Kitabı oku: «Die Speckbemme und Konrads Radtouren»

Yazı tipi:

Kurt Thümmler

DIE SPECKBEMME

und Konrads Radtouren

Erzählungen

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

www.engelsdorfer-verlag.de

ISBN (mobi) 978-3-960083-33-7

ISBN (epub) 978-3-960083-23-8

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort des Verfassers

Die Geschichte

Vater und Mutter

Die Schule – I. Teil

Reise nach Berlin

Die Schule – II. Teil

Der Landwirt Gericke

Kohlenhandlung Gericke

Die erste Speckbemme

Wandlung

Konrads Radtouren

Bad Düben

Bad Schmiedeberg

Kyffhäuserdenkmal mit Barbarossahöhle

Ostsee-Tour 1956

VORWORT DES VERFASSERS

Meine Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, ich nenne ihn Konrad, der im Krieg geboren wurde und unter ärmlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt in Ostdeutschland, später DDR, aufwuchs.

Wir schreiben das Jahr 1950, Konrad ist acht Jahre alt. Der Krieg war fünf Jahre her. Glücklicherweise hatte Konrads Heimatstadt keine größeren Kriegsschäden davongetragen, nur das Bahnhofsgebäude des Unteren Bahnhofs hatte eine Bombe abbekommen, wahrscheinlich zufällig von einem der Bomber gefallen, welche im letzten Kriegsjahr zu Hunderten über unsere Stadt in Richtung Leipzig flogen, um bekannterweise diese Stadt zu zerstören.

Die Erinnerungen an diese furchtbaren Ereignisse lasse ich in diesem Buch weg.

1950 war die DDR zwei Jahre alt. Die Kommunisten hatten unter der Führung der Russen, das heißt der Sowjetarmee einen Arbeiter- und Bauernstaat gegründet. Zu dieser Zeit kamen die Russen zu der Erkenntnis, die Produktionsanlagen Ostdeutschlands nicht weiter sinnlos zu demontieren, sondern wieder aufzubauen und zum Nutzen der Sowjetarmee produzieren zu lassen, und so liefen die Reparationszahlungen an die Sowjetunion ausschließlich aus der DDR bis in die Ewigkeit, wenn 1989 die Wende nicht gekommen wäre. 1950 herrschte bitterste Armut in der DDR. Es ging ums blanke Essen. Wir Kinder hatten ständig Hunger, Lebensmittel wurden mittels Lebensmittelmarken zugeteilt. Die Kinder bekamen in der Schule anfangs eine Grießsuppe, wir nannten sie Rennfahrersuppe. Später gab es dann einen Blechtopf, jeder musste ein Gefäß von zu Hause mitbringen, Milch und eine Semmel dazu. Das war die erste Errungenschaft der DDR.

Wir wohnten in der Nähe einer Erfassungsstelle für landwirtschaftliche Produkte (VEAB). Dieser wurde eigenartigerweise von Polen kontrolliert. Heute finde ich es richtig, dass die Bauern gezwungen wurden, möglichst viele Nahrungsmittel zu produzieren und abzuliefern. Ich kann mich noch sehr gut an die langen Schlangen der Pferdewagen, die meist mit Weißkohlköpfen beladen, an der VEAB, das heißt Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb, anstanden, um ihre Produkte abzuliefern. Für uns Kinder war das eine günstige Möglichkeit unseren unbändigen Hunger zu stillen – wir klauten Kohlköpfe. Von einem Kohlkopf konnte die Familie eine ganze Woche leben. Die Bauern tolerierten unsere Diebstähle, da sie ohnehin an die Kommunisten nichts liefern wollten. Dass das hungernde Volk dahinterstand, interessierte sie nicht. Es war die Zeit, als die Bauern ihren Kuhstall mit Teppichen auslegen konnten, weil die Städter ihr letztes Hab und Gut zum Bauern schleppen mussten, um etwas zu essen zu bekommen und der Bauer war erbarmungslos: Für ein Paar nagelneue Herrenschuhe gab es ein Kilo Kartoffeln. Hintenherum schlachtete der Bauer ein Schwein und verkaufte das Fleisch auf dem schwarzen Markt. Allerdings haben das die bösen Kommunisten auch hart bestraft, wenn sie das rausbekamen.

Ährenlesen und Kartoffeln stoppeln waren Möglichkeiten für die Menschen, etwas Essbares zu beschaffen. In den ersten Nachkriegsjahren kamen sogar unsere Verwandten aus Berlin zu uns in die Provinz, um ein paar Kartoffeln zu ergattern – wir hatten selbst nichts.

Nachdem sich die BRD gegründet hatte und der Marschallplan ins Leben gerufen wurde, wendete sich das Blatt, besonders für die Berliner, grundsätzlich. Ab jetzt waren wir aus der Ostzone die Bettler.

DIE GESCHICHTE

Konrad kam aus der Schule, endlich. Die Schule lag in der unmittelbaren Nähe seiner Straße. Vorher musste er eine große und gefährliche Kreuzung passieren. Die ersten paar Mal wurde er von der Mutter zur Schule begleitet und entsprechend belehrt. Hauptsächlich waren Pferdefuhrwerke, einige Lastkraftwagen, meist mit Kohlevergaser, sowie auch Pkws unterwegs. In der Mitte, das heißt über der Mitte der Kreuzung, hing eine Verkehrsampel, Ampel im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Straßenkreuzung war für Konrad auf dem Nachhauseweg von der Schule erst einmal ein Zwischenstopp, viel zu interessant, als dass man da einfach vorbeigehen kann. Immer bewegte sich ein Fahrzeug, ob Pferdefuhrwerk, Lastkraftwagen oder Personenkraftwagen – immer fuhr etwas und Konrad musste, trotz seines ständigen Hungers, erst einmal seine Kreuzung, er nannte sie so, beobachten.

Vor allem die Ampel hatte es ihm angetan, die Farben Rot, Grün, Gelb. Was bedeuteten sie? In der Schule lernte man so etwas nicht. Um das zu ergründen, lief Konrad immer dort über die eine Straße, auf der die Fahrzeuge stillstanden, weil die Ampel „Rot“ zeigte. Bald bekam er mit, dass die Fahrzeuge auf der querenden Straße Grün an der Ampel hatten und fahren durften. Eine tolle Sache, empfand Konrad. Er konnte sich kaum von der Kreuzung trennen. Aber auch andere, interessante Dinge warteten auf ihn.

Auf dem Nachhauseweg befand sich eine Kohlenhandlung mit angeschlossenem bäuerlichen Betrieb, oder umgekehrt. Einzig und allein die beiden Pferde des Betriebes hatten es Konrad angetan. Diese beiden Zugtiere mussten für die Kohlenhandlung, sowie für den bäuerlichen Betrieb die wichtigste Arbeit leisten.

Meist sah Konrad die Pferde nur, wenn sie angespannt waren, entweder um Kohlen auszufahren oder um bäuerliche Arbeiten zu verrichten. Auf dem Bock saß der Chef persönlich, der Kohlenhändler und Bauer Albert Gericke, ein drahtiger alter Mann, der beim Atmen immer die Backen aufblies, wie ein Fisch die Kiemen, fand Konrad, wenn er den Mann beobachtete. Manchmal saß ein Junge in Konrads Alter neben Herrn Gericke auf dem Kutschbock. Wie beneidete Konrad ihn. Er war davon überzeugt, dass der Junge ein Verwandter von Gericke sein müsse, was aber nicht stimmte. Irgendwann kam Konrad mit ihm in Kontakt. Er hieß Helmut und wohnte mit seiner Mutter und mehreren Geschwistern in dem Wohn- und Geschäftshaus der Firma Gericke.

