Kitabı oku: «Mostkost»

Yazı tipi:

Klaus Ranzenberger

Mostkost

Ein Fall für den Onkel Franz


Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2021 Verlag Anton Pustet

5020 Salzburg, Bergstraße 12

Sämtliche Rechte vorbehalten.

Coverfoto: Kurt Salhofer

Foto U4: ©giedre vaitekune/shutterstock.com

Autorenfoto: HCH-Fotopress

Grafik, Satz und Produktion: Tanja Kühnel

Lektorat: Martina Schneider

auch als gedrucktes Buch erhältlich, ISBN 978-3-7025-1025-1

eISBN 978-3-7025-8083-4

www.pustet.at

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Klaus Ranzenberger

Prolog

Jetzt bekommt er also sein viertes Buch, der Onkel Franz. Glauben Sie mir, niemand ist überraschter als ich.

2014 erschien der erste Band, die Typologie des Innviertlers. Aber nicht erst da ist er auf die Welt gekommen. Der Onkel spukte bereits lange davor in meinem Kopf herum, war irgendwie schon immer da. Sein Typus ist in der Region, in der ich aufwachsen durfte, allgegenwärtig, bis heute. Dazu kommt, dass es mich in meiner Leidenschaft, dem Lesen, immer schon fasziniert und beeindruckt hat, wie es Autoren gelingt, ihren erdachten Figuren Gestalt zu geben, sie gleichsam mit Worten zu zeichnen. Und zwar in einer Art, die dazu angetan ist, dass diese Figuren oft aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind.

Und da ich schon von jeher dazu neige, das, was mir gefällt, nachzumachen – Segen oder Fluch, ich weiß es nicht – war es also nur noch eine Frage der Zeit, bis ich versuchte, der Figur in meinem Kopf einen Namen und eine Form zu geben. So, und seitdem ist er nun also da, der Onkel Franz, und geht auch nicht mehr weg.

Segen oder Fluch, auch für den geschätzten Onkel. Denn so wie mein Schreiben seither von seiner Existenz und Eigenart geprägt und beeinflusst ist, so sehr hat auch er die meine zu ertragen. Denn ich bin es, der ihn je nach Laune und Inspiration in Situationen bringt, die er sich so wohl nicht immer selbst ausgesucht hätte. Bereits in den ersten drei Bänden der Reihe habe ich ihn da und dort aus seinen gewohnten Routinen geholt.

Und jetzt das. Zwar findet der Onkel Franz sich zu seiner Freude im Vorliegenden in seiner Heimatgemeinde wieder, muss sie auch das ganze Buch hindurch nicht verlassen. Auch seinen Spezi, den Albert, habe ich ihm wieder zur Seite gestellt. Stammtisch beim Egger gibt’s jeden Dienstag, Wochenmarkt am Mittwoch und die Tante umsorgt ihn ebenfalls in (beinahe) gewohnter Weise. So mag er’s, der Onkel. Wär da nicht diese seltsame Handlung. Es wird nämlich kriminell im Innviertel. Und er mitten drin.

Ich hab eh lange überlegt, ob ich ihm das antun soll, antun darf. Letztendlich konnte ich dann aber nicht anders. Zu sehr fand ich diebische Freude beim Schreiben, am Beobachten des Onkels beim ungewohnten Tun. Wie er – gleich einer männlichen Innviertler Miss Marple – es nicht lassen kann, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angehen. Widerstrebend versteht sich. Assistiert vom Albert, dem – um bei der Analogie zu bleiben – Mister Stringer der Geschichte. Einen Inspector Craddock gibt’s natürlich auch, meiner kommt halt aus Linz.

So, mehr wird nicht verraten, lesen Sie selbst. Nur eines noch. Schon wie in Band zwei, der Odyssee des Innviertlers, habe ich darauf verzichtet, bei den Passagen der direkten Rede den Dialekt allzu lautmalerisch abzubilden. Denn da auch vorliegendes Buch wieder eine durchgehende Geschichte erzählt, wäre dies dem Lesefluss abträglich. Aber ich bitte Sie inständig, lesen Sie sie im Innviertler Dialekt. Geht ja gar nicht anders beim Onkel Franz und den Seinen. Es sei denn, Sie sind Hamburger. Oder gar Vorarlberger. Dann bemühen sie ihr eigenes Idiom, sollte auch funktionieren.

1

Alles wie immer. Mittwochvormittag, Stadtplatz. Der Onkel Franz geht auf den Wochenmarkt. Alte Gewohnheit. Nicht, dass dringende Einkäufe anstünden, aber als Pensionist geht man eben am Mittwochvormittag auf den Markt. Oder zum Doktor. Ist halt so. Zweiterer Anlass ist es allerdings nicht, der den Onkel heute auf den Stadtplatz führt. Von prophylaktischen Arztbesuchen hält er nämlich nicht viel. Wie er es auch nicht gänzlich einsieht, warum er mit seinem Moped, der Puch MV50, in regelmäßigen Abständen in die Werkstatt muss. Zur Inspektion, das sogenannte „Pickerl“ machen. Auch wenn nichts kaputt ist. Was soll auch kaputt sein, ist ja nicht viel dran an dem Werkel. Nur das Nötigste, das aber solide gebaut. Und mit der eigenen Gesundheit verhält es sich ähnlich. So sieht es zumindest der Onkel Franz. Dass er nämlich einen Arztbesuch erst dann in Erwägung zieht, wenn – Gott behüte – ernsthafte Beschwerden auftreten sollten. Kann man jetzt darüber diskutieren, muss man aber nicht.

Aber zurück zum Wochenmarkt. Der Onkel verstaut gerade ein Packerl mit Fleisch- und Wurstwaren – ein bisserl was hat ihm die Tante dann doch aufgetragen – in seiner ledernen Tasche, als er von der anderen Seite der Marktgasse jemanden seinen Namen rufen hört. Er muss zweimal hinschauen und sein Gedächtnis durchforsten, bis er den Rufer einordnen kann. Wie heißt der noch einmal? Maislinger oder so. Nein, Haslinger, genau. Wie auch immer, dieser Haslinger betreibt, wie es aussieht, auch einen Stand. Wohl aber zum ersten Mal, denn der Onkel Franz kann sich nicht erinnern, ihn in der Vergangenheit hier schon gesehen zu haben. Und Marktstand ist für das, was der Mann da aufgebaut hat, auch ein übertriebener Ausdruck. Haben die anderen Anbieter meist professionelle Verkaufswägen, so handelt es sich bei dem Gebilde, auf das der Onkel jetzt zugeht, um nicht viel mehr als einen ramponierten Stehtisch mit Sonnenschirm, an dessen Front ein abenteuerlich zusammengenageltes Ensemble aus hölzernen Obstkisten angebunden ist. Na, ein stärkerer Wind darf da nicht aufkommen, denkt sich der Onkel Franz, als er den Haslinger jetzt begrüßt.

Eine Begrüßung, die von seiner Seite nicht sonderlich herzlich ausfällt, er kennt den Kleinbauern ja kaum. Ein kleines Sacherl, kann sich der Onkel erinnern, hat der am Stadtrand, dort wo die Supermärkte die letzten Jahrzehnte aus dem Boden geschossen sind. Eingezwickt zwischen Baumarkt und Lebensmittel-Discounter haben sich dort noch zwei, drei kleine Ortsbauern gehalten. Ein bisserl Grün inmitten der Betonklötze und Asphaltflächen. Trotz der nur flüchtigen Bekanntschaft beginnt der Haslinger nun beinahe freundschaftlich auf den Onkel Franz einzureden.

„Musst schon entschuldigen, Franz, dass ich dich da über die Straße anruf, aber ich hab mir gedacht, so ein Feinspitz wie du, der darf auf gar keinen Fall bei meinem Standl vorbeigehn.“

Die Art, wie der ihm fast Fremde da mit ihm redet, ist dem Onkel eine Spur zu vertraulich, sowas mag er nicht. Aber naja, denkt er sich, der will halt was verkaufen. Damit liegt er richtig. Der Haslinger plappert munter weiter, dabei hält er ihm eine dunkelgrüne Glasflasche vor die Nase.

„Wo ich doch so ein Spitzen-Produkt für dich hab, schau her!“

Auf dem, wie es ausschaut, selbstgemachten Etikett steht „Innviertler Kürbiskernöl“, darunter ein wie von Kinderhand gezeichnetes, lachendes Kürbisgesicht.

„Aus eigenem Anbau, händisch höchstpersönlich kaltgepresst, allererste Qualität. Wieviel darf ich dir einpacken?“

„Ja, na, eh keines, eigentlich.“

„Was, nicht? Aha. Wieso?“

„Naja, weil ich nicht wüsst, wofür.“

„Aha drum, achso. Na, aber da kann ich dir helfen: Auf’n Rindfleischsalat, in die Suppe, auf die Sulz oder d’ Essigwurscht zum Beispiel.“

Der Onkel Franz ist entsetzt.

„Auf mei Essigwurscht? Ja, nie und nimmer! Ich bin doch kein Steirer!“

„Da muss man jetzt kein Steirer sein, drum steht ja auch ,Innviertler Kürbiskernöl‘ droben. Und am besten fragst du deine Frau, die kennt sich aus beim Kochen und die wird mein Produkt schon zu schätzen wissen.“ Der Haslinger klingt jetzt fast ein bisserl beleidigt. „Schau, da hast eine Probe, die gibst ihr. Wirst schon sehen, das schmeckt dir schon.“

Mit diesen Worten drückt er dem Onkel ein Flascherl in die Hand, ähnlich denen, wie man sie von den kleinen Magenbittern an der Supermarktkassa kennt. Und tatsächlich ist es auch so eines, unter dem selbstgemachten schaut noch ein wenig das originale Jägermeister-Etikett hervor. Der Onkel steckt es mit einem gebrummelten „Dank’schön“ in seine Tasche und wendet sich zum Gehen. Dabei schüttelt er noch immer konsternierend den Kopf.

„Kürbiskernöl. Auf d’ Essigwurscht. Ja geht’s noch!?“

Aber das hört der Haslinger schon nicht mehr, er hat längst gemerkt, dass hier kein Geschäft zu machen ist und sich seinem nächsten Opfer, einer jungen Mutter mit Kinderwagen, zugewandt.

Nachdem der Onkel Franz noch ein wenig die Marktstände inspiziert, den einen oder anderen Bekannten gegrüßt und beim Bäcker seines Vertrauens noch einen Laib Bauernbrot erworben hat, begibt er sich wie abgemacht – es geht auf elf Uhr zu – zum Gastgarten des Bürgerbräu. Auch wie immer. Jour fixe mit seinem alten Spezi, dem Albert. Mit dem hat er sich vor seiner Pensionierung eine Werkbank geteilt und nun, im Ruhestand trifft man sich nach wie vor regelmäßig. Am Dienstags-Stammtisch beim Egger-Wirt ebenso wie am Mittwochvormittag auf ein Marktbier.

Der Onkel lässt sich auf dem Stuhl nieder, den ihm der Albert mit seinem Plastiksackerl reserviert hat und begrüßt seinen Freund.

