Kitabı oku: «Der Brandner Kaspar»
Kurt Wilhelm
Der Brandner Kaspar
Roman

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2003
©2021 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim www.rosenheimer.com
Titelbild: Foto Sessner, Dachau (Toni Berger und Fred Stillkrauth in einer Aufführung des Residenztheaters, München)
Satz: Buch Werkstatt GmbH, Bad Aibling
eISBN 978-3-475-54912-0 (epub)
Inhalt
Die Jagd
Der Tod
Das Leben
Das Altern
Die Schuld
Das Fest
Die Sühne
Das Jenseits
Der Schmerz
Die Seligen
Die Beschwerde
Die Trauer
Die Reise
Die Ewigkeit
Die Jagd
Der Tag, an dem der Brandner Kaspar hat sterben sollen, war einer von jenen, an denen die Natur behaglich zu schmunzeln scheint, wo poetische Seelen davon schwärmen, wie schneeweiß die Wolken sind, wie angenehm frisch das Elf-Uhr-Lüftl von den Bergen herab weht, wie die Mittagssonne nicht gar so heiß sticht, wie die Wälder widerhallen vom bunten, emsigen Lärmen der Vögel, wie es zirpt und summt in Wiesen und Gründen, und Schmetterlinge zuhauf über die Blüten hin schaukeln.
Am Mittag noch war der Kaspar gänzlich gesund und springlustig und hat so viel Lazzi und G’spaß gemacht, dass ihn der Flori gefragt hat:
»Was ist denn, du bist ja heut gar so fidel? Gibt’s einen Anlass?«
»Grad den«, war die Antwort, »dass mich’s Leben unbändig g’freut. Des g’langt doch!«
Die kleine weite Welt um den See ist von stiller Beständigkeit. Das Altbewährte wird sorgsam bewahrt, das Neumodische argwöhnisch beäugt, ob man es überhaupt braucht und für was es gut sein soll. Ein jeglicher hat seinen Platz, ein jegliches Tun und jegliches Ding seinen einfachen Sinn.
Ein Durcheinander und elendes Lärmen gibt es in dieser Zeit der neuen Maschinen und Eisenbahnen nur in den Städten. Ja, vier Stunden entfernt, in München drin, da rasseln die Fuhrwerke, eines am anderen, und fahren einander in die Quere, da schreien und fluchen die Kutscher wie die Kutscher, plärren Hausierer, streiten Bettelweiber, gießt man Unrat aus den Häusern in die Rinnsteine, hämmern und wuchten Handwerker an ihrem Zeug den lieben langen Tag und die halberte Nacht, und unaufhörlich tappen Leute scheinbar ziellos hierhin und dorthin, mit schallenden Sohlen über die buckligen Kopfsteinpflaster. Uhren und Glocken schlagen von den Türmen eine jegliche Viertelstunde, das Militär marschiert mit klingendem Spiel, es ist ein ständiges Schwätzen und Hasten, und immer gibt es etwas zum Schauen, zum Hören, nie ist Ruh, und man muss sich seine Behaglichkeit suchen.
Am Tegernsee rasselt halt ein-, zweimal am Tag ein Stellwagen oder ein Landauer von Gmund aus mit trabenden Rössern die Uferstraße entlang und bringt ein paar Sommergäste nach Bad Kreuth hinter zur Molkenkur. Es ist rundum so still, dass man am Ufer die Stimmen der Fahrgäste draußen über das Wasser vernehmen kann, wenn das kleine Dampfboot auf dem See herum schinakelt.
Freilich krähen die Hähne sich von aller Herrgottsfrüh an heiser, brüllt vor dem Füttern und Melken das Vieh, hört man den Hufschlag der einzelnen Reiter oder gar einer Kavalkade weithin. Fuhrwerke knirschen auf sandigen Wegen, beim Marmorbruch am Lohbach, hinten am Ringberg, kracht dann und wann eine Sprengung, deren Echo lange durchs Tal rollt, und auf dem Sixtnhof bei Finsterwald drüben quietscht gottserbärmlich die alte Wasserpumpe, wenn man die Tröge füllt für die Fackein, das Vieh und die großen Gemüsebeete. Aber sonst, und abgesehen davon, herrscht eine weite Stille. Die Einheimischen sind sie gewohnt, und den Stadtfräcken ist sie ein Labsal. Dann und wann freilich wird’s lauter, so wie heute, wo eine Hofjagd die Idylle verscheucht. Da sind alle versammelt, die es angeht, die teilnehmen und helfen, und sie wuseln voll Eifer durcheinander.
Das zweite Treiben ist am Spätnachmittag. Die Hunde haben das Wild bestätigt, verbellen und kreisen es ein, Jagdhörner tönen rundum, die es zum See lenken müssen, und der Kaspar spürt und weiß es, diesmal kommt der Hirsch nicht mehr aus, wie heut in der Früh, wo ein paar Deppen nicht Obacht gegeben haben, und er ist ihnen hinaus durch die Kette und hinauf in das Dickicht, versteckt und verloren für den Moment.
Das war eine böse Blamage, wo er doch dem alten, schon etwas wackligen König angesagt und versprochen war. Der Prinz Carl hat recht unglücklich dreingeschaut, und der Herr Königliche Advokat Dr. Senger hat den Brandner beiseite genommen:
»Was meinen S’, derwisch ma den noch?«
»Man müsst suchen«, hat der Kaspar erwidert. »Ich kunnt mir eppa scho denken, wo dass er naus is.«
»Tun Sie uns den Gefallen? Wenn einer ihn findet, dann Sie mit Ihrem tüchtigen Söllmann.«
Da ist der Kaspar in der Mittagszeit, während die Herrschaften zum Picknick gelagert waren, mit seinem Leithund, dem Söllmann, über die Holzeralm den Kogel hinauf. Er hat fleißig geschaut, wo Zweigerln von dem fliehenden Hirschen geknickt worden waren, der Söllmann hat bald die Witterung gehabt und die Fährte lautlos verfolgt, bis er mit einem kurzen Bellen angesprochen hat. Der Brandner hat sich niedergebeugt und das frische Fädlein betrachtet, den dünnen Erdstreifen, der zwischen den Schalen des Hirsches emporgedrückt wird. Kein Zweifel, der Tritt war noch jung, der Hirsch ist ausgemacht, er muss in der Nähe sein. Der Brandner war nicht grad begeistert, dass der fremde König den Napoleon bekommen sollte, aber um der Herrschaft die Freud nicht zu verderben, hat er es unten gemeldet und angezeigt, wo man die Treiberkette erneuern und frisch aufstellen kann.
Gegen Abend zu ist dann der Hirsch aus dem Dickicht gescheucht. Er stürmt talzu, verfolgt vom Bellen der Meute und den Rufen ›Tajo!‹ und ›Harro!‹ der Treiber, die sein Kommen ankünden. Jeden Augenblick muss er im Blickfeld des Brandner auftauchen, an ihm vorbei hinunter zur Fürlege hetzen, wo die Jagdgesellschaft schussbereit harrt. Der ist so gut wie Halali.
Weiter oben brechen zwei Schüsse. Kann es da einer nicht derwarten, wo der Schuss doch dem König der Belgier gebührt, keinem sonst? Der Brandner tritt ärgerlich aus dem Gebüsch auf die Lichtung, will nach dem Rechten sehen, läuft ein paar Schritte –
Da geschieht es. Das soll der Moment seines Todes sein. Er hört den Schuss schallen, ganz nah, eh er ihn wie ein Peitschenschlag am Kopf trifft und ihn umwirft. Im Fallen vermeint er, es dauere eine Ewigkeit, bis er den Boden erreicht, und während des schnellen, langsamen Sturzes jagen allerhand Bilder aus seinem Leben vorbei. Dann wird es ihm gänzlich schwarz vor dem Blick. Er liegt auf seinem Gesicht, seine Augen sind zu, und doch erkennt er ganz deutlich, wie und wo er da liegt, so, als stünde er aufrecht daneben und blicke von oben auf sich hinab. Zwischen ihm und der Welt sind auf einmal dicke gläserne Wände errichtet, die alles verzerren, verziehen, und durch die kein Laut dringt. Mit dem Peitschenschlag ist es um ihn stumm und still, starr und betäubt, und vor seinem unwahren Blick regt sich kein Ast und kein Blattl.
Doch – etwas bewegt sich! Eine schwarze Gestalt erhebt sich in der Entfernung aus dem Dicket und schreitet langsam herzu. Ein Jäger in dunkler Livree will sich forschend über ihn beugen, über ihn, der vermeint, sich selber da liegen zu sehen.
Der Kaspar möchte ihn anschreien: »Schaug net so loami, tu was und hilf«, da schwindet ihm diese unwirkliche Sicht von oben auf sich herab, wird blass und vergeht. Er kann seine wahren Augen wiederum öffnen, und sie sehen ganz nah vor sich die Steine, Gräser und das Moos des Waldbodens, auf den er gestürzt ist.
Er ist wieder bei Sinnen, er versucht aufzustehen, dreht den Kopf und erkennt über sich, schattenhaft gegen den weiß-blauen Himmel, wie ein Etwas einen schwarzen Mantel aufhebt, um ein Gesicht zu verbergen, und gleich sich auflöst und fort ist, als sei da niemand gewesen, sondern nur ein Schatten, ein Schemen, sonst nichts.
»Was is mir denn g’schehn? Warum hat’s mi hing’haut?«, will der Kaspar in seiner Wirrnis fragen und rufen: »Heda, ich bräuchert an Beistand!« Doch aus der Kehle kommt nur Gurgeln und Pfeifen, und gleich darauf fällt wieder Dunkel um ihn, seine Glieder strecken sich leer und schlaff, und der Söllmann, der ihn ängstlich umkreist hat, stupst den Leblosen mit der Schnauze und winselt.
An diesem Morgen hatte man sich früher versammelt als sonst bei Hofjagden mit erlauchten Gästen, denn die meisten der Teilnehmer waren nicht Sonntagsjäger, die den Schießprügel nur gelegentlich auf gut Glück handhaben, sondern des edlen Waidwerks Kundige. Jagdherr und Gastgeber war der Feldmarschall und Generalinspektor der Armee, Prinz Carl, der Halbbruder des gewesenen Königs, ein Reiter vor dem Herrn, der es an Jagderfahrung mit einem jeden aufnehmen kann. Mit von der Partie waren Mannsbilder, die gleich ihm das Leben in freier Natur der Stadtluft allezeit vorziehen:
Graf Arco-Zinneberg mit seinem Freund Franz von Kobell, Professor für Mineralogie. Der Advokat Dr. Senger, der sich oberhalb der ehemals gefürsteten Benediktinerabtei Tegernsee ein protziges Lustschlössl erbaut hat. Die Herren von Krempelhuber, von Stegmaier und Reichenbach aus dem Münchener Kaufherrenstande, Herr von Wydenbruckh und der Lord Ponsby, kurz alle jene, die in den letzten Jahrzehnten am Tegernsee, nahe der Gnadensonne des lange betrauerten ersten Königs von Bayern, Max des Ersten Joseph, und seiner sanften Gemahlin Caroline von Baden ein Sommer- und Jagddomizil sich errichtet hatten.
Die Jagd war zu Ehren Leopolds I., des bald sechzigjährigen Königs der Belgier. Der hohe Besuch, ein Spross des befreundeten Hauses Sachsen-Coburg-Gotha, war ein viel bewunderter, gerechtsamer Herr, ein wichtiger Mann unter den Herrschern Europas. Von großem Einfluss auf seine Nichte Victoria, die englische Königin, dem Hause Frankreich verwandt und den Bayern gewogen. Der Witwer war mit seiner siebzehnjährigen Tochter auf der Reise nach Wien, wo sie dem österreichischen Erzherzog Maximilian verlobt werden sollte. Der alte Herr war, bei allem Wohlwollen, nicht grad als ein exzellenter Schütze zu preisen. Man bot ihm daher nicht eine Pirsch wie einem echten Jäger, sondern eine jener althergebrachten Treibjagden, bei denen man sich nicht echauffieren muss, weil einem gewiss etwas vor die Flinte gebracht wird.
»Es wird eh a Trauerspiel«, hatte Graf Arco schon in aller Herrgottsfrüh beim hastig getrunkenen Kaffee zu Kobelln gesagt.
»Na, was denn. Ma kann ihm bloß brav zutreiben. Kommt daher, was mag, wir selber dürfen nix treffen, aus Höflichkeit.«
»Jedenfalls nicht, bis er einigermaßen a Strecke beinand hat, der Belgierpoldl.«
Kobell machte schmale Augen unter seinen großen, buschigen Brauen: »Das Beste wird sein, ich halt mich in seiner Näh, und wenn er abdruckt, schieß ich im selben Moment mit, damit wenigstens hie und da irgendwas umfallt. Er wird gewiss nit lang fragen, ob’s meine Kugel war oder die seine.«
»Hauptsach, er bringt überhaupts eine Strecke z’amm, na is er schon glücklich.«
»Stehen tät gnua im Revier. Ich hab gestern den alten Brandner gebeten, dass er vorsucht. Könnt sein, am End kommt sogar der Napoleon daher.«
Graf Arco musste lächeln. ›Napoleon‹ hatte der Brandner einen alten, rauflustigen Zwölfender getauft, der so unberechenbar war wie einst der Franzosenkaiser.
»Is der vom Fockenstoa abi zum Kogel g’wechselt?«
»Ja, die vorige Woch’.«
Bei der gestrigen Behangzeit am Abend hatte der Brandner mit seinem Söllmann die Abtritte des Napoleon ausgemacht und für die Treiber mit Verbruch aus Zweigen bezeichnet. Der gerissene alte Hirsch war nicht von jener edlen Rasse, die Graf Arco vor einiger Zeit angesiedelt hatte. Er hatte als Spießer und Gabler frühzeitig gelernt, die Jäger nicht zu fürchten. Sie taten ihm nichts, weil er damals nicht jagdbar war, und so fühlte er sich allezeit sicher. Wurde er gestellt, hoffte er stolz eine Weile nach allen Seiten, wendete sich in kräftigem Bogen, keineswegs übereilt ins Unterholz, vollführte dort ein paar Wiedergänge und streckte sich endlich ins Dickicht, bis sich die Jagd und die Hörner entfernten. Er spielte sich auf als Platzhirsch, bewachte sein Wildbret gegen jüngere und stärkere Achter, indem er sie zornig ansprach, drohend gegen sie schritt und sie endlich in Sprüngen in die Flucht trieb. Dabei verblieben nicht selten einige Schmaltiere aus dem Harem des Jüngeren achtungsvoll beim Napoleon.
Derzeit stand er oberhalb von der Holzeralm. Dem lautlos witternden Söllmann nachhängend, hatte der Brandner sein Bett in einer Feuchte gefunden und ihn am Schlosstritt erkannt, mit dem Hirsche beim Erheben mitten in ihrer Lagerstatt den Abdruck der Schalen hinterlassen. In der Nähe wuchs eine Leibspeise des Rotwilds, ein wilder Jasmin. Der allein gehende Napoleon hatte den Platz schon nahezu abgeäst, doch gab es unterhalb noch mehr davon, und so würde er gewiss heute wechseln. Dort war das Unterholz spärlich und licht, von dort aus konnte man ihn leicht vor die Büchsen der Hofjäger treiben als ein Prunkstück für den belgischen Gast.
Obwohl er drüben daheim war, am anderen Ufer des Sees, am Albach, oberhalb von Kloster und Ort Tegernsee, zwischen Wester- und Pfliegelhof, noch ein Stück höher droben, kannte der Brandner sich auch auf dieser Seite recht gut aus. Auch wenn er selten in dieses Revier kam, sein sechster Sinn für jegliches Wild machte seine Wahrnehmungen verlässig. Dafür hatte ihn noch ein jeder Jagdherr belobigt. Instinkt, Erfahrung und seine lebenslange Leidenschaft für die Jägerei ließen ihn den Jungen in allen Stücken über sein.
Der Haller Simon, Hofjäger in Diensten des Prinzen Carl, zog ungern auf eine große Jagd, wenn der Brandner nicht mit von der Partie war. Manchmal zahlte er ihm sogar aus der eigenen Tasche einen Sold als Jagdhelfer, weil er wusste, dass er in heiklen Situationen ohne den Alten aufgeschmissen war.
Der Kaspar war weithin beliebt und geachtet. Wenn er so daherkam, spottlustig, mager, zäh und ein bissei krummhaxert, mit der verschmitzten Freundlichkeit auf dem in tausend Falten gegerbten Gesicht, verströmte er eine Sicherheit, die Vertrauen einflößen musste.
In der Frühe hatte sich die Gesellschaft nahe dem prächtigen Königsgut Kaltenbrunn versammelt. Die Gäste genossen gebührend den weiten Blick über den See auf die Blauberge, hinter denen der Unnütz im Tiroler Achental hervorragte. Zum Betrachten reichte man ihnen die neueste Attraktion der Naturschwärmer, farbige Gläser, durch die das Panorama überraschende Varianten gewann.
Dann waren die Herren zu Pferde, der Belgier und die Damen in Wagen, am Finnerhof vorbei zum Rohnbognerhof hinaufgezogen, neben dem das Gebäude der Ölkapelle steht. Während die Treiber von den Hofjägern auf ihre Plätze gewiesen wurden, zeigte man den Belgiern die Erdölquelle, die der heilige Quirinus aus der Erde hat sprudeln lassen, wie die Legende behauptete.
Majestät Leopold erfuhren, und waren höflich beeindruckt darob, dass schon im 15. Jahrhundert ein dunkelgrünes, dickliches Bergnaphtha dem Boden entquoll, das auf Wasser schwamm, leicht entzündbar war und dem Heilkräfte nachgesagt wurden. Prinzessin Maria Charlotte kräuselte während der Erläuterung durch einen Ingenieur des Hofes die Nase ob des penetranten Geruches und begehrte ins Freie.
Dort harrte der Rohnbogner im Kreise seiner zahlreichen, sauber gewaschenen, gekämmten, geschnäuzten Familie, um mit tiefer Verneigung, halsig um ein verständliches Schriftdeutsch bemüht, den hohen Gästen ein Fläschchen voll Öl als Souvenir zu verehren.
»Glauben S’ as, Majestät, bal S’ an Wehdam ham, ich mein, eine Schmerzlichkeit, a Halsweh oder a Reißerts, schmieren S’ es unverzagt drauf. I sag ’s Ihna, des hilft auf der Stell, besser wie a jegliche Kräuterhex. Nix tut so guat, wie meine Familie beweist, wenn Sie ’s o’schaun mögen, ich meine geruherten, da, wie ’s dastehngan, allesamt g’sund zum Verrecka.«
Unter der Holzeralm war dieses Tages Fürlege. Dort fassten die Jäger in weitem Halbkreis Posto und erwarteten den Zutrieb. Die Strecke des Vormittags war erfreulich. Dass der versprochene Napoleon entwischte, ließ die Gastgeber sich vielmals entschuldigen, beratschlagen und den Eifer verdoppeln. Die Hofjäger, unter ihnen der Haller Simmerl, wurden instruiert, beim Treiben am Nachmittag sich so zu postieren, dass sie durch absichtsvoll daneben gezielte Schüsse den Napoleon, wenn man seiner habhaft werden und ihn herleiten könne, vor die Flinte des Königs jagten.
Durch besonderen Eifer im Bedienen der Herrschaft tat sich wieder einmal der Kaufmann Senftl buckelnd hervor. Seines Amtes als Stellvertreter des Bürgermeisters war es, den Verlauf von Festlichkeiten sorgfältig zu arrangieren.
»Schau nur, der G’schaftlhuber, wie er wieder rumfuhrwerkt«, flüsterten Treiber, und manch einer stellte sich bei seinen Befehlen grad extra recht dumm an, damit der Gockel vor Ärger rot anlief.
Der Senftl Alois war weiß Gott nicht beliebt, doch kam keiner ohne ihn aus. Sein Kaufhaus, in dem es alles gab, was man brauchte, Werkzeug, Stoffe, Geräte, Gewürze, Spezereien, Petroleum, Waffen, Pulver, Wagenschmier und Heiligenbilder, beherrschte den Markt. Sein Eheweib regierte den großen Hof nahe der Tuftn, während er nebsbei Geschäfte machte mit Holz, mit Vieh und Getreide, Rüben, Kartoffeln und Saatgut, Gründe vermittelte und Häuser und Höfe, Boote und Wagen verlieh an reisende Gäste, kurz, in allem und jedem seine gierigen Finger drin hatte.