Konrad war am Tor der Firma Gericke angelangt. Es stand offen, die Pferde waren draußen. Nicht weit vom Hof entfernt verlief die Eisenbahnstrecke Halle-Sorau. Der Obere Bahnhof des Ortes hieß ursprünglich Sorauer Bahnhof, obwohl er eigentlich nur ein Haltepunkt war, allerdings mit einem schönen Bahnhofsgebäude im romanischen Stil. Interessant für Konrad war vor allem der Rangierbahnhof der oberen Bahnstrecke. Hier schnaufte Tag und Nacht die Rangierlok der Baureihe 94, wie Konrad schon lange wusste. Wenn er in seinem Wohnhaus auf dem Klo, welches sich auf der Treppe des Mehrfamilienhauses befand, saß, konnte er die Bahnstrecke, sowie das Ausziehgleis des Bahnhofs sehen und die Eisenbahn hören, Tag und Nacht. Vor allen nachts, wenn sich ein Güterzug mit bis zu sechzig Waggons durch den Bahnhof quälte, lag Konrad lange noch wach in seinem Bett. Hinzu kam dann der Rangierbetrieb mit dem andauernden Pfeifsignalen zum Abstoßen und Anhalten.

Damals liebte Konrad den Bauernhof wesentlich mehr als die Eisenbahn, vor allem, weil es da die Chance gab, etwas zu essen zu bekommen. Plötzlich tauchte ein Fuhrwerk auf, beladen mit Kohlen. Die Kohlen bekam die Firma Gericke per Eisenbahn geliefert. Auf einem entsprechenden Anschlussgleis wurde zu einer xbeliebigen Tages- oder Nachtzeit ein kurzfristig avisierter Waggon mit Briketts bereitgestellt. Dieser musste innerhalb einer bestimmten Frist vom Empfänger, also der Firma Gericke, entladen werden. Von so einer Entladung kam wahrscheinlich das Fuhrwerk an dem besagten Tag. Helmut saß neben Herrn Gericke auf dem Bock. Wie hat ihn Konrad beneidet. Vor der Hofeinfahrt hielt Herr Gericke das Gefährt an, stieg ab und begab sich ins Haus. Derweil blieb Helmut auf dem Bock sitzen und hielt voller Stolz die Zügel in der Hand. Kurz danach erschien Herr Gericke mit einigen Papieren in der Hand wieder und schwang sich auf den Bock, übernahm die Zügel von Helmut und beide fuhren davon, um offensichtlich eine Fuhre Kohle an einen Kunden auszuliefern. Sehnsüchtig sah Konrad dem Gespann hinterher.

VATER UND MUTTER

Um die nächste Ecke befand sich die Sackgasse, in welcher Konrad wohnte. In dieser Sackgasse standen genau acht Mehrfamilienhäuser. Am Abschluss dieser Straße befanden sich einige Eisenbahnergärten und gleich daneben verliefen die Rangiergleise des Oberen Bahnhofs.

Konrad bog in seine Straße ein und erreichte kurz danach sein Heim. Dieses befand sich im Mehrfamilienhaus seiner Großmutter Amanda. In diesem Haus wohnte die gesamte Familie seiner Mutter – ein Wahnsinn. Konrad kannte es nicht anders.

Die Oma Amanda hatte sechs Kinder. Fünf davon, einschließlich Ehepartner und Kinder, wohnten in diesem Haus. Eins davon war die Mutter von Konrad sowie zwei weiteren Geschwistern, und diese wohnten im ersten Stock des Vorderhauses. Es gab noch ein Hinterhaus, in welchem im zweiten Stock Tante Hilde, die zweitälteste Tochter von Oma Amanda, mit ihrem Ehemann Erich, Sohn Wilfried und Tochter Rita wohnten. Konrad bewunderte seinen Onkel Erich, denn der war Boxer. An den Wochenenden boxte er meist um ein Brot als Siegprämie. Damit war seine Familie erst einmal versorgt. Tante Hilde, seine Ehefrau, war immer dabei, wenn Erich boxte. Für das kleine Nest war das immer ein besonderes Ereignis. Onkel Erich wurde immer berühmter. Später gründete er sogar einen Boxklub in der Stadt, mit zunehmendem Erfolg. Konrad bewunderte ihn.

Desgleichen dessen Sohn Wilfried, welcher fast zehn Jahre älter als Konrad war. Als Boxer zu feige, aber gegenüber Schwächeren der Größte. Wilfried bekam von seinem Vater alles: einen echten Lederfußball, Skier, Fahrrad, Karl-May-Bücher usw. usw. Wenn Willi mit seinem mit Schuhcrem gewichsten, steinharten Fußball auf der Straße auftauchte, haben wir Stifte uns schleunigst verkrümelt.

Einmal hat er Konrad dazu bewegt, sich ins Tor, das war das Eingangstor des Hauses, zu stellen. Willi läuft Anlauf und schießt, Konrad vergeht vor Angst, der Ball kommt geflogen, aber nicht aufs Tor, sondern ans Fenster von Oma Amanda. Konrad fühlt sich gerettet. Willi haut ab. Amanda taucht mit einem Knüppel bewaffnet auf und jagt ihm nach. Natürlich kriegt sie ihn nicht, was bei allen anderen Kindern unbändige Heiterkeit auslöst. Amanda kehrte fluchend zurück. Konrad musste das kaputte Fenster zum Glaser zur Reparatur bringen.

Amanda hatte viele Enkel im Haus. Da waren die beiden erstgenannten. Konrad hatte noch einen großen Bruder und eine ältere Schwester. Des Weiteren gab es noch die zwei Söhne von Tante Edeltraut, Heinz und Dieter (Dille). Dille war ein Jahr jünger als Konrad und meist dessen Spielkamerad. Heinz war der ältere Bruder von Dille. Konrads Bruder Günter und Heinz waren auch fast gleichaltrig und hielten zusammen gegen Willi. Willi war überall unbeliebt – ein brutaler Kerl, von allen gefürchtet und gehasst.

Eigentlich hassten sich alle untereinander in dem Familienhaus der Oma Amanda, der Erbengemeinschaft Wirt. Nur die Mutter von Konrad war der ruhende Pol, bei ihr heulten sich alle aus, außer Amanda, die schimpfte nur, einmal auf diesen, einmal auf jenen.

Da waren auch noch zwei Onkel von Konrad im Haus. Der eine Onkel, Harry, war ein Erfolgsmensch und Glückspilz. Kam im Krieg beizeiten in amerikanische Kriegsgefangenschaft nach USA-Texas und kam von dort, dick und fett gemästet, nach Kriegsende nach Hause. Dem jüngeren Onkel, Rudi, ging es im Krieg irgendwo in Griechenland auch gut und er kam nach Kriegsende auch wohlbehalten wieder nach Hause.

Bloß Konrads Vater hatte es böse erwischt. Der kam als Krüppel aus dem Krieg zurück, beide Füße hatte er verloren, erfroren. Damit war der Leidensweg in der Familie Konrads vorprogrammiert. Schwerkriegsbeschädigt, das heißt keine Rente in der DDR, sondern leichte Hilfsarbeit für wenig Geld anzustreben. Wobei es in dieser Zeit ohnehin zu wenig Arbeit gab, vor allem für Kriegsversehrte.

Dann hatte Konrads Vater doch Arbeit in der örtlichen Schokoladenfabrik gefunden. Wenn er in der Schule oder auch von seinen Freunden gefragt wurde, was sein Vater sei, sagte er immer Schokoladenmacher. Irgendwie stimmte es ja auch.

