Kitabı oku: «DANGEROUS BEND»

Yazı tipi:

Krista K.

DANGEROUS BEND

Gefährliche Kurve

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

DANGEROUS BEND

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

SECHSUNDVIERZIG

SIEBENUNDVIERZIG

ACHTUNDVIERZIG

NEUNUNDVIERZIG

FÜNFZIG

EINUNDFÜNFZIG

ZWEIUNDFÜNFZIG

DREIUNDFÜNFZIG

VIERUNDFÜNFZIG

FÜNFUNDFÜNFZIG

SECHSUNDFÜNFZIG

SIEBENUNDFÜNFZIG

ACHTUNDFÜNFZIG

NEUNUNDFÜNFZIG

SECHSZIG

Impressum neobooks

DANGEROUS BEND

DANGEROUS BEND

Gefährliche Kurve

Ein Roman

von

K. Krista

Vergangenheit kann man nicht bewältigen,

man kann sie nur verantwortlich zu verstehen versuchen.

Richard von Weizäcker

Man muss erst einige Male sterben um

wirklich leben zu können.

Charles Bukowski

EINS

Endlich Urlaub!

Raus aus Deutschland, die Seele baumeln lassen.

Der Gedanke, mich nicht mehr verstecken zu müssen, keine Angst zu haben, dass mich jemand erkennt, zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht.

Für ein paar Tage frei sein, keine Gedanken daran verschwenden zu müssen, dass mich meine Vergangenheit doch noch einholen könnte. Wenigsten für ein paar Tage die Sorge los sein, meine Verfolger könnten plötzlich vor mir stehen und alles zerstören, was ich mir über die Jahre mühsam aufgebaut habe.

Für mich bedeutet mein kleines sorgenfreies Leben alles.

Ich habe mir ein zu Hause geschaffen, in dem ich mich sehr wohl fühle. Nur eine Zweizimmerwohnung, nicht sehr groß, aber für mich völlig ausreichend. Sie liegt nur wenige Gehminuten vom Augsburger Stadtkern entfernt, so dass ich jederzeit schnell dort bin, wo das Leben tobt, wenn ich das möchte. Ebenso günstig liegt die Wohnung an einem kleinen Fluss, der vor einigen Jahren renaturiert wurde und sich dadurch zu einem Naherholungsgebiet entwickelt hat. Je nach dem, nach was mir der Sinn steht, ob Ruhe oder Aktion, in wenigen Minuten kann ich Beides erreichen.

Und nicht zuletzt habe ich einen Arbeitsplatz gefunden, der mir sehr viel Freude macht und den ich durch puren Zufall, über das Arbeitsamt, man glaubt es kaum, erhalten habe.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals vor der Beraterin saß und sie mir das Stellenangebot eines Zahntechnischen Fräszentrums über den Tisch schob und mir mitteilte, ich müsste mich auf diese Stelle bewerben.

Ungläubig und leicht genervt las ich mir den Text des Angebotes durch.

Gleich am Anfang des Stellenangebotes wurde darauf hingewiesen, dass eine Ausbildung in der Zahntechnik von Vorteil, aber nicht Bedingung wäre.

Weiter ging es mit Kenntnissen in CAD, ein Programm für Rechnerunterstützte Konstruktion – diese war Bedingung.

Ferner handelte es sich hierbei um einen Ganztagsjob, was für mich sowieso nicht in Frage kam, ich der Dame vom Amt aber nicht sagen durfte, bzw. konnte. Sie wäre niemals damit einverstanden gewesen, einen Halbtagsjob für mich zu suchen, denn nur ein solcher kam für mich in Frage.

Durch die lange Arbeitslosigkeit hatte ich festgestellt, dass ich zum Leben viel weniger Geld benötige als ich früher dachte. Jetzt musste ich mit weniger auskommen und nach anfänglichen Schwierigkeiten klappte das überraschend gut.

Auf einmal war mir Zeit wesentlich wichtiger als Konsum. Doch das konnte und durfte ich der Beamtin nicht sagen, sie hätte mir sicherlich die Bezüge gekürzt.

Lächelnd sah ich von dem Schriftstück auf und teilte der Vermittlerin mit, dass ich, als gelernte Bürokraft, nicht die geringste Qualifikation für dieses Stellenangebot hätte, natürlich nur meine Meinung, fügte ich im Stillen hinzu.

Meinen Einwand ignorierend wies sie mich lediglich lapidar darauf hin, dass ich mich auf jedes, von ihr, vorgelegte Angebot, bewerben müsste.

Um Ärger zu vermeiden und meinen Anspruch auf Arbeitslosengeld nicht zu verlieren, gab ich zähneknirschend nach und schrieb noch am selben Tag eine Bewerbung auf die ausgeschriebene Stelle, konnte mir jedoch den Zusatz nicht verkneifen, dass es mir sehr unangenehm ist, mich zu bewerben, mir aber leider keine andere Wahl bleibt.

Es war einfach zu Offensichtlich, dass ich so gar nicht für diese Stelle geeignet war und mir war es ausgesprochen peinlich mich auf diese Ausschreibung zu bewerben.

Wider Erwarten erhielt ich jedoch nur zwei Tage später einen Anruf der Firma, mit der Frage, ob ich denn auch an einer Halbtagstelle interessiert wäre.

Für die ausgeschriebene Stelle, wäre ich nicht geeignet, - Überraschung - aber es würde eine Zahntechnische Assistentin gesucht, die umfangreich eingearbeitet und angelernt würde.

Ich konnte mein Glück kaum fassen und freue mich noch heute über diese glückliche Fügung, denn die Tätigkeit macht mir immer noch sehr viel Freude.

Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich und kreativ. Mit meinen Arbeitskollegen verstehe ich mich sehr gut, was zu einem guten Betriebsklima beiträgt und mich jeden Tag aufs Neue gern zur Arbeit gehen lässt.

Mein Leben ist nicht aufregend, Gott sei Dank, es ist ruhig und beschaulich.

Die Tage gestalten sich meist vorhersehbar, genauso wie ich es mir wünsche.

Ich liebe meine kleine Wohnung, die ich über die Jahre liebevoll eingerichtet habe. Sie liegt nur einen Eingang von einer sehr lieben Nachbarin entfernt, in der ich eine Freundin gefunden habe, mit der ich über fast alles reden kann.

***

Geplant hatte ich meinen Urlaub schon vor Monaten und jetzt ist es endlich soweit, ich sitze im Flieger nach Griechenland. Drei Wochen reine Erholung und Entspannung liegen vor mir. Von ein paar Ausflügen abgesehen, werde ich mich nur am Stand und in der Sonne aalen.

Ich freue mich riesig.

Gut, einige Änderungen musste ich leider bei der Buchung vornehmen, denn zunächst hatte ich mir im Internet fünf kleine, gemütliche Hotels, mit maximal 40 Zimmern und Halbpension, ausgesucht. Bin in freudiger Erwartung mit den Daten zum Reisebüro marschiert und wollte eines dieser Hotels buchen.

Leider hatte ich Pech, denn die kleinen Hotels haben keine Einzelzimmer und bieten auch keine Doppelzimmer zur Einzelbelegung an. Außer man bucht sehr kurzfristig und es ist zufällig noch ein Zimmer frei.

In den kleineren Hotels ist es leider so, dass erst, wenn sie nicht ausgebucht sind und die Eigentümer befürchten, ein Zimmer könnte komplett leer bleiben, es zur Einzelnutzung frei gegeben wird.

Das hat mich etwas geärgert, da ich jedoch frühzeitig buchen wollte, blieb mir keine Alternative und ich musste mich zwischen fünf Bettenburgen, welche die Dame im Reisebüro für mich aus dem Internet rausgesucht hat, entscheiden.

Die Wahl fiel dann auf ein Hotel mit ca. 300 Betten, bestehende aus einem Haupthaus und mehreren kleineren Häusern, in einer weitläufig angelegten Anlage. Vier Sterne, All Inklusiv und Animation versteht sich, wie das heute so üblich ist.

Nun, ich muss bei dem Wahnsinn ja nicht mitmachen und nehme mir vor, mich dem Ganzen zu entziehen, groß genug ist das Gelände ja.

Mein letzter Urlaub ist über zehn Jahre her und ich genieße es, wieder einmal in einem Flugzeug zu sitzen.

Für meine Freundin mache ich – „über den Wolken Bilder“ – da sie noch niemals geflogen ist und ich ihr gerne zeigen möchte, wie schön die Aussicht von hier oben ist.

Klar dass ich wieder einmal an den Tragflächen sitze.

Mein Fehler, ich mache niemals eine Sitzplatzreservierung, habe aber meist das Glück am Fenster zu sitzen, allerdings immer, neben oder hinter den Tragflächen.

Egal, davon lass ich mir meine Vorfreude nicht vermiesen, ich genieße den Flug trotzdem in vollen Zügen.

Die Maschine ist um sechs Uhr morgens gestartet und ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt über die tiefblaue Farbe des Himmels über den Wolken. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens erleuchten den Himmel und lassen das Blau noch intensiver erstrahlen. Der Luftraum über den Wolken, erscheint so klar und rein und der Blick nach unten, direkt auf die Wolkendecke, lässt mich noch immer, wie bei meinem allerersten Flug, daran denken, dass sie wie weiche, schneeweiße Zuckerwatte aussieht, in die ich mich sehr gerne hineinfallen lassen möchte.

Der zweistündige Flug ist im Nu vorbei und wir setzen zur Landung auf dem Flughafen in Thessaloniki an. Da eine Stunde Zeitverschiebung einkalkuliert werden muss, ist es jetzt bereits neun Uhr Ortszeit und ich hoffe, dass die Gepäckausgabe nicht so viel Zeit in Anspruch nimmt, da ich noch etwa eine Stunde, mit dem Shuttle-Bus, bis zu meinem Hotel, benötige.

Das ungewohnt frühe Aufstehen macht sich schon jetzt bemerkbar.

Der Flughafenzubringer hatte mich bereits um kurz nach drei Uhr, heute Morgen abgeholt. Gefühlt habe ich diese Nacht so gut wie gar nicht geschlafen.

Die milde Temperatur und der herrliche Sonnenschein entschädigen mich jedoch für den Schlafentzug, es ist einfach traumhaft und ich kann es kaum erwarten, ins Hotel zukommen, meinen Koffer ins Zimmer zu werfen, an den Strand zu laufen und meine Füße vom Meerwasser umspülen zu lassen.

Thessaloniki ist eine Millionenstadt und deshalb steht zu befürchten, dass der Flughafen, ähnlich wie in München oder Frankfurt, in etwa dieselben Ausmaße hat.

***

Zum Glück habe ich mir unnötige Gedanken gemacht.

Wir verlassen das Flugzeug nicht, wie an Großflughäfen üblich, über den, am Flugzeug angebrachten Schlauch, um sich dann einen ewig langen Weg zu den Koffern zu suchen, sondern über eine Treppe, welche an die Maschine heran geschoben wird.

Es mag nostalgisch klingen, aber ich liebe es, über eine Treppe, das Flugzeug zu verlassen oder zu betreten. Ich kann es schlecht in Worte fassen, aber diese Art ein Flugzeug zu betreten, oder zu verlassen, setzt für mich einen deutlicheren Punkt für eine Ankunft, oder einen Abschied.

Der Weg über diesen Schlauch, Neudeutsch auch „Gangway“ genannt, bildet für mich keinen wirklichen Übergang. Irgendwie wird dadurch die Ankunft, bzw. der Abflug zu einem schwammigen, nicht wirklich erlebbaren Ereignis.

Mit einem Zubringerbus werden alle Passagiere zügig, an die Gepäckausgabe gefahren. Es ist nur ein kurzer Fußweg und wie an der Anzeige zu erkennen ist, beginnt die Kofferausgabe schon in wenigen Minuten.

Zeit, mich etwas umzusehen.

Werde ich beobachtet?

Sind einzelne Männer unterwegs die sich auffällig, unauffällig benehmen?

Leider bin ich, zu meiner Sicherheit, seit einigen Jahren gezwungen, bzw. ist es mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen, mein Umfeld sehr genau zu beobachten und ich achte deshalb auf Personen, die irgendwie nicht in die Szenerie passen.

Zu meiner Erleichterung, sehe ich hauptsächlich verliebte Pärchen und gestresste Familien. Es ist noch keine Hauptferienzeit und deshalb sind fast ausschließlich Familien mit Kleinkindern unterwegs.

Mangels eigener Kinder gilt Müttern von quengelnden Kleinkindern meine ganze Bewunderung. Während die Väter tiefenentspannt bereits die ersten Gespräche mit anderen Urlaubern anknüpfen, kümmern sich die Mütter aufopferungsvoll um ihren Nachwuchs.

Da ist das kleine Mädchen, das sofort etwas zu trinken braucht und sofort heißt auf der Stelle, was sie mit lautem Gekreische deutlich macht. Eigentlich ein wirklich sehr reizendes Kind, kaum zu glauben, wie durchdringend und dadurch leider sehr unangenehm ihre Stimme klingt.

