sitzgruppen war einzigartig.

Über mehrere Etagen verliefen verschieden starke senkrechte Glasrohre, in denen Wasser sprudelte und die mit raffinierten Lichteffekten alle Blicke auf sich zogen. Licht spielte im gesamten Gebäude überhaupt eine große Rolle. Dieser Flughafen konnte sich mit den Flughäfen der bedeutendsten Metropolen der Welt durchaus messen. Entgegen bei manch anderem Flughafen wurde die Bauzeit beträchtlich unterboten, zur damaligen Zeit und erst recht zur heutigen, und dabei klammere ich die Peinlichkeit um den Berliner Flughafen BER stillschweigend aus, dessen Fertigstellungstermin noch immer ein Mirakel ist.

Ein Hinauszögern des Eröffnungstermins des Saddam Hussein International Airport hätte sicherlich die Köpfe der Verantwortlichen gekostet. Fast neige ich dazu, Gefallen daran zu finden.

Wenn man bereits im Inneren des Flughafens reichlich Anlass zum Staunen hatte, setzte sich das auch im Außenbereich fort.

Dort waren Landschaftsgestalter am Werk, die ihr Handwerk ausgezeichnet verstanden. Neben vielen Bepflanzungen mit den herrlichsten Gewächsen hatten die Gärtner auf dem gesamten Arial hunderte ausgewachsener Palmen eingesetzt.

Bei der Abfahrt vom Flughafen unterfuhr man Brücken, über die riesige Jets zur Abfertigung rollten, es war ein grandioser Anblick und zum ersten Mal sah ich eine Boeing 767 aus nächster Nähe.

Vom Flughafen wäre es gar nicht weit bis zu unserem Camp gewesen, aber wir mussten ja erst zum Passtausch.

An jenem Abend wusste ich allerdings, wohin ich anschließend fahren musste und das gab mir ein beruhigendes Gefühl.

Nach dem Passtausch und der Einteilung der Leute auf die jeweiligen Baustellen fuhren wir nämlich noch in jener Nacht in unsere Unterkunft zum Zentrallager.

Ein paar Kilometer, bevor man von der Hauptstraße zum Camp abbog, fuhr man an einem kleinen Dorf vorbei. Dieses Dorf machte einen halbfertigen Eindruck, da sich die meisten Häuser noch im Rohbau befanden. Es war ein Dorf, wie man sie sehr oft im Irak vorfand, mit denen Saddam Hussein versuchte, das Nomadisieren abzuschaffen und die Beduinen zu zentralisieren. Dazu wurden außerhalb der Städte Siedlungen im Rohbau errichtet und an die Nomadenfamilien übergeben. Für den Ausbau der Häuser mussten die Familien selbst sorgen. Einige Familien machten dann auch recht ordentliche Anwesen daraus, aber bereits in Abu Ghraib hatte ich mehrfach gesehen, dass auch Familien in den Häusern wohnten, ohne dass Fenster oder Türen eingebaut waren. Sie bereiteten ihr Essen sogar am offenen Feuer im Inneren der Häuser. An den Wänden hingen Teppiche und die Bewohner hatten die Häuser wie Beduinenzelte ausgestattet.

Es war eben nicht unkompliziert, jahrhundertelange Tradition in kurzer Zeit abzuschaffen. Da diese Familien von der Schafzucht lebten und mit ihren Herden durch das Land zogen, wurde ihnen in diesen Ansiedlungen die Möglichkeit entzogen, sich auf traditionelle Weise zu ernähren. Ackerbau war ihnen fremd, außerdem war das Land zumeist so karg, dass kaum Erträge möglich waren.

Am Dorfrand standen Schafherden, doch die Tiere waren sehr mager, da es kaum Grasland für alle Tiere gab. Und so mussten die Bewohner notgedrungen andere Erwerbsmöglichkeiten finden, um ihre Familien zu ernähren. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass in diesen Dörfern, am Rand der Gesellschaft, der Handel mit allen möglichen Waren blühte, die allerdings meist von minderer Qualität oder illegal erworben waren.

Anders als auf den Basaren in den Städten handelten die Bewohner dieser Siedlungen mit Bier, und zwar mit Dosenbier, jedoch zu unverschämten Überpreisen. Aus welchen Quellen das Bier kam, war mir ein Rätsel, wahrscheinlich war es Schmuggelware aus Syrien, Jordanien oder der Türkei. Der Preis war dabei wohl dem Risiko geschuldet, Handel mit Alkohol außerhalb von kontrollierten Gaststätten zu treiben.

Unter den Monteuren machte im Zusammenhang mit jenem Dorf indes ein Gerücht die Runde, das zwar bisher unbewiesen war, jedoch nie verstummte.

Man erzählte sich nämlich, dass eine weitere Einnahmequelle, und die weitaus Einträglichere für die Menschen in diesen Siedlungen, die Existenz von einer Art „Peepshow“ war, die es in fast jedem Haus geben sollte.

Mädchen und junge Frauen zeigten den Ausländern angeblich in einem separaten Raum des Hauses für ein paar Dinare ihre Körper. Dazu wurden im Halbrund Stühle aufgebaut und das jeweilige Mädchen zog sich dann vor den Männern aus, die wie gierige Wölfe vor einem Kaninchen hockten.

Das war zwar entwürdigend, aber für diese Menschen eine Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen und daher nahmen sie diesen Umstand auch sehr gelassen hin. Während die Mädchen im Inneren des Hauses ihren Körper zur Schau stellten, saß der Rest der Familie vor dem Haus.

Vater, Mutter, Brüder und Schwestern warteten darauf, wie viele Dinare das Mädchen inzwischen verdient hatte.

Bevor man jedoch das Haus betrat, musste jeder Gast eine Dose Bier für einen Dinar oder gar einen Dinar und einen Quarter kaufen. Ohne Bier wurde der Zutritt verwehrt.

Im Haus wurde dann noch ein weiterer Dinar abverlangt, wenn man dem Mädchen zuschauen wollte.

Für zehn Dinare waren die Mädchen bereit, sich anschließend einem Mann hinzugeben, so jedenfalls erzählten es sich die Monteure im Camp.

Bisher hatte ich allerdings noch keinen Monteur getroffen, der aus eigener Erfahrung darüber sprechen konnte, also musste ich den Gerüchten so lange Glauben schenken, bis es zu einem Beweis kommen würde.

Inzwischen waren wir im Camp angekommen. Es war fast vier Uhr morgens und ich hatte Mühe, meine Augen offen zu halten.

Zunächst mussten wir aber noch das mitgebrachte Fleisch in der Küche abliefern. Zum Duschen war ich zu dieser Stunde allerdings zu müde und so wurde nur eine „Katzenwäsche“ abgehalten und das Gepäck verstaut.

Ich war inzwischen vierundzwanzig Stunden auf den Beinen und physisch völlig ausgelaugt. Glücklicherweise konnte ich ausschlafen, ehe ich die nächsten zehn Wochen in Angriff nahm.

Mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub bescherte mir einige neue ägyptische Arbeitskräfte, die ich einarbeiten musste. Darunter befanden sich auch ein Vater und sein Sohn. Der Vater hieß Mutawa, der Sohn Ali. Der Vater hatte eine starke Sehschwäche, trug aber trotz seines Handicaps keine Brille. Er wurde von allen Monteuren „der Blinde“ genannt. Das war nicht böse gemeint und wurde von Mutawa auch nicht übel genommen.

Mir war allerdings schleierhaft, wer den Vater eingestellt hatte, denn derjenige musste auch blind gewesen sein.