Die Mutter war Hausfrau und ergänzte die schmale Haushaltskasse mit Nähen. Die Überlebensgrundlage der Familie bildete der Schrebergarten. Dieser befand sich innerhalb einer großen Gartenanlage „Am Wasserturm“, zirka fünf Minuten Fußweg von zu Hause entfernt. Für die Mutter war das Fahrrad das wichtigste Verkehrs- und Transportmittel. Es war ein Vorkriegsmodell und hatte schon viele Jahre auf dem Sattel. Dahinter war ein riesengroßer Gepäckträger angebracht. Bis zu einem bestimmten Alter wurde Konrad auf diesem in den Garten gefahren. Heimwärts musste er meist laufen, da der Gepäckträger dann Erntegut und anderes tragen musste. Für Konrad war es immer ein herrliches Erlebnis, wenn er auf dem Gepäckträger, welcher mit einer alten Decke etwas abgepolstert wurde, saß und die Welt an ihm vorüberflog. Zu schnell war die Fahrt immer vorbei. Die Gartenanlage befand sich praktisch auf der anderen Seite der bereits beschriebenen Eisenbahnstrecke. Die Querung der Strecke erfolgte für Fußgänger mittels einer kleinen Unterführung, der sogenannten Mausefalle. Radfahrer mussten vorher absteigen und laufen. Für Konrad war das das Zeichen, dass der Garten gleich erreicht war. Es war der erste Garten im ersten Gang der Anlage. Deshalb war er auch etwas größer als die anderen Gärten, nämlich siebenhundert Quadratmeter. Die anderen maßen nur sechshundert. Für einen Schrebergarten galten die Gärten als groß und der von Konrads Eltern als sehr groß, was Konrads Mutter aber nicht genügte, denn abwechselnd bearbeitete sie noch ein kleines Feld an der Berliner Bahnstrecke und eins am Werkstättenteich. Manchmal bearbeitet sie auch noch den Garten der Oma Amanda, welcher nicht weit von Konrads Garten entfernt lag. Konrads Mutter war ständig im Einsatz und wurde meist von den anderen kräftig ausgenutzt, vor allem von Amanda. Diese hatte die Charaktereigenschaft, mit Konrads Mutter solange schönzutun, bis der Garten gemacht war. Anschließend brach sie einen Streit vom Zaun und fuhr dann die Ernte mit Hilfe der anderen Familienmitglieder ein. Vor allem Konrads Cousin Wilfried bediente sich in Amandas Garten ständig. Ernten ohne anbauen, war seine Devise. Offensichtlich hatte er diesen Charakterzug von Amanda geerbt.

Als Konrad im Vorschulalter war, nahm seine Mutter ihn überall mit hin. Zuerst ging es in den Garten am Wasserturm. Sein großer Bruder, acht Jahre älter, und seine große Schwester, vier Jahre älter als Konrad, ließen sich im Garten nur selten blicken. Unter dem Vorwand, sie müssten für die Schule lernen, hatten sie nie Zeit, überhaupt für die Arbeit. Und wenn an den Sonntagen die ganze Familie im Garten zusammen war, faulenzten sie nur. Konrads Schwester Ruth saß die meiste Zeit auf der Schaukel. Der große Bruder Günter las andauernd, sogar beim Essen. Vom Vater wurden ihm dafür mehrmals Schläge angedroht, was er aber doch nicht wahrmachte. Die bekam dann Konrad.

Die Mutter rackerte sich auch sonntags im Garten ab, die Arbeit riss auch nicht ab. Siebenhundert Quadratmeter Nutzfläche mussten bearbeitet werden. Die Statuten des Gartenvereins ließen keine Faulenzerflächen (Rasenflächen) zu. Nur eine kleine Gartenlaube und eine kleine Sitzfläche waren erlaubt.

Konrads Vater sah man in seinen jüngeren Jahren seine Versehrtheit kaum an. Er trug Prothesen und lief an nur einem Spazierstock. Täglich ging er so zur Arbeit und wieder zurück. Anschließend meist in den Garten. Nicht nur Obst und Gemüse galt es hier anzubauen, auch die Kleintierzucht war eine wichtige Ernährungsquelle in der Nachkriegszeit. Konrads Vater war, trotz seiner Behinderung, meist mit dem Bau von Kaninchenbuchten, Hühnerställen und Zwingern beschäftigt. Konrad wollte von klein auf immer mithelfen, ob bei der Gartenarbeit oder beim Kaninchenställebauen. Diese mussten so konzipiert sein, dass die Kleintierhaltung auch über den Winter den entsprechenden Nutzen brachte. Da ging es auch im strengsten Winter in den Garten die Kaninchen und Hühner füttern. Und die Winter waren ausgerechnet in der Nachkriegszeit bitterkalt. Da waren die Kaninchen nicht nur wichtige Fleischlieferanten, sondern auch Felllieferanten.

Konrads Mutter konnte alles. Wenn der Vater ein Kaninchen geschlachtet und das Fell abgezogen hatte, spannte die Mutter es auf einen Rahmen und bestreute es mit Alaunsalz. Dann blieb es erst einmal liegen bis es zum Gerben bereit war. Nachdem die Mutter das Fell stundenlang gegerbt hatte, solange bis das Leder ganz weich war, nähte sie eine Mütze, Handschuhe oder eine Jacke aus dem Fell. Nichts hielt wärmer, als die Fellsocken aus Kaninchen. Leider haperte es am Hosen- oder Schuhenähen aus Fell, das können nur die Eskimos. Hosen und Schuhe waren ein Engpass in der Nachkriegszeit. Auch die Jungen trugen im Winter lange Strümpfe und kurze Hosen. Konrad konnte kaum die Schuhe von seinen älteren Geschwistern übernehmen, da der Altersunterschied zu groß war und deren Schuhe meist völlig verschlissen waren. Neue Lederschuhe gab es gar nicht. Es gab nur alte Bestände, die immer wieder geflickt wurden. Oft waren Schuhe ein beliebtes Tauschobjekt für Lebensmittel.

Es war wieder so ein harter Winter. Im Wohnhaus waren die auf der Treppe befindlichen Klos durch Unachtsamkeit der Bewohner eingefroren. Zur Strafe mussten alle ihre Notdurft auf Eimern und Schüsseln verrichten und anschließend über die Hofmauer aufs nachbarliche Gärtnereigrundstück entsorgen. Was für eine Schweinerei. Allerdings war es so kalt, dass alles gleich gefror und nicht einmal Zeit zum Stinken hatte. Im Frühjahr konnte der Gärtner den gesamten Kot dann als Dünger für seine Kürbisse verwenden. Das wurden wahre Riesen.

Um das Überleben der Haustiere im Garten zu sichern, baute Konrads Vater ein unterirdisches Hühnergelass, welches ebenerdig mit Glasfenstern abgedeckt war. Die Hühner konnten aus ihrem Außenzwinger durch eine Öffnung unterhalb der Kaninchenbuchten in die frostfreie Höhle gelangen. Die Kaninchenbuchten wurden mit Holzverschlägen, welche nur zum Füttern geöffnet wurden, gesichert. Zum Warmhalten wurden die Buchten mit viel Stroh ausgefüttert. Durch all diese Maßnahmen ist kein Tier erfroren, sondern zur richtigen Zeit geschlachtet und gegessen worden.

Für Konrad war das Schlachten immer sehr spannend. Da fiel jedes Spielzeug aus der Hand, wenn ein Kaninchen geschlachtet wurde. Angangs wehrte sich die arme Kreatur, ahnend, was auf sie zukommt, mit allen Mitteln. Wehrlos hing es dann an der Hand des Vaters mit seinen Hinterläufen. Mit zwei bis drei kräftigen Schlägen mit einem Knüppel hinter die Ohren des Hasen war Ruhe, das Tier war betäubt. Anschließend schnitt der Vater dem Tier die Kehle durch und ließ das Blut in eine Schüssel laufen. Dann spannte er den Körper mit gespreizten Beinen zum Fellabziehen und zur weiteren Bearbeitung an der Küchentür auf. Für Konrad war das unheimlich interessant, wie sein Vater das machte. Felle, die nicht für den Eigenbedarf bestimmt waren, wurden zum Fellhändler gebracht. Hierfür gab es ein paar Mark, die Konrads Mutter dringend für die knappe Haushaltskasse brauchte.