Gleich wenige Meter daneben kämpft eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen, der unbedingt das Spielzeugauto haben möchte, welches er eben in der Auslage eines Souvenirladens gesehen hat.

Bitte nicht falsch verstehen, ich mag Kinder, doch bei einigen wenigen kommt mir dann doch der Gedanke, dass nur eine Mutter dieses Kind lieben kann.

Da mir keine Personen auffallen, die nicht in diese Urlaubsszenerie passen, lässt meine Anspannung merklich nach und ich nehme mein Kopftuch ab.

Endlich!

Eine wahre Befreiung.

Seit ich wieder in Bayern wohne, habe ich mir angewöhnt, ein Kopftuch, wie gläubige Muslime zu tragen. Was jedoch immer wieder zu Fragen führt, da ich weder arabisch noch türkisch aussehe.

Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass die wenigsten Menschen über Religion sprechen wollen und so komme ich mit der Antwort, ich wäre zum Islam konvertiert, recht gut klar. Zur Sicherheit habe ich mir einiges über den Glauben angelesen, musste jedoch noch nie Rede und Antwort stehen und mir gibt das Kopftuch ein enormes Sicherheitsgefühl.

Das Kopftuch hilft mir, mich zu verstecken.

Nur eine kleine Veränderung, jedoch sehr wirkungsvoll.

Meine Erfahrung hat gezeigt:

Männer sehen Frauen, von denen sie annehmen, sie wären gläubige Muslime, nicht so genau an und das ist alles was ich erreichen möchte.

Auf keinen Fall auffallen, oder auch nur gesehen werden.

Vor etwas mehr als zehn Jahren habe ich einige Jahre als Prostituierte gearbeitet und dabei eine klassische Kariere hingelegt.

Zunächst arbeitete ich nur in den besten Clubs und verdiente mehr Geld, als ich damals ausgeben konnte – dachte ich -, doch nicht lange.

Diese Arbeit ging so sehr an meine Substanz, dass ich irgendwann nicht mehr ohne Drogen oder Alkohol arbeiten konnte und damit begann der Abstieg.

Der Zeitpunkt zum Ausstieg, als ich sehr viel Geld verdiente und mir etwas zur Seite legen konnte, war verpasst. Den hätte ich nur in den ersten Jahren schaffen können und da wollte ich noch nicht auf das vermeintlich, leicht, verdiente Geld verzichten.

Wie sehr man sich täuschen kann.

Obwohl ich am Ende nicht mehr in Clubs, sondern auf der Straße arbeitete, hatte ich immer noch gute Kontakte zu den „Besserverdienenden“ und immer noch viele Beziehungen in die teureren „Läden“.

Dies war auch der Polizei bekannt und eines Tages trat die Kripo an mich heran und bat mich, verdeckt für sie zu arbeiten, ihnen zu helfen, einen Menschenhändlerring hochzunehmen.

Sie brauchten dazu einen Insider, da es viel zu lange dauern würde, jemanden aus ihren Reihen, „Undercover“ einzuschleusen.

Lange dachte ich nicht über das Angebot nach, gut es war gefährlich, aber was war die Alternative?

Für den Straßenstrich wurde ich langsam zu alt und viel tiefer kann man im Grunde nicht mehr sinken. Ohne Hilfe würde ich den Absprung nicht mehr schaffen, dazu war ich bereits zu sehr im Drogen- und Alkoholkreislauf gefangen.

Ohne Drogen schaffte ich die Arbeit nicht und ohne die Arbeit konnte ich mir die Drogen nicht leisten.

Mit Schaudern denke ich daran zurück, wie es war, wenn ich zu wenig verdiente, oder es mir so schlecht ging, dass ich nicht arbeiten konnte, mir dann mit Alkohol helfen musste, um den Entzug einigermaßen zu überstehen.

Ich hatte mich in einen Kreislauf hinein manövriert, aus dem ich allein nicht mehr herauskam.

Doch ich wollte raus aus dem Milieu und sah in dem Angebot der Kripo meine letzte Chance, ich spielte mit und ließ den Kopf der Bande hochgehen.

Viktor Sarow, ein Menschenhändler der übelsten Sorte, wurde bei dem Prozess zu einer dreizehnjährigen Haftstrafe verurteilt, zwei seiner Männer „fürs Grobe“, zu fünf und sieben Jahren.

Viktor lockte blutjunge Mädchen mit den Versprechen auf tolle Jobs aus Russland nach Deutschland, organisierte ihre Einreise und versprach ihnen gute Verdienstmöglichkeiten. Manchen erklärte er, sie könnten in Deutschland als Models arbeiten, anderen versprach er Arbeitsstellen im Haushalt. Weder das eine noch das andere haben die Mädchen bekommen.

Nur mit einem behielt er Recht, verdient haben die Mädchen sicherlich gut, aber das Geld floss ausschließlich in seine Taschen. Wenn sie Glück hatten, wurde ihnen nur der Pass abgenommen und sie konnten sich nach einer Weile freikaufen.

Leider war dies jedoch nicht seine lukrativste Einnahmequelle.

Ich schaffte es damals, mich in seine Organisation einzuschleusen, bin sehr nah an ihn herangekommen und konnte herausfinden, dass Viktor noch viel schlimmere Geschäfte tätigt.

Richtig Geld machte er damals mit dem Vermitteln und teilweise auch Verkauf von hauptsächlich minderjährigen Mädchen.

Unter den ganz gut betuchten Freiern gibt es einige wirklich sehr widerliche Exemplare, die darauf abfahren, Mädchen oder Frauen nicht nur sexuell zu missbrauchen, sondern sie regelrecht zu quälen, es bereitet den Typen Freude den Mädchen größtmöglichen Schmerz zu zufügen, unter der Hand spricht man sogar davon, dass einige dies nicht überlebten.

Viktor hatte in ganz Deutschland ein Netzwerk für diese Klientel aufgebaut.

Nach meiner Aussage, als Hauptbelastungszeugin, im Prozess gegen ihn, wurde ich ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

Das heißt, von heute auf morgen in eine andere Stadt ziehen, alle Kontakte, ob Familie oder Freude aufzugeben, ohne Erlaubnis, ihnen mitzuteilen, wo man sich aufhält. Man lässt das alte Leben komplett hinter sich.

Stellte ich mir anfangs viel einfacher vor als es war.

Dieses Programm dient dazu, insbesondere „Kronzeugen“, also Personen, wie mich, die maßgeblich zur Verurteilung eines Täters beitragen können, zu schützen, wenn ernsthaft befürchtet werden muss, dass die Aussage zu einer Gefährdung, für Leib und Leben, führen würde.

Gerade bei organisierter Kriminalität können oft nicht alle Beteiligten verhaftet und vor Gericht gestellt werden. So ist die Gefahr für den „Kronzeugen“ sehr hoch, dass dieser durch eine Bedrohung der Handlanger des Täters, an einer Aussage gehindert wird, oder oft auch mit dem Tod bedroht wird.

Je nach Gefährdungsstufe kann es nötig werden, den Zeugen nur für die Dauer des Verfahrens aus seinem persönlichen Umfeld zu entfernen und ihn in einer geheimen Wohnung unterzubringen.

Kommt es dann zu einer Verurteilung, ist die Gefährdung, für die Zeit der Inhaftierung des Täters, in der Regel vorbei.

Nicht so in meinem Fall.

Insbesondere im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität, wie dies bei Viktor Sarow der Fall war und heute noch ist, zeigte es sich, dass die Rache des organisierten Verbandes, es nötig machte, mich lebenslang, in irgendeiner Form zu schützen.

Dies ist nicht ungewöhnlich, kommt jedoch seltener vor als man denken könnte.

Zunächst greift der Identitätsschutz, bei dem die persönlichen Daten einem sehr strengen Datenschutz unterliegen.

So können zum Beispiel in Deutschland, Personenauskünfte der Meldeämter, durch einen Sperrvermerk von allgemeinen Anfragen ausgenommen, oder gänzlich gesperrt werden, je nach Gefahrenpotenzial.

Ich erhielt eine dauerhafte Tarnidentität, die sich auf alle gängigen Dokumente erstreckte.

Es wurde eine neue Geburtsurkunde, neue Zeugnisse, sowie ein neuer Führerschein erstellt und sogar eine komplett neue Identität, plus eine Legende über meine Vergangenheit erfunden.

Eine völlig neue Vita sozusagen.

Es besteht im Rahmen des Zeugenschutzprogramms sogar die Möglichkeit der Tarnung durch eine Todeserklärung.

Soweit ist man bei mir jedoch nicht gegangen.

Diese letzte und auch sehr drastische Maßnahme wird jedoch nicht selten bei Zeugen in Mafiaprozessen angewandt.

Bei einem Identitätswechsel ist es dringend erforderlich, das komplette Umfeld zu verlassen und den Kontakt zu Freunden und Verwandten abzubrechen, um die eigene, wie auch eine eventuelle Gefährdung der Nahestehenden, völlig auszuschließen.

Das Programm sieht selbstverständlich auch finanzielle und berufliche Hilfen vor, da ein Umfeld Wechsel immer mit einer neuen beruflichen Tätigkeit einhergeht, ebenso wie das Finanzieren einer neuen Wohnung, inklusive der Einrichtung und aller Kosten, die mit dem Start in ein neues Leben verbunden sind.

Dabei sollte man sich aber keine gut ausgestattete, im gehobenen Preissegment ausgestattete Zwei- oder Dreizimmerwohnung vorstellen, ein kleines Apartment trifft es schon eher. Der Gedanke, man könnte einen finanziellen Vorteil aus der Flucht in ein Zeugenschutzprogramm ziehen, klappt vielleicht im Fernsehen, die Realität sieht ganz anders aus.

Der zu Beschützende, also ich, bekommt, außer in finanzieller Hinsicht jegliche Starthilfe, muss sich jedoch verpflichten, mit der Vergangenheit komplett abzuschließen und jeglichen Kontakt zu ehemaligen Bekannten, Freunden oder Familie, rigoros abzubrechen. Falls vorhanden, werden Kinder oder Partner, in den meisten Fällen, ebenfalls ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

In meinem Fall handelte es sich um meinen Bruder und meine Schwester samt Anhang.

Diese Personengruppe, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt, erhält eine geraume Zeit Polizeischutz, alle ins Zeugenschutzprogramm aufzunehmen, ist möglich, jedoch in meinem Fall nicht vorgesehen.

Allerdings wird von mir, eine totale Kontaktsperre verlangt und da dies vor Gericht auch so kommuniziert wird, wird davon ausgegangen, dass diese Personengruppe, also meine Geschwister, dadurch geschützt werden.

Ein kleines Restrisiko bleibt demnach, welches ich im Grunde nicht eingehen wollte. Ich machte deshalb meine Aussage vom Einverständnis meiner Geschwister abhängig. Doch die Entscheidung wurde mir abgenommen.

Denn als die Kripo meine Geschwister über das Zeugenschutzprogramm aufklärte, wiedersprachen sie einstimmig, sie verzichteten auf jeglichen Schutz und für mich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, gegen diesen Menschen auszusagen.

Mir war und ist auch heute noch nicht wohl bei der Sache, aber man kann niemanden dazu zwingen, ins Zeugenschutzprogramm zu gehen. Diesen Schutz kann man nur freiwillig annehmen. Sicher man gibt viel auf, aber im Zweifel bleibt man am Leben.

Es bleibt der Polizei jedoch vorbehalten, mich jederzeit wieder aus dem Programm heraus zu nehmen, sollte ich die Kontaktsperre brechen und mich bei meinen Geschwistern melden, so würde ich sie damit nicht nur in Gefahr bringen, sondern das Programm wäre sofort beendet.

Verstöße, gegen weniger schwerwiegende Verbote, wie zum Beispiel, die Anmeldung bei Facebook, mit Foto versteht sich, um nur ein Beispiel zu nennen, hätten ebenso einen Rauswurf zur Folge.

Ich habe sieben lange Jahre durchgehalten.

Anfangs war es leicht.

Ich war fast ein Jahr in einer Drogenklinik auf Entzug, man hatte mich mit einer neuen Identität nach Bremen verfrachtet. Doch je weniger Drogen sich in meinem Körper befanden, umso klarer wurde mein Kopf und umso schlimmer und einengender, empfand ich mein neues Leben.

Die totale Isolation.

Der einzige Mensch, mit dem du ehrlich sprechen kannst und darfst, ist der Kontaktbeamte, der dir durch das Programm zugewiesen wurde.

Neue Freundschaften schließen?

Gar nicht daran zu denken.

Ich bin ein sehr ehrlicher Mensch, der schon immer Probleme damit hatte, jemanden anzulügen, das war mir immer viel zu anstrengend und umständlich.

Wie beginnt man eine Freundschaft und festigt diese später, wenn man nichts von sich erzählen kann, darf?

