Kitabı oku: «Gut, mensch zu sein»

Yazı tipi:

Klaus Schwertner



Für Matilda, Valentin,

Severin und Moritz

INHALT

Cover

Titel

00 Vorneweg

01 Ohne Krise kein Happy End

02 Politisch unkorrekt

03 Von Höhen und Tiefen – Meine Kindheit, und warum die eigenen Krisen immer am meisten wehtun

04 Vom Shitstorm zum Flowerrain

05 Die ganze Welt dreht sich um mich, denn ich bin nur ein Altruist

06 Follow me! Warum wir jetzt ein neues Netz brauchen

07 Kommen Gutmenschen eher in den Himmel?

08 Was am Ende zählt

09 Vom Mut, den ersten Schritt zu tun – Jetzt musst du springen!

Danke an

Der Autor

Impressum

VORNEWEG

Die Gedanken und Begegnungen, die Gespräche und Erfahrungen für dieses Buch trage ich schon lange in meinem Herzen, aber ich war ebenso lange nicht in der Lage, sie zu Papier zu bringen. Mit der Corona-Krise schien plötzlich der richtige Augenblick gekommen, um dieses Buch zu schreiben. Ganz einfach, weil ich immer stärker spürte, dass die Fragen, die mich seit Jahren beschäftigten, auch ganz viele andere Menschen umtreiben. Menschen, denen ich Tag für Tag begegne – persönlich oder auf Social Media. Und weil ich hoffte, dass die Antworten, die ich in den vergangenen Jahren für mich gefunden habe, jetzt auch für den einen oder die andere nützlich sein könnten. Gerade in dieser verrückten Zeit. Gerade in einer verrückt gewordenen Welt, von der seit Jahren gebetsmühlenartig behauptet wird, sie wäre aus den Fugen geraten.

Wie soll ich leben, wenn plötzlich alles infrage gestellt wird? Wenn wir uns nach der Vergangenheit sehnen und wissen, dass sie nicht mehr so kommen wird? Woran kann ich glauben, wenn die Wahrheit von Fake News immer schwieriger zu unterscheiden ist? Worauf dürfen wir hoffen? Was zählt? Was ist wichtig und was egal? Wer sind die Guten, wer die Bösen? In den vergangenen Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, das Match „Gut gegen Böse“ wäre längst entschieden! Alles geht den Bach runter. Das Ende ist nah. So hieß es oft. Und ich gebe schon zu: Es gab vermutlich schon entspanntere und hoffnungsvollere Zeiten. Eine Krise jagt die andere. Klimakrise. Finanz- und Wirtschaftskrise. Corona und Massenarbeitslosigkeit. Krieg in Syrien und im Jemen. Terror weltweit und zugleich in unseren Wohnzimmern. Alles rückt in Echtzeit näher. Das ist bedrohlich, macht Angst. Die Welt scheint dominiert von Populisten und Despoten, von Menschen, die andere klein machen, anstatt sie aufzurichten – nicht nur in der Politik, aber dort geballt. Bedacht auf den eigenen Vorteil, geschichts- und zukunftsvergessen. Egoismus anstelle von Solidarität.

Gerecht und gut fühlt sich das alles gerade nicht an. Aber dann ist da noch diese andere Welt voller Hoffnung und Mitmenschlichkeit. Die vielen Begegnungen und Gespräche, der Zusammenhalt und die Zuversicht. Vielleicht bin ich gerade deshalb überzeugt: Die Endzeitstimmung mit all den Bad- und Breaking-News lähmt nicht nur, sie verstellt auch den Blick auf all das Gute, das geschieht und das möglich ist. Mehr noch: Ich glaube, das Gerede von der drohenden Apokalypse ist was für Anfänger!

„Gut, Mensch zu sein“ ist der Versuch einer Ermutigung. Der Ermutigung, sich nicht vor dem angeblichen Ende zu fürchten, sondern stattdessen lieber Teil von etwas Neuem, Teil einer Veränderung zu sein – hier und jetzt. Der Erlöser wird nicht kommen! Wir sollten endlich erkennen: Die Erlöserinnen und Erlöser, das sind wir selbst. Denn das Match Gut gegen Böse ist keines, das nur auf den großen Bühnen und in den Hinterzimmern der Mächtigen dieser Welt entschieden wird, sondern zuallererst auch eines, das jede und jeder von uns selbst bestreiten muss. Da gibt es keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit und kein Entkommen. Wir selbst sind Teil des Problems – mit all unseren Schwächen, mit unseren Ängsten, den Bequemlichkeiten und Gewohnheiten! Wir können aber eben auch Teil der Lösung sein! Zumindest dann, wenn wir erkennen: Wir müssen nicht auf die Veränderung zum Positiven warten, wir können sie selbst sein. Es ist gut, Mensch zu sein.

Dieses Buch zu schreiben fühlte sich so an, als würde ich mich in Lockdown-Zeiten auf eine lange Reise begeben. Das Schreiben führte mich gedanklich zurück in die eigene Vergangenheit, an Orte, die ich lange nicht mehr besucht hatte, an Grenzen – persönliche und geografische. Nach Lesbos und zurück in die eigene Kindheit. Hinaus auf die Straße – dorthin, wo jene Menschen wohnen, die kein Zuhause mehr haben. Und an Orte, an denen man dem Tod näher ist als dem Leben. Hinein in die politische Arena, wo kaum etwas so ist, wie es scheint. Und hinab in meine eigenen Tiefen und Untiefen. Meine Geschichten handeln vom Gelingen und vom Scheitern. Von der Angst und dem Zweifel. Aber auch vom Mut und der Zuversicht. Und davon, dass eine bessere Welt möglich ist.

Liebe Leserinnen und liebe Leser, ich habe Fehler, Zweifel, und auch mich plagen häufig Ängste. Trotzdem möchte ich Ihnen mit meinem Buch „GUT, MENSCH ZU SEIN“ so richtig Bock auf das Gute machen! Mit einem Buch, das Sie inspirieren soll, das Gute zu sehen und sich selbst dafür einzusetzen. Denn das Match Gut gegen Böse ist noch lange nicht entschieden. Das Rennen ist offen. Der Einsatz und das Engagement lohnen sich. Und jede und jeder Einzelne von uns kann und muss selbst entscheiden, auf welcher Seite der Macht er oder sie stehen will. Wir werden das Ungleiche, das Ungerechte, die Krisen und Katastrophen nicht mit einer Methode, einer Handvoll Prinzipien oder mit den Zehn Geboten erfolgreich bekämpfen oder lösen können. Wir werden einen ganzen Werkzeugkasten voll mit Ideen und Lösungen brauchen. Einen Werkzeugkasten voll Mut und Entschlossenheit.

Veränderung ist möglich, wenn wir unsere eigene Komfortzone verlassen, über Grenzen zu gehen bereit sind, die Veränderung, die wir wollen, selbst vorantreiben. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft, dort, wo wir uns gerade befinden, leben und wirken. Dort, wo wir gebraucht werden und gefordert sind.

Wir selbst müssen zu jenen Menschen werden, die wir sein wollen, um unseren Kindern eine fairere und gerechtere Welt zu hinterlassen. Dazu ist es nicht nötig, zur Heldin oder zum Helden zu werden. Es kann schlicht und einfach genügen, uns immer und immer wieder in Erinnerung zu rufen: Es ist gut, Mensch zu sein.

Klaus Schwertner, Frühling 2021



Ohne Krise kein Happy End

Diesen Moment habe ich nicht kommen sehen. Dabei kam die Krise nicht aus dem Nichts, sondern mit Anlauf. Die ersten Meldungen erreichten uns im Januar 2020, mehrere Wochen, bevor es tatsächlich ernst wurde. Doch, dass es ernst werden würde, wollten die meisten von uns nicht sehen. Ich weiß nicht, ob es ein nicht „wollen“ oder ein nicht „können“ war – ein Mangel an Fantasie oder die Angst vor der anrollenden Gefahr. Zu dystopisch schien die Vorstellung, dass ein unbekanntes Virus unsere Gesellschaft mir nichts, dir nichts aus den Angeln heben könnte. Unvorstellbar. Kurze Zeit später schon werden wir uns zur Begrüßung und zum Abschied nicht mehr die Hand geben, unsere Liebsten nicht mehr umarmen. Die Straßen leergefegt. Geschlossene Geschäfte, Hotels, Kaffeehäuser und Restaurants. Homeoffice und Videokonferenzen. Homeschooling und Distance Learning. Nicht nur unser Land, die ganze Welt befand sich im Lockdown. Das Coronavirus stellt uns und die Art und Weise, wie wir bislang lebten, mit einem Federstreich infrage. Was bislang galt und unverrückbar schien, steht plötzlich zur Disposition. Wir machen die Erfahrung, dass wir verdammt verletzlich und angreifbar sind. Als Gesellschaft, über Grenzen und Kontinente hinweg – eine gesellschaftliche Nahtoderfahrung.