„Aha, hast’ auch ein bisserl was eingekauft, ha?“ fragt er ihn und deutet auf das Sackerl, das der Albert nun wieder neben sich auf den Boden gestellt hat.

„Jaja, Apotheke. War ja heut schon beim Doktor und der hat mir allerhand verschrieben.“

„Beim Doktor, aha. Bist krank? Sag schon, red. Ist es was Schlimmes?“, will der Onkel Franz leicht besorgt wissen.

„Aber geh, nein, eh nix. Mehr so allgemein, verstehst?“

„Allgemein, aha. Und da brauchst’ ein ganzes Sackerl voll Tabletten, oder was?“

Das ist jetzt ein Stichwort für den Albert. Er nimmt eine Medikamentenpackung nach der anderen heraus und legt sie aufeinander vor sich auf den Tisch. So entsteht ein ansehnlicher Turm, der beinahe sein Bierglas überragt. Dazu kommentiert er. „Schau her, das ist gegen den leichten Bluthochdruck, den der Doktor bei mir g’messen hat. Die sind gegen’s Cholesterin, das da ist leicht blutverdünnend, kann auch nicht schaden, meint er, und dann noch Calcium, Magnesium, Kapseln vom Knoblauch und vom Arzneikürbis, für d’ Prostata, verstehst? Sodala, und da haben wir noch einen Magenschoner.“

Jetzt ist der Onkel ernsthaft in Sorge um den Freund. Der verschweigt mir was, denkt er, bei so viel Tabletten muss was Ernsthaftes vorliegen. Und das sagt er ihm auch. Dass er rausrücken soll mit der Wahrheit, wie heißt sie, die Krankheit, wie schlimm ist es wirklich?

„Aber geh, alles in Ordnung, wirklich“, beruhigt ihn der Albert.

„Das sind alles ganz übliche Wirkstoffe, die man halt in unserem Alter so braucht. Hast du ja sicher auch, oder?“

„Ja, genau, soweit kommt’s noch.“

„Wieso? Verschreibt dir der Doktor was anderes?“

„Da müsst ich erst einmal zu einem Doktor gehen. ’S letzte Mal war ich, glaub ich, vor gut fünfzehn Jahr, wie ich mir den großen Zeh gebrochen hab. Weißt eh, da wo ich beim Zwetschkenbrocken von der Leiter g’fallen bin.“

„Was? Seither nimmer? Franzl, das ist unverantwortlich!“

„Ach so, unverantwortlich“, der Onkel nimmt einen Schluck Bier, „wem gegenüber?“

Damit ist das Thema für ihn erledigt, weshalb er auch sagt: „So, Albert, du packst jetzt deine Zuckerl wieder weg, dann stoßen wir mal an und reden über was G’scheites. Zum Beispiel darüber.“

Und weil ihm grad nichts Besseres einfällt, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, holt er das kleine Probeflascherl vom Haslinger aus seiner Tasche und stellt es auf den Tisch.

„Sag einmal, Franzl, spinnst jetzt? Du kannst dir doch da im Gastgarten deinen Schnaps nicht selber mitbringen. Hast’ Geldprobleme?“ Besorgt schaut der Albert seinen Spezi an.

„Aber geh, Schmarrn! Geldprobleme. Und außerdem weißt du ganz genau, dass ich keinen Alkohol trink.“

Der Onkel Franz spielt hier auf die Tatsache an, dass er kaum bis nie Schnaps und Ähnliches zu sich nimmt. Weil er, wie er selber sagt, es nicht so hat mit dem Alkohol. Der bei ihm per eigener Definition erst jenseits der fünfzehn Volumens-Prozent beginnt. Somit fallen Bier mit seinen meist unter fünf, Most mit nicht vielmehr als acht und Wein, der auch selten über vierzehn Prozent Alkoholgehalt aufweist, nicht in die Gruppe der alkoholischen Getränke. So sieht es zumindest der Onkel. Diese Zusammenhänge erläutert er oft und gern am Stammtisch und er tut es auch jetzt wieder.

Als der Albert ihn dabei unterbricht – er kennt die Geschichte – und fragt, warum er dann bitte jetzt einen Jägermeister ausgepackt hat, merkt der Onkel Franz, dass er das Flascherl verkehrt herum hingestellt hat, sodass sein Freund das Etikett nicht sehen kann, das der Haslinger draufgepappt hat. Er dreht es um und der Albert studiert die Aufschrift.

„Ach so. Kürbiskernöl. Innviertler, aha. Vom Haslinger Alois? Da schau her, hat wieder eine neue Spintisiererei.“

Der Onkel erzählt daraufhin, wie er zu dem Flascherl gekommen ist und fragt seinerseits den Albert, wie er denn den letzten Satz gemeint habe. Von wegen neuer Spintisiererei. Und erhält ergiebig Auskunft. Der Albert kennt den Haslinger anscheinend etwas näher als er selbst. Überhaupt ist sein Freund immer bestens informiert über das, was die lieben Mitmenschen im Ort so treiben. Eine angeborene Neugier und ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis zeichnen ihn schon von jeher aus. Wobei der Albert diese Eigenschaften immer seiner Frau zuschreibt und behauptet, nur wiederzugeben, was er von ihr hört. Reine Schutzbehauptung, da ist sich der Onkel Franz sicher. Trotzdem hört er aufmerksam zu, ein wenig neugierig ist er selbst in Wirklichkeit ja auch.

„Also, von Anfang an. Die kleine Landwirtschaft von dem Haslinger, halbwegs heruntergekommen mittlerweile. War nicht immer so. Sind zwar nur ein paar Hektar, aber dem Lois seine Eltern haben damals mit ihren hundert Schweindln ganz ordentlich gewirtschaftet. Dem Alois war das immer zu viel Arbeit. Und zu viel Dreck. Saustall ausmisten und so. Drum hat er auch, nachdem der alte Haslinger gestorben und die Mutter ins Heim gekommen ist, gleich alle Viecher verkauft und den Hof umgestellt. Und zwar alle ein, zwei Jahre auf was anderes. Ich weiß gar nicht mehr, in welcher Reihenfolge, aber da war auf jeden Fall die Idee von einer Straußenfarm dabei, legalen Hanfanbau hat er auch probiert, Biogas, Photovoltaik und was weiß ich nicht noch alles. Alles erfolglos. Die Ersparnisse von seinen Eltern waren da bald einmal dahin und dann hat er auch noch gemeint, er steigt in den Aktienmarkt ein, kann ja nicht so schwer sein. War’s aber dann doch, weil das ist angeblich auch total danebengegangen. Und jetzt also Kürbiskernöl. Na viel Vergnügen.“

Der Albert hat fast ohne Punkt und Beistrich durchgeredet und dabei ganz auf sein Bier und die Zeit vergessen. Nach einem Blick auf die Kirchturmuhr – die zeigt dreiviertel Zwölf – wird er nämlich leicht hektisch, ruft die Kellnerin zum Zahlen und trinkt sein Glas in einem Zug leer. „Auweh, jetzt wird’s eng. Weil heut gibt’s Palatschinken, da versteht meine Frau keinen Spaß!“

„Geh, stell dich nicht so an“, lacht ihn der Onkel Franz aus, „wird dir schon nicht den Kopf abreißen wegen fünf Minuten Verspätung, oder?“

„Hast du eine Ahnung. Gegessen wird um Punkt Zwölf, eiserne Regel.“

„Na, dann schau, dass d’ weiterkommst. Ich trink noch gemütlich mein Bier aus und das deine zahl ich mit. Nicht, dass wir noch eine Ehekrise riskieren.“

„Ja, spott’ du nur. Aber danke und servus, bis bald.“ Mit diesen Worten schwingt sich der Albert auf sein Radl und entschwindet.

Der Onkel Franz winkt ihm noch lachend nach, bis er außer Sichtweite ist. Worauf die nur gespielte Gemütlichkeit augenblicklich von ihm abfällt. Auch er leert jetzt schnell sein Glas und winkt der Kellnerin. Wenn er auch derartige Amerikanismen nicht benutzt, der Onkel hat geblufft. In Wirklichkeit verhält es sich nämlich so, dass seine Frau ähnlich unangenehm werden kann, wenn er nicht pünktlich zum Mittagessen daheim ist.

2

„Wenn du mir noch einmal mit deinem Giftzeug an meiner Grundgrenz’ herumsprühst, dann kannst’ was erleben! Hast du mich verstanden?“ Der Birnbacher Josef hat einen hochroten Schädel, als er seinen Nachbarn anschreit. Die beiden haben schon länger Streit, mal mehr, mal weniger. Meist ignorieren sie sich, gehen sich aus dem Weg. Aber manchmal lässt es sich halt nicht vermeiden, dass man dort, wo die Obstwiese vom Birnbacher an den Kürbisacker vom Haslinger grenzt, aneinandergerät. So wie jetzt, wo der eine den Zustand seiner Mostobstbäume kontrolliert, während der andere gerade irgendein Insektenschutzmittel über seinen Kürbissen ausbringt. Und weil der Wind auch noch ungünstig steht, kommt es natürlich zum Streit.

„Das werden s’ schon noch aushalten, deine sauren Birn’! Außerdem ist es bio, mein Spritzmittel.“

„Bio, dass ich nicht lach! Ich sag’s dir noch einmal, schleich dich mit deinem Gift, sonst vergess ich mich!“

„Vergessen? Ja, das kannst du gut. Aber merk dir eins, ich vergess nie etwas!“ Mit diesen Worten packt der Haslinger Alois seinen Spritzapparat zusammen und lässt seinen Nachbarn stehen.


„Jetzt reg dich halt nicht so auf, Sepp.“ Karin Birnbacher versucht, ihren Mann zu beruhigen. Die beiden sitzen am Ofentisch in ihrer kleinen Mostschänke. Heute ist Ruhetag und die Wirtin hat sich die Buchhaltung vorgenommen, während ihr Mann den Heurigen verkostet und sich dabei Notizen macht. Demnächst hat er vor, verschiedene Cuvéetierungen auszuprobieren.

„Schau, bei uns läuft’s nicht so schlecht“, dabei deutet sie auf das Kassajournal vor sich, „und dem Alois steht sicher wieder mal das Wasser bis zum Hals.“

„Du weißt genau, dass es einen ganz anderen Grund hat, warum mich der Depp hasst!“

„Ach, bin ich jetzt wieder schuld?“

Damit spricht Karin Birnbacher die Tatsache an, dass sie vor gut zehn Jahren noch auf dem heruntergekommenen Nachbarhof daheim war. Und damals noch Karin Haslinger geheißen hat. Der Alois hat ihr bis heute nicht verziehen, dass sie, wie er sich ausdrückt, „die Seiten gewechselt hat und dem Geld nachgelaufen ist“. Damit hat sie sich abgefunden. Aber dass bei ihrem jetzigen Mann immer ein leicht vorwurfsvoller Ton in der Stimme mitschwingt, wenn es um den eigentlichen Grund für die Feindschaft zwischen den beiden Bauern geht, das kränkt sie schon. Trotzdem setzt sie jetzt ein Lächeln auf und legt ihrem Mann die Hand auf den Unterarm.

