Kitabı oku: «Liebeswahn»
kristian winter
Liebeswahn
Wenn Leidenschaft tödlich wird
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Nachbemerkungen
Über den Autor
Impressum neobooks
Prolog
Was du liebst, lass frei, kommt es zurück, gehört es dir – für immer.
Konfuzius
„Wo bin ich?“, stöhnte der Mann, als er aus seinem wirren Traum erwachte. Zu seinem Entsetzen fand er sich auf dem Metallgitterbett wieder und war an Händen und Füßen an den Giebelenden gefesselt. Über ihm blendete eine grelle Deckenlampe, deren kreisrunder Blechschirm den Rest des Raumes verschattete. Während im Hintergrund leise Musik mit den Klängen von Vivaldis L’Inverno eine absurde Festlichkeit verbreitete, dämpften die schweren purpurnen Samtvorhänge an den Wänden jede Akustik. Er war völlig nackt. Lediglich ein Handtuch bedeckte seine Lenden. Sein Kopf schmerzte, seine Glieder brannten und ihm war, als habe man ihn mit tausend glühenden Zangen malträtiert.
„Na endlich“, vernahm er die Stimme einer Frau, die jetzt zögernd näher trat. Ihr Gesicht wirkte blass und müde. Etwas Krankhaftes lag in ihren Zügen, irgendwo zwischen Freude und Argwohn, als bedauere sie etwas, verlor jedoch kein weiteres Wort. Stattdessen begann sie, sich in aller Ruhe zu entkleiden.
Doch die Art, wie sie es tat, war ungewöhnlich. Sonderbar tänzelnd und befangen von der klassischen Musik, streifte sie sich selbstversunken erst die High Heels, dann Bluse und Büstenhalter ab, schließlich folgte die Netzstrumpfhose, das aber reichlich ungelenk, wie jemand, der sich darauf nicht verstand. Zuletzt löste sie den locker aufgesteckten Haarknoten und streifte sich dunkle Strumpfbänder über die Schenkel.
„Ist das nicht genau wie in unseren Bildern?“, fragte sie jetzt.
„Oh Gott, du bist verrückt!“, erwiderte der Geknebelte, als er seine Lage realisierte. „Wie hast du das gemacht?“
„KO–Tropfen“, erklärt sie lapidar. „Ich war erstaunt, wie schnell sie wirken. Richtig komisch sah das aus, als du zusammengesackt bist. Daher auch dein blaues Auge und die Platzwunde an der Stirn. Fast fürchtete ich, du würdest mir unter den Händen wegsterben, denn du warst bereits kollabiert.“
„Beim Himmel, was hast du vor?!“, schrie er mit sich überschlagender Stimme.
„Du wirst verzeihen, aber das war nötig“, erklärte sie und strich ihm mit funkelnden Augen über die schweißnasse Stirn. Sodann glitten ihre Finger über seinen Hals und die Brust hinab zum Bauch und umkreisten seinen Nabel.
„Es klingt sicher albern, aber ich hätte nie gedacht, dass es nochmal dazu kommen würde. Du bist gut gebaut und auch sehr einfühlsam. Alles an dir ist vollkommen, als habe dich die Natur zur Liebe erschaffen. Ich habe da eine Theorie, weißt du? Demnach gibt es eine Vorbestimmung, der wir uns fügen müssen. Jeder Verstoß dagegen wird bestraft. Und so glaube ich, dass auch wir nicht anders können, als zu müssen, was wir sollen. Dies aber liegt nicht immer in unserem Wollen. Das wird ein Mann deiner Bildung doch verstehen, oder?“
Sie entfernte das Tuch von seinem Schoß und berührte seine zum Rudiment verkümmerte Männlichkeit. Doch zu ihrem Kummer zeigte er keine Reaktion, nicht mal den Ansatz einer Erregung, obwohl das Ziel ihrer Stimulation eindeutig war.
„Die Brahmanen meinen, ein verzögerter Koitus könnte mit dem nötigen Feingefühl eine wahre Explosion bewirken, welche die Seele in den Himmel schleudert. Ich war noch nie im Himmel, allenfalls kurz davor. Dabei wäre ich es so gern. Willst du mir nicht dabei helfen?“
„Das ist nicht dein ernst! Das kannst du nicht wollen, nicht nach alledem!“
„Erzähl mir nicht, was ich wollen darf! Was weißt du schon, wie es in mir aussieht, nach allem, was du mir angetan hast!“
„Du bist nicht bei Sinnen! Ich weiß, es ist viel Unrecht geschehen. Aber mache es jetzt nicht noch schlimmer!“, beschwor er sie und zerrte an seinen Fesseln.
Doch sein Bitten ignorierend, fasste sie erneut nach seiner Männlichkeit - jetzt aber schmerzhaft, so dass er zusammenfuhr und am ganzen Leib zitterte. Verschreckte ihn doch die Entschlossenheit in ihren Augen, dieses Funkeln als Zeichen ihrer Unberechenbarkeit. Am meisten aber fürchtete er die Rasierklinge, die sie plötzlich zwischen ihren Fingern hielt und prüfend betrachtete.
„Ich kenne die Anatomie des Mannes genau. Ich habe sie studiert“, erklärte sie. „Es genügt ein Bild oder eine Situation, wodurch das Hirn einen erotischen Reiz assoziiert. Das kann gedanklich als auch real geschehen. Ideal ist ein Zusammenspiel von beidem, so wie jetzt, wenn ich dir meine Bereitschaft signalisiere. Der Rest ist reine Physiologie. Deine Schwellkörper reagieren auf diese Reize und sorgen für den nötigen Blutstau, was dann zur Erektion führt. So ist es doch, nicht wahr? Ein Wunderwerk der Evolution. Die Sache hat nur einen Haken – ein kleiner Schnitt und alles ist vorüber.“
Ihm wurde schlecht. „Hör auf, bitte! Das kannst du nicht tun“, flehte er seine Peinigerin noch einmal an. Doch sie blieb davon unbeeindruckt.
„Du bist beschnitten. Das ist sehr erotisch. Darum werde ich jetzt noch ein wenig weiter schneiden. Das ist noch erotischer. Blut ist eine eigenartige Substanz, weißt du? Es ist der Saft des Lebens. Sechs bis sieben Liter sind im menschlichen Körper. Wenn es raus ist, ist es vorbei.“
„Tu das nicht! Ich bitte dich! Ich werde alles machen, was du willst. Nur tu das nicht!“
„Hast du etwa Angst? Du weißt doch gar nicht, was das ist! Ich sage dir jetzt, was Angst ist! Wenn man unter ständigen Verfolgungen leidet und dennoch kein Gehör findet; wenn sich fremde Hilfe lediglich auf ein paar Pillen und gute Sprüche beschränkt und man genau dann, wenn man neuen Mut schöpft, von einem fremden Kerl im Park niedergerissen und bis zur Besinnungslosigkeit gewürgt wird. Natürlich trägt er eine Maske, drückt dir die Beine auseinander, dass du denkst, es zerreißt dich. Dann zückt er ein Messer und kitzelt deine Kehle, jederzeit bereit, sie zu durchstoßen - das ist Angst!
Dem Gefesselten dämmerte etwas. „Mein Gott, der Tote aus der Zeitung!“, schloss er einer spontanen Eingebung folgend. „Du warst es! Du hast ihn getötet!“
„Hatte ich nicht ein Recht dazu?“ erwiderte die Angesprochene erregt. „Ich habe mich nur verteidigt! Sein Pech, aber er hatte sich die Falsche ausgesucht. Nur weißt du, wer sein Auftraggeber war? Deine Frau! Sie hatte ihn geordert, um mich zu beseitigen.“
„Das ist gelogen“, erwiderte der Mann. „Völlig unmöglich!“
„Sie hat es aber zugegeben.“
„Das glaube ich noch weniger.“
„Und das sagt ausgerechnet jemand, dessen ganzes Leben eine einzige Lüge ist? Deine Frau wusste sich keinen anderen Rat mehr, griff aber leider zu einem untauglichen Mittel. Sie hat eben keine Ahnung von solchen Dingen. Dafür nimmt man Gift, aber so dosiert, dass sich das Opfer noch aus eigener Kraft weit genug entfernen kann, um jeden Verdacht von der wahren Ursache abzulenken. Unser guter Freund Hövelmann hat es vorgemacht. Er war eben ein Trottel und Dummheit wird bestraft.“
Hendrik war jetzt so durcheinander, dass er nicht glauben wollte, was er jetzt hörte. Was redete sie da? Meinte sie das im Ernst? Ihr zynisches Grinsen ließ aber keine Zweifel.
„Um Gottes willen! Der auch?“
„Ja, der auch!“, räumte sie mit Genugtuung ein. „Er musste verschwinden, denn er hätte die Sache ans Licht bringen und somit auch dich gefährden können. Außerdem war er ein gewissenloser Lump und hatte mit seiner Geliebten bereits Pläne gegen dich geschmiedet. Diese gingen noch viel weiter, als du dir vorstellen kannst. Du solltest mir also dankbar sein. Und wenn du jetzt vernünftig bist und wir zusammenhalten, wird man niemals dahinter kommen. Ich habe dafür gesorgt, dass es unmöglich ist! Darin liegt unsere Chance.“
„Das ist nicht dein Ernst! Du bist verwirrt und sagst das nur so.“
Ihre Miene verfinsterte sich. Die Ernüchterung über seinen Unverstand traf sie tief. Noch mehr aber litt sie unter seiner offenkundigen Ablehnung, die ihr bewies, dass er zu keiner Zeit wirkliche Ambitionen hatte. Alles war nur gespielt und ihre Gefühle nichts weiter als das Resultat einer bloßen Einbildung. Allein dafür verdiente er eine Strafe.
„Das ist schade, wirklich. Ich hätte mehr von dir erwartet. Aber so ist das nun mal, wenn man mit dem Feuer spielt. Irgendwann wird man sich verbrennen.“
Erneut fasste sie nach seiner Männlichkeit und setzte zum Schnitt an.
„Halt, warte!“, schrie der Mann, halb wahnsinnig vor Angst. „Ich bitte dich, hör auf! Vielleicht hast du Recht! Ich werde mit dir kooperieren! Wir werden die Sache zusammen durchstehen, zu deinen Bedingungen!“
„Tut mir leid, aber ich glaube, dafür ist es jetzt zu spät. Und jetzt schließe die Augen. Dann erträgt man es besser.“
****
Kapitel
Zwei Monate zuvor
Es war Spätsommer. Schon seit Wochen hatte es nicht geregnet, so dass die Pflanzen welkten und die Flüsse Niedrigwasser führten. Wieder einmal lag eine drückende Hitze über der Stadt und ließ die Luft in den Straßen flimmern. Die meisten Menschen waren an diesem Wochenende ins märkische Umland geflüchtet oder suchten Abkühlung in den nahen Freibädern. Nur vereinzelt waren Passanten unterwegs.
Unter ihnen fiel eine Frau im weißen Trenchcoat auf. Sie trug eine große Sonnenbrille, hatte trotz der Hitze den Kragen aufgeschlagen und verbarg ihr Haar unter einer hellblonden Perücke. Eilig huschte sie zur anderen Straßenseite hinüber. Ihre Bewegungen waren fahrig und unkoordiniert und zeugten von großer Angst. Immer wieder sah sie sich um, als suche sie nach etwas Bestimmten. Manchmal ging sie sogar einige Schritte zurück, setzte dann aber ihren Weg verstört fort. An der nächsten Kreuzung schlug sie plötzlich einen Haken und verschwand in das kleine Café an der Ecke, an dem sie schon fast vorüber war.
Allerdings handelte es sich um kein gewöhnliches Lokal, sondern um das weithin bekannte ‚Savoir-vivre‘ - eine Begegnungsstätte der hiesigen Intellektuellen mit vornehmlich frankophoner Klientel, das um diese Zeit reichlich besucht war. Hier setzte oder besser quetschte sie sich an einen der hinteren Tische, jedoch so, dass sie die Straße noch einsehen konnte. Das schien ihr wichtig, denn sie zog sogleich ihre Brille etwas herab und fixierte fortwährend die gegenüberliegende Seite. Dabei war sie so konzentriert, dass sie den inzwischen herantretenden Kellner, übrigens ein überaus gutaussehender Bursche mit kleinem Oberlippenbärtchen und dunklem Wuschelkopf, gar nicht bemerkte.
„Bonsoir, Madame, Sie wünschen?“, fragte dieser bereits zum zweiten Mal mit französischem Akzent und deutete eine höfliche Verbeugung an.
Die Frau sah erschrocken auf und schien ihn erst jetzt wahrzunehmen.
„Was darf ich Ihnen bringen?“, wiederholte er nun bereits zum dritten Mal.
„Ach ja, einen Kaffee mit Milch ohne Zucker, ein wenig geschäumt, wenn es geht, und bitte, schließen Sie die Tür gegenüber“, antwortete sie zögernd, wobei sie sein Namensschild auf der linken Brustseite betrachtete. „Ich bin empfindlich gegen Zugluft, Francois“, setzte sie noch schnell hinzu.
„Liebend gern, Madame“, erwiderte der Kellner charmant. „Nur bitte ich zu bedenken, dass es draußen drückend warm ist und andere Gäste wiederholt um diese - wie sagt man auf deutsch? - Ventilation gebeten haben.“
„Was kümmert mich Ihre Ventilation!“, empörte sie sich sofort, seinen frankophonen Slang nachäffend. „Zugluft ist schädlich für die Bronchien. Das wird Ihnen jeder Arzt bestätigen. Außerdem weht er den Straßenstaub herein. Also bitte!“
Doch Francois zögerte. Verunsichert über diese unerwartete Forschheit schlug er vor, den Platz zu wechseln. Auf der anderen Seite wäre es sicher angenehmer.
„Das hätten Sie wohl gern!“, blaffte ihn die Frau erneut an.
„Ich verstehe nicht!“
„Oh, ich glaube, Sie verstehen das sehr gut! Sie wollen mich nur aus einem ganz bestimmten Grund hier weg haben. Meinen Sie, ich merke das nicht? Aber das könnte Ihnen so passen!“
Der völlig verblüffte Kellner hielt für einen Moment die Luft an. Dann besann er sich aber und entgegnete gleichmütig: „Wenn Sie meinen! Nur fürchte ich, dann müssen Sie mit der Zugluft leben. Ich werde die Tür jedenfalls nicht schließen!“
„Wie bitte? Das ist ja wohl die Höhe! Ich möchte den Chef sprechen! Sofort!“ Ihre Empörung war so groß, dass sich gleich einige der Gäste umdrehten und zu ihr hinschauten. Man schüttelte die Köpfe und tuschelte, was die Frau nur noch mehr verärgerte. „Da haben Sie es! Das haben Sie doch beabsichtigt! Aber Ihr Plan wird nicht aufgehen! Ich habe Sie durchschaut und werde das verhindern! Was ist? Worauf warten Sie? Nun gehen Sie schon!“
Der Kellner blies die Backen auf und hatte alle Mühe, nicht laut aufzulachen. „Wie Sie wünschen.“ Daraufhin ging er mit einem schiefen Lächeln davon.
Am Tresen erwartete ihn bereits der Chef, ein kleiner seriös, wirkender, überaus schmächtiger Mittfünfziger mit silbrigem Haar und dunklem Anzug. Er hatte das Geschehen bereits beobachtet und machte sich seinen Reim darauf.
„Schon wieder?“, fragte er schmunzelnd den Zurückkehrenden.
„Oui. Heute möchte sie die Tür geschlossen haben. Angeblich zieht es.“
„Na, wenigstens nicht die Stores wie beim letzten Mal.“
„Soll ich rufen die Gendarmerie?“
„Nein, nicht wieder so ein Aufsehen. Das können wir uns nicht leisten. Ich werde noch einmal mit ihr reden. Vielleicht kann ich sie beruhigen.“
„Und wenn nicht?“
„Dann bleibt uns immer noch die Polizei. Aber ehrlich gesagt, möchte ich das nicht, denn irgendwo tut sie mir leid. Sieh‘ sie dir nur an, dieser elegante Gang, diese vornehme Zurückhaltung. Ohne diese Brille und den albernen Mantel sähe sie sicher ganz passabel aus, eine richtige ‚belle femme‘. Ich wette, sie hat studiert, vielleicht sogar promoviert. Und doch hat sie irgendein Problem. Deshalb auch diese Aufmachung.“
„Aufmachung?“ Francois sah ihn fragend an.
„Ja natürlich! Diese alberne Perücke wirkt doch lächerlich. Sie versucht, sich zu verstecken. Das merkt man doch sofort! Womöglich leidet sie unter einer Paranoia? Solche Leute versuchen sich immer zu verstecken.“
„Mon dieu!“
„Und jetzt guck‘ nicht so! Ich werde jetzt zu ihr gehen und sehen, was ich für sie tun kann.“
Mit diesen Worten begab sich der Chef zum betreffenden Tisch. Dort klopfte er mit einer Serviette einige Krümel vom Tischtuch, richtete die kleine in der Tischmitte stehende Blumenvase zurecht und legte vorschriftsmäßig die Serviette über den Arm. „Sie wünschen, verehrte Dame?“, fragte er in Erwartung ihres Anliegens und deutete eine höfliche Verbeugung an.
Die Frau wollte gleich auffahren und hatte auch schon einiges parat. Doch das verständnisvolle Lächeln ihres Gegenübers samt dem mitfühlenden Blick irritierten sie. Verdammt, da war doch was! Im Nu wurde aus Wut Verlegenheit und sie lächelte verschämt, als wüsste sie genau, dass sie sich wieder einmal verrannt hatte und in Erklärungsnot befand.
