Kitabı oku: «Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen»
Kurt Aram
Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
Band 160 in der gelben Buchreihe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des jetzigen Herausgebers
Der Autor Kurt Aram (alias Hans Fischer)
Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
Die Reise nach Tiflis
Die Kriegserklärung
In der russischen Mausefalle
An der Madatowskij-Insel
Haussuchung
Eingesperrt
Wieder unter Deutschen
Unter russischen Soldaten
Verschickt
Der Transport nach Wjatka
In Schnee und Eis
Unter russischen Rekruten
Die Befreiung
„Amerikanski“
Die Reise durch Finnland
Die gelbe Buchreihe
Weitere Informationen
Impressum neobooks
Vorwort des jetzigen Herausgebers
Vorwort des jetzigen Herausgebers

Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.

Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.
Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzutragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktionen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.
Der in diesem Band enthaltene Text von Amalie Sieveking zeugt von der tiefen Frömmigkeit einer vom Pietismus geprägten Dame aus der gutbürgerlichen Gesellschaft Anfang des 19. Jahrhunderts und spiegelt die Denkmuster und Lebensart eines Teils der damaligen Zeit. Für uns sind diese Ansichten heute kaum nachzuvollziehen, doch sind sie ein Zeugnis damaliger diakonischer Aktivität. Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski

Ruhestands-Arbeitsplatz
Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers
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Der Autor Kurt Aram (alias Hans Fischer)
Der Autor Kurt Aram (alias Hans Fischer)

https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/aram.html
Geboren am 28.01.1869 in Lennep; gestorben am 10.07.1934 in Berlin. Sein wirklicher Name ist Hans Fischer. Aram war ein deutscher Journalist und Schriftsteller, der unter diesem Namen schrieb. Bis zu seiner Amtsniederlegung 1900 war er unter seinem bürgerlichen Namen Pfarrer in Herborn. Er arbeitete als Redakteur beim Berliner Tageblatt, war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift März und verfasste eine Reihe von Romanen, die allgemein zur Unterhaltungsliteratur gezählt werden.
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Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
https://www.projekt-gutenberg.org/aram/sibirien/sibirien.html


Die Reise nach Tiflis
Die Reise nach Tiflis
Am Sonnabend-Mittag, den 25. Juli, gingen wir, meine Frau und ich, in Konstantinopel an Bord der „CARINTIA“, eines kleinen schmucken Dampfers des Österreichischen Lloyd, der uns durch das Schwarze Meer nach Batum bringen sollte. Im Sommer des Jahres 1914 hatte bekanntlich die Türkei, dem Drängen Deutschlands und Russlands nachgebend, durchgreifende Reformen in Ost-Anatolien, das in der Hauptsache von armenischen Christen und von Kurden bewohnt wird, zugesagt. Drei Monate lang hatte ich diese mich interessierende Frage in Konstantinopel studiert. Zwei europäische Generalinspekteure für Ost-Anatolien, ein Norweger und ein Holländer, waren derweil von der Hohen Pforte ernannt worden. Der eine sollte seinen Sitz in Trapezunt, der andere in Wan haben. Mitte Juli waren sie mit ihrem Gefolge nach Anatolien abgereist. Am 25. Juli wollte ich ihnen nachreisen und einen Einblick in ihre Arbeit gewinnen. Da es eine ausgiebige Forschungsreise werden sollte, war am 20. Juli meine Frau aus New-York zu mir nach Konstantinopel gekommen.

Wir wollten zunächst nach Wan am Wansee reisen. Um dorthin zu gelangen, gab es zwei Wege. Entweder fuhr man zu Schiff nach Trapezunt und reiste dann zu Wagen oder zu Pferd über Erzerum nach Wan. Das dauerte von Trapezunt aus etwa dreiundzwanzig Tage, also eine sehr umständliche und sehr beschwerliche Reise. Oder aber man fuhr zu Schiff nach Batum, benutzte von dort die russische Eisenbahn über Tiflis nach Eriwan und hatte dann nur noch dreieinhalb Tage bis Wan, der Weg war also bedeutend kürzer und, da man bis auf die letzten drei Tage die russische Eisenbahn benutzen konnte, auch bedeutend bequemer. Also wählten wir natürlich ihn. Zwar war der österreichisch-serbische Konflikt schon ausgebrochen, das österreichische Ultimatum drohte und hing als schwere Wetterwolke am politischen Horizont, aber in jenen wundervollen Sommertagen dachte niemand daran, dass sich in so kurzer Zeit aus dieser Wetterwolke ein Weltbrand entzünden würde.
Kurz nach drei Uhr an jenem 25. Juli lichtete die „CARINTA“ die Anker. Eitel Sonne, blaues Meer und blauer Himmel ringsum. Vorbei am Winterpalast des Sultans, vorbei an dem Prinzenpalast, in dem Abdul Hamid gefangen saß, vorbei an Arnautikoi, der Sommerresidenz der österreichischen und amerikanischen Botschaft, wo an jenem Tag die weißen Stationäre der österreichischen, italienischen und englischen Botschaft friedlich beieinander im Wasser lagen, weiß und unschuldig wie drei Lämmlein auf der Wiese. Vorbei an Therapia, der Sommerresidenz der deutschen Botschaft, wo im Hafen die „LORELEY“ sich leise wiegte, der deutsche Stationär, auch ein weißes Lämmlein wie die anderen. Wir zogen den Hut und grüßten hinüber, denn die „LORE“ mit ihrem Kapitän war uns sehr ans Herz gewachsen. In der leichten Brise vom Schwarzen Meere her bauschte sich wohlig die deutsche Flagge. Für fünf Monate sahen wir sie damals zum letzten Mal.
An Bord der „CARINTIA“ befanden sich fast nur Mohammedaner und Armenier. Meine Frau und ich waren die einzigen Reichsdeutschen. Von Europäern gab es außer der Schiffsbesatzung nur noch ein polnisches Ehepaar aus Lemberg auf der Hochzeitsreise, das über Batum-Tiflis bis nach Täbris in Persien vordringen wollte, um einmal etwas anderes zu sehen als die meisten Hochzeitsreisenden. Er ein kleiner schüchterner Privatdozent mit mächtiger goldener Brille. Sie ein zierliches Persönchen in einem dicken Lodenkostüm, das sicherlich doppelt so schwer war wie sie selbst. Wir hatten vom ersten Augenblick an keine besonderen Sympathien füreinander. Unsere Rettung war der Kapitän, ein Riesenmensch, Montenegriner von Abstammung, aber leidenschaftlicher österreichischer Patriot, ein Labsal in all dem fremdartigen Völkergemisch um uns her, mit dem es nicht viel zu reden gab.
Als wir in das Schwarze Meer einliefen, änderte sich das bis dahin so liebliche Klima. Rau kam der Wind von Anatolien her über kahle Berge und menschenarme Ebenen.
Der Kapitän und wir redeten uns in eine immer größere Unruhe hinein. Welches war der Wortlaut des österreichischen Ultimatums, wie würde es aufgenommen werden? Aber das Schiff hatte keinen Marconi-Apparat, und an irgendwelche Telegramme war erst in Samsun zu denken. Unser cholerischer Kapitän wurde jetzt schon fuchsteufelswild bei der Vorstellung, dass es am Ende auch in Samsun keine neuen Telegramme gäbe. Wie es schon im Jahre zuvor während der Balkankriege gewesen war. Damals befuhr er dieselbe Strecke wie jetzt.
Nun, selbstverständlich erfuhren wir nichts, gar nichts in Samsun und mussten uns auf Trapezunt vertrösten. Hierhin kamen wir am 29. Juli, einem Mittwoch. Es war noch sehr früh am Morgen. Von dem Lloyd-Agenten war nichts zu sehen. Ich ließ mich an Land fahren, um den deutschen Konsul aufzusuchen. Der deutsche Konsul befand sich nicht in der Stadt, sondern irgendwo weit weg auf dem Lande und wurde für den Tag nicht mehr zurück erwartet. Hingegen gab sich ein schwarzhaariger und dunkelhäutiger Sekretär des Konsulats alle Mühe, mir auf Französisch klar zu machen, dass nicht die geringste Gefahr eines Weltkrieges bestände. Er wisse das ganz genau, und er machte allerhand dunkle Andeutungen über derweil eingelaufene Depeschen.
Als ich auf das Schiff zurückkehrte, nahm mich der Kapitän beiseite. Er war sehr erregt und sagte, es gehe das Gerücht um, die Österreicher beschössen schon Belgrad.