„Komm, ich räum jetzt das Bürozeug weg und mach uns eine Jause. Dazu trinken wir ein Glaserl von dem neuen Most und du erklärst mir, warum der heuer so besonders gut geworden ist, gell? Damit ich ihn dann morgen unseren Gästen auch g’scheit servieren kann.“


Die Woche darauf, Dienstagabend. Stammtisch beim Egger-Wirt, wie immer. Der Onkel Franz ist da, der Albert sowieso, der Hans auch und natürlich der alte Egger. Der ist, könnte man sagen, ein Hybrid. Einerseits Wirt, der Seniorchef, um genau zu sein, andererseits aber auch Stammtisch-Vollmitglied. Die Leitung des Wirtshauses hat er schon vor ein paar Jahren an seinen Sohn übergeben, nachdem der von seiner letzten Saison am Arlberg zurückgekommen ist. Und der tritt nun eben gerade an den Tisch mit einem Tablett voller Bier. Die erste Bestellung des Abends, die übernimmt der junge Egger gern selbst, bevor er an die Kellnerin, die Resi, übergibt. Um die „Honneurs“ zu machen, wie er sagt. Das Wort hat er am Arlberg in irgend so einem Fünf-Sterne-Bunker gelernt und er benutzt es gern. Überhaupt zeigt der als Innviertler Bauern- und Wirtsbub aufgewachsene Junggastronom, seit er in Lech war, ab und zu Verhaltensauffälligkeiten. Vor allem in der Sprache. Da springt er. Vom breiten Dialekt seiner Heimat urplötzlich in ein leicht nasales Schönbrunnerdeutsch, gespickt mit allerhand Küchenfranzösisch. So wie jetzt.

„Ein frisch gezapftes Jahrgangs-Märzen für den Herrn Franz sowie ein Knacker-Carpaccio avec Oignon á la bonne heure, bitt’schön!“

„Sag, Bub, kannst du dem Franzl sein Bier und die Essigwurscht servieren wie ein normaler Mensch? Das kommt davon, wann man d’ Kinder fortschickt, da lernen s’ lauter Blödsinn!“

Ein altes Spiel zwischen Vater und Sohn. Je mehr der eine den bodenständigen, grantelnden Innviertler gibt, umso mehr fällt der andere ins Weltmännische.

„Aber, ich bitt dich, Vater, ein bisserl mehr Contenance vor der geschätzten Kundschaft.“

Dabei hält er den Kopf etwas schief, aber leider auch das Tablett. Sodass sich eines der Biergläser selbstständig macht und zu Boden kracht. Worauf der junge Egger augenblicklich in seine Muttersprache zurückfällt.

„Zefix, ein so ein Schmarrn ein blöder, Resi, geh her und nimm an Fetzen mit! Himmelherrschaftnochamal, a so a Sauerei!“

Noch mehr als das verschüttete Bier und die Scherben ärgert ihn dabei freilich die Schadenfreude der Stammtischler. Die lachen ihn jetzt natürlich aus und geben Wortspenden ab wie „Anfängerpech“ oder „Na, das musst halt noch üben“. Und als ob das noch nicht genug wäre, kommt jetzt auch noch die zu Hilfe gerufene Resi, bewaffnet mit Kübel und Putzlappen und schimpft ihn wie einen Schulbuben.

„Ja, sag, was hast den schon wieder ang’stellt? Und ich kann’s wieder z’ammwischen. Zwei linke Händ’, der Bub, schon als Kind!“

Jetzt ist die Autorität als Chef und Gastgeber dahin, der junge Wirt versucht, das Thema zu wechseln.

„Ist ja nicht so schlimm, macht ja keine Rotweinflecken, gell? Apropos Getränk. Ich hab grad gestern den heurigen Most vom Birnbacher reingekriegt. Da lad ich euch jetzt alle auf eine Kostprobe ein.“ Das wirkt. Das Missgeschick ist vergessen, es gibt etwas gratis. Kommt nämlich nicht so oft vor.

„Nicht schlecht“, sagt der Onkel Franz nach einem Schluck vom jungen Birnenmost. Und, um den Spender doch noch ein bisserl zu ärgern, „was meinst, Albert, da müss ma gleich einmal hin die Woche. Soll auch eine sehr gute Jause dort geben, in der Mostschänke. Und gar nicht teuer.“


„Zwei Halbe Most und zweimal die große Jause, Karin, sei so gut.“ Der Albert hat es übernommen, die Bestellung bei der Frau Birnbacher zu machen. Er kennt sie von früher, noch aus der Schulzeit, wie er dem Onkel Franz noch auf dem Heimweg vom Egger-Wirt erzählt hat. Überhaupt führt er sich ein bisserl auf wie ein Fremdenführer. Erklärt seinem Freund Verschiedenes über die Mostschänke, deren Besitzer und über Obstanbau an sich. Der Onkel mag das eigentlich nicht, er bestellt sich seine Jause gern selbst und braucht als Einheimischer auch keine Erklärungen. Andererseits war er tatsächlich schon ewig nicht mehr hier. Der Betrieb an sich gefällt ihm zwar schon, aber dessen Lage ist es wohl, die ihn nicht so hierhergezogen hat in den letzten Jahren. Von da, wo die beiden sitzen, an der Hauswand des urigen Bauernhäusls, unter einem großen Kastanienbaum, hat man zwar einen wunderbaren Ausblick auf die Streuobstwiese vom Birnbacher, aber sobald man den Kopf dreht, bricht das Idyll. Schaut man nach rechts, sieht man hinter einem schmalen Rapsfeld die Rückwand eines riesigen Supermarktes, der von vorne schon nicht schön ist. Linkerhand, hinter einer weiteren Obstwiese und dem Grundstück vom Haslinger, erhebt sich eine mit Wellblech verkleidete Messehalle. Hier, vor den Toren der Bezirkshauptstadt am Inn, gab es noch in den Siebzigerjahren eine Vielzahl kleiner Bauern. Ausgedehnte Wiesen und Äcker erstreckten sich damals hier, heute sind der Birnbacher und der Haslinger die Letzten, die ihre Gründe noch nicht an die Immobilienentwickler der großen Handelsketten verkauft haben.

„Zweimal Most und Jause, bitt’schön.“ Nicht gerade überfreundlich sagt die Wirtin das, als sie den beiden das Bestellte serviert. Auch ihr Gesichtsausdruck ist alles andere als fröhlich und ohne jede weitere Konversation mit ihren zurzeit noch einzigen Gästen an diesem Abend macht sie auf dem Absatz kehrt und verschwindet wieder im Haus. „Charmant, deine Schulfreundin“, sagt der Onkel Franz darauf auch zum Albert, „gar so gut befreundet seid’s anscheinend nicht, was?“

„Ich weiß auch nicht, was’ hat. Sonst ist sie eigentlich recht gesellig.“

„Was ja auch nicht schad’t, wenn man ein Wirtshaus hat.“

„Aber die Jausen schmeckt und der Most auch. Prost, Franzl.“

Die beiden machen sich über Bauernbrot, Geselchtes, kalten Braten und Käse her. Die Brettln sind mehr als reichlich bestückt, das verlangt nach weiteren Begleitgetränken. Mittlerweile sind auch andere Gäste eingetroffen, die Wirtin hat nun alle Hände voll zu tun. Die Mostschänke ist ein Familienbetrieb und die Familie Birnbacher besteht halt nur aus zwei Personen. Während ihr Mann drinnen einschenkt und die wenigen kalten Speisen herrichtet, die angeboten werden, ist sie es, die Bestellungen an die Tische bringt, abräumt und sich dabei mit den Gästen unterhält. Normalerweise. Heute ist sie einsilbig und reserviert, und zwar zu allen gleich. Liegt’s also doch nicht am Albert.

Der versierte Mosttrinker wird’s wissen, wenn man drei oder gar mehr so Krügerl – jedes fasst einen halben Liter – zu sich genommen hat, spürt man nicht nur die Umdrehungen, die der Landessäure innewohnen, es treibt einen auch mehr als einmal auf das stille Örtchen. Und wer jetzt glaubt, es wäre reine Frauensache, dieses gern zu zweit aufzusuchen, der irrt. Auch der männliche Innviertler neigt ab einem gewissen Grad der Gemütlichkeit zu derartigem Verhalten. So stehen sie nun also nebeneinander am blechernen Urinal, der Onkel Franz und der Albert. Und beklagen angesichts des doch sehr improvisierten Verschlags auf der Rückseite der Schänke eine gewisse Geschlechter-Ungerechtigkeit. Die Damentoilette, weiß der Albert aus zweiter Hand zu berichten, ist im Haus und weit schöner und komfortabler.

„Aber gut durchlüftet ist es wenigstens“, merkt er an.

Die Bretterwand, an der die Blechrinne befestigt ist, reicht nämlich nicht bis hinauf zum Wellblechdach, sondern lässt in Augenhöhe einen breiten Spalt frei, durch den die beiden bei ihrer Verrichtung freie Sicht auf den Hintereingang des Hauses haben.

Und eben dieser öffnet sich nun gerade äußerst schwungvoll. Heraus kommt die Birnbacherin, gefolgt von ihrem Mann. Und die Szene, die nun zu beobachten ist, ist keine angenehme. Worum es genau geht, können der Onkel und der Albert nicht immer verstehen, die Stimmen der Wirtsleute kommen oft nur in Form eines Zischens bei ihren Ohren an. Es klingt paradox, aber man könnte sagen, die beiden schreien sich im Flüsterton an. Dem Onkel ist das unangenehm. Er belauscht nicht gern fremde Leute. Was geht’s mich an, denkt er sich und möchte das Klohäusl am liebsten verlassen. Doch dann würde man hineinplatzen in den Streit, das würde das Ganze noch peinlicher machen. Also bleiben sie stehen und verhalten sich leise.

Wohl oder übel werden sie dadurch Zeugen eines Streitgespräches, welches von heftigem Gestikulieren begleitet wird. Lediglich einzelne Wörter sind daraus verständlich zu entnehmen, worum es geht, bleibt schleierhaft. Zweimal meint der Onkel Franz „verkaufen“ zu hören, von „Russen“ ist die Rede und das Wort „Supermarkt“ fällt. Einen Reim können sich die unfreiwilligen Zuhörer nicht darauf machen, klar ist einzig, dass die Wirtsleute über irgendetwas offensichtlich vehement verschiedener Meinung sind. Und worüber wohl auch keine Einigung erzielt werden kann. Denn als Sepp Birnbacher nach einer abfälligen Handbewegung wieder im Haus verschwindet und die Tür hinter sich ins Schloss krachen lässt, bleibt seine Frau zurück und bricht in Tränen aus. Nachdem sie sich wieder halbwegs gefasst hat, strafft sie sich und verlässt ebenfalls die Bühne. Zurück bleiben zwei etwas peinlich berührte Herren, die nach ein paar Minuten taktischer Wartezeit an ihren Tisch zurückkehren, um bei einer nun noch grantigeren Wirtin ihre Zeche zu begleichen.