Konrad war meist dabei, wenn die Mutter einkaufen ging. Die klägliche Zuteilung auf Lebensmittelmarken war schnell aufgebraucht, also gab es beim Fleischer nur Wurstzippel, das waren die Wurstenden. Die Fleischermeisterin gab sie billig ab, aber nicht umsonst. Konrad hatte sogar eine Patentante, die mit ihrem Mann einen kleinen Lebensmittelladen führte. Hier kaufte Konrads Mutter meist das Lebensnotwendigste ein. Meist ließ sie anschreiben. Konrad bekam immer einen Bonbon. Die Patentante war lieb und auch mit der Mutter immer freundlich. Ihr Mann betrieb im städtischen Stadtgraben eine Fischzucht. Einmal im Jahr wurde abgefischt, das war ein großes Ereignis für die kleine Stadt. Viel Volk versammelte sich am Ufer des Stadtgrabens. Dieser war ein offener Ring. Die Fischer konnten somit mit Netzen von der Mitte aus nach beiden Grabenenden die Fische treiben, bequem mit Keschern fangen und in große Handwagen verladen. Massenweise Fische war die Ernte für ein Jahr Arbeit. Der größte Teil der Fische wurde sofort vor Ort verkauft. Ein großer Teil wurde an die örtliche Fischbackstube geliefert, ein weiterer ging in den Laden zum Verkauf über mehrere Tage und Wochen. Selbstverständlich kam auch bei Konrads Familie Fisch auf den Tisch. Alle konnten sich wenigstens einmal richtig satt essen, vor allen Konrad, der hatte immer Hunger.

Wenn die Mutter Kartoffeln gestoppelt hatte, gab es Kartoffelpuffer. Wenn die Kartoffeln alle waren, gab es Puffer aus den Schalen von den letzten Kartoffeln. Die schmeckten eklig, machten aber ein wenig satt.

Brot war auch nicht immer da. Um etwas Ähnliches zu schaffen, fuhr die Mutter mit dem Fahrrad, und Konrad auf dem Gepäckträger, raus aufs nächste Getreidefeld zum Ährenlesen. Bei glühender Hitze wurde das abgeerntete Feld nach Ähren abgesucht, welche beim Mähen und Ernten abgefallen waren. Dabei stachen die Halmstoppeln Konrads kleine Waden blutig beim Gehen über das Feld. Konrad ertrug es, genau wie die Mutter, stillschweigend. Ein Sack musste mit Ähren voll werden, sonst lohnte sich das alles nicht. Sie waren auch nicht alleine auf dem Feld. Manchmal tauchte auch ein niederträchtiger Bauer auf und vertrieb die Menschen von seinem Feld.

Wenn es gut ging, hatte Konrads Mutter nach vielen Stunden den Sack voll Ähren und band ihn auf den besagten Transportgepäckträger des Fahrrades. Jetzt schob sie das Fahrrad, denn Konrad nun auch noch aufs Rad, weil er nicht mehr laufen konnte. Meist waren das einige Kilometer. Von Zeit zu Zeit setzte die Mutter ihn ab und sie machten eine Pause am Feldrand. Völlig kaputt und verschwitzt kamen sie im Garten an. An der Wasserpumpe und dem dazugehörenden Bassin kühlten sich beide erst einmal gründlich ab. Gegessen wurde Obst, vor allem Süßkirschen Ein riesiger Kirschbaum war der Liebling Konrads. Jedes Jahr trug dieser Baum eine Unmenge der herrlichsten Früchte. Konrad war schon auf dem Baum, pflückte und aß abwechselnd Kirschen. Die Mutter nahm sich kaum Zeit zum Essen. Sie bereitete schon das Dreschen der Getreideähren vor. Hierzu wurden die gesammelten Ähren ausgebreitet und mit dem Dreschflegel kräftig bearbeitet, bis alle Körner aus den Ähren gedroschen waren. Anschließend wurde mit einem Tuch darüber gewedelt, um die leichten Rückstände der Ähren vom Korn zu trennen. Mittels Sieb wurde zu guter Letzt das reine Getreide gewonnen. Der ganze Sack brachte schließlich das klägliche Ergebnis von zirka einem halben Kilogramm reinen Getreide. Das lohnte sich natürlich für die Weiterverarbeitung noch lange nicht und somit waren für die folgenden Tage noch weitere Einsätze dieser Art von Konrads Mutter geplant, denn wenn einmal die Bauern begannen, die Felder umzupflügen, war alles zu spät.

DIE SCHULE – I. TEIL

Und so wurde Konrad sechs Jahre alt und eingeschult. Die Schule hieß Comeniusschule und war gleich in der Nähe von Konrads Straße. Vor dem Krieg war das die Mädchenschule, was in Stein gemeißelt noch heute dransteht. Ein schöner gelber Klinkerbau mit großen Doppelfenstern und einer Turnhalle.

Es gab auch schon eine bunte Zuckertüte mit Inhalt. Auch eine kleine Feier, bei welcher die Schuldirektorin, ein Fräulein, uns Kinder beglückwünschte, dass wir jetzt in den Kreis der Schulkinder aufgenommen würden. Danach stellte sie den Neulingen ihre zukünftige Klassenlehrerin vor, ein Fräulein … Damals waren viele Lehrerinnen aus alten Zeiten, wo diese noch unverheiratet sein mussten, angestellt. Jedenfalls war die Klassenlehrerin Konrads sehr freundlich. Auch sie redete ein paar Worte und die Feier war beendet. Am kommenden Montag sollte es losgehen, der erste Schultag.

Vorerst ließ sich Konrad erst einmal den Inhalt der Zuckertüte schmecken. Im engsten Familienkreis fand dann auch eine kleine Feier statt. Oma und Opa väterlicherseits waren auch aus der Nachbarstadt, der Geburtsstadt von Konrads Vater, rübergekommen. Meist war es umgekehrt, Konrads Familie besuchte regelmäßig, meist an Sonntagen die Großeltern. Diese wohnten in einem der dreckigsten Orte Deutschlands, einem Industriemoloch. Hier war fast die gesamte Chemieindustrie der DDR ansässig, welche natürlich aus der Vorkriegszeit stammte, nach Kriegsende von den Russen demontiert und anschließend unter russischer Führung wieder aufgebaut wurde.

Wenn man mit dem Zug in diesem Ort ankam, empfing einen eine gestankgeschwängerte dicke Luft. Kleine Kohlepartikel flogen durch die Luft und vor allem in die Augen der Menschen. Diese Partikel sorgten dafür, dass die ganze Stadt schwarz war. Alle Häuser, Straßen, Plätze – alles war schwarz, einschließlich der Menschen, die dort lebten, wie Konrads Großeltern. Sein Vater wurde hier geboren, in der Wohnung, wo die Großeltern noch wohnten. Die Wohnung befand sich in einem hässlichen Nebengebäude auf dem Hof eines an der Straße stehenden, recht ansehnlichen Wohn- und Geschäftshauses, in welchem die Grundstückseigentümer, die auch ein Ladengeschäft betrieben, wohnten.

Eine steile Treppe, mehr Hühnerleiter als Treppe, führte zu dieser Wohnung. Sie bestand aus einem winzigen Korridor, einer kleinen Küche von zirka sechs Quadratmetern, einem Wohnzimmer von zirka vierzehn Quadratmetern und einer Schlafkammer, in welcher die Betten der Großeltern hintereinander standen, so schmal war das Zimmer. Die gesamte Wohnung hatte vielleicht eine Grundfläche von dreißig Quadratmetern. Zu dieser Zeit wohnte noch die jüngste Schwester von Konrads Vater bei ihren Eltern. Der Großvater war Schichtarbeiter im Kraftwerk, sodass seine Tochter abwechselnd in seinem Bett oder auf dem alten Sofa schlafen musste.

Auch sie war im Schichtbetrieb in der Chemie beschäftigt. Die Oma war behindert, sie hatte eine schwere Verletzung am Bein erlitten und hinkte jetzt ziemlich stark. Sie war Hausfrau und damit die wichtigste Person in der Familie, alles hörte auf ihr Kommando, auch ihr Ehemann. Obwohl sie kaum aus ihrer Wohnung kam, war sie auf dem Hof, wo nur arme Arbeiter wohnten, eine Respektsperson. Die Kommunikation wurde über das Küchenfenster geführt, irgendeiner war immer bereit, entweder einzukaufen, sonstige Wege zu erledigen oder Kohlen hochzutragen. Die jüngste Tochter machte nicht viel, sie saß bloß immer da und rauchte, dabei stieß sie den Qualm immer aus den Nasenlöchern aus, wie ein schnaubendes Pferd. Das empfand Konrad als richtig eklig. Auch sonst fürchtete er sich vor ihr. Sie schaute immer böse und sprach mit Konrad kaum ein Wort, wenn er zu Besuch bei der Oma war. Die ersten Jahre mit Eltern und Geschwistern, später dann allein.