Sicher, ich hatte meine erfundene Legende, doch ganz ehrlich, wenn es nicht nur bei netten, oberflächlichen Bekanntschaften bleiben soll, dann stellt das Gegenüber doch recht schnell fest, dass man mit irgendetwas hinter dem Berg hält.

Du musst ständig lügen, dir eine komplett erfundene Lebensgeschichte aus den Fingern saugen, das ist anstrengend.

Die Vita, die du vom Zeugenschutz bekommst ist lediglich ein Gerüst aus Daten.

Wo und wann geboren.

Eltern, Geschwister, evtl. Verwandtschaft.

Wohnhaft in, Schulbildung, Ausbildung und Berufsweg.

Diese Vita mit Erlebtem auszufüllen ist deine Aufgabe.

Für mich viel zu anstrengend.

Was bleibt sind lockere Bekanntschaften, wie man sie vielleicht mit netten Arbeitskollegen unterhält.

Beides nicht nach meinem Geschmack, also bleibe ich vorwiegend allein.

Ich machte in Bremen eine Ausbildung zur Bürokauffrau und arbeitete nach der Ausbildung einige Jahre in diesem Beruf.

Für meinen damaligen Chef war ich ein absoluter Glücksgriff, mangels sozialer Kontakte, war ich froh um jede Überstunde die Anstand und immer die Erste, die sich für Mehrarbeit freiwillig meldete.

Doch irgendwann ging es einfach nicht mehr, ich war am Ende meiner Kräfte und wusste nicht warum.

Ich fühlte mich in Bremen so unwohl und fehl am Platz, dass dies irgendwann Auswirkungen auf meinen Körper hatte.

Ich nahm immer mehr ab.

Zuletzt wog ich noch 42 Kilogramm, bei einer Körpergröße von 1,68 Meter.

Nach langen Untersuchungen kam meine Allgemeinärztin irgendwann auf die Idee, dass ich vielleicht Heimweh haben könnte.

Sie hatte natürlich an meinem Dialekt und durch einige Gespräche erfahren, dass ich ursprünglich aus Süddeutschland komme.

Ihre Vermutung war für mich wie ein Befreiungsschlag, eine Initialzündung.

Ich wusste auf einmal genau was ich zu tun hatte, ich wollte wieder nach Hause, zurück nach Bayern.

Als ich diese, mir wirklich ernsthaft durchdachte Entscheidung, den Beamten vom Zeugenschutz übermittelte, sind sie fast durchgedreht.

Lange Rede – kurzer Sinn.

Man legte mir nahe, dies nicht zu tun und da ich mich nicht an diese Anweisung gehalten hatte, flog ich aus dem Zeugenschutzprogramm.

Von nun an war ich auf mich allein gestellt, trage von diesem Tag an, ein Kopftuch und gebe mich als gläubige Muslima aus.

ZWEI

Sabine lächelt, als ihr bewusst wird – sie ist nicht mehr in Deutschland.

Glücklich schüttelt sie ihr langes rotblondes Haar, welches nun befreit aus dem Kopftuch, in dichten Wellen über ihren Rücken fällt.

Sie steht am Flughafen in Thessaloniki und fühlt sich seit Jahren zum ersten Mal wirklich sicher, wartet auf ihren Koffer und da ist er auch schon.

Schnell ist er geschnappt und der Weg durch die Halle, auf den Parkplatz des Flughafens, ist nicht weit.

Sie kann von Weitem bereits mehrere große und kleinere Busse ausmachen, die alle nur darauf warten, die ankommenden Gäste zu den jeweiligen Hotels zu bringen.

Noch im Flughafengebäude fällt ihr Blick zufällig auf einen kleinen Stand, an dem Sonnenhüte verkauft werden.

Raschen Schrittes begibt sie sich dorthin und ersteht einen großen Strohhut, den sie sich sofort auf den Kopf setzt. Noch die große, dunkle Sonnenbrille aufgesetzt und schon fühlt sich Sabine ein weiteres Stück befreiter und glücklicher.

Nervös lächelt sie und schüttelt den Kopf über ihr Verhalten, aber jahrelange Angst vor Entdeckung, lässt sich nicht von einer Minute auf die andere, abschütteln.

***

Endlich im Hotel angekommen.

Es ist jetzt kurz vor elf Uhr Ortszeit und langsam werde ich richtig müde und hungrig. Im Flieger etwas zu essen, schaffe ich einfach nicht, obwohl ich in der Vergangenheit relativ oft geflogen bin, habe ich noch nie etwas serviert bekommen, das mir auch nur annähernd zugesagt hätte, was sich jetzt, nach sieben Stunden, als großer Nachteil herausstellt, da mein Magen unangenehm zu knurren beginnt.

Leider ist mein Zimmer erst in zwei Stunden bezugsfertig und der Speisesaal öffnet auch erst in einer Stunde.

Gut, auf Nachfrage hätte ich sicher einen kleinen Snack bekommen.

Meine Ungeduld, endlich an den Strand zu kommen ist aber viel größer und noch eine Stunde zu warten, erscheint mir nicht zu viel. Schnell stelle ich meinen Koffer in einen Nebenraum der Rezeption ab und schon bin ich auf dem Weg zum Strand.

Die Hotelanlage ist ein Traum.

Was sofort ins Auge sticht, sind die gepflegten Grünanlagen der gesamten Anlage. Rechts und links des Weges, schmucke kleine Gebäude, mit vier bis maximal sechs Wohneinheiten, nur zwei Etagen, eingebettet in sattem, grünem Rasen auf dem sich hohe Palmen und Orangenbäume mit leuchtenden, gelben Früchten abwechseln.

Zu beiden Seiten des, mit schönen flachen Steinen, in unterschiedlichen, aber doch harmonischen Farben, ausgelegten Weges, begleiten mich herrlich angelegte, bunte Blumenbeete.

Der Weg vom Haupthaus bis zum Strand führt vorbei an einer Taverne, in der später das Mittagessen serviert wird, was sich aus dem Lageplan, den ich an der Rezeption erhalten habe, ergibt. Das Gebäude ist, bis auf die Rückseite, zu allen Seiten offen und bietet einen schönen Ausblick auf die Poolanlage und das Meer.

Ich freue mich schon darauf, hier später einen kleinen Imbiss zu mir zu nehmen.

Eine tolle Location, wie man heute auf Neudeutsch sagt.

Vorbei an der Poolanlage führen ein paar Stufen hinunter zum Strand. Das Wasser ist unglaublich klar, man kann jeden einzelnen Stein erkennen, obwohl es sich bei dem Strand, um einen Sandstrand handelt und dies in der Regel mit einem etwas getrübten Wasser einhergeht.

Liegt wohl daran, dass der Sand aufgeschüttet wurde, denn Griechenland ist eigentlich für einen steinigen Strand bekannt. So tritt man hier auch sofort, sobald man ins Wasser läuft, auf Steine.

Hätte Wasserschuhe mitnehmen sollen.

Der leichte Wind, der immer vom Meer her weht, ist etwas kühl und ich bin froh, noch meine Jeans und einen Sommerpulli zu tragen. Es ist erst Mitte Mai und die Luft braucht noch etwas mehr Zeit, um sich im Laufe des Tages zu erwärmen.

Ich hatte zwar bereits etwas wärmere Temperaturen erwartet, lasse mir davon aber meine gute Laune nicht verderben, ziehe meine Schuhe aus und laufe Barfuß durch den, bereits von der Sonne leicht erwärmten, Sand.

Die Schönheit des Meeres, die schon wärmende Sonne und die leicht kühle Brise wecken wieder meine Lebensgeister. Die eben noch verspürte Müdigkeit ist wie weggeblasen.

Schon nach wenigen Metern fällt mir auf, dass ich so gut wie keine Muscheln am Strand finde. Denn auch wenn ich mich sonst für einen eher untypischen Urlauber halte, freue ich mich doch, wie wohl fast alle Reisende, die sich am Meer aufhalten, auf die Suche nach schönen Muscheln.

Selbst als ich bereits mehr als eine halbe Stunde den Strand entlang laufe, sehe ich, von einigen kaputt getretenen, schwarzen Miesmuscheln abgesehen, nur Steine.

Zugegeben sehr schöne Steine, in allen Farben und Größen liegen diese im Sand herum, ein Steine Liebhaber kommt hier voll auf seine Kosten.

Doch keine Muscheln, so sehr ich mich bei meiner Suche auch anstrenge.

Gut, das Mittelmeer ist nicht im besten Zustand, aber so gar keine Muscheln, das betrübt mich doch sehr.

Ich lege schon immer viel Wert auf Umweltschutz und bemühe mich sehr, möglichst wenig Müll zu produzieren, um so einen, wenn auch kleinen Beitrag, zum Umweltschutz zu leisten. Es macht mich oft traurig und auch ärgerlich, wenn ich sehe, wie gedankenlos manche Menschen mit unserer Natur umgehen.

Die Natur braucht den Menschen nicht, wir sie schon.

Es kann doch nicht so schwer sein, zu verstehen, dass wenn wir die Natur schädigen, wir in erster Linie uns selbst schädigen.

Wollen wir es tatsächlich soweit kommen lassen, wie in China, wo es kaum noch Bienen gibt?

Ist es erstrebenswert, Arbeiter in unseren Bäumen sitzen zu sehen, die von Hand die Bestäubung übernehmen?

Oder wie es in Amerika praktiziert wird, dort werden ganze Bienenvölker durch das Land transportiert, um zum Beispiel Apfelbäume bestäuben zu lassen.

Gut, böse Zungen könnten jetzt sagen –

dadurch entstehen neue Arbeitsplätze.

Mich ärgert so etwas ungemein.

Es gab eine Zeit, da wusste man nicht so viel über die Zusammenhänge, doch heute ist jedem bekannt, oder sollte bekannt sein, wie wichtig die Natur für unser Überleben ist.

Schon Albert Einstein sagte:

Erst stirbt die Biene, dann der Mensch.

Mag sich drastisch anhören, aber er hatte Recht.

Keine Bienen, kein Obst und Gemüse, oder wenn doch, wird es zukünftig so teuer werden, dass sich nur noch wenige Leute frische Lebensmittel leisten können.

In letzter Zeit wurde festgestellt, dass das Sperma von Männern in den Industriestaaten schlechter wird.

Es wurde herausgefunden, dass eine Ursache dafür, der Verzehr von Fisch ist. Der Fisch nimmt im Laufe seines Lebens unzählige, winzig kleine Partikel Kunststoff mit dem Plankton im Meer auf, welches wir dann durch den Verzehr in uns aufnehmen, was laut wissenschaftlicher Forschung eine Verlangsamung und gleichzeitig eine Verschlechterung der Spermienqualität zur Folge hat.

Eine Entwicklung, die mir sogar, auch wenn es sich jetzt böse anhört, sehr gefällt.

Denn wir werfen unseren Plastikmüll ins Meer, der verkleinert sich mit den Jahren auf Mikroben Größe, wird von den Fischen aufgenommen und kommt bei uns wieder auf den Tisch.

Ein Kreislauf, der eigentlich jedem zeigen sollte, wie Natur funktioniert.

Wir vernichten uns quasi selbst.

Wir sind nicht die Herren dieses Planeten, wenn wir nicht bald anfangen, wieder mit und nicht gegen die Natur zu leben, werden wir die Verlierer sein.

In der Erdgeschichte hat es immer wieder Zeiten gegeben, wo die Natur fast am Ende war, ich denke da an die Ausrottung der Dinosaurier.

Nach dem Kometeneinschlag waren auf Millionen von Jahren ganze Erdteile unbewohnbar.

Die Natur hat Millionen Jahre Zeit sich zu regenerieren, haben wir Menschen diese auch?

***

Endlich etwas zu Essen, ich bin am Verhungern und ich kann mich gar nicht entscheiden.

Ich stehe an einem riesigen Büffet, das Angebot ist überwältigend und bereits die vielen verschiedenen mediterranen Gerüche sind ein Genuss für die Nase.

Es werden allein vier unterschiedliche Hauptgerichte angeboten, Suppen und Nachspeisen noch nicht mit eingerechnet.

Nach mehrmaligem Umrunden des üppigen Büffets entscheide ich mich für ein Ziegengulasch mit Kitharaki. Hierbei handelt es sich um griechische Nudeln, die wie Reis aussehen, im Grunde wenig Eigengeschmack haben, aber köstlich zu stark gewürzten, oder Gerichten mit sehr viel Eigengeschmack passen. Ich kenne diese Nudeln bereits von etlichen griechischen Restaurantbesuchen in Deutschland und liebe sie sehr.

Das Fleisch ist einfach köstlich, es zerfällt auf der Zunge, so zart ist es und die Nudeln passen hervorragen zu dem zugegeben, sehr starken Geschmack, des Ziegenfleisches.

Obwohl ich bereits satt bin, probiere ich doch noch eine kleine Portion Fisch in Dill Soße, dazu einen kleinen Teller mit frischen Tomaten, über die ich Olivenöl mit eingelegtem Knoblauch gieße.