Mutawa hatte den Intelligenzgrad eines Kleinkindes, man musste ihm jede Arbeit ellenlang erklären. Meist war es dann immer noch falsch und das kostete Nerven.

Allerdings war der Mann sehr gutmütig. Ich suchte für ihn also Arbeiten aus, die niemand gern erledigen wollte und bei denen es nicht viel falsch zu machen gab, zum Beispiel Schrauben und Muttern einsammeln und sortieren, die entweder beim Montieren heruntergefallen waren oder aus defekten Collies fielen. Diese Arbeit verrichtete Mutawa mit Inbrunst, stets trug er leere Schraubensäcke mit sich herum, in die er die verschiedenen Teile hineinsortierte. Die Säcke hängte er an einen Schaufelstiel, den er dann über seiner Schulter trug.

Bevor er in unserer Firma zu arbeiten begann, war er bereits ein Jahr bei anderen Firmen im Irak tätig und trug seitdem sein gesamtes gespartes Geld in einem Brustbeutel mit sich herum. Ein paar Mal sahen wir ihn in irgendeiner Ecke stehen und sein Geld zählen. Immer wieder blickte er sich dabei um, ob er auch unbeobachtet war, doch er ahnte nicht, wie viele Augen ihn beim Geldzählen verfolgten.

Zunächst amüsierten wir uns noch über seine Marotte, aber schließlich warnten wir ihn doch eindringlich, sein Geld nicht mit sich herumzutragen, sondern es auf eine Bank in Ägypten zu überweisen, doch davon wollte er nichts hören.

Mutawa machte mit Vorliebe kleine Geschäfte mit den deutschen Monteuren. Dabei kaufte er Socken, Unterwäsche, Hemden und andere Dinge von ihnen und verscherbelte die Sachen dann an seine ägyptischen Arbeitskollegen weiter. Besonders gute Geschäfte konnte er abschließen, wenn ein Monteur in den Urlaub flog oder gar seine Endausreise machte und froh war, die ganzen Sachen, die sich im Laufe der Monate oder gar Jahre angesammelt hatten, nicht wieder mit nach Hause nehmen zu müssen. Ganz besonders wild war Mutawa nach Taschenuhren.

Die meisten Monteure trugen diese Uhren am Arbeitsplatz, weil Armbanduhren während der Arbeit unbequem waren.

Jedem Monteur ging Mutawa auf die Nerven, ihm doch seine Uhr zu überlassen, vor allem, wenn er wusste, das der Monteur in der nächsten Zeit nach Hause fuhr.

Diese Taschenuhren kosteten in Deutschland sechs oder sieben Mark, sie waren nicht wasserdicht und gingen auch nicht sehr genau. Mutawa jedoch legte Wert auf wasserdichte Taschenuhren, also versicherten wir ihm beim Verkauf, dass unsere Uhren „very waterproof“ wären oder auf Arabisch „maja maku mushkylle“ – Wasser ist kein Problem! Wir konnten das mit ruhigem Gewissen sagen, denn bis es wieder einmal regnete, würden noch Monate vergehen.

Nun ergab es sich eines Tages, dass Mutawa von einigen Monteuren ein paar Taschenuhren ergattert hatte, natürlich alle „wasserdicht“. Das wollte er nun kontrollieren und das war für uns nicht vorhersehbar gewesen. Scheinbar war er doch nicht so einfältig, wie wir geglaubt hatten. Er nahm drei oder vier seiner Uhren und hing sie in eine Wassertonne, zwei trug er noch in der Hosentasche.

Wir hatten das Schlitzohr wohl unterschätzt, haben uns vor Vergnügen allerdings fast auf die Erde geworfen, und freuten uns bereits auf das nun unausweichliche Theater.

Als er die Uhren nach einer Weile wieder aus dem Wasser holte, stand das Wasser hinter den Glasscheiben der Uhren und es rührte sich bei ihnen kein Zeiger mehr. Nun wollte er von den Monteuren sein Geld zurück haben und beschimpfte sie in unendlichen Wortkanonaden, unter anderem als „Ali Baba“, was so viel wie „Dieb“ oder „Betrüger“ bedeutete.

Jeder der Monteure versicherte allerdings, dass ausgerechnet eine der beiden intakten Uhren in Mutawas Hosentasche von ihm wäre und dass Mutawa sie ruhig in das Wasser hinein hängen könnte.

Doch soweit ging die Dummheit von ihm nun auch wieder nicht und bei allem Verlustgeschäft wollte er wenigstens die beiden letzten Uhren retten.

Tagelang versuchte er, von den Monteuren sein Geld einzutreiben, aber irgendwann merkte er, dass er damit kein Glück hatte und gab es auf. Mir tat Mutawa ein wenig leid, aber den Verlust der Uhren schlug er mit Sicherheit auf seine anderen Waren um und gab sie an seine ägyptischen Kunden weiter. Insofern war wohl auch Mutawa ein „Ali Baba“.

Ab sofort ließ er seine Finger jedoch von den Uhrengeschäften.

Eines Abends war ich von Mohammed zum Feierabendtee eingeladen worden.

Er war sichtlich erfreut, mich nach meinem Urlaub wieder auf der Baustelle zu sehen.

Zwischen uns hatte sich in den letzten Wochen eine stille Freundschaft entwickelt, die keiner dem anderen mit Worten eingestand, doch wir spürten die gegenseitige Sympathie und genossen die Stunden, in denen wir uns von unseren unterschiedlichen Kulturen erzählten und der eine vom anderen lernte. Seine väterliche ruhige Art, sein Auftreten und vor allem aber sein Aussehen, die langen weißen Haare und sein gepflegter weißer Vollbart, waren ungewöhnlich für einen einfachen Arbeiter. Immer wieder begeisterte mich sein Wissen, egal ob das tagespolitische Themen betraf oder einfach nur den nächtlichen Sternenhimmel anbelangte. Es gab kaum ein Thema, über das ich mich nicht mit ihm unterhalten konnte. Und da ich seit meiner Kinderzeit schon immer sehr wissbegierig war und mir das bis zum heutigen Tag erhalten konnte, hatten wir beide uns gesucht und gefunden. So freute ich mich auch an jenem Abend auf unsere Gespräche.

Nach dem Duschen und dem Abendessen machte ich mich auf den Weg zu Mohammed.

Im Camp der Ägypter angekommen, wurde ich von allen mit großem „Hallo“ empfangen. Es war wie immer, jeder wollte mir etwas Gutes tun. Der eine bot mir eine Zigarette an, ein anderer eine Cola, wieder ein anderer wollte mich zu einem Tee einladen, der nächste hatte sich gerade das Essen bereitet und wollte es mit mir teilen.

Endlich hatte ich mich bis zu Mohammed durchgekämpft und wir umarmten uns zur Begrüßung, obwohl wir uns noch vor Stunden auf der Arbeit gesehen hatten. Wie immer bot mir Mohammed eine Zigarette und ein Glas Schwarztee an, allerdings musste man mit diesem Tee sehr vorsichtig umgehen.

Ein Glas des Tees wirkte beruhigend und der bittersüße Geschmack machte Appetit auf mehr. Mehrere Gläschen machten das Gebräu jedoch zur Waffe. Nur die härteste Konstitution überlebte sechs bis acht, denn so viel wurden es meistens, allerdings saß ich dann die halbe Nacht aufrecht im Bett und schwor, dass ich nie mehr so viel Tee hintereinander trinken würde.