Seine Tüchtigkeit war ebenso respektabel wie unangenehm. Nach der Napoleonzeit ein armer Schlucker, der vazierend mit Graffel und Glump von Hof zu Hof zog, hatte er es verstanden, sich beim gutmütigen König Max in derart schmieriger Weise einzuschmeicheln, dass er zum Gespött wurde, und wehe, es wagte heute noch jemand, ihn daran zu erinnern. Dank der königlichen Förderung und seiner Gerissenheit brachte er es zu Vermögen und Einfluss. Weil er auch Geld auf Zinsen verlieh, war die Zahl seiner Schuldner erheblich. Kleine und größere Bauern, Fischer, Fuhrleut und Handwerker waren abhängig von seiner Gnade und durften nichts gegen ihn sagen oder gar unternehmen. Hohen Herrschaften gegenüber war er stets hilfreich, süß und devot, aber auch sie trauten ihm nicht über den Weg.
Er war es, der an diesem Mittag in triefendem Eifer dem Brandner befahl:
»Es geht um die Wurscht, wir müssen a Ehr einlegen, hoppauf, geh zu mit dei’m Söllmann und find ihn uns schleunigst, den Malefizhirschn, den gottsverreckten.« »Warum akkrat mir diese Ehr?«, tat der Kaspar gleichmütig und verriet nicht, dass er nach der Bitte des Dr. Senger ohnehin auf dem Wege war, den Napoleon zu suchen. »San net Jager g’nua da, vom Hof und die Forstämter, was sollt da a armes Mannderl wie ich ausrichten, noch dazu ganz allein?«
Der Senftl war zu humorarm, um den Hohn zu erkennen. »Du kennst dich am bessern aus, alter Wilderer, g’stell di net so! Des weißt du genau, dass ich verantwortlich bin für den heutigen Erfolg, und drum tust du des auf der Stell, und zwar für mich, sonst – mehra brauch i ja wohl nimmer sagen, oder?«
»Naa, drohen brauchst wahrlich net, damit i der Herrschaft einen Gefallen erweis«, hatte der Brandner erwidert. Als der Senftl mit seinen glühenden Augen über der Vogelnase in dem hageren Gesicht noch weiter scharf und unangenehm keifte, ihn ja nicht zu hintergehen und womöglich nicht fleißig zu suchen, und ihm dabei immer wieder mit dem Zeigefinger auf die Brust stach, hatte er ihm einfach den Rücken gekehrt und war, den Hund an der Leine, pfeifend davongeschlendert.
»Dich muss ma ermahnen, weil du bist und bleibst a Hallodri, dir kann ma net trauen«, hatte der Senftl ihm nachgerufen, so laut, dass es andere hören mussten.
Da hatte der Brandner sich umgedreht und ebenso laut zurückgerufen:
»Aber gell, dir traut blindlings a jeder, du glücklicher Mensch, du gute, kreuzbrave Seel’«, und im Fortgehen einige genüsslich kichern gehört. Nein, mit dem Senftl war kein Auskommen, und die Schulden, die er bei ihm hatte, bedrückten den Brandner mitunter recht sehr.
Gegen den Abend zu nahm die Jagd auf den Napoleon einen Verlauf, den niemand erwartet hatte.
Als der Brandner nach dem Schuss leblos lag, brach der flüchtige Hirsch an ihm vorbei. Der königliche Gast wartete schon in einiger Spannung, das Gewehr schussbereit an die Wange gelehnt, denn er wollte sich vor den erfahrenen Jägern keine Blöße gestatten. Kobell, halb hinter ihm stehend, legte, für alle Fälle, bedächtig zum Parallelschuss an.
Das Kläffen der Hunde, das Lärmen der Treiber, die Gasse der Hörner und lenkenden Schüsse der Hofjäger hetzten das Tier der Fürlege zu. Es tauchte auf, der Belgier zog durch, der Schuss brach, der Napoleon stürzte im vollen Lauf, rutschte ein Stück ins Gebüsch und blieb liegen.
Triumph!
Die Gesellschaft applaudierte dieser Krönung der Jagd und schenkte dem übrigen Getier, das im Gefolge des Lärms noch vorbeikam, keine Beachtung mehr. Prinz Carl gab dem Hornisten das Zeichen, und es erscholl das stolze ›Hirsch tot‹. Der König bekam einen Kuss seiner Tochter und nahm die Glückwünsche der Gastgeber huldvoll lächelnd entgegen.
Dann begab man sich zu der gefällten Beute. Der Napoleon lag reglos mit offenen Lichtern, der Lecker hing ihm aus dem Maul. Man reichte dem König den Gnicker, das Jagdmesser, bog die hindernden Buschen beiseite, in die der mächtige Körper gestürzt war, Majestät beugten sich nieder –
– da, kaum hatte der Herrscher der Belgier die Luser gepackt, um waidgerecht zu genicken, fuhr Lebendigkeit in die Kreatur, sie rangelte und riss sich empor auf die Läufe und fegte so kraftvoll, als sei sie niemals getroffen, bergauf und davon. Majestät machten einen erschrockenen Satz rückwärts und bargen sich bei der Prinzessin, und noch ehe einer der verblüfften Umstehenden für einen Nachschuss die Waffe ergreifen konnte, war der Napoleon schon im Unterholz verschwunden.
»Was is des für e Gwerch …?«, stöhnte der König, ins Fränkisch der Jugendtage verfallend.
»Qu’est-ce que c’est?«, rief die Prinzessin, »Ca c’est tellement incroyable. C’etait mort, bien sûr mort!«
»A Prellschuss, Kreuzdividomine, gibt’s denn des aa!«, rief Graf Arco.
»Alle heilige Zeiten kommt sowas vor«, sagte Prinz Carl entschuldigend, »ich hab ’s selber noch niemals erlebt bis auf heut.«
»Prellschuss?«, begehrte der König zu wissen, und Kobell wusste ihm Antwort: »Es ist immer bedenklich, wenn der Schuss einen Hirschen so niederwirft auf dem Fleck. Oft ist da nur das Kreuz geprellt oder unter dem Rückgrat, wie man sagt, ›hohl‹ durchgeschossen.«
»Aber er ist doch verletzt und muss eingehen. Er bleibt irgendwo liegen, man kann ihn doch finden«, rief der geprellte Jäger, voll Empörung, dass die Jagdtrophäe, die sein Brüsseler Schloss zieren zu helfen bestimmt war, so eigenwillig am Leben geblieben sein sollte.
»Net amal das ist gewiss, Majestät, mit Verlaub. Meistens erholt so einer sich bald, weil die Wunde nur klein und glatt durchgängig ist. Ich befürchte, den ham ma verloren, zumindest für heut …«
»Die Hund’ hinterher, trotzdem. Man soll die Suche aufnehmen«, befahl Prinz Carl seinen Jägern. »Wer kennt sich aus? Wo ist der Brandner mit seinem Söllmann …?«
Der liegt noch wie tot auf dem Bauch, als ihn einer der Treiber, der junge Florian Högg, im Vorüberlaufen entdeckt, weil der Söllmann neben ihm tänzelt und Laut gibt. Der Flori erschrickt, ruft ein hilfloses, halblautes »Heda – da liegt einer« ins Leere, läuft herzu, kniet nieder und wendet den Alten um. Der ist gar nicht tot, seine Augenlider flattern. Der Flori richtet ihn auf und bringt ihn zu sich.
»Brandnervater, geh zua, mach keine G’schichten, wach doch auf! Was is dir denn g’schehn?«
Der wälzt und ringt sich aus der Betäubung, und als er endlich die Augen aufgebracht hat, stöhnt er:
»Herrschaftszeiten … der Flori! Bist du der sell Schwarze?«
»Was für a Schwarzer? Bist net am Zeug? A Schuss hat dich g’striffen, da am Schädel, am Ohr. Es bliat no …« Die Kugel ist sichtbar am Filz des alten verbeulten Hutes abgeglitten, hat ihn aufgerissen und den oberen Rand vom Ohrwaschel erwischt. Da läuft helles Blut aus der Wunde. Der Flori tastet vorsichtig.
»Ouh, du, des war haarscharf! Da kannst fei a Kerzen stiften zum Dank. Oa Alzerl daneben, und du wärst nimmermehr da.«
Der Alte ist noch ganz dasig.
»Einen Schuss in der Näh hab ich grad noch vernommen, aber was danach g’wesen is, Flori … des war mehra wie g’spaßig«, murmelt er und rappelt sich mühsam empor auf die Füß. Er beutelt den Schädel, tappt sich ans Ohr und schaut kopfschüttelnd auf das Blut an den Fingern.
»G’spürst was? Is dir net extra? Draht sa si vor deine Augen oder so eppas?«, fragt der Flori besorgt.
»Naa naa, nixi. I bin aufm Posten, es tut net amal weh. Grad so a g’spaßiges Singen und Zirpen hab i im Schädel«, erwidert der Brandner wie in Gedanken, fingert sein Sacktuch heraus und presst es aufs Ohr.
»Wer schießt da auf mich und verschwindt … und warum? I kann mir des all’s net so recht z’ammadipfin …«
»Hast den Schützen denn g’sehen?«
»Ja. Nein. Glaub scho. I bin mir net g’wiß.«
»Hast ’n net ’kennt?«
»I moan, net. A ganz a schwarz ang’legter Kerle könnt’s g’wen sein.«
»A Jager, a fremder, von die Belgischen einer?«
»Wär gut möglich.«
»Solchene Lalli g’hörert a Lehre verpasst für den Leichtsinn! Schießen, wenn Leut davor san!«
Von unten tönt soeben das Hornsignal ›Hirsch tot‹ und danach das wilde Geschrei und Getön. Ein Vieh bricht in der Nähe durchs Holz, läuft bergan, Schüsse fallen, und gleich darauf schreit wer:
»Hö, wer strawanzt da umanander im Schussfeld!«
Der Brandner horcht auf:
»Des is doch der Simmerl –«
»Der sell Jager vom Prinzen? No, von dem is’ bekannt, dass er schießt wie a Wildsau, wenn sich wo was rührt. Ob ’s am End der war, der dich derwischt hat?«
Ein Fehlschuss des eifrigen Haller Simon? Gewiss, der schwarzschädlerte Bursch war ständig bemüht, durch besondere Tüchtigkeit sich beliebter zu machen, als dies seinem verschlossenen, etwas groben Wesen beschieden war. So brav er auch war und obwohl er sich nie einen Tadel verdiente, er hatte es immer schwer gehabt, Freunde zu finden und fröhlich zu sein. Er musste sich eine jegliche Anerkenntnis sauer erringen. Gut möglich, dass er im Eifer und um sich hervorzutun blindlings dem flüchtigen Hirschen nachgeschossen und dabei den aufrecht stehenden Brandner übersehen hatte.
»Der Simmerl?«
Ein winziges Lächeln zieht um den Mund des Alten. Er schaut listig zum Florian hin:
»Du meinst, dem sollt ma auf alle Fälle die Lehre erteilen?«
»Dem ganz g’wiß. Wurscht, ob er ’s war oder net. Eh ’s ’n zerreißt, vor lauter Bedeutung, die er sich einbild’t.«
Der Brandner, das Schlitzohr, von dem allbekannt ist, dass er keine Gelegenheit vorbeigehen lässt, jemandem einen Streich zu spielen, feixt:
»Guat, tratz ma ’n a bissei. Pass gut auf und spiel mit. Des gibt a Gaudi!«
Er reckt das Ohr hin und fragt: »Bliat ’s noch?« Und als der Flori nachschaut und nickt, zwinkert er zufrieden, legt sich gestreckterlängs auf den Boden und beginnt recht zu jammern: »Ah ah – au au«, und, als sei er eingeweiht und spiele mit, hebt der Söllmann wiederum herzzerreißend zu winseln an und tänzelt mit krummem Rücken um ihn.
Der Simmerl taucht am Rande der Lichtung auf, schreit herüber: »Seids ihr denn narrisch, dass ihr im Schussfeld …«, erblickt die Gestalt auf dem Boden und rennt erschrocken herzu:
»Brandner, was is denn?«
Der Flori zieht die Augenbrauen recht weit hinauf: »Taat er noch fragen. Statt dass er a Brillen aufsetzert, ehvor dass er ’s Gewehr in die Hand nimmt.«
»I hab bloß dem Hirschen hinterhergschossen«, stammelt der Simmerl.
»– und an alten Dackel getroffen, au au.«
Der Simmerl kniet und betrachtet die Wunde: »Da ham ma, scheint’s, grad noch a Massl g’habt. Schlimm schaut’s net her.«
»Aber schwindlig is mir, so vui schwindlig«, wimmert der Alte und rollt in gespieltem Schmerz den Kopf hin und her.
Der Simmerl ist einen Atemzug lang ratlos. Dann wirft er den Rucksack von seiner Schulter: »Wart, ich verbind dich«, zieht ihn auf, kramt herum und bringt Leinzeug und Charpie heraus.
»Gell«, feixt der Flori gelinde, »so a ganz a sicherer Schütz hat allerweil a Verbandszeug im Sack, is ’s net so?«
»Du musst mi ausspotten, du Ratschenbertl, du windiger Treiber«, knurrt der Simmerl, hebt eine helle, eckige Glasflasche aus dem Sack, korkt sie auf, schüttet ein wenig über das Linnen und tupft damit auf der Wunde herum. Ein zarter Duft breitet sich aus.
»Ui, is des wahrhaftig a Kerschgeist?«, fragt der Brandner und windet sich nicht mehr und ächzt auch nicht weiter.
»Freili. Des Beste, dass die Wunde sich schließt.«
»Geh, aber äußerlich is es doch ewig schad um a selchterne Kostbarkeit. Gebertst mir besser a Schlückerl für einwendig, zu meiner Stärkung, gegen mein’ Schwindel, verstehst.«
»Von mir aus.«
Der Kaspar schnuppert, ehe er trinkt, und bezeigt Überraschung: »Uh, der is aber was ganz was Rar’s, kimmt mir für. An sowas kommt unsereins sonst net so leicht. Wo hast denn den her?«
»A Wurzer-Burgl’scher is’, a G’schenk vom Prinz Carl.«
»An dich?«
»Ja, an mich.«
»Da schau her. Für Verdienste am End?«
Der Simmerl bemerkt nicht den Spott, sondern ist stolz: »Ja, für die heutige Jagdausrichtung.«
»Na mach i mei’ Gratulation und dank dir, dass du die Kostbarkeit teilen willst mit mir. Vergelt’s Gott, Simmerl.«
»G’segen’s Gott.«
Er verbindet mit Sorgfalt den Schädel und merkt in der Pflicht nicht, wie viel auf einen einzigen Zug, grinsend, genüsslich, der Alte aus seiner Flasche heraustrinkt. Im Eifer entgeht ihm auch noch, dass hinter seinem Rücken der Flori einen gewaltigen Zug tut, eh er dem Kaspar die Flasche zurückreicht. Der setzt abermals an, um sich noch mehr zu vergönnen, da schreit schon der Simmerl: »Hö – net a so viel! Der ist kostbar! Und b’suffa bal dich die Herrschaften finden –«
Der Flori macht recht kummervolle Augen her und derbleckt den Jäger im Jammerton: »Simmerl, bedenk doch, wie groß dass der Schwindel vom Kaspar is, vermutlich durch deine eigene Schuld –«
Das ist zu viel. Da fährt er auf und rückt ihm nah auf den Leib: »Du, sei net so frech, du Lauser, und schmatz da net so a Zeugs umanander. Lauf lieber ’nunter zur Gesellschaft und vermeld, dass ich aufg’halten bin, für den Moment!«
Der Flori nickt und heuchelt Gehorsam:
»Weil du wen ang’schossen hast, sag ich.«
Da packt ihn der Simmerl hart am Schlafittl und zieht ihn sich nah vors Gesicht:
»Untersteh dich und sag des! Es is net erwiesen, dass des mei Schuss war! Wehe, du probierst es, dass d’ mich blamierst vor die Herrschaften, Bürschei!«
»Guat«, grinst der Flori und schaut ihn treuherzig an. »Na lüg i was z’amm, und du tust es beichten, hernach.«
Jetzt merkt es sogar der Simmerl, dass man ihn ausspottet, und löst den harten Griff an Floris Gewand, während er drohend erwidert:
»Schau du nur drauf, dass du dei’ eigene Hoffart derbeichtst, und bekümmmer dich net um mein Seelenheil. Schieb ab!«
Wenn zwei so junge Burschen einander nicht grün sind, ist meistens ein Weiberts dran schuld. Der Brandner weiß nur zu gut, wer es ist, sein eigenes Enkelkind nämlich, die Marei, die zusammen mit ihm das klein gewordene Anwesen bewirtschaftet.
Sie kennt den Haller Simon schon, seit sie ein halbertes Kind war, weil der Simmerl sich immer beim Kaspar Rat geholt hat. Erst hat er sie wenig beachtet, aber dann, nachdem er sie auf Ostern beim Kirchgang im von der Mutter ererbten Sonntagsstaat sah, muss es ihn jählings erwischt haben. Von da an ist er weit öfter auf dem Brandnerschen Anwesen erschienen, als es nötig gewesen wäre.
Im folgenden Herbst, zum Kirchtag, hat der Alte sie nach dem Amt zum ersten Mal mitgehen lassen ins Gasthaus zur Post, zum Feiern und Tanzen. Sie ist brav abseits auf der Bank an der Wand gesessen, wo die unverheirateten Töchter abwarten, bis einer sie holt, während die Eltern, die Erwachsenen, die Reichen und Ärmeren, mit ihren Frauen an der langen Festestafel im Saal hocken. Wer nur ein Dienstbot ist, hat überhaupt draußen zu bleiben. Die Ehhalten versammeln sich in der Schwemm oder lungern auf der Stiege herum, hoffend, dass sie jemand für wert hält, mit ihnen zu tanzen.
Es hat damals kein Geriss gegeben ums Marei, überhaupt keines. Die Danzl Maria – so hieß sie nach ihren Eltern, der Kaspar ist der Vater von ihrer verstorbenen Mutter – war noch ein junges, mageres Ding. Eines zwar mit einem bildhübschen, frischen Gesicht, aber doch ›no net bacha‹, nicht fertig gebacken, sodass die Burschen sich lieber um die ausgewachsene Ware gekümmert haben.
Da hat sie der Simmerl vom Hoffen und Warten erlöst. Er hat nur mit ihr getanzt und sie sogar an den Tisch zu den Erwachsenen und den Verheirateten gebracht. Das wurde allseits bemerkt, und fortan galten im Ort er und das Marei als ein sicheres Paar, mit dem man einverstanden sein konnte.
Das Jahr darauf haben die Burschen das inzwischen nicht mehr magere, blühende Marei gar nicht erst aufgefordert, weil sie ihrer unbändigen Tanzlust ohnehin nur mit dem Haller oblag. Die Ratschweiber warteten schon, dass der Simmerl mit ihr zum Stuhlfest beim Pfarrer erscheint, zum Aufgebot. Hoffentlich, denn auf den Brandnerhof gehört eine Jugend. Der Kaspar ist viel zu alt. Er hätte schon längst übergeben an seinen Schwiegersohn und die Tochter. Da waren aber beide gestorben, und das Marei, ihr einziges Kind, wuchs bei dem Großvater auf.
Seit zwei Jahrzehnten werkeln die beiden nun schon recht und schlecht. Einen Knecht oder eine Stalldirn konnten sie sich nicht leisten. Der Kaspar hat das Regieren nie richtig erlernt, weil ja sein ältester Bruder der Hoferbe gewesen wäre, und man hat ihn, den Jüngsten von dreien, das Schlosserhandwerk erlernen lassen, auf dass er später ein Auskommen habe. Er hat es gern ausgeübt und sich als Büchsenmacher schon in jungen Jahren bewährt.
Da waren aber seine beiden Brüder im Tiroler Krieg gefallen, und er blieb allein übrig. Sein Vater hatte einen schweren Stand in den notigen Jahren nach den Napoleonkriegen, die Europa um und um gerührt und gänzlich verarmt hatten. Das Brandnersche Sach ging zurück, der Vater schon musste ein Trumm Land nach dem ändern veräußern, und der Kaspar war dann noch tiefer in die Schulden geraten.