Eine Idee, die ich mir vornehme, sofort auch zu Hause in Deutschland zu übernehmen. Nur einige geschälte Knoblauchzehen in eine Flasche mit nativen Olivenöl, fallen lassen. Ein kleiner Aufwand mit einem, außergewöhnlichem Geschmackserlebnis, hätte ich auch selbst drauf kommen können.

Nun, man kann mir viel nachsagen, aber nicht dass ich eine gute Köchin bin.

Frisch gestärkt mache ich mich dann auf den Weg zur Rezeption, inzwischen sollte mein Zimmer wohl fertig sein.

***

Glück gehabt.

Genau in der Mitte zwischen Haupthaus und Strand liegt das kleine Gebäude, in dem sich mein Zimmer befindet.

Die Einrichtung, haut mich nicht gerade vom Hocker, aber sie ist zweckmäßig und was viel wichtiger ist, alles ist sehr sauber.

Das Bad ist sehr klein aber ausreichend. Da ich in den Sommermonaten nicht bade und eine Dusche völlig ausreicht, stört mich die kleine Wanne nicht wirklich. Das Waschbecken dagegen ist fast überdimensioniert und nimmt die gesamte Breite des kleinen Badezimmers ein, Ablagefläche ist somit reichlich vorhanden.

Das Wohn-/Schlafzimmer wird dominiert von einem großen Doppelbett, wie in südlichen Ländern üblich, nur mit einer Wolldecke und einem Lacken bedeckt.

Die vorherrschende Farbe des Zimmers ist braun, in allen Schattierungen.

Das Bett ist dunkelbraun eingerahmt, mit hellem Bezug, die Wände beige, eventuell ehemals weiß, die Vorhänge mittelbraun.

And er gegenüberliegenden Wand vor dem Bett, befindet sich ein Sideboard, wer ahnt es?

Dunkles Braun.

Der Fernseher auf dem Sideboard – Überraschung - silbergrau.

Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, selbstverständlich ebenfalls in dunkelbraun mit heller Sitzfläche, komplettieren das Zimmer – nein halt, den Kleiderschrank hätte ich fast übersehen.

Die Eingangstüre zu meinem Zimmer steht noch offen und als ich die Türe schließe entdecke ich ihn. Gut groß ist er nicht, da ich das Zimmer jedoch allein bewohne ist er ausreichend.

In meiner Erinnerung gehe ich den Internetauftritt und die Bilder der Zimmer dieses Hotels durch und stelle fest, die haben so gar nichts gemein. Da ich mich jedoch im Urlaub nicht wirklich viel im Zimmer aufhalte, ist für mich das Aussehen, oder die Ausstattung, nicht wirklich wichtig.

Schmunzelnd erinnere ich mich an einen Urlaub auf den Malediven vor vielen Jahren. Damals hatte ich zwei Wochen gebucht, eine Woche davon als Segeltörn.

Im Prospekt wurde unter anderem auf eine Dusche an Deck hingewiesen, die sich, wie ich später feststellte, lediglich als Wasserschlauch herausstellte.

Wahrscheinlich gibt es nicht wenige, die sich bei der Reisegesellschaft darüber beschwert hätten, vielleicht sogar Geld zurück verlangten.

Mir war das nicht wichtig, schon allein deshalb nicht, da wir jeden Tag an einer anderen unbewohnten Insel Halt machten und kaum zu glauben, aber auf allen Inseln waren Duschen installiert, die sogar funktionierten.

Auf meine Nachfrage, wie das kommt, wurde mir erklärt, dass einige der Inseln von reichen Arabern, teilweise auf Jahre gemietet wurden und diese die Installationen haben vornehmen lassen. Nach ihrem Weggang wurden die Duschen einfach so belassen.

Als ich den Vorhang vor dem Fenster öffne, erblicke ich einen großen Balkon und freue ich mich sehr und noch mehr, als ich feststelle, dass ich, nach dem Stand der Sonne, zu urteilen, damit rechnen kann, die Abendsonne und somit eventuell schöne Sonnenuntergänge genießen zu können.

***

Auspacken und in lässigere, luftigere Kleidung zu springen, ist in wenigen Minuten erledigt und ich mache mich sofort auf den Weg zu einem längeren Spaziergang.

Für ein Sonnenbad am Strand erscheint es mir noch zu kühl, was aber vielleicht auch daran liegen kann, dass ich völlig übermüdet bin.

Neben eines Lageplanes der Hotelanlage, habe ich an der Rezeption auch einen Umgebungsplan erhalten, auf dem ich zwei kleinere Orte in der Nähe des Hotels ausmachen kann.

Ich wähle den Ort NEA POTIDIA aus, laut Plan in vier Kilometern Entfernung, NEA MOUDANIA verschiebe ich auf einen anderen Tag, da dieser Ort in sechs Kilometern Entfernung liegt.

Wahrscheinlich könnte ich den kleinen Ort auch über den Strand erreichen.

Wie mein kurzer Spaziergang vor dem Essen erkennen ließ, müsste man die gesamte Küste am Strand entlang laufen können. Mit bloßem Auge konnte ich keine Begrenzung erkennen, doch ich entscheide mich für den Weg an der Straße.

Eine Entscheidung, die ich bereits nach kurzer Wegstrecke schon fast bereue.

Die Griechen haben es wohl nicht so mit Fußwegen.

Es ist zwar neben der Straße einer vorhanden, jedoch so sehr bewachsen, dass ich immer wieder auf die, stark befahrene Straße, ausweichen muss.

Einen gemütlichen Spaziergang stellt man sich anders vor.

Ich will schon wieder umkehren, als ich ein paar Meter vor mir eine Straße sehe, die, wie es scheint, parallel neben dieser stark befahrenen verläuft, auf der ich mich befinde. Ich biege in diese Straße ein und komme nach Kurzem in ein kleines Wohngebiet. Ich befinde mich auf einer breiten Straße an der sich, in großen Abständen, rechts und links auffallend große Häuser aufreihen.

Den großzügig angelegten Grundstücken und den darauf erbauten Häusern nach zu urteilen, wohnen hier eher die betuchteren Griechen. Jedes einzelne Grundstück ist eingezäunt, oft liegt vor den Häusern ein Hund, das einzige Anzeichen, dass hier überhaupt jemand wohnt. Denn weder auf den Anwesen, noch an den Gebäuden sind irgendwelche Bewegungen auszumachen. Die Häuser sind alle samt weit zurückgesetzt und über angelegte, oft sogar geteerte Auffahrten zu erreichen.

Sie sind meist zweistöckig und wirklich großflächig gebaut.

Alle Häuser verfügen über großzügig angelegte Terrassen, sowie mehrere Balkone.

Mir kommt der Gedanke, dass es sich hierbei vielleicht um Ferienhäuser handeln könnte, aber dann sollte man doch wenigsten ab und zu einen Menschen sehen?

Ich sehe absolut niemanden.

Die Straße verläuft tatsächlich eine Weile parallel zur stark befahrenen Verkehrsstraße und mir begegnet auf dem gesamten Weg, den ich seit mindestens einer Stunde entlang schlendere, lediglich ein Pärchen auf dem Fahrrad, dem Aussehen nach sicherlich auch Touristen.

Während meines Spaziergangs genieße ich die Ruhe, die fremden Gerüche des Landes und den Wildwuchs der mir unbekannten Pflanzen, an und vor den Grundstücken.

Die Straße endet an einer breiten T-Kreuzung direkt am Wasser und auf der gegenüberliegenden Seite erkenne ich den Ort NEA PODITIA.

Mir bleiben nur zwei Möglichkeiten, entweder Rechts oder Links, wenn ich nicht zurücklaufen möchte.

Ich entscheide mich für den Weg auf der rechten Seite und komme nach ein paar Minuten an einem kleinen Hafen heraus.

Ich liebe Häfen.

Die Mischung der Gerüche von Salzwasser, Tang und Fisch, versetzen mich sofort in Urlaubsstimmung.

Ich suche mir einen bequemen Stein, zünde mir genüsslich eine Zigarette an und genieße den Blick über das Meer, beobachte die Männer auf ihren kleinen Fischerbooten, wie sie geschäftig ihre Schiffe be-, oder entladen. Die Sonne strahlt von einem blauen, nahezu wolkenlosen Himmel und lässt die Wellen des Meeres wie kleine Diamanten glitzern.

Ich bin an einem kleinen Nebenarm des eigentlichen Hafens gelandet, der Hauptteil befindet sich auf der mir gegenüberliegenden Seite und mir wird klar, dass ich, möchte ich mir die Schiffe näher ansehen, den ganzen Weg zurück laufen muss, um irgendwie auf die andere Uferseite zu kommen.

Das Meer dringt hier weit ins Landesinnere ein und teilt das kleine Ende des Hafens, an dem ich mich befinde vom Rest ab.

Wie sich nach einem kurzen Rundgang zeigt, bin ich wohl an der Werft des Hafens gelandet, denn hier liegen nur reparaturbedürftige Schiffe, teils an Land, teils noch im Wasser.

An der T-Kreuzung hatte ich das vor mir liegende Wasser für einen Fluss gehalten.

Irgendwo muss es da doch eine Brücke geben?

Entschlossen, noch nicht aufzugeben, laufe ich die Strecke bis zur Kreuzung, zurück und folge der Straße eine Weile, bis ich tatsächlich zu einer Brücke komme.

Der Aufstieg sieht nicht sehr Vertrauens erweckend aus, die Stufen sind sehr steil, teilweise mit allem möglichen Unkraut bewachsen und stellenweise sehr rostig, doch die Alternative wäre umzukehren und den gesamten Weg bis zur Verkehrsstraße zurück zu laufen, denn diese Brücke ist die Weiterführung der stark befahrenen Straße, die ich zu Beginn meines Spazierganges verlassen hatte und sie führt direkt nach NEA PODITIA hinein.

Zurück zugehen ist natürlich keine Option und so wage ich mich an den Aufstieg. Gott sei Dank ist ein Geländer angebracht, an dem ich mich mehr hochziehe und anklammere, als mich daran festzuhalten.

***

Endlich geschafft.

Ich stehe auf der Straße und gleich nach dem Überqueren der Brücke beginnt auch schon der Ort.

Ein sehr hübsches, kleines Städtchen.

Fast alle Häuser nur einstöckig, vorwiegend weiß gestrichen, mit roten Ziegeldächer.

Nur vereinzelt sehe ich mehrstöckige Gebäude und bei näherer Betrachtung, ist zu erkennen, dass es sich hierbei um Ferienwohnungen handelt.

Die Stille des Ortes ist auffallend.

Gut es ist früher Nachmittag, eventuell Siesta Zeit, wahrscheinlicher ist aber, dass um diese Jahreszeit einfach noch nicht so sehr viele Touristen hier sind. Es befinden sich nur sehr wenige Menschen auf der Straße und der Ortskern ist fast ausgestorben.

Das höchste Gebäude im Ort ist eine Basilika, das erinnert mich doch sehr an Bayern, kein noch so kleines Dorf, ohne eine Kirche im Zentrum.

Da ich von meinem langen Spaziergang langsam müde werde, setze ich mich auf eine Bank vor die Kirche.

Sie ist wirklich schön anzusehen, so ganz anders, als unsere Gotteshäuser.

Schon die Form ist völlig anders. Während unsere Kirchen meist lang gezogen, eher rechteckig gebaut sind, ist diese Basilika rund.

Die vorherrschenden Farben sind, Weiß, Rot und Gold.

Weiße Ziegel, rot eingefasst und Rundbögen wohin das Auge sieht.

In Mitten der großen Rundbögen, deren Hintergrund meist in roter Farbe gestrichen sind, befinden sich direkt in die Wand eingelassen, weitere kleinere Rundbögen, in denen, mir unbekannte Heiligenbilder aufgemalt sind.

Der Hintergrund der Malereien ist fast ausschließlich in Gold gehalten.

Ob echtes Gold, entzieht sich meiner Kenntnis, halte es aber durchaus für möglich.

Da ich mich nicht sehr für Kirchen begeistere, betrete ich sie nicht, halte mich nur eine Zigarettenlänge davor auf und wandere dann weiter, um mir noch den Hafen anzusehen, den ich bereits von der anderen Seite aus gesehen habe.

Es ist nur ein kleines Stück bis zum Hafen, dort angekommen, setze ich mich in ein Café und lasse mir dann bei einer Tasse Kaffee doch etwas länger Zeit, denn ich habe noch einen weiten Weg zurück und langsam macht es sich bemerkbar, dass ich diese Nacht nur drei Stunden Schlaf hatte.

DREI

Jetzt geht es mir besser.

Zurück im Hotel habe ich mir eine Dusche gegönnt und fühle mich wie neu geboren.

Vom Mittagessen noch gesättigt lasse ich das Abendessen ausfallen und begebe mich an die Bar am Pool.