„Sie werden entschuldigen“, wich sie verstört aus. „Aber ich habe es mir anders überlegt. Ich werde doch besser das Lokal wechseln.“
„Das steht Ihnen selbstverständlich frei, Madame“, erwiderte der Chef nachsichtig. „Nur würde ich es bedauern, wenn Sie mit unserem Service nicht zufrieden sind.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Ich muss es aber annehmen, nachdem Sie mich über meinen Kellner haben rufen lassen.“
„Dann nehmen Sie falsch an! Das scheint Ihnen öfter zu passieren!“
„Sie meinen doch nicht etwa wie beim letzten Mal?“
Bei diesen Worten schreckte die Frau zusammen und zog fröstelnd den Kragen enger um den Hals. Gott, war ihr das peinlich, auf diese Weise an den jüngsten Fauxpas erinnert zu werden, als sie in der sicheren Annahme, verfolgt zu werden, Schutz in eben diesem Café suchte. Der gleiche Mann sicherte ihr damals seine Hilfe zu und hatte sogar die Polizei alarmiert. Jetzt erkannte sie ihn wieder. Am Ende war das ganze Lokal in heller Aufregung. Doch ihre Befürchtung fand keine Bestätigung. Alles blieb bei unbewiesenen Behauptungen und der ganze Eklat verpuffte. Die Polizei nahm ihre Personalien auf und verschwand wieder.
Sollte sie sich auch diesmal geirrt haben? Unmöglich! Dazu war es zu intensiv. Zwar bewegte sich alles noch im Vorfeld, blieb bei Ahnungen und Befürchtungen. Doch die vielen kleinen Nadelstiche waren nicht nur Produkt ihrer Einbildung. Kaum eine Nacht, in welcher ihre Beklemmung nicht in Todesangst umschlug. Selbst die stärksten Beruhigungsmittel halfen nicht.
„Ist Ihnen nicht gut, Madame Ritter?“, hörte sie von Ferne die Stimme des Chefs.
„Wie bitte? Oh, doch natürlich… Aber woher wissen Sie …?“
„Ihre Personalien wurden doch beim letzten Mal notiert. Erinnern Sie sich nicht? Carola Ritter, 35 Jahre, wissenschaftliche Assistentin, ledig, keine Kinder.“ Er tippte mit dem Zeigefinger an seine Stirn. „Ich habe ein gutes Gedächtnis. Dort drüben haben Sie gesessen und den Beamten den Sachverhalt geschildert und gleich daneben stand ich. Ich hatte Ihnen noch das Glas Wasser gereicht und Sie versprachen mir, künftig auf sich achtzugeben.“
Jetzt erinnerte sie sich. Ein winziges Lächeln irrte über ihr Gesicht. „Oh ja, Sie waren sehr nett zu mir. Und jetzt – jetzt bin ich schon wieder ... Das ist mir sehr peinlich.“
„Das muss es nicht. Immerhin sind wir alle nur Menschen und haben unsere Schwächen. Benötigen Sie etwas?“
„Oh, nein danke.“
„Geht es Ihnen wirklich gut?“
„Was soll das? Selbstverständlich geht es mir gut!“ Sie schlug seine Hand weg, die gerade tröstend ihre Schulter berührte.
„War es denn heute wieder wie beim letzten Mal?“
„Ja natürlich! Oder meinen Sie, ich komme umsonst herein? Es ist immer das gleiche! Das ist es ja, was ich den Beamten begreiflich machen wollte! Doch niemand glaubt mir … Warum gucken Sie so? Aber ich sehe schon! Auch Sie glauben mir nicht und spielen nur den Verständigen. In Wahrheit machen Sie sich über mich lustig!“
„Oh nein, keineswegs!“
„Geben Sie sich keine Mühe! Ich habe Sie durchschaut! Sie sind auch einer von denen! Sie machen mir nichts vor!“
„Bitte beruhigen Sie sich, Frau Ritter! Ich versichere Ihnen …“
„Versichern Sie lieber nichts, denn ich habe einen guten Anwalt! Im übrigen können Sie sich Ihr Mitgefühl sparen! Ich brauche es nicht, von niemandem, verstehen Sie?“ Dann aber, als wäre sie über die eigene Lautstärke erschrocken, mäßigte sie erneut ihren Ton und sah sich scheu um. „Eine Bitte noch. Wenn ich Ihr Café verlasse, möchte ich das unauffällig tun. Verstehen Sie? Das ist doch auch in Ihrem Interesse.“
„Ja natürlich, Madame - nur wie kann ich dazu beitragen?“
„Indem Sie ganz einfach wieder zum Tresen gehen und mit Ihrem Kellner scherzen. Tun Sie das am besten möglichst laut und ungezwungen. Das wird die Aufmerksamkeit der Gäste von mir lenken und ich werde diesen Moment nutzen.“
Der Chef hob verwundert die Brauen, fragte dann aber erstaunlich naiv, ob das auch wirklich alles sei.
Ohne darauf zu antworten, erhob sich die Frau und begab sich mit kurzen, schnellen Schritten zur Tür, allerdings so übereilt, dass es jedem auffiel. Kurz davor stolperte sie auch noch und wäre fast gefallen, hätte sie nicht im selben Moment ein gerade hereinkommender Gast aufgefangen. „Hoppla“, sagte er freundlich und stützte galant ihren Arm.
Daraufhin färbte sie sich krebsrot und entwand sich ihm bitterböse. Dann rannte sie, ohne auch nur ein Wort zu erwidern, aus dem Café, indes er ihr völlig verblüfft nachschaute. Kaum draußen, hastete sie um die nächste Ecke, sank dort rücklings gegen die Hauswand und schnappte nach Luft.
‚Verdammt, wer war dieser Kerl?‘, schoss es ihr durch den Kopf und sie sah ängstlich zurück. Wieso kam er gerade jetzt herein? Aber das war kein Zufall. Niemand kommt ausgerechnet im Augenblick ihrer größten Erregung herein. Das war sonnenklar. Es gehörte dazu. Das alles war nur ein Spiel. Man wollte sie hierher treiben, immer an den gleichen Ort, damit sie sich jedes Mal vor dem gleichen Publikum unmöglich machte. Wie abgekartet! Das musste ein Ende haben, sofort!
Kurze Zeit darauf saß sie in der Bahn und fuhr zu einer bestimmten Adresse eines bestimmten Herrn. Zwar mochte sie ihn nicht, doch konnte sie in letzter Zeit nicht auf seine Hilfe verzichten. Dabei handelte es sich um niemand anderen als den stadtbekannten Neurologen und Psychiater Prof. Dr. Wolfgang Weidenfeller, eine Kapazität auf dem Gebiet der kognitiven Verhaltenstherapie und schizophrener Paranoia. Verständlicherweise vermied sie unangemeldete Besuche, denn sie fürchtete seine mitunter doch sehr ruppige Art. Doch das heutige Erlebnis war derart beunruhigend, dass sie ihre Furcht überwand und gegen diese Regel verstieß.
Als sie sein Behandlungszimmer betrat – ein geräumiger Raum mit hellen, sterilen Wänden, einem rustikalen Schreibtisch und Freud‘scher Couch in der Ecke - huschte ihr verstörter Blick sogleich durch das Zimmer und blieb, Gott weiß warum, an dem schweren Brieföffner auf dem Schreibtisch haften. Eigenartige wulstige Rillen zierten die Seiten des barocken Gegenstandes. Warum ihr das auffiel, konnte sie nicht erklären, ebenso wenig wie das plötzliche Verlangen, ihm dieses Ding an den Kopf zu schleudern.
Der Professor war ein stattlicher, bereits bejahrter Mann mit buschigen ergrauten Augenbrauen und einem markanten, scharf geschnittenen Gesicht. Er kannte die Patientin schon länger und hatte in letzter Zeit einige durchaus bemerkenswerte Erfolge erzielt, schien aber noch nicht recht zufrieden. Im Grunde war er wortkarg und entnahm vieles den Augen und vor allem der Mimik seiner Patienten, so dass längere Diskussionen nicht nötig waren. Es hasste so etwas. Vielmehr liebte er die Schweigsamkeit, durchbrochen von gelegentlichen Monologen.
So war es auch jetzt. Statt etwas zu sagen, schnitt er ein höchst unzufriedenes Gesicht. Mehrmals setzte seine Patientin an, sich ihm zu offenbaren, brach aber immer wieder ab. Schließlich zog sie entnervt ihre Perücke vom Kopf, legte die Brille auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber auf den knarrenden Stuhl.
„Ich bin gekommen, weil…“, versuchte sie es erneut, geriet jedoch nach seinem finsteren Blick ins Stocken.
„Ja, ich weiß“, kam er ihr zuvor, erhob sich und schritt, die Hände über dem Rücken verschränkt, nachdenklich vor ihr auf und ab. Hin und wieder blieb er stehen und betrachtete sie überaus besorgt. „Es ist also wieder passiert“, folgerte er.
„Ja, leider.“
„Und wo dieses Mal?“
„In der alten Linienstraße. Dort habe ich die Nerven verloren und bin weggelaufen.“
„Aber warum? Wir hatten doch vereinbart, dass Sie nicht davonlaufen, sondern sich den Dingen stellen! Warum, um Himmels Willen, tun Sie nicht, was man Ihnen sagt?“
„Ja, ich weiß! Aber ich hatte plötzlich Angst, obgleich ich mir ständig sagte, keinen Grund dafür zu haben. Ich meine, wir sind doch alle Menschen! Geht es Ihnen nicht ebenso, Herr Professor?“
„Um mich geht es hier nicht!“, wehrte er ab. „Sie sind doch nicht etwa wieder in diesem Café gewesen?“
„Doch!“
„Hat Sie das Personal erkannt?“
„Nun ja“, wich sie verlegen aus und senkte den Blick, was ihn nur noch weiter verärgerte.
„Was heißt hier: ‚Nun ja‘? Hat man es mitbekommen oder nicht?“, forderte er eine Antwort.
„Nicht direkt.“
„Tut mir leid, Frau Ritter! Aber wenn die Therapie anschlagen soll, müssen Sie sich an die Abmachungen halten! Widerstehen Sie Ihrem Drang, Ihre Sehnsüchte zu realisieren. Das sind nur unsinnige Verlockungen und somit Prüfstein Ihrer Willensstärke. Sie können sie nur in dem Maße beherrschen, wie Sie sich selber beherrschen. Jedes Nachgeben wäre kontraproduktiv.“
„Das mag wohl sein. Aber ich fürchte bereits, dass er das längst weiß.“
„Das wer was weiß?“
„Er.“
Der Professor zog die Stirn kraus. „Reden Sie nicht solchen Unsinn! Nichts weiß er, weil er gar nichts wissen kann! Sie müssen sich zusammennehmen, Frau Ritter! Es gibt keinen Er und das ein für alle Mal!“
„Meinen Sie wirklich?“
„Ganz bestimmt! Haben Sie Ihre Medikamente genommen?“, fragte er jetzt streng.
„Ja.“
„Bitte öffnen Sie Ihre Bluse. Ich muss Sie untersuchen.“ Der Professor griff zum Stethoskop.
„Untersuchen?“
„Ja, Ihre Atmung geht wieder schwer, vermutlich wieder Ihr Stressasthma. Wir müssen aufpassen, dass es nicht chronisch wird.“
„Soll ich mich entkleiden?“
Der Psychiater schaute seine Patientin verdutzt an. „Wozu das denn?“
„Ich weiß es nicht. Aber manchmal spüre ich diesen Zwang.“
„Welchen Zwang? Werden Sie bitte deutlicher!“
„Mich vor einem Mann zu entkleiden“, fuhr sie errötend fort. „Aber er müsste dabei wehrlos sein, am besten gefesselt, damit er gezwungen ist, mich anzusehen. Diese Konzentration seiner Aufmerksamkeit muss doch zu seiner Gier führen, nicht wahr?“
„Nicht unbedingt. Ich befürchte eher das Gegenteil. Wie kommen Sie eigentlich darauf?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es nicht. Ich fühle nur so. Ist das schon krank?“
„Normal ist es jedenfalls nicht. Denken Sie dabei an jemand Bestimmten?“
„Ja, an meinen Chef.“
„Warum gerade an ihn?“
„Das weiß ich nicht. Er ist so anders, wissen Sie?“
Davon beeindruckt hörte er sie ab, leuchte ihr in den Rachen und betastete routiniert Hals und den Nacken, konnte jedoch keine Auffälligkeiten feststellen.
„Das hatten wir doch schon“, bemerkte er beiläufig. „Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass es vergeblich ist, einen Mann zu lieben, der Ihre Liebe nicht erwidert! Das führt zu Ihrer emotionalen Verwirrung, was wir uns in Ihrem Zustand nicht leisten können.“
Sie überlegte einen Moment, wobei ein leichtes Zucken ihre Lippen umspielte. „Ja, ich weiß! Aber ich kann es nicht abstellen.“
„Das sollten Sie aber. Es hat keinen Sinn, Ihr Verlangen nach ihm zu intensivieren und dabei anderen Dingen keinen mehr Raum zu lassen.“ Der Professor sah der Patientin jetzt tief in die Augen. „Sie sind doch eine attraktive junge Frau! Sie sollten einfach mal ausgehen oder ein gutes Buch lesen. Auch ein längerer Spaziergang an der frischen Luft könnte nicht schaden. Das bringt Sie auf andere Gedanken, dann werden Sie Ihre Verfolgungen bald nicht mehr spüren.“
„Aber wenn es doch so ist?“
„Es ist eben nicht so!“, herrschte er sie an, nahm sich jedoch gleich wieder zusammen. „Welchen Sinn sollte es machen, eine Frau zu verfolgen, von der man nichts will! Ein Stalker verfolgt sein Opfer stets zum Zwecke des Eigennutzes, das heißt, er will es unter seinen Willen zwingen, da er es als sein Eigentum betrachtet. Das kann aber in Ihrem Fall kaum sein!“
„Ich hatte mehrmals versucht, ihn dabei zu ertappen“, fuhr sie jedoch unbeeindruckt fort, als hätte sie gar nicht zugehört. „Es ist mir jedoch bisher noch nicht gelungen. Er ist jedes Mal schneller.“
„Sehen Sie“, der Professor klatschte begeistert in die Hände. „Das erklärt alles. Sie versteigen sich in eine Vision und kollidieren dabei mit der Realität. Sie müssen aber die Realität zulassen, sonst kommen Sie niemals aus diesem Kreislauf heraus … Sie hatten doch sicher schon mal einen Partner?“
„Eigentlich schon, aber nicht wirklich.“
Er sah sie verwundert an. „Wie darf ich das verstehen?“
„Nun ja, es ist nie dazu gekommen, wissen Sie? Der Gustl war zwar ganz patent und sogar beinahe intelligent. Wir waren auch zweimal bei ihm zuhause und er stellte mich seiner Mama vor, einer herzensguten alten Dame, die wunderbare Ringelsöckchen strickte. Er hatte sogar eine Bierdeckelsammlung und war für Halma zu begeistern. Nur war da nichts weiter außer Halma.“
„Verstehe! Und das ist jetzt bei Ihrem Chef anders, obgleich da ebenfalls nichts ist.“
„Er macht einen großen Eindruck auf mich, weshalb mich sein Bild auf Schritt und Tritt verfolgt. Steht er mir dann aber gegenüber, könnte ich ihn erschlagen, schon allein dafür, dass er mich so unverschämt angafft. Es ist mir peinlich, aber auch irgendwie schmeichelnd. Warum müssen Männer immer so gaffen?“
„Was sehen Sie in ihm?“, wich der Professor aus. „Oder was konkret fasziniert Sie an ihm?“
„Das kann ich nicht genau sagen. Es ist einfach seine Art zu reden und sich zu geben, sein Blick und sein Lächeln, eben sein Vermögen, ganz Mann zu sein. Vielleicht ist es meine Ursehnsucht nach … “
„Reden Sie weiter! Was meinen Sie?“
„Es klingt vielleicht albern, wenn ich es so sage, aber ich liebe seine Hände. Sie sind so schlank und zart und jedes Mal, wenn ich sie berühre, beim Morgengruß zum Beispiel, durchschauert mich eine heiße Welle. Manchmal fürchte ich, er könnte es merken, vor allem, wenn mir die Knie weich werden. Doch ich nehme mich immer zusammen.“
„Das ist schon bedenklich“, folgerte der Professor. „Nehmen Sie auch bitte die verschriebenen Medikamente. Ich stelle Ihnen noch ein weiteres Rezept aus und vermeiden Sie unbedingt jeden körperlichen Kontakt und sei es nur die flüchtigste Berührung.“
„Aber wie soll ich das, da ich ihm doch jeden Tag begegne! Er ist mein Vorgesetzter und mir weisungsbefugt.“
„Dann sollten Sie eine Versetzung in Erwägung ziehen. So geht das jedenfalls nicht weiter. Sie ruinieren sich ja.“
„Oh nein!“, intervenierte sie sofort. „Das ist völlig unmöglich! Ich kann dort nicht weg! Es muss eine andere Lösung geben. Verstehen Sie doch, meine Tätigkeit ist mein Leben! Ich kann nicht ein Übel gegen ein anderes tauschen. Ich muss das Problem dort besiegen, wo seine Ursache liegt. Nur so kann ich gesunden. Anderenfalls werde ich daran sterben.“
Der Professor wich erschrocken zurück. „Aber aber, was sind denn das für Reden, Frau Ritter? Sie machen es mir nicht leicht! Sie müssen sich strikt an die Medikation halten und erscheinen bitte weiterhin einmal wöchentlich bei mir zur Kontrolle! Ich weiß ja, dass der Prozess Ihrer Heilung langwierig ist. Sie dürfen nur nicht aufgeben und müssen aufpassen, nicht mit Streichhölzern zu spielen und dabei ein ganzes Haus zu entzünden, wenn Sie verstehen.“
Natürlich verstand sie das. Doch was sollte dieser anmaßende Ton? Erneut fühlte sie sich versucht, ihm den Brieföffner gegen den Kopf zu knallen. Ohne etwas zu erwidern, erhob sie sich und versprach ihm, was er forderte. Der Professor verlor noch einige tröstende Worte und begleitete sie zur Tür, wo er sie dann mit einem unguten Gefühl entließ. Kaum war sie verschwunden, ging er zum Schreibtisch zurück und machte mit sorgenvoller Miene ein paar Notizen in ihre Akte.