Nur ein geldiger Bauernsohn als Hochzeiter fürs Marei hätte die Rettung sein können, einer, der tüchtig zu arbeiten versteht. Der Simmerl aber, ein vierter Sohn aus der Gegend von Tölz, erbte nichts. Auch seine Leut krebsten nur so schlecht und recht, wie die meisten in diesen Jahren. Er verstand was von Jägerei und von Forstarbeit, aber wenig vom Bauernberuf. Darum tat er beim Kaspar den Mund wegen einer Heirat gar nicht erst auf. So auskömmlich sein Sold beim Prinzen für ihn allein war, zur Rettung des Brandnerschen Erbes langte es auf keine Weiten.
Er kam auf Besuch, saß in der Stube herum, half da und dort bei der Arbeit und gewöhnte sich dem Marei gegenüber eine besitzergreifende Art an, die den Kaspar mehr und mehr ärgerte. Er tat, als sei sie sein Eigentum, bewachte sie und ließ keinen anderen Burschen in ihre Nähe. Weil er sie niemals hitzig bedrängte und das Marei ihn so hinnahm, wie er war, mischte der Kaspar sich weiter nicht ein. Es war recht, wenn er da war, aber wenn er nicht kam, war es auch gut.
Dann aber, und das lag erst ein paar Wochen zurück, lief dem Marei der Florian Högg über den Weg, und alles war anders als vordem.
Der Simmerl schaut dem lachend zu Tal laufenden Flori hinterher: »Frecher Kerle. Den nimm i nimmer zu die Treiber, wenn er so frech ist.«
»Er is a braver Bua, tu ihm net unrecht«, hält der Brandner dawider und spielt weiter den schwindligen Kranken. Der Simmerl hilft ihm vorsichtig auf, hebt ihn, setzt ihn sacht auf einen Baumstumpf, rückt und drückt ihm seinen alten Hut so über den verbundenen Kopf, dass nur noch ein schmaler Streifen weißen Leinens am Ohr hervorschaut.
»So siecht ma nix mehr – und dei’m Enkelkind sagst einfach, du hast dich g’rissen an am Ast im Unterholz, verstanden?«
Der Kaspar schaut forschend, denn da ist wieder der Ton von Anspruch und Anordnung:
»Is dir des gar a so wichtig, was ’s Marei von dir denkt?«
»Frag net so dalkert!«
Der Simmerl geniert sich, seine Empfindung verraten zu haben. Er ist froh, dass sich darüber kein Disputieren ergeben kann, weil von unten das Hornsignal ›Sammeln für Jäger und Treiben‹ ertönt. Er packt seinen Rucksack und das Gewehr:
»Komm, steh jetzt auf, wir müssen ’nunter zur G’sellschaft.«
»Wir zwei? Mitanand? Dass ma fragt, was du g’macht hast mit mir?«
»Was hab i denn g’macht, nix hab i g’macht, Herrschaftszeitn! G’funden hab i di, verbunden hab i di – komm, steh jetzt auf!«
Er schreit, weil sein Gewissen ihn zwickt ob seines Schießens. Sein grobes Betragen spornt den Kaspar erst recht an, ihn zur Strafe weiter zu tratzen. Er wackelt den Kopf, klappert recht hilflos die Augendeckel und haucht:
»I kann leider net aufstehen. Der Schwindel, verstehst. Du müssertst mich tragen.«
»Tragen??!«
»Am Buckel, freundlicherweise, bis abi –«
»Tragen? Mich blamieren vor alle die Leut, wenn ich daherkomm, mit dir huckepack? … Mann Gottes, mach mi net narrisch!«
»Wennst mich so anschreist, krieg ich völlig ’as Zittern«, klagt der Kaspar und sinkt tragisch in sich zusammen. Das wirft den Jäger nun vollends aus dem Gleis.
»Du, i lass dich da liegen«, droht er.
»Des machert beim Marei fei einen mäßigen Eindruck. Solltest dich schon derbarmen –«
Weil der alte Hallodri gar so jammervoll dreinschaut und Miene macht, demütig bittend die alten Hände zu heben, kann der Simmerl nicht anders:
»Alsdann, von mir aus – hopp!«
Das Manöver des Aufsteigens erweist sich als schwierig. Der Kaspar kriecht schlenkernd und wackelnd auf den dargebotenen gekrümmten Buckel hinauf und schlingt die Arme derart fest um den Hals des Helfers, auf dass er nicht hinunterrutsche, dass er dem Simmerl den Adamsapfel zusammenquetscht und der nur röcheln kann:
»Derwürgen brauchst mi fei net!«
Der Söllmann, verwirrt von dem ungewöhnlichen Vorgang, beginnt warnend zu bellen. Der Simmerl hat nun den Alten im Genick. Der macht sich schwer und lässt seine Beine von rückwärts her gegen die Haxen des Lastträgers schlagen. Der Simmerl muss sich noch einmal bücken, um sein Gewehr und den Rucksack aufzuheben. Das ist mühsam genug. Als er sie endlich geangelt hat, wobei der Kaspar ihm mehrmals seitlich hinabgleitet, was besorgte Angriffe des wild kläffenden Söllmann zur Folge hat, kann er sich seine Ausrüstung nicht, wie gewohnt, über die Schultern hängen, weil ja der Kaspar da hinten wie ein Sack auf ihm lastet. Er muss sich Gewehr- und Rucksackriemen, albern genug, von vorn her über den Kopf auf den Nacken ziehen, sodass sie ihm störend und ungewohnt vor der Brust pendeln.
»Glump, varreckt’s«, knirscht er, und der Alte mahnt ihn mit schwacher Stimme zu alledem noch:
»Wackel net so umanand wie der Schwoaf von der Kuh, sonst kann i mich mit mei’m Schwindel net halten und fall abi, sei so freundlich.«
Der wütend-verzweifelte Simmerl packt mit den Pratzen den Kaspar so fest in den Kniekehlen, dass die Rutscherei auf dem Rücken ein End haben muss, der Alte ruft fröhlich: »So passt’s, auf geht’s – hüah, alter Schimmel« – und der Herr Hofjäger in seiner Jagdlivree tappt brav und ergeben mit seiner ächzenden Last bergab, wobei ihm bei jedem Schritt Gewehr und Rucksack auf die Brust schlagen und der unzufriedene Söllmann ihn, unaufhörlich bellend, kämpferisch immer wieder von allen Seiten her anspringt.
»So is es brav«, lobt der Brandner.
»Halt du bloß dei Mäu, ehvor dass i grantig werd«, keucht es zurück.
Der Simmerl hofft inständig, dass ihnen niemand begegnet und dass er den Alten nahe dem Sammelplatz irgendwie ungesehen loswerden kann. Das aber ist ihm nicht beschieden. Keine zweihundert Schritte vor dem Ziel kommt ihm, ausgerechnet, der emsige Senftl entgegen, reißt seine glühenden Augen weit auf und plärrt:
»Ja, gibt’s denn des aa! – I glaub, i träum! – Darf ich mir die ergebenste Frage erlauben, ob Hofjäger neuerdings ’as Hutschpferd machen für alte Krattler?«
»Plärr net a so«, fleht der Simmerl, weil er zwischen den Stämmen erkennt, wie in einiger Entfernung etliche Jäger, Treiber und Gäste aufmerksam werden, herschauen und Miene machen, herüberzuschlendern.
»Er kann net gehn. Er hat an Streifschuss derwischt.«
»So? Wo?«
»Am Ohr.«
»Aha! Und seit wann geht der auf die Ohren«, höhnt der Senftl und sieht missbilligend zu, wie der Simmerl versucht, den Alten vom Rücken zu schütteln. Der aber hält sich dort eisern fest.
»Schwindlig is ihm«, erklärt er verlegen, was den Senftl zu einem spöttischen Lachen veranlasst:
»So? Dem? Dem seine Schwindel kennt a jeds in der Gegend. Dem machst doch du grad den Kasperl. Schau nur, wie der fürizahnt, der Spitzbua, der o’drahte!«
Der Simmerl schielt zur Seite und sieht dicht neben sich das grinsende Antlitz des Brandner über seiner Schulter. Es schwant ihm, dass er wirklich den Kasperl abgibt, und als der Brandner lächelt und säuselt: »So viel schwindlig«, da schmeißt er ihn vom Rücken herunter, um die Blamage los zu sein. Der Söllmann springt daraufhin gleich mit allen vieren in die Höhe, wähnt sich von Feinden umgeben, hat noch jemanden, den er nicht mag, zum Anbellen gefunden, und geht waffend los auf den Senftl.
»Pfeif gefälligst dei’ Raubersviech da z’ruck«, schreit der Spötter geängstigt und flieht ein paar Schritte zur Seite. Da sieht er, wie der Brandner gemächlich die Kirschgeistflasche des Simmerl aus seiner eigenen Rocktasche hebt und sich erneut eine Stärkung genehmigt:
»Ah, brav – und dein’ Schnaps hat er aa scho, der alte Dadädl!«
Der hilflose Simmerl raunt, um zu begütigen und sich zu entschuldigen:
»Wenn’s mein Schuss g’wesen wär, der ihn g’streift hat, muss ich doch …«, doch dieses Bekenntnis bringt ihm nur weiteren Hohn ein:
»Dein Schuss, ja da schau her, aha, soso. Und du ›muaßt‹! Ja, freilich. Du ›muaßt‹ ja auch dem Hirschn hinterherschießen, der dem König gehört, und ihn net amal treffen – net amal des! Der Prinz Carl hat a Wut auf dich, verlangt dringlich nach dir, und wer is net da? Du! Du musst ja zahnluckerte Spitaler spazieren tragen am helllichten Tag!«
»Was sollt i denn machen?«, plärrt der hilflose Jäger zurück.
»Ja, nix mehr«, giftet der Senftl ihn an. »Hast ja scho alles g’macht, was ma verkehrt machen kann, du Prachtexemplar! – Weißt wenigstens, wo der Hirsch ’naus is? Des könnt deine Rettung sein, wennst du des wissertst! –«
Der Simmerl hat keine Idee. Er schlenkert den Arm und deutet vage zur Holzeralm: »No, wo wird er sein. Da nauf is er – vermutlich.«
Darauf antwortet der Senftl ihm gar nicht erst, sondern tritt funkelnden Auges dicht vor ihn hin, sticht ihm, wie es so seine Art ist, den Zeigefinger hart in die Brust und höhnt in übel wollender Sanftheit:
»Freilich, jaja, da ’nauf is er, so wird’s sein. Des meldst jetzt den hohen Herrschaften. Wörtlich und genau in dem Ton. Dann sagst es noch auf Französisch, damit der König von Belgien und sei Töchterl auch eine Freud ham – und dann suchst dir a andere Arbeit – im Fall, dass d’ noch eine findst, im rechtsrheinischen Bayern, du Preisschütz.«
Auf den Kaspar scheinen die beiden vergessen zu haben. Der hat sich inzwischen auf einen Holzstoß gesetzt und genießt schmunzelnd den Zank. Der Söllmann ist still zu seinen Füßen gelagert und horcht erst wieder auf, als von unten das Halali der Hörner das Ende des Jagdtages kündet.
»Malefiz«, sagt der Senftl. »Die Herrschaften dürfen den Ang’schossenen da nicht zu Gesicht kriegen. Das fehlert grad noch, das verdürb ihnen vollends den Tag, und ich wär am End wieder schuld!«
»Ich bring ihn heim«, sagt der Simmerl.
»Naa, du net. Du g’wiss net«, kommt es verächtlich zurück. »Du wärst es bei deiner Geschicklichkeit imstand und kutschierertst ihn pfeilgrad in’ See eini, dass er dersauft. Naa naa, und sowas is a Verwandter zu mir – a Sohn von am meinigen Basl!«
So ist es. Die Mutter vom Simmerl ist der Senftlsippe verwandt. Darum kann er ihn abkanzeln wie einen Abc-Schützen, ohne dass der es wagen darf, sich wirksam zu wehren. Dieserhalb wäre es auch dem Senftl zupass gewesen, wenn eine Hochzeit mit dem Marei hätte stattfinden können, weil so der Brandnerbesitz an die Senftlfamilie gelangt wäre. Wer weiß, am End war die solenne Feindschaft gegen den Kaspar nur die Folge davon, dass daraus nichts werden konnte, weil der Simmerl zu dieser Hochzeit nicht taugte. Zudem hatte der Senftl, der seine Nase in alles steckte, längst erfahren, dass sich zwischen dem Mädchen und dem Futterknecht in seinen Diensten, dem Florian Högg, etwas anspinnt. Auch das ist ihm nicht recht, aber was ist dem Senftl schon recht, was andere tun. –
Er entscheidet: »Den Brandner bringt irgendwer heim, unauffällig und hint ’rum«, und ruft einen Treiber an, der ahnungslos durch den Wald kommt:
»Heda, du – Bursch! – Ja, dich mein ich, hörst du net? – Geh amal zuawi, gefälligst.«
Der Angerufene ist von zarter Gestalt und trägt ein zu großes, schlotterndes Gewand, grobe Stiefel und einen Tegernseer Stopselhut, der ihm fast über die Ohren rutscht. Er zögert und kommt nicht ›gefälligst zuawi‹. Er scheint den Brüller zu fürchten.
Der Kaspar schaut um, erkennt, wer es ist, und widerspricht augenblicklich: »Lass den Burschen in Ruh. Ich brauch neamds, i find scho alloa heim.«
»Nix da! Wenn ich a Anordnung treff, wird die befolgt! – Was is, kommst du jetz her, oder sollt ma dir a schriftliche Einladung schicken? Horch zu, du schaffst mir den Brandner da weg, der is ang’schossen.«
Das trifft die kleine Gestalt wie ein Blitz: »Ang’schossen? Wo is er?«, ruft das Krischperl mit hoher, kindlicher Stimme und läuft eilends herzu.
»No, da flackt er. Und außerdem – hast eppa du den Malefizhirschen gesichtet? Du, oder einer von die anderen Treiber? Was is, krieg i koa Antwort? Kannst du net reden?«
Die kleine Gestalt hört nicht hin. Sie hockt sich neben den Kaspar, sie redet leise und voller Besorgnis mit ihm, und der Söllmann schnüffelt vertraulich an ihr herum. Der Simmerl erkennt es als Erster, wer das Krischperl in Wahrheit ist, und gleich darauf erkennt es der Senftl. Er staunt nur so:
»I glaub, i träum! – ’s Marei! In am Mannderg’wand. Brav, so is’ recht. Als Treiber gehn is verboten für Weiberleut, und sie kostümiert sich als Bua! – Freili, bei uns geht ja alles! In meiner G’moa tut a jeder grad, was er mag. Unsere Erlässe san euch ja Wurscht, euch Bagasch!«
Das Marei richtet sich verlegen auf, stolpert dabei ein wenig in den Stiefeln des Großvaters, das lange, dunkle Haar rutscht ihr unter dem Hut hervor, sie sucht es zurückzustecken, schaut dem Senftl fest ins Gesicht und erwidert bescheiden:
»Wir sind koa Bagasch, Senftl, des wissen Sie genau, und wir befolgen ansonsten auch alle Ihre Erläss’. Bloß grad heut …«
Weil sie, während sie redet, den Simmerl mit einem ganz kurzen Blick streift, argwöhnt der Senftl sofort:
»Ah so, des is a Komplott! Ah so? Hast du mir des eing’rührt, Herr Hofjäger?«
»Der Simmerl kann nix dafür«, wiegelt das Marei tapfer ab. »Des is mir ganz von allein eing’fallen. Weil doch der Gendarm, der Loichinger, der wo die Treiber aufnimmt und einweist, a so schuiklert und kurzsichtig is, hab i mir denkt, probierst es amal, verdienst dir die fuchz’g Kreuzer, den Tag.«
»Du Anten, du freche!«, schreit der Senftl sie an, und er hätte seiner Empörung noch weiterhin Luft gemacht, wäre nicht just in dem Augenblick der Flori gelaufen gekommen, um, ein wenig atemlos, zu vermelden:
»Senftl, an schön’ Gruß vom Prinz Carl, und Sie solltertn glei umi zur G’sellschaft, samt dem Herrn Hofjäger Simmerl! Und nach ’m Brandner hat er auch g’fragt! – Hö, was is denn da g’schehn? – des is ja ’s Marei …«
»Ja, das Marei!«, funkelt der Senftl, »dei Herzi, unbotmäßig, keck und ohne Respekt für die Obrigkeit. Aber des sag i dir, Madl, koan Kreuzer kriegst du für den heutigen Tag, für des sorg i. Und i überleg mir überhaupts noch, ob i net Anzeige mach gegen dich, wegen Verbotesmissachtung, und …«
»Und – was? Gar nix macha Sie!«
Der Flori schiebt sich, fest und bestimmt, mit breiten Schultern zwischen den Schimpfenden und das geängstigte Mädchen. »Aber scho gar nix! Des braucht’s net, dass Sie des Mädel so anplärrn, ham S’ mi verstanden?«
Der Senftl schluckt und bringt gegen diesen Beschützer der Unschuld nur ein mattes: »Ja, wie traust di denn du mit mir reden?«, heraus.
»Nix für ungut«, beschließt der Flori die Zurechtweisung, »aber a so a Schreierei z’wegs einer solchen Lappalie, des is koa G’hörtsi.«
Die Augen des Senftl glühen gefährlich auf, während er Luft holt:
»So, des waar koa G’hörtsi, aha? – Brav, a so mag i ’s! A meiniger Fuaderknecht möcht mir Manieren befehlen, taat mi abkanzeln vor alle Leut – hätt den Fiduz, dass er si auflehnert gegen sein’ eigenen Brotherrn! Was buidst dir denn du ein, Bürschei? Aber pass auf, i sag dir was Schön’s: Du bist ausg’stellt, und zwar auf der Stell!«
Das schlägt ein. Die Kündigung als Quittung für ein mutiges Wort? Das Marei ruft ganz verzweifelt:
»Vom Dienst jagen, mitten unter’m Jahr? Des is net Ihr Ernst, Senftl! Sowas tut ma doch net!«
»I wer’ mi geniern! Ich jag an jeden davon, wenn’s mir so passt! Und weil mir der Kerl, der freche, scho lang nimmer passt – basta und aussi, fort ohne Schaden! Er braucht gar nimmer kemma auf mein Hof! Sein’ restlichen Lohn b’halt i ein, weil er Schulden g’nua hat bei mir. Dir werd i ’s lerna, wiest du reden muaßt mit Respektspersonen!«
Er ist keinem Einwand zugänglich. Auch nicht, als der Simmerl und das Marei gemeinsam ihn bitten, sich noch einmal zu bedenken, es sei nicht böse gemeint gewesen. »Nix, nix, nix«, schreit er und säbelt mit den Händen durch die Luft. »Er ist und bleibt ausg’stellt! Basta damit!«
Da ertönt ein Lachen. Der Kaspar hockt noch auf dem Holzstoß, hat seine Pfeife angezündet, dem Streit zugeschaut, schüttelt tadelnd den Kopf und amüsiert sich. Der Senftl kann nichts anderes glauben, als dass der Schuss den Alten um den Verstand gebracht hat.
»Spinnst jetzt du vollends? Du bist schwer verwundet, rauchst wie a Schlot, beutelst dein’ Belli – und was gaab’s da zum Lachen?«
»Entschuldige schon, Senftl, aber es is gar zu g’spaßig, wie er dir wegen am jeden Schmarren gar a so schön stinkt! Spannst denn du nie, wenn was a Gaudi is und sonst nix? Verstehst net: Das Marei hat sich an G’spaß g’macht! – net mit dir! Mit dem schelchaugerten Loichinger und mit’m Simmerl dazua – und du rumpelst drauf rein, wo’s dich doch gar net betrifft. Da brauchst di net wundern, wenn ma di diam derbleckt.«
»Ja, derblecken, des is alles, auf was sich die Brandnerische Sippe versteht!« Der Senftl mag nicht von seinem hohen Ross herunter und käme sich windig vor, wenn er mitlachen würde. »Derblecken, so wie du damals mein’ Vater!«
»Geh, die uralte G’schicht’!« winkt der Brandner ab. »Des is über fuchz’g Jahr her, dass ich mir mit dem den sellen G’spaß erlaubt hab.«
»Aber vergessen is’ net, deine Untat! Die Leut reden heut noch davon, und des verzeih ich dir nie! Freilich, für dich waar ’s ganze Leben a G’spaß, des is allbekannt«, geht der Senftl ihn immer härter an, sodass der Söllmann sich aufsetzt und zu knurren beginnt. Der Wütende achtet nicht darauf.