Rund um den Pool sind etliche kleine Tische mit jeweils vier Stühlen aufgestellt und man hat von hier aus einen beeindruckenden Blick aufs Meer.

Es beginnt bereits zu dämmern und über dem Meer lässt die langsam untergehende Sonne das Meer noch ein letztes Mal in den unterschiedlichsten Rottönen aufleuchten.

Da die meisten Urlauber noch beim Abendessen sitzen, finde ich schnell einen freien Platz und mache es mir mit einem Glas Bier gemütlich, als zwei Männer an meinen Tisch treten, von denen einer mich anspricht.

Würdest du nicht rauchen, würden wir uns zu dir setzen.

Nun, erwidere ich freundlich lächelnd.

Man muss auch mal Glück haben!

Ich kann förmlich sehen, wie es ihm die Sprache verschlägt, der Typ ist sichtlich verärgert über meine Antwort, während sein Begleiter sich belustigt wegdreht, mir zu zwinkert und seinem Freund folgt, als dieser sich wortlos umdreht und wütend davon stapft.

Klar, dies war nicht die freundlichste Erwiderung, aber mal ganz ehrlich, was war das denn für eine Anmache?

Außerdem ist das Letzte was ich hier suche – Anschluss.

Ich möchte nur meine Ruhe haben und ich fand meine Erwiderung eigentlich sogar recht witzig.

Die sahen Beide ziemlich gut aus, kann mir gut vorstellen, dass sie es nicht gewöhnt sind, eine Abfuhr zu erhalten.

Na ja, irgendwann ist immer das erste Mal.

***

Das war eine gepfefferte Abfuhr, schmunzelt Nikos Sarikakis, der Inhaber der Hotelanlage, am Nebentisch und sieht sich die Frau interessiert näher an.

Auf den ersten Blick ist ihm gar nicht aufgefallen, wie schön sie ist.

Was wohl an den straff nach hinten gebunden Haaren liegen mag.

Jetzt, als er die Frau näher betrachtet, fallen ihm ihre außergewöhnlich hohen Wangenknochen, die vollen Lippen und ihre zwar nicht gerade kleine, aber sehr schön geformte Nase auf.

Einzeln betrachtet sind die Teile ihres Gesichtes eher etwas zu groß und zu markant, aber im Zusammenspiel ergeben sie ein sehr harmonisches Bild, welches er, wie er zugeben muss, als schön empfindet.

Als hätte die Frau gespürt, dass sie beobachtet wird, dreht sich die Schöne zu ihm um und lächelt ihn an.

Gerne hätte er das Lächeln erwidert, doch als er nun ihre Augen sieht, die von dunklen, langen Wimpern eingerahmt, in einem leuchtenden Smaragdgrün erstrahlen, ist er für eine Sekunde einfach nur baff und bevor er die richtigen Worte finden kann, dreht sie sich schon wieder weg.

Noch niemals hat er eine solche Augenfarbe gesehen.

Ihre langen, dichten Wimpern rahmen die leicht schräg stehenden, großen Augen ein und lassen das leuchtende Grün noch intensiver erscheinen.

Erst jetzt fällt ihm auf, wie schön ihre rotblonden Haare im hellen Licht der beleuchteten Poollandschaft schimmern.

Versonnen, lächelnd erhebt er sich und tritt an die Bar, um sich ein neues Getränk geben zu lassen.

Es amüsiert ihn, wie sehr er bei dieser Frau ins Schwärmen gerät, vor allem weil es schon sehr lange her ist, dass ihn überhaupt eine Frau interessiert hat.

Seit vor drei Jahren seine Frau Maria bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist, hat er weder an eine andere Frau gedacht, noch eine angesehen.

Nikos vergräbt sich seit diesem Vorfall, in seine Arbeit und vermeidet, wenn irgend möglich, den Kontakt zu anderen Menschen.

Er isoliert sich immer mehr von der Welt, was zu seinem Bedauern, viel zu oft, zu heftigen Auseinandersetzungen mit seiner Schwester Eleanna führt.

Insgeheim weiß er auch, dass sie Recht hat, es ist nicht gesund sich so zurück zuziehen, eine Trauerzeit ist in Ordnung und jeder muss sich die Zeit nehmen, die er dafür braucht, aber drei Jahre sind eine sehr lange Zeit, er weiß das und doch ist er noch nicht bereit, oder gewillt, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Er muss wieder unter die Leute, tief in sich drin weiß er das auch, für den Moment reichen jedoch seine beruflichen Kontakte völlig aus.

Maria war seine große Liebe und dass der Unfall sich kurz vor ihrer geplanten Hochzeit ereignet hat, verstört und belastet Nicos ebenso, wie die Tatsache, dass bei dieser Tragödie auch seine geliebte Mutter ihr Leben lassen musste.

Es ist bis heute schwer für ihn, diesen doppelten Verlust zu verkraften.

Umso mehr überrascht ihn seine Reaktion auf diesen Gast und er kann nur über sich selbst lächeln.

Wieder zurück an seinem Platz, setzt er seine Beobachtung diskret fort.

Die Schöne hat ihre Sitzhaltung verändert und blickt nun in seine Richtung, doch sie nimmt ihn nicht wahr, sieht durch ihn hindurch und Nicos stellt zum wiederholten Male schwärmerisch fest, wie schön ihre Augen sind.

Allerdings sehen sie jetzt, da sie nicht lächelt und anscheinend mit den Gedanken ganz weit weg ist, völlig verändert aus.

Er hat den Eindruck, die Farbe wäre auf einmal dunkler geworden, sie wirkt traurig.

Ihre Augen sind voller Leid und Schmerz, er wendet sich ab, so sehr wühlt ihn die Traurigkeit auf, welche er in ihren Augen sieht.

Eben machte sie noch einen witzigen, schlagfertigen Eindruck und jetzt sieht sie so verletzlich aus, dass er sie am liebsten in den Arm nehmen würde.

Nikos schüttelt seinen Kopf, wie um diese Gedanken los zu werden.

Was ist mit ihm los, er kennt diese Frau überhaupt nicht.

Wieso reagiert er so stark auf sie?

Hätte sie eine Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau Maria, so könnte er sich seine Reaktion noch erklären, aber so.

Seine geliebte Maria hatte glänzendes, pechschwarzes Haar und dunkle, tief blaue Augen, in denen er regelrecht versunken ist. Sie strahlte mit jeder Pore ihres Daseins eine ansteckende Lebensfreude aus. Wo er mit ihr auch hinkam, sie war sofort im Mittelpunkt und ihre, immer gute Laune war einfach ansteckend.

Obwohl sie nur eine sehr kleine, zierliche Frau war, konnte sich doch niemand ihrem Charme entziehen.

Diese Frau am Tisch ihm gegenüber dagegen, ist auffallend groß, sie wirkt selbstbewusst und hat einen ausgesprochen durchtrainierten, muskulösen Körper, ob sie wohl Tänzerin ist?

Sie ist sehr schlank, aber man sieht, dass ihre Gestalt, wie bei einem Sportler, sehr definiert ist. Im Moment macht sie allerdings einen eher gehetzten bis ängstlichen Eindruck, als ob sie auf der Hut vor etwas wäre.

Extrem Aufmerksam, bis fast nervös.

Ob sie wohl Probleme hat?

Wieder macht sich Nikos Gedanken über eine Frau, die er weder kennt, noch ihn irgendetwas angeht und doch würde er sie sehr gerne ansprechen. Er spürt plötzlich, dass er sie gerne noch einmal zum Lächeln bringen würde.

***

Obwohl ich mich seit meiner Landung in Griechenland sehr sicher fühle, schweifen meine Gedanken kurz ab und ich blicke mich unsicher um, ob sich jemand besonders für mich interessiert. Eine lästige Angewohnheit, die ich einfach nicht ablegen kann.

Der Typ neben mir gafft mich schon seit Minuten an.

Ich hätte mein Kopftuch nicht abnehmen sollen.

Wenn der mich jetzt auch noch anspricht, raste ich aus.

Tatsächlich, er kommt rüber.

Darf ich sie zu einem Getränk einladen?

Stocksauer wende ich mich dem Typen zu und habe schon eine scharfe Erwiderung auf den Lippen, als ich in seine Augen sehe.

Wow, noch niemals habe ich ein solch tiefes, wunderschönes Blau gesehen.

Völlig fasziniert vergesse ich meine scharfe Erwiderung.

Sie haben die schönsten blauen Augen, die ich je gesehen habe.

Habe ich das jetzt laut gesagt?

Bitte entschuldigen sie mich, ich bin total übermüdet, setze ich schnell hinzu.

Beschämt darüber, mein Erstaunen über seine wunderschöne Augenfarbe laut ausgesprochen zu haben, erhebe ich mich abrupt und verlasse so schnell als möglich den Poolbereich.

Der Typ hat mich echt kalt erwischt.

Nicht nur dass er tatsächlich die schönste Augenfarbe hat, die ich je gesehen habe,

der Kerl sieht auch noch aus wie ein griechischer Adonis.

Männliche markante Gesichtszüge, eine große aber wunderschöne Nase und Lippen, die sofort zum Küssen auffordern. Sein volles, fast schwarzes Haar glänzt im Licht der Lampen wie Seide.

Der maßgeschneiderte, helle Sommeranzug kann den traumhaften Körperbau dieses Mannes nicht verbergen. Er ist groß, schlank aber nicht zu dünn, sein muskulöser Körper ist durch sein Hemd viel zu deutlich zu erahnen.

Dieser Mann hat die Ausstrahlung eins edlen Reitpferdes.

Mann, ich hatte schon lange keinen Mann mehr!

Scheiße, so blamiert habe ich mich glaube ich noch nie.

Ich bin wirklich total übermüdet und schäme mich dafür, dass ich einfach die Flucht ergriffen habe, was muss der Mann von mir denken?

Der hält mich doch für komplett bescheuert.

Hoffentlich läuft mir der nicht noch einmal über den Weg.

Obwohl – schade wäre es schon, selten so einen schönen Mann gesehen.

VIER

Nach dem peinlichen Abgang von gestern Abend, möchte ich heute nur noch meine Ruhe haben.

Da ich früher als erwartet eingeschlafen bin, erwachte ich heute Morgen sehr früh, habe mir meine Yogamatte geschnappt und laufe jetzt, am völlig menschenleeren Strand entlang, um einen schönen Platz für meine Übungen zu suchen.

Da um diese Uhrzeit nur sehr wenig Menschen unterwegs sind, empfängt mich am Strand eine angenehme Ruhe.

Die nahe, stark befahrene Straße ist nicht zu hören, nur Stille und das meditative Geräusch der Brandung, stimmen mich auf eine entspannte Yogastunde ein.

Gut gelaunt und voller Tatendrang schlendere ich an dem Nachbarhotel vorbei, ansonsten ist der Strand, soweit das Auge reicht, völlig frei von Gebäuden. Links neben mir erhebt sich ein Steilhang aus rotbraunem Sand, der oben mit Graß bewachsen ist, auf der rechten Seite das weite blaue Meer.

Nachdem ich eine Weile am Strand entlang wandere sehe ich oben auf dem Hang ein Haus, welches durch steile Steinstufen einen Zugang zum Meer bietet, es sieht unbewohnt aus.

Nach etwa zehn Minuten komme ich an eine weitere, in den Sand gehauene Steintreppe, auch hier sehe ich oberhalb der Stufen, in einiger Entfernung ein großes Haus stehen, auch dieses scheint zur Zeit unbewohnt zu sein. Ich erklimme deshalb mutig die Stufen und stehe auf einem, mit dichtem Gras bewachsenen, Grundstück.

Sicherlich gehört es jemandem, aber da ich keine Bewegung wahrnehme, kein Auto am Haus steht und es für mich völlig verlassen aussieht, breite ich meine Matte aus und beginne mit dem Blick auf das morgendliche, völlig still und ruhig daliegende Meer, mit einer kleinen Meditation.

Weit unter mir höre ich die leise Brandung, in weiter Ferne schreien Möwen und unzählige Schwalben schwirren hinter mir durch die Bäume des großzügig angelegten Grundstücks.

Natürlich weiß ich, dass ich mich auf einem fremden Grundstück befinde, aber diese völlige Stille zieht mich in ihren Bann, so dass ich keinen weiteren Gedanken daran verschwende.

Was kann schon passieren – der Eigentümer kann mich wegschicken.

So what.

Es gibt kaum etwas Schöneres, als Yoga an frischer Luft.

Ich praktiziere seit sechs Jahren Yoga, die ersten drei Jahre in einem Studio, doch dann habe ich angefangen, es in meinen Alltag zu integrieren und seit dem spare ich mir die Kosten.

Ich genieße es, wie ich mit jeder Übung gelenkiger und gedehnter werde.

Die Sonne geht hinter meinem Rücken auf, da ich mich für die Blickrichtung Meer entschieden habe, aber dennoch bekomme ich zum ersten Mal das Gefühl, zu wissen, warum die Dehnungsübungen „Sonnengruß“ genannt werden.