Um Mitternacht lagen wir stundenlang wartend bei Risa, dem letzten türkischen Hafenstädtchen nahe der russischen Grenze. Aber Nachrichten, die der Kapitän erhoffte, kamen nicht; und so musste er nach Batum weiterdampfen, wo wir in der Frühe des 30. Juli in den Hafen einliefen.
Der Hafen war wie ausgestorben. Hafenarbeiterstreik. Nur Polizei, Gendarmerie und russische Zollbeamte.
Endlich konnten wir an Land gehen. Wir taten es zögernd und ungern. Ich kannte Batum schon von früheren Reisen, ich kannte auch Russland ganz gut. Ich litt also keineswegs an den leichten Beklemmungen, wie sie manchen befallen, der zum ersten Mal den Boden eines ihm völlig fremden Landes betritt, und nun gar russischen Boden. Aber die unheimliche Ruhe im Hafen, die Erregung des Kapitäns, all seine kaum verschleierten Hoffnungen, dass es nun endlich losgehe – wir zögerten in der Tat, das Schiff zu verlassen. Am Ende wären wir auch geblieben und am anderen Tag wenigstens bis nach Trapezunt zurückgefahren, um dann doch die Reise über Erzerum zu wagen, worüber wir uns schon mit dem Kapitän unterhalten hatten, hätte er nicht, uns die Hand schüttelnd, den Witz gemacht: „Geben Sie nur acht, dass Sie nicht doch noch nach Sibirien kommen.“ Wir lachten. So schlimm würde es schon nicht werden.
Nicht weit von der „CARINTIA“ lag denselben Morgen am Batumer Kai noch ein großer Passagierdampfer der Hamburg-Amerika-Linie. Seinen Namen weiß ich nicht mehr. Wohl aber, dass er als erster Hamburger Dampfer zum ersten Male die neue Strecke Hamburg – New-York – Konstantinopel – Batum zurückgelegt hatte.
Wir fuhren in das erstbeste Hotel, um uns ein wenig zu erfrischen und mit dem nächsten Zug nach Tiflis weiter zu fahren. Der nächste Zug ging erst am Abend. Es hieß, er würde somit Militär besetzt sein, dass wir kaum noch einen Platz finden würden.
Schon am Nachmittag begaben wir uns zur Bahn und erwischten gerade noch ein freies Halbcoupé. Das polnische Ehepaar, das erst kurz vor Abfahrt erschien, musste sich mit Stehplätzen im Gang begnügen.
Ein Riesenzug, vollgestopft von oben bis unten mit russischer Infanterie. Da ich russische Verhältnisse kannte, machte es mich besonders stutzig, dass nicht nur die Fahrkarten, sondern auch die Pässe abverlangt wurden, was sonst auf russischen Eisenbahnen nicht geschieht. Und zwar besichtigten die Papiere nicht nur der Schaffner und der Zugführer, sondern auch ein Infanterieoberstleutnant, der das Halbcoupé neben uns innehatte ... Sehr merkwürdig und ungewöhnlich ... Bald bot sich Gelegenheit, mit unserem Nachbar in Uniform ein Gespräch zu versuchen. Leider sprach er keine europäische Sprache oder tat wenigstens so. Da meine Kenntnis des Russischen mehr als unvollkommen ist, war nicht viel aus ihm herauszubringen. Nur so viel verstand ich, dass er mir klar zu machen suchte, der Militärtransport geschähe der Streiks wegen, und dass ein Offizier die Kontrolle über die Bahnzüge ausübe, sei seit der Revolution von 1904/05 allgemein ... Hm ...
Der Offizier benahm sich überaus höflich und liebenswürdig, und als wir in der Frühe des 31. Juli in Tiflis ankamen und am Bahnhof wegen Streiks der Kutscher und Trambahnangestellten kein Vehikel aufzutreiben war, das uns in das gut eine halbe Stunde entfernte Hotel bringen sollte, gab der Oberstleutnant keine Ruhe, bis er doch noch einen Wagen für uns aufgetrieben hatte. Das polnische Ehepaar nahmen wir mit und fuhren zum Hotel London, das von einer Mainzerin, Frau Richter, geführt wird. Wer je im Kaukasus war, kennt dies Haus und seine Besitzerin, die sehr energische, überaus auf Reinlichkeit bedachte alte Dame, die, früh verwitwet, seit dreißig Jahren dies beste Hotel der kaukasischen Hauptstadt führte und jedem Deutschen, der zu ihr kam, wie eine Mutter war. Das klingt wie eine Art Grabrede und ist es auch. Denn die Russen haben inzwischen ihre beiden Söhne nach Sibirien verschickt, ihr selbst das Hotel ruiniert und sie dann, als alles ruiniert war, einfach nach Deutschland ausgewiesen.
An jenem letzten Freitag des Juli 1914 war freilich noch kein Gedanke an derlei. Das Hotel war voll besetzt mit hohen russischen Offizieren, so dass wir kaum noch Unterkunft finden konnten.
Ich gab sofort meine Pässe dem Portier und schärfte ihm ein, alles zu tun, damit ich die Pässe womöglich morgen wieder in Händen hätte. Er meinte aber gleich, es würde damit wohl bis Montag dauern. Ich musste die Pässe, da ich russisches Gebiet ja schon am Montag wieder verlassen wollte, abvisieren lassen, um ungestörten Austritt aus dem Lande zu erhalten. Zwar hätte ich das auch noch in Eriwan besorgen lassen können, aber hier, in der Hauptstadt, würden die Formalitäten sicher schneller erledigt als in einer kleineren Stadt.
Von Deutschen waren damals in dem Hotel die beiden Söhne der Frau Richter mit ihren Frauen, die Hotelbesitzerin selbst und ein bayrischer Ingenieur mit seiner jungen Frau, einer Wienerin. Er war erst vor wenigen Wochen nach dem Kaukasus gekommen, um in einer Kupferhütte bei Batum, die der Firma Siemens gehört, tätig zu sein. Zu diesen Deutschen kamen nun meine Frau und ich.
An Europäern gab es dann noch zwei Engländer und einen amerikanischen Missionar, der mit seiner Tochter gerade aus Persien angekommen war. Zwei Tage später gesellte sich zu uns noch ein junges holländisches Ehepaar, das im Kaukasus Hochtouren machen wollte.
Alle übrigen Hotelgäste waren russische Offiziere, unter denen sich zahlreiche Balten befanden, die bei den Tifliser Dragonern standen.
Natürlich war auch hier der österreichisch-serbische Konflikt das Tagesgespräch. Bei den Deutschen, bei den Russen, bei den Engländern. Aber auch der schwärzeste Pessimist ahnte nicht, was schon am Montag Wirklichkeit sein sollte.
Sonnabend, den 1. August, ging ich auf das deutsche Konsulat. Leider war der deutsche Konsul überhaupt nicht in Tiflis, sondern schon seit Wochen auf Heimatsurlaub in Deutschland. An seiner Stelle führte die Geschäfte ein Herr Lortz, Sekretär des Konsulats, unter tätiger Unterstützung des österreichischen Konsuls Dr. Corossacz, eines geborenen Ungarn. Der deutsche Sekretär erwies sich als so überarbeitet und aufgeregt, dass ich ihn nicht weiter stören wollte und zum österreichischen Konsulat ging. Der österreichische Konsul war sehr liebenswürdig und sehr zugeknöpft, also das, was man gemeinhin einen Diplomaten nennt.
Als ich wieder auf der Straße stand, traf ich zufällig einen mir von Konstantinopel her bekannten Syrier, der mich ganz entsetzt anstarrte und flüsterte: „Machen Sie, dass Sie fortkommen, es gibt Krieg!“ Ich lächelte ungläubig, aber er machte jedenfalls, dass er schleunigst weiter kam.
Am nächsten Tag gegen Mittag, es war Sonntag, wir saßen gerade beim Frühstück, erschien ein Balte im Restaurant, ein Baron Drachenfels, tuschelte geheimnisvoll nach rechts und links mit ihm bekannten Deutschen aus der Stadt, die am Sonntag hier ebenfalls frühstückten. Er schien sehr erregt zu sein, bat einige Deutsche, die er kannte, darunter auch den bayrischen Ingenieur und seine junge Frau, die Wienerin, zu sich an den Tisch und bestellte Sekt, weil er Kater habe und ihn wegschwemmen wolle.
Meine Frau und ich saßen nicht an dem Tisch, da wir damals noch niemanden von der Tafelrunde persönlich kannten. Der Sekt löste die Zungen, und da eine junge Frau am Tische saß, der man eifrig den Hof machte, ging es bald sehr lebhaft zu.