»Aber dir wird noch das Lachen vergehn, wenn i Ernst mach und klag alles ein, was du mir schuldest. Dann is’ aus! Dann heißt’s ’naus aus deim Hof, dann stehst auf der Straß, mitsamt dei’m gaudigen Enkelkind da! Dann könnts alle zwoa ’as ganze Jahr Maschkra laufen, als Bettelleut nämlich von einer Ortschaft zur ändern, und schau’n, wo’s ihr bleibts! – Ich bin ganz g’wiss die Langmut und Nachsicht in Person, aber was z’viel is, is z’viel – und wehe, mir reißt die Geduld! Wehe!«
Die Geduld reißt dem Söllmann. Er meint seinen Herrn verteidigen zu müssen, er greift an, packt sich den Senftl, springt an ihm hoch, erwischt sein Gewand, zerrt einen Fetzen heraus vom Gilet und ist vom Brandner kaum mehr zu halten.
Der Gebissene schreit, schlägt um sich, läuft, was die Beine hergeben, bleibt in der Entfernung noch einmal stehen und brüllt, krebsrot im Gesicht, seine Kriegserklärung herüber:
»Des werd’s ihr mir büßen, ihr Krattlergesindel! Simmerl, geh her da! Dass i dich nie mehr derwisch mit dene Leut! Ihr sollt’s alle noch denken an mich!« – und rennt fort.
Dem Simmerl ist dieser Auftritt am ärgsten. Er muss dem Oheim folgen und mag ihm nicht folgen.
Er muss das Marei hier lassen und mag es nicht lassen. Schon gar nicht beim Flori, der sich so ritterlich aufgeführt hat, wo er, der Simmerl, nur schweigend daneben stand. Er möchte sich um den Kaspar kümmern und muss gehorsam zum Prinzen eilen, wenn der nach ihm schickt.
Ihm ist elend zumut. Nach ein paar Schritten schaut er hilflos zurück:
»Sollt i dich nochmals tragen, Kaspar, bis abi?«
»Naa naa, Simmerl, dankschön, i geh gut auf meine eigenen Füß. Ich hab vorhin a bissei Komödi g’spielt und mir a wengerl an G’spaß g’macht mit dir – derfst mir net gram sein.«
»Woher denn. Ich versteh ja an G’spaß«, antwortet der Simmerl traurig. »Was is, geh ma mit’nander, oder kommt’s ihr mir nach?«
»Geh nur voraus, wir säumen net lang.«
Die drei schauen ihm nicht hinterher, wie er trotzig davongeht, ohne sich umzusehen. Sie sitzen versonnen, und jeder überlegt vor sich hin. Der Kaspar setzt die Pfeife umständlich in Brand, ohne wahrzunehmen, was er tut. Nicht die Senftlische Drohung bedrückt ihn, nein, da ist ein dumpfer Schmerz über den Augen, und fließende Farben wechseln vor seinem Blick. Das macht ihn unsicher, das beobachtet er wie ein ungewohntes Naturschauspiel.
Der Flori fragt in das lange Schweigen hinein:
»Kann denn der Senftl euch wirklich ’nausteufeln, so, wie er sagt?«
»Rundum gehört eh schon bald alles sein«, erwidert das Marei bedrückt, »bis ’nauf zur Neureuth, zum Dr. Senger, zum Westerhof, und abi bis in die Grund vom Pfliegelhof. Viel is nimmermehr übrig für uns, im Albachtal.«
Der Kaspar kneift die Augen zusammen, weil das Sirren und Klingen im Schädel, auf das er eine Weile vergessen hatte, wieder lästig anzuschwellen beginnt.
Das Marei meint weiter: »Unser Herr Pfarrer hat neulich amal g’sagt: ›Euer Gütl is bald wie eine Insel im Senftlschen Meer!‹ Und jetzo g’lust’ ihn die Insel halt auch noch. Es is wie verhext, wir werkeln und macha und toa und kommen doch net vom Fleck.«
Der Flori nickt: »Des geht viele Leut so, heutzutag. A jeder is froh, der sei’ Auskommen hat«, und das Marei fragt ihn: »Was hast jetzt du im Sinn, nach dem Nausschmiss?«
»Weiß net. Ich find schon an Platz. Ich könnt wieder im Holz droben arbeiten, da war i schon vor meiner Militärzeit.«
»Die Holzarbeit is net gar leicht«, meint der Kaspar bedächtig. »Die braucht’s G’wöhnen, wennst länger pausiert hast. D’ Holzknecht san hagelbucherne Lackeln, allesamt. Des is aa net jedermanns Sach.«
Der Flori zuckt die Achseln: »Ich werd mir’s net aussuchen können.«
»Ob ’s net in der Schussermühle eppa wen brauchen?«, fällt dem Marei ein. Nahe Kreuth wird Marmor vom Ringberg auf durch Wasserkraft getriebenen neumodischen Säge-, Dreh- und Poliermaschinen verarbeitet: zu Bodenplatten für die Oper und die Glyptothek in München, zu griechischen Säulen, Tischplatten, Vasen, Schmuck und so Glump. Die Werkstätte gehört doch, ja – dem Herrn von Reichenbach, »den kennst du doch. Großvater! Is der net überhaupt heut bei der Jagdgesellschaft dabei? Ob du den amal fragst?«
»Ma kannt ’s ja versuchen.«
Der Brandner erhebt sich und klopft seine Pfeife aus: »Es is ohnehin Zeit. Wir müssen nunter, zum Sammeln ham’s scho geblasen.«
Auf dem Streckplatz sind bald alle beinander. Die Strecke wird auf Tannenzweigen säuberlich ausgelegt, die Hornisten stehen bereit, sie zu verblasen. Man verabreicht allseits den Jagdtrunk. Für die Feinen sind ein Champagner und edle Weine vorhanden, der Prinz, die Zünftigen und die Kenner bevorzugen den Kirschgeist und halten sich an die Spezialitäten, die ein grobes, älteres Frauenzimmer, die Wurzer-Burgl, rundum ausschenkt.
Die ist weithin bekannt und berühmt. Vor Jahrzehnten war sie mit ihrem Geliebten aus dem Zillertal zugewandert. Die beiden hatten sich eine Hütte erbaut, er ging in die Holzarbeit, sie strich mit Hacke und Korb durch die Gegend und sammelte Wurzeln und Kräuter.
Man hielt sie für spinnert, bis Holzknechte die ›geistigen Wässer‹, die sie aus Kräutern, aus Kalmuswurz, Brunnkress und Enzian höllisch scharf zu brennen verstand, zu kosten bekamen und ganz narrisch waren darauf.
Da musste ihr Jörgl bald feste Bänke und Tische vor die Hütte ins Gärtchen zimmern. Sie schenkte aus, Gäste kamen von weither, Hoch und Niedrig saßen selig-gierig beisammen und ließen sich von der Burgl allerlei Wahrheiten sagen, denn dies gewitzte, tüchtige Leut scheute keinen Erlauchten, und neben der Wirkung der Wässer erfuhren jene gleich auch noch, was das Volk denkt.
Bis hinunter nach Preußisch-Berlin drang dann ihr Renommee, als sie dem armen, matten, dürstenden Kronprinzen der Pruzzen im Gärtlein einen reschen Enzian einflößte, gegen das Zetern seiner mitwandernden Höflinge, die Vergiftung und Aussterben des Hohenzollernstammes befürchten zu müssen sich veranlasst sahen.
Zum heutigen Jagdtrunk ist sie samt ihrem Fässchen geladen und trägt zur Erbauung verbal und kulinarisch Erhebliches bei.
Die meisten der Damen sowie jene, denen von Arzt oder Gattin Mäßigung befohlen ist, laben sich, wie die meisten Einheimischen, die Diener, Kutscher und Treiber, am dunklen Bier aus dem Bräuhaus von Tegernsee, das den Wittelsbachern gehört, seit 1817 König Max der Erste – ob der grünen Filzkappe, die er so gern trug, ›Moosmaxl‹ geheißen – das den Benediktinern böse gewaltsam enteignete Kloster samt Brauerei insgeheim aufgekauft und vor dem Verrotten gerettet hatte. Insgeheim hatte er auch verjagte benediktinische Bräumeister heimgeholt, und das Ergebnis, die jährlichen tausend Hektoliter, befriedigte die Erwartungen aller.
Heut ist das Bier so, wie es sein soll, weil es aus den kühlen Kellern von Kaltenbrunn kommt. Oft ist es lack und lau, wenn kein Eis da ist, und oft ist es rar. Man kann davon nicht genügend aufbewahren, wenn der Sommer heiß ist, Durst macht und viele Fremde am Ort sind. Dann geht es aus, und man muss anderes von weit herschaffen, etwa aus Tölz.
»No, Brandner, war die Jagd net ganz nach Ihrem Geschmack, oder was? Sie schauen a bissei dernepft drein«, fragt der Herr Dr. Senger, als er ihn ganz draußen am Rande des Platzes bei den Treibern entdeckt, dort, wo auch Bettelleut lungern und gierig nach Almosen spähen.
»Treibjagden san net mein Fall, Herr Doktor. Was is des gegen a g’scheite Pirsch, wo man ansitzt und lurt und warten muss, bis was daherkommt, und es bleibt fraglich, ob ma zum Schuss kommen kann.«
»Sie ham a Berechtigung? Sie dürfen schießen?«
»Ich hab’s amal g’habt, aber dann is was fürkemma …«
»Was?«
»Ah, nix weiter. A dumme G’schicht. Da hätt einer g’moant, i hätt was erlegt, was eigentlich ihm g’hört hätt – und der hat prozessiert.« »Lassn S’ mich raten, wer’s war – der Senftl?«
»Der sell kunnt’s g’wesen sein, ja. Aber es macht nix.«
»Da kann man doch was unternehmen, damit Sie die Erlaubnis wieder erlangen. Ich bin gern bereit, als Jurist …«
»Dankschön, Herr Dokter, aber ’as Mitgehen am Pirschgang is genau a so scho schön, gar, wenn ma älter wird und bläder dazua.«
»Na, Sie doch net. Sie san doch das leibhaftige Leben, mit Ihre – wie alt san S’?«
»Zwoarasiebaz’ge bin g’wesen, vor etliche Wochen.«
»Na, also – mit zweiundsiebzig so vif beianand, des is doch a Gnade vom Herrgott.«
»Kann ma in Dankbarkeit sagen, ja.«
»Was ham S’ denn für an Verband um den Kopf? Is Ihnen was g’schehn?«
Es ist dem Kaspar nicht recht, dass man von seiner Verwundung erfährt. Und dem Senftl ist es schon gleich gar nicht genehm. Er hat zu langsam geschaut, als die Brandnerleut auf dem Platz erschienen sind. Als er sie verjagen hat wollen, hat der Hofadvokat schon mit dem Alten geredet, und er hat es sich nicht mehr getraut.
Nun muss er mit ansehen, wie der Senger den Alten zu den Großkopferten führt und berichtet, dass es unbemerkt zu einem gefährlichen Vorfall gekommen ist. Voll Ärger sieht er den Kobell, Graf Arco und den Reichenbach um den Brandner herumstehen und sich den Hergang erzählen lassen. Dann holt man gar noch den Prinzen dazu, den Gastgeber und Herrn der Jagd.
»Sie ham wirklich nicht g’sehn, wer’s gewesen sein könnt?«
»Tut mir Leid, Königliche Hoheit, nix.«
»Wer hat Sie denn in der Ohnmacht gefunden?«
»Der Florian Högg.«
»Geh, seids so gut, bittet’s mir den amal her. Vielleicht hat der wen erkannt. Wer war überhaupt droben platziert? Ist da nicht mein Jäger g’standen, der Haller? – Simmerl, kommen S’ doch amal her, bittschön!«
Sakradi, denkt der Senftl, jetzt kommt’s auf. Der Hundling, der Högg, wird’s verklagen, der Simmerl in seiner Blödheit bringt’s Herauslügen nicht z’amm, der Makel bleibt meiner Familie und mir. So ein Hundskopf, der Brandner! Nicht genug, dass er mir ein Wild weggeschossen hat, seinerzeit, jetzt macht er auf dem Wege des Mitleids sich gar noch Liebkind. Wer weiß, ob er denen nicht auch von dem Streit was erzählt, den wir gehabt ham –?
Prinz Carl besteht darauf, dass ein Medicus sich die Wunde besieht. Des Belgierkönigs Vertrauter, der sächsische Baron Christian von Stockmar, der Arzt war, ehe er sich der Geheimdiplomatie verschrieb, wickelt persönlich den Verband ab. Das Ohr blutet kaum mehr. Immerhin, kein Zweifel, das ging haarscharf am Tode vorbei. Sowas darf bei einer sauberen jagdlichen Ordnung nicht vorkommen. Der Florian Högg wird herbeigeführt und berichtet, dass der Brandner beim Erwachen etwas von einem schwarzen Kerl gefaselt hat.
Der Kobell flüstert ironisch zum Arco hinüber: »A ganz a Schwarzer? Uiui! War a Pfarrer dabei?«
»Wer sonst wär zuständig für die Schwelle zum Jenseits?«, grinst der leise zurück.
Der Medicus hält die Gestalt für ein Traumbild, das der Patient ins Erwachen geschleppt hat. Als aber der Prinz sich beim Simmerl erkundigt, ob jemand bei der Gesellschaft schwarze Kleidung trägt, da schluckt der verlegen, kriegt einen ganz roten Schädel und würgt schließlich heraus:
»Des net, Hoheit, aber – ich muss es vermelden, dass ich ganz in der Näh war und dass ich g’schossen hab.«
»Gib a Ruh«, fährt ihm der Kaspar ins Wort. »Dein Schuss war zu späterer Zeit, da bin ich schon wieder erwacht. Des hat nix zu tun mit dem!«
»Ich hab aber zweimal g’schossen, mit Verlaub, Königliche Hoheit. Einmal den Lenkschuss, wie der Hirsch abi zur Fürlege g’saust is, absichtlich nahe vorbei an ihm, in den Boden, und ’as zweite Mal, wie er wieder auf und davon g’roast is, ganz überraschend, als an versuchten Fangschuss.«
»Beide Schüss’ hab ich vernommen, und keiner von denen is’ g’wesen«, beharrt der Kaspar.
Prinz Carl legt seinem Jäger die Hand auf den Arm: »Es ehrt Sie, lieber Haller, dass Sie an diese Möglichkeit denken, aber san S’ friedlich: Sie waren’s net, wir müssen uns anderweitig erkundigen. Ich bring es zur Sprach bei der Jagdtafel, später, im Schloss drüben. Jetzt holen S’ an Wagen, dann fahren wir ihn heim, den Herrn Brandner.«
»Des braucht’s aber wirklich net, Hoheit, ich bin gut auf die Füß und hab auch zwei Leut zur Begleitung.« Der Kaspar beharrt aus Bescheidenheit und wehrt sich auch, als der Prinz ihn dem König von Belgien vorstellen will: »Hoheit, des braucht’s doch net, und i kann ja aa net Französisch.«
»Lieber Freund, einmal hat der Coburger auf sein Deutsch net vergessen, zum ändern waren Sie es, der den Hirschen für ihn aufg’funden hat. Also kommen S’ getrost, der Leopold freut sich, ich versprech’s Ihnen.« Des aa no, denkt der Senftl voll Ingrimm, wie der Prinz höchstselbst den Brandner vor den König hinführt. Ihn schmerzt diese Huld. Er ist neidig, dass dem Hofmeister gewinkt wird, der ein Geschenk zureicht und der Brandner einen goldenen Taler bekommt, als Dank, zum Trost und als Angedenken, und dass die Herrschaften um den Alten scharwenzeln, als sei er der Mittelpunkt. »Vielen Dank, zu viel Ehr, unverdient«, murmelt der Kaspar verlegen ein über das andre Mal, und weil er sich der Franzosenzeit seiner Jugend erinnert, sagt er noch mutig zum Belgier: »Merci beaucoup, Majestät«, eh er sich unter Verneigungen zurückzieht.
Eine leise schnarrende Stimme fragt den lurenden Senftl: »Pardong, Sie wissen, wer dieser Mann ist, um den man sich derart auffällig bemüht?«
»A windiger Jagdhelfer, der sich an Schuss eing’fangen hat, a Irgendwer, weiter net wichtig.«
Der Fragende ist ein eleganter junger Herr mit Schmissen im glatten Gesicht, gekleidet in eine nagelneue Jagduniform. Er blickt leicht blasiert, raucht eine Zigarette und sieht so wichtig und einflussreich aus, dass der Senftl sich allsogleich anbiedert:
»Gestatten, dass ich mich vorstell, Alois Senftl mein Name, eigentlicher Bürgermeister von Tegernsee, gewissermaßen. Und mit wem hab ich die Ehre?«
»Leutnant von Zieten, Adjutant des königlich preuß’schen Gesandten am bayerischen Hofe. Finde alles hier kolossal. Bin erst seit drei Tagen im Lande, muss sagen, äußerst disturbierend, verstehe kein Wort von dem, was die Leute so reden, aber insgesamt kolossal urig.«
»Gell, ja. Den meisten nördlichen Herrschaften gefallt’s bei uns gut. Wenn Sie mir die Ehre erweiserten, dass ich Ihnen beim Eingewöhnen behilflich sein dürft …«
»Wird dankbarst angenommen, Herr Bürgermeister.«
Das tut gut. Der Senftl belässt es bei der Titulatur. Er hört sie gar zu gern, und der Fremde braucht ja nicht wissen, dass er nur der Stellvertreter ist. Er wird es schon noch erreichen, dass ihn die zähen Leute zum Alleinherrscher des Ortes erwählen, na was denn …
Der Brandner kommt am Senftl vorbei, beider Blicke streifen sich, und wie der Senftl sieht, ist der Kaspar totenblass. Da kann er nicht anders, er grinst ihn mit seinen glühenden Augen so freundlich an, als sei nie etwas zwischen ihnen gewesen, der falsche Hund. Der Kaspar schüttelt nur seinen Kopf und geht weiter, zum Marei, das mit dem Flori bescheiden abseits steht.
Da geschieht ihm abermals etwas Unerwartetes. Sein Schritt wird unsicher, er stolpert, schwankt, taumelt und wäre gestürzt, hätte der Flori ihn nicht rasch noch gestützt.
Wieder muss der Senftl erleben, dass es ein Hallo gibt um den Alten, dass man sich erneut um ihn schart, dass der Freiherr von Stockmar noch einmal beigezogen wird, einen Schwächeanfall nach der übergroßen Aufregung feststellt, Ruhe verordnet und der Prinz apodiktisch befiehlt, der Brandner sei in einer Kutsche nach Hause zu fahren.
Der Simmerl bittet dringlich, ihn kutschieren zu dürfen, aber die Dienstpflicht verbietet es, er ist im Moment unentbehrlich. Während die Gesellschaft zur Jagdtafel hinüber ins Schloss Tegernsee zieht, ist er es, der beaufsichtigen muss, dass die Strecke und alle Jagdgerätschaften pünktlich dorthin verbracht werden.
Im Hin und Her stellt Dr. Senger seinen Jagdwagen zur Disposition. Der Flori soll ihn kutschieren, den Alten abliefern und das Gefährt dann zum Schloss Tegernsee bringen.
»So a G’schiss um den alten Deppen«, knirscht der Senftl in sich hinein, während er huldvoll lächelnd behilflich ist, den Wagen herbeizuführen. Er tut öffentlich dar, wie gewogen er der Brandnerfamilie ist, denn er kennt das Leben. Er weiß, der Kaspar ist von nun an nicht mehr nur ein geduldeter Kleinhäusler, der keinen Rückhalt hat. Wer von den hohen Herrschaften bemerkt und gefördert wird, darf ein besseres Leben und Beachtung erhoffen.
