Kitabı oku: «Götterglaube»
Inhaltsverzeichnis
Musik
Apokalypse
Was zuletzt geschah
Götterglaube - Teil 3
gone too far
verstärkung
der schmetterling zwischen den motten
wanderhure
hinter feindlichen grenzen
neue und alte verbündete
katz und maus
wer nicht reden will, muss fühlen
plan no. 1
unwetterwarnung
falk
feinde des himmels
geständnisse am krankenbett
die briefe des gejagten
wenn alles schläft
im schweiße seines angesichts
Himmelszorn - Teil 4
pyjamaparty on the rocks
setz die playlist auf repeat
wenn zwei seelen verschmelzen
sein letztes geheimnis
das raum-zeit-kontinuum
verlorene kinder gottes
wer suchet, der findet
was vergangen ist
vernissage
eine letzte nacht mit dir
das rauschen meines blutes
das ende der welt
damit du die wahrheit kennst
ein letztes mal auf anfang
epilog
Danksagung
Die Autorin
Weitere Werke der Autorin
GedankenReich Verlag
Denise Reichow
Neumarkstraße 31
44359 Dortmund
www.gedankenreich-verlag.de
Götterglaube – Jenseits des Kreises (Band 2)
1.Auflage, Mai 2020
Text © Kristina Licht
Cover & Umschlaggestaltung: Kristina Licht
Umschlagmotive © 123rf
Lektorat: Marie Weißdorn
Satz & Layout: Kristina Licht
Innengrafiken © 123rf
eBook: Grit Bomhauer
ISBN 978-3-947147-54-0
© GedankenReich Verlag, 2020
Alle Rechte vorbehalten.

Musik:
Secrets – OneRepublic
Iris – Go Go Dolls
Let me go (Rock Version) – 3 Doors Down
How to safe a life – The Fray
Speeding Cars – Walking on Cars
Rise – Katy Perry
Tomorrow We Fight – Tommee Profitt, SVRCINA
Hero – Tommee Profitt, Mike Mains
Apokalypse griechisch: ἀποκάλυψις »Enthüllung«
Verfluchte Seelen, Verdammte: Seelen, die aus dem System gefallen sind, indem sie ihren Kreis verlassen haben. Sie sind nicht länger sterblich, altern nicht und produzieren kein eigenes Blut mehr. Sie werden von den Gesandten des Himmels gejagt und vernichtet.
Kreis, Plural Kreise: Das Gefängnis der menschlichen Seelen. Gott verbannte sie in eine ewige Zeitschleife: Nach dem Tod eines Menschen lebt er sein Leben noch einmal. Immer wieder dasselbe Leben, es unterscheidet sich nur in unwichtigen Nuancen.
Blutverbündete, Blutsverbundene, umgangssprachlich Blutshure: Ein Mensch, der durch sein Blut mit einem Verfluchten verbunden ist. Diese Verbindung schützt den Verfluchten vor himmlischen Waffen. Stirbt der Blutverbündete, wird der Verfluchte sterblich.
Der Blutverbündete besitzt die Macht, den mit ihm Verbundenen auch ohne eine himmlische Klinge zu töten.
Himmlische Waffe, auch Engelsschwert: Eine Klinge, aus einem Material geschmiedet, welches in der Menschenwelt nicht existiert. Diese Waffen wurden zum alleinigen Zweck geschaffen, Verdammte zu vernichten. Sie löschen ihre Seelen aus.
Rei: Götterwelt, die Wirklichkeit.
- Auszug aus dem Glossar des
Schwarzen Buchs der Verfluchten -
Was zuletzt geschah:
»Sie bewachen mich, doch meine Träume können sie nicht kontrollieren.«
»Sag mir, was ich tun kann, um wieder bei dir zu sein«, wollte Ewan wissen. Er sah sie häufiger in seinen Träumen, doch heute stand er ihr zum ersten Mal persönlich gegenüber. Von Angesicht zu Angesicht. Es war, als wäre seine Seele wirklich hier, an diesem verlassenen Ort im Herzstück des Himmels. Er bräuchte nur die Hand auszustrecken, um Elaia zu berühren. Und doch zögerte er.
Die Göttin schüttelte den Kopf. »Du erinnerst dich also … Fühlst du es noch?«
Die Frage ließ Ewan stocken. Er wollte sie nicht anlügen. Theoretisch wussten sie es beide bereits. Die Gesandten hatten es ihnen gesagt und sie hatten Recht behalten: seit dem Moment, in dem Elaia die Erde verlassen hatte, entsprachen Ewans Gefühle für sie nur noch einer blassen Erinnerung.
Aber solange er sich erinnerte, würde er nicht aufhören, daran zu glauben.
Sie nickte wissend. Er musste es nicht aussprechen. »Hör zu, Ewan. Ich kann dir gegen die Gesandten nicht helfen. Mir sind die Hände gebunden, weil sich im Rei herumgesprochen hat, dass du himmlische Hilfe bekommst. Die Gesandten können deine Spur nicht aufnehmen, sie ist verschwommen. Du bist unsichtbar für sie.«
»Was? Aber wie kann das sein?«
»Ich bin es nicht. Du hast jemand anderen aus dem Himmel, der dir hilft.« Ihr Blick ließ ihn los und glitt stattdessen nach hinten zu Kiara, die mit verschränkten Armen vor dem Seelenteppich stand und ihn mit einer Mischung aus Skepsis und Faszination musterte. »Wieso ist sie hier?«, fragte die Göttin. Sie hatte Ewan diesen Ort einst gezeigt. Vermutlich gefiel es ihr nicht, dass er nun eine andere Seele hierherbrachte. Einen Menschen.
»Sie … sie ist mit mir verbunden. Ich wollte, dass sie versteht, was vor sich geht.«
»Du hast ihr Blut getrunken«, schlussfolgerte Elaia nüchtern.
Ewan sah in ihren Augen, dass sie diese Tatsache nicht erfreute, auch wenn sie keine Miene verzog.
»Es ist nicht so, wie du denkst. Ich wollte sie büßen lassen. Ich wollte ihr Leben zerstören, dafür, dass ich dich verloren habe …«
»Und das hast du auch getan. Ihr Leben zerstört.« Elaias Blick landete wieder auf ihm. »Das mit uns ist vorbei. Vergiss deine Rachepläne.«
»Aber –«
»Vergiss sie, Ewan!« Sie sah ihn flehend an. »Du musst überleben, das ist das Einzige, was zählt.«
Ein plötzliches »Nein!« unterbrach ihr Gespräch. Schockiert von der neuen Stimme drehte Ewan sich um und sah niemand Geringeren als Falk, der mit ihnen im Raum stand, als hätte Ewan ihn mit in die Wirklichkeit genommen. Den Milchbuben, der ein so schönes Druckmittel für Kiara abgegeben hatte.
»Was tust du hier?«, grollte er, während ihm die Antwort bereits dämmerte. Es gab schließlich nur eine einzige Erklärung für sein Erscheinen an diesem Ort. Nur eine einzige logische Schlussfolgerung:
Falk war kein Mensch. Er hatte sie die ganze Zeit hinters Licht geführt.

1. gone too far
Warum darf Gott über das Schicksal einer jeden Seele entscheiden?
Warum dürfen die Menschen nicht wissen, dass es den freien Willen nicht gibt?
- aus dem Schwarzen Buch der Verfluchten -
Jeder träumt in seinem Leben von einem Abenteuer, das er nicht vergisst. Ein Abenteuer, bei dem wir uns lebendiger fühlen als je zuvor, das die Schatten der Vergangenheit verdrängt. Eine Erinnerung an eine Zeit, die uns auch in der Zukunft, wenn es gerade mal nicht so rosig läuft, aufatmen lässt, die uns Gerüche, Gefühle und Bilder zurückschenkt, in die wir jederzeit wieder eintauchen können.
Ich war als Teenager oft vor meinem Leben geflohen, um mich in Abenteuer zu stürzen. Denn in diesen adrenalingeladenen, einzigartigen Momenten fühlte ich mich lebendiger als in meinem tristen Alltag, der von Leid geprägt war. Von Verlust. Von Leere.
Keines meiner damaligen Abenteuer ließ sich mit dem jetzigen vergleichen. An Ewans Seite hatte ich mich so lebendig gefühlt wie seit Jahren nicht mehr und das, obwohl ich dem Tod näher war als jemals zuvor. Ewan war gleichzusetzen mit Lebensgefahr. Trotzdem klammerte ich mich an seine Gegenwart, weil ich gar nicht anders konnte. Mein Herz schlug schneller, wenn ich bei ihm war. Und dann manchmal wiederum blieb es fast stehen. Doch das Wichtigste war: Ich hatte mich auf dieser Reise frei gefühlt, obwohl ich im Grunde nicht viel mehr als eine Gefangene war.
Jetzt kannte ich auch den Grund für meine widersprüchlichen Gefühle; warum ich mich früher immer eingesperrt gefühlt hatte, eingeengt von meinem eigenen Sein, unfähig, die richtigen Entscheidungen zu treffen, ständig mit dem Gefühl, an meinem Leben nichts verändern zu können. Als hätte ich es tief im Inneren schon immer gewusst: Menschliche Seelen waren in einem Kreislauf gefangen, den sie immer und immer wieder durchlebten. Dasselbe Leben hundertmal. Millionenmal. Ohne je etwas davon zu merken. Doch nun war etwas anders. Ewan hatte mich aus meinem Kreislauf gerissen. Ich war frei, traf Entscheidungen, die ich nie zuvor getroffen hatte, beschritt Wege, die meine Seele noch nie passiert hatte, fühlte Dinge, die ich nie hätte fühlen sollen.
Ich wusste, was es bedeutete, dass Ewan mich aus meinem Kreislauf gerissen hatte. Er hatte sich wie ein Fremdkörper darin eingenistet und alles zerstört. Er tat Dinge, die er nicht hätte tun dürfen. Führte mich in eine Welt, von der ich nie hätte erfahren sollen. Das bedeutete für mich, dass ich nach meinem Tod ebenfalls von den Göttern verdammt werden würde. Dazu verdammt, meinen Platz im System für immer zu verlieren, eine Ewigkeit zu existieren, für immer auf der Flucht. Auf ewig im Verborgenen.
Als mir das in dieser Nacht klar wurde, verspürte ich dennoch keinen Hass gegen meinen Befreier. Nicht einmal Angst. Ich sollte wütend auf Ewan sein, weil er mich da mit hineingezogen hatte. Doch ich war es nicht. Denn mit dem Wissen, das ich jetzt hatte, eröffneten sich mir so viele neue Möglichkeiten. Plötzlich wurde mir bewusst, worüber ich früher immer nur frustriert gewesen war. Jetzt ergab alles einen Sinn.
Die Menschen waren nur kleine, bedeutungslose Rädchen in einem Uhrwerk von etwas Größerem. Und ich war nun Teil dieses Etwas. Ich war endlich frei. Wie ein Tier, welches seinem Käfig entkommen war.
Als ich zu mir kam, dauerte es mehrere Sekunden, bis die Erinnerungen sich zusammenfügten wie verlorengegangene Puzzleteile eines Gesamtbildes. Schwerfällig hob ich die Lider und Sonnenlicht flutete meine Netzhaut. Die Bilder vergangener Nacht kamen nur stockend, wie Wellen, die das Ufer erreichten. Sie spülten Erinnerungsfetzen an Land: Das Gespräch mit Ewan in seinem Zimmer. Die Nacht, die ich erneut neben ihm in einem Bett verbracht hatte. Mein Traum. Viele silberne Kreise, die ineinander gehakt waren und sich zu einem unendlich großen, schimmernden Gebilde zusammenfügten. Die Wirklichkeit.
Plötzlich war ich hellwach und setzte mich auf. Mein Kopf fuhr in alle Richtungen und obwohl ich davon Kopfschmerzen bekam und mir schwindelig wurde, hatte es das gewünschte Resultat: Ich wusste, wo ich mich befand.
Ich war nicht mehr in dem dunklen Raum, in dem sich alles so unwirklich angefühlt hatte, der kein Ende und keinen Anfang besessen hatte. Der einfach nur da war. Ich war zurück in dem Gästezimmer, in dem Falk und ich unsere erste Nacht in der Hütte verbracht hatten.
Ich wollte gerade vom Bett aufstehen, als ich die Handschellen bemerkte. Nicht schon wieder. Fluchend sah ich mich in dem Zimmer um.
Von Ewan und Falk war keine Spur. Die Tür zum Zimmer war geschlossen. Durch das kleine Fenster schien die Mittagssonne.
Während ich versuchte, mein Handgelenk zu befreien, überrollten mich auch die restlichen Erinnerungsfetzen. Die wunderschöne Blondine, mit der Ewan gesprochen hatte. Und Falk. Diese Welle war es, die mir bereits im Traum den Boden unter den Füßen weggerissen haben musste. Im wachen Zustand war die Erkenntnis nicht weniger schmerzhaft. Falk war nicht der, für den er sich ausgegeben hatte. Die ganze Zeit über hatte er mir etwas vorgespielt.
Ich muss hier weg!
Endlich quetschte ich mein zierliches Handgelenk durch den metallischen Ring. So dünn zu sein, hatte auch seine Vorteile. Da fiel mein Blick auf etwas auf dem Bett. Ein Collegeblock lag neben dem Kopfkissen. Es war der Block, in dem ich Falk zuvor hatte zeichnen sehen. Ich griff danach und blätterten durch die Seiten. Viele davon waren lediglich mit einer unordentlichen Handschrift bekritzelt. Ich hatte nicht die Zeit, mir alles durchzulesen. Ich blätterte weiter und fand ein Bild von drei Worten, das mich stocken ließ. Sie waren kunstvoll ausgearbeitet und erstreckten sich über die gesamte Seite.
GONE TOO FAR.
Ich starrte eine gefühlte Ewigkeit darauf, während tausend bittere Gedanken meinen Geist tränkten. Ja, Falk, du bist zu weit gegangen. Definitiv. Ich wollte den Block gerade zurücklegen, als ich eine weitere Seite umblätterte und mein Blick an einem Porträt hängen blieb. Mein eigenes Gesicht, mit Kugelschreiber skizziert, starrte mir entgegen.
Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Was hatte Falk für ein Spiel gespielt? Seit wann war er ein Verfluchter? Und obwohl ich dachte, der Schock könnte nicht noch tiefer gehen, wurde ich eines Besseren belehrt, als ich dahinter eine weitere Zeichnung fand. Ein Arm, auf dessen Unterseite eine Reihe von Zahlen tätowiert war: 12.12.12.
Ich schmiss den Block zurück aufs Bett, als hätte ich mich daran verbrannt. In Rekordgeschwindigkeit ratterte mein Gehirn alle Erinnerungen der letzten Tage durch, auf der Suche nach einem Moment, in dem ich Falk die Zahlen auf meinem Arm gezeigt hatte. Mir fiel keine Situation ein, in der er sie hätte sehen können. Mein Blick glitt meinen Körper hinunter: Ich hatte nur eine Jeans und ein Top an, genauso wie ich mich gestern mit Ewan ins Bett gelegt hatte. Je nachdem, wie lange ich bewusstlos gewesen war, hätte Falk demnach in den letzten Stunden oder Minuten meinen Arm betrachten können. Doch war die Zeichnung wirklich so neu? Hatte er sie angefertigt, während ich bewusstlos gewesen war?
Hektisch sah ich mich im Zimmer um, während ich versuchte, meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Das Wichtigste war, dass ich hier wegkam. Gestern hatte ich es noch akzeptiert, von nun an mit Ewan zu reisen, als ‚Doppelpack’ durch die Weltgeschichte zu bummeln, wie er es ausgedrückt hatte. Doch dass Falk viel tiefer in der Sache mit drinsteckte und offensichtlich ein falsches Spiel mit mir gespielt hatte, änderte für mich alles. Ich wusste nicht, ob Ewan jetzt auf Falks Seite sein würde, weil sie beide verflucht waren. Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Falks Verrat saß so tief, dass ich nicht einmal daran denken wollte, ihn wiederzusehen. Es war keine harmlose Lüge gewesen, sondern eine Lüge, die ihn zum schlimmsten Bösewicht der Geschichte machte. Ich konnte ihm nicht mehr vertrauen, würde ihm nie wieder trauen können. Dabei war er der einzige Mensch, dem ich gern vertraut hätte. Wie paradox.
Ich eilte zu meiner Reisetasche und packte ein paar Sachen aus dem Koffer um. Ein paar ließ ich absichtlich zurück, um auf meiner Flucht keinen unnötigen Ballast mitzuschleppen. Schnell kontrollierte ich, ob ich Handy und Portmonee dabeihatte, dann zog ich die Lederjacke über das Top, schlüpfte in meine Turnschuhe und schlich zur Tür. Ich presste mein Ohr gegen das Holz und lauschte. Nichts. Keine Stimmen, keine Schritte. Doch das hieß nicht, dass die beiden Männer außer Haus waren.
Ich wandte mich um und eilte zum Fenster. Das war definitiv der sicherere Ausgang und die zwei, drei Meter würden mich nicht umbringen. Ich riss das Fenster auf, warf einen Blick hinunter und schmiss die Reisetausche hinaus. Mit einem dumpfen Plopp landete sie auf dem Rasen. Ich sah mich draußen um, doch außer der kleinen Grasfläche um das Haus herum erkannte ich nichts als Wald. Es schien zumindest niemand in der Nähe zu sein. Tief durchatmend nahm ich all meinen Mut zusammen und schwang ein Bein aus dem Fenster. Vorsichtig kletterte ich über den Rand und ließ die Beine in der Luft baumeln, während ich mich mit den Händen an der unteren Fensterkante festhielt.
Eins, zwei, drei.
Ich ließ los und der Wind zischte mir um die Ohren, während mein Magen einen Salto vollführte. Als meine Fußballen auf den Boden trafen, beugte ich mich vor und rollte mich über den Rücken ab, um den Aufprall abzuschwächen. Aufgrund von mangelnder Übung ging das nicht ganz schmerzlos über die Bühne, doch das kümmerte mich jetzt nicht. So schnell wie möglich stand ich wieder auf, griff nach meiner Tasche und rannte in den Wald.
Ich rannte, bis die Bäume mich verschluckten, bis das Sonnenlicht das Blätterdach nicht mehr durchdrang und bis ich mich umblicken konnte, ohne etwas anderes als Baumstämme zu sehen. Die Bäume verloren bereits langsam ihr Laub und ich lief wie auf einem gelben Teppich. Nach einer Weile drosselte ich mein Tempo und grübelte darüber, wo ich hinwollte. Denn jetzt hieß es nach vorne blicken und nicht mehr zurück. Ich durfte nicht einmal daran denken, was passieren würde, wenn ich einem der beiden Männer in die Arme lief. Oder einem von dreien, falls Ewans Bruder immer noch in der Nähe war.