Wir fanden, diese Deutschen benähmen sich denn doch etwas zu laut in dieser immerhin kritischen Zeit. Wir sahen auch, wie ein Tisch mit russischen Offizieren immer unruhiger wurde über die vergnügten Deutschen. Nach allem, was sie taten und sagten, wusste ich, dass ihr Zusammensein rein zufällig und ganz harmlos gemeint sei. Aber ich kannte ja Russland und wusste, wie leicht man dort jemandem auch aus der größten Harmlosigkeit einen Strick dreht, wenn man will und einen Vorwand findet.
Wir verließen das Restaurant, zumal ich bemerke, wie auch der jüngere Sohn des Hauses immer unruhiger wurde über die fröhlich Sekt trinkende Gesellschaft. Ich hatte kein Recht, die Leute zu warnen, also entfernte ich mich lieber. Dass dies durchaus harmlos gemeinte Sektfrühstück noch so schwere Folgen haben würde, das hätte ich an jenem Sonntag noch nicht für möglich gehalten.
* * *
Die Kriegserklärung
Die Kriegserklärung
Als am Montag früh, den 3. August, meine Pässe noch nicht im Hotel waren und die Polizei auf telefonischen Anruf erklärte, es werde damit wohl noch bis morgen dauern, ging ich mit dem jüngeren Sohn unserer Hotelbesitzerin ein wenig spazieren, mir wieder einmal die schöne Stadt Tiflis anzusehen.

Tiflis um 1910
Wir schlenderten durch den schattigen Alexandergarten, denn es war sehr heiß, und gelangten zum Golowinskij-Prospekt, der breiten Hauptstraße, an der die massige Garnisonskirche, der Statthalterpalast, die Kommandantur, die öffentliche Bibliothek und das Kaukasische Museum liegen.
Hier begegneten wir gegen halb zwölf Uhr einem uns bekannten russischen Stabsoffizier. Wir grüßten. Er eilte hastig an uns vorüber, stutzte, kam auf uns zu, gab uns die Hand und sagte mit einem etwas hämischen Lächeln: „Haben Sie schon gehört? Deutschland hat uns den Krieg erklärt!“
Einen Augenblick standen wir wie vom Schlag getroffen. Dann aber lachte mein Begleiter dem Offizier ins Gesicht. So ein Unsinn!
Der Offizier eilte weiter.
Wir gingen stumm nebeneinander her, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt ... Unsinn! Warum sollte gerade Deutschland Russland den Krieg erklären?
Wir gelangten zum Eriwan-Platz, auf dem immer mehr Menschen zusammenkamen. Erregt, neugierig. Irgendetwas war im Gange.
Wir sahen, wie aus dem Rathaus ein Tisch auf den Platz getragen wurde. Ein weißes Tuch wurde darüber gedeckt und darauf ein großes goldenes Kreuz gestellt. Über dem Tisch wurde ein prunkvoller Baldachin errichtet. Einige Popen erschienen in goldüberladenen Gewändern.
„Irgendeine Seelenmesse wird gelesen, das kommt hier öfter vor“, sagte mein Begleiter, und wir gingen eilig weiter. Rein mechanisch wählten wir den Weg zur Ssergijewska, in der das österreichische Konsulat liegt.
Kaum waren wir in die Straße eingebogen, raste uns ein Zeitungsjunge mit einem Stoß Extrablättern entgegen. Wir entrissen ihm ein Blatt, auf dem nichts weiter stand als das lakonische Telegramm der Petersburger Telegraphenagentur, dass Deutschland Russland den Krieg erklärt habe. Trotzdem kam uns das allen beiden noch so unglaubhaft und ungeheuerlich vor, dass wir das Telegramm immer noch nicht ernst nahmen.
Der österreichische Konsul wusste nicht mehr als wir. Wir brachten ihm sogar durch unser Extrablatt die erste Kriegsnachricht ins Haus. Er schien geradeso wenig daran zu glauben wie wir. Er schien auch wirklich nichts Genaueres zu wissen, denn er erklärte, er erhalte von seiner Regierung seit Tagen keine Nachricht mehr. Trotz dringender Telegramme, die er aufgegeben habe.
„Aber in dem Petersburger Telegramm steht doch nur etwas von einem Krieg zwischen Deutschland und Russland. Kein Wort über einen Krieg zwischen Österreich und Russland. Warum sollte man Ihnen dann keine Telegramme aushändigen?“
Dr. Corossacz zuckte vielsagend die Achseln.
Der Sekretär des deutschen Konsulats telefonierte. Wir gingen mit dem österreichischen Konsul zum deutschen Konsulat.
Der Sekretär war höchst aufgeregt. Er glaubte sofort an den Krieg. Er bereitete alles vor, um das Konsulat zu schließen.
Wir beeilten uns, nach Hause zu kommen. Auf dem Eriwan-Platz wurde die erste Kriegsmesse unter freiem Himmel gelesen. Zum ersten Mal erflehten hier russische Popen den Sieg für die russischen Waffen und Untergang und Verderben für Deutschland. Zum ersten Mal scholl vom Eriwan-Platz hinter uns drein die russische Nationalhymne mit ihrer inbrünstigen, choralartigen Weise.
An den Ladentüren der deutschen Geschäfte auf dem Golowinskij-Prospekt standen die Inhaber und Angestellten mit bleichen Gesichtern. Aber keiner von allen glaubte an den Ernst der Lage. Sie alle waren unserer Ansicht: Stimmungsmache gegen die Deutschen.
Es war Mittag und der Golowinskij-Prospekt wimmelte von Menschen. Sie hielten das Telegramm in Händen oder warfen es schon, spöttisch lächelnd, von sich. Ernst wurde hier die Sache auch nicht genommen.
Dieselbe Stimmung herrschte im Hotel. Tragisch nahm man das Telegramm auch hier nicht. Weder die russischen Offiziere noch die ausländischen Zivilisten.
Die Offiziere unterhielten sich mit uns, wir mit den beiden Engländern. In dem ersten Hotel von Tiflis trieb an diesem Tag die erste Nachricht von dem nahenden Unheil die Gäste der verschiedenen Nationalitäten nicht voneinander fort, sondern zueinander.
Die beiden Engländer sahen zuweilen mit gespanntem Ernst in die Ferne wie auf ein ungeheuerliches Geschäft, das ihnen erst in flüchtigen Umrissen vor den Augen stand, und erwogen als kaltblütige Kaufleute die Chancen dieses Geschäftes.
Wir Deutschen aber hatten rote Köpfe und dachten nur an eins: Wie komme ich raus nach Deutschland?
Ehe wir uns dessen versahen, saßen wir Deutschen alle zusammen an einem Tisch: Frau Richter mit ihren Söhnen, der bayrische Ingenieur mit seiner Frau, ich und meine Frau. Dazu kamen bald noch Deutsche aus der Stadt. Was tun? Nur einer von uns war noch militärpflichtig. Aber wir alle wollten nach Deutschland und uns zur Verfügung stellen. Zu irgendetwas würde doch jeder von uns in dem bevorstehenden Riesenkampf gut sein. Also galt es packen und für die Pässe sorgen. Und als es so weit war, atmeten wir alle erleichtert auf, die Muskeln strafften sich, die Augen blitzten. O, jetzt ging es nach Hause nach Deutschland.
Und wieder saßen wir alle zusammen auf der Veranda des Hotels. Dunkel war es. Nur die Sterne leuchteten über der leise rauschenden Kura.
An einem Nachbartisch saßen die beiden Engländer. Nicht weit davon der amerikanische Missionar mit seiner Tochter, den die ganze Sache nichts anzugehen schien. Noch weiter fort russische Offiziere mit Lärmen und Lachen.
Zum ersten Mal empfanden wir: Wir sind von Feinden umgeben und müssen vorsichtig sein. Wir unterhielten uns nur leise miteinander. Wir zeigten äußerlich möglichst unbewegte Mienen. Aber in uns kochte es und war wilder Tatendrang.
Da, alles verstummt und lauscht in die Nacht. Was ist das? Wie ferner Gesang klingt es in das Rauschen der Kura. Es kommt näher und näher. Die russische Nationalhymne, feierlich, inbrünstig. Manifestanten singen sie und durchziehen die Stadt. Ich schleiche mich zum Hoteleingang, wo die Manifestanten vorbeikommen. Fünfzig halbwüchsige Burschen, denen ein Polizist das Zarenbild voranträgt.
Ich eile zur Veranda zurück. Der Gesang kommt jetzt von der Kurabrücke her. Wie auf Verabredung heben wir die Gläser mit Rheinwein und leeren das Glas. Sagen, was wir denken, dürfen wir nicht. Aber wir denken: Deutschland, Deutschland über alles!