****
2. Kapitel
Es war nicht zu fassen. Aber am nächsten Tag wirkte diese konsternierte Frau wie verwandelt. Als diplomierte wissenschaftliche Assistentin des Amtsrates Dr. Hendrik Willberg im hiesigen Katasteramt zog sie wieder einmal alle Register. Nichts mehr erinnerte an ihre gestrige Entgleisung und sie strotzte nur so vor Energie. Hinzu kam ihre modische Eleganz.
So war ihr seitlich gescheiteltes rötliches Haar sorgfältig gestylt und vermittelte den Eindruck von Exaltiertheit und Selbstwert. Zudem sorgte ein besonderer Conditioner für den nötigen Glanz. Und während ein heller Concealer die beginnenden Schatten unter den Augen wirksam milderte, ergänzte die rahmenlose Designerbrille ihren intellektuellen Touch nahezu perfekt. Lediglich die auffallend spitzen Nägel an den von goldenen Ringen überfrachteten Fingern ließen auf eine krankhafte Manie schließen. Am raffiniertesten jedoch war ihr Kostüm aus grauem Taft, das, hauteng geschnitten, ihre Figur ganz wunderbar betonte. Darin verstand sie vorzüglich zu posieren. Jede Bewegung wirkte wie einstudiert, vor allem, wenn ihr seitlicher Rockschlitz unerlaubt viel Schenkel zeigte, welche zu allem noch in verführerischen Nahtstrümpfen steckten. Abgerundet wurde das Ganze durch einen betörenden Duft nach Amber von Prada, ihrem Lieblingsparfüm, wofür sie regelmäßig ein kleines Vermögen ausgab.
Dabei war sie mit ihrer hochgewachsenen, schlanken Gestalt durchaus nicht unansehnlich. So besaß sie ein längliches Gesicht mit einer leicht vorspringenden Nase, zwei wundervolle blaue Augen, die besonders in emotionalen Momenten äußerst rührselig dreinschauen konnten und einen bezaubernd sinnlichen Mund. Lediglich die zu flache Brust und das etwas zu kräftige Kinn milderten ihren Sexappeal.
Eigentlich hätte sie mit sich ganz zufrieden sein können und mit etwas mehr Charme wäre ihre jahrelange Einsamkeit sicher längst beendet gewesen. Und doch galt die beabsichtigte Wirkung weniger einem Mann als vielmehr einer Frau, welche – und das schien paradox – ihr weder würdig noch gewachsen schien. Unter normalen Umständen hätte sie diese zweifellos ausgestochen. Aber aufgrund der momentanen beruflichen Konstellation war das kaum möglich.
Handelte es sich doch um niemand anderen als die Vorzimmerdame ihres gemeinsamen Chefs – eine aufgedonnerte Blondine mit dem albernen Kürzel ‚Mako‘ - für Maren Kosinski. Als Abteilungsliebling nahm sie sich so manches heraus, was puren Frechheiten gleichkam. Diese beschränkten sich nicht nur auf einen schnodderigen Ton oder aufdringliche Koketterien. Es waren vor allem die ständigen Diffamierungen und verbalen Attacken, womit sie ihre Autorität als Assistentin des Doktors untergrub. Schon deshalb herrschte zwischen ihnen schon seit langem so etwas wie ein Zickenkrieg, sehr zum Amüsement der männlichen Kollegen. Aber mit Eigenschaften wie vorlaut, flippig, mannstoll und maßlos von sich eingenommen, repräsentierte diese Kosinski so ungefähr alles, was eine Frau ihrer Meinung nach nicht sein sollte. Nur sah das niemand.
Vielmehr verstand sie mit ihren Modelmaßen und dem kirschrotem Schmollmund nicht nur ihr Spatzenhirn zu verdecken, sondern auch gewisse Mannesregungen zu entfachen - vor allem die des gemeinsamen Chefs. Dabei hatte der sich anfangs noch gesträubt. Doch spätestens nach dem ersten Augenzwinkern, verbunden mit einer zweideutigen Bemerkung, begann er zu schwächeln.
Aber ehrlich gesagt, befand er sich schon seit langem in der Rolle eines willenlosen Trottels, der ihr aus der Hand fraß. Dabei war diese Mako genau genommen nichts weiter als eine gewöhnliche Tippse, welche Post machte, ihm Kaffee kochte und sich die Nägel feilte. Nicht genug, dass es ihr an fachlicher Qualifikation mangelte - sie war mit ihren gerade mal Mitte zwanzig auch bereits Mutter eines Kleinkindes, natürlich ledig, bis über die Ohren verschuldet und total abgebrüht. Der Kindesvater soll ein Trunkenbold gewesen sein, der sie verprügelte und sogar schon mal auf den Strich geschickt habe. Selbst ein Frauenhaus war ihr nicht unbekannt, wie einigen ihrer Bemerkungen zu entnehmen war. Alimente zahlte er offenbar keine, so dass die junge Mutter auf staatliche Hilfe angewiesen war. Das erzählte sie auch noch überall herum, um bedauert zu werden.
Doch erstaunlicherweise störte das niemandem, am wenigsten den Doktor, obgleich er normalerweise ein von Sachlichkeit und strengen Prinzipien geprägter Mann war. Und doch vergaß er das sehr schnell, sobald es seine Mako wieder mal darauf anlegte. Als man beispielsweise neulich im Rahmen eines wichtigen Gesprächs zusammensaß und nach einer Problemlösung suchte, starrte er ihr während des Kaffeeservierens derart in den Ausschnitt, dass es sogar der sonst so trägen Kollegin Kern aus der Nachbarabteilung auffiel. Darüber entsetzt, warf sie ihm einen empörten Blick zu, was er aber in seiner Gedankenverlorenheit nicht mal mitbekam. In der Tat fehlte nicht viel und er hätte ihr vor versammelter Runde auch noch auf den Hintern geklapst, so vernarrt schien er in sie zu sein.
Was fand er nur an dieser Schlampe? Etwa dieses billige Flitterspray im Haar oder das Piercing an der Lippe? Lächerlich! Ebenso zeigte das ihren ganzen linken Arm bedeckende Tattoo ihre Abgeschmacktheit, vornehmlich, wenn sie ihr verboten knappes Top mit den Spaghettiträgern trug. Am schlimmsten aber war ihre Frisur. Wie konnte man sich nur so entstellen! Während die ganze linke Seite weit ausrasiert war, baumelte das übrige Haupthaar in stumpfen abgebrochenen, mit irgendwelchem Gel versteiften Strähnen ständig wild durcheinander und erinnerte an einen explodierenden Wellensittich. Das war weder hipp noch trendy, sondern einfach nur peinlich.
Daraus blieb nur zu folgern, dass dieser hochgestochene Analytiker und wohlkalkulierende Übermensch gar nicht so hochgestochen war. Vielmehr entpuppte er sich als armseliges Würstchen, sobald ihm das Hirn unter die Gürtellinie glitt. Dabei hatte seine Assistentin doch wesentlich mehr zu bieten. Nur sah er das nicht. Selbst als er neulich infolge eines flüchtigen Zusammenstoßes ihre Brust berührte und damit eine heiße Welle in ihr auslöste, zeigte er sich eher erschrocken.
Die Sache war die, dass sie, vor einem Regal stehend, an ihm vorbei musste, indes er aufgrund Platzmangels noch höflich sein Jackett gegen den Bauch drückte. Im Moment ihres Passierens aber blieb ihr Hacken so unglücklich an einer Linoleumkante hängen, dass sie beinahe gefallen wäre. Glücklicherweise fing er sie auf, wobei es dann zu dieser Berührung kam und sie sich darüber ganz pikiert gab. Dabei wollte ihr scheinen, als währte seine Hilfe länger als nötig. Natürlich konnte das auch trügen, zumal er sich auch sofort entschuldigte. Und doch plagte sie seither die Ungewissheit. Die Folge waren mehrere schlaflose Nächte mit der quälenden Frage, was wohl geschehen wäre, hätte sie ihm in diesem Augenblick statt Ablehnung ein Wohlgefallen signalisiert.
Es blieb unbegreiflich, aber obwohl Carola wusste, dass ihr Schatz (wie sie ihn insgeheim längst nannte) verheiratet war und neben zwei Kindern noch diese Geliebte besaß, konnte sie ihre Gefühle für ihn nicht abstellen. Ihr Verlangen nach ihm führte zu einer geradezu schmerzhaften Sehnsucht, die nicht selten in überaus bizarren Träumen endete, deren Inhalt sie niemandem gestehen konnte.
Das war ja auch kein Wunder, denn nach ihrer letzten großen Enttäuschung vor nunmehr gut zehn Jahren mit einem völlig ungeeigneten Mann, musste ihr dieser Doktor mit seinem resoluten Auftreten und der geschliffenen Kasuistik wie ein Ideal erscheinen. Zudem entsprach er mit seinem Gardemaß von 190 cm, der schlanken Gestalt und den fein geschnittenen Zügen durchaus dem Sinnbild der Männlichkeit schlechthin, auch wenn seine Stirnecken bereits weite Schneisen aufwiesen und zahllose Fältchen sein fortgeschrittenes Alter verrieten. Aber womöglich war es gerade das, was sein Charisma ausmachte. Allein sein Lächeln vermochte in ihr ein Feuerwerk zu entfachen und jeder noch so flüchtige Körperkontakt einen Schauer.
Wie wundervoll hätte doch alles sein können ohne dieses verdammte Miststück! Es war zum Auswachsen! Wie vermochte er seinen Arbeitstag so oft zu verlängern, ohne sich die geringsten Gedanken ob der Glaubhaftigkeit der Ausflüchte gegenüber seiner Frau zu machen? Vor allem aber, wie konnte er so naiv sein, nicht zu sehen, was um ihn herum geschah? Ständig scharwenzelte dieser widerliche Lucas Hövelmann aus der Nachbarabteilung um ‚seine Mako‘ herum und selbst dessen Chef nannte sie mitunter sein ‚süßes Schneckchen‘. Verwunderte ihn nicht, wieso dieser Trottel von Systemtechniker auffallend lange unter ihrem Tisch hockte und an ihrem Tower nach einer Problemlösung suchte, während sie Solitär spielend die Beine auffallend weit auseinander stellte?
Das war doch alles offensichtlich! Nein, er konnte diese Tusse nicht lieben, das war unmöglich und allein nur ihren körperlichen Reizen zu verfallen, erschien kaum wahrscheinlich. Es musste etwas anderes geben, was ihn an seinem ‚Hasenfratz‘, wie er sie albernerweise nannte, faszinierte. Und während er nicht müde wurde, ihr neue Kosenamen zu geben, blieb sie für ihn Kollegin Ritter, die unscheinbare Assistentin, mit der man hin und wieder ein nüchtern-sachliches Gespräch führt. Das war schon sehr ernüchternd. Kein Wunder, dass ihr Hass auf ihre Rivalin wuchs und sich bald in allerlei absurden Phantasien entlud.
Wie wäre es mit einem kleinen Unfall? In der Tat hatte Carola schon darüber nachgedacht und einen Stoß in den Rücken kurz vor der einfahrenden U-Bahn in Erwägung gezogen. So aus dem Gedränge heraus könnte es unbemerkt bleiben. Ebenso wäre die Verabreichung eines gewissen Medikamentes denkbar, das über einen längeren Zeitraum schlimme Folgen bewirkt. Darin kannte sie sich aus, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Medikamentensucht. Doch immer wieder zögerte sie, zumal es auch hoffnungsvolle Zeichen gab.
Denn während er sich in Makos Beisein niemals verstimmt zeigte, änderte sich das bei ihrer Abwesenheit. Dann wurde er manchmal ganz melancholisch und redete sogar mit einem gewissen Respekt von seiner Frau, als bedauere er, ihr so etwas anzutun. Schon deshalb fühlte sich Carola versucht, ihm endlich die Augen zu öffnen, mit welchem Früchtchen er sich umgab.
Und eine solche Gelegenheit ergab sich tatsächlich bald. Wie es der Zufall wollte, gab es an diesem Tag ein wichtiges Projekt zu besprechen. Bereits zwei geschlagene Stunden saßen sie beide am Versammlungstisch und grübelten über Lösungswege. Es war aber auch wie verhext. Alles, was der Doktor vorschlug, wurde von ihr offenbar schon aus Prinzip abgeschmettert, ohne dass sie selbst eine gangbare Lösung aufzeigte. Das begann ihn zunehmend zu reizen, zumal das dafür vorgesehene Zeitbudget längst überschritten war.
Da platzte ihm der Kragen. „Tut mir leid, aber ich verstehe Sie nicht, Frau Ritter! Diese Antwort war wieder einmal typisch! Warum sagen Sie ja, wenn Ihre Antwort doch nein bedeutet?“
Die Angesprochene sah ihn erschrocken an und meinte für einen Moment, irgendeine Finte zu wittern. Dann aber erwiderte sie gelassen, wenn man Diskussionen von vornherein auf ihr Ergebnis beschränke, kämen sie wohl kaum zustande.
„Das ist nicht die Frage! Nur muss man das Ergebnis auch zulassen! Aber diesen Eindruck habe ich bei Ihnen leider nicht!“, intervenierte ihr Chef, der nicht mochte, wenn man ihm in Grundsatzdingen widersprach.
„Ich kann Ihnen nur versichern, dass ich meine Überlegungen nach rein sachlichen Aspekten abwäge. Im Übrigen, wo wir gerade dabei sind – ich finde dieses alberne ‚Sie‘ und ‚Frau Ritter‘, nach all der Zeit, die wir uns kennen, unangebracht.“
Er sah sie verdutzt an. „Wie kommen Sie denn darauf?“
„Ich stelle das nur mal fest, nachdem mir in letzter Zeit so einiges durch den Kopf gegangen ist.“
„Durch den Kopf gegangen? Was meinen Sie?“
„Darf ich offen reden, Herr Doktor?“
„Aber natürlich! Ich bitte darum!“ Seine Empörung wich zunehmend echter Verwunderung.
„Ich finde, Sie schenken Frau Kosinski zu viel Aufmerksamkeit und das ist nicht gut für Sie und vor allem das Arbeitsklima.“
„So so, finden Sie das?“ Sein Ton wurde sofort wieder zynisch. „Und deshalb bieten Sie mir das Du an? Wie soll ich das verstehen?“
„So, wie ich es sage! Sehen Sie mich doch endlich als gute Freundin an und nicht als ewige Assistentin. Es kränkt mich.“
„Ja aber, und überhaupt“. Er kam ins Stammeln und wusste für einen Moment nichts zu erwidern. Dann aber schaute er beinahe erheitert drein. „Nun ja, Carola wäre schon einfacher“, kicherte er, wobei man ihm sein Unbehagen ansah. „Aber das ist völlig unmöglich! Man könnte ja sonst etwas denken! Deshalb sollten wir es beim Sie belassen.“
„Interessant, wie Sie das sagen und dabei nicht einmal erröten. Mit ihr da draußen haben Sie offenbar nicht so ein Problem.“ Sie wies mit dem Kinn in Richtung Vorzimmer.
Der Doktor fühlte sich unangenehm berührt. Was erlaubte sie sich eigentlich? Und doch wagte er keinen Einwand. Vielmehr überging er diesen Lapsus mit der Bemerkung, dass dies jetzt nicht das Thema sei. Vielmehr erwarte er bei Sachgesprächen etwas mehr Selbstdisziplin und Zielorientierung.
„Oh ja, vor allem Zielorientierung“, stichelte Carola weiter und deutete mit einem vielsagenden Kopfnicken zu jener Ecke hin, wo sie ihn neulich mit seiner Mako erwischt hatte. An diesem Tag war sie unangekündigt ins Zimmer geplatzt und hatte diese kleine Schlampe vor ihm stehend vorgefunden. Diese rückte gerade ihren Rock zurecht, während er sich, auf dem Stuhl sitzend, die Hose zuknöpfte. Gott, war ihm das peinlich, hingegen dieses Luder nur schamlos grinste. Auch wenn die Hereintretende so tat, als hätte sie nichts bemerkt, tat es dennoch weh.
„Ich glaube, es ist besser, wenn wir das Gespräch ein anderes Mal fortsetzen“, blockte der Doktor peinlich berührt ab, setzte sich an seinen Schreibtisch und widmete sich wieder seinen Akten.
„Ja, natürlich! Es ist ja angenehmer, solche Peinlichkeiten zu vermeiden, nicht wahr? Doch sie werden dadurch nicht besser, im Gegenteil!“
„Ich muss doch sehr bitten, Frau Ritter! Das sind Dinge, die Sie nun wirklich nichts angehen!“
‚Schwein‘ dachte Carola und hätte ihm am liebsten eine geknallt. Was lag ihr jetzt nicht alles auf der Zunge. Und hätte er noch ein Wort gesagt, sie hätte sich vergessen. Er schien das auch zu ahnen, denn er vertiefte sich auffallend schnell in seine Unterlagen. Was blieb ihr, als verbittert den Raum zu verlassen und die Tür hinter sich zuzuknallen? Im Vorzimmer wäre sie beinahe noch mit seiner Gespielin kollidiert, die unmittelbar hinter der Tür in einer Akte wühlte. Natürlich hatte sie gelauscht und freute sich nun diebisch über diese Abfuhr. Carola würdigte sie keines Blickes.