Das weiß er genau, weil sein eigener Aufstieg begann, als er sich beim König anwanzte, durch jene G’schicht, an die er nimmer erinnert sein mag.
Damals, als Jungem, war es ihm notig gegangen, und er hat Straßenarbeiten gemacht. Er war nicht grad fleißig dabei, das kann niemand behaupten. Oft ist er auf seinem Schubkarren gesessen und hat Brotzeit gemacht. Wie er einmal so dahockt, kommt die Kalesche des Königs Max I. Joseph vorbei, und der Monarch ruft herüber, leutselig oder ironisch, das hat er nicht ausmachen können:
»Recht guten Appetit, lieber Freund!«
Er ist hochgerumpelt, hat sich verneigt, hat im Verwirrnis sein Brot hingestreckt und gerufen:
»Dank, gnädiger König! Wir waar’s – mitgehalten?«
Da sind Majestät tatsächlich ausgestiegen und haben in das dargebotene Brot gebissen. Das war der entscheidende Augenblick.
Der Senftl hat gleich recht gezahnt und gejammert, wie schlecht es ihm geht, hat sich hingekniet und sein Lamento beschlossen:
»Sonst kann i nix tun für Enk, aber ich will fleißig beten für die gnädige Majestät.«
Das hat dem gutmütigen König gefallen. Er hat geschmunzelt: »Bet du für mich. Ich kann für dich auch was anderes tun«, hat sich den Namen sagen lassen, und schon am Abend hat der Senftl einen Beutel Dukaten bekommen und den Bescheid, dass er für den Hof arbeiten darf.
Von da an ist er überall besser behandelt worden, weil Protektion halt Reputation mit sich bringt, so sind die Leut, kannst nix machen. Damals begann sein Aufstieg, und wie man ihm draufgekommen ist, auf welch anlassige Weise er ihn erreicht hat, wurde er zum Gespött. Aber nicht lang. Er hat es den Klatschmäulern, den grinsenden, bald gezeigt, dass mit ihm von nun an zu rechnen ist.
Und jetzt, verflucht, denkt er, kann es sein, dass der Kaspar genauso in die Gnade kommt! Das hat noch gefehlt!
Eifrig besorgt hilft er beim Einsteigen und kommt dabei mit dem Marei in nahe Berührung, was ihm angenehm ist. So alt ist er nicht, trotz erwachsener ehelicher Kinder sowie derer, für die er insgeheim zahlen muss, dass ihm bei einem so frischen Geschöpf nicht einfiele, wie man herumtaubern muss, um sich zu nähern. Könnte er sich das Marei geneigt machen, würde der Kaspar zerspringen vor Wut, und er selber hätte zudem noch sein Vergnügen. Als er das denkt, lächelt er sie so liebreich und so verheißungsvoll an, dass die sich nur wundert, wie ein Mensch sich so zu verstellen imstand ist. Aber sie sagt es nicht.
Sie geniert sich ohnehin in ihrem Bubengewand und möchte rasch fort, ohne aufzufallen. Sie wagt es auch nicht, den Herrn Reichenbach wegen einer Arbeit für den Flori anzureden. Sie lächelt verlegen, als die Gesellschaft ihnen bei der Abfahrt zuwinkt und gute Wünsche nachruft.
Sie kutschieren im leichten Trab an Kaltenbrunn und dann an Gmunds dreißig Häusern vorbei, der Flori auf dem Bock, der Brandner und das Marei im Fond wie ein hochherrschaftliches Nobelpaar, zu ihren Füßen der Söllmann. Sie staunen, wie schnell es vorangeht, vorbei am Bauern am See, den Sandweg am Ufer entlang, schauen, genießen, kommen sich stolz vor, und der Kaspar denkt, dass es so eine Ehr in seiner Jugend gewiss nicht gegeben hätte, weil man damals noch nicht demokratisch war.
Sie begegnen Abendspaziergängern, Sommerfrischlern aus der Stadt. Man trifft sie seit einiger Zeit immer häufiger. Früher war ein fremdes Gesicht was Besonderes – wer kam schon hierher außer Weinreisenden, Schmusern, Händlern mit Holz oder Vieh und gelegentlich ein paar spinnerten Engländern. Seit aber König Max I. Joseph Schloss Tegernsee zur Sommerresidenz erkor, ist es, als sei dieses Tal entdeckt worden wie weiland Amerika und seine Indianer.
Die Sonne geht hinter dem Hirschberg hinab, der See erglänzt blau und golden, in den Rainen und Wiesen ratschen die Grillen, es wird kühler und stiller. In Quirin, beim Kircherl am See, hält der Viehtrieb vom Angermanngütl sie auf. Ihr elegantes Gefährt steckt in der muhenden, trottenden Herde. Die Kühe, die heim in den Stall geführt werden, sind aufgeregt, weil ein Pferd in der Nähe ist. Die Magd vom Gütl, die Genovefa, die mit dem Marei in die vom König eingerichtete Näh- und Strickschule geht, staunt nicht schlecht, als sie die Fahrgäste erkennt.
»Habt’s ihr in der Lotterie g’wunna?« ruft sie. Der Brandner antwortet ihr würdig: »Glei zwoamal, Vevi. Ich die Kutsch und sie des Ross, und jetzt samma so fürnehm, dass du künftig fei Sie sagen musst zu mir, und zu ihra gnädiges Fräulein!«, und dann feixen sie alle.
Sie überlegen den Weg, denn das einzelne Pferd kann den steilen Anstieg zum Hof gewiss nicht bewältigen. Das letzte Stück wird der Kaspar zu Fuß gehen oder auf dem ausgespannten Ross reiten müssen.
»Ich hatsch auffi, macht’s keine Krampf, ich bin doch scho wieder wie neu«, sagte er. »Kutschier du beim Westerhof auffi, so weit als es geht, dann kehrts ihr um und bringts den Wagen gleich z’ruck. Ich mag des Entgegenkommen net gar a so ausnutzen.«
Hinter ›Maria Schnee‹, der kleinen Kapelle, wo der Albach in den See sich ergießt, schlägt das Pferd selber den Weg hinauf ein. Es kennt ihn, er führt ja zum Lustschloss seines Herrn, Dr. Senger, und es zieht kraftvoll empor.
Die Sonne ist hinunter, die Silhouetten der Berge stehen scharf und blauschwarz vor dem in vielen Farben leuchtenden Himmel, und der Kaspar kann auf den schimmernden See hinabsehen. Er hat nicht die Wahrheit gesprochen, als er sagte, er sei schon wieder wie neu. Sirrend und klingend bedrängt seinen Schädel der unausweichliche Schmerz, und durch seine Glieder rieselt Kälte in Schüben und Wellen.
Ihm ist elend und fremd, und plötzlich fasst ihn der Gedanke, dass er das alles irgendwann ein letztes Mal sieht, dass das Sterben zu jeder Minute dicht beim Lebendigsein steht und dass er heut nicht einmal mehr Abschied hätte nehmen können von seiner Welt.
Ja, hätte er den Schädel um eines Fingers Breite zur Seite geneigt, er läge seit einer Stunde tot auf der Erde. Hätte er zur Mittagsstunde gedacht, dass ihn zu Abend eines Fingers Breite vom Tode trennt, von einem plötzlichen Sterben, das er nicht einmal wahrnehmen könnte? Dass er mitten aus seinem selbstverständlichen Leben ohne Abschied dahin gemusst hätte?
Wohin?
Erzählt der Herr Pfarrer jemals, wie das Sterben geschieht? Der sagt nur, dass vielleicht in einem lichten Himmel voll Engel und Heiliger das Paradies und die ewige Seligkeit warten, dass Sünder hinab ins Fegfeuer müssen. Was mir geschehen wäre, nachdem mich der Schuss aus dem Leben riss, davon schnauft er nichts.
Wär ich gestürzt ins Bewusstlose, Schwarze? In ein dunkles Reich, von dem alte Bücher und Weissagungen künden? Ich kann’s mir nicht ausmalen. Ist dieses Reich, unsichtbar, stets so dicht neben uns, dass in jeglicher Stunde eines Fingers Breite genügt, uns in seine ewige Finsternis zu stürzen? In jeder Minute unwahrnehmbar nah, ohne dass wir es merken? Wie geschieht die Verwandlung? Wie kann ein Geschöpf, Mensch oder Tier, grad noch voll Leben sein und gleich darauf unwiderruflich erloschen und tot? Wo ist das hin, das es lebendig hat sein lassen?
Herrschaft, was denk ich heut für a Zeug z’amm, schimpft er mit sich. Ich bin oft genug am Tode vorbeig’rutscht, und nie haben mich solche Gedanken bedrängt. Damals, wie auf der Pirsch am Setzberg der Steinschlag herunter ist mit Rumpeln und Poltern, wie links und rechts die Brocken eingehaut haben, da hätt mich, um des Fingers Breite, ein Trumm derschlagen können. Oder wie der Blitz neben mir in die Eiche gefahren ist, unter der ich den Augenblick vorher noch Schutz gesucht hab vor dem Gewitter. Wie oft werd ich, ohne es zu spüren, so nah am Tode gewesen sein?
Wenn ich’s nie gespannt hab, dass die nächste Minute die letzte sein könnt, warum hämmert’s mir heut so im Hirn? Ich bin wiederum unbeschadet davongekommen, mir droht keine Gefahr. Werd ich dappig und feig? Ich muss mich zusammenreißen.
»Dir is doch net gut, Großvater«, sagt das Marei besorgt, »du schaust drein, als wär dir net extra. Sollt ma anhalten, und du rastest dich aus?«
»Nix. Es ist alles, wie es sich g’hört. Wir sind ja gleich droben. Des Ross zieht ja wie der Deifi den Berg ’nauf, Sapristi!«
Ein paar hundert Schritte vom Haus wird der Weg zu steil und zu lehmig, da geht es nicht weiter, der Wagen bleibt stecken. Der Flori wirft die Zügel über den Weidezaun und schirrt so weit ab, dass das dampfende Tier sich beugen und grasen kann. Dann gehen sie das letzte Stück hinauf. Der Söllmann läuft vor ihnen her und kriecht gleich in seine Hütte beim Stall.
Dem Brandner sein Anwesen war früher einmal eine Hube. Heut ist es kein Lehen und nicht einmal mehr ein Halblehen, sondern nur noch eine Sölde, ein Sechzehntel von einem richtigen Hof.
Ihm gehört noch das niedrige Haus mit dem geneigten Schindeldach, der Altane aus Holz im ersten Stockwerk, den kleinen Fenstern, um die herum eine Lüftlmalerei verblasst. Die vielen Geranienkästen, die das Marei liebevoll pflegt, lassen es freundlich genug herschauen. Im Stall stehen drei Schafe, zwei Küh und zwei Ochsen, einer für die Arbeit und einer zur Mast, zum Erwerb. Früher waren da zwei Dutzend Milchvieh und die vier Rösser vom Fuhrgeschäft seines Vaters eingestellt, nun ja. Eine Loas mit vier Fackein liegt drinnen im Koben. Im Verschlag nebenan sind nur mehr zwei Enten und sieben, acht Hühner. Gäns gar keine mehr.
Der Wald hinterm Haus gehört schon lang nicht mehr ihm. Nur noch das Dicket aus Fichten und Buchen den Hang zum Albach hinunter. Der verläuft seit über vier Jahren außerhalb seiner Grenze, seit er, um dem Senftl Schulden zu zahlen, das Land mit dem Bach schweren Herzens dem Pfliegel verkauft hat, dessen stattlicher Hof im Dämmer in der Entfernung zu sehen ist.
Ans Haus grenzten einstmals sechzig Tagwerk bucklige Gründ. Zwölfe davon sind ihm verblieben. Das meiste ist Grasland, ein Acker Kartoffeln und ein Eckerl, wo der Roggen gedeiht, auf dass er sein eigenes Brot hat, das dankbar und fromm mit dem IHS des Brotstempels geweiht wird, und vor dem Anschneiden mit dem Messer bekreuzigt.
Im Stadel, an den das Brennholz sauber geschlichtet ist, stehen der große und der kleinere Wagen und der zum Odeln. Dort sind die alten Gerätschaften aufbewahrt: Strohschneider, Gsootbank, Schäffel, Dengelstock, Sattlerbank und die Hoanzlbank fürs Bearbeiten kleinerer Hölzer. Und natürlich das Heu für das Vieh. Voll wird er nimmer. Im Winter hacheln und kämmen er und das Marei dort das bissei Flachs, das oberhalb wächst, das sie zuvor geriffelt und am heißen Ofen gebrechelt haben, und das Marei ist tüchtig im Spinnen und Weben.
Am Stadel das Backhaus, daneben seine finstere Schlosserwerkstatt mit dem alten – zu alten – Werkzeug. Alles sauber geordnet und ein bissei heruntergekommen, weil es so lang schon am Nötigen fehlt.
Sie gehen durchs Sommergatterl in den Vorgarten mit den Blumen, dem Gmüs und den Krautern. Sie öffnen die Haustür, auf deren Stock das segnende 18 C + M + B 56 mit Kreide geschrieben steht. Hinter der Tür nimmt der Kaspar den Weichbrunn – heut ist ihm danach – und schlägt das Kreuz, dankbar für seine Heimkehr.
»Bring ma dich gleich ’nauf ins Bett?«, fragt das Marei, aber er mag noch nicht liegen, er will in die Stube, zum Lehnstuhl. Es ist bereits dunkel. Das Marei zündet die Petroleumlampe an, hockt sich nieder, zieht ihm die Stiefel aus und bringt die Hauspantoffeln mit den hölzernen Sohlen. Er lässt sich heut die Bedienung gefallen, weil er sich doch recht hart schnauft und keine Kraft in sich spürt.
»Ich mach dir was z’ essen.« Das Marei will in die Kuchl, doch er hält sie zurück:
»Dankschön, i mag nix. Ich brachtert nix nunter. Ich brauch bloß a Zeitl mei Ruh zum staad Sitzen und Ausschnaufen.«
Der Flori steht herum wie ein fremder Besuch und schaut ein bissei besorgt drein: »’s Beste is g’wiss, i druck mi und bring den Wagen zurück.«
»Das Marei soll mitfahren!«
»Geh, Großvater, ich lass dich doch jetzt net allein.«
»Und dein Treiberlohn? Wir ham’s net grad zum Verschenken, Madl. Du fahrst mit zur Jagdtafel und holst ihn dir ab. Da kann der Senftl nix machen dagegen. Nimm die Kraxen mit, dass d’ was heimschleppen kannst, im Fall was von der Strecke an die Treiber verteilt wird.«
Das Marei möchte schon gern zum Gelage, aber sie zögert: »Des wär doch net zum Verantworten, bei dei’m Zustand …«
Der Alte muss sie hinausstampern zum Umziehen, weil sie im Treibergewand, als Bub, dort nicht gut auftauchen kann. »Schleun di«, sagt er, »net dass die besseren Trümmer alle vergeben san.«
Das Marei lacht und gehorcht nur zu gern.
Während sie in ihrer Kammer sich putzt, mag der Flori in seiner jugendlichen Neugierde noch einmal über die Vorfälle reden:
»Du hast den Schwarzen doch ’kennt und magst es net sagen, aus Schonung für ihn. War’s dem Simmerl sein Schuss?«
»Is doch Wurscht. Es ist gut ausganga und damit vergessen. Ich hab niemand kennt und bin mir auch nimmer sicher, ob da wirklich wer war. Der Doktor wird schon Recht haben, es war a Traum, mehra net.«
»I glaub aber schon, dass es der Simmerl gewesen sein könnt.«
»Und wenn – ich wär ihm net gram, es wär net mit Absicht geschehn.«
Der Flori geniert sich ein wenig, ehe er allzu neugierig wissen mag:
»Is ’as Marei immer noch Freund mit dem?«
Der Kaspar schmunzelt, weil sich der junge Dutterer gar so plump über den Rivalen erkundigt:
»Des fragst sie selber. I schaug net dahinter – des is ihra Sach’.«
»Und die Drohung vom Senftl? Die war ja beinah wie a biblischer Fluch. Ich mein’, so ein Garneamd, wie ich, der richtet nix aus gegen ihn. Aber traut der sich wirklich an euch?«
»Bei dem weiß ma nie. Er is a tüchtiger Mann, er hat seine Verdienste, auch um die Gemeinde, aber halt a Ruach, a Geizkragen, a Zornniggel und a Gifthaferl dazu.«
»Des kannst aber laut sagen. Seine Knecht sind der Ansicht, sie derleben es noch, dass den der Schlag trifft, vor Giez und vor Geiz. Der werd amal blau im G’sicht und fallt um – auf des warten s’.«
»Man soll neamd nix Böses net wünschen, aber eine Vermahnung kunnt dem g’wisslich net schaden. Es war oft g’nua nah dran, dass s’ ihn ins Haberfeld treiben, so harb sein manche auf ihn. Was meinst, hat er’s dir gegenüber ernst g’meint?«
»Glaub schon. Ich geh nachert z’ruck auf sein Hof, in mei’ Kammer, und wart ab, was er morgen daherred’t. Kunnt aa sein, i triff ihn jetzt noch, drunten im Schloss, dass er da scho was sagt …«
»Geh ihm heut aus ’m Weg. Heut is er noch z’ gifti.«
»Vorhin, wie sich die Herrschaften um dich bekümmert ham, da war er ganz zahm und hat sogar aufs Marei a ganz a süße Fotzn hing’macht. Ihren Treiberlohn werd er na doch net verhindern, oder was meinst?«
Sie hätten noch mehr hin und her überlegt, wäre nicht das Marei hereingekommen, unternehmungslustig und voll Vorfreude. Im Feiertagsgewand mit dem Schalk sieht sie so zum Abbusseln aus, dass der Brandner ganz stolz auf sein ansehnliches Enkelkind wird.
»I waar ’s, Flori! Großvater, im Herd is noch Feuer, kanntst dir die g’schmalzene Brotsuppen aufwärmen, wenn dir danach is. Dann gehst aber ins Bett, des musst mir versprechen. Du schaugst zwar schon wieder ganz frisch her, aber besser is besser. Gib gut auf dich Obacht und mach keine G’schichten. Wenn’s dir schlechter gehn sollt, läutest die Glocken oben am Haus. Die hör ich bis drunten und bin glei bei dir.«
»Wenn ’s mir letz wurert, hätt i den allerbesten Nothelfer gleich bei der Hand«, sagt der Alte, holt den Kerschgeist des Simmerl aus seiner Tasche und lacht: »Jetzt druckt’s euch, ihr zwoa, vor i euch ’nausschmeiß! Hat ma denn niemals a Ruh vor euch Junge?«
Er ist so guter Dinge, wie er da sitzt in dem Lehnstuhl, dass sie fröhlich und sorglos davoneilen können. Er sieht durch das Fenster sie ins letzte Dämmerlicht laufen, hört ihre Stimmen, das Anschirren drunten, das Wenden des Wagens, das Schnauben des Sengerschen Pferdes. Sie rasseln davon, es wird still.
Da ist er allein und allem ausgeliefert, was kommt.
Der Tod
Der Schmerz im Schädel wird ihm wieder bewusst. Er verharrt unbeweglich, er kann sich nicht entschließen, in die Schlafkammer zu gehen, er wartet und weiß nicht, worauf. Er wickelt die Binde ab, die der Medicus um seinen Kopf geschlungen hat, tastet, schaut auf die Finger, ob noch ein Blut zum Sehen ist, aber da ist nichts mehr. Missmutig tatscht er an dem wehen Ohr herum.
Das elende Sirren und Klingen in seinen Ohren will nicht verstummen. Und seine Augen? Wohin er auch schaut, es ist ihm, als blicke er wieder durch Wände aus dickem Glas, die alles verzerren und krumm machen. Deifi noch amal, denkt er, ich hab doch schon ganz andere Sachen derlebt, und mir war net a so. Jeder Wehdam wird mit der Zeit g’ringer, und so damisch kann einem doch net sein von so a bissei am Streifschuss. Sollt ich aufstehn und mir a Essen bereiten? Ich hab seit in der Früh fast nix im Magen. Am End liegt’s an dem, dass ich so roglert beinand bin.