Deutsche Infanteristen 1914
Am anderen Morgen schon in der Frühe zum österreichischen Konsul. Ich habe meinen Pass immer noch nicht. Er soll mir raten und helfen.
In der Amtsstube sitzt eine strahlende deutsche Mutter mit ihren zwei Söhnen. Der ältere, etwa neunzehnjährig, strahlt auch über das ganze Gesicht. Der jüngere, etwa sechzehnjährig, heult jämmerlich. Die Mutter meldet ihren Ältesten zum Militärdienst nach Deutschland. Deshalb strahlen die beiden so. Dem Jüngsten hat der Konsul eben gesagt, es könne gar keine Rede davon sein, dass er eingestellt würde. Deshalb heult er so jämmerlich. Mich durchzuckt es, und auch der Konsul ist sichtlich bewegt, trotzdem er sein glattrasiertes Gesicht gut in der Gewalt hat.
Es erscheinen andere Deutsche. Sie melden sich ebenfalls. Sie wollen alle dasselbe: einen Pass nach Deutschland.
Der arme Konsul, er befindet sich in einer schwierigen Lage. Er weiß ja offiziell durchaus nichts davon, dass Krieg ist. Er kann auch nichts Bestimmtes darüber erfahren. Er kann gar nichts anderes tun, als die Leute auf später vertrösten und sie bitten, nächstens wieder zu kommen, nachdem er sie an das deutsche Konsulat verwiesen hat.
Mir verspricht er natürlich auch, das seine zu tun, damit ich meine Pässe zurückerhalte. Aber er ahnte wohl damals schon, dass es damit nichts werden würde.
Vom Konsulat begebe ich mich zur Bank. Da man auf so einer Reise nicht mehr bares Geld mitnimmt, als unbedingt nötig ist, so hatte ich mein Hauptgeld nach Wan überweisen lassen. Da ich aber jetzt nicht mehr nach Wan wollte, sondern nach Deutschland, musste ich versuchen, ob ich nicht durch die Tifliser Bank mein Geld aus Wan erhalten könne. Auf der Bank riet man mir, sofort nach Wan um Überweisung des Geldes nach Tiflis zu telegraphieren. Man wollte das sogar selbst für mich besorgen und bat zu dem Zweck um meinen Depotschein. Ich zeigte ihn zwar, gab ihn aber nicht aus den Händen. Die Leute waren selbst für russische Verhältnisse etwas gar zu liebenswürdig. Ich wurde misstrauisch und wollte mich erst noch anderswo erkundigen.
Mein Misstrauen war berechtigt. Hätte ich dem Rat der Bank gefolgt, wäre ich das Geld losgeworden, denn sie zahlte schon wenige Tage nach der Kriegserklärung an Reichsdeutsche nichts mehr aus. Nicht einmal der österreichische Konsul konnte in den Besitz ihm überwiesener Gelder gelangen.
Die Ereignisse der allernächsten Zeit überstürzten sich dermaßen, dass ich ihrer chronologischen Reihenfolge nicht mehr sicher bin. Ich machte mir zwar sofort Aufzeichnungen, auf Grund deren ich alles der Reihenfolge nach erzählen könnte, aber diese Aufzeichnungen musste ich später vernichten. Ich vermag jetzt also nur noch die Haupteindrücke wiederzugeben.
Gegen Mittag komme ich in das Restaurant unseres Hotels und bleibe unwillkürlich an der Türe stehen. Mitten im Restaurant steht ein Herr entblößten Hauptes. Um ihn her russische Offiziere mit ernsten Gesichtern. Der Herr liest das soeben eingelaufene Manifest des Zaren vor, wonach Deutschland das unschuldige Lämmlein Russland hinterrücks mit Krieg überfallen hat. Nach der Verlesung erst tiefes Schweigen, dann die Nationalhymne ...
Höchste Zeit für uns alle, nach Hause, nach Deutschland zu kommen. Alle Deutschen im Kaukasus fühlen das und strömen in Tiflis zusammen. Hier befindet sich ja das einzige deutsche Berufskonsulat im Kaukasus. Es ist doch dazu da, den Deutschen zu helfen...
Ein junger, intelligenter deutscher Vorarbeiter erscheint im Hotel als Abgesandter von einem Dutzend, die in der Nähe von Batum in Arbeit sind. Er soll vom Konsulat Auslandspässe für sie alle besorgen. Er lacht über das ganze junge Gesicht vor Freude, dass es endlich losgeht. Alle zwölf Kameraden sind reisefertig wie er. Nur fort. Er eilt zum Konsul, kommt bald wieder und ist verzweifelt, weil der Konsul nicht helfen kann. Er eilt zur Bahn, um wieder nach Batum zu fahren und mit den Zwölfen auszurücken. Kaum ist er aus dem Hotel, stürzt Polizei in das Restaurant, die den jungen Deutschen sucht. Wir wissen natürlich nichts. Eine Stunde später ist der junge Mann wieder da, diesmal in Begleitung eines russischen Offiziers. Man hat ihn an der Bahn festgehalten. Man lässt überhaupt keinen Deutschen mehr aus Tiflis fort.
Immer wieder tauchen Deutsche in dem Hotel auf. Es ist ja ein deutsches Haus. Hier verkehren auch die Konsuln. Wo soll man sich Rat holen, wenn nicht hier? Bald darauf erscheint Polizei und führt die Deutschen fort. Wohin, wissen wir nicht ... Abend. Der österreichische Konsul kommt zu uns ins Hotel. Sein italienischer Kollege hat ihn endlich offiziell von dem Krieg zwischen Russland und Deutschland verständigt. Darauf ging er zum deutschen Konsulat. Noch einmal wurde die schwarz-weiß-rote Flagge hochgezogen. Dabei nur zwei Deutsche auf der Straße, Hut in der Hand. Die Flagge wurde eingeholt, der Mast zerbrochen, das Konsularschild entfernt. Ein deutsches Konsulat in Tiflis gibt es nicht mehr...
Ich: „Wie kommen wir jetzt aber nach Deutschland?“
Der Konsul: „Amerika hat den Schutz der Deutschen in Russland übernommen.“
Ich: „Der nächste amerikanische Konsul ist in Batum?“
Der Konsul nickt. Er setzt ein Telegramm an diesen Mr. Shmid auf, ungefähr des Inhalts, er möge so bald wie irgend möglich nach Tiflis herüberkommen, um den Schutz der hiesigen Deutschen zu übernehmen.
Andere Deutsche kommen hinzu. Der Konsul sucht uns zu beruhigen, indem er auseinandersetzt, der amerikanische Konsul werde uns unter amerikanischem Schutz auf ein neutrales Schiff nach Batum bringen und von dort über Konstantinopel nach Hause reisen lassen.
Uns Deutschen wird etwas leichter ums Herz. Deutschland hat uns nicht vergessen, es hat uns die Amerikaner zum Schutz bestellt.
Ich zum österreichischen Konsul: „Sagen Sie, ist dieser Mr. Shmid Berufskonsul?“
„Er ist Kaufmann. Wahlkonsul.“
Mir wird wieder schwer ums Herz, ich lasse es mir aber vor den anderen nicht merken, die so voll Hoffnungen sind. Der Mr. Shmid ist also Kaufmann, Geschäftsmann oder dergleichen. Er verdient also doch wohl durch Geschäfte mit Russen? Woher soll er dann die Energie nehmen, auch einmal, wenn es sein muss, energisch gegen die Russen aufzutreten? Ich spreche mit meiner Frau, die geborene Amerikanerin ist. Sie denkt darüber noch viel skeptischer als ich...
An dem Tage, da der österreichische Konsul die österreichische Kriegserklärung an Russland offiziell erfährt, kommt er sichtlich erleichtert wieder zu uns ins Hotel. Binnen 24 Stunden muss er nach diplomatischem Brauch seinen Posten verlassen. Er kann nur froh darüber sein. Noch dazu hält er in Händen das Antworttelegramm von Mr. Shmid aus Batum, das reichlich lange gebraucht hat, und in dem geschrieben steht, dass Mr. Shmid unmöglich von Batum nach Tiflis kommen, dass er überhaupt nichts für die Deutschen tun kann.
Wir machen lange Gesichter. Mit dem amerikanischen Schutz ist es also auch nichts. Nun heißt es: Hilf dir selbst ... Wenn es dafür nur nicht zu spät ist ... Hätten wir schon am Tage der Kriegserklärung gewusst, wie die Dinge liegen, hätte wohl doch noch mancher entwischen können bei der allgemeinen Unordnung. Aber wir Deutschen sind ja gewöhnt, auf den Rat unserer Behörden zu hören, in diesem Falle die Konsulate. Sie rieten uns, nichts zu unternehmen, sondern zunächst einmal zu warten ... Also warteten wir ... Bis der Krieg uns dann von dem Glauben an die Konsulate kurierte...