Kaum wieder in ihrem Zimmer, musste sie durchatmen. Dieser Mann war nichts weiter als eine Null, dessen blendende Fassade einen faulen Kern umhüllte! Dabei war er früher ganz anders gewesen. Sie war überzeugt, dass ihn erst Makos Einfluss ruiniert und zur Lachnummer hatte verkommen lassen. Begriff er denn nicht, was sie aus ihm machte? War er wirklich so schwach, sich dagegen zu wehren?
Sie stürzte auf die Toilette und musste sich übergeben. Dort saß sie eine ganze Weile zusammengekauert und heulte Rotz und Wasser. Kaum aber war diese Schwäche vorüber, beschloss sie, ihren schon lange gefassten Plan endlich in die Tat umzusetzen. Dabei rang sie noch sehr mit sich und war so verwirrt, dass sie die beabsichtigte Botschaft in Textform verfassen musste, um sie im Bedarfsfall auch flüssig abzurufen. Immer wieder formulierte sie diese Zeilen, korrigierte, verwarf und schrieb am Ende neu, denn es hing viel davon ab. In jedem Fall aber musste es glaubhaft klingen.
Aber da war noch das quälende Gefühl der Denunziation. Nicht abzusehen die Folgen, wenn er dahinter käme. Dennoch ließen ihr Zorn und Hass keine Wahl. Zuvor aber musste sie sich unbedingt vergewissern, ob es heute auch tatsächlich dazu käme. Dafür genügte es jedoch nicht, nur nachzuschauen, ob sein Wagen noch vor der Tür stand. Nein, sie musste es mit eigenen Augen sehen.
Also blieb Carola an diesem Tag ebenfalls länger. Nachdem bald alle Mitarbeiter das Gebäude verlassen hatten und sein Wagen noch immer auf dem Parkplatz stand, schlich sie durch den Flur zu seiner Bürotür hin, wo sie sogleich lauschte. Doch zu ihrem Kummer war alles still. Nun hätte man meinen können, sie habe seinen Fortgang vielleicht verpasst, wären nicht eindeutig am Dienstterminal die noch offenen Auscheckzeiten von ihm und natürlich der Kosinski zu erkennen. Die Sache war also klar.
Nur, wo steckten sie? Von der anderen Flurseite her, von wo aus ein Blick zu den beiden Fenstern des Chefbüros möglich war, konnte man keinerlei Licht erkennen. Nicht mal der Bildschirmschoner flimmerte. Folglich weilte er nicht im Zimmer und konnte überall sein. Aber ohne eindeutigen Beweis war ihr Vorhaben unmöglich.
Inmitten ihres ganzen Durcheinanders überkam sie plötzlich ein seltsames Gefühl, eigentlich mehr ein Ziehen in der Magengegend als Vorbote sich steigernder Übelkeit. Warum es gerade beim Gedanken an den Duschraum entstand, blieb ihr rätselhaft. Von einer sonderbaren Vorahnung getrieben, schlich sie jetzt in Richtung der Umkleideräume. Oh wie klopfte ihr Herz bei der Annäherung an den Waschraum! Sollte er wirklich so viel Instinktlosigkeit besitzen? Und tatsächlich! Kaum durch die Tür getreten, prallte sie förmlich zurück. Das durfte doch nicht wahr sein! Unter der Dusche also! Das wurde ja immer schöner! Zwar waren ihre nackten Körper von einem heißen Dampfschleier umhüllt, so dass nur Schemen zu erkennen waren - doch war es eindeutig. Wie Amor hielt er seine Venus von hinten umschlungen und koitierte mit ihr im Stehen.
Während diese Schlampe, leicht nach vorn geneigt, ihm lüstern ihren Steiß entgegenreckte und sich dabei mit den Händen an den Fliesen abstützte, stand ihr Liebhaber wie betäubt hinter ihr. Alles um sich her vergessend, befanden sich beide in einer derartigen Ekstase, dass sie ihre Zuschauerin selbst im Falle eines Lärms kaum bemerkt hätten. Damit nicht genug. Mako feuerte ihren Lover auch noch an, nannte ihn Schlappschwanz und Versager, während er – offenbar völlig durchgeknallt – sich alle Mühe gab, ihr das Gegenteil zu beweisen. Immer wieder stemmte er sich in sie und schob sie gegen die Wand, so dass sich ihre Wange an den Fliesen plattdrückte und sie vor Wollust kreischte. Ab und zu entfuhr auch ihm ein schwerer Seufzer und sein Gesicht wirkte eigenartig verkrampft, während sie sich vor Wonne in die Hand biss. Kurzum, einfach abscheulich und ekelhaft!
Carola hätte nicht sagen können, wie lange sie da stand und dieses widerliche Schauspiel betrachtete. Alles in ihr schien leer und abgestumpft. Das war einfach nicht zu ertragen! Sie rannte in ihr Zimmer zurück und schrie sich die Seele aus dem Leib. Verdammt, es muss etwas geschehen! Hatte dieser Mann denn kein Gewissen?
Also fasste sie sich ein Herz, legte das Taschentuch um den Hörer und rief in ihrer Verzweiflung seine Ehefrau an, eine Frau Maria Willberg-Wittge, welche ihr bisher nur einmal begegnet war. Dabei hatte diese Dame auf sie aber keinen besonders guten Eindruck gemacht, blieb wortkarg und reserviert und betrachtete ihr Gegenüber herablassend. Nein, das war keine Frau, die man lieben konnte. Ihre Verbindung schien nur einer Zweckgemeinschaft zu entspringen, entstanden aus widrigen Umständen - das sah sie klar.
Jetzt aber war Carola viel zu erregt, um sich noch länger darüber nachzudenken. Nur fand sie in ihrem Eifer den vorgefertigten Zettel nicht, kam aber zu keiner weiteren Überlegung, da sie in ihrer Rage bereits gewählt hatte und nun ein trockenes: ‚Ja, hallo“ am anderen Ende vernahm.
Nach einigem Zögern verkündete sie mit sonorer Stimme: „Es tut mir leid, aber ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann gerade seine Sekretärin unter der Dusche bespielt. Dieses miese Schwein! Er fickt sie! Dafür sollten Sie ihm die Kehle durchschneiden und das möglichst langsam!“
Kaum ausgesprochen, legte sie auch schon auf. Schwer atmend rang sie nach Luft, stemmte sich auf den Tisch und sank in den hinter ihr stehenden Sessel. Ihr Stressasthma forderte seinen Tribut. Dann packte sie zusammen und stürzte aus dem Zimmer.
Sie wollte gerade die Treppe hinunterlaufen, als ihr von der anderen Seite plötzlich der kauzige Peter Wachtel aus der anderen Abteilung entgegen kam. Vor lauter Schreck wurde sie ganz blass. Er war ein unscheinbares Männlein von Mitte Fünfzig mit einem silbernen Haarkranz und dem verkniffenen Gesicht eines überkorrekten Beamten. Dieser besaß die Eigenschaft, immer in unpassenden Momenten aufzutauchen und dann allerlei dumme Fragen zu stellen. Schon seit längerem hatte sie das Gefühl, er habe ein Auge auf sie geworfen, war sich aber nicht sicher, da seine Bewunderung auch stets etwas Spott beinhaltete. Das machte ihn besonders widerwärtig, weshalb sie ihn lieber von hinten als von vorne sah.
Der staunte auch nicht schlecht, sie um diese Zeit noch hier anzutreffen und hätte gern mehr dazu erfahren. Normalerweise wäre sie auch darauf eingegangen, schon um seinen Argwohn nicht noch zu nähren. Da aber im Moment nichts normal war und jederzeit die Gefahr einer anderweitigen unangenehmen Begegnung bestand, blieb sie nur kurz angebunden. Das verwirrte ihn und er erkundigte sich nach dem Verbleib des Doktors. Sie antwortete darauf jedoch nur ausweichend. Damit gab er sich natürlich nicht zufrieden und setzte nun erst recht nach. „Aber warum so eilig, Frau Ritter? Wir haben doch den gleichen Weg.“ Sein Grinsen war unverschämt. Fehlte noch, dass er nach ihrem Arm fasste.
„Was Sie nicht sagen!“
„Ich denke schon. Oder meinen Sie, ich nehme die Feuerleiter?“, scherzte er und fand das wer weiß wie originell.
Was blieb ihr, als mit ihm gemeinsam die Treppe hinunterzugehen, wobei er fortlaufend irgendetwas von seinen jüngsten Erlebnissen palaverte und dabei immer wieder Bogen zu Dr. Willberg schlug, in der Hoffnung, ihr etwas zu entlocken. Doch sie ließ sich nicht beirren und wich ihm durch Lachen und Schweigen aus, selbst als er mit einer schmutzigen Vermutung herauskam, die ihm schon lange auf der Zunge lag. Aber damit war sie nicht zu fangen, schon gar nicht von ihm. Schließlich hatten sie die Ausgangstür erreicht.
„Ah, er ist also noch im Haus. Dort steht sein Auto“, stellte er grinsend fest, was nichts anderes hieß als - habe ich es doch gewusst. „Aber sagten Sie nicht, er sei schon weg?“
„Nein!“, erwiderte Carola gereizt. „Wie kommen Sie darauf? Vielleicht ist er tatsächlich noch da, vielleicht aber auch zu Fuß nach Hause gegangen! Wer kann das wissen?“
„Aber warum gleich so erregt, Frau Ritter? Ich habe doch nur höflich gefragt!“, setzte er in gekünstelter Empörung nach.
„Ich bin nicht erregt!“
„Wirklich?“
„Einen schönen Tag noch!“, erwiderte sie, ohne weiter darauf einzugehen.
Sie wandte sich gerade von ihm ab, als er ihr nachrief: „Sie haben hier etwas verloren!“ Und schon hob er ein Blatt vom Boden auf, das ihr offenbar gerade aus der Tasche geglitten war. Welcher Stich jetzt in ihrem Herzen, denn das war genau jener handgeschriebene Zettel, den sie vermisst hatte. Glücklicherweise hatte er nicht weiter draufgeschaut.
„Oh ja, danke, vielen Dank“, entgegnete sie, verstaute ihn hastig und eilte zu ihrem Auto, einem kleinen grünen Chevi, den sie stets um die Ecke parkte.
Als sie losfuhr und noch einmal am Haupttor vorbeikam, bemerkte sie im Rückspiegel, dass er noch immer vor der Tür stand und ihr auffallend lange nachschaute. Nun stand zu befürchten, dass der Doktor neben ein paar Ohrfeigen von seiner Frau noch von ihrer späten Anwesenheit erfuhr. Damit wäre für ihn alles klar.
*****
3. Kapitel
„Verschwinde!“, rief Carola und warf ihren Pantoffel nach dem Schatten, der soeben über die Gardine huschte.
Obwohl früh zu Bett gegangen, fand sie keinen Schlaf. Immer wieder dachte sie nach und konnte nicht verstehen, warum alles so gekommen war. Zunächst der harmlose Tag, dann dieser schockierende Abschluss mit ihrem Anruf und nun dieser Schatten. Was hatte das zu bedeuten? Glaubte sie ihn nur zu sehen, wie Prof. Weidenfeller immer behauptete und damit ihre kognitiven Fähigkeiten bezweifelte, oder handelte es sich tatsächlich um eine reale Erscheinung? Natürlich war er real! Nur so war sein Ausbleiben nach dem Pantoffelwurf zu erklären.
Und doch war sie sich nicht sicher, wie sie überhaupt in letzter Zeit an vielem zweifelte. Daran war nur Hendrik schuld. Er stellte ihr nach, aber stets so, dass sie es nicht beweisen konnte. Das war Absicht wie alles, was ihr in letzter Zeit komisch vorkam. So treibt man jemanden in die Irre, um ihn loszuwerden. Das ist ein alter Trick. Doch sie würde ihn stellen und überführen und damit all das Lügengerüst zum Einsturz bringen. Es war nur eine Frage der Zeit.
Sogleich nahm sie zwei Diazepam, obwohl nur eine verordnet war. Aber sie spürte eine große Verunsicherung und befürchtete eine Verschlimmerung der Symptome. Professor Weidenfeller mochte sie nicht aufsuchen, da sie ihm misstraute. Wie sollte sie ihm den peinlichen Anruf bei Hendriks Frau erklären? Völlig unmöglich. Das war ohnehin nur eine dumme, unüberlegte Reaktion, die alles nur noch verschlimmerte.
Natürlich würde Hendrik sie sofort zur Rede stellen und wie dumm stünde sie dann da. Was bliebe, als ihr Bedauern zu äußern und auf ihre überreizten Nerven zu verweisen. Er wiederum könnte das zum Vorwand nehmen und mit Bedauern jede weitere Zusammenarbeit aufkündigen. Sie mochte gar nicht daran denken. Eher würde sie alles beenden.
Nur deshalb steckte dieser an ihn adressierte Brief in ihrer Tasche. Sie hatte ihn vor längerer Zeit in einer trüben Stunde verfasst, als sie sich die Adern öffnen wollte. Darum auch jene hochwirksame Dosis in ihrem Schrank, welche, aus sicheren Mitteln zusammengestellt, garantiert schmerzfrei wirkte. Diesen Brief würde man bei ihr finden und den honorigen Dr. Hendrik Willberg in arge Schwierigkeiten bringen. Dann er würde so manches erklären müssen, womit er garantiert nicht mehr rechnete. Aber das sollte sie dann nicht mehr kümmern. Er hätte es nicht anders verdient.
Noch aber war es nicht so weit, wollte sie eine Antwort auf die alles entscheidende Frage: Empfand er etwas für sie oder existierte alles nur in ihrer Einbildung?
Sechs Uhr erhob sie sich, duschte eiskalt, um die bleierne Müdigkeit der abendlichen Tabletten zu verscheuchen und machte sich auf dem Weg zum Büro. Punkt sieben traf sie ein, setzte sich wie immer an den Monitor und legte sich bereits die Worte zurecht, womit ihr Fehltritt zu entschuldigen wäre. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. All die Erklärungen und Ausflüchte erschienen ihr plötzlich dümmlich und unsinnig, so dass eine Blamage zu befürchten war. Sie konnte nicht mehr verstehen, wieso alles so gekommen war. Wie konnte sich dieser Mensch nur in ihr Herz graben, obwohl er ihr gegenüber niemals ein wirkliches Interesse bezeigte. Er benutzte sie doch nur, um sich zu profilieren und hatte ihre Gefühle gar nicht verdient! Eigentlich sollte sie ihn verabscheuen, diesen Langweiler, der mit Sicherheit Sockenhalter trug und beim Ausziehen das Licht löschte. Womöglich trug er ein Mieder und hatte schon die Dritten auf dem Nachttisch. Nein, es musste beendet werden! Sonst kam sie nie zur Ruhe!
Nach und nach registrierte sie an den Eincheckzeiten das Eintreffen der Kollegen. Durch eine illegale Software hatte sie schon seit längerem Zugriff auf ihr Dienstzeitsystem und führte seither eine akribische Statistik1. Jetzt kam die Kosinski, gefolgt von einer Frau Riemann - übrigens eine unmögliche Tratschtante aus dem Revisionsbereich, mit der sie schon mal wegen einer Meinungsverschiedenheit im Clinch lag. Kurz darauf erschien auch Hendrik beinahe zeitgleich mit diesem widerlichen Peter Wachtel. Zweifellos hatte er ihn an der Tür abgepasst und es war klar, worüber sie jetzt redeten. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis die Tür aufflog und ihr Chef sie mit nachdrücklicher Geste zu sich bäte. Das tat er immer, wenn etwas keinen Aufschub duldete, vor allem aber mit solchem Nachdruck, dass es auch andere mitbekamen.
Doch zu ihrer Verwunderung passierte nichts, keine auffliegende Tür, weder Anruf noch Mail. Selbst nach einer Stunde blieb noch immer alles ruhig. Das war schon sehr beängstigend. Aber womöglich erwartete er eine Entschuldigung in aller Form, das heißt, sie müsste nun vor ihn hintreten und alles gestehen. Natürlich würde ihm dabei seine Gespielin den Kaffee servieren und er wiederum hätte keine Eile, sie fortzuschicken, schon um die Unerträglichkeit dieses Augenblicks zu steigern. Genau darauf zielte es ab. Eine solche Geschmacklosigkeit war typisch für beide.
Bei dieser Vorstellung zog sich ihr der Magen zusammen und sie rannte aus dem Zimmer über den Flur zur Toilette. Zum Glück war sie von niemandem bemerkt worden. Doch der Krampf in ihrer Kehle wurde unerträglich. Ihre Selbstdisziplin begann zu bröckeln. Das Haar klebte an ihrer Stirn, ihre Wangen glühten. Eine dunkle Furcht stieg in ihr auf und sie musste sich übergeben. Nachdem sie allmählich den Kopf wieder hob und in den Spiegel starrte, war da ein kreidebleiches Gesicht zu sehen. Die Frisur war zerzaust und das Make-Up verschmiert. So konnte sie ihm unmöglich unter die Augen treten. In aller Eile richtete sie sich so gut es ging wieder her und trat einigermaßen gefasst wieder auf den Flur.
Dort lief ihr prompt Maren Kosinski über den Weg. Dieses Miststück hatte offenbar nur darauf gelauert und die unter dem Arm klemmende Postmappe war nur ein Alibi. Natürlich gingen sie grußlos aneinander vorüber und doch hatte Carola das unbestimmte Gefühl, sie würde von ihren Blicken noch verfolgt.
Im Zimmer zurück, starrte sie sofort auf den Monitor, doch noch immer keine Nachricht. Was hatte das zu bedeuten? Wenn dieser Doktor eins plus eins zusammenzählen konnte, musste ihm alles klar sein. Wenn nicht, plante er etwas. Noch eine weitere Stunde verging, ohne dass etwas geschah. Ständig wechselte ihr Blick zwischen Uhr und Tür. Da hielt sie es nicht länger aus und raffte eilig ein paar zum Signieren vorbereitete Dokumente zusammen. Noch einmal richtete sie Kleidung und Haar und begab sich auf kürzestem Wege ins Chefbüro. Natürlich war dieser Vorwand in höchstem Maße fadenscheinig. Doch das war ihr egal. Jetzt musste eine Entscheidung her.