Nun konnte es allerdings auch sein, dass der eine oder andere Whisky ebenfalls ein wenig zu meiner Schlaflosigkeit beigetragen hatte. Das Herz schlug mir jedenfalls bis zum Hals und ich war am Morgen froh, dass ich die Nacht schadlos überstanden hatte.

Nach der ersten Zigarette und dem ersten Tee jenes Abends gingen wir hinaus und setzten uns auf eine Bank, um uns zu unterhalten. Allerdings wollten nun die anderen Ägypter auch an unserer Runde teilhaben und machten mir zu Ehren ein paar Kunststücke.

Ich kam mir ein wenig wie in einem Kinderzirkus vor.

Einer der Ägypter machte einen Handstand auf einem Stuhl, der Nächste balanciert einen Besen auf dem Kinn, wieder ein anderer machte auf der Straße einige Überschläge und ein besonders talentierter Ägypter jonglierte mit vier Apfelsinen, es war irgendwie unwirklich.

Nachdem ich ausreichend Beifall gespendet hatte, konnte ich mich nun endlich mit Mohammed unterhalten.

Ich holte rasch noch eine Flasche Whisky, eine Flasche Wasser und eine Schachtel meiner Lieblingszigaretten, deren Markenzeichen das Konterfei eines Kamels war.

So konnten wir den Abend besser genießen. Die Luft war lau und angenehm, entgegen der wahnsinnigen Tageshitze von jenseits der fünfzig Grad Celsius.

Wieder einmal war der Abend jedoch viel zu schnell vorüber gegangen und ihm folgte eine sehr kurze Nacht.

Der Bauleiter verriet uns eines Morgens eine Neuigkeit. In wenigen Tagen würden neue Kollegen in unserem Camp eintreffen, die die Betonplatten für unsere Hallen herstellen sollten, da wir mit der Arbeit des Subunternehmens nicht zufrieden waren.

Die Ankerlöcher für die Stützen waren bisher so ungenau, dass wir oft mit Presslufthämmern nacharbeiten mussten, um die Stahlstützen stellen zu können.

Das hielt enorm auf, da wir anschließend neue Schraubenbolzen einbetonieren mussten und der Beton natürlich eine gewisse Aushärtungszeit beanspruchte.

Ich hatte in der Vergangenheit unseren Bauleiter ein paar Mal bei unserem Subunternehmen als Dolmetscher unterstützt, um die schlechte Qualität der Betonplatten zu bemängeln, aber leider war die Qualität nicht besser geworden.

Deshalb wurde schließlich die Überlegung angestellt, die Betonplatten selbst herzustellen, jedoch hatte noch keiner der deutschen Kollegen bei diesen Extremtemperaturen plastischen Beton eingebaut und so waren da wohl auch noch einige Probleme zu erwarten.

Nun sollten für dieses Vorhaben also kurzfristig Fachkräfte aus Deutschland eingeflogen werden, doch um für diese Kollegen Unterkünfte zu schaffen, mussten schnellstens zwei Großbungalows gebaut werden.

Die Vorhut der neuen Kollegen goss bereits die Fundamente für diese Unterkünfte und erlebte nun den Umgang mit dem Beton bei hohen Temperaturen.

Da die entsprechende Technik, wie Betonfertiger oder Fahrmischer, noch mit dem Schiff unterwegs war, übernahm ein irakisches Betonunternehmen diese Transporte so lange, bis die deutsche Technik vor Ort war.

Es gab im Irak so gut wie nichts, das sich nicht irgendwie mit einem fahrbaren Untersatz transportieren ließe. Und da habe ich die abenteuerlichsten Fahrzeuge und die nicht weniger abenteuerlichsten Kraftfahrer erlebt!

Was ich jedoch am ersten Tage der Betonierarbeiten erlebt habe, war so unglaublich, dass ich es zu Hause in Deutschland gar nicht zu erzählen wagte, um nicht als Schwindler dazustehen, aber ich kann beeiden, dass ich die Wahrheit sage.

Wir bestellten den Beton in einem Betonwerk in Falludscha. Im Allgemeinen waren die irakischen Firmen nach Terminabsprachen recht zuverlässig.

Da ich einige Dinge in der Zentralwerkstatt zu erledigen hatte, befand ich mich noch auf dem Campgelände. Ich sah einen Fahrmischer auf die Baustelle der neuen Unterkünfte fahren, der ferngesteuert zu sein schien, denn ich konnte von weitem im Fahrerhaus keinen Fahrer erkennen.

Der Betontrommler fuhr in einem eleganten Bogen auf die Baustelle und rangierte rückwärts an die vorbereiteten Schalungen. Ich wurde neugierig und ging näher heran, um herauszufinden, wie das Fahrzeug bewegt wurde.

Plötzlich ging die Fahrertür auf und aus dem Auto sprang ein Bürschchen von vielleicht zwölf Jahren und etwa einem Meter und vierzig Zentimetern Größe.

Er schritt um das Fahrzeug herum, löste die Rutschen, die das Schütten des Betons in die Fundamente möglich machten, befestigte einige dieser Rutschen hintereinander, um so nahe wie möglich an die Fundamente zu reichen und sonnte sich sichtlich in unserem Erstaunen.

Um dem Fass jedoch den Boden auszuschlagen, langte er in seine Hosentasche, holte eine Zigarettenschachtel heraus und brannte sich eine Zigarette an. Uns verschlug es angesichts der Kaltschnäuzigkeit des Lümmels die Sprache, aber wir mussten trotzdem schallend lachen. Er schwenkte gekonnt und mit einer zur Schau gestellten Lässigkeit die Rutsche für den Beton über die Schalung, betätigte einige Hebel und ließ den Beton in die vorbereitete Fundamentbettung gleiten.

Als das Fundament gefüllt war, fuhr er ein paar Meter weiter zum nächsten Fundament und wiederholte die Arbeit so lange, bis die Trommel des Fahrmischers leer war. Mit ein wenig Wasser aus einem Behälter reinigte er die Rutschen, stieg in den Lkw und fuhr von der Baustelle. Dabei konnte ich nun sehen, dass der Junge im Auto stand, da er im Sitzen gar nicht an die Pedale gereicht hätte.

Einer der ägyptischen Hilfskräfte verriet uns, dass der Bengel der Sohn des Betonunternehmers war und im Unternehmen sogar die Radlader und Bagger bediente.

Als die Fundamente für die Großbungalows drei Wochen später ausgehärtet waren, wurden die beiden Gebäude errichtet und dann kam für uns die große Überraschung.

Unsere Kuwait-Häuser wurden verkauft und wir mussten ebenfalls in diese Großbungalows umziehen. Nun wäre ja nichts dagegen einzuwenden gewesen, wenn der Wohnkomfort unverändert geblieben wäre, aber leider war dem nicht so, wie wir bald herausfinden sollten.

Die Kuwait-Bungalows waren für maximal drei Leute vorgesehen, die Räume im Großbungalow waren jedoch für vier Personen ausgelegt. Die Holzwände waren so dünn, dass man in den Nachbarräumen jedes Wort verstehen konnte. Der Fußboden war aus Holz und knarrte bei jedem Schritt.

Da die Toiletten und die Duschräume ebenfalls in den Gebäuden untergebracht waren, herrschte auf dem Korridor bis in den späten Abend hinein ein Kommen und Gehen und während dieser Zeit war an Schlaf nicht zu denken. Die architektonische Spitzenleistung jedoch war ein großer Gemeinschafts- und Aufenthaltsraum, der genau in der Mitte des ersten Gebäudes untergebracht war.