Falk, der Lügner.
Ewan, dem ich noch nie über den Weg getraut hatte. Seit er in dieser komischen Traumwelt seine Geliebte wiedergetroffen hatte, wollte ich erst recht Abstand zu ihm und dieser ganzen Sache gewinnen. Ich musste mein Herz und mein Leben schützen, das hatte oberste Priorität.
Und Darian? Er hatte uns bestohlen und war ohne ein Wort verschwunden, hatte mich bei Ewan zurückgelassen, obwohl er mir angeblich hatte helfen wollen. Auch er hatte sich in Lügen gekleidet. Was er wirklich vorhatte, wusste ich nicht. Und solange ich das nicht wusste, müsste ich mich auch vor ihm in Acht nehmen.
Fuck. Meine Lage war ganz schön beschissen.
Hinzu kam, dass die Kälte mit jeder Minute schneidender wurde. Mein Atem bildete weiße Wölkchen vor meinem Gesicht und meine Beine waren ermüdet von dem Sprint, den ich zu Anfang hingelegt hatte.
Dieser Wald müsste doch irgendwann ein Ende finden? Ich würde auf einer Landstraße herauskommen und mich per Anhalter in die nächste größere Stadt fahren lassen. Oder noch weiter weg. Und dann müsste ich mir einen neuen Job suchen. Doch je tiefer ich in den Wald eindrang, desto schneller schlug mein Herz. Es war nichts zu hören außer dem Knacken der Äste oder dem Rascheln der Blätter unter meinen Sohlen. Nicht einmal Vögel zwitscherten.
Plötzlich kam mir ein neuer Gedanke. Was, wenn mich noch jemand anderes fand? Jemand, den ich bisher nicht bedacht, nein, nicht einmal gesehen hatte.
Die Gesandten.
Ein eiskalter Schauer jagte meine Wirbelsäule hinunter, doch ich schüttelte die Vorstellung ab. Bisher hatte noch kein Gesandter meinen Weg gekreuzt, ich konnte nicht einmal sicher sein, dass diese himmlischen Wesen überhaupt existierten. Was für ein Pech müsste ich haben, dass sie mich ausgerechnet jetzt fänden?
2. verstärkung
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen,
sondern Sünder zur Buße.
- aus der Bibel, Lukas 5:32 -
Sie waren gekommen.
Vor Michael standen drei fremde menschliche Körper auf der mit Moos überwucherten Lichtung im Herzen des Waldes. Die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen beschienen ihre regungslosen Gesichter.
»Gabriel, Raphael, Uriel. Ich bin froh, dass ihr so schnell gekommen seid«, sprach der Gesandte. Hinter ihm stand das Auto des Sünders. Dieser Wagen und das gestohlene Buch waren Köder und Druckmittel zugleich. Das Landhaus, in das Ewan sie gebracht hatte, lag so weit abseits, dass sie ohne einen Wagen Tage brauchen würden, um die nächste Stadt zu erreichen. Und ohne das Buch würden sie ohnehin nicht fliehen. Ewan verzehrte sich nach Antworten, er brauchte sie so dringend wie menschliches Blut.
»Bring uns auf den neusten Stand, Michael. Wo ist der Verdammte?«, fragte Gabriel im Körper eines jungen tätowierten Bikers. Die Gesandten hatten Körper aus der Umgebung wählen müssen, um so schnell wie möglich hier zu sein. Ihre Seelen besetzten die Hüllen der Menschen, solange sie sich auf der Erde aufhielten. Nach ihrer Mission würden sich die Menschen an nichts hiervon erinnern.
»Der Verdammte ist in einem abgeschiedenen Landhaus, etwa zwei Kilometer von hier. Seine Blutsverbundene ist bei ihm und mit ihnen noch ein ahnungsloser Mensch«, berichtete Darian.
»Warum ist die Blutsverbundene noch am Leben?«
»Ich habe sie vor zwei Wochen schon töten wollen, doch sie hat knapp überlebt. Danach ist sie mit dem Verfluchten geflohen. Ich habe ihre Spur erst vor Kurzem wieder aufgenommen. Inzwischen denke ich, es ist zu spät, um sie zu töten.«
Uriel nickte wissend. Er steckte in dem Körper eines bärtigen Mannes im mittleren Alter, trug ein Holzfällerhemd und war breit gebaut. Er strahlte die Ruhe in Person aus, wie es auch seine Seele stets tat. »Sie weiß zu viel.«
»Genau.«
»Das Risiko müssen wir eingehen. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren«, entgegnete Raphael im Körper einer schlanken schwarzhaarigen Frau. »Wir haben keine andere Wahl.« Sie blickte mit ihren großen braunen Augen von einem zum anderen, suchte nach Zustimmung, als begreife sie nicht, dass Kiaras Tod überhaupt zur Debatte stand.
Michael spitzte die Ohren, als er mit seinen geschärften Sinnen Schritte wahrnahm. Das Knacken von Zweigen, das Rascheln von Blättern. Die anderen drei müssten es ebenfalls hören. Ihre himmlische Macht war in den Körpern der Wirte zwar abgestumpft, doch ein Hauch Göttlichkeit haftete ihnen an und erleichterte ihnen die Missionen, für die gesandte Seelen auf die Erde geschickt wurden.
Die vier Erzengel drehten sich synchron um, die Blicke zwischen die Bäume gerichtet. Ein Reh? Ein Wanderer? Ewan?
Darians Hand wanderte zu der Halterung an seiner Hüfte, wo die himmlische Klinge steckte. Eine kürzere Version des Engelsschwertes – die einzige Waffe mit der Macht, Seelen zu eliminieren. Eine Seele auszulöschen, sie zu tilgen, war etwas gänzlich anderes, als einen Menschen zu töten. Es hatte eine Endgültigkeit, die mit nichts anderem auf der Welt zu vergleichen war.
Zwischen den Baumstämmen erschien eine menschliche Gestalt, die Michael mittlerweile nur allzu vertraut war – die jedoch nicht Ewan war. Wie töricht war dieser Verdammte eigentlich, sich gerade jetzt zu zeigen? Er lieferte sich selbst aus! Dachte er, die anderen Gesandten würden ihm auch nur annähernd so lange zuhören, wie er selbst es getan hatte?
Der Jüngling kam näher. Er trug eine dunkle Jeans und den gewohnten schwarzen Pullover mit der Kapuze, die seine Augen im Schatten ließ. Während er näher kam, hob er beide Hände. »Ich komme in Frieden.«
»Wer ist das, Michael?«, zischte Gabriel.
Was sollte er antworten? Darian war noch zu baff von der Tatsache, dass der Knabe in seinen eigenen Tod lief, als dass er sich eine kluge Antwort überlegen konnte. Doch das brauchte er auch nicht, denn der Verdammte kam ihm zuvor: »Ich will euch helfen. Mit euch gemeinsam arbeiten, um die Apokalypse zu verhindern.«
Resigniert schloss Darian die Augen. Der Knabe war dümmer, als er gedacht hatte. Und hatte ein viel zu loses Mundwerk.
»Was redest du da?«, fuhr Gabriel ihn an und überbrückte die Distanz zwischen ihnen. »Bist du ein Verdammter?«
Die Atmosphäre auf der Lichtung schlug augenblicklich um. Der Wind pfiff lauter, die Sonnenstrahlen versteckten sich hinter der grauen Wolkendecke. Alles war still, wartete darauf, dass der Eindringling sprach. Selbst die Vögel verstummten.
»Nein«, antwortete der Knabe ruhig. »Ich bin bloß ein Mensch. Eine Motte, die zu viel weiß. Aber ich kann euch behilflich sein, weil ich die Zukunft kenne. Ihr werdet die Apokalypse ohne mich nicht verhindern können. Ihr werdet sie herbeiführen.«
Bloß ein Mensch? Darian zuckte vor Überraschung zurück. Er musste lügen! Oder hatte er ihn an der Nase herumgeführt? Seine Gedanken überschlugen sich, er grub in seinen Erinnerungen, ob dieser Mann je zugegeben hatte, ein Verfluchter zu sein.
»Eine Motte? Als ob! Ihr habt keine Ahnung, was die Apokalypse überhaupt bedeutet!«, rief Gabriel. Sein junger, athletischer Körper passte zu seinem launischen Temperament. Er steckte die Hand in die hintere Hosentasche und zog ein Klappmesser heraus. Als die Klinge vor dem Gesicht des Fremden aufblitzte, zuckte niemand mit der Wimper.
»Gab …«, mahnte Michael.
»Ihr würdet keinen Menschen töten«, sprach der Typ unter der Kapuze. »Selbst wenn er eine nervige Motte ist und für die falsche Seite arbeitet. Eine Motte zu töten, bedeutet nämlich, einen weiteren Verfluchten zu riskieren.«
Damit hatte er Recht. Gesandte des Himmels durften keine Menschen töten, nicht in das Leben der Menschen eingreifen, auch wenn sie auf der Seite der Verfluchten standen. Nur wenn kein anderer Weg daran vorbeiführte, wie zum Beispiel bei dieser Kiara, durfte ihr Blut fließen, um die Seele eines Verdammten zu vernichten.
»Pech für dich, Kleiner. Ich glaube dir nämlich nicht«, erwiderte Gabriel unbeeindruckt – bevor er das Messer tief in den Magen des Fremden stieß.
Ein überraschtes Aufkeuchen verließ seinen Mund, er krümmte sich, doch da hatte Gabriel bereits ein weiteres Mal zugestochen. Blut spritzte über den Waldboden.
Michaels Körper sog scharf die Luft ein. Sein Herz schlug schneller.
Wenn dieser Bursche ein Mensch war … Gabriel hätte das nicht tun dürfen.
Die Gesandten beobachteten, wie der Fremde röchelte und die Hände vor dem Bauch zusammenschlug. Das Blut quoll erbarmungslos aus dem Loch in dem dunklen Pullover und färbte seine Finger rot.
Gabriel warf das Taschenmesser auf den Boden, dann riss er dem Verletzten die Kapuze vom Kopf.
Blonde Haare verbargen sich darunter. Und als der Junge den Kopf hob, schauten ihn blaue Augen an. Der Mund zu einem stillen »Oh« geöffnet.
Kiaras menschlicher Freund!
»Scheiße!«, fluchte Michael. Er wollte Gabriel das Genick dafür brechen. Dieser blonde Bursche war ein ahnungsloser Mensch! Das hatte er zumindest bisher angenommen, doch so ahnungslos konnte er nicht gewesen sein, wenn er hier auftauchte und über den Untergang der Welt sprach.
Noch bevor er Gabriels Kopf zurechtrücken konnte, knickten Falks Beine ein und er fiel zu Boden.
»Er ist also doch … nur eine Motte gewesen?«, fragte Uriel.
»Ich hätte ihm auch nicht geglaubt. So, wie er gesprochen hat. Was hat er überhaupt hier verloren?«, schaltete sich Raphael ein.
Doch Gabriel schüttelte den Kopf und die schwarzen Haare seines menschlichen Wirts peitschten durch die Luft. Er trat nach dem am Boden liegenden Körper und brach dann in schallendes Gelächter aus.
»Gabriel!«, schrie Michael aufgebracht. »Du bist des Wahnsinns! Geh zurück, Bruder! Erkläre den Göttern, was du getan hast!«
Doch sein Gelächter wurde nur lauter und lauter, hallte von den Baumwipfeln wider und hinterließ ein makabres Echo.
Gabriel bückte sich und zog den Körper des Menschen hoch. Wie eine schlaffe Marionette hielt er Falk in die Luft.
»Er ist ein guter Schauspieler. Und ein Lügner. Aber weißt du was, verdammte Seele?« Er hielt ihn am Kragen fest, sodass sich Falks Ohr neben Gabriels Lippen befand. Die Augen des Jungen waren geschlossen, als Gabriel ihm etwas ins Ohr flüsterte. Michael verstand jedes Wort: »Es war tapfer von dir, hierherzukommen, mein Freund. Die anderen haben deiner Lüge beinahe geglaubt. Aber ich stehe hier neben dir … und wärst du ein bloßer Sterblicher, so hätte dein Herz schon aufgehört zu schlagen. Doch es schlägt. Und deine Wunde verheilt.«
Mit diesen Worten hob er den mit Blut besudelten Pullover hoch, sodass die Gesandten den nackten Oberkörper des Jungen betrachten konnten. Sein Bauch war zwar blutverschmiert, doch die Wunde hatte sich bereits geschlossen.
Falks Lider flatterten, er blickte finster von einem zum anderen. »Verdammt.«
»Genau das bist du«, säuselte Gabriel mit einem schiefen Grinsen. »Michael, gib mir deine Klinge.«
Das Blut in Michaels Körper schien in den Adern zu gefrieren. Er rührte sich nicht. Von den Anwesenden war er der einzige Gesandte mit einer himmlischen Waffe. Er könnte diesen blonden Verdammten auf der Stelle auslöschen, wenn er wollte.
»Ich habe die Klinge nicht hier«, log er. Weshalb, wusste er nicht. Dieser Verdammte folgte ihm nun schon zu lange, war auf eigenen Beinen zu seiner Hinrichtung marschiert – er schien also etwas zu bezwecken, was wichtiger war als seine Existenz. »Wir sollten ihn erst mal verhören. Über das, was er zu sagen hat.«
Raphael lachte. »Und weshalb sollten wir ihm glauben? Er würde uns alles erzählen, nur um nicht sterben zu müssen.«
»Ich sage die Wahrheit, ich schwöre es«, beteuerte der Blonde. War Falk überhaupt sein richtiger Name? Michael konnte immer noch nicht fassen, dass er Kiaras menschlicher Begleiter war, der so ahnungslos getan hatte. Still und unauffällig hatte er mit ihnen im Auto gesessen und Kiaras Beschützer gespielt. Ob sie wohl ahnte, wer er in Wahrheit war?
»Ihr dürft Kiara nicht töten! Wenn sie stirbt, wird sie ebenfalls verdammt und dann gibt es einen nur noch größeren Riss im System. Das System wird zusammenbrechen«, fuhr der Blonde fort. Er schien nicht einmal Angst zu haben, obwohl Gabriel ihn immer noch fest im Griff hielt.
»Das System wird zusammenbrechen, wenn wir unsere Arbeit nicht richtig erledigen, indem wir solche Seelen wie dich und Ewan verschonen. Genau deshalb wird es keine Gnadenfrist mehr geben«, knurrte Gabriel. »Ewan wird eliminiert. Das Menschenmädchen wird sterben. Und du wirst getilgt. Ihr alle drei. Du kannst nichts daran ändern.«
Falk schloss die Augen, Qual überzog sein Gesicht, als hätte man ihm das Messer erneut in den Oberkörper gestoßen. Sein Kiefer spannte sich an, als er die Zähne zusammenbiss. Michael sah förmlich die Gedanken des Jungen. Ich habe versagt, stand ihm ins Gesicht geschrieben.
3. der schmetterling zwischen den motten
Mein Körper ist festgefroren in Zeit und Raum, als wäre es ein Fluch. Ein anderer Fluch als der der Verdammten. Denn die Verdammten hatten eine Kindheit, sie hatten ein sterbliches Leben – während ich nie eins besaß.
Ich bin das einzig tote Wesen auf diesem Planeten. Die Nadel im Heuhaufen. Der Glassplitter im Sandkasten. Der Fremdkörper in einem atmenden Organismus.
- aus dem Tagebuch eines Reisenden -
Milan stieg aus seinem weißen SUV, den er in einiger Entfernung zum Haus geparkt hatte. Seit seiner Ankunft hatte er ein paar Dinge beobachtet. Zum Beispiel, wie Ewans Bruder in der vorletzten Nacht das Haus verlassen hatte. Wie Ewan und das Mädchen vergangenen Abend auf den Treppenstufen gesessen und in den Regen gestarrt hatten. Er hatte auch gesehen, wie ein blonder Knabe in einem schwarzen Hoodie heute Morgen das Haus verlassen hatte. Und etwa eine Stunde darauf, wie Kiara aus dem Fenster gesprungen war. Eins stand fest: hier herrschte reges Treiben.
Mit großen Schritten überquerte er den Rasen, auf dem der Wind einzelne gelbe Blätter vor sich hertrieb, und sprang die wenigen Treppenstufen hinauf auf die Veranda des rustikalen Landhauses. Voller Elan klopfte er an die Tür und wartete. Und wartete.
Milan runzelte die Stirn. Ohne Schlüssel ließ sich die Tür von außen nicht öffnen, also blieb ihm nur eine andere Möglichkeit. Mit voller Kraft trat er gegen das Holz, sodass die Tür krachend ins Innere flog.
Wumm.
Immer noch kein Ewan.
War Ewan taub? Hatte Milan etwas verpasst und übersehen, dass auch sein einstiger Freund das Haus verlassen hatte?
Milan stieg über die eingetretene Tür und sah sich auf der unteren Etage um. Das Haus wirkte verlassen, doch er spürte Ewans Anwesenheit. Ob es sein Geruch war, das leise Keuchen von oben oder eine übernatürliche Anziehungskraft, die schon immer zwischen ihnen geherrscht hatte, wusste er nicht. Aber er wusste, dass er hier war.
Milan nahm zwei Treppenstufen auf einmal und oben angekommen, fiel sein Blick direkt auf Ewans nackten Oberkörper. Sein einstiger Freund hing an einer Metallstange, die oben zwischen dem Türrahmen befestigt war, und machte Klimmzüge. Anscheinend schon eine ganze Weile, denn sein durchtrainierter Körper war schweißüberströmt. Er hatte Kopfhörer in den Ohren und das blaue Kabel hing hinab bis in die Tasche seiner kurzen Sporthose, in
der sein iPod steckte. Erst als Milan direkt vor Ewans Tür stand, bemerkte er den Eindringling. Abrupt ließ er die Stange los und landete leichtfüßig auf dem Boden. Gleichzeitig riss er sich die Kopfhörer aus den Ohren. »Verdammt, Milan! Was zur Hölle –?«
»Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, Ewan.« Milan zog die Mundwinkel übertrieben nach oben, bis er sich fühlte, als würde er die Grimasse des Jokers nachahmen.