„Ah, Frau Ritter“, grüßte Hendrik mit einem schwachen Lächeln, als sie sein Zimmer betrat. „Ich hatte gerade an Sie gedacht, als ich die Kalkulationen zur Karstadt-Akte noch einmal durchging.“
Es folgten seiner Art gemäß einige belanglose Kommentare, die in ihrer Erregung aber völlig untergingen. Von seiner Freundlichkeit irritiert, wusste sie damit nichts anzufangen. Entweder war es eine Finte oder er besaß ein verdammt dickes Fell. Darüber völlig perplex trat sie von einem Bein auf das andere und hielt noch immer die Dokumente in der Hand, die sie ihm doch eigentlich vorlegen wollte. Zu allem Unglück fielen diese jetzt auch noch herunter, wobei sich eine Heftklammer löste und mehrere Blätter in weitem Bogen auseinanderglitten.
„Oh Verzeihung, ich bin untröstlich“, stammelte Carola und kauerte sofort nieder, um die Blätter aufzusammeln. Da aber einige ziemlich weit unter seinen Schreibtisch gefallen waren, musste sie sich doch sehr strecken. Selbstverständlich kam ihr Dr. Willberg sogleich zu Hilfe, indem er sich nicht scheute, ebenfalls von der Seite aus unter den Tisch zu kriechen. Richtig komisch war das und wären sie jetzt entdeckt worden, hätte man sicher sonst etwas vermuten können. Aber diese plötzliche Nähe führte zu einer unerwarteten Beklommenheit, wie damals bei ihrem Zusammenstoß.
Jetzt aber geschah etwas Eigenartiges. Gerade als er ihr das letzte Blatt in die Hand drücken wollte, erschrak Hendrik über ihren ungewöhnlich starren Blick. Etwas Aufdringliches, Anzügliches lag darin, was ihn irritierte und ängstigte. So hatte er seine Assistentin noch nie erlebt und wollte es auch nie wieder, denn es war ihm unheimlich. Schon deshalb wagte er nicht, sich zu regen, um die Situation nicht noch zu eskalieren. So hockten beide einige Sekunden einander gegenüber, unbeweglich, ohne die Augen voneinander abzuwenden und doch zugleich unfähig, diese Situation zu beenden.
Keiner von ihnen hätte in diesem Moment einen Grund dafür benennen können und doch schienen sie zu spüren, dass etwas Seltsames zwischen ihnen geschah. Während Hendrik, eher peinlich berührt, sich genötigt fühlte, diesen Zustand so schnell wie möglich zu beenden, schien Carola davon fasziniert. Sie kam davon einfach nicht los, so dass sie, von dieser unerwarteten Nähe übermannt, plötzlich von einer heißen Welle durchschauert wurde, die schlagartig all ihre Hemmungen vertrieb. Ihr Atem geriet ins Stocken, ihre Lippen zuckten und es übermannte sie das unbezwingbare Verlangen, ihn jetzt zu berühren, zu streicheln, ja gar zu küssen. Nur der Umstand, dass beide ein Tischbein trennte und er intuitiv zurückwich, verhinderte das.
Carola aber setzte sofort nach und das so weit, bis er schließlich rücklings gegen den Stuhl stieß und nicht mehr weiter konnte. Damit nicht genug. Plötzlich näherte sich ihm ihr leicht geöffneter Mund. Die Zungenspitze glitt über ihre Lippen. Oh Gott, was tat sie da? Schon spürte er ihren Atem, ihre Wärme und ein Schrecken malte sich in sein Gesicht. Nur noch eine Winzigkeit und ihre Lippen würden sich berühren. Ihr oberer Blusenknopf war nicht zufällig aufgesprungen und der zurückgeglittene Rock gab den Blick auf ihren weißen Schenkel frei. Ihr Atem roch nach Minze und ein leichtes Lächeln ließ ihre perlengleich aufgereihten weißen Zähne schimmern. Zu allem begann ihn jetzt noch eine Wolke von Moschus zu umnebeln, jener Hauch des willfährigen Weibes, das auf die Befriedigung heißer Begierden hofft. Nun zog dieses Luder noch das rechte Knie an und machte Anstalten, es zwischen seine Beine zu setzen, zweifellos, um sich auf diese Weise obszön zu positionieren.
Dem Bedrängten verschlug es die Sprache und er wagte nicht, sich zu rühren. Was erwartete diese Frau von ihm? Etwa das, was er vermuten musste? Falls ja, war sie nicht mehr bei Verstand und brauchte dringend Hilfe. Allein die Vorstellung, sie könnte sich jetzt in hemmungsloser Lust auf ihn stürzen, verschreckte ihn. Freilich hatte er schon einige Male das Gefühl einer gewissen Annäherung verspürt, hielt es aber immer für eine Irritation. Jetzt bekam er es mit der Angst.
Dann ertönte jedoch plötzlich ein Poltern von nebenan und alles löste sich blitzschnell auf. Als sei Carola zur Besinnung gekommen, zog sie sich zurück. Hastig nahm sie ihr Knie fort, erhob sich, richtete Sachen und Frisur und gab sich ganz bieder. Der Doktor, der ebenfalls sogleich aufgestanden war, nahm wieder hinter seinem Schreibtisch Platz und tat, als wäre nichts geschehen. Nun erst legte sie ihm die Unterlagen vor.
„Es tut mir leid“, seufzte sie. „Aber ich habe mich wohl etwas gehen lassen.“
„Aber was reden Sie, Frau Ritter“, erwiderte er, ohne sie anzusehen. „Wir haben uns wohl beide etwas vergessen.“
„Oh nein! Sie müssen sich nicht entschuldigen, es ging von mir aus, obgleich ich wünschte, es wäre umgekehrt gewesen.“
Der Doktor überging diese Bemerkung mit dem Verweis auf die zu erledigenden Aufgaben. Doch Carola ließ nicht locker. „Wenn wir gerade dabei sind - ich hatte schon immer das Bedürfnis, mit Ihnen darüber zu reden, nur fehlte mir stets der Mut.“
„Verzeihung, aber worüber wollten Sie mit mir reden?“, fragte er, als hätte er nicht zugehört.
„Sehen Sie, genau das ist das Problem“, murmelte sie ungewöhnlich hastig und blickte errötend zur Seite. „Wenn Sie mich so konkret fragen, kann ich es gar nicht sagen, obwohl ich glaube, Sie wissen genau, was ich meine.“
Der verblüffte Doktor wusste darauf nichts zu erwidern. Aber da er ihre Allüren kannte, fand er nichts dabei. Dann jedoch erinnerte er sich seiner Pflichten und erkundigte sich nach ihrem Wohlbefinden.
„Was hat mein Befinden damit zu tun?“, brauste die Angesprochene sogleich auf. „Meine Probleme sind davon völlig unabhängig!“
„Das haben Sie missverstanden“, versuchte er sogleich zu beschwichtigen. „Meine Besorgnis gilt nur ihrer Veränderung. Ehrlich gesagt, habe ich oftmals keine Erklärung für Ihre Reaktionen. Sie tun, als wäre etwas zwischen uns und ich weiß beim besten Willen nicht, wie Sie darauf kommen!"
„Das ist auch kein Wunder, angesichts Ihres widersprüchlichen Verhaltens mir gegenüber!“
„Wie bitte?“ Der Doktor sah sie mit höchstem Erstaunen an. Da sie darauf jedoch nicht antwortete, schlug er vor, das Gespräch zu beenden. Doch Carola wollte ihm unbedingt noch einiges sagen, bevor sie wieder der Mut verließ. Sie hatte auch schon etwas auf der Zunge, schluckte es dann jedoch herunter. Wie verfluchte sie jetzt ihre Schwäche, die ihm kaum verborgen blieb.
Schon wollte sie gehen, besann sich aber noch einmal und warf ihm ganz unverblümt Feigheit vor der Wahrheit vor. Dabei war das gar nicht ihre Absicht gewesen. Vielmehr lag ihr die ganze Zeit eine Anspielung auf ihr Telefonat auf den Lippen. Aber seine Art brachte sie wieder einmal völlig durcheinander.
„Frau Ritter, ich bitte Sie! Was soll das jetzt?“, fragte er sichtlich genervt. „Ich glaube nicht, dass wir es nötig haben, uns grundlos in irgendwelchen Vorwürfen zu ergehen!“
„Grundlos?“ Carola unterdrückte ein Lachen. „Dann will ich Ihnen mal was sagen! Ich bin die einzige, die Rücksicht auf Sie nimmt, während andere hinter Ihrem Rücken intrigieren! ... Sie brauchen mich gar nicht so entsetzt anzustarren – ich weiß Bescheid! Glauben Sie, es ist angenehm, so etwas ständig zu ertragen? Dabei versuche ich stets, mein Bestes zu geben! Niemals habe ich mich über etwas beklagt, aber was die menschliche Seite betrifft, verstehen Sie - die Seele!“ Sie kramte jetzt ein Taschentuch hervor und drückte es in die Augen.
„Ich bitte Sie, so beruhigen Sie sich doch! Ich weiß gar nicht, was Sie haben!“ Erst jetzt bemerkte der Doktor ihren Zustand und war entsetzt.
Carola sah ihn verwundert an. „Wenn Sie das wirklich nicht wissen, tun Sie mir leid, Herr Dr. Willberg! Dabei hatte ich immer gedacht ... dass Sie, nun ja, dass Sie …!“ Hier brach sie ab und kam erneut ins Heulen.
„Was meinen Sie?“, fragte er jetzt beinahe unbeherrscht, denn er verspürte nur wenig Lust, dieses Katz- und Mausspiel noch zu verlängern.
Plötzlich wurde ihr Blick ganz weich und sie umfasste seine Hände gleichsam einem Versuch, etwas wieder gut zu machen. „Verstehen Sie denn nicht? Ich will Ihnen nichts Böses! Ich bin ihre Partnerin! Doch Sie bemerken es nicht. Dabei versuche ich es Ihnen jeden Tag zu beweisen! Meinen Sie nicht, dass es an der Zeit wäre für ein anderes Verhältnis, vielleicht so wie früher? Stattdessen behandeln Sie mich wie ein Neutrum und haben nur Augen für diese … diese Person dort draußen!“
Der Doktor wirkte wie erstarrt. Er wagte nicht zu glauben, was er da hörte und noch weniger, was ihm ihre Körperhaltung und Mimik signalisierte. So hatte er sie noch nie erlebt. Schon erwog er, jemanden zu seiner Sicherheit hereinzubitten, denn er fürchtete ihre Unbeherrschtheit. Was war nur in sie gefahren, sich derart zu vergessen?
„Wissen Sie, ich habe Sie schon oft beobachtet und bemerkt, dass ihr Gesicht genau das ausdrückt, was ich empfinde“, fuhr Carola fort. „Das kann kein Zufall sein! Daher weiß ich, dass Ihre Unmoral nur Folge ihrer Ausweglosigkeit ist, vielleicht gar Verzweiflung. Also dachte ich mir, ich meine, was wäre so schlimm, wenn wir“ … Sie geriet ins Stocken und suchte nach passenden Worten. „Ich will damit nur sagen, dass ich, verglichen mit Frau Kosinski, die deutlich bessere Alternative wäre.“
„Wie bitte? Wie darf ich das verstehen?“, war das Einzige, was der Doktor jetzt noch herausbrachte.
„Ich möchte gern, dass Sie mich nicht nur als Ihre Assistentin betrachten“, sagte sie jetzt überaus deutlich.
„Soll das etwa bedeuten…?“ Er brachte den Gedanken nicht zu Ende.
„Ja und? Wäre das so schlimm?“
„Sie sind ja total verrückt geworden, völlig übergeschnappt!“, fuhr er sie jetzt an. „Wie können Sie es wagen!“
„Übergeschnappt? Und wie nennt man das, wenn man seine Sekretärin unter der Dusche bespielt? Ist das nicht übergeschnappt?“, konterte sie überaus bissig und brachte ihn damit in Verlegenheit.
„Tut mir leid, meine Teuerste, aber ich bin nicht gewillt, mich auf dieser Ebene mit Ihnen zu unterhalten! Es ist besser, wenn wir diese Peinlichkeit so schnell wie möglich vergessen!“
Carola hatte sich inzwischen wieder gefangen und bereute ihren Anfall. Das war dumm und völlig überzogen. So ein Ignorant verdiente ihre Fürsorge nicht. Schnell fand sie ihre Fassung wieder und wischte sich trotzig die Tränen fort. Dann ging sie schweigend zur Tür hin, wandte sich aber noch einmal um. „Ist das Ihr letztes Wort?“
„Bitte sehr“, er wies noch einmal zur Tür, ohne sie anzusehen.
Sie verließ daraufhin das Zimmer. Kaum aber fort, drückte der Doktor sogleich den Knopf und bestellte Mako herein. Als seine Geliebte eintrat, fand sie ihren Chef völlig aufgelöst vor.
„Diese Frau ist verrückt geworden, völlig verrückt!“, begann er sich sogleich zu echauffieren und raufte sich das Haar. „Aber was das Schlimmste ist - sie weiß es, weiß alles! Wie konnte das nur geschehen?“
„Das ist unmöglich!“
„Wenn ich es doch sage!“
„Na und – was kümmert es uns?“, erwiderte Mako gelassen. „Sie ist doch nur neidisch!“
Damit brachte sie Hendrik zur Weißglut. „Versteh‘ doch! Sie hat uns beobachtet und danach meine Frau angerufen! Zum Glück ging meine Schwester ran, die gerade zu Besuch bei uns weilt, so dass die beabsichtige Wirkung verpuffte! Das hat sie wohl etwas aus der Fassung gebracht! Sie erwartete offenbar, dass ich ihr eine Szene mache und konnte nicht begreifen, dass ich es nicht tat. Stattdessen hat sie versucht, mich mit so etwas wie einem unmoralischen Angebot zu erpressen. Kannst du dir das vorstellen?“
„Wer? Diese einfältige Ziege? Ich werd‘ nicht mehr!“ Mako begann zu kichern „Jetzt ist sie wohl völlig ausgeflippt. Du solltest dafür sorgen, dass sie so schnell wie möglich von hier wegkommt, bevor sie dich am Ende noch vernascht, hahaha.“
„Tut mir leid, aber ich finde das nicht witzig. Wenn sie so viel über uns weiß, ist das gefährlich!“
„Ach du Ärmster, soll ich mal mit ihr reden?“
„Das wirst du gefälligst bleiben lassen! Ich will keine Eskalation! Wer weiß, wozu sie noch fähig ist!“
„Aber wenn es doch Spaß macht!“
„Lass sie in Ruhe, hörst du? Ich weiß nicht, aber ich habe plötzlich ein ungutes Gefühl! Ich fürchte, sie ist ernsthaft krank und könnte zur Unbesonnenheit neigen! Das ist das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können!“
„Ach was, sie ist nichts weiter als ein vernarrtes kleines Dummchen! So etwas soll es ja hin und wieder geben. Wir werden künftig vorsichtiger sein müssen.“ Mit diesen Worten hängte sie sich an seinen Hals und suchte seine Zärtlichkeit. Doch Hendrik wehrte ab.
„Nicht jetzt! Ich muss überlegen.“
„Was gibt es da zu überlegen? Wir müssen diese Klette so schnell wie möglich loswerden.“
„Wenn das so einfach wäre, hätte ich es längst getan. Aber eine menschliche Disharmonie wird man als Grund nicht akzeptieren, zumal an ihrer Arbeit nichts auszusetzen ist. Aber das allein ist es nicht. Du hättest ihre Augen sehen sollen! Das hat mich doch sehr beunruhigt! Sie wirkte so wild entschlossen wie jemand, der nichts zu verlieren hat.“
„Und was willst du jetzt tun?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich noch mal mit ihr reden. So jedenfalls kann es nicht bleiben. Und du wirst dich ihr gegenüber künftig etwas zurücknehmen, hörst du? … Und jetzt komm her und bring mich auf andere Gedanken.“
*****
4. Kapitel
Im Übrigen war Mako durchaus nicht so unbedarft, wie es schien. Selbst wenn sie nicht unbedingt an Carolas intellektuelle Fähigkeiten heranreichte, verfügte sie doch über eine gewisse Lebenserfahrung kombiniert mit einer gesunden Portion Bauernschläue. Allein ihr Hüftschwung wirkte auf die Herrenwelt geradezu elektrisierend. So quollen manchem im Amt schon mal die Augen heraus, wenn sie sich bückte oder lasziv die Beine übereinander schlug. In einem Fall küsste ein älterer Kollege vor Entzücken sogar die Finger. Den Vogel allerdings schoss der dicke Behrend aus der ersten Etage ab. Das war ein Disponent der mittleren Ebene, der sich ihretwegen das Haar tönte und in enge Jeans presste, nur weil sie Zimmernachbarn waren. Die Sache war deshalb so pikant, weil er sich dadurch einige unangenehme Quetschungen zuzog, welche später behandelt werden mussten. Die nachfolgende Diskussion, ob nun ein Dienst- oder Arbeitsunfall vorlag, befeuerte ihren Ruf als Vamp nur noch mehr. Eine solche Eroberung musste einen Mann wie Dr. Willberg natürlich aufwerten und nichts schien ihm zu aufwendig, dieses Prestige auch zu erhalten.