Weil wir so schnell wie möglich unsere Kuwait Häuser räumen mussten, durften wir uns die Räume in der ersten Baracke aussuchen. Nun galt es, das kleinste Übel herauszufiltern. Nahm man ein Zimmer zu nahe an der Nasszelle, hörte man den ganzen Abend das Getrampel auf dem Korridor, wenn die Kollegen zum Duschen oder auf die Toilette gingen. War man zu nahe am Gemeinschaftsraum, konnte es passieren, dass man bis in die späte Nacht keinen Schlaf fand, da es immer ein paar Unentwegte gab, die kaum Schlaf brauchten und Skat bis zum Abwinken droschen.

Nach längerer Diskussion bezogen wir schließlich ein Zimmer, von dem wir glaubten, die richtige Wahl getroffen zu haben. Wie sich jedoch schon bald herausstellen sollte, konnten wir von diesem Zimmer sowohl prima das Getrampel zur Nasszelle, als auch den Krawall vom Gemeinschaftsraum hören. Die Isolierung der Wandelemente war so schlecht, dass die Klimaanlage im Nonstop-Betrieb lief. Das Thermostat kam gar nicht zum Abschalten und hätte eigentlich eingespart werden können.

Wir waren nun vier Mann auf dem Zimmer, aber das war kein Problem, denn es hatte sich in den letzten Monaten bereits ein Freundeskreis herausgefiltert, mit dem man abends und am Wochenende ohnehin vieles gemeinsam unternahm.

Der Vorteil an einem Viermann-Zimmer war, dass man auf dem Zimmer endlich eine Doppelkopfrunde zusammen bekam, jedenfalls immer dann, wenn nicht gerade ein Kollege im Urlaub war.

Das Kartenspiel war nämlich unter den Monteuren seit jeher eine der urtypischsten Freizeitbeschäftigungen.

Wenige Tage nach unserem Umzug, als die nächste Maschine von Berlin ankam und die Kollegen vom Flughafen im Camp anrückten, kam auch ein uns bekannter und beliebter Kollege in unser Team, der vorher im Zentrallager wohnte.

Er steckte seinen zotteligen Wuschelkopf durch die Tür, wuchtete sein Gepäck in unser Zimmer und rief lachend: „Gebt mir amol was Kaltes zu Trinken nach der Schinderei, aber zieht ok amol ään Finger, ich hab ään Bäärendurscht“.

Wir waren hoch erfreut über den Neuzugang. Es war nämlich Klaus, der ehemalige Kraftfahrer aus dem Zentrallager, genannt „der Finger“. Nun wurde unsere Runde sicher noch lustiger.

DIE ZEIT DES RAMADAN

Am 20. August begann der Ramadan, der dreißigtägige Fastenmonat der Moslems, für unsere ägyptischen Arbeitskräfte eine sehr harte Zeit, denn die Leistungsfähigkeit der Arbeiter tendierte dann schon um zwölf Uhr mittags nahe Null. Somit war der Ramadan auch für uns ein Härtefall.

Der Ramadan wird von den Moslems nach ihrem Mondkalender gefeiert. Er findet regelmäßig im Monat Dhu-I-Hiddscha statt und weicht von einem Jahr zum anderen meist um elf Tage ab.

Früh morgens kamen die Ägypter mopsfidel zur Arbeit, jedoch ein paar Stunden später stellten sich mit der Hitze auch der Durst und die Erschöpfung ein.

Auf meiner Hebebühne arbeitete ich mit Mahdi, einem sympathischen jungen Ägypter, an der Außenfassade der Hallen in einigen Metern Höhe. Gegen neun Uhr flehte er bereits das erste Mal: „Please Mr. Peter, down, down.“ Also fuhr ich die Bühne herunter, damit er sich erst einmal ein paar Minuten in den Hallenschatten setzen konnte.

Inzwischen nahm ich ein Kaltgetränk zu mir, denn auch an mir ging die Hitze nicht spurlos vorüber.

Zehn Minuten später arbeiteten wir weiter.

Um neun Uhr dreißig war dann unser reguläres Frühstück und obwohl die Ägypter nichts aßen, sehnten sie die Pause mehr herbei als wir.

Sofort lagen alle ägyptischen Arbeitskräfte in den Hallen, bis es nach dem Frühstück wieder an die Arbeit ging.

Nicht einmal eine Stunde später flehte Mahdi bereits wieder: „Please, down, Mr. Peter!“ Also fuhren wir wieder hinunter. Bis Mittag wiederholte sich das noch zweimal.

Bei allem Verständnis für den islamischen Glauben unserer ägyptischen Arbeiter war ich doch einigermaßen sauer, dass uns durch den Ramadan täglich einige Stunden Arbeitszeit verloren gingen, aber die Oberbauleitung hatte uns im Vorfeld ja bereits auf die Problematik eingestellt und tolerierte es, dass währen dieser Zeit die Leistungen nicht das normale Niveau erreichten.

Nach dem Mittagessen konnte man mit den Ägyptern gar nichts mehr anfangen, da schleppten sie sich nur noch über die Baustelle, doch noch drückte ich ein Auge zu, denn für mich war diese Situation ja neu und schließlich befand ich mich als Christ in einem islamischen Land.

Unsere Wasserpausen, die gewöhnlich nur zehn Minuten dauerten und in denen wir uns im klimatisierten Bauwagen erholten, nutzten die Ägypter sofort, um sich in die Hallenecken zu legen.

Nach dem Feierabend taumelten sie dann zum Bus und nach der kurzen Fahrt in das Camp kämpften sie sich mehr schlecht als recht in ihre Unterkünfte.

Bis zum Sonnenuntergang hörte und sah man dann von ihnen nichts mehr. Doch wenn die Sonne untergegangen war, wurde es lebhaft. Dann hörte man Töpfe klappern, Gesänge und Lachen – und das bis in die späte Nacht hinein.

Nun holten die Ägypter alle vernachlässigten Dinge des Tages nach und über Stunden hinweg wurde gegessen und getrunken, dann blieben allerdings nur noch wenige Stunden für den Schlaf übrig. Doch am anderen Morgen rückten die Männer vergnügt und mit prallen Bäuchen wieder zur Arbeit an und dann wiederholte sich der Ablauf des vergangenen Tages.

Am Morgen des zweiundzwanzigsten August fuhr ein Trailer auf unsere Baustelle, der mit Hebebühnen beladen war. Da meine Hebebühne manchmal stark ruckelte, sollte sie vorsorglich ausgetauscht werden. Als die Ersatzbühne mit einem Kran auf meine Trägerschienen gehoben wurde, fiel mir auf, dass sich in der dreieckigen Zahnstange, die die Plattform nach oben und unten transportierte, mehrere Einschusslöcher befanden und dass die Plattform mit kleinen Blechen überschweißt war.

Ich fragte den Lkw-Fahrer, was mit der Bühne passiert sei, und was er mir berichtete, war überhaupt nicht spaßig.

Die gesamte Ladung stammte von einer Baustelle in Basra, die von der iranischen Armee mit Raketen und Flak beschossen worden war. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich auch unsere Monteure auf dieser Baustelle, aber wie ein Wunder gab es keine Toten.

Der einzige zu beklagende Verlust war ein abgeschossener Finger eines Kollegen, der sich auf dieser Hebebühne befand und der es nicht schnell genug geschafft hatte, mit der Bühne nach unten zu fahren, um sich in Sicherheit zu bringen. Beim Herabfahren der Bühne traf ihn ein Granatsplitter und riss ihm den kleinen Finger der rechten Hand ab.

Das mag zwar schmerzvoll gewesen sein, aber er war am Leben und das war das Wichtigste.