Der österreichische Konsul rüstet sich zur Abreise über Petersburg-Finnland. Ich setze Himmel und Hölle in Bewegung, um mit ihm reisen zu können. Man verspricht mir die Pässe bis zum Abend. Wir packen wieder einmal um, denn für die weite Reise über Finnland nimmt man nur das Allernotwendigste mit ... Der Abend kommt. Die Pässe nicht. Wir essen mit dem Konsul zu Abend. Gegen neun Uhr wird er von einem Offizier zur Fahrt nach der Bahn abgeholt ... Gegen halb elf erscheint er wieder im Hotel. Auf ein so baldiges Wiedersehen hatten wir nicht gerechnet. Er saß schon im Zug, und der Zug sollte abgehen, da wurde ihm bedeutet, der Weg über Finnland sei gesperrt. Er könne nur noch über Wladiwostok – Peking – San Franzisko – New-York reisen. Eine etwas umständliche und kostspielige Reise. Wer hat das nötige Kleingeld dafür in der Tasche? ... Also musste er wieder zurück in die Stadt, um sich das nötige Geld für diese Gewalttour zusammenzuborgen. Seine eigenen Gelder wurden ihm ja nicht mehr ausbezahlt...
Am nächsten Abend fuhr er dann ab und kam jedenfalls nicht mehr ins Hotel zurück. Was aus ihm geworden ist, wissen wir nicht.
Das Schicksal der Deutschen aber war damit besiegelt. Wir waren völlig schutzlos der Willkür der russischen Behörden preisgegeben.
* * *
In der russischen Mausefalle
In der russischen Mausefalle
Am 5. August gegen Mittag kommt der Hotelportier in das Restaurant, wo wir Deutschen gerade wieder einmal beratend zusammensaßen, um die beiden Söhne des Hauses, mich und den bayrischen Ingenieur in das Büro zu rufen, wo der stellvertretende Reviervorsteher unserer harre, um ein Protokoll aufzunehmen.
Vier Mann hoch ziehen wir in das Büro. Ein jovialer, kugelrunder Herr, dieser stellvertretende Pristav. Essen und Trinken ist ihm sicher eine angenehmere Beschäftigung als Protokolle aufnehmen.
Ich komme zuletzt an die Reihe und habe Zeit, zu überlegen, was ich sagen soll. Meine Lage ist ein wenig heikel. Kurz vor Kriegsausbruch ist von mir in einem Berliner Verlag ein Buch unter dem Titel: „Der Zar und seine Juden“ erschienen, das mit der russischen Regierung nicht gerade wohlwollend umgeht. Aus meinem Pass ging ferner deutlich hervor, dass ich direkt aus Konstantinopel kam, dort mehrere Monate gelebt hatte und jetzt wieder nach der Türkei zurück wollte. Ich hätte den Russen also schon deshalb verdächtig erscheinen können.
Ich gab zu Protokoll, was freilich nur ein Teil der Wahrheit war, ich beschäftige mich mit archäologischen Studien, speziell mit chetitischen, und reise zu diesem Zweck nach Wan und Umgegend.
Der kugelrunde Pristavstellvertreter konnte sich dabei zwar offenbar nichts Rechtes vorstellen, gab sich aber vorläufig damit zufrieden.
Bis auf den jüngeren Sohn des Hauses konnten wir zu unserem Frühstück zurückkehren. Den jüngeren Sohn nahm der Polizeibeamte mit. Erst am nächsten Tag brachte seine Frau, eine im Kaukasus geborene deutsche Kolonistin, heraus, dass ihr Mann auf der Hauptwache saß und dort festgehalten wurde.
Tags darauf Nachricht von dem Eingesperrten, dass er zunächst auf der Hauptwache bleiben müsse, wo auch der deutsche Konsul aus Erzerum in der Türkei festgehalten werde. Dr. Anders, der deutsche Konsul in Erzerum, kam aus Wan, wohin ich ursprünglich hatte reisen wollen. Er wählte ebenfalls den bequemeren Weg über Russland nach Erzerum, ohne eine Ahnung vom Ausbruch des Krieges zu haben, wurde auf russischem Gebiet festgenommen und war also nun in der Hauptwache in Tiflis eingesperrt...
Die englische Kriegserklärung an Deutschland wird in Tiflis bekannt. Auf dem Rathaus tanzen sie Freudentänze. Tiflis steht Kopf. Nun kann es nicht fehlen! Deutschland ist schon so gut wie vernichtet.
Einige wenige Russen benehmen sich jetzt noch herablassender gegen die armen Njemezki, die Deutschen. Den meisten aber stärkt Englands Kriegserklärung so den Mut in der Brust, dass sie anfangen unverschämt zu werden gegen alles, was deutsch ist.
Nur die beiden Engländer in unserem Hotel freuen sich nicht der englischen Kriegserklärung. Im Gegenteil. Sie sind wie vom Donner gerührt, als sie sich darüber Gewissheit verschafft haben. Dann schimpfen sie auf Lord Grey, wie ich englisch noch nie habe schimpfen hören. Durch sein aktives Eingreifen in den Krieg verdarb er England nach ihrer Meinung das schönste und größte Geschäft, das sich der britischen Insel seit ihrem Bestehen bot. Nun hatte England Farbe bekannt, statt wieder im Trüben zu fischen. Der größte Fehler, den England je begangen hat. Sie reisten ab, wütend und verstört. Recht hatten sie! ...
Das junge holländische Ehepaar, das neutrale Ehepaar, fühlt sich unbehaglich, denn ganz mag man es doch nicht mit den Deutschen verderben, aber die Russen beginnen, es den jungen Leuten übelzunehmen, wenn sie mit uns sprechen. Sie tun das klügste, was ein Neutraler tun kann, sie reisen ab und machen ihre Bergtouren. Derweil die Welt in Flammen steht, besteigen sie den Kasbek.
Unser österreichisch-polnisches Ehepärchen hält sich fast den ganzen Tag auf seinem Zimmer versteckt. Erst am Abend erscheinen die beiden und lustwandeln verstohlen, zärtlich aneinander geschmiegt, durch den kleinen Hotelgarten. Tagsüber fürchten sie sich und sehen von Tag zu Tag elender aus.

Großfürst Nikolai Nikolajewitsch
Erst als des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch (Nikolai Nikolajewitsch Romanow, auch Nikolai Nikolajewitsch der Jüngere genannt, ( russisch Николай Николаевич Романов, Николай Николаевич Младший; * 6. November jul. / 18. November 1856 greg. in Sankt Petersburg; † 6. Januar 1929 in Antibes) war ein russischer General und Großfürst aus der Zarenfamilie Romanow.) Aufruf an die Polen bekannt wird, atmen sie auf und fassen wieder Mut. Der Mann hat mir erklärt, er sei entschlossen, russischer Untertan zu werden. Wäre er nicht so schwächlich, hätte ich ihn geohrfeigt. So kehre ich ihm nur stumm den Rücken...
Acht Tage nach der ersten Protokollierung werden wir, der ältere Sohn des Hauses, der bayrische Hütteningenieur und ich, wieder aus dem Restaurant gerufen. Im Hoteleingang stehen sechs russische Infanteristen und ein Polizeioffizier mit zwei Polizisten. Als der Polizeioffizier uns sieht, kommandiert er barsch: „Hut auf! Mitkommen!“ Wir wollen unsere Frauen vorher verständigen. Man lässt es nicht zu. Also Hut auf und mit. Wir drei werden von den neun in die Mitte genommen und abgeführt. Wie Schwerverbrecher. Zu Fuß geht es in solchem Aufzug durch die Straßen zum zuständigen Polizeirevier. Die Sonne brennt beträchtlich.
Auf dem Revier treffen wir noch ein halbes Dutzend Deutsche, die genauso wie wir ohne jede Erklärung hierher transportiert worden sind. Auch die Polizei klärt uns nicht darüber auf. Wir stehen auf dem Gang herum und warten.
Es war noch nicht zehn Uhr, als wir eingeliefert wurden.
Um halb zwei werden wir, jetzt ein Dutzend Deutsche, vom Revier unter starker Bedeckung zum Polizeipräsidium eskortiert. Zum Gaudium der Russen führt der Weg durch die ganze Stadt. Nicht gerade ein angenehmes Spießrutenlaufen. Wir kommen an der Hauptwache vorbei, und der Zufall will es, dass gerade der jüngere Richter aus seinem vergitterten Fensterchen sieht, als sein älterer Bruder mit uns vorbeigetrieben wird.