Wir erlebten in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten eine regelrechte Inflation an Krisen. Finanz- und Wirtschaftskrise: krachende Banken, schwankende Staaten. Flucht- und Migrationskrise: unfassbares Leid und überforderte Behörden. Die Klimakrise: Hitze, Artensterben, Gletscherschwund und die Unfähigkeit, diese Krise entschieden und konsequent gemeinsam zu bekämpfen. Als Nächstes also Corona. Die vier apokalyptischen Krisenreiter. Die Offenbarung unserer jüngeren Geschichte. War in den Nullerjahren eigentlich irgendwann mal keine Krise? Irgendwas war doch immer: Terror in den USA und in Europa, Krieg in Syrien, der Ukraine und in Afghanistan, die Erosion des Politischen, die Zweifel an der Demokratie und der rasante Aufstieg des Populismus. Trump und Brexit. Ibiza und Orbán. Und über allem eine veritable Krise des Vertrauens: in Wissenschaft und Glauben, in Politik, Medien und Wirtschaft. Als würde uns der Boden, auf dem wir bis vor Kurzem noch so sicher und trittfest standen, regelrecht unter den Füßen weggezogen. Das Ende der Gewissheit, gefolgt von einer großen Unsicherheit.

Ich frage mich in solchen Augenblicken oft: Was bleibt? Was hat noch Bestand, wenn wir alle spüren, dass das Alte nur noch bedingt Gültigkeit besitzt, das Neue aber noch nicht greifbar ist – wenn wir also mittendrin stecken in einer grundlegenden Zeit der rasanten Veränderung, in einer Zeit, in der die Karten neu gemischt werden? Aus meinem persönlichen Umfeld weiß ich: Es gibt viele Menschen, die angesichts dieser Entwicklungen das Grundvertrauen in unseren Weltenzusammenhang zu verlieren drohen. Die Zuversicht und den Glauben, dass sich die Dinge zum Guten oder zumindest zum Besseren entwickeln können. Dass wir bei allem, was schwierig ist, in einer guten Welt und einem wunderschönen Land leben. Dass wir gemeinsam einen Weg aus diesen Krisen finden können – und werden.

Ich verstehe das. In seltenen Momenten beschleichen mich diese Zweifel, Sorgen und Ängste genauso. Meist dann, wenn ich spätabends im Bett liege und in den umliegenden Zimmern meine Kinder friedlich schlafen. Es ist die Welt, in die sie hineinwachsen. Die Welt, die wir ihnen hinterlassen. Wenn die Zukunft nicht zuallererst offen und im besten Fall verheißungsvoll, sondern düster und eher bedrohlich wirkt, dann macht das etwas mit uns Menschen. Es lässt uns straucheln.

Nicht zu wissen, was kommt, das Gefühl von Unsicherheit und Kontrollverlust halten wir nur sehr schwer aus. In unserer stark regulierten Gesellschaft unternehmen wir in der Regel alles, um Risiken zu minimieren, um auf Basis von Wahrscheinlichkeiten unsere Zukunft vorherzusehen. Und heute wissen – oder zumindest erahnen – wir, dass sich diese Zukunft nicht mehr so einfach aus der Vergangenheit ableiten lässt. Was gestern galt, kann morgen schon ganz anders sein. Sogar das Wort Momentaufnahme hat während der Corona-Krise eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Hand aufs Herz: Wer hätte es vor wenigen Jahren schon für möglich gehalten, dass ein unbekanntes Virus weite Teile unserer Welt aus den Angeln heben würde? Wer hätte darauf gewettet, dass die Vereinigten Staaten, „the land of the free“, schon bald von einem irrlichternden und gefährlichen Populisten via Twitter regiert werden würden? Dass es Anfang 2021 einen Sturm von einem wildgewordenen Mob auf das Kapitol in Washington, D.C., geben könnte? Dass unsere britischen Nachbarn die EU verlassen? Dass in der Ukraine – und damit mitten in Europa – Krieg wahrscheinlicher scheint als Frieden? Wer hielt es vor der Finanz- und Wirtschaftskrise ernsthaft für möglich, dass wir plötzlich vor der Frage stehen würden, ob man Griechenland abwickeln könne, wie den sterbenden Greißler ums Eck? Man braucht keinen Abschluss in Zeitgeschichte, um festzustellen: Der Blick in die jüngere Vergangenheit ist nicht gerade das, was uns Lust auf Zukunft macht. Das Dumme an solchen Gedankenspielen: Apokalypse nervt, sie quält und sie lähmt. Und erlebten wir nicht auch Jahrzehnte des Wohlstands in Österreich, Jahrzehnte des friedvollen Miteinanders in Europa (mit Ausnahme des schrecklichen Kriegs am Balkan), und gelang es uns nicht gerade in den vergangenen Jahrzehnten, den Hunger in der Welt und die Kindersterblichkeit maßgeblich zu reduzieren? Diese Tatsachen vor Augen, stelle ich mir immer wieder die Frage, ob das Gerede vom Weltuntergang nicht einfach auch ein verdammt alter Hut ist. Das Ende ist nah! So hieß es in der Vergangenheit schließlich schon zu oft. Der deutsche Journalist Malte Henk machte sich die Mühe, einige angekündigte Weltuntergänge der Vergangenheit aufzuschreiben.

Mit dem Ausbruch der Pest im 14. Jahrhundert etwa wähnten viele Menschen in Europa das Ende der Zeit gekommen. Die Zeugen Jehovas erwarteten bis zum Jahr 1975 knapp neun Mal den Beginn des Weltuntergangs. 1997 dann der Massenselbstmord einer Sekte in den USA. Die Geschichte war kompliziert: Der Guru brauchte ein Ufo, doch an Bord gelangte nur, wer sich zuvor suizidierte. Im Mai 2012 sagten bei einer Umfrage in 21 Ländern immerhin ganze acht Prozent der Befragten, sie rechneten mit dem Ende der Welt noch im selben Jahr. Dann der Maya-Kalender und das angebliche Ende im Juni 2020. Auch schon vorbei und überlebt. All diese Offenbarungen mit den tatsächlichen Bedrohungsszenarien der heutigen Zeit gleichzusetzen verbietet sich natürlich. Aber sind sie nicht auch Ausdruck einer gewissen Angstlust, die auch heute wieder um sich greift? Warum sind wir so verdammt stark darin, uns zu fürchten? Und warum glauben wir in diesen Augenblicken der Krise lieber an die Apokalypse statt an Utopien? Wäre nicht der Moment der Krise genau der richtige Zeitpunkt und ein Ausgangspunkt, um von einer besseren Zukunft zu träumen?

Als der englische Schatzkanzler Thomas Morus im frühen 16. Jahrhundert seine Vision von Utopia verfasste, darin von der Gleichheit der Menschen schrieb und feudale Vorrechte literarisch abschaffte, hätten Utopie und Wirklichkeit kaum weiter auseinanderliegen können. England war zu dieser Zeit stark von sozialer Ungleichheit geprägt. Es herrschte extreme Armut in der Bevölkerung. Die Menschen bettelarm, wenig gebildet und geknechtet. Und doch: Mit dem Aufkommen des Humanismus, dem Zeitalter der Menschen, waren die Horizonte plötzlich offen. Eine andere Welt schien möglich.