Zu Familienfeiern fanden sich auch die übrigen Verwandten, das heißt Konrads weitere Tante mit ihrem Ehemann und deren zwei Söhnen, also Konrads Cousins. Einer war schon fast erwachsen, der andere war etwas jünger als Konrad. Am Tisch herrschte Disziplin, da wurde nicht gequatscht oder rumgealbert beim Essen. Nur die Erwachsenen durften manchmal etwas sagen. Es war ja meist der Kaffeetisch an dem man saß. Erst wenn der trockene Streuselkuchen aufgegessen und der Malzkaffee ausgetrunken war, durften die Kinder aufstehen und hinunter auf den Hof gehen. Nur hier konnten sie sich etwas lockerer bewegen und unterhalten.

Auf dem Hof befanden sich auch die Klosetts für die Bewohner der Nebengebäude. Es gab schon Wasserklosetts, allerdings mit dem Eimer, den man an dem einzigen Wasserhahn füllen musste.

Sonst war der Hof der blanke Kohlenhof, völlig schwarze Erde, kein Pflaster. Wehe es fiel einer beim Haschespielen hin, der musste anschließend in die Vollreinigung an den Wasserhahn im Klo. Da kamen auch dauernd andere, die mal mussten. Dementsprechend waren auch die Düfte in diesem Haus. Als Kind sieht man das alles nicht so verbissen. Alle waren froh, dass sie den Fittichen der gestrengen Oma für eine Weile entgangen waren. Wenn die Abendbrotzeit heran war, hieß es wieder strammsitzen. Konrad war immer froh, wenn die Familienfeiern vorbei waren und alle nach Hause fuhren.

Die Zugstrecke führte an dem riesigen Kohletagebau entlang und das war für Konrad wahnsinnig interessant. Es war auf der Heimfahrt meist schon dunkel, auch im Zug gab es kein Licht, somit konnte man das Schauspiel der tausend Lichter im Tagebau sehen, wie es blitzte, wenn die Züge der Grubenbahn fuhren, wie die riesigen Kettenbagger arbeiteten, eine andere Welt tat sich auf. Viel zu schnell war der Zug an dem Schauspiel vorbeigefahren, bis zum nächsten Mal, freute sich Konrad, dann wurde es finster, draußen und drinnen im Waggon. Erst die spärlichen Lampen am Bahnsteig des Heimatbahnhofs brachten wieder etwas Licht. Der Zug hielt und sie waren wieder zu Hause.

Als Konrad sechs Jahre alt war, fuhr er das erste Mal allein nach Bitterfeld. Mit den entsprechenden Unterweisungen und etwas Geld, entließ die Mutter Konrad zu seiner ersten großen Reise. In der Bahnhofsvorhalle waren immer viele Leute versammelt, die entweder zur Arbeit oder zum Einkaufen in die nahegelegene Bezirkshauptstadt fahren wollten. Konrad wollte in die andere Richtung, in den Industriemoloch. Um eine Fahrkarte zu kaufen, musste er sich in eine Schlange einreihen, denn ohne Anstellen ging in der DDR überhaupt nichts. Nachdem er seine Hin- und Rückfahrkarte erworben hatte, war noch viel Zeit, bis der Zug abfahren sollte. Immer mehr Leute versammelten sich in der Bahnhofshallte. Es roch verstärkt nach Chemie, ein Geruch, den die Chemiearbeiter niemals loswurden. Alles stank nach Chemie: die Menschen, die Bahnhöfe, die Züge und auch die Wohnungen, wie auch die von Konrads Großeltern.

Konrad hatte Zeit, die Menschen zu betrachten. Die meisten Chemiearbeiter konnte man nicht nur am Geruch, sondern auch an ihren grauen Gesichtern erkennen, die genauso waren wie ihre Klamotten. Die Männer trugen meist eine sogenannte Joppe, ein Zwischending zwischen Mantel und Jacke. Sie hatte schräge Taschen, in die die Männer ihre Hände verpacken konnten und gleichzeitig ihre zusammengefaltete Essentasche unter den Arm klemmen konnten. Auf dem Kopf trugen sie meist eine Schirmmütze, die sogenannte „Ernst-Thälmann-Mütze“. Das war die Einheitskleidung der Arbeiter in der DDR und alle waren Arbeiter, auch die Intelligenzler, so nannte man die Studierten.

Plötzlich erschien ein Eisenbahner auf der Bildfläche, begab sich in eins der Häuschen der Sperre und ließ, bei Kontrolle der Fahrkarten, jeden Einzelnen den Bahnsteig betreten. Und das dauerte, wieder eine Schlange, dachte Konrad, dessen Aufregung sich immer mehr steigerte. ‚Der Zug fährt auf Bahnsteig zwei‘, hatte die Mutter gesagt. Da konnte nichts schiefgehen, die Zeit für den Zug ab Bahnsteig zwei in Richtung Industriemoloch war ran und er fuhr auch ein. Die stark aus dem Schornstein qualmende Dampflok empfand Konrad als riesengroß. Konrad stand in entsprechendem Abstand von der Bahnsteinkante und ließ Lokomotive und die ersten Waggons an sich vorbeirollen, bis der Zug zum Stehen kam. Die Türen flogen auf und die Ankommenden, die ihr Ziel erreicht hatten, verließen ihn.

Die Eisenbahnwaggons waren noch aus Kaisers Zeiten, sogenannte Abteilwagen, wo in jedes Abteil von außen einzusteigen war. Drinnen nur Holzbänke, alles nur dritte Klasse – wie Arbeiterklasse, kaum beleuchtet und beheizt. Außen befanden sich lange Trittbretter, auf denen die Menschen, direkt nach dem Krieg, während der Fahrt standen, da alle Züge wahnsinnig überfüllt waren; auch auf den Dächern und dem Tender der Lokomotive saßen sie. Konrad konnte das immer vom Klofenster seines Hauses beobachten, wenn so ein dichtbesetzter Personenzug Richtung Westen vorbeifuhr. Damals wusste er noch nicht, dass dies meist aus ihrer Heimat vertriebene Deutsche waren.

Konrad war ins Zugabteil geklettert und hatte sich einen günstigen Stehplatz an einem Fenster gesichert. Das Abteil war voll, die Türen knallten zu und der Zug fuhr ab. Die Lokomotive schnaufte, dicke Qualmwolken zogen an Konrads Fenster vorbei und der Zug wurde immer schneller. Die Welt bewegte sich vor dem Fenster, ähnlich wie wenn er auf dem Gepäckträger von Mutters Fahrrad saß, nur viel schneller. Obwohl Konrad das schon von den gemeinsamen Familienfahrten mit der Eisenbahn kannte, war er doch bei seiner ersten Soloreise besonders fasziniert. Nach einem Zwischenhalt fuhr der Zug in der Chemiestadt ein. Viel zu kurz war die Fahrt, empfand Konrad. Viele stiegen aus und strebten dem Ausgang des Bahnhofs zu, und Konrad schwamm mit.

Den Weg zur Großmutter kannte er aus dem Effeff. Der Wind stand wieder so ungünstig, dass die Briketts vom naheliegenden Kraftwerk in der Luft umherflogen. Konrad guckte nur aus schmalen Schlitzen, um die Augen zu schützen. Er kannte den Weg so gut, dass er fast blind das Haus der Oma erreichte. Sehr große Freundlichkeit strömte sie beim Empfang Konrads nicht aus. Sie war bloß überrascht, dass er allein war. Eine Voranmeldung gab’s damals nicht, Telefon hatten wir auch nicht. Sie fragte nur, wie es uns ginge, was schon fast alles war. Dann wandte sie sich wieder ihrer Küchenarbeit zu, dem Essenkochen für Opa Wilhelm, der nach vierzehn Uhr zu Hause erwartet wurde, und da musste das Mittagessen auf dem Tisch stehen.