Alle Kollegen dieser Baustelle konnten zum Glück mit sämtlichen Fahrzeugen von diesem Ort fliehen, ehe der große Angriff losbrach und die gesamte Baustelle in Schutt und Asche gelegt wurde.

Der Schaden war so groß, dass die Hallen nicht mehr aufgebaut werden konnten und die Baustelle somit aufgegeben werden musste.

Immer, wenn ich in den nächsten Tagen die Hebebühne betrat, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl, doch schon ein paar Minuten später musste ich mich auf meine Arbeit konzentrieren.

Als wir gerade ein Blech an das Fenster anpassen wollten, sah ich Mutawa in einer Hallenecke liegen und ein Schläfchen machen.

Ich rief durch das Hallenfenster nach ihm: „Mutawa, shaku? Yellah, dale henna“, was übersetzt heißt: „Mutawa, was ist los? Komm mal her, aber beeile dich.“ Langsam schob er sich in die Höhe und kam zu mir herüber getrottet. Ich sagte zu ihm: „Schuf hassa sibelle e chadit“, oder übersetzt: „Sammele Müll und Eisen zusammen.“

Das war zwar eine Arbeit, die meist zum Feierabend erledigt wurde oder bei Leerlauf auf der Baustelle, aber die Arbeit war nicht schwer und wurde von den Ägyptern gern gemacht. Mutawa konnte sich bei dieser Arbeit in der Nähe der Hallen aufhalten, um ab und zu einmal in den Schatten zu gehen.

Als ich vom Mittagessen zurückkam, war Mutawa aber nirgendwo zu entdecken und so stiegen Mahdi und ich wieder auf die Hebebühne. Wir nahmen unsere Bleche, die Bohrmaschine und die Schrauben und begannen zu arbeiten. Durch das Fenster der Halle sah ich in der Ecke eine Plane liegen, die vor dem Mittagessen noch nicht dort gelegen hatte. Da kam mir ein Verdacht und ich beschloss, in der nächsten Wasserpause nachzusehen.

Später stieg ich von der Hebebühne, ging zur Plane und hob sie an. Es war natürlich genauso, wie ich es vermutet hatte. Mutawa lag unter der Plane und schlief den Schlaf des Gerechten und zwar so tief, als läge er im Koma. Was ich auch unternahm, ich bekam ihn nicht wach. Rütteln half ebenso wenig wie ihn ansprechen. Das erstaunte mich ungemein, denn immerhin hatte er seinen Brustbeutel bei sich, in dem er sein gesamtes, im Irak gespartes Geld mit sich herum trug und auf den er sonst aufpasste, wie ein Geier auf seine Beute.

Als ich merkte, dass ich ihn nicht wach bekam, ließ ich ihn weiter schlafen und nahm mir vor, am Abend mit Mohammed darüber zu sprechen. Ich deckte die Plane wieder über Mutawa, damit ihn nicht gar noch der Bauleiter entdeckte, denn das wäre dann eventuell Mutawas letzter Arbeitstag gewesen.

Wenige Tage später stand Mutawa wie so oft in einer Hallenecke und zählte sein Geld. Zuvor hatte er sich vorsorglich überzeugt, nicht beobachtet zu werden.

Da er bekanntlich sehr kurzsichtig war, konnte er natürlich nicht ahnen, dass ich ihn von der Rüstung aus beobachtete.

Ich konnte einfach nicht begreifen, dass er sein Geld nicht einer Bank anvertraute, hoffentlich bereute er es nicht eines Tages.

Immer, wenn ich während unserer Arbeit eine Wasserpause einlegte, lief mein ägyptischer Mitarbeiter Mahdi nicht etwa in den Schatten, um sich, wie seine anderen Kollegen, ein wenig zu akklimatisieren, sondern zu einem Wasserfass, das neben unserer Hebebühne stand. Er tauchte seinen Kopf tief in dieses Fass hinein, um ihn zu kühlen, wie er mir sagte. Ich hatte jedoch den nicht unbegründeten Verdacht, dass er dann gar ein paar kräftige Züge trank, weil Allah nicht so tief in das Fass schauen konnte.

Nach dem Frühstück kam wieder das Zeichen von ihm, dass ich die Bühne herunterfahren sollte, bis Mittag dann noch zwei Mal, da endlich riss mir der Geduldsfaden.

Ich sagte ihm, dass ich seinen Glauben akzeptieren würde, aber wir es uns selbst bei der extremen Hitze nicht erlauben könnten, vier Wochen lang nur einige Stunden am Tag zu arbeiten.

Als Monteur hatte er die Möglichkeit, den Ramadan zu einem geeigneteren Zeitpunkt durchzuführen, das stand im Koran zu lesen. Reisende durften den Ramadan aussetzen und unsere ägyptischen Kollegen konnten sich durchaus als Reisende bezeichnen.

Mahdi schaute mich an, überlegte eine Weile und stürzte dann los, in Richtung Ausgang der Baustelle.

Ich dachte noch: „Er wird doch nicht zu Fuß in das Camp laufen wollen?“, da schwenkte er bereits in Richtung unseres Bauwagens ein und stürmte hinein.

Ich lief ihm natürlich hinterher, denn eigentlich hatten die Ägypter zu unseren Bauwagen keinen Zutritt. Ich kam gerade dazu, wie er sich ein Selterswasser aus dem Kühlschrank nahm, und es hastig öffnete.

Er trank gierig ein paar tiefe Züge, ehe ihm vor Ekel und Entsetzen fast die Augen aus den Höhlen traten und er die Selters im hohen Bogen aus dem Bauwagen spuckte. Er sah mich ganz erschrocken an und sprudelte aufgeregt hervor, dass unsere Limonade verdorben ist.

Ich erwiderte ihm, dass er gar keine Limonade getrunken hatte, wie er dachte, sondern simples Wasser, versetzt mit Kohlensäure.

Er hatte ganz einfach die Seven Up-Limonade mit dem Wasser verwechselt, weil sich beide Flaschen stark ähnelten.

Angewidert goss Mahdy den Rest der Flasche aus und bat mich, ihm eine Limonade zu geben.

Da ich wusste, dass es die Araber gern süß mögen, gab ich ihm eine Flasche unserer sogenannten „Möhre“, die er in einem Zug leerte. Wortlos reichte ich ihm eine zweite Flasche und auch die wurde gierig hinuntergestürzt. Als er dann getrunken hatte, meldete sich sein schlechtes Gewissen Allah gegenüber und es bedurfte einiger Redekunst, um ihn von der Notwendigkeit des Trinkens bei der Arbeit zu überzeugen.

Nach dem Feierabend suchte ich Mohammed auf, der mich wie immer sehr freundlich begrüßte.

Seitdem unsere Baustellen in einiger Entfernung auseinander lagen, sahen wir uns nicht mehr so häufig. Umso mehr freute er sich, dass ich ihn besuchen kam.

Da es auch von den anderen deutschen Monteuren Beschwerden gab, nahm die Sache sogar noch eine offizielle Wendung.

Mohammed saß auf einem Hocker mit einer Zigarette in der einen und einem Glas Tee in der anderen Hand.

Ich sprach ihn auf den Tee und die Zigarette an und sagte, dass die Sonne doch noch gar nicht untergegangen sei, aber er winkte nur ab und sagte, dass Allah ihn in seinem Leben bereits genug gestraft hatte. Wahrscheinlich hätte er ihn sogar vergessen. Außerdem sagt die Schariah, dass Reisende im Monat des Ramadan vom Fasten ausgenommen waren und er betrachtete sich in diesem Land als „Reisender“.