Wenn Blicke töten könnten, hätte Milan jetzt definitiv den Kürzeren gezogen. »Warum bist du uns gefolgt?«, fauchte Ewan. Seine braunen Augen funkelten dabei so aggressiv, dass Milan vorsichtshalber einen Schritt zurücktrat. Sich mit Ewan zu prügeln – vor allem, wenn er halb nackt war –, war definitiv keine gute Idee. Nicht, dass er gegen ihn verlieren würde, aber wenn er Pech hatte, würde das Gefühle wachrütteln, die er in den letzten Monaten versucht hatte, zu untergraben.
»Wer ist uns?«, fragte Milan, ohne sein Grinsen abzulegen und ohne etwas von seinen Gedanken preiszugeben. »So wie ich es sehe, bist du mutterseelenallein.«
Ewan verschränkte schnaubend die Arme vor der Brust, als würde er sich so besser beherrschen können. Seine Nasenflügel bebten und kurz schlug Milans Herz schneller. Härter.
»Ich frage dich ein letztes Mal. Was. Tust. Du. Hier?«
Milans Grinsen verflog. Mit einem ernsten Gesicht nickte er, während er seinen Mut zusammennahm und den Schritt wieder vortrat. Er hatte sich wieder unter Kontrolle.
»Du siehst gestresst aus«, sagte er zu seinem Freund. »Weißt du, was da hilft?«
Ewan verengte die Augen. »Was?«
»Sex.«
Ewan blinzelte. »Ist das dein Ernst?« Er fühlte sich verarscht, das wusste Milan. Und das erheiterte ihn. Gab ihm ein Stück Macht zurück. Seinen einstigen Freund zu ärgern, machte immer noch Spaß.
»Ja, mein voller Ernst«, antwortete er deshalb. »Wann hast du das letzte Mal eine flachgelegt?«
»Milan, hast du überhaupt eine Ahnung, in welcher Scheiße ich hier gerade stecke?«
»Ja, habe ich. Aber du hast doch gerade eh nichts Besseres zu tun, als dich mit mir zu unterhalten. Statt deine Scheiße auszubaden, hängst du hier ja nur rum und arbeitest an deinen Muskeln.«
»Ich hänge – ach, halt die Fresse. Mit dir brauche ich nicht reden!« Ewan wandte sich von ihm ab und stampfte ins Zimmer. Von der Stuhllehne nahm er sich ein Handtuch und wischte damit den Schweiß von seinem Gesicht, dann von seinem Oberkörper.
Milan sah nicht hin. Konnte es nicht.
»Also? Hattest du was mit diesem Mädchen?«, fragte er beiläufig, während er sich in dem kleinen Zimmer umsah.
Ewan ließ das Handtuch sinken und starrte Milan fassungslos an. »Tickst du nicht mehr richtig? Du weißt, wen ich als letztes …«
Milan lachte, während Ewan sich ein T-Shirt überzog. »Gütiger Gott. Dann brauchst du es erst recht, um von ihr loszukommen. Ich hatte gedacht, dass du die Gelegenheit nutzen wirst, wenn du schon mit dem frechen Mädchen abhaust.« Er wusste selbst nicht, warum er so auf dem Thema herumritt. Ewan zu provozieren, war nur ein netter Nebeneffekt. War er nach all der Zeit tatsächlich noch eifersüchtig? Schon wieder eifersüchtig auf eine Frau?
»Du weißt, warum das nicht infrage kommt!« Ewan zog vor Milans Augen seine Sporthose aus und griff nach einer Jeans. Milan presste die Zähne zusammen. Die Unterhaltung war schön und gut, es hatte seinen Reiz, Ewan mit seinem nicht vorhandenen Sexleben aufzuziehen, aber dass er hier einen halben Striptease hinlegte, war haarscharf an der Grenze. Ob Ewan das absichtlich tat? Um ihn ebenfalls zu provozieren? Ob er überhaupt wusste, dass es Milan nach all der Zeit immer noch nicht kalt ließ? Er sah forschend in Ewans Gesicht. Nein, Ewan hatte keine Ahnung.
»Du gibst ihr also immer noch die Schuld?«, wollte Milan wissen.
»Sie war schuld. Unfall hin oder her. Sie hat mich an die Gesandten verraten und mich dann auch noch überfahren. Scheiß drauf, ob mit Absicht oder nicht. Ich hasse sie.«
Weil er jemanden hassen musste. Weil es dann leichter war, zu akzeptieren. Milan verstand dies nur allzu gut.
»Weißt du, wenn du sie wirklich hasst … gerade dann kann der Sex echt gut werden.« Er zwinkerte Ewan vielsagend zu, der seinen Gürtel schloss und sich endlich fertig
bekleidet hatte.
Mit großen Schritten kam er auf Milan zu. Als er direkt vor ihm stand, nahm er sein Gesicht in die Hand, umschloss mit den Fingern Milans Kinn und blickte ihm tief in die Augen. »Du hast eine ziemlich große Klappe, was dieses Thema anbelangt. Weißt du, was ich daraus schließe, alter Freund?«
Milan hob fragend die Augenbrauen, gab aber keinen Mucks von sich, während Ewans Finger an seinem Unterkiefer lagen. Sein ganzer Körper stand unter Spannung. Er konnte kaum atmen.
»Ich schließe daraus«, fuhr Ewan fort, »dass du niemanden mehr flachgelegt hast, seit wir uns kennengelernt haben. Also – wer hatte nun länger keinen Sex? Du oder ich?«
Touché. Ewan ließ ihn los und Milan zuckte nicht mit der Wimper, ließ sich nichts anmerken, regungslos wie die Skulptur eines griechischen Gottes. »Das wüsstest du wohl gern, was?« Ein schiefes Lächeln, ein schelmisches Funkeln aus grünen Augen und das, obwohl Ewan Recht hatte. Ewan war die Person, die er zuletzt geküsst hatte. Nach ihm hatte er niemanden mehr anziehend gefunden. Keinen Mann, keine Frau. An keinem Menschen hatte er Interesse gefunden, weder physisch noch psychisch, platonisch oder was es sonst noch gab. Doch das würde er Ewan natürlich nicht verraten. Lieber würde er sich die Zunge herausschneiden.
»Also, bist du jetzt hier, um mir zu helfen oder bist du den weiten Weg gefahren, nur um mich zu nerven?«
Eigentlich war er den weiten Weg gefahren, weil er Paige gesagt hatte, er würde sich darum kümmern. Darum kümmern, dass weder Ewan noch Kiara ihr Leben verloren. Er wollte seinen alten Freund zur Vernunft bringen und gleichzeitig noch einmal mit dem kratzbürstigen Mädchen reden. Denn irgendetwas an ihr verstand er noch nicht. Sie war wie eine verschlossene Truhe, die er aufkriegen musste, weil er wusste, dass in ihrem Inneren etwas Wertvolles zu finden war.
»Warum hast du Kiara abhauen lassen?«, fragte er, statt auf Ewans Frage zu antworten.
Der dunkelhaarige Mann ging zu seinem Bett und ließ sich mit einem Stöhnen darauf nieder. »Hätte nicht gedacht, dass sie sich aus den Handschellen befreien kann.«
Milan runzelte die Stirn. »Ich hab’ gesehen, wie sie aus dem Fenster gesprungen ist.«
Ewan sah ihn ungläubig an. »Warum hast du sie dann nicht aufgehalten?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich schätze, ich wollte erst mal deine Version der Geschichte hören. Deinen Plan. Oder was auch immer. Du hast doch einen Plan, oder?«
»Der ist schiefgelaufen. Ich hatte Kiara schon so weit, dass sie mir geglaubt hat und mir vermutlich überallhin gefolgt wäre. Doch dann musste sich dieser blonde Bubi einmischen.«
Das musste der Junge sein, der im Morgengrauen das Haus verlassen hatte. »Wer ist er? Und warum hast du ihn überhaupt hierhin mitgenommen?«
Ewan verdrehte die Augen. »Kiara hat darauf bestanden, ihn mitzunehmen. Er war so was wie ihr bester Freund oder so. Auf jeden Fall dachten wir, dass er ein Mensch ist, der von nichts eine Ahnung hat. Er hat hervorragend geschauspielert, hat gesehen, wie ich ihr Blut getrunken hab und ist völlig ausgerastet und all das. Aber …« Ewan seufzte tief.
»Was aber?«
»Aber er ist ebenfalls einer von uns.«
»Von uns?« Das überraschte Milan nun wirklich, ihn, den eigentlich so gut wie nichts mehr überraschen konnte. »Und du hast das nicht früher bemerkt?«
»Wie hätte ich denn? Denkst du, der Bursche hat mich vorher auch nur einen Scheiß interessiert?« Er schüttelte abfällig den Kopf und lehnte sich gegen die hölzerne Wand. »Ich hab’ ihn mitkommen lassen, damit ich ein Druckmittel gegen Kiara habe. Ich dachte, sie hängt an ihm. Außerdem war er mir ein bisschen suspekt. Ich hielt es für klug, ihn im Auge zu behalten, weil er sich für meinen Geschmack zu sehr in Kiaras Entscheidungen einmischen wollte. Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass er meine Verbindung zum Himmel ausnutzt und ebenfalls vor dem Seelenteppich steht. In meinem Traum.«
Milans Mund klappte auf. Ein Verfluchter – okay. Aber einer, dessen Seele so bewandert war, dass er sich von der Menschenwelt trennen und im Traum aus dem System klinken konnte? Sich an Ewans Seele heften konnte, um mit ihr gemeinsam im Traum die Ebene der Wirklichkeit zu besuchen?
»Hast du mit ihm geredet? Was das sollte? Was er vorhat?«
Ewan verzog unzufrieden den Mund. »Nur kurz. Er meinte, er wolle uns helfen und habe sich nur zu uns gesellt, weil er verhindern wollte, dass Kiara die Kreise berührt.«
Das ergab keinen Sinn und Ewans Tonfall nach glaubte er diesem Falk ebenfalls nicht. Milan nahm sich vor, selbst ein ernstes Wörtchen mit dem neuen Verdammten zu reden. »Wo ist er hin?«
»Keine Ahnung. Er hat heute Morgen gesagt, dass er noch etwas zu erledigen hätte. Auf jeden Fall ist Kiara vermutlich seinetwegen abgehauen. Dass er auch ein Verdammter ist, hat sie eiskalt getroffen. Jetzt vertraut sie weder ihm noch mir. Alles an Vertrauen, was ich versucht habe aufzubauen, ist wieder weg. Und sie ist bestimmt längst per Anhalter auf dem Weg in eine Stadt ganz weit weg von mir.«
»Dir zu vertrauen, wäre ja auch töricht.«
Ewan warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
Milan lachte. »Ist doch so. Paige hat mir erzählt, dass du die Kleine umbringen wolltest. Stimmt das?«
Er wich seinem Blick aus und das war Antwort genug.
»Ich hätte dich nie für einen Mörder gehalten.« Milan seufzte. Ein letztes Mal glitt sein Blick durch das kleine Zimmer, blieb einen Herzschlag zu lange an Ewans Gesicht haften – dann drehte er sich zur Tür. Es war Zeit zu gehen. Er hatte für heute genug mit diesem Mann geredet, es waren so viele Worte gefallen wie schon seit Wochen nicht mehr. Milan hatte sich geschworen, Abstand zu halten und Ewan seinen eigenen Weg gehen zu lassen. Ewan hatte damals nicht auf ihn gehört, als er ihn vor der Beziehung mit Elaia gewarnt hatte. Er und sie hätten niemals zusammen sein können, selbst wenn Ewan nicht gestorben wäre. Sie war eine Göttin, sie gehörte nicht in die Menschenwelt. Aus ihnen hätte nie etwas werden können. Es war dumm von Ewan, sich nach seinem Tod in seine Rachegefühle hineinzusteigern. Es war dumm, dass er nach seinem Tod schon wieder nicht auf Milan gehört und das Blut eines Menschen getrunken hatte. Milan hatte ihn erneut gewarnt – warum tat er das überhaupt noch? Sein alter Freund schien nicht auf seinen Rat zu hören. Er war eigensinnig, unbelehrbar.
»Viel Spaß mit deinen Fehlern«, knurrte Milan und ließ das Haus hinter sich. Ewan lernte nicht durch weise Ratschläge anderer. Ewan war ein Mensch, der am eigenen Leib lernen musste.
Blieb jetzt also noch Kiara. Milan hoffte, dass er bei ihr mehr Glück haben würde, doch zuerst müsste er sie finden. Sie war anders als Paige oder andere Menschen, die von der Existenz der Verdammten wussten. Sie war keine Motte, würde niemals eine sein. Zwischen all den blassen Flügelwesen war sie ein schillernder Schmetterling.
Er betete inständig darum, dass die Gesandten sie nicht vor ihm fanden und ihr die Flügel herausrissen.
4. wanderhure
Wen siehst du, wenn du in den Spiegel schaust?
Ich traue meinem Spiegelbild schon lange nicht mehr über den Weg.
- aus den Briefen eines Gejagten -
Es wurde dunkler, meine Schritte schwerfälliger. Mit aller Kraft versuchte ich mich selbst davon zu überzeugen, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, von Ewan und Falk Reißaus zu nehmen. Ich war schon immer gut darin gewesen, auf mich allein aufzupassen. Jedenfalls so gut, dass ich allein klarkam. Und jetzt würde ich auch klarkommen. Das sagte ich mir zumindest immer wieder, während der Tag dem Abend wich und es zunehmend kälter wurde. Meine Finger und Lippen waren schon taub, der Hunger höhlte mich langsam von innen heraus aus und mein Hals war so trocken wie die Sahara. Es schien, als würde ich immer tiefer in den Wald hineinlaufen, und vermutlich war es wahrscheinlicher, dass ich bald einem Bären oder einem Hexenhäuschen gegenüberstand, als einer Landstraße.
Meine Beine waren schwer wie Betonklötze. Resigniert blieb ich stehen, warf meine Reisetasche ins Laub und sank auf ihr nieder. In dem verzweifelten Versuch, mich zu wärmen, schlang ich die Arme so fest ich konnte um meinen Oberkörper, doch es half natürlich nichts.
Wie viele Stunden streifte ich nun schon blind durch den Wald? Ich musste zugeben, dass ich mich hoffnungslos verlaufen hatte.
Nicht aufgeben, Kiara. Du bist eine Kämpferin. Keine Heulsuse, ermahnte ich mich. Vermutlich würde ich bald anfangen, Selbstgespräche zu führen, und tatsächlich hielt mich nur die Angst davon ab, von den Gesandten oder den Verdammten gehört und gefunden zu werden.
Moment mal, wie dumm war ich eigentlich? Hastig sprang ich von meiner Tasche auf und wühlte darin nach meinem Smartphone. Wir lebten im 21. Jahrhundert, verdammt! Doch meine Euphorie sank schnell gegen Null, als ich sah, dass ich hier kein Netz hatte. Mich mithilfe von google maps hier raus zu manövrieren, fiel also genauso flach wie endlich meinen Stolz herunterzuschlucken und um Hilfe zu rufen. Auch wenn ich nicht wusste, wen ich angerufen hätte – aber nun musste ich mir darüber ohnehin nicht den Kopf zerbrechen. Ich stopfte das Handy in meine Jeanstasche, zog den Reißverschluss der Tasche wieder zu und warf sie mir über die Schulter. Ich musste weitergehen, wenn ich nicht die Nacht hier verbringen wollte. Blieb nur noch zu hoffen, dass ich nicht die ganze Zeit im Kreis lief.
Mittlerweile war es so dunkel, dass ich den nächsten Baum kaum noch erkannte, bevor ich fast dagegen lief. Mein Nicht-Aufgeben-Mantra war einem Ich-bin-so-dumm-Mantra gewichen. Doch es war schon lange zu spät, um umzukehren. Vermutlich würde ich hier in diesem Wald draufgehen. Ja, hier würde Kiara Golding sterben. Nichts da mit Engeln, die nach mir suchten. Warum hatten sie mich eigentlich nicht längst gefunden? Ich war tatsächlich sauer auf die Engel, als ich hinter mir plötzlich ein Rascheln und leises Knacken hörte.
Wie angewurzelt blieb ich stehen. Es könnte natürlich ein Kaninchen sein, oder ein Reh. Es könnte aber auch jemand anderes sein. Was, wenn es nicht Ewan oder Falk war? Wenn es nicht einmal die Gesandten waren? Was, wenn es ein Psychopath mit einer Kettensäge war, der Jugendliche in Wäldern und Ferienhütten aufsuchte und massakrierte?
Ich hielt den Atem an und lauschte in die Dunkelheit. Mein verzweifelter Herzschlag war meinen eigenen Fantasien ausgeliefert und ich verfluchte mich dafür, in meinem Leben so viele Horrorfilme gesehen zu haben. Nun holten sie mich alle ein. Ich will nicht sterben, war mein letzter Gedanke, als sich plötzlich von hinten eine Hand über meinen Mund legte.
Ich zuckte zusammen und schrie auf. Der Laut wurde von der kalten, auf meine Lippen gepressten Haut gedämpft. Ich ließ die Tasche fallen und zerrte stattdessen an dem Angreifer, in dem verzweifelten Versuch, mich aus seinem Griff zu befreien. Das jahrelange Kampftraining sollte sich eigentlich in so einer Situation bezahlt machen, doch mein Körper war steif und halb erfroren. Der lange Fußmarsch und der Durst hatten mich so geschwächt, dass ich meinen Angreifer nicht einmal über die Schulter werfen konnte.
»Pscht, hör auf«, flüsterte eine männliche Stimme an meinem Ohr. Sein Atem streifte heiß meine eiskalte Wange. Meine Glieder erschlafften und ich fühlte mich wie festgefroren in Raum und Zeit, während ich überlegte, woher ich diese Stimme kannte …
»Kann ich dich jetzt loslassen, ohne dass du schreist?«, fragte der Mann.
Ich nickte, während mein Herz noch immer raste, als würde es mir aus der Brust springen wollen. Wer zum Teufel hatte mich gefunden?
Als er mich losließ, fuhr ich augenblicklich herum und sah ihm ins Gesicht, das durch die Dunkelheit der Nacht nur wie ein bleicher Schatten vor mir schwebte.
»Milan?«
»Der Leibhaftige.«
Perplex blinzelte ich ihn an. Was tat er hier? Sollte ich erleichtert sein, dass er mich gefunden hatte, oder eher besorgt?
»So wortkarg habe ich dich gar nicht in Erinnerung«, bemerkte er, als ich immer noch kein Wort herausgebracht hatte. »Aber ich fühle mich geschmeichelt, dass du meinen Namen noch kennst.«
»Was willst du hier?«, fuhr ich ihn an und strich mir hektisch die Haare hinters Ohr.