Wenn die Oma an den Herd gebunden war, hatte Konrad Gelegenheit, die kleine Wohnung einmal ganz allein zu inspizieren. Im Wohnzimmer stand in der Mitte der große Esstisch mit sechs Stühlen, an welchem wir immer zu den jeweiligen Familienfeiern saßen, das heißt die Erwachsenen saßen. Sonst war der Tisch an das uralte Plüschsofa gerückt. Die Benutzung dieses Sofas war absolut tabu, nur ein Kissen, auf welchem eine uralte Stoffpuppe thronte, befand sich auf dem Sofa. Auch die Puppe durfte nicht angefasst werden. In der Ecke befand sich ein riesiger Spiegel mit einem kleinen Unterschrank. Der Spiegel war fast blind, machte aber auf Konrad doch großen Eindruck, wenn er sich darin von allen Seiten betrachtete. Eine Kredenz rundete das Bild der Wohnzimmereinrichtung im Großen und Ganzen ab. Interessant fand Konrad vor allem das alte Grammphon, weil er das Gerät nie anfassen durfte. Er konnte nur feststellen, dass das Ding keinen Ton von sich gab, was besonders traurig war, da eine große Anzahl von Schallplatten vorhanden war. Auf Konrads Frage an die Oma, sagte diese nur: „Lass das Ding in Ruhe, das ist kaputt!“ Und es blieb kaputt, so lange Konrad denken konnte.

Aber es gab auch noch andere interessante Dinge in Omas guter Stube, zum Beispiel die Ulanenpfeife vom Opa, welche er nach seiner aktiven Dienstzeit als Ulan in der kaiserlichen Armee erhalten hatte. Alle Wehrpflichtigen bekamen nach ihrer Dienstzeit entweder eine Tabakspfeife oder einen Reservistenkrug. Da Konrads Opa Wilhelm bei den Ulanen gedient hatte, bekam er eine Ulanenpfeife. Die Ulanen waren eine bestimmte Reitertruppe, erkennbar vor allem an ihrem speziellen Helm. Die Ulanenpfeife hatte einen riesigen Porzellanpfeifenkopf, welcher mit farbigen Darstellungen der Ulanen sowie der Namen der jeweiligen Regimentskameraden geschmückt war. Der Pfeifenkopf war an einem langen, ebenfalls verzierten Rohr mit Mundstück befestigt, sodass die Pfeife beim Rauchen bis zum Fußboden reichte und auf diesem Auflag, wobei der Raucher bequem im Sessel sitzen konnte. Auf dem Pferd zu rauchen, war nicht erlaubt.

Jedenfalls hatte es die Pfeife Konrad besonders angetan. Er wusste, dass diese hinter dem Schlafzimmerschrank der Großeltern aufbewahrt wurde, besser gesagt, versteckt wurde, denn alle Enkelkinder waren scharf darauf, die Pfeife zu sehen und anzufassen. Konrad war jetzt allein mit dem Wunsch, sich die Pfeife ansehen zu dürfen. Obwohl er sich selten traute, die Oma um etwas zu bitten, fasste er doch den Mut und bat sie, die Ulanpfeife einmal sehen zu dürfen. Widerwillig verließ sie ihre Küche, begab sich mit Konrad ins Schlafzimmer und holte diese hinter dem Schrank hervor und ließ sie Konrad ein paar Minuten von allen Seiten betrachten, ohne dass er sie anfassen durfte. Anschließend versteckte sie die Pfeife wieder hinter dem Schrank.

Interessant war auch noch ein schönes Bild von Opa als Ulan, was auch an der Wand hing. Des Weiteren ein Ansichtsbild von Koblenz, wie Oma und Opa über „Kraft durch Freude“ zum ersten Mal in ihrem Leben im Urlaub waren.

Es schlummerte aber noch ein großes Geheimnis in der Wohnung – eine Zwanzigdollar-Goldmünze. Konrad hatte das irgendwann bei einer Familienfeier mitbekommen, als die Münze einmal ein Thema war. Gesehen hatte er sie bis heute nicht. Diese legendäre Münze hatte der Opa aus den USA mitgebracht, als er von seiner Auswanderung zurückkam. Oft und viel hat er nicht darüber erzählt, nur so viel, dass er in den zwanziger Jahren, also zur Weltwirtschaftskrise, sich entschlossen hatte, sein Glück in der neuen Welt zu suchen, auszuwandern. Sicher war das ein schwerer Schritt, denn er hatte ja schon Frau und zwei Kinder. In Chicago ist er damals gelandet und hat es nur ein Jahr dort ausgehalten. Ob seine Frau nicht nachkommen wollte oder ob es an ihm lag, blieb immer im Dunkeln. Zumindest hat das Geld, welches er dort verdient hat, für die Heimfahrt und für eine Zwanzigdollar-Goldmünze gereicht.

Erzählt hat er, dass er mit einem Indianer zusammengearbeitet hätte, was für Konrad neu war, denn Indianer waren ihm nur als wilde Kämpfer aus den Karl-May-Büchern bekannt. Das Chicago eine Verbrecherhochburg war, das hat Konrad erst viel später aus Filmen und dem Radio erfahren. Jedenfalls war der Opa wieder zu Hause, wo sich Konrad gerade auf Erkundungsgang befand.

Nicht uninteressant war bei jedem Besuch bei der Oma die Aussicht aus dem Fenster, denn direkt gegenüber, vielleicht zweihundert Meter Luftlinie entfernt, befand sich das städtische Gefängnis, wo man die Gefangenen sehen konnte, wie sie ihre Hände und Arme durch die Gitter streckten. ‚Was mögen sie wohl verbrochen haben?‘, dachte Konrad.

Dann kam der Opa von der Schicht. „Was machst denn du hier?“, fragte er Konrad. „Weiß denn deine Mutter davon oder bist du ausgerissen?“ Konrad konnte ihn beruhigen. Jetzt konnte der Opa sich hinsetzen und sein Mittagessen, welches die Oma immer zur rechten Zeit fertig hatte, verspeisen. Oma hatte wahrscheinlich schon gegessen, das war so eine Mode der Hausfrauen in Preußen, vor allem in Berlin, was Konrad auch später kennenlernte. Also, der Opa aß und wir guckten zu, das heißt Konrad guckte zu, denn die Oma bewegte sich andauernd zwischen dem Tisch und Herd, um dem Opa immer noch etwas nachzureichen. Und das sah gut aus, was der Opa auf dem Teller hatte.

„Der Opa muss schwer arbeiten und muss auch deshalb gut essen“, sagte sie. Konrad lief das Wasser im Munde zusammen. „Hast du auch Hunger?“, fragte die Oma recht unfreundlich. Worauf Konrad eingeschüchtert mit „nein“ antwortete. Da gab’s auch nichts.

Nachdem der Opa gegessen hatte, rauchte er noch einen Stumpen und wollte dann etwas ruhen. Das war für Konrad das Signal zum Aufbruch. Die Zeit war auch ran, welche die Mutter für Konrads Rückreise geplant hatte. Der Zug fuhr noch vor dem einsetzenden Berufsverkehr, bei welchem Konrad untergegangen wäre. Der Zug war trotzdem auch schon voll. Bis dahin musste er erst einmal kommen. Der Chemiestadt-Bahnhof war wesentlich größer als der heimatliche. Ein Menschengewimmel empfing Konrad schon in der Halle. Mehrere Sperren bremsten den Durchgang zu den Bahnsteigen, von denen es viele gab. Von den vielen Reisen mit der Familie wusste er genau, welche Treppe er zum entsprechenden Bahnsteig benutzen musste. Vor allem konnte er schon lesen, worauf er sehr stolz war. Der Bahnsteig füllte sich rasant und der Zug fuhr pünktlich ein. Wieder flogen Türen auf, Massen stiegen aus und Massen stiegen ein. Konrad, der Sechsjährige, kam sich ganz schön verlassen vor. Er kämpfte sich aber tapfer durch und fand wieder einen Stehplatz am Fenster. Türen knallten zu, ein Pfiff und los ging es Richtung Heimat. ‚Wenn der Zug das zweite Mal hält, da steigst du aus‘, hatte die Mutter ihm eingebläut. ‚Und stelle dich nicht an die Tür, die könnte aufgehen und du fällst raus.‘ Ich hab das noch nie gesehen, dachte Konrad.