Das deckte sich mit meiner Meinung und kam meinem Anliegen sehr entgegen. Ich sagte Mohamed, dass die Leistung der Ägypter ziemlich am Boden war, aber das hatte er ja wohl sicher schon selbst bemerkt. Er schaute mich ernst an, nickte leicht und ging in die Unterkunft, um seine Kollegen auf den Platz heraus zu bitten. Dann hielt er eine kurze Ansprache, nach der es einigen Tumult gab, aber letztendlich sahen die meisten Ägypter die Notwendigkeit ein, die „Saum“ außer Kraft zu setzen.

Als die ägyptischen Arbeiter wieder in ihre Behausungen gingen, setzte ich mich zu Mohammed, bot ihm eine Zigarette an und fragte ihn, ob er mir etwas über die strengen Regeln des Islam erzählen könne. In seiner gewohnt ruhigen Art klärte er mich über diese Regeln auf.

Der Islam baut sich auf fünf Säulen auf. Jede Säule für sich ist für den Muslim wichtig, aber erst die Einhaltung aller Säulen zeichnet einen guten Moslem aus.

Die erste Säule des Islam ist das Glaubensbekenntnis und wird arabisch gebetet, denn es gilt nur für Araber. Das Gebet beinhaltet zugleich die unbedingte Treue und Unterwerfung und die Einhaltung aller Gebote Allahs.

Die zweite Säule des Islam ist das Pflichtgebet die „Sallah“, welches fünf Mal am Tag nach einem festen Ritual durchgeführt werden muss, um die Gläubigen stets an die Allmächtigkeit Allahs zu erinnern.

Morgens kurz, mittags, nachmittags und abends länger und am späten Abend muss ausführlich gebetet werden. Dabei geht eine gründliche Waschung der Hände, der Füße und des Gesichtes voraus. Dann wird mit dem Kopf nach Osten, in Richtung Mekka gebetet. Versäumte Gebete müssen nachgeholt werden, etwa bei Krankheit oder sogar, wenn man verschlafen hat. Gebetet wird immer dasselbe Gebet mit dem gleichen Inhalt. In den Städten werden die Muslime über Lautsprecher von einem Muezzin zum Gebet gerufen. Das Freitagsgebet, auch „Cuma Sallah“ genannt, das nur von Männern besucht werden darf, ist das ausführlichste Gebet der Woche mit Pflichtgebeten und mit einer anschließenden Predigt über Alltagsprobleme, Politik oder andere aktuelle Geschehnisse.

Die dritte Säule ist die Almosensteuer oder auch „Zakat“ genannt, die von jedem Muslim einmal im Jahr entrichtet werden muss.

Diese Steuer kommt unverschuldet verarmten, gläubigen Moslems zu Gute.

Die vierte Säule nun ist das Fasten oder auch die „Saum“ im Monat Ramadan, dem neunten Monat im islamischen Kalender.

Dabei darf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht gegessen und getrunken werden, das Rauchen ist ebenso verboten wie die geschlechtliche Liebe oder andere Genüsse, die Leib und Seele erquicken.

In der „Saum“ soll die Fähigkeit gefestigt werden, Stärke, Geduld und Willen zu stärken, sowie Geist und Körper zu reinigen.

Morgens vor Sonnenaufgang soll noch einmal eine leichte Mahlzeit eingenommen werden, dann erst wieder, wenn die Sonne untergegangen ist.

Die fünfte Säule ist die „Hadsch“ nach Mekka.

Das ist eine Pilgerfahrt zur „Kaaba“, einem uralten vorislamischen Heiligtum in Saudi Arabien. Die Feiern der Haddsch beginnen am achten Tag des Monats Dhu-I-Haddsch.

Sie muss außerdem mit besonderer Pilgerkleidung bis zum zwölften Tag des Monats auf verschiedenen beschwerlichen Reisewegen absolviert werden.

In Mekka angekommen, muss die Kaaba von den Gläubigen schließlich dreimal umrundet werden.

Die Legende sagt, dass die Kaaba einst vom Propheten Mohammed errichtet wurde.

Jeder Muslim nimmt an dem sieben Tage dauernden Zeremoniell und an verschiedenen anderen Ritualen teil.

Nach erfolgreichem Abschluss der „Hadsch“ darf der Pilger sich „Hadschi“ nennen und als solcher auch mit diesem Titel angesprochen werden.

Da die Hadsch sehr anstrengend ist, gibt es in jedem Jahr zahlreiche Todesfälle. Die Männer sterben entweder aus Entkräftung oder bekommen vor Aufregung einen Herzschlag, ist die Hadsch doch für die meisten Muslime eine Einmaligkeit in ihrem Leben.

Mitunter kommt es aber auch zu panikartigen Tumulten, bei denen zahlreiche Pilger von den übrigen Gläubigen totgetrampelt wurden. Zuletzt geschehen am dritten Tag der Haddsch, als am vierundzwanzigsten September 2015 bei einer Massenpanik in Mina nahe Mekka über zweitausend tote Pilger zu beklagen waren. Verschiedene Berichte gehen allerdings von über viertausend Toten aus und das wird sicher auch der Realität nahe kommen.

Ausgeschlossen von der jährlich wiederkehrenden „Saum“ sind schwangere oder menstruierende Frauen, Reisende, Kranke und Kinder. Menstruierende Frauen und Reisende müssen die Saum allerdings bei passender Gelegenheit nachholen.

Durch den Mondkalender, der kürzer als der Sonnenkalender ist, verschiebt sich der Ramadan jedes Jahr um einige Tage, es sei denn, dass es von den Imamen anders festgelegt wird.

Der arabische Kalender ist durch seine Sonnen-und Mondjahre recht kompliziert zu errechnen. Wenn zum Beispiel in Europa für den Beginn meiner Erlebnisse das Jahr 1982 galt, zählte für den arabischen Kalender das Jahr 1402. Diese Zeitrechnung begann am fünfzehnten Juli 622, an dem Tag, als Mohammed mit seinem Gefolge von Mekka nach Medina auswanderte.

Kalif Umar führte die islamische Zeitrechnung im Jahre 638 ein und diese Zeitrechnung wird in vielen arabischen Ländern tatsächlich noch heute verwendet.

Seit der jüngeren Vergangenheit wird auch immer öfter von einer sechsten Säule gesprochen. Es ist die Säule der Verteidigung des Islam, welches als heilige Aufgabe bezeichnet wird. Diese Verteidigung wird „Dschihad“ oder auch „der Heilige Krieg“ genannt. Die Verfechter des „Dschihad“ sind meist Extremisten, die auch vor dem brutalsten Terror nicht zurückschrecken. Selbstmordattentate öffnen ihnen das Tor zum Paradies und sie werden „Dsahid“, „Mudschaheddin“ oder „Märtyrer“ genannt.

In den Bergen Iraks formierte sich eine richtige Armee, die sich aus „Mudschaheddin“ rekrutierte, was übersetzt „Glaubenskämpfer des Volkes“ heißt. Diese Armee bestand aus den extremsten, leider auch verblendetsten, Moslems. Und es gab auch radikale Frauenbataillone, die es an Mut, Kampfeswillen und Entschlossenheit mit jedem Männerbataillon aufnehmen konnten.

In der Neuzeit, genauer gesagt im Jahr 2003, hatte sich jedoch eine Organisation gebildet, die an Brutalität und Menschenverachtung nicht zu übertreffen ist.