Vielleicht ist es also doch auch so, dass Krisen unsere Fantasie beflügeln können. Vielleicht ist Hoffnung eine Quelle, die gerade auch im Dunkeln fließt. Daran schließt auch eine Erfahrung an, die nicht nur ich persönlich immer wieder mache, sondern die vermutlich jede und jeder auf die eine oder andere Weise schon erlebt hat: Gerade in Krisensituationen gelingt es uns Menschen, ungeahnte Kräfte zu mobilisieren, ein hohes Tempo zu gehen, mit voller Energie und mit letztem Einsatz zu versuchen, möglichst viele Dinge gemeinsam zum Positiven zu verändern – Dinge, die zuvor aus guten Gründen oder einfach aus Gewohnheit und „weil es immer schon so war“ noch unmöglich waren. Als klar war, dass das Virus die Insel Österreich nicht verschonen würde, als sich die Intensivstationen in Italien und Spanien rasch füllten und erste Pflegewohnhäuser in Frankreich und Belgien zu Corona-Clustern wurden, viele Menschen in weiterer Folge verstarben, da ging es mir im ersten Moment vermutlich wie den meisten anderen in unserem Land. Ich verspürte großes Unbehagen. Ich wusste nicht, was uns erwarten würde. Ich wusste aber von Beginn an, dass uns diese Krise ganz grundlegend verändern wird. Ich fürchtete diese Veränderung mehr als das Virus selbst. Während der ersten Tage verfiel ich in eine große Passivität. Ich starrte auf die Ereignisse, verfolgte die Nachrichten, als würde ich Zeuge einer großen Naturkatastrophe. Gebannt von den Naturgewalten, die freigesetzt werden. Unfähig, darauf zu reagieren. Damit beschäftigt, zu verarbeiten, was sich gerade vor meinen Augen abspielte. Rückblickend war dieser Moment, der eine gefühlte Ewigkeit zurückliegt, vielleicht auch jener Augenblick, an dem ich zuletzt tief Luft holen konnte – nicht wissend, was als Nächstes alles passieren würde, aber überzeugt, dass wir auch als Hilfsorganisation massiv gefordert sein werden. Es war in gewisser Weise ein letztes Luftholen und Durchatmen vor dem Sprint, der vor mir lag. Nicht ahnend, dass es sich nicht um einen Kurzstreckenbewerb, sondern um einen Ultramarathon handeln würde.

Augenblicke wie diesen habe ich schon mehrfach erlebt. Der Moment, in dem sich ein Schalter in mir umlegt. Raus aus der Passivität, rein ins Tun. Irgendwas tun – sei es, um etwas zu verhindern oder etwas anderes zu ermöglichen, oder sei es nur, um das Gefühl niederzuringen, dass ich dem Geschehen um mich herum hoffnungslos ausgeliefert bin. Deshalb beginne ich zu laufen. Schnell zu laufen. Wie Forrest Gump im gleichnamigen Film. Ich beginne Möglichkeiten zu sehen, wo andere die Gefahr wähnen. Ich sehe Chancen, wo andere zur Vorsicht mahnen. Ich bewege mich, wo andere erstarren. Woran das liegt, weiß ich nicht genau. Vielleicht daran, dass ich in den vergangenen Jahren mit jeder Krise – ganz gleich, wie groß sie war, ob im Job oder im Privaten – auch die Erfahrung gemacht habe, dass in der Krise eben nicht nur das Risiko größer und die Gefahren mehr werden, sondern auch die Chancen und Möglichkeiten. Plötzlich sind Dinge möglich, die zuvor unverrückbar und in Stein gemeißelt waren. Unsere Gesellschaften werden durch Regelwerke zusammengehalten. Sie geben uns Stabilität und Orientierung. Sie geben uns Struktur. Doch in Krisen gehen viele dieser Regeln über Bord, sind hinderlich und störend. Ich verstehe, dass das sehr vielen Menschen Angst macht. Doch ich glaube, es kann auch sein Gutes haben, weil in einem Regelvakuum zugleich immer etwas Neues entstehen kann.

Das Gerede von der „Krise als Chance“ nervt. Und es ist auch zu banal. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Zu gut weiß ich, dass Krisen für viele Menschen immer auch existenzbedrohend sind, Schmerz, Leid und bittere Armut bedeuten. Egal ob Krieg, Klima-, Corona- oder Wirtschaftskrise. Aber vielleicht sind wir oft erst dann imstande zu handeln, wenn wir zu verlieren glauben, was uns wichtig ist, wenn viel auf dem Spiel steht und wir uns klar darüber werden, dass es nicht mehr viele Gelegenheiten gibt, um das Ruder noch herumzureißen und die Segel neu zu setzen. Vielleicht gibt es ohne Krise überhaupt kein Happy End!

Doch was bedeutet das für das Hier und Jetzt – in einer Phase, in der uns dämmert, dass die größte aller Utopien – die Mär von einem unendlichen Wachstum auf einem endlichen Planeten – nicht hält? Viele sehen bereits das Zeitalter des Anthropozäns gekommen. Ein neuer Epochenbegriff wird populär. Er besagt, dass der Horizont, vor dem wir handeln, nicht mehr offen ist. Humanismus war Verheißung. Anthropozän ist Abgesang. Der Hinweis, dass wir uns mit Riesenschritten den planetaren Belastungsgrenzen nähern. Mit der Ausbeutung der Natur, der fortschreitenden Industrialisierung und mit der Globalisierung hat der Mensch begonnen, die Regeln, nach denen dieser Planet tickt, selbst zu verändern. Die Klimakrise ist real! Und wir wissen es seit langer Zeit. Anders als im Fall der Corona-Krise kündigt sich diese Katstrophe bereits seit Jahrzehnten an. Die Fakten liegen schon lange auf dem Tisch. Seit der Konferenz von Rio im Jahre 1992 ist klar: Der Punkt, an dem die Gleichgewichts- und Reparatursysteme von Flora und Fauna nicht mehr funktionieren, ist bald erreicht. In Paris verpflichteten sich 2015 alle Staaten der Welt zum Klimaschutz, definitiv ein historischer Moment, doch den Worten und Dokumenten von damals hinken die Taten bis heute dramatisch hinterher.

Ich glaube, die einfache Erkenntnis, dass unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist, beginnt erst langsam einzusickern. Nicht nur in die Köpfe der Politikerinnen und Politiker, sondern auch in unser aller Köpfe.

Stéphane Hessel beschäftigt sich in seinem Buch „Engagiert euch!“ unter anderem mit der Erkenntnis, dass der Schutz der Natur ebenso wichtig sein muss wie die Wahrung der Menschenrechte. Für die Zukunft sieht er demnach die Rechte der menschlichen Person und der Natur als gleichberechtigt nebeneinander. Doch noch immer haben wissenschaftliche Fakten erstaunlich wenig Einfluss auf unser Handeln. Das Leid, dass infolge der Pandemie keine Billigflüge mehr möglich waren, überwiegt. Noch. Wir schließen die Augen und hoffen, dass es schon nicht allzu heiß, dass die Meere nicht allzu stark steigen werden. Warum sollte morgen nicht mehr funktionieren, was gestern noch kein Problem war?

Doch vielleicht gibt es auch für diese Krise ein Happy End. Krisen sind Zeiten, in denen Menschen mehr als sonst bereit sind, geliebte Gewohnheiten und über Generationen Gelerntes zu hinterfragen – „das System“, vielleicht auch sich selbst. Neue Gedanken, neue Ideen können wachsen, Kräfteverhältnisse können sich verändern, was gestern noch Nische war, irritierend und seltsam wirkte, kann morgen schon Mainstream sein. Wer heute „Klimakrise“ sagt, der kann auch „Fridays for Future“ sagen. Wer heute vor einer polarisierten und unsolidarischen Gesellschaft warnt, der kann auch von der großen Welle der Hilfsbereitschaft berichten, die wir seit Ausbruch der Pandemie erleben. Tausende neue Freiwillige meldeten sich in der Corona-Krise allein bei der Caritas. Nachbarinnen und Nachbarn gehen füreinander einkaufen. Kinder schreiben Briefe an alte Menschen, selbst dann, wenn es nicht die eigenen Großeltern sind. Die überwiegende Mehrheit geht diszipliniert durch diese Zeit, auch wenn sich mit zunehmender Dauer der Krise Erschöpfung und Müdigkeit, Gereiztheit und Empörung breitmachen. Wir halten Abstand und bleiben uns dennoch innerlich nahe.