»Was ich hier in dem Wald will? Oder generell?«
Okay, mein Fehler. Ich hatte vergessen, dass es sich bei diesem Mann um ein idiotisches Exemplar handelte, zu dessen Fähigkeiten eine vernünftige Konversation offensichtlich nicht gehörte. Ich schnaubte, griff nach meiner Tasche und ging weiter meines Weges.
»Hey, wo willst du hin?«, zischte er leise und folgte mir.
»Ich muss weiter, ich habe nicht ewig Zeit.«
»Warte.«
Ich ignorierte ihn.
»Hey!« Diesmal griff er dabei nach meinem Arm und riss mich unsanft herum.
Wütend funkelte ich ihn an. »Fass mich nicht an!«
»Du brauchst Hilfe«, sagte er, ohne meinen Arm loszulassen.
»Ach, nur weil ich abends allein durch den Wald laufe? Vielleicht liebe ich die Natur?« Ich legte den Kopf schief und verzog die Lippen zu einem gespielten Lächeln.
»Zeig mir mal deine Hand.«
»Was?«
Ohne dass ich mich wehren konnte, hob er meine Hand auf Augenhöhe und zog ein Handy aus seiner Jackentasche, mit dessen Taschenlampe er meine Finger beleuchtete. Ich kniff die Augen gegen das grelle Licht zusammen.
»Ich hab’ da so eine Theorie«, erklärte Milan. »Eine Frau hat ihr Leben nur dann im Griff, wenn ihre Nägel gepflegt und lackiert sind.«
Ich öffnete den Mund, ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte. Was für eine schwachsinnige Theorie! Ich entriss ihm meine Hand. Meine Nägel sahen furchtbar aus. Dunkelrote Nagellackreste und Schmutz unter den Fingernägeln symbolisierten für Milan wohl das reinste Chaos in meinem Leben. Ich hatte es tatsächlich alles andere als unter Kontrolle, aber das würde ich ja bald ändern. Und dafür benötigte ich keinen Mann.
»Ich brauche keinen Ritter in schimmernder Rüstung.«
»Okay, ich hab’ Zeit«, erwiderte Milan zu meiner Überraschung. Er löschte das Licht seines Smartphones und die Dunkelheit verschluckte sein Gesicht.
»Okay.«
Und jetzt, Kiara? Ich wandte mich um und setzte erneut meinen Weg fort. Blind stolperte ich mehrere Meter vorwärts und verfluchte Milan dafür, durch den kurzzeitigen Lichteinfluss meine Augen von der Dunkelheit abgewöhnt zu haben. Wieder hörte ich seine Schritte hinter mir, doch diesmal rief er mir zumindest nicht mehr nach. Was hatte er vor? Hatte er es aufgegeben, mir seine Hilfe anzubieten? War ich zu stur und undankbar gewesen?
Ich stampfte durch das Geäst und mit jeder schweigsamen Minute kehrten die Kälte, die Erschöpfung und der Hunger zurück. Die Wut in meinem Magen wuchs, auch wenn sie sich größtenteils gegen mich selbst richtete. Für eine kurze Zeit hatte dieser blonde Verdammte mich abgelenkt, ja, mir sogar die irrsinnige Hoffnung gegeben, er würde mich hier aus dem Wald herausholen. Stattdessen hatte er sich nur für meine fehlende Maniküre interessiert.
Aufgebracht wirbelte ich zu ihm herum. Milan, der meinen plötzlichen Sinneswandel nicht hatte kommen sehen, lief in mich hinein. Meine Nase stieß gegen den Stoff seines Pullovers, der sich über seine Brust spannte. Der Geruch von Waschmittel stieg mir in die Nase. Einen Wimpernschlag später war Milan einen Schritt zurückgetreten und sah nun neugierig mit gehobenen Augenbrauen auf mich herab.
»Ich brauche keinen Stalker«, fuhr ich ihn an und hob drohend eine Hand zwischen uns. »Geh und pass lieber auf deinen Kumpel auf. Seid ihr überhaupt Kumpel? Wenn nicht, warum verfolgst du mich dann? Geh zurück in deine scheiß Villa und spiel Ausbilder für irgendwelche Menschen, die was mit der Sache zu tun haben wollen. Ich will nichts damit zu tun haben! Geh zu Paige! Wo ist sie überhaupt?«
Ich holte tief Luft und verschränkte die Arme. Okay, das waren jetzt mehr Sätze gewesen, als ich eigentlich hatte sagen wollen. Jetzt wirkte es so, als kümmere es mich, dass Paige mir in den Rücken gefallen war. Aber das tat es nicht. Paige konnte mir gestohlen bleiben. Und die Hilfe von diesem blonden, arroganten Mann ebenfalls.
Bevor Milan den Mund öffnen konnte, fuhr ich dazwischen: »Weißt du was? Du brauchst gar nicht zu antworten! Ich will die Antwort nicht hören. Lass mich in Ruhe.« Ich wirbelte herum, tat ein paar Schritte und stolperte auf einmal über eine Wurzel. Ich spürte bereits, wie ich dem Boden entgegenflog, doch dann wurde ich von hinten an meiner Jacke gepackt und zurückgezerrt.
»Bist du taub? Ich brauche deine Hilfe nicht!« Diesmal sah ich genauer hin, wo ich hinlief, bevor ich erneut losstampfte. Kaum verhallte meine Stimme zwischen den Ästen, bereute ich es, so laut gewesen zu sein. Ich musste vorsichtiger sein, wenn ich nicht von noch jemandem gefunden werden wollte.
»Wir können das die ganze Nacht machen. Kein Problem«, plauderte Milan hinter mir in gedämpftem Tonfall. Im Gegensatz zu mir schien ihn die Situation nicht aufzuregen. »Ich habe vorhin erst gegessen. Einen richtig großen, geilen Burger. Mit doppelt Fleisch. Du isst doch Fleisch, oder?«
Verarschte mich dieser Mann? Er wollte mich weichkriegen, schon klar. Vermutlich wollte er, dass ich ihn um Hilfe anbettelte. Er wollte, dass die Kälte oder der Hunger mich schwach machten, wenn es die Angst bei mir anscheinend nicht schaffte. Aber Milan kannte mich nicht. Wenn er das von mir erwartete, würde ich erst recht dagegen ankämpfen. Niemals würde ich einen Mann wie ihn um etwas anflehen.
»Oh, es ist gleich zweiundzwanzig Uhr. Paige liegt bestimmt schon in ihrem warmen Bett, hat einen heißen Kakao getrunken und kuschelt sich jetzt unter die Bettdecke, während sie vorm TV eindöst. Oder vermutlich eher vor einem Buch. Was machst du lieber? Lesen oder fernsehen?«
Seit einer Stunde plapperte Milan ununterbrochen. Wenn Ewan die schweigsamste Person war, die ich kannte, dann war Milan das genaue Gegenteil. Ich blieb dabei, ihn zu ignorieren. Auch wenn er Paige erwähnte und damit andeutete, dass sie derzeit bei ihm wohnte. Ich ließ mir nichts anmerken und fokussierte mich darauf, einen Schritt vor den nächsten zu setzen. Mittlerweile stolperte ich immer öfter, weil ich kaum noch stehen konnte. Ich hätte nicht gedacht, dass es in diesem Land so riesige Wälder gab. Ich hatte mich gnadenlos verlaufen und selbst, wenn ich Milan meine Schwäche eingestehen würde, würde es nichts mehr bringen. Er war ein Verfluchter und kein Zauberer. Er konnte nicht mit den Fingern schnipsen und uns an einen anderen Ort teleportieren. Auch wenn er, als er mich gefunden hatte, irgendwo in der Nähe ein Auto gehabt hatte, war das jetzt irrelevant, weil wir erstens das Auto niemals wiederfänden und zweitens ohnehin mehrere Stunden bis dorthin bräuchten. Und mehrere Stunden würde ich nicht mehr aushalten. Ich hielt kaum noch eine weitere Minute aus.
Ich blieb stehen, ließ meine Tasche fallen und setzte mich auf den kalten Waldboden. Ich spürte ohnehin nichts mehr. Mein Körper war so unterkühlt, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich hinzulegen und zu einer Kugel zusammenzurollen. Alles war taub und steif. Es fühlte sich gar nicht an wie mein Körper.
»Hey, was tust du da?«, hörte ich Milans Stimme von weit, weit weg.
Mit letzter Kraft zog ich mein Handy hervor und kontrollierte den Empfang. Bitte, bitte lass mich Netz haben. Ein einsamer Streifen verhöhnte mich. War das genug, um jemanden zu erreichen? Um aus diesem Wald herauszufinden? Ich würde es gleich versuchen. Mein Finger schwebte über dem Display, doch schwarze Flecken nahmen mir die Sicht. Nur eine Sekunde ausruhen …
»Kiara?«
Ich schloss die Augen und legte den Kopf zurück, doch anstatt gegen einen Stamm zu sinken, kippte ich kraftlos zur Seite.
***
Die Orgel begleitet meinen Gang zum Altar. Ich sehe zu den unzähligen Gesichtern, die mir von den Kirchenbänken entgegenstrahlen. Zwischen dem ein oder anderen Lächeln entdecke ich nasse Augen. Mein Blick wandert nach links zu dem Mann, der an meiner Seite läuft und bei dem ich mich untergehakt habe. Papa. Ich lächele rührselig, freue mich, dass all unsere Streitereien an diesem Tag bedeutungslos sind. Ich bin endlich die Tochter geworden, die er sich immer gewünscht hat. Als er meinen Blick bemerkt, drückt er aufmunternd meinen Arm. Ich sehe wieder nach vorn zum Altar, vor dem Falk bereits auf mich wartet. Er trägt einen sündhaft teuren schwarzen Anzug und seine sonst wirren goldenen Locken sind heute streng nach hinten frisiert. Er beobachtet mich, kann den Blick nicht von mir losreißen. Die Tränen in seinen Augen schnüren mir die Kehle zu. So viel Zuneigung fließt durch meine Brust, dass sie mir die Luft nimmt.
Das hier ist wahrgewordene Liebe.
Als ich direkt vor meinem Bräutigam stehen bleibe, verstummt die Musik. Die gesamte Kirche ist still und schaut zu uns hoch.
Die Worte des Pastors brechen die Stille und heißen die Anwesenden willkommen. Ich höre gar nicht richtig zu, so nervös bin ich. Ich kann nicht glauben, dass ich ab heute seine Frau sein werde. Dass ich eine Familie gründen werde. Dass ich endlich ankomme, anstatt rastlos weiterzuziehen.
»Kiara Elisabeth Golding, wollen Sie den hier anwesenden Falk Reuer zu Ihrem rechtmäßigen Angetrauten nehmen, ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Tagen, so antworten Sie mit Ja, ich will.«
Mein Herz hüpft mir fast aus der Brust. Falks blaue Augen blicken direkt in meine, geben mir Halt, Sicherheit, Liebe.
»Ja, ich will.«
Mit einem Schrei fuhr ich hoch. Keuchend drehte ich den Kopf in alle Richtungen und realisierte langsam, dass ich nur geträumt hatte. Ich lag in einem Bett, die Sonne schien durch das Fenster – doch nichts an diesem Zimmer kam mir vertraut vor.
Wo zur Hölle bin ich?
Ich rieb mir übers Gesicht, versuchte diesen äußerst irritierenden Traum zu vergessen und sah mich noch einmal in Ruhe um. Die Wände waren fliederfarben, schwere graue Vorhänge fielen neben dem Fenster bis zum Boden. Die Möbel waren weißes schlichtes Ikea-Mobiliar, es befand sich keinerlei unnötige Deko oder persönliche Note in dem Zimmer.
Ich schlug die ebenfalls fliederfarbene Bettdecke zurück und sah an mir herunter. Zum Glück war ich angezogen. Angestrengt versuchte ich, mich an den vergangenen Abend zu erinnern, doch immer wieder landete ich bei den Bildern meines Traums. Ich wollte mich beim Anblick von Falks Gesicht schütteln, doch stattdessen klopfte mein Herz schneller. Was war nur los mit mir? Mein Körper schien sich nicht einmal entscheiden zu können, ob ich gerade aus einem Albtraum oder einem Wunschtraum erwacht war.
Meine trockene Kehle und die dumpfe Leere in meinem Magen brachten mich zum Glück auf andere Gedanken. Ich schwang die Beine aus dem Bett und konzentrierte mich. Das Landhaus in den Wäldern. Ich hatte erneut die Flucht ergriffen. Als ich aufstand und das Zimmer durchqueren wollte, fiel mir meine Reisetasche ins Auge, die neben dem Bett am Boden lag. Ich runzelte die Stirn. In dem Moment, in dem mich der Schwindel überkam, kamen auch die Erinnerungen zurück.
»Milan!«, keuchte ich und wankte zur Tür. Der Adrenalinpegel in meinem Körper stieg schlagartig an und verscheuchte das Schwindelgefühl. Wenn dieser Mann es gewagt hatte, mich zu entführen und in sein Bett zu legen, als wäre ich eine Barbiepuppe –
Ich riss die Tür auf und sah mich auf dem Gang davor um. Obwohl alle Wände weiß gestrichen waren, fühlte ich mich, als befände ich mich in einem Haus aus Schatten. Kein Sonnenstrahl drang hier herein und es herrschte eine eiskalte Atmosphäre, als würde eine Dunkelheit auf mich lauern. Als befände sich die Gefahr bereits hinter der nächsten Ecke oder der nächsten Tür.
Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen und schlich über den dunklen Holzboden bis zur Treppe. Von unten drangen Geräusche zu mir herauf.
»Na, endlich wach?«
Zu Tode erschrocken fuhr ich herum und entdeckte Milan, der nur ein paar Schritte hinter mir stand. Wie hatte ich ihn nicht näher kommen hören?
»Du hast mich zu dir gebracht? Ernsthaft?«, fragte ich und bemühte mich, mir nichts von meinem Schreck anhören zu lassen.
Er hob die Augenbrauen und schmunzelte. Das Grün seiner Augen funkelte verschmitzt und je länger er meinen Blick erwiderte, desto unwohler fühlte ich mich. Etwas schnürte mir die Kehle zu.
»Das war besser, als dich ohnmächtig im Wald liegen zu lassen, oder?«
Ich war mir da nicht so sicher. Milan und Ewan kannten sich. Wenn Milan mich zu sich nach Hause gebracht hatte, würde es vermutlich nicht lange dauern, bis Ewan im Schlepptau mit dem Mann aufkreuzte, vor dem ich geflohen war.
»Ich habe Ewan nichts von dir erzählt«, fügte er hinzu, als habe er meine Gedanken gelesen.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und deutete mit dem Kopf die Treppe hinunter. »Wer ist noch hier?«
»Paige. Sie macht Mittagessen. Ich nehme an, du hast Hunger?« Sein rechter Mundwinkel zuckte. Obwohl ich vor Hunger fast umkam, verspürte ich keine Eile, die rothaarige Brillenschlange wiederzusehen, die mich im Stich gelassen hatte.
Gemächlich ging Milan an mir vorbei und stieg die Treppe hinunter. Er war die Gelassenheit in Person, als wüsste er ohnehin, dass ich ihm folgen würde. Wenn ich die Augen schloss und tief einatmete, stieg sogar der Duft von gebratenem Fleisch und Gemüse in meine Nase. Verdammt!
Seufzend verdrängte ich meinen Ärger und folgte meinem neuen Gastgeber.
Von den Händen eines Verfluchten wurde ich zum nächsten weitergereicht. Wer war ich – ihre billige Wanderhure? Der Gedanke gefiel mir ganz und gar nicht, doch um an meinem Schicksal etwas zu ändern, musste ich erst wieder zu Kräften kommen.
Ich ignorierte Paige. Ihre strahlende Begrüßung, ihre Frage nach meinem Wohlbefinden und auch ihre gestammelte Entschuldigung, als sie merkte, dass ich alles mit kalter Schulter abblockte. Als ich sie zum letzten Mal gesehen hatte, hatte ich sie um Hilfe gebeten, weil Ewan mich fast umgebracht hätte – dann war Paige einfach verschwunden und hatte sich nie wieder blicken lassen.
Ich setzte mich stumm an den Tisch und füllte meinen Teller mit den gebratenen Ministeaks und einer Portion Nudelsalat.
»Mach dir nichts draus, Paige. Gestern war sie auch schon so zickig und undankbar«, sagte Milan und setzte sich neben mich. »Vielleicht ist das der Hunger. Wir sollten Snickers kaufen, wenn es nach dem Mittagessen nicht besser mit ihr wird.«
Ich knirschte mit den Zähnen, sagte aber nichts.
»Bist du sauer auf mich?«, fragte die rothaarige Motte, die Milan sich als Schoßhündchen hielt. »Ich habe dich nicht im Stich gelassen. Ich wollte Hilfe holen.«
»Klar, deshalb kam deine Hilfe auch nie an.« Ich trank einen Schluck und genoss das Gefühl des Wassers in meiner ausgetrockneten Kehle.
Paige stellte ein leeres Glas vor Milan auf den Tisch und schüttete ihm Cola ein. Obwohl es mir immer noch fremd war, dass Milan sich von seinen Motten bedienen ließ, beobachtete ich das Ganze mit kaltem Desinteresse – bis Paige plötzlich ein scharfes Küchenmesser in der Hand hielt und sich über ihre Fingerkuppe fuhr.
Ich verschluckte mich an meinem Wasser und stellte das Glas ab.
Ohne das Gesicht zu verziehen, ließ Paige ein paar Tropfen ihres Blutes in Milans Getränk tropfen. Dann ging sie zum Wasserhahn, ließ kaltes Wasser über ihre Hand laufen und verschloss die Wunde mit einem bereitgelegten Pflaster, als wäre das ein tägliches Essensritual.
Mein Blick huschte zu dem blonden Mann an meiner Seite, der das Glas in die Hand nahm und mir zuprostete. Sein schiefes Grinsen verriet, dass ihn meine Sprachlosigkeit amüsierte.
Ich räusperte mich und wandte mich erneut dem Essen zu. Dass Verdammte Blut tranken, war für mich nichts Neues. Lediglich die Selbstverständlichkeit oder die Alltäglichkeit dieser kleinen Geste hatte mich überrumpelt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich Ewan irgendwann nebenbei mein Blut in sein Getränk tropfen lassen würde. Ich verscheuchte diese Vorstellung und widmete mich stattdessen den köstlich duftenden Steaks. Niemals wieder würde ich einer dieser unsterblichen Kreaturen freiwillig mein Blut geben.