Auf dem Nachhauseweg haben der Onkel Franz und der Albert noch versucht, ihre Beobachtung zu analysieren. Was aufgrund der vier Krügerl Most, die ein jeder zu sich genommen hat, nicht von scharfer Logik allein geprägt war. Aus selbigem Grund haben sie dabei ihre Räder auch geschoben auf dem schmalen Weg, der durch das kleine Waldstück führt, welches hinter der Schänke liegt. Am Hof vom Haslinger vorbei erstreckt es sich bis zum Beginn jener Ansiedlung, in der der Onkel wohnt. Dort hat er ein kleines Häuschen, das vom Albert steht ein paar Straßen weiter. Mittlerweile ist die kleine Ortschaft aufgrund der regen Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte mit der Bezirkshauptstadt beinahe zusammengewachsen. Bereits im Jahr 1938 wurde sie dieser eingemeindet, was die Stadtväter freut, da diese Tatsache der Gemeinde bis heute erhebliche Einnahmen an Kommunalsteuer beschert. Damals wurde nämlich am Ortsrand ein Metallwerk gegründet, das sich mittlerweile zu einem der größten Arbeitgeber der Region entwickelt hat. Auch der Onkel und der Albert waren vor ihrer Pensionierung dort tätig.

„Was hat der Birnbacher bloß mit ‚Russen‘ gemeint?“, grübelt der Albert tags drauf im Gastgarten vom Egger-Wirt. Stammtisch ist heute nicht, er hat den Onkel Franz um ein außerordentliches Treffen gebeten. Der hat die Ereignisse des Vorabends eigentlich schon wieder ad acta gelegt, und zwar unter „G“ wie „Geht mich nix an“. Ganz anders sein Spezi. Von Natur aus neugierig und in seinem Pensionisten-Alltag anscheinend nicht ausgelastet, lässt ihm die Sache keine Ruhe.

„Vielleicht was zum Essen?“, schlägt der Onkel eher scherzhaft vor.

„Wie bitte, was meinst?“

„Na, einen Russen halt. Einen Gabelroller. Rollmops sagen d’ Preussen.“

„Glaubst?“, zieht der Albert den Vorschlag ernsthaft in Betracht und geht weiter darauf ein. „Ja, warum nicht, das könnt sein. Dass sie vielleicht sowas auf die Karte setzen wollt, er war dagegen. Oder, anders: ‚Supermarkt‘ und ‚verkaufen‘ hat er ja auch gesagt, gell. Dann war er wahrscheinlich dagegen, dass man die Russen im Supermarkt kauft, im Glasl, wo man doch nur Eigenproduziertes verkaufen darf als Mostschänke und …“

„Geh, so ein Blödsinn“, unterbricht ihn der Onkel Franz in seinem Wortschwall, „wegen so was streitet man sich doch nicht derartig. Und außerdem geht’s uns nix an. Aber ist trotzdem eine gute Idee.“

„Was?“

„Na, so ein Russ’. So einen bestell ich mir jetzt, der richt’ den Magen wieder ein, heißt’s.“

Nachdem die Resi diese Bestellung aufgenommen hat – der Albert hat sich angeschlossen – betritt ein neuer Gast den Biergarten. Er grüßt freundlich, man kennt sich. Es ist der Hausleitner Thomas, Gruppeninspektor der örtlichen Polizeiwache. Allseits beliebt, weil nicht besonders streng in der Auslegung der Gesetze. Gemütlich halt. Ähnlich flexibel ist auch sein Zugang zur dienstlichen Verschwiegenheit. Diese Richtlinie hat der Hausleitner schon immer eher für einen Vorschlag gehalten. Er nimmt am Nebentisch Platz und bestellt sich ein Seiterl Bier. Prostet den beiden Freunden zu und sagt: „So, das brauch ich jetzt. Den ganzen Vormittag hat mich der Mostbauer sekkiert wegen seiner Frau.“

Der Albert spitzt die Ohren. „Mostbauer? Welcher? Der Birnbacher?“

„Ja, genau, der. Eine Vermisstenanzeige wollt er aufgeben. Weil sie verschwunden wär, seine Gattin. Wann, hab ich g’fragt. Sagt er: Letzte Nacht. Sag ich: Wird halt bei einer Freundin sein oder sonst wo. Er soll morgen wieder kommen, wenn’s dann immer noch nicht da ist. Morgen hab ich nämlich keinen Dienst, verstehst?“

Dabei zwinkert er dem Onkel Franz zu. Nach einem Schluck Bier berichtet er weiter.

„Der Birnbacher aber gibt keine Ruh. Sagt, er glaubt, es wär ihr was passiert, sie war noch nie weg. Frag ich: Habt’s vielleicht gestritten, dass sie deshalb weg ist? Gestritten, meint er drauf, hätten s’ noch nie. Kein einziges böses Wort, sowas käm bei ihnen nicht vor. Drum wär er ja so beunruhigt. Bis zu meinem Dienstschluss hat mich der genervt, dann hab ich an einen Kollegen übergeben, soll sich der jetzt damit plagen.“

Bei den letzten Sätzen des Polizisten schauen sich der Albert und der Onkel bedeutungsvoll an.

Dem Albert kann man an den Augen ablesen, dass er drauf und dran ist, von ihrer gestrigen Beobachtung zu erzählen. Der Onkel hindert ihn allerdings daran, indem er ihn scharf anschaut und unterm Tisch auf den Fuß tritt. Er hat nämlich keine Lust, in irgendeiner Form an der Sache teilzuhaben. Es kostet einiges an nonverbaler Überredungskunst, den Albert im Zaum zu halten, bis der Polizist sich wieder verabschiedet. Doch der Onkel Franz schafft es. Kaum sind die beiden aber wieder allein, platzt es aus seinem Spezi heraus.

„Franzl, da ist was faul! Von wegen nicht streiten. Da ist was passiert, glaub’s mir. Das hätten wir dem Hausleitner sagen müssen.“

„Ah, woher. Was soll denn passiert sein. Die kommt schon wieder, wirst sehen. Und noch einmal, Albert, das geht uns nix an.“

Als die Resi dann etwas später auch bei den beiden abkassiert, zeigt sich, dass einer altgedienten Kellnerin wie ihr grundsätzlich nichts entgeht, was sich in ihrem Revier abspielt. Nachdem sie sich – wie üblich – mit Block und Stift zu den beiden gesetzt hat, trägt sie nämlich ganz nebenbei das Ihre zum Thema bei.

„Also, wenn mich wer fragt, davong’laufen is’ ihm, die Birnbacherin! Aber gar nicht so weit weg, könnt ich mir vorstellen.“

Auf die Nachfrage vom Onkel Franz, wie denn das zu verstehen sei, beginnt sie mit einem ausführlichen Bericht über das Vorleben der Verschwundenen.

3

„Sag, musst du jetzt essen?“ Der Albert schüttelt den Kopf, während er mit einem Stofftaschentuch die Linsen seines Feldstechers putzt. Nach der polizeilichen Information über das, wie er sich ausdrückt, „mysteriöse“ Verschwinden der Mostbäuerin und der Mutmaßung der Resi, dass sie vielleicht noch ganz in der Nähe, nämlich wieder bei ihrem ersten Mann, sein könnte, hat der Albert zwei Tage lang keine Ruhe gegeben. Ist dem Onkel Franz so lange damit in den Ohren gelegen, bis der schließlich nachgegeben hat. Und so haben die beiden nun gerade ihren Beobachtungsposten im Buchenwald hinterm Hof vom Haslinger bezogen. Der Onkel hält noch immer nichts von der Sache. Obwohl, wenn er der Typ wäre, etwas zuzugeben – was er nicht ist – müsste er jetzt schon einräumen, dass er mittlerweile auch ein bisserl neugierig geworden ist.

Er erachtet halt dieses Indianerspielen hier im Wald als eigentlich nicht mit der Würde seiner Person und seines Alters vereinbar, aber was soll’s. Zumindest eine Jause nehm ich mir mit, hat er sich gedacht und sich vorher noch beim Metzger seines Vertrauens eine frisch angemachte Essigwurscht ins mitgebrachte Tupper-Doserl abfüllen lassen. Eine Scheibe Brot sowie ein gut gekühltes Flascherl Bier hat er von zu Hause mitgebracht, nur auf eine Gabel hat er vergessen. Muss es halt sein Schweizermesser tun, das hat er sowieso immer bei sich.

Der Albert hat sich da schon besser auf die abendliche Aktion vorbereitet. Fernglas, Notizblock nebst Kugelschreiber und sein Smartphone packt er aus. Ein Geschenk seiner Frau, von letztem Weihnachten. Seither geht er dem Onkel damit auf die Nerven, vor allem die Foto-App hat es ihm angetan. Mit deren Hilfe macht er jetzt Testaufnahmen, um den günstigsten Winkel für seine Beweisfotos herauszufinden, wie er sagt.

„Jetzt tu einmal dein blödes Telefon weg, was glaubst denn, gibt’s da heut zum Fotografieren?“

„Jetzt lass mich, am Stammtisch hast mir’s eh verboten, da werd ich doch wenigstens jetzt …“

Weiter kommt der Albert nicht, denn er wird von einem dröhnenden Motorengeräusch unterbrochen.

„Was ist jetzt das?“

Der Onkel Franz hätte sich beinahe verschluckt, so laut ist der Achtzylinder, der gerade beim Haslinger auf den Hof fährt.

„Pontiac Firebird. Trans Am, schätzungsweise Baujahr 77. Schwarz mit goldenem Adler auf der Motorhaube, der Klassiker.“

Da kennt er sich aus, der Albert. Hat den dazugehörigen Film mit Burt Reynolds schon x-mal gesehen, aber vor allem jede Folge der amerikanischen Serie „Detektiv Rockford – Anruf genügt“ mit James Garner in der Hauptrolle. Drum wohl auch jetzt seine kriminalistische Ader.

„Hint’ und vorn kein Geld“, sagt drauf der Onkel Franz zwischen zwei Bissen Essigwurscht, „aber ein sauteures Auto fahren, das schaut ihm ähnlich, dem Haslinger.“

„Franz, nicht so laut!“, sagt der Albert viel zu laut. Und darauf, deutlich leiser: „Außerdem, so teuer sind die nicht mehr. Und schau, das ist ja überhaupt nicht der Haslinger.“

Er gibt dem Onkel den Feldstecher. Selbst knipst er drauflos mit seinem Fotohandy, als jetzt der Fahrer aussteigt. Das erste, was man sieht, sind prächtige Cowboy-Stiefel, passend zum Auto. Schwarz, verziert mit goldenen Adlerflügeln. Lederjacke und streng nach hinten gegeltes Haar vervollständigen das Bild. Dazu passt auch, dass der seltsame Vogel trotz der einsetzenden Dämmerung eine verspiegelte Sonnenbrille aufhat. Nun öffnet sich auch die Haustür, heraus kommt der Haslinger Alois. Eigentlich hatte er ja die Hoffnung gehabt, die verschwundene Birnbacher Karin ablichten zu können, aber was sich dem Albert da jetzt auf dem Display seines Smartphones zeigt, ist auch nicht ohne. Er wechselt in den Kamera-Modus. Auch der Onkel Franz unterbricht kurz seine Jause und dreht an der Schärfeneinstellung des Fernglases.