Derweilen schlich der Zug aus dem Bahnhof hinaus. Nachdem die letzten Ausläufer der Chemiegiganten Konrads Blicken entschwanden, fuhr der Zug immer schneller, sodass Konrad wieder den Eindruck hatte, die Welt drehe sich ihm vorbei, sie drehe sich um ihn, ein tolles Gefühl. Dann kamen wieder die bekannten riesigen Kohletagebaue in Sicht. Mindestens zehn bis fünfzehn Minuten konnte Konrad diese, sich vorbeidrehende spannende Welt bewundern. Wie die riesigen Kettenbagger arbeiteten und die Züge beluden. Alles bewegte sich wie von Zauberhand gesteuert. Die Technik hatte es Konrad angetan, schon als Sechsjähriger, und trotzdem landete er wenig später in einem vollkommen anderen Metier, nämlich der Landwirtschaft und bei den Pferden.

Konrad war nach seiner ersten Alleinreise wohlbehalten wieder zu Hause angekommen. Die Mutter war glücklich und fragte dies und das, vor allem wie es Oma und Opa geht. Schönen Gruß war noch zu bestellen, was Konrad fast vergessen hatte. Bloß gut, dass die Oma wenigstens das Fahrgeld erstattet hat, wo es bei ihr nicht einmal etwas zu essen gab. Deshalb hatte Konrad auch einen Löwenhunger, was die Mutter schon geahnt hatte und ein paar Eier gekocht hatte. Schnell wurden Brotscheiben geschnitten, mit Eischeiben belegt und eine zweite Brotscheibe daraufgelegt – fertig war die sächsische Doppelbemme. Das war Konrads Welt. Heißhungrig verschlang er die Bemme, sodass die Mutter noch eine zweite machen musste, während dessen Konrad seine Reiseabenteuer erzählte, vor allem, dass er von der Oma nichts zu essen bekommen hat, was die Mutter sehr empörte. Sie tröstete Konrad damit, dass der Vater eine Reise mit der gesamten Familie nach Berlin geplant hat. In Berlin-Charlottenburg, also Westberlin, hatte der Vater einen ehemaligen Kriegskameraden wohnen, den er einmal besuchen wollte. Außerdem haben wir auch noch die Tante Klara, eine Schwester von Oma Amanda, die mit ihrer Tochter und deren Ehemann in Ostberlin ein schönes Einfamilienhaus bewohnten.

REISE NACH BERLIN

Irgendwann war es soweit, wir fuhren allesamt nach Berlin. Um Geld zu sparen fuhr man mit dem Personenzug, dritte Klasse auf Holzbänken. In der Heimatstadt von Konrads Vater mussten sie das erste Mal umsteigen in den Zug, welcher sie bis nach Berlin bringen sollte. Obwohl wir fünf Personen waren, hatten alle anfangs einen Sitzplatz auf den harten Holzbänken. Damals war es noch Usus, dass Kinder aufstanden, wenn die Zusteigenden ältere Leute oder Frauen waren. Man stelle sich vor, das bis zirka vierzig Haltepunkte des Zuges für die Kinder ein dauerndes Aufstehen und Hinsetzen war, worüber sie aber in Anbetracht der harten Holzbänke nicht immer böse waren.

Die Eltern blieben die ganze Fahrt sitzen, außer sie mussten mal aufs Klo und das war ein unbeschreibliches Abenteuer, dessen Beschreibung der Autor lieber weglassen will. Und die Fahrt zog sich hin, Stunde um Stunde. Auch die Landschaft war langweilig, kilometerweit Kiefernwald. Der Zug hielt an jedem Briefkasten, mehr war meist nicht zu sehen in Preußen – ein langweiliges Land. Nach Stunden hörten die Wälder plötzlich auf, die Bahn überquerte Wasserläufe, passierte große Seen und die ersten Häuser von Berlin tauchten auf. Die bis dahin alle Reisenden beherrschende Lethargie verwandelte sich plötzlich in eine Euphorie. Alle wollten ans Fenster und die ersten Eindrücke aufsaugen von Berlin, von Westberlin. Von Berlin war für die Ostdeutschen, damals schon DDR-Bürger, natürlich nur Westberlin interessant.

Der Zielbahnhof des besagten Zuges lag irgendwo in Westberlin. Von diesem Bahnhof waren alle weiteren Reiseziele mit der S-Bahn zu erreichen. Dafür waren die Ortskenntnisse von Konrads Mutter absolut nützlich für die weitere Reise. Konrads Mutter hatte viele Jahre ihres Lebens in Berlin bei ihrer Tante Klara verbracht, deren Familie, genau wie die von Konrads Oma Amanda, nach dem Ersten Weltkrieg aus ihrer Heimat Posen vertrieben worden war. Die einen waren in einem Nest in Sachsen gelandet (Amanda) und die anderen in Berlin (Klara).

Zuerst sollte aber der ehemalige Kriegskamerad von Konrads Vater aufgesucht werden. Irgendwie war das Haus schnell gefunden. Es befand sich in einer Gegend, die vom Krieg nicht betroffen war, eine hässliche Straße mit hässlichen fünfstöckigen Wohnhäusern mit noch hässlicheren Hinterhäusern, welche von winzigen Hinterhöfen unterbrochen waren. Und in so einem Hinterhaus im Erdgeschoss wohnte der besagte ehemalige Kriegskamerad von Konrads Vater. Kein Sonnenstrahl erreichte den Hof, geschweige die Wohnung. Obwohl Konrads Familie nicht aus dem Reichtum kam, war aber diese Wohngegend absolut beängstigend, sodass der Besuch recht kurz ausfiel.

Ein Stadtbummel durch Charlottenburg schloss sich an. Auf der nächsten Hauptstraße sah das schon ganz anders aus, da war schon der Wohlstand ausgebrochen, es gab alles was das Herz begehrt. Nagelneue Autos, Motorräder und tolle Fahrräder beherrschten das Straßenbild. An den Autos stach Konrad ein Globus über dem Kühler der meisten Fahrzeuge ins Auge. Opel-Olympia lautete der Schriftzug am Kotflügel dieser Autos, was ihm zwar nicht viel sagte, aber die Häufigkeit dieser Automarke erkennbar machte; und was waren die Autos schön. Konrad träumte von einem Fahrrad, sein Bruder Günter wünschte sich einen Fotoapparat. „Du brauchst Schuhe“, sagte die Mutter. Schwester Ruth träumte von schönen Stoffen für ein Kleid zur bevorstehenden Konfirmation oder von einem fertigen Kleid. Es gab alles. Die Eltern hatten andere Sorgen, nämlich der Kauf von Lebensmitteln, weshalb die Familie eigentlich nach Berlin gefahren war. Für die Kinder war das unwichtig, obwohl sie dauernd Hunger hatten, vor allem auf die herrliche Schokolade und andere Süßigkeiten, die sie überhaupt nicht kannten. Auch Kaugummi aus Amerika – etwas ganz tolles. Stundenlag konnte man darauf herumkauen.

Wie Konrads Eltern das mit dem Geld gemacht haben, das wusste er noch nicht, interessiert Kinder auch nicht. Günter bekam das meiste, ein paar neue Schuhe, die brauchte er unbedingt. Echte Lederschuhe mit Kreppsohle, das war damals der absolute Renner. Was gab es da alles in Westberlin.