Er will sich erheben, aber es geht nicht. Die Mattigkeit presst ihn in den Lehnstuhl zurück. Er ächzt leise und wiegt den Kopf schmerzhaft hin und her, wie er es öfter hat tun müssen seit dem Peitschenschlag des Schusses im Wald.
Es ist still. Er hört nur die alte Uhr an der Wand unermüdlich die Minuten in Stücke hacken. Lauter als sonst, kommt ihm vor. Dass von draußen so gar nichts zu vernehmen ist? Kein Laut von den Viechern im Stall, kein Uhuschrei durch die Nacht?
»Ah was«, sagt er rau, reißt sich empor aus dem Sessel, stellt sich, so fest es gehen will, auf seine Füß und schlurft in die Kuchl hinüber zum Herd. Er vernimmt dabei nicht die eigenen Schritte, über das Sirren und Klingen im Schädel dringt nur das schmerzende Hacken der Uhr, sonst ist alles wie tot und verstorben, als lebe die Welt nicht mehr, als sei er allein geblieben in ihr.
»Und ’s Feuer is auch aus? Kein Fünkerl Glut mehr, nur Asche? Wo ’s Marei doch g’sagt hat, es brennt noch, und wo ’s doch ansonsten immer noch glimmt, auch wenn wir den ganzen Tag fort waren. Was g’schiecht denn bloß heut? Spinn ich? Is alles derquer?«
Eine Wut packt ihn. Er haut mit der Faust auf die laue eiserne Herdplatte. Für die Brotsuppen müsst ich den Herd erst wieder zünden. Ah was, a Stückl a Brot oder a Nudel wird’s auch tun, und zur Feier meiner Errettung vergönn ich mir a Trumm vom G’selchten und einen Schluck von dem Kerschgeist dazu. Wo hab ich die Flaschn denn hingetan?
Als er sie sucht und in die Stube zurückkommt, gleitet sein Blick über den Herrgott im Winkel über der Ofenbank. Ein Schein Mondlicht fällt just auf ihn. Still hängt er da, aber es ist ihm, als schaue er her, mit einem wahrhaftigen Blick aus wirklichen Augen, wo die doch nur aufgemalt sind.
»Weh tut’s«, sagt er leise zum schmerzhaften Herrgott hinüber, »und mir is so loami wie niemals zuvor, und schieach zum Verzagen. Ich war noch nie krank, bis zum heutigen Tag. Was hätt mich auf oamal ’packt, und ich kann mich nicht wehren?«
Blicken die gemalten Augen aus dem gesenkten Haupt wahrhaftig forschend herüber, oder macht nur das seltsame Mondlicht, dass es so scheint? Mondlicht? Ist denn nicht Neumond?
Dem Kaspar rieselt es über den Buckel. Des muss wahrhaftig a Krankheit sein, die mich am Schlafittl ’packt hat, und desterhalb fang ich ’as Spinnen an, von einer Stund auf die ander’. Er reißt die Tür auf ins Freie und schaut zum Himmel hinauf. Da ist kein Mond. Es ist rundum stockfinster.
Just in dem Augenblick kommt ein Wind auf. Von fern über die Blauberge rauscht er daher, wie oft, wenn ein Südwetter einfällt und erst einen Sturm vor sich her jagt. Mit jeder Minute kann er das Heulen und Sausen deutlicher hören, aber, g’spassig, kein Blattl regt sich dabei, kein Bröserl Staub wirbelt auf, nur einen eiskalten Hauch verspürt er auf seinem Gesicht.
Ein Sturm nach so einem sonnigen Tag, einem geruhsamen, leuchtenden Abend? Ein Wettersturz, der einen Schub Kälte vorausschickt, zu dieser Jahreszeit? Ist der heilige Petrus närrisch worden? Oder der heilige Michael, von dem man die guten Wetter erflehen muss? Kann der es heulen und sausen lassen, ohne dass die Busch, die Äst und die Bäume sich biegen?
Warum steht alles starr da und still? Die Kerze in seiner Hand flackert nicht einen Deut, als er ums Haus eilt, um zu sehen, was er nicht glauben mag. Aber es ist so, wahrhaftig: Der Söllmann liegt ruhig in der Hütte, den Kopf auf den Pfoten, und im Stall drinnen rührt es sich nicht, wo die Viecher doch sonst beim Sturm an den Ketten zerren, brüllen, scharren und an die Bretterwand dreschen vor Angst. Sie liegen friedlich und still, und nur etliche heben ein wenig die Köpf, als der Kaspar die Tür auftut und im Kerzenschein nach ihnen schaut.
Eisige Furcht kriecht in sein Ingreisch, und er flüchtet förmlich zurück in die Stube. Der Schnaufer geht schwer, er greift sich ans Herz, auf dem ein Gewicht lastet, und er murmelt: »Des kommt alles vom Magen. Was essen, na bin i glei wieder beinand.«
Sein Blick streift abermals den Herrgott im Winkel. Das seltsame Licht ist erloschen, die Augen schauen nicht mehr. Na alsdann, es werd ja schon wieder, denkt er. Da mischt sich in das nahende Brausen des Sturms der ferne Klang einer Glocke.
»Läuten die drunten im Schloss bei der Festlichkeit? Aber nein, das ist die Totenglocken, drunten, vom See, von Quirin! – Wer is denn da g’storben? Und seit wann läutet man die bei der Nacht?«
Er schlägt das Kreuz, er hockt sich zum Tisch in den Herrgottswinkel, er horcht auf das Wachsen des Sturms und das scheppernde Glöckchen und vermag sich nimmer zu rühren. Etwas zwingt ihn zum Stillsein und Warten, bis geschieht, was nunmehr geschehen muss. Nach einer Weile wird’s still. Nur die alte Uhr hackt die unendliche Zeit in die Stube.
Dann klopft es hart an die Tür, drei Mal. Der Brandner hebt seinen Blick und ruft laut:
»Nur eini!«
Die Türe fliegt auf, und draußen vor dem Dunkel der Nacht steht wer, dessen Umriss zu ahnen und dessen Gesicht nicht zu sehen ist. Er tut keinen Schritt und sagt keinen Mucks, bis es dem Brandner zu dumm wird und er ihn anredet, obwohl es ihm widerstrebt:
»Hab mir’s glei denkt, dass des a Fremder is. ’s Anklopfen is bei mir net der Brauch. Meine Tür is für a jeds offen«, sagt er.
Die Gestalt regt sich nicht. Sie scheint nur feindlich und bös aus dem Dunkel auf ihn zu starren. Der Kaspar spürt einen Ärger und merkt nicht, dass der Schmerz, dass das Klingen und Sirren im Kopf ausgelöscht sind, dass ihm der alte Mut und die gesunde Courage zurückkehren, als er den Fremdling in Ungeduld angeht:
»Alsdann, was geit’s? Red halt, was d’ willst?«
Keine Antwort.
Der Kaspar rückt ein wenig herzu auf der Bank, um die Gestalt besser erkennen zu können, und spricht dringlicher auf sie ein:
»Grad war i draußd vor der Tür. Da war weit und breit keine Seel net zum Sehen. Bist du eppa herg’flogen?«
Auf einmal krächzt es aus der Gestalt, sanft und seltsam:
»Kunnt scho sein.«
Was ist das für eine Stimm? Sie klingt wie von fern her, rissig und dünn, und ist doch ausfüllend nah in den Ohren, so als raune sie von keinem Ort, als spräche sie in ihm selber. Der Brandner kann sich nur wundern:
»Du bist mir einer«, und winkt: »Geh halt zuawi, steh net draußen vorm Haus und trag mir die Ruh aussi.«
Langsam, und scheinbar ohne die Füße zu regen, gleitet der Fremde herein in die Stube. Hinter ihm fällt die Türe ins Schloss, ohne dass er sie angerührt hätte, ganz von selber. Nun steht er am Tisch, neben dem Ofen, schwarz und still. Der Schein der Petroleumlampe streift ihn, und der Kaspar kann sich gar nicht genug wundern:
»Du bist mir einer. Zaundürr und klappert, bleich und hohlaugert, zum Derbarmen.«
Die Gestalt scheint zu lächeln.
»Kennst mich net?«, fragt sie so sanft, dass es dem Kaspar ganz anders wird und seine Angst ihn immer mehr ausfüllt. Er schüttelt den Kopf. Freilich, insgeheim kennt er ihn, freilich. Woher nur?
»Derratst mich denn net?«, fragt es lauernd.
Der Kaspar schüttelt erneut seinen Kopf, während es ihm kalt und kälter durchs Hirn und den Leib rieselt, weil er es weiß und es dennoch nicht wissen und wahrhaben mag. Er duckt sich zusammen, er wendet den Blick ab und raunzt feindselig zurück:
»Mir is’, als möcht ich dich net derraten.«
»Wir san uns doch heut scho begegnet, auf an winzigen Augenblick – du erinnerst dich doch ganz genau, Kaspar, geh zua!«
Er hebt seinen schwarzen Umhang vors Gesicht, akkrat so, wie der Kerl heut im Wald, als den Brandner der Schuss riss und er wie tot auf dem Boden gelegen ist. Freilich! Das ist er! Aber nein, der hat doch ganz anders ausg’schaut, und den hab ich mir lediglich ein’bildt, hat der Doktor gesagt. Nun steht er da in der Stube und redet mit einer unbegreiflichen Stimme, wie niemand auf Erden sonst redet.
Der Tod ist es, und er erscheint in jener Gestalt, wie sie in der Kirchen aufgemalt ist, an der Decke. Es ist wahr. Ich hab’s nicht gewusst und hab’s nicht geahnt. Die Stunde des Scheidens, die Stunde des Sterbens ist da, vor mir steht der Tod!
Der antwortet, ohne dass es gesagt oder gefragt worden wäre:
»Net gar so dramatisch, Kaspar. Sag ›Boanlkramer‹ zu mir, wie alle Leut, wenn s’ meinen Namen nicht aussprechen mögen aus begreiflicher Furcht. Schau, ich komm, weil ich dich fragen hab wollen, ob’st net eppa mit mir gehst.«
Mitgehen? Ergeben und ohne Widerred sterben? Der Brandner springt auf und versucht mit ein paar Schritten die Tür zu erreichen.
»Naa!« ruft er dabei. »Und i mag amal net!«
Da zwingt ihn die Stimme zum Stehen.
»Es muss dengerscht sein«, sagt sie ungerührt, unverändert und sanft: »Schau, Kaspar, der Büchsenschuss sollt dich vermahnen ans End von aller Zeitlichkeit.«
Der beginnt zu begreifen: »Ah, so geht des zu?! Du bist es g’wesen, der den Schuss auf mich g’lenkt hat.« Und als die Gestalt zu nicken scheint, setzt er höhnisch hinzu: »Und hast mich net amal ’troffen? Net amal des? An Prellschuss hast z’ammbracht, wie der belgische König, du sauberer Schütz.«
Dem Schwarzen scheint dieser Vorwurf unangenehm, sein Raunen klingt um einen Deut strenger:
»Nach dem Schuss sollten die Leut sagen: Er hat dieses Schrecknis nicht überstanden, weil es zu viel war fürs alte Herz. Es hat’s nimmer derpackt und ist stille gestanden in Frieden, in der nämlichen Nacht. Verstehst?«
Freilich versteht das der Kaspar. Ganz gut versteht er’s, aber er will’s nicht verstehen. Er will leben und nicht ergeben sich fügen, und so vergisst er, welch ein Bote da vor ihm erschienen ist, und raunzt ihn an, als sei es der Loichinger, der schelchaugerte, dumme Gendarm:
»Nix da, nix. Des san Sprüch und san Krampf. Der Schuss, der war net für mich.«
Mit einem Ruck schnellt der Schwarze augenblicks dicht vor ihn hin, als wollt er ihn zwingen:
»Der Tag is für dich! So is es dir aufgesetzet. Es geht aufs End!«
Er hebt den Zeigefinger wie ein strafender Schullehrer. Als der Brandner bemerkt, wie knochig und dürr dieser Finger ist, wird ihm wieder bewusst, mit wem er da redet, und er denkt im nämlichen Augenblick nur noch das eine: dass er sich nun aufs Aushandeln verlegen muss, denn ein Mitgehen, Ergeben, so einfach mitten heraus aus dem Leben …
»Geh, Boanlkramer, sei net a so! Ich bin doch so g’sund wie der Fisch drin im Wasser. Sag selber, schau’n so die grablaufenden Leut aus, die du holst ansonsten?«
Grinst der Schwarze? Der Brandner kann es nicht recht erkennen, denn dieses Gesicht ist wie hinter einem schwarzen Schleier verborgen. Nur dann und wann brennt ein stechender Blick heraus, oder ein amüsierter, wie jetzt grad, als der Besucher kichert: »Naa naa, da hast Recht, die mehrern san siech und lägrig.«
»Und zaundürr und klappert, dass ma d’ Verwandtschaft zu dir gleich erkennt«, versucht der Brandner zu scherzen.
Der Bote schüttelt bedeutsam den Kopf: »Manch andere aber, schau, die sind wie du noch voll Leben, und dennoch ist es ihnen unwidersprüchlich ehern aufgesetzet.«
Ich darf ihm nicht zeigen, wie es mir graust, denkt der Brandner. Er mag es, scheint’s, wenn man sich nicht vor ihm fürchtet und lustig redet mit ihm, auf dass er noch einen G’spaß draufsetzen kann, und so ruft er und versucht ein Lachen dabei:
»Ja, wenn ’s rauschig san und heimzu wackeln, bei der finsteren Nacht!« Und wirklich kräht der Schwarze vergnügt: »Akkrat a so ist es! Wenn s’ da singen und hupfen, dann tun sie blindlings den falschen Schritt! Und ich – ich muss ihrer warten!«
Und schon ist sein Lachen wieder aus und vorbei. Todernst starrt er zum Brandner herüber. Der denkt sich, wenn ich ihn anbrüll, ist es vielleicht besser, und fetzt hinterher:
»No, und ich? Hab ich an Rausch? He? Da schau her – die ganze Flaschn Kerschgeist saufert ich aus und stehert danach noch allerweil kerzengrad aufrecht, als wie a alter Baum steht!«
Zum Beweis reißt er den Korken heraus und tut einen tiefen Zug. Der Boanlkramer schaut zu, lächelt milde, und raunt feierlich, seltsam und still:
»Nur zu! – ’leicht ist es dir aufgesetzet, dass da draus a Schlagerl wurert – und dass sie dir stehen bleibert, die Uhr.«
Die Uhr?
Der Brandner setzt in Verwirrnis die Flasche zurück auf den Tisch und weiß nicht, was tun. War das eine Drohung? Gäb es das wirklich, die Lebensuhr anhalten, wie es heißt in der Redensart? Was hat er vor, der ungebetene Gast?
Der weist mit dem Finger bedeutsam hinüber zur Wanduhr, deren unbeirrbares Hacken nicht mehr alles durchdringt, sondern die unbekümmert wie sonst ihren Gang geht. Will er am End mit dem knochigen Finger den Perpendikel berühren, auf dass sie ihm still steht? Sie, deren Ticken und Schlagen den Kaspar von Kindstagen an durchs Leben geleitet, war sie nicht wie ein Herzschlag der Zeit, wie der Puls des Verrinnens? War sie jemals stehen geblieben? Nein. Nicht in der Todesstunde des Vaters und nicht, als die Mutter verschied. Der Schwarze wendet sich um und scheint hinüber zur Uhr gleiten zu wollen, in seiner seltsam schwebenden Art. Was mach ich? Gegen den hilft mir keine Gewalt, ich kann doch nicht raufen mit ihm, denkt der Kaspar, und schon schreit er, ohne sich lange besonnen zu haben:
»Geh, lass doch den Schmarrn! Überhaupts, g’scheiter als die ganze Rederei da waar’s, wenn du mittrinkertst!« – und streckt ihm die Flasche entgegen.
Das reißt den Boanlkramer herum. Es schaut aus, als würde er auf den Schlag ein Stück kleiner. Er rutscht an den Tisch, starrt die Flasche an und sagt, gar nicht mehr feierlich jenseitig, sondern ganz nah und wahr und skurril:
»I? – An Schnaps?«
Oha, schießt es dem Brandner ein, des verfängt! Er hält ihm die Flasche grinsend unter die Nase:
»Elendig und sper, wiest du bist, taat dir a Glasl gwiss gut.«
Der Seltsame scheint sich kaum fassen zu können vor Staunen und Unglauben und gackst nur heraus:
»Du meinst … dass i sollt … dass i derfert?«
»I trink net gern allein. Pass auf, mir mach ma ’s uns kommod, wie es sich g’hört für so an besonderen Gast!«
Mit einem Griff holt er aus dem Wandkastl hinter sich zwei Glasln heraus und schenkt sie eilends so voll, dass sie überlaufen: »Alleinig trinken nur solche, die’s Leben vergessen möchten – und des könnt keiner mir nachsagen. Da! – Wohl bekomm’s!«
Der Boanlkramer glotzt in Sprachlosigkeit auf das Glasl. Dann räuspert er sich und murmelt: »Des hat mir keiner noch ’boten, und viel is mir schon g’schehn«, beugt sich hinab und schnuppert in Vorsicht:
»Des is gwiss ganz a milder, gell?«
»A guater is es, a starker. Probier nur!«
Der Kaspar hebt sein Stamperl und wartet gespannt. Wie sehr sein Gast aus der Fassung ist, kann er gut sehen, denn der rutscht hin und rutscht her, schnauft, hebt und senkt seinen Schädel und schmatzt lüstern. Dann aber, auf einmal, wendet er sich brüsk ab und knautscht, als habe man ihn beleidigt:
»Naa naa, nix, und des geht amal net.«
»Warum net? Traust du di eppa net?«
»Geh – trau’n! Es is net ums Trau’n. Warum sollt ich mich net trau’n?« Er schnauft, und er wackelt erneut. Er schaut, er schnuppert und hüstelt: »Es is bloß an dem: Ich weiß grad net so genau, ob des gern g’sehn wurert«, und schickt einen raschen Blick auf gen Himmel.
Nun ist es am Brandner, sanft und verführend zu säuseln:
»Schau, du musst doch kennen lernen, von was für Seligkeiten du die Leut wegholst. Trau di nur, glaub mir, du wirst ’s nicht bereuen!«
Das verfängt nicht. Der Boanlkramer raunzt lediglich barsch zurück: »Geh – ›Seligkeiten‹, du waarst guat. Irdische Freuden san des, allenfalls, vergängliche! Seligkeiten, mein Lieber, Seligkeiten san was ganz was anderes, aber scho ganz. Des san …«
Er unterbricht seine Predigt. Während er sie erteilte, war er mit dem dürren Finger dem Glasl zu nahe gekommen und hatte in die Lackn aus übergeronnenem Schnaps hineingetappt. Er erstarrt und verstummt, führt den Finger zum Mund, leckt zaghaft daran und meint sogleich ehrfurchtsvoll:
»Schmecka taat er, scheint mir, guat!«
Der Brandner grinst: »No, auf was wartest denn dann noch?!«, und macht Miene, mit ihm anzustoßen. Das bricht das lange Sich-Widersetzen, und mit einem scheinheiligen: »No, wennst mich zwingst, und wenn ich dir damit einen Gefallen erweis – «, nimmt er endlich das Glasl zwischen seine dürren Finger und trinkt einen winzigen Schluck.
Im nächsten Augenblick reißt ihn ein Husterer halb von der Bank. Er hat sich verkutzt, schluckt, schnauft, pfaunzt und pfutschert und schielt dabei ängstlich gen Himmel, als erwarte er von dort einen Blitzstrahl und ein schreckliches Donnerwetter.
Der Brandner ruft: »Bravo«, und schenkt augenblicks nach: »Nur zua! Des macht unsern Diskursi glei leichter, wirst es sehn!«
Das tröstet den Boanlkramer offenbar, denn er greift beherzt nach dem wieder gefüllten Stamperl und salbadert dazu: »Dann ist es gut, denn alles, was dir’s Ja-Sagen leichter macht, soll gerne geschehn. Weil Ja-Sagen muaßt, es is dir so aufgesetzet – verstehst mich?«, und schüttet den zweiten Kerschgeist in einem Schwapp hinunter.