Wenn sie auch erst vor ein paar Tagen – damals unfreiwillig – einen halbwegs heftigen Streit beobachtet haben, was ihnen jetzt geboten wird, übertrifft das bei Weitem. Nachdem der Besucher gestikulierend auf den Haslinger eingeredet hat, geht der zurück ins Haus, um kurz darauf mit einem braunen Papiersackerl wieder herauszukommen. Übergibt es dem Mann, der öffnet es, schaut hinein. Augenscheinlich ist er aber mit dem Inhalt nicht zufrieden. Er schreit den anderen an, spuckt vor ihm auf den Boden. Was er sagt, ist auf die Entfernung nicht zu verstehen, einen gewissen Akzent glaubt der Albert aber zu erkennen. Während er noch versucht diesen einzuordnen, eskaliert die Situation. Der Mann mit der Lederjacke hat plötzlich ein Messer in der Hand, fuchtelt damit dem Haslinger vorm Gesicht herum. Dabei stößt er heftige Drohungen aus. Kurz darauf steigt er – mit dem Messer in der einen, dem Packerl in der anderen Hand – in sein Auto und braust davon. Zurück bleiben ein wie versteinert dastehender Alois Haslinger vor seinem Haus und zwei nicht minder geschockte heimliche Beobachter im Unterholz.


Warum, denkt sich der Onkel Franz, hab ich die Tasche gestern nicht noch selbst ausgeräumt, Herrschaftszeiten noch einmal! Als er am Vorabend heimgekommen ist von seinem unfreiwilligen Detektiveinsatz, ist der Onkel nämlich – nachdem er sich auf den Schreck noch schnell ein Betthupferl-Weißbier genehmigt hat – gleich schlafen gegangen. Seine lederne Tasche hat er, ganz entgegen seiner Gewohnheiten, einfach in der Küche stehen lassen und so hat es seine Frau übernommen, den Inhalt zu inspizieren. Nicht ungewöhnlich im ehelichen Umgang der beiden miteinander. Der ist nämlich zuallererst geprägt von gegenseitigem Vertrauen. Der Onkel hat noch nie etwas zu verbergen gehabt vor seiner Frau, umgekehrt verhält es sich genauso. Drum ist es für die Tante nun auch ganz selbstverständlich, beim morgendlichen Aufräumen die Tasche zu öffnen. Könnt ja was drinnen sein, das in den Kühlschrank gehört oder gewaschen werden muss, was auch immer. Doch was sie heute daraus zu Tage fördert, gibt Anlass zu der einen oder anderen Frage.

„Sag, seit wann haben wir ein Fernglas, Franzl?“

„G’hört dem Albert“, antwortet der Onkel wahrheitsgemäß.

„Und was hast jetzt mit dem vor?“

Angelogen hat er sie noch nie, seine Frau. Wieso auch. Aber ihr jetzt von der gestrigen Aktion zu erzählen kommt für ihn dennoch nicht in Frage. Würde sie nur beunruhigen, ihm ist ja selbst noch nicht klar, was er von der ganzen Geschichte halten soll. Bleibt als Ausweg also nur noch die kleine Schwester der Lüge, die Schwindelei.

„Vögel“, sagt er, weil ihm nichts Besseres einfällt, „Vögel beobachten. Seltene.“

„Aha“, die Tante schüttelt den Kopf, „Vögel, soso.“

„Ja, weil du doch eh immer sagst, ich bräucht ein Hobby.“

Recht gut kann sie ihn sich nicht vorstellen, ihren Mann, wie er in den Inn-Auen als Hobby-Ornithologe umherstreift. Aber die Tante ist eine kluge Frau, sie lässt es vorerst dabei bewenden. Außerdem taucht aus den Tiefen der Tasche bereits ein weiteres Objekt auf, das Fragen aufwirft.

„Jägermeister? Du? Seit wann?“

„Ach, Schmarrn“, antwortet der Onkel Franz, froh, dass er hier bei der Wahrheit bleiben kann, „das ist ein Kürbiskernöl, steht eh drauf. Aus’m Innviertel, vom Haslinger-Bauern. Probierflascherl, hat er mir neulich am Wochenmarkt mit’geben.“

„Da schau her“, die Tante ist anscheinend informiert, „das ist doch der, der sich letztes Jahr zwei Straußen angeschafft hat. Züchten wollt’ er. Hat aber nicht recht funktioniert. Weil’s zwei Weiberl waren.“

Beide lachen. Als sie kurz darauf weiterredet, klingt ihre Stimme nun aber ein wenig besorgt. „Ganz was anderes Franzl, bist du gestern hing’fallen? Deine Hosen und dein Janker sind hinten ganz schmutzig. Hast dir hoffentlich nicht weh getan?“

Auweh, das muss am Abend im Wald passiert sein, da wird jetzt wohl oder übel die nächste Schwindelei fällig.

„Das? Ach so, da war wohl die Bank dreckig. Also die, wo ich mich hingesetzt hab zum Rasten. Auf’m Heimweg. Weißt eh, durchs Buchenweidl, da geht’s a Stückerl bergauf, das ist anstrengend mit’m Radl. Hab ich also a bisserl verschnaufen müssen. Da wird das wohl passiert sein.“

Der Onkel ist halbwegs stolz auf seine kreative Ausrede. Muss einem erst einmal einfallen, so auf die Schnelle. Seine Frau ist jetzt allerdings erst recht in Sorge.

„Das kleine Hügerl? Da hast’ doch noch nie Probleme g’habt. Meinst ist was mit’m Herz? Sollst’ vielleicht doch einmal zum Doktor? Zeit wär’s, in deinem Alter.“

Zefix, das ist jetzt nach hinten losgegangen. Solange er beschwerdefrei war, hat sie seine Abneigung gegen Vorsorgeuntersuchungen immer respektiert. Aber jetzt, da er selbst zugibt – was äußerst unüblich ist beim Onkel – nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie gewohnt, da sieht sie sich als Gattin in der Pflicht, auf ihn einzuwirken.

„Glaub mir’s, Franzl, eine Untersuchung kann nicht schaden. Und vielleicht sollt ich bei deiner Ernährung auch ein bisserl was ändern. Nimmer ganz so fett, öfter einmal einen Fisch, viel Gemüse. Und das mit dem Kürbiskernöl, das ist gar keine so schlechte Idee. Soll gut sein für die Prostata. Na, was meinst?“

Der Onkel Franz ist entsetzt. Was ihm seine kleine Notlüge da an Konsequenzen einzubringen droht, überfordert ihn für einen Moment. Schnell fängt er sich aber wieder. Wenn die Sorge um ihn auch echt ist, hat er seine Frau nun dennoch im Verdacht, ein wenig dicker aufzutragen als nötig. Er kennt sie, es wär nicht das erste Mal. Innerlich hat sie jetzt womöglich eine diebische Freude an seinem dummen Gesicht. Sie selbst macht dabei aber eine todernste Mine und lässt ihn auch so schnell nicht vom Haken.

„Ich könnt dir ja auch einmal ein leichtes Weißbier mitbringen vom Einkaufen oder gleich ein alkoholfreies, soll auch nicht anders schmecken.“

Jetzt ist er sich ganz sicher, dass sie ihn aufzieht. Das kann sie ja nicht ernst meinen. Während er noch überlegt, ob er weiter mitspielen oder ein Machtwort sprechen soll, wechselt seine Frau das Thema. Sie hat nämlich die Tupper-Dose entdeckt, die, in der der Onkel die Observations-Essigwurscht transportiert hat. Nach einem Geschmacks- und Geruchstests ist ihr schnell klar, welchen Inhalt das Plastik-Geschirr gehabt haben muss.

„Essigwurscht, aha. Aber nicht von mir?“

Keine Frage, eine Feststellung. Und auch ein gewisser Vorwurf.

„Vom Metzger“, antwortet der Onkel Franz, „vom Radlinger.“

„Eine fertige? Sowas isst du?“

„A woher fertig. Hausg’macht.“

„Aber fertig.“

„Ja, schon, aber ganz frisch. Vom selben Tag. Schmeckt wie d…“

Er verstummt augenblicklich. Gefährliches Terrain. Ja nicht vergleichen. Schlechte Idee.

„Was wolltest sagen?“

„Dass, … dass der Radlinger schon ein guter Metzger …, also von der Qualität her. Aber kein Vergleich zu deiner Essigwurscht. War halt eine Notlösung. Zum Mitnehmen. Zum Ding, … zum Vögelbeobachten, weißt’?“

Fast wär er ins Stottern gekommen, der Onkel Franz, er glaubt sich selbst kein Wort. Die Tante erklärt das Verhör für beendet, indem sie ihm den Rücken zudreht und zur Küchenzeile geht. Wohl um das Gschirrl in der Abwasch zu versorgen. Oder damit ihr Mann das leichte Schmunzeln in ihrem Gesicht nicht sieht.


Das Kreuz tut ihm ordentlich weh, dem Onkel Franz, vom vielen Bücken. Aber er beißt die Zähne zusammen und lässt keinen Laut des Jammerns, auch nicht das leiseste Stöhnen hören. Da hab ich mir was eingebrockt, denkt er sich, selber schuld. Um seinen tadellosen körperlichen Zustand unter Beweis zu stellen und so die Bedenken seiner Frau im Keim zu ersticken, hat er nämlich aktiv angeboten, ihr bei der Gartenarbeit zu assistieren. Nicht, dass er sonst nicht helfen würde, meist aber erst nach Aufforderung. Und so steht er nun in Gummistiefeln am Gartenzaun, um das dort befindliche Gemüsebeet für die Neubepflanzung vorzubereiten. Und das heißt, Unkraut samt hartnäckigen Wurzeln entfernen und die Erde umgraben, beides schweißtreibende Arbeiten. Die er aber gern auf sich nimmt, wenn er die Tante damit nur von diesem Schmarrn von wegen Arztbesuch, gesunder Ernährung und alkoholfreiem Weißbier abbringen kann. Weil so ganz ist er sich dann doch nicht sicher, ob sie ihn damit nur ein bisserl sekkieren wollte oder ob er mit weiteren Vorschlägen dieser Art zu rechnen hat. Drum legt er sich jetzt so ins Zeug, ganz nach dem Motto: Jetzt schau dir an, liebe Frau, wie gut ich noch beieinander bin, fast wie ein Junger. Pumperlg’sund und bei tadelloser Kondition, was braucht’s da einen Doktor oder gar eine Schmalkost!