Nach etwa einer guten halben Stunde bin ich gedehnt und meine Muskulatur ist warm genug, um mit Wing Chun zu beginnen.

Dabei handelt es sich um einen chinesischen Kampfkunststil – Kung-Fu-Stil.

Eine Kampfkunst bei der hauptsächlich direkte Fauststöße, Fingerstiche oder Handkantenschläge eingesetzt werden. In fast allen Schulen wird „Vollkontakt“ trainiert, soll heißen, dass die Schläge nicht nur angedeutet, sondern voll ausgeführt werden, daher auch die Bezeichnung „Vollkontakt“. Es wird sehr wenig Rücksicht darauf genommen, wie lange man bereits trainiert.

Ein sehr hartes Training, bei dem man sehr schnell lernen sollte, möchte man Schmerzen vermeiden.

Ein typisches Trainingsgerät ist das MUK Yan Yong, zu Deutsch, „Holzpuppe“.

Hierbei handelt es sich um ein dickes, hartes Rundholz, welches auf einem Vierkantholz befestig ist, wahlweise auch direkt im Boden eingelassen, aus dem drei bis vier schmale Rundhölzer herausragen, gegen die im Training abwechselnd geschlagen wird. Zugeschlagen wird mit der Hand und dem Fuß, wobei beim Wing Chun nicht höher als bis zur Hüfte getreten wird.

Der tiefere Sinn des Trainings an der Holzpuppe ist, die Verfeinerung der Schlagtechnik, sowie die Abhärtung der Hände und Beine. Ferner ist das Ziel, sich gegen stärkere, nicht nachgebende Gegner durch zu setzten.

Nicht zuletzt, dient die Puppe als Ersatz für einen Trainingspartner.

Die GSG9 der Bundespolizei, sowie Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr, werden in dieser Kampftechnik ausgebildet. Durch die Polizei, genauer gesagt, meinen Kontakt im Zeugenschutz, bin ich auf diese Kampfsportart erst aufmerksam geworden.

Ich habe mich auch schon während ich noch im Zeugenschutzprogramm war nicht wirklich sicher gefühlt und suchte immer nach etwas, was mir dabei hilft, mich selbst zu verteidigen, sollte dies nötig werden.

Als es in einem der wenigen Begegnungen mit meinem Kontakt aus dem Zeugenschutz darum ging, wie verunsichert ich mich fühle, wurde ich auf Wing Chun hingewiesen.

Ich habe mich dann schlau gemacht und festgestellt, dass dies für mich genau die richtige Technik ist.

So konnte ich in den letzten Jahren Handkantenschläge lernen, mit denen ich einen weit stärkeren Mann, in Sekunden außer Gefecht setzen kann.

Diese Technik braucht im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten wenig Platz und ist meiner Meinung nach für Frauen bestens geeignet.

Ich kenne allein vier Schläge, die auch eine untrainierte Frau anwenden könnte um sich einen Mann vom Leib zu halten.

Einer ist mit viel Training sogar tödlich.

Einen Tritt kennt jede Frau, den Tritt zwischen die Beine.

Nur keine Scham, wenn es um die Unversehrtheit von Leib und Leben geht, ist alles erlaubt.

Das Erste, was ich feststellen musste, als ich zu trainieren begann, war, dass wir Frauen generell ein Problem damit haben, zu zuschlagen.

Jungs lernen dies von klein auf, wir Frauen müssen uns erst dazu überwinden, bzw. dies Trainieren. Es kostete mich Anfangs wirklich Überwindung richtig, mit voller Kraft zu zutreten.

Heute trainiere ich mindestens vier Mal die Woche, allerdings nicht mehr im Studio, denn für mich sind nur vier Schläge wirklich wichtig.

Ich kann es mir nicht leisten, es auf einen fairen Kampf ankommen zu lassen, sollte mich die Vergangenheit wirklich einmal einholen, bleibt mir keine Zeit für faire Kämpfe.

Da ich meine leichten Boxhandschuhe nicht mit in den Urlaub genommen habe, mache ich nur Gleichgewichtsübungen und einige Schrittfolgen aus dem Wing Chun.

An den Bäumen könnte ich zwar super meine Hände und damit meine Schlagkraft trainieren, doch ohne Handschuhe macht es wenig Sinn.

Ich erinnere mich noch an die ersten Monate, als ich verbissen, an der Holzpuppe trainiert habe und dabei meine Hände und Unterarme total ruinierte. Obwohl ich inzwischen seit zwei Jahren nur noch Sporthandschuhe trage, sieht man immer noch die alten Vernarbungen.

Ich hatte mir die Hände blutig geschlagen und jeder einzelne Knochen an meiner Hand war schon einmal gebrochen.

Irgendwann meinte dann mein Trainer, entweder ich steige auf Handschuhe um, oder ich darf nicht mehr weiter in seinem Studio trainieren.

FÜNF

Nach einem ausgiebigen Frühstückt liege ich nun endlich das erste Mal am Strand.

Entweder ist es heute wärmer als Gestern, oder ich empfinde es lediglich so.

Egal, jetzt kann der Urlaub beginnen.

Die Sonne strahlt vom wolkenlos blauen Himmel, ein leichter Wind weht und ich habe „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi, ein Wälzer mit 1500 Seiten dabei und kann es kaum erwarten, endlich damit zu beginnen. Ich liebe russische Schriftsteller, mein absoluter Favorit ist Dostojewski, ich habe alle Bücher von ihm bereits mehrfach gelesen. Alles 1000 Seiten Wälzer.

Meine Nachbarin und Freundin hält mich für verrückt, sie ist schon mit Bücher ab 300 Seiten überfordert, bzw. liest lieber kurze Romane. Für mich kann die Lektüre nicht dick genug sein.

Ich genieße jede Minute in vollen Zügen. Das Hotel ist um diese Jahreszeit bei weitem nicht ausgebucht und ich habe die freie Auswahl bei der Suche nach einem Liegestuhl am Strand.

Meine wenigen Sachen sind schnell ausgebreitet und ein Rundblick über diesen Strandabschnitt zeigt mir, dass meiner Meinung nach, bei Vollbelegung des Hotels nicht ausreichend Sonnenschirme vorhanden sind, aber das muss mich jetzt nicht beunruhigen, ich habe einen schönen Platz, etwas Abseits gefunden und hoffe darauf, dass ich wenigstens für ein paar Stunden meine Ruhe habe.

An der Poolbar kann man sich an der Kaffeemaschine selbst bedienen, was mir sehr gut gefällt und ich habe mir auf dem Weg zum Strand eine Tasse mitgenommen. Jetzt genieße ich den Cappuccino, der überraschend gut schmeckt, genehmige mir eine Zigarette dazu und schaue einfach nur aufs Meer.

Diese Weite, die unterschiedlichen Farben, je nach Wassertiefe ändert sich das Blau des Meeres, wird je weiter der Blick reicht immer dunkler, nur ab und zu unterbrochen durch helle, schon fast smaragdgrün schimmernde Stellen, an denen das Wasser plötzlich wieder niedriger wird. Kleine grüne Inseln in dem sonst tiefblauen Meer. Der sanfte, gleichmäßige Wellengang und das leise Rauschen des ruhigen Wassers, wirken auf mich wie eine Meditation. Weit draußen, kaum noch zu erkennen, sehe ich ein kleines Segelboot, welches das malerische Bild abrundet.

Genauso habe ich mir meinen Urlaub vorgestellt.

Das blaue Meer, die wärmende Sonne, der helle Sandstrand und ein gutes Buch.

SECHS

Nicos, geht entgegen seiner Gewohnheit auch an diesem Abend wieder an die Poolbar. Hätte ihm jemand gesagt, dass er nur hier ist um den weiblichen Gast von gestern wieder zu sehen, hätte er entrüstet dementiert.

Doch seine Augen wandern unruhig hin und her und er hofft darauf, sie wieder zu sehen, wenn er dies auch nicht einmal vor sich selbst zugegeben hätte.

Im Grunde ist es gar nicht seine Art, an zwei Abenden hintereinander im Hotel vorbei zu sehen. In all den Jahren ist es eine liebe Gewohnheit geworden, sich einmal die Woche unter die Hotelgäste zu mischen, ohne dass jemand ahnt, dass er der Eigentümer ist. Er bleibt immer diskret im Hintergrund, um die Geschäfte kümmern sich seine Angestellten.

Seine Schwester Eleanna belächelt ihn deshalb hin und wieder und zieht ihn damit auf, dass dieses Hotel lediglich ein Hobby für ihn sei.

Der Reichtum der Familie Sarikakis gründet auf der Verpachtung von Schiffen.

Sein Vater Costa Sarikatis hat „Costaline“ 1975 in Athen gegründet und ist heute mit 60 Containerschiffen, die seine florierende Reederei verchartert, einer der wichtigsten Eigner weltweit.

Während sein Vater nur noch bei langjährigen Kunden die Verhandlungen führt, ist Nicos, mit Unterstützung seiner Schwester, heute der Geschäftsführer des Unternehmens. Sein Bruder Alexis war bis vor zwei Jahren ebenfalls in die Geschäfte eingebunden, wurde aber, nachdem herauskam, dass mit seinem Wissen und Duldung, Drogen in einem Charterschiff geschmuggelt wurden, von Costa Sarikatis, aus dem Geschäft und der Familie verstoßen.

Eleanna und Nicos haben, ohne Wissen und Duldung des Vaters, den Kontakt zu ihrem Bruder nicht komplett abgebrochen.

Sie waren ebenfalls sehr verärgert, hatte doch Alexis mit seinem Verhalten, ihre gesamte Existenz aufs Spiel gesetzt, aber sich ganz von ihm abzuwenden, bringen sie nicht übers Herz.

Ihr Vater, Costa Sarikakis, musste Alexis an die Polizei ausliefern und glaubhaft versichern, dass keiner etwas von seinen Machenschaften wusste, anderenfalls hätte die Reederei geschlossen werden können.

So sind sie mit einem blauen Auge davongekommen, denn die Angelegenheit ging damals durch die Presse und einige ihrer besten Kunden haben daraufhin ihre Verträge aufgekündigt und zum ersten Mal, seit Bestehen der Reederei lagen über Monate einige Schiffe im Hafen.

Bereits 1980, fünf Jahre nach Gründung, stand schon einmal ein Verdacht im Raum, mit „Costaline“ könnte man „alles“ transportieren. Costa Sarikakis hatte damals die Reederei mit einem Partner gegründet und stand nach fünf Jahren, wegen der Gerüchten über Schmuggel, kurz vor dem Ruin.

Er trennte sich damals kurzerhand von seinem Partner, dem man zwar nicht wirklich etwas nachweisen konnte, aber irgendetwas bleibt immer hängen, verkleinerte seine Flotte deutlich und baute ab diesem Zeitpunkt, im Alleingang, sein Imperium auf.

Seine harte und unbarmherzige Reaktion in Bezug auf seinen Sohn, wird verständlicher, kennt man diesen Hintergrund.

Alexis, der Zwillingsbruder von Nicos, war schon immer das Sorgenkind.

Die beiden Männer gleichen sich, wie ein Ei dem anderen, doch ihre Charaktere unterscheiden sich vollkommen.

Nicos war von klein auf immer der Ruhige, hat gern gelernt und versucht, mit allen gut auszukommen.

Alexis dagegen, machte von Anfang an Probleme.

Als Zweitgeborener, obwohl nur zwei Minuten später geschlüpft, hat er immer und in allem versucht, besser zu sein als sein Bruder. Er verbrauchte seine gesamte Energie damit, Nicos bei jeder Gelegenheit zu übertrumpfen.

Dieser Konkurrenzkampf kostete ihn wohl so viel Kraft, dass er, obwohl er sicherlich die gleichen Anlagen wie sein Bruder hatte, doch nicht an dessen Erfolg heranreichen konnte. Er kam weder an die schulischen Leistungen von Nicos heran, noch war er sehr beliebt bei seinen Mitschülern und bildete sich auch ein, dass seine Eltern, Nicos bevorzugen würden.

Irgendwann gab er den Kampf auf, besser sein zu wollen als Nicos und verfiel ins Gegenteil. Die seiner Meinung nach mangelnde Aufmerksamkeit seiner Eltern, meinte er nun damit zu bekommen, dass er gegen alle aufgestellten Regeln verstieß.

Er verhielt sich nur noch renitent und aufsässig.

Seine Eltern, allen voran sein Vater, hätte ihn sicher gerne in einem Internat untergebracht, wenn Nicos seinen Bruder nicht so sehr geliebt hätte und seinen Vater immer wieder davon überzeugen konnte, dass Alexis nur eine Phase durchmacht und sich sein Verhalten schon bald wieder ändern würde.

Mit den Jahren wurde Alexis auch tatsächlich umgänglicher, seine Schwester Eleanna wurde geboren und ohne Konkurrenzkampf konnte er sie von Herzen lieben, außerdem kam er zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal mit Drogen in Kontakt.