Ja, wir stehen in vielerlei Hinsicht an einem Scheideweg. Aber es liegt an uns, das Gute zu erkennen, darauf aufzubauen und es zu stärken. Das ist uns historisch immer wieder gelungen. Es ist nicht bequem, es ist oft mühsam, anstrengend und sogar zeitweise frustrierend. Und vieles spricht dafür, dass es auch in absehbarer Zukunft ungemütlich bleibt. Doch das Match ist offen. Es geht um die Frage, für welche Richtung wir uns entscheiden. Welche Dinge wir stärken, auf welcher Seite wir stehen wollen.

Gerade die Erfahrung der Corona-Krise zeigt uns, dass so vieles möglich ist, wenn auf den ersten Blick nichts mehr geht. Papst Franziskus warnte bereits im Jahr 2013 vor einer „Wirtschaft, die tötet“, und wurde dafür stark kritisiert. Wenige Monate später schrieb er in einer Botschaft zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos, dass „der Mensch im Mittelpunkt stehen muss, nicht der Drang nach Macht oder Profit“. Galt für Jahrzehnte das Primat der Wirtschaft über die Politik, so waren Regierungen plötzlich aufgrund der Pandemie in der Lage, (auch schmerzliche und extrem weitreichende) Entscheidungen zu treffen, die zuvor unter Hinweis „auf die Märkte“ niemals möglich gewesen sein sollen. In diesem Zusammenhang ist für mich völlig unverständlich, dass ausgerechnet jene Unternehmen und Konzerne wie Amazon & Co., die am stärksten von der Krise profitieren, nach wie vor kaum Steuern zahlen. Das muss sich ändern.

Wir alle haben gelernt, dass das Tun und Lassen von jeder und jedem einen großen Unterschied machen kann. Was oft floskelhaft daherkommt, haben wir in der Pandemie ganz intuitiv verstanden: Vermeintlich kleine Handlungen wie regelmäßiges Händewaschen, Abstand halten und Mund-Nasen-Schutz tragen können Einfluss auf die weltweite Entwicklung einer Pandemie und damit auf unsere eigene Gesundheit und unser Leben haben. Dass das Kleine oft im Großen mündet, ist eine Erfahrung, die ich in meiner Arbeit häufig mache. Veränderung fängt oft im Kleinen an, mit einem Gedanken, einem Wort, einem Posting, einem ersten Schritt, aber vor allem mit dem Überwinden von Ängsten, mit Dialog, Zuhören, Geduld und Begegnung.

Diese Erfahrung kann uns keiner mehr nehmen. Sosehr all die Maßnahmen während der Krise auch immer von oben herab verordnet wurden, so steckt doch im Händewaschen, im Maskentragen, ja sogar im Abstandhalten eine selbstermächtigende Erfahrung – nämlich die, dass es nicht egal ist, wie ich mich verhalte. Dass es um Eigenverantwortung geht und um gemeinsame Verantwortung für unsere Nächsten, die in einer globalisierten und digitalisierten Welt viele tausende Kilometer entfernt leben können. Ich bin überzeugt: Diese Erfahrung ist es, die wir für unsere eigene und für die Zukunft unserer Kinder brauchen – gerade dann, wenn es um die Rettung des Klimas, der Demokratie und letztlich des friedlichen Zusammenlebens und somit auch um die Rettung unser aller Lebensgrundlagen geht.

Wir werden dazu an der einen oder anderen Stelle unsere Komfortzone verlassen, liebgewonnene Gewohnheiten ablegen und uns auf Neues einlassen müssen. Mit Sicherheit. Es wird uns alles andere als leichtfallen, wir werden uns gewaltig anstrengen müssen und wir werden lernen, mit Unsicherheiten und Ängsten besser umzugehen, resilienter und widerstandsfähiger zu werden. Die Pandemie ist geradezu ein Lehrstück, um das Leben mit dieser Ungewissheit geduldig zu üben und daraus laufend zu lernen.

Während der Corona-Krise habe ich die für mich überraschende Erfahrung gemacht, dass gerade alte Menschen – also die Hochrisikogruppe Nummer eins – oft gelassener auf das Virus reagierten. Ein hochbetagter Herr aus unserem Pflegewohnhaus in Breitenfurt sagte: „Ich habe in meinem Leben so viele Krisen und sogar Krieg und große Not erlebt, wir werden auch diese Krise überstehen.“ Er verlor eine Angehörige, als in Europa die Spanische Grippe wütete, er überlebte den Zweiten Weltkrieg und er machte die Erfahrung von Entbehrung und bitterer Armut im Österreich der Zwischen- und Nachkriegszeit.

Mit der Pandemie wurde eine globale Bedrohung für viele von uns zum ersten Mal nicht nur als Erkenntnis, sondern auch als simultanes Ereignis und als kollektives Schicksal spürbar. Selten zuvor war uns so bewusst: Wir sitzen alle im selben Boot. Und das ist eine gute Nachricht. Eine Nachricht, die Gutmenschen Hoffnung geben sollte. Und allen anderen im Übrigen unbedingt auch. Vielleicht wird das Jahr 2020 irgendwann in der Zukunft nicht mehr als „Krisenjahr“ beschrieben werden, sondern als ein Jahr der Wende. Als jener Moment in der Geschichte der Menschheit, in der Staaten nach anfänglichen Abschottungstendenzen und nationalstaatlicher Kraftmeierei weltweit begannen, verstärkt zu kooperieren – zuallererst im Kampf gegen die Pandemie, später aber auch im Kampf gegen die Klimakrise und schließlich im gemeinsamen Einsatz für eine Welt ohne Armut und Hunger. Vielleicht wird das Jahr 2020 irgendwann einmal als jenes Jahr gelten, in dem den Menschen weltweit zu dämmern begann, dass sie etwas und sich selbst verändern müssen, um eine gemeinsame und gute Zukunft auf diesem Planeten zu haben. Das ist naiv? Keinesfalls, denn vielleicht werden spätere Generationen über uns einmal sagen, dass wir die Zeichen der Zeiten spät, aber doch noch rechtzeitig erkannt haben, dass das, was uns half, die Pandemie zu besiegen – diese gemeinsame Kraftanstrengung und dieses gemeinsame Engagement –, uns letztlich dabei helfen sollte, der Klimakrise die Stirn zu bieten oder den Hunger in der Welt endlich erfolgreich zu überwinden. Vielleicht werden die aktuellen Krisen irgendwann als jener Punkt in der Geschichte der Menschheit gelten, an dem wir uns grundsätzlicher mit der Frage zu beschäftigen begannen, wie ein gutes Leben in Sicherheit für möglichst alle Menschen auf dieser Welt möglich sein könnte.

Ob das tatsächlich so sein wird, weiß ich nicht. Aber ich bin überzeugt: Das Gerede vom „nahen Ende“ ist was für Anfänger. Wenn das Unvorstellbare in den vergangenen Jahren in so kurzer Zeit plötzlich Wirklichkeit werden konnte, dann kann auch das Gegenteil davon in den nächsten fünf Jahren in die Welt kommen. Wo Dystopie möglich ist, ist auch Raum für Traum und Utopie – und Raum für Menschen, die jeden Tag daran arbeiten, diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen.



Politisch unkorrekt

Es gibt Entscheidungen im Leben, die einem schwerer fallen als andere. Meine Entscheidung, ein Versprechen zu brechen, das ich einem hohen Beamten des Innenministeriums gegeben hatte, fiel definitiv in erstere Kategorie.