Die Tante, sonst immer selbst kaum zu bremsen bei der Gartenarbeit, lässt es heute etwas ruhiger angehen. Lehnt gemütlich mit verschränkten Armen an der Gartensäule und dirigiert ihren ungewohnt fleißigen Gehilfen mit Anweisungen wie: „Schau, Franzl, da hinten, der Löwenzahn muss auch noch weg“, oder, „Rechts a bisserl tiefer umgraben bitte, da sollen d’ Erdäpfl hin“. Dazwischen wechselt sie auch immer wieder ein paar Sätze mit der Nachbarin. Die ist grad beim Teppichklopfen und hält mit ihr über den Gartenzaun hinweg das, was man heute neudeutsch „Smalltalk“ nennt. Wenn ihm seine Frau dabei ab und zu den Rücken zukehrt, nutzt der Onkel Franz die Gelegenheit, sich unauffällig zu strecken und kurz zu verschnaufen. Und eben dabei sieht und hört er jetzt – zu seiner Überraschung – dieses schwarze amerikanische Auto von neulich, das mit dem protzigen Adler auf der Haube, langsam seine Wohnstraße hinunterfahren. Ob der mich sucht?, kommt ihm ganz kurz in den Sinn, ein leichtes Kribbeln wandert seinen Nacken hinauf. Vor seinem geistigen Auge taucht dabei die Szene mit dem Messer auf. Aber nein, Blödsinn, beruhigt er sich, der kann uns nicht gesehen haben. Hat nicht einmal in unsere Richtung geschaut, außerdem sind wir leise gewesen. Und besonders hell war’s auch nicht mehr.

Aber eine andere Idee kommt ihm. Nämlich die, dass das jetzt die Gelegenheit ist, ganz beiläufig herauszufinden, wer der Bursche überhaupt ist. Schon seine Frau kennt die meisten Leute aus der Gegend, aber die Nachbarin, die ist ein wandelndes Lexikon, was Gesichter und Namen und die dazugehörigen Geschichten betrifft. Kennt jeden, sieht alles, weiß alles. Oder glaubt zumindest, alles zu wissen. Sie ist das, was man im Innviertel umgangssprachlich als „Quadratratschen“ bezeichnet. Ein Umstand, der den Onkel schon des Öfteren geärgert hat, aber jetzt kommt er ihm gelegen. Er unterbricht seine Arbeit nun ganz offiziell und schaut, wie die beiden Frauen, dem auffälligen Auto hinterher.

„Da schau her“, sagt er, „is der Zirkus in der Stadt?“ Und zur Nachbarin gewandt: „Wer war jetzt das, kennst du den?“

Da ist er bei der Teppichklopferin an der richtigen Adresse. Die kommt nun ganz an den Zaun heran und beginnt einen längeren Monolog.

„Der? Was, das weißt du nicht? Das war der Kirov Ludwig. Seine Mutter, die kennst bestimmt, die Anneliese. So eine Blondg’färbte. Sitzt draußen im Supermarkt an der Kassa. Ihr Mann ist schon länger weg, der ist ihr davon. Hat s’ mit’m Kind sitzen lassen. Der Bub war dann schon in der Schul eine Pfeifen, hat nix zusammen’bracht. Lehre abgebrochen, Gelegenheitsjobs, sowas halt. Aber wie er sich dann selbstständig gemacht hat, der Wickerl, da ist es aufwärts gegangen. Immobilien, Anlageberatung, Import-Export, sowas halt. Keine schlechte Karriere für so einen Banater-Bub.“

Der letzte Satz reizt den Onkel zur Gegenrede, er mag solche Vorurteile nicht. Aber er schluckt den Impuls hinunter, um die Informationsquelle nicht zum Versiegen zu bringen. Hier ist scheinbar etwas zu erfahren.

„Banater, aha. Woher?“

„Aus’m Rumänischen glaub ich. Donauschwaben halt. Aber schon sein Großvater ist als junger Bursch da zu uns her’kommen. Da hinten in der Siedlung wohnt der heut noch und züchtet Hasen. Komischer Kauz. Aber der Bub ist in Ordnung. Kennt sich aus mit’m Geld. Hat mir erst neulich meine Versicherungen optimiert. Solltet ihr auch einmal machen lassen, zahlt sich aus. Wart, irgendwo hab ich noch das Karterl.“

Sie kramt in den Taschen ihrer Kleiderschürze herum und fördert nach einigem Suchen tatsächlich eine etwas verwuzelte Visitenkarte zutage. Gibt sie dem Onkel, der sie aufmerksam in Augenschein nimmt. Schwarz ist das Ding, mit einem roten Stern drauf. Der wiederum flankiert wird von goldenen Flügeln. Dann der Name: „Boris Kirov“. Darunter: „Immobilien – Anlageberatung – Import/Export“. Dazu Adresse und Mobilnummer.

„Ich hab mir gedacht, der heißt Ludwig? Wieso jetzt Boris?“

„Ja, weißt, das ist so eine Spinnerei von dem Wickerl.“ Die Nachbarin ist tatsächlich bestens informiert. „Schon als Bub hat er immer behauptet, dass er ein Russe wär. Wenn sie ihn sekkiert haben von wegen Banater und so. Kinder können halt bös sein, gell.“

Du musst grad reden, denkt sich der Onkel Franz.

„Naja, wahrscheinlich hat er gedacht, vor so einem Russen, da hätten s’ mehr Respekt. Hat man ja früher wirklich geglaubt, dass er recht wild und gefährlich ist, der Russ’ an sich. Hat sich damals sogar einen russischen Akzent angewöhnt, der Kirov Wickerl, den hat er heut noch. Bisserl seltsam. Aber mit Geldgeschäften, da kennt er sich aus. Ruf ihn doch einmal an, dass er sich eure Finanzen anschaut, das zahlt sich aus, glaub’s mir.“

Ja, genau, soweit kommt’s noch, denkt sich der Onkel. Nach allem, was ich gesehen hab, ist der nicht so harmlos, wie du glaubst, dieser Kirov. Die Karte steckt er trotzdem ein. Da wird er schau’n, der Albert, was ich rausgefunden hab, sagt er im Stillen zu sich selbst. Und darauf laut zu seiner Gattin: „So, genug Bauernhof für heut, jetzt mag ich eine Jause und ein Weißbier. Aber ein echtes!“

4

„Ich hab mir gedacht, das geht uns nix an?“

Diese Frage stellt der Albert dem Onkel Franz, während die beiden ihre Räder durch den Buchenwald schieben. Der hat ihm nämlich gerade berichtet, was er von der Nachbarin erfahren hat, und man war sich daraufhin einig, dass es nicht schaden könnte, noch einmal beim Birnbacher auf einen Most einzukehren.

„Ja, na eh, eigentlich. Aber interessant wär’s schon, was da los ist, bei den zwei Bauern.“

Der Onkel besteht nach wie vor darauf, nicht neugierig zu sein und – ganz im Gegenteil zum Albert – keine Lust auf irgendwelche Detektiv-Spielereien zu haben. Er will’s halt nur wissen. Zuvor, nach ihrer abendlichen Beobachtung, hatten die beiden Freunde noch darüber beratschlagt, ob man nicht den Hausleitner informieren müsste über das, was man gesehen hat. Sind aber dann zu dem Ergebnis gekommen, dass das, was man zu berichten hätte, noch deutlich zu dünn wäre, um damit zur Polizei zu laufen. Ein Streit zweier Eheleute, worum es ging, keine Ahnung, und die abendliche Auseinandersetzung des Nachbarbauern mit dem Kirov, Inhalt ebenfalls unbekannt. Gut, das Messer, aber seid ihr euch da schon sicher? Könnt es nicht was anderes gewesen sein. Ich mein, auf die Entfernung? Was, mit einem Fernglas? Was macht jetzt ihr auf d’Nacht im Wald mit einem …

Nachdem sie diese Fragen, die der Hausleitner ihnen wahrscheinlich so oder so ähnlich stellen würde, im Geist durchgespielt haben, ist klar: Zur Polizei, wenn überhaupt, dann erst, sobald es was Handfestes zu berichten gibt.

Der Spazierweg durch den Wald führt entlang an einem kleinen Bachlauf, vorbei an zwei Fischweihern und dem sogenannten „Hexenhäusl“. Ein abbruchreifes kleines Haus mit leeren Fensterhöhlen und grob mit Brettern zugenagelten Türen. Der hintere hölzerne Anbau der Ruine hängt merkwürdig schief am Mauerwerk dran und wird wahrscheinlich nach dem nächsten Sturm ganz in sich zusammenkrachen. Vor Jahrzehnten hat hier die alte Frau Gramberger gewohnt, eine Kriegswitwe. Schon damals hat das Haus von den Kindern des Ortes seinen Spitznamen bekommen und die Frau Gramberger war die Hexe. Man muss zugeben, sie hat wirklich so ausgeschaut. Eine schwarze Katze hat sie auch gehabt, und ständig war sie mit einem Reisigbesen rund ums Haus zugange. Und obwohl oder gerade weil die Kinder Angst vor ihr hatten, galt es im Dorf als Mutprobe, der alten Frau Streiche zu spielen. Dumme Streiche, wie etwa mit einem Stock über den Zaun gegen die Tür zu klopfen und dann wegzulaufen oder gar rohe Eier gegen die Hauswand zu werfen. Was auch immer, es galt schon als Heldentat, sich dem Hexenhäusl und seiner bösen Besitzerin überhaupt zu nähern. Dabei war die alte Frau in Wirklichkeit gar nicht böse. Aber mit der Zeit wurde sie es. Durch die Blödheiten der Kinder, den Tratsch der Erwachsenen und durch den ihr offiziell verliehenen Titel „alte Hexe“ wurde die Grambergerin immer unleidlicher und beschimpfte zum Schluss reflexartig jeden, der sich ihrem Haus auch nur näherte.

Ewig her. Aber der Onkel Franz kann sich noch gut daran erinnern. Seit dem Tod der alten, kinderlosen Frau steht das Haus nun leer und verfällt. Ein-, zweimal im Jahr kommt jemand – so hört man – in einem Auto mit Salzburger Kennzeichen und nagelt dort und da, wo Jugendliche oder Obdachlose ein paar Bretter entfernt haben, die Eingänge notdürftig wieder zu. Oder befestigt das Betretenverboten-Schild wieder, wenn es heruntergerissen wurde. Irgendein entfernter Verwandter hat das Häusl wohl geerbt, dürfte aber kein allzu großes Interesse an dem Objekt haben. Und bei diesen halbherzigen Sicherungsmaßnahmen geht es wahrscheinlich darum, dem Gesetz in minimalster Form Genüge zu tun. Von wegen Gemeingefährdung oder so. Wie auch immer, im Sprachgebrauch der Ortsansässigen wird es noch immer das „Hexenhäusl“ genannt und immer noch geht irgendwie eine leicht unheimliche Aura von dem Gebäude aus.

Während der Onkel diesen Gedanken noch nachhängt, haben er und der Albert nun ihr Ziel erreicht. Vorbei an ihrem vorgestrigen Beobachtungsposten hinterm Haslingerbauern treffen sie bei der Mostschänke ein. Gäste sitzen keine im Garten vor dem Haus, auch der Wirt ist nicht zu sehen. Die beiden lehnen trotzdem ihre Räder an den dafür vorgesehenen Balken und setzen sich an denselben Tisch wie schon vor einigen Tagen.

„Ich glaub, da ist heut zu“, meint der Albert gerade, als der Birnbacher aus der Tür tritt.

„Richtig geraten“, sagt der drauf, „seit meine Frau weg ist. Kellnerin kriegst ja keine und allein ist das hier nicht zu machen.“

„Ist sie noch immer nicht aufgetaucht?“, erkundigt sich der Onkel Franz. „Das tut mir leid.“

Der sonst eher nicht so zugängliche Mostbauer setzt sich daraufhin zu den beiden und atmet schwer aus. Der Mann sieht nicht gut aus, hat dunkle Ringe unter den Augen und eine fahle Gesichtsfarbe. Auch seine Stimme klingt brüchig.