Dies wiederum kam Makos Ambitionen sehr entgegen. Sie hatte längst mehr im Sinn als nur ein billiges Amüsement auf Kosten eines in die Jahre gekommenen alternden Gockels. Als alleinstehende Mutter mit magerem Gehalt musste man sehen, wo man bleibt. War es da nicht verständlich, dass man sich statt eines finanziell ewig klammen Partners wie den Vater ihres Kindes einen reifen und vor allem solventen Liebhaber suchte, jemand mit Rang und Namen? Was kümmerten da Altersunterschied und Ehestand, wenn das Konto stimmte? Natürlich hielt sie das nicht davon ab, sich einen weiteren Lover zu leisten - einen in Reserve sozusagen. Dieser versüßte ihr hin und wieder den Feierabend, wenn der andere aus familiären Gründen unpässlich war.
Entsprechend ihrer Neigung zu Extremen konnte es sich dabei nur um ein ganz anderes Exemplar handeln. Und tatsächlich fiel ihre Wahl auf einen scheinbar noch in der Adoleszenz befindlichen Kollegen namens Lucas Hövelmann. Dabei handelte es sich um einen 25jährigen Bubi mit weichen Zügen, dunklen Knopfaugen, frecher Stupsnase, vor allem aber einem unglaublichen Knackarsch. Das fiel ihr sofort auf. Ansonsten war er groß, erstaunlich gut gebaut, kraftvoll und selbstsicher. Doch obwohl er etwas vorlaut, bisweilen auch recht einfältig wirkte und mit einer recht überschäumenden Emotionalität nervte, fand sie ihn irgendwie süß und sagte ihm das auch.
Er war natürlich sofort angesprungen und kehrte ganz den Macho raus. Sie aber starrte nur auf seinen prachtvollen Hintern, der sie irgendwie an John Travolta erinnerte. Als er das merkte, fragte er sie sofort, ob sie ihn mal sehen wolle und meinte das im ernst. Nur mit Mühe konnte sie ihn davon abhalten, wobei er sich noch dagegen sträubte, als müsste er es ihr nun erst recht beweisen.
Oh Gott, wie hatten beide gelacht – ein Lachen bis zu Tränen. Das war der Anfang. Fortan bedrängte er sie beinahe täglich, so dass sie schließlich nachgab und gelegentliche Besuche gestattete, natürlich mit allem Drum und Dran. Vor allem sein ‚Dran‘ imponierte ihr, womit er Hendrik im wahrsten Sinn des Wortes um Längen schlug. Es machte ihr jedes Mal unheimlich Spaß, ihn ordentlich zu packen und zu sehen, wie er unter ihrer Geschicklichkeit zerfloss. Dabei lagen Lust und Leid nah beieinander, zumal sie als Meisterin der Verführung um die rechte Dosierung wusste. Kein Wunder, dass er ihr schnell verfiel und ebenso wie Hendrik aus der Hand fraß.
Der Umstand, nur Zweiter zu sein, störte ihn dabei nicht unbedingt, auch wenn er schon mal wegen eines verschobenen Dates murrte. Ob er es einsah, war ihr dabei zweitrangig, wie sie überhaupt seine Befindlichkeit nicht sonderlich scherte. Ihr genügte seine Akzeptanz ihrer zuweilen doch recht sprunghaften Neigungen mit der Lust auf ‚Frischfleisch‘. Sein Verständnis für diese Promiskuität verstand sie wiederum mit jedem Kuss von Neuem einzufordern und scheute sich auch nicht, so offen auszusprechen.
Freilich hätte Lucas das gern anders gehabt, so richtig traditionell mit stetem Zusammensein und notarieller Beglaubigung. Sie aber nannte ihn nur einen Schafskopf und solche Anwandlungen ‘dummes Zeug‘. Auch wenn sie nicht deutlicher wurde, wusste er genau, was davon zu halten war. Weder verfügte er über den nötigen Stand noch besaß er die dafür nötigen Mittel, um sie ganz für sich zu gewinnen, und das quälte ihn. Sie ahnte zwar davon, hatte jedoch kein Problem damit. Zu keiner Zeit wollte sie ihm etwas vormachen. Dafür fühlte sie sich zu anständig. Wenn ihm das nicht passte, konnte er ja gehen.
Als er sie am folgenden Abend nach vollzogenem Schäferstündchen zärtlich liebkoste und dabei noch mal alles aufbot, verwunderte ihn ihre Schweigsamkeit. Normalerweise flötete sie ihm danach noch viele liebe Worte ins Ohr, kraulte zärtlich seinen Nacken oder verwöhnte ihn auf andere neckische Weise. Dieses Mal aber schob sie ihn einfach fort, stand auf und trat vor den Spiegel. Während er ihr, das Kinn in die Hand gestützt, mit den Blicken folgte, bürstete sie sich das Haar, zerrte daran, legte hin und wieder den Kopf schief und glich mit ihren schmollenden Lippen einem bockigen Teenager.
„Warum glotzt du so?“, fragte sie, während sie sich ihr T-Shirt über die üppigen Brüste zog.
„Du hast Cellulite?“, begann er zu spötteln und glitt mit dem Finger über ihren Schenkel.
„Na und? Stört es dich?“
„Weißt du eigentlich, warum Männer keine haben?“
„Nein, warum?“
„Weil es Scheiße aussieht, ähä!“ Er kringelte sich vor Lachen, kam damit aber nicht an und das ärgerte ihn. „Wieso muss danach immer alles so schnell gehen? Warum diese Eile? Oder kommt noch jemand? Das will ich doch nicht hoffen!“
„Ach, du Dummchen! Und was erzähle ich morgen meinem Chef, wenn ich derart übernächtigt aussehe? Er ist sehr feinfühlig und wird es merken. Schon deshalb wirst du jetzt brav nach Hause gehen und süß von mir träumen.“
„Ich verstehe das nicht! Was findest du nur an diesem Stiesel?“, maulte er daraufhin. „Ich finde ihn unmöglich, ein richtiger Affe ist das! Außerdem ist er viel zu alt für dich, könnte glatt dein Vater sein. Kann der überhaupt noch?“
„Jetzt fang nicht schon wieder an! Ich habe dir von Anfang an gesagt, wie die Regeln sind! Also beklage dich nicht!“
„Ja schon, aber die Vorstellung, dass er dich fickt, ekelt mich. Ich kann es einfach nicht abstellen. Sag mir nur eines - empfindest du eigentlich etwas bei dem, ich meine, so wie bei mir?“
„Hast du keine anderen Sorgen?“, fragte sie und wurde dabei vor Zorn ganz blass.
„Es interessiert mich eben! Also sag schon!“
„So lange du auf deine Kosten kommst, sollte dir das doch egal sein, oder?“, antwortete Mako, ohne den Blick vom Spiegel zu nehmen. „Oder hast du etwa einen Grund, dich zu beklagen?“
„Ist das wirklich alles, was du willst?“, wich er ihr sogleich aus. „Ich meine - gibt es nicht mehr, als jemandem schöne Augen zu machen, den du nicht liebst?“
„Du bist unmöglich! Natürlich gibt es mehr, viel mehr sogar und das wissen wir beide genau. Nur kann man davon nicht leben.“
„Aber was ist das für ein Leben, wenn man nur so lebt?“, widersprach er zu ihrem Erstaunen beinahe philosophisch, was zu einem Trottel wie ihm gar nicht passte.
„Man kann nicht alles haben! So ist das nun mal! Irgendeinen Kompromiss muss man immer eingehen und ich habe mich so entschieden“, seufzte sie mit einem trotzigen Zug um den Mund.
Das verletzte Lucas. Doch er fand nicht die passenden Worte, all das auszusprechen, was ihn jetzt bewegte. Er war noch nie ein guter Redner gewesen und handelte meist emotional, weshalb ihn diese nüchterne Rationalität verschreckte. Alles in ihm sträubte sich dagegen, besonders nach den vorangegangen Liebesschwüren. Dabei hatte er sie wirklich lieb. Jedenfalls bildete er sich das ein und hoffte noch immer, sie eines Tages davon zu überzeugen. Sagte er sich doch logisch und folgerichtig, wenn er sie nur ordentlich mit seiner Liebe erstickte, würde das ihr die Lust auf Abwechslung schon nehmen. Das wiederum führte dazu, dass er sich ständig vor ihr klein machte, worüber er sich hinterher furchtbar ärgerte. Besonders auf dem Heimweg fühlte er sich oftmals gereizt und hätte am liebsten jemandem die Fresse poliert, wie er sich gelegentlich ausdrückte.
„Und wenn er dich nur benutzt? Ich meine, wenn deine Rechnung am Ende nicht aufgeht“, begann er erneut zu sticheln, selbst auf die Gefahr, sie damit vollends zu verärgern. „Ich kenne diese Typen. Sie halten sich für etwas Besseres und sind im Grunde nur Egoisten. Ich sage dir, der lässt dich schneller fallen, als du dir vorstellen kannst.“
„Jetzt hör aber auf!“, fuhr sie ihn an. „Selbst wenn, ist das nicht dein Problem! Es ist meine Entscheidung! Und nun verschwinde, bevor es noch später wird, und pass auf, dass dich niemand sieht ... Ach ja, und vergiss nicht, sie morgen Abend wieder aufzusuchen. Bring sie dazu, wieder in dieses Café zu gehen, hörst du? Vielleicht ruft man wieder die Polizei! Dann erklärt man sie hoffentlich bald für verrückt und wir haben endlich Ruhe!“
„Du meinst, du hättest Ruhe“, ergänzte Lucas bissig.
Mako sah ihn verwundert an. „Was soll das jetzt?“
„Ich finde es nicht richtig“, erwiderte er trotzig und kehrte ihr den Rücken.
„Darf ich dich daran erinnern, dass wir eine Abmachung haben?“
„Ja, schon. Aber ich fürchte, wir gehen langsam zu weit. Die Sache könnte außer Kontrolle geraten.“
„Unsinn! Wir stehen kurz davor! Sie wird doch immer nervöser! Irgendwann wird sie aufgeben und dann ist es geschafft!“
„Woher hast du das eigentlich gewusst, ich meine, dass mit ihr etwas nicht stimmt?“
„Du meinst ihre Nervenschwäche? Sie hatte auf dem Flur mal ihre Post verloren und da war diese Visitenkarte herausgerutscht, ausgestellt von irgendeinem Psychiater. Gut ein Dutzend Termine waren darauf eingetragen. Ich habe es genau gesehen, auch wenn sie alles schnell wieder aufsammelte. Aber ich hatte so etwas schon geahnt. Keine normale Frau geht ihren Chef derart an. Dabei will er gar nichts von ihr, nicht die Bohne, und hat ihr das auch gesagt. Sie aber will das nicht begreifen und redet sich irgendetwas ein. Manchmal habe ich das Gefühl, er fürchtet sich vor ihr.“
„Der und fürchten? Dass ich nicht lache!“, wehrte Lucas verbittert ab.
„Wenn es aber so ist? Schon lange ist er mit ihr überfordert. Und da er sich an niemand wenden kann, bleibe nur ich. Ich gebe ihm Halt und er vertraut mir. So einfach ist das! Schon deshalb müssen wir es noch verstärken!“
„Ach, ich weiß nicht!“, maulte Lucas.
Mako gefiel das nicht. Seine Nachdenklichkeit irritierte sie. „Aber mein Lieber, ist es wirklich so schlimm?“, lenkte sie plötzlich ein und trat auf ihn zu. Dabei legte sie ihm zärtlich die Hand unter das Kinn und sah ihm in die Augen.
„Was ist, wenn etwas passiert?“, erwiderte er. „Sie war letztens beinahe vor ein Auto gelaufen, als sie plötzlich unkontrolliert die Straßenseite wechselte! Außerdem fürchte ich, dass man in diesem Scheißlokal schon was mitbekommen hat.“
„Das sind ja völlig neue Töne! So kenne ich dich gar nicht!“
„Ich mich auch nicht“, seufzte er weiter. „Aber manchmal kommen mir solche Gedanken. Ich fürchte, wir kommen da nicht mehr raus.“
„Du siehst das zu schwarz“, versuchte ihn Mako zu beruhigen. „Diese Frau ist nur ängstlich und ich weiß auch, warum. Wie ich hörte, lebt sie allein und hatte auch noch nie was mit einem Mann. Kannst du dir das vorstellen? Da muss man ja irrsinnig werden. Du bewirkst also nichts in ihr, was nicht schon da ist.“
„Ich fühle mich trotzdem nicht wohl dabei.“
„Wenn es so ist, sollten wir natürlich aufhören“, erklärte sie verständnisvoll. „Ich möchte nicht, dass du meinetwegen leidest.“
„Wer sagt denn so etwas? Ich habe nur kein gutes Gefühl!“, stellte Lucas klar.
Sie umschlang jetzt seinen Kopf und drückte ihn an sich. „Ach, du Dummchen, wann wirst du endlich erwachsen?“
Daraufhin umfasste auch er ihren Leib und schmiegte seine Wange an sie. „Ich liebe dich!“
„Du sollst so etwas nicht sagen.“
„Wenn es aber so ist!“
Noch einmal küsste sie seine Stirn und ermahnte ihn wie immer, beim Verlassen des Hauses kein Licht zu machen - die Leute müssten ja nichts merken. Das bedeutete nichts anderes als ein uncharmantes: Nun scher dich endlich raus! Bevor sie nun noch deutlicher wurde, begann er, sich zögerlich anzukleiden, auch wenn er eine erneute Annäherung nicht unterlassen konnte. Doch Mako stieß ihn weg. Für heute war es genug und erfahrungsgemäß auch nicht ratsam, noch einmal nachzusetzen. Was blieb ihm, als widerwillig zu verschwinden?
Auf der Straße umfing ihn neben der Dunkelheit das gewohnte Gefühl von Kälte und Einsamkeit wie immer, wenn er sie verließ. Der Himmel war klar und das fahle Mondlicht tauchte alles in eine gleichmäßig verschwommene Blässe. Ohne sich noch einmal umzusehen, ging er schnurstracks zur anderen Straßenseite hinüber und wählte den kürzesten Weg gleich quer durch den Park. Die Wegbeleuchtung war nur spärlich, so dass er wiederholt in Pfützen trat. Das steigerte seine ohnehin gereizte Stimmung, so dass er jetzt dankbar war, niemandem zu begegnen. Konnte es etwas Bedrückenderes geben, als nachts allein mit einem schlechten Gewissen durch einen dunklen Park in schmutzige Pfützen zu tappen und niemand da war, dem er die Fresse polieren konnte?
„Warum tue ich mir das an?“, fragte er sich betroffen. „Bin ich denn ein Trottel, mit dem machen kann, was man will? Ich sollte sie vor die Wahl stellen oder ihr den Hals umdrehen! So aber mache ich mich jedes Mal erneut lächerlich! Das muss aufhören!“
Er war so in Fahrt, dass er gar nicht die Person bemerkte, welche die ganze Zeit vor ihm herlief. Erschrocken blieb er stehen. Komisch war das. Wo hatte er nur seine Gedanken? Noch seltsamer aber erschien ihm, dass diese jetzt ebenfalls ihren Schritt verlangsamte, als wollte sie darauf reagieren.
Womöglich hätte er kaum einen weiteren Gedanken daran verschwendet, als er plötzlich bei genauerem Hinsehen einen weißem Trenchcoat und helles Haar zu erkennen glaubte. Zwar war er sich aufgrund von Distanz und Dunkelheit nicht sicher, dennoch ließen die Umrisse auf eine Frau schließen. Das erschien ihm doch sehr merkwürdig. Natürlich gab es Dutzende blonder Frauen im weißen Trenchcoat, so dass jede weitergehende Vermutung lächerlich erschien. Außerdem konnte das gar nicht sein. Wieso sollte sie ihn jetzt um diese Zeit ausgerechnet hier erwarten? Völlig ausgeschlossen! Und doch passten Statur, Größe und sogar der Gang. Das war schon sehr seltsam.
Zweifellos war er von ihr längst bemerkt worden und womöglich wurde sein Verhalten missdeutet. Doch dafür gab es keinen Grund. Weder verbarg er sich noch machte er irgendwelche Anstalten, sie zu verfolgen. Es hatte sich nur so ergeben, weil man den gleichen Weg benutzte. Lucas kam jedoch zu keinen weiteren Überlegungen, denn plötzlich wandte sich diese Person um und zeigte mit dem Finger auf ihn, als habe sie ihn erkannt.
Wie angewurzelt blieb er stehen und konnte nicht glauben, was er da sah. Aber das war eindeutig. Was erlaubte sie sich? Das war ja unerhört! Da geht man nichtsahnend seines Weges und wird derart belästigt. Da platzte ihm der Kragen und er wollte sie zur Rede stellen. Sie aber lief plötzlich davon. Sofort stürzte er ihr nach. Nun entstand eine wilde Jagd. Immerhin war er jung und drahtig und es wäre doch gelacht, wenn er sie nicht gleich zu fassen bekäme. Während ihn noch ein Abstand von gut zwanzig Schritt von ihr trennte, nahm er gleich den Weg durch die Böschung, um diesen zu verkürzen. Doch da das Gelände etwas abschüssig war, rutschte er aus und fiel unglücklicherweise in den Dreck.
Hinzu kam, dass diese Person nun auch noch den Park verließ und in ein Wohngebiet rannte. Das steigerte seine Wut, zumal er wirklich keine bösen Absichten hegte und das unbedingt klarstellen wollte. „Na warte, du kannst etwas erleben!“, brüllte er und jagte ihr erneut nach. Und tatsächlich war er fast wieder heran, als die Frau dann doch hinter einer Hausecke verschwand.
Keuchend stand er da und starrte in die Dunkelheit. Nach seinen Überlegungen konnte sie nur in einem der hier angrenzenden Hausflure verschwunden sein. Doch aus irgendeinem Grund wagte er ihr nicht zu folgen. Die Stille und Einsamkeit verunsicherten ihn. Vielleicht war es nur eine Falle und sollte ihn irgendwohin locken? Das war natürlich Unsinn. Aber was denkt man nicht alles in solchen Momenten!