Juni 2015 in Traiskirchen. Die Uhr in meinem Auto zeigte 14:34 Uhr, als mein Navi mich in die Otto-Glöckel-Straße 24 zur sogenannten Erstaufnahmestelle Ost des Bundesministeriums für Inneres lotste. Wenn es einen Ort in Österreich gibt, an dem man die Flucht- und Migrationsgeschichte unseres Landes wie an Jahresringen eines Baumes abzählen kann, dann ist es dieses weitläufige Kasernenareal, 20 Autominuten außerhalb von Wien. Zuerst k.u.k. Artillerie-Kadettenschule, später Bundeserziehungsanstalt und Kaderschmiede der Nazis, nach dem Krieg Lazarett und seit Bestehen der Zweiten Republik schließlich Flüchtlingslager – seit vielen Jahrzehnten also erste Adresse für geflüchtete Menschen in Österreich. Nach dem Volksaufstand in Ungarn 1956 war das so, nach dem Prager Frühling 1968 und vor allem auch nach den Kriegen in Bosnien und dem Kosovo. 2015 waren es vor allem die Konflikte in und um Syrien, der Krieg in Afghanistan und die gekürzten Essensrationen in den großen Flüchlingslagern, verursacht durch die fehlende internationale Hilfe, die Traiskirchen füllten. Seit Wochen geisterten Meldungen durch die Nachrichten, wonach die Erstaufnahmestelle völlig überlastet wäre. Allein: Journalistinnen und Journalisten waren in Traiskirchen unerwünscht, Bilder aus dem Inneren des Lagers drangen nicht nach außen – so wie heute Bilder aus den griechischen Flüchtlingslagern auf Lesbos mittels Geldstrafen unterbunden werden sollen. Ganz so, als sollte es entweder „hässliche Bilder“ oder – noch besser! – gar keine geben.

Als ich endlich einen Parkplatz gefunden hatte, klopfte ein junger Bursche an das Fenster meines Autos: „Do you have a cigarette forme, please?“ Ich reichte ihm eine Zigarette, zündete mir selbst eine an. Ja, ich hatte wieder zu rauchen begonnen. Vor einigen Wochen auf dem sogenannten Schiffsfriedhof in Sizilien war ich rückfällig geworden. An einem Strand, an dem dutzende gekenterte Flüchtlingsboote im Sand steckten, hatte ich mir die erste Zigarette nach langer Zeit angesteckt. Viel Stress und viel Emotion heißt in meinem Fall leider auch oft: viel Nikotin. Und auch an diesem sonnigen Juni-Nachmittag sollte ich angesichts der Bilder, die mich im Innern des Lagers erwarteten, noch viele Zigaretten rauchen. In Wahrheit rauchte ich das ganze Jahr hindurch. Denn was auf meinen Besuch in Traiskirchen folgte, waren Wochen und Monate harter politischer Auseinandersetzungen. Was folgte, war eine unwürdige Herbergssuche von geflüchteten Menschen in unserem Land und im Herbst 2015 schließlich eine Solidaritätskrise innerhalb Europas. Menschen auf der Flucht, die sich zu Hunderttausenden und zum Teil zu Fuß auf den Weg durch halb Europa machten. Dieser Herbst wurde für Österreich und Europa in vielerlei Hinsicht zum Wendepunkt. Spielfeld und Nickelsdorf. Der Kühl-Lkw bei Parndorf mit 71 Toten. Alan Kurdi, der kleine syrische Bub, der im Alter von zwei Jahren im Mittelmeer auf der Flucht ertrank und dessen Leichnam an einem Strand nahe Bodrum am 2. September 2015 angespült wurde. Die Bahnhöfe und die Überforderung der Behörden. Doch all das war an diesem Juni-Nachmittag in Traiskirchen noch weit entfernt. Hier stand ich nun: gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn und dem leitenden Beamten des Lagers. Der Kardinal bat um einen Termin in der Erstaufnahmestelle, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Ich bot mich kurzerhand an, ihn zu begleiten. „Fotografieren ist hier verboten. Wir müssen unter allen Umständen die Privatsphäre der Leute schützen“, sagte der Verantwortliche der Erstaufnahmestelle zu Beginn unserer Führung durchs Lager. Ich willigte ein …

In den vergangenen 13 Jahren, seit ich für die Caritas tätig und im Einsatz bin, hatte ich oft mit Politikerinnen und Politikern unseres Landes zu tun. Mit Ministerinnen und Ministern und mit ihren Beamtinnen und Beamten. Mit Bürgermeistern (meist Männern) und Landespolitikerinnen und Landeschefs (auch sie fast ausschließlich männlich). Es ist Teil des Jobs. Unser Motto: so viel Zusammenarbeit wie möglich, so viel Kritik wie nötig. Unser Ziel: das Leben der Menschen, für die wir uns einsetzen, zu verbessern. Wir stoßen mit unseren Anliegen und Ideen dabei erfreulicherweise deutlich häufiger auf offene als auf verschlossene Türen. Meist verlaufen diese Gespräche mit Verantwortungsträgern konstruktiv, nur in seltenen Fällen findet man sich – ob gewollt oder nicht – auch als Gegenspieler der Politik wieder. Letzteres geschah häufiger in diesem Schicksalsjahr 2015 – auch infolge meines Besuchs in Traiskirchen. So war es aber auch schon früher gewesen, als die Stadt Wien etwa den Wiener Stadtpark von Obdachlosen räumen ließ. Oder einige Jahre später, als wir von Teilen der Bundesregierung heftig und über Monate hinweg attackiert wurden. Wir hatten es damals gewagt, Kritik am politischen Umgang mit armutsbetroffenen Menschen zu üben – Stichwort: „soziale Hängematte“.

Bei all diesen Gelegenheiten erhielt ich Einblicke in den politischen Maschinenraum unserer Republik. Im Zuge der Ereignisse 2015 erlebte ich etwa einen schreienden Kabinettsmitarbeiter am Telefon, der sich wenig Mühe gab, seine Drohungen meiner Person gegenüber zu verklausulieren. Einen Minister, der mich wegen meiner Wortmeldungen in der Öffentlichkeit mit unterdrückter Nummer anrief, um zu erfragen, wer mich eigentlich beauftragt habe, ihn „fertigzumachen“. Ich begegnete vielen Menschen aus dem Politikbetrieb mit dem ehrlichen Anliegen, Dinge zum Positiven verändern zu wollen. Ich erlebte ebenso, wie mit Stimmung Stimmen gemacht werden und wie sich engagierte Politikerinnen in unseren Einrichtungen auch von vorhandener Not abseits von Scheinwerfern und Blitzlicht berühren lassen. Ein jovialer (und hochrangiger) ehemaliger Landespolitiker erklärte – in der Annahme, witzig zu sein – bei einem öffentlichen Termin vor knapp 50 Gästen, dass er mich und unsere Arbeit zwar schätze, dass es aber auch schon unzählige Gelegenheiten gegeben habe, bei denen er mir „gerne mit einer Glasscherbe das Gesicht rasiert“ hätte. Und eine Ministerin traf ich vor Jahren am Neujahrstag spontan und privat, weil sie meine Position in einer öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung im Nachhinein ehrlich besser verstehen wollte. Ich erlebte Höflichkeiten und konstruktive Gespräche auf Polit-Gipfeln und an Runden Tischen, aber auch Niederträchtigkeiten und schwere Fouls in der politischen Bassena. Kurzum, ich machte die Erfahrung: Politikerinnen und Politiker sind auch nur Menschen. Aber um auch das klar zu sagen: Unterm Strich überwiegt mein Respekt für die Arbeit, die sie Tag für Tag leisten. Die Verantwortung, die sie tragen. Der Druck, dem sie ausgesetzt sind. Ich möchte nicht tauschen. Doch seit den Erfahrungen aus dem Jahr 2015 merke ich, wie ich bis heute öfter als zuvor an der Politik verzweifle.