Auf dem Polizeipräsidium heißt es zunächst wieder einmal: warten. Nach und nach kommen immer mehr Deutsche hinzu aus anderen Polizeirevieren. Es ist, als hätte die Tifliser Polizei heute Morgen durch die ganze Stadt eine Jagd auf Deutsche gemacht.
Endlich öffnet sich eine Tür, und die Deutschen werden einzeln hereingerufen. Ich bin einer der letzten. In dem Zimmer sitzt wieder ein Pristav und nimmt Protokolle auf. Ich wiederhole, was ich schon vor acht Tagen gesagt habe. Das Protokoll ist zu Ende, und ich will zu den andern Deutschen, die in einem Nebenraum versammelt sind, wie ich durch eine offenstehende Tür sehen kann. Der Pristav schreit mich an und weist mich zu einer andern Tür, hinter der ich verschwinde. In diesem Raum befindet sich außer mir noch ein Deutscher. Wir sehen uns an und sprechen miteinander. Haben wir etwas Besonderes verbrochen, dass wir von den andern abgesondert werden, oder was ist sonst los?
Noch ein Deutscher gesellt sich zu uns. Warten. Endlich erscheint ein Polizist und brüllt uns an: „Pascholl!“ (Raus!)
Wir also raus, und da uns niemand hindert, sich niemand um uns kümmert, verlassen wir das Polizeipräsidium. Und da sich die Polizei vor dem Tor auch nicht um uns kümmert, gehen wir eben nach Hause.
Aber wo bleiben die anderen, wo bleibt der bayrische Hütteningenieur, wo steckt der ältere Richter, der älteste Sohn unserer Hotelbesitzerin? Niemand weiß es. Sie sind wie vom Erdboden verschluckt.
Kaum im Hotel angekommen, stürzen die Frauen über mich her. Wo sind die Männer? Ich weiß es nicht. Was wird mit ihnen? Ich weiß es nicht. Wir telefonieren. An unser Revier. An das Polizeipräsidium. Die alte Frau Richter setzt sich mit den einflussreichsten Leuten in Verbindung. Sie verkehren ja alle in ihrem Hotel. Sie lebt ja schon dreißig Jahre in Tiflis und kennt jedermann, und jedermann respektiert sie. Keiner gibt ihr eine bestimmte Auskunft. Immer nur Ausreden, billige Ausflüchte und flüchtige Trostworte, die aber gar nicht ernst gemeint sind. Früher hatte sie so viel Einfluss. Jetzt ist das alles wie mit einem Ruck abgeschnitten, als wäre es nie gewesen.
Wilde Gerüchte gehen in der Stadt über die beiden Söhne der Frau Richter. Sie sind ja stadtbekannt wie die Mutter. Der eine soll gerade dabei erwischt worden sein, wie er russische Pläne auf die Post gab für Deutschland. Der andere soll Photographien russischer Befestigungen gesammelt und nach Berlin geschickt haben und dergleichen mehr, woran natürlich kein wahres Wort ist. Endlich gelingt es der Frau des jüngeren Sohnes, zum Stadtkommandanten vorzudringen. Endlich gelingt es der alten Dame, beim Statthalter, dem allmächtigen Grafen Woronzow-Daschkow, einem Günstling des Zaren, empfangen zu werden. Aber immer nur Ausflüchte und nichtssagende Redensarten ...
Außer den Offizieren ziehen sich die Russen immer mehr von dem Hotel zurück. Man beginnt, es zu meiden. Wenn aber einer einmal wiedererscheint, der sonst Stammgast hier war, vielleicht auch eine tüchtige Portion Schulden hier hat, dann kommt er nur, um die alte Dame zu quälen. Ob sie noch nicht wisse, dass ihr einer Sohn morgen gehängt werde? Oder er kondoliert direkt mit scheinbar teilnahmsvollem Gesicht, weil der eine Sohn gestern hingerichtet worden sei. Hat er seinen Zweck erreicht und die alte Dame der Verzweiflung nahegebracht, macht er sich schleunigst aus dem Staube.
Nun wagt sich jeder Neid wider das altangesehene Haus hervor und wird zur Niedertracht. Es ist ja jetzt patriotisch, sich gegen die Deutschen niederträchtig zu benehmen. Und gegen diese alte, harmlose Dame hat man dazu ja so einen prachtvollen Vorwand. Im russischen Klub wurde allgemein erzählt, dass im Hotel London ein ganzes Nest von deutschen Spionen auszuheben sei. Schon am Tage vor der Kriegserklärung hätten die Deutschen im Hotel London über den Krieg Bescheid gewusst und ein wüstes Sektgelage abgehalten, bei dem auf Kaiser Wilhelm Hochs ausgebracht und auf den Untergang Russlands die Gläser geleert wurden.
So sah jenes harmlose Sektfrühstück vom 2. August, von dem ich erzählte, jetzt aus. Und der eigentliche Urheber dieses Frühstücks, der eigentliche Veranlasser und Veranstalter der ganzen Tat, der Balte, der Russe, der Aristokrat, der Herr Baron Drachenfels, selbst Mitglied des russischen Klubs, er trat doch selbstverständlich als Ehrenmann gegen solche Gerüchte auf und legte den wahren Sachverhalt dar, denn er war doch der nächste dazu? Er dachte gar nicht daran. Er war zu feig, die Sache aufzuklären, und ließ es ruhig zu, dass unschuldige Frauen und wehrlose Männer darunter zu leiden hatten. Ja, er besaß sogar die perfide Frechheit, dem Direktor des Hüttenwerkes, bei dem der bayrische Ingenieur angestellt war, zu erklären, dieser habe das Frühstück arrangiert und sei nur mit Mühe davon abzuhalten gewesen, das Wohl des Deutschen Kaisers auszubringen. Auf Sekt habe er aber bestanden, und so sei es nur gelungen, dass dank seiner Vorstellungen wenigstens russischer Sekt getrunken wurde...
Jetzt bin ich der einzige Deutsche im Hotel London. Um mich her nur noch weinende, verzweifelte Frauen, denen Männer und Söhne fortgenommen waren. Niemand wusste damals, welchem Schicksal sie entgegengingen.
Eines Abends spät erscheint ein Gefängnisbeamter und gibt gegen hundert Rubel Auskunft über das Schicksal der Verhafteten. Wir erfahren, dass einige zwanzig, darunter der jüngere Sohn des Hauses, im Zuchthaus sitzen. Mit ihm auch der deutsche Konsul Dr. Anders. Wir erfahren, dass man 250 andere Deutsche, da die Zuchthäuser für sie zu eng geworden waren, in einer Kaserne untergebracht hat, bis sie „verschickt“ werden. Wir erfahren durch den Mann, dass alle Deutschen vom 18. bis 45. Lebensjahr eingesperrt und „verschickt“ werden. Ganz einerlei, ob sie militärpflichtig, militärtauglich oder keins von beiden sind, denn, wie der Mann sich ausdrückt, wenn der Kaiser Wilhelm befiehlt, müssen sie doch alle gegen uns kämpfen. Wir erfahren, dass dank eines Erlasses des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, des erlauchten Höchstkommandierenden der russischen Heere, auf alle Deutschen zwischen 18 und 45 Jahren durch das ganze weite, heilige Russland hin eine förmliche Jagd abgehalten wird, um sie einzusperren und zu „verschicken“. Und nun weiß ich endlich auch, warum man mich wieder hat laufen lassen. Ich habe das 45. Lebensjahr vollendet, komme also nicht mehr in Betracht. Ein erbärmliches Los, das erbärmlichste von allen.
Den Gefangenen in der Kaserne wurde es erlaubt, zu bestimmten Stunden am Nachmittag ihre Angehörigen zu empfangen. Sie durften den Männern Essen und wärmere Sachen für die nicht mehr heißen Nächte bringen. Sie brachten ihnen auch Geld.
Denen, die im Zuchthaus saßen, durfte man einmal in der Woche Essen bringen. Das Essen wurde von den Zuchthausbeamten in Empfang genommen. Ob die Gefangenen es auch wirklich erhielten, war nicht zu erfahren. Niemand durfte sie sehen oder sprechen.
Jene in der Kaserne durften wenigstens Abschied nehmen von ihren Angehörigen, als sie „verschickt“ wurden. Die im Zuchthaus haben bis auf diesen Tag nichts mehr von ihren Angehörigen zu sehen bekommen. Auch ihnen zu schreiben, war verboten.