Obwohl noch viele Häuser stark beschädigt waren, gab es trotzdem schon viele Läden in Häusern, wo die Obergeschosse gar nicht mehr da waren. Händler, die keinen Laden hatten, präsentierten ihre Waren auf Tischen auf der Straße. Konrad hätte alles gebrauchen können, was er sah, vor allem Spielzeuge aller Art. Cowboy-Ausrüstungen mit Spielzeug-Colts. Und Wasserpistolen hatten es ihm besonders angetan. Eine Wasserpistole aus durchsichtigem Kunststoff wollte er haben und bettelte die Eltern solange an, bis sie nachgaben und diese kauften. Sie war schön verpackt und wurde vom Händler nicht vorgeführt. Zu Hause kam dann die große Enttäuschung für Konrad, die Wasserpistole funktionierte nicht. Da half kein Schütteln oder Stoßen, auch kein Gebet – das Ding wollte nicht.

Die Familie war aber noch in Berlin, das heißt Westberlin. Für die Eltern galt es nun, das wenige Geld was sie hatten für Lebensmittelkäufe einzusetzen. Der Renner waren Bücklinge, eine Kiste. Dann kamen Rollmöpse, auch eine große Dose, dran. Und dann war das Westgeld auch alle, wie Konrad mitbekam. Ruth bekam damals noch nichts. Für sie sollte später einmal Stoff für ihre bevorstehende Konfirmation gekauft werden, aber darauf musste erst wieder streng gespart werden. Im Laufe des Aufenthaltes und der Gespräche der Großen bekam Konrad mit, dass unser Ostgeld erst in Westgeld umgetauscht werden musste, und das das Ostgeld viel weniger wert war als das Westgeld.

Beladen wie sie waren, konnten sie dieses Mal Tante Klara nicht besuchen und fuhren an dem Tag spät abends wieder nach Hause. Die eingekauften Bücklinge und Rollmöpse reichten nicht lange, die nächste Berlinreise stand an.

Dieses Mal fuhren sie mit einem D-Zug, weil dieser in Ostberlin endete und wir zuerst Tante Klara und Familie aufsuchen wollten. Konrads Mutter erzählte einmal, dass die Tochter von Tante Klara mit Namen Emmi mit ihrem Mann kurz nach dem Krieg bei uns aufgetaucht war, um ein paar Kartoffeln zu ergattern – wir hatten aber selber nichts. Mittlerweile hatte sich das Blatt erheblich gewendet, jetzt sind wir die Bettler.

Tante Klara und ihre Familie wohnten in Berlin-Mahlsdorf. In einer herrlichen Siedlung besaßen sie ein schönes Einfamilienhaus auf einem großen Grundstück mit einem Gartenhaus, in welchem Klaras Tochter Emmi mit ihrem Mann sehr luxuriös wohnte. Konrads Mutter hatte einmal erzählt, dass Emmi dazumal einen Verlobten hatte, welcher als Maurer erheblich am Bau des besagten Einfamilienhauses und des Gartenhauses beteiligt war. Anschließend hatte Emmi ihm den Laufpass gegeben, wonach der arme Mann nach Amerika auswanderte.

Nach stundenlanger Reise mit dem Zug, der S-Bahn mit mehrmaligen Umsteigen – bloß gut, dass Konrads Mutter sich in Berlin so gut auskannte – zuletzt mit der Straßenbahn, die direkt vor Klaras Haus eine Haltestelle hatte, kamen sie endlich an. Die Begrüßung durch Tante Klara war relativ herzlich. Konrad fand sie sehr ähnlich seiner Oma Amanda, genauso ausgemergelt, so vom Leben gezeichnet und auch im Alter voller deutscher Unrast. Kaum hatte sie alle untergebracht, hatte sie schon keine Zeit mehr für ihren Besuch. „Wenn ihr Hunger habt, müsst ihr euch nehmen, ich esse beizu.“ Genau das war der Spruch, den Konrad noch sehr oft in seinem Leben hören wird.

Konrads Mutter ist teils bei ihrer Mutter Amanda in D … und teils bei ihrer Tante Klara in Berlin aufgewachsen, je nachdem, wer sie am meisten zur Arbeit brauchte. Klara hatte nicht nur das Haus mit großem Garten, nein, sie hatte noch ein größeres Grundstück in Berlin-Glienicke.

1903 wurde Konrads Mutter in der Provinz Posen, in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, geboren, aus denen schon nach dem Ersten Weltkrieg die Deutschen vertrieben worden waren und das dann polnisch wurde. Da war Konrads Mutter fünfzehn Jahre alt, fast erwachsen. Geboren wurde sie als uneheliches Kind von ihrer Mutter Amanda. So tragisch kann das nicht gewesen sein, denn Amanda hat kurz danach einen neuen Mann gefunden und noch weitere fünf Kinder geboren. Sie waren eine alte Eisenbahnerfamilie, wie es damals viele gab. Eisenbahner mit eigener Landwirtschaft. Kam ein Zug, wurde die Hacke fallen gelassen und das Signal gestellt. War der Zug durch, griffen wieder alle zur Hacke oder molken die Kuh oder taten, was so auf einem Bahnhof mit angeschlossener Landwirtschaft zu tun war. Alle waren Eisenbahner, außer Konrads richtiger Großvater, der sollte Gutsinspektor gewesen sein, erzählte manchmal die Mutter. Amanda war eine bildschöne Frau, als sie jung war, was Konrad auch an dem Bild, welches Krieg und Vertreibung überlebt hatte und bei ihr im Wohnzimmer hing, feststellen konnte, als er größer war.

Es gab auch Lokführer in der Verwandtschaft. Ein Onkel Adolf tauchte einstmals in D … auf und besuchte Konrads Mutter. Sie hatten sich viel zu erzählen aus der alten Heimat und von den noch lebenden Verwandten. Wo und wie sie lebten. Für Konrad war das wahnsinnig interessant.

Nicht alle Verwandten von Konrads Mutter waren Eisenbahner. Einer war Förster, Onkel Ernst. Konrad hatte ihn bei einem Besuch bei Tante Klara kennengelernt, er war ein Bruder von Amanda und Klara. Förster und Jäger in den riesigen Wäldern Posens war er einstmals – ein Traumberuf. Die Mutter erzählte ihm, dass Onkel Ernst von den Nazis verhaftet worden war, weil er sein gesamtes Waffenarsenal aus seiner Heimat nach Berlin mitgeschleppt und nicht gemeldet hatte, was wahrscheinlich als illegaler Waffenbesitz geahndet wurde. Seitdem war Onkel Ernst ein wenig irre, sagte meine Mutter, was Konrad auch spürte, vor allem an den irren Augen. Dann erzählte er Schauergeschichten vom Teufel, den er auf der Jagd gesehen hätte und andere Geschichten, bei denen es Konrad grauste und die Mutter abmildern musste mit den Worten: „Der Onkel ist ein bisschen verrückt, das brauchst du nicht alles glauben, was er erzählt.“ Damit beruhigte Konrad sich wieder, aber Angst hatte er doch vor Ernst.

Ernst hatte auch noch eine unverheiratete Tochter und lebte mit dieser in einer Wohnung. „Ein armes Ding“, sagte die Mutter immer, wenn sie diese traf oder an sie dachte. „Sie hat viel zu leiden unter ihrem verrückten Vater.“ Dazu kam, dass sie auch noch behindert war, sie lahmte ein wenig.

Tante Klaras Mann hatte Konrad nie kennengelernt. Er war auch Eisenbahner, Stellwerksmeister, wie es hieß. Offensichtlich hatten die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten auch schon nach dem Ersten Weltkrieg einen angemessenen Wertausgleich, entsprechend ihrer alten Besitzungen, in der neuen Heimat erhalten. Die einen, Amandas Familie, war in D … gelandet und hatte ein großes Mehrfamilienhaus erworben. Die anderen sind in Berlin hängengeblieben und haben ein tolles Einfamilienhaus gebaut. All das kostete doch viel Geld.

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22 aralık 2023
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