Bereits wenige Minuten, nachdem unsere Führung durch die Erstaufnahmestelle begonnen hatte, wurde mir klar, worum es dem Leiter des Lagers wohl tatsächlich ging, als er sagte, wir sollten auf keinen Fall Fotos machen, um die „Privatsphäre der Leute“ zu schützen. Das Bild, das sich dem Kardinal und mir bot, war verheerend. Es war ein humanitärer Skandal: Knapp 3.000 Menschen waren zu diesem Zeitpunkt in Traiskirchen untergebracht. Knapp ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. Aber nur für 1.800 Menschen gab es einen „festen Schlafplatz“. 480 Personen waren seit Kurzem auf dem nahen Ausbildungsgelände der Polizei in Zelten untergebracht, erzählte der Beamte. „Wo schlafen die anderen Menschen?“, fragte ich irritiert. „Für 700 Leute gibt es aktuell weder Betten noch Matratzen. Am Abend lasse ich die Garagen, Wartesäle und den Kindergarten öffnen. Hinlegen darf man sich dort aufgrund der gesetzlichen Vorgaben und Auflagen nicht. Doch die Leute sind zum Teil völlig erschöpft und legen sich natürlich mit Decken auf den harten Boden oder schlafen im Sitzen ein.“ Beim Rundgang über das Gelände beobachteten wir ewig lange Schlangen bei der Essensausgabe, weinende Kinder und fast unter jedem Baum schliefen Menschen unter freiem Himmel. Daneben weiße Zelte, wie ich sie sonst nur aus Flüchtlingslagern im Libanon oder in Jordanien kannte. Und das Ganze mitten in Österreich – einem der wohlhabendsten Länder dieser Welt. Insgesamt waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Erstaufnahmestelle durchaus bemüht, das Beste aus der Situation zu machen. Aber wie sollten sie die Versäumnisse der verantwortlichen Politiker nur ansatzweise kompensieren? Es wollte jedenfalls nicht in meinen Kopf: 700 obdachlose Menschen in einer von der Republik Österreich geführten Flüchtlingseinrichtung. Während 75 Prozent der österreichischen Gemeinden zum damaligen Zeitpunkt keinen einzigen Asylwerber bei sich aufgenommen hatten, schliefen Kinder hier unter freiem Himmel. Das war mir zu viel.

Ich ließ mich allmählich zurückfallen und begann, mit meinem Handy heimlich zu fotografieren und somit mein Versprechen bewusst zu brechen. Im Beisein des Kardinals hielt ich nicht Wort und verstieß gegen eine Vorschrift. Ich hatte Gewissensbisse und haderte damit. Doch intuitiv sah ich mich zu diesem Akt des zivilen Ungehorsams gezwungen. Am nächsten Morgen postete ich meinen Bericht samt Belegungszahlen und Fotos auf Facebook in der Hoffnung, dass sich etwas zum Positiven verändern würde. In der Hoffnung, dass Bund, Länder und Gemeinden endlich so etwas wie einen nationalen Aktionsplan Asyl ausrufen und die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen würden. In der Hoffnung, dass sich weitere Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in ganz Österreich finden würden, die schutzsuchende Frauen, Männer und Kinder bei sich aufnahmen.

Es war einer jener Augenblicke, in denen der Caritas im Allgemeinen und mir im Speziellen vorgeworfen wird, „zu politisch“ zu sein. Jene Tage und Wochen, in denen etliche Politikerinnen und Politiker hochrangigen Kirchenvertretern ausgedruckte Tweets und Presseaussendungen von mir vorlegten, weil sie glaubten, mich damit „zur Vernunft“ bringen oder, noch besser, ruhigstellen zu können. Ich lernte damals, dass Druck immer Gegendruck erzeugt und dass vielen eine kirchliche Hilfsorganisation lieber wäre, die sich still um Ausspeisungen von in Not geratenen Menschen kümmert. Stumm, wenn es eigentlich darum geht, auch die Ursachen der Not konkret zu benennen. Frei nach dem Motto: „Hände falten, Gosch’n halten“ und Suppe schöpfen. Dabei gehört es zu unserem Kernauftrag, uns auch einzumischen. „Nur eine lästige Caritas ist eine gute Caritas“, ruft Kardinal Schönborn regelmäßig öffentlich in Erinnerung. Das Evangelium ist kein Parteiprogramm. Wir sind weder türkis oder schwarz noch rot oder blau, nicht grün oder pink – unser Auftrag ist kein parteipolitischer, sondern ein gesellschaftspolitischer. Wir wollen nicht an der Seite irgendeiner Partei, sondern an der Seite jener Menschen stehen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Ganz gleich, ob pflegebedürftig, geflüchtet, obdachlos oder armutsbetroffen. Ganz egal, ob hier bei uns oder in anderen Teilen der Welt. Doch diese anwaltschaftliche Aufgabe, die zweite wesentliche Säule unserer Arbeit, ist vielen Politikern bis heute suspekt und verdächtig.

Ich erinnere mich besonders gut an die Auseinandersetzungen rund um Weihnachten 2018 – wenige Monate nach der Angelobung der damaligen Bundesregierung. Ein Interview, das wir kurz vor Weihnachten gegeben hatten und in dem wir Kritik am Umgang der Regierung mit armutsbetroffenen Menschen geübt und den politisch Verantwortlichen ein „Empathiedefizit“ attestiert hatten, wurde von den jungen Vertretern der noch jungen Regierung zum Anlass genommen, eine regelrechte Kampagne gegen die Caritas und andere Hilfsorganisationen zu führen. Wir kritisierten damals die drohenden Kürzungen im Bereich der Mindestsicherung – des letzten sozialen Netzes – und wurden umgekehrt für unseren Einsatz für geflüchtete Menschen diffamiert. Die Stimmungsmacher in der Regierung wechselten also kurzerhand Thema und Spielfeld, streuten Nebelgranaten, lenkten von der Armutsfrage ab und versuchten uns stattdessen einmal mehr als naive „Willkommensklatscher“ abzustempeln. Wir waren in der Vergangenheit immer wieder heftiger Kritik ausgesetzt, aber erstmals waren es die Spitzen der Regierung selbst, die über Wochen hinweg die Legitimität zivilgesellschaftlicher Kritik grundsätzlich infrage stellten – „NGO-Wahnsinn“ inklusive. In Interviews und in den sozialen Medien wurde mal dezent, mal sehr brachial Stimmung gemacht – von Verantwortlichen beider Regierungsparteien. Es war in jener Zeit, in der auch kritisch berichtende Medien von der Politik immer offener unter Druck gesetzt und in Zweifel gezogen wurden. Ein Hauch von Trump und Orbán wehte damals und in Wahrheit bis heute durch unser Land. Der politische Diskurs wurde zunehmend rauer und politische Parteien standen sich zuallererst verfeindet gegenüber. Ich kann an der Stelle weniger für die Caritas als für mich selbst sprechen, wenn ich sage: Die Brutalität, mit der Einzelne diese Angriffe vornahmen, verfehlte ihre Wirkung nicht. Zumindest vorübergehend nicht. Ich brauchte Zeit, um meine Schlüsse daraus zu ziehen. Und ich brauchte wohl auch Zeit, um etwa mit derselben Entschiedenheit wie zuvor wieder für die Anliegen schutzsuchender Menschen einzutreten – ganz einfach, weil mich die Situation verunsicherte und das Ausmaß der Angriffe auch an meinen Kräften zehrte.

Mein Blick auf die Politik veränderte sich. Bis heute anerkenne ich die Arbeit, die im politischen Betrieb für das Wohl der Menschen in unserem Land geleistet wurde und noch immer geleistet wird. Jetzt während der Corona-Krise, aber auch im Blick zurück auf die vergangenen Jahrzehnte, in denen es gelang, ein dichtes Netz des sozialen Ausgleichs und der Achtsamkeit zu weben. Gemeinsam ist in diesen Jahrzehnten verdammt viel weitergegangen. Unser Land erlebte Jahrzehnte des Wohlstands und des sozialen Zusammenhalts. Wir lernten den Wert des politischen Kompromisses schätzen – also die Fähigkeit, ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven zu betrachten, zu bewerten und gemeinsam zu entscheiden. Unter dem Eindruck von Krieg und Lagerstraße stärkten wir die wechselseitige Dialogbereitschaft und versuchten das Verständnis füreinander zu schärfen. Ja, auch ich weiß, dass Proporz und Kammernstaat im Rückblick besser nicht verklärt und zum Himmel auf Erden hochgejazzt werden sollten, dass vieles zäh, intransparent und mit der Zeit auch anachronistisch war. Doch letztlich hielt dieser Gedanke große und weite Teile der Gesellschaft zusammen und im Gespräch. Aber plötzlich war vieles davon nur mehr sehr wenig wert.