›Aufgesetzet.‹
Da ist es erneut, das feierliche Wort, das der Herr Pfarrer nicht öfter als zweimal im Jahr ausspricht. Waren dem Menschen sein Schicksal und sein schließliches Ende denn wahrhaftig lediglich aufgesetzet? Konnte er sein Leben nicht selber schmieden, durch die Vernunft und die Mäßigkeit und den Glauben?
Der will mich einschüchtern und durchanand bringen, denkt der Kaspar, ist auf der Hut und trinkt nicht vom Kerschgeist, sondern tut nur, als trinke er mit.
Er schenkt allsogleich nach und überlegt fiebernd, wie er den ungebetensten aller Gäste hinausexpedieren kann. Er muss auf eine Gelegenheit passen, denn für einen solchen Hinausschmiss gibt’s kein Rezept und kein Vorbild. Einstweilen hockt er ja friedfertig da und säuft wie ein Loch. Der Kerschgeist verschafft ihm sichtbar ein ruhiges Behagen. Er trinkt aus, und gleich darauf noch einmal. Dann macht es aus ihm:
»Hick!«
Und gleich noch einmal: »Hick«. Er glotzt ganz verwundert. »Was is des?«
»Des is stets a so, auf ’n Kerschgeist«, grinst der Brandner und schenkt wiederum nach.
»Bei dir macht’s aber net so.«
»Weil ich ’n g’wohnt bin. Trink nur getrost, nach’m nächsten vergeht’s, wirst es sehn.«
Der Schwarze greift gierig zu: »Des waar mir fei lieb, weil, des stößt a so schierli her, dass ei’m glei die Boaner klappern.«
Er schlürft, und er schmatzt, setzt das Glas ab und erwartet den nächsten Stesser. Als er ausbleibt, lächelt er glücklich: »Ja, tatsächlich. Weg is ’s.«
Doch da reißt es ihn wieder, und zwar gleich so, dass es ihn halb von der Bank haut:
»Hick.«
Er sinkt mutlos zusammen. Der Brandner betrachtet ihn lauernd und ein wenig mitleidig und gießt noch einmal nach:
»Bist halt nix Gutes net g’wohnt, des is zum Merken.«
Nichts Gutes gewohnt – der Boanlkramer fängt zart zu greinen an. Sein Knochengesicht wird trübe im Kummer. Der Brandner kann es gut sehen, denn mit jedem Glas Kerschgeist sind die unheimlichen Züge deutlicher sichtbar, scheint der schwarze Schleier vor ihnen lichter zu werden.
Grad schön ist er ja nicht anzuschauen, mit seinen hohlen Wangen, dem luckerten Gebiss und der kleinen Nasen mit den großen Nasenlöchern. Von seinen dunklen, brennenden Augen aber geht eine Gewalt aus. Jetzt grad sind sie halb verschlossen von schweren, wimpernlosen Lidern, als er, angetrunken, voll Selbstmitleid anhebt:
»Naa, i bin wirkli nix Gutes net gewohnt. Weißt, diese Menschen! – Da jammern s’ und greinen s’, das Leben is gar so schwer und die Welt nix als wie ein Jammertal!«
»Geh!«
»Doch! Des sagen s’ im Ernst! Aber komm ich dann, sie zu erlösen, dann geht des G’schrei erst recht los! Da wollen s’ ums Verrecken weiterleben, und auf einmal wär alles so schön hier auf Erden, und grad Angst hams’.«
Er leert zur Bekräftigung sein Glas in einem Zuge.
»Musst es verstehn«, begütigt der Brandner und schenkt ihm das siebente Stamperl ein. Der unheimliche Besucher schüttet es gierig in sich. Man sieht ihm die Wirkung dieser ungewohnten Sauferei bereits an. Er lallt, als er heftig zu widersprechen beginnt:
»Naa, muaß i net. Und ich versteh’s auch net! Tu ich sie doch geleiten in zarter Gnade und die Luft erfüllen mit sanfter Musik auf ihrem Wege, auf dass sie sollen getröstet sein.« Er grinst. »Magst es hören? Pass auf – horch!«
Er tut eine große Handbewegung, und augenblicklich erschallt von fern ein Klingen von Harfen und Geigen und einer leisen Orgel dazu. Es dringt von oben herein und erfüllt allen Raum, es zieht den Brandner magisch empor in die Höh, auf die Füß, und er richtet den Blick nach oben. Er geht in der Stube herum und streckt sich, weil er es immer näher zu hören verlangt, und wäre gern aufgeschwebt, diesen Klängen nachfolgend.
Der Boanlkramer hockt auf der Bank, trinkt, und der Rausch macht ihn müde. Die Augendeckel sinken herab. Erst als der Brandner beim Umhergehen an den Tisch stößt, schreckt er auf, entsinnt sich der Pflicht und will sogleich wissen:
»No? Was is? Magst net doch mitgehn? Hm?«
Der Kaspar schüttelt den Kopf und versucht einen Ton der Vernunft:
»Es geht net, schau, siehg ’s halt ein, endlich. Ich bin noch vonnöten dahier. ’s Enkelkind und auch der Flori, denen muss ich das Gütl erhalten, auf irgend a Weis.«
Er schaut noch immer nach oben, als könne er die Musikanten der Himmelsweisen doch noch erspähen, und merkt kaum, wie der Boanlkramer hinter ihn tritt und ihm leise gebieterisch zuredet:
»Kaspar! Dein Leben währet nun schon zweiundsiebzig Jahre …«
Da fährt er herum:
»Ja, woaßt denn du, wie z’ kurz dass des is? Des lauft doch dahin, wie der Bach abi vom Berg, und stürzt mit jedem Jahr schneller talab, wie der Wasserfall! Vierzig Jahr waren ’s auf Lichtmess, dass mir mei Traudl g’storben is, und einundzwanzig, dass mir die Tochter wegg’holt worden is aus’m Kindbett. Von dir! Und mir is’ noch immer, als wär’s grad erst gewesen, grad gestern!«
Er redet sich in einen solchen Zorn hinein, dass der Boanlkramer vor dieser Anklage zurückwankt und kaum weiß, was erwidern, so hart geht der Alte ihn an: »Und jetzo, wo ich mich dreinfind’, wo grad alles wieder a bissei ins Lot kommt, da kamertst du mir daher, mitten im Sommer, zur Jagdzeit, wo d’ Rehbirsch beginnt, und taatst penzen und mich drangsalieren, dass i mitgeh – freiwillig! I bin doch net narret! Und außerdem is’ jetzt aa z’ hoaß!«
»So, zu heiß?« Der Boanlkramer zeigt sich beeindruckt und nickt ehrerbietig, als er auf die Ofenbank zurücksinkt und erneut nach dem Schnaps greift. Er wird wieder elegisch und beginnt leise zu jammern:
»Weißt, mir is es niemals z’ hoaß. Bloß jetzt grad is’ angenehm, bei dir da herin.« Er trinkt, setzt ab und lächelt recht freundlich: »Kaspar, des hast du schön vorgetragen, wirkli. Da will i aa net a so sein. Net, dass es heißert, an seinem Schnapse erlabet er sich, aber derkennt is nix. I sag dir was Schöns: I hol di im Hirgscht. Is des was? No, wie bin i zu dir? Sag selber!«
Der Kaspar gießt ihm abermals nach. Den Kerl würde er doch unter den Tisch saufen können, das wär doch gelacht! Er verzieht das Gesicht:
»Im Hirgscht? Was fallert denn dir ein? Sollt i die Hirschbrunft hint’ lassen? Und die Klopfeter?«
»Was is des?«
»’s Treibjagen! Ja, woaßt denn du gar nix?«
»Verzeih …«
»Und ’s Oktoberschießen? Und die großen Hofjagden?«
Abermals zeigt sich der Boanlkramer beeindruckt und voll Respekt: »Des is alles im Hirgscht?«
»No freili!«
»Die großen Hofjagden, soso? Net solche wie heut? G’scheide? Mit dem Eurigen Kini? Majestät persönlich?«
»Mit eahm selm. Und grad der möcht mi allweil dabei haben.«
Der Boanlkramer kratzt sich am Kopf und meint kleinlaut:
»Das freilich hab ich nicht bedenket.«
»Also. Was redst dann daher?«
Der Schwarze wackelt, seufzt tief, denkt angestrengt nach und kratzt sich dabei abermals ausgiebig am Kopf und den Schultern, ehe er würdig verkündet:
»Also, von mir aus, guat. Na mach ma ’s a so: I hol di im Winter. Punktum!«
Der Kaspar trumpft noch einmal auf:
»Punktum? Ja freili, so redt ma daher, wenn ma von nix was versteht. Und was is mit ’m Fuchspassen und ’m Marderausjagen? Außerdem is’ im Winter aa z’ kalt. Punktum!«
Ist dem Boanlkramer in seinem Surri das Heulen schon nahe? Er greint jedenfalls: »Ja, z’ kalt! Mir is’ immer z’ kalt! Verstehst, was des heißt, Kaspar? Zu kalt in Ewigkeit«, und legt die Knochenhänd auf den Kachelofen.
»Der Ofen is aa kalt. Da, trink, des wärmt. Was Bessers gibt’s net für di.«
Er schenkt abermals ein, er weiß nun schon selber nicht mehr, wie viele Kerschgeist er seinem Bedränger schon eingeflößt hat. Der bringt währenddessen einen letzten Vorschlag daher:
»Guat, Kaspar, wenn’s alles so schwierig sein soll, na kimm i im Fruahjahr! Aus Äpfi Amen! Aber des is mei allerletztes Wort!«
Der Kaspar verdreht nur die Augen:
»Im Fruajahr! Woaßt denn du net, dass da d’ Hahnfalz is und der Schnepfenstrich und die kloan Vögel am schönsten singen im Wald! Des kannst du im Ernst doch net moana, geh zua!«
Der Boanlkramer weiß keine Antwort mehr. Er klappt den Mund auf und zu, und der Kaspar nutzt das, um endlich zur Handelschaft mit dem Berauschten zu kommen, aber so, wie er sie sich vorstellt:
»Schau, bei mir bist eh an der falschen Adress’. Ich g’hör noch net ’nüber. Des muss ohnedem a Irrtum sein.«
Das hätt er nicht sagen sollen. Der Boanlkramer lässt das Glasl stehen, hebt sich würdig zu drohender Größe und donnert den Erdensohn an, so gut es ihm im Gewackel gelingen will:
»Irrtum?! Mir san die oberste aller Instanzen, du Mensch!«
Was soll der Kaspar da anderes tun, als behutsam einlenken:
»Is ja gut, hock di nur grad wieder hin. I moan bloß, ’leicht gibt’s noch an anderen Brandner Kaspar, könnt doch sein. Im Werdenfelser Land eppa …«
Die oberste aller Instanzen aber erweist sich als äußerst gekränkt und donnert unbeirrt weiter:
»Erdenwurm du! Ich komme aus der Allweisheit daher! Ich bin ausgesandt, dich zu geleiten in den ewigen Glanz – öha!«
Da dreht ihn der Kerschgeist, die Knie knicken ein, er plumpst zurück auf die Bank und vermag nur noch nachzumaulen: »Und du Bursch, du kecker, du werfertst mir eine Amtsverwechslung vor – i muss schon sagen –, naa!«
»Is ja guat, es war net a so g’meint.«
»Also! Was redst na! – Weißt was, jetzt trink ma aus, und dann gehn wir zwei miteinand auf die Reise, als guate Freund!«
Auf die Reise – die letzte, die endgültige? Nichts hatte der Kerschgeist genützt, nichts die schönen Worte und guten Wahrheiten allesamt. Der Unheimliche bleibt unerbittlich. Den Brandner packt eine Wut. Die Furcht vor dem Schwarzen hat er verloren, seit er ihn so lallend vor sich sieht, und darum traut er sich blaffen:
»Guate Freund, soso! Des wär mir a saubere Freundschaft, mit dem Kommando: ›Mir gehn mitnand auf die Roas!‹ Des is koa G’hörtsi unter g’standene Leut – und braucht auch nix weiter zum Trinken – Punktum!«
Mit einem ganz raschen Griff nimmt er dem Gast die Flasche gach aus der Hand und stellt sie weit weg, unter sich, unter die Bank auf den Boden. Punktum!
Dem Boanlkramer reißt es die rauschigen Augen weit auf:
»Kasper, ich hab dir a ganzes Jahr ’boten, als Zuwag, aber du, du hast ja für alles a Ausred. Willst denn du noch zehn Jahr leben?«
Er kann einem schier Leid tun, so kläglich schaut er jetzt drein. Der Brandner aber schüttelt nur seinen Kopf:
»Mein Vatern selig hast du schon vor der Zeit g’holt …«
»Geh, vor der Zeit, woher möchtst du des wissen?«
»Weil mei Großvater und fast alle meine Ahndln Neunz’ge worden san! Jaja, des is so bei uns! Und so alt werd i aa! Nachert kannst kommen, von mir aus, ehnder net.«
Das ist zu viel. Da schnappt der Boanlkramer nach Antwort und bringt keine heraus. Er wiegt sich und stöhnt, wie man es bei einer Handelschaft tut, und zieht seine Finger herauf, zählt an ihnen herum und murmelt dazu:
»Neunz’ge – achtz’ge – siebz’ge – äh – wie viel gaab denn des nachert, so alles mitnander?«
»Akkrat achtzehn Jahr«, sagt der Brandner leise und fest, holt tief Luft, greift zum ersten Male von sich aus nach seinem Stamperl und trinkt es leer auf einen einzigen Zug. Der Boanlkramer achtet nicht darauf. Er spitzt das faltige Maul, siffelt leise, pfeift vor sich hin und denkt nur und denkt. Dann sagt er entschieden:
»Naa – geht net!«
Ehe der Brandner etwas erwidern kann, hört er von draußen, ganz nah vor der Tür, ein Wiehern und Schnauben. Ein Ross? – Wo käm denn da mitternächtlich eines daher, denkt er erschrocken, und fragt:
»Was war des?«
»No, mein Karrenross, was denn sonst.«
Der Schwarze wundert sich nicht, dass der Brandner sich wundert. Er tut auf zwei Fingern einen gellenden Pfiff, und aus ist’s und gar mit dem Wiehern und Schnauben.
Dem Brandner ist es wieder eisig ins Herz gefahren, weil er sich vorstellt, wie da draußen die Fuhr auf ihn wartet, nur auf ihn, für die letzte Reise, deren Ziel niemand kennt. Wie oft hat er beim Rosenkranzbeten gedankenlos leiernd den Satz wiederholt: ›– jetzt und in der Stunde unseres Todes – Amen‹, und nun soll sie wirklich gekommen sein, die grausame Stunde der Überfuhr zu dem Ort, den keines Lebenden Aug je gesehen, für den er mit allen anderen um Gnade und Fürbitt gebetet, sein Leben lang. Dort draußen im Dunkel soll es beginnen –
»– auf am Karren?«
»Sowieso. Ich kann meine Passagier ja net gut auf’m Buckel spedieren oder auf meine Arm tragen«, grinst der Fuhrmann grob und ungerührt zu ihm her. Dann gedenkt er und lispelt mitleidig vor sich hin: »Höchstens die klein’ blassen Kinder, wenn s’ im Eis ein’brochen san – die sind eine leichte Last.« Und, als gereue es ihn, sich dem Lebendigen verraten zu haben, faucht er noch hinterher: »Aber so a Prügel Mannsbild wie du!« Da kann der Brandner auftrumpfen: »Prügel Mannsbild, soso? No also, jetz b’stehst es ja selber zu, dass i noch lebendig gnua wär für den Neunz’ger. Horch amal zu und pass auf …«
Er kommt nicht dazu, erneut über den Handel zu disputieren. Von draußen ist abermals, näher als vordem, das durchdringende Wiehern zu hören. Es gellt dem Brandner schmerzhaft im Ohr.
»Malefizkrampen! Is jetzt a Ruah!«, schreit der Boanlkramer, pfeift abermals auf den Fingern, fährt hoch, die Türe ins Freie schwingt dienstbar auf vor ihm, ohne dass er sie berührt hätte, er wankt hinaus und schimpft ins Dunkel. Er kommt zurück und lallt die Entschuldigung: »Der wird mir ungeduldig. So lang hat er noch nie warten müssen.«
»Z’wegs meiner braucht er net warten«, faucht der Brandner und ballt seine Fäuste. Er würde nicht mitgehen, ums Verrecken nicht, das steht für ihn fest.
Nun, da er grad wieder auf Füßen steht, wenn auch recht schwankend, scheinen Pflicht und Auftrag in den jenseitigen Boten zurückzukehren. Der frühere Glanz leuchtet wieder aus seinen seltsamen Augen, als er verheißt:
»Kaspar, sei halt vernünftig. Schau, die Welt dreht sich behaglich ohne dich weiter.«
Der aber blickt fest und finster, schaut nicht auf, und hört nicht auf den Ton der Verlockung:
»Nix! Neunz’ge sag i, und dabei bleibt’s!«
»Bedenk, für dich fängt’s dann doch erst an …«
»Was nacher?«
»Das wahrhaftige Leben«, haucht es ihm zu.
»Jaja, ich weiß schon. Des sagt der Herr Pfarrer aa. G’sehn hat er’s net.«
»Aber ich – ich hab’s g’sehn, Kaspar! Du, es is so unendlich wahr und gut dorten. Ich derf ja net ’nein. Im Paradies, da brauchen s’ koan Boanlkramer, so schön is’ es da, glaub mir’s, so schön – ach, bal du wissertst …«
Er seufzt verzückt und verdreht vor Wonne seine Augen gen Himmel. Da der Kaspar sich nicht regt und nicht rührt, nicht antworten will, sondern sich mit den Händen am Tisch einkrallt, greift der Bote listig lockend zum Glas, hebt es und zwinkert versöhnlich:
»Wie waar ’s, mir trink ma a letztes Glasl mitnand – als ein Siegel auf unser Verständnis. Gönnst mir net eines zum Abschied? Sei net a so, kumm –«
Der Kaspar brummt und wiegt sich in Missmut, ehe er grimmig die Flasche unter der Bank herausholt, eingießt und dabei fordernd und grob, dem Gast fest in die Augen schauend, sagt:
»Aber – neunz’ge, gell! Dass i mich vor die Ahndln net genieren müsst!«
»Wuh«, macht der Schwarze verzweifelt und versucht es erneut mit der gütigen Überredung: »Kaspar, hab doch a Einsehen. Schau, die Uhr da …« Er wendet sich hin und macht Miene, hinüberzuwanken.
Da ist aber der Kaspar schon aufgefahren, ihm voraus auf den Platz vor der Uhr in zwei Sätzen und stellt sich schützend davor. Der Boanlkramer gerät aus dem Lot, verhält, schaut auf seine dürren Haxen hinunter, reibt sich die Augen, und deutet erschrocken vor sich:
»Hui, da wackelt fei was. Der Boden hebt sich – da ’nüber! Was is des?«
»In einer Stund is er wieder eben, koa Sorg!«
Sich schüttelnd und vorsichtig tastend, stakt der Unheimliche weiter zur Uhr hin. Der Brandner breitet schützend die Arme und fleht:
»G’lang s’ mir net an! Die hat so redlich d’ Stunden zeigt, die voller Freud und die voll Kümmernis …«
»Alt is s’«, kommt es in lauernder Güte zurück, und ein förmliches Streicheln schwingt mit in der Stimme: »Schau, am Zifferblatt kannst kaum die Rosen mehr sehen, die aufg’malt g’wesen sind, da im Eck. Und d’ Zeiger wackeln, d’ G’wichtschnur rutscht …«
»Und dennoch arbeit s’ fleißig fort und macht so g’schäftig dipp und dapp.«
»Sie irrt sich freili g’nua dabei –«
»Aber lasst net aus! Ob s’ z’ fruah geht oder z’ spät, Herrschaftszeiten!«
Er schützt die Uhr, er steht und weicht nicht zurück vor dem drängenden Feind, der sie ihm würde anhalten wollen, und alles müsste stille stehen im nämlichen Augenblick und für immer. Das große Fürchten kriecht wieder in ihn.
Der Andere kichert: »Du g’freust dich halt, dass s’ überhaupts noch geht, gell. Und siehst ihr all ihre Fehler nach und hoffst dabei, dass dir die kommenden Jahr akkrat so alles nachg’sehen werdert, wenn bei dir die Zeiger wackeln und d’ G’wichtschnur rutscht«, und biegt sich vor Lachen über den eigenen Scherz.