Er sollte besser aufgeben und darüber lachen. Wenn sie es tatsächlich war, würde eine Begegnung nicht sehr freundlich ausfallen. Aber warum eigentlich? Es war doch nichts passiert! Und selbst wenn - was war schon dabei, wenn sich um diese Zeit ihre Wege kreuzten? Er wollte gerade zurückgehen, als er in unmittelbarer Nähe einen Schatten quer über dem Fußweg bemerkte. Offenbar lauerte dort jemand hinter der Ecke, ohne zu bedenken, dass ihn der eigene Schatten verriet.
‚Na warte nur‘, dachte er bei sich und schlich lautlos heran. Schon juckte es ihn, sogleich herumzufahren und den Lauernden am Kragen zu packen. Er setzte auch schon dazu an, als ihn Gott weiß woher plötzlich ein dumpfer Schlag auf den Kopf traf. Halb benommen fuhr er um und konnte noch einen hellen Mantel erkennen, bevor ihn ein weiterer Schlag völlig betäubte.
Mit letzter Kraft versuchte er, sich zur Seite zu schleppen, als ihn ein dritter Schlag zu Boden streckte. Nun folgte eine Art Dämmerzustand ohne tiefere Gedanken. Er fühlte sich umnebelt und war sich nicht sicher, ob er eine Stimme vernahm, die zwar eindringlich auf ihn einsprach, aber dennoch nicht zu verstehen war. Er wollte antworten, brachte aber nichts heraus, obgleich er das Gefühl hatte, aufgefordert und gerüttelt zu werden. Aber seine Zunge war wie Blei und seine Wahrnehmung derart getrübt, dass er außer ein paar undeutlichen Umrissen nichts erkannte.
In jedem Fall aber musste er längere Zeit auf dem Fußweg gelegen haben, denn als ihn ein Passant, der mit einem Hündchen unterwegs war, mit dem Fuß in die Seite stieß, wurde es bereits hell und er war ganz durchnässt. Er fror unsäglich und konnte nicht verstehen, warum er hier auf dem Boden lag.
„Ist Ihnen nicht gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte der Mann und neigte sich besorgt zu ihm herab.
„Wie? Was?“, stammelte Lucas, der alle Mühe hatte, seine Gedanken zu ordnen. „Nein danke, nicht nötig.“ Er versuchte, sich aufzurichten, rutschte jedoch wieder zusammen.
„Wohl etwas zu viel gebechert, wie?“, mutmaßte der Mann mit einem hässlichen Grinsen.
Ohne zu antworten, stemmte sich Lucas erneut hoch und kam allmählich wieder auf die Beine. Schließlich stand er diesem Mann schwankend gegenüber, der noch immer auf eine Erklärung hoffte. Doch er konnte und wollte ihm keine geben. Wozu auch, das ging ihn nichts an.
„Wie spät ist es?“, fragte Lucas stattdessen und schaute auf die Uhr. „Oh, ich sehe schon, ich muss mich wohl etwas vertan haben“, kam er einer Antwort zuvor und ließ den verdutzten Mann stehen.
Auf dem kürzesten Weg taumelte er nach Hause. Bald musste er zum Dienst und wollte keinesfalls fehlen. Aber auch wenn er sich an einen Niederschlag zu erinnern meinte, ergab eine Nachschau im Spiegel keinerlei Verletzungen, weder Schwellung noch Blessur. Das einzige, was ihm noch schemenhaft vor Augen schwebte, war diese blonde Frau im hellen Mantel. Das war schon sehr merkwürdig.
Wenn es aber so war, was sich ihm jetzt aufdrängte, dann wusste sie Bescheid und die bisherige Taktik würde nicht mehr greifen. Bei diesem Gedanken wurde ihm ganz schlecht. Nicht auszudenken, wenn sie damit an die Öffentlichkeit ging und ihn als krankhaften Stalker oder dümmlichen Spanner anprangerte - und das nur, weil Mako diese Person als ihre Rivalin ausschalten wollte.
Doch im selben Moment lachte er schon wieder, denn selbst wenn, wie wollte sie das beweisen? Sie konnte froh sein, wenn er sie nicht anzeigte, aber vielleicht sollte er das sogar. Immerhin hatte sie ihn hinterrücks niedergeschlagen! Sie hätte ihm den Schädel zertrümmern können! Doch wieder kollabierten seine Überlegungen. Es gab keine Zeugen und Verletzungen waren auch nicht vorhanden. Somit wäre auch das kaum zu beweisen. Das brachte ihn so durcheinander, dass er schlussendlich gar nicht mehr sicher war, ob er nicht nur geträumt hatte. So etwas soll ja vorkommen, wenn man sich zu intensiv in etwas vertieft.
*****
5. Kapitel
Carola fühlte sich an jenem Morgen unglaublich befreit. In der Nacht wurde sie von einem schlimmen Alptraum gequält, worin Hendrik seinen ‘Hasenfratz‘ in flagranti mit einem anderen ertappte. Es folgte eine schlimme Szene, in deren Verlauf er den Mann verprügelte. Immer wieder schrie dieser um Hilfe, doch es war ihr unmöglich, einzugreifen. Wie gelähmt stand sie da und musste tatenlos zusehen, wie Hendrik ihm die Knochen brach, einen nach dem anderen. Der Traum war so intensiv, zugleich aber auch erschreckend real gewesen, dass sie am ganzen Leib zitterte. Um so erleichterter war sie, nur geträumt zu haben. Allerdings beunruhigte sie etwas anderes. Offenbar musste sie wieder das Haus verlassen haben, denn ihr Mantel und die Perücke befanden sich heute morgen an anderen Stellen. Ebenso war die Kleidung beschmutzt. Wo sie konkret gewesen war, hätte sie nicht sagen können, denn im Gegensatz zu sonst vermochte sie sich diesmal nicht zu erinnern. Das wiederum deutete auf eine Verschlechterung ihres Zustandes hin und das, obwohl sie der Medikation des Professors streng folgte.
Sicher war das der Grund ihres Durcheinanders, weshalb sie an diesem Morgen völlig untypische Dinge tat. So ging sie seit langem wieder zu Fuß zur Arbeit und grüßte sogar den muffligen Pförtner in der Eingangsetage - ein unausstehlicher Kerl, der sie immer schamlos anglotzte. Außerdem hatte sie heute wieder ihr Rouge aufgelegt, wovon sie sich ein frischeres Aussehen versprach, obgleich sie Rouge eigentlich verabscheute. Als Hendrik sie kurz darauf sogar noch um einen Kaffee bat, bemerkte er es jedoch nicht einmal. Tief in sich gekehrt machte er einen besorgten Eindruck und nahm sie kaum wahr. Der Grund war schnell ausgemacht. Sein Hasenfratz war noch nicht da und hatte sich auch noch nicht gemeldet.
Immerzu schaute er auf die Uhr und wirkte überaus gereizt. Carola konnte seine Unruhe nicht verstehen. Es war nicht einmal acht und sicher gab es für ihr Fernbleiben banale Gründe. Sie sagte ihm das auch, doch er hörte gar nicht zu. Vielmehr verlor er sich in unverständlichen Monologen, in denen er wiederholt Wörter wie ‚dumm‘ und ‚sinnlos‘ gebrauchte. Schließlich bat er sie, ihn alleine zu lassen.
Das war sehr verletzend, zumal sie es nur gut mit ihm meinte. Sie begab sich in ihr Zimmer, warf die Tür zu und rief ein paar derbe Flüche aus. Augenblicklich färbte sich ihr Gesicht kreidebleich. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Hielt er diese Schlampe wirklich für so unwiderstehlich? Warum begriff er nicht, dass sie ihn nur benutzte? Carola geriet darüber so in Rage, dass sie den Briefbeschwerer ergriff und schon gegen die Wand schleudern wollte. Aber warum eigentlich? Mochte er sich nur lächerlich machen - es geschah ihm recht. Sie würde einen Teufel tun, ihn daran zu hindern. Im Grunde kam ihr das sogar recht gut zupass. Irgendwann würde er erwachen – spätestens, wenn alles über ihn lachte und dann bräuchte er Trost. Sie aber würde sich ihm verweigern und auf ihm herumtrampeln. Ja, was würde sie!
Es mochte etwa eine Stunde vergangen sein, als das Telefon erneut klingelte und der Doktor sie zu sich bat. „Da stimmt etwas nicht“, folgerte er völlig aufgelöst am Fenster stehend und schaute besorgt auf den Parkplatz, noch immer in der Hoffnung, jeden Moment ihr Auto zu erspähen.
„Was soll bitte nicht stimmen?“, fragte Carola, der dieser Umstand inzwischen schon wieder entfallen war.
„Frau Kosinski! Sie ist noch immer nicht da!“, erinnerte er und machte eine fahrige Geste.
„Aber ich bitte Sie! Es ist gerade mal neun! Sie wird bestimmt gleich kommen oder sich zumindest melden.“
„Aber warum reagiert sie auf keinen Anruf?“, brauchte er ungehalten auf, nahm sich aber gleich wieder zusammen. „So etwas ist für sie völlig untypisch! Ich komme darüber nicht zur Ruhe.“
„Ach so“, bemerkte Carola unterkühlt. Fiel ihr doch ihre kürzlich zurückliegende Erkrankung ein. Erst nach zwei Tagen hatte er sie realisiert und nicht mal Genesung gewünscht. So viel zu ihrer eigenen Wertigkeit. Natürlich übersah er ihre Enttäuschung. Dazu war er viel zu beschäftigt. Stattdessen ging er fortwährend alle nur denkbaren Varianten durch, die das Ausbleiben seiner Geliebten erklären könnten. Und was fiel ihm nicht alles ein, Krankheit, Autopanne, Kind krank - nur eines nicht, dass sie schlichtweg die Nase voll haben könnte und eine Auszeit nahm.
„Vielleicht wäre es angeraten, Herrn Hövelmann zu befragen“, schlug sie plötzlich vor und rührte damit an eine schlimme Wunde. Munkelte man doch schon seit langem von einer Beziehung zwischen beiden, was auch dem Doktor nicht entgangen sein dürfte. Im Gegensatz zur Mehrheit hielt er das aber für eine billige Intrige all der Neider, die bei Mako nicht landen konnten. Und doch befiel ihn beim Nennen dieses Namens jedes Mal ein Magendrücken.
„Wie? Was meinen Sie?“, reagierte er mit einer Verzögerung.
„Herr Hövelmann, dieser Lockenkopf aus der Nachbarabteilung, der immer so ein vorlautes Mundwerk hat. Vielleicht weiß er etwas“, wiederholte sie unbeeindruckt.
„Was soll dieser Kerl schon wissen?“
Aha, Kerl, dachte sie und musste unwillkürlich grinsen. Im selben Moment begriff er jedoch die Unsinnigkeit dieser Frage und stimmte verdrießlich zu. „Ja, vielleicht haben Sie Recht. Tun Sie das!“
Carola griff zum Hörer und bestellte ihn kurzerhand ein. Tatsächlich klopfte es bald darauf und der Herbeigerufene trat nach entsprechender Aufforderung herein. Schnell wurde deutlich, wie sehr das dem Doktor missfiel und so gestaltete sich die folgende Szene auch überaus peinlich. Denn während Hövelmann wie ein begossener Pudel vor ihnen stand und immerfort zur Seite oder nach unten guckte, bloß um niemanden anzusehen, maß ihn Hendrik überaus wütend. Und in der Tat - was bot dieser Bursche nur für einen jämmerlichen Anblick! In seinen labberigen Jeans und dem braunen, an den Ellbogen bereits abgewetzten Cordhemd, glich er mehr einem Milieutrinker als einem Behördenangestellten. Nach Hendriks Meinung sollte man so etwas schlichtweg rauswerfen, da er dem Ansehen des Amtes nur schade. Was Mako an einem solchen Proleten finden könnte, blieb ihm schleierhaft. Kein Wunder, dass der Doktor die Nase rümpfte und kein Wort der Begrüßung fand. Erstaunlicherweise machte er aber auch keine Anstalten, die ihn so quälende Frage endlich zu stellen. Vielmehr schien er diesen Anblick sogar noch zu genießen.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Besucher schließlich, zweifellos um diese unmögliche Situation zu beenden. Und doch senkte er dabei beschämt die Augen, gleichsam darüber rätselnd, was man von ihm wollen könnte.
Hendrik starrte ihn noch immer wütend an, als wollte er sagen: ‚Halt nur dein Maul, du Lumpenhund! Ein falsches Wort und du kannst was erleben‘.
Carola hingegen zeigte sich erstaunlich gelassen, was den Besucher offenbar noch mehr irritierte. Gerade ihre Anwesenheit schien ihn zu verunsichern, denn er hatte sie bisher noch nicht ein einziges Mal angesehen. Nach einigem Zögern kam der Doktor endlich zur Sache und erkundigte sich kurz und trocken über die Möglichkeiten für das heutige Ausbleiben seiner Sekretärin. Immerhin bestünde ja die Möglichkeit, dass er davon Kenntnis haben könnte.
Der Angesprochene wirkte sichtlich überrascht. Aber die berechtigte Frage, wieso ausgerechnet er etwas dazu wissen sollte, kam ihm nicht von den Lippen. Stattdessen erkundigte er sich mit der gleichen Betroffenheit: „Ja, wie denn? Ist sie noch nicht da?“
„Hätte ich dann gefragt?“, polterte Hendrik sofort los, denn das Letzte, was er jetzt vertrug, waren irgendwelche Zynismen.
Verstört und ohne etwas zu erwidern, rang der Gast um Fassung.
„Dr. Willberg und ich meinen, Sie könnten dazu vielleicht etwas wissen, da Sie mit Frau Kosinski bekanntermaßen befreundet sind“, erklärte Carola noch einmal, ohne sich im Geringsten dabei etwas zu denken.
„Leider nein“, ereiferte sich der Angesprochene sofort, allerdings wiederum ohne sie anzusehen. „Aber ehrlich gesagt, bin ich jetzt auch etwas verwundert und zugegeben ebenso beunruhigt, dass ausgerechnet Sie mich das fragen.“
„Ach ja? Das ist interessant“, sprang Hendrik sofort ein.
„Was bitte ist daran interessant?“, wollte sein Widerpart wissen.
„Wie Sie das sagen. Es klingt, als wüssten Sie mehr. Vielleicht haben Sie uns etwas zu sagen?“, ergänzte der Doktor spitz.
„Wie kommen Sie darauf?“
„Intuition!“
„Was gehen mich Ihre Intuitionen an?“, polterte Hövelmann zurück. „Ich bin genauso betroffen wie Sie! Nur verstehe ich diesen Unterton nicht! Was wollen Sie damit sagen?“
„Ich will gar nichts sagen! Ich hatte Ihnen lediglich eine Frage gestellt! Und diese haben Sie bis jetzt noch nicht beantwortet!“
„Tut mir leid, aber das war keine Frage, sondern eine Unterstellung.“
„Was erwarten Sie denn? Soll ich Ihnen einen Blumenstrauß überreichen? Ich verstehe Ihre Aufregung nicht!“
„Wer regt sich denn auf? Sie sind es doch, der hier die Stimme hebt! Im Übrigen möchte ich Sie daran erinnern, dass ich zu arbeiten habe!“
„Nun spielen Sie mal hier nicht den Emsigen, Herr Hövelmann!“ Hendrik war dabei, sich zu vergessen. „Wenn Sie dazu nichts sagen können, kann man das auch auf andere Weise tun! Aber offenbar hat man Ihnen das nicht beigebracht. Ich danke für Ihre Auskunft!“
„Keine Ursache“, erwiderte Hövelmann, kam darüber aber nicht zur Ruhe. Zu sehr wühlte ihn das Gespräch auf. Noch mehr aber beunruhigte ihn, dass er ebenfalls keine Erklärung für Makos Ausbleiben fand. Gestern jedenfalls deutete nichts auf eine mögliche Krankschreibung hin. Im Gegenteil, gerade jetzt, wo es ihrer Meinung nach in die ‚entscheidende Phase‘ ging, wollte und durfte sie nichts verpassen. Er kannte sie. Dafür war sie viel zu engagiert. Schon deshalb hätte sie jetzt anwesend sein müssen. Und wenn sie es nicht war, musste etwas passiert sein! Bei diesem Gedanken wurde er blass.
„Was werden Sie jetzt tun?“ wollte Lucas wissen, als er bereits an der Tür stand und sich noch einmal umwandte. „Ich meine nur, falls ich Ihnen helfen kann, stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung.“
„Nein danke, nicht nötig“, wehrte Hendrik ab und wies ihn hinaus.
Diese Abfuhr befriedigte ihn nicht, denn ihm lag noch einiges auf der Zunge, vor allem das unbestimmte Gefühl, dass Carola etwas wusste. Längst war ihm klar, dass nur sie ihn niedergeschlagen haben konnte. Sie hatte ihm aufgelauert, weil sie ihn dort erwartete. Bei dieser Vorstellung beschlich ihn ein sehr ungutes Gefühl. Wieso hatte sie gewusst, wo er herkam? Und plötzlich dachte er nicht mehr daran, sich zurückzunehmen. Er wollte endlich Klarheit, selbst auf die Gefahr eines Eklats. „Ich möchte Ihnen nur sagen, dass es mir leid tut, Frau Ritter, aber das war wirklich nicht nötig“, warf er ihr ungewöhnlich deutlich entgegen, indem er sich provokant den Hinterkopf rieb und auf eine verräterische Reaktion hoffte.
Und tatsächlich schien es zunächst so. Sie wirkte für einen Augenblick verlegen. Doch es war nur ein Reflex auf seine laute Aussprache, was auch beim Doktor zu beobachten war. Vielmehr sah sie ihn nur verwundert an, wie man es tut, wenn man nichts versteht und nichts begreift. Das war nicht zu fassen! Nein, das war ungeheuerlich! Oder hatte er am Ende alles nur geträumt? Zutiefst verwirrt verließ er das Zimmer.