Das Trinken und Essen tat so gut, dass ich meine Wut auf Paige und Milan für einen Moment sogar vergaß. Vorerst schien ich hier in Sicherheit zu sein, also beschloss ich, Klartext zu reden.
»Was wollt ihr von mir?«
Der blonde gutaussehende Mann und die rothaarige Studentin tauschten geheimnisvolle Blicke. Als überlegten sie, welche Version der Wahrheit sie mir erzählen konnten, ohne dass ich schreiend hinausrannte.
»Also?« Ich hob abwartend die Augenbrauen. Es gab nun wahrlich nichts mehr, was mich noch schockieren könnte. In den letzten zwei Wochen hatten sich meine Weltanschauung und mein Leben um 180 Grad gewendet, ab jetzt konnte es nur noch normaler werden.
Milan seufzte. »Ewan hört nicht auf meine Ratschläge. Vielleicht bist du leichter zur Vernunft zu bringen als er.«
Ich runzelte die Stirn, spießte ein Salatblatt und ein Stück Fleisch auf und nahm einen Bissen, während ich seine Worte zu analysieren versuchte. »Was hast du ihm denn geraten?«, fragte ich kauend.
Milan verdrehte die Augen. »Vieles. Hätte er auf mich gehört, befänden wir uns jetzt nicht in dieser Lage. Fakt ist, dass die Gesandten nach euch beiden suchen. Um ihn zu tilgen, müssen sie dich töten. Ich biete dir meinen Schutz an. Die Gesandten können mich nicht aufspüren, hier wärst du also in Sicherheit, während Ewan eine wandelnde Zielscheibe ist.«
»Und warum ist er für die Gesandten einfacher zu finden als du?«
»Je älter Verdammte sind, desto schwieriger ist ihre Verfolgung für den Himmel, weil wir uns immer weiter von unserem menschlichen Leben entfernen. Ewans Spuren sind noch frisch – ich hingegen bin so alt, dass ich mich nicht einmal an mein menschliches Leben erinnere.«
Ich ließ mir Milans Worte und sein Angebot eine Weile durch den Kopf gehen. Mein eigener Plan – in einer Stadt ganz weit weg von hier einen Neuanfang zu wagen – hatte mehrere Risiken. Wenn himmlische Gesandte wirklich existierten und mich jagten, musste ich diese Gefahr ernst nehmen und mich erst einmal aus dieser Lage herauswinden, bevor ich irgendwo ein neues Kapitel aufschlug. Und ganz ehrlich: wollte ich wirklich zurück in meinen langweiligen, von Geldsorgen geplagten Alltag? Ich hatte immer nach mehr gelechzt und das hier war mehr. Milans Vorschlag, mir Schutz vor den Gesandten zu bieten, klang tatsächlich gut, logisch und nicht einmal allzu kompliziert. Doch jede Hilfeleistung hatte einen Haken.
»Warum solltest du mir helfen?«, fragte ich deshalb. Was hatte er davon, sich in meine Flucht vor den Gesandten einzumischen?
»Das lass mal meine Sorge sein.«
Meine Skepsis vertrieb diese Antwort erst recht nicht, doch ich beschloss mitzuspielen, bis mir ein besserer Plan einfiel.
Ich schob meinen leeren Teller beiseite und lehnte mich zurück. »Wusstest du eigentlich, dass Ewan das Buch gefunden hat?«
Als ich Milan das letzte Mal gesehen hatte, war er ganz scharf darauf gewesen, es zu finden. Ewan und Milan hatten die Absprache getroffen, dass derjenige, der es als erstes fand, dem anderen Bescheid gab. Der Art, wie Milan jedoch gerade an seinem Fleisch erstickte, entnahm ich, dass Ewan sich nicht an den Deal gehalten hatte.
»Das Buch?«, röchelte er.
»Das Schwarze Buch der Verdammten«, konkretisierte ich in einem geheimnisvollen Singsang, als würde ich für eine Geisterattraktion vorsprechen.
Milan fand diese Information weder witzig, noch nahm er sie mit Jubelschreien auf. »Wo hat der Wichser es her?«
Ich zog beeindruckt die Augenbrauen hoch. »Und ich dachte, nur ich hätte ein Problem mit ihm.«
Milan knallte das Besteck auf den Tisch und schob den Stuhl zurück. Anscheinend war ihm der Appetit vergangen.
»Du musst was falsch verstanden haben. Oder er hat dich angelogen. Er kann das Buch nicht so schnell gefunden haben. Unmöglich.« Milan murmelte vor sich hin und tigerte in der Küche auf und ab. Sein Gesicht war tiefrot angelaufen.
»Meister.« Paige sprang von ihrem Stuhl auf und legte Milan eine Hand auf die Schulter, doch er schüttelte sie ab und spießte mich stattdessen mit seinem Blick auf.
»Hast du es gesehen? Hat er es wirklich?«
Ich nickte, sichtlich verwirrt, dass Milan dieses Buch so wichtig war.
»Wo ist es jetzt?«
»Darian hat es gestohlen. Ewans Bruder.«
Milan runzelte die Stirn. »Das … das ergibt alles keinen Sinn.«
Gut, dass Milan und ich uns zumindest in dieser Sache einig waren. Vielleicht war ich hier also doch gar nicht so schlecht aufgehoben. Milan hatte etwas an sich, dass er statt Angst das Gefühl in mir weckte, auf derselben Seite zu stehen. Aber das Gefühl hatte ich bei Falk auch schon gehabt …
Ich schluckte und sah hinunter auf die Maserung des Tisches. Ich hatte gerade eben erst die Lektion erteilt bekommen, niemandem mehr vertrauen zu können. Also würde ich das auch nicht mehr tun.
»Ich muss ein paar Mails checken«, sagte ich schnell und erhob mich. Ich wollte an mein Handy und ein paar Nachrichten verschicken, sichergehen, dass die Leute, die mir im Entferntesten etwas bedeuteten, in Ordnung waren. Dass die Säulen meines alten Lebens noch standen – falls ich jemals doch dahin zurückkehren wollte. Andererseits wollte ich Milans Nähe entfliehen, bevor mich das Gefühl von Vertrautheit wieder auf den falschen Weg brachte.
Ich verließ die Küche, ohne dass Paige oder Milan mich aufhielt, doch als ich am Treppenabsatz stand, griff plötzlich jemand nach meinem Arm.
»Lass uns reden«, sagte Paige. Ihre Augen hinter den Brillengläsern flehten mich geradezu an.
Ich schnaubte und entriss ihr meinen Arm. Hatte ich vorhin beim Essen nicht schon deutlich gemacht, dass ich nicht hier war, um mit ihr zu reden? Ohne ein Wort ging ich die Treppe hoch. Paige folgte mir wie lästiges Ungeziefer.
Vor dem Zimmer, in dem ich geschlafen hatte, drehte ich mich zu ihr um. »Ich hab dich früher schon nicht gemocht, aber jetzt bist du ja noch nerviger.«
Meine Worte trafen sie, das sah ich ihr deutlich an. Dabei hatte ich ihr von vornherein klargemacht, dass ich keine Freundin suchte. Die zwei Tage mit mir hätten ihr eigentlich reichen müssen, um mich so weit kennenzulernen, dass ihr das klar wäre.
»Was hätte ich denn tun sollen?«, fragte sie. »Du hast gesagt, ich soll Hilfe holen, als er dich angegriffen hat. Ich selbst hätte dich kaum vor ihm verteidigen können, oder?«
Ich schüttelte den Kopf und betrat das Zimmer. Mit meiner Reisetasche setzte ich mich aufs Bett, doch Paige folgte mir auch hierhin.
»Du hättest hundert Sachen machen können, um mir zu helfen«, fauchte ich. »Stattdessen bist du zu Milan gerannt und hast dich hier verkrochen. Dich hat es nicht einmal interessiert, ob ich überlebt habe.« Ich zog den Reißverschluss auf und holte mein Handy heraus. Mehrere entgangene Anrufe blinkten mir vom Display entgegen: ein verpasster Anruf von meinem Vermieter, eine Nachricht von meinem Vater, vier Nachrichten und zwei Anrufe von Mia.
»Das stimmt nicht«, erwiderte Paige vehement und stellte sich vor mich. »Jetzt sieh mich gefälligst an.«
Ich hob den Kopf und bemühte mich um einen desinteressierten Gesichtsausdruck.
»Ich war besorgt um dich und habe versucht, Milan zu überreden, dir zu helfen.«
Ich verdrehte die Augen. »Also habe ich es dir zu verdanken, dass er mich im Wald aufgegabelt und hierher verschleppt hat? Was erwartest du? Ein Dankeschönkärtchen?«
Wütend presste Paige die Lippen zusammen und ballte die Fäuste. »Ich habe keine Ahnung, warum du so zu mir bist! Wenn es dir lieber ist, völlig allein zu sein, bitteschön!«
Damit wirbelte sie herum und stolzierte aus dem Zimmer. Mein schlechtes Gewissen schluckte ich herunter. Ich war es gewohnt, meine Mitmenschen zu vergraulen. Als sie voller Wucht die Tür hinter sich zuschlug, zuckte ich trotzdem kurz zusammen.
»Ich bin so oder so allein«, antwortete ich leise auf ihre Frage. Auf diese Weise wusste ich wenigstens, dass ich allein war. Das war besser, als die Illusion einer Freundschaft aufzubauen, nur um nachher enttäuscht zu werden.
5. hinter feindlichen grenzen
Und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen.
- aus der Bibel, Lukas 21:26 -
Falks Unterleib schmerzte noch immer. Obwohl kein Messer mehr drinsteckte und die Wunde sich geschlossen hatte, war es, als fühle er den Einstich noch. Zu tief war die Klinge eingedrungen und er brauchte dringend Blut, um wieder zu Kräften zu kommen. Allerdings bezweifelte er, dass er in Gegenwart der himmlischen Kreaturen an das rote Elixier gelangen konnte. Sie würden ihm mit Sicherheit keins geben.
Schweigend ging er mit ihnen mit. Direkt hinter ihm lief der Schwarzhaarige, der die Klinge in ihn gerammt und damit seine Tarnung hatte auffliegen lassen.
Kurz überlegte Falk, ob er eine Chance hatte, wenn er jetzt die Waffe zog, die er zwischen Steißbein und Hosenbund geklemmt hatte. Die himmlische Klinge hatte er bei seinem letzten Besuch in Ewans Haus mitgehen lassen. Die Engel waren offenbar noch unbewaffnet, doch sie waren in der Überzahl. Er verwarf den Gedanken wieder und beschloss, auf eine bessere Gelegenheit zu warten.
Er quälte sich nicht mehr länger mit der Frage, warum er so viel riskiert hatte – warum er dem Erzengel nachgelaufen war. Er hatte keine andere Wahl gehabt. Der Lauf der Dinge musste verändert werden, er musste etwas tun, auch wenn er dabei sein Leben riskierte.
Aber ich darf es nicht verlieren, dachte Falk, während der Wald um sie herum sich lichtete und die Sonnenstrahlen das Blätterdach durchdrangen. Wenn er getilgt wurde, bevor sich etwas grundsätzlich verändert hatte, würde die Welt untergehen und niemand würde das mehr verhindern können. Die Engel würden das Ende zu spät kommen sehen und den Tod von Milliarden menschlichen Seelen in Kauf nehmen. Andererseits … vielleicht war sein Tod die Veränderung, die es brauchte, um das alles zu verhindern …
Falk fragte sich, ob ihn eine himmlische Klinge überhaupt tilgen würde, oder ob seine Seele noch immer mit ihr verbunden war. Vielleicht sollte er es darauf anlegen und sich von den Engeln töten lassen.
Als er das Ziel ihres Fußmarsches erkannte, riss es ihn aus seinen selbstzerstörerischen Gedanken und er blieb wie angewurzelt stehen.
»Weiterlaufen!«, kam es zischend von hinten und ein harter Stoß in seinen Rücken ließ ihn vorwärts taumeln.
»Was wollen wir hier?«, fragte er, obwohl er nicht wirklich mit einer Antwort rechnete. Sie traten als bunt zusammengewürfelte Fünfergruppe aus dem Schatten der Bäume und befanden sich vor der kleinen Ferienhütte, die ihm nur allzu vertraut war.
Wollten die Gesandten kurzen Prozess machen und Kiara und Ewan gleich hier auf der Stelle abschlachten? Eine kleine Stimme in ihm fragte sich, ob das vielleicht nicht die beste aller Lösungen war. Ob das nicht die einzige noch denkbare Lösung war.
»Raphael und Uriel, kontrolliert, wer sich derzeit im Haus befindet, und erstattet mir Bericht«, befahl Darian.
Falk beobachtete, wie sich die junge Frau und der bärtige Holzfäller zur Ferienhütte schlichen, an der Holzfassade entlangglitten und in jedes Fenster spähten. Als sie die untere Etage gesichert hatten, winkte Uriel die Schwarzhaarige herein. Erschrocken bemerkte Falk, dass die Haustür fehlte, als habe sie bereits jemand aus den Angeln gerissen.
Was war hier passiert?
Wenige Minuten später kamen die beiden Gesandten zurück.
»Der Sünder befindet sich im Haus. Er hat uns nicht bemerkt. Er ist allein«, berichtete der Mann.
Ewan war allein? Wo war Kiara? Ewan hätte sie unmöglich einfach gehen lassen und ohne Wagen kam sie nirgends hin.
»Sie muss vor ihm geflohen sein«, sinnierte Darian. »Wir brauchen sie beide. Ohne sie können wir nichts mit ihm anfangen.«
»Dann sollten wir bei ihr zu Hause auf sie warten. Du weißt doch, wo sie wohnt?«, fragte Gabriel, der tätowierte Biker, der Falk niedergestochen hatte.
»Nein. Sie wird nicht so dumm sein, wieder dorthin zurückzukehren.«
»Aber wo wird sie dann hingehen?«, fragte die Schwarzhaarige.
»Das lasst mal Ewans Sorge sein. Er wird sie schon für uns finden.«
Ein teuflisches Grinsen glitt auf Darians Gesichtszüge, während Falk ein Schauer den Rücken hinabrieselte. Ja, diese Geschöpfe stammten aus dem Himmel – doch ihr Auftrag war es, den Tod zu bringen.
***
Darian war offensichtlich nicht dumm. Der Plan, den er geschmiedet hatte, konnte tatsächlich funktionieren. Sie waren zurück zu Ewans Wagen gegangen, um ihm sein Auto wiederzubringen. Ewan würde damit fortfahren und Kiara suchen – und Raphael würde sich im Körper der hübschen Schwarzhaarigen an seine Fersen heften.
Falk mischte sich nicht ein. Er hoffte, dass Kiara schlau genug war, um das Weite gesucht zu haben. Wenn sie die Möglichkeit zur Flucht hatte, würde sie sich nicht wieder von Ewan einfangen lassen, oder?
»Wir anderen brauchen ebenfalls ein Auto«, sagte Darian. Er reichte Raphael die Schlüssel für Ewans Wagen und nahm ein altes Buch vom Rücksitz. Die Bibel der Verdammten. Falk kannte sie in- und auswendig.
»Mein Wirt wohnt hier in der Gegend. Ein fetter Jeep stand vor dem Haus, den können wir nehmen«, schlug Uriel vor.
»Sehr gut. Rapha, du weißt, was du tust?«
Die Schwarzhaarige saß bereits hinterm Steuer und startete den Motor. »Ist nicht der erste Wagen, den ich fahre.«
Darian verdrehte die Augen. »Das meine ich nicht.«
Raphael grinste. »Ich weiß, Bruderherz. Aber sieh mich an. Ich habe den Körper eines Models. Männer sind so einfach gestrickt – ich habe bereits einen Plan.« Als sie verführerisch die Augen niederschlug, entwich Falk ein belustigtes Schnauben. Glaubte sie wirklich, sie könnte Ewan verführen? Dafür war er eindeutig der falsche Mann.
»Was gibt es da zu lachen, Verfluchter?«, fuhr Gabriel ihn an.
»Nichts, sorry.«
Raphael schlug die Fahrertür zu und winkte ihnen zum Abschied, ehe sie mit durchdrehenden Reifen davonbretterte.
Die anderen Gesandten setzten sich ebenfalls in Bewegung, Gabriel packte Falk am Arm und zog ihn mit sich. Vorerst standen seine Chancen zur Flucht schlecht, doch irgendetwas sagte ihm, dass die Lage für ihn noch schlimmer werden würde, wenn sie den Wald erst einmal verlassen hatten.
Sie kamen bei dem Jeep an, als hätten die Gesandten ein verdammtes Navigationsgerät in ihrem Gehirn installiert. Falk war es ein Rätsel, wie sie es so gezielt und schnell aus dem Inneren des Waldes geschafft hatten. Dass Uriels Körper hier wohnte, konnte nicht die ganze Erklärung sein. Die Engel mussten eine Verbindung zum Himmel haben, einen Kontaktmann, der sie mit Informationen versorgte und sie leitete, anders konnte Falk sich das nicht erklären.
»Haben wir einen Plan?«, fragte Uriel und blieb in der Einfahrt stehen. Das Haus vor ihnen war rustikal und groß. Es hatte eine hölzerne Veranda und eine rote Fassade.
»Wir gehen rein, binden ihn fest und verhören ihn. Währenddessen besorgt einer von uns die Waffen. Ihr werdet alle eine brauchen, wenn wir uns mit den Verdammten anlegen.«
Bei Darians Worten überlief Falk ein kalter Schauer. Er hatte schon immer wissen wollen, woher die Gesandten ihre himmlischen Klingen bekamen. Wenn ihre Seelen in menschliche Körper geschickt wurden, konnten sie schließlich keine Schwerter mitnehmen. Wenn sie nur wüssten, dass Falk selbst eine dieser Waffen bei sich trug …
»Ich bleib’ hier und verhör den Wichser.«
Darian und Uriel blickten den tätowierten Biker entsetzt an.
»Deine Wortwahl lässt wirklich zu wünschen übrig, Gabriel«, tadelte Uriel.
»Ist der Einfluss des Menschen, in dem ich stecke. Sorry, Jungs.« Er zuckte mit den Achseln.
Darian legte Uriel eine Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihm. »Ich bin froh, dass du da bist, Uriel. Wenigstens einer, der seine Rationalität und Ruhe behalten hat«, raunte er ihm zu, gerade so, dass Falk es noch hörte. Er musste herausfinden, bei welchem dieser Seelen seine Chancen am besten standen, um angehört zu werden. Welcher Engel würde seine Geschichte glauben?