Mit Drogen und Alkohol schaffte es Alexis seine Gefühle zu unterdrücken, er erschien dadurch nach außen hin ruhiger und es gelang ihm auch, seine Sucht über Jahre ausgezeichnet vor der Familie zu verbergen.

Nach Schule und Studium stieg er wie Nicos in die Reederei seines Vaters ein und niemand hatte auch nur den Hauch einer Ahnung, dass Alexis Drogen konsumiert, viel zu viel trinkt und immer häufiger an Spieltischen zu Hause ist.

Spielschulden waren es dann auch, die ihn zu diesem Schmuggelgeschäft verleiteten, er braucht dringend und vor allem schnell viel Geld.

Alexis bereute dies sehr und die Familie glaubte ihm auch, aber das Oberhaupt Costa Sarikakis blieb hart.

Vielleicht hätte seine Mutter, das Herz des Vaters, nach einiger Zeit wieder erweichen können, doch so viel Zeit blieb ihr leider nicht.

An einem lauen Sommerabend vor knapp drei Jahren, kurz nachdem Alexis aus der Familie verstoßen wurde, war Ramona Sarikakis mit Nicos Verlobten Maria auf dem Weg von Thessaloniki nach Athen, als den Beiden auf der Autobahn ein Geisterfahrer entgegen kam und die Frauen, bei diesem Unfall, in den Tod riss.

Costa Sarikakis hat sich nach diesem Unglück fast komplett aus der Reederei zurückgezogen, er hat den Verlust seiner geliebten Ehefrau bis heute nicht überwunden.

Ebenso sein Sohn Nicos.

Maria und er wollten vier Wochen nach diesem tragischen Unglück heiraten.

Die Hochzeit war schon komplett geplant, alle Gäste geladen, die Location ausgesucht und das Aufgebot gestellt.

Als Nicos damals durch einen Polizeibeamten, vom Tod seiner geliebten Maria erfahren hatte, glaubte er nicht ohne sie weiterleben zu können. Er sah von jetzt auf gleich keinen Sinn mehr im Leben, fiel in ein tiefes, schwarzes Loch, aus dem ihn, mit viel Geduld und noch mehr Liebe, einzig seine Schwester, wieder heraus geholfen hat.

Das Hotel, was Eleanna bis heute nicht weiß, war eine Idee von Maria.

Sie hatten Pläne, wollten Kinder und ein Traum von ihr war es, irgendwann einmal ein eigenes Hotel zu führen.

Nicos wollte ihr diesen Traum postum erfüllen und kniete sich zwölf Monate, neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Reederei, in die Arbeit. Dies half ihm bei der Bewältigung seiner Trauer und die Hotelanlage wird ihn immer an Maria erinnern, denn dies war ihr Traum.

Deshalb ist es ihm auch nicht wichtig, wie viel Gewinn dieses Geschäft abwirft, was wiederum Eleanna dazu verleitet, ihn immer wieder auf zu ziehen und sein Hotel ein Spielzeug zu nennen, sie kennt die Hintergründe nicht.

Anfangs wollte er ihr sagen, warum ihm das Hotel so viel bedeutet, doch irgendwie hatte es sich nicht ergeben und später war es ihm nicht mehr so wichtig.

Heute lächelt er darüber, wenn sie ihn damit aufzieht, denn das ist sein kleines Geheimnis, welches er immer noch mit Maria teilt und ihn auf ewig mit ihr verbindet.

SIEBEN

Wie sich herausstellte, hätte ich meine Yogamatte im Flugzeug nicht mitschleppen müssen. Gestern habe ich mitbekommen, dass gegen 11 Uhr morgens ein Animateur auf der Suche nach Yogateilnehmern war.

Ich habe dankend abgelehnt, konnte aber sehen, als ich mir eine weitere Tasse Kaffee holte, das noch einige Matten frei waren, hätte mir sicher eine ausleihen können.

Egal, jetzt nutze ich meine Eigene und habe mich auch heute Morgen wieder für den Platz, auf demselben Grundstück, wie gestern entschieden.

Eben bin ich mit meinem vierten Durchgang vom Sonnengruß fertig, als mich plötzlich jemand anspricht.

Good morning, I think you are a tourist?

Ach du Kacke, bin ich erschrocken.

Entschuldigung, erwidere ich schnell auf Englisch, ja ich bin Touristin. Ich wohne gleich in dem Hotel nebenan. Es tut mir sehr leid, ich dachte das Haus wäre zurzeit unbewohnt. Selbstverständlich verschwinde ich sofort.

Beschämt rolle ich meine Matte zusammen, während ich mich weiter wortreich entschuldige. Die Situation ist mir peinlicher als erwartet.

Kein Problem erwidert die attraktive Frau auf Deutsch und reicht mir die Hand.

Mein Name ist Eleanna, sie sind hier jederzeit willkommen.

Wenn ich sie auf eine frisch aufgebrühte Tasse Kaffee einladen darf, sie mir dabei Gesellschaft leisten, können sie danach das Grundstück nutzen, wie es ihnen gefällt, fügt sie lächelnd hinzu.

Sie sprechen Deutsch, erwidere ich wenig geistreich.

Sie Sonne schadet wohl meinem Intellekt.

Egal, mit wem ich mich unterhalte, immer blamiere ich mich.

Ich werde rot und bedanke mich für das Angebot.

Der Großteil unserer Kunden kommt aus Deutschland, erklärt Eleanna ihre Sprachkenntnisse und fügt lächelnd hinzu, außerdem spreche ich Italienisch, Französisch und Spanisch.

Ich bin beeindruckt.

Sie haben hier wirklich ein sehr schönes Stück Land.

Der Blick von ihrem Grundstück aufs Meer ist einfach faszinierend und hat mich so sehr angezogen, dass ich nicht viel nachgedacht habe, auch glaubte ich tatsächlich das Haus sei unbewohnt, entschuldige ich mich nochmals.

Wirklich kein Problem, sie sind nicht die Erste, die sich auf unser Grundstück verirrt. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt und wie gesagt, es stört uns nicht. Das Haus ist Alarmgesichert und wir halten uns fast ausschließlich vor dem Haus auf, obwohl sie natürlich Recht haben mit der Aussicht, aber wenn sie diese jahrelang täglich sehen, wird es irgendwann zur Normalität.

Kann ich mir nicht vorstellen, erwidere ich ungläubig.

Sie wohnen hier nicht allein?

Nein, ich teile mir das Haus mit meinem Bruder.

Ich möchte sie aber wirklich nicht stören, erwidere ich und mache schon Anstalten, wieder umzukehren, als sie mich aufhält.

Nein, nein, sie stören nicht.

Mein Bruder steht nicht vor neun Uhr auf und ich freue mich sehr über etwas Gesellschaft.

Na wenn das so ist, nehme ich ihre Einladung gerne an und freue ich mich auf eine schöne Tasse Kaffee.

Wir betreten durch eine große Glastüre, die in eine mindestens zehn Meter lange Fensterfront eingelassen ist, direkt ein riesiges, nur spärlich möbliertes Wohnzimmer. Dieses geht übergangslos in einen Essbereich, mit dem größten Holztisch, den ich je gesehen habe und Platz für sicher zehn Personen über und betreten auf der anderen Seite des Gebäudes, eine ebenfalls sehr großzügig angelegte Terrasse.

Der durchquerte Wohn-, Essbereich dürfe meiner Schätzung nach weit über 100 Quadratmeter haben. Leider gehen wir sehr zügig durch, so dass ich nur einen kurzen Blick auf das Mobiliar werfen kann.

Das Grundstück vor dem Haus, welches an die Terrasse anschließt ist noch viel weitläufiger, als die Meerseite.

Die Anlage ist überwältigend.

Schattenspende Palmen und in herrlichen Farben blühende, wunderschön angelegte Beete wechseln sich mit riesigen Orangenbäumen ab.

Liebevoll angelegte Wege führen in jeden Teil der Anlage, vor allem zu einem kleinen, künstlichen See, an dessen hinterem Rand hohes Schilfgras und Seerosen gepflanzt wurden. Die Ränder des Gewässers sind mit dunklem Kies aufgeschüttet und sechs Liegen laden zum Verweilen ein.

Wow, ist das schön hier, entfährt es mir, begeistert.

Vielen Dank, entgegnet Eleanna bescheiden.

Zugegeben, mit Hilfe eines professionellen Gärtners, haben mein Bruder und ich, sehr viel Zeit in die Gestaltung des Gartens gesteckt.

Garten ist wohl etwas untertrieben, wie groß ist denn dieses Grundstück?

5000 Quadratmeter dürften es schon sein, hier im vorderen Bereich, schränkt sie lächelnd ein, das Haus und der hintere Teil, nicht eingerechnet.

Der Hammer.

Hier lässt es sich leben, werfe ich ein klein wenig neidisch ein.

Bitte setzen sie sich doch, fordert Eleanna mich auf.

Ich konnte sie bereits gestern vom Fenster aus eine Zeitlang beobachten, sind sie Yoga Lehrerin?

Nein, keine ausgebildete, ich habe zu Hause einen kleinen Kreis von Frauen, die einmal die Woche von mir Anleitungen zur richtigen Haltung, Atmung und der Philosophie, die hinter Yoga steht, erhalten, eine Lehrerin bin ich nicht.

Ich praktiziere Yoga seit einigen Jahren, die ersten drei in einem Studio, als ich dann aber begann, täglich Übungen zu machen, stellte ich schnell fest, dass ich keinen Lehrer mehr brauche.

Anregungen für neue Haltungen hole ich mir aus dem Netz.

Sobald man verstanden hat, um was es beim Yoga geht und nach drei Jahren Praxis bei einem wirklich guten Lehrer, bekommt man das sehr gut alleine hin.

Es geht nicht so sehr darum, immer wieder neue Haltungen auszuprobieren, und wahnwitzige Verrenkungen auszuführen, sondern darum, die Atmung mit seinem Körper zu verbinden.

Der Atem unterstützt dich dabei, in die Bewegung zu kommen, sie zu halten und zu vollenden. Dein Körper und die Atmung wird zu einer Einheit, was neben der körperlichen Fitness auch Auswirkungen auf den Geist hat.

Du lernst deinen Körper kennen, je nachdem wie du Yoga praktizierst, ob meditativ oder sportlich, dein Geist erweitert sich. Die Zeit, die du mit und im Yoga verbringst ist eine sehr intensive Zeit, du fühlst dich ganz im Hier und Jetzt.

Eine Erfahrung, die wir heutzutage nicht mehr sehr oft machen, da unsere Gedanken sonst meist in der Vergangenheit, oder in der Zukunft liegen. Dabei ist jetzt der Moment in dem wir leben, Gestern ist bereits vorbei und niemand weiß was die Zukunft bringt und doch verschwenden wir den Großteil unserer Zeit damit über Dinge nachzudenken, die entweder vergangen sind, oder noch gar nicht geschehen.

Hart ausgedrückt – verschwendete Zeit.

Sorry, ich komme immer ins Schwärmen, wenn ich jemandem den tieferen Sinn von Yoga erklären darf und wahrscheinlich interessiert sie das gar nicht.

Ich möchte sie nicht langweilen, schließe ich peinlich berührt.

Nein, das ist sehr interessant, entgegnet Eleanna, freundlich.

Ich trage mich schon lange mit dem Gedanken, mit Yoga zu beginnen, doch irgendwie fehlt mir die Zeit in ein Studio zu gehen.

Nun, die Zeit muss man sich natürlich schon nehmen, auch rate ich dazu, die ersten Jahre wirklich mit einem Lehrer zu üben.

Heutzutage werden im Internet alle möglichen Kurse oder auch Yoga CDs angeboten, ich rate jedoch davon ab, als Anfänger nur mit virtuellen Medien zu arbeiten.

Es ist niemand da, der deine Haltung korrigieren könnte.

Leider ist es so, dass sich der Körper immer die bequemste Haltung aussucht und das ist nicht immer die Richtige. Es ist deshalb, meiner Meinung nach, unerlässlich mit jemandem zu arbeiten, der mindestens sehr lange Yoga praktiziert, ein Lehrer muss es dann vielleicht wirklich nicht unbedingt sein.

Meine Mädels sind von mir sehr begeistert, schließe ich lächelnd, aber wie mir sofort peinlich auffällt, wenig bescheiden.

Vielleicht haben sie Lust, mir solange sie hier im Urlaub sind, ein bisschen Yoga beibringen?

Klar, das mach ich doch gerne.

Ich bin ja eben erst angekommen und noch fast drei Wochen hier, das sollten wir schon hinbekommen, begeistere ich mich für den Vorschlag.

Ich schlage jedoch vor, dass wir uns dafür, zuerst einmal Duzen, ergänze ich lächelnd und reiche Eleanna die Hand.

Ich bin Sabine.