»Lass nur mir getrost alle Sorg, wie ’s weitergehen soll«, fleht der Alte und streckt ihm mutig die Hand hin:
»Gilt’s? Schlag ein!«
Nickend und ob seines Scherzes noch kichernd, will der Rauschige brav gedankenlos in die Hand schlagen, doch im letzten Moment packt es ihn, was er da tut, es reißt ihn und er torkelt zurück:
»Naa naa, nix gilt! Sei doch g’scheit. Schau, ich könnt sie ja anhalten, einfach so, auf Ja und auf Nein!«
Und er hebt seine Hand und streckt sie gegen das hackende Pendel. Ums Haar hätte der Brandner ihm den Arm heruntergeschlagen, wäre sein Entsetzen nicht gar so groß gewesen. So schreit er nur aus seiner höchsten Not:
»Boanlkramer! Weißt du, was du da tust –?!«
»Und du? – Weißt denn du, wohin dass du derfst?«, ist die milde Antwort, sonst nichts. Feierlich hebt er beschwörend die Hand hoch empor, und augenblicklich erklingt wieder die ferne, verlockende Himmelsmusik und erfüllt die Stube. Sie dringt förmlich ein in den Kaspar, tief in sein Herz, kein Widerspruch ist ihm mehr möglich und kein Streit, er kann nur noch flehen:
»Boanlkramer, ich bin zufrieden allhier! Weißt du net, was des heißt: Zufrieden sein? Mit dem, was is, und dem, was man hat! Kennst net das Lied vom Zufriedensein?«
Weil keine Antwort erfolgt, beginnt er mit seiner kratzigen, alten Stimme über das himmlische Klingen hinweg aus der tiefen Verzweiflung heraus dem schwarzen Bedränger sein liebstes Gstanzl vorzusingen, wie eine Beschwörung:
»Nix han i und doch leb i halt
mit Gottes Gnad.
Und ’s Leben oft ein’ net besser g’fallt,
der ebbes hat –«
Den scheint der Gesang nicht zu bewegen, er macht ihn nur schläfrig. Er plumpst in den Lehnstuhl und murmelt, indem seine Lider klappern:
»Kaspar, du derbarmst mich. Mach mir’s doch net gar a so schwer.«
Ich hab ihn beinah so weit, denkt der Brandner. Wie nütz ich den Rausch aus, wie bring ich ihn fort, eh er mir einschläft und beim Erwachen sich als unerbittlich erweist? Ob er mir geht, wenn ich weitersing? Ob ich ihn förmlich hinaussing? Laut und inbrünstig flehend stimmt er die zweite Strophe des Leibliedes an:
»Und dengerscht hat mir Gott ja ’geb’n
a fröhlich’s Bluat.
Und fragst, wie steht’s mit Leib und Leb’n
Sag allzeit: Guat!«
Schau, er ist eingerusselt, der schreckliche Kerl. Ob ich ihn weck? Der Brandner verhält ratlos den Schnaufer. Da aber schreckt der Rauschige schon wieder hoch, gestört von der lauernden Stille, reißt die Augen weit auf, erhebt sich, gibt sich würdig und kalt, und gebietet:
»Schön hast du g’sungen, aber jetzt g’langt’s. Jetzt is es zu End mit dem Widerstreben. Komm, Brandner Kaspar, folge mir nach!«
Er reckt die Hand gegen ihn und schreitet voran, und dem Kaspar ist es, als zöge er ihn an einem unsichtbaren Strick hinter sich her, wie der Metzger das Kalb zur Schlachtbank, unentrinnbar und ganz ohne Gnade. Die Türe fliegt fremdwillig auf, Brandners eigene Tür, die sich zehntausend Mal willig von ihm hat öffnen und schließen lassen. Der unerbittliche Tod überschreitet die Schwelle so aufrecht und gerade es ihm eben noch möglich ist, und der Alte kann nichts dagegen, die Gewalt ist unendlich, er muss folgen, so schwer er im äußersten Widerstreben seine Schritte auch setzt, so inbrünstig jede Faser in ihm sich wehrt gegen den Gang, den letzten auf Erden.
Er steht an der Schwelle. Er weiß, wenn er sie überschreitet, ist sein Ende besiegelt. Da fallt es ihm ein, und er schreit es heraus:
»Halt aus! Wart! I sag dir was Schöns: Wir machen a G’spielei darum!«
Der erhabene Rauschige stockt, dreht sich um und fragt recht entgeistert:
»Was mach ma? Was sagst? Was geit’s da scho wieder?«
Der Kälberstrick ist erschlafft, der Alte kann sich wieder nach eigenem Willen bewegen. Er spürt zwar noch immer die große Gewalt, sie ist da, aber sie ruht, und so entwischt er geschwind in zwei Sätzen zum Kommodkastl hinüber, reißt die oberste Lade heraus, hebt das Packl hoch und hält es dem Peiniger, der draußen im Dunkel verhält, triumphierend entgegen:
»Da – des da mach ma! Wir schau’n, wer gewinnt, du oder ich, ’s Leb’n oder ’s Sterb’n! Komm nur grad her, geh zua, rühr di – und schaug net a so trapft!«
Dem Gewaltigen klappt der Kiefer herunter:
»Spielkarten?! Ja, siech i denn recht, du Hallodri! Karten möcht er – ums ewige Leben?!«
»Grad um achtzehn Jahr« – und sitzt schon am Tisch, fächert auf, winkt, lockt freundlich den Peiniger her.
Der wankt heran. Er stiert und glotzt den Talon an, die Knie knicken abermals weg, es haut ihn nieder im Stieren, er sitzt auf der Bank und stammelt recht ratlos:
»I kann gar net kartln.«
»Da brauchst net viel können. Da, misch!«
»Kann i aa net.«
Er zeigt es ihm, und mit spillrigen Fingern, steif und tapsig, wirft der finstere Gast die Karten herum, kreuz und quer über den Tisch und darüber hinaus, ein paar auf den Boden.
»Hui, etza san ma oa obag’fallen«, lallt er verwirrt.
»Dann heb’s auf, weil ma sie alle benötigen.«
Kichernd beugt sich der Rauschige über die Kante des Tisches, taucht hinab und fischt sich vom Boden auf, was er da findet.
Just das ist der Moment, der große Moment, da ein Irdischer sein Schicksal bewegt …
Es ist nur ein Griff, während der Boanlkramer unterm Tisch auf dem Boden herumkriecht und nicht hersehen kann. Obenauf liegt er, der Grasober, und verschwindet blitzschnell im Ärmel der alten Jacke des Brandner.
Da taucht der ungeschickte Gesandte schon wieder auf, schiebt alle Karten auf einen Haufen zusammen und kichert albern:
»Naa, sowas hab i noch net derlebt! – Und was jetzt?«
»Jetzt hebst auf.«
»Hab i doch grad. Oder was? I versteh net.«
»A Häuferl sollst aufheben, von dene am Tisch. Des ist dann des deine.«
»Und?«
»Wennst da drin den Grasober findest …«
»Wen?«
»Den Grasober!«
»Wie schaugt’n der aus?«
»Den kennst glei an der Farb und am Bildl, und sagen tu i dir’s aa.«
»Wenn der in mei’m Häuferl is, was is na?«
»Na geh i mit dir.«
»Ohne Widerred’?«
»Ja.«
»Versprochen?«
»Es gilt!«
Der Brandner schlägt mit dem Knöchel auf die Tischplatte, wie es Handelsleut tun, wenn der Vertrag unverbrüchlich ist. Ja, es gilt!
Der Boanlkramer glotzt noch, es geht ihm nicht ein. Freiwillig mit? Dieser Karten wegen? Welche Bewandtnis sollte es haben mit dem Häuferl? Wie groß war es? Was war mit dem Rest? Kenn einer sich aus mit dem Karten, der nie Karten gespielt hat. Und war er nicht unter den seinen, dieser Grasober, was dann? Gehörte das andere Häuferl auch ihm? Gehört es dem Brandner? Was sollte geschehen, wenn er in dem anderen war? Darum fragt er verlegen:
»Und wenn er in dei’m Häuferl befindlich is – na gehst aa mit. Oder?«
»Naa«, lacht der Brandner ihn aus, »dann darfst mir nimmer daherkommen, bis ich Neunz’ge bin!«
»Ui weh.«
Das also war der Sinn dieses G’spieleis. Da war der Haken.
»No? Gilt’s?«, drängt ihn der Brandner.
»Wart!«
Da heißt es erst denken, erwägen, sinnieren. Zwei Häuferl mit Karten. So weit ist es verstehbar. In einem musste er sein, der Grasober, oder wie das Blattl sich nennt. Gleich große Häuferl? Davon war nicht die Rede. Hui – wenn schon ein Schicksal in ein Spiel gesetzt wird, warum nicht die Chance verbessern!
Und schon schreit er und schlägt mit dem Knöchel hart auf den Tisch, wie es der Brandner soeben getan hat:
»Gilt – und versprocha!« Dem würde er’s zeigen!
»Gut – na hebst auf.«
Der Boanlkramer kichert sardonisch: »Du bist mir a ganz a dummer Teufel, Kaspar, aber scho a ganz a saudummer, weil, ich nimm mir so viele Karten in mein Häuferl hinein, dass der Grasober dabei sein muaß!«
Warum zuckt der Brandner da nicht zusammen und macht eine Lätschen angesichts solch geistiger Überlegenheit und mit allen Wassern gewaschener List? Warum grinst er dazu auch noch, senkt seinen Blick und sagt nur:
»Des is dei Sach. Es is a ehrliches G’spielei, und a jeder macht’s, wie er’s kann.«
Dass die Lüge den Brandner hart ankommt, weil Lügen nun einmal nicht seine Gewohnheit ist, bemerkt der Kichernde nicht. Er hebt ab, lässt mit spitzigen Fingern dem anderen noch vier, fünf Karten zurück, tut großmütig noch eine sechste dazu, packt sein Häuferl, lacht und kudert und strahlt, während er die Karten, eine nach der anderen, umdreht, beglotzt und dann auf die Tischplatte drischt.
Da hält er schon inne und schreit: »Ham ma ’n scho! Hurraxdax!«
»Naa, is er net. Des ist der Schellenober«, belehrt der Brandner ihn sanft. Und während der Boanlkramer nach kurzem enttäuschten Verhalten weiter umdreht und drischt, erklärt er ihm halblaut die Werte: »Herzzehner – Eichelsau – des da is der Grasneuner, auf die Farb musst schauen.«
»Schau scho, schau scho«, quietscht der Blätternde und werkelt mit jedem Schlag schneller und hitziger. Dann hat er ihn da, jault auf und strahlt vor Glück und Triumph:
»Daa!«
Der Kaspar schüttelt den Kopf: »Wieder net. Des is der Grasunter.«
Das Strahlen verschwindet: »Ja, gibt’s denn den aa?« mault er empört vor sich hin, blättert fort wie ein Wilder, drischt die Nieten, dass der Tisch dröhnt, und fällt in eine immer tiefere Verwirrtheit. Als die letzte Karte gefallen und sein Häuferl am Ende ist, greint er hilflos:
»Ja, wo is er denn bloß, dieser Krüppel? Der muaß doch dabei sein. Is er mir eppa abig’fallen, vorhin?«
Er fährt mit dem Kopf unter den Tisch und sucht auf dem Boden.
Dem Brandner schlägt das Herz wie ein Hammer, als er seinen Betrug vollendet, den Grasober aus dem Ärmel hervorzieht und ihn unter die sechs Karten seines eigenen Häuferls schiebt, als die siebente.
Falsch spielen, das ist eine Niedertracht, und er hat es seit seiner Lausbubenzeit nicht mehr getan. Hier aber geht es nicht anders, ihm bleibt keine Wahl. Er holt Luft, ehe er, so ruhig und gemächlich es ihm eben gelingen will, zu dem Suchenden sagt:
»Schau halt amal nach – in mei’m Häuferl.«
Der fährt auf, dass sein Kopf von unten her gegen die Tischplatte kracht, bekümmert sich nicht, sondern stürzt sich begierig auf die sieben restlichen Karten und schreit voll Begeisterung, weil er noch nicht begreift, dass er verloren hat:
»Ja! Da muss er drin sein!«
Erst als er ihn in den Fingern hält, geht ihm, langsam genug, ein Licht auf, und er stöhnt:
»Verdammti G’schicht! Wo es dir doch aufgesetzet war für den heutigen Tag.« Er wirft ihn weg, den vermaledeiten Grasober, und wischt ratlos mit den Händen herum auf dem Tisch.
Darf er lachen und brüllen vor Glück, der Kaspar? Nein, er hält sich im Zaum und schreit seinen Jubel nicht laut heraus. Seinen Augen indes kann er das Leuchten nicht nehmen und dem Mund nicht den Schatten des Schmunzelns, als er die Flasche aufhebt, beide Gläser auffüllt und schließlich das seinige ruhig und feierlich nimmt und dabei spricht:
»So! – Jetz trink ma zum Abschied no’mal mitanand. Auf den Neunziger!«
»Naa!« kreischt der Andere. »Naa, und i mag’n gar nimmer, den Kerschgeist, den hinterkünftigen. I glaub, da damit hast du mich dran’kriegt!«
Damit nicht, will der Brandner grad sagen, da hat der Ausgeschmierte seinen Schnaps schon wütend in einem Zuge hinuntergegossen und schaut so kummervoll her, als ginge es ihm an den Kragen.
Er erhebt sich mühsam, schlotternd und schwach, dreht sich torkelnd zur Tür hin und versucht noch ein Letztes:
»Aber eppa reut dich dei Glück amal, Kasper, könnt doch sein …«
»Kannt mir’s net denken!«
»Doch doch, ganz gewiss! Des weiß ich besser wie du. Der Gewinnst, der bringt dir koan’ Nutzen, da hast nix davo’. Der Ewigkeit kimmst du net aus!«
»Is scho recht, tua di net oba, i glaub dir’s a so.«
»Kaspar, im bitteren Ernst, wirst es sehn, dei’ gewonnene Zeit lauft dir übel dahin und kommt zu einem ganz bösen End’! Wenn’s dir vordem schon g’langt, na brauchst mi bloß rufen, gleich bin i da.«
»Hat guate Weg.«
»Naa, ruf mi, und hab koane Schiss. Ich weiß es, du werst di bald nach meiner Wiederkunft sehnen! Ruf! – Ich komm auf der Stell und führ dich ganz sanft und in Gnade, ganz sanft – i versprich’s. Versprich du mir’s auch, du Hallodri, o je …«
Alle Kraft ist aus ihm, es schmeißt ihn auf dem Weg hinaus noch an den Ofen und hinüber zum Stuhl. Ums Haar wäre er mit knickenden Knien an die Tür hingerannt, die sich auftut vor ihm.
»Jetzt schau, dass d’ endlich ’nausfindst beim Tempel«, lacht der Alte ihn aus, als er ihn da so ganz klein und ganz krumm am Türpfosten herumscheuern sieht.
»Und gib mir fei Obacht, dass es dich net auf d’ Nasen hinhaut, da draußen. Pfüa Gott, bis in achtzehn Jahr, Bruder, und Glück auf ’n Weg.«
»Ruf mi vordem! I bitt dich gar schön! Versprich’s halt! Wenn’s amal nimmermehr gilt, dei G’sangl!« Und er beginnt schauerlich falsch und daneben zu krähen: »Nix hast du, und lebst aa!«, und weiß nicht weiter.
Da singt’s ihm der Brandner noch einmal vor, laut und stark, und seine alte Stimme klingt jung, übermütig, und dankbar dazu:
»Nix han i, und do leb’ i halt,
mit Gottes Gnad.
Und ’s Leben oft ein’ net besser g’fallt,
der ebbes hat.«
»Ja, der ebbes hat, und du hast’s und kannst es gar net ermessen, was du hast – du –, du Mensch du!«, jault der Betrogene und fallt aus der Tür, ohne zu Boden zu stürzen. Ein Etwas fängt ihn da auf und hebt ihn hinweg, er gleitet hinaus in die Nacht, sein Klagen verklingt.
Der Brandner geht ihm nach bis zur Tür und will zuschaun, wie er verschwindet. Doch da ist nur die Finsternis und kein Schein und kein Schatten. Vom Waldrand klingt nun das Wiehern herüber, dann erhebt sich wieder der Sturm, der keinen Busch, keinen Ast und kein Blattl bewegt, tost davon, das Scheppern der Totenglocke mischt sich darein und verklingt mit dem Sausen.
Es wird still und – fort ist er.
Der Kaspar steht noch lange unter der Tür, späht und lauscht und fühlt, wie sein Herzschlag ruhig und gemächlich wird. Im Stall hört er die Viecher sich regen, aus dem Wald dringt der Schrei eines Uhus herüber, der Söllmann kommt her, reibt sich an den Füßen des Alten und gähnt weit dazu.
Hinter dem Wallberg steigt das erste Glimmen des Sommermorgens herauf. Die Vögel beginnen, eins nach dem anderen, in die Stille zu singen, die Luft ist kühl und ganz frisch, und dem Kaspar wird es so feierlich, als sähe er den ersten Tag der Schöpfung, als seien die Welt und alles Leben in ihr neu geboren, in dieser einen einzigen Nacht.
Er geht bedächtig in seine Stube zurück, schließt fest seine Türe hinter sich zu, seine Tür – und kniet vor dem Herrgottsbild nieder. Er will beten und danken mit Worten – und bringt doch nur ein um das andere Mal das eine hervor:
»Neunz’ge! Neunz’ge!«
Dann lässt er sich in den Lehnsessel fallen, todmüd und hellwach zugleich, und lässt es jagen in seinem Hirn.
Geträumt, denkt er.
Wahr, sagt es.
Wär ja nix g’wesen, so einfach fort auf ’n Schlag. Was hätt denn das für ein Sterben sein sollen, ohne die Letzte Ölung, ohne ’s Versehen durch den Herrn Pfarrer. Wer weiß, wie das ihm geschadet hätte, drüben, im Jenseits, dem er so nah war.
Er denkt, wie seine Eltern gestorben sind. Die Mutter im Haus hier, elend und schwer nach dem Kranksein. Stündlich ersehnt hatte sie ihre Erlösung. Da war er eingetreten, der Boanlkramer, sichtbar allein nur für sie, hatte sanft und ein bisserl verlogen in Güte gesprochen zu ihr, und dann hatte es sich aus ihrem Leib gehoben und war mitgegangen, hinaus vor das Haus, auf den Karren, und fort, davon mit dem wiehernden Gaul.
Sterben?
Was hätten die Leut wohl gesagt, wenn er heut Nacht hätte gehen müssen? »Z’ früh«, oder »So lebendig, voll Kraft, wie er noch war«, oder »Es trifft allaweil die Verkehrten?« Wer hätte um ihn getrauert? Das Marei gewiss, die hätte ihn arg vermisst. Die mehreren hätten gewiss bloß leichtfertig gesagt: »Jessas, jetz is der aa g’storben.« Ein jeder denkt ja doch bloß an sich und allenfalls noch an die Nächsten, ans Erben, wie es weitergehen soll und wie es wohl weitergehen wird.
Wie aber, und wohin, wird die Seele entrückt in die Erlösung? Wer denkt es und sucht’s zu erspüren? Doch keiner so recht, weil keiner es weiß und antworten könnt. Ich aber, ich hab einen Deut davon g’spürt, wie es ist und wie es geschieht. Ich weiß jetzt um was, von dem die ändern nix wissen. Und nie, niemals soll jemand ein Wörtl hören von mir über das!
Achtzehn Jahr noch zu leben in einer Gewissheit! Was wird das bedeuten? Was wird sich erfüllen in dieser Zeit? Werd ich krank sein auf den Tod und nicht absterben können? Nein, ich brauch ja bloß rufen. Dreimal hat er mir das gesagt und förmlich gefleht, dass ich’s tu! Mir kann nix geschehn! Ich hab ein Versprechen, grad so, als hätt ich das ewige Leben!
Und ich versprech mir selber in dieser Stund, dass ich es nutzen werd, für jene, die mir anvertraut sind hier auf Erden.
»O mei – Marei!«, lacht er noch vor sich hin. Dann schläft er im Lehnstuhl behaglich ein.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.