»Dann werde ich mich wohl allein auf dem Weg in die Kirche machen. Hoffentlich haben sie dort genug auf Vorrat. Mir scheint es so, als bietet diese Umgebung nicht gerade die prunkvollsten Gotteshäuser«, bemerkte Uriel seufzend und ließ seinen Blick über die Wälder und Weiden schweifen, die sich in alle Richtungen erstreckten.
»Du wirst schon eine finden«, sagte Darian und klopfte ihm bestätigend auf die Schulter.
»Pass auf ihn auf.« Uriel nickte in Richtung Gabriel und stieg dann in den schwarzen Jeep. »Wäre super, wenn der Verfluchte noch lebt, wenn ich wiederkomme.« Er schlug die Wagentür zu.
»Ohne die richtige Waffe kann ich ihn nicht töten!«, rief Gabriel ihm zu. »Also bring sie mir!«
Nachdem Uriel gefahren war, betraten sie das Haus. Darian öffnete die Tür, als bräuchte er nicht einmal einen Schlüssel. Obwohl Falk in seiner Zeit als Verdammter schon einiges über Seinesgleichen und den Himmel erfahren hatte, wusste er dennoch nicht, wie weit die Kräfte der Gesandten gingen. Wie weit der Einfluss des Himmels auf der Erde reichte.
»Such was zum Festbinden«, wies Darian Gabriel an und schob Falk unterdessen in die Küche. »Setz dich doch, Verdammter.«
Falk nahm auf einem der Küchenstühle Platz, wobei der Dolch in seinem Rücken sich hart gegen seine Haut presste und nach oben rutschte. Zum Glück hatte er ein Tuch um die Klinge gewickelt, sodass er sich nicht selbst aufschlitzte. Währenddessen ließ Falk Darian nicht aus den Augen. Er kannte dieses Gesicht, als wäre es sein eigenes. Es war nach all der Zeit immer noch seltsam für ihn, dass sich Michael in diesem Körper befand. Die Mimik, die Gestik, all die Details wichen von der Erscheinung des echten Darians ab. Ob er den echten Darian jemals wiedersehen würde?
»Was wollt ihr von mir?«, fragte Falk. Jetzt, da er saß und der Adrenalinspiegel wieder sank, spürte er den Schwindel, der von seinem Blutverlust herrührte. Lange würde er hier nicht aushalten, weshalb er die Zeit nicht mit Schweigen vergeuden durfte.
Darian lehnte sich mit dem Rücken gegen die Küchentheke und verschränkte die Arme vor der Brust. Aus diesen vertrauten braunen Augen musterte er ihn neugierig.
»Du hast alle die ganze Zeit an der Nase herumgeführt.« Er legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. »Wieso?«
»Wieso ich Kiara und Ewan nicht gesagt habe, was ich bin?«, echote Falk ungläubig. War das hier ernsthaft die wichtigste Frage, die im Raum stand?
6. neue und alte verbündete
Fliehen ist einfacher als kämpfen. Beim Taekwondo gewinne ich meine Kämpfe, weil ich meine Gegner und ihre Schwachstellen kenne. Weil ich die Schritte und meine Tritte beherrsche. Doch wenn man nicht weiß, wer der Feind ist, wenn man seinem eigenen Verstand nicht mehr trauen kann, dann erstarrt man und kann die einfachsten Bewegungen nicht mehr ausführen. Man fühlt sich nicht mehr in der Lage zu kämpfen, obwohl man sein ganzes Leben lang dafür trainiert hat.
- aus den Erkenntnissen einer Seele -
»Wir müssen reden.«
Kaum hatte ich Mia zurückgetextet, dass ich noch lebte, aber für einige Wochen wegen eines gebrochenen Beines nicht mehr zum Taekwondo kommen würde, da stand Milan in der Tür.
»Worüber?«, fragte ich und blickte von meinem Handy auf.
Der blonde Mann, von dem ich im Grunde nichts wusste, außer dass er ein Bekannter von Ewan war und mit ihm das gleiche untote Schicksal teilte, kam auf mich zu und blieb vor dem Bett stehen. Aus grünen Augen musterte er mich so eindringlich, dass ich den Rücken durchdrückte und die Schultern straffte. Unverwandt starrte ich zurück.
»Darüber, was in den letzten Tagen passiert ist und was dein blonder Freund damit zu tun hat«, antwortete er.
Er meinte offensichtlich Falk. Ein Thema, über das zu plaudern ich nicht gerade erpicht war. Woher wusste er überhaupt von ihm?
»Frag doch deinen Kumpel Ewan, was er in seinem Landhaus mit mir vorhatte. Und Falk ist nicht mein Freund. Er ist ein Kommilitone und ich hatte keine Ahnung, dass er bereits das Zeitliche gesegnet hat. War’s das? Ich hätte gern etwas Privatsphäre. Danke für deine Gastfreundschaft, aber ich kenne dich nicht und habe dich nicht darum gebeten, hier zu sein.« Ich lächelte übertrieben freundlich und hoffte, er würde mich jetzt allein lassen.
Aber nein. Er setzte sich stattdessen neben mich auf das Bett. Ich stöhnte und verdrehte die Augen. Was war nur los mit den Leuten? Ich brauchte dringend etwas Zeit für mich, um all meine Möglichkeiten abzuwägen und wieder zur Ruhe zu kommen. Ich fühlte mich wie ein gejagtes Kaninchen, das in die Ecke gedrängt wurde.
»Was wollte dieser Falk von euch?« Milan überging meinen Wunsch einfach.
»Wie oft soll ich das noch sagen? Ich weiß es nicht.« Und ich wollte es nicht einmal wissen. Ich wollte weder wissen, warum er gelogen, noch warum er mich gezeichnet hatte. Was ich wollte, war, ihn aus meinem Gedächtnis zu streichen. Ich wünschte, ich hätte ihn niemals kennengelernt.
»Er ist euch nicht ohne Grund gefolgt, Kiara.«
Ich presste die Lippen zusammen. Dachte Milan, ich wüsste das nicht? Natürlich hatte Falk einen hinterhältigen Plan verfolgt, wenn er mir vorgespielt hatte, ein ganz normaler Mensch zu sein. Er hatte vermutlich von vornherein gewusst, was Ewan war – noch bevor ich es erfahren hatte! Er hatte sogar gewusst, dass ich mit ihm verbunden war. Er hatte alles gewusst.
»Warum musste Ewan bloß mein Blut trinken?«, fauchte ich, mehr zu mir selbst, als dass ich eine Antwort von Milan erwartete. Die Antwort kannte ich bereits und niemand konnte mehr etwas daran ändern. Damit hatte alles angefangen und jetzt steckte ich in dem Schlamassel.
»Immer noch sicher, dass ich ihm nicht sagen soll, dass du hier bist?«, fragte Milan in sanfterem Tonfall.
Ich schüttelte den Kopf. Mir war klar, dass ich es nicht ewig vor mir herschieben konnte, doch ich war noch nicht bereit, ihn wiederzusehen. Seit jener Nacht, in der Ewan mir die Wirklichkeit gezeigt hatte, in der ich ihn mit Elaia gesehen und in der Falk sein wahres Gesicht offenbart hatte, war mir alles zu viel.
»Manchmal kommt es nicht darauf an, ob du Angst hast«, sagte Milan, als habe er meine Gedanken gelesen. »Es ist egal, wie sehr du dich fürchtest oder wie gern du dem Schrecken aus dem Weg gehen möchtest. Denn die Gewissheit, dass er dich irgendwann einholt, fordert von dir, dich der Angst zu stellen. Es ist egal, wie weit oder schnell du zu rennen vermagst, irgendwann wird die Flucht ihr Ende finden.«
Irgendwann wird sie das, ja. Ich schluckte eine sarkastische Antwort hinunter. Denn auch wenn sich sein Rat wie ein Spruch aus einem Glückkeks anhörte, war in ihm mehr Wahrheit enthalten, als ich im Moment ertragen konnte.
»Ich habe keine Angst vor Ewan«, war alles, was ich dazu sagen konnte.
»Okay.« Milan nickte, auch wenn er nicht überzeugt schien. Er wartete, ob ich noch etwas zu dem Thema loswerden wollte, vielleicht wartete er auch auf einen Schwall Fragen, doch ich schwieg und starrte stattdessen auf den Laminatboden.
»Weißt du denn, wo dieser Falk ist?«, wollte Milan schließlich wissen. »Ich würde gern mit ihm reden.«
Wieder schüttelte ich den Kopf, dann räusperte ich mich. Ein bisschen Kooperation hatte Milan wohl verdient. »Ich kann dir seine Adresse geben. Vielleicht ist er ja nach Hause zurückgekehrt, obwohl ich das nicht glaube.«
»Okay. Das wäre zumindest ein Anfang.« Milan erhob sich und zog ein Smartphone aus seiner Hosentasche. »Tipp sie ein.«
Als Milan aus dem Zimmer ging, starrte ich ihm noch eine gefühlte Ewigkeit lang nach. Vielleicht hätte ich doch mehr sagen sollen. Vielleicht hätte ich ihn mehr fragen müssen. Meine Hand fuhr automatisch zu meinem rechten Unterarm. Mittlerweile war der November angebrochen, blieben nur noch etwa fünf Wochen bis zum 12.12.
Hätte ich ihm die Zahlen zeigen sollen? Ihm von meinem Traum erzählen sollen, in dem er mir das Tattoo gestochen hatte? Ihm sagen sollen, dass Falk von einer Apokalypse gesprochen hatte? Vor den Gesandten und Verdammten mochte man ja fliehen können – doch vor dem Weltuntergang konnte man nicht davonlaufen.
***
»Schlecht geschlafen?«, fragte Milan am Frühstückstisch.
Mittlerweile war die dritte Nacht in diesem Haus vergangen. Und der gefühlt hundertste Traum von Falk. Ich wollte nichts weiter als ihn zu vergessen, aber mein Unterbewusstsein hatte offenbar andere Pläne.
»Diese Träume bringen mich noch um den Verstand«, murmelte ich und bestrich mein Croissant mit Erdbeerkonfitüre.
»Welche Träume?«, schaltete sich Paige neugierig ein. Wir hatten uns zwar nicht vertragen, aber ich hatte aufgehört, sie zu ignorieren und zu beleidigen. Streit war kräftezehrend und ich brauchte meine Kräfte für anderes.
Ich seufzte und biss in das frische Croissant. Eigentlich wollte ich nicht über meine Träume reden, aber vielleicht steckte irgendetwas Übernatürliches dahinter und die beiden konnten mich aufklären. Es ist hundertprozentig etwas Übernatürliches. Mein Traum von dem Tattoo und der Traum von meinem Autounfall sind schließlich auch mehr als bloße Träume gewesen, erinnerte ich mich selbst. Ich musste mich wohl damit abfinden, dass ich keine normalen Träume hatte wie normale Menschen.
Ich stöhnte frustriert auf und beschloss, die Karten auf den Tisch zu legen. »Ich träume von Falk. Jede einzelne Nacht. Außer, als er neben mir geschlafen hat in der Hütte … obwohl …« Ich brach mitten im Satz ab. In der Nacht in der Hütte hatte ich auch etwas geträumt, etwas Heißes, aber ich wusste nicht, wer der männliche Part gewesen war … es hätte also genauso gut auch Falk sein können. Das hieße dann, dass ich seit geraumer Zeit jede verdammte Nacht von ihm träumte. Shit.
»Seit wann geht das so?«, fragte Milan, die Stirn grübelnd in Falten gelegt. Zumindest zog er mich nicht damit auf, das war schon einmal ein Pluspunkt für ihn. Ewan hätte bestimmt dumme Witze darüber gerissen, dass ich ständig von Falk träumte.
»Ich weiß nicht. Seit zwei, drei Wochen vielleicht«, gab ich zu und legte das angebissene Croissant ab. Ich hatte keinen Appetit mehr. Jeder Gedanke an diesen Typen verursachte noch immer Übelkeit in mir. Ich hatte ihn um Hilfe gebeten, ich hatte nachts schutzlos neben ihm gelegen, wir hatten uns geküsst – und dabei wusste ich gar nicht, wer oder was er war.
»Hey, du solltest ein wenig essen«, meinte Paige fürsorglich, doch ich schüttelte den Kopf.
»Ich habe eine Theorie«, sagte Milan. Über den Tisch hinweg beobachtete ich, wie er einen vorsichtigen Schluck von seinem heißen Kaffee nahm. »Bezüglich deiner Träume.«
»Und die wäre?« Für jede logische Erklärung wäre ich dankbar, denn wenn ich erst die Ursache kannte, konnte ich auch nach einer Lösung suchen.
»Wir wissen, dass Ewan dich von deinem rechten Weg geführt hat, er hat deinen Kreislauf verändert. Was wäre, wenn du in deinem ursprünglichen Kreislauf mit diesem Falk zusammen gewesen bist? Hundertmal, tausendmal. Dann wäre es nur logisch, dass deine Seele sich nach ihm sehnt und ihn quasi zurückfordert.«
Dass meine Seele sich nach ihm sehnt.
Könnte das sein? In welchem Leben bitteschön sollte ein Mädchen wie ich mit einem Kerl wie Falk zusammen sein? Er war doch gar nicht mein Typ. Wieso sollte ich in all meinen früheren Leben mit ihm zusammen gewesen sein? Ihn geheiratet haben. Ich glaubte, mein Frühstück käme mir jeden Moment wieder hoch.
»Ich gehe in mein Zimmer, wir sehen uns später«, presste ich heraus und stand auf.
»Hey!«, rief Paige mir nach, doch ich blieb nicht stehen. Ich flüchtete aus der Küche, als würde jedes weitere Wort zu dem Thema die Sache nur realer machen. Es reichte, dass mein Herz sich immer noch nach einem anderen Mann verzehrte – die Sehnsucht nach Falk hatte mir gerade noch gefehlt.
In meinem Zimmer ging ich auf und ab, band meine langen Haare zu einem Zopf zusammen und biss auf meinen Fingernägeln herum – sie nahmen noch schlechtere Ausmaße an als zu dem Zeitpunkt, an dem Milan mich im Wald aufgegabelt hatte. Seiner Theorie zufolge war ich also weit davon entfernt, mein Leben wieder auf die Kette zu kriegen. Wieso mussten Milans irrsinnige Theorien auch stimmen? Wütend blickte ich auf meine abgeknabberten Nägel. Ich sollte mir nachher dringend eine Maniküre gönnen. Was ich nicht sollte, war, mich mit Fragen zu quälen, auf die ich ohnehin keine Antwort bekam. Wo Falk wohl in diesem Moment war? Ob er mich suchte?
Es gab nur eine Möglichkeit, wie ich meiner Verzweiflung Luft machen konnte.
Ich zog meine Sportsachen an und lief die Treppe hinunter ins Kellergeschoss. Es hatte wohl seine Vorteile, so reich wie Milan zu sein. Er hatte – neben einem riesigen Pool im riesigen Garten – auch einen eigenen Fitnessraum, den er mir gestern gezeigt hatte. Da ich es gewohnt war, beim Kampfsport meinen Frust herauszulassen, hatte ich den Boxsack direkt ins Herz geschlossen.
Nun trat und schlug ich auf ihn ein, bis ich am ganzen Körper schwitzte. Die Kraft meiner Schläge ließ meine Muskeln vor Anstrengung brennen, doch anstatt einen Gang runterzuschalten, steigerte ich mein Tempo. Links, rechts, links, zweimal rechts, ducken, treten. Die mechanischen, schnell aufeinanderfolgenden Bewegungen ließen mich für ein paar Minuten vergessen, bis der Durst mich zum Aufhören zwang. Warum hatte ich mir bloß keine Wasserflasche mit hinuntergenommen?
Ich zog die Boxhandschuhe aus und fuhr mir mit den Händen über das erhitzte Gesicht. Ich brauchte Wasser. Und eine kalte Dusche. Danach würde die Welt zumindest für ein paar Stunden wieder in Ordnung sein.
Ich befand mich gerade auf der Treppe zurück ins Erdgeschoss, als ich Milans Stimme von oben hörte.
»Ja, sie ist bei mir.«
Schlagartig blieb ich stehen und presste mich mit dem Rücken ans Geländer. Oh bitte, lass ihn nicht das mit dem Satz gemeint haben, was ich befürchte. Bitte lass ihn über Paige reden. Oder ein neues Haustier, das er sich angeschafft hat.
»Sie will dich nicht sehen, Ewan.«
Oh, fuck! Also ging es doch um mich. Beim Klang seines Namens sprang mir das Herz fast aus der Brust. Warum war auf keinen Mann der Welt mehr Verlass? Warum konnte Milan nicht einfach seinen beschissenen Mund halten? Waren alle Verdammten etwa auch gleichzeitig Verräter? Ich war so wütend auf ihn, dass ich mich zusammenreißen musste, um nicht hochzustürmen, ihm das Telefon aus der Hand zu reißen und es gegen die Wand zu donnern.
»Sie ist bei mir in Sicherheit, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«
Sorgen und Ewan? Ja, klar.
»Wo bist du?«
Das wüsste ich auch gerne. Danach wurde Milans Stimme jedoch leiser, weil er sich in einen anderen Raum bewegte. Vorsichtig ging ich die restlichen Stufen hinauf, sah mich im Eingangsbereich um und rannte dann in den ersten Stock. Mein Durst war vergessen. Ich hatte genug gehört, um von hier abhauen zu müssen. Ewan wusste, wo ich war, und das hieß, er würde hierherkommen. Vermutlich mit Falk im Schlepptau.
In Rekordgeschwindigkeit packte ich meine Sachen zusammen und schlich mich aus dem Zimmer. Die Treppe lief ich auf Zehenspitzen hinunter, trotzdem knarzte eine Stufe und ich hielt augenblicklich die Luft an. Ich wollte gar nicht daran denken, dass Milan mich erwischen könnte. Als ich nichts hörte, setzte ich mich wieder in Bewegung. Ich schlüpfte durch die Haustür und zog sie so behutsam ich konnte hinter mir zu. Die Kälte schlüpfte unter meinen Pullover, streifte meine warmen Wangen. In der Einfahrt angekommen, blickte ich mich alle zwei Sekunden nach hinten um, aus Angst, Milan würde jeden Moment hinter mir auftauchen. Stattdessen kam die Gefahr von der anderen Seite.