Sehr angenehm Sabine, ich freue mich dich kennen zu lernen, können wir heute schon mit der ersten Stunde beginnen?

Eleanna ist sichtlich aufgeregt.

Klar sofort wenn du möchtest.

***

Zu meinem Erstaunen zaubert Eleanna eine Yogamatte aus dem Nichts hervor.

Ich hatte gehofft, dass du meine Bitte nicht abschlagen würdest, erklärt sie lächelnd, als sie meinen überraschten Blick sieht.

Wir suchen uns einen schönen Platz auf der Anlage und ich beginne damit sie in die Grundlagen des Yoga einzuführen.

Wir beginnen zum langsamen Aufwärmen, mit dem einfachen Sonnengruß, damit erreichen wir eine angenehme und doch optimale Dehnung unseres Körpers für die nachfolgenden Haltungen.

Wir halten dabei jede Stellung zwei bis drei Atemzüge, dadurch geben wir dem Körper Gelegenheit, sich an die Haltung zu gewöhnen. Bei mehr Praxis kannst du später dazu übergehen, mit jeder Atmung die Stellung zu wechseln. Dadurch wird Yoga weniger meditativ, sondern bekommt eine eher sportliche Note.

Sollte aber erst dann praktiziert werden, wenn dir die einzelnen Haltungen in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Bist du soweit?

Gut, dann deine Arme richtig weit über die Seiten nach oben strecken, mach dich richtig lang, dabei tief einatmen und mit geradem Rücken nach vorne beugen.

Gut so.

Die Fingerspitzen berühren den Boden, die Beine sind durchgestreckt.

Mit Übung, ist das Ziel dieser Haltung, die Hände flach auf dem Boden abzulegen – die Königsdisziplin – der Kopf berührt, bei durch gestreckten Beinen, deine Knie.

Ah, so wie dir, wirft Eleanna, mit einem neidischen Blick auf mich ein.

Du wirst dich wundern, wie schnell dein Körper sich dehnt, wenn du regelmäßig, mehrmals die Woche Yoga praktizierst. Ich habe noch keinen Sport gemacht, bei dem ich so schnelle Erfolge spüren konnte wie hierbei, mache ich ihr Mut.

Wir gehen immer mit einer Einatmung in eine Stellung hinein und auch mit einer Einatmung wieder heraus.

Atme bewusst, die Atmung hilft dir.

Spüre die Dehnung in deinem unteren Rücken, leg die Hände flach auf den Boden, mach einen Schritt zurück und geh in die schiefe Ebene, Zehenspitzen bleiben aufgestellt, stütz dich auf deinen Unterarmen ab.

Rücken gerade, Kopf und Rücken bilden eine Linie.

Atme.

Zehen ablegen und drück dich über die Arme hoch in den aufschauenden Hund.

Den Kopf nicht überstrecken, achte auch hier darauf, dass dein Kopf in einer geraden Linie vom Rücken weiter verläuft. Deine Arme sind durchgestreckt, die Zehen liegen flach auf der Matte, dein Rücken ist gerade.

Versuche kein Hohlkreuz zu machen.

Super!

Komme wieder auf die Zehenspitzen, drück dein Becken weit nach oben und komm mit einem kräftigen Druck hoch, streck deine Beine durch und leg deine Fußsohlen flach auf den Boden. Strecke deine Hände durch.

Diese Haltung nennt man herabschauender Hund.

Eine wunderbare Übung für den unteren Rücken.

Anfangs klappt das mit dem Hochdrücken noch nicht so gut, weil dir die Kraft in den Armen fehlt, das ist aber kein Problem, dann geh einfach einen Schritt zurück, fass mit den Händen nach, bis du die Haltung eingenommen hast.

Ziel der Übung ist es, dass sich nach einiger Zeit deine Wadenmuskulatur soweit gedehnt hat, dass du problemlos mit den Fersen auf den Boden kommst.

Lass deinen Kopf zwischen den Händen herabhängen und schau zu deinen Beinen, dein Rücken ist gerade, deine Arme sind weit nach vorn gesteckt. Spreiz deine Finger, dadurch bekommst du einen besseren Halt.

Sieht doch schon ganz gut aus.

Überfordere dich nicht, geh nur soweit in die Übung, wie dein Körper es zurzeit zulässt.

Du sollst deinen Körper fordern, jedoch niemals überfordern.

Durch die Yogapraxis lernst du deinen Körper besser kennen, du lernst zu erspüren, was ihm gut tut und wirst erstaunt sein, wie schnell und stark er sich beanspruchen lässt, wenn man achtsam mit ihm umgeht.

Atme, entspanne in der Haltung.

Ich weiß, anfangs ist es völlig unmöglich, in dieser Haltung zu entspannen, dafür ist sie viel zu anstrengend.

Ich habe meinen Yogalehrer jedes Mal verflucht, wenn er diesen Spruch brachte.

Heute ist es für mich tatsächlich eine der entspanntesten Haltungen.

Sorry, aber ich muss diesen Spruch immer bringen, macht einfach Spaß.

Meinem Lehrer erging es damals wahrscheinlich auch nicht anders, füge ich lächelnd hinzu.

Atme tief ein und spüre die Dehnung in den Waden und den Unterschenkeln.

Nach vorne zu den Händen schreiten – Vorbeuge.

Tief durchatmen und die Übungen zweimal wiederholen.

Sieht doch schon super aus und wie ich sehe, kommst du schon bei jeder Vorbeuge ein winziges Stück weiter nach unten.

Die erste Yogasequenz beginnt mit dem erweiterten Sonnengruß, wir ergänzen ihn einfach um eine weitere Übung.

Dafür fügen wir nach dem herabschauenden Hund, den Helden eins ein.

Stell das rechte Bein weit nach Vorne und winkele das Knie ab. Der Fuß steht parallel zur Matte. Gleichzeitig strecken wir beide Hände weit nach oben und drehen auch unser Becken in die Fußrichtung.

Arme nach unten auf die Matte, Beine zurück, in die schiefe Ebene, zwei Atemzüge, in den aufschauenden Hund, wieder zwei Atemzüge halten und mit Druck, oder über einen Schritt nach hinten in den herabschauenden Hund.

Held eins mit dem linken Bein.

Die gesamte Sequenz dreimal wiederholen und weil das bei dir so gut funktioniert, versuchen wir die Wiederholungen etwas dynamischer.

Soll heiße, wir ändern die Stellung mit jeder Ein- und Ausatmung.

Das klappt doch super!

Eleanna lächelt, ist jedoch völlig außer Atem.

Keine Angst, jetzt folgt eine entspannende Sequenz.

Du kannst die folgenden Übungen je nach Tagesform, entweder langsam oder dynamisch ausführen.

Ein Tipp von mir, Stellungen, wenn du alleine übst, die für dich sehr anstrengend sind, oder die du noch nicht sicher beherrscht, einfach länger halten.

Wir stellen uns seitlich auf die Matte, Beine in eine große Grätsche und stellen das rechte Bein und den rechten Fuß parallel zur Matte auf, wie vorher beim Helden eins, nur jetzt mit gegrätschten Beinen.

Das hintere, linke Bein leicht schräg aufstellen, erhöht die Standfestigkeit. Die Arme parallel zu den Beinen in Schulterhöhe ausstrecken. Beide Beine sind durchgestreckt.

Vorbeugen und dabei die rechte Hand mit einer tiefen Einatmung zum rechten Fuß bringen.

Lass deine Hand dort liegen, wo sie ankommt, egal ob sie dabei dein Schienbein, deinen Knöchel oder den Fuß berührt. Achte auf einen ruhigen Stand und führe die Übung korrekt durch, strecke deinen linken Arm weit nach oben und wenn du kannst, sie deiner linken Hand nach.

Ziel der Übung ist es, nach viel Praxis, deine rechte Hand neben dem rechten Fuß abzulegen, bis dahin achte jedoch eher auf einen ruhigen Stand.

Atme, strecke deine linke Hand so weit wie möglich nach oben und spüre der Dehnung in deiner gesamten linken Körperhälfte nach.

Diese Übung nennt man das gestreckte Dreieck.

Hochkommen – linke Seite.

Gnade, unterbricht Eleanna mich, völlig außer Atem.

Bei dir sieht das alles so einfach aus, ich bin völlig kaputt und brauche dringend eine Pause.

Yoga ist viel anstrengender als ich dachte, fügt sie sichtlich überrascht hinzu.

Kein Problem Eleanna, wir können gerne morgen weitermachen, doch ich würde noch gern ein bisschen trainieren, wenn es dich nicht stört.

Kein Problem, lass dir Zeit, ich spring schnell unter die Dusche und wir treffen uns nachher noch auf einen Kaffee auf der Terrasse.

***

Wer ist das dort draußen in unserem Garten?

Oh Nicos, du bist schon auf?

Ja, ich muss in dringenden Geschäften nach Thessaloniki fahren und nun, wer ist das?

Das ist meine Yogalehrerin erwidert Eleanna und lächelt verschmitzt.

Deine was?

Seit wann hast du eine Yogalehrerin?

Sie ist Gast in deinem Hotel und ich habe sie gestern auf dem hinteren Teil unseres Grundstückes gesehen.

Sie dachte unser Haus wäre ein Ferienhaus und zurzeit nicht bewohnt, deshalb machte sie gestern Morgen ihre Übungen hier. Als ich sie heute wieder gesehen habe, bat ich sie, mir ein bisschen was bei zu bringen, sie scheint sehr nett zu sein, fügt Eleanna lächelnd hinzu.

Zweifelnd sieht Nicos seine Schwester an, du hast doch wohl dabei keine Hintergedanken oder?

Nein, spielt Eleanna die Entrüstete, was denkst du von mir, aber verdammt hübsch ist sie schon.

Lass es einfach, erwidert Nicos genervt.

Ich brauche keine Hilfe, sollte ich mir wieder eine Frau an meiner Seite wünschen und niemand weiß besser als du, dass ich dafür noch nicht bereit bin.

Ja, ich weiß, es tut mir leid, erwidert Eleanna zerknirscht.

Nicos bereut es sofort, so schroff zu seiner Schwester sein, weiß er doch, dass sie ihm nur helfen will. Er geht auf sie zu und nimmt sie in den Arm.

Es tut mir leid, ich wollte dich nicht so anmaulen.

Alles wieder gut?

Klar, ich kann meinem Lieblings Bruder doch nie lange böse sein. Ich verschwinde kurz unter die Dusche, draußen auf der Terrasse steht noch ein frischer Kaffee, falls du dich bedienen möchtest und vielleicht doch einen kleinen Blick auf Sabine riskieren willst.

Bevor Nicos ihr für diese Frechheit einen Klaps auf den Po geben kann, macht sie sich aus seiner Umarmung los und läuft laut lachend, in den ersten Stock ins Bad.

Diese freche Göre kann es einfach nicht lassen, schmunzelt Nicos, während er sich auf die Terrasse begibt um noch schnell einen Kaffee zu trinken, bevor er sich auf die einstündige Fahrt nach Thessaloniki machen muss, er ist schon spät dran.

Sabine bemerkt aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf der Terrasse und wundert sich, dass Eleanna schon wieder zurück ist, als sie Nicos bemerkt.

Verfolgen sie mich, blafft sie ihn herausfordernd an.

Ich wohne hier, erwidert Nicos, völlig überrascht, seinen schönen Hotelgast vor sich zu sehen. Es dauert einen Moment, bis er sich von der Überraschung erholt hat, dann wird er jedoch sauer.

Ich muss mich vor ihnen nicht rechtfertigen, dies ist mein Haus, zahlt er es Sabine mit gleicher Münze heim.

Entschuldigen sie, aber ich muss jetzt gehen.

Sabine rafft ihre Yogamatte in Windeseile zusammen.

Das ist der Typ vom Hotel, der mit den Wahnsinns Augen.

Bei Tageslicht sieht der Typ noch viel besser aus und wieder benehme ich mich wie eine Idiotin.

Sabine spürt förmlich, wie es ihr die Schamesröte ins Gesicht treibt, als sie schnell an ihm vorbei und nur raus aus dieser Situation möchte.

Bitte bleiben sie doch, ruft Nicos ihr nach.

Sein ärgerlicher Ausbruch tut ihm sofort leid, aber da ist es schon zu spät.

Die Schöne ist schon fast an der Tür, als seine Schwester die Treppen herunter kommt, die Situation überblickt und Sabine noch kurz aufhält.

Sie haben meinen Bruder schon kennen gelernt und als sie keine Antwort von ihr erhält, fügt sie schnell hinzu, sehen wir uns Morgen wieder?

Kurz denkt Sabine darüber nach abzulehnen, aber sich selbst überraschend, hört sie sich sagen.

Erwarte mich Morgen um sieben Uhr und schließt schnell die Tür hinter sich.

Was war das denn?

Ich war doch nur zehn Minuten weg, das ist neuer Rekord, schmunzelt Eleanna, so schnell hast du noch nie eine Frau in die Flucht geschlagen.

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