Die Führungsspitze besteht aus ehemaligen Geheimdienstoffizieren der ehemaligen irakischen Armee, die sich zunächst in Falludscha niedergelassen hatten und überall auf der Welt Gleichgesinnte rekrutieren, um mit Bombenanschlägen, Terrorakten und der Beteiligung an Bürgerkriegen ein sogenanntes Kalifat zu errichten.

Die Terroristen konnten riesige Gebiete im Irak und in Syrien erobern, ebenso kleinere Gebiete in Libyen.

Die Organisation nannte sich ISIS, was bedeutet „Islamischer Staat in Irak und Syrien“, später nur noch IS. Einer ihrer wichtigsten Stützpunkte befand sich, wie bereits angemerkt in Falludscha, im Gouvernement Ramadi.

Nach der Eroberung zusammenhängender Teile Iraks und Syriens rief diese Organisation am neunundzwanzigsten Juni 2014 einen als Kalifat genannten Staat aus.

Ihr Anführer, der sich „Kalif“ nennt, beansprucht demzufolge für sich die Nachfolge Mohammeds als politisches und religiöses Oberhaupt aller Muslime.

Der IS wird von superreichen religiösen Verbänden und ebenso reichen Fanatikern aus Saudi Arabien, Katar und sogar aus den Arabischen Emiraten und Kuwait finanziert. Weitere Finanzierungen setzen sich aus geraubten Kunstschätzen und dem verkauften Öl aus eroberten Ölfeldern zusammen.

Ein nicht zu unterschätzender Betrag wird auch durch Lösegelder nach Geiselnahmen erzielt.

Ihren Ursprung nahm diese Gruppierung im irakischen Widerstand, als sie sich zu der ebenfalls terroristischen Gruppe „Al Quaida“ bekannte, mit der sie jedoch seit dem Jahr 2013 in deutlicher Konkurrenz steht. Ihr Anspruch auf einen eigenen Staat leitet sich daraus hervor, dass die Sunniten, anders als die Schiiten im Süden Iraks, noch nicht über ein eigenes Staatswesen verfügten, sondern unter Fremdherrschaft leben mussten.

Wichtigste politische Ziele des IS waren und sind noch immer die Vertreibung aller „Invasoren“ und „Aggressoren“ aus dem Irak und Syrien und die Schaffung von „Ordnung und Sicherheit“ durch die wörtliche Umsetzung der „Scharia“.

Gemeint ist die Errichtung eines gesamten Kalifats, das die Moslems der entsprechenden Gebiete in das Mittelalter zurück katapultieren würde.

Nach diesem Exkurs in die Gegenwart möchte ich wieder zur bestehenden Handlung zurückkehren.

Ich verabschiedete mich nach dem aufschlussreichen Gespräch schließlich von Mohammed und war gespannt, ob die Ansprache an die ägyptischen Kollegen Wirkung zeigen würde.

Tatsächlich brachte sich am nächsten Tag der überwiegende Teil der Ägypter Speisen und Getränke mit zur Baustelle, aber einige Leute eben doch nicht, unter ihnen war auch Mutawa.

Dass dies nicht gutgehen konnte, war mir klar, denn wie immer versuchte sich Mutawa, heimlich zu verdrücken.

Das musste irgendwann einmal auffallen und konnte nicht ewig unentdeckt bleiben. Doch es kam ganz anders, als ich es erwartet hätte, denn nach zwei, drei Tagen kamen Mohammed und Mutawa nach dem Feierabend zu unserem Bauleiter und baten um ein Gespräch.

Weil der Bauleiter weder des Englischen und erst recht nicht des Arabischen mächtig war, kamen die Männer zu Harald und mir in das Zimmer und baten uns zu dolmetschen.

Da Harald auf Mohammed nicht gut zu sprechen war, erwies sich die Situation als ziemlich angespannt.

Ehe jedoch Mohammed zum Bauleiter auf Englisch sprechen konnte, sprudelte Mutawa auf Arabisch los und ich fing diesen Satz auf: „Mutawa aku kulu Mushkyle. Schams kullu aku, Ramadan maku äschrop Aqua, maku akel.“ Im Grunde brauchte Mohammed das gar nicht ins Englische übersetzen, denn in deutscher Sprache hieß das: „Mutawa hat große Probleme, die Sonne ist sehr heiß und während des Ramadan darf er kein Wasser trinken und nichts essen.“

Es stellte sich im Folgenden heraus, dass Mutawa kündigen wolle, weil er zurück nach Ägypten möchte, da dort nicht so wahnsinnig heiße Temperaturen herrschen. Außerdem war Mutawa schon über zwei Jahre im Irak, allein ein Jahr in unserer Firma, und er war während dieser Zeit nur ein einziges Mal zu Hause bei seiner Familie.

Sein Sohn Ali wollte jedoch bleiben, auch wenn sein Vater nach Hause fahren sollte. Soviel Geld, wie er im Irak verdiente, konnte er zu Hause nicht in der dreifachen Zeit verdienen und so lange wir ihn behalten wollten, wollte er auch bleiben.

Die Lücke, die Mutawa bei seinem Ausscheiden in der Firma reißen würde, wäre überschaubar, denn Großtaten hatte er nicht vollbracht. Er war sich allerdings nie zu schade gewesen, Arbeiten zu verrichten, bei denen sich andere ägyptische Arbeiter gesträubt hätten. Außerdem war er in seiner kindlichen Einfalt und Gutmütigkeit ein gut zu leidender Mann, so dass es mir schon ein wenig leid tat, dass er gehen wollte.

Wir hatten schon gern mal ein Späßchen auf Mutawas Kosten gemacht und er hatte uns das nie übel genommen.

Nun wollte er uns verlassen und ich wünschte ihm alles Gute.

Am nächsten Morgen erschien er dann auch nicht mehr zur Arbeit, sondern fuhr in die Verwaltung unserer Firma nach Bagdad.

Umso mehr wunderte ich mich, als er einen weiteren Tag später gemeinsam mit den anderen Ägyptern wieder am Bus stand und auf unsere Baustelle mitfahren wollte. Alle Ägypter sprachen aufgeregt durcheinander und erst Mohammed konnte das Durcheinander beenden und die Situation aufklären.

Mutawa war am Vortag nach Bagdad zu unserer Firma gefahren, hatte dort einen Aufhebungsvertrag gemacht und sich seinen Restlohn auszahlen lassen. Dann hatte er sich eine Bank gesucht, um sein Geld nach Ägypten zu überweisen.

Die Logik, warum er das nun ausgerechnet vor seinem Abflug nach Ägypten tun wollte, erschloss sich mir allerdings nicht so recht.

Auf dem Weg zum Bankschalter hatte er, wie es seine Art war, immer wieder einmal Halt gemacht, um sein Geld zu zählen.

Was dann genau passiert war, konnte er nicht mehr sagen, viel zu aufregend waren die folgenden Geschehnisse, doch an eines erinnerte er sich genau. Auf dem Weg zum Bankschalter sprang ein junges Bürschchen hinter einer Säule hervor, riss Mutawa das Geld aus der Hand und floh aus der Bank, ohne dass den Burschen jemand fassen konnte.

Auf der Straße tauchte der Dieb sofort in der Menschenmenge unter. Nun war Mutawa sein gesamtes Geld los, das er sich in den vergangenen Jahren mühsam erspart hatte.

Mutawa kam also in das Camp zurück und dachte, dass er wieder bei unserer Firma arbeiten könnte, um neues Geld zu verdienen.

Wir warteten auf den Bauleiter, um ihn mit der Situation zu konfrontieren. Herbert zeigte sich allerdings nicht bereit, Mutawa noch einmal einzustellen.