Ich wandte den Kopf gerade wieder in Laufrichtung, als ich beinahe mit Paige zusammenstieß. Sie war aus einem kleinen roten PKW gestiegen und sah mich verwirrt an.
»Was machst du hier?«, fragte sie. »Warum schwitzt du so?«
»Ich muss weg, bitte halte mich nicht auf.«
Überrascht weitete sie die Augen. Ob darüber, dass ich abhauen wollte, oder über die Tatsache, dass ich zum ersten Mal ‚Bitte’ gesagt hatte, war fraglich.
»Wohin willst du? Du kannst doch nicht einfach abhauen!«
»So weit weg, wie es nur geht.« Erneut drehte ich mich nach hinten um, doch die Haustür blieb geschlossen.
»Warum?« Sie schien völlig überrumpelt von meiner Entscheidung.
Ich brauchte nur ein Wort zu sagen. »Ewan.«
Sie biss sich auf die Lippe. »Er kommt her?«, flüsterte sie und sah sich zu allen Seiten um, als befürchte sie, er lauere hier bereits irgendwo. Was ich nicht einmal ausschließen würde.
Ich nickte schnell, wollte gerade an ihr vorbeieilen und hoffen, dass sie mich gehen ließ, als sie mich am Arm festhielt. »Paige, bitte …«
Doch sie ließ mich nicht ausreden, sondern zog mich zu dem roten Wagen. »Steig ein. Ich fahr dich.«
Verwundert blieb ich vor der Beifahrertür stehen, während Paige bereits ums Auto herumeilte. War das ihr Ernst?
»Muss ich dir das zweimal sagen?«, fragte sie, als sie sich mit wehender roter Mähne hinters Steuer setzte.
Ich blinzelte, fasste mich wieder und öffnete die Wagentür. Dass diese junge Frau mir irgendwann tatsächlich noch eine Hilfe sein würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Ehe ich eine Antwort gefunden hatte, rasten wir bereits Richtung Autobahn.
»Milan wird nicht erfreut sein«, gab ich irgendwann von mir, als die Stille selbst mir zu drückend wurde. Paige erwartete offensichtlich ein Dankeschön oder eine Entschuldigung, vielleicht auch nur ein nettes Mädelsgespräch, doch ich konnte mit nichts davon dienen.
»Sisters before Misters«, antwortete Paige, ohne von der Straße zu sehen, und schob sich mit dem Zeigefinger die Brille zurecht.
Ich schüttelte den Kopf über sie und sank etwas entspannter in die Polster. Besser hätte meine Flucht gar nicht laufen können. Sie war spontan und übereilt, doch einfach dazusitzen und auf Ewan und Falk zu warten, war keine Option gewesen.
»Also sind wir wieder Freunde?«, fragte Paige, als ich immer noch nichts sagte.
»Paige, ich habe dir doch gesagt, dass –«
»Dass du keine Freundin suchst, ja. Aber weißt du was?«, fuhr sie mir dazwischen. »Freundschaft sucht man nicht. Sie findet dich. Ist genauso wie mit der Liebe. Nur besser.«
Ihre Antwort ließ mich schmunzeln. Und während wir die Stadt immer weiter hinter uns ließen, löste sich die Anspannung in meinem Inneren. Je fremder für mich die Ortsnamen an den Autobahnausfahrten klangen, desto leichter fiel mir das Atmen.
»Läuft es denn gut bei dir mit der Liebe?«, fragte ich irgendwann. Ich wollte ihr zumindest ein bisschen entgegenkommen und mit ihr über das reden, über was Frauen auch sonst redeten. Da ich Paige beobachtete, bemerkte ich ihr irritiertes Blinzeln.
»Nein. Wie kommst du darauf?«
»Du hast das Thema gerade angeschnitten.« Und mir fiel nichts anderes ein, worüber Frauen sich sonst noch unterhielten. »Außerdem fliehen wir jetzt wegen einem Kerl – es wäre schön, wenn zumindest eine von uns Glück mit Männern hätte.«
Sie lächelte. »Und warum genau fliehen wir vor Ewan?«
»Du meinst außer, dass er mich vor knapp zwei Wochen noch umbringen wollte?«
Sie errötete und rümpfte die Nase. »Genau. Außer deswegen.«
Ich seufzte. »Weil er mich schwach macht.« Es einzugestehen, war erniedrigend, doch Paige hatte es vermutlich ohnehin schon geahnt. Die Gefühle, die er in mir auslöste, gingen mittlerweile weit über das übliche Maß an Anziehung und gefährlicher Aufregung hinaus.
Sie kicherte wie ein Teenager, machte »Uhh« und ich verdrehte die Augen.
»Er ist heiß, wenn man auf diese Grobian-Kerle steht, die pure Gefahr ausstrahlen«, pflichtete sie mir nickend bei. »Lief in der Ferienhütte was?« Sie warf mir einen schnellen Seitenblick zu und ich schüttelte – vermutlich zu vehement – den Kopf.
Sie schmunzelte wissend. »Deine Mumu hat bestimmt mehr Action gesehen als meine in den letzten Monaten.«
»Mumu?« Ich verzog die Augenbrauen und wusste nicht, ob ich über Paiges Ausdrucksweise lachen oder mir die Hände über dem Kopf zusammenschlagen sollte. »Dein Ernst?«
Ihre Wangen wurden noch röter und sie nuschelte etwas, das ich nicht verstand.
»Du liegst falsch, Paige. Seit über einem Jahr hat meine Mumu Betriebspause.« Außer dem kurzen Fummeln mit Falk lief schon länger nichts mehr bei mir, aber das wollte ich dringend aus meinem Gedächtnis löschen.
»Echt?« Das schien den Rotschopf zu überraschen. Wie viele fremde Leute wollten mich eigentlich noch für eine Schlampe halten?
»Echt«, gab ich gereizt zurück. »Weißt du, man braucht nicht für alles einen Mann. Frauen können es sich auch durchaus selbst besorgen.«
Paige zuckte zusammen und ihr Hautton war nun bei dem ihrer Haare angelangt. Als sie nichts darauf zu erwidern wusste, seufzte ich theatralisch.
»Fahr mir vor Scham aber jetzt bitte nicht gegen einen Baum«, bat ich.
Sie räusperte sich. »Du brauchst keinen Mann. Message angekommen. Und du willst Ewan nicht sehen, weil er dich schwach macht. Aber was ist jetzt dein Plan? Wo soll ich dich hinbringen?«
»Du lässt mich an irgendeinem Bahnhof raus. Ich fahre mit dem Zug in eine Stadt, die selbst du nicht kennst. Dann wird keiner der Männer eine Möglichkeit haben, mich je ausfindig zu machen.« So viel zu meinem Plan.
»Hast du gar keine Angst vor den Gesandten?«, fragte Paige und warf mir einen unsicheren Seitenblick zu. »Milan könnte dich zumindest beschützen.«
»Bisher ist mir keiner von denen begegnet. Hast du schon einen Engel gesehen?«
Paige schüttelte den Kopf, aber ihr schien mein Plan dennoch nicht zu gefallen. »Und wo willst du schlafen? Wovon willst du leben? Was ist, wenn du an dem Bahnhof überfallen und ausgeraubt wirst?«
»Was ist, wenn du auf der Rückfahrt einen Anhalter mitnimmst und er dich absticht?«, konterte ich galant wie immer.
Statt mir zu antworten, schmollte Paige und drehte nach ein paar Minuten das Radio auf. Die leisen Klänge eines Popsongs füllten das Wageninnere. Das schien zumindest Paige zu entspannen, denn ihr Gesicht nahm wieder seine normale Farbgebung an. Als sie von der Autobahn runterfuhr und uns durch die Straßen einer mir fremden Stadt lenkte, wusste ich, dass es Zeit für den Abschied war.
»Mir ist trotzdem nicht wohl dabei, dich einfach hier abzusetzen«, murmelte sie. Wir folgten einem Straßenschild, das uns zu einem Bahnhof wies.
»Ich werde schon klarkommen«, versicherte ich ihr.
Es war keine Großstadt, weshalb auch der Bahnhof winzig war. Ein paar Busse standen an ihren Haltestellen und vereinzelte Menschen warteten an den Gleisen auf den nächsten Zug. Paige parkte den Wagen und sah mich lange an.
»Hör auf damit«, forderte ich. Da wir uns kaum kannten, bestand kein Grund, jetzt irgendwie sentimental zu werden.
»Was, wenn ich dich nie wiedersehe?«
Das gehört zum Plan. Stattdessen sagte ich: »Ich werde nicht sterben, Paige. Ich gehe, damit ich endlich leben kann.«
Sie nickte, dann griff sie nach hinten und zog ihre Handtasche vom Rücksitz. Als sie nach ihrem Portmonee kramte, schüttelte ich den Kopf.
»Das ist nicht nötig«, sagte ich schnell, doch Paige streckte mir trotzdem eine Handvoll Geldscheine entgegen.
»Das ist alles, was ich an Bargeld habe.«
Ich wollte wieder ablehnen, doch sie drückte mir das Geld in die Hand.
»Geh und pass auf dich auf.«
7. katz und maus
Es ist gleich, wie schnell wir zu rennen vermögen, wie gut wir zu kämpfen glauben, wie gründlich wir unsere Spuren verwischen. Sie werden uns stets finden, auslöschen wie Ungeziefer, als haben sie beschlossen, dass die Ewigkeit uns die Menschlichkeit nahm. Als wenn das fremde Blut unser Herz verunreinte, die Wahrheit uns als unwürdig kennzeichnete. Wie Eva, die die Frucht der Erkenntnis aß und Gottes Gunst verlor. Als sei Erkenntnis die einzige Sünde, für die man keine Vergebung bekommt.
- aus dem Schwarzen Buch der Verfluchten -
Sich ein neues Leben aufzubauen, war hart, aber machbar. Frühmorgens starrte ich an die modrige Decke eines billigen Hostels und traute mich nicht, die Augen zu schließen, aus Angst, dass mich im Schlaf jemand fände. Nachts arbeitete ich unter falschem Namen in einem Club und bekam das Geld direkt auf die Hand. Tagsüber versuchte ich, den versäumten Schlaf nachzuholen oder mich durchs Lernen für mein Studium von meinen Zweifeln abzulenken. Zum Glück gab es die meisten Vorlesungen und Skripte online, sodass ich sie auf mein Handy ziehen konnte.
Eine Woche nach meiner Flucht lebte ich tatsächlich die Illusion, dass ich nicht mehr gefunden werden würde. Dass mein Abenteuer mit Ewan, Falk und den Gesandten vorbei war. Ich war entkommen. Ich hatte ein neues Kapitel aufgeschlagen. Doch zu welchem Preis?
»Kommst du für fünfzig Mäuse mit auf die Toilette?«, brüllte der Mann gegen die Musik an. Ich gab mir Mühe, bei dem Angebot nicht die geschminkten Lippen zu verziehen. So geschmacklos seine Wortwahl auch war – es war definitiv nicht der schlimmste Vorschlag heute Nacht.
Das hier war nicht das Leben, das ich wollte. Doch es war eine Übergangslösung, bis ich genug Geld zusammen hatte, um mir eine Wohnung und einen langweiligen Job bei Tageslicht zu leisten.
Ich stellte mich auf Zehenspitzen, um seinem Ohr näher zu kommen. »Ich verkaufe Drinks, Gras und Pillen. Nicht meinen Körper.«
Als ich zurück auf die Fußballen sank, glitt sein Blick über mein knappes Outfit. Er wirkte nachdenklich – und er war nicht einmal hässlich. Trotzdem verspürte ich nicht den geringsten Hauch an Interesse.
»Schade, ich hätte auch mehr als fünfzig für dich geboten.«
Früher hätte das unmoralische Angebot mein Herz höherschlagen lassen, heute blieb es taub in meiner Brust. Es hatte seine Gründe gehabt, weshalb ich meine Vergangenheit hinter mir lassen wollte, weshalb ich keinem Kick mehr hinterherjagen wollte – und nach all der Mühe, die ich mir bei der Flucht davor gegeben hatte, stand ich doch wieder hier. Ich hatte versagt. Meine Vergangenheit hatte mich eingeholt.
Ruckartig drehte ich mich um, stellte das Tablett mit den Pinnchen auf einem runden Stehtisch ab, nahm beide Gläser in die Hand und reichte dem Fremden eines davon. Ich wollte meinem Versagen zumindest nicht nüchtern gegenüberstehen.
»Zehn!«, rief ich dem Fremden entgegen und hob das Pinnchen in die Luft. Zehn Mäuse. Es war schon praktisch, fürs Trinken bezahlt zu werden. Der junge Mann nickte und wir stürzten den Alkohol gleichzeitig hinunter. Meine Kehle brannte und ich kniff kurz die Augen zusammen.
»Dreißig dafür?«, fragte er und zog mich plötzlich an sich heran.
»Ich hab’ gesagt, nicht meinen Kör…« Seine warmen Hände streiften meine nackte Taille und ich verstummte. Stattdessen nickte ich benommen und der Mann senkte seinen Kopf zu mir herunter. Das Wummern der Bässe drang durch jede Pore meines Körpers, doch die Aufregung blieb aus. Ich fühlte mich leer und wusste nicht warum. Als ich mich von dem fremden Mann küssen ließ, drehte sich alles in meinem Kopf.
»Kommst du nun für zweihundert mit?«, raunte er in mein Ohr.
Seine Hartnäckigkeit irritierte mich. Ich hatte dem Clubbesitzer klargemacht, dass ich mich nicht prostituieren würde. Ich wurde für den Spaß der Gäste bezahlt, der von euphorisierenden Substanzen bis hin zu kleinen Spielereien ging: es gab Männer, die mich fürs Tanzen bezahlten, gestern hatte mir eine Frau Geld dafür gegeben, dass ich ihre lesbische Freundin spielte.
»Kein Sex«, stellte ich klar.
Er stöhnte frustriert und sein warmer Atem streifte meine Wange. »Was krieg ich dann für zweihundert geboten?«
Da die Musik gerade zwischen zwei Liedern verstummte, bekam die Frage bestimmt jeder in der Umgebung mit. Ich schluckte meine Nervosität hinunter. Dieses Gefühl kam nicht durch die Aussicht, diesem Fremden näher zu kommen, sondern durch meine plötzliche Entscheidung, etwas zu verändern: meiner Taubheit den Kampf anzusagen. Ich wollte wieder etwas fühlen.
»Komm mit, dann zeige ich es dir«, antwortete ich und nahm den Fremden bei der Hand. Allein die Möglichkeiten, die sich mir offenlegten, ließen mein Herz endlich höherschlagen. Ich hatte die Kontrolle, spürte die volle Ladung Adrenalin, ohne dabei in Lebensgefahr zu schweben.
Ich brauche dich nicht, Ewan.
Ich zog ihn in den Gang, der zu den Toiletten führte. Hier war kaum etwas los, die Musik war leiser und ein Pärchen knutschte in einer der dunklen Ecken. Die letzten Nächte hatte mich nichts dazu hinreißen können, mich fallen zu lassen, doch heute brauchte ich es. Ich war endlich bereit, Ewan und Falk zu vergessen. Ihre Blicke, ihre Berührungen, ihre Geheimnisse. Alles von ihnen wollte ich vergessen.
Ich drückte den jungen Mann gegen die Wand und fing seinen Blick mit meinem auf, während ich begann, meine Bluse aufzuknöpfen. Langsam, einen Knopf nach dem anderen.
Wie erwartet, konnte der Mann den Blickkontakt nicht lange halten. Ich beobachtete, wie er mich beobachtete, oder besser gesagt meine Finger. Ich zog den Stoff ein wenig beiseite, um ihn durch die Rundungen meiner Brüste heiß zu machen. Ihn wahnsinnig zu machen. Das war alles, was ich im Sinn hatte. Ein wenig mit ihm zu spielen, um nur ein paar Sekunden länger mein lautes Herzpochen zu genießen und alles andere zu vergessen. Ich genoss die Gier, welche in seinem dunklen Blick flackerte, und das Gefühl von Kontrolle.
Bis mich plötzlich jemand so heftig zur Seite schubste, dass mir die Luft wegblieb.
»Dein Ernst, Andy?«, schrie eine Frauenstimme.
Statt lüsternem Begehren breitete sich in dem Gesicht des Mannes nun sprachloses Entsetzen aus.
»Du betrügst mich?«, brüllte die Frau, die mich weggeschubst hatte.
Oh, oh.
Hastig knöpfte ich ein paar der Knöpfe wieder zu und schaute zwischen den beiden hin und her. Ich hätte etwas sagen können, um die Wogen zu glätten, entschied mich aber dafür, still und heimlich im angrenzenden WC zu verschwinden. Sollten die beiden das ruhig allein klären. Auch wenn das bedeutete, dass ich von dem Typen heute kein Geld mehr sehen würde. Verdammt.
Ich spritzte mir etwas Wasser ins Gesicht, zog meinen Lippenstift nach und ging erst wieder raus, als ich sicher war, dass Andy und seine Freundin nicht mehr vor der Tür stehen würden.
Kaum trat ich hinaus auf den dunklen, lauten Flur, zog mich jemand zur Seite und presste eine kräftige Hand auf meinen Mund. Der Schrei blieb in meiner Kehle stecken, während ich die Luft anhielt und betete, dass es nicht Ewan oder Falk war. Sie durften mich nicht gefunden haben. Sie konnten nicht.
»Die nuttig roten Lippen passen zu deinem neuen Job«, raunte mir eine vertraute Stimme ins Ohr. Ein Frösteln rieselte durch meinen Körper, eine Gänsehaut überzog meine nackten Arme. Nein! Augenblicklich schoss mein Puls in die Höhe und alles an Gefühlen, was ich in den letzten Tagen verloren geglaubt hatte, fegte durch mich hindurch wie ein tosender Sturm.
Ich spannte die Muskeln an und stieß meinen Ellenbogen schonungslos nach hinten in Ewans Magen. Tatsächlich lockerte er für eine Sekunde seinen Griff und ich konnte mich aus der Umklammerung befreien. Wütend wirbelte ich herum und schaute in sein perfektes Gesicht. In ein stechend dunkles, atemberaubendes Augenpaar.
»Das ist nicht rot, sondern bordeaux, du Arschloch«, fauchte ich und holte tief Luft. Auf eine Antwort wartete ich nicht. Ich machte auf dem Absatz kehrt und wollte wegrennen, doch Ewan griff mein Handgelenk. Unsanft wurde ich zurückgezerrt.
»Lass mich los!«, zischte ich und verengte die Augen zu Schlitzen. Wie hatte er mich hier bloß finden können?