„Ich weiß wirklich nimmer, was ich machen soll. Der Betrieb steht und um die Karin mach ich mir auch große Sorgen. Kein Lebenszeichen, keine Nachricht, nix. Selbst, wenn sie mir davon ist, was viele glauben, irgendwas hätt s’ doch sicher hören lassen. Nein, nein, da ist was passiert.“

Unvermittelt steht er auf und geht ins Haus.

„Der war jetzt aber gesprächig“, meint der Onkel. „Ich mein, dafür, dass wir uns nicht wirklich gut kennen. Und Stammgäste sind wir ja jetzt auch nicht grade.“

„Da hast’ recht“, stimmt ihm der Albert zu, „und dann geht er einfach, komisch.“

Während sie noch darüber nachdenken, wieder zu gehen, kommt der Wirt zurück. Auf einem Tablett bringt er drei Krügerl Most und ein Holzbrettl mit Brot, Speck und Käse an den Tisch. Setzt sich wieder dazu und sagt, während er sein Glas hebt, nur: „Geht aufs Haus, Prost.“

Der Most ist gut, und der Onkel Franz sagt das auch. Worauf der Birnbacher über seine Philosophie in Bezug auf Qualität und Sorgfalt bei der Herstellung zu referieren beginnt. Die umliegenden Supermärkte, aber vor allem das Fast-Food-Lokal beschimpft er im Anschluss leidenschaftlich. Umzingelt wäre man von diesen Ketten und der einzige Bauer, der außer ihm selbst hier noch die Stellung hält, der Haslinger, der sei ein Vollidiot, wie er im Buche steht.

„Hört sich nicht grad nach guter Nachbarschaft an“, versucht der Albert den Wirt zum Weiterreden zu bringen, „hast’ Probleme mit ihm?“

Der Birnbacher wirft ihm einen scharfen Blick zu, scheint nachzudenken, wie er auf diese direkte Frage reagieren soll. Der Onkel befürchtet schon, dass der Vorstoß vom Albert zu plump war und nun gar nichts mehr aus dem anderen herauszubekommen wäre. Wahrscheinlich schmeißt er uns jetzt gleich raus, denkt er sich gerade, als der Birnbacher doch wieder zu reden beginnt. Von seiner Frau erzählt er und wie sie zusammengekommen sind. Der Haslinger hat es ihm nie verziehen, dass er ihm die Karin ausgespannt hat, das könne er natürlich verstehen. Aber irgendwann, habe er sich gedacht, müsse auch wieder einmal eine Ruh sein. Aber von wegen. Der Nachbar habe ihnen ihr Glück nicht gegönnt und sie mit seinen Blödheiten sekkiert, wo er nur konnte. Sei es, dass er absichtlich seinen Mist genau dann an der Grundgrenze ausgebracht hat, wenn der Wind gerade in Richtung des Gastgartens stand und somit die Gäste ausgeblieben sind, oder dass er dubiose Wegerechte erfand und geltend machen wollte, die die Zufahrt zur Mostschänke verhindert hätten. Selbst vor Urkundenfälschung habe er dabei nicht zurückgeschreckt.

Dem Onkel Franz liegt nun schon länger eine Frage auf der Zunge. Nämlich die, ob an der Vermutung der Resi, dass die Birnbacherin wieder bei ihrem ersten Mann sein könnte, etwas dran ist. Er schluckt sie aber hinunter, diese Frage. Erstens, weil er keine Idee hat, wie er sie halbwegs diplomatisch formulieren soll, und zweitens, weil er selbst nicht mehr so recht daran glaubt. Denn die Frau hätte sich dann ja tagelang in unmittelbarer Nachbarschaft versteckt. Unwahrscheinlich. Sollte sie wirklich wieder mit dem Haslinger beisammen sein wollen, müsste sie sich ohnehin früher oder später zeigen. Währen dieser Überlegungen fällt der Blick des Onkels auf den Albert. Und weil er seinen Spezi gut kennt und dessen Mimik befürchten lässt, dass dieser nun seinerseits gerade drauf und dran ist, dem Wirt eben jene oder eine ähnliche Frage zu stellen, greift er ein. Und nimmt einen Gedanken auf, der ihm kurz zuvor gekommen ist.

„Eine Kellnerin wüsst’ ich schon“, sagt er zum Birnbacher, „zumindest für die nächste Woche. Die Resi vom Egger. Der hat nämlich ab übermorgen Betriebsurlaub. Wenn dir das helfen tät, red ich mit ihr.“

Die Mine des anderen hellt sich etwas auf.

„Und ob mir das helfen würd. Bis in einer Woche find ich vielleicht Ersatz. Oder die Karin ist dann wieder …“ Er spricht den Satz nicht zu Ende und starrt wieder düster ins Leere.


„Ich, beim Birnbacher, dem alten Grantler? Das kannst vergessen.“

Die Resi schüttelt energisch den Kopf. „Außerdem hab ich mir auch einmal einen Urlaub verdient, oder nicht?“

„Geh, Resi“, versucht der Onkel Franz die Kellnerin von seiner Idee zu überzeugen, „jetzt sag schon ja. Schließlich hast du uns ja den Floh ins Ohr gesetzt.“

Die Resi stellt das Tablett mit den zwei Biergläsern ab und stemmt die Hände in die Hüften.

„Einen Floh, ich? Welchen Floh?“

„Naja, dass da was nicht stimmt bei den zwei Bauern. Und mit dem Verschwinden der Wirtin. Der Albert und ich, wir können ja schlecht jeden Tag hingehen. Würd wahrscheinlich auch nix bringen. Aber wenn du jetzt dort ein paar Tage aushilfst, da könnt es schon sein, dass du was mitkriegst. Sozusagen in geheimer Mission.“

„Ja, genau“, wirft der Albert als Freund amerikanischer Krimi-Serien ein, „under cover quasi.“

„Ja, sonst noch was.“ Die Kellnerin ist nicht begeistert. „Under cover-Resi, ich glaub, ihr spinnts ein bisserl!“

Der Onkel greift zu einer List. „Bist’ gar nicht neugierig?“

„Ich? Neugierig?“ Die Resi tut entrüstet. „Keine Spur. War ich noch nie. Aber hast recht, Franz, wissen möcht ich’s schon, was da los ist.“

5

Die Resi hat ihr schönstes Dirndl angezogen und beim Friseur war sie auch. Fesch ist sie. Jetzt nicht im Sinne von schön. Schön war sie nie, auch nicht als junges Mädel. Von jeher hager in Gesicht und Statur ist sie auch jetzt, da sie das Pensionsalter längst erreicht hat, noch immer alles andere als üppig. Das Dirndlkleid ist ihr nicht nur im Beruf das liebste Kleidungsstück, auch außerhalb der Arbeitszeit sieht man sie in dieser Tracht. So ein Dirndl bringt ja das Kunststück zustande, beinahe jeder Trägerin zu schmeicheln. Dort, wo zu viel Fraulichkeit ist, kaschiert es, wo diese Attribute kaum vorhanden sind, werden sie geschickt vorgetäuscht. Die Resi gehört, wie schon bemerkt, zweiterer Gruppe an. Dazu ein resches, bestimmendes Wesen, erworben in jahrzehntelanger Serviertätigkeit. Ehe- und kinderlos geblieben, hat sie sich immer behaupten müssen unter ihren meist männlichen Gästen. Denn es herrscht ein liebevoll rauer Ton an den Innviertler Stammtischen.

„Drei Most, ein Speckbrot, zweimal Jause. Prost Mahlzeit, die Herren!“, kommentiert sie das Servierte und rauscht mit dem leeren Tablett zurück zur Schank, wo der Birnbacher die nächsten Bestellungen vorbereitet. Der Gastgarten der Mostschänke ist an ihrem ersten Arbeitstag brechend voll. Beim Egger-Wirt ist ja urlaubsbedingt zu, und es hat sich auch schon herumgesprochen im Ort, dass die Resi arbeitsmäßig fremdgeht. Das will man sich anschauen. Außerdem ist strahlend schönes Wetter.

Wie schon mit seiner Frau praktiziert der Wirt nun auch mit der Aushilfskellnerin die gewohnte Arbeitsteilung. Er schenkt ein und richtet die Speisen, die Resi bringt alles an die Tische, räumt ab und kassiert. Nur ab und zu, dann, wenn ein Tablett mit vollen Gläsern und Tellern bereits auf Abholung wartet, die Kellnerin aber noch draußen zu tun hat, bringt es der Birnbacher selbst hinaus. So wie gerade eben. Kredenzt den Gästen das Gewünschte und wechselt ein paar Sätze mit ihnen. Die neue Servierkraft wird gelobt, genauso Most und Jause. Josef Birnbachers Laune hat sich seit der Ankunft der Resi langsam, aber stetig gebessert. Entgegen seiner Befürchtung, dass die Neue erst eingearbeitet werden muss, bis der Ablauf halbwegs hinhaut, funktioniert der Betrieb von Anfang an wie geschmiert. Auch der Andrang an Gästen ist erfreulich, die Kasse klingelt.

Vom Nebentisch ruft man ihm nun eine Bestellung zu und der Wirt will diese sogleich an die Resi weitergeben. Er blickt sich um, kann sie aber nirgends im Garten entdecken. Wird wohl schon wieder nach drinnen gegangen sein. Stimmt, erinnert sich der Birnbacher, als ich raus bin, ist sie ja mit einer ganzen Batterie leerer Mostkrüge an mir vorbei. Schnell geht er ins Haus. Die leeren Krüge stehen auf der Schank, aber von der Resi ist nichts zu sehen. Allerdings steht der Schlüsselkasten an der Wand offen, der Schlüssel zum Mostkeller fehlt. Auch die Tür, hinter der die Kellerstiege beginnt, ist offen, im Abgang brennt Licht. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend stürmt der Birnbacher die Stiege hinunter, fast wäre er gestolpert.

Die Resi ist gerade dabei, die alte, schmiedeeiserne Tür zum Mostkeller aufzusperren. Als sie den Schlüssel im Schloss drehen will, drängt sich der Wirt an ihr vorbei, und nimmt sie unsanft beim Handgelenk.

„Was wird das?“, herrscht er sie an, „wer hat dir gesagt, dass du in den Keller gehen sollst? Da herunten hat keiner außer mir was verloren!“

„Na, na, na, nicht so grob!“, schnappt die Resi, „einen Most wollt ich holen, weil oben alles leer ist. Hab ja nicht gewusst, dass dein Keller so heilig ist.“

„Ja, entschuldige“, beruhigt sich der Birnbacher wieder etwas, „da bin ich halt eigen mit meinen Fassln und Flaschen. Am Ende nimmst die falschen, das ist alles genau sortiert. Geh wieder rauf, ich bring gleich Nachschub.“

Er sperrt auf und wartet noch, bis die Resi oben kopfschüttelnd die Tür hinter sich zugemacht hat. Erst dann öffnet er den Eingang zu seinem Allerheiligsten und schlüpft hinein.