Schuld an allem ist die Politik! Das wäre viel zu einfach. Nichts liegt mir ferner, als in bloßes Politikbashing zu verfallen. Aber damals – im Winter 2018/2019 – erlebte ich hautnah, dass Politik vor allem immer eines zum Ziel haben muss: die Durchsetzung und Akkumulation von Macht und Hegemonie im öffentlichen Diskurs. Es wäre naiv zu glauben, dass das früher einmal anders war. Neu war jedoch, dass viele Hemmungen bei der Wahl der Mittel gefallen schienen – nicht nur, weil NGOs kritisiert wurden (das halten wir schon aus), sondern weil auch Parteien der Mitte dazu übergingen – wie in anderen entwickelten Ländern der Welt auch –, die Glaubwürdigkeit seriöser Medien zu untergraben und sich immer mehr von jenem „System“ zu distanzieren, dem sie selbst so lange noch erfolgreich angehört hatten. In Opposition zur eigenen Vergangenheit und zum eigenen Land. Neuer Stil in alten Schläuchen.

Tatsächlich bin ich bereits einige Male gefragt worden, ob ich mir einen Wechsel in die Politik vorstellen könnte. Für unterschiedliche Parteien zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Zwei Mal wurde es tatsächlich konkret. Und auch wenn ich diese Option für mich nicht für alle Zukunft ausschließen möchte, bin ich doch froh, diesen Schritt bislang nicht gesetzt zu haben. Zwar hätte mich die Vorstellung durchaus gereizt, die Erfahrungen, die ich als Verantwortlicher einer Hilfsorganisation mache, auch ganz unmittelbar in den politischen Prozess einfließen zu lassen, doch am Ende ließ mich stets etwas zögern. Vielleicht war es die Stimme meines Vaters, der mich schon in jungen Jahren davor warnte, mir einen Stempel aufdrücken zu lassen. Vielleicht ist es mein starker Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Vielleicht aber waren es auch die Gespräche mit ehemaligen Politikerinnen und Politikern, die ich geführt habe und in denen diese erklärten, wie froh sie wären, diesen Kräften nicht mehr ausgesetzt zu sein. Und tatsächlich: Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Ich beneide sie nicht. Nicht um die Zwänge, denen sie ausgesetzt sind, nicht um den immensen Druck, dem sie standhalten müssen, die flüchtigen Allianzen, nicht um den doppelten Boden, auf dem sie stehen, nicht um die Posen, die sie einnehmen (müssen). Ehrlicherweise füge ich hinzu: Ich beneide sie aber auch nicht um die permanente Kritik, der sie sich gegenübersehen. Der Kritik des politischen Gegenübers, der Expertinnen und Experten, der Medien – nicht zuletzt auch jener von Stimmen aus der Zivilgesellschaft. Stimmen wie meiner. Auch wenn wir immer wieder bemüht sind, politische Fortschritte, die aus unserer Sicht für Menschen in Notsituationen erzielt wurden, als solche zu benennen, so sind es doch zuallererst die kritischen Töne, die gehört und medial verstärkt werden. Und vermutlich bin es auch ich selbst, der im Wissen um Letzteres, großzügiger Kritik austeilt, als Anerkennung zu zollen. Kompromisslos vorgetragen – kompromissloser, als es Politikerinnen und Politiker, die zumindest in der Theorie stets die Interessen vieler vor Augen haben sollten, können.

Eine jener Frauen, die mich in den vergangenen Jahren stark geprägt hat, war Gertrude Pressburger – der breiten Öffentlichkeit als „Frau Gertrude“ bekannt. Jene 93 Jahre alte Holocaust-Überlebende aus Wien, die sich im Jahr 2016 in der entscheidenden Phase des Bundespräsidenten-Wahlkampfes mit einem viel geteilten Video zu Wort meldete und darin vor einer Politik warnte, „die das Niedrigste und nicht das Anständige aus den Menschen herausholt“. Ich lernte Gertrude bereits kurz vor ihrem öffentlichen Auftritt auf einer Veranstaltung kennen. Wir kamen ins Gespräch und haben uns seither immer wieder getroffen. Gertrude und ich sind Freunde geworden. Ihre Worte haben mich wie viele andere auch sehr bewegt. Und es wäre jetzt ein Leichtes, ihre Worte zu nehmen und damit auf aktive Politikerinnen und Politiker hinzuweisen. Ich glaube, Gertrudes Worte gelten auch mir und uns allen.

Auch eine kirchliche Hilfsorganisation ist nicht unfehlbar. Auch wir können irren. Wenn unsere Kritik pauschal ist oder überzogen, wenn wir zu moralisierend auftreten, wenn wir bestehende Fronten verhärten, statt aufeinander zuzugehen. Ich nehme für unsere Organisation in Anspruch, dass uns diese Gratwanderung in der Regel gut gelingt. Doch auch uns – und mir persönlich – können Fehler passieren. An zwei erinnere ich mich konkret.

Als sich im Frühjahr 2015 das bisher größte Flüchtlingsunglück im Mittelmeer ereignete, ein Boot mit mehr als 700 Menschen vor Lampedusa kenterte und innerhalb von nur zehn Tagen mehr als 1.000 Menschen an der südlichen EU-Außengrenze starben, sah ich rot. Wie so viele andere Menschen auch war ich entsetzt und fassungslos. Ich fasste kurzerhand den Entschluss, eine Gedenkveranstaltung am Minoritenplatz in der Wiener Innenstadt zu organisieren. Gemeinsam mit mehreren Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen luden wir zu einer „stillen Kundgebung“ auf den Platz zwischen Innen- und Außenministerium. Über 4.000 Menschen versammelten sich, Bundespräsident Heinz Fischer hielt eine Rede, die gesamte Bundesregierung nahm teil. Gemeinsam mit der Journalistin Corinna Milborn moderierte ich diese Trauerfeier. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: an den Stress. An die Emotionen. Die Bühne musste in kürzester Zeit organisiert werden, ein Programm gestaltet, die Veranstaltung angemeldet und die Rednerliste abgestimmt werden. Besonders wichtig war mir damals, dass auch möglichst viele Politikerinnen und Politiker vor Ort waren. Sie sollten sehen und hören, spüren und fühlen, dass es uns nicht egal sein kann, wenn tausende Menschen im Meer vor den Toren Europas ertrinken und wenn jenes Meer, an dem wir im Sommer so gerne unsere Urlaube verbringen, von Woche zu Woche mehr zu einem Massengrab wurde. Als Corinna Milborn und ich die Bühne betraten, sah ich tausende Menschen dicht gedrängt auf dem Platz. Nicht nur die Trauer, auch die Empörung der Anwesenden war groß, meine eigene Empörung war vielleicht noch größer. Noch nie hatte ich vor so vielen Menschen gesprochen und so redete ich mich in Rage. Ich sprach von einer „Schande für Europa“, von der Verantwortung der österreichischen Bundesregierung, die mitschuldig sei, die das Massensterben im Mittelmeer nun endlich beenden müsse. In der Menge sah ich an einer Stelle meinen kleinen Sohn, der mir auf den Schultern meines Bruders zulächelte und winkte. Weiter hinten im Publikum die politischen Spitzen der Republik mit gesenkten Köpfen und betroffenem Blick. Meine Worte ließen keinen Zweifel: Die Politik – auch jene unserer Regierung – traf Schuld. So still, wie es auf der Einladung der Veranstaltung geschrieben stand, lief die Kundgebung jedenfalls nicht ab.

Ich fand mit wenigen Worten Schuldige. So war es auch gewesen, als ich die Spitzen der Wiener Stadtregierung und der Wiener Polizei Jahre zuvor persönlich zur Verantwortung zog, weil obdachlose Menschen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Wiener Stadtpark vertrieben wurden. Ihr ganzes Hab und Gut entsorgt. Obdachlose Menschen auf Basis einer schwindligen Verordnung aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit verbannt. Auch damals ließ ich wenig Zweifel daran, wer diese Räumung zu verantworten hatte – auch damals stellte ich aus meiner Sicht zwar nachvollziehbare, aber auch kompromisslose Forderungen, die sicherstellen sollten, dass eine solche Räumung fortan nicht mehr möglich ist.