Immerhin gestand er ihm weiterhin Wohnrecht im Camp zu, bis er irgendwo eine neue Arbeit gefunden hatte.

Mutawa wohnte noch einige Wochen im Camp der Ägypter, ehe er dann doch in seine Heimat zurückflog, da er bei keiner Firma eine Arbeit fand.

Ihm hatte der Irak kein Glück gebracht, er fuhr so arm nach Hause, wie er zwei Jahre zuvor eingereist war.

Das Flugticket nach Ägypten schenkte ihm sein Sohn Ali.

Ein paar Tage später erwartete uns auf der Baustelle eine nette Überraschung.

Am Mittwoch war der letzte Tag des Ramadan und die ägyptischen Kollegen luden uns für jenen Donnerstagabend zum Id al-Fitr Fest in ihr Camp ein. Dieses Fest, das auch „Seker Bayrami“ genannt wurde, war der Auftakt für eine drei Tage dauernde Feier.

Zu diesem Essen wurden auch Nichtmuslime eingeladen. Gemeinsam mit dem Opferfest war dieses Fest das wichtigste des Islam, ähnlich unserem Weihnachtsfest.

Natürlich nahmen wir diese Einladung an und ich freute mich auf diesen Abend.

Ein Teil der Unterkünfte der ägyptischen Kollegen war extra für diese Feier ausgeräumt worden, so dass wir alle Platz fanden.

Die Tische waren schon mit den verschiedensten Süßspeisen gedeckt. Da gab es Milchreis mit Fruchtmus aus Pfirsichen, Orangen, Bananen und Granatäpfeln, große Schüsseln mit Vanillepudding, ebenfalls mit Fruchtsaucen, oder auch Grieß mit Fruchtstücken.

Als wir Platz genommen hatten, wurde die Hauptspeise aufgetragen. Es gab auf pikante Weise zubereitetes Hammelfleisch mit grünen Bohnen und Reis, gebratene Hähnchenteile in buntem Gemüse aus Tomaten, Paprika, Zwiebeln und Auberginen und eine riesige Pfanne mit Hackfleischauflauf, in dem verschiedene Gemüsesorten und Kartoffelscheiben gedünstet worden waren.

Die Fleischgerichte waren allerdings nur für die deutschen Kollegen bestimmt, die ägyptischen Kollegen labten sich an den Süßspeisen. Allen diesen Speisen aber entströmte der typische orientalische Duft und ich nahm mir vor, von allem zu kosten.

Das Essen schmeckte ausgezeichnet und wir lobten ausgiebig die Mühen, die sich die Männer für uns gemacht hatten.

Als Getränke zum Essen gab es Cola und süße Limonade und nach dem Essen den mir so lieb gewordenen Schwarztee in arabischer Zubereitungsweise.

Die ganze Zeit über erklang aus einem Recorder arabische Musik und wir fühlten uns alle sehr wohl. Die Gespräche waren locker und lustig, man sprach englisch, arabisch, deutsch und ein Gemisch aus Deutsch und Englisch, „Denglisch“ genannt. Die jeweiligen Kollegen kamen damit klar. Es wurden ein paar Späße gemacht und dann begann das arabische Kulturprogramm.

Unsere ägyptischen Kollegen zauberten auf den abenteuerlichsten Instrumenten Melodien ihrer Heimat und sangen dazu schaurig schön. Nachdem sie sich gegenseitig regelrecht angespornt hatten, wollte nun jeder seinen eigenen Beitrag leisten.

Irgendwann erbarmte sich aber zu unserem Glück die kleine Hauskapelle und beendete ihre Darbietungen.

Nun war die Zeit gekommen, ein paar deutsche Lieder zur Feier einzubringen.

Bereits beim Lied vom „Treuen Husaren“, waren die Ägypter aus dem Häuschen. Es folgten die Lieder „In einem Polenstädtchen“ und „Schwarzbraun ist die Haselnuss“. Natürlich durfte auch eines der bekanntesten Stücke „deutschen Liedgutes“ nicht fehlen, nämlich das Lied von „Susanna“, die an einem bestimmten Körperteil einen Leberfleck hatte.

Die Ägypter lachten vor Vergnügen und waren begeistert, denn solche Gesänge hatten sie noch nie gehört. Es war ein sehr fröhlicher und gelungener Abend.

Gegen zweiundzwanzig Uhr verabschiedeten wir uns dann voneinander und die deutschen Monteure fanden sich anschließend noch in fröhlicher Runde in unserem Aufenthaltsraum zusammen. Natürlich wurde erst einmal über die vergangenen Stunden gesprochen und bei einem guten Tropfen wurde es noch ein sehr langer und lustiger Abend, an dem wir, wie immer, ein paar Spielchen machten.

Doch der Abend endete nicht wie gewöhnlich.

Es musste doch unbedingt noch das beliebte Fingerhakeln stattfinden. Dabei forderte Hajo, wie immer, die Leute heraus, weil er bisher die meisten Kämpfe gewonnen hatte.

Auch an jenem Abend gab er den Anstoß zum Hakeln und Detlef stellte sich ihm. Beide hakten ihre Mittelfinger ineinander und auf Kommando fing der Kampf an. Die Kontrahenten versuchten, sich gegenseitig im wahrsten Sinn des Wortes über den Tisch zu ziehen. Detlef erlangte dabei einen leichten Vorteil.

Das wollte Hajo natürlich nicht zulassen, aber ganz langsam zog Detlef seinen Gegner tatsächlich über die Tischplatte.

Wir feuerten beide Kontrahenten an und hatten dabei einen Riesenspaß.

Schließlich wollte Hajo einen Befreiungsschlag starten und drehte beim Ziehen so gar nicht regelgerecht seine Hand, doch Detlef war auf der Hut und konterte.

Innerhalb einer Sekunde hörte man ein trockenes Knacken und einen darauf folgenden Schmerzensschrei. Der kam von Hajo und Detlef hielt vor Schreck sofort inne.

Wir schauten auf Hajos Hand und brachen erst einmal in schallendes Gelächter aus, denn Hajos Mittelfinger stand im Winkel von neunzig Grad zur Seite. Dass er gebrochen war, war offensichtlich.

Der bedauernswerte Mann wurde nach Falludscha zum Arzt gefahren, nachdem man nach längerem Suchen endlich einen Kraftfahrer gefunden hatte, der zu so später Stunde noch fahrtauglich war. Hajo bekam dann – außer einem Gipsverband vom Arzt – einen Schonplatz von unserem Bauleiter verordnet.

Zwei Wochen später fanden wir uns am Donnerstag nach dem Abendbrot in unserem neu eingerichteten Aufenthaltsraum unserer Wohnbaracke ein. Die Runde zählte über zwanzig Leute und es wurden die Musikkassetten abgespielt, die am letzten Einkaufstag in Bagdad gekauft worden waren.

Auf einer dieser Kassetten befand sich ein Titel, der in den kommenden Monaten zu unserer erklärten Hymne werden sollte und der an Abenden wie diesem drei bis vier Mal gespielt und von allen Anwesenden lautstark mitgesungen wurde.

Das Lied war von Hans Harz und hieß „Die weißen Tauben sind müde“.

Es wurde bei den deutschen Monteuren so populär, dass es später kaum einen Monteur im Irak gab, der diese Kassette nicht besaß.

Wenn wir auch alle als harte Kerle verschrien waren, so fand sich sogar bei den härtesten Kerlen noch eine weiche Stelle und genau in diese Stelle zielte dieses Lied.

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22 aralık 2023
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