Der Rachbauer Kevin schaut den Onkel Franz zweifelnd an.

„Einen Film? Mit dem Handy? Du, Opa?“

Der Bub nennt ihn immer Opa, Großonkel ist ihm zu kompliziert.

„Aber geh, nein“, erklärt der Albert, „den hab ich gemacht, das ist mein Telefon. Und das war auch meine Idee, dass du uns vielleicht helfen könntest. Wo du doch jetzt in die HTL gehst.“

Sie stehen im Kellerstüberl der Rachbauers, das ist vollgestopft mit allerhand Computern und Bildschirmen. Auf einer Art Werkbank häufen sich diverse Elektronikbauteile und Kabel, auch einen Lötkolben gibt es. Der Kevin war schon immer ein Bastler, und seit er die höhere Lehranstalt für Elektronik und Informationstechnologie besucht, hat er sich ganz dem Digitalen verschrieben. Drum auch der Vorschlag vom Albert, den Buben zu fragen, ob er das Handy-Video, dass er vom Haslinger und dem Kirov gemacht hat, etwas bearbeiten könnte. Und zwar so, dass man vielleicht zumindest Teile dessen, was da gesprochen wurde, verstehen könne.

Der Onkel Franz war zuerst dagegen. Er hegte nämlich die Befürchtung, dass die Mutter des kleinen Elektronik-Genies davon Wind bekommen könnte und die es wiederum ihrer Tante auf die Nase binden würde. Und mit der ist er nun einmal verheiratet. Und was seine Frau dazu sagen würde, wenn sie erführe, welche Vögel er und der Albert in Wirklichkeit beobachtet haben, mag er sich gar nicht vorstellen. Als ihm aber dann eingefallen ist, dass der Bub momentan Schlüsselkind ist, weil seine Mutter gerade irgendwo auf Fortbildung unterwegs ist, und der Albert keine Ruhe geben wollte, hat er schließlich zugestimmt.

Und so sitzen sie nun also nebeneinander auf der alten Couch, auf die sie der Kevin verbannt hat. Am Anfang haben die beiden nämlich noch bei jedem Handgriff, den der Bub getätigt hat, allerhand Zwischenfragen gestellt. Ob’s schon funktioniert, was er grad macht, wie lang es noch dauert und Ähnliches. Bis er sie höflich gebeten hat, ihn in Ruhe zu lassen, sonst werde das nix. Dem Albert fällt das Stillsitzen besonders schwer, immer wieder reckt er den Hals, um dem Fachschüler über die Schulter zu schauen. Der hat das Mobiltelefon mit seinem Rechner verbunden und die Video-Datei in ein dementsprechendes Programm geladen. Auf dem Bildschirm sind jetzt verschiedenfarbige Tonspuren zu sehen, in die der Bub die Aufnahme zerlegt hat.

„Was machst jetzt?“, kann sich der Albert nicht zurückhalten.

„Geht’s? Hört man was?“

„Ich bitte um Ruhe“, murmelt der Kevin, „hab’s gleich. Muss nur noch schauen, ob ich das komische Geräusch da rausfiltern kann. Was ist denn das? Wart, ich dreh’s einmal lauter.“

Aus den Lautsprechern tönt jetzt ein langgezogenes „Tschagummtschagumm“, so eine Art Schmatzgeräusch.

„Auweh“, sagt der Onkel Franz, „ich fürcht’, das bin ich. Also ich und meine Essigwurscht.“

Der Albert wirft ihm einen tadelnden Blick zu.

„Ich hab’s ja g’sagt. Was musst’ auch immer essen. Jetzt hast womöglich die ganze Aufnahme ruiniert.“

„Nein, nein, geht schon“, beruhigt ihn der Bub, „das krieg ich raus. So, jetzt. Jetzt versteht man was.“


Bevor sie gegangen sind, hat der Onkel Franz dem Rachbauer Kevin noch das Versprechen abgenommen, niemandem von der Sache zu erzählen. Er steckt dem Großneffen auch sonst öfter mal etwas Taschengeld zu, diesmal ist es ein bisserl mehr geworden. Elektronik ist teuer. Und Gott sei Dank auch das Einzige, was den Buben interessiert. Trotz des halbwegs brisanten Bild- und Tonmaterials, das er für die beiden Hobby-Detektive bearbeitet hat, stellte er keinerlei Fragen über Herkunft und Sinn des Ganzen. Scheinbar interessiert ihn tatsächlich nur die technische Seite daran, die Tatsache, dass er in der Lage gewesen ist, die ihm gestellte Aufgabe zu lösen. Das sowie das Bestechungsgeld des Onkels lassen also hoffen, dass der Bub die Sache für sich behalten wird.

Im Gastgarten vom Bürgerbräu auf dem Stadtplatz, wo sich die beiden nun auf ein Bier niedergelassen haben, ist gerade nichts los. So können sie die Aufnahme mit dem jetzt gefilterten Ton noch einmal in Ruhe und unbeobachtet analysieren. Der Kevin hat ganze Arbeit geleistet, man versteht nun beinahe jedes Wort. Und was sich daraus offenbart, ist durchaus interessant. Der Kirov Wickerl, vulgo Boris, fordert in einem seltsamen, pseudorussischen Akzent Geld, das ihm der Haslinger noch schulden würde. Aus irgendwelchen gemeinsamen Anlagegeschäften, die wohl schiefgegangen sind. Das, was ihm der dann übergibt, ist anscheinend viel zu wenig. Daraufhin zieht Kirov sein Messer, droht es zu benutzen und beschimpft den Bauern. Der beteuert, nicht mehr aufbringen zu können. Dann müsse er eben jetzt endlich Hof und Grund an die Russen verkaufen, schreit ihn der andere an, dann könne er auch seine Schulden bezahlen. „An die russische Immobilienmafia, niemals!“, schreit der Haslinger zurück. „Eher bring ich mich um!“

Das könne er ruhig machen, gibt Kirov zur Antwort, aber vorher solle er noch den Kaufvertrag unterschreiben. Den Nachbarbauern habe man auch schon bald so weit. Den Russen sei jedes Mittel recht, er solle bloß aufpassen.

„Ich glaub’s ja nicht, jetzt schauen die Pensionisten auch schon You-Tube-Videos. Was gibt’s denn Interessantes?“

Plötzlich ist der Hausleitner wie aus dem Nichts hinter den beiden aufgetaucht. Der Albert steckt sofort das Handy weg.

„Ach, nix. Nur so ein Ding, so ein Film, den mir der Ding geschickt hat, der …“

Der Polizist lacht. „Ja, passt schon, geht mich eh nichts an, bin ja nicht deine Frau. Aber, darf ich mich hersetzen? Ich hab jetzt Dienstschluss, da wär so eine Halbe grad recht.“

Eine Antwort wartet der Polizist gar nicht erst ab und zieht sich vom Nachbartisch einen Stuhl heran. Dann gibt er der Kellnerin ein Zeichen, die serviert ihm kurz darauf ein Krügerl Bier.

„Prost, meine Herren! Auf die Feierabend-Halbe hab ich mich heut besonders gefreut. Nach der ganzen trockenen Protokoll-Schreiberei.“

Die drei stoßen an und trinken. Nachdem sich der Hausleitner den Schaum aus dem Polizisten-Schnauzer gewischt hat, beginnt er wie gewohnt, indiskret Amtsgeheimnisse auszuplaudern. Nur ab und zu muss ihn der Onkel Franz mit geschickt gestellten Zwischenfragen zum Weiterreden ermuntern.

„Stellt euch vor, der Birnbacher hat die letzten Tage ständig angerufen, dass wir endlich was unternehmen sollen. Wegen dem Verschwinden seiner Frau. Was wir denn noch tun sollen, hab ich ihn gefragt, wir haben ja mittlerweile eh ihre Personenbeschreibung an alle Dienststellen weitergegeben. Ich glaub nach wie vor, dass sie ihm davon ist, dem alten Grantler. Er hat aber gemeint, wir sollen seinen Nachbarn befragen. Der hätte vielleicht was zu tun mit dem Ganzen. Kann ich mir zwar nicht vorstellen, hab ich gesagt, aber damit er eine Ruh gibt, bin ich dann halt hin zum Hof vom Haslinger. So, und das war jetzt ein bisserl komisch. Keiner daheim, die Türen sperrangelweit offen. Zuerst bin ich einmal rund ums Haus, hab ihn ein paar Mal gerufen, nix. Im Stall war ich, im Schuppen, überall. Dann bin ich also doch ins Haus rein, in die Stube. Auch da keine Spur vom Haslinger. Dafür hat’s ziemlich wild ausgeschaut. Ein Stuhl umgeschmissen, Laden herausgezogen, allerhand Zeug verstreut. Und auf dem Boden ein paar dunkle Tropfen, womöglich Blut. Nicht viel, aber genug, dass ich jetzt seitenweise Protokoll schreiben hab müssen. Hab nämlich dann dummerweise meinen Chef angerufen. Der hat gemeint, da könnt was passiert sein und hat mir gleich ein paar Kollegen geschickt. Mit denen hab ich dann noch das ganze Haus durchsuchen müssen, vom Keller bis zum Dach. Aber nix, keiner da. Der Chef sagt, das muss sich die Kriminalgruppe anschauen. Wenn ihr mich fragt, viel Lärm um nichts. Die paar Tropferl auf’m Boden, das kann Nasenbluten auch gewesen sein und beim Haslinger, dem Chaoten, schaut’s sicher immer so aus. Der taucht bald wieder auf, sag ich, aber der Chef ist anderer Meinung. Was soll man machen, der Ober sticht den Unter, wie ich immer sag. Jetzt müssen wir halt den Kürbisbauern auch noch suchen. Als ob ich nicht schon genug Arbeit hätt.“

Der Onkel Franz und der Albert schauen sich bedeutungsvoll an. In ihren beiden Köpfen spielt sich wohl gerade dasselbe ab. Das Streitgespräch des Mostbauern mit seiner Frau, die neuen Informationen vom Handy-Video und der Bericht vom Hausleitner eben ergeben zusammen allerhand Stoff für Mutmaßungen. Sollten die ominösen Immobilien-Russen die vom Kirov Wickerl angedrohten Konsequenzen gezogen haben? Sollte hier tatsächlich derart massives Interesse am Grund der beiden letzten Bauern im Speckgürtel der Stadt bestehen, dass man auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt? Und wenn ja, haben dann diese Leute auch etwas mit dem Verschwinden der Birnbacherin zu tun? Und vor allem, soll man diese Gedanken dem Hausleitner mitteilen? Diesmal neigt der Onkel dazu, der Albert eindeutig nicht, das steht ihm ins Gesicht geschrieben. Zusätzlich steigt er seinem Spezi unterm Tisch auch noch dezent auf den Fuß. Das alles kriegt der redselige Polizist nicht mit. Nachdem er genussvoll sein Krügerl geleert hat, begleicht er seine Zeche und verabschiedet sich.

„Servus Franzl, bis bald einmal beim Egger-Wirt, wenn der wieder offen hat, und dir, Albert, noch viel Spaß mit deine Filmerl. Pass halt auf, dass dich deine Frau nicht damit erwischt.“

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9783702580834
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