Dabei hatten sie nicht mehr und nicht weniger verbrochen als die in der Kaserne Eingesperrten. Sie hatten ebenfalls nichts weiter verbrochen, als dass sie deutsche Reichsangehörige waren. Wir wissen das deshalb ganz genau, weil wir mit einigen dieser Zuchthäusler später in Sibirien zusammen waren und aus ihren Papieren zu ersehen war, dass auch gegen sie nichts weiter vorlag. Seit Kriegsausbruch ist jeder Reichsdeutsche, der auf russischem Staatsgebiet betroffen wurde, ein Verbrecher und wird als solcher behandelt. Ob dieser Verbrecher, bevor er „verschickt“ wird, im Zuchthaus sitzt oder anderswo, ist reine Zufallssache. War er vor Kriegsbeginn ein besonders angesehener Deutscher oder ein gefürchteter Konkurrent russischer Kaufleute, so hatte er gute Aussicht, zuerst ins Zuchthaus zu kommen. Kannte ihn niemand und kam er als Konkurrent nicht in Betracht, so hatte er einige Aussicht, in die Kaserne zu kommen. Das war neben dem reinen Zufall der einzige Gesichtspunkt, der deutlicher sichtbar wurde...
Zwei Tage nach Kriegsausbruch war die russische Mausefalle geschlossen. Kein Reichsdeutscher konnte ihr noch entkommen. Zunächst wurden alle Reichsdeutschen zwischen 20 und 45 Jahren eingefangen, eingesperrt und dann „verschickt“. Später verfuhr man auch mit den Deutschen vom 17. Lebensjahr bis zum 50. genauso. Ob gesund, ob krank, ob militärpflichtig, militärtauglich oder nicht, ob lahm oder blind, einerlei, es sind Reichsdeutsche, sie sind Verbrecher und werden nach Sibirien verschickt. Und im ganzen weiten russischen Reich erhob sich nirgends eine Stimme, die dagegen protestierte, die dies Verfahren der Regierung als das erkannte, was es war: nämlich eine perfide, niederträchtige Gemeinheit und nichts anderes. Aber es gab auch im weiten russischen Reich keinen Neutralen, weder einen Botschafter noch einen Konsul oder sonst etwas, der dagegen protestiert hätte. Und wir haben auch nie etwas davon gespürt, dass man in Deutschland irgendetwas Energisches gegen diese Gemeinheit unternahm. Wussten die Deutschen im Reich nicht, was mit ihren Brüdern in Russland geschah? Hatten die Deutschen im Reich vergessen, dass viele Tausende deutscher Landsleute in Russland das Los gemeiner Verbrecher tragen müssen, nur weil sie Deutsche sind und bleiben wollen? Hat man uns ganz und gar vergessen? Sind wir für unser Volk gar nichts mehr wert? Verlassen und wehrlos der russischen Niedertracht preisgegeben, bis wir in Sibirien erfroren, verhungert oder totgeschlagen sind?
So und nicht anders müssen viele Tausende deutscher Männer, junge und alte, in Sibirien denken.
* * *
An der Madatowskij-Insel
An der Madatowskij-Insel
Das Hotel London in Tiflis liegt hart an einem Seitenarm der Kura.

Kura-Fluss
Die Kura bildet hier eine Insel, die Madatowskij-Insel, über die die Nikolaibrücke führt. Von unserem Hotelzimmer sieht man über diese Insel die Altstadt langsam bis zur Bahn und den dahinter liegenden Hügeln, den letzten Ausläufern des hohen Kaukasus, emporklettern. Alte Häuschen mohammedanischen Stils. Dazwischen kleine Plätze, von denen die Sonne alles Grün abgefressen hat. Dahinter kahle, gelbe Hügel, die sich aus braun gebrannten Äckern und Wiesen erheben, auf denen der Sonnenbrand das letzte Leben getötet hat. Auf der Insel verwahrloste Hunde, die von Abend bis Morgen einen Heidenspektakel vollführen und tagsüber mit irgendwelchem stinkenden Raub herumliegen. Wie es früher in Konstantinopel war. In dem immer seichter werdenden Kura-Arm, der am Hotel vorbeifließt, tummeln sich am Nachmittag halb erwachsene Burschen der ärmeren Bevölkerung zusammen mit trächtigen Mutterschweinen, die ebenfalls im Wasser einige Kühlung suchen.
Dies die Aussicht von unserem Hotelfenster, die wir anderthalb Monate auszuhalten hatten, denn so lange war es mir verboten, das Hotel zu verlassen. Nur meine Frau durfte sich auf der Straße zeigen.
Wir starren aus dem Fenster zur Nikolaibrücke. In scharfem Trab kommt ein kleiner Wagen über die Brücke. Auf seinem Sitz thront eine Kiste. Rechts und links davon sitzen je zwei Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr.

Vor dem Wagen ein berittener Kosak. Hinter ihm drei weitere Kosaken. Gleich muss es Mittag sein, denn kurz vor Mittag erscheint jeden Tag dieser kleine Wagen mit Staatsgeldern von der Bahn und fährt zur Reichsbank. Da steigt auch schon hoch oben am Berg ein blauweißes Wölkchen auf. Dann ein Kanonenschuss. Es ist Mittag.
Frühstück im Zimmer, denn in das Restaurant dürfen wir uns nicht mehr wagen.
Um Mittag haben wir jetzt durchschnittlich 35-40 Grad Hitze. Kein Lüftchen regt sich.
Wieder am Fenster. Über die Nikolaibrücke bewegt sich der halbe Orient. Perser auf kleinen Eseln, die Holzkohlen befördern. Mullahs in grünen oder weißen Turbanen. Schäbige Pferde mit Wasserschläuchen über den eingesunkenen Rücken und mit dicken Bäuchen, gezerrt von braungebrannten Kerlen, die zum Schutz gegen die Sonnenglut sich weiße Tücher seltsam über Kopf und Schulter geschlagen haben. Sie gleichen alten Ägyptern. Zerlumpte Tataren in Fellmützen. Eine Kosakenpatrouille. Aber nie Militär. Das wird nur nachts befördert, und dann meist auch nicht durch die Stadt, sondern auf weiten Umwegen um die Stadt herum.
Bunt, grell, abenteuerlich, orientalisch. Wie es Bodenstedt schon besungen hat. Aber sechs Wochen lang immer dasselbe und in unserer Verfassung, man wird immer ungeduldiger. Das Heimweh nach Deutschland wächst erst recht.
Man setzt sich mit dem Rücken zum Fenster und greift zu den Zeitungen. Wir bekommen den „Temps“. Er schimpft auf allen Seiten, in allen Rubriken auf die barbarischen Deutschen und weiß in jeder Spalte neue Ungeheuerlichkeiten über deutsche Grausamkeiten und Niederträchtigkeiten zu erzählen. Es stimmt nicht freundlicher.
Man nimmt den „Petersburger Herold“ vor, eine deutsche Zeitung. Man könnte geradeso gut die „Nowoje Wremja“ lesen. Dies Schandblatt deutscher Zunge ist nicht weniger gemein.
Meine Frau liest mir die Londoner „Times“ vor. Es ist einfach nicht zum Aushalten. Es ist, als atme man unausgesetzt Gift ein, sowie man eins dieser Blätter in die Hand nimmt. Man fühlt, mit der Zeit wird man verrückt darüber. Keine Zeitung darf mir mehr ins Zimmer. Nur noch die Telegramme des russischen Generalstabes.
Vier Wochen ist nun Krieg, und die Deutschen haben immer noch nicht Lüttich genommen? Was ist denn aus den deutschen Soldaten geworden? Überall werden sie zurückgeschlagen. In Ostpreußen wird schon eine russische Verwaltung eingesetzt.

Rennenkampff in Insterburg in Ostpreußen
Ein Herr mit dem echt russischen Namen Müller soll diese Verwaltung leiten, und in einem Interview erklärt er, dass er alle europäischen Sprachen spreche, aber in Ostpreußen nur Russisch sprechen werde, damit sich die Deutschen dort gleich an die neue Heimat gewöhnen und erkennen, mit Deutsch ist es ganz und gar nichts mehr.

Paul von Rennenkampff
Rennenkampf steht schon dicht bei Berlin. Die Franzosen haben das ganze Elsass besetzt. England hat die deutsche Handelsflotte ruiniert und bei Helgoland der deutschen Kriegsflotte eine schwere Niederlage beigebracht, von der sie sich nicht mehr erholen wird. Man rechnet stündlich damit, dass englische Kriegsschiffe die Elbe hinauffahren und Hamburg bombardieren.