Ich habe bei diesen Gelegenheiten Konflikte gesucht und dabei die Suche nach Kompromissen und Dialogen aus dem Blick verloren. Das sind Momente, die mir nachträglich leidtun. Weil ich mich am Minoritenplatz und damals im Stadtpark plötzlich außerstande sah, noch den Menschen hinter dem Politiker oder hinter der Politikerin zu sehen. Weil ich in diesen speziellen Situationen vermutlich das Meine dazu beigetragen habe, diese Menschen in eine Ecke zu drängen, in der sie sich selbst nicht nur nicht sahen, sondern aus der sie sich in weiterer Folge vielleicht auch umso schwerer wieder befreien konnten. Ich habe mich an der einen oder anderen Stelle verhärtet, statt im Gespräch zu bleiben. Ganz einfach, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es im gut geölten Politikbetrieb in der Regel nur zwei Wege gibt, sein Ziel zu erreichen: durch Kampagnisieren oder Antichambrieren. Durch Dialog – oft auch abseits der Öffentlichkeit. Und erst, wenn dieser Weg nicht zum Ziel führt – mit massivem, hartnäckigem und öffentlichem Druck. Doch ich habe gelernt: Druck kann ich auch aufbauen, ohne dass das Gegenüber dabei das Gesicht verlieren muss.

Wenn wir uns eine Politik wünschen, die das Freund-Feind-Denken überwindet und das Gemeinsame vor das Trennende stellt, dann muss dieses Prinzip auch für uns gelten – für die Zivilgesellschaft, für uns alle. Vielleicht wäre es ein Anfang, sich wechselseitig nicht von vorneherein den guten Willen abzusprechen. Dem Gegenüber zuzugestehen, dass er oder sie – bei allem, was einen ideologisch voneinander unterscheiden mag – auch an Lösungen interessiert ist. Raus aus der Dauerempörung, rein in mehr Gelassenheit und Verständnis. Dort die Bösen und hier die Guten – das geht sich nicht aus. Vielleicht habe ich dieses Bild in der Vergangenheit das eine oder andere Mal zu oft gezeichnet. Und vielleicht ist es mir nicht immer gelungen, unserem Grundsatz, das Gegenüber nie persönlich mit unserer Kritik zu adressieren, treu zu bleiben. Hart in der Sache, aber nicht persönlich.

Ich bin überzeugt: Wir brauchen ein neues Miteinander in Gesellschaft und Politik, das den Wert des Kompromisses mit neuem Leben füllt. Kein Zurück zu Proporz und Kammernstaat. Aber ein Zurück zu einer Haltung des wechselseitigen Respekts. Mehr Toleranz vor der Meinung des Anderen, auch wenn ich sie nicht teile. Zurück zu einer Politik, die nicht das Niedrigste, sondern das Anständige aus den Menschen herausholt; die die Bereitschaft zum Dialog nicht aus dem Blick verliert; die Vielfalt und Vielstimmigkeit als Stärke zu nutzen weiß. Eine Politik, die die Antworten auf aktuelle Herausforderungen nicht allein in der Vergangenheit sucht, die Visionen entwickelt anstatt alte Rezepte aufzuwärmen. Zurück zu einer Sprache, die uns nicht in ein „Wir“ und „die Anderen“ unterteilt. Die das Gute in der Gesellschaft nährt und damit den Boden bereitet für eine Kultur der Achtsamkeit und der Solidarität. Kein Schüren von Ängsten, sondern eine Politik, die Hoffnung macht und Zuversicht stärkt. Raus aus den Echokammern, rein ins Gespräch!

Wer auf andere zugeht, kommt ans Ziel. Es mag nicht immer der kürzeste Weg sein, dafür aber ein Weg, der breit getragen wird. Das ist in einer gelingenden Beziehung zwischen zwei Menschen nicht anders als in zukunftsfähigen Gesellschaften insgesamt. In Österreich. In Europa. Und auch im weltweiten Kontext. Wenn es um die Bekämpfung von Armut geht. Um Flucht und Migration. Oder dann, wenn wir nach der Pandemie auch die Klimakrise in den Griff bekommen müssen.

Zukunftsfähig sind wir nur, wenn wir gemeinsame Ziele weiterhin außer Streit stellen und uns darauf einigen können, wofür sich der gemeinsame Einsatz bei aller Unterschiedlichkeit lohnt. Das ist kein Appell, der sich nur an „die da oben“ richtet – er richtet sich an uns alle: An dich. An mich. Wenn ich zuerst die Frage stelle, was mich mit meinem Gegenüber eint – und erst dann, was mich von ihm unterscheidet. Wenn ich versuche, meinen Nächsten richtig zu verstehen anstatt, ihn bewusst falsch zu interpretieren. Brücken dort zu schlagen, wo andere tiefe Gräben ziehen. Wenn wir weiterhin querdenken, ohne dadurch zu Querdenkern zu werden. Kritisch bleiben. Mutig. Mit wachen Augen und einem weiten Herzen. Wie können wir die unteilbare Würde jedes einzelnen Menschen wieder außer Streit stellen? Warum ist es so schwer zu verstehen, dass Menschenrechte ausnahmslos für alle Menschen gelten? Und welche Verantwortung trage ich – tragen wir alle? Die Zukunft, von der wir träumen, wird gestaltet – nicht nur in den Parlamenten und Regierungssitzen, nicht nur alle Jahre wieder an der Wahlurne, sondern Tag für Tag. Wir haben Tag für Tag die Wahl. Die Wahl, uns von Neuem zu entscheiden, aufeinander zuzugehen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Der Leiter der Erstaufnahmestelle Ost des Innenministeriums in Traiskirchen hat es mir im Übrigen bis heute nicht verziehen, dass ich die Bilder aus dem Inneren des Lagers öffentlich gemacht habe. Ich hatte gehofft, dass er meinen Schritt mit zeitlichem Abstand würde nachvollziehen können. Dass auch er rückblickend sieht, dass er – bei allem persönlichen Einsatz und Engagement – zu diesem Zeitpunkt eben nur ein kleines Rad in einem nicht mehr funktionierenden Getriebe war. Nicht Traiskirchen war damals das Problem, sondern der Unwille und die fehlende Bereitschaft von Bund und Ländern, Menschen auch menschenwürdig unterzubringen. Mein Versuch, mich ihm Wochen nach meinem Besuch zu erklären und ihm darzulegen, warum ich tun musste, was ich tat, misslang. Er wollte und konnte mir nicht verzeihen. In seinem kurze Zeit später erschienenen Buch arbeitete er sich an der Caritas, vor allem aber an mir und auch an anderen Hilfsorganisationen ab. Dass die Aussprache nicht gelang, tut mir zwar leid, aber dennoch bereue ich den Schritt von damals nicht. Er ist mir nicht leichtgefallen, trotzdem war er notwendig. Nachdem der Bericht und die Bilder in der Welt waren, nahm die politische Debatte endlich Fahrt auf. Freiwillige Initiativen entstanden. Essen wurde verteilt, Kleidung gesammelt, die medizinische Versorgung wurde ausgebaut. Die Bundesregierung installierte mit Christian Konrad einen eigenen Flüchtlingskoordinator, der mit seinem Team in kurzer Zeit viel voranbrachte und zusätzliche Quartiere organisierte.

Mit Aleyna, einer jungen syrischen Frau, die ich in Traiskirchen kennengelernt habe, habe ich bis heute ein wenig Kontakt. Ich begegnete ihr und ihrem Baby damals auf der Krankenstation in Traiskirchen. Unter Tränen erzählte sie dem Kardinal und mir vom Krieg, von den Toten und von ihrer Flucht über das Mittelmeer. Sie sprach von tagelangen Fußmärschen durch Mazedonien, von kalten Nächten in serbischen Wäldern und von Verhaftungen in Ungarn. Sie wurde von ihrem Mann getrennt. Aleyna und ihr Mann leben heute in Graz, sie haben ein zweites Kind bekommen, sie vermissen ihre Heimat bis heute, aber sind glücklich über ein Leben in Sicherheit hier in Österreich. Über ihre Zeit in Traiskirchen möchten sie heute nicht mehr sprechen.

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22 aralık 2023
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9783990406328
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