»Für was wirst du alles bezahlt?«, fragte er dunkel. »Gras, Pillen, deine Titten. Strippst du auch? Oder bläst?«
Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Von ihm würde ich mich nicht mehr provozieren lassen. Ich war seine verbalen Schläge gewöhnt. »Neidisch, weil du meine Titten noch nicht gesehen hast?«
Ewans Nasenflügel blähten sich auf. Sein Kiefer zuckte.
Ich hob einen Mundwinkel. »Für hundert Mäuse siehst du sie.«
Er schwieg – als suche er nach einer geeigneten Antwort. Aber ich hatte Neuigkeiten für ihn. Keine Antwort würde ihm das geben, was er wollte: Kontrolle über mich.
»Blasen tue ich nur für hübsche Männer mit hübschen Schwänzen«, fuhr ich unbeirrt fort. »Für zweihundert. Oder ist das zu wenig? Mist, glaubst du, der Kerl vor ’ner Stunde hat mich abgezogen?«
Ewans Gesicht wurde blass. Er versuchte, aus meinem letzten Satz schlau zu werden, überlegte, ob ich es ernst meinte. Ich wusste, was er dachte. Und das fühlte sich verdammt gut an.
»Und jetzt stiehl mir nicht meine Zeit, wenn du nicht bezahlen willst. Eine Nutte – so hast du mich doch genannt, oder? – sollte ihre Zeit nicht mit dir verschwenden.« Mit voller Wucht entriss ich ihm mein Handgelenk und hechtete aus seiner Reichweite.
Als ich das Ende des verlassenen Ganges erreicht, mich zwischen mehrere Menschen gemischt hatte und die dröhnenden Bässe und die flackernden Lichter mich wieder empfingen, fühlte ich mich ein Stück sicherer. Trotzdem musste ich hier weg, um nicht erneut von ihm geschnappt zu werden. Andererseits … Vermutlich dachte er sich bereits, dass ich hier rauswollte. Er würde mich also am Ausgang abfangen und in sein Auto zerren können. Ich musste auf andere Weise untertauchen.
Mein Blick glitt suchend durch die Menge, die sich auf der Tanzfläche aneinanderdrängte. Würde ich zwischen all den Leuten auffallen? Ich schob mich bis in den Mittelpunkt hinein, passte meine Bewegungen dem Rhythmus der Musik an und hoffte, dass mein Plan aufging. Ewan musste einfach denken, dass ich rausstürmen würde. Also blieb ich hier und tat das Gegenteil von dem, was mein Fluchtinstinkt mir riet.
Ich blickte all den fremden Gesichtern entgegen, die von den flackernden bunten Lichtern erleuchtet wurden und die sich teilweise mit geschlossenen Augen der Musik hingaben. Andere wiederum sahen sich suchend um, als hätten sie den Grund für ihren Besuch hier noch nicht entdeckt, als lauere er irgendwo zwischen all den namenslosen Menschen.
Ich atmete tief aus und schloss für einen Moment die Augen. Ewans Auftauchen hatte mich so sehr aufgewühlt, dass mein Körper unkontrolliert zitterte. Die ersten Tage hatte ich noch damit gerechnet, dass er auftauchte, hatte ihn an jeder Ecke gesehen – doch heute hatte ich mich sicher gefühlt.
Ein Gefühl, von dem ich nicht mehr wusste, ob es mir jemals wieder vergönnt sein würde.
Ich ließ mich von den Bässen tragen, fühlte mich wie auf Wolken, während ich mit geschlossenen Augen nach einem Ruhepol in meinem Körper suchte. Ich musste überlegen, wie es jetzt weiterging. Sollte ich meine Sachen aus dem Hotelzimmer packen und den Zug in die nächste Stadt nehmen?
Warme Arme umschlossen von hinten meine Taille und ich ließ mich gegen den Fremden sinken, der sich mit mir zum Takt der Musik bewegte. Es war paradox, dass Fremde mir mehr Sicherheit boten als alles Bekannte.
»Nur so kommt man an dich ran, oder?«, erklang eine raue Stimme hinter mir.
Diese Stimme gehörte keinem Fremden. Ich hielt den Atem an und riss die Augen auf.
»Du hörst mir jetzt zu«, sprach Ewan ganz dicht an meinem Ohr. Seine Hände ruhten noch immer an meinen Hüften, über dem Bund meiner Hose, wo ein Streifen nackter Haut offen lag. Rau, warm und groß fühlten sich seine Handflächen an, und ich versuchte verzweifelt zu atmen. Mein Magen verknotete sich unter dieser intimen Berührung. Sie fühlte sich so viel intensiver an als die Hände von diesem Andy.
»Ich dachte, wir hätten das Katz- und Mausspiel schon lange hinter uns«, fuhr Ewan fort, als ich immer noch keinen Ton herausbrachte. Nicht einmal umdrehen konnte ich mich, weil seine Nähe mich lähmte. Und weil ich ihn aus irgendeinem Grund nicht ansehen wollte. Ich beschloss, dass ich ihm lieber zuhörte, während er hinter mir stand. Während all die Leute um uns herum tanzten und niemand Notiz von uns beiden nahm.
»Du wirst jetzt mitkommen, in meinen Wagen steigen und zurück zu Milan fahren.«
Mit diesem Vorschlag hatte ich bereits gerechnet. Ich stieß langsam die Luft aus. Sollte ich erneut versuchen zu fliehen? Ich wusste, dass ich schon zu lange davonlief. Vor Ewan, vor den Gesandten und vor Falk. Und jedes Mal wurde ich gefunden. Jetzt erneut davonzurennen, würde mir in meiner Situation nicht helfen. Ich musste mich ihr endlich stellen. Mit allen Konsequenzen und mit allen dazugehörigen Parametern. Wie zum Beispiel Falk. Er war Teil des Problems, welches ich in Angriff nehmen sollte, anstatt es zu meiden.
»Wo ist Falk?«, fragte ich deshalb mit erhobener Stimme, damit Ewan mich über die Lautstärke hinweg verstand.
Ich spürte ihn an meinen Haaren ausatmen. »Der ist nicht bei mir. Auch nicht bei Milan.«
Irritiert runzelte ich die Stirn. Wo war er dann? Ich drehte mich endlich zu Ewan um, und da er auf tanzendes Pärchen machte, schlang ich die Arme um seinen Hals. Ausdruckslos starrte er auf mich herunter, meinem Gesicht so nah, dass unsere Nasenspitzen sich beinahe berührten.
Ich wusste, dass ihm diese Nähe missfiel, umso schadenfroher stimmte sie mich. Ein wenig nervös machte sie mich aber auch.
»Du bleibst also dabei, dass es uns nur im Doppelpack gibt?«, fragte ich.
Er schnaubte. »Wenn du mal aufhören würdest, dauernd durch das halbe Land vor mir zu fliehen.«
»Nächstes Mal fliehe ich in ein anderes Land. Was hältst du davon?« Bei dem Gedanken musste ich tatsächlich grinsen. Als ich so vor ihm stand, wurde mir bewusst, dass ich gar keine Angst vor ihm hatte. Höchstens vor den Gefühlen, die er in mir auslöste. War meine ganze Panik in der vergangenen Woche einzig auf Falk zurückzuführen? Der Gedanke gefiel mir noch weniger. Dieser blonde verlogene Milchbubi durfte keine solche Macht über mich haben.
Ewan nahm seine Hände von mir und trat einen Schritt zurück. Vermutlich hatte dieser verschlossene Mann jetzt seinen ganzen Jahresvorrat an Nähe aufgebraucht. Bevor ich noch etwas erwidern konnte, griff er mein Handgelenk und zog mich durch die Menge in Richtung Ausgang.
»Hey, ich muss noch meine Jacke und meine Tasche holen!«, rief ich und versuchte, ihm meine Hand zu entreißen. Vergebliche Lebensmüh. In seinem Griff war mein Arm gefangen wie in einem Schraubstock.
»Wo sind deine Sachen?«, fragte er und blieb stehen.
»Mitarbeiterraum«, antwortete ich. »Du kannst draußen warten, ich komme dann gleich nach.«
»Ja, ist klar.«
Ich verdrehte die Augen. Da Ewan sich nicht abwimmeln ließ, folgte er mir in den kleinen kargen Raum, in dem es nach Zigarettenrauch stank. Sein Vertrauen hatte ich wohl verloren – falls dieser Mann überhaupt jemals jemandem sein Vertrauen schenkte. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Auch ich verzichtete darauf, mich auf andere Menschen zu verlassen.
Draußen zog ich den Reißverschluss meiner Jacke zu und verfluchte mich dafür, keinen Schal mitgenommen zu haben. Die Temperaturen waren in den letzten Tagen rasch dem Nullpunkt entgegengesunken, obwohl wir erst Mitte November hatten. Zum Glück parkte Ewan direkt hinter dem Club – auf einem reservierten VIP-Parkplatz. Der Mann scheute wahrlich keinen Gesetzesbruch. Falschparken war vermutlich sein geringstes Vergehen.
Er ließ mich los und umrundete den schwarzen Sportwagen. Ich hechtete ohne zu zögern ins Innere, in der Hoffnung auf Schutz vor der Kälte. Währenddessen schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich aus Fehlern nicht lernte. Dass ich immer wieder und wieder zu ihm stieg. Was sagte das über mich aus?
Ewan startete den Motor und fuhr los. Mein Blick haftete auf der Gangschaltung, wo seine rechte Hand ruhte – nur Millimeter von meinem Knie entfernt.
Was sagt das über mich aus?
Langsam wurden mein Rücken und mein Hintern warm. Er hatte wohl die Sitzheizung angeschaltet.
»Können wir Musik hören?«, fragte ich, als das Schweigen mir zu drückend wurde. Obwohl ich diesem Mann wieder folgte, schien ihn noch immer etwas zu ärgern. Dass er wütend auf mich war, war ein Dauerzustand, aber diesmal war etwas anders.
»Du hättest gefunden und getötet werden können«, zischte er, anstatt auf meine Frage zu antworten.
Ich verdrehte die Augen. »Jaja, und dann wärst du wieder sterblich. Ich weiß.« Ich hatte seine Rede aus dem Landhaus seines Dads noch gut genug in Erinnerung.
Er runzelte die Stirn und etwas an der Art, wie er von der Straße wegsah und mich anblickte, sagte mir, dass ich den Nagel diesmal nicht auf den Kopf getroffen hatte. Aber wozu sonst hätte er Grund gehabt, sich so aufzuregen?
Kurz war ich davor, ihm zu erklären, dass ich diesmal wegen Falk weggerannt war, dass ich seinen Verrat nicht ertragen hatte, dass ich wirklich geglaubt hätte, wir wären so etwas wie Freunde gewesen, doch in letzter Sekunde presste ich die Lippen zusammen. Meine Beweggründe würden Ewan ohnehin nicht interessieren.
»Also zurück zu Milan, und dann?«, fragte ich, bemüht um einen geschäftlichen Tonfall.
»Dann denken wir uns etwas aus, um die Gesandten zur Hölle zu schicken.«
8. wer nicht reden will, muss fühlen
Bis du an mir zerbrichst, bis ich an dir zerbreche.
Und wir aneinander tiefe Schnitte lassen.
- aus den Briefen eines Gejagten -
»Ich wollte mich an ihre Fersen heften und dafür brauchte ich ihr Vertrauen, okay?«, krächzte Falk, als er ein und dieselbe Frage schon zum vierzehnten Mal beantworten musste.
Der Schwarzhaarige, Gabriel, hatte schon vor einigen Tagen ein Seil um seine Hand- und Fußgelenke geschlungen. Es schnitt in seine Haut, brannte an seinen aufgeschürften Handgelenken. Trotz besseren Wissens konnte Falk nicht aufhören, daran zu zerren und zu versuchen, das Seil zu lockern, um an den Dolch zu kommen, den er unter seinem Pullover am Steißbein trug.
Ein erneuter Faustschlag landete in seinem Gesicht und riss seinen Kopf herum.
»Gabriel, er sagt die Wahrheit«, ertönte Michaels Stimme. Der Engel stand wieder an die Küchentheke gelehnt da und beobachtete das Ganze, ohne selbst einen Finger zu rühren.
Das Spiel spielten sie schon wie lange? Drei Tage? Vier? Falks Gehirn fühlte sich wie ein Haufen Matsch an, dabei prügelten sie nur sein Gesicht zu Brei.
»Warum sollte ein Verdammter ausgerechnet die beiden Seelen verfolgen, die wir jagen?«, fragte Gabriel aufgebracht. Seine Nerven hatten sich seit ihrer ersten Begegnung nicht beruhigt – im Gegenteil, der Engel schien mit jedem neuen Tag einen kürzeren Geduldsfaden zu besitzen. Vielleicht lag es auch daran, dass die anderen beiden Gesandten noch nicht zurück waren.
»Weil ich …« Falk rang nach Luft. »… nach einer Möglichkeit suche, die Apokalypse zu verhindern.«
»Blödsinn!«
Der Fausthieb kam unerwartet. Falks Nase knackte und ein Schwall Blut ergoss sich über den Küchenboden.
»Gabriel!« Darian war einen Schritt vorgetreten, seine Miene besorgt.
Gabriel hielt mahnend die Hand hoch. Er war noch nicht fertig. »Wie gut kennst du Ewan?«
»Gut genug«, keuchte Falk, seine Lippen mit Blut benetzt, das ihm aus der Nase lief.
»Weißt du auch, warum er von uns nicht gefunden werden kann?«
»Gabriel, woher soll er …« Doch Darian verstummte. Als Falk aus geschwollenen Augen zu ihm hochblickte, sah er diesen nachdenklichen Ausdruck in Darians Gesicht. Als würde es tatsächlich Sinn ergeben, wenn Falk eine Antwort auf diese Frage hätte. »Göttin Elaia steht unter Bewachung«, murmelte der Engel und blickte grüblerisch auf Falk hinunter. »Sie kann keinen Schutzzauber wirken, das würden die Höchsten mitkriegen. Also gibt es jemand anderen, der die Spuren des Sünders verwischt.« Darian nickte zu seinen Worten, als müsste er sie selbst bestätigen. »Dieser Verfluchte hier weiß mehr, als er uns glauben lassen will. Ich weiß zwar nicht, woher er sein Wissen hat. Aber er hat eindeutig zu viel davon.«
Falk presste die Lippen zusammen. Dass er zu viel wusste, wollte er nicht einmal abstreiten. Aber er konnte den Gesandten nicht die Antwort geben, nach der sie verlangten. Er wusste ebenfalls nicht, wer der Verräter aus dem Himmel war.
»Darf ich meine Befragung dann fortführen?«, fragte Gabriel höhnisch.
Bittend sah Falk zu Darian hoch. Binde mich los und lass uns gemeinsam arbeiten. Faustschläge helfen euch auch nicht weiter.
Darian sagte nichts und als Falk ein metallisches Klacken hörte, sackte ihm das Herz in den Magen. Er schloss resigniert die Augen.
Eine Sekunde später fuhr ein atemraubender Schmerz durch seinen linken Oberschenkel, als Gabriel die Klinge seines Taschenmessers darin versenkte.
»Jetzt rede!«, befahl der schwarzhaarige Engel.
»Gabriel, wir sollten –«
»Dein Gewissen ist fehl am Platz, Michael!«, zischte er. »Ich habe genug davon, die ganze Zeit hier festzusitzen und darauf zu warten, dass er redet! Er ist kein Mensch. Er ist eine verstoßene Seele. Er hat sich gegen Vater gewandt, gegen das System, gegen alles, was wir Leben nennen!«
Angestrengt öffnete Falk die Augen und sah hinunter auf das Messer in seinem Bein. Blut tränkte seine Jeans und vor seinem Blick verschwamm alles für ein paar Herzschläge. Dunkel. Hell. Er blinzelte.
»Du meinst, ich hab’ mich gegen den Gefängniswärter gestellt«, erwiderte Falk, konnte es nicht unkommentiert lassen, obwohl seine Stimme nur noch ein Röcheln war, weil er keinen Muskel im Gesicht mehr spürte und sein Mundraum voller Blut war.
»Siehst du? Kreaturen wie er wissen das Leben nicht einmal zu schätzen! Es ist doch immer das Gleiche mit diesen Verdammten!«
»Nein«, erwiderte Falk schwach. Obwohl er in seinem Zustand nicht mehr sprechen sollte, war sein Wille, sich gegen diese Gesandten zu behaupten, ungebrochen. Er würde nicht kleinbeigeben. Er war hier, um die Welt zu retten. Er war hier, um sie zu retten. »Da liegst du falsch, Engel. Gefängnis hin oder her. Eine ewige Zeitschleife hin oder her – ich bin hier, weil ich für das Leben kämpfe. Für das eines jeden Menschen. Wir stehen auf derselben Seite.«
Gabriel hockte sich vor Falk, sodass sie sich auf Augenhöhe trafen. Falks Blickfeld war getrübt, doch die stahlgrauen Augen des tätowierten Bikers musterten ihn so intensiv, dass es ihn daran hinderte, sein Bewusstsein zu verlieren.
»Was glaubst du denn, ist der Auslöser für die Apokalypse, hm?«, fragte sein Folterer.
»Gabriel, nicht –«
»Nein, ich will seine Antwort hören. Verdammte wissen doch nichts von unserer Mission hier. Sie sind egoistisch und kurzsichtig, egal wie viele Jahrhunderte sie schon gelebt haben.«
»Ich habe noch kein einziges gelebt«, murmelte Falk.
Gabriel lachte. »Siehst du. Ein Frischling weiß erst recht nichts von dem, was sich hinter den Säulen des Systems abspielt.«
»Ich weiß, dass –« Falk stöhnte und schloss kurz die Augen. »Dass zu viele Verfluchte das System einstürzen lassen. Diese Welt wird auseinanderbröckeln, wenn zu viele von ihnen auf einem Fleck existieren.«
Der Gesandte kniff skeptisch die Augen zusammen. »Und wieso bist du dann ausgerechnet hinter Ewan und seiner Blutsverbundenen her? Gibt es keine anderen Verdammten, an deren Fersen du dich heften kannst?«
Falk spuckte das Blut aus, das sich in seinem Mund gesammelt hatte. Mit letzter Kraft hob er den Kopf und blickte Darian in die Augen. Er war derjenige, den er überzeugen musste. Bei Gabriel redete er ohnehin nur gegen eine Wand.
»Weil ich ganz genau weiß, wie und wann es zum Weltuntergang kommen wird. Und wer der Auslöser sein wird.«
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