Ein bisschen viel auf einmal für einen guten Deutschen. Das kann unmöglich wahr sein. Man greift doch wieder zu den Zeitungen und forscht zwischen den Zeilen nach der Wahrheit, da sie in ihnen einfach nicht stehen kann. Da, fett gedruckt im Petersburger Herold: der deutsche Kaiser hat hundert Sozialdemokraten erschießen lassen. Dann eine fette Notiz: Revolution und Hungersnot in Berlin. Unter den Linden ist es zu wilden Straßenkämpfen gekommen. Das Militär schoss auf die Tumultuanten, die gegen den Krieg demonstrierten. Hundert Tote blieben auf dem Platz ... Schon quält Hunger die Berliner Bevölkerung. Das Pfund Rindfleisch kostet in der Reichshauptstadt jetzt schon eine Mark.
Ich zu meiner Frau: „Sag mal, weißt du noch, was wir im Frühjahr in Berlin für ein Pfund Rindfleisch bezahlt haben?“
Meine Frau: „Natürlich, das weiß ich noch ziemlich genau, durchschnittlich eine Mark zwanzig.“
Meine Frau glaubt, ich bin verrückt geworden, denn ich lache, dass mir die Tränen über die Backen laufen.
Und ich werde wieder eifriger Zeitungsleser. Die Forts von Lüttich leisten immer noch tapferen Widerstand, aber die Deutschen sind in Brüssel. Das ist zwar ohne jede Bedeutung und braucht keine Beunruhigung hervorzurufen, denn es liegt durchaus im Kriegsplan der „Verbündeten“ ... Hm, na, schön, ich habe nichts dagegen.

Meldung aus Paris: Die französische Regierung verlässt Paris, weil der Stadtkommandant es so wünscht, und begibt sich nach Bordeaux. Langer Bericht, wie klug die Franzosen daran tun, und wie ehrlich von der Regierung, das vor aller Welt bekanntzugeben. Man sieht, was für eine moralische Wandlung mit der großen Nation vor sich gegangen ist. 1870 leider viele Lügenberichte, jetzt diese Ehrlichkeit. Eine völlige Neugeburt der französischen Nation. Sie geht sogar wieder in die Kirchen, die überfüllt sind ... Muss das allen russischen Herzen wohl tun...
Von Ostpreußen hört man gar nichts mehr. Der echte Russe, Herr Müller, scheint seine Abreise nach Königsberg aufgeschoben zu haben. Da dürfte etwas dazwischen gekommen sein? Wenn man nur erfahren könnte, was?
Auf meinem Zimmer erscheint gegen Abend wieder einmal ein Pristavstellvertreter, um wieder einmal ein Protokoll mit mir aufzunehmen. Es wäre einfacher, er schriebe die früheren Protokolle ab, denn mehr erfährt er doch nicht von mir, aber dazu kann er sich nicht entschließen. Auch hat ihm die Behörde noch besondere Aufträge gegeben. Er soll in Erfahrung bringen, ob ich politisch irgendwie verdächtig sei, ob ich schon im Zuchthaus gesessen habe, und ob ich für die Dauer des Krieges in Tiflis zu bleiben beabsichtige.
Wie soll der arme Pristavstellvertreter nun die Wahrheit über mich erfahren, da mich niemand genauer kennt? Er kommt also direkt zu mir, dass ich sie ihm sage. Die Frau des jüngeren Sohnes vom Haus kommt mit, um den Dolmetsch spielen. Der Polizist bittet die Dame, da er nicht federgewandt sei, für ihn das Protokoll zu schreiben. Das geschieht, und die Dame nimmt zu Protokoll, dass ich politisch durchaus unverdächtig sei, nie im Zuchthaus gesessen habe und darum bäte, als nicht militärpflichtig und Mann von 45 Jahren ins Ausland abreisen zu dürfen. Dazu kommt dann noch das Gewohnte von früheren Protokollen her über meine archäologisch-chetitischen Interessen. Die Arbeit dauert anderthalb Stunden. Der Polizist sitzt zufrieden auf seinem Stuhl und raucht, meine Frau und ich sitzen um ihn herum und versorgen ihn immer wieder mit neuen Zigaretten. Die Dame des Hauses schreibt. Das Protokoll ist fertig. Aber es braucht nun noch drei Zeugen, die die Wahrheit der Aussagen durch ihre Unterschrift beglaubigen sollen. Woher nehmen? Wir holen einen Kellner aus dem Restaurant und zwei x-beliebige Leute von der Straße, die für zwei Rubel als Zeugen fungieren. Als somit alles in schönster Ordnung ist, fragt mich der Polizist nach dem jungen österreichisch-polnischen Privatdozenten aus. Ich weiß nichts und habe nichts über ihn zu berichten. Der Polizist will das nicht glauben. Er holt die Pässe von mir und meiner Frau hervor, die mit dem Pass des polnischen Ehepaars zusammengeheftet sind. Für ihn ein Beweis, dass die Behörde uns ebenfalls für gute Bekannte hält. Ich habe aber nichts über den Mann zu sagen, dem die Polizei erlaubt hat, sich in der Stadt eine billigere Wohnung zu nehmen, während sie mich zwingt, in dem teuren Hotel zu bleiben und vom Pump zu leben. Da wir nichts miteinander zu tun haben, bitte ich den Polizisten, das auch äußerlich dadurch kenntlich zu machen, dass er die Pässe voneinander trennt. Aber er tut es nicht...
Wieder einmal wird es Nacht. Um diese Zeit pflegen sonst die wahren Patrioten mit dem Bild des Zaren durch die Straßen zu ziehen und die Nationalhymne zu singen. Seit einigen Tagen hört man sie nicht mehr. Der Statthalter hat es verboten. Die patriotische Manifestation machte auch einen gar zu kläglichen Eindruck. Auf mehr als fünfzig bis achtzig Bürschchen brachte sie es nie. Und die Zahl des lichtscheuen Gesindels wurde immer größer unter ihnen. Sie wollten nicht nur singen, sondern vor allem die deutschen Läden plündern. Aber man fürchtet, dass diese Analphabeten dabei auch französische Läden nicht würden schonen. Und so verbot man denn die Manifestationen überhaupt. Sicher ist sicher.
Überhaupt ist das mit dem russischen Patriotismus in Transkaukasien so eine Sache. Die Russen sind in der Minderheit. Den Grusinern ist durchaus nicht zu trauen, wie sie bei der Revolution 1904/05 deutlich genug gezeigt haben. Die Armenier gebärden sich zwar als russische Überpatrioten, aber misstrauisch ist man auch ihnen gegenüber. Lieber gar keine patriotischen Manifestationen, als so klägliche, worüber die Grusiner längst lachen. Sonst kommen sie am Ende mit Gegenmanifestationen, und die russischen Behörden stecken, ehe sie sich dessen versehen, wieder mitten in einer Revolution. Die ganze mohammedanische Bevölkerung ist sowieso erregt, und man kann sich nicht auf sie verlassen. Der Kaukasus ist ein heißer Boden für russische Füße. Vorsicht ist geboten. Nur gegen die Jagd auf Deutsche ist nichts einzuwenden. Irgendwie muss sich doch der Patriotismus der echt russischen Leute Luft machen. Auch der Gouverneur hat es nötig, sich durch Gemeinheiten gegen die Deutschen als guter Patriot zu erweisen. Er ist Pole, hasst die Deutschen und hat es nicht schwer, sich von der besten russischen Seite zu zeigen. Der alte, grämliche, kränkliche Statthalter aber wäscht nach alterprobtem Rezept seine Hände in Unschuld. Er ist alt, er ist krank, er kann sich nicht kümmern um das, was der Gouverneur macht, dem er das Ressort über die Deutschen übertragen hat. Der arme kranke Mann!
Mitten in der Nacht fahren wir beide jäh in die Höhe und lauschen. Was ist das? Wildes Schreien, Säbelrasseln und Schießen in nächster Nähe. Ich springe auf den Gang. In dem kleinen Hotelgarten eine Menge Offiziere, die brüllen, wild um sich stechen und mit den Pistolen schießen. Wir dachten nicht anders, als dass unser letztes Stündlein jetzt gekommen sei. Eine halbe Stunde dauerte der Lärm. Dann schweres Stöhnen und Ruhe ... Russische Offiziere hatten ein Sektgelage abgehalten. Eine Maus war ihnen über die Füße gelaufen. Ihr galt die wilde Jagd durch das Hotel und seinen Garten, die erst aufhörte, als einer der Offiziere die Kugel eines Kameraden im Leibe hatte. Ob die Maus ebenfalls gefällt wurde, weiß ich nicht.
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