Kaum war er fort, ging Hendrik erneut zum Fenster und starrte auf den Parkplatz hinab. Doch noch immer war nichts von ihr zu sehen. Ebenso schwieg sein Handy, und das nach nunmehr zahllosen Anrufen. Schon bereute er, diesen Kerl gefragt zu haben, der ihm jetzt noch unverschämter vorkam. Noch mehr aber bereute er diesen ganzen Zeitverlust. Da hielt er es nicht länger aus und drängte auf einen Hausbesuch. Erstaunlicherweise bat er sie dafür um Begleitung, als Zeugin, wie er es nannte. Warum, war nicht ganz klar. Dennoch kam sie seiner Forderung nach.
Kurz darauf saßen sie beide in seinem Wagen und brausten los. Wie war er doch aufgeregt, redete die ganze Zeit wie aufgezogen von allerlei unwesentlichen Dingen, nur um sich abzulenken, nahm die Kurven scharf und überfuhr schon mal eine Ampel. Diese Stadt war aber auch ein Moloch und der Verkehr quälend.
Was hupte dieser Drängler hinter ihnen? Sah er denn nicht, dass es nicht schneller ging? Der nachfolgend aufgereckte Finger war nur ein weiteres Indiz seiner Nervosität. Wieso war da eine Baustelle? Die war doch gestern noch nicht da? Hatte der Senat wieder mal zu viel Geld oder wollte man nur den Verkehr beruhigen? Doch er vergaß - diese Stadt war arm, aber sexy2 und um das zu bleiben, musste man seine Armut überdecken. Es folgte ein längerer Umweg, welchen nur Frauen oder Sonntagsfahrer benutzten. „Diese Affen!“, schimpfte er und hämmerte wütend aufs Lenkrad, weil er eine Kreuzung nicht schnell genug überqueren konnte. Dann endlich - nach geschlagenen fünfzig Minuten – waren sie am Ziel. Mit quietschenden Reifen bog er in die Straße ein, holperte über die Bordkante und parkte gleich schräg gegenüber auf dem Bürgersteig.
Kaum angehalten, stieß er die Tür auf und stürmte zum gegenüberliegenden Wohnhaus, einem fünfgeschossigen überaus hässlichen Plattenbau mit Hochparterre und elektrischem Türverschluss. Carola hatte Mühe zu folgen, denn er war in solcher Rage, dass er alles um sich vergaß. Zu ihrer Verwunderung war Hendrik im Besitz eines Schlüssels, so dass sie sofort in den Hausflur gelangten. Vor der Wohnungstür, gleich Parterre rechts, blieb er plötzlich stehen, legte den Finger auf die Lippen und gebot ihr mit angstvollem Gesicht, still zu sein. Dann lauschte er. Da sich drinnen jedoch nichts tat, klopfte er nach einem offenbar bekannten Zeichen. ‚Mieses Schwein‘ dachte Carola in diesem Moment. Als aber daraufhin wiederum nichts passierte und er mit dem mitgeführten Schlüssel auch noch die Wohnungstür öffnete, war alles klar. Seine Vertrautheiten reichten also sogar bis in ihre Wohnung. Schämte er sich nicht, das so offen zu bezeigen? Ihre Verachtung für ihn wurde immer größer.
Doch für längere Erklärungen blieb jetzt keine Zeit, denn schon hatte er die Tür aufgedrückt und rief ihren Namen in den dunklen Flur. Da es aber nach wie vor still blieb, wagte er sich langsam voran, immerzu den ängstlichen Blick in alle Winkel gerichtet, welche er - so wollte es Carola scheinen – ebenfalls bestens kannte. „Maren!“ rief er immer wieder und vernahm jetzt das Wimmern eines Kindes aus dem hinteren Zimmer. Sogleich hastete er hin und fand ihren kleinen Sohn in seinem Bettchen vor. Offenbar war er lange nicht gewindelt worden, denn er war ganz durchnässt und roch schon etwas streng.
Mit dem schreienden Kind auf dem Arm eilte er sich ins Wohnzimmer – einem spärlich möblierten Raum mit einer gegenüber befindlichen Tür zu einem kleinen Balkon. Überall herrschte Unordnung. Der Tisch war umgeworfen und die Sesselkissen lagen durcheinander. Offenbar hatte es eine Auseinandersetzung gegeben, denn auf dem Boden lagen neben einem zerrissenen Tuch mehrere umgestoßene Flaschen, deren Inhalt über Teppich und Diele gelaufen war und jetzt unter den Schuhsohlen klebte. Ein süßlicher Dunst von Alkohol und Erbrochenem lag in der Luft und versetzte Hendrik in Panik.
„Maren!“, rief er mit sich überschlagender Stimme. Dann aber blieb er plötzlich wie vom Blitz gerührt stehen und starrte zum linken Couchende. Dort ragten zwischen Fensterseite und Stehlampe zwei bleiche Beine hervor. Augenblicklich übergab er Carola das Kind und riss wie von Sinnen die Couch zurück. Hier entdeckte er den leblosen Körper der Gesuchten. Sie war lediglich mit einem schwarzen Slip und einem im Brustbereich zerrissenen Negligé bekleidet, lag auf dem Rücken, hatte Arme und Beine ausgestreckt. Der Kopf war etwas zur Seite geneigt. Um ihren Hals befand sich ein Seidengürtel, offenbar Bestandteil ihres Oberteils, der zweifellos als Strangulationsmittel verwendet wurde. Ihre Augen waren halb geöffnet und ihre Zunge aus dem Mund gequollen.
Mehrere Speichelfäden zogen sich über ihr Kinn zum Boden und ließen keinen Zweifel an einem gewaltsamen Tod. Bei diesem Anblick entfuhr Hendrik unwillkürlich ein Schrei und er wankte völlig apathisch zurück. Die Hand auf die Stirn gelegt, als könne er nicht begreifen, stieß er rücklings gegen den Sessel und warf dabei noch ein kleines Schränkchen um.
Carola, ebenfalls völlig fassungslos, wusste im ersten Moment gar nicht, was sie tun sollte. Völlig verstört betrachtete sie dieses grausige Bild, von dem das vorangegangene Drama zu erahnen war. Zweifellos war es zu einem Kampf gekommen, nachdem das Opfer eine bekannte Person eingelassen hatte. Denn weder Türen noch Fenster wiesen Beschädigungen auf, was auf ein gewaltsames Eindringen hätten hindeuten können. Weiterhin schien keine Bereicherungsabsicht vorzuliegen, denn sämtliche Schränke und Fächer waren - soweit erkennbar – geschlossen.
„Ist es denn möglich?“, hörte sie den Doktor jammern, der jetzt völlig zusammenbrach und sich immer wieder die Haare raufte, als könne er das alles nicht begreifen.
Dann aber nahm Carola ihr Handy und rief über den Notruf die Polizei. Kurz darauf erschien eine Streife und begann, den Sachverhalt aufzunehmen. Alles ging dabei so schnell, dass Carola später den genauen Ablauf gar nicht mehr rekapitulieren konnte. Erst jetzt begann sie, das ganze Ausmaß der Katastrophe zu realisieren. Mako war nicht nur tot, sie war zweifellos Opfer eines Gewaltverbrechens geworden und der Mörder lief noch frei herum. Das war schon sehr beklemmend.
Die bald darauf eintreffenden Beamten in Zivil trennten die beiden wichtigen Zeugen und unterzogen sie vor Ort einer Erstbefragung. In allen Einzelheiten erkundigten sie sich nach den genauen Umständen des Auffindens der Leiche sowie der Vorgeschichte und hier insbesondere zum Grund ihres heutigen Erscheinens.
Während ein Uniformierter ihr ständig irgendwelche Anweisungen gab, wohin sie sich zu bewegen und zu setzen habe, zeigte sich der hinzugekommene Beamte in Zivil überaus freundlich und erkundigte sich nach allen möglichen Kleinigkeiten. Diese konnte sie in ihrem Durcheinander gar nicht alle benennen, wunderte sich aber über die ihrer Meinung nach zuweilen erschreckende Sinnlosigkeit. So verstand sie einfach nicht, weshalb es wichtig sein sollte, wer von ihnen beiden als erster die Wohnung betrat und mit welcher Hand welche Tür geöffnet wurde oder wo wer genau wie lange nach dem Eintritt ins Wohnzimmer gestanden und was getan hatte.
Die Erforschung des Modus operandi4 verlange das, erklärte ihr der Beamte in Zivil, wohlwissend, dass ein Außenstehender damit nichts anfangen konnte. Nachdem man sie auch noch fotografiert hatte, verbrachte man die Zeugin zum Zwecke einer weiteren Vernehmung ins Polizeipräsidium. Hier wurden ihr noch einmal die gleichen Fragen von einem anderen Zivilbeamten gestellt, nur intensiver, ja geradezu quälend pedantisch. Jede Kleinigkeit schien dabei relevant und manchmal hatte sie sogar den Eindruck, als suche man nur nach irgendwelchen Widersprüchen, um sie damit zu verunsichern. Alles schien dabei von Interesse, selbst das normalerweise Uninteressante.
Warum sie der Vernehmer dabei immer so komisch angrinste, erschloss sich ihr nicht, denn die Antworten auf die gestellten Fragen waren ihrer Meinung nach durchweg logisch und keineswegs witzig. Nichts kam spontan und unüberlegt. Im Gegenteil, manchmal ließ sie sich mit einer Antwort sogar ein wenig Zeit, um konzentrierter zu wirken. Aber sicher war dieses Grinsen nur Taktik, um über eine möglichst große Verunsicherung die Glaubhaftigkeit einer Aussage zu testen. Sie hatte dazu mal etwas in einem Beitrag über forensische Psychologie gelesen und war erstaunt, was man an einzelnen Reaktionen alles herauslesen kann. Schon deshalb war eine zeitweise Verunsicherung ihrerseits nur natürlich.
Bei jenem Vernehmer handelte es sich übrigens um einen Herrn Radke. So stellte er sich jedenfalls vor, Hauptkommissar Bernhard Radke von der fünften Mordkommission, in der letzten Dienstdekade stehend und somit keine Ambitionen mehr auf irgendein Weiterkommen, wie er scherzhaft hinzufügte. „Schicht im Schacht“, nannte er das und lachte dazu wie ein Witzbold, der sich selbst bedauert. Zweifellos sollte das etwas auflockern, obgleich er sie dabei prüfend ansah. Das fiel ihr sofort auf.
Er war ein schon etwas reiferer, pedantisch wirkender Mann von etwa Mitte Fünfzig, mit einem grauen, sorgsam gestutzten Schnurrbärtchen, dunklen, buschigen Augenbrauen und in seinen abgewetzten Jeans und dem schlabberigen Pulli für einen Ermittler recht ungewöhnlich gekleidet. Seine hellen, überaus wachen Augen schienen sie fortwährend zu taxieren und wechselten ständig ihren Ausdruck. Mal schauten sie vorwurfsvoll, dann wieder so unglaublich verständnisvoll und gutmütig drein, dass man sich seiner wahren Gedanken niemals sicher sein konnte.
Dass dies Absicht war, schien offensichtlich, ebenso wie sein ganzes Gehabe nichts weiter als eine einzige Show darstellte mit dem Ziel, sie zu verunsichern. Kein Wunder, dass ihr ganz flau im Magen wurde und sie vor Verlegenheit ständig ihre Haltung korrigierte. Aber jemandem gegenüber zu sitzen, der zweifellos schon Mörder überführt hatte und dabei seine ganze Erfahrung bezeigte, war schon sehr bedrückend. Nur, was sollte dieses fortwährende Grinsen? War das wirklich nur Taktik, weil ihm jeder sofort verdächtig erschien? Auch wenn das in ihrem Fall natürlich lächerlich war, empfand sie es doch als überaus unangenehm. Aber gerade weil er sie mit einem offenkundigen Verbrechen konfrontierte, empfand sie sein ganzes Verhalten völlig unpassend. Was sollte diese überzogene Freundlichkeit und diese ständigen Witzeleien? Besaß er so wenig Pietät vor dem Opfer? Vor allem aber, warum konnte er nicht offen sagen, was er wollte? Was sollten diese Verklausulierungen und Fangfragen?
Natürlich war sie Dr. Willbergs langjährige Assistentin und es war auch seine Idee, Frau Kosinski an jenem Morgen aufzusuchen. Aber das hatte sie doch schon gesagt, weshalb also noch einmal wiederholen? Warum Dr. Willberg ausgerechnet auf ihrer Begleitung bestand, müsse man ihn schon selber fragen. „Aber eine Verweigerung dieser Bitte wäre doch in einer solchen Situation mehr als unhöflich gewesen. Oder finden Sie nicht?“
„Oh, das missverstehen Sie jetzt“, erwiderte der Beamte lächelnd wie jemand, der zu viel zu verraten fürchtete. „Mich interessiert nur, warum gerade Sie und niemand anderes ihn begleiten sollte!“
So ein Unsinn. Und wieder begann sie sich zu ereifern. Woher sollte sie das wissen? Und wieso er im Besitz eines passenden Schlüssels war, entzog sich ebenfalls ihrer Kenntnis. Was hieß hier ungewöhnlich? Ungewöhnlich wäre doch vielmehr das Gegenteil, oder? Immerhin habe Dr. Willberg als vorgesetzter Leiter so etwas wie eine Fürsorgepflicht und diese könne nun mal auch bis in die Privatsphäre reichen.
„Hören Sie, Herr Radke“, beendete Carola sichtlich genervt ihre Ausführungen. „Ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, ich bin so etwas wie seine berufliche Vertrauensperson, mehr nicht. Da können Sie mir noch hundertmal die gleiche Frage stellen, ich werde Ihnen hundertmal die gleiche Antwort geben!“
„Aber aber! Ich verstehe Ihre Erregung nicht, Frau Ritter. Ich bitte Sie nur, sich auf das zu konzentrieren, was für mich wichtig ist und nicht, was Sie für wichtig halten. Das ist ein kleiner Unterschied. Sonst könnten Sie sich ja gleich die Fragen selber stellen, nicht wahr?“
„Nun gut. Dann anders herum. Was wollen Sie jetzt von mir hören?“, erwiderte die Vernommene im gleichen Zynismus, den er ihr gegenüber die ganze Zeit praktizierte und schaute ihn mit der gleichen übertriebenen Aufmerksamkeit an, wie er sie die ganze Zeit.
„Fangen Sie doch einfach mal damit an, was Sie noch nicht gesagt haben!“, verblüffte sie ihr Vernehmer erneut, jetzt jedoch ohne Grinsen.
„Und was soll das sein?“
„Zum Beispiel, was Sie am meisten verwundert hat, nachdem Sie die Wohnung betraten“, schlug er vor und schenkte ihr einen Kaffee ein.
„Mich verwundert, dass Sie meine Ratlosigkeit verwundert“, hielt sie ihm trotzig entgegen. „Dabei kann ich doch gar nicht anders reagieren, wenn Sie mich so in die Ecke drängen.“
„Tue ich das?“
„Sehen Sie, Sie merken das nicht einmal und das ist das Problem!“, erwiderte sie unerwartet deutlich, da sich ihr zunehmend der Eindruck aufdrängte, er wollte unbedingt etwas ganz Bestimmtes von ihr hören. Aber glaubte er denn allen ernstes, ausgerechnet sie als Dr. Willbergs Assistentin würde hier irgendwelche Gerüchte wiedergeben, um sich damit reinzuwaschen? Carola war entsetzt über solch mangelnde Professionalität und sagte ihm das auch, woraufhin er jedoch nur noch unverschämter grinste.
Wieso musste sie sich so etwas bieten lassen? Und das war nicht mal alles! Was hatte diesen Kerl ihr Gesundheitszustand zu interessieren? Und ob das Verhältnis zu ihrem Chef über das gewöhnliche Maß hinausging? Das war ja wohl der Gipfel! „Ich verbitte mir solche Anspielungen und überhaupt - was hat das zu bedeuten? Wie können Sie sich erdreisten, mir eine solche Frage zu stellen! Stehe ich etwa schon unter Verdacht?“
„Aber Verehrteste, Sie sind eine wichtige Zeugin und können alle Fragen zur Zufriedenheit beantworten. Somit tragen Sie ganz wesentlich zur Wahrheitsfindung bei“, begann er, sie erneut zu beruhigen. „Natürlich verstehe ich Ihre Aufregung. Es ist immer unangenehm, sich solchen Fragen zu stellen, das gebe ich zu und es ist für jemanden wie mich auch nicht angenehm, sie zu äußern. Nur sollten Sie auch verstehen, dass in einem solchen Fall einfach alles wichtig ist, selbst das, was Ihnen nicht wichtig erscheint. Es ist eine Frage des Blickwinkels, verstehen Sie? Und der Ihre ist nun mal ein anderer als meiner. Noch einen Kaffee?“
Carola lehnte ab. Diese Tortur - etwas anderes war es nicht - dauerte noch bis weit in den Mittag hinein, wobei noch einmal alles akribisch notiert und phonetisch aufgezeichnet wurde. Erst spät kam sie nach Hause, jedoch mit einem sehr komischen Gefühl. Seltsam war das. Auch wenn sie nichts zu verbergen hatte, war ihr dieser Vernehmer suspekt. Allein die Art, mit ihr zu reden und dabei Dinge anzudeuten, die gar nicht so gesagt wurden und dann noch so zu drehen, als hätte sie es doch getan, brachte sie völlig durcheinander. Was ging ihr jetzt nicht alles durch den Kopf! Sie hatte Hendrik seit dem Morgen nicht mehr gesehen und es stand zu befürchten, dass er sich noch immer in der Vernehmung befand.
Würde er das Gleiche sagen? Wenn aber nicht - was wäre daraus zu schließen? Musste sie sich fürchten? Nicht mal das vermochte sie zu beantworten, ihre Konfusion war einfach zu groß.
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